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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[405]
Um hohen Preis.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Agnes setzte die Arzneitasche nieder und verbarg das Gesicht in den Händen; man hörte ein halbersticktes Schluchzen.

„Agnes – würde es Ihnen wehe thun, wenn ich stürbe?“ Die Frage kam mit einer ganz eigenthümlichen Weichheit von den Lippen des Doctor Brunnow, zu dessen Eigenschaften die Weichheit sonst durchaus nicht gehörte. Er erhielt keine Antwort, aber das Schluchzen wurde heftiger und leidenschaftlicher; jetzt ergriff er die Hände des jungen Mädchens und zog sie von dem thränenüberströmten Antlitze, während er fortfuhr:

„Ich fürchte, ich habe Ihnen bereits so viel verrathen, daß Sie sich nicht scheuen dürfen, mir einzugestehen, wem diese Thränen gelten. Freilich weiß ich erst seit den letzten drei Tagen unter Ihrer Pflege, wie es eigentlich um mich steht, oder darf ich sagen – um uns Beide?“

Das junge Mädchen war an dem Bette auf die Kniee gesunken und drückte das Gesicht in die Kissen. Statt zu antworten, weinte sie nur immer trostloser und verzweiflungsvoller, aber sie ließ es ruhig geschehen, daß der Kranke den Arm um sie legte und sie leise an sich zog. Und jetzt geschah das Unerhörte – Max Brunnow erging sich, mit schnödester Verleugnung seines Programms und seiner sämmtlichen Paragraphen, in einer Liebeserklärung, die von Wärme und Innigkeit überströmte und nur den einen Fehler hatte, daß sie in dieser Form und Lebendigkeit unmöglich aus dem Munde eines Todtkranken kommen konnte.

Die arme Agnes freilich war viel zu erregt, um darüber auch nur nachzudenken, und überdies hatte Doctor Berndt ihr die Hoffnungslosigkeit des Falles so nachdrücklich eingeprägt, daß sie gar nicht mehr wagte, dem Gedanken an Hoffnung Raum zu geben. Sie hielt die Lebhaftigkeit des Patienten für fieberhafte Aufregung und glaubte gleichfalls nur ein letztes Aufflackern der Lebenskraft vor dem Erlöschen zu sehen.

„Ich werde Sie nie vergessen,“ schluchzte sie. „Was ich Ihnen im Leben nie eingestehen durfte, das darf ich jetzt im Angesichte des Todes bekennen, eine ewige, unaussprechliche Liebe über das Grab hinaus. Es ist ja keine Sünde, an einen Abgeschiedenen zu denken und mit den Gebeten auch die Grüße in das Jenseits hinüberzusenden – und das werde ich Tag für Tag thun, wenn die stillen Klostermauern mich umfangen.“

So innig und rührend dieses Geständniß auch klang, so wenig zufrieden war Max damit. Es lag durchaus nicht in seinen Wünschen, blos als abgeschiedener Geist geliebt zu werden, und die Grüße und Beziehungen in das Jenseits hinüber waren nun vollends nicht nach seinem Geschmacke.

„Das wäre für den Fall meines Todes,“ sagte er. „Wie nun aber, wenn ich am Leben bliebe?“

Agnes hob die dunklen thränenvollen Augen mit dem Ausdrucke der höchsten Betroffenheit zu ihm empor. Sie hatte offenbar an diese Möglichkeit noch gar nicht gedacht.

„Ich glaube, das wäre Ihnen gar nicht einmal recht,“ rief Max ärgerlich.

„Mir? – o mein Gott!“ brach das junge Mädchen aus. „Ich würde ja gern mein eigenes Leben hingeben, um das Ihrige zu retten, wenn es möglich wäre.“

„Das Leben hinzugeben ist gar nicht nöthig,“ erklärte Max, dem jetzt doch das Gewissen schlug, als er den Schmerz des armen Mädchens gewahrte. „Sie sollen nur eine thörichte, unsinnige Idee aufgeben, die uns Beide unglücklich machen wird, wenn Sie darauf beharren. Agnes, Sie täuschen sich, wenn Sie meinen Zustand für hoffnungslos halten. Er ist kaum jemals gefährlich gewesen, und seit heute Morgen ist nun vollends jedes Bedenken geschwunden. Wenn ich Sie noch eine Viertelstunde lang in Ihrem Irrthume ließ, so geschah es, weil ich um jeden Preis das Geständniß Ihrer Gegenliebe haben wollte. Der Genesende hätte es nie erhalten – das wußte ich. Er hat es aber nun einmal gehört und hält Sie fest bei Ihrem Worte. Es nützt Ihnen gar nichts, wenn Sie jetzt zurücknehmen und widerrufen wollen. Sagen Sie mir zehnmal Nein, es hilft Ihnen nichts – Sie werden doch meine Frau.“

Agnes fuhr erschrocken auf. „Niemals! Davon kann nie die Rede sein. Ich gehöre ja dem Kloster an; ich werde in Kurzem dahin zurückkehren.“

„Das werde ich mir verbitten,“ fiel der junge Arzt ein. „Das Kloster hat gar nichts dareinzureden. Noch sind Sie zum Glücke vollkommen frei. Sie haben noch kein Gelübde abgelegt.“

„Ich habe es mir selbst abgelegt. Ich habe es der Aebtissin und meinem Beichtvater versprochen, und dieses Versprechen bindet mich so fest, wie nur irgend ein Schwur am Altare.“

„Ich bin ganz damit einverstanden, daß ein Schwur am Altare geleistet wird,“ versetzte Max, „aber ich muß dabeisein und ich schwöre mit, wie das bei Trauungen üblich ist. Wenn die Frau Aebtissin und der Herr Beichtvater dazwischen kommen wollen, so haben sie es mit mir zu thun. Ich werde schon

[406] mit ihnen fertig werden; ich fahre zwischen die ganze geistliche Gesellschaft, daß –“

„Um Gottes willen werden Sie nicht so heftig!“ bat das junge Mädchen mit einer wahren Herzensangst. „Die Aufregung kann Ihnen ja gefährlich, tödtlich werden. Werden Sie ruhiger! Ich beschwöre Sie.“

„Erst müssen wir im Klaren mit einander sein,“ erklärte Doctor Brunnow in seiner alten dictatorischen Weise, und nun drang er auf Agnes mit ebenso viel Behauptungen und Gründen ein, wie vorhin auf seinen Collegen, und bewies ihr so sonnenklar, sie sei seine Braut und müsse unter allen Umständen seine Frau werden, daß das arme Mädchen, ganz verwirrt und betäubt, schließlich anfing zu glauben, er habe Recht, und die Sache verhalte sich wirklich so. Es hätte auch einer energischeren Natur bedurft, um hier Widerstand zu leisten, wo der vermeintlich Sterbende, von dem man eben erst Abschied für das Leben genommen und mit dem man höchstens noch Beziehungen im Jenseits unterhalten wollte, urplötzlich mit einem höchst irdischen Heirathsantrage herausrückte und einen wahren Sturmlauf auf das Jawort unternahm, das man ihm versagen wollte. Agnes weinte zwar noch immer; sie blieb bei ihrem Nein und bei der Erklärung, daß sie in’s Kloster gehen wolle, als Max sich aber nicht im Mindesten daran kehrte, sondern sie in seine Arme zog und küßte, ließ sie sich das ganz geduldig gefallen, und Max selbst schien überhaupt gar keinen Zweifel mehr an seinem Siege zu hegen, denn er sagte halblaut mit einem tiefen Athemzuge: „Das wäre glücklich durchgesetzt. Gesegnet sei die Dummheit meines Herrn Collegen!“




Doctor Brunnow sollte leider bald genug die Erfahrung machen, daß diese gepriesene Eigenschaft des Herrn Collegen auch zu ernsteren Verwickelungen führen konnte. Der Tag verging vollkommen ruhig, und der Patient befand sich trotz aller vorhergegangenen Aufregung so vortrefflich, daß auch Agnes anfing, an die noch immer bezweifelte Thatsache seiner Rettung zu glauben.

Es war gegen Abend und draußen dunkelte es bereits, als das junge Mädchen mit einer Lampe, deren Licht sorgfältig gedämpft war, in das Zimmer trat und Max benachrichtigte, es sei soeben ein älterer Herr, ein gewisser Doctor Franz erschienen, der sich angelegentlich nach seinem Befinden erkundige und ihn zu sehen verlange. Er komme im Auftrage eines Collegen und wolle sich unter allen Umständen persönlich von dem Zustande des Doctor Brunnow überzeugen, dem er hier einige Worte sende. Max nahm die übersandte Karte, die nur wenige, mit Bleistift geschriebene Worte enthielt, und sagte gleichgültig:

„Doctor Franz? Ich glaube, mein verehrter College kann den unerhörten Fall von heute Morgen nach immer nicht begreifen und läßt ein förmliches Protokoll darüber aufnehmen. Ich werde den Herrn“ – er hielt plötzlich inne. In dem Moment, wo sein Auge auf die Handschrift fiel, zuckte er zusammen und der Ausdruck eines tödtlichen Schreckens prägte sich in seinen Zügen aus, während er die Karte krampfhaft in der Hand zusammendrückte. Agnes, die soeben den Schirm von der Lampe gehoben hatte, um das Lesen zu ermöglichen, und ihn jetzt wieder senkte, wurde aufmerksam.

„Was ist denn?“ fragte sie unbefangen. „Kennst Du diesen Doctor Franz?“ Man war nämlich trotz aller Klosterideen doch im Laufe des Tages glücklich bei dem Du angelangt.

„Ja! Ich kenne ihn von früher her,“ erklärte Max, sich gewaltsam fassend, aber es gelang ihm nicht, seiner Stimme die gewohnte Festigkeit zu geben. „Ich will ihn jedenfalls sprechen, augenblicklich, aber – noch eine Bitte, Agnes! Laß uns allein, so lange er bei mir ist, und sorge dafür, daß wir nicht gestört werden!“

Agnes sah etwas betreten aus. Max hatte sie während des ganzen Tages kaum eine Minute von seiner Seite lassen wollen und jetzt sandte er sie fort. Zum Glück war das Licht im Zimmer zu gedämpft, als daß sie die mühsam verhaltene Aufregung des jungen Mannes hätte wahrnehmen können; sie beruhigte sich daher bei dem Gedanken, daß es sich hier jedenfalls um eine ärztliche Besprechung handele, und ging hinaus, um dem Ankömmlinge mitzutheilen, daß er erwartet werde.

Gleich darauf trat der Fremde ein, eine hagere, etwas gebeugte Gestalt mit grauem Haare. Er schloß rasch die Thür hinter sich und eilte dann mit einer fast stürmischen Bewegung auf den Kranken zu, der sich aufgerichtet hatte und ihm beide Hände entgegenstreckte.

„Papa! Um Gotteswillen, wo kommst Du her? Wie konntest Du ein solches Wagniß unternehmen!“

Doctor Rudolph Brunnow legte statt aller Antwort den Arm um die Schulter seines Sohnes und musterte mit angstvollem Forschen dessen Züge.

„Es geht Dir wieder besser? Ich hörte es schon draußen – Gott sei Dank!“

„Aber woher weißt Du denn von meiner Verwundung?“ fiel Max ein. „Du solltest ja überhaupt nichts davon erfahren, bis Alles glücklich vorüber war. Ich wollte Dich nicht nutzlos ängstigen.“

„Ich erhielt gestern ein Telegramm Deines Arztes. Er theilte mir mit, Du seiest schwer verwundet, Dein Zustand höchst bedenklich; ich müsse mich auf das Schlimmste gefaßt machen – eine Stunde darauf war ich unterwegs und bin mit dem nächsten Courierzuge hierher geeilt.“

„Dieser verwünschte College!“ fuhr Max wüthend auf. „Ist es nicht genug, daß er mich und meine ganze Umgebung mit diesem Unsinn gequält hat, muß er auch Dich noch damit hierherjagen? Hätte ich nur heute Morgen eine Ahnung davon gehabt, ich hätte ihn noch ganz anders in’s Gebet genommen.“

Doctor Brunnow sah seinen Sohn mit sprachlosem Erstaunen an, dann aber athmete er tief und freudig auf.

„Nun, wenn Du noch so losbrechen kannst, dann wird es hoffentlich nicht allzu schlimm stehen. Ich fürchtete, Dich ganz anders zu finden. Ist denn die Gefahr so schnell beseitigt worden?“

„Es ist ja gar keine Gefahr dagewesen. Ein etwas heftiges Wundfieber, einige Schwäche in Folge des Blutverlustes – das war das Ganze. Jetzt aber sage mir, Papa –“

„Später! Erst will ich Deine Wunde untersuchen,“ unterbrach ihn der Vater, noch immer in sichtbarer Aufregung. „Ich bin nicht eher ruhig, bis ich mich selbst überzeugt habe.“

Er löste den Verband und begann die Wunde zu besichtigen. Während der Untersuchung hellte sich seine Stirn immer mehr auf, und endlich schüttelte er leise den Kopf.

„Du hast Recht. Die Wunde ist ziemlich tief und mag im Anfange einige bedenkliche Erscheinungen gezeigt haben; lebensgefährlich ist sie nicht. Ich begreife Deinen Arzt nicht.“

„Gnade Gott den Patienten, die dem in die Hände fallen!“ sagte Max nachdrücklich. „Aber ich begreife nicht, wie Du Dich trotz dieses unglückseligen Telegramms zum Kommen entschließen konntest. Du weißt ja doch, daß Du hier geächtet bist, daß die damalige Verurtheilung noch in voller Kraft besteht. Sobald man Dich erkennt, wirst Du verhaftet und wieder auf die Festung gebracht.“

„So beruhige Dich doch nur!“ beschwichtigte Brunnow. „Es ist durchaus keine Entdeckung zu fürchten; ich habe die nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen. Ich bin als Doctor Franz in einem Gasthofe der Vorstadt abgestiegen und bin überdies ganz fremd hier in der Stadt. Es kennt mich Niemand persönlich, ausgenommen –“ sein Antlitz verfinsterte sich, „ausgenommen der Gouverneur, und mit dem werde ich schwerlich zusammentreffen. Wir haben alle Ursache uns zu meiden.“

„Gleichviel! Mit jeder Stunde, die Du hier zubringst, setzest Du Deine Freiheit, Deine ganze Existenz auf das Spiel. Hast Du denn gar nicht daran gedacht, als Du diese Reise wagtest?“

„Nein!“ entgegnete Brunnow, dessen Stimme in tiefer, innerer Bewegung bebte. „Ich hörte, daß mein einziger Sohn dem Tode nahe sei, und sagte mir als Arzt, daß ich vielleicht noch eine Möglichkeit finden würde, ihn zu retten – da hatte ich keine Zeit an meine eigene Sicherheit zu denken.“

Max schloß die Hand des Vaters fest in die seinige, und in seinen Augen schimmerte es feucht, als er antwortete:

„Ich glaubte nicht, daß ich Dir so viel gelte. Verzeih, Papa! Aber ich zweifelte bisweilen an Deiner Liebe zu mir und habe es nicht um Dich verdient, daß Du Dich so aufopferst. Ich habe Dir Sorge und Aerger genug gemacht mit meinem Starrkopfe, der sich der väterlichen Autorität längst nicht mehr beugen wollte.“

Der Vater machte eine abwehrende Bewegung. „Laß das ruhen, Max! Wir wollen vergessen, was bisher zwischen uns lag. [407] Mir haben diese letzten vierundzwanzig Stunden mit ihrer Todesangst gezeigt, was es heißt, das Einzige zu verlieren, was mir von allen Lebenshoffnungen und Lebensfreuden noch übrig geblieben ist. Klage Dich nicht an! Auch ich bin oft ungerecht gegen Dich gewesen und habe es nie begreifen wollen, daß Deine Natur so ganz anders geartet ist, als die meinige. Ich denke aber, diese Stunde hat Dir trotz alledem gezeigt, was Du Deinem Vater bist. – Werde mir nur gesund, dann ist ja Alles gut.“

Er beugte sich nieder und drückte seine Lippen auf die Stirn des Sohnes, eine Zärtlichkeit, die seit langer, sehr langer Zeit nicht mehr zwischen ihnen üblich war. Max hatte seit seinen Knabenjahren kaum jemals eine Liebkosung des Vaters empfangen, und er erwiderte sie jetzt mit der wärmsten Herzlichkeit.

„Du sollst in Zukunft nicht mehr über den Starrkopf, den Realisten zu klagen haben,“ sagte er leise. „Ich vergesse es nie, Papa, was Du um meinetwillen gewagt hast. Jetzt aber versprich mir, auf der Stelle wieder abzureisen. Du hast Dich ja nun überzeugt, daß für mich keine Gefahr vorhanden ist, aber über Deinem Haupte schwebt sie fortwährend, so lange Du diesseits der Grenze bist. Ich bitte Dich nochmals, kehre zurück, sobald wie möglich!“

„Ich reise morgen, erklärte Brunnow, aber ich komme jedenfalls in der Frühe noch einmal, um Dich zu sehen. Keine Einwendungen, Max! Quäle Dich doch nicht mit nutzlosen Sorgen! Ich sage Dir ja, daß keine Entdeckung zu fürchten ist. Für jetzt freilich werde ich Dich verlassen. Du bedarfst dringend der Ruhe und hast Dich schon mehr aufgeregt, als für Deinen Zustand gut ist.“

„Pah, mir schadet das nichts; ich habe eine ausgezeichnete Natur,“ versetzte Max. Er dachte daran, daß er heute schon ohne allen Schaden eine erbitterte medicinische Fehde und eine Verlobung durchgemacht hatte, zog es aber vor, dem Vater für jetzt noch nicht von seinen Herzensangelegenheiten zu sprechen, und fuhr daher fort: „Du warst wohl nicht wenig überrascht, mich hier im Regierungsgebäude aufsuchen zu müssen?“

„Allerdings, und der Name des Hofrath Moser, der, wie ich höre, ein Beamter der Regierungskanzlei ist, war mir völlig unbekannt. Vermuthlich hast Du während Deines hiesigen Aufenthaltes die Bekanntschaft dieses Herrn gemacht und bist mit ihm befreundet?“

„Befreundet sind wir gerade nicht allzusehr,“ meinte der junge Mann in etwas trockenem Tone. „Dieser Hofrath ist ein wahres Prachtexemplar von Loyalität, das Ideal eines Bureaukraten. Er bekommt schon Nervenzufälle, wenn er nur das Wort ‚Revolution‘ hört, und wies mir gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft die Thür, weil ich einen staatsgefährlichen Namen trage.“

„Um so mehr ist es anzuerkennen, daß er Dich trotzdem in seinem Hause aufnahm. Wir sind ihm Beide tief verpflichtet. Leider kann ich ihm nicht persönlich danken –“

„Um des Himmels willen nicht! Er wittert alles Revolutionäre aus zehn Schritt Entfernung, und obgleich er Dich nicht kennt, würde sein Loyalitätsinstinct ihm untrüglich verrathen, daß ein Hochverräther in seiner Nähe ist.“

„Max, sprich nicht in solchem Tone von dem Manne, der Dir Aufnahme und Pflege gewährte!“ sagte Brunnow verweisend. „Du bist und bleibst der Alte. Bei alledem hast Du eine wahre Riesennatur, die wohl auch einen Erfahreneren als Deinen bisherigen Arzt in Erstaunen setzen kann. Wenn Deine Wunde auch nicht gerade das Leben bedroht, so ist sie doch immerhin ernst genug, um jedem andere Patienten die Lust am Sprechen vollständig zu vertreiben, und Du ergehst Dich in Malicen gegen Deinen Gastfreund.“

Max dachte bei sich selber, daß er die Aufnahme wohl anderen Einflüssen verdankte, als dem Willen des Hofraths, sprach das aber nicht aus, sondern trieb mit einer leicht begreiflichen Unruhe den Vater zum Gehen und zur größten Vorsicht. Doctor Brunnow, der selbst einsah, daß sein längeres Bleiben auffallen müsse, gab dem Wunsche nach. Er nahm eine kurzen herzlichen Abschied von seinem Sohne und ging dann.

Er war soeben im Begriff die Moser’sche Wohnung zu verlassen, als ihm draußen im Entréezimmer der Hofrath selbst entgegentrat. Er näherte sich ruhig dem Fremden und sagte dann in fragendem Tone:

„Herr Doctor Franz?“

Brunnow machte eine bejahende Bewegung. „Das ist mein Name – und ich habe wohl das Vergnügen, den Herr Hofrath Moser zu sehen?“

„Allerdings,“ versetzte dieser mit einer steifen Neigung des Hauptes. „Meine Tochter sagt mir, Sie seien Arzt und kämen im Auftrage des Doctor Berndt, und da möchte ich von Ihnen hören, ob es wahr ist, was die Frauen behaupten. Der Zustand des Patienten soll sich im Laufe des Tages bedeutend gebessert haben und Hoffnung auf Genesung geben. Nach den heutigen Auslassungen Ihres Herrn Collegen scheint mir das ganz unmöglich zu sein.“

„Die Gefahr ist in der That vorüber,“ sagte der Gefragte. „Ich zweifle durchaus nicht mehr an der Rettung des Doctor Brunnow. Er verdankt sie freilich zum großen Theil der schnellen und aufopfernden Hülfe, die ihm in Ihrem Hause zu Theil wurde. Sie hatten in den letzten Tagen manches Schwere deswegen durchzumachen.“

„Ja wohl, sehr viel Schweres!“ seufzte der Hofrath, der nicht recht wußte, ob er sich freuen oder ärgern sollte, daß der gefürchtete Todesfall von seinem Hause abgewendet war. Es war am Ende ebenso schlimm, wenn in den Zeitungen zu lesen stand: „Der Sohn des aus der Revolutionszeit her bekannten Doctor Brunnow ist in dem Hause des Hofraths Moser von seiner schweren Verwundung glücklich genesen.“ Brunnow dagegen blickte voll Theilnahme auf den alten Herrn, der so sichtbar gedrückt und bekümmert schien. Der Doctor wußte nichts von Agnes eigenmächtigem Eingreifen; er sprach das ganze Verdienst an der Pflege seines Sohnes dem Hofrath selbst zu, und nach den Andeutungen, die Max ihm über dessen Charakter gegeben, sah er in diesem einen Mann, der mit hochherziger Verleugnung seiner persönliche Ansichten und Sympathien einen politischen Gegner bei sich aufgenommen.

„Doctor Brunnow,“ sagte er mit der überströmenden Dankbarkeit des Vaterherzens, „wird hoffentlich bald im Stande sein, Ihnen selbst seinen Dank auszusprechen, aber auch ich, der ich ihm von früher her befreundet bin, möchte dies in seinem Namen thun. Ich – wir danken Ihnen, Herr Hofrath, von ganzem Herzen danken wir Ihnen für das, was Sie gethan haben.“

„Es war Christenpflicht,“ erklärte der Hofrath, sehr angenehm berührt von diesen Worten, die so deutlich die tiefste Empfindung verriethen. „Es wäre unter allen Umständen geschehen, aber man freut sich dennoch, wenn es von den Betreffenden in solchem Maße anerkannt wird.“

„Glauben Sie mir, wir erkennen es im vollsten Maße an!“ versicherte Brunnow mit Lebhaftigkeit. „Wir wissen es, was ein Mann in Ihre Stellung und von Ihren Grundsätze dabei zu überwinden hatte. Es war eine That der edelsten Selbstverleugnung.“ Damit streckte er, von seine Empfindung fortgerissen, dem alten Herrn die Hand entgegen.

Der arme Hofrath! Sein von Max so gerühmter Loyalitätsinstinct ließ ihn in diesem Augenblicke völlig im Stich. Keine innere Stimme warnte ihn, als er die Hand des Hochverräthers ergriff und freundschaftlich drückte. Es that ihm so wohl, endlich einen Menschen zu finden, der seine unglaubliche Aufopferung in dieser fatalen Angelegenheit nach Gebühr zu würdigen wußte, denn Agnes und Frau Christine thaten ja, als verstände sich die Sache von selbst. Dieser Fremde allein hatte das richtige Verständniß und gewann dadurch auf der Stelle das höchste Wohlwollen des Hofraths.

„Wollen Sie nicht auf einige Minuten in das Wohnzimmer treten?“ fragte er. „Ich würde mich freuen –“

„Ich danke,“ lehnte Brunnow ab, der sich jetzt erst erinnerte, daß er keine allzu große Dankbarkeit und Theilnahme zeigen durfte. „Ich kann unmöglich länger verweilen; mich ruft noch eine ärztliche Pflicht. Ich komme aber morgen früh noch einmal, den Patienten zu sehen, wenn Sie es gestatten.“

„Mit dem größten Vergnügen!“ rief der Hofrath. „Ich werde erfreut sein, Sie wiederzusehen – bitte, geben Sie Acht! Der Gang draußen ist nur unvollkommen erleuchtet.“

Er hatte dem Gaste selbst die Thür geöffnet, dieser aber blieb unschlüssig stehen.

Muß ich die Treppe zur Rechten oder die zur Linken [408] nehmen, um hinauszugelangen?“ fragte er. „Ich kam in einiger Eile und habe nicht auf den Weg geachtet.“

„Ich werde Sie begleiten,“ sagte Moser artig. „Man verirrt sich nur allzu leicht in diesen weitläufigen Gängen und Corridoren, wenn man sie nicht genau kennt. Ich zeige Ihnen den Hauptausgang.“

Doctor Brunnow, der in der That den Weg nicht mehr zu finden wußte und dem es durchaus nicht wünschenswerth war, sich in den Gängen und Höfen zu verirren, nahm das Anerbieten an, und sie schritten zusammen durch den Corridor. Dieser verband den Seitenflügel, in welchem die Moser’sche Wohnung lag, mit dem Hauptgebäude und führte direct in das Vestibül des Schlosses. Dort lagen die Eingänge zu der Kanzlei und den übrigen Bureaux, und dort mündete auch die große Haupttreppe, welche zu der Wohnung des Gouverneurs führte. Die beiden Herren traten soeben aus dem halb dunklen Corridor in das hell erleuchtete Vestibül, als Brunnow auf einmal zusammen zuckte und eine jäh zurückweichende Bewegung machte. Es schien fast, als wolle er umkehren, aber es war zu spät – er und sein Begleiter standen bereits dicht vor dem Gouverneur.

Der Freiherr schien soeben erst angelangt zu sein, draußen am Portal hielt noch sein Wagen, und er selbst sprach mit dem Polizeidirector, der im Begriff stand, sich zu verabschieden. Raven’s Stirn war finster umwölkt; sie erhellte sich indeß flüchtig, als er den Hofrath erblickte. Sein Gespräch unterbrechend, fragte er mit offenbarer Theilnahme:

„Ist es denn wahr, Herr Hofrath, was mir Doctor Berndt berichtet? Der junge Doctor Brunnow soll gänzlich außer Gefahr sein. Nach den früheren Nachrichten hat mich das vollständig überrascht.“

„Ich bin nicht weniger davon überrascht worden als Excellenz,“ versicherte der Hofrath. „Ich wollte es anfangs nicht glauben, aber es wird mir noch von anderer Seite bestätigt, hier durch Herrn Doctor Franz, der mit dem Kranken befreundet ist und soeben von ihm kommt.“

Raven wandte sich zu dem seitwärts Stehenden, den er bisher nicht beachtet hatte und auf den jetzt das volle Licht des großen Treppencandelabers fiel. Einige Secunden lang stand der Freiherr starr, wie an den Boden gewurzelt, und sein Auge bohrte sich tiefer und tiefer in das Antlitz des Fremden. Dann flog ein ein jähes Erbleichen über seine Züge, und seine Lippen preßten sich zusammen, als müßten sie den Aufruf verschließen, der sich aus ihnen emporringen wollte.

Raven’s Fassungslosigkeit dauerte freilich kaum eine Minute; schon in der nächsten hatte er seine ganze Selbstbeherrschung wieder, und eine Bewegung des Polizeidirectors erinnerte ihn schnell genug daran, daß er beobachtet wurde. Er ließ den Hofrath ruhig ausreden und wandte sich dann an dessen Begleiter.

„Es wäre mir lieb, auch von Ihnen die Bestätigung zu hören,“ sagte er. „Ich hatte dem Patienten meinen Hausarzt gesandt, der Medicinalrath erkrankte aber schon am ersten Tage der Behandlung, und so mußte sein Assistent sie übernehmen. Der Bericht, den Doctor Berndt mir heute Morgen abstattete, war indeß so unklar, daß ich Sie um eine Ergänzung ersuchen möchte. Begreiflicher Weise nicht hier im Treppenflur; ich bitte Sie auf einige Minuten bei mir einzutreten.“

Brunnow war es weniger gewohnt, seine Empfindungen zu unterdrücken, als der Freiherr, und wenn es ihm auch gelang, Gesicht und Stimme einigermaßen zu beherrschen, den Blick beherrschte er nicht. Seine Augen hafteten glühend, mit einem Gemisch von Haß und Schmerz auf dem Redenden, als er entgegnete:

„Interessiren Sie sich so sehr für den jungen Arzt, Excellenz?“

„Allerdings. Ich und der Herr Polizeidirector –“ Raven legte einen leisen, aber doch merklichen Nachdruck auf das Wort, während er auf den Genannten wies – „wir sind ihm beide verpflichtet. Sie kennen vermuthlich den Anlaß seiner Verwundung; er erlitt dieselbe bei Ausübung seiner ärztlichen Pflicht, als er den Untergebenen dieses Herrn zu Hülfe eilte. Sie begreifen daher wohl, daß mir eine ausführlichere Auskunft über seinen Zustand erwünscht ist.“

Brunnow verstand den Wink; er sah die klugen scharfen Augen des Polizeidirectors, der scheinbar ganz absichtslos und ruhig zuhörte, aber ihn und den Freiherrn unverwandt beobachtete, und begriff die ganze Gefahr seiner Lage. Trotzdem zögerte er noch einen Moment lang und schien mit sich selber zu kämpfen.

„Ich stehe zu Diensten,“ sagte er endlich kurz.

„So bitte ich, mich zu begleiten.“ Raven wandte sich mit einigen flüchtigen Abschiedsworten an die beiden anderen Herren und stieg dann mit dem Arzte die Treppe hinauf, die zu seiner Wohnung führte.

(Fortsetzung folgt.)




Die Socialdemokratie und die Schule.

„So kann es nicht bleiben; es muß etwas gethan werden!“ In allen Orten und Gegenden, in den verschiedensten Parteien und Classen unseres Vaterlandes war dieser Nothruf seit einiger Zeit das vorherrschende Stichwort des Tages geworden. Immer bestimmter erhob er sich in den Reihen der Conservativen wie der Liberalen, und immer dringender und angstvoller tönte er neuerdings selbst aus jener schwerfälligen Masse sogenannter friedlicher Bürger, die endlich gleichfalls aus ihrer Ruhe aufgescheucht und in Bewegung gerathen waren ob der gemeinsamen Gefahren, mit denen die sogenannte Socialdemokratie die Sicherheit unseres Daseins, das Glück unserer Zukunft bedroht. Und nun ist das selbst für die Schwarzsehendsten doch noch Unerwartete geschehen: mitten aus dieser Socialdemokratie heraus, jedenfalls von ihrem Geiste vollgesogen, haben in dem kurzen Zeitraume von drei Wochen zwei Menschen zum Mordversuche auf unsern Kaiser, auf den geliebtesten und verdientesten Monarchen Europas, das Herz gefunden. Ja wohl, die Gefahr ist da; aus unscheinbaren Anfängen ist sie binnen Kurzem so riesig emporgewachsen, daß kein Unverblendeter sie hinwegleugnen und gleichgültig vor ihr die Augen verschließen kann. Wohin wir den Blick wenden, überall flammt sie uns aus Mienen und Worten, aus Handlungen und Bewegungen entgegen, überall hat sie den Verhältnissen die Merkmale der Verwilderung und gesellschaftlichen Wirrniß aufgeprägt. Wie sollte die Unhaltbarkeit eines solchen Zustandes nicht der überwiegenden Menge besonnener Zeitgenossen sich fühlbar machen, nicht in ihnen die Ueberzeugung wecken, daß hier wirksam eingegriffen und Wandel geschafft werden muß?

Es muß etwas gethan werden! Gewiß, wir haben alle Veranlassung zu dem Glauben, daß der Alarmruf ein ernstgemeinter ist und aus der Tiefe der bedrängten Seelen kommt. Hätte man aber die Rufer beisammen und wollte die ersten Schritte zur Ausführung ihres Entschlusses mit ihnen besprechen, so würde sich bei dieser Erörterung, zu allgemeiner Ueberraschung und Beschämung, eine vollständige Hilflosigkeit der Urtheile bei der Beantwortung der Frage herausstellen: was denn nun eigentlich zur Bekämpfung der socialdemokratischen Unterwühlung unseres Staats- und Gesellschaftsbodens gethan werden soll? „Gewaltmaßregeln!“ ruft das leicht erregte, auf’s Tiefste empörte öffentliche Gefühl. „Nein,“ sagen die sorglichen Wächter unserer politischen Freiheiten, „energische Handhabung der bisherigen Gesetze, Selbsthülfe, im uebrigen Ueberwindung der Socialdemokratie mit geistigen Mitteln.“ Dauernd hilft ohne Zweifel nur das Letztere, und doch ist gerade auf diesem Punkte die Rathlosigkeit selbst bei der Mehrzahl der Gebildeten eine vollständige. Denn hinsichtlich der für den ersten Blick wichtigsten Bedingung eines erfolgreichen geistigen Einwirkens, der Kenntniß wenigstens der elementaren volkswirtschaftlichen Begriffe, stehen selbst die höchstgebildeten Classen auf keiner besonders höheren Linie, als die mindergebildeten, natürlich mit Ausnahme Derjenigen, die sich durch eigenes Studium auf dem betreffenden Gebiete umgesehen und orientirt haben. Möge einmal der Versuch gemacht und ein socialdemokratischer Agitator herbeigerufen werden, der sein Sprüchlein gut auswendig kann und das erforderliche freche Mundwerk besitzt! Stelle man demselben Leute gegenüber, von denen es feststeht, daß sie eine vorzügliche „allgemeine Bildung“ besitzen – vielleicht aus der Gattung der Universitätsprofessoren oder intelligenten Künstler – und es wird, natürlich immer mit

[409]

Originalzeichnung von Emil Schmidt in Hamburg.

[410] Ausnahme Einzelner, jene traurige Hülflosigkeit alsbald zu Tage kommen. Jeder dieser Männer wird empfinden, daß der Agitator mit seinen kecken Behauptungen Unrecht hat, aber eine schneidige Antwort wird sich aus ihrem auf diesem Felde ganz ungeschulten Denkvermögen nicht loszuringen vermögen. In der Regel wissen sie nicht einmal, wo sie den Hebel anzusetzen haben, um den Gegner aus seiner Position zu bringen.

Wir werden im weiteren Verlaufe unserer Darlegungen auf diese äußerst wichtige Thatsache zurückkommen.

Zuvor müssen wir indessen einen Scheidungsproceß vornehmen und die Begriffe „Sociale Frage“ und „Socialdemokratie“ streng von einander trennen, da das große Publicum durch fortwährende Vermischung dieser beiden sehr verschiedenen Dinge die Entscheidung erschwert und die ganze Angelegenheit sehr erheblich verwirrt hat.

Die sociale Frage will die Aufgabe lösen, den ärmeren Volksschichten eine möglichst menschenwürdige Existenz zu sichern. Wir sagen „möglichst“, denn eine absolute Lösung dieser Aufgabe ist unmöglich, und wenn ein Gott vom Himmel niederstiege, er wäre nicht im Stande, sie herbeizuführen, es sei denn, er kehrte alle Voraussetzungen des menschlichen Daseins um. Möglich dagegen ist in der Folge der Zeiten eine annähernde und verhältnißmäßige Lösung, wenn jede Generation mit gutem Willen das Ihrige dazu beiträgt. An diesem guten Willen zu wachsamem und durchgreifendem Wirken für das Wohl der ärmeren Classen hat es freilich in früheren Perioden selbst unserer neueren Geschichte vielfach gefehlt, und es fehlt auch gegenwärtig noch häufig daran gerade in denjenigen Kreisen, die in erster Reihe fühlen und erkennen müßten, daß die Gesellschaft ein Organismus und die Interessen aller ihrer verschiedenen Glieder solidarische, das heißt untrennbar zusammenhängende und so von einander abhängige sind, daß der eine Theil ohne Gesundheit und Gedeihen des anderen nicht gesund sein und gedeihen kann.

Mit diesem Begriffe der „socialen Frage“ darf aber die gegenwärtig überall besprochene socialdemokratische Frage in keiner Weise verwechselt werden. Denn die Socialdemokratie ist nichts Anderes, als eine Partei, welche in einseitiger Weise die absolute, das heißt also die unmögliche Lösung der socialen Frage verlangt. Die Systeme, welche sie dafür aufstellt, werden wir hier nicht erörtern, weil dieselben, wie wir dies weiter zeigen werden, in Bezug auf die Bekämpfung der Socialdemokratie eine ganz untergeordnete Rolle spielen. Dagegen kommt es bei einem Kampfe vor Allem darauf an, seinen Gegner und die Kraftentwickelung desselben genau kennen zu lernen. Um dies zu erreichen, wollen wir an diejenige Seite der Socialdemokratie anknüpfen, welche im Publicum die bekannteste ist – an ihre Eigenschaft als „Umsturzpartei“. Das deutsche Reich hat gegenwärtig zwei auf den Umsturz des Bestehenden hinarbeitende Parteien aufzuweisen, die ultramontane und die socialdemokratische, aber meist wird bei dem Gemeinsamen dieses Charakterzuges der gewaltige Unterschied übersehen, welcher zwischen beiden besteht.

Das Auftreten des Ultramontanismus ist im Grunde nichts Anderes, als das letzte verzweifelte Zucken und Umsichschlagen eines sterbenden Organismus, der einst furchtbarer Kraftentwickelung fähig war. Je langsamer dieser Sterbeproceß sich innerhalb einer Nation vollzieht, desto mehr wird sie, den anderen Völkern gegenüber, an Widerstandskraft im Kampfe um’s Dasein einbüßen – aber der Proceß geht dennoch vor sich mit der Unerbittlichkeit eines Naturgesetzes; jede neue Schulstunde, jede neue Eisenbahnschiene entzieht jener mittelalterlichen Welt mehr und mehr den Boden. Gerade entgegengesetzt verhält es sich mit der Socialdemokratie. Während der Ultramontanismus im Widerstreit gegen die Mächte, welche unsere Zeit bestimmen, zu Grunde geht, sind es gerade diese Mächte, aus welchen die Socialdemokratie Leben schöpft.

Dem Auge des Bürgers erscheint die Socialdemokratie wie ein plötzlich auftauchendes Gespenst, wie etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes, das zum ersten Male die Hand nach seinen wohlerworbenen Gütern ausstreckt. Diese Auffassung ist jedoch durchaus falsch, denn ganz dieselben Anschauungen, welche den Socialismus unserer Tage charakterisiren, haben sich schon früher, in der alten Geschichte sowohl, bei Griechen wie Römern, wie auch in der neueren, zur Zeit der Reformation, geltend gemacht. Zum Theil tritt der Socialismus als eine Folge der geschichtlichen Entwickelung des betreffenden Staates auf, sei es, daß die Einrichtungen desselben wiederholt einen Umsturz erfuhren, oder daß das demokratische Princip zu einer nicht organisirenden und erhaltenden, sondern zersetzenden Geltung gelangte, Erscheinungen, wie sie namentlich im Alterthum dem Socialismus zu Grunde lagen und in Verbindung mit diesem den Untergang des Staates herbeiführten. Für unsere deutschen Verhältnisse sind diese Momente von geringer Bedeutung, indem der Germane, von dem Heine sagt, daß er den Strom der That mit prüfendem Fuße betritt, mehr der Reform zuneigt, während bei den Romanen der Hang zur gewaltsamen Durchführung reformatorischer Ideen, zur Revolution vorherrscht. Wir beobachten letzteres besonders an Frankreich, das sich ja seit hundert Jahren gleichsam in einer chronischen Revolution befindet und wo dieser Zustand für die Aufrechterhaltung des Socialismus eine verhängnißschwere Rolle spielt.

Andrerseits aber – und das ist es, was speciell für unsre Verhältnisse in Betracht kommt – ergeben sich Hauptfäden zum Gespinnst des Socialismus aus solchen Gestaltungen, welche der Culturgang mit Nothwendigkeit hervorgerufen hat und die an sich selber segensreich sind. Zu diesen Gestaltungen gehört, als die für uns hier wichtigste und alle anderen überragende, die starkgegliederte Arbeitstheilung. Der schroffe Gegensatz zwischen Armuth und Reichthum ist für die Förderung socialitischer Ideen bei Weitem nicht so bestimmend wie jene Theilung der Arbeit. Denn erstens ist, mit wenigen Ausnahmen, in den heutigen Culturstaaten der gesunde Mittelstand ein breites Uebergangsgebiet zwischen beiden Gegensätzen, und ferner ist die bloße Begehrlichkeit allein nicht im Stande auch den Besseren und Besonneneren so mit fortzureißen, wie es die Logik eines ruhigen Gedankenganges vermag, wenn derselbe erst einmal bei der Frage angelangt ist: wie kommt es, daß der Arbeiter den ganzen Tag sich um einige Groschen müht, während der Banquier im Handumdrehen eben so viele Tausende von Mark durch eine Fahrt nach der Börse verdient? Diese Unterschiede des Arbeitsertrages, die auf der Arbeitstheilung basirt sind, vermag der Arbeiter nicht zu vereinigen; die hier wirkenden Kräfte und Verhältnisse vermag er nicht zu übersehen; es erscheint ihm wie ein schreiendes Mißverhältniß, und das ist die Lücke seines Denkens, in welche die socialistische Idee ihren Samen wirft. Die Arbeitstheilung aber ist eine der wichtigsten Voraussetzungen menschlicher Production in der Gegenwart wie Zukunft, und um deswillen sagten wir, der Socialismus unterscheide sich dadurch vom Ultramontanismus, daß er seine Lebenskraft aus Bedingungen schöpft, welche an sich für das Leben des Volkes nothwendig sind und es bleiben werden.

Der oben gezeigte Umstand, daß der Socialismus niemals selbstständig erscheint, sondern stets in Zusammenhang mit ungesunden Staatszuständen oder als üble Kehrseite von an sich nützlichen Einrichtungen, – dieser Umstand drückt ihm den Charakter einer socialen Krankheit auf. Es ist dies eine durchaus zutreffende Bezeichnung für ihn, und wir halten sie fest, da sie uns zugleich auf den Weg führt, der zur Bekämpfung des Socialismus in erster Linie eingeschlagen werden muß. Dabei wird es sich zeigen, daß der bisher verfolgte Weg ein falscher gewesen ist.

Was würde der Leser von einem Arzte sagen, der zu einem Fieberkranken gerufen wird und weder dessen Puls untersuchte, noch überhaupt nach dem Sitz des Uebels forschte, sondern blos auf die Ideen eingehend, welche der Kranke in seinen Phantasien äußert, mit Gründen der Vernunft und Logik sie beantworten und dadurch Heilung erzielen wollte? – Genau so aber verhält es sich mit der Taktik, mit welcher man dem Socialismus entgegenzutreten pflegte, in der Presse sowohl, wie anderweitig. Die Phantasie von Gütergemeinschaft, Enteignung des Capitals, Staatsverwaltung, kurz den ganzen Unsinn, den der Communismus hervorbringt – diese Phantasien wollte man durch „Belehrung in der Presse sowohl, wie durch private Thätigkeit“, durch „Vereine“ etc. bekämpfen; in dieser Richtung bewegte sich wenigstens bisher der im Bürgerthum erwachte Drang, etwas gegen die sociale Gefahr zu thun. Dabei übersah man jedoch gänzlich, daß man auf diesem Wege zu einem Kampfe gegen Windmühlen ausrückte, indem hier die beiden unerläßlichen Vorbedingungen eines Erfolges fehlten: erstens, daß der Arbeiter belehrt werden will und zweitens, daß er belehrt werden kann.

[411] Zuerst also: er will nicht belehrt sein. Bei den Gründen dafür hat auch die Beobachtung und Vergegenwärtigung rein psychologischer Thatsachen ein Wörtchen mitzureden.

Der aufreizende Socialismus hat sich gerade mit den zwei Regungen des menschlichen Geistes verbunden, welche der nachhaltigsten Kraftentwickelung fähig sind: mit der Hoffnung und dem Fanatismus. Wie das Christenthum mit seiner communistischen Tendenz zu den „Armen und Elenden“ sagte: hoffet! so ruft jetzt der Communismus: hoffet – hoffet auf eure Stimmenzahl oder auf – eure Fäuste! So hoffen sie denn selbst angesichts der Thatsache, daß sie in dem endlich aufgerüttelten Bürgerthum eine Macht gegen sich heraufbeschwören, die ihnen die Hoffnung auf künftige Siege raubt, wenn sie nur irgend fest und sich treu bleibt. Und dann der Partei-Fanatismus: in jedem, selbst dem schwerfälligsten Menschen sitzt ein Stückchen Parteigänger, ein Stückchen Kampfhahn – man muß nur den Punkt wissen, wo man ihn zu fassen hat, und er wird bald ebenso hitzig, ebenso verstockt zu der vor ihm aufgerollten Fahne stehen, wie jeder Andere. Und der Socialismus hat es jederzeit wahrlich leicht genug gehabt, den Weg zu den Gemüthern und zur Erregung der Parteisucht zu finden. Neben diese Bundesgenossen des Socialismus, neben Hoffnung und Partei-Fanatismus, tritt aber noch ein dritter finsterer Geselle – das Mißtrauen. Wollte sich Jemand dem Glauben hingeben, jene ersten Beiden durch Vernunftgründe und Belehrung bekehren zu können – dieser Dritte im Bunde bricht alle Brücken zwischen den Classen hinweg, an dem verstockten Mißtrauen stumpft der beste Wille, das größte Wohlwollen für die verführten Classen ab; an ihm scheitert jeder und jeder Versuch einer Verständigung. Selbst in die Logik des einleuchtendsten Ideenganges drängt sich dieses zerstörende Gift und blendet die Augen des bethörten Arbeiters in einem solchen Grade, daß ihm selbst die unabweisbarste Wahrheit als eine schlaue Ueberrumpelung erscheint.

Zeigt sich also schon aus einer Betrachtung dieser Sachlage der Plan einer Widerlegung und Bekehrung der Socialisten als praktisch unausführbar, so kommt noch ein Anderes hinzu. Jene Ideen nämlich, auf deren Bekämpfung man so vielen Werth legt, sind in der Masse der socialdemokratischen Arbeiter gar nicht so weit und so ausnahmslos verbreitet, wie man annimmt. Wir nehmen ein Buch her, orientiren uns über die verschiedenen Lehren des Socialismus, lesen die von socialdemokratischen Agitatoren gehaltenen Reden, hören das beistimmende Zujubeln des Anhanges und sind nun überzeugt, daß dies Alles eine einheitliche Manifestation socialistischer Ideen ist. Und dennoch ist dies durchaus nicht der Fall. Wohl keine andere Partei wird an ihren einzelnen Elementen eine so verschiedene Auffassung des gemeinsamen Zieles aufweisen, wie die socialdemokratische. Ueber das eigentliche System des Socialismus ist sich nur eine sehr geringe Minderheit klar; eine weitere Gruppe, namentlich der jugendlicheren Classen, nimmt die Lehren als eine unverdaute und unverstandene Masse ganz äußerlich in ihr Gehirn auf, die weitaus größte Mehrzahl aber läßt die eigentlichen socialistischen Ideen nur so mitlaufen; ihr handelt es sich ganz allein um den einen Gedanken: um die für ihr Verständniß unübersteigbare Kluft zwischen ihrer Arbeit und ihrem Lohn im Verhältniß zu dem der anderen Classen, oder besser gesagt, der andere Classe. Denn für sie existiren überhaupt nur zwei: Arbeiter und „Geldmänner“, welche letztere, ihrer Ansicht nach, allein den goldenen Schlüssel zu allen Genüssen des Lebens besitzen. Wie sie zu den Vortheilen dieser Classe gelangen können – ob auf dem Wege socialistischer Ideen oder sonst wie – das ist dieser größeren Mehrzahl ganz gleich, wenn sie es nur erreicht. Und weil die Führer des Socialismus so bestimmt versichern, das könne nur nach ihrem Recept geschehen, darum schlägt dieser große Haufen sich eben auf ihre Seite. Socialisten aus Princip und Ueberzeugung sind diese Leute durchaus nicht; sie gehören der Partei nur aus, ihrer Anschauung nach, rein praktischen Gründen an. An der Sache selbst ändert das nun freilich nichts, aber der Einblick genügt doch, uns jede Hoffnung aufgeben zu lassen, durch irgend eine Belehrung oder irgend welche Einwirkung auf solche leidenschaftlich erregte Gemüther zu einer Lösung zu gelangen.

Gestehen wir es uns lieber ohne alle Umstände: eine Verständigung giebt es nicht mehr – die Classen haben aufgehört, sich zu verstehen – der Classenkampf ist da, und es giebt hier zunächst nur eine Losung: Nothwehr gegen fortgesetzten Angriff! Mit der gegenwärtigen Socialdemokratie, wie sie vor uns steht, giebt es kein Pactiren, kein Auseinandersetzen. Aber hier ist – wohl verstanden – namentlich bei uns in Deutschland, auch nicht das letzte Mittel der Kanonen nöthig. Trotz der schönen Tiraden vom „dumpfen Tritt der Arbeiterbataillone“ und dergleiche Drohungen können wir dies bestimmt behaupten. Die Nothwehr, von der wir sprechen, ist vielmehr nur ein entschlossenes, thatkräftiges Auftreten des Bürgerthums, jener großen Mittelclasse, welche in hervorragender Weise den modernen Staat auf ihrem breiten Rücken trägt. Von dem Augenblicke an, wo unser noch gesundes und kräftiges Bürgerthum in den Kampf eintritt, steht eine Gewalt auf, vor deren Uebermacht diejenige des Socialdemokratismus weichen muß. Wie man von den bösen Geistern sagt, daß sie das Böse wollen und das Gute schaffen, so würden auch die socialistischen Wühler ein Gutes hervorrufen, indem sie das bisher noch träg und gleichgültig sich verhaltende Bürgerthum dem constitutionellen Leben gewinnen, sodaß wir fortan vielleicht nicht mehr die Schmach erleben würden, einen beträchtlichen Theil dieser ausschlaggebenden Classe an den wichtigsten Staats- und Gemeindewahlen sich gar nicht betheiligen zu sehen.

Mit einer solchen Nothwehr aber, mag sie eine mehr private bleiben oder mag der Staat zu einer polizeilichen Gegenwirkung autorisirt werden, wäre nichts weiter gewonnen, als daß eine auf den Umsturz ausgehende Bestrebung mehr als bisher in Schranken gehalten würde und zwar im Falle staatlichen Eingreifens vielleicht zu Gunsten reactionärer Absichten, zur Schädigung wohlerworbener Volksrechte und der allgemeinen bürgerlichen Freiheit. Eine Heilung des socialen und politischen Uebels würde dadurch nicht erzielt sein. Wie soll nun diese Heilung geschehen?

Wir haben oben die Ueberzeugung ausgesprochen, daß die Socialdemokraten nicht blos nicht belehrt sein wollen, sondern daß sie auch nicht belehrt werden können. Und jetzt kommen wir auf das schon beim Eingang versprochene Capitel. Sieht es, wie wir dies Alle wissen, schon mit den volkswirthschaftlichen Begriffen selbst der gebildetsten Classen sehr trübe aus, wie kann man bei dem Arbeiter gegen eine Idee ankämpfen wollen, der gegenüber ihm alle Voraussetzungen eines Urtheils fehlen? gegen eine Idee, welche gerade auf dem völligen Mangel an Ueberblick, an Bewußtsein von dem Verhältnisse seiner Arbeit zu der Arbeit der übrigen Gesellschaft beruht?

Hier ist der Punkt, wo wir den Hebel ansetzen müssen – hier gilt es, unsere Kräfte zu vereinigen und wenigstens für die ganz sicher noch zu rettenden jung aufwachsenden Generationen eine positive Thätigkeit zu entwickeln, deren Gesichtspunkte offen auf der Hand liegen. Diesen Geschlechtern der Zukunft müssen wir für das Leben gewähren: erstens die Widerstandskraft, um den Verlockungen der Demagogen zu widerstehen, und zweitens: die Fähigkeit, zu unterscheiden zwischen dem, was erreichbar und demgemäß auch zu erstreben – und dem, was unerreichbar und also nicht zu erstreben ist. Das aber erlangen wir einzig und allein dadurch, daß wir ihnen das Handwerkszeug für ein gesundes Urtheil in die Hand drücken. Das muß durch die Schule geschehen. Haben wir die Frage erst auf diesem Punkte, so befinden wir uns auch sofort auf dem günstigen Felde, wo von Classenunterschied nicht mehr die Rede ist, da hier eben alle Classen der Bevölkerung vor einem gemeinsam empfundenen Bedürfnisse stehen.

Mit einem Worte also: Die Volkswirthschaft muß in die Lehrgegenstände der Schule aufgenommen werden, um den Schüler zu einem Menschen heranbilden zu helfen, welcher die wesentlichsten Begriffe in sich aufgenommen hat, mit deren Hülfe er im Stande ist, die Bedingungen seiner Existenz und sein Verhältniß zur menschlichen Gesellschaft vernünftig zu beurtheilen.

Indem wir dies schreiben, bezweifeln wir keinen Augenblick, daß man von verschiedenen Seiten mit allerhand Gegengründen über uns herfallen wird, als da sind: die Volkswirthschaft gehöre nicht in die Schule; es sei eine neue Belastung des so wie so kaum zu bewältigenden Lehrstoffes; sie gehe über die Fassungskraft des Schülers hinaus u. dergl. m., Gründe, von denen kein einziger stichhaltig ist. Daß ein ähnliches Bedürfniß, wenn auch in unpraktischer Form, schon einmal zur Geltung gelangt ist, [412] daran erinnert das von der Pädagogik längst abgethane Institut der „Denkübungen“, eine Unterrichtsstunde, die, gänzlich zwecklos, von Lehrern und Schülern nur zum Faulenzen benutzt wurde, der jedoch der gesunde Gedanke zu Grunde liegen mochte, daß man das Urtheil des Schülers an Gegenständen üben wollte, die aus dem Leben gegriffen waren, im Unterschiede von den täglich gebrauchten, den sonstigen Zweigen des Unterrichts angehörigen Begriffen. In der That ist das aber nichts Anderes, als was man, nur in methodischer und weitblickender Weise, mit einem Unterrichte in volkswirthschaftlichen Begriffen erstreben würde.

Sehen wir vor der Hand von der Volksschule ab und fassen wir desto fester die Fortbildungsschule und das Gymnasium in’s Auge! Hier würden sich die angeführten Einwände wesentlich um die zwei Hauptpunkte gruppiren: daß der Gegenstand über die Fassungskraft des Schülers gehe und daß der Lehrstoff noch mehr als nöthig belastet würde.

Was nun den ersteren Einwand betrifft, so geht er nur von einer Unkenntniß der Begriffe aus, mit denen die Volkswirthschaft zu rechnen hat und die in Wirklichkeit so einfach sind, wie sie einfacher kein anderer Lehrgegenstand aufweisen kann. Sollte der Schüler, welcher die ganz abstracten Grundbegriffe der Mathematik zu erfassen und zu Combinationen zu verwerthen vermag, der die abstracten Begriffe, welche der Satzbildung in der Grammatik zu Grunde liegen, in einer fremden Sprache anzuwenden versteht – von dem höheren grammatischen Unterricht gar nicht zu reden – sollte ein derartiger Schüler nicht spielend solche Sätze aufnehmen und ebenso leicht wieder verbinden können, wie: Je mehr Esser im Staate, desto kleiner die Portionen – oder solche simple Definitionen wie die der Begriffe: Gut, Tausch, Werth?

Es ist wohl kaum nöthig, hervorzuheben, daß es sich hier nicht um tiefergehende Probleme oder streitige Gegenstände der Volkswirthschaft handelt, sondern daß lediglich zwei Punkte zu erreichen sind: die volkswirthschaftlichen Grundbegriffe einzuprägen und daneben eine Anleitung zur Verbindung und Anwendung jener Begriffe zu geben. Es kommt also hier Alles auf die Methode an. Zu Grunde liegen müßte natürlich stets ein klar, einfach und leichtfaßlich eingerichteter Leitfaden, was keine Schwierigkeiten bietet, denn in der Herstellung solcher Bücher besitzen wir Deutschen ja eine hervorragende Befähigung.[1]

Die Methode in der Fortbildungsschule würde sodann darin bestehen, daß man, nachdem jene Grundbegriffe gewonnen worden sind, die Verbindung und Anwendung derselben fortgesetzt an Beispielen übte, welche den praktischen Gebieten der hier zunächst betheiligten gewerblichen Classen zu entnehmen wären. Dem Gymnasium gegenüber ist eine solche specielle Uebung gar nicht nöthig, da sich die Erlernung der volkswirthschaftlichen Grundbegriffe zu einer wesentlichen Erleichterung des Unterrichts, namentlich des geschichtlichen und der Erklärung der Schriftsteller gestaltet. Aber Eines ist als Voraussetzung festzuhalten: daß man nicht etwa meint, diesen Stoff des Unterrichts für die Prima, das heißt für das reifere Verständniß, aufheben zu müssen – dann thut man besser, ihn lieber gar nicht in die Schule aufzunehmen. Will man eine wirklichen praktischen Erfolg erzielen, so muß die Einprägung der so überaus leicht faßlichen volkswirthschaftlichen Grundbegriffe in der Classe beginnen, wo der Vortrag der speciellen, also zunächst der griechischen Geschichte anfängt; der Geschichtsvortrag und die Interpretation der Schriftsteller in allen folgenden Classen ist dann eine unausgesetzte Anwendung, Verwerthung und Uebung jener grundlegenden Begriffe. Und in welchem Grade würde dadurch den Lehrern und Schülern einerseits die Darstellung, andererseits die Auffassung der Geschichte und der alten Schriftsteller erleichtert! Der Schüler wird in der Geschichte der asiatischen Völker nicht mehr ein wirres Drängen des einen gegen das andere, sondern das sich gleichmäßig wiederholende Wirken eines einfachen Bevölkerungsgesetzes erkennen; er wird die volkswirthschaftlichen Beweggründe, welche in allen Stämmen und durch die ganze griechische Geschichte gleichmäßig thätig waren, die Beweggründe, welche, im Classenkampfe zu Tage tretend, auch das Bild der römischen Republik charakterisiren, viel klarer und viel einfacher verstehen lernen. Wie die Schule heute ist, verläßt sie der überwiegende Theil der Zöglinge mit der Auffassung, daß Rom allein deshalb zu Grunde ging, weil die Römer moralisch heruntergekommen waren, während er von den Sünden gegen die gleichfalls hier sehr erheblich in Frage kommenden volkswirthschaftlichen Gesetze keine Vorstellung hat.

Auf diesem Wege würde dann auch sicher der gebildete Stand jene erbarmungswürdige Hülflosigkeit des Urtheils in Betreff der gesellschaftlichen Verhältnisse verlieren und zu einer viel tieferen Anschauung, einer viel wärmeren Erfassung seiner Existenzbedingungen und seiner Pflichten dem Staate gegenüber gelangen.

Der Arbeiter aber, welcher den Weg durch alle die Begriffe vom Gute zum Tausche, zum Werthe und Kaufe gemacht hat – wird er nicht zum Bewußtsein kommen, daß hinter der Zahlungsfähigkeit seines Arbeitgebers die Zählungsfähigkeit des Weltmarktes steht? Und wird ihn das weiter nicht zu einem bald mehr bald weniger klaren Verständniß oder wenigstens zu einem Bewußtsein dessen führen, was er an Lohnhöhe beanspruchen und erstreben und was er nicht erstreben kann und darf? Wird er, wenn er erkannt hat, daß Sparsamkeit und Rechtssicherheit zwei wesentliche Factoren der Capitalbildung sind – wird er nicht einerseits eine ganz andere Auffassung vom Capital und damit der „Geldmenschen-Classe“ erhalten, andererseits in Bezug auf seine eigene Sparsamkeit nachdenklich werden? Wird ihn endlich nicht in gleicher Weise die Bevölkerungslehre zu verschiedentlichem Nachdenken anregen? Ueber communistische Ideen braucht dabei gar nichts gelehrt zu werden. Was wir verlangen und was erstrebt werden muß, das ist einzig und allein die Urtheilsfähigkeit aller Classen auf dem ihnen zu allernächst liegenden Gebiete ihrer gemeinsamen eigenen Existenz.

Und damit befinden wir uns auch vollständig im Rahmen der unserer Epoche überhaupt gestellten Aufgabe, einer Aufgabe von furchtbarer Verantwortlichkeit. Die Bewegung, welche gegenwärtig durch die Geister geht, ist gleichsam der Morgenwind, der einer aufdämmernden neuen Weltanschauung vorausgeht. Mögen die künftigen Geschlechter sich mit der Methode dieser neuen Weltanschauung befassen, unsere Aufgabe ist es: die Methode des Ueberganges zu schaffen, damit das Tageslicht jener neuen Weltanschauung nicht in der wirklichen Menschenwelt noch gänzlich unversöhnte Gegensätze findet, die sich nun erst noch thatsächlich in langen Wirrsalen furchtbarer Umwälzungen ausgleichen müßten.

Niemand weiß, welchen Gang die Geschichte nehmen mag, aber das Eine wissen wir alle: wir müssen zu glücklicher Hinausführung augenblicklich noch sehr trauriger Kämpfe auf eine energische und sorgsame Erhaltung und Pflege aller idealen Züge im Volksleben bedacht sein; es wird zu einer Ueberbrückung der Klüfte, zu einer Verständigung des heißen Widerstreits und also zu einem Heil und Frieden nicht kommen ohne einen gewissen Grad allseitiger volkswirthschaftlicher Bildung, welcher der Mehrzahl der Bevölkerung die ihr bis jetzt fern gehaltene Einsicht in die materiellen Existenzbedingungen eines menschlichen Gemeinwesens möglich macht.[2]
F. L.
[413]
Der Thurm von Astura.
Eine Unheilsstätte der älteren deutschen Kaisergeschichte.

An der Lateinischen Küste, halbwegs zwischen Porto d’Anzio und Terracina, steht ein mittelalterliches Castell im Meere: der Thurm von Astura. An einem Sommertage und im Sonnenschein zeigt sich hier ein Panorama von seltener Schönheit und Abgeschlossenheit.

Tief stahlblau glänzt und blinkt die Fläche des Tyrrhenischen Meeres; in weitem Kreise zieht sich ein schmaler Streifen Strand, umsäumt von dunklem Walde, hin; im Norden leuchten die Gebäude des sieben Miglien entfernten Rettuno und des dicht daran liegenden Porto d’Anzio herüber; landeinwärts spannen sich klargezeichnet die Rücken der Albaner- und Volskerberge in ferner Bläue, und im Süden thürmt sich als deren letzter Ausläufer das räthselhafte Cap der Circe in die See hinaus. Am Horizonte, kaum von der durchglühten Luft sich absetzend, erkennt man zwei oder drei Bergrücken, die Ponzischen Inseln. Feierliche Ruhe und tiefes Schweigen liegt über dem Ganzen; weit und breit ist kein lebendes Wesen, keine Behausung zu sehen. Nur Büffelheerden lagern hier und da träge am Strande. Im Urwalde, zwischen den mehr als manneshohen Farrenkräutern und blühenden Myrthensträuchern, tummelt sich der wilde Eber, und über ihm kreist der Raubvogel, welcher der Gegend den Namen gegeben, der Maremmenhabicht, astur. Bei düsterer Witterung trägt Alles den Stempel grauenhafter Einöde, würdig, den Eingang zur christlichen Unterwelt zu bilden, den Dante an das benachbarte Ostia verlegt. Und doch war zur Römerzeit das ganze Land ein Garten, und die ganze Küste von Ostia her über Antium bis Anxur (Terracina) mit Villen besäet. Aber heute beherrscht ein mächtigerer Gebieter, als die Doria und Borghese sind, das Land: wir sind im Campo morto, im Todtenfeld, im Reiche der Malaria, der tödtlichen Fieberluft – unfern hinter den Bäumen breiten sich die Pontinischen Sümpfe aus.

Der Thurm von Astura.
Nach der Natur aufgenommen von H. Bürck

Noch im Mittelalter gab es einen Ort Astura, und Richard Löwenherz machte hier Halt, als er auf seinem Kreuzzuge von Corneto her die Küste entlang zog, um sich in Terracina einzuschiffen. – An einem Septembertage des Jahres 1268 erreichte ein kleiner Reitertrupp den Ort, warf sich nach kurzem Verhandeln in eines der vor Anker liegenden Schiffe und suchte die hohe See zu gewinnen. Johannes Frangipani, Herr des Castells, sandte den anscheinend Flüchtigen einen starkbemannten Schnellsegler nach: sie mußten umkehren und wurden in den Thurm gebracht. Es war Conradin von Schwaben mit Friedrich von Oesterreich und einigen Begleitern. Auf dem Schreckensfelde von Tagliacozzo in der Sabina waren die Schwabenbanner für immer gesunken, und der letzte Staufe hatte von Rom aus in athemlosem Ritte durch die Campagna das Meer zu erreichen gesucht und ein Schiff, das ihn nach dem treuen Pisa bringen sollte. Jetzt war er in der Gewalt eines römischen Barons, der dem Schwabenhause seinen Besitz und seine Größe verdankte. Es erschienen der Admiral Karl’s von Anjou und der Cardinal-Präfect der Maxitima, um seine Auslieferung zu verlangen. Nach einigem Verhandeln verkaufte Frangipani seinen kostbaren Fang an den blutbedeckten Bruder des heiligen Ludwig. Conradin ward auf die Burg von Palestrina gebracht und von dort auf das Blutgerüst in Neapel. So ist der einsame Thurm am Tyrrhenischen Meere mit dem größten Drama unserer mittelalterlichen Geschichte, mit dem Falle der Hohenstaufen verknüpft. Einige zwanzig Jahre später landete eine sicilianische Flotte, den Verrath zu rächen. Das Castell wurde erstürmt und der letzte Frangipani, der Sohn des Verräthers, erschlagen.

Schon im Alterthum schien ein Fluch auf der Besitzung zu liegen. Cicero hatte dort eine Villa und fand dort, einigen Angaben zufolge, seinen Tod; Augustus und Tiber erkrankten dort tödtlich, und Caligula erblickte daselbst das vorbedeutende Zeichen seines nahen Endes. Heute ist nichts mehr vorhanden als das nothdürftig im Stande erhaltene Castell und eine kleine Capelle am Strande. Jenes ist durch eine Brücke mit dem Festlande verbunden und steht mitten in den Resten der Römervilla, aus deren Material es theilweise erbaut ist. Die Grundmauern und die ganze Anlage der Villa sind in und über dem Wasser klar zu erkennen.

Das Castell hat mit der typischen Anlage mittelalterlicher Burgen und deren System von sich gegenseitig deckenden Thürmen und Mauern nichts zu thun, sondern besteht aus einem größeren quadratische Bau mit Wohnräumen für die Mannschaft und Stallungen, einem Hof und dem darin sich erhebenden dreistöckigen Thurm, welcher jedenfalls der Aufenthaltsort des Herrn war.

Der Hausmann und jetzt einzige Insasse legt in einem der kahlen Räume dem Fremden ein Buch vor, das dem Andenken des „giovane campione di Suevia“ (dem schwäbischen Heldenjüngling) gewidmet ist, und auf dessen erster Seite die jetzigen Besitzer, die Borghese, ihren Namen eingetragen haben.

[414]
Aus Robert Blum’s Leben.
6. Liebe und Ehe. Ein Capitel für unsere Leserinnen.

Es ist ein bemerkenswerther Zug in Robert Blum’s Wesen, daß er, sobald er nach langem hartem Ringen den festen Boden einer gesicherten Existenz unter den Füßen hatte, mit sehnsüchtiger Eile danach strebte, ein geliebtes Weib zur Genossin seines bescheidenen Glückes zu machen. Der erste Versuch mißlang. Ein reizender Mädchenkopf (Aquarelle) in Etui unter convexer Glasdecke, eine bräunliche Locke, die das Oval des Bildes umschließt, einige leidenschaftlich unglückliche Gedichte an Auguste (Forster) sind die einzigen Erinnerungen, die Robert Blum an seine erste tiefe Herzensliebe bewahrt hat. Um die Mitte der dreißiger Jahre, eher später, ist dieser Traum entstanden und dahingegangen zwischen dem Morgenroth zweier Tage. Der Inhalt der Gedichte läßt keinen Zweifel darüber zu, daß das schwere Wort „Untreue der Geliebten“ den Hoffnungen seines Herzens ein Ziel setzte.

Im Herbste 1837 wurde Blum durch einen Freund, Ferd. Mey, in dessen elterliches Haus in Leipzig eingeführt. Dieses Haus lag an der Dresdener Straße, unweit des äußeren Grimmaischen Thores, das vierundzwanzig Jahre zuvor die Königsberger Landwehr unter Friccius gestürmt hatte. Noch hafteten überall die Kanonenkugeln der Völkerschlacht in den Mauern der Häuser. Jenseits des Thores, wo das Mey’sche Haus zur Rechten lag, war damals fast Alles noch Garten. Mit der Rückseite stieß das Besitzthum an das üppig-grünende Heiligthum des Johanniskirchhofes. Wer konnte ahnen, daß auch der jungen Liebe, die dort emporkeimte, die Trauerweide des Friedhofes in so furchtbarer Nähe erwachsen sollte!

Ein achtzehnjähriges Mädchen (geboren 1. Mai 1819) war Adelaide Mey, als Robert Blum sie zuerst kennen lernte; in kleinbürgerlichem, leidlich wohlhabendem Hause, unter den Blumen und Bäumen des Vaters war sie aufgewachsen, ein Naturkind, schlicht, offen in allen Empfindungen und Gedanken, gleichgültig fast gegen alle tiefsten Zweifel des Menschenherzens, da keiner dieser Zweifel noch den Frieden ihrer Seele getrübt hatte, bis der geistvolle neue Freund leise tastend ihrem Glauben, ihrer Erkenntniß nachspürte. So zog ihr Wesen, ihre Erscheinung den Vielgeprüften mächtig an, gerade wegen des Gegensatzes ihrer Art und Entwickelung zu der seinen. „Jeder Schritt in das Leben war ihr neu, reizend,“ schreibt Blum später an seine Eltern, „es war mir vorbehalten, sie jeden dieser Schritte zu führen, und ihr freudiges Erwachen zu einer höheren Erkenntniß, zu einem geistigeren Lebensgenusse war mein süßester Lohn. Auch erhob sie sich in geistiger Beziehung mit jedem Tage; ich sah sie gedeihen unter meiner Leitung wie eine sorgsam gepflegte Blume und freute mich so innig an ihrer immer reicheren Entfaltung.“ Sehr bald schloß sich der Bund der jungen Herzen. Die Eltern und Brüder der Braut waren der Werbung gewogen; der Vater liebte Blum wie seinen besten Sohn, und bis an Blum’s Ende hat der kreuzbrave schlichte Mann große Stücke auf den Schwiegersohn gehalten. Das Bild Adelheid’s steht vor mir in Lebensgröße, vom Maler Storck in Oel gemalt, in ihrem blaßblauen Brautkleide, das dunkle Haar kunstlos und kurz in Locken um die Stirn ausgehend, das braune Auge lebhaft, die Lippen üppig, Gesicht und Gestalt lieblich, aber in Nichts ungewöhnlich; Maler Storck war kein Schmeichler.

Ein einziges Gedicht an Adelheid hat Robert Blum uns erhalten. Es ist der Braut zu ihrem neunzehnten Geburtstage (1. Mai 1838) gewidmet. Es beginnt: „Ein schöner Maitag gab Dir einst das Leben,“ und endet mit der Frühlingshoffnung des Bräutigams, der in wenig Wochen Gatte werden sollte: „Und unser Leben wird ein Maitag sein.“ Ja – ein Maitag, ein kurzer Frühlingstag, in der That! Am 21. Mai fand die Hochzeit statt. In der ersten Etage des Mey’schen Hauses wohnte das junge Paar seit der Hochzeit. Erst am 18. August konnte Blum daran denken, eine Hochzeitsreise nach Berlin anzutreten, die er mit einer Geschäftsreise verbinden konnte und die leider die Ursache zu seinem ungeahnten tiefsten Unglück werden sollte. Am 9. September 1838 schrieb er darüber an seine „liebsten Eltern“:

„Im Juli ersuchten mich unsere Verleger[3] im Interesse unseres Unternehmens und auf ihre Kosten eine Reise nach Berlin zu machen, was ich auch zusagte. Da führte mir der Zufall eine Arbeit zu, die sehr schwierig aussah, aber schnell vollendet sein mußte; ich nahm sie für vierzig Thaler an und vollendete sie in einer Woche Nachts. Dieser Verdienst, an den ich nicht dachte, den ich als gefunden betrachten mußte, veranlaßte mich, meiner Frau die große Freude zu machen, sie mitzunehmen. Heute würde ich untröstlich sein, wenn ich ihr diesen Wunsch versagt hätte. – Am 20. August reisten wir froh und munter ab“ – die Postfahrt dauerte etwa achtzehn Stunden – „und Adelheid hatte eine unendliche Freude, als sie die pompöse, riesige Stadt sah. Dienstag und Mittwoch war sie ganz wohl und heiter; Donnerstags bekam sie ein leichtes Erbrechen, was wir jedoch ihren Verhältnissen und dem Umstande zuschrieben, daß sie Vormittags ein Glas Eis gegessen hatte; auch war sie zu Mittag ganz wohl und ließ sich sogar den Champagner trefflich schmecken. Freitags war sie unwohl, hatte Kopfschmerz, Erbrechen, keinen Appetit, und da wir Abends reisen wollten, so fragten wir einen Arzt, ob es nicht besser sei, die Reise nun einen Tag zu verschieben. Dieser aber, als er hörte, daß wir von einen Gastmahl zum andern geschleppt worden waren, erklärte ihre Unpäßlichkeit für eine Magenüberladung, und hieß uns muthig reisen. So reisten wir denn Abends ab.“ (25. August.) Die Krankheit der Frau wird nach der Ankunft in Leipzig, die am Sonntag Mittag (26. August) erfolgte, immer schlimmer. Ein Arzt und außerdem Professor Braune werden gerufen. Durch energische Mittel wird das Fieber so weit gemildert, daß die Kranke sich bis Mittwoch (29. August) leidlich wohl fühlt. Gegen halb elf Uhr Nachts tritt eine Frühgeburt ein. Obwohl die Hebamme Alles für ungefährlich erklärt, schickt Blum „zum Hofrath Jörg, dem ersten Geburtshelfer Sachsens und hinsichtlich seines Ruhmes von ganz Deutschland, mit dem ich durch seinen Sohn, der mein innigster Freund ist, bekannt bin. Er erklärte, meine Frau wenigstens sehen zu wollen. Beim ersten Anblick nahm er mich bei Seite, erklärte mir, daß die Frau sehr krank sei, und ließ sich ihre Krankheitsgeschichte ganz genau erzählen, prüfte dann alle Recepte, billigte das Verfahren des Professor Braune und verschrieb vier verschiedene Arzneien. Der Hofrath blieb bis ein Uhr“ (Nachts den 30. August) „bei mir, gab selbst die erste Arznei, entließ die Hebamme, gab mir die genauesten Anweisungen und hieß mich jeden Athemzug bewachen. Als ich ihn begleitete und meine Frage wiederholte: ob die Sache lebensgefährlich werden könne? sagte er: ‚Es thut mir von Herzen leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber es ist schon lebensgefährlich. Wenn sie ruhig bleibt, so haben wir Hoffnung; wird sie unruhig, so hat unsere Kunst ein Ende.‘ Mit welchem Gefühle ich mich nun an’s Bett setzte, könnt Ihr leicht ermessen, nie habe ich so ängstlich Secunden und Athemzüge gezählt wie die folgende Stunde. Adelheid war ganz ruhig, nahm ihre Arznei und klagte nur zuweilen mit tiefer Schmerzensstimme: ‚Ach, Robert, mir ist’s sehr schlecht.‘ Gegen halb zwei Uhr schlief sie ein; das Herz schlug weniger stark, und ein Hoffnungsblitz zuckte durch meine Seele. So dauerte es fort; die alte Mutter legte sich auf’s Sopha; ich, der ich drei Nächte nicht geschlafen hatte, fühlte mich sehr müde und legte mich um drei Uhr auf’s Bett auf Zureden der Wartefrau, der ich den Befehl gab, mich bei der geringsten Anwandlung von Unruhe, bei jedem stärkeren Athemzuge zu wecken. Ich war wohl kaum eingeschlummert, als sie mich aufrief. Adelheid war erwacht; die Herzschläge wurden wieder heftig; der Puls zeigte Fieber; sie hatte heftigen Durst und wollte nicht ruhig liegen. Jetzt kannte ich mein fürchterliches Loos, und während mir das Herz brechen wollte, mußte ich mit der scheinbar größten Ruhe für sie sorgen. Gegen vier Uhr wurde das Fieber heftiger, die Unruhe krampfhaft; der Verstand entwich, und nur ich war der leitende Faden in ihren Phantasien. Ich ließ Eltern und Brüder wecken, schickte eiligst zu allen drei Aerzten und hielt mit allen Leibeskräften [415] mein leidendes Weib. Den Jammer der Mutter erkannte sie, ohne ihn zu verstehen. Vater und Brüder erkannte sie nicht mehr; mich umklammerte sie fest und bat um Schutz und Hülfe gegen wer weiß welche äußere Dinge; der Todeskampf schien die Gestalt äußerer Anfeindungen für sie angenommen zu haben. Um fünf Uhr kamen die Aerzte zusammen, deliberirten lange, verschrieben noch eine Arznei, legten Senfpflaster hin und wieder; leere Versuche, sie war hin! Um sechs Uhr kam der letzte Krampf; sie hatte Streit mit Jemand in der Theaterloge und drohte, ihren Mann zu rufen. Auf meine Frage, ob sie noch erkenne, schlang sie einen Arm heftig um meinen Nacken und sagte: ‚Ich heiße Karoline Blum, und mein Mann heißt Robert.‘ Das waren ihre letzten Worte; die Pulse stockten plötzlich; sie hatte ausgelebt und ausgelitten! Das Herz schlug noch heftig bis gegen sieben Uhr; die Lippen zuckten convulsivisch, aber die Seele war entflohen; ein Nervenschlag hatte ihrem Dasein ein Ende gemacht.“

„Ich unternehme es nicht, Euch unsern Jammer zu schildern; wozu soll ich Worte machen über Dinge, die sich nicht beschreiben lassen. Von allen Aussichten, von allen Glücksträumen, die ich mir mit so vielen Mühen, Sorgen und Kosten erworben hatte, ist mir nichts geblieben: das ist die ganze Ernte von dem üppig prangenden Felde meiner Hoffnungen. Was ich im vorigen Jahre so sehnsüchtig zu verlassen wünschte, das öde, einsame, herzlose Junggesellenleben, ich werfe mich jetzt in dasselbe zurück, um den marternden Erinnerungen zu entfliehen die in meiner zertrümmerten Häuslichkeit mich verfolgen. Ich muß mein schönes, freundliches Logis verlassen, denn ich kann keine Ruhe und keinen Arbeitsmuth darin finden, und doch muß ich arbeiten, viel, viel arbeiten, wenn ich die drückenden Nachwehen der entsetzlichen Woche verlöschen will. ... Ach, das Schicksal hat uns fürchterlich betrogen; nur den kürzesten Frühling hat es uns gegeben und dann ungerechter Weise den herbsten Winter folgen lassen. Doch ich will ja nicht klagen.“

„Sonntags den 2. September wurde Adelheid beerdigt; der traurige Fall hatte die Stumpfheit der Menschen ungewöhnlich aufgeregt und Theilnahme erweckt; Sarg und Träger vermochten kaum die Kränze zu fassen, die von allen Seiten geschickt wurden. Schaarenweise waren die Menschen gekommen, sie zu sehen. Ach, sie sah so friedlich still und lieb aus; ihre schönen Brautkleider hatte sie seit der Trauung nicht wieder angezogen, jetzt liegt sie darin im Sarge. Fürchterlicher Wechsel, einmal zur Trauung, einmal im Sarge! und in so kurzer Zeit. – Wir hatten nur drei Wagen angenommen, die der Leiche folgten, aber alle meine Bekannten kamen uneingeladen in eigenen Wagen, und es wurde ein langer feierlicher Zug. Auf dem Gottesacker waren Hunderte von Menschen zusammen; das ganze Theaterpersonal stand um das Grab und empfing den Sarg mit feierlichem Gesange; Düringer hielt eine vortreffliche Rede; ein erhebender Chor von Stegmayer componirt zu diesem Zwecke folgte darauf, und der Geistliche, der uns getraut hatte, sprach den letzten Segen. Dann sank mein armes junges Weib in die Tiefe, aus der sie ewig nie wiederkehrt. Ich habe von alle dem fast nichts bemerkt, denn alle meine Sinne hafteten auf dem schwarzen Sarge und dem tiefen Grabe, aber ganz Leipzig sprach drei Tage lang von dieser Leichenfeier, wie selten eine gesehen wurde. Der oft verketzerte Schauspielerstand hat sich darin ein schönes Monument gesetzt. ... Es ist dies der bitterste Brief, den ich in meinem Leben geschrieben habe.“

Arbeit die Fülle fand Robert Blum in seinem tiefen Schmerze. Aber Trost gewährte sie ihm auch nicht. Als Wochen später ein ferner Freund ihm verspätet zur Hochzeit Glück wünscht, schreibt er verzweifelt an die Eltern: „Glück – und ich!“ Vergeblich suchten die Freunde ihn zu zerstreuen. Bis zu Visionen steigerte sich sein aufgeregter Seelenzustand. Am 24. September und 1. October erschien ihm die Verstorbene und führte lange Gespräche mit ihm, die er niederschrieb. Noch lange klingt der wilde Schmerz seiner Seele in den Briefen an Eltern und Schwester fort. Da wird es mit einem Mal stiller. Nur Eins konnte ihn trösten für das so plötzlich vernichtete Liebesglück: eine Liebe, die ihm voll ersetzen könnte, was er verloren. Und diese glaubte er nun erhoffen zu können in dem Hause seines treuen Freundes Dr. Georg Günther.[4]

Mit diesem ihrem einzigen Bruder hatte Eugenie Günther (geb. 13. Februar 1810) dem Hochzeitsfeste Robert Blum’s mit Adelheid Mey beigewohnt. Schon damals erschien ihr der bedeutende Mann nicht gleichgültig, und ein unbeschreibliches Gefühl, als ob sie ein theures Gut für immer verliere, drückte ihr Gemüth an seinem Hochzeitstage. Als Blum als Wittwer häufig das Haus ihres Bruders aufsuchte, mit dem Eugenie zusammen wohnte, und fast täglich mehrere Stunden in gemeinsamem Gespräch verstrichen, fühlte sie den Bann, den die Vollkraft des Charakters, der Reden und Gedanken dieses Mannes auf sie ausübte, immer enger und fester die Freiheit ihrer Neigung und Empfindung umstricken, und um sich mit Gewalt aus diesen drückenden Fesseln zu befreien, trat sie vor ihren Bruder und beschwor diesen, Blum nicht zu trauen, er meine es nicht ehrlich mit ihm, könne es nicht ehrlich meinen.[5] „Der Bruder tobte und schimpfte auf mich,“ schreibt Eugenie später, und – Blum kam tagtäglich wie zuvor. Er kam anfangs nur um Zerstreuung zu finden im Freundesgeplauder – er fand mehr als das. Er ahnte in Eugenie mehr und mehr die Einzige, an deren Seite er wieder glücklich werden könne. Aber er barg diese leise Hoffnung, die ihm der Frühling 1839 brachte, still und verschwiegen in seinem Busen; weder Georg noch Eugenie erfahren ein Wort. Nur der Klang der Stimme, nur die Augen hatten bis dahin gesprochen.

Aber andere Leute hatten auch Augen und dachten und wußten viel genauer, was den Wittwer Blum zu Günther’s führe, als die jungen Leute selbst es wußten. Hervorragend in dieser Erkenntniß war vor Allen die „betrogene“ Mutter der todten Adelheid, und sie beeilte sich, in sehr klaren Briefen an ihren Schwiegersohn „die zitternde Hand an die Feder zu legen“, und ihm die Früchte ihrer vernichtenden Menschenbeobachtung angedeihen zu lassen. Nach Empfang dieser Briefe faßte Blum einen raschen Entschluß. Er theilte Freund Günther deren Inhalt mit, und beschwor ihn, die Schwester aus Leipzig zu entfernen, um zu verhindern, daß die wüsten Laute solcher Dissonanzen etwa auch an ihr keusches Ohr drängen. Der Bruder beeilte sich, dem Rathe zu folgen. Jenny erhielt eine Einladung nach Kappel bei Chemnitz von ihrem Schwager Jost; im Hause des Fabrikanten Schnäbeli sollte sie wohnen. Am 5. Mai 1839 wurde die Reise angetreten. Dieser Reise danken wir eine Correspondenz, die ein wahrer Schatz genannt werden kann. Hier gebietet schon die Rücksicht auf den Raum, auf Weniges sich zu beschränken,[6] was für Blum’s Denkweise und Charakter von besonderer Wichtigkeit ist.

Bei der Abfahrt der Freundin war der Freund aus naheliegenden Rücksichten nicht zugegen. Er sandte ihr dagegen ein Briefchen zum Abschied. Dieser Brief mußte natürlich beantwortet werden. Man fuhr damals dreizehn und eine halbe Stunde von Leipzig nach Chemnitz. Es ist daher jedenfalls eine achtbare Leistung, daß Eugenie ihre Antwort noch am Abend ihrer Ankunft zur Hälfte vollendete. Blum antwortete erst am 14. Mai. „Soll ich mich entschuldigen? Der Civilisationsmensch hat immer eine große Schublade voll Entschuldigungen bereit liegen, von denen er bei jeder Pflichtversäumniß dem ersten Besten eine Hand voll ohne Wahl in’s Gesicht wirft. So kann und will ich Sie nicht behandeln, daher kurz: es ging halt nicht! – Daß Sie glücklich angelangt, hat mich herzlich gefreut, mehr noch, daß Sie auch meiner noch gedachten, als eine schöne Natur Sie mit ihren Reizen umgab und Ihrem Geiste eine schöne Feierstimmung mittheilte ... Aber ungerecht ist es, daß Sie uns das Trennungsweh vergrößern. Nicht genug, daß Sie uns verlassen haben; nicht genug, daß Sie in den Bergen umhereilen und den ganzen Frühling allein verzehren, Sie beschreiben uns Ihre Genüsse noch so reizend, daß uns Armen, die wir auf der ödesten Fläche des mercantilen Materialismus in dem traurigen dumpfen Gefängnisse einer Stadt eingesperrt sind, der Aufenthalt noch unerträglicher wird. – Wie es mir geht? Nun, ich könnte sagen schlecht und recht! Ich habe sehr viel zu thun. Die Messe über muß man pro patria schwärmen, muß bald mit diesem, bald mit jenem verzweifelnden Provinzialen [416] sich zusammen setzen, Hoffnungen affectiren, wenn auch complete Trostlosigkeit im Herzen wohnt, und so die Leute davor bewahren, daß sie nicht ganz versauern. Nach der Messe erschrickt man vor der Arbeit, die sich anhäufte.“ Endlich sagt er: „Sie haben Anlage zur Dichterin. Es würde nur auf einen Versuch ankommen, auch der Form zu genügen. Wollen Sie denselben nicht machen? Doch wozu? Die Poesie ist ein weiter Wiesenplan, auf dem tausend Blumen form- und regellos emporschießen, aber sie sind reich an Duft und Farbe und erfreuen und erheben Geist und Auge. Ordnet man sie nach Gattung und Farbe, bindet sie an den Stab der Form und schneidet jeden frisch hinaustreibenden Schößling ab, um der Pflanze die schmächtige Gestalt modernen Geschmackes zu geben, so vernichtet man den schönsten Reiz. Senden Sie also zuweilen ein rein der Natur entkeimtes Blümchen mit einem grünen Hoffnungsblättchen Ihrem dankbaren Freunde Blum.“

Auf die rasche herzliche Antwort der Freundin erwidert er nach seiner Dresdener Reise, wie schwer es ihm werde, seine Empfindung in Worte zu fassen: „Mögen Sie den Vergleich arrogant finden, ich kann nicht anders, als mich mit einer Blume vergleichen, die dasteht auf dem ausgedörrten weichen Boden der Zeit und des Lebens, versengt ist von brennenden Strahlen schwerer Schicksalsschläge und welk geweht von den Stürmen unserer Verhältnisse. Geben Sie ihr den belebenden Thau, das erquickende Wasser, sie wird die Wollust des neuen Lebens fühlen bis in die äußersten Fasern ihrer Form. Aber sie bedarf Zeit, um die welken Blätter wieder aufzurichten und Ihnen ihren Dank zu bringen in der freudigen Entfaltung ihres neuerweckten Organismus. ... Ob das Werk es verdient, ob es Ihnen lohnen wird? – wer weiß das vorher bei unserem Thun; wenn die Handlung an und für sich keinen Reiz hätte, so würde wenig Gutes geschehen auf dieser elenden Welt.“ Der Rest des Briefes gilt der Dresdener Reise.

Unsere Leserinnen mindestens, wahrscheinlich aber auch unsere Leser, werden ahnen, was nun folgt, nachdem schon der Anfang dieses Briefes einer unterdrückten Liebeserklärung so ähnlich gesehen. Eugenie schlug dem Freunde vor, nach Amerika zu ziehen, wenn ihm Europa unerträglich geworden. Darauf antwortete er am 14. Juni: „Nein, liebe Jenny, nach Amerika gehen wir nicht, wenigstens nicht, so lange noch ein Fünkchen Hoffnung vorhanden ist, für die Freiheit und einen besseren Zustand des Vaterlandes wirken zu können. Ja, wenn hinten weit in der Türkei die Völker nicht auf einander schlagen, wenn Louis Philipp seine ganze Nichtswürdigkeit durchsetzt; wenn Ernst August[7] triumphirt und, wie sich von selbst versteht, einige Dutzend Nachahmer findet – dann wollen wir wieder davon reden, das heißt, wenn wir dann noch können und nicht füsilirt sind. Das Wirken für die Freiheit, nur die Aussicht, die entfernte Hoffnung dazu, ist äußerst reizend und wohl eines trübseligen Harrens werth. Aber ich glaube nicht, daß das Streben nach dieser einen, allerdings heiligsten Pflicht es ausschließt, daß wir uns das einmal unvermeidliche Harren so angenehm wie möglich machen; ja insofern eine das Herz und den Geist gleichmäßig befriedigende Existenz dazu dient, uns zu veredeln und unsere Kräfte zu stärken und zu entwickeln, so dürfte es nicht bloßer Egoismus sein, wenn wir trachten, uns eine solche Existenz zu begründen. Eine solche fehlt mir, und mein Herz sehnt sich darnach mit aller Inbrunst, sehnt sich hinaus aus dem öden farb- und reizlosen Allein. – Können und wollen Sie’s versuchen, mir einen stillen, freundlichen Tempel der glücklichen, anspruchslosen Häuslichkeit zu bauen und das traulichste Plätzchen darin nach eigener Wahl für sich zu behalten? ihn ganz und gar mit mir theilen, bis uns eine höhere Pflicht hinausruft in das rauhe Leben, oder in das unerforschte Jenseits? – Sehen Sie, wie ich anfing, stand ein langer Brief vor meiner Seele, mit dieser einen gewichtigen Frage aber bin ich erschöpft; ich lege sie Ihnen trocken vor, ohne Schmuck, ohne Commentar. Sie kennen die Verhältnisse, Sie glauben den Menschen zu kennen. ... Nun harre ich Ihrer Entscheidung entgegen; sagen Sie nein, so thun Sie das kurz, ohne Gründe, ohne Bedenken. Sie wissen, ich habe eine derbe Schule durchgemacht und kann etwas vertragen. Denken Sie dann, ich habe Ihnen einen neckischen Traum erzählt, Sie haben darüber gelächelt und ihn vergessen. Aber darum bitte ich dringendst, stehen Sie mir deshalb in der Folge nicht ferner als bisher! Lassen Sie, liebe Jenny, nicht zu lange zwischen Hoffnung und Furcht schweben Ihren Robert.“

„Und ich sollte nein sagen?“ beginnt Eugenie am 15. Juni ihre Antwort und schließt sie mit „Ewig Deine Eugenie“.

„So ist denn mein Loos gefallen, und ich habe den glücklichsten Wurf gethan,“ schreibt Blum am 16. zurück. „Mein Leben hat wieder ein Ziel, mein Streben einen erkannten Zweck, und die Mühen, die täglichen Begleiterinnen meines Lebens, werden süß und leicht in dem Hinblicke auf den Genuß ihrer Frucht. ... So haben wir denn, liebe Jenny, den Grundstein unserer Zukunft gelegt; laß uns vereint daran fortbauen und uns bestreben, unter den tausend unglücklichen Ehen eine glückliche zu bilden! Es scheint mir dies so leicht, da der innige Anschluß an ein anderes Herz dem Menschen unerläßliches Bedürfniß ist, und es nur in seinem Willen liegt, das Band, das die Natur gegeben, so fest wie möglich zu schlingen. Wir wollen mit unbegrenztem Vertrauen, begründet auf Wahrheit und Offenheit uns entgegenkommen. Sage mir ohne Rückhalt, was Dir an mir mißfällt. Gestatte mir dasselbe und sei dabei der zartesten Schonung gewiß! Du wirst allerdings bei diesem Contracte sehr im Vortheil stehen.“

Und dann folgt die schöne Stelle, in der er ihr einzureden versucht, mit dem Bunde der Herzen sei auch die Ehe schon geschlossen, und darum – „laß mir wenigstens die süße Pflicht für Dich zu sorgen! Betrachte Dich als mein und nimm von mir Deine Bedürfnisse! Du erleichterst dadurch zugleich Deinem – nein unserem Bruder seine Lasten, deren er viele zu tragen hat, wie Du selbst am besten weißt. Also keinen Widerspruch, Weib, ich bin der Herr der Schöpfung und ‚soll Dein Herr sein‘ (die alte Ausgabe mit ‚Narr‘ wird confiscirt). Gehorche!“

Nicht unmittelbar nach Empfang dieses Briefes, aber später, in ruhigen Stunden, ist der Braut das schmerzliche Bewußtsein ihrer Armuth aufgestiegen, und sie hat ihrem Robert mit Nachdruck vorgehalten, daß sie nichts, gar nichts an Aussteuer ihm zu bieten habe. Darauf legte er seinem Briefe vom 13. Juli 1839 das nachstehende Gedicht bei:

„Du hättest nichts dem Bräutigam zu bieten
An Werth und Schmuck? Das thut mir wahrlich leid;
Man zieht solch’ inhaltleere Menschen-Nieten
Nicht gern in unsrer materiellen Zeit.
Und bringst Du mir nicht Heirathsgut und Schätze
An Silber, Gold und Perlen reichlich ein,
So sag’ ich nach modernem Zeitgesetze:
Laß’ ab von mir, mein Kind, es kann nicht sein!

Ja, Silber will ich! Zwar nicht jenes weiße
Und glänzende Metall, das aus dem Schooß
Der Erde holt der Mensch in blut’gem Schweiße,
Damit zu feilschen und zu prunken blos; –
Ich will das Silber innig wahrer Liebe,
Die sich als haltbar, ächt und rein bewährt,
Die selbst der Schicksalswolken bange Trübe
Mit mildem Glanz erhellet und verklärt.

Und Gold will ich! Zwar nicht das vielverfluchte,
Das in der Berge tiefen Gründen ruht;
An das der Menschen Habgier, die verruchte,
Die Seele setzt und Ehre, Recht und Blut; –
Ich will das Gold der felsenfesten Treue,
Das jeder Probe, auch der schärfsten, steht;
Das Gold, das stets im Herzensschacht auf’s Neue –
Wie viel man auch davon verbraucht – ersteht.

Und Perlen will ich! Zwar nicht aus den Tiefen
Des Meers, wo von Dämonen sie bewacht
Den süßen Schlummer des Vergessens schliefen,
Eh’ sie die frevle Gier an’s Licht gebracht.
Ich will die Perlen heiliger Empfindung,
Des Mitgefühls bei Andrer Schmerz und Lust,
Das Sinnbild göttlich-menschlicher Verbindung,
Wie’s thront im Tiefen einer edlen Brust.

Und daß zum Reichthum Reichthum sich geselle,
Biet’ ich Dir – karg zwar – gleiche Mitgift dar;
Wir bergen für des Lebens Wechselfälle
Die Güter auf der Laren Hochaltar. –
Du hast und bringst mir reichlich diese Schätze!
Und wüßt’ ich nicht, Du brächtest sie mir ein,
Dann nach dem ewigen Vernunftgesetze
Sagt’ ich: laß ab, es kann, es darf nicht sein!“

[417]

Der Trotzkopf.
Originalzeichnung von W. Hasemann.




Genug an diesen Proben! Wohl könnte noch eine große Zahl gleich schöner geboten werden. Aber die Versicherung mag genügen, daß dieser Briefwechsel, der sich mit kurzen Unterbrechungen von wenig Tagen, an denen die Brautleute sich in Kappel und Leipzig sahen, bis zum April 1840 hinspinnt, für die Charakteristik beider Theile, vor Allem für diejenige Robert Blum’s, ein wunderbar reiches Quellenmaterial bietet. Kein Interesse der Zeit, ja man kann wohl sagen keins der ewigen Interessen der Menschheit, bleibt hier unberührt. Doch durch alle Glückseligkeit der Liebe dringt immer wieder Blum’s ruhig-überzeugte Mahnung, daß er sein Heim nur gründe mit dem Vorbehalte, seine Schuld an das Vaterland abzutragen, sobald dieses rufe.

Er dachte wohl selbst kaum an diesen Vorbehalt, als am [418] 29. April 1840 der Pastor von St. Thekla bei Leipzig seine und seiner Eugenie Hand, und die Hand ihres Bruders Georg mit der Hand der geistvollen Lina Böhme zusammenfügte. Und über dem Häuschen, in dem Blum mit seiner jungen Frau allein wohnte, dem letzten einstöckigen Hause, das zur „kleinen Funkenburg“ an der Frankfurter Straße in Leipzig gehört, und über dem großen Garten, der sich daran schloß, stand nicht eine einzige trübe Wolke ein ganzes Jahr lang und länger. Hier erlebte Robert Blum im Juni 1841 und im September 1842 die ersten Vaterfreuden. Hier sah er seine „Herren Jungens“ mit dem Schäfer bis zum Thore ziehen, und hinter dem Hause auf der großen Wiese die Seiltänzer während der Messen anstaunen und zu den Aprikosenbäumen, die zu stark waren, um geschüttelt zu werden, sprechen: „Bitte, bitte!“ Hier wohnte er noch, als sein Name schon weit über das Weichbild der Stadt hinausgedrungen war.

Hans Blum.




Die „Allgemeine deutsche Unterstützungsgesellschaft“ in San Francisco.
Ihre Geschichte und ihre Feste.
Von Theodor Kirchhoff.

Die in San Francisco wohnhaften Deutschen bilden etwa ein Zehntheil der zur Zeit auf bereits über dreihunderttausend Köpfe angewachsenen Bevölkerung der californischen Handelsmetropole. Obgleich der Goldstaat unter seiner außerordentlich gemischten Bevölkerung kein Volkselement aufzuweisen vermag, das ihm treuer als seine deutschen Adoptivbürger zugethan ist, haben sich diese doch ihren Gemeinsinn und ihr deutsches Wesen im Allgemeinen bewahrt. Eine in der praktischen Schule des Weitgereistseins und des engeren Zusammenlebens mit fremden Nationalitäten erworbene kosmopolitische Lebensanschauung hat bei den im Goldlande lebenden Deutschen keineswegs der deutschen Gemüthlichkeit Abbruch gethan, welche vielmehr in zahlreichen geselligen Clubs, in Gesang-, Turn- und anderen Vereinen die heimathlichen Sitten und Vergnügungen auch an diese entlegene Küste verpflanzt hat. Besonders aber, wenn es sich so zu sagen um die Nationalehre handelt, tritt das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit bei den hiesigen Deutschen in den Vordergrund. Ich brauche nur die zur Zeit des deutsch-französischen Krieges und beim Empfange der „Hertha“ auch in diesen Blättern beschriebenen, in San Francisco stattgehabten Feste in Erinnerung zu bringen, um den Charakter der californischen Deutschen in dieser Beziehung zu kennzeichnen.

Unter denjenigen Institutionen, welche von allen hier wohnenden Deutschen als ihr nationales Gemeingut angesehen werden, nimmt die „Allgemeine deutsche Unterstützungsgesellschaft“ den ersten Platz ein. Während eines Vierteljahrhunderts hat sich diese Gesellschaft aus kleinen Anfängen zu einer von ihren Begründern ungeahnten Blüthe entfaltet und bildet ein Stück deutsch-amerikanischer Culturgeschichte, welche es wohl verdient, überall, wo Deutsche wohnen, bekannt zu werden.

Es war im Jahre 1852, als ein Häuflein wackerer Deutscher in San Francisco den Beschluß faßte, hier eine gegenseitige Unterstützungsgesellschaft zu gründen und sobald wie thunlich ein deutsches Hospital zu erbauen. Zu jener Zeit war es um die Krankenpflege im Goldlande schlecht bestellt; ein Familienleben existirte hier noch fast gar nicht, und wen das Unglück traf, in dieser von Abenteurern aus allen Zonen bewohnten wüsten Goldstadt, wo Jeder nur an sich und den eigenen Vortheil dachte, ernsthaft zu erkranken, der war fast unrettbar verloren.

Am 7. Januar 1854 wurde die „Allgemeine deutsche Unterstützungsgesellschaft“ in San Francisco definitiv organisirt. In erster Linie sollte dieselbe ihren eigenen nothleidenden Mitgliedern Hülfe gewähren, namentlich aber den Kranken Pflege geben, ferner neu Einwandernden, die hier keine Verwandte oder Bekannte vorfanden, mit Rath und That beistehen. Allen Deutschredenden ward es gleichmäßig möglich gemacht, an den Wohlthaten der Gesellschaft Theil zu nehmen. Diese Bestimmung ward wohl besonders deshalb getroffen, weil es zu damaliger Zeit eigentlich keine deutsche Nation gab und ein Elsasser, Lothringer oder Schweizer in Amerika gerade so gut als Deutscher gelten konnte, wie ein Hesse, Baier, Preuße oder Deutsch-Oesterreicher. Ein Beitrag von nur einem Dollar per Monat ward von jedem Mitgliede erhoben, und lebenslängliche Mitglieder konnten durch einmalige Zahlung von hundert Dollars der Gesellschaft beitreten. Kurz nach Annahme der Statuten, welche im Allgemeinen bis heute beibehalten worden sind, wurde eine öffentliche Sammlung veranstaltet, mit welcher der Fonds für ein zu erbauendes Hospital gelegt wurde. Mit so bescheidenem Anfange und einem Bestande von nur zweiundachtzig Mitgliedern hat sich die „Allgemeine deutsche Unterstützungsgesellschaft“ von San Francisco constituirt und weiter entwickelt. Ein Jahr nach ihrer Gründung zählte dieselbe bereits dreihundertachtundsechszig zahlende Mitglieder und besaß ein zum Bau eines Hospitals bestimmtes Grundcapital von fünftausendsechshunderteinundzwanzig Dollars; heute zählt sie mehr als zweitausendachthundert Mitglieder und besitzt ein neu erbautes Hospital, welches zu den schönsten in Amerika zählt und mit den der Gesellschaft gehörenden Grundstücken ein Capital von nahezu zweihunderttausend Dollars repräsentirt.

Das erste Krankenhaus der Gesellschaft wurde im Jahre 1856 eröffnet. Alle erkrankenden Mitglieder waren zur freien Aufnahme berechtigt, ebenso neu Einwandernde, die sich noch nicht sechs Monate im Lande befanden. Zahlende Kranke mußten – wie heute noch geschieht – drei Dollars per Tag entrichten. Die Räumlichkeiten des Krankenhauses zeigten sich aber bald als ungenügend. Auf einem bereits im folgenden Jahre an der Südseite der Brannanstraße erworbenen größeren Grundstück fand die Grundsteinlegung des ersten deutschen Hospitals in San Francisco statt. Ein allgemeines deutsches Volksfest, welches zwei Tage dauerte, beschloß die Feier. Nie zuvor hatten sich die Deutschen in San Francisco so einmüthig wie diesmal an einem Feste betheiligt, und alle Classen waren dabei vertreten.

Im Januar 1858 ward das Hauptgebäude des Hospitals vollendet und sofort bezogen. Später wurde dasselbe durch einen Flügel-Anbau vergrößert und seine Einrichtung mehr und mehr vervollkommnet. Zur Zeit der Eröffnung des ersten Hospitals zählte die Gesellschaft siebenhundertsechsundfünfzig Mitglieder und besaß ein Capital von reichlich fünfzehntausend Dollars. Während mehr als anderthalb Decennien entwickelte sich nun die Gesellschaft zu hoher Blüthe und ward mehr und mehr der Mittelpunkt deutschen Lebens in Californien. Für die Neueinwandernden war dieselbe eine nicht zu überschätzende Hülfe, und Mancher, der mittellos und ohne Rath und Beistand zu finden hier anlangte oder erkrankte, hat es ihr allein zu verdanken, daß er nicht im Elend unterging. Die alljährlich in Woodward’s Garten stattfindenden Maifeste der „Allgemeinen deutschen Unterstützungsgesellschaft“ waren echte deutsche Volksfeste. Keine anderen deutschen Feste in San Francisco fanden je eine so allgemeine Betheiligung wie diese. Bei den Maifesten fand sich Alles zusammen, was deutsch redete und deutsch fühlte; ob reich, ob in beschränkten Verhältnissen, Alle standen hier auf gleichem Fuße. Deutsche Fröhlichkeit und deutsche Gemüthlichkeit galten dabei als die allseitige Parole. Diese regelmäßig wiederkehrenden Maifeste waren nebenbei eine ansehnliche Einnahmequelle und brachten der Casse der Gesellschaft selten weniger als viertausend Dollars ein.

Aber wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf die Gesellschaft nach zweiundzwanzigjährigem glücklichem Bestehen am 28. August 1876 ein Schlag, der alles Errungene mit einem Male in Frage zu stellen schien. Ein verheerender Brand zerstörte zur Nachtzeit einundachtzig Häuser und legte gleichzeitig das deutsche Hospital in Asche. Kaum war man im Stande, bei dem mit rasender Schnelligkeit bei starkem Winde um sich greifenden Brande die im Hospital liegenden Kranken vom Feuertode zu retten, während das ganze Inventar, Mobiliar etc. des Gebäudes ein Raub der Flammen wurde.

An ein Aufgeben der Unterstützungsgesellschaft dachten die [419] Deutschen in San Francisco jedoch keinen Augenblick. Nachdem die plötzlich heimathlos gewordenen Kranken in anderen Hospitälern der Stadt und in den Privatfamilien ein Unterkommen gefunden hatten, wobei sich namentlich das hiesige französische Hospital durch das freie Oeffnen seiner Räumlichkeiten rühmlichst auszeichnete, wurde sofort zur Beschaffung der Mittel für einen Neubau geschritten. Eine am 1. September (vier Tage nach dem Brande) stattfindende deutsche Massenversammlung erklärte einmüthig den Wiederaufbau eines Hospitals als deutsche Ehrensache, und es wurde beschlossen, ohne Verzug eine Sammlung zu veranstalten, um sofort einen neuen Capitalfonds zu beschaffen. In den ersten zwei Tagen waren fünfundvierzigtausend Dollars Gold an freiwilligen Beiträgen eingezahlt, gewiß ein sprechender Beweis von der oft bewährten Opferfreudigkeit der Deutschen in San Francisco.

Durch den so überaus günstigen Erfolg der Sammlungen ermuthigt, erstand die Gesellschaft ein prächtiges Grundstück an der vierzehnten Straße für siebenzigtausend Dollars und beschloß, dort ein neues Hospital für hunderttausend Dollars zu erbauen. Das fehlende Geld wurde vorläufig hypothekarisch aufgenommen und mit dem Neubau begonnen, sobald man sich über den Plan dazu geeinigt hatte. Das in vorzüglichem Styl errichtete und mit allen Erfordernissen der gegenwärtigen Krankenpflege versehene neue deutsche Hospital liegt in einem in dieser baumarmen Gegend nicht genug zu schätzenden natürlichen Wäldchen, an einem vor den rauhen Seewinden geschützten Abhang im westlichen Theile des Stadtgebietes.

Lange jedoch, bevor der Bau vollendet war (die Grundsteinlegung fand am 29. Juli 1877, die Einweihung am 22. Februar dieses Jahres, an Washington’s Geburtstag, statt), stellte es sich heraus, daß es unumgänglich nothwendig sei, einen weiteren Capitalfonds zu beschaffen, um die Gesellschaft der ewigen finanziellen Plackereien zu entheben. Zwanzigtausend Dollars war das Deficit, das gedeckt werden sollte, und unsere deutschen Frauen und Jungfrauen beschlossen, diesen Betrag herbeizuschaffen. Eine solche Summe bei den gegenwärtigen auch im Goldlande miserablen Zeiten und nach den bereits gebrachten Opfern den Taschen der hiesigen Deutschen für ein Wohlthätigkeitsunternehmen zu entlocken, hätte gewiß manchem noch so gewiegten Finanzmann Kopfschmerzen gemacht. Anders dachten unsere wackeren Damen. – Schon einmal hatten sie, zur Zeit des deutsch-französischen Krieges, durch eine sogenannte „Fair“ (eine Art Damen-Bazar) fast Unglaubliches geleistet und damit in drei Tagen einen für die deutschen Verwundeten verwendeten Betrag von dreißigtausend Dollars erzielt, und dieses treffliche Arrangement sollte jetzt in etwas veränderter Weise eine Wiederholung finden.

Nach dem Heranziehen entsprechender männlicher Kräfte wurde zunächst die nöthige Anzahl von Comités ernannt und dann die Stadt in Districte eingetheilt, um Contributionen von Geld und später in der „Fair“ zu verwerthenden Gegenständen zusammenzubringen. Der Eifer, mit dem die Damen, welche ohne Ausnahme den höheren Gesellschaftsclassen angehörten, das heiklige Amt von Requisitionspatrouillen im Frieden angenommen hatten und wochenlang jedes Haus, wo Deutsche wohnten, und jede deutsche Geschäftsfirma in der Stadt heimsuchten, war über alles Lob erhaben. Wehe dem egoistischen Junggesellen, dem hartgesottenen Minenspeculanten, dem Groß- und Kleinhändler oder anderen hartherzigen Geldmenschen, dem eine solche holde Patrouille in’s Haus oder in’s Comptoir gerückt kam! Hier half keine Unverfrorenheit oder der in ähnlichen Lagen beliebte Ausweg, „daß der Principal nicht zu Hause sei“. Die unnahbarsten Subjecte sahen sich bald zur Capitulation gezwungen und waren schließlich froh, durch ein schriftliches Abkommen für eine Lieferung den Feind auf manierliche Weise wieder los zu werden. Als Beisteuer wurde Alles und Jedes mit Dank entgegengenommen – Schmucksachen, Bijouterie, Hausgeräth, Uhren und Juwelen, Getränke und Cigarren, Blumen, Bilder, Stickereien, Spielzeug, tutti frutti oder Sonstwas; kurzum, alles Mögliche, was sich bei dem projectirten Feste in Geld umsetzen ließ: – eine förmliche Jahrmarktsbescheerung!

Jeden Abend wurden in den Räumen des „San Francisco-“ und des „Deutschen-Vereins“ Versammlungen abgehalten, Berathungen gepflogen und die Rapporte der verschiedenen Comités entgegengenommen. Unsere hochgeschätzte Landsmännin Frau Doctorin Bryant, welche bei der oben erwähnten „Fair“ zur Zeit des deutsch-französischen Krieges die Oberleitung rühmlichst geführt hatte, mußte auf allgemeines Verlangen bei dieser Gelegenheit ihren zweiten Termin als Präsidentin abhalten. Die parlamentarischen Regeln wurden bei den Versammlungen auf das Strengste gewahrt, und es kam allmählich Ordnung in die Vorbereitungen zum Feste, welches in der geräumigen Halle des „Wintergartens“ abgehalten werden sollte. Die verschiedenen Gesang- und Turnvereine und wer sonst Genie, Talent und sociales Geschick besaß, wurden herangezogen, um ihr Licht auf dem Bazar leuchten zu lassen. Am Abende des 26. Februar fand die ceremonielle Eröffnung der „Fair“ unter dem Beisein der obersten Stadtbehörden und der regsten Betheiligung des Deutschthums statt. Der City Mayor selbst bewillkommnete seine deutschen Mitbürger in einer herzlichen Rede und wünschte ihnen alles Glück zu diesem schönen Unternehmen.

Während einer Woche wiederholte sich nun an jedem Abende das interessante Leben in jenen festlichen Räumen. Um dem Leser einen Begriff davon zu geben, wie es dort zuging, bitte ich ihn, mich an einem Abende nach der „Fair“ zu begleiten, wo ich ihm als kundiger Cicerone dienen will.

Fürwahr! ein herrlicher Anblick, diese von tausend Gaslichtern strahlende, mit Blumen, Flaggen, Guirlanden, farbigen Bändern, Inschriften und buntem Zierrath geschmückte Halle, in welcher Schaaren von fröhlichen Menschen sich drängen, Jeder in der Absicht, so viel in seinen Kräften steht, auf den Altar der Nächstenliebe niederzulegen. Die Mitte des Festraumes verschönern drei reich ausgestattete Pavillons, von denen der eine einen prächtigen Blumentempel darstellt, in dem Californien seine farbigen Gaben mit verschwenderischer Hand ausgebreitet hat. Eine Anzahl hübsch costümirter Damen bietet dort Bouquets zu extravaganten Preisen feil, welche sich ein deutscher Gärtner schwerlich träumen lassen möchte. Rings an den Wänden reiht sich ein allerliebst decorirter Verkaufsstand an den andern, wo die lebensfrohen Händlerinnen ihrer Arbeit mit einem Eifer obliegen, der jeden Anwesenden förmlich elektrisirt. Sinnreiche Inschriften sind über den Verkaufsbuden angebracht. Hier lesen wir z. B.

„Halb nur hilft dem Armen die tägliche Gabe des Reichen,
Hilf ihm, daß er sich selbst helfe, so hilfst Du ihm ganz.“

Nur wenige Schritte haben wir in das Festgewühl gethan, da werden wir bereits von einem allerliebst gekleideten Blumenmädchen, das wie alle hier freiwillig Dienst thuenden jungen Damen ein weißes Häubchen keck auf dem Haupte trägt, angeredet. Sie verziert unsere Knopflöcher je mit einem Sträußchen und bittet sich dafür ungenirt ein Aequivalent in Halbdollarstücken aus, die wir mit Vergnügen in ihr Körbchen legen. Von jetzt an müssen wir jeden Augenblick an unsere Börsen appelliren, denn solchen liebenswürdigen Verkäuferinnen, wie sie uns hier auf Schritt und Tritt begegnen, können wir unmöglich widerstehen. Ein Glück ist es, daß wir unsere Taschen, ehe wir nach der Fair spazierten, mit einem respectablen Vorrath von Halbdollarstücken füllten, denn hier scheint das Geld absolut gar keinen Werth zu haben.

Eine allen Deutschen in San Francisco wohlbekannte Stentorstimme von einem beliebten Mimen veranlaßte uns, nach der Seite der Halle zu promeniren, wo die Inschrift „Raritätencabinet“ über einem geschlossenen Vorhang mit großen Lettern in die Augen fällt. „Nur immer herein, meine Herren! – Nur fünfzehn Cents Entrée zu diesem Museum!“ ruft der Mime mit bereits heiser gewordener Stimme, während seine Assistentinnen die Zögernden gewandt bei der Hand nehmen. Nach entrichtetem Obolus erhalten wir Zutritt in’s Museum, wo unser verehrter Freund, Herr Schünemann-Pok, der beredte Sprecher der „freien deutschen Gemeinde“, seine Erklärungen der hier zur Schau gestellten „Alterthümer“ mit dem köstlichsten Humor zu würzen versteht.

Wir setzen in der offenen Halle unsere Promenade fort, wobei wir jeden Augenblick die Bekanntschaft von neuen charmanten Händlerinnen machen, ohne dazu irgendwie conventioneller Einführung zu bedürfen. Bei einem sogenannten „Fischteich“ angeln wir, für nur fünfzig Cents den Wurf, über eine Calicowand und fangen die sonderbarsten Seethiere in Gestalt von Strümpfen, Bonbonschachteln, Riechfläschchen etc.

Vor der Bühne fällt uns das dort ausgestellte, mit grünem [420] Laube umwundene Bild des neuen deutschen Hospitals in die Augen, welches einen lebensgleichen Eindruck macht. Wir können uns des stolzen Gefühls nicht erwehren, daß jenes Bild ein sprechendes Zeugniß von echtem deutschem Gemeinsinn ist, welcher diese Schöpfung unter den schwierigsten Verhältnissen zu Stande brachte. Lange möge der Bau stehen und die dankbare Erinnerung an diese schönen Tage bis in ferne Zeiten in seinen Mauern fortleben!

Daß wir uns nach all den riesigen Strapazen endlich einmal etwas Ruhe gönnen möchten, ist leicht erklärlich. In der „fröhlichen Ecke“ finden wir ein Buffet und mit schneeigem Lein gedeckte Tische, wo Austern und kalte Küche, echtes „Bairisch“ vom Fasse, Budweiser Bier, Rheinwein und Champagner etc. von Kellnerinnen servirt werden, welche die Frauen und Töchter unserer angesehensten deutschen Bürger sind. Hier sind wir vor den Händlerinnen in Loosen sicher, da Jene nach stillem Abkommen nicht bis hierher vordringen. Unseren Imbiß in Ruhe genießend, betrachten wir das heitere bunte Treiben in der festlich geschmückten Halle, lauschen einem herrlichen vierstimmigen deutschen Männergesang oder den luftigen Klängen des Musikcorps, oder erfreuen uns an den Evolutionen der Turner und der niedlich gekleideten Turnerinnen auf der Bühne und befinden uns im Allgemeinen in der Seelenstimmung eines mit sich selbst und der ganzen Welt zufriedenen Menschen.

Doch es ist Zeit, an die Heimkehr zu denken, denn rasch enteilen die Stunden. Ehe wir jedoch scheiden, treten wir auf die Aufforderung eines Bekannten noch an einen Trinkstand, wo ein halb Dutzend Damen nicht müde werden, ihren Gönnern Punsch, Rheinwein und Champagner für lächerlich extravagante Preise zu verabreichen. Die bekannte californische Landessitte, womöglich nie allein zu trinken, bringt hier stets sechs oder ein Dutzend Durstige zusammen, von denen immer nur Einer zahlt, ein Usus, der in diesem Falle nur zu loben ist. Beim Ausgang aus der Halle kaufen wir noch eine Nummer der täglich erscheinenden „Fair“-Zeitung, welche mit deutschem und englischem Text gedruckt wird und nach amerikanischer Sitte mit einer Menge von Anzeigen illustrirt ist.

Auf diese Weise wurde die Fair eine Woche lang (vom 26. Februar bis zum 5. März) jeden Abend und zum Theil auch während des Tages abgehalten. Der letzte Festabend schloß mit einem Tanz, wobei sich das junge Volk vergnügte, bis der neue Tag in die Fenster schaute. Das Resultat des schönen Volksfestes war ein Reingewinn von über 21,000 Dollars, welcher dem Hospital allein zu Gute kam – gewiß ein Facit, auf das bei diesen in der ganzen Welt notorisch schlechten Zeiten die deutschen Frauen und Jungfrauen San Franciscos mit Stolz und Freude zurückblicken dürfen. Und mehr noch als der finanzielle Erfolg der „Fair“ ist die Thatsache von weitgreifender Bedeutung gewesen, daß dadurch ein großer Kreis der besten deutschen Bewohner in dieser aufblühenden Metropole einander näher gebracht worden ist und allen hier wohnenden Deutschen wieder einmal gezeigt wurde, was vereinte Kraft selbst unter den allerungünstigsten Verhältnissen vollbringen kann. Es ist damit ein neuer Grundstein für die Zukunft des hiesigen Deutschthums gelegt worden.

Dem großen Leserkreise unseres deutschen Weltblattes habe ich aber die Beschreibung dieses schönen Festes nicht vorenthalten wollen. Die alte Heimath erinnert sich ja gern ihrer Kinder im entlegenen Goldlande, und Tausende werden gewiß dieses Fest der deutschen Frauen und Jungfrauen San Franciscos im Geiste froh wieder mit durchleben.


Blätter und Blüthen.

Die Illustrationen dieser Nummer. (S. 409 und 417.) Wenn das öffentliche Leben von einer so allgemeinen Verdüsterung und Verbitterung erfaßt wird, wie in diesen Tagen, wo das Gefühl der Entrüstung, des Grams und der Unruhe den größten Theil des Volkes erfüllt und uns auf allen Straßen und Plätzen entgegenschaut, dann eilt man gern zur einzigen Stätte harmloser Reinheit des Menschendaseins – in die Kinderstube. So haben auch wir es gemacht: wir griffen in die Sammlung unserer Darstellungen aus der Kinderwelt, weil kein anderer Gegenstand uns mit so viel hellem Trost in dieser finsteren Zeit entgegen kam. Mögen unsere Leser die beiden Bilder mit denselben Blicken ansehen: den kleinen Naturforscher mit der Schnecke, der sein eignes Verslein hersagt, und den kleinen Trotzkopf, welcher der Frau Pathe nicht die Hand reichen will!


Geographische Merkzahlen. Art und Anzahl der das deutsche Reich bildenden Staaten ist jetzt leichter dem Gedächtniß einzuprägen, als zur Zeit der Gründung des deutschen Bundes, wo es deren 40 waren. Man merke sich folgendes Zahlenspiel. Addirt man 3+4+5+6+7+1, so hat man mit 26 die Zahl der deutschen Reichsstaaten. Dabei prägt man sich leicht außer der Zahl die Art ein, denn wir haben 3 freie Städte, 4 Königreiche, 5 Herzogthümer, 6 Großherzogthümer. 7 Fürstenthümer und 1 Reichsland. Auch das sofortige Auffinden der Lage der Mittel- und Kleinstaaten ist erleichtert, wenn man sich gewöhnt, das deutsche Reich in Nord-, Mittel- und Süddeutschland einzutheilen und Folgendes zu merken: Von den 6 Großherzogthümern liegen 3 (Oldenburg und die zwei Mecklenburg) in Nord-, 2 (Weimar und Hessen) in Mittel-, 1 (Baden) in Süddeutschland; von den 5 Herzogthümern 2 (Braunschweig und Anhalt) im nördlichen Deutschland, die übrigen 3 (die sächsischen Herzogthümer) in Thüringen; von den 7 Fürstenthümern 3 (Schaumburg-Lippe, Lippe-Detmold und Waldeck) in Nordwestdeutschland, die 4 anderen sämmtlich in Thüringen: die beiden Schwarzburg und die beiden Reuß.

Hfm.


Eine Bitte an sämmtliche Eisenbahn-Verwaltungen. Wer oft Gelegenheit hat die Eisenbahn an heißen Sommertagen zu benutzen, wird gewiß, wenn er in der dritten Wagenclasse fährt, einen Uebelstand daselbst bemerkt haben, welcher, je länger die Reisetour dauert, um so empfindlicher wirkt, da es kein augenblickliches Gegenmittel dagegen giebt, als die ja sprüchwörtlich gewordene deutsche – Geduld.

Man denke sich ein bis auf einen Platz gefülltes Eisenbahncoupé! Der hinzukommende Reisende ist also angewiesen diesen Platz einzunehmen, aber gerade auf diesen Platz wirft die Sonne ihre versengenden Strahlen. Wie sich nun davor schützen? Einen Fenstervorhang giebt es in dieser Wagenclasse nicht; es heißt also: aushalten und schwitzen.

Bei der Fahrgeschwindigkeit der Züge, bei den dadurch erzeugten Staubwirbeln verbietet es sich theils von selbst, theils aus Einspruch der Mitreisenden, das Coupéfenster, durch dessen Scheiben die Sonnenstrahlen um so viel intensiver einwirken, zu öffnen; der bedauernswerthe Platzinhaber ist also in der angenehmen Lage, Vorstudien über einstige Höllenqualen anstellen zu können.

Es bedarf gewiß nur dieses Hinweises, um Abhülfe eines solchen Uebelstandes herbeizuführen, denn ein Fenstervorhang aus irgend einem festen Stoffe dürfte sich bei Massenbestellung auf vierzig bis fünfzig Pfennig stellen. Welches Behagen aber dafür bei den, wie ja bekannt, den größten Procentsatz von sämmtlichen Eisenbahnreisenden stellenden Passagieren der dritten Wagenclasse! Also nochmals, geehrte Eisenbahnverwaltungen, die Bitte: Schaffen Sie baldigst Fenstervorhänge!

A. K.


Kleiner Briefkasten.

W. M. in H. Ganz Ihrer Meinung! Es könnte einem angst und bange werden, wenn man den furchtbaren Donner der Anrede vernimmt, welche von dem Präsidenten der schweizerischen, deutschen und italienischen Mission der Kirche Christi der Heiligen der letzten Tage, Namens Flamm, im Angesichte des sterbenden Europa von Bern aus gehalten wird. Trotzdem können wir den Wunsch desselben: das blühende Selbstlob des Mormonenthums unseren Lesern aufzutischen, nicht erfüllen, obschon er, wie „der ganzen gesammten Welt“, auch uns „in’s Angesicht hinein“ sagt: „‚Mormonismus‘ ist die ewige Wahrheit, und Gott läßt sie nicht mehr untergehen, eher schlagen seine Donner des Erdballs dicke Rundung flach!“ – Sela.

Thekla. Wie viele solcher Wünsche hängen sich an die Poesie, die doch nur ein Blumenbeet ist und kein Getreidefeld sein kann!

Fr. R. in St. „Unsere Gerechtigkeit“. Ihre Adresse?


Nicht zu übersehen!

Mit nächster Nummer schließt das zweite Quartal. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das dritte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.

Die Postabonnenten machen wir noch besonders auf eine Verordnung des kaiserlichen General-Postamts aufmerksam, laut welcher der Preis bei Bestellungen, welche nach Beginn des Vierteljahrs aufgegeben werden, sich pro Quartal um 10 Pfennig erhöht (das Exemplar kostet also in diesem Falle 1 Mark 70 Pfennig statt 1 Mark 60 Pfennig). Auch wird bei derartigen verspäteten Bestellungen die Nachlieferung der bereits erschienenen Nummern eine unsichere.

Die Verlagshandlung.

Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Zur Ergänzung können wir übrigens noch hinzufügen, daß volksthümlich geschriebene Leitfäden für wirthschaftliche Belehrung schon vorhanden sind. Wir machen unter Anderem nur auf das in der „Gartenlaube“ bereits empfohlene Schriftchen „Wirthschaftliche Lehren“ von Fritz Kalle aufmerksam, von dem jetzt (Berlin, Expedition der „Gesellschaft zur Verbreitung von Volksbildung“) eine zweite Auflage erschienen ist.
    D. Red.
  2. Gern haben wir den meistens beherzigenswerthen Ausführungen und Vorschlägen des Herrn Verfassers in unseren Spalten das Wort gelassen, sind indessen mit sehr vielen Beobachtern unserer öffentlichen Zustände und der genannten Bewegungen der festen Ueberzeugung, es sei der entbrannte Classenkampf bei uns noch gar nicht zu einem solchen Umfang gediehen und die gerissene Kluft noch nicht eine so durchgreifende, daß nicht zahlreiche Elemente des von dem Herrn Verfasser so treffend bezeichneten Anhanges dem blendenden Einflusse demagogischer Hetzereien noch entzogen und dem gesellschaftlichen Frieden, der gemeinsamen Arbeit zu allmählicher Besserung der Zustände gewonnen werden könnten. Sehr freudig haben wir daher die mehrfach jetzt endlich laut gewordenen Entschlüsse zu einer organisirten Gegenagitation des gesunden deutschen Bürgerthums begrüßt und wünschen nur, daß dieselbe als eine ebenso umfassende und energische, wie verständige und nachhaltige sich bewähren möge. Die Schule hat in dieser Frage eine große Aufgabe, aber ein so gewaltiger, so tief in alle wirklichen Verhältnisse eingreifender Kampf um’s Leben muß gleichzeitig auch auf dem Boden des Lebens ausgefochten werden, und zwar mit allem Ernste, den er erfordert, und mit allen den Mitteln der Macht, des Widerstandes und der geistigen und sittlichen Einwirkung, welche bei uns der Welt der Intelligenz und der edleren Gesittung so reich zu Gebote stehen, wenn sie dieselbe nur verwenden und zur Bethätigung ihrer Kraft sich aufraffen will. Hier ist durch Versäumniß unverantwortlich gesündigt worden! Mögen die Schreckenszeichen der Zeit jeden Einzelnen an seine Pflicht mahnen!
    D. Red.
  3. Die Verleger des Theaterlexicons, Pierer.
  4. Der damals die „Leipziger Allgem. Zeitung“ von Brockhaus redigirte.
  5. Noch im Jahre 1848 schrieb Fanny Lewald über Blum, er habe etwas dämonisch Anziehendes in seiner Natur.
  6. Auch ist Eugenie schon einmal von anderer Hand („Gartenlaube“ 1874, S. 726) liebevoll gezeichnet worden.
  7. Der verfassungsbrüchige König von Hannover.