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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Corona Schröter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 688–690
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[688]
Corona Schröter.
Von Rudolf Gottschall.

Aus der Genie-Epoche der deutschen Literatur tritt das Bild einer anmuthigen und begabten Künstlerin jetzt mit erneuter Frische und schärferen Zügen hervor, einer Künstlerin, die unserem großen Goethe in der Epoche seiner jugendlichen Leidenschaft nahe stand und einige seiner schönsten dichterischen Gestalten zuerst auf der Bühne in’s Leben rief. Ein wehmüthiger Reiz schwebt um die liebenswürdige Erscheinung; denn, wie so viele gefeierte Künstlerinnen, schied sie nach einer Glanzepoche des Ruhms und der Liebe in Einsamkeit und Vergessenheit.

Keinem, der sich mit dem Leben Goethe’s und der classischen Zeit Weimar’s beschäftigt hat, wird der Name Corona Schröter unbekannt sein. Doch ein zusammenhängendes Lebensbild der Künstlerin hat uns erst Robert Keil neuerdings in seiner interessanten Schrift „Vor hundert Jahren“ gegeben, und zwar aus neuen und vervollständigten Quellen. Namentlich sind es die Tagebücher Goethe’s selbst, vom 11. März 1776 bis 5. März 1782, aus denen auf das Verhältniß des Dichters zu der schönen Künstlerin ein volles Licht fällt. Diese Tagebücher hat Keil zum ersten Male im Zusammenhange herausgegeben. Es sind sehr wichtige Actenstücke für die Charakteristik jener tollen Weimar’schen Genie-Epoche, in welcher der junge Fürst mit dem jungen Dichter und einem lebenslustigen Hofe in einer wilden, doch künstlerisch geadelten Genußsucht dahinstürmte. Ohne Frage nimmt Corona Schröter in der reichen Schönheitsgalerie der Frauen und Mädchen, denen der Dichter leidenschaftlicher Neigung ergeben war, einen hervorragenderen Platz ein, als ihr bisher eingeräumt wurde; aber auch in der Geschichte deutscher Kunst bleibt ihr als der ersten und unübertroffenen Darstellerin der Iphigenie eine ehrenvolle Erinnerung gesichert. Robert Keil nennt sie „die vielleicht reizendste, anmuthigste und geistvollste Künstlerin, die in Deutschland jemals die Bühne betraten hat.“

Corona Schröter war die Tochter eines untergeordneten Musikers, des Hautboisten Johann Friedrich Schröter, und wurde im Jahre 1751 in Guben geboren. Der Vater zog nach Auflösung des gräflich Brühl’schen Regiments nach Warschau. Hier entwickelte sich früh ihre schöne Gestalt, ihr Talent für Zeichnen und Gesang. Der Vater war ihr Gesanglehrer, strengte sie aber beim Unterrichte zu sehr an, sodaß ihre Stimme zwar einen bedeutenden Umfang erhielt, aber geschwächt und etwas bedeckt wurde. Als der Vater im Vertrauen auf die Freundschaft des Schöpfers des deutschen Singspiels, Johann Adam Hiller’s, mit seiner Familie nach Leipzig gezogen war, wurde Corona die Schülerin Hiller’s und machte unter dessen Leitung glänzende Fortschritte. Schon im Jahre 1765 sang sie als ein vierzehnjähriges Mädchen im Leipziger Großen Concert. Nach wenigen Jahren, in denen sie durch unermüdliches Studium sich weiter ausgebildet hatte, wurde sie der erklärte Liebling des gebildeten Leipziger Publicums.

In der Blüthe ihrer Jugend, gefeiert als Künstlerin, gepriesen wegen ihrer Reize, der junonischen Gestalt, des vollendeten Ebenmaßes der Formen, der anmuthigen Gesichtszüge, der leuchtenden geistvollen Augen, war Corona auch vielumworben. Zu ihren Verehrern gehörte Dr. Karl Wilhelm Müller, später Bürgermeister von Leipzig und hochverdient um die Stadt, ihre Anlagen, und Kunstinstitute, der Gründer des Leipziger Gewandhauses; er hielt um die Hand Corona’s an, doch sie lehnte die Werbung des angesehenen Rathsherrn ab. Dagegen ließ sie sich in einen abenteuerlichen Liebeshandel mit einem Grafen ein, der sie unter trügerischen Eheversprechungen nach Dresden lockte; sie riß sich von ihm los, nachdem sie den Verführer durchschaut hatte, doch sie sollte nicht nur den Schmerz der ersten Täuschung erfahren, sondern auch ihr Leben mit einem Makel behaftet sehen, da die Meinung Robert Keil’s, daß sie auch hierbei ihre fleckenlose Reinheit bewahrt habe, wohl kaum die Ansicht der Zeitgenossen gewesen ist.

Der junge Patriciersohn Goethe war 1765, sechszehn Jahre alt, nach Leipzig gekommen, um sich hier den Universitätsstudien zu widmen. Ebenso genial wie stolz und übermüthig, suchte er Aufsehen zu erregen; seine Kleider waren von einem so närrischen Geschmack, daß sie ihn auf der ganzen Universität auszeichneten. Er sah und hörte Corona im Concerte und war sehr entzückt über „ihre schöne Gestalt, ihr vollkommen sittliches Betragen und ihren ernsten anmuthigen Vortrag“. Er trat ihr auch selbst näher und veranstaltete mit ihr und der ihm befreundeten Breitkopf’schen Familie theatralische Aufführungen. Wie er selbst erzählt, machten ihn verschiedene ihrer Anbeter zum Vertrauten und erbaten sich seine poetischen Dienste, wenn sie irgend ein Gedicht zu Ehren ihrer Angebeteten heimlich wollten drucken und ausstreuen lassen. Es ist wahrscheinlich, daß der junge Dichter auch auf eigene Hand die Sängerin poetisch verherrlicht hat. Im Jahre 1768 ging Goethe von Leipzig nach Frankfurt zurück; doch sollte diese erste Begegnung sich später folgenreich erweisen.

Inzwischen fand Corona einen anderen glühenden Anbeter in Johann Friedrich Reichardt, dem späteren vielgenannten Componisten der Goethe’schen Lieder. Im Frühlinge 1771 war dieser nach Leipzig gekommen, ebenfalls wie Goethe zum Besuche der Universität, wie dieser ein stattlicher Jüngling mit einem Gesichte wie Milch und Blut, und wie dieser auf gewählte, auffallende Toilette bedacht, stutzerhaft in der Wahl himmelblauer und rosarother Farben für das Futter seiner Tuchröcke. Er sah die schöne herrliche Sängerin und empfand für sie eine Leidenschaft, die ihn während seines Leipziger Aufenthaltes ausschließlich beherrschte. Tag für Tag war er in ihrer Gartenwohnung im Richterschen Garten mit ihr zusammen; die Nächte hindurch componirte er Lieder, die sie am nächsten Tage ihm vortrug, obgleich ihre Freundschaft nicht so weit ging, sie in einem öffentlichen Concerte zu singen. Aus Reichardt’s Tagebuchblättern geht hervor, welchen tiefen Eindruck ihr Gesang auf ihn machte, wenn sie namentlich die Hasse’schen Meisterscenen unübertrefflich vortrug: „Besonders eine große Scene aus Hasse’s Artemisia, die mit der Arie schließt: ,Rendetemi il mio ben, numi tiranni,’ konnte man gar nicht oft genug von ihr hören, und es verging selten ein Tag, wo ich sie nicht von ihr mir erbat, aber auch nie habe ich ihr ohne die tiefste Herzensbewegung gelauscht. Dieser hohe Genuß hat mich vielleicht allein zu dem Künstler gemacht, der ich geworden bin.“

Reichardt erfreute die Künstlerin durch sein ausdrucksvolles Clavierspiel, doch erwiderte sie seine Neigung nicht. Als er einmal im Garten wagte, ihr einen Kuß zu rauben, wies sie [689] ihn mit so spröder, wegwerfender Art zurück, daß er sich diese „Frechheit“, wie er selbst erzählt, nie wieder erlaubte. Nur ein leiser Händedruck belohnte die treue Anhänglichkeit des jugendlichen Verehrers, der in seinem Eifer soweit ging, daß er den Plan faßte, Corona, deren Abneigung vor dem öffentlichen Auftreten im Großen Concerte er kannte, die vierhundert Thaler jährlichen Einkommens, die sie vom Concerte hatte, heimlich und anonym durch Hülfe wohlhabender Freunde zukommen zu lassen, um ihr die volle künstlerische Unabhängigkeit zu sichern. Natürlich blieben seine Bemühungen erfolglos; bald sollte indeß ein Ruf an die Sängerin ergehen, der sie von der mißliebigen Verpflichtung entband, im Leipziger Concerte zu wirken.

Am 7. November 1775 war Goethe, der inzwischen seine Studien vollendet und durch seine ersten Dichtwerke sich einen großen Namen verschafft hatte, in den Weimarer Kreis eingetreten, „ein schöner Junge, der vom Wirbel bis zur Zehe Geist und Stärke, ein Herz voll Gefühl, ein Geist voll Feuer mit Adlerflügeln“, wie Heinse sagt. Er wurde bald der Mittelpunkt des ganzen Kreises, der Liebling der Damen. Zu den Hauptvergnügungen des Weimar’schen Hofes gehörten die Liebhaberspiele und die Concertaufführungen; oft wurde im Schatten des Ettersburger Forstes auf einer in frisches Grün gehauenen Bühne, oft auch im Tiefurter Parke gespielt. Doch fehlte diesen Ausführungen, deren Seele die ebenso lebenslustige wie kunstsinnige Herzogin Amalie war, eine große künstlerische Kraft, eine Darstellerin und Sängerin, welche dem mehr dilettantischen Treiben der Hofherren und Hofdamen die höhere künstlerische Weihe gegeben hätte. Goethe dachte an Corona und erhielt den Auftrag, nach Leipzig zu reisen und ihr die Stellung als Kammersängerin der Herzogin-Mutter in Weimar anzutragen.

Wieder standen sich die Beiden gegenüber, der schöne Mann dem schönen Weibe. Goethe war nicht mehr der jugendliche Student mit seiner lyrischen Schwärmerei, er war der in Deutschland gefeierte Dichter. Corona war zu voller weiblicher Schönheit erblüht, mit tiefen, braunen Augen, dem von dunkler Gluth angehauchten Teint, den anmuthigen Lippen, den Zügen von hoher geistiger Lebendigkeit und der vollendeten Gestalt. Tief war der Eindruck, den sie auf den leicht beweglichen Goethe machte, und als sie dem Rufe nach Weimar Folge geleistet und im November 1776 in die Musenstadt an der Ilm eingezogen war, da wurde sie auch zur Muse des Dichters, dem sie fünf Jahre hindurch in leidenschaftlicher Liebe nahe stand. Freilich mußte sie Goethe’s Neigung mit einer anderen Frau theilen, und wenn irgend etwas für die Weimar’sche Genie-Epoche charakteristisch ist, so ist es diese Doppelliebe ihres gefeiertsten Vertreters. Schon die Aufzeichnungen des Tagebuches mit ihrer trockenen Nüchternheit geben uns ein Bild davon, wie Goethe zwischen Frau von Stein und Corona Schröter seine Zeit und sein Herz theilte, wie dieser Zwiespalt der Empfindungen ihm bisweilen unbequem wurde und ihn zur Selbstbesinnung herausforderte, wie er aber stets von neuem dem doppelten Zauber unterlag, den die feine Hofdame und die entzückende Künstlerin auf ihn ausübten.[1]

Frau von Stein, die Frau des Oberstallmeisters am Weimar’schen Hofe, hatte den Dichter zuerst durch ihre vornehme Weltbildung, ihre Freisinnigkeit, ihre entgegenkommende Anerkennung angezogen. Fast sieben Jahre älter als Goethe, war sie, als dieser nach Weimar kam, bereits Mutter von sieben Kindern. Ihre Erscheinung war anmuthig und einnehmend; sie hatte glänzende, geistreiche Augen und in ihrem Gesichte einen sanften Ernst und eine ganz eigene Offenheit. Aeußere geschmackvolle Eleganz, die Sicherheit und Gewandtheit der Formen und des Benehmens mußten auf den jungen Patriciersohn einen bestechenden Eindruck machen. Wie sie selbst zeichnete und sang, hatte sie auch warmes Empfinden für die Dichtkunst, regte den Dichter an, der sie in die Geheimnisse seines Schaffens einweihte, und suchte das wilde Genietreiben in maßvollere Bahnen zu lenken. Eine ebenso charakterfeste wie freisinnige Natur, gewann sie einen Einfluß auf Goethe’s leidenschaftliches Gemüth, dem sich dieser lange Jahrzehnte hindurch nicht zu entziehen vermochte. Doch das Verhältniß blieb nicht in den Schranken geistiger Beziehungen und gemächlicher Neigungen, es hatte den Reiz eines verbotenen Glücks, welches die weltkluge Frau geschickt zu verschleiern wußte. Was in ihr lag an gährender Eifersucht, hämischer Feindseligkeit gegen eine sich abwendende Neigung, das trat besonders gehässig hervor, als Goethe einen entscheidenden Bruch herbeigeführt hatte, indem er Christiane Vulpius in sein Haus nahm.

Zur Zeit, als Corona nach Weimar kam, war die Liebe Goethe’s zu Frau von Stein noch in ihren Flitterwochen. Den Eindruck, den die Sängerin auf ihn gemacht, verschwieg er zwar der Freundin nicht, obschon er diese Geständnisse durch Schmeicheleien für den überlegenen Geist und die Schönheit seiner Weimar’schen Muse zu mildern suchte. Er schrieb von Leipzig aus: „Die Schröter ist ein Engel – wenn mir doch Gott so ein Weib bescheeren wollte, daß ich euch könnt’ in Frieden lassen – doch sie sieht Dir nicht ähnlich genug.“ Und ein anderes Mal schrieb „Ich bin bei der Schröter – ein edel Geschöpf, in seiner Art – ach, wenn die nur ein halb Jahr um Sie wäre! Beste Frau, was sollte aus der werden!“ Doch Goethe beurtheilte Frau von Stein falsch, wenn er vorher an sie geschrieben hatte: „Du einziges, was mir Glück wünschen würde, wenn ich etwas lieber haben könnte als Dich.“ Sie war durchaus anders gesinnt, auf ausschließlichen Alleinbesitz bedacht und sah in der schönen Corona nur eine Nebenbuhlerin, eine nach Weimar in nächste Nähe übersiedelnde Gefahr. Goethe mußte sie beruhigen. Er schrieb einige Tage später aus Leipzig: „Liebe Frau, Ihr Brief hat mich doch ein wenig gedrückt. Wenn ich nur den tiefen Unglauben Ihrer Seele an sich selbst begreifen könnte, Ihrer Seele, an die Tausende glauben sollten, um selig zu werden. Bald komm’ ich. Noch kann ich nicht von der Schröter’n hinweg.“

Corona wurde in Weimar herzlich empfangen, sang alsbald in mehreren Concerten mit, zeigte sich auf den Maskenbällen, wo es sehr lustig herging und auf denen sie, nach Goethe’s Tagebuchbemerkung, sehr schön aussah.

Frau von Stein, obschon Goethe ihr ein Band geschenkt hatte, das sie ihm zum Gedächtnisse auf dem Maskenballe tragen sollte, machte aus ihrer Eifersucht auf die Künstlerin kein Hehl. Die Proben auf dem Liebhabertheater brachten diese und den Dichter einander näher. Spielte Goethe den Liebhaber, so wurden von den betheiligten Damen allerlei Minen angelegt, um neben ihm die Liebhaberin zu spielen; in tragischen oder Charakterrollen fiel sie ohne Weiteres der Corona zu. In den brillanten Gesangspartien überstrahlte sie alle Mitwirkenden. Von dem Repertoire des fürstlichen Liebhabertheaters darf man sich indeß keinen zu großen Begriff machen; die Mittel der Darstellung waren immerhin beschränkt, und die damalige dramatische Muse der Deutschen arm genug. Was Goethe selbst geschaffen hatte, von dem unmöglichen „Götz“ abgesehen, und was er anfangs für diese Bühne schuf, das trug einen durchaus dilettantischen Charakter. Man gab seine „Mitschuldigen“, ein offenbar verfehltes Lustspiel, „Erwin und Elmire“ in seiner ersten Gestalt, in Prosa mit eingelegten Versen, die „Lila“, den „Triumph der Empfindsamkeit“, oder wie das Stück anfangs hieß, „die Empfindsame“, den „Jahrmarkt zu Plundersweilen“, lauter untergeordnete Productionen, welche den Dichten des „Götz“ und „Werther“, verstrickt in Hofvergnügungen und Liebeshändel, als einen beiläufigen Gelegenheitsdichter zeigen. Doch die Lust an der Inscenirung und Darstellung, das Schaffen und Bestellen von Decorationen und musikalischen Begleitungen, ein Publicum, das selbst an den Aufführungen betheiligt war und für Alles, was hinter den Coulissen vorging, den regsten Antheil zeigte: das ersetzte reichlich den mangelnden dichterischen Werth dieser leichten dramatischen Waare, welcher der Stempel des Goethe’schen Genies nur mit unkenntlicher Flüchtigkeit ausgeprägt ist.

Desto genialer war damals das Leben des Dichters; sein Verhältniß zu Corona wurde immer inniger. Dem Zusammensein auf den Proben folgte oft ein abendliches Zusammensein in ihrem Hause. In seinem „lieben Gärtchen“ vor’m Thore an der [690] Ilm, in dem alten Häuschen, das er sich repariren ließ, in diesem „engen, gemüthlichen Neste“ war „Crone“ mit ihrer Freundin Probst und ohne dieselbe oft bei Goethe ganze Tage lang, oft bis zur Nacht und ihrem herrlichen Mondscheine. Einmal zeichnete er sie, und noch jetzt ist in seinen Sammlungen das damals von ihm gezeichnete Bild Corona’s erhalten; im Winter vergnügte er sich mit ihr auf dem Eise; dann wieder begleitete sie ihn auf einem Ritte nach Ilmenau weit in’s Land hinein. In dem Felsenwerke in den entstehenden Parkanlagen diesseits der Ilm hielt er sich oft mit der Künstlerin und dem Herzoge auf. Wieland traf sie einmal in dieser wunderbar künstlichen, anmuthig wilden Grottenpartie und berichtet darüber: „Beim Grottenmachen trafen wir Goethen in Gesellschaft der schönen Schröterin an, die in der unendlich edeln attischen Eleganz ihrer ganzen Gestalt wie in ihrem ganz simpeln und doch unendlich raffinirten und insidiosen Anzuge wie die Nymphe dieser anmuthigen Felsengegend aussah.“ Ein anderes Mal berichtet Wieland, wie der Herzog, Goethe, die Schröterin dort „offen unter Gottes Himmel und in den Augen aller Menschen, die da von Morgens bis in die Nacht ihres Weges vorübergehen“, ihr Wesen treiben.

War die Liebe Goethe’s zur schönen Corona nur eine seiner „Miseleien“, wie sie vorübergehende Liebschaften in der Zigeunersprache des Hofgenies nannten? Der Frau von Stein suchte es der Dichter einzureden; doch die scharfblickende Frau ließ sich nicht täuschen; sie fühlte, daß sie ihre Herrschaft über das Herz des Dichters jetzt theilen mußte. Anfangs sah sie einmal Corona mit Goethe und dem Herzoge bei sich zu Tische; später scheint sie alle persönlichen Beziehungen zu der Künstlerin aufgegeben zu haben. Schon im April 1777 zeigte sich die Eifersucht der Frau von Stein so rege, daß Goethe ihr schrieb: „Ich kann nichts thun, als Sie im Stillen lieben. Ihr Betragen zu denen andern Sachen, die mich plagen, macht mir so einen seltsamen Druck auf die Seele, daß ich muß suchen mich loszureißen.“ Immer von Neuem bekannte er ihr, daß er sie sehr lieb habe. Im October 1777 schrieb er ihr: „Warum das Hauptingrediens Ihrer Empfindungen neuerdings Zweifel und Unglaube ist, begreif’ ich nicht. Das ist aber wohl wahr, daß Sie Einen, der nicht festhielte in Treue und Liebe, von sich wegzweifeln und bannen könnten.“

Corona’s hohe Gestalt und ihre Begabung für plastische Darstellung, durch welche sie die Vorläuferin einer Schröder-Devrient war, konnte in den kleinen Singspielen und Possen des Liebhabertheaters nicht zur vollen Geltung kommen. Das fühlte Goethe und so hatte er schon in den Schwank „Die Empfindsamen“ ungebührlicher Weise ein Monodrama, „Proserpina“, eingelegt, in jenem freien, rhythmischen Schwunge gehalten wie Prometheus und der Künstlerin Gelegenheit bietend zu edler großer Deklamation und dem Adel plastischer Pantomime. Für die Freundin dichtete er aber auch seine erste „Iphigenie“, welche von Corona wunderbar hinreißend dargestellt wurde. Frau von Stein gab die geistigen Züge zu dem Charakter; Corona’s edle Gestalt und ernste Grazie schwebte dem Dichter für das äußere Bild der jugendschönen Priesterin vor. Und so entstand aus der Doppelliebe des Poeten die herrliche Dichtung „Iphigenie“. Später, als im Tiefurter Parktheater das Schattenspiel „Minerva’s Geburt, Leben und Thaten“ zur Aufführung kam, stieg Corona Schröter, nur von leichtem Gazeflor umhüllt, als Minerva aus dem Götterhaupte in wunderbarer Schönheit – und umkränzte dann den Namen Goethe, der in den Wolken strahlte. Auch war Corona die erste Sängerin, von welcher der Erlkönig gesungen wurde, als das Wasserdrama „Die Fischerin“ unter freiem Himmel an der Ilm zur Aufführung kam.

Eine der beiden Herzensköniginnen des Dichters mußte zuletzt den Sieg davontragen. Als der Triumph der Iphigenie ein geistiges Band um Dichter und Künstlerin schlang, welches für Frau von Stein auf’s Höchste bedrohlich erschien, da ließ die anmuthige und geistreiche Frau, wie Robert Keil in seiner Schrift behauptet und zu beweisen sucht, jede Zurückhaltung fallen, um den Dichter ganz zu sich zurückzuführen. Im Jahre 1781 wurde das Verhältniß ein glühendes und leidenschaftliches.

Die Liebe Goethe’s hatte Glanz in Corona’s Leben gebracht; von jetzt ab trat sie immer mehr in den Schatten. Das Liebhabertheater hörte 1783 auf zu existiren; Corona betrat nie mehr die Bühne. Sie blieb als Kammersängerin in Weimar, lebte den Künsten der Musik und Malerei und bildete junge Talente für die Bühne heran. Schiller, der sie 1787 kennen lernte, meinte, sie müsse in der That sehr schön gewesen sein; übrigens dünke sie ihm ein höchst gewöhnliches Geistesproduct und sie scheine von der Kunst sehr genügsame nüchterne Begriffe zu haben. Später urtheilte er günstiger; er rühmte ihre Natürlichkeit, ihren sehr guten Vortrag und bekannte, daß er mit ihr auf einem ganz charmanten Fuße stehe. Corona lebte längere Zeit in einem allen Nachrichten zufolge platonischen Liebesverhältnisse mit dem Kammerherrn von Einsiedel, einem Dichter von Operetten, in denen die Sängerin geglänzt hatte. Einsiedel war von erstaunlicher Gutmüthigkeit, hatte ein gefälliges ansehnliches Aeußere, eine ziemlich hohe Gestalt, eine bedeutende Stirn, lebhafte Augen, eine geistvolle Freundlichkeit und war der verbindlichste Freund seiner Freunde. Corona hat ihn einmal portraitirt. Von ihren Schülerinnen war Christiane Amalie Käthe Neumann, die Frühverstorbene, die Goethe in seiner „Euphrosyne“ gefeiert hat, die bedeutendste.

Schwer an einem Brustleiden erkrankt, zog sich Corona nach dem einsamen Waldstädtchen Ilmenau zurück, von wo sie dann und wann nach der Residenzstadt an der Ilm kam und durch ihre Vorträge die Salons erfreute. Am 23. August 1802 starb sie, und wurde einsam begraben; nur der wackere Knebel begleitete den Sarg.

Goethe widmete ihr einen kühlen Nachruf in seinen Annalen. Hatte er ihr doch früher in dem schönen Gedichte auf Mieding’s Tod einen, wie der Herzog Karl August selbst sagt, unverwelklichen Kranz gewunden:

Ihr Frauen, Platz! Weicht einen kleinen Schritt!
Seht, wer da kommt und festlich näher tritt!
Sie ist es selbst, die Gute fehlt uns nie;
Wir sind erhört – die Musen senden sie.
Ihr kennt sie wohl: sie ist’s, die stets gefällt:
Als eine Blume zeigt sie sich der Welt.
Zum Muster wuchs das schöne Bild empor,
Vollendet nun; sie ist’s und stellt es vor.
Es gönnten ihr die Musen jede Gunst,
Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.
So häuft sie willig jeden Reiz auf sich.
Und selbst Dein Name ziert, Corona, Dich.
Sie tritt herbei. Seht sie gefällig stehn!
Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schön,
Und hocherstaunt seht ihr an ihr vereint
Ein Ideal, das Künstlern nur erscheint.“

  1. Es kommt uns nicht zu, über dieses vor dem Forum der öffentlichen Meinung längst gerichtete Doppelverhältniß Goethe’s noch ausdrücklich den Stab zu brechen. Zur Entschuldigung desselben ließe sich indessen vielleicht sagen, daß jenes poetische Zeitalter es in Fragen der Sitte und des Herzens nicht allzu genau nahm und daß die Schuld des Einzelnen vielmehr die Consequenz der damaligen gesellschaftlichen Anschauungen war, die sich namentlich in dichterischen Kreisen leider in freiesten Formen fühlbar machten.
    D. Red.