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Titel: Die Wittwe eines Freiheitskämpfers
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 726–730
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Wittwe eines Freiheitskämpfers.


Zum 9. November.


Am 18. März dieses Jahres ging gegen Abend ein Leichenzug durch die Straßen Leipzigs. Der Sarg war reich geschmückt mit Blumen und Palmen, der letzten Liebesgabe aus Freundeshand; der Regen fiel klatschend nieder auf die Steinplatten der Trottoirs; der Sturm fegte darüber hin, und in Regen und Sturm blieb manch’ ein alter Mann stehen; mit der Hand winkend wie zum Gruß, blickte er dem Trauerzuge nach – die Lippe nannte leise einen Namen.

Mit der, die hier zur letzten Ruhestatt fuhr, hatte einst ein ganzes Volk getrauert, und ein ganzes Volk hatte tröstend ihr die Sorge tragen helfen, als mehr denn fünfundzwanzig Jahre früher der Gewaltstreich in Wien sie zur Wittwe, ihre Kinder zu vaterlosen Waisen gemacht. Jene stille Fahrt unter duftender Blumenspende, durch Regen und Sturm, war der Schlußstein eines Menschenlebens, das reich gewesen war an Glück und Stolz, noch reicher an Leid und nimmer endender Trauer. Man begrub an jenem Nachmittage die Wittwe Robert Blum’s.

Wie selten in ein Frauenleben, so hatten in ihres die geschichtlichen Ereignisse unseres Jahrhunderts eingegriffen. Die Kanonendonner der Schlacht bei Leipzig klangen in ihre erste Kindheit; die darauf folgenden Staats- und Kriegswirren trieben sie mit ihrer Familie aus dem Vaterhause, dem Vaterlande. Dann, auf der Höhe von Glück und Leben, entriß ihr die Revolution des Jahres 1848 den Gatten, und als der letzte deutsch-französische Krieg die deutsche Einheit erstehen ließ, für die einst Robert Blum gekämpft und gelitten, da durfte wohl seine Wittwe mit einstimmen in den stolzen Siegesjubel, und doch mußte zu gleicher Zeit bei jeder neuen Nachricht vom Kriegsschauplatz ihr Herz sich zusammenziehen in Angst und Sorge: Stand doch ihr jüngster Sohn mit in der Reihe der Kämpfer, und in dem beständigen Bangen um sein Leben achtete sie nicht die Erkältung, die der harte Winter ihr zuzog und deren Folgen sie nach mehr als dreijährigen Leiden am 15. März 1874 erlegen ist.

Nicht eine Wiederholung der Geschichte unseres Jahrhunderts will diese Lebensskizze geben, sie will nur darlegen, wie die große Zeit einen Frauencharakter herangezogen, so mild, daß er sein Schicksal tragen konnte ohne hart und bitter zu werden, so fest, daß die edle Frau den letzten Willen des Gatten vollführen und ihren Kindern den Vater ersetzen konnte.

Eugenie verw. Blum wurde am 13. Febr. 1810 als die Tochter des Fabrikbesitzers Johann Georg Günther in dem an der Mulde freundlich gelegenen Städtchen Penig geboren. Drei ältere Schwestern und ein Bruder freuten sich des jüngsten Schwesterleins in der Wiege. Unter ihnen erwuchs sie zum fröhlichen Kinde, das, als die Kriegsunruhen ihnen das Haus voll Einquartierung legten, keine größere Sorge kannte, als die schönen Puppen vor den wilden Gästen in’s Nachbarhaus zu retten. Ihre Zweifel an der Zuverlässigkeit der bärtigen Soldaten wurden nicht gemindert, als durch die Kinderstube die dunkle Sage von lichter- und seifeverzehrenden Barbaren ging, und sie wußte sich bis an ihr Lebensende zu erinnern, wie von da an die Mutter bei jeder großen Serviettenrevue erzählte: „Zwei haben die Kosaken mitgenommen!“ Die Familie Günther wurde von dem Kriege schwer heimgesucht. Das Geschäft des Vaters ging rückwärts und stand endlich ganz still. Es war ein besonderer Glücksfall, daß ihm von Prag aus das Anerbieten gemacht wurde, in eine dortige Kattunfabrik einzutreten; der schwer geprüfte Mann nahm dieses Anerbieten freudig an, und am 18. October 1820 fuhr die Familie in das vielthorige Prag ein. Kanonendonner und Militärmusik empfingen die neuen Ankömmlinge, denn man feierte den siebenten Jahrestag der Schlacht bei Leipzig. Die nunmehr zehnjährige Eugenie, die schon in der Heimath eine reiche geistige Begabung an den Tag gelegt hatte, wurde in Prag zu den Ursulinerinnen in die Klosterschule geschickt. Allein der dort herrschende streng katholische Geist veranlaßte die freidenkenden Eltern sehr bald, das Kind aus dieser Schule zu entfernen, und nun genoß Eugenie mit ihrem um zwei Jahre älteren Bruder [727] den Privatunterricht eines geistvollen und gelehrten Juden. Dann folgte als Vorbereitung zur Confirmation der protestantische Religionsunterricht. War es nicht, als habe das Schicksal sie durch diese confessionslose Vorschule für den Mann heranbilden wollen, der später ihr Gatte werden sollte, für den Mann, der auf allen Gebieten seines Wirkens, auch auf dem religiösen, für das Recht der Freiheit und Humanität eintrat? Nachdem die Schulzeit Eugeniens mit der Confirmation abgeschlossen, fuhr sie noch eifrig fort, die Lücken ihres Wissens auszufüllen, und namentlich war es die Ferienzeit des Bruders, welche ihr eine Zeit des Lernens und Studirens wurde. Mit ihm, der solche freie Wochen im Elternhause zu verleben pflegte, wußte sie in den ihr sonst fremden wissenschaftlichen Werken manches Goldkorn der Bildung aufzuspüren, das ihr im späteren Leben oft reiche Früchte getragen hat.

Nachdem sich nunmehr die Lage der Familie schnell gebessert, übernahm der Vater wieder ein selbstständiges Geschäft. Seine Fabrik blühte rasch auf. Da er in seiner Tochter Eugenie einen klaren, schnell arbeitenden Geist wußte, so nahm er sie in sein Comptoir auf. Sie trat mit großem Eifer in diesen neuen Wirkungskreis und fand sich schnell zurecht in einfacher und doppelter Buchführung. Bald vereinigten sich in ihren Büchern, in ihrem Kopfe alle Zahlenverhältnisse des immer schöner sich entfaltenden Geschäftes. Der ganze Bekanntenkreis staunte. Sie hatten zwar immer „Günther’s Jenny“ für eine halbe Gelehrte gehalten, obgleich man wußte, daß sie bisher regelmäßig ihre „Kochwoche“ gehabt, wie die andern Schwestern, und daß es zu Mittag niemals besser schmeckte, als wenn sie Küchenregentin war, aber daß ein Mädchen auch Buchhalter werden und seine Stellung ausfüllen könnte, trotz einem Mann, das war damals noch unerhört und gab Anlaß zu großer Verwunderung.

Aber in ihre fröhliche Arbeit sollte sich bald schwere Sorge mischen. Der Vater begann zu kränkeln und sichtbar schwächer und hinfälliger zu werden – am 21. October 1834 weinten Mutter und Kinder an seinem Sarge. Eugenie war damals vierundzwanzig Jahre alt; es war ihr erster Schmerz und sie meinte, die ganze Welt sei ihr genommen mit dem Vater. Die letzten Jahre gemeinsamer Arbeit hatten sie noch inniger zusammengeführt, und jetzt empfand sie die Verwaisung doppelt bitter. Neue Sorgen von außen zwangen sie bald, sich aus dem dumpfen Schmerz aufzuraffen. Das junge Geschäft war erfreulich vorwärts gegangen, aber sein ganzes Gedeihen hatte in der Hand gelegen, die es geleitet.

Jetzt fehlte diese Hand, und dem Bruder, den das Familienunglück von Leipzig weggerufen, wo er sich auf eine Professur der Geschichte vorbereitete, dem Gelehrten, der elf Sprachen kannte, der sich in die Geschichte aller Völker versenkt hatte, mußte nothwendig der rein praktische und technische Geschäftsgang fremd sein. Die Familie sah sich bald genöthigt, einen Vergleich mit den Gläubigern zu suchen, und hier war es, wo Eugenie mit so klarem Ueberblicke, mit so muthiger Ausdauer die Unterhandlungen leitete, daß die Fabrik zwar geschlossen werden mußte – aber sie konnte ehrenvoll geschlossen werden.

Jetzt suchte Jenny eine Stellung als Erzieherin und fand sie sofort in einem Kaufmannshause, das früher mit ihrem Vater in Geschäftsverbindung gestanden hatte. „Nie vorher war ich so stolz gewesen,“ erzählte sie, „wie damals, als ich meiner Mutter die ersten selbstverdienten Gulden bringen konnte.“

Die Mutter überlebte den Fall ihres Hauses nicht lange. Als der Vater gestorben, hatte sie an seinem Sarge gesprochen: „In zwei Jahren folge ich Dir,“ und genau zwei Jahre und zwei Tage später, am 23. October 1836 starb sie, und die drei noch unverheiratheten Schwestern standen nun ganz allein.

Unterdessen hatte ihr Bruder Georg die Redaction der in Leipzig bei Brockhaus erscheinenden „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ übernommen. Er bot den Schwestern eine Heimath, und im November des Jahres 1837 kam Jenny mit einer ältern Schwester in Leipzig an.

Leipzig war damals, wie heute noch, der Sammelpunkt vieler geistig anregender Bestrebungen. Der Bruder konnte durch seine Stellung den Schwestern schnell einen Kreis eröffnen, in dem sie neben gemüthlicher Geselligkeit ein reges politisches und literarisches Leben fanden.

Eines Nachmittags erwachte Jenny aus einem kurzen Schlafe, den sie sich wegen heftiger Kopfschmerzen gegönnt hatte, und sah durch das Glasfenster der Thür, wie im Nebenzimmer Bruder und Schwester einen ihr fremden Herrn zur Ausgangsthür begleiteten. Der Fremde kehrte ihr den Rücken; sie sah nur eine kräftige untersetzte Gestalt und dunkelblondes gelocktes Haar. Alle Drei gingen auf den Fußspitzen, um die Leidende im Nebenzimmer nicht zu wecken. Als später die Schwester zu ihr hereintrat, erfuhr Jenny, daß der Besuchende Robert Blum gewesen, ein Freund, dessen der Bruder schon öfter erwähnt. Er war gekommen, um mit Freund Günther über den Empfang der erwarteten sieben Göttinger Professoren zu berathen. Robert Blum war damals Secretär am Stadttheater und mit der lieblichen, erst achtzehnjährigen Adelheid Mai verlobt. Er kam öfter und machte die beiden Schwestern seines Freundes mit seiner jungen Braut bekannt. Es entstand eine herzliche Freundschaft zwischen der ältern Eugenie, die das Schicksal schon durch eine so harte Schule geführt hatte, und der jungen anspruchslosen Adelheid, die im Elternhause noch das gehegte, gehütete Kind war, im Elternhause, das sie so bald schon verlassen sollte, um sich einen eigenen Herd zu gründen.

Und diese Freundschaft hatte Bestand. Die zweite Frau ehrte und pflegte das Andenken der ersten. Sie war es, die in den letzten Jahren ihrer Ehe den vielbeschäftigten und daher oft zerstreueten Gatten erinnerte, daß der Geburts- oder Todestag der Frühverstorbenen gekommen; sie war es, die dann für die Bekränzung des Grabes sorgte, ja, die alte, schon schwer leidende Frau ist noch am letzten Johannistage, den sie erlebte, hinaus auf den alten Friedhof gepilgert, den Hügel von Der zu schmücken, die der Gatte vor ihr geliebt.

Am 21. Mai 1838 wurde Robert Blum mit Adelheid Mai getraut; vier Monate später starb die junge Frau an den Folgen einer Erkältung, die sie sich auf einer Reise nach Berlin zugezogen.

Unterdessen hatte sich Eugenie Günther schnell und leicht in der neuen Heimath eingelebt. In des Bruders Hause sammelten sich geistig bedeutende Männer; politische Bestrebungen, literarische Unternehmungen wurden dort besprochen. Die Freiheitsbewegung, die in der 1848er Revolution gipfelte, regte sich damals schon und führte Alles, was nach Befreiung und Unabhängigkeit strebte, wie durch Nothwendigkeit zusammen. Dieses stille Gähren, dieses rastlose Vorwärtsstreben, das alle aufgeklärten Geister ergriff, war es, was Robert Blum dem tiefen Schmerze um die junge anmuthige Frau entriß. Er lebte wieder dem Freundeskreise und wurde ungesucht der Führer ihrer stillen Pläne.

In Eugenie fand er einen begeisterten Nachhall seiner Freiheitsideen. Sie aber trat jetzt zum ersten Male einem Manne näher, dessen starker willenskräftiger Geist den ihrigen noch beherrschte. War sie doch auch mit einem guten Theile Energie und Thatkraft bedacht, hatte sie doch diese ihr von der Natur verliehene Gabe durch sorgsames Arbeiten an sich selbst zu entwickeln gewußt, hatte sie sich doch in harter Zeit Gemüthsruhe und Geistesgegenwart bewahrt – aber hier war ein Charakter, der noch mächtiger seinen Willen geschult hatte, der aus Armuth und Unwissenheit sich emporgerungen zum Führer wissenschaftlich gebildeter Geister. Und dazu die Verwandtschaft ihrer Neigungen und Interessen! Eugenie fühlte immer mächtiger den neuen Einfluß, aber das geistig selbstständige Mädchen glaubte ihn abschütteln zu müssen um jeden Preis. Um für sich den Bann zu brechen, in dem sie sich befangen wähnte, beschwor sie unter Thränen den Bruder, sich von diesem Freunde loszusagen. Sie redete sich selber ein, er, der Freund, meine es nicht redlich, er biete nur allen Einfluß auf, um die Anderen für seine Plätte auszunützen. Es half nichts; der Bruder vertheidigte den Freund: sie solle doch nur in seine ehrlichen klaren Augen sehen. – Als ob sie das nicht schon längst gethan hätte!

Im Juni 1839 besuchte Jenny ihre in Kappel bei Chemnitz verheirathete jüngste Schwester; wenige Tage nach ihrer Ankunft hatte sie den Brief Robert Blum’s in Händen, in dem er sie bat, die Seine zu werden. Sie gab ihr schriftliches Ja; den Sonntag darauf kam er, sich auch das mündliche zu holen.

Das Brautpaar erstieg eine Höhe bei Chemnitz; sie sahen auf das grünende Land hinab, aber auch in Glück, Liebe und Sonnenschein sprach doch sein hoher Beruf zu dem Kämpfer für [728] Freiheit und Recht. „Und wenn die Zeit käme,“ sprach er zu der Geliebten, „wo ich zu wählen hätte zwischen Dir und dem Kampfe, vielleicht dem Tode für meine Ueberzeugung, würdest Du mich ziehen lassen?“

Da war es, als griffe ihr künftiges Schicksal ihr schneidend in’s Herz; sie sah auf den Geliebten, der in Glück, Gesundheit und Thatenmuth dastand, sollte sie dem kaum erblühten Glücke das Todesurtheil sprechen? Aber sie war nicht umsonst unbewußt die Schülerin des freiheitsbegeisterten Mannes gewesen, und so sprach sie fest: „Du müßtest gehen, und ich dürfte Dich nicht halten.“

Am 29. April 1840 ward in der Dorfkirche zu Thekla bei Leipzig ihre Vermählung geschlossen. Eugeniens Bruder, Georg Günther, wurde in derselben Stunde, vor demselben Altar getraut. In der äußersten Vorstadt Leipzigs, im kleinsten Hause der sogenannten „großen Funkenburg“ vor dem Ranstädter Steinweg wohnte Robert Blum während der ersten Jahre seiner Ehe. Das Häuschen war drei Fenster breit und hatte über dem Erdgeschosse nur ein Stockwerk; hinten schloß sich ein schöner, obstreicher Garten an. Damals zahlte man für Beides, Wohnung und Garten, zusammen jährlich fünfzig Thaler Miethe. – Jetzt sind dem Häuschen noch auf jeder Seite zwei Fenster angesetzt; trotzdem nimmt es sich noch gar unscheinbar unter seinen stattlichen Nachbarn aus.

Der Weg unter den Pappeln, dem Kuhthurme und dem Dorfe Lindenau entgegen war Abends der Lieblingsspaziergang des jungen Paares. In ihren letzten Lebensjahren wohnte die Wittwe in derselben Stadtgegend, und wieder war es die Lindenauer Chaussee, die sie, jetzt auf ihrer Kinder Arm gestützt, mit Vorliebe entlang wanderte, so lange die müden Glieder sie noch tragen mochten. „Hier ist mir immer, als lebte ich jetzt nur in einem Traume, und jede alte Pappel hat für mich eine Geschichte.“

Die politische Bedeutung Robert Blum’s wuchs. Das kleine Haus der Vorstadt beherbergte oft Männer mit vielgenanntem Namen; im Herbste 1842 sammelten sich bei Robert Blum freisinnige Männer aus allen Gauen Deutschlands zur Berathung, der alte Itzstein, Herwegh, Trützschler, die Grafen Reichenbach und Andere saßen da an Frau Eugeniens Tisch. Auch die literarischen Größen des Tages verkehrten häufig in der Familie. Mit Herloßsohn arbeitete Robert Blum am Theaterlexikon; auch mit Marggraff stand er durch gemeinsame Arbeit in Verbindung; der muntere Lortzing sprach nachbarlich bei ihnen vor, und bis in ihre letzten Tage erzählte Frau Blum noch mit Behagen, wie Karl Gutzkow sie einmal die Treppe kehrend angetroffen, sie für das Dienstmädchen gehalten, und wie sie als solches die Auskunft gegeben: Der Herr Secretär sei zwar jetzt nicht, dafür aber Nachmittags sicher zu Hause anzutreffen. Nachmittags empfing die Frau des Hauses den werthen Gast; er soll sie aber manchmal zweifelnd von der Seite angesehen haben. Die Frage, ob er seinen Irrthum vom Morgen inne geworden, ist ihr bis zuletzt ungelöst geblieben.

Das enge Haus konnte die Familie nicht länger fassen; drei Knaben wuchsen zur Freude der Eltern heran; da wollten die drei Stuben, von denen zwei nur Kammern waren, bald nicht mehr ausreichen.

Robert Blum kaufte sich ein Haus mit Garten in der Eisenbahnstraße, ebenfalls in äußerster Vorstadt. Im Frühling 1845 bezogen sie das neue Grundstück, aber nach wenigen Wochen schon trug man ihnen den Sarg des jüngsten Kindes hinaus. Der Vater und besonders die Mutter litten schwer unter diesem Todesfalle; es existirt noch ein Brief von Robert Blum, der den Schmerz des Mannes, der sich mit so großen, idealen Plänen trug, dessen Name schon unter den Besten genannt wurde, um das fünfvierteljährige Kind in ergreifender Weise ausspricht. Die Mutter aber konnte, obgleich ihr später noch eine Tochter und ein Sohn geschenkt wurden, den Verlust des hoffnungsvollen Knaben nie vergessen.

Zu derselben Zeit ging die Befreiung der deutsch-katholischen Kirche von der römisch-katholischen als Vorspiel zur spätern politischen Revolution durch Deutschland. Wie Robert Blum, der jedes Streben nach Freiheit auf jedem Gebiete als sein großes Ziel erfaßte, sich auch in diese Bewegung warf, ist bekannt. Er, der Katholik, trat zuerst in die Reihe der Deutsch-Katholiken, aber er billigte es durchaus, daß seine protestantische Gattin sich von diesem Uebertritte ausschloß. „Meine Kirche erlaubt mir die Geistesfreiheit, die ich bedarf, und wenn Jedes nach seinen religiösen Ansichten sich eine Confession bilden sollte, so gäbe es ebenso viel Confessionen wie denkende Menschen,“ so etwa beantwortete sie alle Fragen, die damals und auch später deshalb an sie gerichtet wurden.

Immer bewegter wurde die Zeit. Die wachsende Gährung im Volke rief die traurigen August-Ereignisse jenes Jahres hervor. Eugenie Blum verlebte den ersten dieser Schreckenstage allein zu Hause; ihr Mann war verreist und wurde erst Abends zurückerwartet. Sie sah von ihrem Hause aus, wie dem Eisenbahnzuge Reihe um Reihe von Soldaten entstieg, die heimlich herbeigerufen worden waren, die aufgeregte Stadt in Schach zu halten. Da eilte sie dem ankommenden Gatten am Bahnhof entgegen, setzte ihn von den Ereignissen des Tages, dem Eintreffen der Soldaten in Kenntniß, und so konnte er, unterrichtet von Allem, was er wissen mußte, unter die Versammelten im Schützenhause treten. Den andern Morgen führte er die ganze Menschenmenge vom Schützenhause auf den Marktplatz und sprach dann jene versöhnenden Worte vom Balcon des Rathhauses herab, nach denen die Menge ruhig und vertrauend auseinander ging. Die Dankadresse, die Robert Blum alsdann, von Tausenden von Unterschriften bedeckt, für sein Eintreten überreicht erhielt, hat seine Frau, seine Wittwe, wie ein Heiligthum aufbewahrt.

Sie war stolz; sie war ehrgeizig; sie war begeistert, aber nur für ihn und sein Ziel. Sie hemmte nicht durch kleinliches Zagen seinen hohen Flug; sie war die ebenbürtige Gefährtin seines Strebens, und wenn er nach Hause kam aus der Last des Berufes, den Sorgen um die neugegründete Buchhandlung, dem Widerstreite der Parteien, dann hatte sie gesorgt, daß er ein friedvolles Daheim fand, daß er ganz das sein konnte, was er so gerne war, Hausherr und Vater.

Dann pflanzte er in seinem Garten, stieg die Leiter empor zum Taubenschlag, ließ die Knaben die Glieder üben an den aufgestellten Turngeräthen, oder setzte sein kleines Mädchen zwischen die beiden Käfige der beiden Kanarienvögel, während er den gelben Thierchen frisches Wasser gab. Schon ging der älteste Sohn zur Schule, durfte mit dem Vater die Schwimmanstalt besuchen, und wenn sie dann Beide in der Mittagsgluth zusammen dem fernen Heim zuwanderten und der lebhafte Knabe schon von fern auf jeden noch so geringen Schatten aufmerksam machte, dann dämpfte der Vater mit dem Humor des Rheinländers die Schattenbegeisterung des Kleinen:

„I, das ist ja nur ein Mauseschatten.“

„Aber der dort, Vater!“

„Das ist allerhöchstens ein Katzenschatten.“

Wohl war es ein volles, reines, ungetrübtes Glück, das über dem Hause und seinem flachen Dache lag; nach außen sah die Hausfrau den Gatten Ruhm und Ehre ernten und besonders in dem Stande, aus dem er hervorgegangen, eine an Vergötterung grenzende Liebe gewinnen, im Innern nur stilles klares Familienglück, das beste, herzlichste Einvernehmen der Eltern, gesunde, gutgeartete Kinder.

Aber die Zeit kam schnell – da stellte das Schicksal sie vor jene Alternative, vor der die Braut vorahnend gebebt; er mußte sich selbst einsetzen für das, was er gewollt; sein Verhängniß trieb ihn nach Wien, und die Frau, die Mutter mußte doch sprechen: „Ich darf Dich nicht halten.“

Schritt für Schritt kam es heran, das Unglück, das seinen Schatten vorauswirft. Zu Weihnachten 1847 – der jüngste Knabe war erst zwei Tage alt – brach der Vater beim Taubenfüttern den Arm; noch gefährlicher als der Knochenbruch erschien anfangs die Erschütterung des mächtigen Brustkastens; es waren schwere, angstvolle Festtage. Dann entführten die Märzerrungenschaften der Familie den Vater nach Frankfurt, und wunderbar klingen in seine Berichte über jenen herrlichen Frühling des erwachten Deutschlands, über die enthusiastische Aufnahme, die er als Träger seiner Idee in Süddeutschland findet, die leise Sehnsucht nach dem Familienkreise, die Sorge: was wird unterdessen aus Frau und Kindern, denen im eigentlichsten Sinne der Erhalter fehlte.

Zweimal war den Gatten noch ein kurzes Wiedersehn beschieden; im August kam er zu mehrtägigem Aufenthalte nach Leipzig, sich [729] und sein Wirken im Reichstage vor den Wählern zu vertreten. An seiner Seite genoß Blum’s Frau alle die Huldigungen mit, die das Volk in jenen Tagen seinem Lieblinge darbrachte; ihr Herz hat dabei wohl am stolzesten mitgejubelt.

Dann kam jene Nacht im October, in der er auf der Durchreise von Frankfurt nach Wien nur wenige Stunden in seinem Hause zubrachte. „Besorge Zuckerwerk, das ich den Kindern mitbringe,“ schrieb er seiner Frau, als er die Durchreise meldete. Die Kinder hatten gehört, daß der Vater kommen werde; sie sollten frühzeitig zu Bett gehen, damit sie in der Nacht munter wären. Aber die beiden ältesten Knaben waren vor Freude aufgeregt und wollten den Vater wachend erwarten. So fand er, als er sehr spät kam, den Aeltesten auf dem Sopha eingeschlafen, den Zweiten schlaftrunken auf seinem Stuhl am runden Tisch.

Die Eltern saßen auf dem Sopha, das der junge Schläfer mit ihnen theilte; der Vater hielt das inzwischen aufgewachte Töchterchen auf den Knieen; das Dienstmädchen brachte den zehn Monate alten Jüngsten herein – so war die Familie zum letzten Mal beim Kerzenlicht vereint. Unaufhaltsam rückte der Zeiger der Uhr vor und wies auf die Stunde der Trennung – die Gattin mußte ihn ziehen lassen; sie konnte, sie durfte ihn nicht halten.

Die Briefe, die Robert Blum von Wien aus an seine Frau gerichtet, kennen Tausende; Niemand aber kennt das Ringen zwischen Hoffen und Bangen, zwischen der Begeisterung für die große Bewegung und dem Zittern um das Leben des Theuersten, das im gepreßten Herzen auf und abwogte.

Am 9. November, als schon die Kugel seine Brust zerrissen hatte, meldete sein Brief vom 6. seine Gefangennahme, sprach aber die feste Hoffnung auf sofortige Freilassung und Heimkehr aus. Und von da an ging sie jeden trüben Novembermorgen mit den Kindern zum Bahnhof und hoffte, den Gatten aus dem heranbrausenden Zug winken zu sehn, bis jener schwere 13. November kam. Da saß die Familie wieder um den runden Tisch, der sie so oft froh und glücklich um sich versammelt hatte. Die Kinder ahnten nichts von dem Verhängniß, das über sie hereingebrochen, und ließen sich die Frühstücksmilch trefflich munden. Richard, der Zweite, hatte durch eingebrockte Semmeln eine wunderschöne „Torte“ zu Stande gebracht, die auch nicht zusammenfiel, als er sie aus der Ober- auf die Untertasse stülpte. Die kleineren bewunderten das Kunstwerk und sahen auch dann nicht auf, als des Vaters naher Freund mit verstörtem Gesicht eintrat. Sie hörten ihn wenige Worte zur Mutter sprechen und sahen diese starr, wie verständnißlos zu ihm aufblicken, während Hans, der Aelteste, mit dem verzweifelten Aufschrei: „Mein Vater, mein Vater!“ das Gesicht in die Kissen des Sophas drückte.

Was damals in dem weichen Herzen, dem starken Geist der Frau, der Mutter gewühlt, weiß Niemand. Sie selbst hat nie davon gesprochen. Die Fluth von Beileidsbezeigungen, von Tröstungen, ja, von Huldigungen, welch’ letztere man vom gefeierten Volksmanne auf dessen Wittwe übertrug, hat sie wohl in halber Betäubung getroffen.

Dazu kam der Zweifel, ob das Schreckliche wahr, ob der Tod nicht nur erfunden sei, um den gefürchteten Freiheitskämpfer um so sicherer im Kerker halten zu können. Wie diese Ungewißheit, die mit ihr anfangs Viele theilten, benutzt wurde, um der gequälten Frau den klaren Geist zu verwirren und sie dadurch unfähig zu machen zur Erzieherin ihrer Kinder, ihren Besuch bei der Gräfin Kielmannsegge, hat vor mehreren Jahren eine genau unterrichtete Feder in der „Gartenlaube“ erzählt. Aber ihre Kinder, die Nothwendigkeit, ihren Kindern sich zu erhalten, ließen sie auch diesen Sturm bestehen.

„Erziehe unsre, jetzt nur Deine Kinder zu braven Menschen, daß sie ihrem Vater nimmer Schande machen!“ das war des Gatten letzter Wille, und sie fand die Kraft, ihn auszuführen. Sie entrückte die beiden ältesten Knaben der wechselnden Liebe und Feindseligkeit der Parteien, deren Einfluß selbst schon auf die kindlichen Gemüther sie erkannte, und brachte sie in ein Institut bei Bern in der Schweiz.

Die herrliche Natur übte den alten Zauber an ihr aus; beruhigt und geistig gestärkt, kehrte sie in ihr verwaistes Haus zurück. Um sich alles Grübeln fernzuhalten, um den Geist zu beschäftigen und dadurch den nagenden Seelenschmerz zu übertäuben, begann sie das Studium der englischen Sprache. Wie Alles, was sie ergriff, führte sie auch dieses neue Lernen mit so ausdauerndem Eifer durch, daß sie nach einem halben Jahre die fremde Sprache vollkommen in ihrer Macht hatte. Jetzt wollte sie ein Mädchen-Institut gründen; die Vorverhandlungen waren in vollem Gange, Lehrerinnen engagirt, Schülerinnen von fern und nah schon angemeldet, da ergriff eine schwere Krankheit den ohnehin schwächlichen Körper der schwergeprüften Frau und bannte sie dreiviertel Jahr lang an’s Krankenlager.

Unterdessen waren die Vermögensverhältnisse der Familie geordnet. Die opferfreudige Theilnahme des ganzen Volkes hatte der Wittwe, den Waisen seines Märtyrers eine sorgenfreie Zukunft gesichert; so konnte die Mutter mit den zwei jüngsten Kindern in die Schweiz ziehen, um von nun an auch den ältesten Söhnen nahe zu sein.

Dort nun übte sie still und treu hingebend und aufopfernd das letzte Vermächtniß des Gatten, die Kinder zu erziehen zu braven Menschen. Was sie dort gehalten und gewirkt in nimmer ermüdender Arbeit, mit festem Muth und zärtlich wachendem Auge, das sagen Bücher nicht aus. Welche Worte erschöpften auch die Liebe einer Mutter?

Sie spielte, sie lernte, sie lebte mit ihnen; mit den ungelehrigen ward sie ein schwer lernendes Kind, mit den vorwärtsstrebenden ein eifriger Schüler. Sie that ihnen die Augen auf für die Schönheit der Natur, der Kunst; sie lehrte ihnen früh schon Hochachtung vor jeder freien, selbstständigen Ueberzeugung. So durfte sie die Söhne ohne Bangen in’s bunte Leben hinausschicken; die Mutter selbst hatte ihnen die beste Wehr gegen die Verlockungen der Welt gegeben. Und sie kehrten zu ihr zurück, wie der Vater sie gewollt, als brave Menschen.

Im Frühlinge 1864 mußte sie schweren Abschied nehmen von ihrem zweiten Sohne; er ging als Ingenieur nach Amerika. Ein Jahr später kehrte sie in die alte Heimath, nach Leipzig, zurück; der älteste Sohn hatte dort einen eigenen Hausstand gegründet, und in der Stadt, die sie als gebeugte Wittwe verlassen, sah sie das junge Glück ihrer Kinder aufblühen.

Im Jahre 1867 unternahm die siebenundfünfzigjährige Frau die beschwerliche Reise nach Amerika, um dem zweiten Sohne die ihm früh verlobte Braut zuzuführen. Sie blieb beinahe zwei Jahre drüben in der neuen Welt; dort sah sie den geliebten Bruder, die älteste Schwester wieder und lebte sogar mehrere Wochen lang im fernen Urwalde des Westens, wo ein Anhänger ihres Mannes die Colonie Bloomfield gegründet hat.

Körperlich und geistig frisch, glücklich durch das Wiedersehen der theuren Verwandten, angeregt durch all die neuen Eindrücke und Beobachtungen, kehrte sie im Mai 1869 zu ihren Kindern nach Leipzig zurück. Ein Jahr später rief der Krieg ihren jüngsten Sohn in’s Feuer. Sie ließ ihn ruhig und ohne Klage ziehen; sie freute sich stolz jedes Sieges der deutschen Waffen; sie jammerte nicht um das Geschick des Sohnes, den sie in blutigen Schlachten wußte, aber als er gesund, kräftig und unverletzt, mit dem eisernen Kreuze geschmückt, zur Mutter zurückkehrte, da trug sie schon den Todeskeim in der schwerathmenden Brust.

Sie konnte den Verlauf der eignen Krankheit schon im Voraus an dem theuren, einzigen Bruder beobachten, der sie im Herbst 1871 besuchte und von demselben asthmatischen Leiden hart bedrängt war. Er war nach jahrelangem Exile aus Amerika gekommen, in deutscher Erde begraben zu werden; er starb am 30. Januar 1872 im vierundsechszigsten Lebensjahre. Damals glaubte die Schwester nicht, daß sie dasselbe Alter erreichen würde, aber ihre energische, thatkräftige Natur besiegte immer wieder die Schwäche des Alters, der Krankheit. Unermüdlich thätig im Hause, kannte sie für sich weder Schonung noch Rast. Ihre liebste Erholung war Abends ein Spaziergang durch die Wiesen und Wälder auf der Südwestseite der Stadt, und wenn die Kräfte dazu nicht ausreichen wollten, saß sie im Sommer unter den grünen Tannen ihres Gärtchens, versammelte alle Kinder der Nachbarschaft um sich, erzählte und lehrte ihnen.

„Frau Blum ist im Garten,“ hieß für die junge Schaar so viel wie: „Aber jetzt wird’s hübsch.“

Das Leben, das ihr so früh das Höchste geraubt, ihr auf der Mittagshöhe so schwere Stürme gebracht, zeigte ihr jetzt, da es Abend ward, nur sein friedliches, mildes Licht. Sie sah die [730] Söhne als geachtete Männer ihren Kreis ausfüllen und hatte die Tochter sich zur Freundin herangezogen. In den Familien der beiden ältesten Söhne erwuchsen liebe, blühende Enkel und der jüngste Sohn wollte in wenig Tagen die junge Braut heimführen.

Ihre letzte, ihre einzige Sorge war noch, daß sie dieses Freudenfest erleben möge, ihr ängstlich immer wiederholter Wunsch der: es solle, möge kommen was wollte, die Hochzeit am bestimmten Tage gefeiert werden.

Ihr Wunsch ist erfüllt worden, aber sie hat seine Erfüllung nicht mehr erlebt.

Am 13. März fuhr sie noch mit ihrer Tochter im Rosenthale spazieren. Sie war schon sehr schwach, aber die Freude an der Natur, das glückliche Auge, das überall Schönes findet, hatte sie sich bewahrt bis in die letzten Tage. Sie wies auf eine junge Buche, in deren welke Blätter sich der Schnee gehängt hatte: „Da sehe ich doch noch einen blühenden Baum.“

Zwei Tage später, Sonntags, am 15. März 1874, Abends um halb sechs Uhr, entschlummerte sie ruhig und sanft dem Leben, an dem sie trotz Geistesgröße und Seelenmuth doch so schwer zu tragen gehabt, und Blumen, Blüthen, die sie so geliebt, überdeckten ihren Sarg.

Wohl mögen Viele ihr nachtrauern, der geistig hochbegabten Frau, der treuen, ausharrenden Freundin, der edlen Gattin des edlen Freiheitshelden, ein Laut, ein Wort, ein Ehrentitel aber ist, der klingt voller als alles Lob, der schlingt fester den nimmer welkenden Kranz der Liebe um ihr Andenken:

Das Wort heißt: Mutter.