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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1878) 255.jpg
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[255] No. 16.
1878.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.
Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.

Um hohen Preis.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Im Ballsaal wurde inzwischen der längst begonnene Tanz mit Lebhaftigkeit fortgesetzt, und die Paare ordneten sich bereits zum zweiten Walzer. Gabriele war von einem Tanz zum andern geflogen; sie liebte dieses Vergnügen über Alles und sog mit vollen Zügen den Weihrauch ein, der ihr freigebig von allen Seiten gestreut wurde. Die Huldigungen und Schmeicheleien der Herren fanden ein williges Ohr bei der jungen Dame; sie bemerkte es nicht, wie ernst und vorwurfsvoll Georg’s Augen bisweilen auf ihrem Antlitz hafteten, wenn sie das Alles in spielender Koketterie hinnahm, und reichte ihm die Hand, als er endlich kam, um sie an ihre Zusage zu erinnern, und sie in die Reihen führte.

„Baroneß Harder ist doch eine reizende Erscheinung,“ sagte Oberst Wilten zu dem Freiherrn, der vor einigen Minuten in den Saal getreten war und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit dem Tanze zusah. „Ich fürchte nur, Excellenz, Sie werden Ihre schöne Pflegebefohlene nicht allzu lange behalten; sie dürfte Ihnen bald genug von dem künftigen Gemahl entführt werden.“

„Warum nicht gar!“ erwiderte Raven in halb unwilligem Tone. „Davon kann vorläufig keine Rede sein, Gabriele ist ja noch ein halbes Kind.“

Der Oberst lachte. „Mit siebenzehn Jahren sind unsere jungen Mädchen keine Kinder mehr. Fräulein von Harder würde ganz entschieden gegen eine solche Zumuthung protestiren. Sehen Sie nur, wie graziös sie mit ihrem Tänzer dahinschwebt! Die eigenthümlich sonnige Art ihrer Schönheit ist noch nie so siegreich zur Geltung gekommen, wie an dem heutigen Abend. Ich möchte Sie wirklich um Ihre Vaterrechte an diesem liebenswürdigen Wesen beneiden.“

Vaterrechte! Das Wort schien den Freiherrn unangenehm zu berühren; auf seiner Stirn zeigte sich eine tiefe Falte, als er, ohne etwas zu erwidern, mit den Blicken dem jungen Paare folgte, das seine ganze Aufmerksamkeit fesselte.

Wilten hatte nicht ohne alle Beziehung gesprochen. Er hatte es recht gut bemerkt, wie angelegentlich sein ältester Sohn der jungen Baroneß den Hof machte, die als wahrscheinliche Erbin ihres Vormundes eine glänzende Partie war. Der Oberst hätte durchaus nichts dagegen gehabt, dem letzteren die Vaterrechte abzunehmen; die schöne und reiche Schwiegertochter wäre ihm höchst willkommen gewesen, und er versuchte es, die Sache wenigstens anzubahnen. Aber seine Andeutungen in dieser Hinsicht schienen durchaus nicht verstanden zu werden; er ließ also vorläufig den Gegenstand fallen.

„Ich sprach soeben den Polizeidirector,“ begann er von Neuem. „Er meint, daß nichts zu besorgen wäre, hat aber doch alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen für den Fall, daß es heute in der Stadt zu irgend welchen Excessen kommen sollte.“

„Heute? Warum gerade heute?“ fragte Raven zerstreut und noch immer mit seinen Beobachtungen beschäftigt.

„Nun, der heutige Festtag giebt doch Gelegenheit zu manchen Zusammenkünften, besonders in den niederen Ständen, und hat bei der jetzigen gereizten Stimmung sein Bedenkliches, zumal wenn die Köpfe erhitzt sind.“

Dem Freiherrn schien das Gespräch lästig zu sein; er hörte kaum darauf und war offenbar von ganz anderen Gedanken in Anspruch genommen, als er gleichgültig erwiderte: „So, meinen Sie das?“

Der Oberst sah ihn befremdet an. „Aber, Excellenz, das müssen Sie doch am besten wissen. Wir sprachen ja erst gestern ausführlich darüber, und es ist leider kein Geheimniß, daß die allgemeine Aufregung sich in erster Linie gegen Sie richtet. Hofrath Moser sagte mir vorhin, Sie hätten kürzlich wieder einen Drohbrief erhalten.“

Der Gouverneur zuckte verächtlich die Achseln. „Ich habe ein halbes Dutzend davon in meinem Papierkorbe. Man sollte doch nun endlich einsehen, daß ich solchen Albernheiten nicht zugänglich bin.“

Wilten warf einen Blick umher: sie standen am Ende des Saales, und es befand sich augenblicklich Niemand nahe genug, um das Gespräch hören zu können. Der Oberst fuhr in leiserem Tone fort:

„Sie sollten aber doch die Gefahr nicht geradezu herausfordern. Es ist allzu unvorsichtig, daß Sie ohne jede Begleitung und Sicherheitsmaßregeln zu Fuß durch die Stadt gehen. Ich habe Sie schon neulich bitten wollen, das zu unterlassen. Wer weiß, ob der Pöbel nicht systematisch gegen Sie aufgehetzt wird; die ganze Bürgerschaft steht ja in geschlossener Opposition Ihnen gegenüber.“

„Desto besser,“ sagte Raven mechanisch. Seine Augen wichen nicht einen Moment lang von einem gewissen Punkte des Saales.

Der Oberst trat einen Schritt zurück. „Excellenz!“

Sein Erstaunen brachte den Freiherrn zur Besinnung. Er wendete sich rasch um.

„Verzeihen Sie! Ich bin zerstreut. Ich – hörte nicht recht, was Sie sagten. Wovon sprachen wir doch?“

[256] „Ich bat Sie, etwas mehr Rücksicht auf Ihre persönliche Sicherheit zu nehmen.“

„Ja so! Sie müssen es schon entschuldigen, daß ich unaufmerksam war. Wer wie ich täglich von hundert verschiedenen Seiten in Anspruch genommen wird, der kann sich nicht einmal an einem Festabende, wie der heutige, mit seinen Gedanken frei machen.“

„Es ist aber auch eine allzu große Arbeitslast, die Sie auf Ihre Schultern genommen haben,“ meinte der Oberst. „Selbst die ausdauerndste Kraft muß schließlich den Anstrengungen erliegen, wie Sie sich Tag für Tag zumuthen. – Sehen Sie die beneidenswerthe Jugend dort, die von solchen Sorgen keine Ahnung hat! Das tanzt und lacht und plaudert und ist glücklich mit einander.“

„Und ist glücklich!“ wiederholte Raven. „Ja wohl!“

Es lag eine tiefe Bitterkeit in den Worten, und doch bot der Saal einen ungemein heiteren und belebten Anblick. Der weite, prächtige Raum mit den strahlenden Kerzen, der rauschenden Musik und all den jugendlich blühenden Gestalten, die dort auf- und niederschwebten, konnte wahrlich nicht zur Bitterkeit stimmen. Soeben flog Gabriele mit ihrem Tänzer vorüber. Der Oberst hatte Recht; ihre Schönheit war noch nie so siegreich zur Geltung gekommen, wie hier im Tanze, dem sie sich mit leidenschaftlichem Vergnügen hingab. Ringsum heller Kerzenglanz, rauschende Musik, festlich geschmückte Räume – das war die Umgebung, der Rahmen, der allein für diese Gestalt paßte, das eigentliche Element, in dem sie athmete, und ihre glühenden Wangen und strahlenden Augen zeigten, wie völlig sie darin aufging. Ihr ganzes Wesen war wie verklärt, wie sonnig durchleuchtet von Freude und Glück, als sie so in Georg’s Armen dahinschwebte. Auch er schien die ganze Umgebung vergessen zu haben; ihm ging alles Andere unter in der Nähe, in dem Anblicke der Geliebten. Ein Strahl unendlichen Glückes leuchtete in seinen Augen, als ihr Arm in dem seinigen lag und ihr Athem an seiner Wange hinstreifte – diese Augen sprachen nur zu verräterisch das Geheimniß seines Herzens aus. Das junge Paar war so glücklich in diesem Augenblicke, daß es jede Vorsicht vergaß, und ein scharfer Beobachter konnte wohl ahnen, daß es noch etwas Anderes war, als die Freude am Tanzen, was aus dem Antlitze der Beiden sprach. Der romantische Zauber der ersten Jugendliebe umfloß sie wie ein verklärender Hauch.

Und jener Beobachter war in der Nähe. Raven behauptete noch immer seinen Platz am Ende des Saales; er stand jetzt in einem Kreise von Herren, die sich zu ihm und dem Oberst gesellt hatten, und nahm anscheinend lebhaft an der Unterhaltung Theil, aber dabei haftete sein Blick wie festgebannt auf den Tanzenden. Sein Blick wurde immer glühender, immer durchbohrender; es mußte eine magnetische Gewalt darin liegen, denn als Gabriele jetzt zum zweiten Male den Saal umkreiste, wandte sie langsam, wie von einer geheimnißvollen Macht angezogen, das Haupt nach jener Richtung. Einen Moment lang begegnete ihr Auge dem ihres Vormundes – dann floß urplötzlich eine dunkle Gluth über das Antlitz des jungen Mädchens, und der Blick des Freiherrn flammte auf, furchtbar und unheildrohend; er wandte sich mit einer heftigen Bewegung ab.

Mit der Beendigung des Tanzes trat eine größere Pause ein, die für das Souper bestimmt war. Man verließ den Ballsaal, wo die Hitze nachgerade unerträglich zu werden begann, und suchte die angrenzenden kühleren Räume und die Buffets auf. Die Gesellschaft vertheilte sich zwanglos in den größeren und kleineren Gemächern, wo sich überall plaudernde Gruppen zusammenfanden. Jetzt endlich kam auch der so lang ersehnte unbewachte Augenblick, wo Georg und Gabriele einige vertrauliche Worte wechseln konnten, die ersten an diesem Abende. Bisher hatten die Augen der ganzen Versammlung auf ihnen geruht und jede Verständigung unmöglich gemacht.

In einem der entfernteren Zimmer, das augenblicklich leer war, während im Nebengemache eine lebhafte Unterhaltung geführt wurde, stand die junge Baroneß Harder am Kamin und ihr gegenüber Assessor Winterfeld. Beide schienen im ruhigen, absichtslosen Gespräche begriffen, für den zufällig Eintretenden wenigstens, aber es war etwas Anderes als Gesellschaftsphrasen, was sie wechselten.

„Endlich eine Minute des Alleinseins!“ flüsterte Georg leidenschaftlich. „Die erste seit Wochen! Ich habe es mir leichter gedacht, Dir stets so nahe und zugleich so fern zu sein.“

„Du hattest Recht,“ sagte Gabriele, gleichfalls in leisem Tone. „Wir sind, uns hier unendlich fern, obwohl Du täglich im Schlosse bist. Ich hoffte immer, Du würdest Mittel finden, die Schranken zu durchbrechen, die uns trennen.“

„Habe ich nicht das Möglichste versucht? Du weißt ja, wie meine Annäherung von Deiner Mutter aufgenommen wurde. Sie empfing mich freundlich, aber sie sprach auch nicht ein einziges Wort, das als Einladung gedeutet werden konnte. Ich darf den Besuch nicht wiederholen, wenn man mir so entschieden zeigt, daß er nicht gewünscht wird.“

Auf der klaren Stirn der jungen Dame kräuselte sich eine Falte des Unmuthes.

„Mama trägt keine Schuld daran; sie würde Dich hier ebenso gern empfangen wie früher; mein Vormund war es, der die Einladung verhinderte. Ich veranlaßte Mama, ihm von Deinem Besuche und unserer Bekanntschaft zu sprechen, denn ich selbst –“ sie stockte.

„Du wagtest nicht – –“

„Ich wage alles Mögliche,“ erklärte Gabriele, ein wenig gereizt, aber Onkel Arno’s Blick auszuhalten, wenn man etwas vor ihm zu verbergen hat, das gehört entschieden nicht zu den Möglichkeiten. Genug, er sprach sich mit der größten Bestimmtheit gegen die beabsichtigte Einladung aus; das galt nicht Dir persönlich, denn er ahnt ja nichts von unserem Einverständnis, aber er will keinen Verkehr mit den jüngeren Beamten überhaupt, und wir mußten uns fügen.“

„Ich wußte es,“ sagte Georg. „Ich kenne meinen Chef. Er und die Seinigen bleiben unnahbar für Alles, was er unter sich glaubt, und selbst sein Machtwort könnte uns kaum mehr trennen, als es diese letzten Wochen gethan haben. Ich durfte Dich ja immer nur aus der Ferne sehen, und wenn uns wirklich einmal eine Begegnung vergönnt ist, wie die heutige, so müssen wir kalt und gleichgültig scheinen. Ich muß es mit ansehen, wie Du umschwärmt und gefeiert wirst, wie Jeder sich Dir nahen darf, nur ich, der das erste, das alleinige Recht auf Dich hat, bin zu dem Schweigen und der Zurückhaltung eines Fremden verurtheilt – Gabriele, das ertrage ich nicht länger.“

Gabriele hob das Auge zu ihm empor; es spielte ein reizendes Lächeln um den kleinen Mund, als sie neckend erwiderte:

„Ich glaube nicht, daß der ‚Fremde‘ so sehr zu beklagen ist. Er weiß es ja doch, daß ich ihm allein angehöre.“

„An einem Festabende, wie der heutige, gehörst Du mir nicht,“ entgegnete Georg mit leiser Bitterkeit. „Da gehörst Du der Freude, dem Tanze, den Huldigungen, die Dir von allen Seiten gebracht werden – nur mir nicht. Ich habe in der ganzen langen Zeit vor dem Walzer vergebens gesucht, einen Blick von Dir zu erhalten. Du hattest im Kreise Deiner Bewunderer keine Augen für mich.“

Der Vorwurf traf, und eben deshalb verletzte er, aber die junge Dame war nicht gewohnt, Vorwürfe von dieser Seite zu hören, und fand es höchst grausam und ungerecht, daß man ihr das heutige Vergnügen verkümmern wollte. Das Lächeln verschwand und machte einem sehr ungnädigen Ausdrucke Platz; es schwebte augenscheinlich eine heftige Erwiderung auf ihren Lippen, als Lieutenant Wilten an der Thür erschien.

„Mein gnädiges Fräulein,“ sagte er sich eilfertig nähernd. „Sie werden im Saale vermißt. Excellenz und die Frau Baronin haben schon verschiedene Male nach Ihnen gefragt. Ich erlaubte mir, Sie aufzusuchen – darf ich Sie zu den Ihrigen führen?“

Gabriele würde unter anderen Umständen den Störenfried wohl haben fühlen lassen, wie unwillkommen er war, jetzt aber war sie gereizt, ungerechter Weise verletzt, wie sie meinte, und durchaus nicht gesonnen, das geduldig hinzunehmen. Sie neigte daher das Haupt mit kühlem Gruße gegen Georg und nahm mit großer Freundlichkeit den Arm des jungen Baron an, der sie aus dem Zimmer führte, während er einen triumphirenden Blick auf den zurückbleibenden Assessor warf.

Georg sah mit finsterer Stirn den Beiden nach. Diese kindische Rache kränkte ihn tiefer, als er sich eingestehen wollte, und wieder regte sich der alte quälende Zweifel, ob er denn Recht thue, dieses reizende, aber so ganz oberflächliche Wesen der [257] Atmosphäre von Glanz und Schimmer zu entreißen, für die es so augenscheinlich geboren war, um es an ein ernstes, arbeitsvolles Leben zu ketten. Gabrielens Liebe gab ihm freilich ein Recht auf ihren Besitz, aber konnte sie denn überhaupt tief und ernst lieben? War ihr Gefühl für ihn nicht ebenso spielend und vergänglich, wie ihre ganze Schmetterlingsnatur? Wenn sie nun unglücklich wurde an seiner Seite, oder wenn er es war im Besitz einer Frau, die all seiner heißen Liebe und Aufopferung nur Kinderlaunen entgegenbrachte? Vielleicht bezahlten sie Beide den kurzen Liebestraum mit einem ganzen Leben voll Elend und Reue.

Der junge Mann fuhr heftig mit der Hand über die Stirn; er wollte nicht hören, was der Verstand ihm zuflüsterte, der so grausam in die Regungen des Herzens eingriff. Fast gewaltsam schüttelte er die quälenden Gedanken ab und war eben im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als Hofrath Moser in Begleitung des Polizeidirectors eintrat. Der Erstere trug heute zu Ehren des Tages eine ganz neue Halsbinde von schneeiger Weiße, aber so riesigen Dimensionen, daß es ihm kaum möglich war, den Kopf zu bewegen, wodurch seine Haltung allerdings noch an Steifheit und Feierlichkeit gewann. Die beiden Herren waren in lebhaftem Gespräch begriffen, verstummten aber so plötzlich, als sie des Assessor Winterfeld ansichtig wurden, daß dieser nicht mit Unrecht vermuthete, er sei der Gegenstand der Unterhaltung gewesen. Die Bestätigung dieser Annahme schien auch in dem scharfen Blicke zu liegen, mit dem der Polizeidirector den jungen Beamten musterte, während der Hofrath sofort auf diesen zuschritt.

„Gut, daß ich Sie finde, Herr Assessor!“ begann er ohne alle Einleitung. „Ich wollte Sie ersuchen, einen Auftrag zu übernehmen.“

Georg verneigte sich leicht. „Mit Vergnügen – ich stehe zu Diensten.“

„Ihr Freund, der Herr Doctor Brunnow,“ der Hofrath betonte die Worte, als ob jedes derselben eine hochnothpeinliche Anklage enthielte, „hat sich ohne mein Wissen und Willen zu meinem Hausarzte aufgeworfen. Er hat Krankheitsberichte angehört, Verordnungen gegeben und mir sogar seinen wiederholten Besuch angedroht. Ich wußte damals noch nicht, wie die Sache zusammenhing –“

„Es war ein Mißverständniß,“ fiel Georg ein. „Max hat mir davon erzählt. Er glaubte wirklich, daß sein ärztlicher Rath verlangt werde, und hatte keine Ahnung, in wessen Hause er sich befand.“

„Nun, so weiß er es jetzt,“ sagte Moser mit Nachdruck, „und ich bitte Sie, ihm mitzutheilen, daß ich ein für alle Mal auf den Rath eines Arztes verzichte, der einen so bedenklichen Namen trägt und einen so staatsgefährlichen Vater hat. Sagen Sie ihm, er möge sich für seine demagogische Umtriebe einen anderen Ort wählen, als das Haus des Hofraths Moser, der von jeher seinen Stolz darein gesetzt hat, der allergetreueste Unterthan seines allergnädigsten Souverains zu sein. Es giebt Menschen – sogar Beamte – die sich an solchen Gesinnungen ein Beispiel nehmen könnten. Es stände besser um den Staat und die Gesellschaft, wenn sie es thäten.“

Damit neigte der Hofrath den Kopf, oder vielmehr er machte den Versuch, es zu thun, da seine Halsbinde dieser Absicht Grenzen setzte, und schritt aus dem Zimmer, in dem erhebenden Bewußtsein, geradezu vernichtend gewesen zu sein. Der Polizeidirector, der bisher ein stummer Zuhörer gewesen war, trat jetzt näher.

„Sie scheinen bei unserem loyalen Hofrath ja vollständig in Ungnade gefallen zu sein,“ bemerkte er in scherzendem Tone. „Er erzählte mir soeben ein Langes und Breites von Ihren staatsgefährlichen Verbindungen. Ich will doch nicht hoffen –?“

„Der Herr Hofrath irrt sich,“ versetzte Georg mit ruhiger Bestimmtheit. „Es ist eine ganz harmlose Universitätsfreundschaft, die er mir zum Vorwurf macht, und die mit der Politik durchaus nichts zu thun hat. Ich kann Ihnen versichern, daß mein Freund, den eine einfache Erbschaftsangelegenheit herführt, und der durch ein sehr drolliges Mißverständniß in die Moser’sche Wohnung gerieth, weder dort noch anderswo demagogische Umtriebe im Sinne hat, und daß er Ihnen auch nicht den geringsten Anlaß geben wird, sich mit seiner Person zu beschäftigen.“

Der Polizeidirector lachte. „Ich hoffe das gleichfalls. Hofrath Moser ist bisweilen geradezu beängstigend mit seiner Loyalität und sieht an allen Ecken und Enden Gespenster. Wenn er eine Ahnung davon hätte, daß sein eigener Chef einst der Jugend- und Universitätsfreund desselben Doctor Brunnow war, den er für so staatsgefährlich erklärt! Sie wissen das vermuthlich?“

„Allerdings,“ sagte Georg überrascht. Diese genaue Kenntniß so weit zurückliegender Verhältnisse befremdete ihn doch.

„Wie seltsam und schroff sich doch bisweilen die Lebenswege solcher Jugendgefährten trennen!“ warf der Andere hin. „Der Gouveneur Arno von Raven und ein Flüchtling, der im Exil lebt – es giebt keine größeren Gegensätze. Man behauptet zwar, auch der Freiherr habe in seiner Jugend sehr extravaganten politischen Ansichten gehuldigt.“

Er hielt inne und schien eine Antwort zu erwarten, aber vergebens. Assessor Winterfeld hörte schweigend zu.

„Es heißt sogar, Herr von Raven sei auf irgend eine Weise in den Proceß verwickelt gewesen, der damals den Doctor Brunnow und dessen Genossen auf die Festung brachte. Ich habe das freilich nur als unbestimmtes Gerücht gehört. Sie sind durch Ihren Freund und dessen Vater wohl genauer unterrichtet?“

„Keineswegs – wir haben nie eingehend davon gesprochen. Uebrigens würde eine etwaige Beziehung des Freiherrn zu jenem Proceß sich ja leicht aus den Acten ergeben.“

Der Polizeidirector warf dem jungen Manne einen Blick zu, der zu sagen schien: Wenn das der Fall wäre, so würde ich meine Mühe nicht an einen solchen Starrkopf verschwenden; laut aber erwiderte er:

„In den Proceßacten kommt der Name des Freiherrn überhaupt nicht vor. Wenn er wirklich zu der Sache in Beziehung stand, so ist sie zwischen ihm und seinen nachmaligen Schwiegervater, dem Minister, allein erledigt worden. Es muß ihm wohl gelungen sein, sich diesem gegenüber vollständig zu rechtfertigen, denn gerade von jenem Zeitpunkte an datirt seine so überaus glänzende Carrière.“

„Das ist sehr wahrscheinlich,“ stimmte Georg mit kühler Zurückhaltung bei. „Aber diese Ereignisse, die um mehr als zwanzig Jahre zurückliegen, sind Ihnen geläufiger als mir. Sie standen damals wohl schon im Beginn Ihrer amtlichen Thätigkeit, während ich noch ein Knabe war.“

Der Polizeidirector sah ein, wie wenig Geneigtheit hier vorhanden war, ihn über das aufzuklären, was er zu wissen wünschte. Er gab den Versuch auf, und nachdem sie noch einige gleichgültige Worte gewechselt hatten, trennten sich die beiden Herren.

Nur ein einziges Mal während des Abends fand Georg noch Gelegenheit, sich Gabrielen zu nähern, oder vielmehr, sie selbst war es, die ihm diese Gelegenheit gab. Beim Cotillon, dem er zusah, ohne sich daran zu betheiligen, kam sie leicht und lustig wie eine Elfe herangeflattert, um ihn zum Tanz zu holen. Als er mit ihr den Saal umkreiste, begegneten sich die Augen Beider; in den seinigen war die Düsterheit bereits geschmolzen, und um ihre Lippen spielte wieder das reizende Lächeln, das seine Worte vorhin verscheucht hatten.

„Bist Du noch eifersüchtig auf den Tanz?“ flüsterte Gabriele, mit einem entzückenden Gemisch von Schelmerei und Abbitte. Georg hätte nicht jung sein und nicht lieben müssen, um diesen Worten und diesem Lächeln zu widerstehen. Er war bereits überzeugt, daß er Unrecht habe, der Geliebten ihre strahlende Heiterkeit zum Vorwurf zu machen; sie war ja so harmlos glücklich darin, und er liebte ja gerade dieses heiter strahlende Kind mit all seinem Uebermuth und seinen Launen.

„Meine Gabriele!“ sagte er leise, aber es lag eine grenzenlose Zärtlichkeit in dem einen Worte. Ein leiser Druck ihrer Hand antwortete dem seinigen – die Versöhnung war geschlossen.

Das Fest nahm seinen Fortgang und verlief äußerlich in gewohnter glänzender Weise. Mitternacht war bereits vorüber, als die Gäste aufbrachen und die Säle sich leerten. Die Baronin Harder, sehr zufrieden mit der Rolle, die sie heute gespielt hatte, stand im Begriff, sich zurückzuziehen. Sie hatte sich bereits von ihrem Schwager verabschiedet, und gab nur noch den Dienern einige Anweisungen, während Gabriele sich dem Freiherrn näherte, um ihm gleichfalls gute Nacht zu wünschen. Raven sah, wie sie ihm die Hand reichen wollte, aber er stand mit fest verschränkten [258] Armen da und auf seinen Zügen lag der Ausdruck einer kalten Strenge, als er halblaut sagte:

„Ich habe im Laufe des Abends eine eigenthümliche Entdeckung gemacht, Gabriele. Zwischen Dir und dem Assessor Winterfeld scheint eine Vertraulichkeit zu herrschen, die sich weder mit seiner Stellung verträgt, noch mit der Deinigen in meinem Hause. Ich will hoffen, daß es nur Deine Unerfahrenheit ist, die ihm dergleichen Freiheiten gestattet, jedenfalls wirst Du mir Aufklärung darüber geben, wie weit Eure Bekanntschaft eigentlich geht.“

Das Antlitz des jungen Mädchens war wieder in dunkle Gluth getaucht, wie vorhin beim Tanze, als sie dem Blick ihres Vormundes begegnete, aber der ganz ungewohnte Ton aus seinem Munde ließ ihren Trotz aufflammen; sie richtete sich sehr entschieden auf.

„Wenn Du wünschest, Onkel Arno –“

„Jetzt nicht!“ unterbrach er sie mit einer abwehrenden Handbewegung. „Es ist allzu spät heute, und ich wünsche Deine Mutter nicht zum Zeugen der Unterredung. Ich erwarte Dich morgen früh in meinem Arbeitszimmer; da wirst Du mir auf meine Fragen Rede stehen – gute Nacht!“

Er wandte sich ab, ohne ihr die Hand zu reichen oder ihr Zeit zur Erwiderung zu lassen, und schritt nach dem anderen Ende des Saales. Gabriele stand stumm und betreten da; es war das erste Mal, daß die Strenge und Schroffheit des Freiherrn sich gegen sie kehrte, und zum ersten Male fühlte sie, daß die unvermeidliche Katastrophe nicht so leicht vorübergehen werde, wie sie bisher in ihrer Sorglosigkeit geglaubt. Erst als die Mutter nach ihr rief, fuhr sie aus ihrem Nachdenken auf und eilte an deren Seite.

Raven folgte ihr mit den Augen; seine Lippen waren fest zusammengepreßt, wie im verhaltenen Zorn oder Schmerz, und auf seiner Stirn lag es finster, wie eine Wetterwolke.

„Ich muß die Wahrheit wissen,“ murmelte er. „Freilich, was wird es sein – eine Kinderthorheit! eine flüchtige Reisebekanntschaft, die sich die Beiden mit der nöthigen Romantik ausgeschmückt haben und die in einigen Wochen vergessen ist. Gleichviel, ich werde dafür sorgen, daß es von Blicken nicht zu Worten kommt und daß der Sache bei Zeiten ein Ende gemacht wird.“

Der nächste Morgen brach trübe und sonnenlos an. Er brachte einen nassen, kalten Septembertag, der mit vollem Nachdruck ankündigte, daß es nun mit der Herrlichkeit des Sommers vorbei sei und der Herbst seinen Einzug halte. Ein feiner Staubregen sprühte nieder; die Berge verschwanden hinter einem dichten Nebelschleier, und im Schloßgarten jagte der Wind die ersten Blätter von den Bäumen.

Freiherr von Raven befand sich allein in seinem Arbeitszimmer. Das mittelgroße Gemach mit der hoch gewölbten Decke und der tiefen Nische des einzigen breiten Bogenfensters machte in der That einen düsteren Eindruck. Es war nicht minder prachtvoll eingerichtet als die übrigen Räume des Schlosses, aber diese Pracht wirkte hier entschieden als Einfachheit. Die kostbare Holzbekleidung der Wände, die schweren geschnitzten Eichenmöbel, die reichgewirkten Vorhänge – das alles war durchweg in dunklen Farben gehalten, und der alterthümliche Kamin von schwarzem Marmor schloß sich dieser Einrichtung an, die absichtlich das Glänzende zu vermeiden schien. Der Schreibtisch mit seiner Last von Papieren und Schriften, die Bücher an den Wänden ringsum, in denen alle Gebiete des Wissens vertreten waren, und die Karten, Pläne und Zeichnungen, die auf den Tischen lagen, gaben ein Bild all der hundert verschiedenen Interessen und Anforderungen, die hier ihrer Erledigung harrten. Dieses Zimmer war nicht zum behaglichen Wohnen oder stillen Ausruhen geschaffen; alles darin trug den Stempel ernster, unausgesetzter Arbeit und Thätigkeit.

Raven arbeitete sonst viel in den Morgenstunden; heute saß er am Schreibtische, den Kopf in die Hand gestützt, ohne einen Blick auf die zahlreichen Briefe und Eingaben, Berichte und Verfügungen zu werfen, die vor ihm lagen. Auf seinem Antlitze lag jene Blässe, welche eine durchwachte Nacht anzudeuten pflegt, und der strenge Ausdruck trat deutlicher als je hervor; sonst waren die Züge eisern und unbewegt wie gewöhnlich. Er schien ganz in finsteres Nachsinnen verloren zu sein und sah nicht auf, als die Thür des Arbeitszimmers geöffnet wurde. Der da eintrat, war der Diener, den er nach den Zimmern der Baronin gesandt hatte, um sein Mündel rufen zu lassen, und der jetzt meldete, daß die junge Baroneß sogleich erscheinen werde. In der That folgte sie schon nach wenigen Minuten.

(Fortsetzung folgt.)


Wüstenreise.


Eine Wüstenreise! Es liegt viel Poesie in dem einen Worte: vor allem Poesie des Grauens und der Gefahr, und das fühlt wohl Jeder mit uns – denn die Schrecknisse der Einöde, der verheerende Samum, die heißen Sonnenstrahlen, welche die Wasserschläuche austrocknen, sind Jedermann bekannt – dann aber auch eine Fülle großartig erhebender Eindrücke, und die kennen Wenige – denn daß die nämlichen Wüsten Naturscenerien von zauberhafter Pracht bieten, ist nur denen ein vertrauter Gedanke, welche, wie Schreiber dieser Zeilen, die Sahara in mannigfachen Richtungen selbst durchzogen haben. Nie erinnere ich mich irgendwo einen größeren Farbenreichthum in der Landschaft gesehen zu haben, als in den tief gelegenen Wüstenstrichen, in denen das todte Meer gebettet liegt. Wunderbare Farbentinten in allen Abstufungen, vom Aufgang bis zum Niedergang des Sonnengestirns, selbst während der Glühhitze des Mittags, wo die Fata Morgana mich in mancherlei Gestalten umgaukelte, versetzten mich hier in eine fortwährende Ekstase.

Reisen in der Wüste! Vergnügungsreisen sind es freilich kaum jemals. Zahlreiche Schwierigkeiten stellen sich dem Reiselustigen in jenen Einöden entgegen. Gleichwohl sind die nomadisirenden Bewohner der Sahara und anderer Wüstenstriche des Orients auf einer ewigen Wanderung begriffen. Seit Jahrtausenden, selbst lange vor den Zeiten des Islam, sehen wir sie in gleichen Trachten die gleichen Straßen ziehen, auf gleicher Stufe der Gesittung. Wie sollte sich des Menschen Existenz ändern, wo die Naturformen der Erde ebenso den Eindruck des Unveränderlichen, ewig Ruhenden machen, wie der ewig wolkenlose Himmel, der nach Saadi’s Spruch zwei Gaben von oben spendet, das Ein- und das Ausathmen der reinen Luft! Wie sollte sich eine Cultur entwickeln, wo ungeheure Flächen nur einer spärlichen Zahl von Menschen Unterhalt gewähren, deren ruheloses Ziehen von Oase zu Oase Lebensbedingung für sie ist und die, um das Dasein zu sichern, soviel Zeit und physische Kraft aufzuwenden haben, daß im Uebrigen Muße und Nichtsthun nothwendig bei ihnen zusammenfallen müssen!

Ohne das Schiff der Wüste, das geduldige leichtfüßige Kameel, wäre das Wanderleben in dem Sandmeere eine Unmöglichkeit. Das Kameel trägt bekanntlich bedeutende Lasten, bis zu zehn Centner, mit Leichtigkeit aber drei bis vier Centner. Soweit ist es möglich, eine Art Zelt, das eine ganze Familie bergen kann, auf dem Rücken des Thieres aufzuschlagen. Gewöhnlich freilich bedienen sich nur die Frauen eines solchen Zeltes. Es besteht aus einem von wenigen Quer- und Längsstäben zusammengesetzten bettartigen Gestelle, das oben ein durch Palmenstäbe hergestelltes Kreuzgewölbe hat. Ueber letzteres sind Tücher gebreitet, welche gegen die Sonnenstrahlen schützen und zur Unsichtbarmachung dienen. Es giebt sehr verschiedene Formen dieser Gestelle. Vornehmere reisende Frauen des Orients setzen sich in eine Art Sänfte, welche frei zwischen einem vorderen und einem hinteren Kameel schwebt. Uebrigens sind die Frauen der die Wüste bewohnenden Nomaden nicht jener so strengen Etiquette der Verhüllung unterworfen, wie sie für das Leben in Culturstrichen des Islam gilt. Im Beduinenzelt ist der Harem, das Frauengemach, nur durch eine Teppichwand von dem Raume der Männer getrennt, welche Räume nach außen gewöhnlich offen stehen. Einen Blick in dieselben zu thun – wie interessant für

[259]
Die Gartenlaube (1878) b 259.jpg

Der wandernde Harem eines Beduinen in der Wüste.
Nach dem Wandgemälde von W. Gentz in dem Pringsheim’schen Hause in Berlin.

[260] den Europäer, der sich so schwer eine zutreffende Vorstellung von dem ehelichen Leben der Orientalen machen kann!

Es ist ein weit verbreiteter Irrthum, daß Mohammed erst die Vielweiberei eingeführt habe. Er hat nur die herkömmlichen ehelichen Verhältnisse seines Volkes religiös sanctionirt. Die Nomaden, speciell die Araber, haben, lange vor Mohammed, von Alters her in Vielweiberei gelebt, wie ja selbst die Patriarchen der Bibel. Die verderblichste Seite der mohammedanischen Ehe ist wohl die Leichtigkeit der Scheidung, die sich Leichtfertige zu Nutzen machen, indem sie, um den Geldaufwand von gleichzeitig gehaltenen Frauen in ihrem Harem zu vermeiden, nur immer eine Frau nehmen und diese mit einer anderen vertauschen, sobald sie ihrer müde geworden sind. Mancher soll es auf diese Weise bis zur fünfzigsten Frau gebracht haben. Sonst bildet der Kostenpunkt größtentheils eine wohlthätige Schranke, die bei den mittleren Ständen in der Regel zu Ehen in unserem Sinne nöthigt. Ein Moslem, dessen Harem mit mehreren Frauen bevölkert ist (über vier rechtmäßige Frauen darf er nicht besitzen; die Zahl der Sclavinnen ist jedoch nicht beschränkt), vertheilt dieselben gewöhnlich in verschiedene Häuser, indem er regelmäßig abwechselnd den einen Tag in diesem, den nächsten im andern verlebt. Die Frauen betrachten sich als Verwandte und machen sich von Zeit zu Zeit wenigstens ceremonielle Besuche, aber es soll auch Beispiele friedlich beisammen wohnender Mitfrauen geben. Die Glieder einer Familie hängen oft mit großer Zärtlichkeit an einander. Die Kinder werden freilich auf eine uns fast despotisch erscheinende Weise erzogen.

Hierüber und über die Sitten des orientalischen Familienlebens hat die „Gartenlaube“ bereits mehrfach eingehende Schilderungen veröffentlicht. – Das geniale und namentlich durch seine poetische Stimmung hochinteressante Original des Bildes, das diese Zeilen begleiten und welches den wandernden Harem eines Beduinen in der Wüste darstellt, ist eine mit vielem künstlerischen Feingefühl und Geschmack ausgeführte Schöpfung des geist- und talentvollen W. Gentz in Berlin, eine Wandmalerei in dem von Ebe und Benda auf der Wilhelmstraße daselbst erbauten Hause des Herrn Rudolf Pringsheim, welches einen vielbesprochenen architektonischen Schmuck der Reichshauptstadt bildet. An der äußeren Façade des Hauses – dies sei nur noch bemerkt – befinden sich Mosaiken nach Zeichnungen von A. von Werner; das Innere enthält noch außer Wandmalereien desselben Meisters sowie L. Burger’s eben dergleichen aus der Piloty’schen Schule in München. Unser „Harem in der Wüste“ ist ein stimmungsvolles Landschafts- und eigenartiges Genrebild, das wohl verdient, den großen Kreisen unserer Leser vorgeführt zu werden. Möge es unter ihnen zahlreiche Freunde finden!


Im Stammhause des Reichskanzlers.

Von Moritz Busch.

II.


Nachdem das Innere des Hauses in Augenschein genommen war, brachte mein Führer mich in den Garten, der, wie bemerkt, in zwei Hälften, eine höher und eine tiefer gelegene, zerfällt, von welchen jene Obstbäume und Gemüsebeete enthält, während diese in einem Parke nach altfranzösischer Anlage besteht. Zwischen beiden zieht sich – wenn wir unter dem Doppelwappen über der Thür des Herrenhauses hinaustreten, links – eine Allee breitwipfeliger alter Linden hin, die rechts eine Strecke von einer Fachwerkmauer, der Hinterwand des linken Flügels der Wirthschaftsgebäude, links von einem offenen Raume begrenzt ist. In den Balken jener Wand sieht man zahlreiche Spuren von Schrotschüssen, die nach der Mittheilung des Inspectors, der mich auf sie aufmerksam machte, von Schießübungen des Reichskanzlers in der Zeit herrühren, als er noch der kleine Junker Bismarck war. Der offene Rasenplatz auf der anderen Seite der Linden erinnert durch die hier aufgefahrenen französischen Geschütze an das, was aus dem kleinen Schützen zu unserem Heile in späterer Zeit geworden, an den Befreier Deutschlands von Jahrhunderte langer Bedrohung durch den Erbfeind im Westen. Es sind vier Kanonen, zwei kleinere neue und zwei sehr große alte. Die beiden letzteren sind schön verziert und mit hellgrüner Patina bedeckt. Die Namen derselben – man weiß, daß die Franzosen ihre Geschütze taufen – sind: L’Autorité, Le Navarin, Le Ravissant und Le Champion.

Steigen wir auf der moosbewachsenen Treppe vor uns in den Park hinab, so befinden wir uns bald zwischen hohen Weißbuchenhecken in schmalen geradlinigen Gängen, bald im Schatten der Wipfel von Lindenalleen, die ebenfalls gerade fortlaufen. An der tiefsten Stelle liegt, von einem Graben oder einem kleinen Teiche umgeben, von Bäumen überragt, ein Lusthaus. Hier und da steht eine Bildsäule von Sandstein, eine alte griechische oder römische Gottheit, welche die Zeit mit gelben Flechten bekleidet oder – vielleicht thaten es hier die bösen Franzosen, welche den erwähnten Stammbaum gemißhandelt – um einen Kopf kürzer gemacht hat. Am Ende des Parkes, wo ein Holzbrückchen über einen schilfigen Graben in’s sonnige Feld hinausführt, begegnen wir der Statue eines Hercules, der die rechte Hand auf’s Kreuz drückt, als ob es ihm da wehthäte. Die Schönhausener nennen ihn, weil er die Tracht der Menschheit vor dem Sündenfalle trägt, „den Adam“, und ein witziger Kopf unter ihnen hat die Sage aufgebracht, er halte die Hand auf die Stelle, weil ihn der Schuß noch schmerze, den Junker Bismarck einst auf dieselbe abgefeuert. Ob aus Verdruß darüber, daß er diese Kehrseite den die Brücke vom Felde her Passirenden in nicht recht höflicher Weise zuwendet, weiß ich nicht, ich kann nur bezeugen, daß Spuren eines Schrotschusses noch deutlich zu sehen sind.

Alles ist jetzt still hier. Nur die Stimmen von Vögeln beleben die Büsche im Frühling. Aus den Mauern zur Seite und auf den Treppenwangen sproßt Unkraut und Gesträuch, und längst hat die Zeit an den einst glattgeschorenen Wänden der Weißbuchenhecken die Kunst des Gärtners mit dem Zopfe verdrängt und der Natur wieder zu ihrem Rechte verholfen. Die Sonne des Nachmittags aber leuchtet an wolkenlosen Tagen so schön wie einst vor den Ausgängen der schattigen Alleen und durch das grüne Gezweig der Bosquets dieser Wipfelinsel im weiten baumlosen Gefilde.

Der Park stimmt im Herbste, wo ich ihn sah, durch seinen Verfall etwas schwermüthig, auch wenn man die Kreuze der beiden Gräber nicht sieht, die er enthält, und in denen ein jung verstorbener Bruder und ein Vetter des Fürsten gebettet liegen. Auch der Obst- und Gemüsegarten ist nicht mehr, was er früher wohl gewesen ist. Die Blumen- und Gemüsebeete sind meist mit Luzerne bestanden. Der kleine Teich in der Mitte, der eine Insel mit einer vom Fürsten gepflanzten Birke umgiebt, ist fast ohne Wasser. Das Gewächshaus dient als Stall, in welchem fremdländische Hühner gezüchtet werden. Der Wein, welcher an der hohen Umfassungsmauer in Menge wächst, war in diesem Herbste nicht zur Reife gelangt, und seine edlen Trauben hingen ungenießbar zwischen den vergilbten Blättern der Reben. Einer schöngewachsenen Linde an der Nordseite der Mauer drohte der Untergang. Die Telegraphenverwaltung hat – wohl aus Pietät gegen den Kanzler – den Wipfel des Baumes mit ihrer Leitung umgangen. Jetzt aber wird leider von einer anderen Behörde, wie mein Begleiter erzählte, auf Antrag des Chausseeinspectors verlangt, daß der Draht dicht am Baume hinführen soll, ein Verlangen, welches eine Verstümmelung desselben durch Wegnahme eines Theils des Wipfels einschließt. Ob das nöthig ist? Ich schlage meine Notizenherbarien nach und finde folgende Ergebnisse der Studien, welche der französische Physiker Moucel in Betreff der Bäume als Leiter der Elektricität angestellt hat:

„Die Bäume sind durchaus mehr oder minder Leiter, und ihr Leitungsvermögen hängt von der Menge von Flüssigkeit ab, welche sie enthalten. Die Widerstandsziffer, die von den Blättern eines Baumes ausgeht, vorausgesetzt, daß nur einige derselben mit der Leitung in Berührung gebracht worden sind, variirt, rund gerechnet, zwischen 200,000 und 400,000 Kilometer [261] Telegraphendraht, das heißt: der elektrische Strom findet in einem Baume den nämlichen Widerstand, den er beim Durchlaufen eines Telegraphendrahts von circa 26,000 bis 52,000 Meilen Länge zu überwinden hätte. Der Widerstand im Stamme überschreitet in einen Höhe von 7 bis 8 Metern, wenn der Erdboden als Zwischenmittel benutzt wird, bei stärkeren Bäumen nicht 7000 Kilometer und variirt bei Einschaltung kleiner metallischer Elektroden zwischen 2000 und 7000 Kilometer. Man hat hiernach keine Ursache, sich zu sehr vor der Berührung der Blätter der Bäume mit den Drähten der Telegraphen zu fürchten, denn die aus diesen Linien angewendeten Isolatoren besitzen, sobald sie vom Rauche geschwärzt sind, ebenfalls keine größere Widerstandsfähigkeit. Der Leitungswiderstand gewöhnlicher Häuser ist sechszehn- bis zwanzigmal größer, als jener der Bäume.“

Ich muß es Fachmännern überlassen, zu entscheiden, ob hieraus Schlüsse aus unseren Fall gezogen werden können, und welche.

Nächst dem Hause, in welchem der Reichskanzler geboren worden, in dem er von 1845 an bis 1851 meist lebte und auch in den Jahren von da an bis 1867 wiederholt für längere Zeit seinen Aufenthalt nahm, nächst diesem Hause und den alten Bäumen im Parke und Garten, welche Zeugen seiner ersten Kinderspiele, dann seines gährenden und überschäumenden Jugendhumors, endlich seines Heranreifens zum Politiker waren, müssen wir auch der Kirche einen kurzen Besuch abstatten, in der er getauft worden ist. Denn der Fürst ist – man lasse sich durch seinen Kampf mit den Schwarzen vom geraden und krummen Horne nicht beirren! – ein streng religiöser Mann, und die alte romanische Kirche von Schönhausen ist in der That sehenswerth. Nicht viele Dörfer Norddeutschlands werden ein so altes Gotteshaus aufzuweisen haben, das so wohl erhalten ist, und das sich namentlich seinem Aeußeren nach so stattlich präsentirt.

Die Kirche liegt auf derselben Bodenerhebung wie das Herrenhaus, doch ein wenig höher, und stammt aus dem Anfange des 13. Jahrhunderts (1202), also aus einer Zeit, wo das Heidenthum dieser Gegend noch nicht lange vor dem Christenthume gewichen war. Von Ziegeln erbaut, mit zwei Reihen kleiner Rundbogenfenster versehen, macht sie mit ihren dicken Wänden und ihrem breitschulterigen Thurme den Eindruck, als ob sie dem umwohnenden Landvolke in alter Zeit bei feindlichen Einfällen zugleich als Burg und Zuflucht hätte dienen sollen. Der Form nach ist sie eine Basilika mit drei Schiffen in welche Emporkirchen hineingebaut sind. Das Innere gehört nach seiner Ausschmückung verschiedenen Stilen an. Noch von mittelalterlicher Kunst geschaffen ist ein großes weiß übertünchtes Crucifix, das rechter Hand vom Eingange an der Wand befestigt ist. Gleichfalls sehr alt scheinen einige der Gruftplatten von Sandstein zu sein, welche, mit jetzt großenteils abgetretenen Bildern und Inschriften versehen, den Fußboden bedecken. Schon aus der Periode der Renaissance ist der Grabstein des Ritters Jobst von Bismarck, der unter einem emporkirchenartigen Betstuhle neben der Kanzel in die Wand eingefügt ist und die Jahreszahl 1589 trägt. Die Kanzel, der Altar, den Fahnen schmücken, der herrschaftliche Chorstuhl, welcher, von braunem Eichenholze gezimmert und mit hübschen Ornamenten verziert, der Kanzel gegenüber auf der dort sich hinziehenden Emporkirche hervortritt, gehören ihrem Stile nach in die zweite Hälfte des 17. und in die erste des vorigen Jahrhunderts, aus welcher Zeit auch die an der Kanzelseite befindlichen Gedächtnißtafeln stammen. Eine derselben stellt den Landrath August von Bismarck vor, dessen Namen wir auf dem Wappen über der Hauptthür des von ihm wieder hergestellten Herrenhauses begegneten. Ein anderes, sehr groß und reich geschmückt, zeigt die ovalen Oelbilder der Eltern desselben, des kurbrandenburgischen Obersten August von Bismarck und seiner Gemahlin Friederike Sophie, geborenen von Möllendorf, von denen Ersterer im Jahre 1670 gestorben ist. Nicht weit davon erinnert eine einfache Gedächtnißtafel an die Mutter des Reichskanzlers, und ihr schräg gegenüber hängt ein Oelgemälde, welches einen der letzten Pfarrer der Kirche darstellt. An der schmalen Westseite der letzteren, dem Altare gegenüber, befindet sich eine stattliche Orgel, die vor Kurzem durch freiwillige Beiträge der Ortsangehörigen – es kamen gegen tausend Thaler zusammen – reparirt worden ist. An der Brüstung vor ihr liest man auf Tafeln die Namen der in den letzten Kriegen Preußens für das Vaterland gefallenen Schönhausener, unter denen wir auch einen Oheim des Fürsten finden, der als Husarenmajor in der Schlacht bei Leipzig tödtlich verwundet wurde. Unten in der Ecke rechts vom Eingange zu der Treppe, die in den Thurm hinaufführt, liegt, durch eine Thür mit großem Schlosse abgesperrt, die Familiengruft der Bismarcks. Herr Kohnert erzählte mir hier: „Die Bauern von Schönhausen sahen sich genöthigt, auf einen neuen Kirchhof Bedacht zu nehmen, und wählten dazu einen Platz, der die hohe Wurth heißt. Man fragte den Fürsten, ob er dort auch ein Erbbegräbniß haben wolle. Er antwortete freundlich und mit schönem Danke für die Anfrage, die Stelle hätte ohne Zweifel ihre Vorzüge, sie wäre ihm aber zu windig’.“ –

Begeben wir uns nun von Schönhausen über Stendal und Wittenberge nach einer vom Fürsten neuerdings erworbenen Besitzung, dem mächtigen Complex von Waldgrundstücken im Lauenburgischen, welcher in den Oertchen Friedrichsruhe seinen Mittelpunkt hat. Er besteht in dem sogenannten Sachsenwalde, der sich, etwa zwei Meilen südlich von Hamburg beginnend und an einigen Stellen bis zur Elbe hinabreichend, zu beiden Seiten der Hamburg-Berliner Eisenbahn hinzieht. Dieser Besitz war ursprünglich Domäne und wurde dem Reichskanzler 1871 vom Kaiser als Herzog von Lauenburg zum Zeichen der Anerkennung seiner Verdienste überwiesen. Feldbesitz von Bedeutung war ursprüglich nicht damit verbunden. Auch befand sich hier kein Schloß oder Herrenhaus. Neuerdings hat der Fürst die Güter Silk und Schönau dazu gekauft, in welchem letztere ein großer Wirthschaftshof ist, von dessen geräumiger und elegant eingerichteter Inspectorwohnung man einen Theil der Gutsfelder und des Sachsenwaldes übersieht. Der Viehstand ist hier erheblich kleiner als in Schönhausen; wenn ich mich recht erinnere, sprach die freundliche Frau Inspectorin, die meine Führer und mich in Abwesenheit ihres Mannes durch Haus und Stall begleitete, von fünfzig Stück Rindvieh. Auch der Boden ist nicht so gut, wie der zum Stammhause des Kanzlers gehörige. Herrlich dagegen ist der Wald, in dessen Mitte im tiefsten Thale der Aue das Oertchen Friedrichsruhe liegt.

Letzteres ist neueren Ursprungs und besteht aus einem Stationsgebäude der Eisenbahn, einem kleinen Posthause, der netten Wohnung des Oberförsters, in welcher der Fürst bisher abstieg, wenn er sich hier einige Tage aufhielt, einer Mühle, einem Gasthause, vier oder fünf hübsch im Grünen gelegenen Villen, in welchen wohlhabende Hamburger ihre Sommerfrische abhalten, und einem ziemlich großen Logirhause mit einem Anflug von Schweizerstil, welches vor Kurzem vom Reichskanzler angekauft worden ist und jetzt für ihn umgebaut wird. Da die Verhältnisse hier einfach lagen und keine Erinnerungen von Bedeutung aufzusuchen waren, auch die Zeit drängte – sonst hätte ich gern noch mehr von dem schönen Walde gesehen – so war mein Besuch hier nur ein kurzer. Er genügte indeß, mich über den Charakter des Ganzen zu orientiren und mich in Oberförster Lange, an den ich empfohlen war, einen liebenswürdigen, wohlunterrichteten Mann kennen lernen zu lassen. Ich besah mit ihm zunächst das Haus, das gegenwärtig für den Fürsten eingerichtet wird und in welchem er, da es für unwillkommenen Besuch allerdings nicht so schwer erreichbar als das ferne Varzin, für willkommene aber leichter zu erreichen ist, später vermuthlich länger seinen Aufenthalt für Urlaubszeiten nehmen wird. Dasselbe ist ein schon auf der Bahnstation ziemlich in die Augen fallendes Gebäude, das in seinen drei Stockwerken reichlich Raum für einen vornehmen Haushalt, aber weder hohe noch geräumige Säle noch andere Einrichtungen hat, die den Eindruck besonderer Eleganz machen. Mehr scheint der Fürst auf die Umgebung verwenden zu wollen. Hinter der Terrasse neben dem Hause, die bei meiner Anwesenheit in der Vollendung begriffen war, bahnte man durch die dort stehende herrlichen Gruppen hochstämmiger Buchen und Fichten Schlangenwege nach verschiedenen Punkten, die eine anmuthige Aussicht auf den Lauf der vielgewundenen Aue bieten. Andere Arbeiter waren mit Schaufel und Schubkarren beschäftigt, diesen Wasserlauf malerischer zu gestalten und den Teich bei der Mühle, in dem sich der Bach sammelt, zu schlämmen. Alle Neubauten wurden mit schönen rothen Backsteinen aufgeführt, welche man selbst erzeugte.

Später zeigte mir der Oberförster, indem er Pächter Peters [262] seine Braunen anspannen ließ, eine gute Strecke des seiner Pflege und Obhut befohlenen Waldes. Der Weg führte uns dabei zunächst unmittelbar hinter dem Orte und dann wohl eine kleine Viertelmeile seitwärts an prachtvollen Buchenständen mit geraden starken Stämmen hin, wie man sie so schön hier oben wohl nur noch in Holstein sieht. Weniger imponirten die Eichen, die uns zur Linken blieben, da hier für diese Baumgattung kein geeigneter Boden ist, weshalb sie Herr Lange – beiläufig ein Rheinländer, der vor seinem Eintritt in die Dienste des Fürsten als Oberförster die wildreichen Staatsforsten bei Zehdenik verwaltet hat – allmählich durch Buchen verdrängen will. An Holz wird bei den jetzigen gedrückten Preisen verhältnißmäßig wenig verkauft. Etwas davon consumirt die große Pulverfabrik, welche ein Württemberger an einer an der Elbe gelegenen Stelle der hiesigen Bismarck’schen Besitzungen angelegt hat. „Wenn sich die Holzpreise für den Verkäufer besser gestalten,“ äußerte mein Begleiter, „so getraue ich mir ohne Schaden für den Forst jährlich aus diesen Wäldern Holz im Bruttowerthe von hunderttausend Mark herauszuschlagen.“ Ich weiß nicht, was für einen Nettowerth das ergiebt. Aus guter Quelle aber weiß ich, daß die 1872 vielverbreitete Annahme, die lauenburgische Dotation gewähre dem Fürsten einen Jahresertrag von vierzigtausend Thalern, der beim Ablauf der Pachtverträge auf das Dreifache gebracht werden könnte, eine starke Ueberschätzung war. Die Wahrheit war, daß die bezeichneten Domänen damals vierunddreißigtausendundsechszehn Thaler das Jahr eintrugen, welche Summe dreitausendfünfhundert Thaler Pacht für die Jagden und über zweitausend Thaler Pacht für künftig wegfallende Zwangs- und Bannrechte einschloß. Diese letztere abgezogen, dagegen die vom Pulvermüller jährlich gezahlte Pacht hinzugerechnet, wird der gegenwärtige Ertrag der Besitzung hunderttausend Mark kaum erreichen. Es kann nicht oft genug betont werden, daß man den Fürsten Bismarck vielfach wie für gesünder und einflußreicher, so auch für wohlhabender hält, als er in Wirklichkeit ist.

Der weitere Weg führte uns bei einer Mühle aus dem Walde heraus und hinauf nach Schönau, von wo wir auf anderer Straße, die klare, wasser- und forellenreiche Bille überschreitend, wieder durch herrlichen Buchenwald nach der gastlichen Oberförsterei von Friedrichsruhe zurückkehrten. Ich bemerke noch, daß der dem Fürsten gehörige Sachsenwald, der in einigen seiner Reviere auch aus Nadelholz besteht, die erhebliche Fläche von achtundzwanzigtausend Morgen bedeckt, daß er außer dem Oberförster noch sieben Förster zu Pflegern hat, und daß die Jagd in ihm noch auf mehrere Jahre an Hamburger verpachtet worden ist. Wenn das letztgenannte Verhältniß dem lebhaften Waidmannsgemüth Herrn Lange’s nicht recht gefallen sollte, so tröstet ihn wohl einmal eine Jagd mit dem Fürsten oder dessen Söhnen in dem Parke jenseits der Bahn, den man sich reservirt hat, und der ganz achtbare Hirsche aufweisen soll. –

Zum Schlusse dieses Abschnitts mögen noch zwei andere Güter kurz erwähnt werden, von denen das eine zuerst, das andere zuletzt von allen in den Besitz Bismarcks gelangte: Kniephof, welches seine wilde Uebergangszeit vom Jünglinge zum Manne mit ihren hundert tollen Streichen, und Reinfeld, welches in Johanna von Putkammer seine Lebensgefährtin aufwachsen und sie am 28. Juli 1847 mit ihm die Ringe wechseln und Hochzeit halten sah. Beide Güter liegen in der Provinz Pommern, das erstgenannte etwa sieben Kilometer östlich von Naugard in anmuthiger Gegend mit Wald und Wiesen nicht fern vom Flüßchen Zampel, das andere dicht am linken Ufer der Stolpe, nicht weit von da, wo sie sich in die Ostsee ergießt, und ebenfalls in freundlicher Landschaft.

In Kniephof verlebte der Reichskanzler, da seine Eltern schon 1816 von Schönhausen hierher übersiedelten, den größten Theil seiner ersten sechs Lebensjahre, und hier zog er, nachdem ihm sein Vater diese Besitzung abgetreten, in seinem dreiundzwanzigsten Jahre als selbstständiger Gutsherr ein. Das alte Fachwerkhaus neben dem schönen Garten dieses Gutes hat, seit letzteres in den Besitz eines Neffen des Fürsten übergegangen ist, einem stattlicheren Raum machen müssen. Als es noch stand, wußte es allerhand Wunderdinge zu erzählen, die, von der Mythe weiter ausgebildet, die Edelsitze und Dörfer zehn Meilen in der Runde mit dem Rufe des „tollen Junkers“, der hier hauste, erfüllten. Schaudernd hörten junge Fräulein und deren Tanten und Mütter, kopfschüttelnd und ein schreckliches Ende weissagend deren Väter von wüsten Gelagen, bei denen Fluthen von Champagner und Porter vertilgt worden, von Ritten, als ob der wilde Jäger daherkäme, von Pistolenschüssen, mit denen mitten in der Nacht die Gäste des Hauses geweckt worden, von kecker Verspottung des Herkommens durch allerlei Unfug und Uebermuth. Daß Vieles hiervon Wahrheit, konnte das alle Haus bezeugen, daß Manches wenigstens zur Hälfte Dichtung der Nachbarn konnte es gleichfalls darthun, und das Unheil, das gesetzte Leute aus dem Unfug prophezeiten, ist ebenfalls Phantasie geblieben. Der gährende Most setzte sich trotz seines Brausens zu seiner Zeit wie in anderen Fällen, und was daraus geworden, weiß die Welt.

Wenn in jenen Tagen voll Sturm und Drang es einmal hieß: „Er geht nach Indien,“ so war darin nur das Körnchen Wahrheit, daß der Junker von „Kneiphof“ – so hatte der Witz guter Freunde oder verdrießlicher Zuschauer dieses Treibens den Schauplatz desselben getauft – sich einmal mit dem Gedanken trug, auszuwandern, aber das Ziel, das ihm vorschwebte, war nicht Italien oder gar das Gangesland, sondern ein beliebiger Punkt in den polnischen Wäldern, wo er ein Farmer- und Jägerleben zu beginnen gedachte.

Wenn man ihm allerhand Dinge, welche die hergebrachte Manier und Convenienz auf den Kopf stellten, nachsagte, so mögen Geschichtchen wie das folgende dazu beigetragen haben. Einst hatte der Junker einen Husarenlieutenant bei sich, der im Begriffe stand, einen Verwandten in der Nachbarschaft zu besuchen, welcher viel auf Etiquette und wohlabgezirkelte Sitte hielt und bei dem sich Gäste ähnlicher Art zu einer großen Festlichkeit versammelten. Bismarck beredete in der Nacht vorher den Lieutenant zu scharfem Zechen und brachte ihm so viel gute Getränke bei, daß er beträchtlich mehr als genug hatte. Dann ließ er am Morgen einen Wagen ohne Federn anspannen, aus dem er mit seinem Gaste nach dem Schlosse jenes Onkels fuhr. Die Wege waren entsetzlich, sodaß beide übel bespritzt am Ziele ankamen, der Lieutenant aber überdies in seekranker Verfassung. Die Gesellschaft, die sie dort versammelt fanden – die Damen in großer Toilette, die Herren in Frack und weißer Binde – sah sie mit Blicken, die halb Staunen, halb Grausen waren, eintreten, und der Husar wurde bald nachher unsichtbar. Bismarck aber setzte sich trotz des Abscheues der guten Leute gelassen mit ihnen zu Tische und that, als ob an ihm nichts auszusetzen. Man sagte dann, es wäre doch merkwürdig, daß er gar nicht gemerkt habe, wie er unangenehm aufgefallen sei.

Diese Anekdote ist gut verbürgt. Dagegen war es nichts als die Mythe in eigenster Person, die sich im October vorigen Jahres auf einer hinterpommerschen Bahnstation in Gestalt eines derben naiven Landmanns zu mir in’s Coupé setzte und unter anderen hübschen Historien auch die erzählte, daß Bismarck in Kniephof ein altes gebrechliches, windschiefes Gebäude, statt es abtragen zu lassen, mit einer Kanone zusammengeschossen habe. „Woher er nur die Kanone dazu bekommen haben mag?“ fragt man mit Recht. Ich antworte mit der Gegenfrage: ob mein wackerer Bauer nicht am Ende läuten, aber nicht anschlagen gehört, ob die aus ihm redende Volksmythe nicht im dunkeln Drange ihres Schaffens den Minister Bismarck mit dem Junker Bismarck verwechselt hat? Wir Alle wohnten einst in einem alten gebrechlichen, windschiefen Hause – im deutschen Bunde, und den hat er allerdings mit Kanonen zusammengeschossen.

Schließlich sei hervorgehoben, daß Kniephof im Leben des Reichskanzlers nicht blos „Kneiphof“ gewesen ist. Es hat auch etwas Anderes zu bedeuten. Zwischen Stunden voll Hitz und Hatz, voll Saus und Brauns gab es hier auch Tage ernsten Studirens für ihn, das sich namentlich auf geschichtliche, aber auch auf philosophische Werke erstreckte, wie er sich denn hier allen Ernstes mit keinem Geringeren als Spinoza beschäftigt hat. Mit dem Besuch, den er bekam, discutirte er politische Fragen oft bis tief in die Nacht hinein, und zwar vertrat er dabei ziemlich freisinnige Anschaungen. Der „tolle Junker“ war eine Zeit lang Kreisdeputirter, dann Abgeordneter im pommerschen Provinziallandtage, und zuletzt hätte er sich sogar zum Landrath wählen lassen können, da ernste und kluge Leute trotz alledem und alledem von seinem Wesen Tüchtiges erwarteten. Endlich aber hat er, in doppelter Weise mit Nutzen, schaffend und sich [263] bildend, die Schule des praktischen Landwirths durchgemacht. Er hat ein durch Vernachlässigung heruntergekommenes Gut wieder emporgebracht und dabei seine Begabung zu entwickeln begonnen, heruntergekommene große Güter, Staaten, wieder emporzubringen.

Die Landwirthschaft schärft, wie wenige andere Beschäftigungen, den Blick für die natürlichen Verhältnisse; sie lehrt Mögliches rasch von Unmöglichem unterscheiden und in Folge dessen die Dinge praktisch anfassen; sie lehrt verwalten und regieren. Es wäre darum meines Erachtens gut, wenn unsere Politiker in größerer Anzahl in diese Schule gegangen wären.




Ferienstudien am Seestrande.
Von Carl Vogt.
5. Kiemenschmarotzer.

In den zwanziger Jahren kam Alexander von Nordmann, ein junger Naturforscher aus Finnland, nach Berlin, um sich dort mit zoologischen Studien zu beschäftigen. Rudolphi, der Vorgänger Johannes Müller’s, hatte damals die Untersuchungen über Eingeweidewürmer in Berlin in Schwung gebracht, und Ehrenberg arbeitete an seinen bahnbrechenden, freilich in der Deutung der Resultate so oft verfehlten mikroskopischen Forschungen über Infusorien. Der scharfe Blick des Finnen sah bald ein neues, erfolgreiches Feld der Thätigkeit in dem Ablaufen der verschiedenen Süßwasserfische, welche der Markt von Berlin in reicher Fülle, wenn auch nicht in vorzüglicher Qualität biete. Möge der Himmel den armen Sündern gnädig sein, welche alljährlich die Producte des Stralauer Fischzuges, trotz ihres Reichthumes an Gräten, hinabschlucken müssen! Zwar behauptete einmal in meiner Gegenwart der Arzt des Rekrutendepôts der Neuchâteler Schützen, ein echtes Berliner Kind, daß ein Spreekarpfen in Biersauce wohl noch vorzüglicher sei, als die herrliche Seeforelle in Weinsauce, an der wir uns eben erquickten – aber das war wohl ein Ausfluß desselben Patriotismus, welcher den Hauptmann desselben Depôts versichern ließ, Friedrich Wilhelm der Dritte würde ein ebenso ausgezeichneter General gewesen sein wie Napoleon, wenn er nur die Gelegenheit gehabt hätte, seine Talente zu entwickeln. Dem Naturforscher kann aber der geringe Preis der in Schlamm und Moder halb erstickten Spreefische sehr zu Statten, denn er konnte sich das Material zu seinen Untersuchungen für weniges Geld in Hülle und Fülle verschaffen, ohne die Verlockung bekämpfen zu müssen, ein schönes Stück zur Tafel zu sparen, und was Ungeziefer betrifft, so findet man dessen bekanntlich in allen großen Städten, selbst an den Kiemen der Fische.

Die Gartenlaube (1878) b 263.jpg

Lernanthropus Kroyeri.
Fig. 1. Rückenansicht des Männchens, dreißigfach vergrößert. – Fig. 2. Das Weibchen, sechsfach vergrößert, im Profil. – Fig. 3. Das Junge, dreihundertfünfzigfach vergrößert, Rückenansicht.

Nordmann verdeutlichte seine Untersuchungen in einem mit schönen Tafeln ausgestatteten Quartanten unter dem Titel: „Mikroskopische Beiträge“, und die wissenschaftliche Welt staunte. Sie wurde zum ersten Male mit einer Menge neuer und höchst seltsamer Formen von Würmern und Krebsthieren bekannt, die, an den Kiemen der Fische festgekrallt, sich nach der wahrscheinlich irrigen Ansicht Vieler von deren Blute nähren. Unter den Würmern lehrte Nordmann jenen seltsamen Doppelwurm kennen, den er Diplozoon paradoxum nannte, dessen Räthsel erst in der jüngsten Zeit dahin aufgelöst wurde, daß es in der That zwei ursprünglich getrennte Individuen sind, welche zu einem einzigen untrennbar zusammenwachsen; unter den Krebsthieren, von welchen einige Arten schon bekannt waren, fand er Formen, welche durch die Reduction der Sinnes- und Bewegungswerkzeuge, sowie durch die Verkümmerung der Männchen eine besondere Stufe in der rückläufigen Entwickelung der Schmarotzer darstellen.

Die Forschungen, zu welchen Nordmann den wesentlichsten Grund legte, sind seitdem in vielfältigster Weise vervollständigt worden. Wir kennen jetzt über zweihundert Arten solcher an den Kiemen der Fische schmarotzender Krebsthierchen und können wohl behaupten, daß Jeder, der einen nicht allzu sehr durchforschten Küstenpunkt besucht, seinen Namen in den Registern der Wissenschaft durch eine neue Art verewigen kann. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß es kaum einen Fisch giebt, der nicht solche Krebsthierchen beherbergte, bei manchen findet man

[264] selbst mehrere Arten, was indessen wieder dadurch ausgeglichen wird, daß viele Fische aus verwandten Gattungen, welche eine ähnliche Lebensart besitzen, derselben Krebsart als Ernährer dienen. So wird man auf den Kiemen der verschiedenen Plattfische, Zungen, Schollen, Butte etc., die ja alle im Sande sich eingraben, denselben Knorpelkrebs (Chondracanthus) finden, zu welchem sich dann oft noch Würmer und andere Krebsthiere gesellen.

Wenn es so verhältnißmäßig leicht ist, beim Suchen nach neuen Formen sich zu befriedigen, so hält es um so schwerer, die Metamorphosen der einzelnen Arten von Kiemenschmarotzern in ihren Einzelheiten zu verfolgen. Die herangewachsenen Thiere findet man leicht, indem man die Kiemen mit der Lupe durchmustert. In Roscoff wurden die zum Frühstück oder Mittagessen im Hôtel bestimmten Fische auf einer Steinbank im Hofe abgelegt und dort gesäubert. Ich schnitt anfangs selbst mit einer Scheere die Kiemen heraus; nachdem unser freundlicher Wirth, G. Legad, einmal wußte, was ich suchte, besorgte er dieses Ausschneiden selber, und ich fand beim Eintreten die Kiemen der über Nacht gefangenen Fische in einem Papiere eingewickelt. Das gab dann Nachmittagsarbeit. Die Kiemen wurden mit der Lupe unter Wasser durchsucht, die Thierchen abgestreift oder mit dem Kiemenblättchen, an dem sie festsaßen, abgelöst und in einem Glaswännchen mit frischem Seewasser übergossen. Da leben sie dann oft lange – um so länger, je reiner man das Wasser halten und je leichter man sie von den Kiemenblättchen loslösen kann, welche durch ihre Zersetzung das Wasser verderben. Oft kann man die Eier so lange erhalten, bis die Jungen ausschlüpfen – dann aber ist es meist mit der direkten Beobachtung vorbei. Denn alle diese Jungen sind sehr klein, kaum mit dem bloßen Auge sichtbar; alle gehören dem Typus des Nauplius an, von welchem ich in einem vorigen Artikel sprach; alle schwimmen vortrefflich. Wechselt man das Wasser nicht, so sterben sie; wechselt man es, so entschlüpfen sie nach und nach alle. So fehlen denn auch in meinen Beobachtungsreihen, wie in denen aller früheren Forscher, die Zwischenglieder zwischen der Urform des Nauplius einerseits und der Gestalt des erwachsenen Thieres andererseits.

Wenn gleich gemeinsamer Grundform entstammend und in ihren Formen unendlich auseinandergehend, unterscheiden sich doch diese Kiemenschmarotzer von den Bewohnern der Seescheiden durch ein gemeinsames Merkmal, das sie zugleich den eigentlichen Krebsflöhen (Cyclops) näher rückt. Die Weibchen tragen sämmtlich ihre Eier in zwei mehr oder minder langen Schläuchen, welche an dem Hinterleibe befestigt sind, während die Seescheidenbewohner sie auf dem Rücken innerhalb der Körperhaut selbst mit sich schleppen. Mag auch der Kiemenschmarotzer und die ihm verwandten Arten, welche sich selbst in das Fleisch der Fische Gänge graben, noch so tief mit seinem Körper in das Gewebe eingebohrt sein, die frei hervorhängenden Eierschläuche, die oft weit länger sind, als der Körper des Thieres, verrathen immer das trächtige Weibchen. Diese Eierschläuche werden erst gebildet, wenn die Eier aus dem Körper austreten; bei jungen Weibchen findet sich keine Spur davon, während bei den Seescheiden-Bewohnern der Brutraum stets vorgebildet ist und nur bei der Zunahme der Eier sich weiter ausdehnt. In diesen Eierschläuchen entwickeln sich die Eier bis zu dem Zustande des Nauplius, der dann die Haut des Schlauches durchbricht und ausschwärmt, so daß man bei längerem Halten der Thierchen in stets erneuertem Seewasser immer Aussicht hat, die eben ausgeschlüpften Jungen in der Glaswanne sich tummeln zu sehen.

Nicht alle Kiemenschmarotzer stehen auf gleicher Stufe des Parasitismus, wenn sie erwachsen sind. Die Einen sind noch leicht beschwingte Gesellen; vorn mit Klammerfüßen, hinten mit Schwimmfüßen versehen, verlassen sie zuweilen die Kiemen, hängen sich an dem Kiemendeckel oder sonst wo an und wandern wohl auch von einem Fische zum andern. Von einem großen Turbot hatte ich wohl hundert Stück einer Gattung (Caligus) abgelesen, die alle noch bei vollem Leben waren. Sie schwammen in der Glaswanne mit hurtigen Stößen umher, meist den Bauch nach oben gerichtet, wie die freilebenden Kiefenfüße (Apus), setzten sich mit ihrem breiten, dünngeränderten Kopfschilde an den Wänden und dem Boden fest, sodaß man wohl einsah, wie sie sich in derselben Weise, auch ohne ihre Klammerfüße zu gebrauchen, an einem glatten Fische festsaugen können, und schienen sogar dieses freien Lebens im Wasser durchaus nicht überdrüssig nach längerem Aufenthalte. Hier findet sich also nur die erste Stufe des Schmarotzerlebens ausgebildet und übereinstimmend damit schaut der Caligus mit großem, lebhaft rothem Auge in die Welt hinein und entwickelt zarte, röthliche und gelbe Farben auf seinem durchsichtigen Körper, während die anderen Kiemenschmarotzer entweder schmutzig blutroth oder einfach weiß erscheinen, entsprechend der Flüssigkeit, die sie saugen, oder dem dunklen Aufenthalte, den sie niemals verlassen. Unter diesen aber giebt es die mannigfachsten Stufen der Rückbildung, von welchen ich dem Leser nur zwei vorführen will, die zu den häufigeren Arten gehören, deshalb aber nicht minder seltsam und fremd erscheinen mögen.

Lernanthropus Kroyeri hat van Beneden einen kleinen Schmarotzerkrebs genannt, welcher an den Kiemen des im Ocean und der Nordsee ziemlich häufigen, schmackhaften Bar oder Loup (Labrax lupus) sich findet (Fig. 1, 2 und 3). Das Thier ist nicht ganz leicht zu finden, denn obgleich die Weibchen bis zehn Millimeter, und ihre fadendünnen, braunen Eierschnüre bis zwölf Millimeter lang werden, während das Männchen nur höchstens drei Millimeter Länge erreicht, stimmt doch seine Farbe so gut mit derjenigen der Kiemenfransen überein, daß man es nur schwer unterscheidet, zumal da es diese Fransen eng mit seinen lappenähnlichen Armen umfaßt und mit den Kopfklauen sich fest einhakt.

Der Name Lernanthropus (Lernäen-Mensch) ist vortrefflich gewählt – Lernäen nennt der Zoologe überhaupt die Schmarotzerfamilie, der die Gattung durch ihre Organisation angehört, und eine gewisse Aehnlichkeit mit der Carricatur eines in einen engen Frack gehüllten Culturmenschen läßt sich besonders einer Profilzeichnung des Thieres nicht abstreiten. Beide Geschlechter zeigen außer der Größe bemerkenwerthe Verschiedenheiten. Der Kopf des Weibchens (Fig. 2) ist, von oben oder unten betrachtet, breit herzförmig; die Seitenränder sind nach innen eingebogen; derjenige des Männchens dagegen fast viereckig. Vorn an dem Kopfe stehen auf einer queren Verengung bei beiden Geschlechtern zierlich nach außen geschwungene, kurze Fühlhörner; dahinter auf der Bauchseite zwei gewaltige Hakenglieder, die aber bei dem Männchen weit größer und schärfer gekrümmt sind. Mit der Beschreibung der Mundorgane und einiger gänzlich verkümmerter Schwimmfüße, die auf ein gezahntes Blättchen reducirt sind, will ich den Leser nicht aufhalten; sie sind bei beiden Geschlechtern beinahe gleich. Auf den Kopf folgt ein mittlerer Körpertheil, der vorn schon die verkümmerten Schwimmfüße, nach hinten aber lappenförmige Anhänge trägt. Bei dem Weibchen sind diese kurz, dütenförmig zusammengeschlagen, bei dem Männchen (Fig. 1) dagegen lang, aus einem großen lanzettartigen Blatte mit einem kleinen Anhange an der Wurzel gebildet. Die hintere Körperabtheilung ist verbreitert und auf dem Rücken wie ein modern abgestutzter und zugerundeter Frackflügel emporgehoben; sie trägt auf der Bauchseite jederseits zwei aus einer gemeinsamen Wurzel entspringende, langzugespitzte Blattflügel, die bei dem Männchen verhältnißmäßig länger sind, und nahe der Mittellinie zwei kleine, mit feinen Endborsten besetzte Spitzen. Von Augen läßt sich keine Spur entdecken; der gerade Darm läuft ohne bemerkenswerthe Erweiterung von vorn nach hinten; die übrigen Körperräume sind undurchsichtig durch die Erfüllung des dunkelbraunen, netzartig gebildeten Eierstockes. Gefäßartige Canalräume, mit rother Flüssigkeit gefüllt, ziehen durch den ganzen Körper und die flügelförmigen Anhänge.

Die Thiere sind äußerst unbehülflich; die Weibchen liegen meist ruhig da; die Männchen schleudern ihre Anhänge umher und bewegen sich dadurch, wenn auch langsam, von der Stelle.

In den Zellen der dünnen Eierschläuche liegen die Eier so fest hinter einander gepreßt, daß sie scheibenförmig abgeplattet erscheinen. Die eben ausgeschlüpften Jungen (Fig. 3) haben einen braunen, dichten Dotter, der die ganze Leibhöhle erfüllt, breite Gestalt, die drei Normalglieder des Nauplius, die vorderen wie gewöhnlich einfach, die hinteren beiden Paare mit doppelten Endgliedern und ungemein langen Schwimmborsten; an dem hinteren Ende zwei feine Stacheln. So gleichen sie ganz der gewöhnlichen Nauplius-Form, aber das meist so auffallende rothe Stirnauge ist nur wenig gefärbt und läßt sich nur bei der Ansicht vom [265] Rücken aus erkennen in Gestalt zweier schwach gelblicher Halbmonde.

Tritt uns bei dem Bewohner der Kiemen des Meerbarsches schon einerseits die Umwandlung gewisser Anhänge, welche wohl unstreitig Füße waren, aber ihre Gliederung gänzlich verloren haben, in bandartige Lappen und andererseits die verschiedene Gestaltung und geringere Körperentwickelung des Männchens entgegen, so sehen wir bei dem Knorpelkrebse (Chondracanthus) (Fig. 4 und 5), welcher die Kiemen einiger Plattfische, namentlich aber der Scholle (Plie) und der Kliesche (Limande) bewohnt, diese Verhältnisse fast auf die Spitze getrieben. Die Fühlhörner, so wie die großen Hakenklammern vorn an der Unterseite des Kopfes sind bei dem Weibchen (Fig. 4) geblieben; einige Kauwerkzeuge sind noch unterscheidbar, aber die kleinen, zu gezähnten Plättchen umgewandelten Schwimmfüße sind nun völlig unkenntlich geworden und durch zwei Paare lappenförmiger Anhänge ersetzt, deren jeder aussieht, als bestehe er aus einem Wurzelstück, das in zwei Handschuhfingern endet. Der Körper selbst ist lang ausgezogen, aus zwei Abtheilungen gebildet, welche durch eine Einschnürung geschieden werden, und mit Ausnahme des in der Mitte verlaufenden Darmes gänzlich von dem Eierstocke erfüllt, der bei den jüngeren Weibchen ein weiches Zellengewebe darstellt, während er bei älteren ein dunkles, kaum von einigen hellen Zwischenräumen durchbrochenes Netz bildet. Nach hinten läuft dieser lange Körper in zwei seitliche Zipfel aus, an deren Innenseite die langen und dicken, mit Eiern vollgepfropften Eierschläuche befestigt sind. Der Mitteltheil des Hinterkörpers bildet einen kurzen Zapfen.

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Fig. 4. Fig. 5.
Chondracanthus cornutus.
Fig. 4. Das Weibchen (Bauchansicht) mit dem anhängenden Männchen a., zehnfach vergrößert. Die Eierschläuche sind ebenso lang als der Körper. – Fig. 5. Das Männchen im Profil, fünfzigfach vergrößert.

Damit hätte sich ein früherer, nur mit der Lupe beobachtender Forscher vielleicht begnügt; jetzt, wo man Nordmann’s und seiner Nachfolger Arbeiten kennt, heißt es schärfer aufpassen. Scheint der mittlere Endzapfen nicht doppelt? Hat er nicht ein anderes Ansehen von der Bauchseite als von der Rückenseite? Sieht er nicht von der Unterseite her wie eine Birne aus, welche gegen den Stiel hin einige Querringel zeigt? Glänzt es nicht wie ein rother und schwarzer Punkt auf dem breiten Theile der Birne? (Fig. 4 a.) Man dreht und wendet, sucht selbst mit einem feinen Pinsel oder einer Nadel den räthselhaften Anhang loszulösen. Aber es geht nicht – er ist festgewachsen – er bildet wirklich einen integrirenden Bestandtheil des Thieres. Und doch, hat er sich nicht eben selbstständig bewegt? So arbeitet man hin und her; man legt ein Deckplättchen auf von dünnstem Glase, welches einen geringen Druck ausübt, man schiebt dasselbe nach rechts, nach links und endlich wird es klar: es ist ein kleines, buckliges, an dem Brusttheile seltsam aufgewulstetes Männchen, welches hier an seinem gigantischem Weibchen festsitzt, in unmittelbarer Nähe der mit einem harten Hornringe umgebenen Oeffnungen, durch welche die Eier nach außen treten. Nur äußerste Gewalt kann diese Verbindung lösen – selbst an den in Weingeist aufbewahrten Exemplaren der Weibchen hält das Männchen noch fest. Nie habe ich mehr als ein Männchen gefunden – ich habe aber auch kein noch so junges Weibchen gesehen, an dem nicht schon ein Männchen befestigt gewesen wäre.

Welcher Unterschied in der Größe! Das Weibchen wird bis zu zehn Millimeter lang, das Männchen mißt keinen halben Millimeter – das Weibchen ist also wenigstens zwanzigmal größer.

Wie groß aber auch der Unterschied in der Form und Gestaltung! Wer die beiden Wesen getrennt sähe, würde niemals glauben, daß sie zusammen gehören, daß sie aus denselben Eiern hervorgegangen, aus derselben Grundgestalt heraus entwickelt wären.

An dem unförmig dicken und breiten, nach oben und unten buckligen Vordertheile des Männchens (Fig. 5) stehen auf einem kurzen, wulstartigen Vorsprunge zwei kurze, mit feinen Endborsten besetzte Fühler und unmittelbar darunter zwei nach innen gebogene scharfe und spitze Hakenklammern, mit denen es sich an der Haut des Weibchens festbeißt. Das einfache Auge, welches dem Weibchen gänzlich abgeht, steht mitten auf dem buckligen Vordertheile. Hinter ihm sieht man den Darm und die übrigen Organe durch den Körper durchschimmern. Dieser endet mit einem dünnen, runden, aus mehreren deutlichen Gliedern zusammengesetzten Endtheile, an dem zwei kurze Spitzen ansitzen. Da, wo dieser geringelte Hinterleib an die bucklige Kopfbrust sich ansetzt, stehen zwei Paar kurzer, fußförmiger Anhänge hervor. Bearbeitet man dieses Pygmäen-Männchen mit der Nadel, so schnellt es zuweilen mit dem Hinterleibe, wie vor Ungeduld, oder wirft sich herum auf die andere Seite, aber niemals öffnet es die Hakenzangen, mit welchen es festgekrallt ist.

So ist also hier, wie bei manchen andern verwandten Gattungen und Arten, das Männchen gewissermaßen der Schmarotzer des selbst schmarotzenden Weibchens geworden. Ersteres, riesig groß im Verhältniß zu seinem ihm angeschweißten Gatten, ist ein für allemal an den Kiemenblatte festgehakt, an welchem es sich zuerst festsetzte – es hat keine Bewegungsorgane mehr; die Gelenke seiner Füße sind abhanden gekommen; es hat nur noch Lappen und Haken, mit denen es sich festhält, Fühler, aber keine Augen. Und an diesem unbehülflichen Wesen, das fast nur Eierschlauch ist, dessen einzige Aufgabe ist, Hunderttausende von Eiern zu erzeugen, ist wieder das zwerghafte Männchen festgehakt, welches zwar in seinem Auge und seinen gänzlich verkümmerten Füßen noch eine Reminiscenz an frühere Zustände besitzt, damit auch um einen Grad höher in der allgemeinen Organisation steht, immerhin aber doch fast ebenso unbehülflich und nicht minder an den einmal gewählten Platz gebunden ist, wie das Weibchen.

Kann man sich, solchen Thatsachen gegenüber, noch wundern, wenn es Schmarotzerkrebse giebt, bei welchen die Reduction der gegliederten Anhänge noch weiter geht, die Fühler und Klammerorgane gänzlich verschwinden oder in einen Schopf von Fäden und blattähnlichen Fortsätzen sich umwandeln, sodaß schließlich kein weiteres Anzeichen der Organisation eines Krustenthieres übrig bleibt, als die Eierschläuche, die an dem Hintertheile des wurmförmigen Körpers befestigt sind? Sie existiren, diese Wesen, und sie sind von den Naturforschern so lange für Würmer gehalten worden, bis man ihre Fortpflanzungsweise entdeckte, bis man fand, daß aus ihren Eiern eben solche Nauplius-Gestalten hervorgehen, wie aus den Eiern der übrigen niederen Krustenthiere, sodaß sie demnach nur die Endglieder einer Reihe darstellen, die mit frei umherschwimmenden Thieren beginnt und mit Schmarotzern endet, die sich gänzlich in den Körper ihres Wirthes eingebohrt haben.

Faßt man aber das seltsame Verhältniß der beiden Geschlechter in das Auge, so darf es schließlich auch nicht Wunder nehmen, wenn endlich das gänzlich an das Weibchen gefesselte Männchen in dem Körper desselben gewissermaßen aufgeht; wenn der Gegensatz der Geschlechter und ihre Vertheilung auf zwei getrennte Individuen gänzlich aufhört und Zwittergeschöpfe gebildet werden, welche Männchen und Weibchen zugleich sind und sich selbst zur Erzeugung von Jungen genügen. Wir kennen Beispiele genug aus der niederen Thierwelt, vor welchen wir zweifelnd stehen und uns fragen müssen: hast du es hiermit einem unvollständig getrennten Individuum oder mit einem zur Individualität herausgebildeten Organ zu thun? Ich kann nicht einsehen, warum nicht der entgegengesetzte Proceß stattfinden und das Individuum nicht zum Organ herabsinken könnte.

Aber dies ist nicht Alles. Wie ist es möglich, dem Grundgedanken der Entwickelungstheorie Darwin’s entgegenzutreten und ihn zu verneinen, wenn wir aus den Eiern derselben Mutter, aus demselben Bildungsstoffe, welchen der Eierstock eines einzigen Individuums liefert, so durchaus verschiedene Wesen hervorgehen sehen, wie Männchen und Weibchen einer Lausassel, von welcher [266] ich in einem vorigen Aufsatze sprach, oder gar Männchen und Weibchen eines Chondracanthus, deren Zusammengehörigkeit oder auch nur entfernte Verwandtschaft man niemals hätte ahnen können, wenn man sie nicht täglich constatiren könnte? Die Thatsachen lassen sich nicht leugnen, nicht wegdeuteln – aus zwei Eiern desselben Thieres, aus zwei vollkommen gleichen Nauplius, Geschwistern desselben Wurfes, entstehen zwei grundverschiedene Wesen. Und wer will behaupten, daß zwei einander nahe stehende Arten, die sich durch hundertfach geringere Unterschiede abgrenzen, als diese Geschwister verschiedenen Geschlechtes, nicht von derselben Stammform abgeleitet werden können, nur deshalb, weil man diese Ableitung nicht wirklich gesehen hat? Wahrlich, es ist kein Ernst in diesen Ableugnungen, und sie müssen Jedem verwerflich; ja selbst albern vorkommen, der die Thatsachen belauscht hat, wie sie sich zeigen, und die Umwandlungen, wie sie sich abspielen. Hätte man Männchen und Weibchen von Chondracanthus in verschiedenen Tümpeln gefunden, wie Damhirsch und Edelhirsch in verschiedenen Wäldern, so würde man von den beiden Formen des Chondracanthus ebenso bestimmt behaupten, sie könnten nicht von einem gemeinsamen Stamme abgeleitet werden. Und doch stammen sie von derselben Mutter, doch entwickeln sie sich aus derselben Grundgestalt.


Aus der Schule geplaudert.

„Fremdling! was Du erblickt, hat Glaub’ und Liebe vollendet.
Ehre des Stiftenden Geist, glaubend und liebend wie er!“


Wie rührend einfach klingen diese Worte, welche in alterthümlichen, goldenen Schriftzügen dem scheidenden Besucher der Francke’schen Stiftungen in der alten Saalestadt Halle von einer Ausgangstafel her entgegenleuchten, unter dem frischen Eindrucke jener Riesenschöpfung des alten Pietisten-Professors August Hermann Francke! Freilich war dieser nämliche Francke seinerzeit Mitveranlasser gewesen, daß der berühmte Philosoph Wolff vom Vater des großen Friedrich „wegen Gottlosigkeit“ bei Strafe des Stranges aus dessen Staaten verwiesen wurde! Angesichts aber der gewaltigen Räume und großartigen Anlagen dieser Erziehungs- und Waisenanstalt, welche eine seltene Energie der Menschenliebe und des Gottvertrauens geschaffen, überkommt jeden ein Gefühl der Ehrfurcht vor Eigenschaften des Mannes, welche besser waren als sein pietistischer Zeloteneifer.

Zu der bevorstehenden Pfingstzeit werden es nun volle hundertachtzig Jahre, daß diese Anstalt in’s Leben getreten, die sich mit ihrer Waisenpflege, ihrem auf Hunderte von Zöglingen berechneten Pensionswesen und mit der stattlichen Mannigfaltigkeit ihrer Schulen eines weithin reichenden, wohlklingenden Rufes erfreut. Im Jahre 1862, als man den zweihundertjährigen Geburtstag des Stifters festlich beging, ist über die Entwickelung seines Werkes und dessen jetzigen Bestand so viel geschrieben worden, daß man Eulen nach Athen tragen würde, wollte man jetzt in der „Gartenlaube“ das Bekannte wiederholen. Aber einem alten Zöglinge des „Waisenhauses“ – wie die ganze Anstalt kurzerhand genannt wird – schweben ganz andere Dinge noch vor, als etwa der würdige Inhalt eines Conversations-Lexicon-Artikels über den Gegenstand berührt, wenn er der Stiftungen Francke’s gedenkt: kurzweilige, harmlos-lustige Dinge, Genrebilder von unerfindlicher Drollerie, an denen sein Herz mit Empfindungen hängt, welche aus Liebe, Rührung und innigem Behage gemischt sind.

Und die Ueberschrift, welche diesen ganzen Bilder-Cyclus zusammenfaßt, heißt: Ein Schülerstaat.

Verfasser dieses Aufsatzes begann seine Schülerlaufbahn auf den Francke’schen Stiftungen Ende der vierziger Jahre und hat die damaligen inneren Zustände der Anstalt, welche wahrscheinlich von den jetzigen wenig verschieden sind, während seines achtjährigen Aufenthaltes gründlich kennen gelernt. Es sei ihm vergönnt, von dem Leben in dem Schülerstaat, in dem er gelebt hat, einiges „aus der Schule zu plaudern“.

Zu der eigentlichen gut bürgerlichen und von dem damals noch bestehenden aristokratischen Pensionat des „Pädagogiums“ unterschiedene, speciell sogenannten Pensionsanstalt, in welcher zwei- bis dreihundert Schüler Wohnung haben, führten und führen heute noch der dritte, vierte und fünfte Eingang des einen Kolossalbaues im Innern der Stiftungen. In jedem dieser Eingänge liegen bis zum fünften Stock hinauf durchschnittlich zwanzig Zimmer, je vier auf einem Flur. Von den zwei- bis dreihundert Pensionsschülern trägt jeder seine „Pagina“, unter welcher er in des Hausinspectors Hauptbuche verzeichnet steht, und er heißt für den Letzteren gewöhnlich nur „Pagina so und so“.

Unter den Eingängen war der dritte unter uns der am wenigsten beliebte. Zur ebenen Erde lagen hier die Bedux-(Bedienten) Zimmer und jene Anstalt, in welcher der „alte Hupe“ inmitten einiger Wasserbütten und des sonst erforderlichen Apparates die obligatorische eigenhändige Kopfsäuberung der jüngeren Generation beaufsichtigte. Trotz seiner großen, gelben Thalerbrille wurde dem Manne doch dann und wann ein X für ein U gemacht und von Säumigen in der letzten Stunde, des Sonnabends, bevor die Quittung über erfüllte Pflicht zum Hausinspector wanderte, flugs zwei Striche hinter den Namen in die Liste geschmuggelt, zum Zeichen, daß eine zweimalige Reinigung erfolgt sei.

Der vierte Eingang war schon ein wichtigerer. Hier wohnte der gefürchtete Hausinspector, der im Dienst ergraute, auf strenge Hausordnung haltende Dr. N.

Der fünfte Eingang war für diejenigen Schüler bestimmt, deren Eltern finanziell zu den besser Situirten gehörten. Der zweite oder Condirector der Anstalt, zugleich Haupt der Pensionsanstalt und Rector der Latina – ein bekannter, von unbedingter Ehrfurcht und Liebe der Schüler getragener Philologe, welcher einfach „der Papa“ hieß, – hatte hier seine Wohnung, und auf den Schülerzimmern waren nur je fünf einquartiert, während in den Stuben der beiden erstgenannten Eingänge meist neun Schüler wohnten. Außerdem hatten noch in jedem Eingange zwei bis drei Inspectionslehrer Dienstwohnung.

Strenge Zucht und Ordnung war die officielle Losung auf unserer Pesionsanstalt. An jeder Thür der Schülerwohnungen waren die zwölf Sätze angeschlagen, deren Uebertretung den Frevler in einzelnen Fällen auch mit „Carcer“ bedrohte. Zu diesen Fällen gehörte das Verbot für: Rauchen, Kartenspielen, Kochen und Braten, sowie das unerlaubte Ausgehen zur Stadt. Wozu wären aber die Gesetze, wenn sie nicht übertreten werden sollten? Wir dachten dies zwar kaum, aber wir thaten es doch so oft!

Viel wichtiger erschienen uns die Gesetze, welche die Schüler von Alters her sich selbst gegeben hatten, und die, fortlebend von Generation zu Generation, mit einer, man könnte sagen, rührenden Pietät im Kreise der Schüler bewahrt wurden.

Der alte Dr. L. bediente sich bei seinen Vorträgen der stereotypen Anrede: „Geliebte Jünglinge und Kinder“. Dieser Bezeichnung entsprechend, fand ein gewaltiger Unterschied zwischen „großen“ und „kleinen“ Schülern statt. Eine weite Kluft trennte beide. Bis zur Quarta waren die „Kinder“ Pudel, das heißt sie mußten den „Jünglingen“ allerlei Gänge für des Leibes Nahrung und Nothdurft besorgen, „Custos“ spielen, will sagen: Trink- und Waschwasser herbeischleppen, Tische abfegen und sonstige kleine Reinigungsdienste verrichten. Wollte ein Pudel während der „Studirstunden“ das Zimmer verlassen oder, nachdem er die Schularbeiten beendet, ein Lesebuch vornehmen (schmökern), dann mußte erst der „Senior“ oder in dessen Abwesenheit der „Subsenior“ der Stube um Erlaubniß hierzu gefragt werden. Dabei wurden die Kinder von den Jünglingen mit „Du“ angeredet, mußten diese aber umgekehrt „Sie“ nennen. Hatte man den bedeutungsvollen Sprung um die „Majorsecke“ gemacht und war Tertianer geworden, so änderte sich mit einem Schlage Alles. Befreite die untere Tertia zunächst von den bisherigen Pflichten, so gingen auf den Obertertianer sofort sämmtliche Rechte über, welche die „Großen“ der Anstalt für sich in Anspruch nahmen. Er konnte „pudeln lassen“, durfte nach den Gesetzen, die sich die Schüler selbst gegeben, die ersten Versuche des Rauchens machen, sich beim beliebten Scatspiele betheiligen, natürlich auf seine eigene Verantwortung und die Gefahr hin, beim „Gefaßtwerden“ in das Carcer zu spazieren. Mit welchem wohlthuenden Gefühle der Tertianer in diese „höheren Regionen“

[267]
Die Gartenlaube (1878) b 267.jpg

Im alten Park.
Originalzeichnung von P. Püttner.

[268] eintrat, hat nur der in seinem ganzen Umfange empfinden können, welcher dies selbst erlebt hat.

Das Pudeln entwickelte sich übrigens aus dem einfachen Besorgen eines Auftrages bis zu staunenswerthen Leistungen des menschlichen Geistes in Umgehung von Schwierigkeiten, welche sich solchen gewünschten Besorgungen entgegenstellten. Der Pudel von einigem Werth mußte nicht nur ein vollendeter Schmuggler sein; er mußte außerdem auch mit der Schlauheit und Gewandtheit des Indianers zu „buschen“ verstehen, das heißt dem Verbot, ohne eine gewisse obrigkeitlicherseits erbetene Blechmarke „in die Stadt zu gehen“, ein Schnippchen schlagen können. Es liegt die Vermuthung nahe, daß dieses „Buschen“ eine praktische Verkürzung von „sich seitwärts in die Büsche schlagen“ ist.

Nach der Hausordnung wurde im Winter täglich um sechs, im Sommer schon um fünf Uhr früh aufgestanden. Zehn Minuten vorher erschien der Bedux als Wecker, indem er mit kräftigen Hammerschlägen gegen die Thür der Schlafzimmer schlug. Man hatte dem Manne nach und nach den Tonfall des Hexameters beigebracht, sodaß er im Stande war, ganz kunstgerecht einen solchen mit dem Hammer an die Thür zu schlagen. Der darauf passende Pentameter wurde zwar hin und wieder von den erweckten Schläfern mechanisch nachgesummt, es blieb indessen nicht aus, daß die Meisten sich auf die andere Seite herumlegten und ruhig weiter schliefen. Man sah sich daher genöthigt, eine lautschallende Klingel einzuführen, durch welche in der That ein günstigeres Resultat erzielt wurde. Wie in dem Liede: „Das Kind und die Glocke“, dachte ein jeder Langschläfer mit Schrecken: „die Glocke kommt gewackelt“. Eilig verließen wir daher bei ihrem Schalle das warme Bett und hüllten uns in die nothwendigsten Kleider, wobei der unvermeidliche Schlafrock eine große Rolle spielte. Der gute alte Schlafrock! Wie Vieles mußte er als Liebesmantel zudecken!

Punkt fünf, respective sechs Uhr, saßen wir am Arbeitstisch; freilich nicht immer vollzählig. So mancher der „Jünglinge“ streckte sich noch im Federbett; die „Kinder“ durften dies natürlich nicht wagen. Um nun diese Nachzügler davon in Kenntniß zu setzen, wenn der von Zeit zu Zeit inspicirende Lehrer im Anzuge war, gaben die unteren, oder nach Umständen die oberen Bewohner durch Klopfen ein rechtzeitiges Warnungssignal. Der in diesen Dingen jedoch hinlänglich gewitzigte Rector wußte seine Gänge so einzurichten, daß er den Langschläfern die schützende Bettdecke wegziehen konnte, noch ehe sie den Ruf: „der Papa kommt“ recht vernommen hatten.

Daß Morgenstunde Gold im Munde hat, wußen wir sonst gar wohl zu schätzen. So Mancher, der sorglos die sich häufenden Schularbeiten bis zum letzten Tage verschoben hatte, sah sich genöthigt, den Abend zuvor die ultima ratio des hülfebringenden Nachtwächters, „Nachtspuz“ genannt, welcher allabendlich den „Schnapper“ oder Tagwächter am Haupteingange ablöste, in Anspruch zu nehmen und unter Opferung eines Dreiers an die bekannte schwarze Tafel Eingang, Nummer des Zimmers, sowie die frühe Morgenstunde anzukreiden, in welcher der Faulenzer geweckt werden wollte. Eine am Kopfende des Bettes aufgepflanzte „Ballkeule“, ihrer eigentlichen Bestimmung nach zum Ballschlagen dienend, deutete dann dem pünktlich erscheinenden Hüter der Nacht den Arbeitsdurstigen an. Unsanft wurde der Betreffende zwar gerüttelt, ob er aber immer auch wirklich aufgestanden? Nicht immer. Gar mancher Dreier wurde umsonst hierfür ausgegeben.

Wenn man übrigens gegenwärtig allgemein so viel von Ueberbürdung mit häuslichen Schularbeiten spricht, so sei hier bemerkt, daß wir damals, vor dreißig Jahren schon, ein Lied davon singen konnten. Der Ordinarius der Tertia, ein alter bewährter Schulmann, hielt als obersten Grundsatz fest das „repetitio est mater studiorum“. Wir mußten nicht nur jede Woche ein Cicero-Capitel, zwanzig Homer-Verse, zwanzig Ovid-Verse, eine Seite Loci memoriales auswendig lernen, sondern auch das früher Gelernte nebenbei allwöchentlich wiederholen.

Nach Beendigung der ersten Morgenstudirstunde entwickelte sich auf Fluren und Treppen ein reges Leben. Kaum hatte der „Schnapper“ den bekannten Dreischlag mit der Glocke gegeben, da rannten die kleinen Pudels kopfüber mit ihren Kännchen, Gläsern und Töpfchen in der Hand zur „Hexe“. Diesen Namen führten, ohne Zusatz, jene drei Frauen im Parterre des zweiten, fünften und sechsten Eingangs, welche uns alltäglich mit Kaffee, Milch und Frühstück versorgten und das Unglaubliche möglich machten, für den späteren Verlauf des Tages alle Arten von Victualien in Portionen zum Preise von drei Pfennig zu zerlegen. Vermöge eines trefflichen Kaffeerecepts war es seit lange der Händlerin des zweiten Eingangs gelungen, die Frühstückskäufer fast ausschließlich in ihre Küche zu lenken, und hier entstand während einer Viertelstunde ein tolles Durcheinander. Jeder suchte dem Andern den Rang abzulaufen. Eine leichte Aufgabe war es auch für den armen gequälten Pudel nicht, alle die Aufträge richtig zu erfüllen. Der Senior wünschte schwarzen Kaffee mit geschmierten Semmel-Eckchen, der Subsenior den Kaffee weiß und dazu eine Reihe Brezeln. Ein Dritter hatte sich Milch bestellt mit ein paar Zwillingen oder Drillingen; ein Vierter wieder liebte Kümmel-Eckchen, trank aber ein Glas Wasser dazu. Trotz der mehrfachen Gehülfinnen, welche die gute Hexe sich zu diesem Zwecke angenommen, gelang es nur mit der größten Anstrengung, die kleinen Schreier nach Frühstück nach und nach zu befriedigen. Mit gefüllten Kannen und Gläsern, hochaufgethürmt darüber die verschiedenen Bäckereiwaaren, kehrte selbstbewußt der Pudel als Sieger aus dem Frühstückskampfe zurück; da kam um die nächste Ecke im eiligen Laufe ein etwas verspäteter Genosse ihm entgegengerannt und – pardauz, da lag die ganze Frühstücksbescheerung am Boden. Ein neuer Kampf begann. Wie ein paar Kampfhähne waren die Beiden im nächsten Augenblicke aneinander, um in einer unnützen Rauferei dem Gelächter der vorbeiziehenden, gleichfalls schwerbeladenen Cameraden zu verfallen.

Mittlerweile ging es am Röhrbrunnen, der nie versiechenden silberklaren Quelle, gleichfalls äußerst lebhaft zu. In langen Reihen standen sie hintereinander, die Custoden, jeder mit seinen Wasserkrügen in der Hand und strenge Wacht darüber haltend, daß keiner es wagte, außer der Reihe zum Brunnen heranzutreten.

Das Freistündchen war gar bald herum und das Wasch- und Reinigungsgeschäft kaum beendet, wenn die Glocke zur Schule rief. Nunmehr begannen die Bettfrauen, „Betthexen“ genannt, ihr Reinigungswerk in aller Hast, denn um zwölf Uhr, wenn die Schüler zurückkehrten, mußten die Zimmer alle wieder in Ordnung sein. Zur Mittagszeit wanderten vor den noch geschlossenen Thüren des gewaltigen Speisesaales etwa fünfhundert hungerige Magen auf und ab. Die Jünglinge hatten hier wieder allein das Privilegium, auf den breiten Quadersteinen in geschlossenen Reihen auf- und abzuspazieren, während die Knaben sich ungeordnet durch einander rechts und links daneben umhertummelten. Das einfache Besteck von Messer, Gabel und Löffel, welches jeder Neuling zum eigenen Gebrauche erhielt, war in vielen Fällen gar bald bis auf den Löffel reducirt. Es genügte auch, wenn nur dieser vorhanden war; an den meisten Tagen gab es doch nur etwas zu „löffeln“. Hier mußte in Wahrheit Hunger immer der beste Koch sein, denn die verschiedenen in der Küche vorhandenen Köchinnen hatten gar manchmal den Brei, wenn auch nicht verdorben, so doch recht unschmackhaft hergestellt. Was würde unsere verwöhnte Jugend heute dazu sagen, wenn sie wöchentlich einmal beispielsweise mit nichts als Brod und Kartoffelbrei regalirt würde, auf dem eine Schicht Hammeltalg in aller Eile zu gerinnen beflissen war! Es wurde mit dem ganzen Essen auch nicht viel Federlesen gemacht. Ein kurzes Gebet, dann ein heißhungeriges Schlürfen, wiederum ein Gebet und Gesang, und noch ehe eine Viertelstunde vorüber war, wanderten wir wieder mit dem „Gaul“ (Brodportion) in der Hand den Vorhof entlang. Dieser Gaul, dessen etymologische Abstammung mir stets unklar geblieben (etwa „Kaul“ für „Keil“?), spielte eine große Rolle, und wer ein „Eckchen“ bekam, der gehörte zu den vier Ersten an einem Tische. Jeden Abend um sieben Uhr wiederholte sich die Vereinigung im Speisesaale zum gemeinschaftlichen Essen. Außer Suppe erhielten wir den Nachtgaul und dazu ein „gleichschenkeliges Dreieck Butter“.

An zwei Abenden in der Woche war Kartoffelkrieg. Wir erhielten Franz Drake’s Urgewächs in Naturuniform. Wer am schnellsten greifen konnte, der war Sieger, denn die meisten der geschätzten Knollen wanderten in die Tasche. Und nun begann auf den Stuben ein Kochen und Braten, trotz Carcer und Hausgesetzen. In den verschiedensten Formen und Farben wurden die [269] Mahlzeiten zubereitet. Eine Portion Schmalz, eine zerschnittene Zwiebel mit den zerdrückten Kartoffeln durchgebraten, womöglich etwas Wurstgemengsel dazwischen, ergab das Lieblingsgericht, den „Stamps“. „Und wer den besten Stamps gemacht, der hat die meisten Gäste.“ Ein Schlückchen Doppelkümmel, auch verbotene Waare – die gestatteten Eßwaaren, welche mit den heimathlichen Kisten ankamen, hießen beiläufig gleichfalls „Kümmel“ – mußte nach der genossenen fettreichen Speise das Gleichgewicht wiederherstellen. Das Feuerungsmaterial bestand aus Spiritus oder aus Holz, welches mittelst Austausches gegen aufgesammeltes Brod – ein für beide Theile vom Standpunkte der Moral bedenkliches Geschäft – vom Einheizer erworben wurde. Letzterer, unter dem Namen „der Staar“ eine der populärsten Figuren, hatte zu Neujahr das Privilegium, mit einem poetischen Gruße Trinkgelder zu sammeln. Ein solcher pflegte etwa so zu beginnen:

„Es kommet auch in diesem Jahr
Der alte, gute, treue Staar,
Der Staar mit seinen sieben Stären –
Gar schwer wird’s alle zu ernähren“ etc.

An den erwähnten Stampsabenden fand auch gleichzeitig Docirstunde statt. Die Jünglinge mußten hierbei den Knaben eine Art Nachhülfsstunde ertheilen. Je lauter docirt wurde, desto mehr glaubte man dem Inspectionslehrer gegenüber seine Schuldigkeit zu thun. In den eigentlichen Studirstunden an anderen Abenden mußte Alles mäuschenstill hergehen. Geräuschlos gruppirten wir uns je Vier um ein Talglicht; der Letzte davon mußte das Licht putzen. Wehe aber, wenn er es vergaß, oder dasselbe in seiner Ungeschicklichkeit gar auslöschte! Er war der Strafcasse mit einem Dreier verfallen. Diese Strafcassen enthielten eine lange Reihe von Paragraphen, gegen die zu verstoßen sich jeden Augenblick Gelegenheit fand. War die Casse gefüllt, dann erfolgte ein allgemeiner „Satz“. Wir saßen bei Bratwurst und neuen Kartoffeln oder Chocolade und Kuchen.

Um neun Uhr mußten die Kleinen zu Bett. Und nun begannen die Stunden der schlimmsten „Uebertretungen“. Die verbotenen Pfeifen wurden angezündet und wanderten in das aufgeschlitzte Futter des langen Schlafrockes, sodaß nur noch das Mundstück daraus hervorlugte, bereit, auch sogleich zu verschwinden, wenn ohne vorheriges Anklopfen die Stubenthür sich öffnete. Nur die Herren Inspectoren nahmen sich dieses Recht; die Commilitonen hielten streng unter sich daran fest, vor Eintritt in ein Zimmer vernehmbar anzuklopfen, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollten, die vergessenen drei Schläge auf den Rücken zu erhalten. Jetzt wurden auch die verborgen gehaltenen Spielkarten hervor geholt, und bald fand sich ein drei- oder vierblätteriges Kleeblatt von Scatspielern zusammen. Einige auch saßen beim Schachbrett, ein Spiel, welches nicht nur erlaubt war, sondern auch zu jener Zeit sorgfältig unter uns gepflegt wurde.

Einer der größten Schachmatadore war Sch., ein Negerjüngling. Durch seinen Protector, einen schlesischen Fürsten, wurde er der Schule erst überwiesen, als er schon zum schlanken, kräftigen Jüngling herangewachsen war. Seine geistige Ausbildung war jedoch nicht weit über die ersten Elementarien hinaus gelangt. Er mußte trotz seiner siebenzehn Jahre in der Quinta beginnen. Eine verfehlte Idee, die bald auch mit der Wiederentlassung des schwarzen Sohnes vom Mondgebirge endete. Sch. machte, obgleich er unter den Kindern in der Schule saß, eine Ausnahme. Er genoß alle Privilegien der Jünglinge. Rauchen war sein Element. Durch Nase, Mund und Ohren zugleich blies er den Tabaksqualm, dabei rollten ihm die feurigen Augen im Kopfe, wenn er wieder einmal seinen Gegner im Schachspiele „matt“ gesetzt hatte. Und er besiegte sie Alle, ein wahrer Ajeeb damaliger Zeit. Aber auch in anderen Dingen blieb er Sieger: im Schwimmen, Turnen und Ringen that es ihm Keiner gleich.

Im Feldgarten, auf dem immergrünen, weit ausgedehnten, mit alten Kastanienbäumen umrahmten Rasenplatze, mit seiner geräumigen Turnanstalt und Vorrichtungen zu allerlei Spielen im Freien, da waren wir so recht eigentlich zu Hause. „Hic Rhodus, hic salta,“ hieß es, wenn es galt, nach geschehener Forderung im Zweikampfe die geschmeidigen Glieder zu erproben, um nach allen Regeln der Ringkunst den Gegner in das Gras beißen zu lassen. Hier auch wurden die Neuaufgenommenen (Novizen) mit Gras gefüttert und durch Fuchsprellen zum „Hausschüler“ geweiht, wofür im Winter die Schneewäsche eintrat. Hier wurde endlich den glücklichen Abiturienten jedesmal am Semesterschluß das letzte Lebewohl gesagt.

Das waren sonnige, wonnige Tage, wenn wir nach einem endlos erscheinenden Semester mit Riesenschritten dem langersehnten Schluß zueilten. „Vivant feriae!“ stand mit großen Lettern an allen Thüren und Plätzen zu lesen. Schon Wochen vorher sammelte man aus denjenigen Stuben, deren Senior Abiturus war, alle alten Schreibehefte zusammen, um „Fidibi“ nach Hunderten und Tausenden anzufertigen, die dem angehenden Studio nebst Seidel und Studentenpfeife auf seinen ferneren Kneip- und Rauchweg mitgegeben wurden. Das auszubringende „Vivat“ erforderte eine ganz besondere Vorbereitung. Ein riesiges Transparentbild wurde zu diesem Zwecke hergestellt, welches in der Mitte ein aus den Spitznamen des Gefeierten bezügliches Ereigniß darstellte. Spitznamen hatten wir Alle, auch die Herren Magister.

Nachdem die „Vivats“ nach und nach aus den einzelnen festlich decorirten und illuminirten Stuben ausgebracht worden waren, bewegte sich ein langer Zug von Stocklaternenträgern zum Feldgarten, unter Absingung des alten Studentenliedes „Gaudeamus igitur“. Im Feldgarten angekommen bildete man um die glücklichen „Muli“ oder Maulesel, wie wir nunmehr die „Schwergeprüften“ nannten, weil sie eine Zwischengattung zwischen Schüler und Student, wie der Maulesel zwischen Esel und Pferd darstellten, – einen Kreis. Ein Freudenfeuer wurde angezündet, und all die faulen Knechte und Eselsbrücken, welche über den dornenvollen Weg des Examens hinweggeholfen, den Flammen übergeben. Beim Scheiden aus diesem „Jammerthale“, wie die stehende Formel besagte, brachte sodann der zurückbleibende erste Primaner den „Mulis“ ein donnerndes dreifaches Vivat. Mit einem: „Wohl auf noch getrunken“ kehrten wir alsdann zurück, um unter den Fenstern des „Papa“, nachdem diesem ein Ständchen gebracht worden war, die Fackeln auszulöschen. Und das: „Wohl auf noch getrunken“ wurde bei dem nun folgenden „Abiturientenknipp“ im übervollen Maße ausgeführt.

„Vivant feriae!“ Hiermit will auch ich meine Plaudereien schließen, damit dem alten „Hausklepper“ nicht etwa der Vorwurf gemacht wird, er habe zuviel „aus der Schule geplaudert“. Seid mir gegrüßt, Ihr braven Jugendgenossen, die Ihr nach Hunderten, ja nach Tausenden zählt! Und ob Ihr auch auf dem ganzen Erdenrund, „hoch oben am grünen Tisch“ oder arbeitend „tief unter der Erd“, verstreut sein möget, diese Blätter, welche ihren Weg in die entferntesten Winkel der Culturländer nehmen, werden Euch erreichen. Und fragt Ihr, wer mit diesen Zeilen die Jugenderinnerungen in Euch wachgerufen, dann gedenkt mit freundlicher Erinnerung des einstmaligen Trägers der „Pagina 212“!

Bernhard Wilde.


Blätter und Blüthen.


Octavio Piccolomini. In der Gallerie geschichtlich bedeutender Namen, welchen durch die Dichtungen Schiller’s Unsterblichkeit verliehen wurde, nimmt der Name Octavio Piccolomini nicht den letzten Platz ein. Wer erinnert sich des gewaltigen Wallenstein, ohne auch zugleich an jenen Mann zu denken, der wie ein böses Fatum an seiner Seite wandelte und zu seinem Sturze wesentlich beitrug, an ihn, dem der große Feldherr nächst den Sternen am meisten vertraute und der ihn nächst den Sternen am meisten betrog? Wer vermag das Schiller’sche Drama aus der Hand zu legen, ohne eine nachhaltige Bitterkeit gegen jenen Mann zu empfinden? Und wer wird ihn nicht noch lange nachher im Gedächniß behalten, wie er mit nach oben gerichtetem Blicke dasteht und den kaiserlichen Brief in der Hand hält, der ihm als Lohn des Verrathes an Wallenstein seine Erhebung in den Fürstenstand anzeigt?

Schiller hat diese Erhebung unmittelbar nach dem Tode Wallensteins eintreten lassen; in Wirklichkeit erfolgte sie viel später. Wir sind in der Lage, das Schreiben, in welchem der Kaiser dem Reichskammergerichte zu Speyer die Standeserhöhung des Grafen notificirte, seinem Wortlaute nach mittheilen zu können. Dasselbe wird gewiß für keinen Leser der „Gartenlaube“ ohne Interesse sein. Wie in der Zeit, so weicht auch in Bezug auf die Ursache dieser Standeserhöhung die Dichtung Schiller’s von der Geschichte ab, denn jedenfalls hatte der Graf die ihm zu Theil gewordene Ehre nicht ausschließlich seiner Betheiligung am Sturze

[270] Wallenstein’s zu danken; sie war vielmehr der Lohn für seine ausgezeichneten Dienste als kaiserlicher Rath und noch mehr als kaiserlicher General, am meisten aber vielleicht für die Geschicklichkeit, mit welcher er als kaiserlicher Principal-Bevollmächtigter im Jahre 1648 den Westphälischen Frieden zu Stande bringen half. Der Graf hatte sich zwar im Jahre 1651 mit Maria Benigna Franziska, einer Tochter des Herzogs zu Lauenburg, vermählt, aber seine Ehe war kinderlos geblieben, sodaß auch die sympathische Person des „Max“ ihre Entstehung ausschließlich dem Dichtergenius Schiller’s zu verdanken hat. Octavio Piccolomini starb zu Wien am 10. August 1656. Das obenerwähnte kaiserliche Schreiben aber lautet:

„Ferdinandt der Dritte von Gottes gnaden Erwölter Römischer Kaiser zu allen zeitten Mehrer des Reichs. Hochgeborner Lieber Vetter und Fürst, auch Wohlgeborn, Edel, Ersamb, Gelehrte vnd liebe getrewe, Wir geben Dr. Liebden vnd Euch hiermit gnädiglich zu vernehmen, daß Wir Unsern geheimben Rath, Cämmerer, General-Leutenandt, Hartschierhaubtmann und bestellen Obraten Octavium Grauen Piccolomini de Arragona, Duca de Amalfi, Herrn zu Rachott, Ritter des guldenen Flüß und seine künftige Männliche Eheliche Leibs- oder in mangel derselben einen anderen Erben aus seinem Geschlecht, welchen er künfftig namhaft machen würd, wegen seiner Uns und dem heyl. Reich, vermittelst Verrichtung ansehnlicher Commissionen vnd Legationen eröffnung seines hochvernünfftigen treven Raths in den wichtigst vnd gebeimbsten Sachen vnd zu Fortstellung Vnser, deß hayl. Römischen Reichs vnd Vnsers Hochlöblichsten Erzhauß Oesterreichs, derselben Erbkönigreich vnd Ländern Hochheit vnd Wohlfahrt gedeyende Geschaffen vnd sonst in andere mehrvag gelaisteten getrewesten und hochersprießlichen Hof- vnd Kriegsdienste, auch uhralten Geschlechts vnd Fürstl. Qualiteten vnd Aigenschaften, in den Reichs Fürstenstandt mit allen dazu gehörigen Praerogativen dergestalt erhebt, daß alzeit der Elteste des Geschlechts der Grauen Piccolomini de Arragona Duca d’Amalfi den Fürstl. Nahmen und Stand allein führen solle, wie Vnser Kayserl. hierüber gefertigtes Diploma mit mehrerem außweißet.

Alß haben wir Deiner Liebden vnd Euch solches zu notificiren für ein nothdurfft erachtet, mit dem gnädigsten gesinnen vnd Begehren, Sy wollen bey Vnsers Kayserl. Cammergerichts-Cantzley die Verordnung thuen, damit Ihme Fürsten Piccolomini hinfüro in allen Expeditionibus der gebührliche Fürstl. Titul wann in Vnserem Nahmen an Ihn geschrieben oder decretirt würde, neben dem Praedicat Vnserm lieben Oheimb vnd Fürsten mit Dr. Liebd. gegeben werde, Verbleiben Dr. L. vnd Euch etc. mit Kayserl. Gnaden vnd allem guetten wohlbeygethan. Geben in Vnser Statt Wienn den achten October Anno sechtzehnhundertvndfünfzig, Vnserer Reiche des Römischen im Vierzehenden, deß Hungarischen im Fünfvndzwanzigsten vnd des Böheimbischen im Dreyvndzwanzigsten. Ferdinand.“

J. L.



Instinct oder Ueberlegung? Einen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage dürfte folgende von mir gemachte Beobachtung liefern: In einer landwirtschaftlichen Oekonomie war der Hühnerstall über dem Kuhstall in der Weise angebracht, daß eine Oeffnung des Hühnerstalls sich in dem Kuhstall befand. Die Hühner konnten nun sowohl durch diese, wie auch durch die andere nach dem Hofraum führende Oeffnung aus ihrem Stalle und hinein gelangen. Der regelmäßige Eingang der Hühner fand durch die nach dem Hofe angebrachte Oeffnung statt, weil hier den Hühnern, die bekanntlich sehr schlecht und namentlich unsicher fliegen, eine Leiter gebaut war. Nur der Hahn machte eine Ausnahme, indem er fast regelmäßig, sofern er den Kuhstall offenstehen fand, den Weg zu seinem Nachtquartier durch die im Kuhstall angebrachte Oeffnung nahm. Hier war nun keine feste Leiter angebracht, denn die Oeffnung diente nur dazu, damit die Bewohner des Hauses den Hühnerstall revidiren konnten, und wurde zu diesem Zwecke jedesmal eine Leiter erst angesetzt. Der Hahn pflegte nun, weil die Oeffnung für seine Flugfähigkeit zu hoch lag, regelmäßig auf den Rücken der unter der Oeffnung stehenden Kuh zu fliegen und von da weiter in die Oeffnung hinein. Stand die Kuh in diesem Augenblicke, so erreichte der Hahn sein Ziel. Hatte sich indeß die Kuh niedergelegt, so bemerkte er jedenfalls gleich, daß es ihm bei dieser Sachlage nicht möglich wurde, die Oeffnung zu erreichen. In diesem Falle nun trat der Hahn regelmäßig an die Kuh heran und pickte derselben mit seinem Schnabel so lange in das Fleisch, bis die Kuh dieses Pickens überdrüssig wurde und aufstand. Alsdann nahm der Hahn sofort den Rücken der Kuh in Besitz, um von dieser erhöhten Stellung zu seinem Volke zu gelangen.

Ein andermal bemerkte ich, wie zwei benachbarte Hähne sehr oft feindlich, vielleicht aus Eifersucht, an einander geriethen. Der eine Hahn wurde nun von dem andern stets von ein und derselben Seite angegriffen. Mir schien diese Kampfesweise mit Recht auffällig, und ich bemühte mich deshalb den Grund hierfür zu erforschen. Die Frage war für mich gelöst, als ich von dem Besitzer des Hahnes ganz zufällig in einem Gespräche erfuhr, daß sein Hahn auf einem Auge blind sei. So hatte sich der eine Hahn die von ihm bemerkte Schwäche seines Gegners zu Nutze gemacht.

A. Pf.



Zu dem Artikel „Die Schriftsprache der durch Schlaganfall Gelähmten“ erhalten wir folgende Zuschrift:

„Geehrte Redaction! Aus Veranlassung des in Nr. 5, S. 90 der ‚Gartenlaube‘ gebrachten Aufsatzes über die Schrift einseitig Gelähmter möchte ich noch einige Bemerkungen hinzufügen. Als ich vor mehreren Jahren in der Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand zuerst jenen berühmten Codex atlanticus des Leonardo da Vinci sah, von dem später ein leider nur sehr kurzer Auszug veröffentlicht worden ist, legte ich mir, wie wohl Jeder thut, der zum ersten Male jenes kostbare Werk zu Gesicht bekommt, die Frage vor: Was bewog wohl Leonardo, nach Art der Orientalen von der Rechten zur Linken zu schreiben, sodaß man sich genöthigt sieht, beim Lesen seiner Schriften einen Spiegel zu gebrauchen? Die gewöhnliche Erklärung ist: daß er seine Schriften nicht jedem oberflächlichen Leser zugänglich machen wollte. In Neapel wurde ich indeß eines Bessern belehrt. Ich fand dort in der Nationalbibliothek das Manuscripttagebuch des Geistlichen Antonio de Beatis aus Melsetta, der im Jahre 1517 im Gefolge des Cardinals de Aragona eine Reise durch Deutschland, die Niederlande und Frankreich machte. Der Cardinal besuchte auf dieser Reise auch Leonardo da Vinci, der in der Umgegend von Amboise in einer ihm vom Könige Franz dem Ersten geschenkten Villa (jetzt Clos-Lucé genannt) die letzten Jahre seines Lebens zubrachte. De Beatis sagt von ihm: ‚Daß nicht viel Gutes in der Malerei von ihm mehr zu erwarten sei, da eine Lähmung der rechten Hand ihn dazu untüchtig mache.‘ Beim Durchlesen dieser Worte drängte sich mir sofort der Gedanke auf: sollte dies vielleicht die Ursache der umgekehrten Schrift des Leonardo gewesen sein? Ich stellte sogleich einen Versuch an, mit der linken Hand zu schreiben, und fand zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß ich, ohne es je vorher versucht zu haben, ziemlich gut mit derselben, doch ganz unwillkürlich von rechts nach links, schreiben konnte. Der Leser wird dies bei einem Versuche bestätigt finden, auch ohne daß eine Lähmung der Rechten ihn zum Gebrauche der Linken zwingt. Die Spiegelschrift des Leonardo da Vinci findet so ihre Erklärung, und wir können wohl mit Sicherheit annehmen, daß der große Meister seine zahlreichen Schriften über Malerei, Hydraulik, Mechanik, Anatomie etc. in seinen späteren Jahren abgefaßt habe, als die durch Antonio de Beatis constatirte Lähmung seiner rechten Hand ihm das fernere Malen erschwerte.

     Stuttgart.

Dr. Julius Schmidt.



Im alten Park.
(Mit Abbildung S. 267.)

Sommergluth! Ein tief Ermatten
     schläfert ein das Grün;
Durch des Parks krystallne Schatten
     Flammt der Sonne Glühn.

Fern im Winkel, wo zum Weiher
     Sich die Treppe senkt,
Wehn wie ungesehne Schleier
     Lüftchen dunstgetränkt.

Unten spült die klare Welle
     Ueber Platten sacht;
Droben glänzt ein Luftbau helle
     Ulmenüberdacht,

Und am Treppenfuß Figuren
     Aus versunkner Zeit –
Ueberall verwehte Spuren
     Alter Herrlichkeit.

Trällernd zu dem Weiher nieder
     Steigt ein junges Blut.
Bis ihr Mädchenkopf sich wider-
     Spiegelt in der Fluth.

Für die Fischlein streut sie Brocken,
     Und der Spiegel wallt –
Aber ihre Lieder stocken,
     Und sie schauert’s kalt.

Quälend drückt das dumpfe Schweigen
     Und der Moderdunst;
Die Figuren lächeln, neigen
     Sich in starrer Gunst –

Scheu enteilt sie den Gestalten:
     Durch das Herz der Maid
Wandelt das Gespenst der alten,
     Längstvergangnen Zeit.

Victor Blüthgen.



Bleifreie Kochgeschirre. Ergänzend die Notiz in Nr. 5 unseres Blattes theilen wir auf Wunsch der betreffenden Interessenten unseren Lesern mit, daß außer den in gedachter Nummer erwähnten acht Firmen, welche unserem ärztlichen Correspondenten Stücke ihrer Fabrikate zur Untersuchung und Prüfung auf gesundheitsschädliche Substanzen einschickten, noch folgende Firmen in gleicher Weise Gelegenheit geboten haben, uns von der gesundheitsgemäßen Fabrikationsweise ihrer Producte zu überzeugen: Justus Aßmann, Fabrik emaillirter Eisenblechwaaren in Neuwied am Rhein; Haardt u. Comp., Metallwarenfabrik in Wien; Franz Wagenführ, Eisenhütten- und Emaillirwerk zu Tangerhütte; Ed. Windgassen in Remscheid; Gebrüder Sahler, Stromberger-Neuhütte bei Bingerbrück, und Brünner Eisen-Email-Kochgeschirr-Fabrik von Heinrich Czerwinka’s Wittwe und Sohn in Brünn. – Die Fabrikate der genannten Firmen wurden chemisch auf das Genaueste untersucht und besteht das verwandte Email lediglich aus bleifreien Substanzen. Auch enthalten dieselben keine anderen irgendwie gesundheitsschädlichen Stoffe. Alle den eingesandten Stücken gleichen Fabrikate sind demnach als der Gesundheit unschädlich zu bezeichnen.