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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[815]

No. 51.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Ein Meteor.


Von E. Werber.


(Schluß.)


„Mariana sagte dies in einem so natürlichen Tone voraus, daß ich erschrak. Ich wollte es sie nicht merken lassen und rief lächelnd: ‚Wie können Sie nur eine so krankhafte Idee haben?‘ Da sie mir nicht antwortete, drang ich in sie und fragte, ob sie denn noch immer am Fieber leide.

‚Es ist nicht des Fiebers wegen,‘ sagte sie. ‚Vielleicht hilft das zum Ende, allein ich werde nicht eigentlich daran sterben.‘

Ich legte Pinsel und Palette nieder und sah Marianen voll und ernst in’s Auge. ‚Sagen Sie mir, was es ist und wie Sie zu diesem unseligen Traume gekommen sind!‘ bat ich.

Sie hörte auf, zu malen und sagte: ‚Als ich fünfzehn Jahre alt war und wieder einen starken Fieberanfall hatte, schickte mich mein Vater mit der Frau, die meine Amme gewesen war, in die Berge. Es lagerte dort eben eine Bande Zigeuner. Das malerische Treiben dieser Leute hat stets einen großen Reiz für mich gehabt; ich ging daher oft mit Christina, meiner Amme, auf’s Feld, wo die Zigeuner ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Eines Tages, als wir wieder die Zigeuner besuchten und ich Nüsse und Trauben unter die Kinder vertheilte, nahm Christina eine alte Frau aus der Bande zur Seite und sprach leise mit ihr. Die Frau ging mit uns nach Hause; meine Amme wollte, wie sie mir sagte, ihr alte Leinwand geben. Ich war nach meinen Spaziergängen immer so ermüdet, daß ich mich schlafen legen mußte. Auch diesmal legte ich, zu Hause angekommen, mich auf’s Bett, um zu schlafen. Ich schloß meine Augen; allein ich schlief nicht ein. Mit einer Art von Wohlbehagen hörte ich die Schwalben vor den Fenstern zwitschern und die zwei Frauen im Zimmer nebenan leise sprechen, Ich hörte auch eine Schieblade knarren und dachte bei mir: jetzt giebt Christina der Zigeunerin die Leinwand. Dann hörte ich das Gluckern einer Flüssigkeit und dachte: jetzt giebt Christina der Zigeunerin ein Glas Wein. Ich war vollständig wach, allein ich konnte mich nicht rühren, nicht einmal die Augen öffnen, und meine Gedanken gingen langsam und wie in der Dämmerung. Nach einiger Zeit öffnete sich die Thür meines Zimmers, und leise Schritte näherten sich meinem Bette. Ich fühlte, daß Christina sich über mich beugte; dann hörte ich sie flüstern: ‚Sie schläft.‘ Und nun nahm sie vorsichtig meinen Arm, der an der Seite des Bettes herabhing, und drehte ihn langsam, bis die innere Fläche meiner Hand nach oben lag. Ich fühlte instinctmäßig, daß sie meine Hand der Zigeunerin hinhielt und daß mir diese daraus wahrsagen werde. Kühle Finger, welche nicht die Christina’s waren, legten sich leise auf die meinigen und drückten sie sanft herab. Dann sagte die Zigeunerin nach einer Weile: ‚Armes Kind! Die Lebenslinie ist durchschnitten. Das Kind stirbt in seinem zwanzigsten Jahre an einer Wunde in der Brust, an einer im Herzen und an seinen eigenen Gedanken.‘ ‚Jesus Christus!‘ stöhnte Christina. Als die Frauen hinausgegangen waren, richtete ich mich gewaltsam auf, um mich zu überzeugen, daß ich wachte. Ich hörte Christina schluchzen und sah durch’s Fenster die Zigeunerin dem Felde zuschreiten.‘

Hier schwieg Mariana und malte ruhig weiter. Ich war nicht abergläubisch und ich hatte die Ueberzeugung, daß Mariana es auch nicht war. Hätte ein anderes Mädchen mir diese Geschichte erzählt, so würde ich nur abgeschmackten Aberglauben oder sentimentale Coquetterie darin gefunden haben; allein daß die ernste, verständige, groß denkende Mariana dieser Voraussage unbedingten Glauben schenkte, dies machte mich schauern, ich gestehe es. Ich fragte sie, ob sie die Zigeunerin später nicht wieder gesehen habe.

Sie antwortete: ‚Doch; sie wollte mir aber nichts Genaueres sagen. Ich bin gefaßt, zu sterben. Manchmal thut es mir leid, daß ich so jung aus dem Leben gehen soll; allein ich sage mir dann, daß nicht die Länge des Lebens das Leben ausmacht. Auch bin ich Niemand auf dieser Erde unentbehrlich.‘

Ich wollte ‚doch!‘ rufen – aber ich bezwang mich und sagte: ‚Wie? und Ihr Bruder?‘

‚Mein Bruder!‘ rief sie. ‚Mein Bruder ist ein finsterer Mensch, dem ich zur Last bin. Ich wohne viel mehr in seinem Gewissen, als in seinem Herzen.‘

‚Weiß Ihr Bruder, daß ich Sie unterrichte?‘ fragte ich.

‚Nein,‘ antwortete sie fest.

‚Soll er nichts davon wissen?‘ fragte ich wieder.

Sie zögerte einen Moment, dann sagte sie: ‚Es ist besser, daß er es nicht weiß.‘

Ich fragte sie, ob er die Stiftsherren von Constantin noch immer hasse. Sie blickte mich groß an und erwiderte: ‚Der Haß eines Dalmatiers stirbt nicht; er vererbt sich bis in’s siebente Glied.‘

Als sie nach diesem Gespräche aufstand, um zu gehen, kam mir ein Gedanke. Die Art, nach welcher die Zigeuner aus der Hand wahrsagen, war mir bekannt; ich wollte Mariana’s Hand, scheinbar zum Scherze, betrachten.

[816] ‚Geben Sie mir Ihre Hand! Ich will Ihnen auch wahrsagen,‘ sagte ich zu ihr. Sie reichte sie mir hin.

Die Hand, äußerlich mattweiß, war auf der inneren Fläche zart geröthet wie ein Rosenblatt. Diese Röthe folgte genau der Zeichnung der Hand bis zu den Fingerspitzen. Es sah aus, als ob sie mit Rosenblättern gefüttert wäre. Ich weiß nicht, ob Sie sich den Reiz einer solchen Hand vorstellen können?“ fragte Bodiwil.

Ich nickte mit dem Kopfe.

Bodiwil fuhr fort: „Kaum hatte ich diese Hand in die meinige gelegt, als ich vergaß, warum ich es gethan. Es war mir, als hielte ich Mariana’s Seele in meiner Hand. Das Mädchen sah es, und obschon selbst bewegt – ihre Hand zitterte in der meinen – sagte sie: ‚Sie wollten mir wahrsagen, nicht wahr?‘

Ich hatte nicht den Muth, ihre Hand zu prüfen. Ich sagte: ‚Es war nur Scherz; ich verstehe mich nicht auf Zigeunerkünste. Ich wollte Sie nur bitten, nachzudenken, zu welchem Zwecke die Natur unser Schicksal in unsere Hand gegraben hätte. Etwa, damit wir es erfahren, wenn wir zufällig einer Zigeunerin begegnen? Und zu was trügen diejenigen Menschen, welche der Zigeunerin nicht begegnen, ihr Schicksal in den Linien der Hand? Versprechen Sie mir, darüber nachzudenken!‘

‚Ich hatte Unrecht, es Ihnen zu erzählen – denken Sie nicht mehr daran!‘ bat sie.

Von diesem Tage an war es, als wären wir uns schweigend um einen Schritt näher gekommen. Ich nahm mich jetzt weniger zusammen: oft überraschte sie mich, wie ich müßig zu ihr hin schaute; wenn sie ging, gaben wir uns jedesmal die Hand, und ich glaubte zuweilen zu fühlen, daß Mariana dabei von einem leisen Zittern ergriffen wurde. Aber die Lippen schwiegen, die ihren und die meinen. Es war in diesem stummen Kampfe etwas Süßes und etwas Entsetzliches.

Mariana’s Eifer ließ jetzt auch nach. Sie brachte stets seltener Zeichnungen von Hause mit, und auch bei mir saß sie oft müßig und zerstreut vor der Staffelei. Dies beunruhigte mich; ich fürchtete, sie fühle sich krank, und suchte sie auszuforschen. Sie, die immer meine Gedanken errieth, sagte: ‚Nein, ich bin nicht krank; allein, da ich doch nicht mehr lange genug leben werde, um etwas Tüchtiges leisten zu können, warum soll ich so viel arbeiten?‘

Diese Aenderung in ihrem Wesen beängstigte mich. Ich fragte mit schlecht verhehlter Bestürzung, ob sie den Unterricht aufgeben wolle.

‚Aufgeben? Wie meinen Sie das?‘ fragte sie, mich erstaunt anblickend.

‚Nicht mehr her zu mir kommen –‘ sagte ich mit gepreßter Stimme.

‚Nicht mehr her zu Ihnen kommen?‘ rief sie, vom Stuhle aufstehend und beide Hände auf die Brust drückend. ‚Was sollte dann aus mir werden, wenn ich nicht mehr her zu Ihnen käme? – Mein Gott! Mein Gott!‘

Mir flimmerte es vor den Augen, als ich sie so reden hörte, und das Blut schoß mir in Wogen zum Herzen. Ich erfaßte ihre Hände; sie entriß sie mir und schlug sie vor das Gesicht.

‚Mariana, haben Sie Erbarmen mit mir! Ich wollte Ihnen nicht wehe thun,‘ rief ich außer mir. Sie sank sprachlos in einen Stuhl. Meiner nicht mehr mächtig, stürzte ich zu ihren Füßen und rief ihren Namen.

In diesem Augenblicke schellte es an der Hausthür. Es waren zuweilen Besuche gekommen; ich hatte Mariana immer unbefangen als meine Schülerin vorgestellt. In diesem Augenblicke aber konnte ich sie den Blicken Fremder nicht preisgeben.

Ich nahm sie auf meine Arme und trug sie in das an das Atelier stoßende Zimmer, wo ich sie zu bleiben bat, bis ich zurückkäme. Ihren Hut und Mantel, welche auf einem Stuhle im Atelier lagen, deckte ich mit einem Teppiche zu. Der Bediente meldete mir einen Fremden; ich ließ ihn bitten, einzutreten. Er war jung, groß gebaut und von schöner, aber finsterer Gesichtsbildung.

‚Sie kennen mich nicht?‘ fragte er.

Ich verneinte höflich.

‚Mein Name ist Julian Santorin; ich komme, meine Schwester nach Hause zu führen,‘ sagte er.

‚Seien Sie mir willkommen!‘ versetzte ich. ‚Ihre Schwester hat mein Atelier heute früher als gewöhnlich verlassen; ich bedaure, daß Sie sich umsonst zu mir bemüht haben.‘

‚Ich bin entschlossen, den Unterricht meiner Schwester abzubrechen,‘ sagte Santorin. ‚Es verträgt sich mit den Verhältnissen und meinen Gefühlen nicht, daß Mariana Santorin Unterricht bei einem Stiftsherrn von Constantin nehme. Wenn Sie den richtigen Tact besäßen, so hätten Sie meine Schwester nicht als Schülerin angenommen.‘

Ich war tief verletzt. ‚Mein Herr,‘ sagte ich, ‚ich bin nicht gewöhnt, Zurechtweisungen von Menschen, die ich nicht kenne, anzunehmen; ich weise daher mit Entschiedenheit Ihre Bemerkung zurück.‘

‚Sie kennen doch den Haß der Santorin?‘ fragte er höhnisch.

‚Der Haß ist mir keine Pflicht, wie er es Ihnen zu sein scheint,‘ erwiderte ich. ‚Die Stiftsherren von Constantin erinnern sich der Santorin’schen Gewaltthätigkeiten nicht mehr. Ihre Schwester ist eine geniale Erscheinung, deren wunderbare Fähigkeiten zu fördern ich mit Freuden übernahm. Name und Verhältnisse fallen vor der Kunst in Nichts zusammen.‘

Santorin maß mich mit drohendem Blicke und sagte: ‚Es sind vielleicht zehn Jahre her, daß ich meinen Hund auf den Stiftsherrn Bodiwil hetzte, weil er meine Schwester auf den Armen getragen hatte. Damals war ich ein Knabe, heute bin ich ein Mann. Ich will nicht, daß Mariana Santorin die Schülerin und Freundin des Stiftsherrn Bodiwil sei. Verstehen Sie mich? Des Knaben Waffe war ein Hund; des Mannes Waffe ist ein Messer. Erwarten Sie meine Schwester nicht mehr!‘

‚Ich erwarte den freien und selbstständigen Entschluß Ihrer Schwester,‘ sagte ich ruhig.

Santorin biß sich auf die Lippen und sprach: ‚Meine Schwester hat keinen freien und selbstständigen Entschluß zu treffen; ich bin ihr älterer Bruder und ihr Vormund.‘

Ich entgegnete: ‚Die Vormundschaft hat kein Recht, den freien Willen eines vernünftigen Wesens zu knechten; ihre erste Pflicht ist: Humanität.‘

‚Pfäffische Feinheiten sind nicht meine Sache,‘ sagte Santorin mit häßlichem Lächeln; ‚ich bin ein Dalmatier. Meine Sprache ist ein Messer in der Scheide, und wer mich nicht verstehen will, dem zeige ich das Messer ohne Scheide.‘

‚Ich meinerseits verstehe diese Banditensprache nicht,‘ versetzte ich, ‚und da wir uns gegenseitig nicht verstehen, so ist es besser, daß wir unser Gespräch abbrechen. Sollten Sie je mit friedlicheren und würdigeren Gesinnungen meine Schwelle wieder betreten, so werde ich Ihnen mit Freuden meine Hand reichen.‘

Santorin erhob seinen Arm und rief: ‚Meine Hand soll verfaulen, wenn sie je vergißt, was sie der Rache schuldig ist.‘ Mit diesen Worten ging er hinaus und schlug die Thür heftig hinter sich zu. Ich wartete, bis er das Haus verlassen und ich seine Schritte im Garten hörte, dann wandte ich mich, um zu Mariana zu gehen.

Sie stand auf der Schwelle des Ateliers, bleich, entschlossen, kühn, wie ich sie nie gesehen hatte. ‚Ich habe Alles gehört,‘ sagte sie. ‚Es war nicht Feigheit, was mich zurückhielt, sondern die Gewißheit, daß Blut fließen würde, wenn mein Bruder mich aus Ihren Zimmern kommen sähe.‘

,Mariana,‘ sprach ich heftig kämpfend, ‚ich verliere viel, ich verliere Alles, wenn ich Sie aufgebe; aber ich thue es dennoch. Ihr Bruder ist der Stärkere, und ich will nicht, daß Sie meinetwegen leiden. Ich bitte Sie, kommen Sie nicht mehr – sagen Sie mir Lebewohl!‘

‚In Ewigkeit nicht!‘ rief sie entschlossen und feierlich. ‚Ich will, wenn es sein muß, mit meinem Leben das einzige Recht meines Herzens behaupten. Bodiwil – ich saß lange in Stille und Gram und wollte das himmlische Feuer mit meinen Thränen ersticken; ich habe Unrecht an Gott, an Ihnen und an mir selbst gethan. Ich weiß, Sie haben nicht zu mir gesprochen, weil Sie ein Mönch sind; darum, und weil ich nicht mehr lange leben werde, will ich sprechen. Bodiwil – ich will nicht Gott aus Ihrem Herzen reißen; ich will nicht Ihr Gelübde lockern; ich will nicht Ihre geweihten Finger beflecken – aber ich sage Ihnen, daß ich Sie liebe, mächtig, unerschütterlich, ewig.‘

Ich riß Marianen an mich und wünschte, daß in diesem seligen Augenblicke ein jäher Tod unser Leben enden möge.“

[817] Bodiwil schwieg hier und drückte sein Angesicht in das Kissen, auf dem Mariana’s sterbendes Haupt gelegen. Ich überließ ihn einige Zeit sich selbst; dann richtete ich ihn auf. „Reden Sie weiter!“ bat ich, „erschöpfen Sie sich ganz. Es wird Ihnen wohl thun.“

„Am nächsten Morgen,“ fuhr Bodiwil fort, „kam sie zur gewöhnlichen Stunde. Sie erzählte mir, daß sie eine Unterredung mit ihrem Bruder gehabt, in welcher sie ihm erklärte, daß es ihr Wille sei, den Unterricht bei mir fortzusetzen, und daß ihr Wille unbeugsam sei. ‚Warum mußt Du gerade bei Bodiwil lernen?‘ fragte er sie. Sie sagte ihm, ich sei der einzige Lehrer, welcher sie nach ihrer eigenen Gefühlsweise malen lasse. Dann fragte er sie, warum sie denn überhaupt noch lernen wolle, da sie doch bald sterben zu müssen glaube. Sie antwortete ihm: ‚Deine Leidenschaft ist die Jagd; die meinige ist, eine geistige That zu thun, ehe ich sterbe.‘ Als er ihr zum Vorwurf machte, daß sie den Haß ihres Vaters und ihres Bruders zu wenig ehre, und hinzusetzte: ‚Vielleicht empfindest Du für den Stiftsherrn von Constantin das Gegentheil von Haß,‘ antwortete sie ihm: sie sei nicht verpflichtet einen Haß zu ehren, den sie für höchst ungerecht halte. Als sie ihn noch immer unbeugsam fand, erklärte sie ihm, daß, sollte er sich eine Gewaltthätigkeit gegen sie erlauben, sie sich unter den Schutz des Gerichtes stellen werde. ‚Verheirathe Dich, schmiede Dein Eisen und laß mich ruhig sterben!‘ sagte sie ihm. Er verließ sie, einen Fluch zwischen den Lippen murmelnd. Von diesem Tage an fühlte ich, daß die Zigeunerin wahr gesprochen hatte, und ich sah das Schicksal heran kommen.

Mariana las stets meine Gedanken; oft sagte sie: ‚Warum denkst Du immer daran und quälst Dich damit? Laß das Unvermeidliche doch ruhig heran kommen!‘ Oft auch klammerte sie sich an mich und sagte: ‚Hör’ auf zu arbeiten, sieh mich an, sprich mit mir! Je mehr Dein Herz von mir erfüllt ist, desto seliger sterbe ich, denn ich bin und bleibe dann in Dir.‘

Mein Urlaub ging indeß zu Ende; gleichzeitig näherte sich der Hochzeitstag Santorin’s. Mariana und ihre künftige Schwägerin waren sich nicht sympathisch. Mariana gab ihrem Bruder gegenüber vor, nach Italien zu gehen, um sich in der Malerei weiter auszubilden; in Wahrheit aber wollte sie nach Dalmatien zurückkehren und sich in der Nähe des Stiftes niederlassen. Ich besuchte Mariana nie in ihrer Wohnung in W., des Bruders wegen. Sie kam täglich, beim heftigsten Regen und in der grimmigsten Kälte. Oft waren ihre Hände und Füße, wenn sie kam, so kalt und steif, daß sie eine Stunde brauchte, um sich zu erwärmen. Gegen Ende des Monats März kam eines Morgens statt ihrer selbst ein Brief. Sie schrieb mir, sie habe sich stark erkältet und werde wohl für einige Tage nicht ausgehen können. Ihr Bruder gehe am Nachmittage des nächsten Tages auf die Jagd; sie bitte mich, Abends zu ihr zu kommen.

Meine Folter während der beiden Tage war grenzenlos. Die Zeit schien stille zu stehen. Gott, wie war es lange bis morgen Abend! Endlich kam die Stunde. Ich flog zu Marianen. Es war viel Schnee gefallen und fiel noch. Menschen und Pferde gingen geräuschlos, und nur das Klingeln eines Schlittens war zuweilen zu hören. Es war alles so still, so weiß, so weich. Es war etwas süß Einlullendes in den Flocken, wie sie dicht und unaufhaltsam herab kamen. Ich hatte ein Gefühl von Wonne, die mir neu war. Wie ein Trunkener hielt ich mich an der Pforte ihres Hauses, ehe ich die Klingel zog. Eine Frau, Mariana’s Amme, öffnete mir und führte mich, nachdem ich ihr meinen Namen genannt, in Mariana’s Wohnstube. Als ich eintrat, flog Mariana mit einem Schrei vom Lehnstuhle, in welchem sie gesessen, in meine Arme. Mir schwanden die Sinne; nur zwei Dinge fühlte ich noch: Mariana’s seidene Hand, die mir sanft über Stirn und Wangen glitt, und ihr Herz, das ungestüm gegen meine Brust klopfte. Als ich zu mir selbst kam, saß sie im Fauteuil, und ich lag auf den Knieen vor ihr. Das röthliche Licht einer Lampe fiel auf ihr Gesicht, welches eine Glückseligkeit ausdrückte, die ihr eine übermenschliche Schönheit verlieh. Lassen Sie mich schweigen von dieser Stunde, aber hören Sie ihr Ende, ihr schreckenvolles, unseliges Ende!

Mariana’s Wohnung lag im Erdgeschosse; darüber waren zwei Stockwerke, von Leuten bewohnt, die Mariana nicht kannte. Wir plauderten selig; plötzlich hörte ich, daß die Hausthür von außen geöffnet wurde. Erschrocken fuhr ich auf. Mariana sagte beruhigend: ‚Es ist Jemand von Oben; es geht uns nichts an‘; sie schlang ihren Arm um meinen Hals und legte meinen Kopf an ihre Schulter. Im Vorzimmer saß Christina, allein. Da sie die Nacht zuvor bei Mariana gewacht hatte, war sie eingeschlafen und hörte nicht, daß Einer eintrat. Auch trat er vorsichtig ein und leise wie eine Katze, denn wir selbst hörten ihn nicht. Mit einem Male öffnete sich die Thür zu Mariana’s Zimmer, und Julian Santorin stand vor uns. Ich sprang auf; Mariana blieb ruhig in ihrem Fauteuil sitzen, den Blick fest auf ihren Bruder geheftet. Dieser sagte mit kaltem Lächeln: ‚Mariana Santorin bezahlt dem Stiftsherrn die Lectionen mit süßer Münze.‘

Ich versetzte: ‚Der Stiftsherr läßt sich seine Lectionen mit keinerlei Münze bezahlen; allein er nimmt sich die Freiheit, seine kranke Schülerin zu besuchen –‘

‚Und ihr die am Morgen versäumte Lection am Abend zu geben,‘ fiel mir Santorin höhnisch in’s Wort.

Christina kam herbei und wollte Santorin beschwichtigen; er schob sie rauh zur Seite. Mariana erhob sich, that einen Schritt gegen ihren Bruder und fragte: ‚Warum ist Julian Santorin nicht auf die Jagd gegangen, wie er vorgab?‘

‚Weil er ein Wild hier in der Nähe witterte,‘ sprach er, einen drohenden Blick auf mich werfend.

‚Ich glaubte nicht,‘ versetzte ich, ‚daß ein ehrlicher Jäger das Wild bis in das Zimmer einer kranken Frau verfolgen würde.‘

‚Ein Santorin jagt, wo er will,‘ rief Julian, indem er ein Jagdmesser unter seiner Weste hervorzog und auf mich zustürzte. Mariana, schneller als er, warf sich zwischen ihn und mich; aber der vor Wuth Unsinnige stach ihr sein Messer in die Brust. Als Mariana aufschrie, that er über ihre Schulter hinweg einen Stich in meinen Arm. Christine riß ihn zurück; er taumelte, und das Messer entfiel seiner Hand. Sie hob es auf und wollte Mariana hinwegtragen. Allein jetzt geschah etwas, was ich heute noch für unmöglich halten würde, hätte ich es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen. Vom Fieber und vom Heldenmuthe mit doppelter Kraft beseelt, umfaßte Mariana ihren Bruder mit beiden Armen und trug ihn durch zwei Zimmer hindurch in seine Schlafstube, wo sie ihn einschloß. Dann rief sie ihm durch die Thür zu: ‚Julian Santorin, Du weißt, daß, wenn einem Dalmatier der Schimpf geschah, von einer Frau auf den Armen hinweg getragen zu werden, so darf er mit dieser Frau nichts mehr gemein haben und muß sie meiden, bis an sein Ende, wäre sie auch seine Mutter, seine Schwester oder Frau.“

Santorin brüllte und schlug mit der Faust auf den Tisch. Mariana war von Blut übergossen; sie ließ sich von mir auf ihr Bett tragen, wo sie bewußtlos zusammenbrach. – Sie hatte jetzt die Wunde in der Brust; die Wunde im Herzen hatte sie auch – ich fühlte das Ende kommen. – –

Ihre Wunde war nicht tödtlich, aber schwierig. Vierzehn Tage nach diesem Ereignisse stand sie zum ersten Male auf, obschon das Fieber sie noch nicht verlassen hatte. Santorin hatte am Tage nach dem schauderhaften Ereignisse das Haus verlassen und ließ nichts von sich hören; wir vermutheten ihn in Mähren.

Mariana war von jetzt an wie verwandelt. Sie sprach mehr und schwungvoller als früher, und in ihrer Stimme zitterte eine hinreißende Innigkeit. Sie war wie ein junger Adler, dem die Flügel wachsen und der die Stunde kommen fühlt, wo er der Sonne entgegenfliegen wird. Die Gedanken über Kunst, Liebe und Ewigkeit strömten ihr so reichlich zu, daß sie täglich schrieb, um sich zu erleichtern, wie sie sagte. Sie gab mir jeden Abend, was sie den Tag über geschrieben hatte. Es war sie selbst: voll Geist und voll Empfindung, groß, feurig und tiefsinnig; es war anders, als alles Andere, was ich kannte. Sie zog mich in ihre wunderbare Atmosphäre; ich ward darin ein Gott – heute bin ich ein Bettler. –

Mein Urlaub war zu Ende; eine Trennung von vier Wochen war unumgänglich nothwendig, da der Arzt erklärte, Mariana könne eine Reise nicht eher wagen. Am Abend vor meiner Abreise sagte Mariana:

‚Höre mich, Bodiwil! Wüßte ich nicht, daß ich bald sterben werde, so würde ich Dir nicht nach Dalmatien folgen. Ich würde Dir sagen: Brauchst Du mich zu Deinem Glück, so mache Dich frei, brauchst Du mich nicht, so bleibe ein Mönch und [818] meide mich! Aber da ich bald sterben werde, soll nichts Gewaltsames geschehen.‘

Der Abschied war hart. Die sonst so starke Mariana zerfloß in Thränen; mir brach fast das Herz. Als ich auf der Straße stand, war es mir, als hätte ich mich von mir selber losgerissen und sei nur mein Schatten.

Es war im April, als ich W. verließ. Laue Winde brausten durch’s Land; die Bäume knospeten; vollgesogene Wolken ließen große Tropfen auf das sprossende Gras herabfallen. Diese sehnsüchtige, drängende Natur erweckte in mir eine solche Verzweiflung, daß mein ganzes Wesen ungestüm zu Marianen zurücktrieb. Hundertmal war ich im Begriffe, aus der Postchaise zu springen und über die Berge und durch die Haide zu ihr zurückzulaufen. Vier Wochen ohne Marianen leben, vier Wochen! Der Gedanke warf mich fast nieder. –

Meine Ankunft im Stifte wurde gefeiert; es war mir lästig, denn ich sollte eine Freude zeigen, die ich nicht empfand.

Mariana’s Amme hat einen unverheiratheten Bruder, dem dieses Häuschen gehört. Er willigte ein, Mariana und seine Schwester aufzunehmen. Mariana und ich schrieben uns täglich; unsere Briefe gingen durch die zuverlässige Hand von Christinens Bruder. Man war im Stifte gewöhnt, öfters Bauern zu sehen, welche mir Pflanzen und Insecten brachten. Unter diesem Vorwande kam Christinens Bruder zu mir, auch dann noch, als Mariana angekommen war, denn da wir uns nicht täglich sehen konnten, schrieben wir uns häufig. Zehn Tage nach meiner Ankunft im Stifte schrieb mir Mariana, daß ich keinen Brief mehr an sie abschicken solle, da sie in fünf Tagen abreisen werde. Sie sei wohl und könne nicht länger mehr die Trennung ertragen. Freude und Angst durchzuckten mich. War es nicht gefährlich, die Reise schon so früh zu wagen? Ich stelle mir noch jetzt täglich, stündlich die Frage, ob Mariana nicht noch leben würde, wenn sie der ärztlichen Vorschrift gehorcht hätte. Wäre sie nicht gänzlich zu retten gewesen, wenn nicht der unselige Glaube an ihren nahen Tod sie jede Vorsicht hätte für unnütz ansehen lassen? Das sind Dinge, welche nicht zu ergründen sind.

Mariana kam. Um alles Aufsehen zu vermeiden, hatte sie in D. die Postchaise verlassen und eine Landkutsche genommen, mit der sie spät Abends hier eintraf. Ich lauschte im Stiftsgarten unter den Kastanien, von wo man dieses Häuschen sieht.

Als der Wagen unten am Stifte vorbeirollte, drohten mir die Kniee zu brechen, und in einer Art süßen Wahnsinns glaubte ich das Rollen der Räder zu hören, als es längst in der Ferne verhallt war. Dann nahm ich mein Fernrohr an’s Auge und bohrte meinen Blick in die Finsterniß.

Ich hatte stets die Gewohnheit einsamer Spaziergänge und konnte daher drei- bis vier- oder auch mehrmal wöchentlich Mariana besuchen, ohne Verdacht zu erwecken. Dieses Haus war unserm Geheimnisse günstig; denn man kann, wie Sie wissen, anstatt von der Straße den Hügel hinanzusteigen, von hinten durch den Tannengrund das Haus erreichen, ohne gesehen zu werden, da die Tannen bis an den Gemüsegarten heraufgehen.

Lassen Sie mich schweigen über unser Wiedersehn!“

Bodiwil ging jetzt im Zimmer auf und ab, jeden Gegenstand mit andächtigem Blicke betrachtend. „Dieses Buch hat ihre Hand berührt,“ sprach er; „auf diesem Bilde hat ihr Blick geruht; diesen Teppich hat ihr Fuß gestreift; auf diesem Kissen hat ihr Haupt geruht; aus diesem Glase hat ihr Mund getrunken – Heinrich, sagen Sie mir, ist es möglich, daß sie ganz todt ist? – Alles soll so bleiben bis an mein Ende. Dieses Zimmer ist mein, und Niemand hat das Recht, etwas darin zu berühren. Ich will, daß ihr Odem, der noch in dieser Luft sich wiegt, nicht verwehe; ich will etwas Körperliches von ihr behalten.“

Bodiwil setzte sich wieder und stützte den Kopf in beide Hände.

„Erzählen Sie weiter, erzählen Sie mir Alles!“ bat ich.

„Alles!“ rief er bitter. „Ich habe nichts mehr zu erzählen; die Geschichte ist aus.“

„Aber an was starb sie denn?“ fragte ich.

„Die Zigeunerin hat es gesagt. – Als Mariana hierher kam, war sie, kleine abendliche Wundfieber ausgenommen, wohl. Allein schon nach wenigen Tagen wurden diese Fieber stärker, und nach vier Wochen kam das Sumpffieber hinzu. Der herbeigerufene Arzt verordnete ihr Bergluft. ‚Es ist Alles umsonst,‘ sagte sie zu mir, ‚ich werde sterben, und wenn ich auch in die Alpen gehe; ich fühl’s – ich weiß es. Ich will keine Woche, keinen Tag in unnützer Trennung von Dir verlieren. Ein Leben fern von Dir ist auch ein Tod. Warum soll ich dem einen entfliehen, um dem andern in die Arme zu sinken? Die Trennung würde mein Ende nur beschleunigen.‘

Sie wollte nicht gehen und klagte bitter, so oft ich davon sprach. Sie sah dem Tode ruhig entgegen, von der Ueberzeugung ausgehend, daß es ihr Schicksal sei. War es ihr Schicksal? Hat die Zigeunerin wahr gesprochen? Zeichnet die Natur unser Schicksal in unsere Hand? Sind wir zu dem oder jenem Ende vorausbestimmt? – Ich erinnere mich, daß der Fürst Ap., als Mariana eine Isis vollendet hatte, das Bild lange betrachtete und dann zu mir sagte: ‚Wenn ich Jemanden kenne, der mehr Genie hat als Sie, Bodiwil, so ist es Mariana Santorin. Aber ich fürchte, sie wird nicht zum Ruhme gelangen, denn solche Wunder sterben früh.‘“ –




Bodiwil’s Schmerz ward von diesem Tage an milder. Er gab seine Lectionen im Stifte und widersprach mir nicht, wenn ich ihm die Vortheile einer Reise nach Deutschland auseinandersetzte. Er schien freilich nicht davon überzeugt zu sein; allein ich begnügte mich für den Augenblick mit der Geduld, mit welcher er mich anhörte.

Als ich ernstlicher in ihn drang, sagte er: „Ich glaube, Heinrich, Sie sind ein großer Heuchler. Ein Mann, wie Sie, weiß sehr gut, daß der Ehrgeiz eine schmerzhafte Krankheit ist. Warum wollen Sie mir diese Krankheit einimpfen? Ist dies Freundschaft?“

Ein anderes Mal entgegnete er mir: „Sie sollten wissen, daß ich viel zu vernünftig bin, als daß der Ruhm Reiz für mich haben könnte. Ich achte die Menschen viel zu wenig, als daß es mir einfiele, von ihnen bewundert werden zu wollen. Was den Ruhm nach dem Tode betrifft, so ist man seiner niemals sicher, und wäre man es auch, was liegt daran? Ich finde die Befriedigung des Gedankens, nach dem Tode von Menschen, die wir nicht kennen und die noch gar nicht geboren, folglich uns gleichgültig sind, zuweilen noch genannt zu werden, eine kindische, eine höchst kindische.“

„Sie leugnen doch aber nicht den Vorzug, Genie zu haben, und die Pflicht, es für die Menschheit zu verwerthen?“ rief ich.

„Ich leugne nicht den Vorzug, Genie zu haben, aber ich leugne die unbedingte Pflicht, es für die Menschheit zu verwerthen,“ erwiderte Bodiwil. „Eine edle, große Handlung thut mehr für die Menschheit und ihre Veredlung, als alle Gemälde und Statuen der Welt je für sie gethan haben und noch thun werden. Mein Glaube ist der: Der mehr oder minder empfängliche Mensch empfängt von einem Kunstwerke einen sehr oberflächlichen, einen sehr flüchtigen, einen sehr zweifelhaften Genuß und keine nachwirkende Erhebung des Gedankens. Eine Natur hingegen, welche den göttlichen Funken in sich trägt, empfindet in einem Kunstwerke sich selbst und dieses kann weder die Gedanken dieser Natur bereichern, noch ihre Empfindungen veredeln, noch ihre Gestaltungskraft ausbilden. Wer den göttlichen Funken in sich hat, ist und bleibt positiv in seiner Natur.“

Drei Wochen nach Mariana’s Tode kam er zu mir auf mein Zimmer und sagte: „Heinrich, ich will Ihnen meinen guten Willen und meine Dankbarkeit für Ihre Freundschaft beweisen: ich werde mit Ihnen nach Deutschland reisen.“

Ich umarmte ihn vor Freude. Der Prälat gab ihm einen Urlaub von sechs Monaten. Am Tage vor unserer Abreise ließ dieser mich zu sich rufen.

„Ich weiß Alles; verheimlichen Sie Bodiwil, daß ich Kenntniß davon habe!“ sagte er. „Suchen Sie ihn um jeden Preis dem Leben zu erhalten! Wenn es nothwendig ist, werde ich seine Entlassung aus dem geistlichen Stande erwirken. Schreiben Sie mir, wenn die Zeit dazu gekommen ist!“

Wir hatten beschlossen, den folgendem Morgen abzureisen. Der Postwagen, von M. kommend, sollte unten auf der Straße halten und uns aufnehmen. Am Abend ging Bodiwil in’s Häuschen auf dem Hügel; gegen zehn Uhr kam er zurück. Wir plauderten bis gegen Mitternacht, ordneten unsern Reiseplan [819] und unsere Papiere und sagten uns dann gute Nacht. Als Bodiwil unter der Thür stand, wandte er sich noch einmal um und fragte:

„Wann müssen wir morgen bereit sein?“

„Um sieben Uhr,“ sagte ich.

„Gut,“ versetzte er und schloß die Thür hinter sich.

Ich war müde. Nach einem prüfenden Blick an den Himmel, der trüb und wolkig war und kein schönes Reisewetter versprach, legte ich mich nieder. Die Stiftsuhr schlug zwölf; ich zählte die Schläge mechanisch nach und schlief ein.

Als ich am Morgen erwachte, war es nicht ganz fünf Uhr. Ich hörte das Knarren einer Thür im Gange draußen und schnelle Schritte auf der Treppe. Nachdem ich noch eine halbe Stunde im Halbschlummer liegen geblieben, stand ich auf und kleidete mich an. Ich öffnete das Fenster; die frische, fast kalte Herbstluft wehte mir entgegen und gab mir eine angenehme Empfindung von hoffnungsvoller Fröhlichkeit. Ein leichter Nebel lag über dem Moor. Am Himmel zog grauweißes Gewölke hin, durch welches die

Die Gartenlaube (1874) b 819.jpg

Die Macht der Thränen.
Originalzeichnung von Professor Thumann.

Sonne zuweilen einen Strahl niederfallen ließ, und dann schimmerte der Nebel wie flüssiges Silber.

Man klopfte an meiner Thür; es war ein Küchenjunge, der mich zum Frühstück in’s Refectorium hinab rief. Ich blickte auf meine Uhr. Es war fünf Minuten über sechs. Indem ich den Gang durchschritt, sah ich die Thür von Bodiwil’s Zimmer halb offen. Ich trat unter die Thür und rief: „Bodiwil, ich gehe in’s Refectorium hinunter.“

Da ich keine Antwort erhielt, dachte ich, er sei schon unten. Allein ich fand ihn nicht im Refectorium und wartete einige Minuten vergebens auf ihn. Ich ging in Bodiwil’s Zimmer zurück; er war nicht darin, auch nicht im Atelier. Auf’s Höchste unruhig, ging ich in’s Refectorium zurück, rief den Küchenjungen und fragte ihn, ob er Bodiwil nicht gesehen habe. Er sagte mir, er habe schon vor fünf Uhr den Stiftsherrn die Treppe herunter kommen sehen; der Stiftsherr habe ihm zugerufen, das Frühstück auf sechs Uhr bereit zu halten, und sei dann durch die kleine Pforte in’s Freie gegangen. Dies beruhigte mich.

Ich dachte mir, Bodiwil werde noch einmal in’s Häuschen auf dem Hügel gegangen sein. Er hatte das Frühstück selbst auf sechs Uhr bestellt, konnte also jeden Augenblick zurückkommen. Ich setzte mich und frühstückte; von Zeit zu Zeit blickte ich auf die Uhr. Als es halb sieben Uhr war, beschloß ich, Bodiwil zu holen, vermutend, daß er die Zeit vergessen habe.

Auf der Straße überfiel mich auf’s Neue eine Bangigkeit. Das Gras am Wege zitterte in der kühlen Herbstluft, und bleiche Nebel walleten schwermüthig über das Moor. Ich hatte halb und halb erwartet, Bodiwil auf der Straße zu begegnen, und mit jeder Minute wuchs meine Angst. Zuweilen schoß mir eine heiße Blutwelle jäh zu Kopf.

Ich fand die Hausthür angelehnt und die Thür zum Vorzimmer offen. Als ich dasselbe durchschritten, klopfte ich an der Thür zu Mariana’s Zimmer. Ich blickte durch’s Schlüsselloch; es stak kein Schlüssel darin. Ich rief Bodiwil’s Namen und blieb ohne Antwort. Christinens Bruder schlief in der Mansarde; ich ging hinauf, um nach Bodiwil zu fragen – die Mansarde war leer. „Bodiwil ist wahrscheinlich im Tannengrunde,“ dachte ich und eilte hinunter. Auch dort war er nicht. Mariana’s Grab lag einsam in der Morgenstille und war mit einem frischen Tannenzweige zugedeckt.

Es war mir, als ob eine eisige Hand mir das Herz zerdrückte – von Todesangst gefoltert eilte ich zum Hause zurück. Im Gemüsegarten fand ich Christinens Bruder, von welchem ich erfuhr, daß Bodiwil am verflossenen Abende zu Christinen gesagt, er werde früh Morgens noch einmal kommen, sie solle daher nicht unruhig werden, wenn sie Geräusch höre, sondern ruhig weiter schlafen. Er selbst, Christinens Bruder, sei schon um drei Uhr in einen Torfstich gegangen, und komme eben nach Hause. Ich bat ihn um einen Schlüssel, der Mariana’s Zimmer öffne. Er folgte mir; ich schloß die Thür auf und öffnete sie. – Barmherziger Gott! – Bodiwil lag in einer furchtbaren Blutlache, mit dem Gesichte an der Erde. Ich hob ihn auf; sein Haupt fiel schwer auf die Brust herab – er war todt.

Ich raffte, was mir an Kraft noch blieb, zusammen und entkleidete ihn. Er hatte zwei Wunden im Rücken und eine in der Seite.

Ich hatte noch nie so etwas Entsetzliches gesehen und hatte noch nie einen Bodiwil verloren; kalter Schweiß bedeckte mich, und der Jammer übermannte mich. Als ich mich wieder kräftiger fühlte, legten Christine und ich den Leichnam auf den Divan. Sein Haupt ruhte, wo das Mariana’s geruht hatte. Ich trat zu ihm hin, küßte ihm Stirn und Hände und netzte sie mit leidenschaftlichen Thränen.

Plötzlich, von einer unwillkürlichen Bewegung getrieben, trat ich vor den Vorhang, welcher das Zimmer theilte; ich öffnete ihn und blickte auf Bodiwil’s Bild – es war in Fetzen zerschnitten. Ich erschrak so heftig, daß ich mich am Fußende des Bettes mit beiden Händen festhalten mußte. Da hörte ich etwas zwischen dem Bette und der Wand zu Boden fallen. Mit einem Ruck entfernte ich das Bett von der Wand und fand einen Dolch an der Erde. Bodiwil’s Blut klebte daran – ich hob ihn schaudernd auf und forschte in den Arabesken des Griffs mit gierigen Augen. Ich fand, was ich geahnt hatte, die Buchstaben J. S.

Sofort fuhr ich auf einem Leiterwagen zum nächsten Städtchen, wo ich dem Schultheiß Bericht über das Geschehene erstattete und den Dolch als einen Beweis gegen Julian Santorin niederlegte.

Die Gerichtsbarkeit in Dalmatien ist oder war damals von so trauriger Beschaffenheit, daß ich voraus sah, es werde die Ermordung Bodiwil’s nicht gesühnt werden. Selbst die Würde des Prälaten, das Ansehen des Stifts und die Entrüstung der Umgegend blieben diesem Mangel an einer geordneten und tüchtigen Gerichtsbarkeit gegenüber machtlos. Julian Santorin wurde nicht aufgefunden, und Bodiwil blieb ungerächt.

Nachdem ich in’s Stift zurückgekehrt war und dem Prälaten das Furchtbare mitgetheilt hatte, ging ich zur Leiche Bodiwil’s [820] zurück. Da das Häuschen auf dem Hügel dem Friedhofe näher lag als das Stift, ließ man die Leiche bis zur Beerdigung dort. Ich wachte bei ihr Tag und Nacht. Da lag er nun kalt und steif, der schöne, sonst so geschmeidige Körper! Die nicht ganz geschlossenen Augenlider ließen unter den dunkeln Wimpern einen Streifen des Auges sehen; um den Mund lag ein Friede, um den ich den Todten beneidete. „Bodiwil, wo bist Du nun? Fliegt Dein Geist durch die Finsternisse der Ewigkeit, Marianen suchend? Sie kann nicht weit sein, Bodiwil; Du bist ihr ja so schnell nachgefolgt. Oder hat sie am Thore der Ewigkeit auf Dich gewartet und fliegt Ihr miteinander den ewigen Sonnen zu? Oder schläft sie traumlos im Tannengrund und schläfst Du traumlos hier auf der Bahre?“ – Ach, was ich zu ihm sprach, was ich ihn fragte, es blieb ohne Antwort. Seine Lippen öffneten sich nicht mehr, und sein sonst so beredter Blick war erloschen. Bodiwil gab mir keinen Aufschluß über den Tod und keinen Trost für mein zerrissenes Herz.

Ehe man den Deckel des Sarges schloß, legte ich ihm Mariana’s Briefe und Manuscripte, welche ich aus Bodiwil’s Koffer genommen, unter sein Haupt. Als er unter der Erde lag, trieb es mich mit Hast von Constantin hinweg. Ich hatte Bodiwil mehr geliebt als meinen eigenen Bruder; ich konnte den Ort, wo mir so Schmerzliches und so Entsetzliches geschehen, nicht mehr ertragen. Mit einem Gefühl von Trostlosigkeit, das ich nicht beschreiben kann, löste ich sein zerfetztes Bild aus dem Rahmen und nahm es mit mir.

Auf dem Rückwege zum Stifte weinte ich wie ein Kind – und ich schäme mich nicht, es zu bekennen.

Am folgenden Tage nahm ich Abschied vom Prälaten. Ich fand ihn geknickt und fühlte, daß er sich nicht mehr aufrichten werde. Mit einem Händedruck sagte er zu mir: „Nehmen Sie die Sphinx über Bodiwil’s Bett zum Andenken mit!“

Am nächsten Morgen reiste ich ab. Ich erwartete den Postwagen um sieben Uhr; es blieb mir noch eine Viertelstunde; ich ging in den Garten und setzte mich auf die Bank unter den Kastanienbäumen. Ein dichter Nebel lag über dem Moor und den Hügeln. Alles lag vor mir da wie eine Wüste. Ein Schwalbenzug strich durch die Luft – auch ich zog fort, aber nicht froh, wie jene Schwalben. – Als ich das Rollen des Wagens hörte, ging ich den Hügel hinab. Der Postillon blies eine lustige Weise, die mir in’s Herz schnitt.

Ich warf einen letzten Blick nach der Seite hin, wo im Nebel der Friedhof lag. Dann stieg ich in den Wagen und drückte meinen Hut tiefer in’s Gesicht hinab.




Fünfundzwanzig Jahre sind seitdem verflossen; ein Theil des Stiftes Constantin brannte ab, und mit ihm verbrannten Bodiwil’s Bilder. Das Stift ist aufgelöst; die Stiftsherren wurden da und dorthin zerstreut. Ich bin alt und lebe einsam auf der Haide. Wenn ich in lauen Sommernächten vor meinem Häuschen sitze und es fliegt ein Meteor am Himmel vorüber, dann rufe ich laut und inbrünstig: „Gruß Dir, mein Bodiwil!“




Der letzte Sonnensohn.
Nachdruck untersagt.
Eine Historie von Johannes Scherr.


(Schluß.)


Bei diesem Vortrag des guten Padre mag dem armen Atahuallpa geworden sein, wie dem wohlbekannten Schüler in Goethe’s Faust bei dem immerhin beträchtlich verständlicheren Vortrag Mephisto’s wurde: dumm, sehr dumm. Indessen scheint der Inka, wenn auch nicht sämmtliche Prämissen des Dominikaners, doch aber die praktischen Schlußfolgerungen ganz gut begriffen zu haben. Man bemerkte, daß während der Predigt des Mönches die Züge des Herrschers von Peru mehr und mehr sich verfinsterten. Jetzt, nachdem der Padre ausgesalbt hatte, brach er los:

„Wie, ich, der ich größer als irgendein anderer Monarch, sollte einem Menschen mich unterwerfen? Nimmer! Und der, welchen ihr den Papst nennt, muß ein Wahnsinniger sein; denn wie könnte er sonst über Länder verfügen wollen, die ihm gar nicht gehören? Meine Religion aber, warum sollte ich sie mit einer andern vertauschen? Ihr sagt, euer Gott sei von denselbigen Menschen, die er geschaffen habe, umgebracht worden. Nun wohl, mein Gott“ – (und dabei wies der Sprechende auf den abendlich-prächtig am Firmamente hinabsinkenden Sonnenball) – „mein Gott lebt da droben und wirft segnende Blicke auf seine Kinder herab. Im übrigen, Fremdling, wer oder was gibt dir Berechtigung und Vollmacht, so, wie du gethan, zu mir, dem Herrscher dieses Landes, zu sprechen?“

Padre Vicente sah etwas verblüfft aus und wußte zur Antwort nur auf sein Brevier zu weisen. Der Inka nahm ihm, von seinem Thronstuhle sich herabbeugend, das Buch aus der Hand und schlug die Blätter um, als wolle er darin eine Erklärung aller dieser wunderlichen Dinge suchen. Als aber das Brevier stumm blieb, warf er es, plötzlich in Jähzorn ausbrechend, verächtlich zu Boden und rief dem Mönche zu:

„Sag’ deinen Landsleuten, daß ich sie für alles, was sie in diesem Lande gethan, zur Rechenschaft ziehen werde.“

Ob Atahuallpa wirklich so drohend gesprochen hat? Wir besitzen hierfür eben nur das sehr zweifelhafte Zeugniß der Spanier. Freilich, die dem Inka widerfahrene Zumuthung war unverschämt genug, auch einen weit weniger stolzen Mann mit Groll und Zorn zu erfüllen.

Der Mönch, seinerseits über diesen Ausgang seines Bekehrungsversuches nicht wenig entrüstet, raffte sein Brevier auf, lief eilends in die Säulenhalle, wo Pizarro seinen Stand genommen hatte, und rief dem Conquistador zu:

„Seht Ihr denn nicht, daß sich rings die Felder mit rothen Heiden füllen, während wir an diesem hochmüthigen Hunde Lunge und Zunge verschwenden? Greift an! Greift an! Ich absolvir’ Euch.“

Also aus Priestermund der Verdienstlichkeit seines Werkes versichert, trat Pizarro aus der Halle auf den Platz und schwenkte ein weißes Tuch in die Luft.

Das war das Mordsignal. Alsbald wurden die beiden Feldschlangen und soviel der Arkebusen die Spanier hatten, abgefeuert; die Trompeten ertönten; die ganze Bande, Reiterei und Fußvolk, brach mit einmal aus den Hallen auf den Platz hervor und warf sich von drei Seiten her mit dem nationalen Schlachtrufe „San Jago!“ wüthend auf die arg- und waffenlosen Peruaner.

Der Ueberfall gelang vollständig. Schrecken und Entsetzen fielen auf die überfallene Menschenmenge, wie der Lämmergeier auf ein Mutterlamm fällt. Nichts von Widerstand, nicht ein einziger Anlauf dazu. Alles, was die armen Menschen wagten, war dieses, daß sie in dem angehobenen schrecklichen Gemetzel, welches bald den Platz mit Leichenhaufen bedeckte, die geheiligte Person ihres Inka mit rührender Hingebung und edler Selbstopferung zu schützen suchten. Die peruanischen Edelleute drängten sich scharenweise den anstürmenden spanischen Reitern entgegen und boten, einen Wall um den Tragsessel Atahuallpa’s bildend, die Brust den Mordschwertern dar. Wiederholt erneuerte sich dieser Wall. Umsonst! Reihe nach Reihe wurde von den mordmüthigen Spaniern niedergehauen – endlich auch die Sänfteträger; der Thronsessel stürzte zu Boden, der Inka mit ihm, und er wäre wohl erschlagen worden, so nicht Pizarro das Gewühle durchbrochen und sich nicht mit erhobenen Armen schützend vor Atahuallpa gestellt hätte.

Ein gefangener Inka galt zur Zeit dem Conquistador viel mehr als ein getödteter.

Nach also zuwegegebrachter Gefangennahme des Sonnensohnes hörte das Blutbad noch nicht auf. Es verbreitete sich in die Stadt und auf die Felder ringsum. Die Kunde, daß der Inka ein Gefangener der fremden Blassgesichter, vermehrte noch die Panik. Das ganze peruanische Heer zerstob in alle Winde. Tavantinsuyu war nur noch ein Mann, dem man das Haupt abgeschlagen hatte, ein langsam verblutender, willen- und regloser Rumpf.

[821] Die Zählung der Erschlagenen schwankt zwischen zweitausend und zehntausend. Daß gar kein aktiver Widerstand geleistet worden, erhellt aus dieser Thatsache: kein Spanier hatte auch nur eine Ritze, geschweige eine Wunde davongetragen, mit Ausnahme des Generals, der, zum Schutze des zu Boden gestürzten Inkas’s herbeieilend, im Gedränge durch das Schwert eines seiner Miträuber leicht an der Hand verwundet worden war.

Atahuallpa setzte seinem furchtbaren Geschicke den Stoicismus seiner Rasse entgegen. Er fand sich, haben seine Verderber ausgesagt, sofort in seine neue Lage. In seinem Gebaren gegen seine Unterthanen stets die feierliche Würde eines stolzen und strengen Gebieters herauskehrend, sei er gegen die Spanier leutselig gewesen und habe sich sogar mitunter zu scherzhaften Aeußerungen herabgelassen. Am Abende des Bluttages mit Pizarro zu Tische sitzend, habe er seine Bewunderung der Geschicklichkeit und Energie, womit die Spanier sich seiner Person bemächtigt hätten, nicht verhohlen und habe geschlossen mit dem Resignationsworte: „So geht es im Kriege zu, siegen, oder besiegt werden (que era uso de guerra vencer i ser vencido).




7.


Selbstverständlich unterließ der Conquistador nicht, dem dreieinigen Gotte und der Himmelskönigin Maria – den Schutzheiligen Spaniens, San Jago, auch nicht zu vergessen – feierliche Dankgebete darzubringen. Hierauf richtete er sich in Kaxamalka ganz als Sieger und Gebieter ein und ließ die Stadt, sowie die Villa des gefangenen Inka’s plündern. Die dort gemachte Beute an Edelsteinen – insbesondere schöne Smaragde – Gold und Silber in Form prächtigen Tafelgeräthes reizte natürlich den Golddurst der frommen Eroberer nur noch mehr. Inbetreff seines kaiserlichen Gefangenen waren die Absichten des Generals noch unbestimmt. Da er aber wahrnahm, was für ein kostbares, die unbedingte Unterwürfigkeit der Peruaner verbürgendes Pfand in der Person Atahuallpa’s sich in seiner Gewalt befand, so gab er sich Mühe, den Gefangenen vorerst bei guter Laune zu erhalten. Soweit die Vorschriften einer strengen Bewachung es gestatteten, durfte der Inka seinen Hofstaat und sein Harem bei sich haben und in den Augen seiner Unterthanen wurde seine unumschränkte Autorität durch seine Gefangenschaft nicht im geringsten beeinträchtigt. Für die Peruaner war und blieb auch der gefangene Atahuallpa der abgöttisch zu verehrende und verehrte Sonnensohn. Hätte dieser ihnen befohlen, den Spaniern bis zum äußersten den Krieg zu machen, sie würden zweifelsohne nicht gezaudert haben, Gut und Blut in diesem Kampfe aufzuwenden. Allein ein solcher Befehl erging nicht an sie, maßen der Inka sehr wohl wußte, daß er sich mittels Ausgebung desselben das Todesurtheil sprechen würde.

Derweil Pizarro auf Verstärkungen von der Seeküste her wartete, gefiel er sich darin, er, dessen Herz von der Härte des unteren Mühlsteins war, gegenüber seinem Gefangenen den süßchristlichen Bekehrer zu spielen. Dabei wiederholte er fortwährend, er und seine Leute seien nur in dieses Land gekommen, um die heilige Religion Jesu Christi zu verkündigen, und es sei daher nur recht und billig, daß sie unter dem sichtbaren Schutze und Beistande Gottes, der allerseligsten Jungfrau und sämmtlicher Heiligen den Sieg davongetragen hätten. Der gefangene Inka schwieg zu dieser süßen Frömmigkeit. Er merkte ja unschwer, was dahinter steckte. War es ihm doch binnen kurzem klar geworden, daß seine Besieger alle die Götter und Göttinnen der christkatholischen Mythologie im Himmel mit großer Devotion verehrten, auf Erden aber nur einen Gott anbeteten, den Goldteufel. Bei dieser ihrer thatsächlichen Religion beschloß er sie zu fassen, indem er sich der Illusion hingab, mittels Stillung des spanischen Golddurstes seine Freiheit wieder zu erlangen. Dieser arme blinde Heide war so thöricht-ehrlich, Wort- und Vertragstreue auch bei den frommen Christen vorauszusetzen. Als ob Söhne der alleinseligmachen Mutter in die schnöde Ketzerei verfallen dürften, Ketzern und Heiden wortzuhalten!

Eines Tages, als Pizarro mit mehreren seiner Officiere bei dem Inka war, nahm dieser das Wort und erbot sich, als Preis seiner Freilassung soviel Gold zu geben, daß der ganze Boden des Gemaches damit bedeckt werden könnte. Die Spanier nahmen das für Großsprecherei und sagten nichts dazu, lächelten aber ungläubig. Gereizt durch dieses Lächeln, stellte Atahuallpa sich auf die Zehen, erhob den Arm, bezeichnete mit der Hand eine Stelle an der Zimmerwand und sagte nachdrücklich: „So hoch, bis hierher will ich das ganze Gemach mit Gold füllen, so ihr mich freigebt.“

Da hat der Goldteufel hellauf in den Spaniern gelacht.

Man kann doch immerhin die Probe machen, ob das Märchenhafte wahr und wirklich sein könnte, dachte der Conquistador und erklärte, das Anerbieten des Inka annehmen zu wollen. Sofort ließ er auch den von Atahuallpa vorgeschlagenen Vertrag urkundlich aufsetzen.

Das Zimmer war nach der niedrigsten Angabe 22 Fuß lang und 17 Fuß breit – nach der höchsten 35 Fuß lang und 18 Fuß breit. Die mittels eines roten Striches rings an den Wänden markirte Linie befand sich 9 Fuß über dem Fußboden. Dieser ganze Raum sollte mit Gold ausgefüllt werden, doch müßte dasselbe nicht zu Barren geschmolzen sein, sondern dürfte die Formen behalten, zu welchen es verarbeitet war. Der Inka ging auch noch die Verpflichtung ein, ein anstoßendes etwas kleineres Gelaß auf gleiche Weise mit Silber zu füllen und zwar zweimal. Binnen zwei Monaten sollte dieser ungeheure Gold- und Silberschatz beigebracht sein.

Und er ward auf- und beigebracht, nachdem der Inka seine Befehle hatte in’s Land ausgehen lassen. Von allen Seiten wurden schwere Lasten von Gold- und Silbergeräthen herbeigeschleppt. Oft gingen an einem Tage solche im Werthe von vierzig- bis sechszigtausend Pesos de Oro (Goldthaler) ein. Von Kuzko allein kamen zweihundert Kargas (Lasten) Goldes. Mußte doch der Korikancha in der Hauptstadt eines Theiles seiner kolossalen Reichthümer sich entäußern, um das Lösegeld für den Sonnensohn zu vervollständigen: siebenhundert Goldplatten wurden von dem Dache und den Wänden des Nationaltempels abgelöst.

Zwischenhinein spielte eine tragische Episode. Der von seinem Bruder in einer Festung eingethürmte Prinz Huaskar hatte die Kunde von dem, was in Kaxamalka geschehen, vernommen. Es schien ihm dienlich, seine Freiheit, vielleicht gar die Inka-Borla wieder zu erlangen. Er wußte Mittel und Wege zu finden, an Pizarro eine Botschaft gelangen zu lassen, des Inhalts, er, Huaskar, sei erbötig, für seine Befreiung den Spaniern ein noch größeres Lösegeld zu bezahlen, als das ihnen von Atahuallpa gebotene; denn dieser, welcher niemals in Kuzko gelebt hätte, wüßte ja gar nicht, was für Schätze die Hauptstadt bärge.

Der Conquistador erkannte sofort, daß sich aus dem Streithandel zwischen den beiden feindlichen Brüdern allerhand Vortheile ziehen ließen, und theilte seinem Gefangenen mit, er beabsichtigte, den Prinzen Huaskar nach Kaxamalka bringen zu lassen, um hier den Thronstreit zu untersuchen und zu entscheiden. Allein diesmal kam Atahuallpa ihm zuvor. In Vollstreckung insgeheim von dem Inka abgesandter Befehle wurde der arme Huaskar, der rechtmäßige Erbe von Peru, im Flusse Andamarka ertränkt. Pizarro empfand diesen Todesfall als den Verlust einer schweren Trumpfkarte im Spiele seiner Politik, allein sein Verdruß ward ihm versüßt durch den großen Glücksfall, daß sein Mitgründer Almagro zu Ende Decembers von 1532 mit drei Schiffen an der Küste nahe bei San Miguel landete und sodann Mitte Februars von 1533 mit einer tüchtigen und wohlgerüsteten Verstärkungsmannschaft von hundertfünfzig Fußgängern und fünfzig Reitern in Kaxamalka einrückte.

Der gefangene Inka freilich konnte in den neuen Ankömmlingen nur zweihundert Land-, Leute- und Goldräuber mehr erblicken. Seine Stimmung verdüsterte sich überhaupt mehr und mehr. Ein Komet erschien am Himmel, und einer der Wächter zeigte dem Gefangenen das Meteor. Er sah es lange an und sagte dann kummervoll: „Ein solcher Stern ist auch kurz vor dem Tode meines Vaters Huayna Kapak am Himmel aufgegangen.“

Die Erfüllung der düsteren Ahnungen des brudermörderischen Gefangenen ließ nicht lange auf sich warten. Schon war die Nemesis hinter ihm her, aber wie so oft, gefiel es ihr auch diesmal, ein Verbrechen mittels eines andern zu bestrafen.

Pizarro’s Bande vermochte die Gier, die ungeheure Beute, welche sich tagtäglich vor ihren Augen mehr und mehr aufhäufte, [822] unter sich zu theilen, nicht mehr länger zu bezähmen. Sie schrie laut nach Theilung und der Conquistador mußte sich herbeilassen, der „öffentlichen Meinung“, der „Volksstimme-Gottesstimme“ zu entsprechen. Eine Schar von peruanischen Gold- und Silberschmieden wurden demnach kommandirt, die Werke ihrer Kunst zu zerstören und alles das eingelieferte Geräthe von Edelmetall zu Barren zu schmelzen. Ausgenommen von dieser Einschmelzung wurden nur Gegenstände von hunderttausend Dukaten im Werthe, welche für die Krone Spanien bestimmt waren und welche Pizarro’s Bruder dem Kaiser Karl überbringen sollte. Es waren darunter wirkliche Kunstwerke, besonders schön geformte und zierlichst ciselirte Vasen von reinstem Golde, sowie ein Springbrunnen, der aus silbernem Becken einen funkelnden Goldstrahl in die Höhe trieb und an dessen Rand aus Gold und Silber kunstvoll geformte Vögel spielten. Nach monatelanger, Tag und Nacht währender Schmelzarbeit lag der Schatz, in Barren verwandelt, zur Theilung bereit, an Werth auf 1,326,539 Goldthaler geschätzt, was in Berücksichtigung des weit höheren Goldwerthes von damals nach heutigem Geldwerthe mindestens 4 Millionen Pfund Sterling oder 100 Millionen Franken betragen würde. Da hierzu das Silber noch nicht gerechnet war, so darf wohl behauptet werden, daß eine solche Beute an Barschaft zum zweitenmal nie und nirgends vorgekommen sei. Der Hauptmann der Bande vergaß selbstverständlich bei der Theilung sich keineswegs: er empfing als seinen Antheil 57,222 Pesos de Oro, 2350 Mark Silber und den auf 25,000 Goldthaler geschätzten Goldthron des Inka’s. Die Offiziere erhielten je nach Graden und Dienstleistungen jeder bis zu 30,000 Goldthaler, von den Reitern durchschnittlich jeder 8000 Goldthaler, von den Fußgängern jeder 4000.

Aber sie schrieen nach mehr und verlangten nach Kuzko zu marschiren, weil sie von dem Goldreichthum der Hauptstadt ganz fabelhafte Vorstellungen sich gebildet hatten. Pizarro war um so geneigter, den Marsch auf Kuzko anzutreten, als ihm längst klar geworden, daß nur der Besitz der heiligen Stadt ihm die unbedingte Herrschaft über ganz Peru geben und sichern würde. Aber sollte man den gefangenen Inka mit dorthin schleppen? Was sollte man überhaupt mit dem Entthronten anfangen, der nachgerade ein recht unbequemer Gegenstand geworden war? Zumal Atahuallpa jetzt, nach Leistung seines Lösegeldes, auf die Erfüllung des Vertrages, d. h. auf seine Freilassung drang. Der arme Illusionär! Pizarro hätte nicht sein müssen, der er war, so ihm auch nur im Traume eingefallen wäre, in die Forderung seines Gefangenen zu willigen. Den Inka freilassen? Das hieß ja das ganze Peru-Geschäft wieder in Frage stellen. Nimmermehr! Aber dieser rothhäutige Heide ist doch eine sehr lästige Bürde, die wir nicht länger mit uns herumschleppen können. Zudem, so lange der Inka am Leben, sind tausend Zufälle denkbar, daß er uns entwischte und wir sodann die ganze Eroberungsarbeit wieder von vorn anheben müßten. Summa: Die Todten beißen nicht und kommen nicht wieder.

Nun will aber bekanntlich alles seine Form, seine Farbe und seinen Firniß haben. Das Schlechteste, Böseste, Ruchloseste zumal ist häufig darauf versessen, sich recht anständig herauszuputzen. Kleider machen zwar keine Menschen, aber doch Leute. Laßt uns also, kalkulirten Pizarro und Comp., auf einen anständigen Vorwand sinnen, den Inka in aller Form abzuthun.

„Alles schon dagewesen.“ Wenn die Bonaparte, der vorgebliche Onkel wie der angebliche Neffe, komplottirten, so haben sie, wie jedermann weiß, immer ein erfabeltes, angeblich gegen die Sicherheit des Staates gerichtetes Komplott als eine spanische Wand vor ihr eigenes und wirkliches hingestellt. Diese Kunst praktizirte nun auch schon der Eroberer von Peru. Plötzlich rumorte es demzufolge unter den Spaniern: Wir sind von dem nahen Ausbruche einer großen, von dem gefangenen Inka heimlich angestifteten Verschwörung der Eingeborenen bedroht. Machen wir es kurz mit dem verrätherischen Heiden: zum Tode mit ihm!

Nicht verschwiegen darf werden, daß zur Erregung solchen Argwohns und Hasses gegen Atahuallpa ein Peruaner sehr viel beigetragen hat, das Philippchen, der Dolmetsch, ein boshaftes Kerlchen, welches von seiner Wichtigkeit ungeheuer aufgeblasen war und sich erfrecht hatte, mit einer der Haremsdamen des Inka’s eine Liebschaft anzuspinnen. Als er mit seiner Schönen betroffen und die Sache dem gefangenen Sonnensohne zu Ohren gebracht wurde, empfand es Atahuallpa als einen ungeheuren ihm angethanen Schimpf. Er beschwerte sich bitter bei dem Conquistador und äußerte: „Nach peruanischem Gesetze kann ein solcher Frevel nur durch den Tod des Verbrechers und seiner ganzen Familie gesühnt werden.“ Allein die Spanier sahen dieses Vorkommniß spanisch und nicht peruanisch an. Der Felipillo war ihnen unentbehrlich und außerdem, hm, warum etwas so tragisch nehmen oder gar mit dem Tode bestrafen wollen, was viele unter uns, die wir doch gute Christen sind, ebenfalls gethan haben. … Der ganze Erfolg von Atahuallpa’s Beschwerde war also dieser, daß das unentbehrliche Philippchen aus Rachsucht den Lügenbalg von Verschwörung zu einem Ungeheuer aufblies, welches die Spanier sammt und sonders zu verschlingen drohte.

Wie prächtig sich das machte! Nun konnte man spanischerseits die gekränkte Unschuld, konnte man den Verrathenen, Gefährdeten, Bedrohten spielen, konnte man „von rechtswegen“ gegen den Inka vorgehen, konnte man das schamloseste Possenspiel von Gerichtsprocedur in den anständigsten Formen in Scene gehen lassen.

Und so that man. Die Räuberbande, welche dem Herrn von Peru Thron und Reich gestohlen, sie stahl ihm nun auch noch das Leben. Ein förmlicher Kriminalproceß wurde gegen den unglücklichen Mann angestrengt. Die Anklageakte, ein Meisterstück von Stupidität und Frechheit, brachte zwölf Beschuldigungen vor, unter anderem diese: Der weiland Inka hat ein Harem gehabt, folglich ist er des Ehebruches schuldig; er ist ein notorischer Heide und Götzendiener; er hat auch noch nach der Ankunft der Spanier die Einkünfte des Landes verschwendet. Als Hauptbezichtigungstrumpf wurde schließlich das Verschwörungsphantom ausgespielt. Pizarro und Almagro saßen der Spottgeburt von Tribunal vor, welches den Angeklagten natürlich schuldig fand. Das Urtheil lautete: „Atahuallpa soll auf dem Marktplatze von Kaxamalka lebendig verbrannt werden.“ Ein Priester der „Religion der Liebe“ sagte, damit das i sein Tüpfelchen erhielte, zu diesem grotesken Urtheil Ja und Amen; denn Padre Valverde erklärte ausdrücklich, daß seines Erachtens der Inka „jedenfalls“ den Tod verdient habe. Tröstlich ist es aber, zu hören, daß sich unter allen diesen frommen Barbaren doch etliche Menschen befunden haben; denn einige, freilich nur einige wenige Mitglieder des „Gerichtshofes“ protestirten gegen das Urtheil und verwarfen das ganze Verfahren als unrechtmäßig und gänzlich unzulässig. Natürlich hatte dieser Protest das Schicksal aller Minderheitsproteste. Der einzige wirkliche Gentleman in der Erobererbande, Hernando de Soto, war auf einem Streifzuge abwesend. Er hat nachmals den höchsten Unwillen gegen die Hinmordung Atahuallpa’s geäußert.

Man quälte den verlorenen Mann dann auch noch mit Bekehrungszumuthungen und brachte ihn dazu, sich taufen zu lassen, als er schon auf den Scheiterhaufen geschleppt und an den Todespfahl gebunden war. Man brachte ihn dazu mittels des Versprechens, daß er, so er sich noch im Handumdrehen „bekehrte“, nicht lebendig verbrannt, sondern nur mittels der „Garrote“ erdrosselt und nachmals eingeäschert werden sollte.

Das geschah denn am 29. August von 1533 auf dem Platze von Kaxamalka, und so starb auf Anordnung eines weiland spanischen Schweinehirten der letzte Inka von Peru, der letzte Sonnensohn.

Er ist bei seinem Tode etwa dreißig Jahre alt gewesen, ein Mann von schöner Gestalt, ausdrucksvollen Zügen und gebieterischer Haltung. Die Spanier haben ihn aus begreiflichen Gründen als eine Art Teufel verschrieen. Doch gab es später mehrere, die anerkannten, daß Atahuallpa gescheid, kühn, tapfer, edelherzig und freigebig gewesen sei. Gewiß ist, daß er geliebt worden: nach seiner Ermordung gaben sich mehrere seiner Frauen den Tod, um, wie sie hofften, ihre Seelen mit der ihres geliebten Herrn in der Sonne zu vereinigen.

Am 15. November von 1533 zog der Conquistador in Kuzko ein, und jetzt schien die Eroberung von ganz Peru eine vollendete Thatsache zu sein. In der Hauptstadt machten die Spanier abermals eine ungeheure Beute, so daß bei der Theilung jedem Reiter 6000, jedem Fußgänger 3000 Goldthaler zufielen. Dem Reitersmann Mancio Serra wurde als sein Antheil das große, schön gearbeitete, massiv goldene Bild der Sonne zugetheilt, welches im Korikancha über dem Opferaltar aufgehangen [823] gewesen war. Er verspielte es in einer Nacht, woher das spanische Sprichwort: „Juega el sol antes que amanezca“ (die Sonne verspielen, bevor sie aufgegangen).

Symbolisirt diese Spielgeschichte nicht so zu sagen die gesammte Geschichte der spanischen Conquista in der Neuen Welt? War diese Conquista nicht von A bis Z ein verwegenes, leidenschaftliches Hazardspiel? Und dennoch, wie sehr man vom Standpunkte der Moral aus die ganze transatlantische Kolonisationsweise der Spanier in Amerika verurtheilen mag und muß, gebührt derselben die laute Anerkennung, daß sie ein kulturgeschichtliches Motiv von unberechenbarer Triebkraft und Wirksamkeit gewesen ist. Die Weltgeschichte arbeitet ja nicht mit Moral, sondern mit Nothwendigkeiten und Interessen. Diese werden durch die menschlichen Leidenschaften, und zwar durch die bösen wie durch die guten, flüssig und für die große, das Dasein der Menschen beseelende Entwickelungsidee nutzbar gemacht. Es ist so eine geschichtegesetzliche Nothwendigkeit gewesen, daß Amerika gefunden, erobert, besiedelt und die eingeborene Bewohnerschaft unterjocht oder geradezu ausgerottet werden mußte, damit der Europäismus seine Kulturherrschaft über den Erdball antreten und feststellen könnte. Da half und hilft kein sentimentales Mitleid mit dem „Letzten der Mohikaner“. Schon jetzt läßt sich mit so zu sagen mathematischer Bestimmtheit voraussehen, wann die rothhäutige Rasse ein von der Weltgeschichte gänzlich verarbeiteter und beseitigter Völkerstoff sein wird.

Die Frevel und Gräuel der spanischen Eroberung von Mittel- und Südamerika häufen sich zu einem Berge, welcher den Orizaba, den Popokatepetl, den Chimborasso überragt. Ganz recht. Aber es war doch diese spanische Kolonisationsweise, dieser grausame „Raubbau“, welche und welcher es ermöglichten, jenen gewaltigen Strom von Edelmetallen nach Europa hinüberzuleiten, der zweifelsohne eine der bedeutsamsten volkswirthschaftlichen Revolutionen zuwegebrachte. Denn dieses rasche und massenhafte Zuströmen von Gold und Silber vermehrte höchst beträchtlich das europäische Kapital, welches fortan der Landwirthschaft, der gewerblichen Hervorbringung und der Handelsthätigkeit eine bislang nicht einmal geahnte Regsamkeit, Vielseitigkeit und Ausbreitung zu verleihen vermochte. Wie aber das dem Ansehen, der Geltung und Macht des Bürgerthums, also dem eigentlichen Kulturträger der Neuzeit, zu gute kommen mußte, ist klar. Es fällt auch auf und steht einem welthistorisch-mephistophelischen Sarkasmus gleich, daß die „ritterlichen“, von den Anschauungen und Stimmungen der mittelalterlich-feudalen Welt ganz erfüllten Spanier mittels ihrer Conquista in der angedeuteten Weise den Ruin des Feudalismus mitherbeiführen mußten.

Doch auch die Herren Moralisten sollen am Ende dieser Historie nicht leer ausgehen. Bleibt ihnen doch der süße Trost, derselben als Nutzanwendung den Wahrspruch des unglücklichen russischen Dichters Relejew: „Gott heißt Vergeltung in der Weltgeschichte“ anhängen zu können. In Wahrheit, die von den Spaniern in der Neuen Welt begangenen Sünden sind schwer auf Spanien zurückgefallen. Denn für dieses Land sind die blendenden, die märchenhaften Erfolge seiner Söhne in Amerika mit der Zeit zweifelsohne zu großem Unheile ausgeschlagen. Das kam daher, daß Spanien, im Besitze unermeßlicher Länderstrecken jenseits des Oceans, im Besitze der Goldlager Peru’s und der Silbergruben Mexiko’s, das moderne Evangelium der Arbeit nicht vernehmen wollte und nicht zu bedürfen glaubte.

Auch auf die Conquistadoren selbst ist die Vergeltung schwer gefallen. Am schwersten auf die von Peru. Sie haben sich in mörderischen Händeln gegenseitig aufgerieben. Fast alle vorragenden Theilhaber an dem Unternehmen gegen das Inka-Reich sind eines gewaltsamen Todes gestorben. So auch der zum Marques erhobene Statthalter Francisko Pizarro selbst. Am 26. Juni von 1541 ist er von einer Rotte zu seinem Verderben verschworener Spanier in seinem Palaste in der von ihm 1535 gegründeten Stadt Lima überfallen und niedergemacht worden.

Mitten durch das rothe Meer, durch ein Blutmeer geht der ewige Leidens- und Triumphzug der Menschheit. Vorwärts!!!




Ein Häckerlingsschneider als Apostel.


Culturbild aus unserem Jahrhundert.


Im Königreiche Sachsen liegt zwischen Leipzig und Dresden die freundliche Stadt Leisnig. Selbstverständlich markire ich die Lage des Ortes nicht für die sächsischen und deutschen, sondern für die Leser der „Gartenlaube“ weit und breit in fernen Landen und jenseits der Meere.

Seit die Leipzig-Dresdener Eisenbahn auch die Stadt Leisnig berührt, wird dieselbe jährlich von Tausenden besucht, die sich hier an der Schönheit der Natur erquicken. Und wenn nun auch an Wochentagen die Wagenzüge nicht allzulang sind – an Sonn- und Festtagen vom Frühlinge bis zum Spätherbste ist das doch anders. Die eiserne Schlange des öffentlichen Verkehrs, welche sich dampfend durch die weite Welt windet, erscheint dann auch hier als eine bedeutend gewachsene, langgestreckte, nicht selten als Riesenschlange.

Alle die Tausende, die sie herbeiträgt, erfreuen sich nun der reizenden Lage der Stadt; sie besuchen Garten und Park des Dr. Mirus, dessen Kunstsinn diese Plätze von Jahr zu Jahr verschönert und dessen Humanität Jedem den Eintritt in dieselben gestattet, ohne erst eine Begrüßung oder Bitte darum zu verlangen. Kaum zweihundert Schritte von diesem Garten und Park thürmt sich das alte Schloß Mildenstein auf; da besteigt man die Höhe des Steinriesen, einer altersgrauen Warte, und hält dort belohnende Umschau. Ganz in der Nähe streckt sich der Schloßberg mit seinen Anlagen und Fernsichten hin; an der Tiefseite des Schloßberges aber zieht sich in aufsteigender Schlucht eine uralte Vorstadt herauf, wahrhaft schweizerartig, da an manchen Stellen Häuser und Häuslein an Felsen geklebt sind und in eigenthümlichem Holzwerk, kleinen Fenstern und bemoosten Schindeldächern Wahrzeichen vergangener Jahrhunderte aufweisen.

Blicken wir nach der andern Seite der Stadt. Da wandern die Sonntagsgäste von der hochgelegenen Straße hinab durch die hübschen, reinlichen Anlagen, unter den Obstbäumen hin, an grünen Ruheplätzen vorbei, in das von der klaren Mulde durchrauschte Thal. Sie nehmen ihren Weg nach dem prächtigen Eichberge oder auch weiter hinauf bis zur Meylust, welche uns durch Axt und Spaten von dem sinnigen Waldfreunde und Oberförster Mey aufgeschlossen wurde. Hier führt der Bergweg zunächst in eine majestätische Vorhalle, aufgebaut aus mehr als hundert schlanken, kerzengeraden, alten Tannen, Prachtbäumen von seltener Höhe. – Aus dieser grünen Tannenhalle, die man mit Recht auch einen lebendigen Säulensaal, einen hochgewölbten freien Dom nennen könnte, geht’s dann zu den übrigen herrlichen Plätzen, geschaffen durch Wald und Fels, gastlich und sauber gemacht durch Menschenhand. Von den meisten dieser Plätze hat man eine erquickende Aussicht. Bald blickt das Auge hinab in das reizende Muldenthal, bald hinüber über das Thal auf die bewaldeten Uferhänge und fruchtbaren Felder, bald wieder hinab auf die langgestreckten, saftgrünen Wiesen des lieblichen Scheergrundes oder auf das einst dunkle und faulenzende, jetzt hell-freundliche und fleißig arbeitende Kloster-Buch.

Mit Ausnahme des zuletzt genannten Punktes sieht man von fast allen Höhen ein Kirchlein, welches drüben über der Mulde und hinter der bewaldeten Uferwandung emporragt. Die meisten von den Besuchern Leisnigs haben das ferne Kirchlein gesehen und des landschaftlichen Bildes sich erfreut; Keiner aber der Fremden wußte und weiß, welch eine grausige That sich dort einst vollzog. Auch Wenige in der Stadt und Umgegend selbst wissen davon, sie müßten denn alt sein, so alt wie ich etwa. Und wenn Manche auch davon wissen, so haben es doch Wenige nur gesehen mit eigenen Augen, wie ich es sah. So will ich denn im Folgenden auf Grund authentischer Actenstücke und aus meinen eigenen Erinnerungen erzählen, zu welchen Ausschreitungen sich zu Anfang dieses Jahrhunderts einige religiöse Fanatiker hinreißen ließen, irregeführt durch die verwirrten Vermahnungen eines Mannes, der sich das Ansehen eines Apostels gab.

[824] Nah an jenem Kirchlein breitet sich der Friedhof aus, und auf ihm hatte man im Jahre 1818, den 21. Juli eine Kanzel erbaut, weil das Kirchlein viel zu klein war, die herbeigeströmten Menschenmassen aufzunehmen. Zahlreiche Gensd’armen, Tags vorher eingerückt, hielten in der Nähe des Friedhofes, einige auf dem Friedhofe selbst. Auch ein geöffnetes Grab gab es auf diesem, und neben dem Grabe stand ein Sarg, und in dem Sarge lag ein Mann mit gespaltenem Haupte, mit abgehauenen Händen und abgehauenen Füßen. Er lag auf dem Rücken, und darum konnte Niemand die Stiche sehen, die durch den Rücken dem Manne in den Leib gegangen waren. Ich aber hatte sie zwei Tage zuvor gesehen, als sein Weib und seine fünf unerzogenen Kinder jammernd den verstümmelten Leichnam umklammerten. Dieses Bild wiederholte sich auch heute an dem Sarge des Unglücklichen.

Und nicht nur sein Weib und seine Kinder weinten. Denn der Mann, der vor uns im Sarge lag, ein armer Häusler aus dem benachbarten Orte Naundorf, galt weit und breit für einen Ehrenmann, für fleißig, bescheiden in seiner Armuth doch ringend, das zu verdienen, was für sein Hüttenleben und die Familie Bedarf war. Dieses Zeugniß gaben ihm nicht nur Alle, die ihn kannten; auch der Pfarrer von Altenhof – so heißt das Dorf, wo das Kirchlein heute noch steht – auch der Pfarrer, der damals die Feldkanzel bestieg und eine lange Leichenpredigt hielt, gab ihm dieses Zeugniß.

Der Pfarrer ließ die sogenannte Leichenpredigt drucken und, was das Beste dabei war, zur Unterstützung der armen Familie verkaufen. Die Predigt liegt, indem ich diese Zeilen schreibe, vor mir, und sie mag wenigstens für den einen oder den anderen Zweifler das feststellen, was ich oben über den verstümmelten Leichnam sagte. Auf der fünften Seite der Predigt heißt es: „Wollte Gott, es wäre blos eine erdichtete Nachricht – doch nein, Menschen, gleich reißenden Thieren, haben nicht nur das Blut eines ihrer unschuldigen Mitbrüder vergossen, sondern ihm auch Hände und Füße abgehauen und seinen Kopf zerspalten.“ – Die Predigt ergeht sich über den Text: 1. Mos. 37. Vers 33. „Ein böses Thier hat Joseph gefressen; ein reißend Thier hat Joseph zerrissen.“ Daraus hätte sich Etwas machen lassen. Der gute Pastor steifte sich aber allzusehr auf „den herrlichen tugendhaften Joseph“, der doch, wie schon Seume sagt, ein richtiger „Kornwucherer“ war, was ja Jeder, der tiefer in jenen antiken Getreidebörseschwindel blickt, bestätigen muß.

Lassen wir das. Die Predigt war zu Ende; der Sarg wurde versenkt; die Nachmittagssonne warf noch ihren Abschiedsgruß auf ihn und den Todten, und Hunderte umdrängten das Grab und grüßten auch noch mit einer Handvoll Erde. –

Auch ich that es und wand mich dann mit Mühe durch die Menschenmenge, welche sich nur langsam zerstreute, obgleich die Gensd’armen wiederholt zum Weggehen mahnten. Vor dem Kirchhofe bildeten sich verschiedene Gruppen, in denen man sich ziemlich ungehalten darüber aussprach, daß heute noch Cavallerie in die umliegenden Dörfer einrücken solle, da die Bauern an der ganzen Sache doch unschuldig wären.

„Räsonnirt nicht!“ rief ein hinzutretender Gensd’arm in solch eine laute Gruppe hinein. „Es wird sich schon zeigen, ob Ihr unschuldig an der Sache seid. Liefert nur erst den Häckerlingsschneider aus, der Euch lange Abende hindurch mit seinen Vorlesungen, Predigten und Offenbarungen die Köpfe verdreht hat! Warum versteckt Ihr den Kerl?“

„Ein Kerl ist er nicht!“ schnatterte laut eine alte Frau, „er in ein ehrlicher Mensch; er schneidet am Tage fleißig sein Stroh, und wenn er am Abende hier und da Gottes Wort predigt, da geht er ganz nach der Bibel, wie der Pastor. Wenn aber der Pastor kein Kerl ist, so ist der Häckerlingsschneider auch kein Kerl.“

Viele lächelten der Rednerin Beifall zu und zwickerten mit den Augen, daß sie fortfahren solle.

Das gefiel der alten Frau, und sie sprach ruhig weiter: „Und das glaubt nur, Herr Gensd’arm, der Häckerlingsschneider macht’s gewiß oft besser, als der Pastor. Das würdet Ihr auch sagen, Herr Gensd’arm, wenn Ihr seine Predigten hörtet. Und Gottes Wort bleibt Gottes Wort, ob’s der Pastor in der Kirche oder der Häckerlingsschneider in der Bauernstube redet. Und noch dazu – der hat kein Pfarrgut, kein Holz, keinen Decem, der ist arm, wie es Jesus war, und wenn der Herr Jesus kein Kerl war, so ist auch der Häckerlingsschneider kein Kerl. Und nun wißt Ihr’s, Herr Gensd’arm.“

Es schien, als fänden diese Worte einen ernsten Nachhall in dem Gemüthe der Umstehenden. Man verhielt sich schweigend, nur eine stille Bewegung ging durch den Haufen der Bauersleute. Der Gensd’arm stutzte; er erkannte die starke Anhänglichkeit des ganzen Haufens an den Häckerlingsschneider und fragte die geschwätzige Frau: „Alte Hexe, wie heißt Ihr?“

Die Alte machte sich schnell aus dem Staube, ohne Antwort zu geben. Der ganze Trupp löste sich auf, und ob auch der Gensd’arm ihnen einige Schritte nachging und nochmals laut nach dem Namen der alten Frau fragte, er erhielt keine Antwort. Die Leute schritten schnell nach verschiedenen Richtungen auseinander; sie verriethen die Frau nicht, die man in Altenhof und Umgegend nur die „alte Müllerchristel“ nannte.

Ich mußte diese Scene erwähnen, weil in ihr die Stimmung sich abspiegelt, welche weithin auf vielen Dörfern für den Häckerlingsschneider vorherrschend war. Und nicht nur unter den Unbemittelten, auch unter den wohlhabenden Landwirthen gab es für den Häckerlingsschneider Johann Gottlieb Kloß starke Sympathien. Wir werden dem Manne näher treten, indem wir das grausige Blutbild, von welchem wir ein Stück schon sahen, nun weiter aufrollen. –

Es war am 19. Juli des Jahres 1818, also zwei Tage vor der erwähnten Kirchhofsscene und gerade an einem prachtvollen Sonntagsnachmittage, als ich in meiner Geburtsstadt Leisnig im hohen Grase eines kleinen, aber reizend gelegenen Gartens saß. Außer mir befand sich eine Kegelgesellschaft im Garten, um die ich mich nicht kümmerte, weil in mir eine verzeihliche Verstimmung lag. Ich war nämlich damals Obersecundaner auf der alten Kloster- oder Fürstenschule zu Grimma. Genau mit diesem Sonntage schlossen die Ferien, welche ich in meiner Heimath verlebt hatte, und das eben verstimmte mich. Alle Einrichtungen waren damals auf der Grimmaschen Fürstenschule noch strengklösterlich; im ganzen Jahre gab es nur vierzehn freie Tage, wo man die Zelle verlassen und daheim sein, oder einige Meilen weit hineinwandern konnte in die Welt. Diese vierzehn freien, schönen Tage waren nun abermals auf ein ganzes Jahr dahin. Mein Bündel lag schon geschnürt, nur ein Buch hatte ich noch nicht eingepackt; ich las darin, als ich im hohen Grase des Gartens saß, und suchte aus ihm frischen Muth zu schöpfen für den neuen Eintritt in die klösterliche Zelle. Das wollte mir nicht gelingen. Ich las und las, aber immer schwirrte mir lockend der Wunsch durch den Kopf: könnte ich doch morgen, statt in das alte Kloster zurück zu müssen, weit hinaus in die schöne Welt! – Das Buch, in welchem ich las, war „Seume’s Spaziergang nach Syrakus“.

Plötzlich wurde ich aus meinem Gedankenzuge herausgerissen, denn mehrere Sonntagsspaziergänger riefen durch die offen stehende Gartenthür: „Wisset Ihr’s schon? in der Mühle zu Beiersdorf hat der Häckerlingsschneider einen Mann geopfert. Boten sind herein in’s Amt; man sucht die Gerichtspersonen. Der Amtswachmeister ist schon mit den Ketten fort. Wir wollen eben auch hinaus.“

Ich klappte mein Buch zu; die Kegelgesellschaft zerstäubte. Alles machte sich auf der Weg nach der Beiersdorfer Mühle, eine Stunde von Leisnig, nicht weit von Altenhof gelegen, wo jenes Kirchlein steht. Bald war ich drüben über der Mulde bei den Schaaren, die nach der Mühle zogen. Da wurde nun manche Rede, manches Urtheil laut. Bald hieß es: „Der Häckerlingsschneider Kloß hat’s gethan, er selbst.“ – Ein Anderer rief: „Gewiß nicht; ich kenne den Mann; so etwas thut er nicht, und zu solcher That fordert er auch nicht auf. Ich habe ihn einige Male gehört, wenn er predigte.“ – Und wiederum ein Anderer meinte: „Nun, wenn er es selbst nicht that, so haben es die Kloßianer gethan.“

„Kloßianer“ hießen nämlich schon seit einigen Jahren die Anhänger des Häckerlingsschneiders Kloß, überhaupt Alle, die seine Predigten oder, wie er sie selbst nannte, seine „Vermahnungen“ besuchten.

Als wir bei der Mühle ankamen, war die Sonne untergegangen. Der Juli-Abend, hell genug, um Alles erkennen zu lassen, breitete sich aus auf die Felder, wo hier und da die [825] Ernte schon begonnen hatte und hochaufgeschichtete Garben ihrer Einfuhr nach der Tenne entgegensahen. Ringsum lag Friede – nur in der Mühle nicht. Aus ihr klangen kreischende Stimmen, wildes Geschrei, toller Lärm.

Der Mühlenbesitzer Friedrich Gottlieb Fischer, seine Frau und die sogenannte Kleinemagd, Namens Christine Birke, rannten tobend in der Wohnstube hin und her. Auf dem Tische lagen mehrere Plättstähle, ein Hirschfänger, eine Axt, ein Spaten, eine Heugabel. Bald ergriffen sie die eine, bald die andere Waffe und drohten damit hinaus in den Hof unter dem Geschrei: „Der Teufel ist todt – Gott hat’s befohlen! – Wir haben ein gutes Werk vollbracht!“

Das jetzt angekommene Leisniger Justizamt schritt sofort ein, und obgleich die Müllerin sich bedeutend zur Wehr setzte und den Amtswachmeister mit dem Hirschfänger verwundete, so waren doch die drei Tobenden bald in Ketten gelegt. Hatten sie sich aber schon vorher gerühmt, daß sie. „den Teufel getödtet und ein Gott wohlgefälliges Werk vollbracht“ hätten, so rühmten sie sich dessen in ihren Ketten noch mehr.

Als sie gefragt wurden, wo der Häckerlingsschneider sei, versicherten sie: „Der ist nicht hier; seine Stunde kommt später; uns hat’s Gott befohlen.“

Nun wurde nach dem Häckerlingsschneider gesucht – Niemand sah und fand ihn. Ich aber sah und fand, was ich nie vergessen werde. In der Mitte des Mühlhofes lag der Gemordete – an dessen Grabe wir ja schon auf dem Friedhofe standen – in seinem Blute, mit gespaltenem Haupte, mit hoch über dem Gelenke abgehackten Füßen und Händen, mit mehreren Degen- und Heugabelstichen im Rücken. Die Hände – ich kann einen genaueren Vergleich nicht geben – leuchten im Abendscheine wie rothe Stulphandschuhe, die Füße wie rothe Halbstiefeln. Auch der weiße Leinwandkittel war mit Blut getränkt.

Seitwärts von dem Todten – Christoph Friedrich Flohr war sein Name – befand sich die Düngerstätte, auf der sich ein aufgeschichteter Hügel erhob. Das war, wie man sich allgemein sagte, der Opferaltar. Er trug die Opferstücke: einen todten, noch blutenden Ziegenbock und fünf Stück blutige Enten. Drei Pferde, von denen besonders das jüngste und beste zum Opfer ausersehen war, weil in ihm „der Teufel am lebendigsten rumorte“, hatte der Mühlknappe Claus, der von der Tollheit frei geblieben war, hinausgeritten in den Wald, die Kinder der Müllersleute aber waren von der sogenannten Großemagd, Namens Wartig, gerettet worden, während die vorhin genannte Kleinemagd, theils verführt und gezwungen, theils von dem Fanatismus mit ergriffen, sich unter den Mördern befand.

Mittlerweile hatte sich der mildeste Sommerabend niedergesenkt. Es war, als wolle die Natur die Menschheit beschämen. Der Mond – es mochte ziemlich Vollmond sein – stieg auf und beleuchtete wie mit traurigem Angesichte die schaurige Stätte. Die Männer der Gerichtsbehörde ließen einen Wagenkorb über den Leichnam stülpen und ordneten an, daß bis zum nächsten Tage, wo die gerichtliche Aufhebung erfolgen sollte, zwei Wächter an die Stätte gestellt wurden. Dann fuhr ein Leiterwagen vor. Der Müller Fischer, seine Frau und die Kleinemagd mußten den Wagen besteigen, und ich sehe es noch heute, wie der Mond ihre blutbefleckten Sonntagskleider beleuchtete.

Der Wagen fuhr ab. Vor, hinter ihm, an den Seiten desselben schritten Menschen. Die Leute von Leisnig verhielten sich still, denn in der ganzen Stadt hatte der Häckerlingsschneider Kloß kaum ein Dutzend feste Anhänger. Unter den Landleuten aber, von denen viele aus den benachbarten Dörfern herbeigekommen waren, zeigte sich Aufregung und Bewegung. Man nahm den Häckerlingsschneider in Schutz, und es klang aus diesen Schutzreden stark ein pietistischer, oft mystischer Ton.

Noch weit stärker und voller von Nacht und Wahn durchtränkt waren die Reden, welche die Gefangenen vom Wagen herab an das Publicum hielten. So oft auch der Wachmeister hinaufrief: „Haltet Ruhe!“ immer wieder predigte besonders die junge, sechsundzwanzigjährige Müllerin laut und gehoben, aber in abgebrochenen Sätzen: „Wir haben recht gethan. Wir sind getrost und wollen gerne leiden; auch die Apostel haben gelitten. Die Teufel müssen getödtet werden. Abraham wollte ja auch seinen Sohn opfern, aber da kam Gott und brachte den Widder; der Sohn Isaak blieb lebendig, und Flohr, in welchem der Teufel war, wird auch wieder lebendig werden. Gott wird bald kommen und das Weltgericht halten, aber die Teufel müssen wir erst tödten, die noch in der Welt sind, da ja geschrieben steht: ‚Der Teufel geht umher, wie ein brüllender Löwe.‘“

Ich ging immer dicht am Wagen; ich hörte Alles und blieb bei dem Wagen, bis er in Leisnig an dem alten Schlosse Mildenstein vor dem Gefangenhause hielt. Hier wurden die Drei heruntergehoben; ich hörte noch das Geklirre der Ketten, dann entfernte ich mich. Erschüttert und still durch die laue Mondnacht schreitend, sagte ich zu mir: „Diese armen Leute liegen nun in Ketten, weil sie geknechtet liegen unter religiösem Wahnsinne.“

Für den Secundaner war’s vielleicht genug. Heute, wo ich Greis bin, sage ich allerdings noch mehr.




Am andern Morgen, obgleich die Nacht ziemlich schlaflos für mich verging, war ich doch früh schon auf dem Platze. Fest entschlossen, heute nicht nach Grimma in die Fürstenschule zurückzukehren, hing ich das schon geschnürte Bündel an die Wand, muthig und getrost auf die Carcertage schauend, die mich als Strafe für mein Außenbleiben erwarteten. Wie hätte ich auch gehen können! Die Stadt war lebendig; Cavallerie zog vorbei und belegte viele umliegende Dörfer, von denen man wußte, daß sie von der pietistischen Seuche ergriffen waren. Und in der That hatte sich diese weit verbreitet; auch in der Gegend von Döbeln, Mügeln, Oschatz etc. waren viele Dörfer angesteckt – der Häckerlingsschneider stand in Renommée.

Aber warum griffen die Behörden nicht früher ein? Man hielt die Sache für unschädlich; hatte doch Kloß auf der Superintendentur zu Oschatz und anderweit, wo er eine Art Examen bestehen mußte, wenn auch nicht schriftlich, doch mündlich das Wort erhalten; man war der Ansicht, daß seine „Vermahnungen“ unschädlich seien. Unschädlich aber waren seine Vorträge durchaus nicht.

Ein Jahr früher hörte ich ihn selbst einmal. Die Bauernstube, in welcher er sprach, war von Menschen gedrängt voll. Tabak durfte nicht geraucht werden, und man sagte mir, Kloß dulde das Rauchen nicht; er behaupte, der Tabak sei das Unkraut, welches der Teufel unter den Weizen gesäet habe, und aus den Untersuchungsacten ergiebt sich, daß Kloß gelehrt habe: „wie jetzt der Rauch aus dem Munde des Tabakrauchers komme, so werde er auch in der Hölle aus seinem Halse hervorbrennen.“ Wie stets bei seinen Vermahnungen, so saß der Apostel Johann Gottlieb Kloß auch damals auf einem Stuhl, der in der Bauernstube auf den Familientisch gestellt wurde. Er war ein stattlicher Mann, dreißig Jahre alt, und unverheirathet. Er wohnte eigentlich auf einem Dorfe bei Roßwein, zog aber seit einigen Jahren, Häckerling schneidend und predigend, besonders in der Leisniger Gegend umher. Die bunte Kattunjacke und die gelblichen Lederhosen, die er trug, gaben ihm ein besonderes Ansehen. Auf dem Tische stand ein Glas, mit Bier gefüllt, aus welchem er während seiner Rede oft trank. Ehe diese begann, wurde ein orthodoxes Lied gesungen. Dann erhob er seine volle, klangreiche Stimme und ermahnte die Anwesenden zur Gottesfurcht und Tugend, weil sie sonst nicht mit ihm eingehen könnten in’s „gelobte Land“. Bald vermengte er aber das „gelobte Land“ mit dem „Paradiese“, das es ja ebenfalls geben müsse, weil sonst der Herr Jesus gelogen hätte am Kreuze, wo er auf das Paradies noch hingewiesen. Dann sprach er von seinen Träumen, Visionen, Offenbarungen, von seinem durch Gott ihm befohlenen Lehrberufe etc. Nach einer Pause schlug er die Bibel auf und las mehrere Verse aus der „Offenbarung Johannis“. In schauerlicher Weise legte er dieselben aus, sprach drohend von Krieg und Theuerung, Uebel, welche eintreten müßten, wenn sich die Menschen nicht bessern würden, und verkündete dumpf und mit prophetischem Tone die Nähe die jüngsten Tages und des Weltgerichts. Todtenstille herrschte unter den Anwesenden. Gegen Tanz, Spiel, Musik, Schänkenbesuch eiferte er heute nicht, obgleich er das sonst in jeder „Vermahnung“ zu thun pflegte, wohl aber forderte er am Schlusse alle Anwesenden auf, niederzuknieen. Willig kam man dieser Aufforderung nach, während er selbst vom Stuhle sich erhob und auf dem Tische niederkniete.

Ich schlich still zur Thür hinaus, hörte aber draußen das sinnverwirrende Gebet, das er laut und feierlich sprach. Als

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Die Gartenlaube (1874) b 826.jpg

Aus den Manövern des zehnten Armeecorps bei Hannover.
Nach der Natur aufgenommen von Carl Grote in Hannover.

[827] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [828] sich die Gemeinde erhoben hatte, legte man Geld auf einen Teller, dann gingen die Meisten fort, nur die sogenannten „Auserwählten“ blieben da. Durch das Fenster sah ich noch, daß der Prophet sehr freundlich mit einer jungen, sauberen Magd sprach. Mir schien es, als rede er ihr zu, auch noch da zu bleiben. In dem Gehöfte, in welchem der Prophet sprach, hatte er nämlich auch jedesmal freie Station und Nachtquartier. Uebrigens war er, wie Jedermann sagte, in seinem Umgange freundlich, bescheiden, dienstfertig – und den Häckerling schnitt er überall preiswürdig. Ich aber erkannte schon damals, daß trotz dieser guten Eigenschaften der ganze Mann von pietistischen Albernheiten erfüllt war.


(Schluß folgt.)




Epische Briefe.


Von Wilhelm Jordan.


V. Das indische Epos.


Aus der Urheimath westwärts erfolgte die Wanderung der arischen Völker. Nur eines derselben wandte sich erst südwärts, dem Laufe des Indus folgend, und nach diesem Strome Inder benannt, zog es dann erobernd ostwärts bis zur Yamuna und den Mündungen des Ganges. Dieses eine, geographisch gegen den Lauf der Sonne zurückgegangene Mitglied der großen arischen Völkerfamilie ist auch in der Cultur rückläufig geworden.

Die Kämpfe um den Erwerb und Besitz der Yamuna- und Gangaländer erfüllen die indische Heldenzeit und bilden, erweiternd angeknüpft an die arische Ursage, den Inhalt des indischen Epos. Seine Kunstgestalt hat dieses etwa zwei Jahrhunderte früher erreicht als das griechische durch Homer. Wir aber besitzen es nur in dem Zustande, bei welchem es acht oder neun Jahrhunderte später angelangt war. Es wurde nämlich fortwährend umgebildet und durch Zusätze vergrößert, erst zu politischen, dann zu hierarchischen Zwecken. So ist es allmählich angeschwollen zu einem ungeheuerlichen Wust vom allermindestens Fünffachen seines ursprünglichen Umfanges. Diese Umwandlung ist sehr beachtenswerth; denn sie giebt lehrreiches Zeugniß von der Rolle der Poesie in der Völkergeschichte und läßt uns namentlich das Epos erkennen, nicht nur als den treuen Spiegel, sondern zugleich als den Prägstock der Nation, als den Träger einer Kraft, welche die Schicksale des Volkes mit bestimmen hilft.

Das indische Epos besteht aus zwei Sammlungen, den Erzählungen vom großen Kriege, Mahabharata, und den Thaten des Rama, Ramajana.

Nur in der ersteren ist das alte Kunstepos auch unter der angeschwollenen Mißgestalt einigermaßen erkennbar geblieben. Den echten Kern bilden die Schicksale des Heldengeschlechts der Kuruinge und ihre Kämpfe mit den Pandus um den Königssitz und das Reich von Hastinapura. An einer auch geschichtlichen Grundlage ist nicht zu zweifeln. Ein frisch aus dem Norden eingedrungener und durch das heiße Klima noch nicht entnervter Stamm hatte das genannte Reich einem früher ausgewanderten, ebenfalls arischen Stamme entrissen. Die neue Dynastie des siegreichen Volkszweiges, eben die Kuruinge, hat das Epos ursprünglich gefeiert und als seinen Haupthelden den Karna verherrlicht. Später aber muß es angeblichen oder wirklichen Nachkommen der alten Dynastie der Pandu gelungen sein, ihre Besieger wieder zu verdrängen, wahrscheinlich mit Hülfe der Priesterschaft, und sich dauernd zu behaupten, da in der That ein Fürstengeschlecht, welches seinen Stammbaum auf sie zurückführte, bis in’s vierte Jahrhundert vor Christi Geburt über Hastinapura geherrscht hat.

Diese Dynastie nun ließ das Epos umfälschen und ihre Vorfahren statt der alten Gegner darin verherrlichen. Es fehlte nicht an lohngierigen Schmeichelsängern, die dazu bereit waren. Sehr bezeichnend ist es, daß ein solcher Umfälscher im Epos selbst als dessen Dichter gerühmt und doch zugleich als eine der mithandelnden Personen der Vorzeit geschildert wird, obendrein mit einem Namen, der lediglich die Berufsthätigkeit ausdrückt. Er heißt Vyasa, und vyasas, ungefähr das griechische Diaskeuastes, bedeutet Ueberarbeiter, Liedordner, wie das indische samasas sich deckt mit „Homeros“, das ist Zusammenfüger zu einem Ganzen.

Ihre erste Besiegung im Kampfe durch die Kuru ließen die Pandu umfälschen in einen Verlust des Reichs durch betrügliches Würfelspiel ihrer Gegner. Selbst die Namen dieser Gegner verschonten sie nicht. An einigen von des Fälschern übersehenen und richtig erhaltenen Stellen der alten Dichtung heißt der Kurukönig noch Sugodhana, das ist der Gutkämpfer, sonst aber überall Durgodhana, Schlechtkämpfer.

Was das Epos von den Pandu Schlimmes berichtet hatte, ist natürlich mit besonderer Sorgfalt ausgetilgt worden. Daher unterliegt es kaum einem Zweifel, daß ursprünglich die Pandu gerade so als die Vertreter und Abkömmlinge der bösen Dämonen und Mächte der Finsterniß dargestellt waren, wie die Kuru als Kämpfer für die Mächte des Lichts und als Abkömmlinge der himmlischen Götter. Denn Letzteres ist durch alle Fälschung hindurch sehr deutlich erkennbar geblieben. Den Karna haben wir schon im vorigen Briefe kennen gelernt als einen Sohn des Sonnengottes. Noch deutlicher wird es durch die Betrachtung einer anderen Hauptgestalt, des Bhischma. Dieser Held bekämpft, wie der homerische Nestor, schon das vierte Geschlecht. Er sagt einmal:

 .... O schreckliche Pflicht des Kschatrija*[1]
Zu schießen den Pfeil in der Enkel Herz
 die als Kinder so oft mein Schooß gewiegt!
Nur Ekel erweckt mein Leben mir;
 nur Kampf und Mord, und Kampf mit wem?
Noch nirgend fand ich den tapfern Mann
 der meiner Kraft gewachsen war.
Vor Zeiten streckt’ ich die Väter dahin,
 die Söhne sodann, und muß nun gar
Das Enkelgeschlecht, ja den Enkelsohn
 bekämpfen und immer der Sieger sein!
Erscheine mir endlich, o Jama,**[2] und nimm
 hinweg die drückende Lebenslast! –
So stöhnte der Greis, derweilen die Nacht
 die Fluren bedeckte mit Finsterniß
Und Wölf’ und Hyänen die Walstatt rings
 durchschweiften, mit grausen Dämonen vereint,
Um hinunter zu schlingen das Leichenmahl
 bevor sie verscheuche der Morgenstrahl.

Welchem Geheimniß Bhischma seine übermenschliche Lebenskraft verdanke, das verräth schon die eindrucksvolle Schilderung seines Aufzugs. Weiß von Haar und Bart, in weißem Gewande und weißem Turban, silberweiße Waffen und Rüstung tragend, schrecklich zu schauen wie ein weißer Berg und donnerstimmig, fährt er einher auf silbernem, weißem, von weißen Rossen gezogenem Wagen und führt in seinem Banner fünf silberne Sterne. Er ist der verkappte Himmelsgott, der wolkengewaltige Zeus Homer’s; sein Wagen ist die Wolke selbst, seine weißen Rosse sind die Schimmel unseres Wodan, welche ebenfalls die Wolken bedeuten, und die fünf Bannersterne sind die den Indern bekannten fünf Planeten. Ganz an die Lehre von Wodan, der die tapfersten Helden fallen läßt, um sie als Einherier in Walhall aufzunehmen, gemahnt es, wenn es von ihm heißt:

Da rief der donnerstimmige Greis
 dem kämpfenden Heer die Worte zu:
Ihr Helden wisset, das Himmelsthor
 ist heut euch wieder aufgethan;
So schreitet auch Ihr den Weg, den einst
 die Väter und Ahnen gewandelt sind
Hinauf nach Indras Wonnenwelt
 und laßt auf Erden ewigen Ruhm.
Beschlösset Ihr lieber den Lebenslauf
 daheim auf kläglichem Krankenbett?
Dem achten Kschatrijer ziemet allein
 im Felde zu sterben den Schlachtentod.

Bhischma ist der auf die Erde und in’s Menschendasein hinunter verbannte Himmelsgott. Nach den Angaben des Epos in der überlieferten Gestalt, soll er während dieser Verbannung unter die Menschen nicht der Gründer eines Geschlechtes werden und muß deshalb unvermählt bleiben. Aber als Mensch ist auch er den heiligen Satzungen unterworfen, und eine derselben, [829] genannt Manu’s Nothgesetz, gebietet ihm, seinen unfähigen Stiefbruder Nachkommenschaft zu erwecken. So ist er dennoch der Großvater der Kuru geworden, ohne es in anerkannter Weise zu sein. Wenn nun aber in der ganzen ferneren Darstellung die Tendenz hervortritt, die Schicksale seiner Nachkommen als fortgesetzte Erdenbuße erscheinen zu lassen, so verräth das deutlich die spätere Brahmanenlehre.

Wir werden also schwerlich irre gehn mit der Annahme, daß ursprünglich die Menschwerdung des Himmelsgottes nicht als eine gezwungene Verbannung dargestellt war, sondern als freiwillige Erdenfahrt, von vornherein unternommen in der Absicht, das Heil der Menschen zu fördern durch Erzeugung eines Heldengeschlechtes. Denn eben dieser Auffassung begegnen wir bei den anderen epischen Völkern, welche aus demselben arischen Urquell geschöpft hatten, in der iranischen Sage, in der griechischen, wie namentlich im Heraklesmythus, und zumal in unserer eigenen germanischen, von Wodan Sigi und den Wölsungen. Dem brahmanischen System freilich lief das, wie wir noch sehen werden, so schnurstracks zuwider, daß sie diesen Gräuel einer freiwilligen Vermenschlichung der Gottheit, da er nicht leicht auszutilgen war, in der uns vorliegenden Weise umdichten mußten.

Kurz, die Kuruinge und Pandu waren einander ursprünglich gerade so entgegengestellt wie unsere Wölsunge und Nibelunge. Denn diese, die Nibelunge, sind die Söhne der Nachtwelt und namentlich von ihrem Haupthelden, Hagen, hat uns die Sage seine Erzeugung durch einen finstern Erdgeist ausdrücklich erhalten. Jene aber, die Wölsunge, stammen her von Sigi, dem Sohne, welchen Odin mit sterblicher Mutter zeugt, nachdem er selbst sich zur freiwilligen Erdfahrt von der Magd eines Bauern als Knecht Bölwerk hat gebären lassen. Die Kämpfe dieser beiden Geschlechter haben also die höhere Bedeutung eines Kampfes der Mächte des Lichts und des Heiles mit denen der Finsterniß und des Verderbens. Da dies auch in der Zendreligion und im ganzen iranisch-persischen Epos überall das ausgesprochene Hauptthema bildet, dürfen wir dasselbe mit Sicherheit auch für die ursprüngliche Gestalt des Mahabharata annehmen.

Uebrigens ist es bemerkenswerth, daß auch die Umfälschung des Mahabharata zu Gunsten der Pandu in unserem Epos ihr Seitenstück gefunden hat. Wie der ursprüngliche Hauptheld Karna von der Ueberarbeitung zurückgedrückt und mit Ungunst behandelt wurde, um statt seiner die Panduhelden zu verherrlichen, den Krischna und besonders den Ardschuna, den indischen Hagen, der den verrathenen Karna hinterrücks erschießt, so ist im Nibelungenliede des Mittelalters nicht mehr der Wölsung Sigfrid, sondern der Nibelung und Meuchelmörder Hagen der eigentliche Held, für den der Dichter Theilnahme und Bewunderung zu wecken bestrebt ist.

Auch mit dem homerischen Epos hat das Mahabharata einige Züge gemein. Wenn zum Beispiel der beleidigte Karna, dem man seine angebliche Abkunft von einem Fuhrmanne vorgeworfen, grollend ausruft:

Indessen der Feind euch stürmend bedrängt
 auf dem Felde der Schlacht, gedenke nun Ich
Geruhig zu sitzen im eigenen Zelt,
 bis der Hülfe bedürftig der Könige Sproß
Durgodhana selbst, die Stirne geschmückt
 mit dem goldenen Reif der Kuru, erscheint
Und als Bittender naht mir, dem Fuhrmannssohn.....

wer würde da nicht sofort an den müßig grollenden Achill erinnert? Und wenn Draupadi, eine Heldin des Epos, den um sie werbenden Fürsten verkündigt, daß sie demjenigen als Gemahlin folgen werde, welcher den berühmten Bogen ihres Vaters zu spannen und mit dem Pfeile das Ziel zu treffen im Stande sei, so ist darin der Bogenkampf der Freier um Penelope unverkennbar.

Schon im Mahabharata ist auch die zweite viel verderblichere Umwandlung des Epos, die religiöse zu Gunsten einer herrschsüchtigen Priesterschaft, sehr deutlich erkennbar, so namentlich in einer der friedlichen Zwischenerzählungen, die uns ein Bild der Zustände des Volkes nach den Eroberungskriegen entwerfen. Es ist dieselbe, aus welcher im zweiten Jahrhunderte nach Christi Geburt Kalidasa den Stoff zu seinem berühmten Drama „Sakuntala“ geschöpft hat. Der Stammfürst hat sich durch die Dictatur im Kriege in einen unumschränkten Herrscher verwandelt. Duschmanta, der König, heißt schon der Weltgebieter und hat einen Harem von Frauen, die ihn preisen als Abbild des Gottes Indra. Mit ungeheuerm Gefolge und verschwenderischem Prunke zieht er zur Jagd. Nebenher, wie ein alltägliches Gewürz des Vergnügens wird es erwähnt, daß die verwundeten Elephanten eine Menge von Menschen zerstampfen. Aber dieser allmächtige Herrscher betritt mit Ehrfurcht den Hain der heiligen Büßer und legt demuthsvoll die Zeichen der Königswürde ab, bevor er die Schwelle des Brahmanen Kauwa überschreitet. Letzterer besitzt Wissenschaft von Dingen, die er weder gesehen noch gehört hat. Sakuntala, als es scheint, daß der König sie treulos verleugnen wolle, fragt sich, was sie denn in einem früheren Leben verbrochen habe, um solche Strafe zu verdienen. Weil sie aber die Pflegetochter des heiligen Mannes ist, muß eine Stimme vom Himmel herab den Knoten lösen. Im heiligen Haine befindet sich schon eine ganze Colonie frommer Büßer, welche bedacht sind auf Abtödtung der Sinne und ihre Schüler lehren, wie man sich durch Versenkung in die Gottheit mit dem ewigen Urgeiste vereinigen könne.

Wie das Epos vollends umgeschaffen wurde zur Priesterwaffe und wie es als solche nur allzuwirksam mitgeholfen, dem Volke die letzte Thatkraft zu lähmen und es willenlos zu beugen unter ein erdrückendes Joch: das wird uns die Betrachtung der anderen Sammlung, Ramajana, in der zweiten Abtheilung dieses Briefes zeigen.


(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.


„Deutsche Kunst in Lied und Bild.“ Neben dem neulich von uns erwähnten „Deutschen Künstler-Album“, herausgegeben von Ernst Scherenberg, verdient als ein würdiges Denkmal deutschen Dichtens und Schaffens das von Albert Traeger redigirte Jahrbuch „Deutsche Kunst in Lied und Bild“ (Leipzig, Julius Klinkhardt) eine rühmende Hervorhebung; denn es giebt gegenüber der großsprecherischen Behauptung von der Ohnmacht und Armuth der heutigen deutschen Dichtung den erfreulichen Beweis, daß unser Dichterwald an frischen und ursprünglichen Talenten gegenwärtig so reich ist, wie er je war. Alle Töne der Lyrik, vom leichten sangbaren Liede bis hinauf zum ernsten Reflexionsgedichte, daneben die Ballade und die Romanze, die Ode und die Elegie, das Sinngedicht und das Epigramm – alle diese lyrischen Dichtungsarbeiten finden in dem Traeger’schen Album durch oft überraschend schöne Beitrage ihre Vertreter. Und wenn neben dem Guten und Besten hier und da eine Leistung von mittelmäßigem Werthe auftaucht, so ist das ein unvermeidliches Loos, welches das Album mit allen derartigen Unternehmungen theilt. Dichter aus allen deutschen Gauen haben diesmal zu dem Jahrbuche beigesteuert. Am meisten vertreten ist das Königreich Sachsen, so durch R. Gottschall, Fr. Hofmann u. A. Das reichsherrliche Berlin wird vor Allem durch den als Lyriker weniger bekannten Fr. Spielhagen repräsentirt, und unter den übrigen preußischen Dichtern ragt F. Dahn hervor, der aus der Stadt der reinen Vernunft sein philosophisches Lied „Lucifer“ singt; aus München läßt H. Lingg seine Lyra erschallen, während von Stuttgart her K. Gerock u. A. sich in den Reigen der Sangesbrüder mischen; vom grünen Rhein herüber tönen die Lieder E. Rittershaus’ und seiner Genossen, und das schöne Deutsch-Oesterreich wird in erster Linie durch den genialen R. Hamerling repräsentirt. Bietet das Träeger’sche Album somit eine reiche Auswahl duftiger Blüthen der Poesie, zu denen der Herausgeber selbst einige stimmungsvolle Lieder beigesteuert hat, so muß die Sammlung von Lithographien und Farbendrucken nach Gemälden unserer bedeutendsten Künstler, welche den Gedichten beigegeben ist, eine nicht minder reiche genannt werden. Bringen wir noch die prächtige innere und äußere Ausstattung des Werkes und die den Schluß bildenden musikalischen Beiträge in Anschlag, so dürften wir, wegen einer gediegenen Weihnachtsfestgabe befragt, kaum ein passenderes Prachtwerk zu empfehlen wissen, als dieses Album „Deutsche Kunst in Lied und Bild.“




Das deutsche Volkslied (mit Abbildung, Seite 819) hat schon seit mehr als einem Jahrzehnt in Georg Scherer, dem Dichter zarter und sinniger Lieder einen treuen Freund und Pfleger gefunden. Scherer begnügte sich nicht damit, nur aus bereits gedruckten Sammlungen ein neues Buch auszuwählen, sondern er schöpfte aus dem Urquell des Volksliedes, aus dem Volke selbst. Aus den verschiedenen Heimstätten deutschen Lebens trugen sein eigener Eifer und die Emsigkeit gleichstrebender Genossen einen frischen Schatz von Liedern zusammen, und erst mit diesem in der Hand schlug er die seit Herder bei uns angehäufte Literatur der Volkspoesie auf und brachte so, vergleichend, sichtend und säubernd, ein Musterbuch zu Stande.

Schöpfung, Verfall, Neuerwachen und neue Blüthe des Volksliedes hielt stets mit unseren nationalen Schicksalen gleichen Schritt. Die Mehrzahl der heute noch bevorzugten Volkslieder danken wir dem aufgeweckten,


Hierzu der „Weihnachts-Anzeiger“, Extrablatt der „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, Verlag von G. L. Daube & Comp.

[830] muthigen und lebensfrischen Geiste des deutschen Volkes im Reformationszeitalter und dann dem Wiedererwachen des Nationalgeistes unter dem alten Fritz und in den Befreiungskriegen. Und wer waren und sind noch ihre Dichter? Darüber belehrt uns Heinrich Heine so schön. „Gewöhnlich,“ sagt er, „sind es wanderndes Volk, Vagabunden, Soldaten, fahrende Schüler oder Handwerksburschen, und Letztere ganz besonders. Gar oft, auf meinen Fußreisen, verkehrte ich mit diesen Leuten und bemerkte, wie sie zuweilen, angeregt von irgend einem ungewöhnlichen Ereignisse, ein Stück Volkslied improvisirten oder in die freie Luft hineinpfiffen. Das erlauschten nun die Vögelein, die auf den Baumzweigen saßen, und kam nachher ein anderer Bursch mit Ränzel und Wanderstab vorbeigeschlendert, dann pfiffen sie ihm jenes Stücklein in’s Ohr, und er sang die fehlenden Verse hinzu, und das Lied war fertig. Die Worte fallen solchen Burschen vom Himmel herab auf die Lippen, und er braucht sie nur auszusprechen, und sie sind dann noch poetischer als all’ die schönen poetischen Phrasen, die wir aus der Tiefe unseres Herzens hervorgrübeln.“ Diese Worte schrieb Heine nieder, als ihm zum ersten Male „Des Knaben Wunderhorn“, jene Sammlung von Achim von Arnim und Clemens Brentano, vor Augen kam. Auch dieses Werk ist neuerdings von H. Killinger u. Comp. in Wiesbaden in einer illustrirten Prachtausgabe dem Publicum zugeführt worden.

Volkslieder sind nur zum Singen da, und darum war man auch früh bemüht, die alten Volksweisen zusammenzutragen. Eine der bedeutendsten Sammlungen verdanken wir O. L. B. Wolff in seiner „Halle der Völker“. Auch Scherer’s erste Ausgabe des heute von uns besprochenen Werkes führt den Titel: „Die schönsten deutschen Volkslieder mit ihren eigenthümlichen Singweisen“. Die vorliegende neueste Ausgabe kündigt sich als „illustrirte Pracht-Ausgabe“ an, die, neben einer Bereicherung des Buchs um siebenunddreißig Lieder, ihr Hauptgewicht auf die Illustration legt. Die Originalzeichnungen dazu lieferten Jacob Grünenwald, Andreas Müller, Karl von Piloty, Arthur von Ramberg, L. Richter, M. von Schwind, A. Strähuber und P. Thumann. Von der kunstreichen und sinnigen Hand des Letzteren ist die Probe, welche wir unseren Lesern auf S. 819 zu dem nachstehenden Volksliede mittheilen.


 Die Macht der Thränen.

Es kam von einer Neustadt her
Eine Wittfrau sehr betrübet;
Es war gestorben ihr liebes Kind,
Das sie von Herzen geliebet.

Sie ging einmal in’s Feld hinaus,
Ihre Traurigkeit zu lindern;
Da kam das liebe Jesulein
Mit so viel weißen Kindern.

Mit weißen Kleidern angethan,
Mit Himmelsglanz verkläret,
Mit einer schönen Ehrenkron’
War’n diese Kinder gezieret.

Und als die Mutter ihr Kind erblickt,
Schnell thät sie zu ihm laufen:
„Was machst Du hier, mein liebes Kind,
Daß Du nicht bist bei’m Haufen?“

„Ach Mutter, liebste Mutter mein,
Der Freud’ muß ich entbehren;
Hier hab’ ich einen großen Krug,
Muß sammeln Eure Zähren.

Habt Ihr zu weinen aufgehört,
Vergessen Eure Schmerzen,
So find ich Ruh’ in dieser Erd’,
Das freute mich von Herzen.“




Ernst Scherenberg. Zu den vielgenanntesten und weitbekanntesten unter unseren jüngsten Dichtern gehört zweifellos Ernst Scherenberg, der Redacteur der „Elberfelder Zeitung“, ein Neffe des berühmten Schlachtensängers. Besonders sind es die politischen und patriotischen Lieder, mit denen er seit 1859, dem Beginne der aufsteigenden Bewegung, bis heute allen Fortschritten der vaterländischen und freiheitlichen Sache gefolgt oder vorangeeilt, welche seinem Namen die allgemeine und verdiente Aufmerksamkeit zugewandt haben. In Aller Erinnerung hallt noch wieder der begeisterte Jubelruf: „Hoch Deutschland, herrliche Siegesbraut“ im August 1870, und das vielfach componirte: „Hie Papst! – Hie Kaiser!“ (October 1873) verleiht der deutschen Entrüstung über das römische Unwesen einen würdigen und mannhaften Ausdruck.

Scherenberg’s „Gedichte“ sind jetzt in einer Gesammtausgabe in Leipzig erschienen und bewähren den Ruf des Dichters auch auf anderen Gebieten. Tiefe der Empfindung, Klarheit und Fülle der Gedanken, sowie eine schöne, einfache und ungekünstelte Form sind Vorzüge, die auch jetzt noch ihren Werth behaupten und dem Dichter zu seinen vielen Freunden und Verehrerinnen immer neue gewinnen werden. Die Perle der Sammlung ist ohne Frage der Lieder-Cyclus „Verbannt“, der den Schluß des Buches bildet. Der Dichter schildert uns hier in bald wehmüthig-weichen, bald mannhaft-kräftigen Tönen die Schicksale eines nach Amerika ausgewanderten Freiheitskämpfers. Die deutschen Männer seien darauf aufmerksam gemacht, daß die deutschen Frauen und Jungfrauen das geschmackvoll ausgestattete Buch gewiß mit Freuden auf ihrem Weihnachtstische begrüßen werden.

A. Traeger.




Die Rüstung des Friedens. (Dazu Abbildung S. 826 und 827: „Die Kaisermanöver bei Hannover“.) „Militärische Schauspiele“ werden von den Zeitungen die großen Manöver genannt, zu welchen seit der Neu-Errichtung des deutschen Reichs nach den Einzelübungen der Bataillone, Regimenter und Brigaden schließlich die Divisionen der deutschen Armeecorps zusammengezogen werden, um nach vorgeschriebenem Plane alle Arbeiten eines Gefechts oder einer Schlacht durchzumachen. Durch den Ernst der Zeit haben sicherlich die großen Manöver eine höhere Bedeutung erhalten, als die von Bundestags wegen controlirten Manöver und Manöverchen der verschiedenen Contingente der Bundesarmee hatten; aus dem „Schauspiele“ ist strenge „Schule“ geworden, und nachdem der letzte große Krieg auch den Blick des Volkes für den Werth einer tüchtigen Wehrkraft gestärkt, gewinnt solch ein großes Manöver eines deutschen Armeecorps das weit bedeutungsvollere Gewicht, daß es dem Volke die Beruhigung giebt, in welcher dasselbe den Frieden mit Zuversicht benutzt und den Krieg nicht fürchtet. Diese Beruhigung hat auch das letzte große deutsche Manöver des zehnten Armeecorps bei Hannover erweckt, und deshalb halten wir eine bildliche Darstellung eines Augenblickes desselben auch in unserem Blatte für gerechtfertigt.

Am rechten Ufer der Leine, südwestlich von Hannover, erhebt sich der kahle, nur von zwei Windmühlen besetzte Rücken des Krohnsbergs, dessen breite Hochfläche von Südwest nach Nordost streicht. Am Abhang desselben liegen nach Westen die Dörfer Kirchrode und Bemerode, nach Osten Wülferode und im Norden Anderten. In der Ebene ist das Terrain von Waldungen umkränzt. Der Manöverplan war nun folgender. Das zehnte Armeecorps hatte einen Feind zu verfolgen, welcher seinen Rückzug von Minden über Hannover nach Braunschweig hin nahm und bereits Hannover im Rücken hatte, als der Befehl eintraf, Stand zu halten, Hülfe zu erwarten und eine Schlacht anzunehmen. Der Feind wählt den Krohnsberg als den günstigsten Vertheidigungspunkt; er selbst wird nur durch wenige Truppen dargestellt, deren Abtheilungen mit rothen Fahnen Bataillone und Schwadronen zu bedeuten haben; ebenso gelten einzelne Geschütze für Batterien. Die zwanzigtausend Mann des Corps mit achtundsechszig Geschützen haben nun am Krohnsberg den Feind anzugreifen, und sie besiegen ihn schließlich durch ein im französischen Krieg bewährtes Manöver, nämlich dadurch, daß eine Division des Corps die linke Flanke des Feindes umgeht und – hier bei Wülferode – ihn hinter seiner Fronte angreift. Das ganze Boden- und Manöverbild soll sehr an die Schlacht bei Gravelotte erinnert haben.

Unsere Illustration stellt den Augenblick dar, wo soeben eine große Officiersconferenz beendet ist. Wir sehen im Vordergrund zur Linken um den Tisch eine Gruppe der zahlreich anwesenden fremden Officiere, von denen die meisten an ihren Uniformen als Oesterreicher, Engländer, Russen Franzosen, Italiener, Schweden, Dänen, Niederländer, Türken etc. zu erkennen sind. Dahinter der Wagen der Prinzessin Albrecht und daneben der Kronprinz, sowie Prinz Friedrich Karl und auch die Kronprinzessin zu Pferd und in der Uniform ihres Regiments. Ebenso leicht zu erkennen sind die übrigen Officiere vom großen Generalstab des Kaisers, welcher, zur Seite den Großherzog von Mecklenburg, die soeben beginnende Attaque eines Ulanenregiments beobachtet. Ganz im Vordergrund der Höchstcommandirende des Manövers, Prinz Albrecht von Preußen, den Ulanen nachblickend. Die Thürme von Hannover ragen im Hintergrunde über den das Manöverbild begrenzenden Wald.




Nicht zu übersehen!


Mit nächster Nummer schließt das vierte Quartal und der zweiundzwanzigste Jahrgang unserer Zeitschrift. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das erste Quartal des neuen Jahrgangs schleunigst aufgeben zu wollen.

Vorläufig zur Nachricht, daß der nächste Jahrgang an Erzählungen bringen wird:

„Eine namenlose Geschichte“ von E. Marlitt,
„Das Capital“ von Levin Schücking,

eine Erzählung von Ernst Wichert (Verfasser von „Schuster Lange“) und eine Novelle von Karl Frenzel.




Die Postabonnenten machen wir noch besonders auf eine Verordnung des kaiserlichen General-Postamts aufmerksam, laut welcher der Preis bei Bestellungen, welche nach Neujahr aufgegeben werden, sich pro Quartal um 10 Pfennige erhöht (das Exemplar kostet also in diesem Falle 1 Mark 70 Pfennige anstatt 1 Mark 60 Pfennige). Auch wird bei derartigen verspäteten Bestellungen die Nachlieferung der bereits erschienenen Nummern eine unsichere.

Die Verlagshandlung.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. * Angehöriger des Waffenadels, der Kriegerkaste.
  2. ** Der Todesgsott.