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Beim Grundstein des Nationaldenkmals auf dem Niederwald

Textdaten
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Autor: Emil Rittershaus
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Titel: Beim Grundstein des Nationaldenkmals auf dem Niederwald
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 743–746
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[743]
Beim Grundstein des Nationaldenkmals auf dem Niederwald.[1]
Am 16. September 1877.
(Mit Abbildung.)


     Den Gefallenen zum Andenken, den Lebenden
     zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern
     zur Nacheiferung!
          Weihespruch von Kaiser Wilhelm.


Das war ein Tag! Rings auf dem Strom die Schiffe mit beflaggten Masten
Und auf den Schiffen lust'ge Leut', so viel nur Kähn' und Dampfer faßten!
In Rüdesheim ein jedes Haus geschmückt mit grünem Laubgewind'!
Vom Thal bis aufwärts zu dem Berg sich eine Blumenranke spinnt.

Schau' her, da hat der Küfer Schaar die Ehrenpforte gar von Tonnen,
Von mächt'gen Fässern aufgebaut. Fürwahr, ein Stücklein, klug ersonnen! –
Und mancher Reimspruch ziert den Bau, die Weisheit, die man lernt allein
Beim Becher. Sieh, die Flaschen dort! Respect! Das ist der Kaiserwein.

Und dort, von Trauben, welche Pracht! Wie's roth und blau und goldig glänzet!
Die Winzer sind's; die haben hier das schimmernde Portal bekränzet.
Vorwärts! Empor zum Niederwald! Da ist der Platz für's Denkmal schon,
Und Meister Schilling sehn wir dort, des Sachsenlandes wackren Sohn.

Der Rothbart schmunzelt gar vergnügt im Zwiegespräch mit dem Genossen;
Der Baumann und der Bildner gehn schon lange Hand in Hand geschlossen.
Das Monument für Kaiser Max, das Schiller-Denkmal sagt's zu Wien:
Wo einig waltet Doppelkraft, wird doppelt schöner Sieg verlieh'n.

Der Grundstein! Ei, zwei Flaschen Wein, sie ruh'n schon in dem Felsenbette.
Ach, wer von solchen Nektar doch daheim zwei volle Fäßlein hätte!
Die Urkund' dort auf Pergament, die Zeitungsblätter klein und groß,
Die Münzen – alles das versenkt man bald in seinen dunklen Schooß.

Horch, horch, ringsum lebendig wird's. Es tönt herauf von Asmannshausen
Der Menge heller Jubelklang, der Hurrahruf – ein wildes Brausen!
Vorreiter sprengen durch den Busch; die Menge drängt zu uns sich hin.
Im Kreis der Festgenossen stehn der Kaiser und die Kaiserin.

Der hinter ihm ist „unser Fritz“, Prinz Wilhelm. Hier der Schlachtendenker,
Der Moltke, dort Prinz Friedrich Karl. Wer zählt ringsum die Hüteschwenker?
Die tausende! Wie Wogen wälzt es sich von allern Seiten her;
Des Waldes grünes Blätterdach sah nie ein solches Menschenmeer.

[744]
Die Gartenlaube (1877) b 744.jpg

Die Grundsteinlegung des Nationaldenkmals auf dem Niederwald.
Nach der Natur und im Auftrage der „Gartenlaube“ aufgenommen von H. Lüders.

[746]

Der Redner spricht; dem Kaiser sehn wir jetzt ihn einen Hammer reichen.
Des Kaisers Rechte weiht den Stein; er weiht ihn mit drei Hammerstreichen,
Und wie das Eisen niederfällt, da ruft bei jedem Hammerschlag
Der Donner aus Kanonenmund der Berge rollend’ Echo wach.

Da werden in den Dörfern rings die Glocken allzumal geschwungen;
Da tönt der Deutschen Heergesang, die „Wacht am Rhein“, von allen Zungen. –
Still, rede nicht! Der Grundstein liegt. Nun mögen frisch die Meister bau’n. –
Gott geb’, daß wir in Frieden noch auch dieses Werks Vollendung schau’n!

Daß mit der Einheit fest im Bund der Geist der Freiheit möge walten! –
Die Zeit ist ernst. Das Pfaffenthum, des Mittelalters Spukgestalten,
Sie droh’n uns noch – und schlimmer schier vor jener Schaar uns grauen muß,
Die einen Wahlspruch auf’s Panier nur schreibt, den Wahlspruch: Weltgenuß!

Die Zeit ist ernst und sorgenvoll. Auf mancher Stirne ruht die Wolke.
Doch wissen wir: Der deutsche Geist, noch lebt er stark in unsrem Volke,
Und trotzen wird er jedem Feind; besiegen wird er jede Noth. –
Gott mit uns! Unsrem Vaterland getreu, getreu bis in den Tod!

Emil Rittershaus.
  1. Es bedarf hier wohl nicht eines Hinweises auf die nationale und volksgeschichtliche Bedeutung des Niederwald-Denkmals. Die Presse hat in den Tagen nach der Grundsteinlegung das Fest und seine Idee so allseitig beleuchtet, daß wir glauben, uns hier auf die bildliche Darstellung dieser Feier und den obigen poetischen Weihegruß unseres Rittershaus um so mehr beschränken zu sollen, als unser Blatt, welches den Gedanken des Monuments und der Sammlung dafür bekanntlich zuerst angeregt, sich über dieses glorreiche nationale Unternehmen bereits früher (Nr. 33 von 1874) eingehend ausgesprochen hat.
    D. Red.