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Textdaten
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Autor: Ernst Ziel
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Titel: Schiller’s Lieblingsschwester
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 329–332
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[329]
Schiller’s Lieblingsschwester.
Von Ernst Ziel.
Die Gartenlaube (1875) b 329.jpg

Christophine Reinwald. geb. Schiller.
Nach dem Oelgemälde von Ludovika Simanoviz.

Das Capitel „Schiller und die Frauen“ ist von der Literaturgeschichte immer und immer wieder mit ungeschwächtem Interesse aufgenommen worden, und in der That ist der Schlüssel zum Verständniß der wichtigsten Entwicklungsphasen unseres Dichters nicht selten gerade auf diesem Gebiete zu suchen: gar nicht zu reden von der mythischen Laura des in der Schnürbrust der Karlsschule einherschreitenden Medicus Schiller – die Namen einer Charlotte von Wolzogen, einer Margaretha Schwan, einer Frau von Kalb und Charlotte von Lengefeld sind leuchtende Merkzeichen, welche ebenso viele Stationen auf dem Lebenswege unseres Dichters bezeichnen, auf dem Wege von der jugendlich unklaren Phantasterei zur Freigeisterei der Leidenschaft, von der Freigeisterei der Leidenschaft zu der Höhe einer ruhig schönen, vom Glanze der Idealität verklärten Liebe. Neben diesen Frauen, welche, bald dämonisch irreführend, bald beängstigend und ausgleichend, am Eingange der einzelnen Perioden des Schiller’schen Schaffens gleichsam als Pförtnerinnen stehen und diesen Perioden theilweise ihre geistige, ihre dichterische Färbung leihen, neben diesen Frauen begegnen wir im Leben des Dichters einer Reihe anderer weiblicher Erscheinungen, die zwar weniger bestimmend und bahnweisend in seine innere Entwickelung eingreifen, aber mit hingebender Liebe, wenn auch ohne Leidenschaft, sein Leben als liebevolle Ratherinnen und treue Freundinnen begleiten.

Unter diesen Freundinnen Schiller’s verdient den Namen der treuesten wohl keine so sehr, wie seine von ihm überaus geliebte Schwester Christophine; denn sie ist ihm sein Leben lang, wenn auch oft aus weiter Ferne, in unbeirrter Anhänglichkeit eine geistige Begleiterin und mitfühlende Genossin gewesen. Christophine gehörte nicht zu den sogenannten geistreichen Frauen. Dazu war ihr Naturell viel zu sehr auf das Praktische angelegt, ihre Bildungsschule eine zu bescheidene und der Kreis ihres Denkens ein zu enggezogener. Nicht eine geistreiche Frau, nein, sie war etwas Besseres, etwas Gott und den Menschen Wohlgefälligeres: sie war ein echtes Weib voll Natur und Wahrheit, tief und beharrlich von Gemüth, scharf und klar von Verstand und mit gesundem Blick, mit einer unentwegten Energie und maßvollen Sicherheit des Handelns ausgerüstet – Eigenschaften, welche sie ihrem Bruder besonders dann zu einer stets verständigen und gewandten Bundesgenossin machten, wenn es galt, sich mit der Außenwelt in einer schwierigen Lage abzufinden.

Sie hatte viel Verwandtes mit Schiller. Ihr Herz war, wie das seine, von einer zugleich besonnenen und lebensfrohen Idealität erfüllt und schlug lebhaft für alles Große und Hohe in Menschheit und Natur; eine freudige Begeisterung trug sie allem sittlich und geistig Erhabenen, eine frische, markvolle Zornmüthigkeit allem Verkehrten und Verschrobenen, allem Anmaßenden [330] und Hochmüthigen in den menschlichen Charakteren und Einrichtungen entgegen. Das Gefühl für Freiheit und Menschenwürde lebte tief in ihr, und nichts haßte sie so sehr wie Affectirtheit und Unnatur. Einfachheit, Natürlichkeit und Wahrheit waren die Grundzüge ihres Wesens. „Mir ist wohl,“ sagt sie in ihrem Tagebuche, „unter euch Menschen von niederem Stande. Da findet man bei aller Beschränktheit des geistigen Gesichtskreises noch Kraft und Selbstständigkeit. Und was ist unsere Aufklärung, unsere Bildung? Meist äußerer Schimmer, kein inneres warmes Gefühl. Lernt nicht selbst die heilige Sprache der Seele, die Empfindung, eine fremde Sprache, und wird sie nicht oft durch Convenienz und Drechselei zur Unnatur?“ Christophine hatte ein tiefreligiöses Gemüth und dabei ein glückliches, heiteres Temperament. Fromm und fröhlich – gefühlsinnig und thatenfreudig: diese Eigenschaften waren die Hauptmarksteine, zwischen denen das Seelenleben von Schiller’s Lieblingsschwester mitten inne lag und die sie in jeder Lage harmonisch zu verschmelzen verstand.

Zwei Jahre vor unserm Dichter und als ihre Eltern schon neun Jahre kinderlos verheirathet waren, wurde Christophine am 4. September 1757 geboren. Von frühester Kindheit an verband beide Geschwister das Gefühl innigster Zusammengehörigkeit, und Eines konnte sich kaum ohne das Andere denken. Hatten sie doch Beide in dem kleinen Hause der Großeltern von mütterlicher Seite, wo Frau Elisabeth Dorothea Schiller, geborene Kodweis, in der ersten Zeit ihrer Ehe ihre Wochen zu halten pflegte, hatten sie doch im Hause des Löwenwirths zu Marbach das Licht der Welt erblickt und dann in Ludwigsburg, in Lorch, auf der Solitüde bei Stuttgart die Tage der Kindheit mit einander verlebt. Schiller verehrte diese Schwester mit schwärmerischer Liebe. „Wie oft warst Du nicht die Heldin in meinen idealischen Träumen,“ schreibt er ihr am Neujahrstage 1784 von Mannheim. Auf der Solitüde, wo die Verhältnisse des früher nur karg besoldeten Vaters – er war bekanntlich Officier in württembergischen Diensten – sich allmählich besserten, gab es oft gar frohe Zeiten. Ein Fest der Freude aber war es immer, wenn der Bruder von der Karls-Schule herüberkam. Dann wurden häufig dramatische Vorstellungen gegeben und Gegenwart und Zukunft in den Aether der Poesie getaucht: kühne Luftschlösser wurden geplant und die ersten Materialien zu deren Bau herbeigeschafft.

Es herrschte in der Schiller’schen Familie der Ton warmer Kindes- und Elternliebe, und dieses freundliche Verhältniß zwischen den Alten und den Jungen machte namentlich auf das weiche Gemüth Christophinens einen für die Dauer wohlthuenden Eindruck. Sie trug den Eltern unbegrenzte Verehrung entgegen. „Das Beispiel der guten Eltern,“ sagt sie in den im October 1845 von ihr niedergeschriebenen „Notizen über meine Familie“, „ist mir auf meinem langen Lebenswege immer zur Richtschnur geblieben und hat oft in einer Zeit, wo ich mir so viel versagen mußte, meinen Muth erhalten.“ Noch in ihren alten Tagen fragte sie sich bei Allem, was sie unternahm, zuerst, ob ihr Vater es auch wohl würde gebilligt haben.

Christophine war von jeher des Bruders Vertraute gewesen. Als er den Entschluß zur Flucht aus Stuttgart gefaßt hatte, da machte er sie zu seiner Mitwisserin und zu seinem Anwalte bei den Eltern. Sie hat bei diesen seine Sache mit Einsicht und Energie, mit weiblichem Tacte und schwesterlicher Liebe geführt. Nachdem Schiller’s Flucht nach Mannheim gerade in der Nacht von Stuttgart aus in’s Werk gesetzt worden, in welcher der herzogliche Hof die Anwesenheit des Großfürsten von Rußland auf der Solitüde festlich beging (17. September 1782), war es bekanntlich Christophine, durch deren Hand seine gesammte Correspondenz mit dem Elternhause ging. Viel mag sie in dieser Zeit zu vermitteln, durchzukämpfen und auszugleichen gehabt haben, und das immer mehr wachsende und sich befestigende Verständniß der Eltern für die hohen Aufgaben des Sohnes ist gewiß zu einem nicht geringen Theile das Verdienst der treuen Christophine.

Als Schiller Mannheim verlassen und sich nach Bauerbach bei Meiningen zu der Frau von Wolzogen begeben hatte, da bahnte sich auch in dem Leben seiner Schwester eine unerwartete Wendung an, welche für ihre ganze Zukunft entscheidend wurde. Schiller war in Meiningen mit dem Bibliothekar Reinwald, der sich auch als Dichter, namentlich auf dem Gebiete des Humors und der Satire, einen Namen gemacht hatte, bekannt und nach kurzer Zeit sehr vertraut geworden. Reinwald gehörte zu den Ersten, welche den Genius Schiller’s erkannten. Er schrieb am 7. December 1782 in sein Tagebuch: „Heute schloß er mir sein Herz auf, der junge Mann – Schiller – der so früh schon die Schule des Lebens durchgemacht, und ich habe ihn würdig befunden, mein Freund zu heißen. Ich glaube nicht, daß ich mein Vertrauen einem Unwürdigen geschenkt habe, es müßte denn Alles mich trügen. Es wohnt ein außerordentlicher Geist in ihm, und ich glaube, Deutschland wird einst seinen Namen mit Stolz nennen. Ich habe die Funken gesehen, die diese vom Schicksale umdüsterten Augen sprühen, und den reichen Geist erkannt, den sie ahnen lassen.“

Durch einen Zufall lernte Reinwald einen Brief Christophinens an ihren Bruder kennen, und dieses Schreiben wurde die Veranlassung zu einer eifrigen Correspondenz zwischen ihm und der Schwester seines Freundes. In den obenerwähnten „Notizen über meine Familie“ theilt Christophine hierüber mit: „Einst wiederholte mein Bruder Reinwald’s Besuch, aber dieser war über Land gegangen, und er wartete lange auf Reinwald’s Zimmer bis gegen Abend, und endlich zog er seine Brieftasche heraus und las die darin enthaltenen Briefe; unter diesen war auch einer von mir, in dem ich ihm im Auftrage der Eltern schreiben mußte, daß er auch mehr achtsam auf seine Wäsche sein sollte und dergleichen. – Als Reinwald immer noch nicht kam, so ging er verdrießlich fort und ließ seine Brieftasche liegen – endlich kam Reinwald, und seine Hausleute sagten ihm, daß der Herr von Bauerbach lange auf ihn gewartet hätte. Er fand denn also auch die Brieftasche und las die darin enthaltenen Briefe. Wahrscheinlich mochten die Grundsätze der Sparsamkeit, die mein Brief enthielt, ihn bewogen haben, an mich zu schreiben, genug, ich erhielt einen Brief von ihm, wo er mir die Geschichte erzählte und zugleich versicherte, daß er meinem Bruder schon auch dergleichen bemerkt hätte, daß dieser aber jetzt sehr beschäftigt sei, weil er von Göschen sehr gedrängt würde, den Don Carlos zu vollenden, so würde er auch uns nicht viel schreiben können. Er aber könnte uns immer Nachricht geben; mein lieber Vater trug mir auf, Reinwald wieder zu schreiben und ihn zu bitten, fernerhin mit gutem Rathe seinen Sohn zu unterstützen – und so entstand denn ein Briefwechsel, worin immer mein Bruder der Hauptgegenstand war.“

Nachdem Reinwald im Jahre 1784 einen Besuch auf der Solitüde gemacht und sich beim Abschiede die Erlaubniß ausgebeten hatte, die Familie Schiller noch einmal besuchen und den Briefwechsel mit Christophinen fortsetzen zu dürfen, kam er das folgende Jahr wieder und hielt um die Hand des geliebten Mädchens an. „Das war nun freilich eine ernste Frage,“ schreibt Christophine hierüber; „als Freund schätzte ich Reinwald um seiner Rechtschaffenheit und Kenntnisse willen, allein in näherer Verbindung, bei der spärlichen Einnahme, die er als wahrheitsliebender Mann uns redlich gestand, war doch Vieles zu bedenken; auch meine Eltern zu verlassen, den schönen Ort und so Vieles, was ich nachher nie wieder fand.“

Aus Christophinens ganzer Auffassung ihres Verhältnisses zu Reinwald geht klar hervor, daß sie mehr mit dem Verstande oder sagen wir lieber: mit dem Gewissen als mit dem Herzen wählte, indem sie, die Neunundzwanzigjährige, dem zwanzig Jahre älteren Manne (Reinwald wurde am 11. August 1737 zu Wasungen bei Meiningen als der Sohn des dortigen Amtmanns geboren) die Hand reichte. Schiller, obwohl er dem braven Reinwald in inniger Freundschaft und aufrichtiger Hochschätzung zugethan war, konnte den Bund zwischen dem zu hypochondrischen Launen geneigten, kränklichen Manne und seiner lebensfrohen Schwester nicht ohne Besorgniß sich schließen sehen und äußerte sich auch in diesem Sinne gegen die Eltern und Christophinen selbst. Auch die alte Frau Schiller war nicht für die Heirath. Christophine, aber wußte klar, was sie that. Wie ihr ganzes Wesen auf einem durchaus religiösen Grunde ruhte, so ließ sie sich auch bei der Wahl des Gatten von rein religiösen Motiven leiten. Sie war des Glaubens, „daß der Mensch dem lieben Gotte eine besondere Leistung als Beitrag zum Weltganzen schuldig sei, und daß des Menschen Ehre, wie seine Glückseligkeit darin bestehe, zu erkennen und zu erfüllen, was Gott von ihm Besonderes geleistet haben wolle.“ Und in diesem Glauben opferte sie ihr Herz ihrem Gewissen und wurde [331] Reinwald’s Gattin. Die Trauung fand am 22. Juli 1786 in der Dorfkirche zu Gerlingen bei Stuttgart statt.

Diese Ehe war, namentlich in den letzten zwölf Jahren, eine durchaus glückliche, obwohl Christophine oft an den Eigenthümlichkeiten ihres Gatten schwer zu tragen hatte. Die sittliche Kraft ihres Charakters lehrte sie, das mancherlei Trübe und Schmerzliche ihrer kinderlosen Ehe unter beschränkten ökonomischen Verhältnissen und vielerlei Sorgen mit stets heiterer Geduld zu überwinden. „Wie wohl fühle ich mich in meinem kleinen Leben!“ schrieb sie in ihr Tagebuch. „Beseligt durch eine höhere Macht, die in’s tiefste Herz blickt, lerne ich in diesem bescheidenen Loose ein hohes Glück finden.“ Dieser Ausspruch ehrt die edle Frau; denn sie war trotz des ehrenwerthen Charakters ihres Gatten in dieser Ehe nicht auf Rosen gebettet. Reinwald, einer der tüchtigsten Gelehrten seiner Zeit, namentlich als Sprachforscher von Bedeutung, lebte fast nur seinen Büchern und seiner Gelehrsamkeit und verhielt sich gegen die Welt und ihre Freuden meistens ablehnend. So darf es uns nicht wundern, wenn Christophine in heimlichen Briefen an Schiller oft ihr Herz über diese Eigenthümlichkeiten ihres Gatten ausschüttete; namentlich klagte sie häufig darüber, daß Reinwald sie allzu knapp mit Geld versehe, weshalb denn der Bruder ihr oft durch Einsendung kleiner Zuschüsse aus der Verlegenheit half. In einem Nekrologe über Christophine von Hofprediger Dr. Ackermann („Meininger Volksblatt“, 1847, Nr. 40) heißt es unter Anderem, daß Reinwald von dem, was zur Haushaltung und angenehmen Lebensführung gehört, kaum etwas verstanden habe, wie er auch zur Erheiterung und Beglückung seiner jungen Frau sehr wenig geeignet gewesen sei. Geselligen Verkehr habe er nicht geliebt und selbst Frauen vom Umgange mit seiner Gattin fern gehalten, nicht etwa aus Mangel an Liebe für Christophinen, oder weil er ihr keine Freude gegönnt hätte – denn er ehrte und liebte sie sehr – sondern weil er glaubte, einen Gelehrten und Dichter zum Manne zu haben, das reiche schon hin, eine Frau zu beglücken. Er war übrigens, nach dem einstimmigen Urtheile seiner Zeitgenossen, ein überaus achtbarer und sittlich hochstehender Mensch, was auch aus vielen seiner im Schiller’schen „Musenalmanach“ und anderen Blättern veröffentlichten Gedichte hervorleuchtet. Schiller selbst schätzte seinen Schwager sehr und hat ihm bis an sein Ende seine Freundschaft bewahrt. Als Reinwald am 6. August 1815 im achtundsiebenzigsten Lebensjahre starb, betrauerte Christophine ihn tief und innig. Neunundzwanzig Jahre hindurch war er in Liebe und Treue ihr Lebensgefährte gewesen.

Nach dem Tode ihres Mannes verließ Christophine Meiningen und lebte einige Jahre in Schwaben bei ihren Verwandten, namentlich in Marbach, wo sie eine schwere Krankheit durchzumachen hatte. Bereits zu Lebzeiten Reinwald’s hatte sie ihre Heimath mehrmals besucht, wenn wir nicht irren zwei Mal: zuerst mit ihrem Gatten 1789, dann ohne ihn 1796, wo traurige Zustände sie nach der Solitüde riefen. Die Revolutionskriege hatten das württembergische Land mit französischen Marodeurs überschwemmt, und auch die Schiller’sche Familie war mehreren Brandschatzungen ausgesetzt. Dazu kam, daß auf der Solitüde ein gefährliches Fieber ausgebrochen war, dem das jüngste Kind, die neunzehnjährige, liebreizende Nanette, schon am 23. März erlegen war. Als Christophine im April zur Pflege der Kranken im Elternhause eintraf – der Bruder trug die Kosten ihrer Reise – fand sie ihre Schwester Louise (später verheiratet an den Pfarrer Franke – siehe „Gartenlaube“, 1874, Nr. 50 – gestorben 1836 zu Mockmühl) in Lebensgefahr, während der Vater gleichzeitig an der Gicht erkrankt war. Sie sah damals die geliebte Schwester genesen, aber den theuren Vater am 7. September für immer die Augen schließen. Welche Erinnerungen, nicht nur die schmerzlichen an jenes trauererfüllte Jahr, sondern auch die freudigen an ihre poesiedurchwebte Jugend, mußten nicht das Herz Christophinens erfüllen, da sie nun, nach dem Tode ihres Gatten, wieder an den Stätten ihrer Kindheit weilte! Freilich wird in diesen Erinnerungen mehr des Wehs als der Wonne gewesen sein. Ueber wie viele Gräber schwebten ihre Gedanken hin: das Grab des Vaters und der geliebten Schwester Nanette hatte sie in nächster Nähe; in Cleversulzbach ruhte ihre geliebte Mutter, im Cassengewölbe zu Weimar ihr großer Bruder und auf dem Friedhofe zu Meiningen ihr braver Gatte.

Wer so viel des Leids erfahren, zieht sich gern in sich selbst zurück; er meidet den zweifelhaften Wechsel des Lebens und schließt sich mit Vorliebe an das Altgewohnte an. So fühlte denn auch Christophine sich wieder hingezogen zu dem alten stillen Meiningen, wo sie ihres Lebens größten Theil verlebt hatte. Im jahre 1822 kehrte sie in die traute Stadt an der Werra mit einer Freundin, die in Stuttgart ihr Gast gewesen war, zurück und bezog später bei dieser Freundin eine Wohnung, in welcher sie, von einigen kleinen Reisen abgesehen, bis an ihr Ende ein stilles zurückgezogenes Leben geführt hat, ein Leben, welches der Erinnerung der Vergangenheit, aber auch dem ruhig heiteren Genuß der Gegenwart gewidmet war.

Es war eine wahrhafte Idylle des Alters, welche diese herrliche Frau in ihrem kleinen Weltwinkel verlebte. Die Rüstigkeit der Jugend war ihr geblieben, und die „süße Gewohnheit“ des täglichen Lebens erhielt sie gesund und frisch. Von Zeugen der damaligen Zeit wird berichtet, daß man die „Frau Hofräthin“ regelmäßig schon früh am Morgen im saubersten Anzuge am Fenster ihrer im Erdgeschoß gelegenen Stube sitzen und die Vorübergehenden freundlich grüßen sah. Aller ökonomischen Sorgen durch die liebevolle Fürsorge des Herzogs von Sachsen-Meiningen überhoben, munter und kräftig und regen Geistes bis wenige Stunden vor ihrem Ende, umgeben von liebevollen Freunden und Pflegern, freute sie sich trotz ihrer Jahre noch von Herzen des Lebens und war doch jeden Augenblick bereit, von ihm Abschied zu nehmen. „Mein Todestag ist mir lieber als mein Geburtstag,“ pflegte sie oft zu sagen und genoß doch mit heiterem Sinne jede Minute, die ihr das Schicksal noch gewährte; sie fühlte ihre Jahre nicht. Thätigkeit war noch bis zuletzt ihre liebste Freundin. Mechanische Arbeiten wechselten bei ihr mit künstlerischen und geistigen ab: sie fegte täglich selbst ihre Stube aus, machte eigenhändig ihr Bett, sorgte ohne fremde Beihülfe für ihre Garderobe und zeichnete und malte dazwischen Blumen- und Fruchtstücke nach der Natur oder machte sich Auszüge aus interessanten und lehrreichen Büchern. Dabei war ihre Lebensweise eine überaus einfache. „Alles Ueberflüssige, Ueppige, Verweichlichende, Luxuriöse,“ heißt es in dem oben erwähnten Nekrologe, „mochte sie nicht und hielt es fern von sich; ihren Begriffen nach war Vieles überflüssig und verwöhnend, was Andern für ganz unentbehrlich galt. – In größere Gesellschaften ging sie nicht: bei Zweien und Dreien, und wo Alles einen ungezwungenen, ungekünstelten, herzlichen Ton und Zuschnitt hatte, fühlte sie sich am wohlsten. Dem Volke und allen den Lebenskreisen, in denen Sitteneinfalt, Natürlichkeit, Unverschrobenheit und Aufrichtigkeit herrschten, war sie von ganzer Seele zugethan. – Es ist außerordentlich, wie viel Gutes die Verewigte im Stillen gethan hat; bei allen Gelegenheiten, wo es einen edlen und schönen Zweck zu fördern galt, war sie unter den willigen und fröhlichen Gebern stets voran. – Sie hatte sich redlich erworben, was sie in ihrem Tagebuch als das Beste bezeichnete, das sich der Mensch in diesem Leben erwerben könne, nämlich ein ruhiges Zurückschauen auf die Vergangenheit.“

Wie über ihrem ganzen Leben, so schwebte auch über Christophinens letzten Jahren verklärend und erhebend das Andenken an ihren großen Bruder. Aber ihrem bescheidenen, stillen Sinne lag nichts ferner, als in Schiller’s Ruhmesglanze sich selbst zu sonnen und mit seiner Größe zu prunken. Aus eigenem Antriebe sprach sie nur selten von ihm; wenn aber die Rede auf ihn kam, dann leuchteten ihre Augen in jugendlichem Feuer und die Freude über den Herrlichen röthete ihre Wangen.

Ihr Ende war ein sanftes und schnelles. Am Nachmittage des 30. August 1847 erfreute sie sich noch im Theatergebäude an einem dort ausgestellten neuen Bilde. Als sie sich am Abend unwohl fühlte, begab sie sich frühe zu Bett und gestattete, daß eine Wärterin die Nacht über neben ihrer Schlafkammer wache. Ruhig vergingen diese letzten Stunden im Leben der edlen Frau; nur daß sie einige Male über Bangigkeit klagte und das Vaterunser betete. Gegen Morgen fand man sie todt im Bette. Ein Schlagfluß hatte ihrem Leben wenige Tage vor ihrem neunzigsten Geburtstage ein Ende gemacht. Im Tode soll sie ihrem Bruder sehr ähnlich gesehen haben. Daß dies aber im Leben kaum der Fall gewesen sein kann, dafür dürfte das diesen Zeilen beigegebene Portrait Christophinens sprechen, dessen [332] lebensgroßes Original, von Ludovika Simanoviz in Oel ausgeführt, sich im Besitze des Herrn Karl Krieger zu Möckmühl in Württemberg befindet; es stellt Schiller’s Schwester, noch jugendlich und mädchenhaft, in weißem Anzuge mit blauem Besatze und lockigem, von einem himmelblauen Bande durchflochtenem Haare dar. Unser Holzschnitt ist nach einem Stahlstiche wiedergegeben, welcher das jüngst erschienene schätzenswerthe Buch „Schiller’s Briefwechsel mit seiner Schwester Christophine und seinem Schwager Reinwald, herausgegeben von Wendelin von Maltzahn“ (Leipzig, Veit u. Comp.) ziert. Diesem vortrefflichen Werke des bekannten Lessingherausgebers, das allen Schillerverehrern hiermit auf’s Wärmste empfohlen sein möge, verdanken wir auch zum größten Theil die oben mitgetheilten Einzelheiten aus dem Leben dieser liebenswürdigen Frau. Maltzahn empfing die Briefe meistens schon im Jahre 1858 von der am 25. November 1872 verstorbenen Freifrau Emilie von Gleichen-Rußwurm, der jüngsten Tochter Schiller’s (siehe Gartenlaube 1874, Nr. 43).

Nicht weil Christophine die Schwester Schiller’s war und weil sein erlauchter Name ihr Leben verklärte – denn das war ein Geschenk des blinden Glücks – nein, weil sie zu ihrem Theil dazu beitrug, daß unser Schiller das wurde, was er zu unser Aller Heil geworden, weil sie, Geist von seinem Geiste, mit ihm strebte und kämpfte, mit ihm bangte und litt und in sanfter Weiblichkeit und zarter Seeleninnigkeit den gewaltigen, oft unbändigen Genius in ihm erziehen half – weil sie das Alle that in Stille und Einfalt und ohne sich ihres reichen Antheils an der Größe ihres Bruders bewußt zu werden, darum wird Christophine im Andenken ihrer Nation fortleben als eine der besten unter den deutschen Frauen, deren köstlichste Merkmale immerdar diese zwei waren: fromme Sitte und Bescheidenheit.