Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1875) 465.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[465]

No. 28.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.


Hund und Katz’.
Eine Geschichte aus dem bairischen Oberlande.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


„Da hast Du ein Darangeld auf Deinen Kuppelpelz, Du alter Wettermacher!“ rief Kuni dem Hochzeitbitter zu. „Wenn das Deine ganze Gescheidtheit ist, dann kannst Du sie zu den Scherben werfen und Dich heimgeigen lassen. Gieb das Hochzeitladen auf, wenn ich Dir gut zu einem Rathe bin, und laß Dich irgendwo auf ein Hausdach stellen als Wettermannl!“

Sie verschwand in der Hausthür. Verblüfft sah ihr der Alte nach; er bedurfte einige Augenblicke, bis ihm die in der Kehle stecken gebliebenen Worte wieder flott wurden. „Ja, wie ist mir denn jetzt gescheh’n?“ fragte er dann. „Jetzt weiß ich nicht, bin ich übergeschnappt oder ist es das Madel? Was hat denn das zu bedeuten?“

„Gar nichts,“ erwiderte der Bauer, „als daß Du Deine Sach’ so gescheidt gemacht hast, daß Du sie nimmer dümmer hättest machen können.“

„Ja, aber warum denn? Das ist ja doch völlig unbegreiflich,“ unterbrach ihn der Alte. „Der Sylvest ist doch ein prächtiger Bursch, und wenn er auch der jüngere Sohn ist und den Buchmaierhof einmal sein älterer Bruder bekömmt – bringt er doch einen Sack Geld mit, wie er sich für den gehört, der Dein Schwiegersohn werden will. Ist er nicht Einer der Schönsten vom ganzen Burschet (Gesammtheit der Bursche) weit und breit? Ist er nicht auch brav und ordentlich und fleißig?“

„Alles wahr,“ schaltete der Bauer ein. „Der Vestl wäre mir auch ganz recht, aber wenn ich keinen anderen Schwiegersohn bekomm’ als den, dann freut mich mein Leben, dann darf ich warten, bis die Kuh einen Batzen gilt. Den nimmt das Mädel nicht – da geht sie eher in den See, wo er am tiefsten ist, als daß sie den nimmt.“

„Na, das muß ich sagen, das ist mir zu rund,“ rief der Hochzeitlader. „Warum nimmt sie ihn denn nicht? Ist sie denn mit Blindheit geschlagen auf ihren blauen Augen, mit denen sie Einen durch und durch schauen kann? Ich hab’ Dein Schweizerwägel vor dem Hause stehen seh’n. Du wirst wohl auf den Dießner Markt fahren wollen. Nimm Deine Tochter mit! Der Vestl wird gewiß da sein. Du weißt ja, daß er’s gern ein Bissel anders treibt als die gewöhnlichen Burschen, daß er überall mehr wissen und verstehen will, als die Andern, und daß er deswegen freiwillig mit dem Könige Otto hinein ist in’s Griechenland. Jetzt ist seine Zeit um; vor ein paar Tagen ist er wieder heim gekommen. Wenn ihn die Kuni sieht in seiner Hulanen-(Ulanen) Uniform, mit dem Kreuzel auf der Brust und mit dem Schnurrbarte wie ein General, und wenn sie sich dann nicht Knall und Fall bis über die Ohren in ihn verliebt – nachher, nachher will ich meine Hochzeitladerei aufgeben und mit der Haselgerte hinter den Gänsen d’rein laufen.“

„Das nützt Alles nichts,“ sagte der Bauer. „Du kennst das Madel nicht. Wenn sie einmal ihren Kopf aufgesetzt hat, bringt sie nichts mehr herum, und wenn sie eine Ahnung davon hätt’, daß sie in Diessen dem Sylvest begegnen könnt’, brächt’ ich sie mit zehn Pferden nicht hin. Sie ist sonst ein richtiges Leut und die gute Stund’ selber. Ich wüßte nicht, daß sie eine Feindschaft hätt’ gegen irgend einen Christenmenschen, aber der Sylvest, der ist ihr zuwider wie Gift und Opperment, und wenn sie nur von ihm hört, geht es ihr wie einem Indian (Truthahn), dem man ein rothes Tuch vorhält.“

„Aber warum ist er ihr denn so zuwider?“ fragte der Alte, der mit offenem Munde zugehört hatte. „So was ist ja in der ganzen Welt nicht erhört. Hat er ihr denn was angethan?“

„Beileibe nicht. Das ist so mit ihr aufgewachsen und mit ihm auch; von klein auf haben die Zwei einander nicht ausstehen können und sind mit einander gewesen wie Hund und Katze. … Du weißt, daß der Buchmai’r mein nächster Nachbar ist, keine zweitausend Schritte vom Schlöß’lhofe, und wie die Kinder klein gewesen sind und haben angefangen zu laufen, da sind in der ersten Zeit seine Buben schier jeden Abend zu uns in den Heimgarten gekommen, oder mein Mädel ist zu ihnen hinüber, aber wir haben bald gesehen, daß sie nicht gut thun mit einander. Wie der Bub’ und das Mädel nur zusammen gekommen sind, ist das Trotzen und das Raufen angegangen, da haben sie einander gepufft und gezaust; er hat sie einmal in den kleinen Entenweiher hinterm Buchmai’rhof hineingestoßen, und sie hat ihm auf dem Heuboden einen Renner gegeben, daß er bei einem Haar auf die Tenne heruntergestürzt wäre. Wir haben Alles versucht, haben gestraft und gute Worte ausgegeben – es hat Alles nichts genutzt, ist vielmehr mit jedem Tage ärger geworden. Wir haben es dem Herrn Pfarrer erzählt, der hat gesagt, dagegen ließe sich nichts machen, das wär’ eine ‚Synkasie‘, oder wie er’s genannt hat, und das Gescheiteste wäre, die Kinder eben nicht zusammen zu lassen, dann würden sie vielleicht darauf vergessen und sich vertragen, wenn sie einmal in die vernünftigen Jahr’ kommen thäten. Wir haben es dann so gemacht, [466] haben die Kinder nicht mehr zu einander gelassen, aber das Vertragen ist halt doch nicht zugetroffen. Wie sie in der Schul’ einand’ wieder zu Gesicht bekommen haben, ist der alte Tanz wieder angegangen; der Schulmeister hat seine liebe Noth gehabt mit dem Paare und wir Eltern mit. Erst wie sie größer geworden sind, haben sie sich nichts mehr gethan, aber sie sind einander ausgewichen und in den letzten fünf, sechs Jahren haben sie einander gar nicht mehr gesehen, glaub’ ich, und es ist wohl auch das Beste, wenn es so bleibt.“

Mit allen Zeichen der Verwunderung hatte der Hochzeitlader den Bericht des bekümmerten Vaters vernommen. „Da hab’ ich freilich mit der Hand in die Kohlen geschlagen,“ rief er am Schlusse, „wer kann aber auch an so was denken; närrischer könnt’ man sich’s schier nimmer träumen lassen. Da weiß man wahrhaftig nicht, wo man mit der Verwunderung anfangen und wo aufhören soll.“

Dennoch stand ihm noch Wunderbareres bevor; im Hofe vor der Gräd’ führte ein Knecht ein Paar frische Braune heran, um sie an das Schweizerwägelchen anzuschirren: die vom Bauer zur Abfahrt auf den Diessener Markt bestimmte Stunde war gekommen. Er stand auf und auch der Hochzeitlader schickte sich an, den Schweißfuchs wieder zu besteigen.

Aus der Thür des Hauses trat Kuni, zur Ausfahrt in vollen Sonntagsstaat gekleidet. Rock und Mieder von schwarzem Wollstoffe umgaben reich und weich die stattliche Gestalt. Das Mieder war oberhalb der Brust offen und durch einen hochrothen, mit Goldborten besetzten Brustfleck und eine Art Silbergeschnüre zusammengehalten. Um den Hals schlang sich ein schwarzes Flortuch mit breiter filigranener Schnalle; ein blendend weißes Fürtuch, von Spitzen eingefaßt, bedeckte den Leib, und auf dem reichen Haargeflechte saß leicht und keck das schwarze Sammetmützchen mit dem goldenen Kranze darüber und der breiten Verbrämung von dunklem Pelzwerke.

Der Eindruck ihrer Erscheinung war so liebenswürdig und gewinnend, daß der Hochzeitlader beim Aufsteigen mit dem einen Fuß im Bügel innehielt, um sie zu betrachten, und daß auch des Vaters Blick mit sichtlichem Wohlgefallen auf ihr haftete. Der Eindruck wurde noch gesteigert durch die Art, wie sie näher kam. Langsam, fast schüchtern, mit niedergeschlagenen Augen, ein hohes Roth der Befangenheit auf den Wangen, trat sie vor den Alten hin und bot ihm die Hand.

„Bist harb auf mich, Trompeterfranzel?“ fragte sie herzlich. „Ich bin recht schiech gewesen mit Dir und recht dumm. Du hast ja nicht wissen können, daß ich davon nichts hören mag. Schau, wenn’s geschieht, ist mir gerade, als wenn mir Jemand ein zweischneidig’s Messer mitten durch’s Herz stoßen thät. …

Verzeih’ mir’s halt, und wenn ich wirklich einmal heirathen müßt’, dann soll kein Anderer zu meiner Hochzeit einladen als Du, das versprech’ ich Dir.“

Der Alte war von der plötzlichen Umwandelung und dem schmeichelnden Tone so ergriffen, daß ihm das Wasser in die Augen schoß und er ihr nur stumm die Hand schütteln konnte.

Noch ein paar flüchtige Abschiedsworte wurden gewechselt, dann sauste das Schweizerwägelchen davon; auch der Hochzeitlader saß im Sattel, aber er hielt sein Pferd noch an und blickte dem dahinrollenden Wagen nach. „Bei der ist noch April im Kalender,“ sagte er kopfschüttelnd, „und der April treibt sein Spiel wie er will. Wie’s bei der wohl einmal aussieht, wenn’s Mai geworden ist – oder gar Juni!

Der Wind der dreht sich um Sanct Veit.
Da legt sich’s Laub auf die andere Seit’.

Schad’ ist’s aber doch, daß es mit dem Vest’l nichts werden kann – das wär’ so ein Paarl; mit einem schönern könnt’ ich meine Hochzeitladerei nicht beschließen, das ist gewiß.“

Das stattliche Gefährt des Schlösselbauern hatte bald die Ebene erreicht und rollte nach einem kurzen Stündchen schon zwischen den ersten kleinen Häusern des Marktfleckens Diessen dahin, über welchem das einstige Augustinerstift, längst in einen Edelsitz verwandelt, so freundlich emporsteigt, als habe es die alten Zeiten noch nicht vergessen, da ihm die Ansiedelung zu seinen Füßen zu Wacht und Schutz empfohlen war.

Der sonst so stille Ort hallte wieder von ungewöhnlichem Leben, und in der Hauptgasse, wo die Holzbuden der Krämer aufgestellt waren, vor und zwischen denselben drängte sich die bäuerliche Bevölkerung, bewundernd, feilschend und kaufend; die klugen Handelsleute wußten gar wohl ihre Waaren so zu wählen und so zu ordnen, wie der Bauer sie bedurfte und wie sie seinem Geschmack zusagten, dem häufig das Grelle und Bunte am besten gefällt. Farbige Bänder waren in zierlichen Bogen und befranzte Seidentücher wie wehende Fahnen aufgehangen; die Tuchpäcke lagen so geordnet, daß die dunklen Stücke immer einem scharlachrothen zur Folie dienten, das zur Weste unentbehrlich, oder einem hellblauen, wie es vielfach zu den Langröcken beliebt war. Durch derbe Schuhwaare, Holz- und Eisengeräth, dessen man in Haus und Feld bedurfte, Hüte und Pelzmützen wurde das Waarenlager vervollständigt, und zum Ueberflusse boten ein paar fliegende Buden reichliche Gelegenheit, die Kinder mit Zuckerwerk und vor Allem mit dem ersehnten „Lebzelten“ zu verseh’n. Auch für Schaulust und Unterhaltung war gesorgt; ein welscher Bilderhändler hatte an einer Schnur allerlei bunte Heilige und Mordscenen aus irgend welchen Schlachten aufgehangen und darunter sogar ein Brett voll Gypsfiguren angebracht, dessen Hauptzierde noch immer Napoleon war, in Reitstiefeln, die Arme gekreuzt und das Hütchen auf dem Kopfe. Zwei Künstlergruppen sangen zur Drehorgel die gräulichen „Morithaten“ ab, die auf Stangenbildern nicht minder gräulich abconterfeit waren, eine dritte aber, welche im stolzen Besitze eines Kameels, einiger rothröckiger Affen und eines besonders kunstgeübten Tanzbären war, riß durch ihre Leistungen vollends zur Bewunderung hin. Das Gedränge war ungewöhnlich, denn auch aus entfernteren Gegenden waren Jahrmarktsgäste gekommen; wenn auch auf den meisten Köpfen die Pelzmütze und der niedrige am oberen Theile aufgebürstete Hut mit der Goldschnur und Troddel saß, ließ sich doch auch der schwäbische Spitzhut und die bebänderte Backenhaube zahlreich erblicken und erinnerte daran, wie nahe die Grenzlinie lag, welche den feinen Schwabenstamm von jenem der derberen Baiern scheidet. Auch Joppe und Spitzhut mit Hahnenfeder und Gemsbart fehlten nicht und zeigten, daß auch die Bergler aus dem Vorlande dem Reize nicht widerstanden hatten, den lustigen Diessener Markt zu besuchen, wo es im Wirthshause zum „Maurerhansel“ ein preiswürdiges Bier gab, fröhliche Gesellschaft und einen Tanz, wie er weit und breit nicht lustiger zu finden war. Ueber das Summen und Sausen der wandelnden Menge hinweg und in das Quieken der Drehorgel hinein tönte manchmal ein einzelner Horn- oder Clarinetten-Ton, je nachdem einen der schon wartenden Musikanten die Lust anwandelte, Ton und Stimmung seines Instruments zu versuchen. Im oberen Stockwerk beim „Maurerhansel“, wo der Tanzboden war, hart über den Wipfeln der zu beiden Seiten des Thores aufgepflanzten Fichtenbäume, sah der Hals der angelehnten Baßgeige hinaus, als ob er ebenfalls warte und den Tänzern und Tänzerinnen entgegen zu sehen strebe.

Unten in der Zechstube und dem Vorplatze des Hauses hatte sich schon eine ansehnliche Schaar von Gästen eingefunden, meist junge Bursche, die sich bei Bier und Gesang auf die noch kommenden Genüsse vorbereiteten und zu denselben anfeuerten. Sie mochten schon Ansehnliches geleistet haben, denn die Köpfe waren bereits geröthet und erhitzt, die Hüte näher an’s Ohr gerückt, und die Schnaderhüpfeln und Trutzreime flogen immer rascher von Tisch zu Tisch, wie Wespen die summend nur auf den rechten Augenblick warten, um den Stachel zu gebrauchen. Der Gesang war nicht eben lieblich anzuhören; er bewegte sich in sehr hoher Stimmlage und einförmig leierndem Tone: der rechte Gesang dieser Liedchen ist nur tiefer in den Bergen, nicht aber in den Vorlanden heimisch – aber wenn er auch fremden Ohren minder angenehm klang, den Sängern selber gereichte er dafür zu desto innigerem Vergnügen. Die kurzen, meist im Augenblick entstehenden Absätze bildeten eine Art Unterhaltungssprache, in der man sich die lächerlichen Vorkommnisse der letzten Wochen erzählte, darüber spottete und witzelte, sich gegenseitig herausforderte und die Lustigkeit zu immer höherem Wellenschlage steigerte.

Auch in der Stube selbst fehlte es nicht an einem Gegenstande, der dazu willkommenen Anlaß bot. In einer Ecke, so weit wie möglich von allen Uebrigen abgesondert, saß ein hübsches, halb städtisch, halb ländlich gekleidetes Bauernmädchen mit einem jungen Bauernburschen, der in jeder Beziehung ihr würdiges Seitenstück war. Sie war dunkeläugig und schwarz von Haar, lebhaft von Bewegung und Blick; sein hellblonder Krauskopf und seine blauen Augen stimmten vortrefflich zu seinem mehr ruhigen und [467] gleichmüthigen Wesen; es war das zärtliche Braut- und Liebespaar, mit dessen Hochzeitladung der Trompeterfranzl eben seinen Umritt durch den Gau angetreten hatte.

Die Glücklichen saßen Hand in Hand und sahen einander wie verzückt in die Augen: Sie gewahrten und beachteten nicht, daß sie so viele Zeugen ihrer Zärtlichkeit hatten und manch’ spöttischer Blick und Wink sich mit ihnen beschäftigte; für sie war die Ecke, in der sie saßen, eine selige Insel, und was darüber hinausreichte, war ihnen nicht mehr als das Brausen des Gewässers, das unmächtig an dem Ufer emporschlägt. Sie waren nur mit einander beschäftigt, hatten Aug’ und Ohr nur für einander und achteten auch der beiden Männer nicht, die, an einer andern Ecke sitzend, sich ebenfalls mit ihnen beschäftigten, und zwar mit verschiedenen Empfindungen.

Der Eine, in den standesmäßigen blauen Müllerrock gekleidet, auf dem breite Silberknöpfe prunkten, ließ auf den ersten Blick den behäbigen Landbewohner erkennen, der sich seines Reichthums mit Selbstgefühl und nicht ohne Eitelkeit erfreut und es nur als Zeichen gebührender Ehrfurcht hinnimmt, wenn ein minder bemittelter Bauer oder Söldner vor dem volleren Geldsack den Hut bis zur Erde zieht. Ein gutmüthiges, nicht übertrieben kluges Gesicht mit einer Krummnase, grauen Augen und grauen buschigen Brauen darüber verlor sich in einen so völlig kahlen Scheitel, daß es unmöglich war, die Grenze zu bestimmen, an welcher die Stirne endete und die Glatze begann. Die Hände behaglich über den Tisch gefaltet, sah er auf sein schmuckes Töchterchen hinüber und schien sein herzliches Wohlgefallen an ihr zu haben; dabei hörte er gelassen seinem Nebenmanne zu, der sich nahe zu ihm beugte und mit gedämpfter Stimme eifrig und eindringlich in ihn hineinredete. Der Nebenmann kennzeichnete sich sofort als entschiedener Städter; sein ganzer Anzug bestand aus gelbem Nanking; sogar die Schuhe waren aus diesem Zeuge gefertigt und auch der leichte auf dem Tische liegende Hut mit demselben überzogen. Die Kleidung gab ihm allerdings ein ungewohntes, selbst etwas wunderliches Aussehen, aber sein ganzes Wesen erschien als das eines feinen und anständigen Mannes, der nur etwas zu viel Wohlgefallen an sich selber finden mochte. Seine Gesichtszüge waren durch nichts ausgezeichnet, aber nicht unangenehm, und die unverkennbare Betrübniß, die sich in denselben ausprägte, verlieh ihnen sogar etwas Anziehendes. Er hatte die Goldbrille, die er gewöhnlich zu tragen pflegte, neben sich auf den Tisch gelegt, um bei seinem kurzen Gesicht das Glück des kosenden Paares nicht so deutlich gewahr zu werden. Als er mit seiner Rede zu Ende war, glänzte es in seinen wasserblauen Augen, daß man zweifeln konnte, ob sie in ihrer eigenen Farbe leuchteten oder von einem Thränentropfen, der in dieselben geschossen war.

Als er ausgesprochen, ließ ihn der Müller noch eine Weile auf die Antwort warten; er besann sich auf dieselbe und kraute sich die Platte, als juckten ihn die Haare, die vor langer Zeit dort gestanden. „Es ist das Alles recht gut und schön, Herr Gemeter,“ sagte er dann, sich den Berufsnamen des Gelben mundgerecht machend, „aber jetzt ist halt nichts mehr zu machen; das Mädel ist vergeben; die Hochzeit ist schon festgesetzt und der Hochzeitlader ist mit meinem Schweißfüchsel schon unterwegs – da beißt die Maus keinen Faden mehr ab, und ich kann mein Jawort nicht mehr zurück nehmen. So müssen sich halt der Herr Gemeter die Sach’ aus dem Sinn schlagen: ein Herr wie Sie, der findet zehn Weiber für Eine, und meine Mechel hätt’ für jeden Fall auch nicht hinein getaugt in die Stadt und zu den Stadtfrauen, und wenn ich deutsch von der Leber weg reden soll, so ist es mir am Ende auch lieber, ich habe das Mädel, das nun doch einmal meine Einzige ist, in der Nähe bei mir, als daß ich allemal eine Reis’ machen muß, wenn ich sie sehen und mich erkundigen will, wie es ihr geht …“

„O, mit alledem hätte es keine Gefahr gehabt,“ entgegnete der Geometer. „Ihre Tochter ist so begabt und aufgeweckten Sinnes, daß sie in kurzer Zeit in der Stadt und den städtischen Verhältnissen zu Hause gewesen wäre, und was die Entfernung von Ihnen betrifft, so hatte ich mir auch schon meinen Plan ausgedacht, wie dieselbe beseitigt werden könnte.“

„So? Wie wär’ denn das möglich?“ fragte der Müller, dem die Bewerbung des Stadtherrn unverkennbar schmeichelte. „Es ist zwar zu nichts mehr nutz, aber das möcht’ ich doch wissen, wie Sie das angestellt hätten, daß meine Mechel bei Ihnen in der Stadt und doch zugleich bei mir, in der Grubenmühl’ hätte sein können.“

„Nichts leichter als das,“ war des Geometers rasche Erwiderung, „es hatte dazu nichts anderes bedurft, als daß Sie eben auch nicht in der Grubenmühle geblieben wären. Sie sind ein so reicher Mann, Herr Müllermeister, daß Sie nicht nöthig haben, sich noch zu plagen und zu arbeiten. Sie haben sich in Ihrem Leben soviel geplagt und gearbeitet, daß Sie sich wohl eine verdiente Ruhe gönnen könnten.“

„Zu all’ den zwei Sachen sag’ ich justament nicht Nein,“ sagte der Müller mit selbstgefälligem Kopfnicken.

Der Geometer aber fuhr eifriger fort: „Sie sind ein Mann, der jeder Stadt als Mitbürger Ehre machen würde. Sie hätten nach meinem Sinne die Mühle verkauft, wären mit in die Stadt gezogen und wir hätten eine Familie ausgemacht. Sie hätten Ihre Jahre angenehm verbringen können; ich hätte Sie in die Gesellschaften geführt, in denen ich überall Mitglied und bekannt bin – am grünen Baum im Apollosaale, bei den Stahlschützen und vor Allem auf dem Hofbrauhauskeller, wo jeden Samstag die vornehmsten Beamten zusammen kommen, lauter Controleure, Revisoren, Secretäre und Commissäre, und ich weiß gewiß, in sechs Wochen hätten Sie gar nicht mehr daran gedacht, daß es eine Grubenmühle giebt.“

Der Plan behagte und schmeichelte dem Müller. Er sah sich ordentlich im Geiste schon in der vornehmen Gesellschaft sitzen und fuhr sich erregt über den kahlen Kopf, als wollte er die Gedanken beschwichtigen, die sich darunter zu regen begannen. „Hm,“ sagte er dann, „das haben der Herr Gemeter ganz fein ausgediftelt; das hätt’ sich justament hören lassen können, aber da hätten Sie halt früher das Maul aufmachen müssen. Warum haben Sie denn nicht gered’t, wie Sie zur Vermessung in die Mühl’ gekommen sind? Damals hat sich noch nichts angesponnen gehabt, und wenn Sie Ihre Ansprache bei dem Mädel angebracht hätten, wär’ sie vielleicht gerade so gut Ihre Hochzeiterin, als sie jetzt die vom Brunner Zachariesel ist.“

„Ich wollte nicht so mit der Thür in’s Haus fallen,“ sagte der Geometer, „ich dachte, in der kürzesten Zeit wieder kommen zu können, wurde aber an einen andern Ort zur Vermessung geschickt, und als ich nach vier Wochen wieder auf der Grubenmühle einsprach, war es zu spät und die Verlobung mit diesem unglückseligen Zachariesel bereits geschehen. Wie hätte ich ahnen können, daß sich so etwas ereignen, daß ein Mädchen, wie Ihre Tochter, so gebildet und im Kloster erzogen, sich an einen Bauer wegwerfen könnte.“

„Das müssen Sie nit sagen, Herr Gemeter,“ unterbrach ihn der Müller, der keinen Tadel seiner Tochter ertrug, auch wenn er selber nicht mit ihr zufrieden war; „die Grubenmüller-Mechel“ wirft sich niemals nit weg, und mit dem Zachariesel ist es auch nit so weit gefehlt. Ein Bauer ist er wohl, aber ein richtiger und so in das Mädel verschossen, daß er sie gewiß auf den Händen tragt: sonst ging er nicht von seinem Gut in die Mühl’ und wollt’ das Geschäft lernen und ein Müller werden. Wie ich halt sag’, der Herr Gemeter hätten halt früher sprechen sollen, nachher hätten wir vielleicht reden können von der Sach’ und von dem in die Stadt ziehn – jetzt laßt ihn die Mechel nimmer; jetzt hat sie sich einmal darauf gesteift. Das geht bei einem Kopf wie der ihrige so wenig wieder zurück, wie an einem Baum zuerst die Frucht kommt und nachher die Blüh’.“

„Ich sehe das wohl ein,“ entgegnete der Geometer betrübt, „und wenn ich’s auch nicht einsähe, müßt’ ich es glauben, wenn ich nur mit einem Blicke auf das Paar hinüber sehe, aber begreifen kann ich es immer noch nicht.“

„Da ist nicht viel zu begreifen,“ sagte der Müller, „ein sauberer Bursch’ ist er, der Zachariesel – das muß ihm sein Feind lassen; ein guter Lapp ist er auch, der Alles thut, was er ihr an den Augen absieht, und das ist ja das Liebste, was die Weiber haben wollen. Er hat von seinem Hofe drei gute Stunden bis auf die Grubenmühl’, und doch ist er schier jede Nacht herübergelaufen, bloß um ihr einen Blumenbuschen zu bringen, damit sie ihn, wenn sie in der Früh’ den Laden aufgemacht, gleich hat finden müssen. Hat aber noch eine andere Bewandtniß mit den Zweien,“ fuhr er etwas leiser fort, „und wenn dem Herrn [468] Gemeter soviel daran liegt, kann ich’s ihm ja wohl erzählen. Das ist nämlich so gewesen: der Zachariesel ist meiner Tochter schon lang zu Gefallen gegangen, und sie ist ihm auch nicht feind gewesen, justament. Einmal aber, wie er gerade bei uns im Heimgarten gewesen ist und wir in der Stuben bei einander gesessen, sind, da hat’s im Mühlgange zu läuten und zu klappern angefangen, der Zumüller ist weggelaufen gewesen und hat das Aufschütten vergessen gehabt. Wie ich dann in aller Geschwindigkeit hinaus bin in die Mühl’ und habe das Rad sperren wollen, hab’ ich’s in der Eil’ und in der Unachtsamkeit verseh’n und wär’ über’n Gang hinuntergestürzt, wenn mich der Zachariesel nicht beim Janker gehalten hätte – da hab’ ich mich von dem Fallen erretten können, er selber aber hat darüber das Gleichgewicht verloren und ist statt meiner hinunter gefallen. Hat sich weiter keinen Schaden gethan als einen blauen Fleck und eine Beule über’m Aug’. Das Mädel aber bleibt dabei, der Zachariesel hätt’ sich für mich aufgeopfert und hätt’ mir das Leben gerettet, und von diesem Augenblicke ist’s gewesen, als wenn man ihr ein Feuer angezündet hätte; sie hat seitdem auf dem nämlichen Horn geblasen und ich hab’ nicht Nein gesagt, damit doch wieder einmal eine Ruh’ und ein Frieden ist hergegangen im Haus’.“

Der verunglückte Bewerber hatte schweigend zugehört, eh’ er aber etwas erwidern konnte, ward es in der Zechstube so laut, daß es den Anschein gewann, als hätten die übermüthigen Bauernbursche nicht übel Lust, von Liedern und Worten zu Thaten überzugeh’n. Stoff dazu war in Fülle vorhanden. Wenn einerseits die übergroße Zärtlichkeit des Paares ihre Lachlust und ihren Spott herausforderte, war dies doch noch mehr mit dem Geometer der Fall. Es war nicht verborgen geblieben, daß er um die Müllerstochter gefreit habe. Der Müller selbst hatte es überall erzählt, weil er sich etwas darauf zu gute that, daß seine Mechel auch einen städtischen Freier gefunden habe. Die Bursche aber gönnten das hübsche reiche Mädchen doch am liebsten Einem, der ihres Gleichen war, und hatten ihre Lust daran, daß der Stadtherr abgeblitzt war. Auch seine Kleidung dünkte ihnen lächerlich; sie nannten ihn nicht anders als den Canarienvogel und fanden, daß er einem solchen auch in der Betrübniß gleiche und dasitze, als wenn er eben in der Mauser wäre und anfinge, die Federn zu verlieren.

Die beiden Paare waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als daß sie diese Stimmung gewahr geworden wären. Sie hörten es nicht, als die fast ununterbrochen forttönenden Schnaderhüpfel allmählich immer spitziger wurden und immer deutlichere Anzüglichkeiten enthielten. Als die Liebenden eben die Köpfe zusammensteckten und mit einander flüsterten und der Eine sang:

“Was bedeut’t denn das Sumsen?
Was bedeut’t denn das G’schleck?
Muß ein Hönig (Honig) verschütt’ sein
Dort hinten am Eck –“

da antwortete ein Anderer so rasch, als wäre es ein bloßer Widerhall, der von selber zurücktöne:

„Geh’ nit hin zu dem Sumsen,
Geh’ nit hin zu dem G’schleck,
Bleibst im Hönig sonst pappen,
Kommst nimmer vom Fleck!“

Ein Dritter war nicht verlegen, die Kosenden in anderer Weise zu verspotten, indem er zuerst das Girren einen Täuberichs nachahmte und dazu sang:

„Und der Spatz und der Hacht (Habicht)
Jeder hat sein Weiberl:
Und Dein Tauber bin ich,
Du mein Turteltäuberl.“

Unter lärmendem Gelächter wurde der Absatz wiederholt, bis ein Vierter, des Stadtherrn gedenkend, also anhob:

„Was will der Canari
Auf unserer Heck’?
Die Dacheln (Dohlen) bald (wenn) wild werd’n,
Die hacken ihn weg.“

Das Gespräch der Liebenden war inzwischen immer wärmer und zärtlicher geworden. „Wirst mich aber auch alleweil so gern haben?“ flüsterte das Mädchen. „Wirst mich auch noch mögen, wenn wir einmal zwanzig Jahr verheirathet sind und wenn ich alt und schiech (häßlich) geworden bin?“

„Wie Du nur so fragen kannst!“ erwiderte der Bursche und drückte ihr zärtlich die Hand. „Und wenn wir tausend Jahr verheirathet wären, ich hätt’ Dich in der letzten Stund’ so gern wie in der ersten, und was das Altwerden betrifft, das ist eine gemeinsame Sach’, dem kommt man nicht aus; was aber das Schiechwerden angeht, auf das lass’ ich’s ankommen bei Dir, das bringst Du gar nicht zuwegen.“

„Du bist halt mein lieber guter Bub,“ entgegnete das geschmeichelte Mädchen. „Du bist mir an’s Herz gewachsen, daß ich nimmer leben könnt’ ohne Dich.“

„Und ich könnt’ nicht leben und nicht sterben ohne Dich,“ sagte der zärtliche Bursche. „Und wenn’s sein müßt’, und wenn ich sterben thät’ und müßt’ fort von der Welt, ich haltet’s im Himmel droben nit aus; ich käm’ wieder zurück, und thät’ weizen (spuken), nur damit ich bei Dir bleiben könnt.“

„Du bist halt ein Lapp,“ sagte das Mädchen, „was hätten wir von dem Weizen? Nein, ich habe im Kloster eine Geschichte gelesen von zwei Verliebten im Venedigerlande, die mit einander gestorben sind, weil sie sich nicht haben kriegen können; so thäten wir’s auch machen.“

„Mir ist Alles recht. Wo Du hingehst, da geh’ ich mit, in den Himmel, in’s Fegefeuer und in die Höll’. Wenn ich nur ein paar Tage nicht bei Dir gewesen bin, da geht mir Alles verkehrt. Mir schmeckt kein Essen und Trinken mehr – da ist mir allemal wie unserem Schimmel, der immer mit dem Schecken zusammen gespannt wird. Wenn der Scheck einmal auswärts ist, da ist er kaum vom Flecke zu bringen und rührt kein Futter an, und wenn ich ihm den besten Hafer vorschütten thät’.“

Das Mädchen rümpfte die Nase und entzog ihm die Hand. „Wie Du wieder daher redst!“ sagte sie mit unwilligem Anfluge. „Wer wird denn die Lieb’ mit seinen Rössern vergleichen!“

(Fortsetzung folgt.)




Bilder aus dem jüdischen Leben.
1. Polnische Schnorrer.

Wer kennt sie nicht, jene langaufgeschossenen Gestalten in den herabwallenden Gewändern, wie sie alljährlich Deutschlands Gauen bettelnd und schachernd durchwandern!

Wer hätte sie nicht schon gesehen, jene stereotypen, scharf geschnittenen Gesichter mit den wirr gelockten Haaren und den mächtigen Bärten, mit den hell blitzenden Augen und den kühn hervortretenden Nasen! Jahraus, jahrein, ununterbrochen durchwandern sie gleich unermüdlichen Touristen die Städte und Dörfer Deutschlands bis zu den äußersten Grenzen und darüber hinaus; ganze Carawanen, Vertreter jedes Alters und Geschlechts, Frauen, Kinder, Männer und Greise durchziehen sie von jenseits der Wolga bis zur Weichsel, von der Weichsel bis zum Rhein die Gelände des gottgesegneten Deutschland, als sollten an ihnen erfüllt werden die Worte des Herrn: „Unstät und flüchtig sollst du sein auf Erden.“

Fragen wir uns nach den Ursachen, die den polnischen Juden veranlassen, den Wanderstab zu ergreifen und sein Heimathland zu verlassen, so drängt sich uns die Frage auf: ist es eigenes Verschulden, Scheu vor Arbeit und Verdienst, oder eine äußere Macht, der Trieb der Selbsterhaltung, der Kampf um’s Dasein, der ihn zwingt, seine heimathliche Stätte zu verlassen? Beide Fragen haben ihre entschiedene Berechtigung, und doch dürfen wir uns nicht verhehlen, daß den größten Theil der Schuld die gesellschaftlichen Zustände Polens und Rußlands tragen, die in ihrer Ungewöhnlichkeit geradezu erschreckende Menschenbilder zu Tage fördern.

Vergegenwärtigen wir uns den Lebensgang eines polnischen Juden, wie er sich im Allgemeinen gestaltet. Schwächlichen und unreifen Eltern entstammend, verbringt er seine Kindheit in Schmutz und Elend, wächst er auf in der Gesellschaft corrumpirter

[469]
Die Gartenlaube (1875) b 469.jpg

Polnische Schnorrer.
Nach der Natur in Leipzig aufgenommen von G. Sundblad.

[470] und bigotter Menschen. Ohne die geringsten positiven Kenntnisse erworben zu haben, wird er vom sechsten oder siebenten Jahre an in den talmudischen Wissenschaften unterrichtet; man lehrt ihn Dinge, denen ein reifer Kopf kaum gewachsen. Es kann nicht verwundern, daß der zum Jünglinge gewordene Knabe bald Meister in der Talmudweisheit, daß er mit unnachahmlichem Scharfsinne der schwierigsten und verwickeltsten Stellen mit Leichtigkeit Herr wird, Dinge versteht, die für seine künftige Existenz und Lebensstellung oft vollkommen unergiebig und werthlos sind. Für die Ausbildung des Geistes, was jüdisches Wissen anbetrifft, mit größter Peinlichkeit besorgt, verwahrlost man vollständig die körperliche Ausbildung und zieht Menschen heran, die vor dem Eintritt der Reife schon schwach und hinfällig sind. Kaum ist er dem Knabenalter entwachsen, so verheirathet man ihn mit Eintritt des siebenzehnten oder achtzehnten Jahres an ein ebenso verwahrlostes junges Mädchen, das als künftige Mutter die Erziehung ihrer Kinder zu leiten und ein eigenes Hauswesen zu gründen bestimmt ist. So vererben sich diese verrotteten Sitten von Geschlecht zu Geschlecht, und es kann nicht befremden, wenn wir Menschen aufwachsen sehen, die, marklos und unfähig zur körperlichen Arbeit, gleich menschlichen Schmarotzern auf den Erwerb ihrer Nebenmenschen angewiesen sind und dem Laster des Müßiggangs anheimfallen.

Bei dem großen Gewichte, das die polnischen Juden auf die Fähigkeit zum „Lernen“, das heißt zum Talmudstudium legen, kommt es nicht selten vor, daß bei Heirathen die Tüchtigkeit des betreffenden Candidaten im „Lernen“ der einzig und allein bestimmende Factor ist. Wohlhabende und reiche Leute verheirathen ihre Töchter an arme junge Leute, deren einziger Empfehlungsbrief in dem Satze besteht: „er kann gut lernen.“ So lange der Schwiegervater lebt oder im Stande ist, seinem Geschäfte vorzustehen, lebt der Schwiegersohn in dessen Hause und beschäftigt sich ausschließlich mit „Lernen“. Bald aber tritt an ihn die Aufgabe, das bisher in kundiger Hand ruhende Geschäft selbstständig fortzuführen, und da kann es denn nicht ausbleiben, daß dasselbe unter der Leitung des früheren „Bachurs“, der sich zeitlebens nur mit „Lernen“ beschäftigt und von den Kniffen und Praktiken des Handelsstandes nicht die geringste Ahnung hat, immer mehr zurückgeht und daß zuletzt kaum soviel bleibt, um die nothwendigen Lebensbedingungen zu erfüllen. Bar aller materiellen Mittel, ohne die Fähigkeit, in anderer Weise den Lebensunterhalt für seine allzu zahlreiche Familie zu beschaffen, was bleibt ihm übrig als Frau und Kind zu verlassen und in gesegneteren Ländern sein Leben zu fristen? – er wird ein „Schnorrer“!

Das ist ein Fall. Ein anderer nicht minder häufiger Fall tritt ein in Folge von Steuerdefraudation, deren Entdeckung sie auf ewig von der heimathlichen Stätte bannt, und noch häufiger kommt es vor, daß junge Leute aus Furcht vor schwerem Militärdienste sich demselben durch Ueberschreiten der russischen Grenze zu entziehen suchen. Rechnet man hierzu die Ungunst der gesammten Lebensverhältnisse, die dichtgedrängte Bevölkerung und die „Intoleranz“ der russischen Behörden, so wird man es erklärlich finden, wenn alljährlich ganze Schaaren von polnischen Juden den Wanderstab ergreifen und wie Heuschrecken die Städte und Dörfer Deutschlands durchziehen.

Diese Reise eines polnischen Juden ist eine Kunstreise im wahren Sinne des Wortes. Ausgerüstet mit Empfehlungsbriefen von Rabbinen und Capacitäten seiner Heimath, die entweder lauten: „Ich bezeuge hiermit, daß N. N. ein heruntergekommener frommer und der Unterstützung bedürftiger Mann ist, den ich der Berücksichtigung meiner Glaubensgenossen dringend empfehle“, oder aber die Bestätigung der Angabe enthalten, daß der zu Empfehlende im Begriffe stehe, seine Tochter zu verheirathen, ihm aber die dazu erforderlichen Mittel abgehen, verläßt der Jude seine Heimath und wendet sich zuvörderst zu den nächst gelegenen Orten. Betritt er das Weichbild einer Stadt, so ist sein erster Gang zu dem Geistlichen oder Beamten der Gemeinde, der entweder sich selbst für ihn verwendet oder ihm über alles Wissenswerthe die gewünschte Auskunft ertheilt. Auch giebt er ihm wohl selbst etwas aus seiner eigenen Tasche und ladet ihn bei sich zu Gaste, da es ihm darum zu thun ist, sich in seinem Umkreise durch den Leumund der polnischen Juden einen guten Ruf zu verschaffen. Ist der Fremde ein „Lamden“, das heißt ein Gelehrter, so wird ihm auch seitens der Gemeinde Unterstützung zu Theil, und reich beschenkt und geehrt verläßt er die fromme Gemeinde. Das ist der „anständige“ Bettler.

In eine andere, tiefer stehende Kategorie fällt der Straßen- oder Hausbettler. Von Haus zu Haus wandernd, entwickelt er im Laufe seines Bettelganges eine Virtuosität und Unverschämtheit, die geradezu erstaunlich ist. Zuerst kriechend und demüthig, steigern sich seine Forderungen weniger grobkörnigen Personen gegenüber, und je mehr man seiner Unverschämtheit nachsieht, mit rapider Schnelligkeit. Giebt man ihm Geld, so bittet er um Mittags- oder Abendtisch; gewährt man ihm auch diesen, so kommen alte Kleider an die Reihe, die wieder irgend einem anderen Wunsche Platz machen. Reißt Einem endlich dabei die Geduld, so mache man sich gefaßt, noch Grobheiten und unverschämte Zurechtweisungen mit in den Kauf nehmen zu müssen. Dabei sind diese Leute oft durchaus nicht Das, was sie scheinen. Viele besitzen Mittel genug, um sich zu Hause anständig zu ernähren, und betteln nur aus Gewohnheit.

Ein seiner Heimath entlaufener polnischer Jude ist wie ein dem Käfige entsprungener Vogel. Zu Hause ein durch den Glauben und die Sitten seines Landes in seinem Thun eingeschränkter Mensch, streift er in der Fremde alles Ueberflüssige und Sittlich-Religiöse ab und wird in letzterer Beziehung ärger denn die von ihm verketzerten Juden Deutschlands. Den ihn kennzeichnenden Jargon und die Tracht, „Schubbeze“ (das schwarze Gewand), „Peies“ (die Locken) und lange Stiefel, behält er zwar bei, sonst aber erinnert nichts mehr an den früheren in Frömmigkeit und Demuth ersterbenden polnischen Juden. Nur Eines ist ihm heilig: der „Schabbes“, der einen Ruhepunkt bildet in dem Einerlei seines Bettelhandwerks, an dem er Station macht auf seiner Geschäftsreise, die, mühe- und dornenvoll wie sie ist, doch eines gewissen poetischen, an die Zeit der Romantik gemahnenden Reizes nicht entbehrt.

Zu den letzteren Erscheinungen gehört unzweifelhaft die Gabe, selbst in den verwickeltsten Lagen des Lebens den Humor nicht zu verlieren. Daß diese Gabe den polnischen Juden in hohem Maße eigen, ist eine notorische Thatsache, die nicht weiter bewiesen zu werden braucht. Wir wollen jedoch dem Leser einige Beispiele polnisch-jüdischen Witzes, zugleich zur näheren Charakteristik der Art und Weise, wie die polnischen Juden ihr Handwerk verstehen, hier vorführen.

Wie alle populären Persönlichkeiten im Laufe der Zeit vom Volke mit einem dichten Mythenkranze geschmückt worden, so erzählt man sich auch von Baron Anselm von Rothschild allerlei Schnurren, bei denen er entweder activ oder passiv betheiligt ist. Zu den letzteren gehört folgende: Ein im Innern Polens wohnender Jude, zu dem der Ruf von dem Reichthume und der Wohlthätigkeit des Barons gedrungen war, machte sich auf gen Frankfurt und erreichte nach vielfachen Mühen und Anstrengungen glücklich das Ziel seiner Wanderung. Wie er nach langem Umherirren die Wohnung Rothschild’s erreicht hatte und in seiner wenig ansprechenden Tracht in dieselbe einzudringen im Begriffe stand, trat ihm ein wachsamer Cerberus entgegen und bedeutete ihm, daß der Eintritt in die Gemächer seines Herrn Leuten seines Schlages nicht gestattet sei.

Der Jude, der seine ganze Hoffnung in seinen reichen Glaubensbruder gesetzt und direct um Rothschild’s willen die lange und mühevolle Wanderung nach Frankfurt unternommen hatte, betheuerte und beschwor den Lakaien, ihn um seiner Seligkeit willen zu seinem Herrn zu führen, da er ihm nur ein einziges Wort zu sagen habe und seine Zeit nicht im mindesten in Anspruch nehmen wolle. Der Lakai, der ein menschliches Herz hatte, ging zu seinem Herrn und kam mit dem befriedigenden Bescheide zurück, daß der Jude eintreten, aber nur ein einziges Wort sprechen dürfe. Als der Jude die Thür geöffnet und des Barons ansichtig geworden war, sagte er nichts als: „Gemara!“[1]

Verwundert schaute sich Rothschild um und fragte den ruhig stehen gebliebenen Juden, was er damit sagen wollte?

Dieser erwiderte, indem er jedes Wort stark betonte, so daß die Identität der vier Anfangsbuchstaben des Wortes „Gemara“ herauszumerken war: „Guten Morgen, Reb Anschel (Herr Anselm)!“

[471] „Was hätte Er aber gesagt, wenn Er zu Mittag gekommen wäre?“

„Gesegnete Mahlzeit, Reb Anschel!“

„Wenn Er nun aber des Abends zu mir gekommen wäre?“

„Dann hätte ich gesagt: ‚Gebt Moos, Reb Anschel!‘“

Vollkommen befriedigt und reichlich mit „Moos“ versehen, verließ der Jude das Haus des wohlthätigen „Reb Anschel“.

Zeigt schon diese Anekdote, mit welcher Schlauheit die polnischen Juden bei Ausübung ihres Bettlerhandwerks zu Werke gehen, so läßt auch die folgende an Raffinement nichts zu wünschen übrig.

Zu einem Berliner Banquier, Namens Mann, kam ein polnischer Jude und bat um ein Almosen. Trotz wiederholten Bittens abgewiesen, rief der Jude, indem er die Thür in die Hand nahm, dem Banquier zu: „Gott soll Euch segnen mit dem Segen, mit dem er unsern Erzvater Abraham gesegnet hat!“ Neugierig gemacht und durch die Liebenswürdigkeit des polnischen Juden, zu der Anlaß gegeben zu haben er sich nicht bewußt war, frappirt, rief der Banquier den forteilenden Juden schnell zurück und bat ihn, indem er ihm eine anständige Gabe reichte, um Aufschluß über den ihm ertheilten Segen. Wieder nahm der Jude die Thür in die Hand und wieder sprach er: „Gott soll Euch segnen, wie er Abraham gesegnet hat! Gott hat Abraham dadurch gesegnet, daß er ihm, dem früher Abram Geheißenen, in seinem Alter ,ha’ zugelegt hat. Ihr heißet Mann; wenn Gott wird Euch zulegen ein ,ha’, so werdet Ihr heißen ,Hamann’; man wird Euch aufhängen, wie man Haman aufgehängt hat.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, machte sich der Jude aus dem Staube und kam nie mehr zum Banquier Mann.

Ein etwas harmloserer Fall trug sich vor Jahren in Breslau zu. Dorthin war auch ein bettelnder Jude aus Polen gekommen und hatte die Bekanntschaft eines unbedeutenden jüdischen Maklers gemacht, welcher namentlich polnisch-jüdischen Kaufleuten bei ihren Einkäufen als Vermittler und Führer beistand, um durch die bei diesen Geschäften abfallende Courtage seinen kargen Lebensunterhalt zu verdienen. Aus Mangel an anderer augenblicklicher Beschäftigung begleitete jener Makler obigen Schnorrer (Bettler) jetzt auf dessen Bittgängen und führte ihn hauptsächlich zu denjenigen Kaufleuten der Stadt, wo am sichersten auf ein Almosen zu rechnen war. So kamen die Beiden auch zu dem Kaufmann D., welcher jedoch den ziemlich unverschämt auftretenden Bettler endlich unbeschenkt und energisch zur Thür hinaus wies. Der Führer des polnischen Juden war indeß in dem Geschäftslocal zurückgeblieben und stand mit abgezogenem Hute erwartungsvoll und bescheiden in einer Ecke. Als D. ihn so nach einiger Zeit bemerkte, fragte er, was Jener hier noch zu suchen habe. –

„Ich wollte mer nur ausbitten de Kortasch’, Herr D.,“ entgegnete sich verbeugend der Makler.

„Courtage?“ rief D. erstaunt und seinen Ohren kaum trauend. – „Ihr wollt Courtage von mir? Und wofür denn, wenn ich fragen darf?“

„Hob ich denn nicht gebrongen (gebracht) den Mann, wos Se eben hoben nausgewiesen ßur Thür, Herr D.?“

„Und Ihr seid jetzt unverschämt genug,“ rief D. sich ereifernd, „dafür auch noch Courtage zu fordern?“

„Erlaaben Se, verßeihn Se, gitigster Herr D.,“ begütigte der Makler in vollem Bewußtsein seines guten Rechtes; „wenn Sie hätten gegeben eppes (etwas) dem Schnorrer, so hätte doch der gemacht ahn gutes Geschäft un ich hätt gekriegen mahne Kortasch vun den Schnorrer. Nu hoben Sie aber gegieben dem Schnorrer gor nix, un dorüm hoben doch Sie gemacht ahn gutes Geschäft, Herr D., un dorüm bitt ich mer noch aus de Kortasch für dies Geschäftche vun Ihnen.“

D. konnte sich des Lachens nicht enthalten, und gut beschenkt ging der arme Makler von dannen.

Daß die polnischen Juden auch in astronomischen Dingen eine Stimme haben, zeigt folgendes wahrheitsgetreue Histörchen.

Bei Gelegenheit eines Hochzeitsschmauses, den ein reicher jüdischer Kaufmann ausrichtete und wozu geschäftlicher Rücksichten halber auch ein polnischer Jude geladen war, kamen die zum Theil aus wissenschaftlich gebildeten Männern bestehenden Gäste auch auf die viel ventilirte Frage zu sprechen: „Dreht sich die Erde um die Sonne, oder die Sonne um die Erde, oder beide um sich selbst?“ Die Debatte spielte herüber und hinüber, ohne daß eine Einigkeit in den Ansichten hergestellt worden wäre. Als sich die streitenden Parteien erschöpft hatten, erhob sich der an dem entgegengesetzten Ende der Tafel sitzende Jude, dem man die schlechtesten Speisen und Weine vorgesetzt hatte, und sagte:

„Mahne Herren! Se werden gitigst verßaihn, wenn ich hob’ von dieser Sach’ ahne andere Ansicht. Ich sog: de Erd’ dreiht sich nischt um de Sunne, aber de Sunne dreiht sich um de Erd’. Worüm? Dorüm: Ass sich wollte dreihn de Erd’, un de Sunn’ sollte staihn stille, so müßten sich user (wahrhaftig) dreihn alle Baißim (Häuser), was senn ohf der Erd’, un es müßte sich dreihn aach Alles hier in diesem Bajes (Haus) un müßte sich dreihn hier bei unsern Balbos (Wirth) de Tofel, wodrüm mer itzt ßu sitzen hoben die graußmächtige Ehr’. Un dann müßten sich noch dreihn ahf der Tafel de Tellern un de Flaschen und dann müßten kimmen all die feinen Broten un Waine von die Herren dort droben in ihre Umdreihung aach ahnmal ßu mir. Ass dies aber is nischt der Fall, wie Se doch können Alle selbst hier sehen, so sog’ ich: de Sunn’ dreiht sich um die Erd’ und de Erd’ bleibt steihn stille.“

Allgemeine Heiterkeit und die sofortige Servirung der besten Weine und Speisen belohnte diese humoristische Rede des astronomisch gebildeten Juden. –

Wir haben gesehen, wie in der Lage der gesellschaftlichen Zustände Polens und Rußlands die Ursache zu suchen ist von den jährlichen Wanderungen der polnischen Juden, wie die Art der Jugenderziehung, der allgemein-sittliche Zustand der Bevölkerung in innigem Zusammenhang stehen mit dem immer mehr überhand nehmenden Schnorren, welches die Juden Deutschlands als eine ihrer größten Plagen mit Recht betrachten dürfen. Die vielfachen Bestrebungen der letzteren, die sich in jüngster Zeit besonders in den süddeutschen Staaten durch Bildung von Vereinen gegen die Wanderbettelei geltend machten, sind zwar sehr löblich, indessen die damit erzielten Erfolge sind weit hinter der Erwartung zurückgeblieben. Ohne näher auf die Frage einzugehen, von wannen Hülfe kommen müsse, glauben wir doch nicht irre zu gehen, wenn wir sagen, daß seitens der russischen Regierung Schritte zur Abhülfe gethan werden müssen, wenn anders dieser trostlose und unserer Zeit unwürdige Zustand ein Ende nehmen soll, daß es an ihr ist, eingreifende Maßregeln zur Hebung dieses Uebelstandes zu ergreifen. Eine Besserung der von uns gekennzeichneten Erscheinung kann aber nur von der Besserung der gesammten gesellschaftlichen Zustände Polens und Rußlands erwartet werden und dazu ist für jetzt noch wenig Aussicht vorhanden. Die Frage aber ist eine hochernste, nicht blos für die jüdischen Gemeinden Deutschlands – von welchen nur die an Rußland grenzenden Bezirke noch übermäßig von jenem Elende heimgesucht sind – sondern vor Allem im Hinblicke auf diese Tausende von unstreitig hochbefähigten Menschen, die der Cultur gewonnen werden und Ausgezeichnetes leisten könnten, während sie jetzt als ein verkümmertes, verschrobenes und verwildertes Element nur auf das Mitleid ihrer auswärtigen Glaubensgenossen und auf die Brandschatzung derselben angewiesen sind. Ist aber hier von polnischen Juden gesprochen worden, so ist selbstverständlich darunter immer nur eine bestimmte Classe in ihrer Mitte, das professionsmäßig auf die Bettelreise ziehende Schnorrantenthum verstanden. Daß es in Polen und Rußland auch zahlreiche seß- und ehrenhafte Judenfamilien giebt, die höchstens durch ihre Geschäfte in’s Ausland geführt werden, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Häufig genug findet man ihre Söhne als Lehrlinge oder Gehülfen in deutschen Handelshäusern, oder dieselben besuchen deutsche Gymnasien und Universitäten, wo sie durch Talent, sowie durch ein eigenthümliches, energisches Streben sich auszeichnen und den Beweis liefern, was aus ihren bettelnden Heimathsgenossen werden könnte, wenn hier einmal eine planmäßige Culturarbeit Wandel schaffen und diesen Schandfleck beseitigen möchte.
H. Cohn.



[472]
„Eine Mutter sucht ihr Kind“.

So überschrieben wir im April 1872 eine Nachfrage nach dem Aufenthaltsorte des Töchterchens einer jungen Mutter, der das Kind widerrechtlich entrissen und seitdem vorenthalten sei.

Wir verschwiegen damals, daß diese Mutter von dem Vater des Kindes durch gerichtliche Ehescheidung getrennt, und daß Letzterer, als der schuldige Theil, nicht nur mit Gefängniß und dem Verbote der Wiederverehelichung bestraft, sondern auch verurtheilt worden war, der Mutter das Kind und ihr eingebrachtes Vermögen auszuliefern und jährlich eine bestimmte Alimentationssumme an sie auszuzahlen. Denn obwohl die Redaction der „Gartenlaube“ sich durch Einblick in die betreffenden Actenstücke des Obergerichts in Lüneburg und des Appellationsgerichts in Celle, sowie in Zuschriften und amtliche Zeugnisse der Irrenanstaltsdirection in Werneck und zahlreiche Briefe von der Wahrheit der Angaben der Frau von Estorff überzeugt hatte, so trat uns aus allen jenen Papieren doch ein so abschreckendes Familienbild entgegen, daß wir eine weitere Aufdeckung des Schleiers von demselben um so mehr vermieden, als für unseren Wunsch, der verlassenen Dame zum Wiederfinden ihres Kindes und dadurch, zu der Möglichkeit einer gerichtlichen Verfolgung ihres Rechts zu helfen, die einfache Anfrage genügen konnte.

Allerdings wurde dieser nächste Zweck auch erreicht. Es kamen so viele Nachrichten aus den verschiedenen Aufenthaltsorten des Kindes, daß der kurze und doch schon vielbewegte Lebenslauf desselben klar vorlag. Da Herr von Estorff von den deutschen Gerichten steckbrieflich verfolgt wird, weil er die ihm zuerkannte Gefängnißstrafe noch nicht vollständig verbüßt hat, so reiste er meist unter anderem Namen, und ebenso mußte auch das Kind seinen Namen in den einer „Julie Schack“ verwandeln lassen. Als Agnes von Estorff fand man es auf Schloß Ruckenstein in Krain wieder, dessen Besitzerin Herrn von Estorff geheirathet hatte. Von hier kam das Kind zu dem mit allen früheren Verhältnissen desselben bis dahin unbekannt gewesenen evangelischen Geistlichen in Laibach in Pension und Erziehung.

Nachdem auf diese Weise Frau von Estorff den Aufenthaltsort ihres Kindes und des Herrn von Estorff entdeckt hatte, gab sie durch ihren Rechtsanwalt in D., der bei den ehemals hannoverschen, jetzt preußischen Gerichten ihren Ehescheidungsproceß und die übrigen mit diesem in Verbindung stehenden Rechtsstreite vollständig gewonnen und die Verurtheilung des Verklagten wegen des von ihm begangenen Ehebruchs zu einer dreimonatlichen Gefängnißstrafe erwirkt hatten der Kronanwaltschaft in Lüneburg Nachricht davon und ersuchte diese, behufs Vollstreckung der mehrfachen gegen den Verklagten ergangenen condemnatorischen Urtheile das betreffende österreichische Gericht zu requiriren. Dieses Requisitionsgesuch wurde von dem Landesgerichte Laibach an das k. k. Kreisgericht in Rudolphswerth abgegeben, weil dorthin Ruckenstein, das Besitzthum der zweiten Frau des Herrn von Estorff, gehöre. Die nächste Folge desselben war eine Verfügung des k. k. Gerichts an den evangelischen Geistlichen in Laibach, das Kind in seiner Obhut zu behalten bis zum Ausgange des Processes.

Wir durften nun hoffen, von da an in kurzer Zeit unseren Lesern das erfreuliche Resultat unserer Nachfrage nach dem Kinde mittheilen zu können, ohne in die Familiengeschichte näher eingehen zu müssen. Da erschien im Inseratentheile von „Ueber Land und Meer“ eine „Mehrere Mitglieder der Estorff’schen Familie“ unterzeichnete „Erwiderung“ auf unsere Nachfrage nach dem vermißten Kinde. Dasselbe Schriftstück war vorher der Redaction der Gartenlaube, und zwar von der Hand des Herrn von Estorff selbst geschrieben, wie sich aus der Vergleichung mit anderen Briefen desselben sofort ergab, zur Veröffentlichung mitgetheilt worden. Wir hielten es deshalb für unsere Pflicht, das Original dieser „Erwiderung“ dem k. k. Landgerichte in Rudolphswerth einzusenden. Was darin der Welt preisgegeben war, ist das Aeußerste, was ein Mann einem Weibe gegenüber begehen kann. Herr von Estorff stellt sich hier als das unschuldige, beklagenswerthe Opfer absichtlichster Bosheit hin, jede, auch die geringste Schuld und Fehle von sich abwälzend. Und so listig war die Einsendung des Inserats geschehen, daß Herr Eduard Hallberger eine Gegenerklärung der Frau den Estorff zurückwies, weil die Einsendung jener „Erwiderung“ nicht vom Herrn von Estorff, sondern von einem ihm als durchaus ehrenhaft und zuverlässig charakterisirten Manne geschehen sei. Als wir aber als Resultat unserer Nachforschungen Herrn Ed. Hallberger berichten konnten, daß jener Mann „kein ehrenwerter Charakter, sondern soeben zu anderthalbjährigem Gefängnisse wegen Unterschlagung verurtheilt und als Anwalt abgesetzt sei“, und dem auch unsere Erkundigungen über Herrn und Frau von Estorff beifügten, schrieb Herr Hallberger sofort, daß er nunmehr es für seine Schuldigkeit halte und sich freue, durch kostenfreie Ueberlassung des erforderlichen Raumes für die „Erklärung“ der Frau von Estorff beitragen zu können, dem seiner Zeitung auf eine geschickte Art zugespielten „boshaften“ Angriffe auf die unglückliche Dame zu begegnen.

Diese Erklärung war die folgende:

„Die unwahren Anschuldigungen und Verleumdungen, welche angeblich von ‚Mehreren Mitgliedern der Estorff’schen Familie‘ in Nr. 51 dieses Blattes gegen mich veröffentlicht sind, rühren nicht von diesem sondern von dem von mir gerichtlich geschiedenen niederländischen Kammerherrn a. D., Freiherrn Georg Otto Karl von Estorff, her, von dessen eigener Hand geschrieben das Original, wie es der Redaction der ‚Gartenlaube‘ eingesandt war, bei den Acten der k. k. Staatsanwaltschaft zu Rudolphswerth bei Laibach niedergelegt ist. Durch welche Mittel derselbe mich in die Irrenanstalt zu Werneck in Baiern gebracht, übergehe ich hier, nicht verschweigen darf ich aber, daß er den Direktor der Anstalt, Professor Dr. Gudden, zu überzeugen suchte, mich beherrsche die Wahnidee, daß er mit einem Fräulein von Bünau aus Baiern, die er mir als Gesellschafterin aufgezwungen hatte, in einem sträflichen Verhältnisse lebe. Diese angebliche Wahnidee war aber so volle Wahrheit, daß von Estorff auf meine Anklage vom Obergerichte in Lüneburg und vom Appellationsgerichte in Celle des Ehebruchs überführt und zu drei Monaten Gefängniß, Herausgabe meiner Tochter und meines Vermögens verurtheilt wurde und ihm als schuldigem Theile die Wiederverehelichung untersagt ward. Diesem gerichtlichen Urtheile entgegen nahm von Estorff meine Tochter mit sich in die Schweiz und nach Oesterreich und brachte dieselbe als ‚Julie Schack‘ u. A. längere Zeit in einer Pension zu Wilhelmsdorf in Württemberg unter. Er selbst reiste ebenfalls unter den Namen Herr Schack oder Baron Schack. Zwölf Jahre hat er mir mein Kind und jeden Genuß von meinem Vermögen entzogen; zwölf Jahre lang lebe ich hier in der allergrößten Einschränkung, indem ich es ehrenvoller finde, lieber die härtesten Entbehrungen zu ertragen, als die Hülfe meiner Verwandten mehr, als wie dringend nöthig ist, in Anspruch zu nehmen. Meine Rechtfertigung steht wohl sonnenklar in den Acten der obengenannten Gerichte und der Kronanwaltschaft in Lüneburg. Da diese jedoch nicht an die Oeffentlichkeit gezogen werden können, so wird die durch die ‚Erwiderung‘ in 51 dieses Blattes selbst mit angegriffene Redaction der ‚Gartenlaube‘ meine weitere Vertheidigung gegen die auf mich gehäuften Anschuldigungen auf Grund derselben übermittelten Dokumente, Actenstücke und Briefe in die Hand nehmen.

      Mergentheim, den 16. November 1873.

Freifrau von Estorff.“

Was den Angriff auf die Gartenlaube betrifft, so nennt in seiner „Erwiderung“ Herr von Estorff unsere Anfrage nach dem Kinde „ein fälschliches Inserat“, und es liegt uns nun schon deshalb die Pflicht ob, der Oeffentlichkeit gegenüber den Beweis zu liefern, daß unsere Angaben „nicht fälschlich“ waren. Wenn wir nun damals, trotz dieser doppelten Veranlassung, nicht sofort mit der zugesagten „Vertheidigung“ und unserer „Rechtfertigung“ hervortraten, so geschah dies wiederum, weil wir von Woche zu Woche auf die Entscheidung des Gerichts hofften, weil wir einen günstigen Ausgang erwarteten und darum glaubten, daß der versöhnende Erfolg auch unsere übrigen Mittheilungen mildern könne.

Leider hatten wir uns in Allem getäuscht. Ihres Vermögens durch Herrn von Estorff völlig beraubt und schon in’s dreizehnte Jahr in äußerster Dürftigkeit lebend, hatte Frau [473] von Estorff nicht die Mittel, um die Ansprüche des ihr vom Gericht gestellten Armen-Anwalts zu befriedigen. Der Proceß zog sich durch die Jahre 1873 und 1874 hin und wurde endlich von den österreichischen Unter- und Obergerichten gegen die Klägerin und gegen das Urtheil der deutschen Gerichte entschieden.

Arm, recht- und trostlos steht die beklagenswerthe Mutter da; das Einzige, was wir ihr noch erwirken konnten, war die Erlaubniß, zur Confirmation ihres Kindes zum ersten Male an dasselbe schreiben, ihm brieflich ihren Segen zurufen zu dürfen und dafür den ersten Brief der Tochter zu empfangen.

Wir können es uns nicht versagen, wenigstens Einiges aus dem letzteren mitzutheilen:

„Laibach, den 30. März 1875.

Meine liebe Mutter! Mit welchem Gefühle schreibe ich diese Worte! Wenn ich andere Kinder bei ihren Eltern sehe, dann bin ich entsetzlich niedergedrückt durch die Entzweiung meiner Eltern, und ich fühle mich recht unglücklich darüber, daß ich nicht beiden angehören kann. Ich war viel bei fremden Leuten und habe früh das höchste Glück entbehren müssen, welches ein Kind auf Erden haben kann. – – Ich möchte so gern Dich kennen lernen, aber ich liebe ebenso meinen Vater und kann ihn nicht verlassen. Ich kann und darf ja auch nicht richten in dem unglücklichen Streite, der das Glück meiner Kindheit ebenso wie Euer Glück zerstört hat. Wie glücklich wäre ich, wenn Ihr Euch beide wieder näher treten und um meinetwillen Euch versöhnen könntet!

– – Jetzt naht meine Confirmation heran, und da drängt mich mein Herz, Dir, meiner Mutter, nahe zu treten und Dir zu sagen, wie Dein unglückliches Schicksal mir Kummer bereitet, und ich will zu dem lieben Gott bitten, er möge Alles zum Guten wenden. Deine Lehren werde ich gewiß erfüllen, und für Deine Segenswünsche sage ich Dir meinen herzlichen Dank. Sie haben mich tief gerührt, und nun kann ich doch auch mit dem Segen einer Mutter vor den Altar treten. Die Confirmation soll am elften April stattfinden, und der Gottesdienst beginnt Vormittags um zehn Uhr. Denke in dieser Stunde an mich, wie ich auch an Dich denken werde.

– – Für die Sachen, die Du für mich aufbewahrt hast, danke ich Dir herzlich, doch wie gerne wollte ich auf Alles verzichten, wenn ich meine lieben Eltern in Frieden sähe! –

Bei diesem Lebensabschnitt denke ich zurück an meine Kindheit, und ich will Dir einiges davon erzählen.

(Agnes war, nach dieser Erzählung, erst in der Schweiz, dann in Wilhelmsdorf, Ruckenstein, Graz und zuletzt in Laibach gewesen und auf Reisen nach Hamburg und Wien mitgenommen worden. Von Laibach schreibt sie:) Hier bin ich jetzt schon über zwei Jahre. In früheren Zeiten wurde meine Ausbildung öfters durch die Verhältnisse unterbrochen, aber in den letzten zwei Jahren habe ich tüchtig gearbeitet. Ich habe hier (bei dem evangelischen Geistlichen) ein ruhiges und friedliches Leben gehabt; wenn nicht der Druck meines Schicksals so schwer auf mir gelastet hätte, wäre ich ganz glücklich gewesen.

– Ich hoffe, daß mein Vater es erlauben wird, wenigstens brieflich mit Dir zu verkehren, auch wenn ich von hier fort sein werde. – Wenn mein Vater mein Schreiben nicht gestatten will, so möge Gott mir helfen, den rechten Weg zu finden. Für mein Gemüth wäre es eine schwere Prüfung.

Ich will das Beste hoffen, und somit schließe ich denn heute, von diesem meinem Schreiben zu sehr aufgeregt, um noch so Manches zu beantworten, was ich gerne schreiben möchte. Sei herzlich umarmt und geküßt von Deiner Dich treu und innig liebenden Tochter Agnes.“

Das ist der erste Brief des Kindes an die Mutter. Man sieht, das fünfzehnjährige Mädchen ist durch ihr Schicksal um einige Jahre reifer im Leben, als ihre harmloseren Altersgenossinnen. Ihr geistlicher Erzieher in Laibach schreibt über Agnes: „Die ungünstigen Verhältnisse haben auf ihre Gemüthsentwickelung ohne Zweifel einen schädlichen Einfluß geübt. Eine große Melancholie liegt über ihrem ganzen Wesen und giebt ihrem zarten Körper ein eigenartiges Gepräge. Ihre Gesundheit ist übrigens, wenn auch zart, eine constante, ihre Geistesausbildung, wenn auch im Einzelnen noch manches früher Versäumte nachzuholen bleibt, im Ganzen recht gut. Ihr Benehmen ist wohlerzogen und sehr anständig, ihr Charakter ernst und gut. Ich habe das Mädchen gern im Hause, und ich glaube, auch sie ist zufrieden, so weit sie es unter dem Drucke ihrer Lage sein kann.“

So steht das beklagenswerthe Kind da, von Dankbarkeit, Liebe, und Sehnsucht erfüllt und gequält, zwischen den getrennten feindseligen Eltern.

Und nun sollen wir, um die Mutter vor der Oeffentlichkeit zu vertheidigen, durch Enthüllung eines wahrhaft abscheulichen Familienbildes den Vater des Kindes an den Pranger stellen? – Nein! Es geht nicht! Wir sehen im Geiste das flehende Auge des Kindes, – wir sehen, wie es auch den zürnenden Blick der unglücklichen Mutter sänftigt: es geschieht dem Kinde zu Liebe, seiner Zukunft, der Ehre seines Namens, wenn wir heute und hier nur Andeutungen geben, welche zur öffentlichen Rechtfertigung der Frau von Estorff gegen die Beschuldigungen ihres geschiedenen Gemahls zeugen werden. – Daraus ergiebt sich von selbst, wie leider so vergebens; so unerfüllbar der rührende Wunsch des Kindes ist, daß die Eltern um seinetwillen sich versöhnen möchten.

Nach allen Urtheilen und Zeugnissen, die uns von Männern, die zur Wahrheit amtlich verpflichtet sind, über Herrn von Estorff zugingen, gehört er zu jenen Gestalten moderner Cultur, deren Verstandesbildung auf Kosten des Herzens geschehen ist. Von einnehmendem Aeußern und selbst mit wissenschaftlichen, namentlich archäologischen Kenntnissen ausgerüstet, entbehrt er der edlen Gesinnung; sogar der milde evangelische Geistliche, der letzte Erzieher seiner Tochter, welcher durch den Gang der Verhandlungen gewiß einen klaren Einblick in das fürchterliche Familiendrama gewinnen mußte, äußert sich über Herrn von Estorff in absprechender Weise. – Noch entschiedener, ja in Ausdrücken, die wir nicht mittheilen würden, selbst wenn wir die Berechtigung dazu hätten, urtheilt über ihn der ehemalige Irrenhausdirector von Werneck. Die Glaubwürdigkeit eines Mannes kann nicht in stärkere Zweifel gezogen werden. Aehnliches spricht ein amtliches Schriftstück aus, ein „Aerztliches Gutachten der Heil- und Pflegeanstalt Werneck“, dasselbe, welches auch Herr von Estorff, aber nur so weit es ihm taugte, citirt hat. Dort heißt es: „Einigermaßen erschwert wird der Entwurf einer Krankheitsskizze der Frau von Estorff durch die Unsicherheit, welche in alle Angaben des Herrn von Estorff dadurch hereinkommt, daß er Aussagen seiner Frau für wahnsinnige ausgab, die doch auf allem Anscheine nach bewiesene Thatsachen (Untreue des Mannes) sich bezogen. Hierdurch wird es unstatthaft, die von dem Manne beigebrachte Anamnese ohne Weiteres als eine richtige anzuerkennen, insbesondere bei einem Gutachten auf die von ihm herrührenden Angaben sich zu stützen etc.“

Daß Herr von Estorff, nachdem er sich in den Besitz des Vermögens seiner Gattin gesetzt, sie mit ihrer Familie entzweit und dadurch völlig schutzlos gemacht und die geheime Liaison mit Fräulein von Bünau angesponnen hatte, nur noch darauf ausgegangen sei, sich auf die sicherste Weise von seiner Gattin zu befreien, daß er deshalb ihre Reizbarkeit benutzt habe, um durch geistige und körperliche Mißhandlungen sie in einen Zustand zu versetzen, der ihm das augenscheinliche Recht gäbe, sie für immer der Freiheit, und zwar in einem Irrenhause, zu berauben, – das ist die Annahme der Frau von Estorff, die wir natürlich nicht vertreten können und deren Begründung eben das erfordern würde, was wir vermeiden wollen: die vollständige Enthüllung des Familienbildes. – Bleiben wir beim Actenmäßigen, so spricht das „Aerztliche Gutachten“ namentlich von der „besonderen Form der Seelenstörung, die, ohne eigentliche Verwirrung der Gedanken einhergehend und auf den ersten Anschein nur das Gemüthswesen alterirend, sowohl in Folge der schonenden und rücksichtsvollen Behandlung in der hiesigen Anstalt, in der alle Reizungen möglichst fern gehalten wurden, als auch des Bestrebens der Frau von Estorff, uns Allen gegenüber als gesund zu erscheinen, in entschieden gemilderter Weise zur Beobachtung kam.“ – Daraus läßt sich wenigstens schließen, wie furchtbar jene „Gemüthsalteration“ gewesen sein muß, daß sie die Form der „iracundia morbosa“ (krankhafte Zornmüthigkeit) annehmen, ja daß der Anstaltsdirector sogar deren Heilbarkeit bezweifeln konnte. Später schrieb uns derselbe, daß jetzt, nachdem Frau von Estorff in ihrer Vereinsamung die [474] bittersten Entbehrungen und Seelenleiden mit solcher Standhaftigkeit ertragen, er jedenfalls anders urtheilen würde. Uebrigens sagte er in seinem „Gutachten“ ausdrücklich: „Als eigentlich ‚wahnsinnig‘ ist Frau von Estorff hier in Werneck nie angesehen und behandelt worden.“ – Actenmäßig ist’s ferner, daß Herr von Estorff in die von den Aerzten angeordnete Entlassung seiner Gattin aus Werneck durchaus nicht einwilligen, sondern sie sofort in eine andere Anstalt bringen wollte, und daß nur das entschiedene Entgegentreten des Wernecker Anstaltsdirectors dies verhinderte.

Mögen diese Mittheilungen genügen, um für Mutter und Kind um die öffentliche Theilnahme zu werben und namentlich Frau von Estorff von den Verdächtigungen zu reinigen, welche sie zu moralischem Tode verurtheilen sollten. Die von einem harten Schicksale so lange verfolgte Frau bedarf des öffentlichen Vertrauens, damit die Bitten, die wir nun für sie – und das Kind aussprechen wollen, thatkräftige Berücksichtigung finden.

Da Frau von Estorff in Folge der österreichischen Gerichtsurtheilssprüche nicht nur ihr Kind, sondern auch das ihr von Herrn von Estorff entrissene und widerrechtlich vorenthaltene Vermögen verloren hat, so tritt nunmehr die Nothwendigkeit an sie heran, aus der Einsamkeit in die Gesellschaft zurückzukehren, um ihre Kenntnisse und Fertigkeiten für sich und die unsichere Zukunft ihres Kindes zu verwerthen. Die passendste Stellung würde für sie die einer Gesellschafterin sein, da sie in derselben durch ihre von Jugend auf in höheren Kreisen (auch am königlichen Hof in Stuttgart) gewonnenen Umgangsformen und ihre Gewandtheit in der französischen Sprache sich ohne Zweifel am nützlichsten machen würde. Die Redaction der „Gartenlaube“ vermittelt gern Anträge dieser Art an Freifrau von Estorff, falls man es nicht vorzieht, sich direct an dieselbe nach Mergentheim in Württemberg zu wenden.

Mit einer andern Bitte wenden wir uns für das Kind vorzugsweise an den deutschen Adel. – Wenn wir auch mit dem Herrn Geistlichen in Laibach glauben möchten, daß der jetzt alternde Herr von Estorff seiner heranwachsenden Tochter noch eine gute weitere Ausbildung geben lassen werde, so sagt uns doch der mitgetheilte Brief, wie schwer das arme Kind, trotz der Liebe zum Vater, die Trennung von der Mutter empfindet, wie das Unglück der Mutter ihm am Herzen nagt. Wie lange kann ein so zartes und schon so tieffühlendes Wesen eine solche Marter ertragen? – Und ist denn wirklich so schwer zu helfen? – Wahrlich nicht, wenn heute noch das Wort gilt: Noblesse oblige! – Im deutschen Adel findet sich gewiß eine Familie, welche dem Kinde eine Heimath bietet, und ein ritterlicher Mann, welcher persönlich die Verhandlungen mit den Eltern in die Hand nimmt. Eine Versöhnung der Eltern ist unmöglich; aber ebenso unmöglich ist die fernere Trennung des Kindes von einem der Eltern: es muß beiden jeden Augenblick zugänglich sein, wenn das Herz die Befriedigung des Wiedersehens verlangt.

Möchte diese Bitte für das Kind die rechten Herzen bald finden! Die Gefahr für dasselbe ist um so größer, als Herr von Estorff sich leicht wieder genöthigt sehen kann, unter fremdem Namen zu leben und dem Kinde jeden Verkehr mit der Mutter abzuschneiden. Schon seit dem letzten April ist Agnes nicht mehr bei dem Herrn Geistlichen in Laibach; ihr Vater nahm sie mit sich nach Oberitalien: Mutter und Kind sind getrennter, als je. Man lasse nicht erst Schmerz und Verzweiflung in dem nun genug gefolterten Herzen dieser Mutter so weit kommen, daß sie selbst das Bild ihres Schicksals, wie es bereits mit erschütternden und empörenden Zügen gezeichnet vorliegt, in die Welt schleudert. Es würde mehr als eine Familie darüber mehr als erröthen müssen und der ganze Stand unter den Schatten desselben fallen. Das muß vermieden werden – und wäre es nur um des Kindes willen, gewiß des unschuldigsten Opfers, das jemals die Schuld der Eltern zu büßen hatte.




Epische Briefe.
Von Wilhelm Jordan.
VIII. Epochen des germanischen Epos. Island und die Edda.

Die drei vorigen Briefe haben Ihnen die Geschichte des Epos bei unseren drei epischen Geschwistervölkern, den Indiern, Persern und Griechen, wie mit einfachen Holzschnittlinien zu zeichnen versucht.

Unser germanisches Epos werden wir eine Art von Dreieinigkeit dieser drei so verschiedenen Schicksale durchleiden und ersiegen sehen, wenn auch nicht in derselben Zeitfolge. Wenn es erlaubt ist, seine Epochen nach ihrer Aehnlichkeit kurzweg zu benennen, dürften wie ihm eine griechische, eine indische, eine persische und zu guterletzt eine gemischt persisch-griechische zuschreiben.

Vom Epos auf der Liederstufe werden wir die Reste bei den Germanen zahlreicher und unvermischter bewahrt finden, als bei jenen Geschwistervölkern. Denn von den Liedern, welche dem Kunstepos vorangegangen waren und ihm zur Grundlage gedient hatten, ist bei den Indiern in der umgefälschten Kunstgestalt für uns jede Spur verwischt. Bei den Griechen sind sie theils eben nur zu spüren als Vorlagen Homer’s, theils nur ihrem Titel und Hauptinhalte nach als einst vorhanden zu erkennen aus den Anführungen der Odyssee, theils allerdings mit ziemlicher Sicherheit, namentlich in der Ilias, zu unterscheiden als nachträglich wieder eingeschaltete ältere Stücke, welche der Dichter von seinem Kunstwerke aus guten Gründen ausgeschlossen hatte. Das persische Epos endlich ist zwar, wie wir gesehen haben, die gesammte Liederchronik selbst, von Firdusi zur Kunstgestalt erhoben, eben deswegen aber von ihm auch so gleichmäßig eingeschmolzen, daß wir von der Abgrenzung und ursprünglichen Form der Lieder keine Vorstellung mehr gewinnen können, obwohl wir überzeugt sein dürfen, in seinem Werke wenigstens den Sageninhalt auch jener Gesänge erhalten zu sehen, welche nach Xenophon’s Zeugniß einen Hauptgegenstand des Unterrichts der altpersischen Jugend bildeten.

In allen drei Fällen hat eben das Kunstepos die Lieder der Vorstufe aufgesogen. Die Ursache ihrer Erhaltung bei den Germanen, in nicht unbeträchtlicher Zahl, wenn auch in mehr oder minder fragmentarischer Gestalt, ist schon daraus ersichtlich. Sie sind bei uns nicht aufgesogen worden, weil unser Epos nicht das Glück hatte, wie das indische und griechische, die Stufe der Kunstgestalt schon zu ersteigen, während der unverminderten Fülle des Liederschatzes noch die lebendige Wechselwirkung zwischen vortragenden Sängern und lauschenden Hörern zu gute kam, weil wir mit dieser Leistung hinter den Indiern um achtundzwanzig, hinter den Griechen um sechsundzwanzig und hinter den Persern um neun Jahrhunderte zurückbleiben sollten. Wir verdanken also den kleinen Vortheil dieses Besitzes einer weit größeren Einbuße: dem Unglücke, daß das germanische Epos durch fremde Gewalt in seinen innersten Lebensnerven gelähmt und wieder zerrissen wurde, als es eben im Begriffe stand, zur Kunstgestalt zu erwachsen.

Daß es wirklich schon einer homerischen Blüthenzeit entgegenknospete, daß seine Lieder schon den Krystallisationskern zur künstlerischen Einheit in einer nationalen Hauptsage und der Gestalt ihres Haupthelden gewonnen hatten, ja, daß es sich bereits einen Poeten von vollendeter Sprachkunst und homerischem Genie erzogen hatte, und zwar einen deutschen: davon hoffe ich Sie überzeugen zu können. Dies ist die Epoche, welche ich als die griechische unseres Epos bezeichne.

Ihr folgt die indische. Denselben geistigen Giftmord, den die indische Priesterkaste mit ihrer lebensfeindlichen Bußeromantik am eigenen Volke wirklich vollbracht hatte; unternahm eine fremdländische Hierarchie auch an den Germanen zu verüben. Mit schlauer Berechnung, gewissenloser Verruchtheit in der Wahl ihrer Mittel, unermüdlicher Ausdauer und unbeirrter Consequenz, ist sie dem Siege wenigstens über den deutschen Stamm der Germanen und dieser Stamm dem nationalen Tode sehr nahe gekommen. Auch würde sie wahrscheinlich triumphirt haben, wenn ihr die ernstlich erstrebte Verdrängung auch unserer Sprache durch ein lateinisches Idiom gelungen wäre. Aber an der unverwüstlichen

[475] Zähigkeit des Widerstandes dieser Sprache und an ihrer Verjüngung durch Luther ist jener schnöde Plan zu Schanden geworden. Doch auch der Mithülfe nordischer Germanen schulden wir Dank dafür. Von ihnen kam uns im dreißigjährigen Kriege die Rettung aus der äußersten Noth und von ihnen ist uns ein Hauptstück des heiligen Erbschatzes erhalten worden, den unsere Erbfeindin in Deutschland bis auf dürftige Ueberbleibsel vertilgt hatte, und ohne diese Rettung unseres Zendavesta würden unsere großen Dioskuren Wilhelm und Jakob Grimm und ihr Jünger Uhland unser Bewußtsein von der Größe und Hoheit der germanischen Vergangenheit nimmer so siegreich haben herstellen können, als es geschehen ist. In wie weit Rom die eifrigst geplante Ausrottung und Umfälschung auch der germanischen Helden- und Göttersage durchzusetzen vermocht hat, das werden wir sehen am Epos unseres Mittelalters.

In der Zeit nicht abgrenzbar von dieser indischen und theilweise schon zugleich mit ihr verläuft die Epoche, welche ich nach der Analogie der Erlebnisse als die persische unseres Epos bezeichne. Denn im Untergange sowohl, als in der Wiedergeburt haben die Schicksale des persischen und die des germanischen Epos die auffälligste Aehnlichkeit. Wie das persische zuerst durch die griechische Eroberung unter Alexander, dann durch die Araber und den Islam, so ist das germanische zuerst durch die römische Cultur und Hierarchie unter verrätherischer Hülfe des fränkischen Sachsenschlächters Karl, des sogenannten Großen, verfolgt, seiner gebildeten Gönner und Pfleger beraubt und dadurch zum Bänkelsang heruntergewürdigt, dann aber ebenfalls durch einen Ausfluß des Islam im Innersten verwandelt und verfälscht worden. Denn wir werden sehen, wie der Islam, wenn er auch die germanischen Völker nicht mit dem Schwerte zu besiegen vermochte, sie gleichwohl mit einer von ihm geweckten neuen Empfindungsweise und Lebensauffassung, der sogenannten Romantik, angesteckt und geistig unterjocht hat.

Wie ferner die zweite Erneuerung des persischen Reiches mit der Erneuerung des persischen Epos durch Firdusi gleichzeitig und gegenseitig fördernd eingetreten ist, so ward auch die Wiedergeburt unseres Epos, wenn auch der Zeit nach ein wenig voraufschreitend, erst möglich, als dem Scharfblickenden die baldige Auferstehung des deutschen Reiches unzweifelhaft geworden war und der Epiker selbst die zwei Jahrzehnte vor ihrem Eintritte mit aller Bestimmtheit vorhersagen konnte.

Wie endlich Firdusi’s Dichtung zwar durchweg beruht auf der Weltanschauung und den sittlichen Ideen der edeln Parsenreligion Zoroaster’s, darum aber die Religion Muhamed’s keineswegs verwirft noch es versäumt, die Darstellung auch zu durchleuchten mit dem Zuwachse an reineren Vorstellungen vom Göttlichen und Edelmenschlichen, den unbestreitbar auch der Islam gefruchtet hatte: gerade so durfte und mußte auch die Erneuerung unserer großen Nationalsage von den Wölfungen und Nibelungen einerseits zwar die der persischen verwandte, nicht minder tiefsinnige und zuchtgewaltige alte Naturreligion der Germanen erheben zur symbolischen Trägerin der neuen, jetzt in unserem Volke lebendigen Religion; denn mit ihrem Glauben an eine göttliche Bestimmung des Menschen und mit ihren sittlichen Forderungen ist diese neue ganz und gar wieder die alte, mit dem einzigen Unterschiede, daß sie ausgeht von erkannten Naturgesetzen wo sich die alte noch mit phantastisch und bildlich ausgedrückten, aber vielfach doch schon richtigen Ahnungen dieser Gesetze begnügen mußte. Andererseits aber durfte dabei das erneuerte Epos ebenso wenig, als das des Firdusi, den Erziehungsgewinn wegwerfen oder auch nur verleugnend bemänteln, den auch wir inzwischen einer Religion von semitischer Herkunft schuldig geworden waren.

Diese letzte Epoche, von welcher ich zum Schlusse meiner Darstellung insoweit handeln werde, als es sich bei meiner Betheiligung an ihr für mich geziemt, bezeichne ich als die persisch-griechische, weil ihre Leistung, spät und unter ähnlichen Bedingungen wie die des Firdusi zu Stande gekommen, doch nicht sein Werk zum Vorbilde nehmen durfte. Denn sie war erst möglich geworden durch die von der Arbeit mehrerer Generationen vorbereitete Wiederentdeckung des homerischen Kunstgesetzes, und sie durfte nach unserer Wiedererziehung durch die griechische Literatur und den deutschen Hellenen Goethe, auch keinem anderen Muster nachstreben, als eben dem homerischen.

Das sind die Hauptstationen unserer nun zu unternehmenden Wanderung durch das Gebiet des germanischen Epos. Treten wir sie an mit der Betrachtung seiner ältesten Reste aus der Zeit unseres Heidenthums.

Tacitus sagt von unsern Vorfahren: „In uralten Liedern, welche zugleich allein ihre Ueberlieferungen und Jahrbücher bilden, feiern sie den Gott Thuisko, den Erdentsprossenen, und dessen Sohn Mannus als Stammväter und Stifter der Nation.“ Damit ist eine in Gesängen mündlich überlieferte Sagengeschichte mit mythischem Anfange deutlich bezeugt. Daß diese Gesänge mit ihrem Inhalte hinreichten bis in die Nähe der Lebenszeit des römischen Geschichtsschreibers, das beweist die fernere Angabe, daß die Germanen damals noch von Arminius gesungen.

Auch die angelsächsischen Geschlechtstafeln, mit Odin anhebend und fortgesetzt bis zu den geschichtlich bekannten Königen, beweisen das einstige Vorhandensein einer solchen Liederchronik. Bei den Franken waren noch im neunten Jahrhundert die vulgaria carmina, Volkslieder, bekannt, welche die Vorfahren Karl’s des Großen verherrlichten. Karl selbst ließ diese carmina poëtica gentilia, das ist heidnische „Liederdichtungen“, sammeln. Vielleicht gehörte zu denselben das Lied von Hildebrant und Hadubrant, von dem uns ein Bruchstück erhalten ist. Daß ein großer Theil der Eddalieder Nachbildungen, ja zum Theil wohl Uebersetzungen aus dieser Sammlung einschließt, ist kaum noch zu bezweifeln. Noch der Sohn Karl’s, Ludwig der Fromme, hatte diese Lieder in seiner Jugend auswendig gelernt. Als er aber im Alter unter dem Einflusse der Geistlichen stand, mochte er sie weder lesen noch hören. Die gothische Geschichte des Jordanes (in Folge des Schreibfehlers in einer Handschrift ist er mehr bekannt unter dem Namen Jornandes) ist großentheils nur Auszug aus dem mündlich überlieferten gothischen Epos. Ebenso ist die dänische Geschichte des Saxo Grammaticus zum Theil eingestandene Uebersetzung einer poetischen Mythologie und Sagengeschichte und beweist also, daß eine solche noch um das Jahr 1150 vorhanden gewesen ist.

Die christliche Kirche vermochte die angestammte Religion nicht zu besiegen, ohne zuvor das Epos aus dem Wege geräumt zu haben. Die Gedächtnißinhaber der mythischen und historischen Gesänge verdankten den Einfluß und die Ehre ihres Standes wesentlich auch dem gleichzeitigen Besitze der alten Opferhymnen, Gebete, Heil- und Zaubersprüche. Diese wurden von den Bischöfen und Geistlichen auf’s Strengste verpönt. Bald wurde die Verfolgung auf den ganzen Sängerstand ausgedehnt. Man trachtete den gesammten Erbschatz als die Wurzel des Heidenthums auszurotten. Ja, man ging, wie schon oben bemerkt, eine Zeitlang ernstlich damit um, dem Volke die lateinische Sprache aufzudrängen; denn man erkannte mit großen Scharfblicke, daß die germanischen Sprachen der neuen Religion ein fast unüberwindliches Hinderniß in den Weg legten, weil sie bis in ihr feinstes Gefäser von heidnischen Vorstellungen durchdrungen waren, wie das namentlich unsere deutsche Sprache bis auf den heutigen Tag fast unvermindert geblieben ist. Hierin aber mußte die Kirche nachgeben. Ja, sie sah sich genöthigt, einen großen Theil des Heidenthums selbst in kirchlicher Vermummung zu erhalten, um dadurch über die Gemüther einige Macht zu gewinnen. Ihre Feste zur Sitte durchzusetzen fand sie kein anderes Mittel als die Wahl der altheidnischen Festtage und die Uebertragung der Götter- und Heldensagen auf ihre Heiligen. So ist z. B. die Legende vom heiligen Georg, dem Erleger des Lintwurms, die verchristlichte Sigfridsage, und wer im Gesetze dieser Verwandlung den Schlüssel besitzt, dem thun sich viele der katholischen Heiligengeschichten auf als reiche Fundkammern für unsere Sage und Mythologie.

Zwar kein Verbot, keine Drohung vermochte die alten Gesänge ganz zu beseitigen, wie denn ihr Inhalt noch heutigen Tages in unseren Märchen fortlebt. Aber ihre Inhaber geriethen in Mißachtung. Von den Fürstenhöfen und aus den Kreisen des Adels verdrängt zu den niederen Ständen, mußte die alte epische Kunst selbst desto mehr herunterkommen, je niedriger die Bildungsstufe der Hörer war, bei denen sie noch Zutritt zu hoffen hatte. Der edle Styl des alten Heldengesanges artete aus in den rohen Ton der Bänkelsängerei. Vieles wurde vergessen, vieles entstellt durch trübe Beimischung, durch den Wunsch, die Gruselsucht der Menge mit den tollsten Unmöglichkeiten und haarsträubenden Schauergeschichten zu befriedigen. Die heidnischen [476] Motive der alten Lieder wurden unverständlich. Man ließ fort, was nur ihnen gedient hatte, und was übrig blieb, waren die zerschnittenen Glieder eines Leibes, welchem die Seele entflohen.

Dennoch sind uns Theile des altgermanischen Epos in verhältnißmäßig unversehrter Form erhalten geblieben. Die Rettung der bedeutsamsten Stücke verdanken wir einer wundersamen Fügung, welche dem Geiste des germanischen Heidentums, als es der siegreichen Kirche bereits sterbend zu Füßen lag, eine Stätte der Zuflucht eröffnete, wo er seine letzten Lebenstage verwenden durfte, in stiller Sammlung seine Denkwürdigkeiten zu schreiben und uns einen Rest seines reichen Schatzes aufzubewahren als ein heiliges Vermächtniß für die Zeit unserer Auferstehung.

Im skandinavischen Norden hatte sich der altgermanische Volkszustand, eine Art ziemlich loser und nicht selten durch innere Kriege der Clanschaften zerrissener Föderation aristokratischer Republiken mit erblichen Stammkönigen, aber entscheidend über diesem stehenden Allthing der freien Männer, und mit dieser Verfassung auch die alte Religion, am längsten erhalten. Die Poesie stand in üppiger und verbreiteter Blüthe, und manches aus jener Zeit gerettete Skaldenlied von bewunderungswürdiger Kunstvollendung zeigt uns das vielgeschmähte „Heidenthum“ mit seiner grandiosen und tiefsinnigen Weltanschauung so fein vergeistigt und auf so hoher Bildungsstufe angelangt, daß dagegen diejenige des Mittelalters als finstere Barbarei erscheint. Aber auch dort wurde dem Christenthum gewaltsam der Boden bereitet, indem sich die zelotischen Missionäre und Geistlichen zur Unterjochung des Volkes verbanden mit den mächtigsten, nach Alleinherrschaft lüsternen Stammkönigen. Als nun ziemlich gleichzeitig, im letzten Drittel des neunten Jahrhunderts, in Dänemark Gorm der Alte, in Schweden Eirik Eymundarson, in Norwegen Harald Harfagr (das ist Schönhaar) die altgermanische Stammverfassung brachen und die Monarchie mit ausgebildetem Lehnswesen begründeten, wie es Karl der Große in Deutschland und Frankreich gethan hatte, da mochten sich, nachdem diese Könige nach langen Kämpfen ihre Staatsstreiche mit Hülfe der Kirche siegreich durchgesetzt hatten, die edelsten Geschlechter des Landes weder dem Scepter der Gewaltherren noch dem Krummstabe der Bischöfe beugen. Sie wanderten aus und fanden eine Freistatt für ihre alte Verfassung, ihren alten Glauben am nördlichen Polarkreise, auf der Insel Island, der ultima Thule der Alten.

Im Norden und Osten umdrängt von den Eismassen des Polarmeeres, wird diese Insel einigermaßen bewohnbar nur durch den letzten Rest von Wärme, den ein Arm des Golfstroms aus dem Heizkessel für Europa, dem mexicanischen Meerbusen, emporführt bis zu ihren westlichen und südlichen Küsten. Gebirgsmassen, hoch emporragend aus Nebel und Wolken, bedeckt mit ewigem Schnee und Gletschern, schimmern dem Seefahrer schon aus der Ferne entgegen. Erloschene Vulcane erheben sich wie Riesen der Vorwelt in Eispanzern, die jedem Sonnenstrahle widerstehen. Erstarrte Lavaströme thürmen ihre Schollen über einander in phantastischen Gestalten und unabsehbarer Ausdehnung. Weithin vernehmlich donnert noch jetzt der Hekla und sprüht hochaufwirbelnde Aschenwolken und die unerloschene Gluth des Erdinnern hinaus in eine Wüste von Schnee und Eis. Mächtige Kochbrunnen, Geisir genannt, schießen gigantische Schaumgarben siedend heißen Wassers in die Luft. Bis zu zehn Fuß dick erhebt sich der flüssige Stamm jetzt zu Thurmeshöhe, gekrönt mit einem Wipfel von ungeheuern Dampfwolken. Im nächsten Augenblick, auf einen dumpfen Schlag in der Tiefe, stürzt die Schaumsäule zusammen in sich selbst und ist wie auf ein Zauberwort verschwunden, wie eine wundersame Traumgestalt beim ersten Strahle des Morgens.

Wenn das Treibeis von Spitzbergen, wie es zuweilen geschieht, die nördliche Küste bis in den Juli, ja, bis in den August umlagert hält, dann hat die Insel, oder wenigstens ihr nördlicher Theil, gar keinen Sommer und nach kurzer Unterbrechung des Frostes durch stürmisches Thauwetter und Regen geht ein Winter über in den andern. Sonst folgt dem langen Winter ein kurzer Sommer, der aber auch kaum etwas anderes ist als ein süddeutscher März oder norddeutscher April; denn fortwährend wechselt der Sonnenschein mit Regen- und selbst Schneeschauern. Dazwischen toben Stürme von verheerender Gewalt, die den Reiter vom Pferde werfen, die Oberfläche des Meeres in eine Staubwolke zerpeitschen und sie als einen Sprühregen von Salzwasser emportreiben bis auf zweitausend Fuß hohe Berge.

Auf der Höhe des Jahres steht eine dunkelroth glühende Sonne selbst um Mitternacht am nördlichen Horizont. Aber nur in günstigen Jahren besitzt dieser lange Tag die Kraft, ein kümmerliches Gerstenfeld so weit zu reifen, daß man die Körner mahlbar machen kann, indem man die geschnittenen Aehrenbündel auf südwärts gerichteten Trockengestellen an der Mittagssonne nachdörrt. Ende Septembers beginnt wieder der Winter mit undurchdringlichem Schneegestöber, um für sieben bis acht Monate die ganze Insel von den Gebirgen bis zum Strande so hoch zuzudecken daß nur hin und wieder eine schwarze Lavaklippe, überzogen mit grauem Moose, nirgend aber ein Strauch, ein Halm daraus hervorragt und daß die Menschen oft ungehindert wegschreiten hoch über den Dächern ihrer eingeschneiten Häuser. Nur noch das Ren findet dann seinen Weg durch die Winterwüste und weiß sich das karge Moos zu seiner Nahrung aus dem Schnee hervorzuscharren. Während der kurzen Mittagsdämmerung, die dann den Tag bedeutet, umschwärmen Schaaren von Seevögeln die eisklirrende Küste, laut schreiend und gegen den Sturm ankämpfend. Alles andere Leben schweigt. In der Nacht aber beginnt am sternenhellen Firmament das Nordlicht seinen zauberhaften Flammentanz. In wechselnden Farben zucken seine Strahlen zitternd auf und nieder vom braunen Grundbogen im Horizont bis zum Zenith und zeigen die starren Eisgefilde in geisterhaft unbestimmter Beleuchtung.

Dürftig, doch erhaben, mahnte diese Natur mit ihren gewaltigen Contrasten, mit ihrem Urfeuer und ihrem Eise, an die Geheimnisse der Schöpfung, an den Ursprung und das Ende der Dinge. Düster und grau sind ihre Farben; schroff kolossal, scharf beprägt mit dem Siegel der Zerstörung ihre Formen; nebelhaft und sturmzerrissen der stimmunggebende Himmel. Kein Fleck der Erde konnte im Menschengemüth eine mehr zutreffende Tonart anschlagen für die Geschichte verbannter Götter, für die Erinnerung an ihre vergangene Herrlichkeit, nachdem ihr Oberherr, vergleichbar den Titanen unseres Zeitalters, hier sein Sanct Helena gefunden hatte. Hier zerstreute die Phantasie kein Sinnenreiz; die öde Gegenwart ließ sie mit verdoppeltem Heimweh immer nur rückwärts blicken. Zu achtmonatlicher Wintermuße in verschneiter Hütte an die Lampe gebannt, wuchsen ihr bis in’s Riesige die Schwingen der Erinnerung zum Rückflug über Jahrtausende und von dieser letzten Rast im froststarrenden Eismeer bis zur sonnenglühenden Urheimath der Asen an den Abhängen des Himalaya und unter den Palmen an den Ufern der heiligen Ganga.

So ward Island ein Patmos des germanischen Heidenthums. Die Apokalypse seiner Vergangenheit hat es dort aufgezeichnet in den Büchern der Edda.

Ich habe versucht, die ernste Gedankentiefe, die düstere Erhabenheit der Poesie der Edda zunächst mittelbar anzudeuten durch ein landschaftliches Stimmungsbild des Bodens, auf den sie verpflanzt worden war aus Deutschland und Skandinavien, um sich hier noch einmal zu entfalten zur träumerischen Wunderpracht einer Nacht- und Nordlichtsblume des menschlichen Geistes. In den folgenden Briefen will ich Sie bekannt machen mit ihrem Hauptinhalt und denjenigen ihrer Gesänge, welche theils den Entstehungsgang des germanischen Epos offenbaren, theils selbst schon zum Nibelungen-Epos auf der Liederstufe gehören.



Die weißen Flecken unserer Landkarten.


Wir leben in einer Epoche, wo der Wunsch, die Oberfläche unseres Planeten, der Heimath und des Gefängnisses für Alles, was da lebt und webt, kreucht und fleucht, vollständig kennen zu lernen und so die „weißen Flecken“ unserer geographischen unserer Karten mehr und mehr zu tilgen, mit jedem Tage dringender wird. –

Regierungen, Gesellschaften, Privatpersonen wetteifern unter einander, Expeditionen nach den entferntesten Gegenden auszurüsten,

[477]
Die Gartenlaube (1875) b 477.jpg

Vorbereitungen zu astronomischen Beobachtungen in Brasilien.
Originalzeichnung von F. Keller-Leuzinger.

[478] nicht wie in früheren Jahrhunderten in der Hoffnung, durch die Entdeckung fabelhafter Schätze an Gold und edlem Gesteine einen tausendfachen Gewinn zu erzielen, sondern um höheren, idealen Zwecken zu dienen.

Kein Land ist zu fern oder zu schwierig zu erreichen: zahlreiche, muthige Forscher durchziehen das Innere Afrikas, wo schon so mancher brave Kämpe ohne Sang und Klang, fern von der Heimath, eingebettet wurde; das altehrwürdige Indien, das neu-, beinahe allzu schnell erschlossene Japan, das blumige Reich der Mitte (wie sehr es sich auch sträuben mag), selbst Australiens wasserarme Einöden werden durchzogen; ja, bis in die Eisregionen der Polarmeere, die noch nie der Kiel eines Fahrzeugs durchfurcht, treibt der Wissensdurst kühne Männer, und wäre es auch nur, um selbst für jene unwirthlichen Breiten die Bestätigung derselben ewig wahren Naturgesetze verzeichnen zu können, deren stufenweise Entdeckung – das Werk von Jahrtausenden – den Stolz unseres Geschlechts bildet. Im Gefolge russischer Heere, die dem schändlichen Treiben asiatischer Despotenzwerge ein rasches Ende bereiten, dringen die Sendboten der Wissenschaft in jene bis vor Kurzem nur mit höchster Gefahr zu erreichenden mittelasiatischen Binnenländer, als Vorläufer einer rückwärtsgehenden Culturwelle, die jenen östlichen Reichen für’s Erste wenigstens wieder die Segnungen geregelter Zustände bringen soll; kurz, nach Ost und West, zu Wasser und zu Lande ist ein kräftiges Vordringen, eine vermehrte Thätigkeit gerade auf diesen Gebieten menschlichen Wissens bemerkbar.

Nur ein Land, in dem mit verhältnißmäßiger Leichtigkeit manch interessantes Problem noch zu lösen wäre, wo die letzten Reste einer aussterbenden Urbevölkerung für den Ethnographen, eine überaus reich ausgestattete Tropenvegetation für den Botaniker ein dankbares Feld der Thätigkeit bieten – ich meine das tropische Südamerika und speciell Brasilien – ist seit Humboldt’s und Martius’ Zeiten, wenn auch nicht gerade verwaist (denn eine lange Reihe bis in die Neuzeit reichender verdienstvoller Namen wie Pöppig, Natterer, St. Hilaire, Prinz von Neuwied, D’Orbigny, Schomburgk, Prinz Adalbert von Preußen, Burmeister, Wallace, Bates und Agassiz würde uns Lügen strafen), so doch bezüglich der Theilnahme des größeren Publicums allzu sehr in den Hintergrund getreten.

Seien wir offen und nennen wir das Kind beim richtigen Namen: es herrscht, so sonderbar es klingen mag, auch in solchen Dingen einigermaßen die Mode, und heutzutage ist Afrika und der Pol an der Tagesordnung, und zwar, besonders was den letzteren anbelangt, in einer Weise, wobei die aufgewandten Mittel, geistige wie materielle, mit den zu erhoffenden Resultaten einigermaßen außer Verhältniß zu stehen scheinen. Die Schätze, welche die unermeßlichen Wälder an den Ufern jener Riesenströme des Amazonas, Orinoco und Parana heute noch bergen, und wodurch unserer Industrie ganz neue Materialien an prächtigen Hölzern, textilen Fasern, Farbstoffen, Harzen, Oelen, unserer Heilkunde neue Arzneimittel an die Hand gegeben werden könnten, die Aufschlüsse, welche den Naturwissenschaften aus einem eingehenderen Studium wenig bekannter Thierformen erwachsen würden, dürften ihre Parallele allerdings in dem noch unerschlossenen Innerafrika, keineswegs aber an Spitzbergens oder Grönlands eisigen Gestaden haben.

Agassiz, der bei aller seiner Befangenheit in veralteten Ansichten ein bedeutender Fachmann war, entdeckte während einer verhältnißmäßig kurzen Explorationsreise auf dem Amazonas mehrere hundert den Ichthyologen bis dahin vollständig unbekannte Fischarten, und hatte außerdem Gelegenheit, viele für die Entwickelungsgeschichte der organischen Welt, speciell für das Studium der Embryologie, höchst wichtige Beobachtungen zu sammeln, die, beiläufig bemerkt, dadurch, daß sie von einem Gegner Darwin’s aufgezeichnet wurden, wohl nicht an Bedeutung verlieren.

Aber, wie schon bemerkt, auch im Interesse der Völkerkunde, jener heutzutage so hochwichtigen Wissenschaft, lohnte es sich, die erlöschende Race der rothhäutigen Ureinwohner, die, an die verschiedenen Punkte des weiten Reiches vertheilt, im Ganzen noch etwa eine halbe Million betragen mögen, gerade jetzt noch in der zwölften Stunde aufmerksam zu beobachten und durch Schrift und Bild für die kommenden Geschlechter zu erhalten.

Bald, in drei, höchstens vier Menschenaltern werden ja auch diese schwachen Reste noch in einer Weise zusammengeschmolzen, physisch und moralisch heruntergekommen sein, daß sie keineswegs mehr die nöthige Spannkraft zur Aufrechthaltung irgend welcher nationaler Eigenthümlichkeiten besitzen und aus diesem Grunde weder weitere Aufschlüsse über das Räthsel ihrer Herkunft, noch überhaupt einen interessanten oder würdigen Gegenstand ethnographischen Studiums werden abgeben können.

Der Laie staunt, wenn er erfährt, daß wir trotz der nach Darwin’schen Grundsätzen unabweisbaren Nothwendigkeit einer Annahme asiatischer Einwanderung, trotz Zuhülfenahme der spärlichen von den Conquistadoren aufgezeichneten Sagen und Ueberlieferungen der Rothhäute in Mexico und Peru, trotz der Arbeiten geübter Forscher auf sprachlichem Gebiete, über die Besiedelung des amerikanischen Continents, über die früheren Züge und Wanderungen seiner Bewohner, die kurze Zeit unmittelbar vor der Conquista ausgenommen, so viel wie Nichts wissen.

Allerdings fallen dem Beobachter unter den Indianern Südamerikas zwei scharf unterschiedene Typen auf, der eine mehr dem mongolischen, der andere mehr dem Adlerprofile der Rothhäute Nordamerikas sich nähernd, auch lassen sich parallel zu diesen Racenmerkmalen tiefgehende Unterschiede in Sprache, Sitte und Lebensweise verzeichnen, aber viel weiter sind wir bis jetzt nicht gekommen, und noch sind die vorhistorischen Zustände der amerikanischen Urvölker ein Buch mit sieben Siegeln, wenngleich die Periode, um die es sich zunächst handelt, keineswegs mit den sagenhaften Zeiten der Aegypter und Assyrer zusammenfällt, sondern, wie schon bemerkt, in verhältnißmäßig ganz neuer Epoche, im fünfzehnten Jahrhundert nach Christus, beginnt.

Lassen wir jedoch den Fachgelehrten die Lösung einer so schwierigen Aufgabe, in einem solchen Chaos den richtigen Faden zu finden; uns interessiren hier vor Allem die geographischen Räthsel, das heißt jene ungeheueren Landstrecken zwischen den Zuflüssen des Amazonas, bis hinauf zu den Quellgebieten des Paraguay und Paraná, und an den Ufern des Letzteren herunter bis dahin, wo er die Region der Wälder verläßt, um in die der grasigen Steppen des Südens einzutreten. Selten nur dringt eine wissenschaftliche Expedition, sei es zur Bestimmung der Grenze mit dem Nachbarlande, sei es zur Vermessung einer Eisenbahnlinie oder zur Wegräumung von Schifffahrtshindernissen, in jene entlegenen Thäler vor, und noch hätten eigentlich unsere Kartenzeichner an vielen Orten dort nichts Anderes zu verzeichnen als ein paar dürftige, vor langen Jahren durch die Portugiesen ausgeführte Längen- und Breitenbestimmungen.

Und wirklich, einige oft ganz aus der Luft gegriffene Namen nie dagewesener Ortschaften ausgenommen, die wir, sowie ein in raupenartigen Ausläufern sich weit in die Ebene erstreckendes hypothetisches Gebirge, mehr als eine Art von sinnbildlichem Schmucke, denn als eine genaue Darstellung der Wirklichkeit zu nehmen haben, finden sich auf unseren Karten gewöhnlichen Schlages oft Länderstrecken, halb so groß wie Deutschland, mit der Aufschrift: „gänzlich unbekannt“, „wilde Indianerstämme“, oder Derartigem bezeichnet.

Die brasilianische Regierung, die Dank ihrer constitutionell-monarchischen Form einer größeren Ruhe genießt, als die von endlosen Revolutionen heimgesuchten Nachbarrepubliken spanischen Ursprungs, und für derartige Zwecke um so eher geneigt ist größere Summen zu verwenden, als der Kaiser Dom Pedro der Zweite, ein außerordentlich vielseitig gebildeter Fürst, gerade an solchen Fragen ein besonderes Interesse nimmt, hat zwar in den letzten Jahrzehnten zahlreiche wohlausgerüstete Expeditionen nach den verschiedensten Punkten des großen Reiches gesandt, und Manches ist auch durch die zu rein praktischen Zwecken unternommenen Eisenbahnvermessungen klar geworden, aber noch bleibt Vieles zu thun, und es wäre sehr wünschenswerth, daß sich eine unserer geographischen Gesellschaften entschlösse, einige ihrer Mitglieder hinüberzusenden, um so mehr, als mit Sicherheit auf eine kräftige Unterstützung von Seiten der brasilianischen Regierung durch Ueberlassen von Transportmitteln, Mannschaften etc. gerechnet werden könnte.

Nichts ist übrigens herrlicher, als eine Fahrt auf jenen breiten Strömen an den bis in die Fluth hineinragenden, mit üppigen Schmarotzerpflanzen dicht bedeckten, lianenverschlungenen Riesenbäumen des tropischen Urwaldes vorüber. Hier ist es, wo die Natur, unberührt von der Hand des Menschen, ihren vollen Zauber zu entfalten im Stande ist; hier ist es, wo sich [479] eine neue, wunderbare Welt von kaum geahntem Formenreichthum vor unseren Blicken enthüllt.

Schöner und angenehmer kann es der Forscher, wie unsere Illustration ihn darstellt, mit dem Sextanten oder vielmehr dem Reflexionskreise in der Hand und im Begriffe, eine Sonnenhöhe zu messen, wohl nicht treffen. Unter den gewaltigen Wedeln einer Uauassú-Palme (Attalea) wird da der leichte Tisch aufgeschlagen, der die sorgsam gehüteten Chronometer trägt. Weithin schweift der Blick vom hohen Ufer über den breiten Strom und seine palmengekrönten Inseln.[2]

Aber nicht Vielen ist es vergönnt, Theil zu nehmen an derartigen Expeditionen in’s wenig bekannte Innere, und für den Naturfreund wäre daher bei alledem wenig zu hoffen, wenn sich nicht ganz in der Nähe der Küste und hart bei großen, volkreichen Städten ein Theil wenigstens jener Schönheiten noch fände, die jene fremde Welt uns so reizvoll erscheinen lassen, und den Besuch solcher Punkte, zu denen gerade Rio de Janeiro und seine Umgebung gehört, glaube ich, selbst auf die Gefahr hin, der Reclame für die Gesellschaftsreisen des Herrn Burmeister beschuldigt zu werden, unserem reiselustigen Publicum, und besonders jenem Theile desselben, der den Orient schon gesehen und nach Neuem dürstet, angelegentlichst empfehlen zu müssen.

F. Keller-Leuzinger.




Plaudereien aus Rom.
Von Hermann Oelschläger.
III.
Der Flaneur. – Die Putzliebe der römischen Frauen. – Die römische „Hausehre“. – Am Fenster. – Die Römerin als „Padrona“. – Der Wasserreichthum Roms. – Eine Geschichte aus dem Albanergebirge. – Die Römerin in ihrer Leidenschaft für Wagen und Pferd. – Die Metropole der Schönheit. – Südlicher Himmel und südliche Sonne. – In den Osterien. – Die Lebenslieblichkeit in Rom. – Der Anstand der Frauen. – Ein Ball im Boliteama.

Der Römer der bessere Classe, der den Tag über auf dem schmalen Trottoir des Corso flanirt, dort das Gedränge in der unnützesten Weise vermehrt, nur dann ausweicht, wenn man ihm ebenso rücksichtslos auf den Leib rückt, und die ihm begegnenden Frauen mit anmaßendem und herausforderndem Blicke mustert, ist gefallsüchtig und bis zum Uebermaße eitel; geschniegelt vom Kopfe bis zur Zehe, gleicht er einem Gecken auf’s Haar, und die Fragen der Toilette, die Sorgen um den neuesten Kleiderschnitt, um das wohlriechendste Haaröl, um den elegantesten Stiefel nehmen offenbar den größten Theil seiner ohnehin nicht kostbaren Zeit in Anspruch. Er ist, um es kurz zu sagen, noch immer das, was schon die Alten mit dem verächtlicheb Namen eines bellus homo, eines stutzerhaften Menschen bezeichneten und wovon schon der geistvolle Spötter Martial wiederholt eine so treffliche Schilderung gegeben hat. „Ein Stutzer willst Du sein,“ ruft er einmal einem Freunde zu, „und zugleich ein großer Mann scheinen? Aber wer ein Stutzer ist, ist immer klein.“ Und gerade auf dem Corso, gerade auf dem Monte Pincio empfiehlt es sich heute noch dringend, jener Schilderung eingedenk zu sein, die der römische Dichter vor nun bald zweitausend Jahren von seinen Zeitgenossen gegeben hat, um dann im Hinblick auf die Gecken des heutigen Rom resignirt mit Seume zu sagen: „Die Menschen sind, was Menschen immer waren.“

Uebertroffen wird der Römer in seiner kleinlichen, peinlichen Sorge für Mode und Modethorheit nur von den Frauen des eigenen Landes, die auf der Straße gleichfalls eine Putzliebe zeigen, die, obwohl sie den Töchtern Eva’s aller Länder eigen sein soll, hier doch sofort und besonders auffallend und gepflegt in die Augen springt. Eine römische Frau mit ihren Ansprüchen an prunkvolle Straßentoilette mag ihrem Manne manche schwere Stunde bereiten, und dabei thut der sparsameren deutschen Frau das Herz bis in’s Innerste weh, wenn sie sieht, wie hier die kostbarsten Stoffe, der schwerste Sammt, die schwerste Seide in endlos langer Schleppe schonungslos durch den Schmutz und den Staub der Straße geschleift werden. Dafür freilich pflegt sich die Römerin der Mittelclasse zu Hause in einem Aufzuge zu zeigen, den eine deutsche Frau, selbst aus dem Arbeiterstande, nimmermehr für präsentabel würde gelten lassen. Ist schon die Wohnung mit ihrer ganzen Einrichtung, mit ihren klaffenden Thüren, mit ihren vor Schmutz blinden Fenstern, mit ihren alten, abgenutzten Möbeln, mit ihren staubigen Teppichen, mit ihren grauen Gardinen überaus kahl, öde und dunkel, so sind die Kleider, in welchen die Frauen und Mädchen hier am Hausaltare ihres priesterlichen Amtes zu walten pflegen, noch um so älter, um so zerrissener, um so schmutziger. Ein deutsches Auge muß sich erst daran gewöhnen, über solche Mängel, denen eine Römerin beim besten Willen keine Bedeutung zuzuerkennen vermag, zuletzt gleichfalls lächelnd hinwegzusehen, und ein Mann, der etwa Anlagen hätte, nervös zu werden, wenn er das Hauskleid einer Frau alle Tage mit denselben Löchern und denselben Flecken müßte erscheinen sehen, der wäre hier übel genug berathen. Auch denken wohl die meisten Römerinnen, wie meine Padrona: „Gold deckt die Schande zu,“ und hängen über den zerrissenen Fetzen, mit welchem sie ihre Blöße verhüllen, eine schwere goldene Kette, die denn in ihren Augen alles Andere wieder ausgleicht und gut macht.

Wie sollte aber auch eine römische Frau, ein römisches Mädchen dazu kommen, ihre Kleider zu flicken, die Gardinen zu waschen, die Teppiche zu reinigen und die Fenster zu putzen? Der große Geschichtschreiber Niebuhr, der, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, den staatlichen Umschwung und die politische Erhebung der letzten Jahre zu erleben, vielleicht ein weniger unbarmherziges und weniger vernichtendes Urtheil über die Italiener und namentlich über die Römer der Gegenwart ausgesprochen hätte, erzählt in einem seiner Briefe aus Rom allen Ernstes davon wie „ganze Familien – nicht von den Domestiken zu reden – im Winter um die Kohlenbecken schlafen und manchmal ersticken, aus bloßer Langeweile.“ Hier scheint freilich einige Uebertreibung mit unterzulaufen und als wahr bleibt nur das Andere zurück, was Niebuhr sonst noch über die ihn arg empörende „Faulheit“ des römischen Volkes sagt, so grob es auch klingen mag. Thatsache indessen ist, daß die Römerin zu Hause wenig oder gar nichts arbeitet; vom wohlthätigen Einflusse der frischen Luft auf ihre Gesundheit fest überzeugt, bringt sie vielmehr die größte Zeit im unbeschränkten Genusse derselben am Fenster zu, und ist von den kleinen Begebenheiten des Tages, die zu ihrem Schauplatze die öffentliche Straße zu haben pflegen, so ernsthaft in Anspruch genommen, daß bald alles Dasjenige, was die beschränkte deutsche Frau ängstlich als ihren Pflichtkreis anzusehen liebt, weit hinter ihr liegt in wesenlosem Scheine.

Wozu auch die Fenster putzen, wenn man am Ende nur Schaden davon hat? Eine deutsche Familie bezog eine im Erdgeschoß gelegene Wohnung, deren Fenster auf einen Garten gingen. Die Katze des Hauses hatte sich bald mit den Forestieri befreundet und gewöhnte sich, ihren Besuch durch die offenstehenden Fenster zu jeder Zeit des Tages abzustatten. Da trat kühleres Regenwetter ein und man sah sich genöthigt, die Fenster zu schließen. Von diesem Augenblicke herrschte im Zimmer ägyptische Finsterniß, denn die Scheiben, wie sich jetzt erst herausstellte, waren von oben bis unten mit einem Schmutze bedeckt, der sich nur im Laufe langer Jahre hier konnte abgelagert haben und der geradezu antik genannt werden durfte. Beschwerden bei der Padrona blieben fruchtlos. Endlich entschloß [480] man sich, mit eigener Hand die Fenster von ihrem Ueberflusse zu befreien. Die Freude der Deutschen, als sie zum ersten Male wieder durch blanke Scheiben sahen, vermag nur derjenige zu begreifen, der selbst Monate lang hinter schmutzigen Fenstern gewohnt hat. Aber dieser Freude war ein jähes Ende beschieden. Denn in demselben Moment schon klirrten die Fenster, die lichten Splitter fielen zu Boden, durch das Loch kam die Katze gesprungen und lief zärtlich miauend und den Schweif hoch gehoben auf die erschrockene Hausfrau, ihre vornehmliche Beschützerin, zu. Die Katze, natürlich eine römische Katze, die bis dahin nur schmutzige Scheiben gekannt, hatte die ersten blanken für Luft gehalten und war durch dieselben in das Zimmer gesprungen. Warum also die Fenster putzen, wenn man am Ende doch nur Schaden davon hat?

Hat man indessen der Padrona gegenüber auf übertriebene Anforderungen hinsichtlich der Reinlichkeit verzichtet, so kann man nirgends in der Welt eine bessere Hauswirthin finden, als die Römerin. Gerade dem Fremden gegenüber ist sie voll unermüdeter Aufmerksamkeit, voll rastloser Fürsorge für seine Wünsche, für sein Wohlbefinden, sein Behagen, und ich habe im ausgebreiteten Kreise meiner römischen Freunde und Bekannten, die doch alle ihre Erfahrungen für sich zu machen hatten, von der römischen Padrona nie anders als mit dem größten Lobe sprechen hören. Dabei ist die große Höflichkeit, welche die Römerin stets und immer im Verkehre zeigt, nicht etwa eine unbewußte oder zufällige, sondern sie ist im Gegentheil auf ein sehr ausgeprägtes Nationalbewußtsein, auf einen sehr starken nationalen Stolz basirt, der ihr eben die Höflichkeit gegen den Fremden als doppelte Verpflichtung erscheinen läßt.

Sieht oder vielmehr hört es sich schon fast wie eine Ironie an, wenn dem Römer alltäglich durch einen Kanonenschuß von der Engelsburg die Zeit des Mittags angekündigt wird, ihm, dem die Zeit am allerwenigsten einen Schuß Pulver werth zu sein scheint, so ist der Contrast noch auffallender, der in Rom, der wasserreichsten Stadt der Welt, wo in allen Straßen, auf allen Plätzen die klarsten Brunnen tosen und schäumen, die schönsten Fontainen melodisch rauschen, zwischen der dargebotenen Menge des Wassers und dessen Gebrauche besteht. Das niedere Volk benutzt das krystallhelle Wasser am Ende wahrhaftig nur da, wo es dem Deutschen am gründlichsten verhaßt ist, beim Mischen des Weines, geht ihm sonst aber, wie man sich bei jedem Schritte und Tritte, mehr als schön ist, überzeugen kann, mit ausdauernder Scheu und Aengstlichkeit aus dem Wege.

Was vom Städter gilt, gilt natürlich noch mehr vom Landvolke, und ich habe in dieser Beziehung eine hübsche Geschichte gehört. Ich verkehrte in Rom viel mit den beiden Brüdern Karl und Robert Cauer, von denen der Letztere eben eine prächtige, lebensfrisch erfundene Quellnymphe in Marmor ausarbeiten ließ und einen allerliebsten Mignonkopf in Thon modellirte, während Karl Cauer seine „Hexe“ vollendete, ein dämonisch-schönes Weib in Lebensgröße, geistvoll erdacht und mit vollkommener Meisterschaft ausgeführt. Derselbe arbeitete damals auch an einer trefflichen Porträtbüste des gleichfalls in Rom weilenden und auch mir eng befreundeten Levin Schücking; das führte uns denn oft im Atelier zusammen, und bei dieser Gelegenheit gab Cauer einmal folgendes heitere Geschichtchen zum Besten:

Es war im Albanergebirge. Auf steilem Bergstieg kam ihm am frühen Morgen ein bildhübscher Junge entgegen, die schlanke Gestalt in ein braunes verschossenes Wamms und in eine alte blaue Kniehose gehüllt und in den schmutzigen Sandalen elastisch den felsigen Weg herabsteigend. In der Rechten führte er einen langen Stab, auf den er sich manchmal stützte; die schwarzen Locken, die ein frisches, bräunliches, volles Gesicht mit rothen Lippen und hellem, offenem Auge umrahmten, bedeckte nur halb ein alter durchlöcherter Filzhut, um den ein rothes Band gewunden war. Das Hemd stand der Morgenluft weit offen und zeigte eine wohlgebildete Brust und den schönen Ansatz des Halses.

Die jugendlich kräftige Gestalt mußte das Auge des Künstlers entzücken. War aber das Hemd des Jungen schon entschieden von zweifelhafter Farbe, so gewahrte Cauer bald auch an den Händen und an der Brust desselben einen so eigenthümlichen und so pastos aufgetragenen Ton der Farbe, daß er dem Schmutzfinken überrascht auf italienisch zurufen mußte: „Heda, mein Junge, Du hast Dich wohl noch nie gewaschen?“ Der Gefragte zeigte nicht die geringste Verwunderung oder Beschämung. Er sah dem Fremden mit seinen großen Augen voll in’s Gesicht und sagte dann im Vorübergehen, indem er noch mit der Linken wie bekräftigend eine pathetische Bewegung zur Seite machte: „Giammai, Signore, giammai – niemals, mein Herr, niemals …“

Das eigentliche Element der römischen Frau ist die Straße, der Corso; hier zeigt sie sich am liebsten, hier bewundert sie und läßt sich bewundern, ihre reiche Toilette, ihren schweren Goldschmuck, ihre eigene Schönheit. Sie zieht dabei einem ermüdenden Spaziergang unter allen Umständen den bequemeren Wagen vor und begnügt sich, wenn sie keine Carosse oder wenigstens Einspänner zur Verfügung hat, auch mit einer schmutzigen Droschke, in der sie mit dem Aplomb einer Principessa Platz zu nehmen weiß und so stolz gelagert dahin fährt, als hatte sie einen Viererzug vor dem Wagen und mindestens zwei Lakaien hintenauf. Die Leidenschaft der Römerin für das Fahren ist so groß, daß vordem häufig genug in dem Ehecontracte dem künftigen Ehegemahl ausdrücklich die Bedingung auferlegt wurde, seiner Gattin einen Zweispänner oder doch Einspänner zur Verfügung zu stellen. Mochte oder konnte sich der Sposo zu dieser Leistung nicht verstehen, so riß das zarte Band der Neigung oft ebenso schnell, wie es geflochten worden war, und die liebende Jungfrau sah sich anderswo nach Pferd und Wagen um.

Wenn es sich die Römerin indessen ebenso viel Zeit, wie Sorgfalt und Geld kosten läßt, ihren Leib mit den auserlesensten Stoffen und mit den kostbaren Erzeugnissen der hier seit Castellani wahrhaft virtuos betriebenen Goldschmiedekunst zu schmücken, so bin ich am wenigsten geneigt, ihr das Recht dazu zu bestreiten. Denn die Römerin ist schön, und welcher Thor hätte je ein schönes Weib getadelt wegen ihrer Neigung, sich immer neu und immer reicher zu schmücken, wenn sie mit Geschmack zu wählen verstand und er den Schmuck nicht zu bezahlen brauchte?

Man hat Rom die Metropole der Schönheit genannt, und es wird in der That keine Stadt geben, an deren Bevölkerung das holde Geschenk der Schönheit von den Göttern in reicherem Maße vertheilt worden wäre, als an die Männer und Frauen Roms. Um es gleich zu sagen: die Ersteren sind dabei viel schlechter weggekommen, als die Letzteren, und wenn es auch unter den Männern viele wahrhaft schöne Gestalten giebt mit charakteristischen, stolz zurückgeworfenen Köpfen, so ist die Zahl der schönen Frauen, wenigstens so lange die Jugend ihnen leuchtet und sie vor dem leider jede Römerin allzuleicht bedrohenden Verhängniß formloser Ueppigkeit bewahrt, doch bei Weitem in der erfreulichsten Mehrzahl und zwar nicht etwa in einzelnen, bevorzugten Ständen, sondern gerade in Rom nimmt an der Schönheit das ganze Volk Theil und die niedrigste Arbeiterin vermag, wenn ihr die Götter freundlich gewesen sind, lediglich in ihrer Erscheinung, mit der hochgeborensten Principessa um die Palme der Schönheit zu ringen.

Wer sich in den späteren Nachmittagsstunden auf den Terrassen des Monte Pincio umhertreibt oder in einem der Kaffeehäuser am Corso Platz nimmt, vom Fenster aus die endlose Reihe der vorbeidonnernden Wagen und das Gewühl der sich langsam vorbeischiebenden Spaziergänger zu betrachten, erstaunt über die Fülle, die Menge der schönen Frauengestalten, die an ihm vorüberziehen. Namentlich der Kopf zeigt einen durchaus edeln und vornehmen Schnitt in Stirn, Nase, Mund und Kinn, ein reines und strenges Profil, wie wir es schon an den antiken Gemmen kennen; die Büste ist von tadelloser Schönheit und die ganze Haltung ohne Absicht an die Statuen der Antike erinnernd. Der südliche Himmel mit seiner feuchten Wärme und seinem strahlenden Lichte ist es, der die Schönheit der Römerin so zur vollen Blüthe sich entfalten und heranreifen läßt, aber es liegt auch jener große Zug in ihr, den wir an der Geschichte Roms, an seiner Natur, an seiner Kunst rühmen, und er vor Allem drückt ihr den junonischen Stempel des Siegreichen und Imponirenden auf.

Nicht ein- oder zweimal, nein, oft genug begegnete es uns beim Hinschlendern durch die Straßen, daß wir uns plötzlich anstießen mit dem halblauten Zurufe: „Sieh, wie schön!“ Da schritt nur ein Dienstmädchen über die Straße hin, mit dem Kruge oder der strohumflochtenen Flasche in der Hand; aber wie [481] selbstbewußt, wie aufrecht war der Gang! Und wie sicher ruhte auf den schönen Schultern der edle Kopf mit seinen vornehmen Linien, mit den dunkeln, brennenden Augen und dem reichquellenden, gagathschwarzen Haar!

Man lernt sehr rasch insbesondere zwei Arten von weiblicher Schönheit unterscheiden: die volle kraftstrotzende Brünette mit dunklem Teint, der auf den Wangen von einem ganz leichten, rosigen Schimmer durchhaucht ist, das große, kecke braune Auge voll Lebenslust blitzend und die rothen, schwellenden Lippen leicht aufgeworfen – und jene idealen Gestalten mit den feinen, marmorbleichen Gesichtern, die mehr zu schweben als zu wandeln scheinen, die weiße schmale Stirn von den vollen schwarzen Flechten umschattet, das schwarze träumerische Auge immer groß in die Ferne gerichtet, als gehe die ganze Welt umher sie nicht das Mindeste an, ein „Bild holden Sinnes, gleich stillem Glanz des Meeres.“

Wer ein Auge für Menschenschönheit hat und sich an ihr zu freuen versteht, der wird hier des glücklichen Staunens nicht satt, ob er nun im Albanergebirge die Mädchen armverschlungen und singend durch die Gassen ihres Dorfes ziehen sieht, nicht wissend, welche er für die Schönste nehmen soll, oder ob er in einem der Gärten vor den Thoren Roms namentlich an Sonn- und Festtagen in der Osterie Mangani oder Melafumo die Römer und Römerinnen beim vino bianco beachtet. Das ist ein frisches, frohes, lebenslustiges Treiben; ein Wagen um den anderen jagt in den Hof der Osterien; alle Tische, alle Bänke sind von Fröhlichen besetzt – eine Flasche um die andere wird geleert; immer besser mundet der herrliche römische Landwein, der so leicht und lieblich die Kehle herabrinnt. Die Wangen der Frauen erglühen; ihre dunkeln Augen leuchten, und ihre Ohrgehänge und ihre Ketten und Ringe blitzen im Strahle der warmen, funkelnden Sonne. Auch der blaue Himmel ist von ihm märchenhaft schön durchleuchtet; die dunklen Steineichen und ernsten Cypressen stehen im ewigen Grüne; die Pinie wiegt ihr breit gewipfeltes Dach, und da drüben liegt die unendliche schwermuthvolle Campagna, dehnen sich die schönen Linien des blauen, duftumflossenen Sabiner- und Albanergebirges, wo schon Horaz seine schönsten Lieder gedichtet, wo Hadrian seinem vergötterten Lieblinge in den strahlenden Sälen seines Sommerpalastes und in den dunklen Lorbeergängen seiner Gärten leuchtende Marmorbilder errichtete, wohin Cicero sich aus der Sonnengluth der geräuschvollen Weltstadt flüchtete, dort auch schimmert aus dem violetten Duft der Berge Frascati, die freundliche, lichte Villenstadt – wie soll, wie kann man von dieser das ganze Dasein umstrahlenden Schönheit, dieser vollen Poesie des Lebens, die man nirgends wiederfinden wird, scheiden? Ach, wer hätte nöthig, erst aus dem klaren Quell der Fontana Trevi sich jene Sehnsucht nach Rom zu trinken, die nie mehr zu löschen, die unendlich sein soll und mit unsichtbarer, unwiderstehlicher Macht immer wieder zurückzieht nach dem Zauberkreis der alten, herrlichen unvergleichlichen Stadt? –

Was die römischen Frauen und Mädchen außer ihrer Schönheit noch in besonderem Grade auszeichnet, ist der Anstand, den sie auf der Straße zeigen. Wie weit der gerade in Rom allmächtige Zwang der Sitte und des Herkommens dabei betheiligt ist, wage ich hier nicht zu entscheiden. Ebenso wenig, wie weit jene pikanten Geschichtchen begründet sein mögen, welche man sich, während der Ruf der Mädchen durchaus makellos ist, von der Leichtigkeit erzählt, mit welcher eine römische Frau galante Beziehungen zu knüpfen und zu lösen verstehe. Ich für meine Person habe die gute oder schlechte Gewohnheit, von solchen Geschichtchen nicht einmal die gemeinhin übliche Hälfte zu glauben, und speciell die römischen Frauen haben einen guten Beschützer ihres Rufes schon vor langer, langer Zeit an ihrem Landsmanne Properz gefunden, der das bekannte schöne Wort aussprach, die üble Nachrede sei eine Art Buße, welche die Götter über schöne Frauen für ihre Schönheit verhängt haben. Aber wie dem sei, immer legen Frauen und Mädchen in Rom auf der Straße eine gewisse Würde, einen gewissen Ernst an den Tag, und durch leichte Coquetterien Aufmerksamkeit oder gar Gefallen zu erregen, verschmähen sie durchaus.

Wie tief gewurzelt im römischen Volke das Gefühl für Schicklichkeit ist, davon vermag man sich leicht genug beim Carneval zu überzeugen. Wer in Rom die großen Volksbälle in den Theatern oder in den Räumen des Politeama besucht, wird sich sehr enttäuscht finden, wenn er dort vielleicht das südlich leidenschaftliche Temperament in wilder oder orgienhafter Ausgelassenheit beobachten zu können hofft. Die Sitte ist auch hier allmächtig, sie bannt die Leidenschaften nieder, und ich habe nie eine nach Tausenden zählende Masse mitten in der übermüthigsten Lustigkeit mit mehr Anstand und mit mehr Schicklichkeit sich gebahren und bewegen sehen, als im Politeama in Trastevere.

Der ungeheure, taghell erleuchtete Raum vermochte kaum die sich drängende, stoßende, treibende, immer neu zufluthende Menge zu fassen. Die Meisten trugen Masken, Dominos, Alle aber waren vom Taumel des Carnevals ergriffen und erfüllten die heiße, schwüle Luft mit einem Geschrei, Gelächter, Gejauchze, das geradezu betäubend war. Für die Tanzenden war nur schwer Raum zu gewinnen. Um die Lotteriebuden, welche rings an den Wänden des großen Saales angebracht waren, drängten sich spiellustig die erregten Haufen, den glücklichen Gewinner wegen der seltsamen Gabe, die ihm vielleicht zugefallen war, laut belachend und mit Stichelreden durch den ganzen Saal verfolgend; Maskenzüge, mit tollstem Applaus empfangen, vermehrten das Gewoge bis in’s Unendliche; Matrosen lärmten, Hanswurste schrieen; Frauen zeterten; Domino’s lachten – nirgends aber, selbst nicht im Momente der höchsten Ausgelassenheit, sah ich die Schranken der Zucht und der Schicklichkeit auch nur um eine Linie überschritten und das setzt den Fremden in um so größeres Erstaunen, als er doch in Deutschland bei einem ähnlichen Anlaß oft genug ganz andere Dinge mit angesehen und erlebt hat.

Unterstützt wird dieses angeborene Schicklichkeitsgefühl beim Römer allerdings noch durch seine Mäßigkeit im Trinken. Während in Deutschland durch unendliche, die ganze Nacht fortdauernde Libationen von Wein und Bier die Geister erhitzt, die Begierden entfesselt werden, läßt der Italiener auch bei solchen Gelegenheiten nicht von der ihm eigenthümlichen Mäßigkeit – er verschmäht das erhitzende und erregende Getränk fast ganz, ist glücklich, mit Anderen fröhlich zu sein, und gönnt es gern den Fremden, heimatlicher Gewohnheit zu Liebe, Büffet und Keller zu stürmen und beim schweren Römerweine bis zum Morgen um so lieber festzukleben, als ihm, dem echten „Reise-Onkel“, der aus Paris und London, Berlin und Wien von ganz unterhaltenderen Augenweiden zu erzählen weiß, die Costüme und die Leute hier überhaupt viel zu anständig und viel, viel zu langweilig sind.




Aus der hundertthürmigen Stadt.
Bühnenerinnerungen von Caroline Bauer.
I.


Auf großen und auf kleinen Brucken
Stehn vielgestaltete Nepomucken
Von Erz, von Holz, gemalt, von Stein,
Kolossisch hoch und puppisch klein.
Jeder hat seine Andacht davor,
Weil Nepomuck auf der Brucken das Leben verlor.


In dem wunderschönen Elbthale blühte und sang der Frühling – vor jetzt gerade vierzig Jahren. In den sacht verglühenden Rosenschimmer der reichen Pfirsich- und Aprikosengärten auf den Elbhügeln mischte sich schon duftiger Schnee von Kirschen- und Birnenblüthen. Ich war seit einem Jahre erste Liebhaberin der Dresdener Hofbühne, zählte offen und ehrlich, ohne Erröthen und Grämen just meinen achtundzwanzigsten Lenz, saß neben der Mutter in leichter offener Extrapostkalesche und rollte fröhlich und wohlgemuth meinem ersten Gastspiele in Prag entgegen. Endlich sollte ich die hundertthürmige Stadt selber sehen, von deren märchenhaften Wundern ich schon als Kind, versenkt in mein geliebtes blaues

[482] Sagenbuch, berauschend geträumt, die mich auf meinen Künstlerfahrten durch Deutschland und Oesterreich schon so oft freundlich gelockt und deren ruhmvolle Bretter ich doch noch nie hatte betreten können. Ich hatte mit dem Director Stöger ein Gastspiel für fünfzehn Abende abgeschlossen – im Mai 1835.

Ade! Auf Wiedersehen, traute goldglitzernde Elbe! Mit schnellrollenden Riesenwogen rauscht uns die stolze Moldau entgegen. Vom steilen Uferberge ragt altersgraues mächtiges Gemäuer auf, erglühend in abendrosiger Maiensonne – das ist der Hradschin, Böhmens vielhundertjährige Königsburg mit ihren glänzenden wehmüthigen Erinnerungen. Von hundert Thürmen läutet es feierlich-lieblich Ave Maria. Wir sind in dem alten schönen Prag.

Im stattlichen „Schwarzen Rössel“ waren behagliche Zimmer für uns bestellt. Mein erster Blick war natürlich nach dem Theaterzettel. „Romeo und Julia. Oper von Bellini. Romeo – Dlle. Sabine Heinefetter, erste Sängerin der italienischen Oper zu Paris.“ Das war zu lockend. Ich hatte Sabine Heinefetter schon 1827 in Berlin kennen gelernt, bewundert und liebgewonnen, als sie – „kurfürstlich hessische Hofopernsängerin aus Cassel – auf der Berliner Hofbühne Triumphe feierte, obgleich damals auch Henriette Sontag in Berlin sang. Schnell war ein wenig Toilette gemacht, und wir konnten in der Directionsloge noch den zweiten Act der liebenswürdigen Oper genießen, Romeo Liebe flöten hören, kämpfen und sterben sehen und nebenbei auch den Schauplatz meiner bevorstehenden Bataillen recognosciren. Niederlage oder Sieg – dazwischen giebt es für eine erste Liebhaberin auf Gastreisen nichts.

Ein wunderschöner Romeo! Eine schlanke, stolze und doch weiche Jünglingsgestalt mit edlen ausdrucksvollen Zügen, liebeglühenden beredten Augen, Feuer und Wahrheit im plastischen Spiele und hochdramatischen Gesange, reinstes Metall in der Stimme – so sah ich Sabine Heinefetter nach sieben Jahren noch schöner, noch vollendeter im Gesange vor mir auf den Brettern, umrauscht von dem Jubel der musikenthusiastischen Prager.

Ich freute mich, daß auch Heinefetters im „Schwarzen Rössel“ wohnten, der altrenommirten Künstlerherberge Prags. Am andern Tage machte ich der liebenswürdigen Collegin mit der Mutter einen Besuch, und wir knüpften an der Moldau die einst an der Spree so freundlich gesponnenen Freundschaftsfäden fleißig und fröhlich wieder an. Bei Sabine fanden wir ihre Mutter, eine gute alte Frau, einfach und bürgerlich behäbig und sehr redselig in ihrem geliebten Mainzer Dialect. Ihr rundes rosiges Gesicht strahlte stets wieder von der Glücks- und Ruhmessonne ihrer Töchter. Die zweite, Clara, gastirte in Wien als Julia, Weiße Dame, Alice in Robert dem Teufel etc. mit bestem Erfolge, und die jüngste, Kathinka, sah ich jetzt zum ersten Male in Prag. Sabine war dreißig, Kathinka erst fünfzehn Jahre alt. Glich Sabine einer Juno Ludovisi, so erinnerte Kathinka an eine Hebe von Canova. Ein reizendes Kind! Blühend wie die Frühlingsgöttin, leicht und anmuthbeflügelt wie Psyche, heiter wie ein Sonnenstrahl und glücklich wie ein Sonnenkind umgaukelte sie uns und trällerte mit ihrer lieblichen Silberstimme neckische Lieder; „wie ein närrischer Zaunkönig“ lachte sie selbst. Dabei flatterten die lichtbraunen, goldig schimmernden Locken um das glühende Gesichtchen, und die hellen Rehaugen glitzerten, wie wenn die Morgensonne über’s Waldbächlein huscht, das über blanke Kiesel plätschert. Das knospende Rosenmündchen blühte auf; lachende Perlenzähne schimmerten hervor, und in Kinn und Wangen lachten reizende Grübchen, in denen hundert neckische Schelme und Liebesgötter saßen. Die Mutter lachte stolz und glücklich mit ihrem Goldtöchterlein, daß ihre runden Wangen zu Päonien erglühten, und sah uns beglückt an, als wollte sie sagen: Ist meine Kathinka nicht ein Blitzmädel? Kann es der wohl jemals fehlen?

Sabine aber zog mich an sich und flüsterte mir mit einem Seufzer zu: „Ach, wie wird es diesem armen holden Schmetterlinge noch ergehen, wenn er erst allein, ungehütet und ungezügelt seinen Weg durch’s Leben suchen soll! Noch ahnt er nicht die Stürme, die ihn hierhin und dorthin verschlagen, nicht die Dornen an Rosenhecken, an denen so manch schimmernd Flügelstücklein hängen bleibt, nicht die feinen Netze, die ihn umstricken können. Kathinka ist ein glückverwöhntes, fast zu leichtherziges und leichtblütiges Kind; mir bangt vor der Stunde, wo ich es von mir lassen muß. Und doch sehe ich diese Stunde schon kommen. Kathinka hat den entschiedensten Beruf zur Coloratursängerin und eine glühende Sehnsucht zur Bühne – richtiger wohl: zu den Triumphen auf derselben. Bis jetzt habe ich sie allein ausgebildet. Im Herbste soll sie nach Paris gehen, um bei Cordoni ihre musikalische und theatralische Bildung zu vollenden. Die Gräfin Merlin und Maria Malibran wollen sie beschützen und in die musikalische Welt von Paris einführen, wie einst mich. Gott gebe, daß Alles gut gehe! Mir ist der Weg zur Bühne und über die Bühne nicht von allen Seiten so freundlich geebnet und mit Rosen bestreut, wie meiner jungen Schwester. Ich habe mir den Platz, den ich heute in der Oper einnehme, schwer erkämpfen müssen. Aber in diesem Kampfe erwirbt man sich auch nur, was der Kathinka so ganz fehlt: Lebensernst, Sicherheit, Charakter. … Kind, was manövrirst Du da schon wieder am Fenster, hüpfend und dienernd wie ein Eichhörnchen in der Drahtrolle? Gewiß machen die Studenten und Lieutenants wieder Fensterpromenade.“

„Natürlich, meine sehr ernsthafte Schwester. Denn dazu sind sie ja doch nur da auf den sonnigen Pflastersteinen dieser schönen Welt. Ach, es geht nichts über die Wonne und die Ehre, sich vom blankpolirten Militär und buntbebänderten und betroddelten Bruder Studio so massenhaft angebetet zu sehen.“ Und dabei spreizte sich das zierliche Persönchen mit so neckischer Coquetterie und so komischer Gravität, die anbetenden alten und jungen Officiere und die flotten Studenten auf der Fensterpromenade vor unserem Sopha parodirend, daß wir bald fröhlich in das kindliche Gelächter des „närrischen Zaunkönigs“ einstimmen mußten. Aber bei der guten Sabine mischte sich doch wieder ein kleiner Seufzer und ein bedenkliches Kopfschütteln der Sorge hinein. Sie war eine offene, ehrliche Natur, treu und wahr, gesund und praktisch. Sie verschmähte selbst die unschuldigste Coquetterie, nicht selten sogar zum Nachtheile ihrer Bühnenerfolge. Und das mit klarem Bewußtsein.

„Ich kann nicht Zärtlichkeit heucheln,“ sagte sie mir einst. „Für mich giebt es nur eine Liebe: ‚himmelhoch jauchzend‘, oder: ‚zum Tode betrübt‘. Darum bange ich auch so sehr um Kathinka’s flatterhaftes Schmetterlingsherz.“

Ja, Sabine Heinefetter hatte den Weg durch’s Leben, auf die Bühne und auf die jetzige Höhe ihres Künstlerruhmes nicht fo freundlich geebnet und ehrenbeglänzt vorgefunden, wie Kathinka durch die aufopfernde Liebe ihrer Schwester. Sie erzählte mir einst mit Wehmuth von ihrer freudelosen Kindheit und von den Demüthigungen, Rohheiten und Gefahren, durch die ihre blühendsten Mädchenjahre gegangen. In Armuth geboren, in Armuth und Unwissenheit aufgewachsen, mußte sie als zartes Mädchen durch die Straßen und Kneipen von Mainz wandern und zu ihrer armseligen Harfe Lieder singen, wie der rohe Haufe sie begehrte und bezahlte. Hunger thut weh – noch weher aber, Mutter und Geschwister und die alte Großmutter zu Hause hungern zu sehen. Da hörte einst ein edler Kunstfreund das schöne sittsame Mädchen zu ihrer klirrenden Harfe ein Volkslied singen, einfach, rührend und mit glockenreiner voller Stimme. Er geigte ihr die Scala und immer schwierigere Passagen und kunstvollere Figuren vor – und die arme Harfenistin sang sie nach dem Gehöre mit bewundernswürdiger Reinheit und Präcision nach. Jetzt erhielt Sabine ihren ersten Musikunterricht und Gelegenheit, in Schul- und geselliger Bildung viel Versäumtes nachzuholen. Schon 1824 konnte sie mit neunzehn Jahren zu Frankfurt am Main zum ersten Male die Bühne betreten. Sie sang in Weber’s „Euryanthe“ das Mailied. Ihre herrliche Stimme und Schönheit erregten Aufsehen, so daß Ludwig Spohr, seit einigen Jahren kurhessischer Hofcapellmeister, Sabine für die Oper in Kassel engagirte und sich ihrer weitern musikalischen Ausbildung liebevoll annahm. Er studirte ihr seine Opern „Berggeist“, „Jessonda“ und „Pietro“ ein. Sabine machte bei ihren glänzenden Mitteln, ihrem Fleiße und edeln Ehrgeize überraschende Fortschritte. Das brillante Gastspiel an der Hofoper in Berlin 1827 machte den Namen Sabine Heinefetter schnell zu einem berühmten. Berauscht von diesem Erfolge und dürstend nach der höchsten musikalischen Ausbildung, suchte Sabine ihren Contract in Kassel zu lösen. Der Kurfürst Wilhelm der Zweite verweigerte ihr die Entlassung … und da war die [483] Sängerin eines Tages aus Kassel verschwunden. In Paris tauchte sie wieder auf. Nachdem sie bei Cordoni fleißig italienischen Gesang studirt hatte, nahm sie ein Engagement als erste Sängerin bei der italienischen Oper in Paris an. Die Franzosen waren entzückt von der schönen deutschen Sängerin mit dem schier unaussprechlichen Namen „Aenevettère“. Im Salon der kunstgebildeten Gräfin Merlin lernte sie Maria Malibran und alle Kunstgrößen von Paris kennen. Nach zwei Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück und gastirte in Berlin und Wien und an allen größeren Bühnen. Eine Kunstreise führte sie nach Italien. Sie trat an der berühmten Scala in Mailand auf. So traf ich die liebenswürdige Künstlerin auf einer neuen Gastreise in Prag wieder. Sie wollte kein festes Engagement wieder annehmen. Mama Heinefetter aber erzählte uns mit überströmenden Augen, wie gut Sabine gegen ihre Familie sei. Schon von ihrer ersten kleinen Gage an habe sie aufopfernd für Mutter und Geschwister gesorgt, ihre Schwester Clara zur Sängerin ausbilden lassen und bei ihren eigenen Gastspielen in der Kunstwelt schnell bekannt gemacht. Und bald solle die junge Kathinka mit einer Ehrendame auf Sabinens Kosten die hohe und theure Schule in Paris durchmachen.

Sabine Heinefetter hatte ihr Gastspiel in Prag fast vollendet, als ich anlangte. Ich sah sie nach dem Romeo nur noch als herrlichen Tancred. Wir verlebten sehr frohmüthige Tage mit einander in der so interessanten alten Königsstadt an der Moldau und benutzten jede freie Stunde, ihre reichen historischen Reliquien und Kunstschätze mit einander zu beschauen. Kathinka schwirrte als enfant terrible nebenher und zeigte stets mehr Sinn dafür, sich vom fröhlichen Leben bewundert zu sehen, als hundertjährigen verwitterten Todtenstaub zu bewundern.

Mir wird der sonnige Maientag unvergeßlich sein, als wir die engen unsauberen Gassen der tausendjährigen Prager Judenstadt durchschritten, uns durchdrängend durch wahre Barricaden von alten mottenumschwirrten Kleidern und zerrissenen Stiefeln, längst verstummten Uhren, verrostetem Eisenkram, erblindeten Spiegeln, arm- und kopflosen Porcellanpüppchen, gekitteten Theetöpfen, verschimmelten Oelbildern längst verwehter namenloser Schönheiten und wahrhaft nervenaufregend von allen Seiten umzetert und gezerrt von schmutzigen Schacherhänden und den hunderttönigen unnachahmlichen Nasallauten: „Handeln! Handeln! Kupte, kupte laczinve! Kauft, kauft wohlfeil!“

Und dann betraten wir durch ein enges Pförtchen den „guten Ort“, „das Haus des Lebens“, ein ummauertes grünes Fleckchen Erde, in der seit Olim’s Zeiten die Juden von Prag ihre Todten begraben haben. Der Staub von Tausenden, Tausenden ruht hier, längst wieder vereint mit der mütterlichen Erde. Kein Grab ist ausgegraben, durchwühlt, kein Gebein verworfen. Unter neu aufgeschütteter Erde versanken die alten Gräber. Von vielen Leichensteinen ragen nur die Spitzen noch hervor. Kreuz und quer, hoch und niedrig, halbumgesunken stehen viel hundert altersgraue Steine mit verwitterten hebräischen Inschriften da, von grünem Moose überzogen. Gleich rechts, am Eingange vom „Hause des Lebens“, ragt viel höher als alle übrigen ein Riesengrab auf. Kein Stein, kein Name dabei. Es ist das Grab von viel tausend neugeborenen Kindlein und – von Millionen heißen Mutterthränen. Und das Grab von Jahrhunderten ist über allen Menschenstaub und alle Menschenschmerzen gewachsen, und ein Wald von wilden Hollunderbäumen beschattet die Gräber. Im Grase blühten leuchtende und duftende Frühlingsblumen, und in dem reichbelaubten blüthenknospenden Hollunder fingen sich Sonnenstrahlen und sangen Amseln. Es war wunderschön und gar friedlich auf dem alten Judenkirchhofe zu Prag.

Der alte weißbärtige Synagogendiener, der uns umherführte, erzählte mit seiner weichen melancholischen Stimme von den Gräbern: „Hier unter diesem versunkenen Steine, auf dem zwei Hände abgebildet sind, deren Daumen sich berühren – das Grabzeichen für einen Rabbiner – liegt der vor dreihundert Jahren in Prag hochberühmte Rebb Löb, der so eingedrungen war in die Geheimnisse chaldäischer Folianten und der Kabbala, wie vor ihm kein Anderer. Als Chacham – Heiliger – durfte er in seinem Hause keine Gattin, keine Schwester, keine Dienerin haben. Da schuf er sich mit Zauberkunst aus Lehm einen Diener, den furchtbaren Golem. Dem legte er unter die Zunge einen Streifen Pergament, auf dem der Name Jehovah’s stand, den sonst kein Jude schreiben darf, und der Golem erhob sich und lebte und that bei dem Rabbi alle Dienste. Nur am Sabbath durfte der Golem nicht arbeiten, also auch nicht leben. Darum nahm ihm Rebb Löb jede Freitag-Nacht, ehe der Sabbath begann, das Wort Jehovah aus dem Munde, und der Golem wurde sogleich wieder eine leblose Thonpuppe. Nur einmal vergaß der Rabbi, den Zauber von seiner Creatur zu nehmen. Er ging Freitag-Nacht in die Synagoge, in der Stunde, da der Sabbath nahte. Und wie er vor der ganzen Gemeinde das Gebet hielt, hörte er draußen ein furchtbares Getöse – das war der entfesselte Golem. Nicht mehr der gehorsame Knecht, sondern der zerstörende Dämon, der Alles vernichtete, was ihm in den Weg trat, der die Synagoge, die ganze Judenstadt, ganz Prag zerstören würde, wenn es nicht gelänge, den Zauber zu brechen. Und in höchster Angst stürzte Rebb Löb in seinen Rabbigewändern aus der Synagoge, dem thönernen, zähnefletschenden Ungethüm entgegen, und er beschwor Golem mit den stärksten Zaubersprüchen der Kabbala – und wie der Dämon auch heulte und wüthete und sich wand, endlich gelang es dem Chacham doch, ihm das Pergament mit dem Namen Gottes unter der Zunge zu entwinden, und der Golem sank machtlos, leblos zu Boden, eine thönerne Puppe. Rebb Löb aber hat die Creatur seines Kabbala-Wissens, das die geheimnißvollsten Kräfte der Natur beherrschte, nie wieder in’s Leben zurückgerufen.“

Wunderbar war die Zauberkraft von Rebb Löb’s Augen. Wen er mit diesem durchdringenden Flammenblick ansah, der mußte ihm die geheimsten Gedanken und Sünden enthüllen. Wunderbar war seine Gabe, aus eitel Dunst farbenreiche Gemälde, lebensvolle Menschenerscheinungen, auch von längst Verstorbenen hervorzuzaubern.

Der phantastische Kaiser Rudolph der Zweite, der sich lieber mit Alchemie und Astrologie, mit dem Suchen nach dem Stein der Weisen und anderen Zauberspielereien beschäftigte, als mit seiner Regierung, die in den feinen Händen der Jesuiten ruhte, hatte diesen einst das Wort gegeben: die armen Juden aus seinem Lande zu vertreiben und mit dem Prager Ghetto den Anfang zu machen. Alle Juden zittern, nur Rebb Löb tritt in seiner feierlichen Rabbitracht dem Kaiser kühn in den Weg, da er mit schäumenden Rossen vom Hradschin in die Stadt hinab fährt. Mit ausgebreiteten Armen und wallenden Locken steht der Rabbi in seinen langen feierlichen Gewänden da, wie ein Prophet des alten Bundes, und auf sein weithin dröhnendes „Halt!“ stehen die feurigen Pferde zitternd da, wie Lämmer. Aber das Volk ruft. „Steinigt ihn, den verdammten Juden, der es wagt, unserem Kaiser den Weg zu versperren!“ – und Koth und Steine umsausen den Rabbi, doch wie sie ihn berühren, sind es duftende Kirschen- und Aepfelblüthen. Und Rebb Löb spricht zum staunenden Kaiser: „Beim Gott meiner Väter! Ich sage Dir, Du wirst noch heute das Gebot zurücknehmen, das uns Juden aus Deinem Lande vertreiben soll, und mein Volk wird drinn wohnen, bis die Moldau den Hradschin hinauffließt.“ Und noch ehe die Sonne unterging, nahm Kaiser Rudolf den Befehl zurück, die Juden zu vertreiben. Dann trat er in das Haus Rebb Löb’s, und der Wundermann zeigte ihm im engen dunklen Zimmer den gewaltiger Hradschin und die seinen Fuß umspülende Moldau, zuletzt die wunderschöne Königin Libussa auf silberglänzendem Roß, in den goldenen Locken die Eichenkrone …

Jahrhunderte sind über den Staub Rebb Löb’s auf dem alten Prager Judenkirchhofe dahingerauscht, und die Welt ist eine andere geworden. Sie sagt mit spöttischem Lachen: Der gute Rebb Löb war schon vor dreihundert Jahren ein geschickter Taschenspieler und Mechaniker. Er besaß einen vorzüglichen Automaten, den Golem, und eine herrliche Laterna Magica. Aber unter den duftenden Hollunderbäumen und hundertjährigen Leichensteinen im „Hause des Lebens“ thut Einem solch spöttisches Wort gar weh.

Noch länger aber standen wir vor einem andern versunkenen Grabsteine. Darauf war kaum noch eine weibliche Figur zu erkennen, die in der Hand eine Rose trug, – das rührende Zeichen, daß hier der Staub einer Jungfrau ruht, die als Braut gestorben. Auf dem Grabsteine lagen viele kleine Steine. Unser [484] Führer legte auch ein Steinchen dazu und erzählte: „Hier ruht Lea, die schönste und herrlichste Jungfrau des Ghetto. Sie war die glückliche Braut des jungen Aron. Da kamen die Christen wieder einmal gestürmt und schrieen nach Judenblut – denn die Juden sollten ein Kind geschlachtet haben. Und die Christen warfen Feuer in den Ghetto und schwangen die Schwerter und wollten sich durch nichts beruhigen lassen, als durch warmes rothes Judenblut. Dachte Lea an ihr Volk? Dachte sie nur an die Gefahr, die ihrem Aron drohte? Sie trat muthig vor und gab lächelnd ihr Blut dahin. Zur Ehre ihres Gedächtnisses legt jeder Jude, der das Haus des Lebens betritt, ein Steinchen auf Lea’s Grabstein.“

Wir aber legten unsere Maiblumen auf das versunkene Grab der Jüdin nieder, die eine glückliche Braut war und dennoch die Kraft des Herzens besaß, diesem sonnigen Leben freiwillig zu entsagen – um der Liebe willen.

„Wo wird mein Grab dereinst gegraben werden? Wer wird mir ein Liebeszeichen auf’s Grab legen? Glückliche Lea!“ sagte Sabine leise, und ihr schönes Auge erglänzte in Thränen.

„Ach, die ganze Geschichte ist ja nicht wahr!“ lachte Kathinka. „Wer wird auch so dumm sein, selbst um den allerschönsten Aron in den Tod zu gehen, wenn man jung und hübsch und geliebt ist! Solche Geschichten lasse ich mir höchstens nur im Trauerspiele oder in der tragischen Oper auf der Bühne gefallen. Aber im Leben – vive la joie! vive l’amour! et vive la bagatelle! wie Yorick’s Tambour schreibt. Und ich dürste nach Leben, nach Sonnenschein, nach fröhlichem Lachen und blanken Augen. Puh! Hier unter dem hundertjährigen Gräberunkraute und den verwitterten Steinen und alten dummen Judengeschichten ist’s zum Sterben langweilig. Und Ihr macht dazu sentimentale Mondscheingesichter, als möchtet Ihr hier unter den garstigen Hollunderbüschen nächstens selber um freundlich Quartier bitten. Geschwind nach der grünen Moldauinsel zurück zu Concert und Feuerwerk. Ich hab’s heute Mittag noch meinem anbetenden Obersten auf Ehre, dem blonden Lieutenant auf Schnurrbart und dem feschen Grafen Studio auf Cerevis versprochen, daß wir den holden Maiabend auf der Insel verherrlichen wollen.“

Sollte dieses liebreizende Geschöpf wirklich kein Herz haben? Auf der Insel war die ganze glänzende und fröhliche Welt Prags versammelt. Die prächtige Regimentsmusik rauschte; funkelnde Leuchtkugeln Schwärmer und Raketen zischten durch den duftigen Abend und spiegelten sich wieder in der wogenden Moldau; schöne Menschen wandelten lachend und plaudernd durch die blühenden Gebüsche. Kathinka Heinefetter in ihrem luftigen weißen Kleide mit meergrünem Aufputz war die verführerischste Sylphide und zugleich das übermüthigste Kind, dem das Vergnügen aus den Augen strahlte, sich von so viel glänzenden Cavalieren umschwärmt zu sehen. Jetzt nahm sie mit dem coquettsten Lächeln und Wohlbehagen die Huldigungen eines pompösen fürstlichen Obersten auf; im nächsten Augenblicke schien sie nur Auge und Ohr und Lächeln für den kecken blonden Lieutenant zu haben, um fünf Minuten später dem „feschen“ gräflichen Studio das zündstoffreiche glückliche Herz vollends in Brand zu setzen.

Sabine machte der Schwester zu Hause ernstliche Vorwürfe über ihr unpassendes Benehmen. „Kind, wohin soll das führen? Dein unbesonnenes Herz wird Dich, uns Alle noch unglücklich machen.“

„Ah, wenn nur erst der Rechte kommt, der es versteht, dieses kleine rebellische Herzchen einzufangen und zu fesseln!“ sagte ich einlenkend. „Wie vernünftig werden wir da und wie geduldig! Ich wünsche Kathinka recht bald einen geliebten Tyrannen.“

„Ich – heirathen?“ flammte der Irrwisch in possirlichem Schreck auf. „Ich eine gesetzte ehrbare Hausfrau, die Strümpfe stopft, Knöpfe annäht, Butterbrode schmiert, zwanzig, vierzig, fünfzig Jahre täglich dasselbe Lied? Ich stürbe vor Langerweile. Nein, ich gehe nach Paris und werde eine berühmte Sängerin und bleibe mein Lebenlang freie Künstlerin. Trala! trala! trala!“ Und übermüthig trällerte sie mit der hellen frischen Vogelstimme die Melodie: „Heut’ lieb’ ich die Johanne und morgen die Susanne …“

Und doch konnte man dem reizenden Wildfang nicht böse sein.

Wie sonnig, wie übermüthig strahlte Kathinka am heiligen Nepomukstage, dem 16. Mai! Sie ruhte nicht, bis sie auch uns in das augen- und ohrenverwirrende Gedränge der Straßen und auf die berühmte Karls-Brücke geschleppt hatte. Meilenweit waren die Landleute in ihren originellen bunten Trachten herbeigeströmt, dem regenspendenden Schutzpatrone Böhmens, Johannes Nepomuk, fromme Ehre zu erweisen. In allen Gassen, auf allen Plätzen und in allen Kneipen schwirrte zu Fiedel, Cymbel, Harfe und Dudelsack das böhmische Nationallied, das mein alter College Genast verdeutscht hat:

O heil’ger Johann Nepomuk.
Der Du stehst auf der Prager Bruck,
Der Du hast mussen
Dein Leben bußen
Im Moldau-Flussen!

Und er stand da auf der „Bruck“ in der ganzen Pracht seines höchsten Festtages, um das ehrwürdig verwitterte Steinhaupt goldene Strahlen, reich mit Rubinglas besetzt, von brennenden Lämpchen und duftenden Blumen umgeben. Zu seinen Füßen Hunderte von armen bethörten Gläubigen, die da eine steinerne Puppe anbeten, ansingen, anweinen.

Auch ein armer Jude fand in der Moldau unter der Nepomuk-Brücke den Tod. Er wurde 1606 vor dem Tribunal-Appellatorium angeklagt, das heilige Kreuz der Christen geschmäht zu haben, und verurtheilt: daß aus seinem confiscirten Vermögen auf der Brücke ein riesiges steinernes Crucifix errichtet werde. Da stürzte der Jude verzweifelnd sich von der Brücke in die Moldau hinab. Das Crucifix steht noch heute da.

Die liebreizende Kathinka aber that am 16. Mai 1835 dem heiligen Nepomuk auf der Prager Bruck ungeheuern Schaden. Sie durfte sich rühmen, von dem unewig Männlichen an jenem Tage noch glühender angebetet zu sein, als der steinerne Schutzheilige vom ganzen Böhmerlande.

Am andern Tage nahmen wir Abschied mit einem herzlichen: „Auf baldiges, frohes Wiedersehen in Dresden!“ – Sabine fuhr einem neuen Gastspiel entgegen. Ich führte das meine in Prag zu Ende.




Blätter und Blüthen.


Ein Gedicht von Schiller’s Schwester Christophine. Durch Herrn Landkammerrath Vogt in Weimar geht uns als ein werthvolles Andenken nachstehendes Gedicht zu. Schiller’s älteste Tochter, Caroline, die Gattin des Bergraths Junot, übersandte ihm, begleitet von einem Briefe aus Rudolstadt vom 8. Decbr. 1849 und der Bemerkung: „Zum freundlichen Andenken an unsern Ausflug nach Ettersburg etc.“, eine Abschrift von diesem Gedicht ihrer Tante Reinwald (siehe den Artikel „Schiller’s Lieblingsschwester“ von Ernst Ziel, Nr. 20 d. Jahrg.), das dieselbe an ihrem sechsundachtzigsten Geburtstage, am 4. September 1843, niedergeschrieben. Es lautet so:

Mein Gebet.

     Hier auf der Höhe des Lebens.
Wo ich hinüber in jene Gegenden sehe
Voll ewigen Friedens und voll süßer Ruhe –
     Hier bin ich, Gott meiner Tage,

5
Und bringe Dir – vielleicht zum letzten Male

Mit diesen sterblichen Lippen mein armes Opfer
Mit Gebet und Dank!
     Du warst mir Gnade und Güte
Von Jugend auf, mein ganzes Leben.

10
Und ich kenne Dich nur durch Wohlthat und Zärtlichkeit.

Du gabst mir Leben und Kräfte
Und Güter so viel als meine Nothdurft war;
Und diese zahlreichen Jahre
Und dieses Herz voll Liebe zu Dir.

15
     So nahe dem Ziel meiner Tage

Und jeder irdischen Wünsche satt,
Bet’ ich den höchsten der Wünsche:
Den guten Tod, den der Erlöste stirbt!
     Laß mich, o Herrscher des Todes.

20
Hinüberschlummern, im Herzen seligen Frieden

Und Hoffnungen auf ein unsterblich Glück! –
     Sei meinen Brüdern, den Menschen,
Ein Gott, wie Du mir es warst,
Ein Gott voll Gnade und Güte,

25
Und laß’ sie leben in der Liebe und heiligen Furcht

Vor Deinem Angesicht!



Kleiner Briefkasten.

A. M. in Sch. Nein, die bildlichen Darstellungen der Enthüllungsfeier des Hermann-Denkmals wird uns Knut Ekwall liefern, der sich in unserem Auftrage schon acht Tage vor der Feier, behufs eingehender Studien, nach Detmold begeben wird.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Dieses mit den vier Buchstaben G, M, R, A geschriebene Wort ist eine hebräische Bezeichnung für den Talmud.
  2. Wir glauben im Interesse unserer Leser ausdrücklich hervorheben zu müssen, daß der durch sein reich illustrirtes Reisewerk: „Vom Amazonas und Madeira“ wohl bekannte Autor, der lange Jahre hindurch die Urwälder Brasiliens durchstreift, Straßen und Eisenbahnen entworfen und gebaut hat, sich selbst auf dem vorliegenden, ganz aus der Wirklichkeit gegriffenen Bilde darstellte, und zwar in der Figur Desjenigen, der das Meßinstrument in der Hand hält.
    D. Red.