Ein unbekanntes Schleichgift in der Küche

Textdaten
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Autor: Th. St.
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Titel: Ein unbekanntes Schleichgift in der Küche
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 741–743
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein unbekanntes Schleichgift in der Küche.


Zu den großen Fortschritten, deren sich die neuere Heilwissenschaft zu rühmen hat, gehört die Beurtheilung der Krankheiten nach dem Satze: „Jede Wirkung muß eine Ursache haben“, und die Erfahrung, daß nicht nur mechanische Störungen unserer Körpermaschine Krankheiten hervorrufen, sondern daß auch, und zwar vornehmlich chemische Veränderungen der Säftemasse dieselben bedingen. Vor allen sind es die schleichenden Gifte, welche unbemerkt gewisse Krankheiten erzeugen, deren Ursache bisher meist selbst dem aufmerksamsten Arzte entgangen ist, so lange aber die Ursache nicht erkannt war, konnte selbstverständlich auch die Krankheit nicht gehoben werden.

Ein besonderes Verdienst hat sich in jüngster Zeit Dr. Oidtmann in Linnich erworben, indem er den Einfluß der Küchenmetalle auf die menschliche Gesundheit einer eingehenden Prüfung unterzog und zu dem Resultate gelangte, daß viele Krankheiten, welche in Form von Unterleibsleiden, Schwächezuständen, nervösen Erscheinungen und dergleichen bisher als Eigenkrankheiten aufgefaßt wurden, dem minimalen Genusse giftiger Metallverbindungen zuzuschreiben seien, welche durch metallene Küchengeschirre allmählich in den Speiseflüssigkeiten aufgelöst werden und, in ganz geringer Dosis dem Körper alltäglich zugeführt, nach und nach einen chronischen Krankheitszustand hervorrufen, welcher allen Medicamenten Trotz bietet – denn seine Ursache wird nicht erkannt, dagegen fortwährend dem Grundleiden neue Nahrung geboten und so dem Körper neues Vergiftungsmaterial zugeführt.

Dr. Oidtmann hat in einem trefflichen Buche, welches lieferungsweise im Selbstverlage des Verfassers erscheint und „Die Gesundheitswacht am häuslichen Herde“ betitelt ist, den deutschen Hausfrauen und ihren Hausärzten eine bezügliche Reform der Gesundheitswirthschaft vorgeführt und in eingehenden Capiteln nachgewiesen, was und wo es für unsere private Gesundheitspflege Noth thut.

Besonders wird auf die Einwirkung der Speisebereitung in diesen Schriften Rücksicht genommen, aber nicht nur, wie man dies schon bei früheren populären Schriftstellern findet, in Bezug auf die Zubereitung der Speisen und die Ingredienzien, welche zu denselben nöthig sind, sondern – und hierauf hat Dr. Oidtmann zum ersten Male hingewiesen – auch in Betreff der Gefäße, in welchen die Speisen zubereitet werden, und der Geschirre und Instrumente, mittelst deren wir die zubereiteten Speisen unserem Organismus zuführen.

Eine große Hauptrolle in der Verursachung solcher schleichenden Krankheiten spielt nun das Blei, und zwar sowohl in seiner metallischen Erscheinung, wie auch in seinen chemischen Verbindungen. Daß dieses Metall überhaupt einen schädlichen Einfluß auf den Organismus ausübe, ist schon lange bekannt, und sind auch die krankhaften Symptome, welche das Blei im Organismus herbeiführt, schon lange mit dem Ausdrucke der „Bleikrankheiten“ bezeichnet worden. Die Bleivergiftung des Blutes entsteht durch allmähliche Aufnahme von Bleipartikelchen und Ueberführung derselben in die verschiedenen Organe des menschlichen Körpers. Besonders ist hier die Einathmung von Bleidünsten oder das Verschlucken kleiner Dosen Blei während längerer Zeit zu erwähnen. Man findet daher die Bleikrankheit vornehmlich bei solchen Handwerkern und Industriellen, welche mit Farben zu thun haben, die großentheils aus Blei zusammengesetzt werden, wie das Bleiweiß und die Mennigfarben. Ebenso findet sich die Bleikrankheit bei Schriftgießern und Töpfern sehr häufig, indem Ersteren das meist aus Blei bestehende Schriftmetall jahraus jahrein durch die Hand geht und letztere zur Glasur der Töpfe das Blei, wie wir bald genauer kennen lernen werden, in mannigfacher Weise verwenden.

Die Erscheinungen, welche die Einverleibung fast unscheinbarer Massen von Bleiverbindungen in dem Körper hervorrufen, bestehen bei den Einen in Anfällen von heftigen Schmerzen im Unterleibe, welche mit der Zeit eine hartnäckige Verstopfung und Auftreibung zur Folge haben, wozu sich später Zeichen von allgemeiner Erkrankung, Abmagerung und gelbfahler Gesichtsfarbe gesellen. Bei den Anderen treten den rheumatischen ähnliche Schmerzen in den Gelenken und besonders im Rücken ein, und es entstehen aus diesen rheumatischen Affectionen sehr oft Lähmungen der Extremitäten; bei anderen Menschen äußert sich die Bleiwirkung durch eine allgemeine Gefühllosigkeit, Eintreten von Krämpfen, Muskellähmungen, Zittern und Epilepsie. Wird bei diesen Leuten die Ursache nicht erkannt und dringt durch den Zwang des Berufes allmählich immer mehr von dem fein vertheilten Gifte in das Blut ein, so entsteht unter Einleitung von Kopfschmerz plötzlich Melancholie und Delirium mit vollkommener Geistesverwirrung, welche einen oder mehrere Tage anhalten und unter convulsivischen Erscheinungen zum Tode führen kann.

Nun giebt es viele Kranke, welche durchaus nicht zu jenen den obengeschilderten Krankheitsformen ausgesetzten Berufsclassen zählen und doch an ähnlichen Symptomen leiden. Es erinnert uns dann die Form der Krankheit stets an chronische Metallvergiftung. Der Arzt glaubt aber meistens diese bei dem betreffenden Patienten ausschließen zu müssen, weil derselbe ja mit den Metallgewerben nichts zu thun hat. Dabei wird meist übersehen, das die moderne Küchenindustrie sich aus technischen und ökonomischen Rücksichten mit wachsender Kühnheit des Bleimetalls zur Versetzung der Metall-Legirung und des [742] Emails der Gefäße bemächtigt hat. Oft giebt ein eiserner Milchkochtopf, welcher innen schön weiß und blank verzinnt, das heißt mit einer bleihaltigen, weichen Legirung überzogen ist, Veranlassung zu Krämpfen und Lähmungen bei einem Kinde und zu anderen Krankheitsformen des chronischen Bleivergiftungsgebietes. Daher sollte man bei den so häufig vorkommenden Krämpfen der Kinder stets nach den Milchnäpfen fahnden, um sich zu überzeugen, ob solche nicht mit bleihaltigen Stoffen ausgepicht sind; auch thönerne Kochtöpfe, welche ebenfalls zum Kochen der Kindermilch benutzt werden, sind oft mit einer Glasur bedeckt, welche drei Achtel Bleigehalt führt. Die Milch laugt nach und nach das kieselsaure Blei aus der Glasur heraus, und das Mattwerden derselben ist das beste Zeichen, daß sie von den im Topfe gekochten Speiseflüssigkeiten chemisch angegriffen wird. Auch die hohen Milchtöpfe, in welchen die Landleute ihre Milch zum Säuern abstellen, enthalten sehr viel Blei, welches allmählich in die Milch übergeführt wird.

Die Eß- und Schöpflöffel aus Compositionsmetall, die metallenen und thönernen Kaffeekannen, die zinnernen und verzinnten Ausschankgefäße, die glasirten thönernen Kaffeetassen „für arme Leute“, die Siebe und Trichter von Blech und Zinn geben einen Anhaltspunkt für die Ausbreitung, die das Blei in Küchen- und Eßgeschirren zum Verderben des Volkes gewonnen hat. Zu diesen gefährlichen Instrumenten treten noch die mit Oelfarben angestrichenen Holz- und Blechgeschirre hinzu.

Das Blei, als Metall verschluckt, übt keine besondere giftige Wirkung aus, indem es in metallischer Form ebenso wieder aus dem Körper ausgeschieden wird. Kommt es dagegen mit Luft, Wasser, Milch, Suppe und namentlich mit bestimmten sauren Flüssigkeiten in Berührung, so verwandelt es sich in ein giftiges Salz, das kohlensaure Bleioxyd. Man glaubte früher, das einzige giftige Bleisalz sei das kohlensaure Blei, aber jetzt weiß man, daß es jede Bleiverbindung ist, welche die Wirkungen erzeugt, und daß alle Bleisalze Gifte sind, sobald sie durch die Haut, durch Mund und Magen, oder durch Nase und Lunge dem Organismus zugeführt werden. Die gefährlichste Verbindung ist das essigsaure Bleioxyd, welches sich besonders in der Küche durch Kochen säuerlicher Gemüse in bleihaltigen Töpfen, durch Sauerkrautbrühe, saure Bohnen und ähnliche Speisen bildet, ebenso wenn Salat in bleihaltigen Geschirren bereitet wird.

Am meisten aber kommen dem Arzte in seiner Praxis Bleikrankheiten vor, welche durch den schädlichen Einfluß des Bleiweiß auf den Organismus verursacht werden und die sogenannte Malerkolik hervorrufen, eine krankhafte Affection des Unterleibes, welche man besonders bei Malern und Anstreichern, die viel mit Bleiweiß arbeiten, beobachtet. Die Bleisalze finden ihren Weg bei diesen Arbeitern entweder durch die Haut oder die Lungen in den Organismus, hauptsächlich aber auch dadurch, daß diese Leute vor den Mahlzeiten sich nicht gehörig waschen und dadurch beim Essen Blei in den Magen bringen. Das Gift ist in der Luft äußerst fein vertheilt und wird im Laufe der Jahre in so kleinen Mengen eingeathmet, daß, ähnlich wie bei den Pflanzendüften, der geschickteste Chemiker kaum im Stande ist, das Blei in der Luft nachzuweisen. Man hat beobachtet, daß in Fabriken, wo das Bleiweißpulver trocken verarbeitet wird, nicht allein die Arbeiter litten, sondern auch Pferde, Hunde, Ratten in der Nähe der Fabrikräume in Folge der Wirkung des Bleies krank wurden und starben. Arbeiter, welche sich damit befassen, Brüsseler Spitzen durch Einstampfung von Bleiweiß in die Fasern anzuweißen, athmen ebenfalls unbewußt das giftige Salz ein, und es kommt sehr häufig vor, daß man in den Eingeweiden von Frauen, welche sich mit Spitzenweißen beschäftigen, nach deren Tode Bleisalz nachweisen konnte. Schauspieler, welche bleiweißhaltige Schminke anwenden, Fabrikanten von glänzenden Karten, welche viel Bleiweiß brauchen, Leute, die in frisch gemalten Zimmern schlafen, die mit Bleiweiß bestrichen sind, werden von Bleikrankheiten befallen.

Es ist klar, daß die heftigen Symptome bei der Bleiweißvergiftung erst allmählich eintreten, die anfänglichen milderen Symptome übersehen oder auf eine andere Ursache bezogen werden können; so kommen den Aerzten, welchen großentheils technische Kenntnisse abgehen, sehr viele Krankheits- und Siechthumsfälle zur Behandlung, in welchen sie die ursprüngliche Krankheitsursache, das unbewußt fortgesetzte Bleilecken nicht ahnen, durch welches, wie schon oben angedeutet, die Schleichwirkungen des Bleies als Krankheitserzeuger hervorgerufen wurden. Es war daher gewiß an der Zeit, wenn Dr. Oidtmann, dessen Untersuchungen wir hier folgen, eingehende Belehrung hierüber in das Publicum zu bringen suchte.

Eine der nichtsnutzigsten Arten von Bleiunfug im Küchenhaushalte ist der Gebrauch sogenannter „zinnerner“ Eßlöffel, die nicht von Zinn, sondern von Blei sind. Das Krankheitselend und Siechthum, welches durch den Gebrauch dieser Eßlöffel in den niederen Volksclassen und am Dienstbotentische der Herrschaft erzeugt wird, ist ein unberechenbar großes. Die gesundheitsschädlichen Löffel kennzeichnen sich schon oberflächlich dadurch, daß sie, aneinandergeschlagen, keinen richtigen Klang wie die harten echten zinnernen Löffel, geben. Weiter sind diese Löffel rauh und glanzlos und stets mit einem Häutchen von kohlensaurem Bleioxyd bedeckt; sie biegen sich wie Wachs, und man kann mit ihnen schreiben und zeichnen, wie mit dicken Bleistiften. Wird dieser wichtige Haushaltungsartikel, wie das oft vorkommt, in sauren und heißen Speisen liegen gelassen und täglich abgeleckt, so entstehen selbstverständlich die Symptome der Bleikrankheit, und der aufmerksamste Arzt kommt nicht auf die Grundursache des Leidens seines Patienten, weil ihm die Oxydirungs- und Löslichkeitsverhältnisse der Metalloberfläche, als er das Studium der Vergiftungslehre auf der Universität betrieb, nicht mitgetheilt worden sind.

Eßlöffel von weichem Blei, welche man besonders bei den ärmeren Volksclassen findet, sind nicht die einzigen schädlichen. Küchenlöffel, auch verzinnte eiserne Löffel und Compositionsmetalle aller Art taugen nichts mehr, seitdem solche billiger fabricirt werden, um die guten Löffel aus rein klingendem Bankazinn zu verdrängen. Jene Löffel mit dem silberscheinigen Ueberzug sind überaus schädlich, da neben Blei auch Zink und Wismuth in der Legirung enthalten sind. Um Ungläubigen, deren es noch sehr viele giebt, und welchen die rationellen Nachweise von Krankheitsursachen als Hirngespinnste erscheinen, einen Beweis zu geben, daß die obenerwähnten Thatsachen auf experimentalen Nachweisen beruhen, möge man folgenden Versuch anstellen: man esse einen Teller saurer Milch mit einem bleiernen Löffel, und man wird nachher einen metallischen Nachgeschmack am harten Gaumen spüren, ähnlich wie wenn man aus einer bleiverzinnten Kanne Wasser getrunken hat; es ist dasselbe Widerspiel des metallischen Geschmackes, das uns auch zum Bewußtsein kommt, wenn wir ein mit einem Messer durchschnittenes Stück eines sauren Apfels verzehren. Es bedeckt sich die blanke Eisenklinge sofort mit einer schwarzen Brühe von aufgelöstem Eisen und das Apfelstück schmeckt bekanntlich nach Eisentinte, weshalb man jetzt, um diesen Uebelstand zu vermeiden, besondere Hornklingen statt Stahlklingen für das Dessertobst eingeführt hat. Jede Köchin weiß, daß, wenn Aepfelschnitte in einen eisernen Topf mit Wasser geworfen werden, das klare Wasser alsbald schwarz wird, wie verdünnte Tinte, und daß die Aepfelschnitzel buchstäblich in Eisenwasser schwimmen. Sollte in saurer Milch die Zinn-, Blei- und Zinklegirung der Löffel sich gegen die Milchsäure viel anders verhalten, als das Eisen gegen die Apfelsäure? Der Unterschied ist nur der, daß jene Metalle keine schwarzgefärbte, also keine erkennbare, sondern eine farblose und um so giftigere Metallbrühe liefern.

Außer den Löffeln und den bleihaltigen Metallgeschirren mit metallischem Aussehen enthalten noch viele andere Gegenstände der Küche Bleisalz, welches durch allmählichen Gebrauch ausgelaugt werden kann. Die Preßglas-Geschirre, besonders die dickwandigen englischen Preßgläser, die zu Trink- und Speisegeräthen verwendet werden und allenthalben als gesuchte Waare im Handel sind, enthalten nicht weniger als achtunddreißig Procent Bleiglätte. Wenn auch das Auslaugen des Bleies aus diesen Bleigeschirren weniger leicht von Statten geht, so sollten dieselben doch niemals zum längeren Aufheben von Essiggurken, Zwiebeln, eingemachten Früchten und Compoten, namentlich aber nicht als Salatschüsseln gebraucht werden.

Weiter enthalten die meisten irdenen Geschirre, Töpfe und Thonwaaren Bleisalz. Um die irdenen Geschirre schön dauerhaft und durch Flüssigkeit möglichst unangreifbar zu machen, werden sie im Innern glasirt. Von der zweckmäßigen Zubereitung dieser Ueberzüge hängt die Schädlichkeit oder Unschädlichkeit derselben [743] ab, da dieser Glasurüberzug als wesentlichen Bestandtheil Bleioxyd enthält.

Es giebt drei Arten von bezüglichen Glasuren. Erstens: irdene Glasuren, welche aus Kieselerde, Thonerde und Alkalien bestehen, am Porcellan und Steingut verwendet werden und durchaus nicht gesundheitsschädlich sind.

Zweitens: bleihaltige Glasuren, aus Bleiglanz und Lehm beim Brennen entstanden, welches die gewöhnliche Topfglasur ist; aus einer richtigen Mischung und unter entsprechender Temperatur erzeugt, ist diese Bleiglasur in den gewöhnlich in der Küche vorkommenden Flüssigkeiten nicht löslich und daher unbedingt empfehlenswert. Wenn dagegen ein Theil Bleioxyd mit der Kieselsäure nicht gehörig verbunden ist, so laugt sich das Blei leicht aus und kann zu schleichender Vergiftung Veranlassung geben.

Die dritte Art des Glasirens sind Emailglasuren, welche ebenfalls Zinn- und Bleioxyd enthalten.

Wenn man in einem irdenen Geschirre destillirtes Wasser abdampft, so enthält die letzte Quantität der zurückbleibenden Flüssigkeit Bleioxyd und giebt mit Schwefelwasserstoffwasser einen schwarzen Niederschlag von Schwefelblei. Will man sich überzeugen, ob ein Geschirr nach den richtigen gesundheitsgemäßen Gesetzen der Technik glasirt ist, so muß man es vor der erstmaligen Benutzung mit Essig füllen, den Essig acht bis zehn Stunden in den Töpfen stehen lassen, dann denselben herausnehmen und einige Tropfen Schwefelammonium zugießen, welches man in jeder Apotheke für billigen Preis haben kann. Wenn sich dann kein schwarzer Niederschlag oder keine hellbraune Färbung zeigt, so sind die Töpfe als der Gesundheit nicht gefährlich zu betrachten, da kein Bleisalz durch den Essig ausgelaugt worden ist.

Die Mangelhaftigkeit der deutschen Kochgeschirrfabrikate macht sich mit jedem Tage fühlbarer, und wir müssen mit Bedauern constatiren, daß gemeinschädliche Artikel in sehr bedeutender Masse in den Handel gebracht werden. –

Nicht nur in der Küche begegnen uns mannigfache schädliche Bleiverbindungen, welche krankmachend auf den Menschen einwirken, sondern insbesondere finden wir im täglichen Leben die mannigfachsten Gegenstände, welche, mit Bleifarben angestrichen, von Hand zu Hand gehend, Bleivergiftungen erzeugen können; hauptsächlich sind es die Kinderspielwaaren und hier besonders die in neuerer Zeit so sehr beliebten gefärbten Gummi-Artikel, welche vornehmlich Zinkverbindungen enthalten und leicht Unterleibskrankheiten: Diarrhöe, nervöses Zittern, Krämpfe und dergleichen, bei Kindern herbeiführen können.

Auch vor dem gefärbten amerikanischen Ledertuche, welches als Verdeckung an Kinderwagen, sowie zu Bettunterlagen häufig benutzt wird, wollen wir an dieser Stelle warnen. Dasselbe enthält sehr concentrirte Bleiverbindungen, die durch das Auf- und Abklappen der Wagendecke abgeschabt und in feinvertheiltem Staubzustande dem kindlichen Organismus durch die Athmungsorgane zugeführt werden. Es ist mehrfach im Laufe der letzten Jahre die Beobachtung gemacht worden, daß sonst ganz gesunde Kinder an Symptomen der Bleivergiftung erkrankt sind, und man errieth erst allmählich den Grund der Erkrankung in den bleihaltigen Schutzdächern des Kinderbettchens. Der Bleigehalt des erwähnten Stoffes ist so bedeutend, daß aus einem 15 Gramm (1 Loth) wiegenden Stückchen Zeug ein Bleikorn von 6 1/2 Gramm Gewicht dargestellt werden konnte. Jeder kann die Probe leicht selbst bewerkstelligen, wenn er ein Stückchen grauen amerikanischen Ledertuches, welches wie Zunder brennt, etwa von der Größe einer Visitenkarte auf einem Teller anzündet und verkohlen läßt. Bald sieht man in der Asche viele deutlich metallglänzende Bleikügelchen herumtanzen.

Durch die Forschungen einer rationellen Gesundheitswissenschaft werden in nicht gar langer Zeit, ebenso wie man jetzt die Symptome mannigfacher Krankheiten auf eine Bleivergiftung zurückzuführen im Stande ist, auch noch viele andere bis jetzt unbekannte Krankheitsursachen entdeckt und auf industrielle Mißstände zurückgeführt werden. Durch das Ineinandergreifen der technisch-wissenschaftlichen und ärztlichen Lehren wird die öffentliche Gesundheitspflege sich zum Heile des Volkes immer mehr und mehr entfalten. Ebenso wie dem deutscher Reichstage demnächst ein Gesetzentwurf über die Verfälschungen der Lebensmittel und deren wahrhaft erschreckendes Umsichgreifen vorgelegt werden wird, hoffen wir sicher auch zu Gesetzen zu gelangen, welche das Volk vor den üblen Einflüssen der gemeinschädlichen Erzeugnisse der Industrie zu schützen im Stande sind.
Dr. Th. St.