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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1873
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1873) 835.JPG
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Inhaltsverzeichnis

[835]

No. 52.   1873.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Der letzte Fünfthalerschein.
Bild aus dem Leben des Volkes.


Eng ist der Raum und düster; eine Bank
Mit Handwerkszeug am schmalen Fenster steht,
Dabei ein Tisch, darauf das Schuhwerk liegt,
Das auszubessern ist der Mann bestrebt,

5
Der einsam kauert auf dem Handwerksstuhl.


Aufathmend legt er jetzt die Arbeit nieder,
Und in die kleine Kammer tritt er sachte,
Die birgt den Stern, der immer, immer wieder
Erhellend in sein dunkles Leben lachte:

10
Sein einz’ges Kind – doch naht er ihm mit Bangen,

Denn Krankheit hält den Knaben schwer umfangen.
In seinem Bettchen liegt er still und bleich,
Die Augen offen, doch sie sehen nicht
Des treuen Vaters blasses Angesicht,

15
Das sich herniederneiget mild und weich,

Sie seh’n das Spielzeug nicht, das er ihm brachte.
Und hin ihm hält, ob er’s vielleicht beachte.
Da fällt dem Kummervollen etwas ein:
Er holt aus dem Verschluß den Cassenschein,

20
Darauf zwei Engel, kindliche Gestalten,

In ihren Händen große Zweige halten;
Dies Bild, das jüngst den Knaben hoch erfreute,
Vielleicht erregt es seinen Geist auch heute –
Doch ach, des Kindes Auge starret groß

25
Und bleibt verständniß- und empfindungslos,

Und seufzend legt den Schein der Vater nieder,
Und traurig geht er an die Arbeit wieder.

Er darf nicht feiern. Ob ihn Angst verzehrt,
Ob finstre Sorge ihn darniederdrückt,

30
Arbeiten muß er, – die, für die er schafft,

Arbeiter sind es, und sie feiern nicht.
Dies Stiefelpaar, der Bote braucht es morgen
Bei Zeit, um seine Gänge zu verrichten,
Und diese Schuhe mit zerbrochnen Sohlen,

35
Der Ackerknecht kann sie nicht lang’ entbehren,

Und da und dorten sind Handwerkerstiefel,
Und die sie tragen, pflegen nicht der Ruhe,
Sie müssen um ihr Brod sich täglich mühen,
Und er muß ihre Kundschaft sich erhalten,

40
Ihn darf kein Weh von seiner Arbeit wenden,

Drum frisch daran! – Nun hämmert er und klopft
Und zwingt den Faden durch das spröde Leder
Und statt des Lieds, das er wohl sonst gesummt,
Tritt ihm das eigne Leben vor die Seele:

45
’s ist auch ein Lied, ein Lied von Lust und Leid,

Von hellem Liebesglück und bittren Schmerzen;
Der arme Mann führt frühe heim die Maid,
Nicht dem Verstande folgend, nur dem Herzen;
Kurz ist der Traum, zu Gast lädt sich die Noth,

50
Die Kinder hungern, Krankheit kommt und – Tod.

Die Thrän’, die jetzt des Mannes Aug’ entrinnt,
Sie gilt dem ersten, ihm entriss’nen Kind:
Ein Mädchen war’s mit blondem Lockenhaar,
Mit blauen Augen, strahlend wunderbar.

55
Das war ein Schlag – ein Schlag, so hart und schwer,

Doch schwerer kam’s – der Thränen fließen mehr
Herab die Wangen ihm, die kummerblassen –
O böser Tag, da ihn sein Weib verlassen!

Sein Weib! Er konnt’ mit ihr das Schwerste tragen,

60
Doch daß sie starb, wie konnt’ er dies ertragen!?

Er konnt’s, weil sie im Sterben ihm gegeben
Das Kind, dem nun gewidmet ist sein Leben.
Und diesem Kind – – da horch! Welch heller Klang!
Erstaunt läßt er die Arbeit niedersinken

65
Und eilt zur Kammer hoffnungsvoll und bang:

Soll jetzt vielleicht ihm Freude wieder winken?
Da sieht er – den Fünfthalerschein zerstückt,
In viele kleine Theilchen ganz zerpflückt.
Könnt Ihr, was dies dem Armen heißt, ermessen?

70
Fünf Thaler, die er sparte manches Jahr,

Mit einem Mal vernichtet ganz und gar –
Es war das letzte Geld, das er besessen.
Doch von den Trümmern dieses Schatzes schnell
Des Vaters Blick zu seinem Kind entweicht,

75
Und dieses schaut ihn munter an und hell

Und jauchzt vor Freude, und sein Händchen reicht
Ihm hin, geschält aus dem Fünfthalerschein,
Den Palmzweig haltend, eins der Engelein.
Da kniet der Vater hin und weint und lacht

80
Und küßt die Händchen, die dies Werk vollbracht,

Und auf zum Himmel ruft der schlichte Mann,
So gut er eben Worte finden kann:
„Du guter Gott, der Du die Welten lenkst,
Dank, Dank, daß Du mein Kind mir wieder schenkst!

85
Wie gern will den ersparten Schatz ich missen.

Es lebt mein Kind – – ist auch der Schein zerrissen!!

Gustav Duill.




Der König auf Besuch.
Historische Novellette.
(Schluß.)

„Ach, Frau Castellanin,“ sagte Doris, „als Willi seine Flucht antrat, versprach er mir zum Zeichen, daß er glücklich jenseits der Mauer herabgekommen, die beiden starken Tücher, die ich zum Schutze seiner Hände mit einigen Stichen wie eine Art Handschuhe zusammengeheftet hatte, an die Leinen zu binden, und … als Nehemia Drill und der Gärtner die Leiter und mit ihr die Leinen wieder zurückgezogen hatten, fehlten die Tücher. Ist nur denkbar, daß Willi sein Versprechen so ganz und gar habe vergessen können? Er mag noch so leichtsinnig sein, sein Wort hat er mir stets gehalten … und eben dies Ungewöhnliche ängstigt mich und es läßt mir keine Ruhe. Nehemia sagte mir eben jetzt, ehe ich eintrat, daß er gleich am Morgen nach den Tüchern sich umgesehen, ob sie sich beim Zurückziehen der Leinen über die Mauer vielleicht abgestreift hätten, da Willi sie möglichenfalls im Dunkeln und in der Eile allzu locker angebunden haben könne; aber er sagt, er habe keins der Tücher entdecken können.“

„Das will ich gern glauben, Fräulein Doris. Bei dem fürchterlichen Winde, den wir gehabt haben, müßten die Tücher [836] ja viele Pfunde schwer sein, um stundenlang ruhig am Boden liegen zu bleiben. Das war ja ein Windtoben, als sollte der ganze Park übereinander zusammenstürzen. Gott weiß, wohin die Tücher geweht worden sind! Könnte man nur auf den Feldern und in den Gräben nach ihnen suchen, würde man sie schon finden.“

Dieser mit dem Anstrich von Ueberzeugung gethane Ausspruch Frau Mariannens beruhigte Doris’ Angst, wenn auch nicht ganz, so doch zum größten Theile. Der heiße, starke Kaffee, welchen die Castellanin, die ihre beiden Mägde, Martha und Lene, zum Einkauf von Lebensmitteln auf den Mark geschickt hatte, selbst für das Fräulein bereitete, schien dessen übernächtiges Wesen ganz zu beseitigen. Doris wurde gesprächiger, und als Nehemia Drill nach höchst manierlichem Anklopfen eintrat, der Ansicht Frau Mariannens bezüglich des Verwehtwordenseins beistimmte und bedauernd äußerte, daß eine Suche auf den Feldern unter jetzigen Umständen leider nicht thunlich sei, wuchs auch ihr der Muth wieder und sie äußerte:

„Welchen Einbildungen man sich doch gleich hingiebt, wenn man in Angst ist! Willi würde vielleicht lachen, wenn er wüßte, daß ich mich seinetwegen so geängstigt habe. Er ist wirklich ein Tollkopf.“

Herr Nehemia fragte dann, um nach seiner Idee etwas zur Erheiterung beizutragen: „Haben Sie, gnädiges Fräulein, heute schon die Berliner Amsel pfeifen hören?“

„Eine Amsel? In jetziger Jahreszeit? Ich verstehe Ihn nicht.“

„Ich meine den König da drüben,“ lachte Nehemia mit der Hand die Richtung nach dem Palais andeutend. „Schade, daß der Judenkönig David mit seiner Harfe nicht mehr zu haben ist! Die Beiden könnten ein hübsches Geschäft auf den Jahrmärkten machen.“

Jedenfalls glaubte der treffliche Heiduck diese Leuchtkugel seines Witzes durch ein ihm schmeichelhaftes Lachen belohnt zu sehen, indeß zu seinem Schrecken stellte sich ein durchaus anderes Resultat heraus. Die Frau Castellanin zeigte ein sehr finsteres Gesicht, erhob sich dann von ihrem Sitze und sprach mit merkbar ärgerlichem Tone:

„Herr Nehemia, ich hätte nicht geglaubt, je Ursache zu haben, Ihn auf den schuldigen Respect gegen höher gestellte Personen aufmerksam machen zu müssen. Ich bin weit entfernt davon, den Einbruch des Königs von Preußen in unser Sachsenland für eine gerechtfertigte That zu halten, aber ebenso weit entfernt bin ich davon, eine königliche Majestät, und wäre ich ihr noch so feind, in meinem Beisein zum Gegenstand eines ordinären Spaßes machen zu lassen. Die Bezeichnung ‚Berliner Amsel‘ behalte er in’s Künftige bei sich, Herr Nehemia! Ich bin nicht lüstern danach, dergleichen wieder zu hören, zumal es noch gar nicht einmal erwiesen, ob nicht ein Anderer, ein Künstler ersten Ranges, den er bei sich hat, dieser Flautusenbläser ist, und es wäre eine himmelschreiende Versündigung an einem solchen Virtuos, sollte seiner großen Kunst, die ein König hoch zu ehren weiß, auf so gemeine Weise gespottet werden.“

Nach diesem sehr ernsten Verweis, welcher dem würdigen Heiducken eine tiefdunkle Schamröthe in’s Gesicht trieb, ließ sich die Frau Castellanin wieder auf ihren Sitz nieder. Der Nimbus eines großen Triumphes schien sich in ihrem von dem blüthenweißen Spitzengewebe ihrer kunstvollen Dormeuse ziemlich umrahmten Gesicht wiederzuspiegeln. Sie hatte ritterlich den noch sehr unsicheren Gegenstand ihrer Neigung vertheidigt und war zufrieden mit sich selbst. Eine längere Pause folgte. Nur der rastlos hinundhergehende Perpendikel der großen Uhr im nußbaumenen Gehäuse ließ sich mit seinem Ticktack vernehmen. Als hätte ein kältender Luftstrom die Stube durchweht, so stockte die Unterhaltung der anwesenden Personen wie von einem Frostschauer angehaucht; indeß dieses Schweigen, welches etwas Beängstigendes hatte, erfuhr eine höchst unerwartete Veränderung.

Im Hausflur draußen machte sich Martha’s Stimme in ganz besonderen Klagen laut, wie: „Ach, mein Gott! mein lieber himmlischer Vater, was soll daraus werden! Wir gehen Alle zu Grunde … das ist unser jüngstes Gericht! Nun kommt das gewaltige Thier mit den sieben Häutptern und zehn Hörnern, von dem Johannis Offenbarung verkündet, über uns … wir sind Alle verloren, Alle.“

„Die Person ist wohl verrückt geworden?“ äußerte die Frau Castellanin. „Sehe Er doch nach, Herr Nehemia, was sie …“

Ehe Frau Marianne noch zum Ausreden kam, wurde die Thür von außen aufgerissen, und Martha stürzte mit solcher Eile herein, daß sie den stammhaften Heiducken, der eben an die Thüre treten wollte, ein tüchtiges Stück breit zur Seite stieß.

„Aber Martha, ist Sie denn ganz verdreht im Kopfe?“ rief ihr die Castellanin zu. „Was ist denn das für ein Benehmen?“

„Ach, Benehmen hin, Benehmen her, Frau … ’s nützt uns Alles nichts, und wenn wir in weißen Feierkleidern, wie die lieben Engelein im Himmel, erscheinen, wir sind doch Alle hin … Alle … Alle, ohne Erbarmen.“

„Ich verlange, daß Sie als vernünftige Person spricht. Wer soll aus Ihrer Jeremiade klug werden?“ redete die Castellanin sehr ernst. „Ihr unsinniges Gebahren muß doch einen Grund haben.“

„Den hat’s, den hat’s … und was für einen! einen solchen, daß mich und die Lene bald der Schlag getroffen hätte,“ entgegnete Martha. „Wir kommen vom Markte nach Hause mit unsern vollen Körben. Es ist ’was ganz Abscheuliches, daß, um durch’s Gatterthor zu gehen, man bei den großen blaurothen Kerlen, die da Schildwache stehen, vorbei muß. Was die Sorte von Menschen für dumme Bemerkungen macht und wie sie Einen anstieren! ’s ist Gott zu klagen! Wir sind auf dem Wege um’s Palais nach hier, auf einmal ruft die hinter mir hergehende Lene: ‚Martha! Martha! gucke 'mal nach rechts. Ist denn das …‘ Ich gucke nach rechts und denke, ich soll gleich in Gottes Erdboden hinein versinken. Zwischen vier Mann Soldaten, neben denen ein Corporal hergeht, erblicke ich … unsern Junker Willi.“

Aus Doris’ Munde drang ein Aufschrei des Schreckens. Sie fiel, von der entsetzlichen Nachricht wie von einem Blitzstrahl betäubt, an die Kanapeelehne zurück. Die Frau Castellanin saß mit offenem Munde wie ein unbewegliches Wachsbild … das hatte sie nicht erwartet. Herr Nehemia Drill stand an der Wand, ganz unbewußt seines Thuns, wie es schien, die beiden nadelspitzgleichen Enden seines schön gewichsten Schnauzers zwischen den Fingern haltend, als hätte er diese Zierde seines gut genährten Gesichtes eben noch spitzer zu drehen beabsichtigt und sei durch einen ihn plötzlich lähmenden Zauber in Stein verwandelt worden.

„Na, da sehen es doch die Herrschaften, daß man nicht erst an’s Benehmen denken kann, wenn man solch einen Heidenschreck erfährt,“ sagte Martha. „Mir wird der lange anhängen. Wenn unser Eine auch nur eine Magd ist; aber ein Herz hat man doch.“ Mit dieser sehr energischen Bemerkung verließ die Erzürnte die Stube, in der ein tiefes Schweigen herrschte, welches indeß bald in einer Weise aufgehoben wurde, die für die Betheiligten keineswegs zu den freudigen Ereignissen zählte, denn draußen im Flur wurden schallende Männertritte, auf den Steinplatten das Klirren von niedergesetzten Gewehrkolben hörbar, und um keinen Zweifel über die Bedeutung dieses verdächtigen Geräusches aufkommen zu lassen, fragte eine rauhe Männerstimme: „Heda, Weibsbild, wer wohnt in der Bude hier?“

„Das gnädige Fräulein von Liebenau, die Frau Castellanin, der Herr Heiduck Nehemia Drill und ich und die Lene,“ hörte man Martha antworten. „Was will denn der Herr Corporal von ihnen?“

„Geht Sie nichts an. Packe Sie sich.“

Nach dieser sehr groben Entgegnung auf die vernehmlich angstvolle Frage Martha’s klopfte der Corporal an die ihm zunächst befindliche Thür, daß es klang, als wolle er einen Trommelwirbel mit einem pfündigen Hammer versuchen, obwohl es nur der Kniebel seines gebogenen Mittelfingers war, der den durchdringenden Ton hervorrief. Auf ein schwaches „Herein!“ trat er, sich bückend, in die Stube; seine Mannschaft blieb außen, und Martha, an allen Gliedern zitternd, stand hinter der Säule der zum Dachgeschoß führenden Wendeltreppe.

Nach einer Weile traten die in der Stube anwesenden Personen in Begleitung des Corporals in den Flur heraus; die Soldaten nahmen sie in die Mitte, und langsamen Schrittes verließen sie das kleine Haus. Doris hing wie eine geknickte Lilie am Arme Frau Mariannens, und ihnen nach folgte Herr Nehemia, dessen gedrungene große Figur mit dem traurig auf die breite Brust geneigten Kopfe viel Aehnlichkeit mit einem gestutzten Weidenbaum hatte. Dieser Anblick der Vergewaltigung [837] wirkte so erschütternd auf Martha, daß sie auf die Stufe der Wendeltreppe, wo sie stand, sich niederkauerte und unter rinnenden Thränen und in höchst kläglicher Weise das allbekannte Kirchenlied anstimmte. „Ach, bleib’ mit Deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ“. Die Lene kam aus der Küche herbei. Ein einziger Blick in die offen gebliebene leere Stube deutete ihr an, was geschehen, und aus vollem Herzen stimmte sie in den ohrenzerreißenden Klagegesang ihrer Cameradin mit ein: „Daß uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.“

Die nach dem Palais Escortirten hörten nichts davon. Man hatte sie in eines der Zimmer eintreten lassen, und der Corporal hatte Einen seiner Mannschaft an die Thür gestellt. Fräulein Doris, die sich für überzeugt hielt, daß ihre Arretur mit dem Schicksale ihres Bruders in engstem Zusammenhange stehe, saß leichenbleich auf einem Stuhl, nur beschäftigt mit den trüben ängstigenden Bildern dessen, was über Willi kommen werde. Daß man ihn für einen Spion halten mußte, daran ließ sich gar nicht zweifeln. Wie hätte es denn glaubwürdig erscheinen können, daß es nur einer seiner tollen Streiche war, der ihn hierher getrieben! Und gar der Conflict mit dem Hauptmann von Köpping und der Verrath, daß er hier, gleichsam dem Könige zum Trotz, einen Versteck gefunden! Das war ja so schwer gravirend für ihn, daß auch nicht eine einzige Hoffnung übrig blieb, welche wenigstens den auf ihm ruhenden Verdacht der Spionierie oder, was noch schlimmer war, der geheimen Agentschaft eines im Stillen gegen die Sicherheit der Person des Königs geschmiedeten Complots von ihm nahm. Die Frau Castellanin dagegen hielt eine Hoffnung fest, die plötzlich gleich einer Leuchte in dunkler Nacht vor ihr aufblitzte. Sie ging an die Thür, öffnete sie und fragte den wachthabenden Soldaten, ob er Mosje Fritz, den Berliner Flautusenvirtuos kenne, der hier auf Besuch beim Könige sei? Was der Gefragte in seinem plattdeutschen Dialect antwortete, verstand sie nicht, und bei nochmaliger Frage sah sie sich gezwungen, schnell die Thür zu schließen, um sich der Grobheit des Kerls zu entziehen, der sie so flämisch anstierte, daß sie in Angst gerieth. Herr Nehemia Drill hatte auch sein Partikel Furcht, die ihn schwer bedrückte. Wenn durch irgend ein unseliges Verplappern der Frau Castellanin sein erbärmlicher Witz von der „Berliner Amsel“ zur Rede kam, was dann? Der Mann mit den strammen Schenkeln fühlte ein leises Beben durch sein Gebein gehen; er betrachtete mit tiefer Wehmuth einen auf dem Fenstersimse lustig hinhüpfenden Sperling und wünschte mit ihm tauschen zu können. Vergeblicher Wunsch! Wie glücklich doch ein mit Flügeln ausgerüsteter Sperling gegen einen unter der Aufsicht eines Wachtpostens stehenden gräflich Mosczynskischen Heiducken sein konnte! Diese Ueberzeugung war sehr niederschlagend für Herrn Nehemia. – –

Der König hatte das Bureau verlassen, in welchem seine Räthe die von ihm gegebenen Ordres zu den nach Berlin abzusendenden Depeschen ausarbeiteten, und befand sich, von seinen Windspielen umgeben, in seinem Wohnzimmer, in das auf seinen Befehl Major von Wangenheim eintrat.

„Er hat mir eine kurze, wahrheitsgetreue Erklärung beziehentlich des Duells zu geben, das Er wegen einer jungen sächsischen Dame mit dem Köpping gehabt hat,“ sagte der Monarch zu ihm. „Die Sache, die man vor mir damals vertuscht hat, ist zwar vergessen und will ich sie nicht weiter in Anregung bringen; aber die Ursache dieses Vorganges will ich von Ihm hören.“

„Majestät, ich bitte unterthänigst …“

„Ennuyire Er mich nicht lange mit Excusaden! Meine Zeit ist kurz … Rücke Er sofort der Sache auf den Leib!“

Diesem Befehle mußte Folge geleistet werden, und der Major gab die Schilderung jenes Duells mit möglichster Knappheit, was aber nicht verhinderte, daß er, ohne vielleicht sich dessen selbst bewußt zu sein, bei Erwähnung der jungen Dame sehr lebhaft wurde und eine helle Röthe sein Gesicht überfloß.

„Hat der Bruder der jungen Dame den Köpping etwa spöttisch haranguirt?“

„Nein, Majestät!“

„So? … Nun, promenire Er einstweilen im Saale, bis ich Ihn rufen lasse!“

Nachdem der Major sich aus dem Zimmer entfernt hatte, durchschritt es der König mehrere Male, von seinen Windspielen umsprungen. Ein Klopfen an die Thür unterbrach sein Aufundniedergehen. Generalmajor und Stadtkommandant von Wylich wurde gemeldet und brachte dem Monarchen die Anzeige des Vollzugs seines den Hauptmann von Köpping betreffenden Arrestbefehls.

„Gut, gut!“ sagte der König. „Der Köpping ist ein elender Raisonneur, eine Schande für meine Officiere, wenn sie mit ihm dienen sollten … kann keinen geohrfeigten Officier brauchen. Das Protokoll über ihn soll mir zugeschickt werden, will’s lesen. Ueberhaupt gestatte ich es Keinem, ein großes Schimpfmaul gegen den König von Polen und seine königliche Familie aufzureißen oder die sächsischen Leute mit schlechten Namen zu belegen. Der Krieg ist ein Unglück, und dies muß man nicht noch durch Gemeinheiten vermehren. Halte der Herr darauf! à revoir!“ Auf ein vom Könige nach Entfernung des Generalmajors gegebenes Klingelzeichen trat sein Kammerdiener ein, reichte ihm Hut, Handschuhe und Krückstock und schritt, die Thür öffnend, ihm dann in jenes Gemach voran, in welchem sich Fräulein Doris, die Castellanin und Nehemia Drill in banger Erwartung des sie treffenden Bedrängnisses befanden.

„Seine Majestat der König!“ meldete der Kammerdiener und zog sich dann, als der Monarch eingetreten, in das andere Gemach zurück.

Ganz leise, wie in der Ferne verhallendes Flüstern, waren ein paar Worte in der tiefen Stille vernehmbar, die nur eben der König verstand, während sie von Fräulein Doris und Herrn Nehemia ganz unbeachtet blieben.

„Der Herr Fritz!“ hauchte die Frau Castellanin, in ihrem tiefunterthänigsten Knixe fast zusammensinkend vor schreckhafter Ueberraschung.

„Wer ist Er?“ fragte der König mit dem Stocke auf Herrn Nehemia deutend.

„Unterthänigst, mein Name ist Drill … Nehemia Drill … und bin Heiduck der Frau Gräfin Mosczynska.“

„Heiduck? Gebürtig … woher?“

„Aus Pomßen bei Grimma, Majestät unterthänigst aufzuwarten.“

So ernst der König auch für gewöhnlich war, so schien doch die Namensnennung der Geburtsstätte des würdigen Nehemia einen Lachreiz bei ihm anzuregen, so daß er, um denselben zu bemeistern, mit dem Gesichte eine Wendung nach der Seite machte, als wollte er sich nach seinen Hunden umsehen, die sich sehr ehrbar neben ihm niedergesetzt hatten.

„Ein nachgemachter also? Als Grenadier würde Er ein rentablerer Kerl sein.“

Herr Nehemia, der sich auf seine stattliche Figur sonst nicht wenig einbildete, wäre in diesem Moment gern zusammengeschrumpft, denn das Wort „Grenadier“ in des Königs Munde machte auf ihn denselben athembeklemmenden Eindruck wie ein eiskaltes Sturzbad; er überwand indeß allmählich diesen außerordentlichen Schreck, da Seine Majestat keine Notiz weiter von ihm nahm.

„Sie ist das Fräulein von Liebenau, deren Bruder in geheimen Geschäften hier verkehrt hat und von einer Patrouille beim Uebersteigen der Mauer dieses Grundstückes ergriffen worden ist,“ hob der König an.

Der Blick seiner schönen großen Augen traf mit dem ihrigen zusammen und bewirke einen Aufschwung ihres so sehr eingeschüchterten Muthes, der ihr bisher nicht erlaubt hatte, ihn mehr als flüchtig anzusehen, als er in das Gemach trat. Mit merkbar zagendem Tone fragte sie: „Gestatten Eure Majestät allergnädigst, daß ich sprechen darf?“

„Thue Sie das!“

„Majestät, der Schein ist gegen meinen Bruder; es ist nicht anders zu sagen. Willi ist ein Tollkopf; aber er ist frei von dem Makel der Spionerie, eine so ehrliche aufrichtige Seele, wie eine solche wohl je eine Jagduniform getragen hat, deren Grün ja die Farbe des Aufrichtigsten ist, was wir haben, der ewig wahren, unverfälschten Natur. Willi’s geheime Geschäfte bestanden nur in dem Wunsche, seine Geliebte, das Fräulein Karoline von Vitzthum, zu sehen und zu sprechen. Es war ein toller Gedanke, die Vorpostenkette Eurer Majestät zu durchbrechen; er führte ihn aus, weil er von unserm königlichen Herrn nicht die Erlaubniß zu einem Ritte hierher erhalten haben würde.“

[838] „Das läßt sich wohl gut anhören, ist aber nicht beglaubigt,“ entgegnete der König. „Wer bürgt dafür, daß dahinter nicht ein gegen mich gerichtetes Complot, meine Sicherheit, mein Leben gefährdend, versteckt sei? Wie? Ich soll den Leuten trauen, welche in ihrer Vermessenheit mein eigenes Quartier zum Versteck für ihre Sicherheit wählen und von Denen sorglichst unterstützt werden, welchen ich Glauben an ihr nicht feindseliges Benehmen gegen mich schenkte? Die Sachsen sind meine eingefleischten Gegner; ich kenne das.“

„Ja, Majestät, sie sind in Wahrheit Ihre Gegner; aber sie sind keine Banditen,“ rief Fräulein Doris lebhaft. „Es mögen viele Mängel und Fehler an unserm sächsischen Volke haften, sicher aber nicht die Schmach, seinen Feinden hinterrücks Verderben zu bereiten. Es ist ein treues Volk, das seinem angestammten Fürstenhause in Leid und Freud’ durch die schwersten Prüfungen im Verlaufe der Jahrhunderte angehangen hat und ferner noch anhängen wird. Kann man im Ernste einem solchen Volke es als ein Verbrechen anrechnen, wenn es einen fremden Fürsten, der mitten im Frieden mit seinem Heere es kriegerisch überzieht und seinen Wohlstand erschüttert, feindlich ansieht? Gewiß nicht, Majestät. Würden Eurer Majestät Preußen nicht ganz Dasselbe thun, wenn ein fremder Eroberer in ihr Land einfiele? Es muß schlecht mit einem Könige bestellt sein, der ein Volk regiert, das sich nicht gegen solchen Wechsel sträubt.“

„Sie spricht ja wie ein Buch,“ äußerte der König lächelnd „Erschrecke Sie nicht, Fräulein! Habe die Leute gern, die frank und frei vom Herzen herunter reden. Eins aber ist mir unangenehm … ich hoffte Sie für … Preußen zu gewinnen.“

„Mich, Eure Majestät?“

„Ja, Sie … und gebe die Hoffnung noch nicht auf.“

Nach diesen Worten rief der König seinen Kammerdiener, welcher nach einem erhaltenen Winke seines Herrn sofort wieder das Gemach verließ. Das Gesicht des hohen Herrn heiterte sich sichtbar noch mehr auf, als sein Blick auf Frau Marianne fiel, die neben dem Nehemia stand, der sich in tiefster Unterthänigkeit wie ein Igel zusammenkrümmte, damit seine große ramassirte Gestalt nicht so auffällig werde.

„Nun, Frau, was meint Sie, soll ich noch umsatteln?“ fragte der König. „Denkt Sie nicht auch, es wird das Beste sein, ich bleibe, was ich bin?“

„O, allergnädigste Majestät, ich hatte es wegen des schönen Flautusenspiels herzlich gut gemeint …“

„Weiß schon, weiß schon,“ fiel ihr der hohe Herr in’s Wort. „Habe da eine nicht erkaufte Ehre genossen; das ist auch etwas. Und wegen den Österreichern muß ich schon sehen, wie ich mir selbst helfe; denke indeß, ’s wird auch gehen. Mache Sie aber nicht mehr in derlei Angelegenheiten, Frau! Ich warne Sie … halte Sie lieber an der Flautuse fest!“

Während die Frau Castellanin so tief knixte, daß ihr pfirsichblüthenfarbiger seidener und sehr weitbauschiger Rock wie ein Laufkorb sich um sie formirte, aus dem nur ihre Büste hervorragte, wurden männliche Tritte im Nebengemach hörbar, dessen Flügelthür der Kammerdiener öffnete und den Major von Wangenheim und den sächsischen Jagdjunker von Liebenau hereintreten ließ. Doris’ Lippen entschlüpfte ein Laut der höchsten Ueberraschung.

Der König schien nichts davon bemerkt zu haben; er musterte den Junker scharf und sagte dann zu ihm: „Seine Equilibers über den Hasensprung und die Parkmauer sehe ich Ihm diesmal nach und will auch Vorsorge tragen, daß Seines Cäsar’s eisenbeschlagene Lunge bei Seiner Rückkehr durch meine Vorposten nicht in Gefahr gerathe; aber treibe Er solche gefährliche Versuche nicht wieder! Nicht jeder Tag ist ein Glückstag.“

„Majestät!“ riefen beide Geschwister, und Doris sank in ihrer Freudenaufregung auf die Kniee und stammelte die Frage: „Wie können wir Eurer Majestät großer Gnade danken?“

„Aufstehen, aufstehen!“ befahl der König, indem er ihr selbst die Hand dazu reichte. Dann blickte er auf den Major und sprach. „Wangenheim, jetzt ist Er an der Reihe. Wer Herzen gewinnt, ist auch ein Sieger. Mache Er Die da preußisch gesinnt.“

Mit wohlwollendem freundlichem Blick auf Doris und die Frau Castellanin verließ der König, von seinen Windspielen umsprungen, das Gemach. – – –

Der siebenjährige Krieg brachte unsägliches Elend über Sachsen und namentlich über dessen Residenzhauptstadt, aber auch König Friedrich der Zweite trug die Merkmale der harten Schicksalsschläge, die in den letzten Jahren dieses unseligen Krieges auf ihn niederfielen, zur Schau in seinem Aeußeren. Nicht als heiterer, kräftiger Sieger, wie er 1756, den Krieg eröffnend, in Dresden eingezogen war, kehrte er 1763 nach Berlin zurück, sondern als ein unter den schwersten Prüfungen vorzeitig gealterter Mann.

Und als die Friedensglocken wieder über das reizende Elbthal hin ihr Te Deum laudamus gesungen hatten, kamen auch die vornehmen Flüchtlinge nach der Elbresidenz zurück, die meisten, um sich aus den Trümmern ihrer Paläste nette Heimstätten zu gründen; auch Gräfin Mosczynska bezog wieder ihr Palais. Da sah man sie in den Sommerzeiten der folgenden Jahre oft am Arme einer jungen Dame, an deren Seite ein kleiner, lustiger Knabe hintollte, durch den Park promeniren. Die junge Dame war die Frau Baronin von Wangenheim, deren Gemahl preußischer Generalmajor geworden, und zuweilen fand sich ein junger Forstmeister ein, der ehemalige königliche Jagdjunker Wilibald von Liebenau. Mit Vorliebe besuchte er im Parke die Stelle des Hasensprunges und pflegte dann lachend zu sagen: „Doris, das war ein verteufelter Satz, den ich damals hier machte. Wer weiß, ob ich ihn heute wieder fertig brächte?“

Der würdige Herr Nehemia Drill war, statt zum Castellan, zum Portier avancirt; Frau Marianne hatte seine Werbung in milder Form, aber entschieden für immer abgewiesen.

„Wer einen König geliebt hat, kann keinen Heiducken heirathen,“ sagte sie zu sich, und dieser erhabene Gedanke wurde zur Losung ihres mit stolzem Selbstgefühl von ihr behaupteten Wittwenstandes.

Franz Carion.




Berliner Straßenbilder.
II.

So viel auch in den verschiedenen Regionen der Gesellschaft nach Popularität, nach jenem verlockenden Kleinode der Volksgunst, nach der warmen Begeisterung der großen Massen gestrebt wird, nur den wirklich durch Herzens- und Geisteseigenschaften Bevorzugten kann es gelingen, ein andauerndes und tieferes Interesse unter den Menschen zu erwecken.

Die am wenigsten um diese Auszeichnung sich bemühen, schlicht und einfach in ihrer eigenthümlichen Weise ihren Weg wandeln, von denen man aber weiß, daß sie Gutes im Sinne haben, gehören oft zu den populärsten Gestalten eines Landes oder einer Stadt. – Vor uns im Bilde sehen wir auch einen solchen schlichten, einfachen, aber weithin bekannten und gern gesehenen Mann, der, auf den Stufen eines Thrones geboren, im Glanze eines Hofes erzogen, berufen war, als königlicher Prinz sein Leben in der vordersten Reihe eines in Bildung und Macht schnell voranschreitenden Staates leitend und fördernd zu verbringen, und der sich dadurch eine natürliche Anspruchslosigkeit und eine tief innere Einfachheit zu erhalten gewußt hat, die ihn überall, aber namentlich in Berlin, zu einer der populärsten Erscheinungen gemacht haben. Denn diese Eigenschaften waren es, die den verstorbenen Prinzen Adalbert von Preußen wirklich unter das Volk führten, sei es auf Reisen oder zu Hause, in den Straßen Berlins oder auf den verschiedenen Spaziergängen der Hauptstadt. Ausgestreckt auf den weichen Polstern einer Carosse, gezogen von feurigen Rossen, durch die Stadt dahin zu fliegen, wenig oder nichts zu sehen von dem pulsirenden Leben einer großen Stadt, das war nicht nach seinem Geschmack. Kunst, Wissenschaft und Industrie bildeten zu sehr die Beschäftigungen, das Interesse seines Lebens, als daß er es verschmäht haben sollte, ihre Erzeugnisse unter dem

[839]
Die Gartenlaube (1873) b 839.jpg

Prinz Adalbert auf der Promenade.
Nach der Natur gezeichnet von Paul Bürde.

[840] Volke selbst, auf der Straße und an den Schaufenstern, aufzusuchen. Wie oft sah man ihn an den Buchläden stehen, eifrig forschend nach den Titeln der soeben erschienenen Bücher! Jeder Kunstladen war seiner besonderen Beachtung sicher. Oft weilte er lange vor einem Fenster, das Kupferstiche oder Photographien zur Ansicht darbot, und oft kam er dabei in wirkliches Gedränge; aber wenn etwa auch ein Tagelöhner in seinem Eifer, deutlicher zu sehen, sein vorgestrecktes Kinn fest auf die Schulter des vor ihm stehenden prinzlichen Admirals der deutschen Flotte legte, so genirte es diesen gar nicht, erst wenn auch er mit seinen Anschauungen fertig war, promenirte er weiter, um vielleicht an einer Anschlagsäule einen längeren Aufenthalt zu machen. Denn wie ein guter Bürger (als Hauseigenthümer war es der Prinz) studirte er auch hier Alles, was es im Städtchen Berlin Neues gab und was die echauffirte Reclame in einer Weltstadt alle Tage an die Säule kleistert.

In einer solchen Situation führt uns das beifolgende Bild den hohen Herrn vor. Welcher Berliner hat ihn nicht in der Bellevuestraße an der Thiergartensäule unzählige Male so stehen sehen?

Die neuen Anlagen-Verschönerungen und Vergrößerungen Berlins, für die sich der Prinz lebhaft interessirte, führten den Wißbegierigen oft in ganz entfernte Stadttheile, wo die Erscheinung einer königlichen Hoheit noch ein Ereigniß bildet. Sehr oft sah man ihn da sich mit den gewöhnlichsten Arbeitern unterhalten, um sich Auskunft über die Bauten oder auch eine tiefere Einsicht in die Verhältnisse, Verdienste und Lebensweise dieser Leute zu verschaffen. Die Theilnahme an dem öffentlichen Leben ist übrigens ein Charakterzug, der durch die ganze Familie geht. Denn schon der Vater des Prinzen machte zu seiner Zeit ganz in derselben Weise seine täglichen Wanderungen durch Berlin, war von jedem Kinde gekannt und wurde freudig begrüßt. Ebenso pflegte der hochbegabte, leider zu früh verstorbene Bruder, Prinz Waldemar, seine Spaziergänge durch die Stadt oder im Thiergarten allein zu machen.

Wenn es ein hohes Glück hier auf Erden ist, von edlen Eltern geboren und erzogen worden zu sein, und wenn kein Nachlaß so kostbar und theuer ist, als die tiefe und innige Verehrung für diese bis über das Grab hinaus, so ist unserem Prinzen dieses Glück in hohem Maße zu Theil geworden, und nicht alle Menschen können bei ihren Jugenderinnerungen aus dem elterlichen Hause sich so erhoben fühlen, wie es der Prinz und seine Geschwister konnten. Das schöne reine Bild ihrer Eltern war bei den Brüdern und ist bei den noch lebenden Schwestern ein Heiligthum, das wie eine Leuchte über ihre Tage schwebt, wie ein Compaß sie durch’s Leben führt. Und sicherlich, wer vor dreißig bis vierzig Jahren in Berlin lebte, wird viel und nur das Beste über den alten (so wurde er allgemein bezeichnet) Prinzen Wilhelm, Bruder des Königs Friedrich Wilhelm des Dritten, und seine Gemahlin, eine geborene Prinzessin von Homburg, vernommen haben, denn Jedermann interessirte sich für das schöne Paar, das sein Glück in seinen Kindern, seine Freuden in der Kunst und Wissenschaft, eine wahre Genugthuung aber nur im Geben und Wohlthun fand.

Schloß Fischbach in Schlesien, am Fuße der Schneekoppe höchst romantisch gelegen, war während langer Jahre der Lieblingsaufenthalt der prinzlichen Familie. Die Königin Maria von Baiern ist sogar von dem dortigen noch lebenden Pastor Götschmann confirmirt worden. Nach dem Tode der Eltern kamen die drei noch lebenden Geschwister, Prinz Adalbert, Prinzessin Elisabeth von Hessen-Darmstadt und Königin Marie – denn Prinz Waldemar war um einige Jahre seinem Vater im Tode vorangegangen – überein, dieses elterliche Besitzthum, das so viele glückliche Tage ihrer Jugend gesehen hatte, dem väterlichen Wunsche gemäß, gemeinschaftlich besitzen und alle Jahre in ländlicher Zurückgezogenheit dort auf einige Zeit sich wieder vereinigen und die glücklichen Erinnerungen vergangener Tage immer wieder durch gegenseitigen Verkehr in treuer Anhänglichkeit erhalten, sowie neu beleben zu wollen. So ist es auch viele Jahre hindurch geschehen. Jetzt ist nun auch der älteste Bruder dem so früh dahingegangenen jüngern gefolgt; die beiden Schwestern sind die alleinigen Besitzerinnen des Familiengutes geblieben und betrachten mit Freude und Wehmuth die von den Beiden hinterlassenen Erinnerungszeichen.

Aufgewachsen in einem so glücklichen Familienleben, war der Sinn dafür, das innere Bedürfniß danach gesund und kräftig in der Gemüthsanlage des Prinzen Adalbert entwickelt worden. Das Erreichen eines solchen Glückes ist ihm nicht ohne Kampf und Prüfungen beschieden gewesen; denn eine ungewöhnlich tiefe Neigung hatte sich seiner für eine damals hochgefeierte Künstlerin bemächtigt. Aber seine Stellung als königlicher Prinz, der Gehorsam gegen den König und gegen seine Eltern erlaubten ihm nicht, den Wunsch seines Herzens, sich mit diesem Gegenstande seiner Liebe für’s Leben zu verbinden, alsbald zur Ausführung zu bringen. Erst nach einer langen Zeit des Entsagens und Harrens, einer Zeit, in welche seine ausgedehnte Reise in Südamerika fällt – er legte die wissenschaftlichen Resultate derselben in dem Werke: „Aus meinem Reisetagebuche 1842–1843“ nieder – gelangte er zu dem Ziele seiner Wünsche; denn nachdem seine Eltern, angesichts dieser unwandelbaren Neigung ihre Anschauungen aufgebend, sich entschlossen hatten, dem einzigen Wunsche des trefflichen Sohnes fernerhin kein Hinderniß mehr in den Weg zu legen, kam endlich für den Prinzen die königliche Erlaubniß, mit Fräulein Therese Elster in eine von den Verhältnissen bedingte Ehe treten zu dürfen. Gewiß war dieser Tag seiner Vermählung einer der schönsten und glücklichsten seines Lebens.

Friedrich Wilhelm der Vierte, der seinem Vater auf dem Throne gefolgt war und die bedeutende Befähigung, sowie die außergewöhnlichen Herzenseigenschaften seines Vetters hochschätzte, gab in Anerkennung dessen der Gemahlin desselben den Namen einer Frau von Barnim. Durch die Geburt eines Sohnes war dem Prinzen nun ein wahres Familienleben mit seinem vollen Glücke beschieden worden, nach dem er sich so lange gesehnt hatte. Als aber auch das eigene Haus am Potsdamer Thore fertig dastand, um ihn mit den Seinigen unter einem Dache zu bergen, da hatte dieses Glück für ihn die höchste Höhe erreicht. Wer den Vorzug gehabt hat, als Freund des Hauses an dem geselligen Verkehre der Familie theilnehmen zu dürfen, der wird noch heute mit Freuden so manches dort verlebten köstlichen und glänzenden Abends gedenken. Gewiß steht ihm noch immer das Bild des Prinzen in seiner ganzen Liebenswürdigkeit und Harmlosigkeit unauslöschlich vor Augen.

Besonders erfreuten ihn an solchen Abenden die kleinen Maskeraden und theatralischen Aufführungen der Kinder, die von seinem hoffnungsvollen, begabten Sohne oft mit rechtem Geschick und Geschmack in Scene gesetzt wurden. Das Wohlgefallen, mit dem dann sein Auge auf diesem zu ruhen pflegte, war für den, der den vortrefflichen und schönen Jüngling näher kannte, leicht begreiflich. Der Verkehr zwischen Vater und Sohn war ein natürlicher und herzlicher, wurde aber noch dadurch, daß der sorgsam erzogene Sohn auch die geistige Richtung seines Vaters einschlug und sich für Länderkunde, Reisen, überhaupt naturwissenschaftliche Forschungen auf’s Lebhafteste interessirte, ein um so anregenderer; denn durch das reiche Wissen und die gesammelten Erfahrungen auf diesem weiten Felde war der Prinz befähigt und so glücklich, in langen Winterabenden seinem Sohne auch zugleich der beste Lehrmeister sein zu können. Wurden die Bücher an solchen Abenden endlich zur Seite geschoben, so kamen die Zeichenbücher und der Bleistift an die Reihe, und mancher landschaftliche Entwurf, besonders aber Gegenstände der Marine, wurden von Vater und Sohn mit geschickter Hand zu Papier gebracht.

Diese glücklichen Zeiten sollten dem Prinzen und seiner trefflichen Gemahlin leider nur zu schnell dahingehen. – Der bereits herangewachsene Sohn war bei dem 1. Garde-Dragoner-Regiment eingetreten, um seinen militärischen Verpflichtungen zu genügen. Ein inneres Leiden des jungen Mannes, wahrscheinlich die Folge des allzu schnellen Wachstums, veranlaßte die Aerzte einen längeren Aufenthalt in südlichem Klima anzurathen. Italien, das zuerst in’s Auge gefaßt wurde, war dem jungen Barnim zu nahe für seinen Wissensdrang; es zog ihn tiefer hinab nach dem Süden, nach unerforschten, dem Aequator näher gelegenen Ländern, und so kam es, daß, nachdem Aegypten gewählt worden war, der niedere gesunde Theil auch bald wieder verlassen und in die dem Europäer so gefährlichen oberen Nilländer eingedrungen wurde. Noch weit hinter Kartum, in dem Dorfe Rosères, erlag der jugendliche und noch unerfahrene Reisende dem so furchtbaren Klima-Fieber.

[841] Nur Die, die von einem ähnlichen Unglücke im Leben betroffen worden sind, werden die Größe des Schmerzes ermessen können, der die armen Eltern bei der Nachricht des Todes ihres einzigen und so innig geliebten Sohnes ergriff. Eine tiefe Trauer umhüllte für lange Zeit ihr von der Welt zurückgezogenes Gemüth. Die schönen, frohen Tage waren für immer aus dem Palais des Prinzen gewichen. Hoffnungen und Aussichten der ferneren Lebenstage lagen zusammengebrochen vor dem trauernden Elternpaare, aber es war ihnen, besonders der Mutter, ein großer Trost, nachdem die letzten Ueberreste ihres Kindes hierher gebracht worden waren, oft zur Grabstätte des Unvergeßlichen wandeln zu können.

Die großen Kriege, die wunderbaren Bewegungen der neuen Zeit traten mit ihren Anforderungen auch an den Prinzen heran. An Allem nahm er einen freudigen und fördernden Antheil. Die Marine groß und tüchtig und durch sie Deutschland nach außen mächtig zu machen, das war die ihn beherrschende Lebensidee. Aus dieser Idee heraus wirkte und strebte er. Was er nach dieser Richtung erreicht und geleistet hat, geziemt der Geschichte festzustellen. Unzertrennlich ist jedenfalls sein Name verbunden mit der Entstehungsgeschichte der jüngsten deutschen Kriegsflotte.

Als er im Jahre 1856 mit einer der Zahl nach geringen Macht, aber mit Heldenmuth, den blanken Degen in der Faust, bei Tres Forcas an’s Ufer sprang, um eine freche Räuberbande zu züchtigen, da lag bereits eine Ahnung zukünftiger Bedeutung und Größe in seiner Seele. Wenn er auch damals schwer verwundet und mit der Leiche des an seiner Seite erschossenen Adjutanten Niesemann auf sein Schiff, die „Danzig“, zurückkehren mußte, so erlitt dadurch sein Glaube an die Zukunft doch keine Erschütterung. Nach dem Ringen und Streben eines ganzen Lebens hat er noch die Freude, die Genugthuung erlebt, die drei größten deutschen Schiffe „König Wilhelm“, „Kronprinz“ und „Friedrich Karl“ mit gründen und schaffen zu helfen und sie mit deutscher Flagge, zum Schutze Deutschlands und deutscher Interessen, die fernen Meere durchziehen zu sehen. Persönliche Tapferkeit war ein zu hervorragender Zug im Charakter des Prinzen, als daß er hier, wo die Beziehungen seines Familienlebens allerdings vorherrschend in’s Auge gefaßt worden sind, ganz unerwähnt bleiben dürfte. Die Scheu vor der Gefahr des Todes war ihm ein unbekanntes Gefühl.

Obgleich nicht in Activität, hat er doch die beiden letzten großen Kriege gegen Oesterreich und Frankreich mitgemacht und in beiden die schlagendsten Beweise geliefert, daß er vor dem Kugelregen nicht zurückschreckte. Bei Nachod in Böhmen fiel sein Adjutant von Saint Paul, von einer Kugel durchbohrt, an seiner Seite. Bei Gravelotte wurde seinem Pferde, das ihn während der Schlacht trug, durch eine Kugel das Bein zerschmettert, daß es erstochen werden mußte. Vor Paris hat er noch oft Gelegenheit gehabt, diese erprobte Ruhe in der Gefahr zu zeigen. Er selbst legte nicht den geringsten Werth auf diese hohe Eigenschaft, und wenn sie an ihm gerühmt wurde, wies er solches Lob mit fast schüchterner Bescheidenheit und mit den Worten zurück: „Ich kann doch nicht weniger thun als jeder Andere.“

Obgleich von kräftiger Constitution, auf die sich zu verlassen er gewohnt war, da er von seinen mannigfachen und oft sehr anstrengenden Reisen stets mit guter Gesundheit zurückgekehrt war – überfiel ihn doch im Jahre 1865 ein fast bedenkliches Herzleiden. Schonung und ein zurückgezogenes Leben an den milden Ufern des Mittelmeeres in Nizza stellten ihn scheinbar vollständig wieder her. Doch war er in den letzten Jahren, vielleicht mit durch die Anstrengungen der Kriege, bereits recht gealtert. Der wiederholte Gebrauch von Karlsbad konnte nicht mehr gut umgangen werden. Auch in diesem Frühjahre war er mit seiner Gemahlin dahin gegangen und fühlte sich durch den Gebrauch des Brunnens diesmal ganz besonders gekräftigt.

Ohne jedes Zeichen von Unwohlsein hatte er sich am 5. Juni zur Ruhe begeben, doch in der Nacht kamen Beängstigungen über ihn, und nach wenigen Stunden befreite ihn vom letzten Schmerz ein rascher Tod. Es waren wohlverdiente Thränen, die an dem Sterbebette eines guten und vortrefflichen Menschen flossen, eines Menschen, in welchem das Streben, dem Vaterlande und der gesammten Menschheit nützlich zu werden, stets die leitende und anregende Lebensidee gewesen ist.

P. B. 


Goethe.
Sein Leben und Dichten in Vorträgen für Frauen geschildert.
Von Johannes Scherr.
XIV.

Die „Geheimnisse“, welche unser Dichter, wie schon gemeldet, im Spätsommer von 1784 auf der Reise nach Braunschweig zu dichten angehoben und auf einer Septemberwanderung in den Harzgegenden weitergeführt hat, deuten vielfach, obzwar in poetischer Ein- und Verkleidung, auf sein Verhältniß zur Frau von Stein. Seine in demselben Sommer an sie gerichteten Briefe bezeugen leidenschaftlich-innig, daß sie immer noch seine „große Flamme“ – (7. Juni: „Ich bin mehr als jemals Dein. Du weißt, daß ich nicht von Dir kann. Mein Herz läßt keinen Augenblick von Dir.“ 11. Juni: „Mein Himmel ist einsam, Du machst den ganzen Kreis desselben aus. Alles, was die Menschen suchen, hab’ ich in Dir. Lebe wohl, liebe mich, sage mir’s und mache mich in Dir glücklich.“ 14. Juni: „Du lieber Inbegriff meines Schicksals!“ 25. Juni: „Ich lebe nur in Dir und bin glücklich, daß ich Dir alles mittheilen kann.“ 27. Juni: „O, Lotte, wie ganz und wie gern bin ich dein!“ 28. Juni: „Nun wird es bald Zeit, daß ich wieder in Deine Nähe komme, denn mein Wesen hält nicht mehr zusammen; ich fühle recht deutlich, daß ich nicht ohne Dich bestehen kann. Ja, liebe Lotte, jetzt wird mir erst recht deutlich, wie Du meine eigene Hälfte bist und bleibst. Alles lieb’ ich an Dir und alles macht mich Dich mehr lieben. Wie freu’ ich mich, Dir ganz anzugehören!“). Aber gerade das von seiner Seite immer wieder so leidenschaftlich-zärtlich genommene Verhältniß nöthigte ihm auch immer wieder „die sauerste der „Lebensproben“ auf, wie er sie in den „Geheimnissen“ nennt, die Selbstbezwingung. Diese wurde ihm noch dazu durch seine Stellung zum Herzog, zum Hofe, zu seinen Amtsgeschäften und Amtskollegen vielfach anderweit auferlegt. Wie er sich durch das alles eingeengt und im Innern bestürmt fühlte, nicht minder, wie er gegen das Uebel die große Medicin Selbstbezwingung in Verwendung brachte, hat er schön angedeutet in der Strophe:

„Stets alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,
Zu leben und zu wirken hier und dort:
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite
Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort.
In diesem innern Sturm und äußern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.“

Aber es ging damit doch oft sehr schwer von statten und häufig genug mag der Dichter, wann es nöthig war, seinen Genius mit seiner Quasi-Premierministerschaft im Reiche Flachsensingen ein Kompromiß schließen zu machen, schwer aufgeseufzt haben: „Hilf, heiliger Spinoza!“ Papa Wieland ist immer bei der Hand, dem „wunderbaren Knaben“ Wolfgang, aus welchem jetzt ein wunderbarer Mann geworden, eine gute, eine beste Note zu geben. „Er schickt sich überaus gut in das“ – schrieb der liebenswürdige Alte am 5. Januar von 1784 an Merck – „was er vorzustellen hat, ist im eigentlichen Verstande ‚L’honnéte homme à la cour‘, leidet aber nur allzu sichtlich an Seel’ und Leib unter der drückenden Last, die er sich zu unserm Besten aufgeladen hat. Mir thut’s zuweilen im Herzen weh, zu sehen, wie er bei dem allem contenance hält und den Gram gleich einem verborgenen Wurm an seinem Inwendigen nagen läßt. Seine Gesundheit schont er, soviel möglich; auch hat sie es sehr vonnöthen.“

[842] Doch erschien Goethe, nach Weimar zurückgekehrt, wohlauf und munter. Zu Ende Septembers erfreute er sich eines gleichzeitigen Besuches von Fritz Jakobi und Claudius, dem „Wandsbecker Boten“, dem seine vielen späteren Querköpfigkeiten und Pietisteleien um seines Rheinweinliedes und seines Mondliedes wegen verziehen sein mögen. Die Dissonanzen, welche aus unseres Dichters äußerer Stellung in sein inneres Dasein häufig herüberklangen, mochten sich auch in jenen Herbsttagen wieder hörbar gemacht haben. Denn Jakobi schrieb am 11. Oktober an die Fürstin Gallitzin, Goethe habe zu ihm gesagt: „Ich weiß wohl, daß man, um die déhors zu salviren, die dédans zu Grunde richten soll; aber ich kann mich denn doch nicht dazu verstehen.

Die weimarer Gesellschaft hatte übrigens zu dieser Zeit mälig ein anderes Gesicht bekommen: der kraftgenialische Tumult war vertos’t. Der Dichter hatte den Zauberstab, womit er das phantastisch-bunte Treiben der lustigen Zeit von Weimar hervorgerufen und gelenkt, beiseite gelegt und es war wieder still geworden in der kleinen Residenzstadt an der Ilm, so still, daß die gute, lustige Herzogin Amalie die Zeit und die Menschen sehr schläfrig fand. Der Tonangeber Wolfgang brachte durch sein Beispiel anstatt des verrauschten Brausens und Sausens die Beschäftigung mit der Natur und ihren Erscheinungsformen in die Mode. Was ihm selber bekanntlich heiliger Ernst und wissenschaftliches Streben war, wurde den Herren und Damen der „Gesellschaft“ zur modischen Liebhaberei: wie früher mit Wertherei und Faustismus, so wurde jetzt mit Mineralogie, Botanik und Osteologie dilettirt. Auch die dumpfe Schwüle, welche dem ungeheuren Gewitter der Revolution voraufging, machte sich fühlbar. Nur ganz Gedankenlose konnten die schwarzen Wolken übersehen, welche immer dichter, immer schwerer am mehr und mehr sich verengenden Horizont heraufzogen. Der Herzog Karl August, durch seinen Dichterfreund mit Geduld, Ausdauer und Geschicklichkeit von dem Boden jugendlichen Ueberschwanges sachte auf den des Lebensernstes und der Pflichterfüllung herübergerückt, suchte sich unter seinen Mitfürsten in Sachen der preußisch-friedrich’schen Fürstenbundpolitik diplomatisch nützlich zu machen und nahm an dem aufklärerischen Geheimbundwesen jener Tage sehr regsam Theil. Auch Goethe scheint für eine Weile – und zwar für eine geraume Weile – für die Sache der Kultur und Humanität von geheimbündischer Thätigkeit Großes erwartet zu haben. Aus den Stanzen der „Geheimnisse“ lies’t ein kundiges Auge leicht heraus, daß sie von einem Bruder Freimaurer gedichtet worden sind. In der That, zur Sommerzeit von 1780 hatte der Dichter, und mit ihm zugleich sein herzoglicher Freund, das Schurzfell umgebunden und Winkelmaß und Kelle zur Hand genommen. Die Maurerei war, wie bekannt, in dem großen Entwickelungsprozeß von damals ein sehr wirksames Ferment. Sie war geradezu ein eifrig angestellter Versuch, der glorreichen Idee der Aufklärung zu sozialer Gestaltung zu verhelfen; sie war eine kraftvolle Feder im großen Triebwerk der Vorschrittsbewegung des Jahrhunderts. „Des Maurers Wandeln“, sang Bruder Wolfgang im „Symbolum“ –

„Des Maurers Wandeln
Es gleicht dem Leben,
Und sein Bestreben
Es gleicht dem Handeln
Der Menschen auf Erden.

Die Zukunft decket
Schmerzen und Glücke
Schrittweis’ dem Blicke;
Doch ungeschrecket
Dringen wir vorwärts.“

Wir wissen ja, ein starker Zug zum Geheimnißvollen war von jeher im Wesen des Dichters gewesen. Zudem entsprach das maurerisch-stille Wirken im Dienste der Humanität ganz und gar der ästhetisch-feinfühligen Abneigung Goethe’s vor dem Gelärm und Getöse des Marktes und der Gasse. Uebrigens gehörte er zu den entschiedensten Vorwärtsdringern innerhalb der deutschen Logen. Ist er doch mit Herder und dem Herzog Karl August auch dem Illuminatenorden beigetreten, welchen der Professor Adam Weishaupt aus der Maurerei herausgebildet und im Jahre 1776 zu Ingolstadt aufgethan hatte, ein höchst heilsames, aber natürlich den Dunkelmännern tiefverhaßtes Licht in der altbairischen Finsterniß. Einer der begeistertsten und thätigsten Illuminati, Bode, mag der Hierophant oder Mystagog gewesen sein, welcher die Weimarer Logenbrüder und die Mysterien des Illuminatismus einweihte, welcher übrigens, wie bekannt, von seiten der Hierarchen und Despoten bald als eine arge religiöse und politische Ketzerei wüthend verlästert und verfolgt wurde. Was unsern Dichter angeht, so ist er sein Lebenlang ein werkthätiger Arbeiter am großen Bau der Vervollkommnung der Menschheit geblieben, ohne freilich seine Zweifel, ob dieser Bau jemals unter Dach gebracht und vollendet werden könnte, zu verbergen. Seine Maurerbruderschaft bezeugen nicht nur seine Logenlieder, unter welchen der „Zwischengesang“ zur Logenfeier vom 3. September 1825 das gehaltvollste sein dürfte,[1] sondern auch und noch bedeutsamer die dichterische Verwerthung und Verklärung maurerischer Tendenzen, Einrichtungen und Bräuche im Wilhelm Meister und zwar sowohl in den „Lehrjahren“ als auch (und zwar noch nachdrucksamer und systematischer) in den „Wanderjahren“.

„Meisters Lehrjahre“ waren in diesem und dem folgenden Jahre die den Dichter am meisten anziehende und fesselnde Beschäftigung: das 6. Buch des Romans wurde mälig zu Ende gebracht. In diese Zeit fiel auch der Entwurf und die Ausführung der beiden Akte des „Elpenor“, welcher Fragment geblieben, aber für Goethe’s Emporschreiten von formaler Wichtigkeit geworden ist, weil er hier seinem dramatischen Stile den fünffüßigen Jambus aneignete. Insofern kann der „Elpenor“ als eine Vorstudie zur „Iphigenie“ und zum „Tasso“ angesehen werden, in welchen Dichtungen, wie später in der „Natürlichen Tochter“, unser Dichter diese Versart mit dem herrlichsten Schmelz geschmückt, mit dem innigsten Wohllaut erfüllt hat. Sonst ist aus den Jahren 1785–86 des Erquicklichen oder Bedeutenden im Leben und Thun Goethe’s wenig zu melden. Im Sommer des ersteren Jahres ging er in Knebels Gesellschaft nach Karlsbad, den nachmaligen vieljährig wiederholten Gebrauch dieses Gesundbrunnens anhebend. Zur gleichen Zeit war der Entschluß gereift, eine Sammlung seiner bis dahin zuwegegebrachten dichterischen Schöpfungen zu veranstalten. Dieser Entschluß wurde zur That, und im Herbste von 1786 lagen die vier ersten Bände dieser ersten Gesammtausgabe goethe’scher Werke bereit, bei Göschen in Leipzig zu erscheinen. In den Sommer dieses Jahres fiel auch der nie wieder geheilte Bruch mit Lavater, welcher nach Weimar gekommen und von dem Dichter gastfreundlich beherbergt worden war. Aber die Zeiten kraftgenialischer Schwärmerei waren vorüber, für Goethe wenigstens. Denn der züricher Apostel war der alte geblieben: ein wunderlicher Mischmasch von, wie sich der Dichter später in den „Xenien“ über ihn ausgelassen hat, „Hohem“ und „Niedrem“ mit zwischenhinein gestellter „Eitelkeit“. Als der Gast fort war, schrieb Goethe an Lotte von Stein: „Kein herzlich, vertraulich Wort ist unter uns gewechselt worden, und ich bin Haß und Liebe auf ewig los; ich habe unter seine Existenz einen großen Strich gemacht.“ Ach, diese Striche! Wer hat sie nicht gemacht, nicht machen müssen? Aber wer weiß nicht auch, daß an jedem derartigen Strich ein Stück des eigenen Lebens hängen bleibt?

Einen Strich anderer Art, aber doch immer auch einen abschließenden, machte der Dichter im folgenden Jahre unter einen bedeutsamen Abschnitt seines Daseins. Er hatte schon lange das Gefühl mit sich herumgetragen, daß es so nicht weitergehen könnte, daß er fortmüßte von Weimar; wenn nicht für immer, doch für längere Zeit. Er mußte sich doch im Stillen sagen, daß er eigentlich seit einem Jahrzehnt viele Zeit vertändelt habe, mit flachsensingischem Hofdienste, mit flachsensingischer [843] Regiererei. Auch mit dem Schwärmen um die „große Flamme“, welche am Ende aller Enden doch kein Sonnenfeuer, sondern nur Mondlicht war, blaßleuchtend, aber nicht wärmend. Der Goethe-Genius verlangte wieder einmal sein Recht – das Recht, seine Schwingen zu entfalten und über all‘ das Kleine, Enge, Eckige, Winkelige einer Miniaturstaatsministerschaft sich hinwegzuheben. Egmont, Iphigenie, Tasso und Faust zupften den Schöpfer-Papa, wo er ging und stand, am Rocke, hoben bittende Hände und fragten und klagten: Sollen wir denn unfertig, als Schatten und Schemen, als Krüppel in der Welt herumschwanken? Haben denn nicht auch wir vollen Anspruch darauf, so schönvollendet wie Deine „Göttin“ („Welcher Unsterblichen soll der höchste Preis sein?“) und wie Dein „Fischer“ („Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll“) hinauszutreten in das Leben? Wohl, Kinderchen, den Anspruch habt ihr, gab Papa gütig-beschwichtigend zur Antwort; geduldet euch nur noch ein Weilchen, bis ich die Arme frei habe … Die Arme, ja, und das Herz. Denn mochte der Dichter es sich gestehen oder nicht, auf eine Herzensbefreiung war es mit dem Entschlusse, Weimar und Deutschland für geraume Zeit den Rücken zu wenden, ganz vornehmlich abgesehen. Dann allerdings auch darauf, in Freiheit und Muße wieder einmal aus dem Ganzen und Vollen zu schöpfen und zu schaffen. Er hatte es satt und übersatt, poetische Kurzwaare für höfische Kurzweil zu liefern. Das konnten ja Andere besorgen, die nächsten besten. Ihm aber waren denn doch andere Aufgaben gestellt und höhere Ziele gesteckt.

Zu alledem kam ein tiefes Sehnen nach einem blaueren Himmel und einer milderen Sonne. Der alte Wunsch, Italien zu sehen, zu kennen, zu genießen, war mit neuer Stärke in Wolfgang erwacht, mit einer Stärke, welche ihn dann von jenseits der Berge an Freund Merck schreiben ließ: „Es war hohe Zeit, daß ich mich auf den Weg machte; ich wäre vor Sehnsucht vergangen“. Jahrelang schon hatte er diese Sehnsucht in sich gehegt und gepflegt und mitunter war sie ihm übermäßig in der Brust aufgequollen. So im Jahre 1782, wo er sie seinem wundersamen Zwielichtskinde Mignon als ein Lied voll innigster Herzenslaute auf die Lippen gelegt hatte. („Kennst du das Land?“). Jetzt war kein Halten mehr: es trieb ihn über die Alpen.

Am 24. Juli von 1786 ging er zur Kur nach Karlsbad, entschlossen, von dort aus das Weite zu suchen. Nur dem Herzoge, der ihm ja Urlaub zu gewähren hatte, anvertraute er sein Vorhaben. Der „großen Flamme“ scheint er allem nach nur eine ganz allgemeine Andeutung gegeben zu haben. Es gefiel seinem Hange zur Geheimnisserei, sich so zu sagen „wegzustehlen“, wie er denn auch „incognito“ reis’te, unter dem Namen Möller, als wolle er nicht allein den Geheimrath, sondern auch den Goethe diesseits der Berge zurücklassen. Am 3. September – unterrichtet er uns – „früh drei Uhr warf ich mich, nur einen Mantelsack und Dachsranzen aufpackend, in eine Postchaise und stahl mich aus Karlsbad.“ Durch Böhmen, Baiern und Tirol fuhr er so rasch, als die damaligen Verkehrsmittel es gestatteten. Am Morgen des 9. Septembers ging es die Südseite des Brennerpasses hinab: Italiam! Italiam! „Kennst du es wohl? Dahin! Dahin!“




Eine deutsche Sprachinsel in Wälschtirol.


Der Zufall oder das Schicksal führte mich im vergangenen Sommer nach Levico, einem kleinen, nahe bei Trient in Wälschtirol gelegenen Badeorte, und Verhältnisse, deren Erörterung nicht hierher gehört, bestimmten mich, daselbst mein Standquartier aufzuschlagen.

Glücklicher Weise bedurfte ich weder der eisenhaltigen Quelle, noch der Gesellschaft der langweiligen und gelangweilten Curgäste und konnte somit meine Aufmerksamkeit den Naturschönheiten der Umgebung zuwenden, den zerklüfteten, zum Theil mit Schnee gekrönten Bergen, den mit Wein, Maulbeer- und Obstbäumen bepflanzten Niederungen und den beiden Seen, welche Tags über wie Ultramarin, Abends im Strahl der sinkenden Junisonne wie flüssiges Gold gefärbt waren.

Es war an einem solchen Abend, als ich, von einer kleinen Gebirgswanderung zurückkehrend, eine gegen das rechte Ufer der Brenta steil abfallende Wand hinabkletterte. Der Fluß, welcher in seinem Mittel- und Unterlaufe ein ganz achtbarer Bursche ist, ist hier soeben erst aus dem See von Caldonazzo hervorgekommen und eilt über die weißen Kiesel seines Bettes, an dessen Rändern sich Alpenweiden, Rhododendronbüsche und andere Auswanderer des Hochgebirges angesiedelt haben. Die untergehende Sonne und mein Durst riefen mir die Worte des Dichters in’s Gedächtniß:

„Jedem Guten ist’s gegonnen,
Wenn des Abends sinkt die Sonnen,
Daß er in sich geht und denkt,
Wo man einen Guten schenkt.“

Aber ach, bis zu der rebenumsponnenen Laube des braven Signor Vicenzi, meines damaligen Wirthes in Levico, war es noch weit, sehr weit, und Brenta-Wasser – brrr! Meiner Standhaftigkeit sollte die Belohnung auf dem Fuße nachkommen. Nach einigen hundert Schritten, die ich, den Krümmungen des Flusses folgend, zurückgelegt hatte, sah ich unter mir eine Baumgruppe und ein Ziegeldach. Wo menschliche Wohnungen sind, giebt es gewöhnlich etwas zu trinken, und so auch hier. Noch zehn Minuten, und ich rastete auf einem breiten Steine, neben welchem ein kunstlos gefaßtes Brünnlein silberklar aus dem Felsen sprang. Es kam aber noch besser.

Eben als ich mich niederbückte, um zu trinken, schimmerten helle Frauengewänder durch das Grün, und wenige Augenblicke später setzte ein schlankes, schwarzlockiges Mädchen die zwei kupfernen Wassergefäße, die sie nach Landesgebrauch an einem schwanken Holze über die Schulter getragen hatte, vor mir und dem Brunnen nieder.

„Es ist heiß heute,“ begann ich, wie ich es noch von der Tanzstunde her gewohnt bin, die Unterhaltung.

„Sehr heiß, Signor.“

„Giebt’s hier in der Nähe keine Osteria oder so was dergleichen?“

„Nein, Signor.“

„Was ist das da unten für ein Haus?“

„Das Haus meines Vaters.“

„Ei, mia cara, könnte man da vielleicht für Geld und gute Worte etwas Anderes als Wasser zu trinken bekommen?“

„Wir haben Wein; aber ich weiß nicht, ob mein Vater welchen hergeben wird.“

„Wir wollen’s versuchen.“

Ich half ihr galant beim Wasserschöpfen und folgte ihr dann auf dem Fuße nach.

„Ein Kernmädel!“ sprach ich im Gehen zu mir selbst, und natürlich sprach ich’s deutsch, während ich mich vorher der italienischen Sprache bedient hatte.

Da dreht sich der Schwarzkopf halb nach mir um, zeigt zwei Reihen Mauszähne und fragt auf Deutsch: „Ist der Herr etwa gar ein Deutscher?“

„O Du Engel! Das versteht sich, und Du bist auch eine Deutsche?“

„Nur zur Halbscheid. Aber der Vater wird sich freuen, daß er einen deutschen Besuch bekommt.“

Wir langten bei dem Häuschen an. Der Vater, ein ziemlich bejahrter Mann, hieß mich sehr freundlich willkommen und gab seiner Marietta den Auftrag, Wein, Brod und Käse zu bringen. Der Wein war trinkbar, das Essen gut, und mein Wirth, dem ich sofort die Friedenspfeife in Gestalt einer Virginiacigarre überreicht hatte, war äußerst zuvorkommend und gesprächig.

„Ich bin Maurer,“ erzählte er, „das heißt, ich richte hier den Leuten Sparherde ein. Es hat Mühe gekostet, den Wälschen begreiflich zu machen, daß ihre alten, offenen Herdfeuer nichts taugen. Erstens nämlich verbrennen sie zu viel Holz, und zweitens schmecken die Speisen manchmal nach Rauch.“

„Sehr richtig! Sie scheinen mir ein einsichtsvoller Mann zu sein. Sind Sie in Deutschtirol daheim?“

[844] „Nein, ich bin ein Deutscher aus Pest (sic!). Ich bin aber schon vor vielen Jahren in’s Veronesische gekommen. Dort habe ich mich auch verheiratet, und erst seit dem Jahre siebenundsechszig wohne ich hier.“

„Allein mit der Tochter?“

„Mein Sohn ist auch hier; er ist aber jetzt auf Arbeit in Pergine. Mein Weib ist todt.“

„Mich wundert,“ fuhr ich fort, „daß die Marietta Deutsch spricht. Die Mutter war doch jedenfalls eine Wälsche?“

„Wie man’s nimmt. Sie war eine Cimbrische, eine aus den Sette communi. Haben Sie davon noch nichts gehört?“

Allerdings hatte ich über jene deutsche Sprachinsel auf italienischem Boden, sowie auch über eine zweite, die sogenannten dreizehn Gemeinden, deren Bewohner man früher irriger Weise für Nachkommen der von Marius zersprengten Cimbern gehalten hat, Mancherlei gehört und gelesen, verneinte aber wohlweislich die Frage, um die Ansicht meines Gastfreundes, der offenbar gern in seiner Muttersprache plauderte, zu vernehmen. Er erzählte:

„Vor vielen, vielen Jahren, noch lange vor der Franzosenzeit sind einmal die Cimbern (er sprach das C nach italienischer Weise wie dsch aus) nach Italien gekommen.“

„Wo kamen sie denn her?“

„Ich glaube aus Preußen oder da herum. Die Cimbern kamen also nach Italien und zwar mit Sack und Pack, mit Weibern und Kindern und wollten Rom einnehmen. Der heilige Vater –“

„Was? Wie kommen denn die Cimbern und der Papst zusammen?“

„Was weiß ich? Vielleicht – die Preußen sind lutherisch – vielleicht waren die Cimbern auch Lutherische und wollten – Sie werden mich schon verstehen …“

„Ah so, nur weiter!“

„Der heilige Vater also kam in große Noth. Da schickte er den General Marino mit der ganzen Armee gegen die Cimbern, und da wurden diese halt bei Verona geschlagen. Es soll dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, denn sonst, wenn Deutsche und Wälsche miteinander gerauft haben, sind die Wälschen jedesmal – huit!“ Er ergänzte seine Rede durch eine bezeichnende Handbewegung. „Die Ueberreste der Cimbern,“ fuhr er fort, „haben sich dann in den sieben und dreizehn Gemeinden niedergelassen und ihre Nachkommen reden noch bis auf den heutigen Tag die cimbrische Sprache.“

„Aha,“ sagte ich, als der Mann eine Pause machte, „jetzt erinnere ich mich, daß ich in der Schule einmal etwas über jene Begebenheit gehört habe. Es ist freilich schon lange her, aber wenn mir recht ist, so waren es damals zwei Völkerschaften oder gar drei, die in Italien einbrachen; Teutonen müssen auch dabei gewesen sein. Weiß man nicht, was aus Denen geworden ist?“

„Das kann ich nicht sagen.“

Die schöne Marietta, welche neben ihrem Vater Platz genommen hatte, stieß ihn mit dem Ellenbogen an und bemerkte halblaut: „Vielleicht die Luserner.“

„Das kann sein,“ nickte der Vater. „Das Mädel ist nicht auf den Kopf gefallen. Sie ist auch im Kloster gewesen,“ fügte er hinzu, indem er auf seine Tochter einen Blick voll väterlichen Stolzes warf.

„Wer sind denn die Luserner?“ fragte ich.

Der Maurer deutete mit der Hand nach dem Gebirgsstock, an dessen Abhang ich vorhin müde und durstig herumgeklettert war, und sagte. „Luserna ist ein Dorf droben auf dem Berge. Es führt keine Fahrstraße dahin; sie müssen Alles auf dem Kopfe hinauftragen. Und droben wohnen Leute, die sprechen eine Sprache, welche Niemand versteht. Es ist nicht Deutsch, es ist auch nicht Wälsch, und Cimbrisch ist es auch nicht, aber es ist doch eher Deutsch als Wälsch, was sie sprechen. Und seit ein paar Jahren haben sie auch eine deutsche Schule. Da sollten Sie einmal hinauf gehen.“

„Kennen Sie den Weg?“

Er verneinte, wußte auch sonst nicht viel über Luserna zu berichten. Es war im Gespräch jene Pause eingetreten, die ein Gast, der sich nicht lange aufhalten kann, gern benutzt, um sich zu entfernen. Zudem klapperte die Tochter des Hauses in der Küche etwas laut mit den Tellern und Löffeln, als wollte sie andeuten: Jetzt wird genachtmahlt, und jetzt kommt bald Einer, der auf die Stadtherren gar nicht gut zu sprechen ist. Ich nahm daher von meinem Wirth und seiner Tochter mit gebührendem Dank Abschied und steuerte meinem provisorischen Heim zu mit dem festen Vorsatz, den Lusernern sobald als möglich einen Besuch abzustatten.

Der Entschluß war wie so mancher andere leichter gefaßt als ausgeführt. Denn wen ich auch um den zu nehmenden Weg befragte, Jeder antwortete mir mit Achselzucken, und der einzige des Weges Kundige, den ich endlich ermittelte, konnte seiner Seidenraupen halber nicht abkommen. Er gab mir den Rath, bis zum nächsten Gerichtstag zu warten, da würden vielleicht Luserner Bauern nach Levico kommen, denen ich mich dann bei ihrer Heimkehr anschließen könnte. Hierauf gab er mir noch die tröstliche Versicherung, daß der Weg ohne Führer nicht wohl zu finden sei, und beschrieb mir denselben in der bekannten Weise: Zuerst rechts, dann links, dann geradeaus etc. Den Gerichtstag und das sehr fragliche Erscheinen eines Luserners konnte und wollte ich nicht abwarten, und so beschloß ich denn allein mit Hülfe meiner Karte die Tour zu unternehmen.

An einem der nächsten Tage, noch vor Sonnenaufgang, war ich auf den Beinen, überschritt die Brenta, begann den steilen Abhang zu erklimmen und erreichte nach einer langen Wanderung in der Irre, auf welcher ich genöthigt war, nicht weniger als zehn Runsen mit Lebensgefahr zu überspringen, das Dorf Lavarone, um von dort meinen Weg nach Luserna fortzusetzen.

Lavarone, ein kleines Bergnest, gehört zu jenen zahlreichen Ortschaften Südtirols, welche, ehemals deutsch, nunmehr völlig verwälscht sind. In einigen dieser Gemeinden weisen nur noch die Bezeichnungen der Berge, Thäler, Höfe und Familiennamen darauf hin, daß die Bewohner einmal Deutsche waren. Andere Ortschaften bieten Gelegenheit, den Proceß der Verwälschung zu studiren, welche dank der Lauheit der Regierung, den Agitationen der mit dem Nachbarlande liebäugelnden Italianissimi und der Romanisirungssucht der Geistlichkeit recht erfreuliche Fortschritte macht.* Allerdings hat man seit einigen Jahren begonnen, durch Gründung deutscher Schulen in den bedrohten Gemeinden der Verwälschung entgegenzuarbeiten, ob aber die getroffenen Maßregeln genügend sind, den verfahrenen Karren wieder flott zu machen, erscheint höchst fraglich.

Eine der wenigen Gemeinden, oder sagen wir lieber gleich die einzige, die in dem Kampf um die Muttersprache siegreich geblieben ist, ist Luserna, ehemals ein Glied in einer langen Kette deutscher Colonien, jetzt eine vereinsamte Sprachinsel.

Ich will den Leser mit den Details der letzten Strecke meiner Wanderung nach Luserna nicht ermüden. Nach dreistündigem Marschiren bergauf und bergab gelang es mir, meinen jugendlichen Führer, den ich in Lavarone gedungen hatte, der aber des Weges völlig unkundig war, glücklich an Ort und Stelle zu bringen, als die ersten Tropfen eines Gewitterregens niederfielen.

Das Dorf liegt am Rande des Gebirgsstockes, fast viertausend Fuß über dem Asticothale, hart an der Grenze von Oesterreich und Italien. Scheinbar senkrecht fällt der Berg nach dem genannten Thale ab, und wer von Schwindel frei einen Blick in die Tiefe sendet, erblickt unten die Kirchen und Wohnungen der Menschen wie weiße Gänseblümchen auf grünem Anger.

Die Häuser des gegen siebenhundert Köpfe zählenden Dorfes haben eine von der landesüblichen verschiedene Bauart; sie ähneln vermöge ihrer stark geneigten Dächer den thüringischen Bauernhäusern; ihr Aeußeres ist sauber, wie es auch die Dorfgassen sind.

Gleichzeitig mit mir zog eine Schaar Frauen in das Dorf ein, welche, gewaltige Bündel Gras auf dem Kopfe tragend, sich vor dem herannahenden Unwetter flüchteten. Es waren mächtige, blondhaarige Gestalten; sie hatten ein Ansehen, wie wohl die

* In Roncegno war im vorigen Jahrhundert noch ein deutscher Geistlicher angestellt; in Pergine wurden noch in diesem Jahrhundert deutsche Predigten gehalten, während gegenwärtig daselbst fast Niemand mehr der deutschen Sprache mächtig ist. Der Gebrauch derselben wurde in manchen Gemeinden den Kindern von den Seelenhirten verboten, ja, in Terragnuolo ging ein Priester, Namens Slosser, so weit, den in deutscher Sprache Beichtenden die Absolution zu verweigern.

(Dr. I. von Zingerle.)

[845] germanischen Weiber der Vorzeit es gehabt haben mögen, die, auf der Wagenburg stehend, ihre Männer durch Beifall und Drohungen anfeuerten, die römischen Legionen zu durchbrechen.

Sie blickten mich neugierig an, hatten aber als Erwiderung meines „Grüß Gott“ nur ein wälsches „buona sera“. Einigermaßen verblüfft über diese Antwort, ging ich weiter.

Vor der Thür eines Hauses spielten flachsköpfige, bausbackige Kinder das Spiel, welches in meiner Heimath „Ringelringelreihe“ heißt. Hier sangen die Kinder:

„Rigna, regna,
pult un toschela*
de katz in gart,
der hunt en schatten.“

Als mich das kleine Volk wahrnahm, stockte das Spiel, und alle gafften mich an. Ich fing den Buben heraus, welcher mir der unternehmendste zu sein schien, und fragte ihn: „Wo wohnt denn der Herr Curat?“

Tiefes Schweigen. Endlich sagte ein kleines Mädchen erklärend: „Ar muanet en Pfaff“. Der Curat oder der „groasse Pfaff“ wie ihn die Luserner nicht etwa in verächtlichem Sinn nennen (der Cooperator heißt „kluaner Pfaff“), kam glücklicher Weise des Weges. Nach stattgehabter Begrüßung erklärte er sich gern bereit, mir über die interessante Gemeinde, welcher er vorstand, die erwünschte Auskunft zu ertheilen, und geleitete mich nach dem Wirthshaus.

Das war das deutsche Dorfwirthshaus, wie es im Buch steht; die hölzernen Tische und Stühle, der breite Ofen, die tickende Schwarzwälderin im Winkel, Alles war vorhanden bis auf die grellbunten Bilder, welche die Leidensgeschichte der heiligen Genoveva darstellen. Der Wirth hieß mich in seinem Idiom, welches ich aber bei aller Aufmerksamkeit nicht ohne die Erklärung des geistlichen Herrn verstand, willkommen und brachte herbei, was Küche und Keller boten: Wein, Brod, Polenta, Käse und als Hauptgericht eine geräucherte Wurst, auf deren Besitz er sich nicht wenig einzubilden schien. Es kamen auch die Honoratioren, nämlich der Herr Doctor aus Lavarone, der, auf deutschen Universitäten gebildet, natürlich der hochdeutschen Sprache mächtig war, und zwei junge Schullehrer, beide gebürtig aus Luserna und gegenwärtig in der Vacanz, da in den Gemeinden, wo sie wirkten, nur im Winter Schule gehalten wird.

Meine Wißbegierde hinsichtlich der Luserner sollte indessen nicht sofort befriedigt werden, vielmehr mußte ich meine Pflicht als Zugereister erfüllen und berichten, wie es draußen in der Welt hergehe, dazu prasselte der Regen, rollte der Donner, und vom Kirchthurm tönte das Wettergeläute, mit dem der rechtgläubige Tiroler das Gewitter zerstreuen zu können vermeint. Als sich nach einer Stunde der Himmel aufgeheitert hatte, entfernte sich der Arzt, nicht ohne mir mit süßsaurem Lächeln die Versicherung gegeben zu haben, solch ein gesunder Ort wie Luserna existire nicht noch einmal in der Welt – seit Weihnachten kein einziger Krankheitsfall!

Der Curat schlug einen Gang durch das Dorf vor, und jetzt fand ich Gelegenheit, die Leute sprechen zu hören, aber sie thaten es mit einer gewissen Schüchternheit, die sich leicht erklärt, wenn man bedenkt, daß der Luserner Dialekt den Umwohnern häufig Gegenstand des Spottes ist. Bei dem Gang durch das Dorf fiel mir die fast gänzliche Abwesenheit der Männer auf, und ich erhielt auf meine hierauf bezügliche Frage die Antwort, daß die Mehrzahl der Männer den Sommer über als Maurer und Straßenarbeiter ihr Brod in der Welt suchen, um im Winter mit ihren Ersparnissen heimzukehren. „In den Armen der Mannen liegt der Reichtum des Landes,“ sagt daher der Luserner. Die Feldarbeit wird von den Frauen besorgt, und von arbeitsfähigen Männern bleiben nur einige Handwerker und wenige andere zurück, die mit dem Vieh und der Bereitung des Käses zu schaffen haben. Ich besuchte die Käserei, welche eine wichtige Erwerbsquelle der armen Gemeinde bildet, und war durch die allenthalben herrschende Reinlichkeit angenehm überrascht.

In der Wohnung des Pfarrers angekommen, wurde ich in die daselbst besinnliche Schulstube geführt, und wenn diese auch nicht in allen Stücken dem in Wien ausgestellten Modell einer österreichischen Zukunftsmusterschule glich, so entsprach sie doch weit mehr als manche andere Dorfschule den Anforderungen, die man an eine solche stellen muß.

Hier, bei einer Tasse Kaffee und einer Cigarre, erhielt ich endlich die gewünschte Auskunft über die Luserner, und es möge das Ergebniß dieser Mittheilungen, ergänzt durch eigene Beobachtung und später gesammelte Notizen, hier Platz finden.

Die Einwohner von Luserna stammen von Deutschen ab, welche wahrscheinlich im dreizehnten Jahrhundert im Trentino und im angrenzenden Gebiete von Verona angesiedelt wurden. Sie rühmen sich nicht, wie die Bewohner der oben erwähnten sieben und dreizehn Gemeinden, daß sie Nachkommen der Cimbern seien, sondern sie leiten ihre Abstammung von einem aus Lavarone gebürtigen Bauern, Namens Nicolaus, ab, der hier oben das erste Haus gebaut habe. Merkwürdiger Weise haben auch fast alle Luserner den Familiennamen Nicolussi, dem man der Unterscheidung halber noch einen zweiten hinzufügt. Ihr Dialekt weicht von dem sogenannten cimbrischen ab, mehr noch von dem, welcher in Deutsch-Tirol gesprochen wird, und gewisse Anzeichen lassen auf eine Verwandtschaft mit dem schwäbischen Dialekt schließen. Am meisten fiel mir eine Anzahl von alten Wörtern auf, die aus dem Neuhochdeutschen und zum Theil selbst aus der conservativeren Volkssprache verschwunden sind, wie zum Beispiel: achel, Tannennadel; kutta, Schwarm (kutta van pain, Bienenschwarm); strel, Kamm; frischum, Widder; ort, Grenze; sof, Fett; hülbe, Pfütze; köden, sagen; mechlen, heirathen; prüste, schwach; lenz, faul, und viele andere. Selbstverständlich ist im Laufe der Jahrhunderte eine Anzahl italienischer Wörter in die Sprache eingeschmuggelt worden, aber der Luserner hat sie sich mundgerecht gemacht. Namentlich Körperteile (korb, Leib; petto, Brust etc.) und Geräthe tragen jetzt wälsche Bezeichnungen. Der Luserner ißt von seiner platte; er räumt die Asche aus dem Ofen mit einer palett und raucht aus einer pipa; statt rauchen sagt er piparn, aber er conjugirt weiter: du piparest, ar piparet, wiar piparen u. s. f. Er zählt nicht, sondern er zontaret; er denkt nicht, sondern er pensaret, und wenn der Bursch nach langer Trennung seine Auserwählte wiedersieht, so fragt er sie: „Amarest du mi no?“ Auch Zusammensetzungen aus beiden Sprachen kommen vor, zum Beispiel gebetliber (Gebetbuch), miserjung (miserabler Junge) und mehrere andere. Dem Einflusse der italienischen Nachbarschaft sind schließlich gewisse Redewendungen und Eigenthümlichkeiten des Satzbaues zuzuschreiben, so wie der Umstand, daß der luserner Sprache der Genitiv mangelt; er wird wie in den romanischen Sprachen durch die Präposition „von“ gebildet.

Rechnet man zu diesen hier nur kurz angedeuteten Eigenthümlichkeiten des Dialektes noch der Luserner Vorliebe für tiefe Vocale, das oa, und ua, das a, welches in den Endungen das stumme e, des Hochdeutschen häufig vertritt, ferner die meist hart ausgesprochenen Consonanten und einen das n in der Endung oft vertretenden Nasenlaut, so wird man es begreiflich finden, daß die Sprache der Luserner wie eine völlig fremde an mein Ohr schlug und daß ich mich jedesmal freute, wenn aus dem Sprachchaos ein Wort herausklang, welches mich daran mahnte, daß ich unter Deutschen sei. So zum Beispiel bezeichnete man meinen Führer, der sich nicht getraute allein nach Lavarone zurückzukehren, als „hasenfuasz“, und das kleine, etwas eigensinnige Töchterchen des Gastwirthes wurde ebenso zur Ruhe gebracht, wie ich vor dreißig Jahren von meiner Wärterin, nämlich mit der Drohung: „Asz kümt dar Wau!“

Ueberhaupt fand ich unter den mir mitgetheilten auf Aberglauben beruhenden Gebräuchen und Sagen so Manches, was mich an meine Landsleute im Norden erinnerte. Den Mondphasen (beiläufig bemerkt haben auch die Luserner ihren Mann im Monde) werden dieselben Einwirkungen auf das Wachsthum der Haare, Nägel etc. zugeschrieben, wie bei uns. Zur Vertreibung der Warzen wendet man die bekannten sympathetischen Mittel an, als Abzählen, Messen u. dgl. Die Schwalbe bringt dem Hause, an dem sie nistet, Glück, wie das vierblättrige Kleeblatt Dem, der es findet. Der Hase, welcher dem Wanderer über den Weg läuft, bedeutet nichts Gutes, und das Käuzchen gilt auch in Luserna als Todesverkünder. Verliert bei mir daheim das Kind einen Milchzahn, so wirft es denselben in ein Mausloch und spricht dazu: „Mäusle, Mäusle, da hast du ein beinernes Zähnle. Gieb mir dafür ein eisernes!“ Dasselbe geschieht auch

* Polenta und frischer Käse. [846] hier, nur daß kein eiserner, sondern nur bald ein neuer Zahn erbeten wird.

In den Sagen, Märchen und Spukgeschichten der Luserner spielen der Teufel, den sie michel oder selander nennen, und auch die Hexen, vor deren Tücke man namentlich die kleinen Kinder hüten muß, eine große Rolle. Ob die Hexe identisch ist mit dem „will weib“ (unter dem „wille freule“ versteht man das Wiesel), kann ich nicht sagen.

Mit Entziehung der Ruhe im Grabe werden nicht nur die Bösen, wie zum Beispiel die Grenzsteinfrevler, bestraft, sondern auch jene Beerdigten, in deren Gewändern ein Geldstück zurückgeblieben ist. Auffallender Weise findet sich in Luserna auch der Vampyraberglaube, und das Tollste dabei ist, daß nicht ein Abgeschiedener das Geschäft des Blutsaugens übernimmt, sondern die Seele eines lebenden Menschen, bei dessen Taufe irgend ein Formfehler begangen worden ist.

Ob die Luserner, wie es mir versichert wurde, dergleichen Spuk nur als Stoff für die Unterhaltung in den langen Winternächten betrachten, oder ob sie wirklich an ihre Teufel, Hexen und Vampyre glauben, wage ich nicht zu entscheiden. Wie jedes Land sein Abdera hat, heiße es nun Schilda, Lalenburg oder Wasungen, so auch unsere Sprachinsel. Hier heißen die närrischen Käuze, die den Ochsen auf die Stadtmauer zogen, „Karauner“, und wer die Schwänke der Schildbürger kennt, der kennt auch die Karaunerstreiche.

Noch sei der eigenthümlichen Flunkerei gedacht, mittelst welcher die Luserner Mütter gewisse lästige Fragen der Kinder beantworten. Wenn in Deutschland ein Kind an die Eltern die Frage richtet: „Wo kommen denn eigentlich die kleinen Kinder her?“ so denuncirt die Mama gewöhnlich den Storch, und wenn die ungläubige Range darauf erwidert: „Aber der Herr Lehrer hat in der Naturgeschichte nichts davon gesagt,“ dann legt sich der Papa in’s Mittel, räuspert sich und spricht höchst weise: „Wo die Kinder herkommen, das ist ein Naturgeheimniß, welches die Gelehrten noch nicht ergründet haben.“ Ich hoffe mir den Dank unzähliger Eltern zu verdienen, indem ich ihnen mittheile, wie die Luserner Eltern sich in einem solchen Falle helfen. „Die Kinder,“ sagen sie, „bringt die Frau Klafter, die am Bach von Ueasn wohnt; sie hat die Kinder in großen Fässern und füttert sie mit Lehm.“ Wenn es donnert, so sagt man in Luserna nicht wie in manchen Gegenden Deutschlands: „Die Engel spielen Kegel,“ sondern: „Die Frau Klafter spült ihre Fässer aus.“

So viel über der Luserner Sprache und Sage.

Diese Sprachinsel nun besaß bis vor sechs Jahren nur eine italienische Schule, die auch heute noch neben der deutschen besteht. Das Verdienst, die letztere in’s Leben gerufen zu haben, gebührt keinem Anderen als meinem geselligen Gastfreund, dem Curaten Franz Zuchristian. Anfangs nur auf seine eigenen Kräfte angewiesen, erhielt er, nachdem die Erfolge seiner rastlosen Thätigkeit für die Lebensfähigkeit der deutschen Schule ein glänzendes Zeugniß abgelegt halten (die Schule wurde im vorigen Winter von hundertdreißig Kindern besucht), endlich von Seiten der Regierung eine jährliche Unterstützung, die er in der uneigennützigsten Weise zum Besten der seiner Obhut anvertrauten Kleinen verwendet.

Möge der edle „Pfaff“ noch lange der Gemeinde Luserna erhalten bleiben!

Der Tag, der mir so Mannigfaltiges geboten, wurde, wie es sich von selbst versteht, beim Läuten der Becher zu Grabe getragen. Auch das lange Sitzenbleiben ist eine germanische Eigenthümlichkeit, die sich auf der vereinsamten Sprachinsel in ihrer ganzen Reinheit erhalten hat.

Außer dem Curaten fanden sich bei der Abendsitzung im Wirthshaus auch die beiden obengenannten Lehrer ein, und der eine brachte leider ein Buch mit, welches den Titel führt: „Lusernisches Wörterbuch“ und Dr. Ignaz von Zingerle zum Verfasser hat – leider sage ich, denn selbstverständlich brachte ich das Buch später in meinen Besitz, und gegenwärtig, da ich dies niederschreibe, liegt es nicht weit von mir und folglich die Versuchung, mich mit fremden Federn zu schmücken, sehr nahe.

Der rothe Tirolerwein, den der Wirth in großen Krügen unermüdlich herbeischleppte, wurde durch heitere Gespräche gewürzt. Der Curat hatte in seiner früheren Eigenschaft als Feldpater manches lustige Stückchen erlebt, das er jetzt zum Besten gab, und ich meinerseits erzählte allerhand Streiche, die ich und Meinesgleichen dereinst auf der Alma mater verübt hatten. Zu später Stunde trennten wir uns, als ich aber am anderen Morgen mein Bündel geschnürt hatte, kamen die Herren noch einmal, um mir Lebewohl zu sagen.

Mit herzlichem Dank schied ich von dem geistlichen Herren, die beiden Lehrer aber ließen es sich nicht nehmen, mich ein paar Stunden weit zu begleiten, bis ich den Weg nicht mehr verfehlen konnte. So erreichte ich denn die sogenannte neue Straße, welche allerdings auch sehr beschwerlich war, aber doch keine salti mortali nöthig machte, und gelangte in einigen Stunden nach Levico, wo die geputzten Badegäste mich mit spöttischen Blicken musterten und mir ihr Bedauern ausdrückten, daß ich den gestrigen Ball im Curhaus versäumt habe.

Dr. Baumbach.




Rettig und Radieschen.
Als Zeugen für die Darwin’sche Theorie.


Es vergeht in unserer Zeit beinahe keine Woche, in welcher nicht neue Zeugnisse für die Richtigkeit einer Theorie eingebracht würden, der unter allen Entdeckungen, allen wissenschaftlichen Fortschritten unseres Jahrhunderts der erste Rang gebührt. Die Naturforscher der verschiedensten Glaubensbekenntnisse und philosophischen Richtungen endigen, nachdem sie sich dem eingehenden Studium irgend einer Thier- oder Pflanzenclasse hingegeben, fast ohne Ausnahme mit der Erkenntniß der Thatsache, auf welcher die Darwin’sche Theorie beruht: es giebt keine wirklichen, beständigen Arten in der Natur, sondern nur Uebergänge. Wir überlassen es gerne Denen, welche die alle Tradition überragende Erhabenheit der Natur- und Gottesanschauung, die diese Theorie ihren Anhängern eröffnet, nicht zu erfassen vermögen, sich an diesen Fortschritten der Erkenntniß zu ärgern, das aber tritt unleugbar hervor, daß das Häuflein der Darwin-Gegner unter den Naturkundigen – der Andern Meinung fällt nicht in’s Gewicht – mit jedem Jahre mehr zusammenschmilzt.

Darwin wurde bekanntlich in seinen Ansichten am meisten bestärkt, oder gar erst auf dieselben geführt, durch das Studium der außerordentlichen Veränderungen, denen Pflanzen und Thiere im Zustande der Zähmung und Züchtung unterliegen. Wir wissen Alle, daß Thierzüchter und Gärtner durch eine geschickte Benutzung des freiwilligen Variirens in der Zuchtwahl förmlich nach Belieben neue Racen und Formen, die zuweilen in’s Unendliche gehen, erzeugen können, Alle die unzähligen Formen der Haustaube stammen wahrscheinlich von einer einzigen wilden Stammart ab, und ebenso die bis zur Unähnlichkeit verschiedenen Gemüsesorten, welche, mit der Endsilbe Kohl gekennzeichnet, unserem Speisezettel im Winter selten fehlen. Meistens sind die Veränderungen, welche die Cultur bewirkt, so tiefgehend, daß wir die Stammformen unserer Hausthiere und Gartenpflanzen kaum wiederzuerkennen im Stande sind. Die kleine Meerstrandpflanze, welche man für die Urgroßmutter der Familie Kohl ansieht, hat weder mit Kopfkohl und Kohlrabi noch mit Blumen-, Wirsing-, Kraus- oder Rosenkohl, und wie sie sonst noch heißen mögen, irgend welche nähere Aehnlichkeit. Gleichwohl hat man gerade die Züchtungserfolge als Beweismittel gegen die Darwin’sche Theorie anzuwenden gesucht, indem man anführte, die Züchtung sei durchaus nicht im Stande gewesen, wirklich tiefgehende Veränderungen hervorzurufen, sie habe in den beinahe fünftausend Jahren, durch welche man ihre Erfolge vergleichen könne, viel zu wenig geleistet. So zum Beispiel gelinge es dem Gärtner nicht, diejenigen Organe zu verändern, welche dem Botaniker die Hauptkennzeichen der Arten und Gattungen liefern, seine ganze Kunst erschöpfe sich an der Geschmacksverbesserung der Blatt-, Stengel-, Wurzel- und Fruchttheile, an der Vermehrung und

[847]
Die Gartenlaube (1873) b 847.jpg

Einer von den Wenigen, die etwas zuzusetzen haben. –
Nach dem Oelgemälde des F. Sonderland in Düsseldorf.

[848] Vergrößerung der Blüthen. Aber die Blüthen- und Fruchtbildung an sich sei bei dem Blumen-, Wirsing- etc. Kohl im Wesentlichen dieselbe geblieben, wie bei der erwähnten Meerstrandpflanze. Das ist in den meisten Fällen zutreffend, aber auch sehr leicht dadurch zu erklären, daß die Gärtner ihr Augenmerk eben nur auf Erzielung eines guten Obstes oder Gemüses resp. schöner Blumen gerichtet hatten und nicht auf Erzeugung neuer Gattungen. Uebrigens kommen zuweilen auch in den wichtigeren Unterscheidungs-Charakteren sehr wesentliche Abänderungen bei Culturgewächsen vor, wie wir an Mandel und Pfirsich sehen können, welche die meisten neueren Botaniker zwar als unähnliche Brüder, aber im Wesentlichen als Kinder eines Vaters anzusehen beginnen.

Bei dieser Lage der Sache ist nun eine Beobachtung sehr interessant, welche in den letzten Jahren gemacht worden ist, die Verwandlungsfähigkeit einer als Wildling und als Gartengewächs uns Allen gleich bekannten Pflanze betreffend, die Entdeckung, daß der verhaßte Knoten-Hederich unserer Felder und der geliebte Rettig unserer Gärten nur Formen einer und derselben Pflanze sind. Daß der Letztere seinerseits von dem Radieschen und ähnlichen Unterarten nur leicht verschieden ist, erkennt jeder Gärtner aus den häufig vorkommenden Formübergängen. Zwei Umstände scheinen uns diese Beobachtung für die überzeugende Darlegung in weiteren Kreisen besonders geeignet zu machen, einmal weil sie die Umwandlungsfähigkeit einer Pflanze in eine andere zeigt, welche in den wichtigeren Charakteren so von ihr verschieden erschien, daß sie die strengeren unter den neueren Botanikern nicht einmal in dieselbe Gattung setzen wollten, zweitens, weil Jeder im Stande ist, diese beiden Pflanzen miteinander zu vergleichen oder wohl gar den Versuch zu wiederholen. Im Totaleindruck ist zwar eine ziemlich bedeutende Aehnlichkeit zwischen den beiden Gewächsen nicht zu verkennen, dieselbe beweist aber um so weniger, weil die meisten Angehörigen der Familie der Cruciferen, zu denen auch Kohl, Senf, Meerrettig etc. gehören, eine große habituelle Uebereinstimmung zeigen.

Auch der Umstand, daß der Hederich ebenso häufig blaßgelbe als weiße und violettgeaderte Blüthen, wie der Rettig, hervorbringt, fällt nicht in‘s Gewicht. An den Früchten jedoch, die gerade bei dieser Familie die wichtigsten und zuweilen einzigen Unterscheidungsmerkmale bieten, zeigt sich eine große Verschiedenheit. Der Hederich trägt jene bekannte, anderthalb bis zwei Zoll lange, dünne, mit einem ansehnlichen Schnabel versehene Schote, deren einzelne Abtheilungen bei der Reife tief eingeschnürt und rosenkranzartig aneinander gereiht sind, sich übrigens leicht trennen und je einen glatten Samen enthalten. Diese getrennten Fächer bilden bekanntlich eine der lästigsten Verunreinigungen unserer Feldsämereien (namentlich der Erbsen, Linsen etc.) und man hat sie, wiewohl unschuldig, verdächtigt, daß sie an der sogenannten Kriebelkrankheit Schuld trage, die früher öfter epidemisch im Lande auftrat. Radieschen und Rettig dagegen bringen eine fast gar nicht geschnäbelte, kegelförmige, markig geschwollene Schote hervor, die bei der Reife nicht in einfächerige Querabtheilungen zerbricht, sondern vielmehr durch eine Längsscheidewand in zwei Abtheilungen geschieden ist. Die Samen sind außerdem nicht glatt, sondern runzlig. Diese Unterschiede in der Fruchtbildung sind so auffallend, daß zahlreiche neuere Botaniker es nicht mehr haben übers Herz bringen können, die beiden Pflanzen mit Linné als verschiedene Arten Raphanus Raphanistrum und Raphanus sativus) derselben Gattung zu betrachten, sondern die erstere zum Range einer besonderen Gattung (Raphanistrum) erhoben haben.

Die Nachforschungen nach Abstammung und Heimath unserer beiden gaumenreizenden Gemüse haben größtentheils nach Ostasien geführt. Rettig wie Radieschen waren den Griechen und Römern bekannt und der Name, welchen die Letzteren allem Wurzelgemüse beilegten (Radix), ist wenigstens dem Radieschen erkennbar verblieben. Allein die aus dieser Bekanntschaft der Alten hergeleitete Vermuthung, daß die Stammpflanze am Mittelmeer wild wachsen möchte, hat sich nicht bewährt. Dagegen will Thunberg den Rettig in Japan wildwachsend bemerkt haben. Sicher ist, daß er in China und Indien in zahlreichen Varietäten gebaut wird, unter denen besonders eine bemerkenswerth ist, weil ihre Früchte mit denen des Knotenhederichs größere Aehnlichkeit besitzen als unser Rettig, so daß sie beinahe als Mittelform gelten könnte. Es ist dies eine besonders auch auf Java gebaute Abart mit langgeschnäbelten eßbaren Schoten (Raphanus caudatus), wozu noch eine erst neuerdings bekannt gewordene Abart, mit gegliederten Schoten wie Hederich, gekommen ist.

Den Hederich findet man in Europa stets nur in Aeckern und Gärten, also auf cultivirtem Boden, dagegen fand ihn von Siebold in Japan wild wachsend. Alle diese Umstände mochten den Verdacht rege gemacht haben, daß am Ende doch der Rettig mit dem Hederich nähere Beziehungen habe, und der Garteninspector Carrière am Jardin des Plantes in Paris begann vor einigen Jahren Versuche zur Entscheidung dieser Frage anzustellen. Er nahm mit großer Vorsicht Samen von Hederichpflanzen, die fern von Paris und von allen Rettigfeldern gewachsen waren, um jede Wahrscheinlichkeit einer Bastarderzeugung auszuschließen, und säete ihn im September an verschiedenen Stellen aus. Vor Eintritt des Frostes nahm er die Pflanzen aus der Erde, suchte diejenigen heraus, welche die fleischigsten Wurzeln zeigten, schnitt die Blätter bis auf die jüngsten unentwickelten, das sogenannte Herz, weg, und überwinterte die Pflänzchen an einem frostfreien Orte.

In den ersten Frühlingstagen pflanzte er sie wieder ein, nahm von den kräftigsten Pflanzen Samen und wiederholte mit ihnen viermal diese Züchtungsversuche. Nachdem er so durch vier Generationen stets nur die Pflanzen mit den dicksten Wurzeln zur Samenzucht ausgewählt hatte, gelang es ihm in dieser verhältnißmäßig außerordentlich kurzen Zeit, die dünnen Wurzeln des Hederichs in ein ansehnliches Rübchen zu verwandeln. Er erzog darunter mehrere Varietäten, die sich der Form und Farbe nach entweder mehr der rübenförmigen Gestalt des Rettigs oder der zwiebelähnlichen des Radieschens näherten. Ebenso fiel der Geschmack verschieden aus, bei einigen mehr süß und mild, bei anderen schärfer. Aber da die Gestalt der Schoten dieselbe blieb wie beim wilden Hederich, so glaubte Carrière keineswegs, echte Rettige oder Radieschen erzeugt zu haben, er nahm vielmehr das Verdienst in Anspruch, unsern Nachtisch mit einem neuen Wurzelgemüse bereichert zu haben.

In der That konnten diese Versuche nicht als ein Beweis der Abstammung des Rettigs vom Hederich gelten, denn das Fleischigwerden irgend eines Pflanzentheils unter der sorgsamen Pflege des Gärtners beweist gar nichts. Beim Kohlrabi schwillt der untere Theil des Kohlstrunks dicht über der Wurzel kugelförmig an, ohne daß das einen Grund gäbe, die Pflanze als vom Kopfkohl botanisch verschieden zu betrachten, und bei unseren Kunstrettigen würde dasselbe Verhältniß sein. Ich will diesen Anknüpfungspunkt benützen, um zu erwähnen, daß die Botaniker Dasjenige, was wir vom Rettig und Radieschen essen, nicht als Wurzel, sondern als angeschwollenen Stammtheil betrachten; die Wurzel selbst bleibt dünn und wird beim Gebrauche weggeworfen. Daher erscheint es uns auch ganz in der Ordnung, daß manche Rettige wie der Kohlrabi (der seine Stammnatur deutlicher durch die an seinem Umfange entspringenden Blätter beweist, statt in den Boden hinein, über denselben hinauswachsen, als wollten sie sich gegen die Verdächtigung, Wurzeln zu heißen, feierlichst verwahren. Denn auch der Name Rettig dürfte seine Wurzel wie Radieschen in dem Worte radix zu suchen haben. Den Liebhabern dieser Pseudowurzeln, die meistens unter den Gourmands zu finden sind, wird es angenehm sein, auf eine Eigenart aufmerksam gemacht zu werden, die gleichsam den Beweis zu liefern scheint, daß Rettig und Radieschen nicht als solche geboren wurden. Man bemerkt jedesmal am Halse der Rübe zwei herabhängende Anhängsel wie Schlipszipfel, die mehr oder weniger verrottet zu sein pflegen. Es sind dies die Reste der primären Rinde, welche auf ein derartiges Embonpoint nicht eingerichtet war und daher bei Eintritt dieser Körperfülle auseinandergesprengt wurde. Die neue Rinde fügt sich dann besser dem Drange, in die Breite zu wachsen, obwohl es bei alten Rettigen selten ohne einige Längsrisse in der erdschwarzen Haut abgeht.

Die Versuche Carrière’s mußten, zusammengehalten mit dem Vorkommen der obenerwähnten Zwischenformen, obwohl sie wie ähnliche von Herincq angestellte Züchtungen keinen Beweis liefern konnten, doch wenigstens die Botaniker stutzig machen. Sie wurden daher fortgesetzt, und das eigentliche Experimentum crucis, der Nachweis, daß die Querbrüchigkeit der Hederichschote [849] kein beständiges Merkmal ist, glückte im Sommer vorigen Jahres dem berühmten Pflanzengeographen und Klimatologen Professor H. Hoffmann in Gießen. Er hatte ebenfalls seit vier Jahren Hederichpflanzen in einer abgelegenen Ecke des dortigen botanischen Gartens cultivirt und hatte die Freude, außer mehreren Uebergangsformen an zwei Pflanzen echte Rettigfrüchte zu erziehen. Da er den Verdacht, daß eine Hybridation mit Rettigpflanzen vorgekommen sein könnte, bei seinen Versuchen für ausgeschlossen hält, so dürfte damit der Beweis erbracht sein, daß die beiden Pflanzenformen, die man sonst als Angehörige zweier verschiedener Gattungen betrachten zu müssen glaubte, sogar einer und derselben Art angehören. Der letztere Umstand, die Verwandlung einer bis dahin für völlig beständig gehaltenen Fruchtform in eine sehr unähnliche, macht diese Entdeckung lehrreicher und beziehungsweise ärgerlicher als irgend eine ähnliche; sie gleicht einem Sprunge, der in rein morphologischer Beziehung vielleicht größer erscheint als der vom Menschen zum Affen. Die Gläubigen, die nichts von der Verwandlung der Arten wissen wollen, sondern sie alle für von Ewigkeit an unverändert halten, wie sie erschaffen worden sind, werden behaupten, der Teufel selber habe dem Professor Hoffmann ein paar Rettigfrüchte an die Hederichpflanzen gesteckt, nur um die Menschen zum Irrthum zu verführen. Bewahrheiten sich – wie wir nicht zweifeln – diese Versuche, und ist nicht etwa doch eine Blumenstaubvermischung vorgekommen, wie bei der vermeintlichen Verwandlung des Aegilops in Weizen, von welcher ehemals so viel Lärmen gemacht wurde, so wird der Rettig eins der wirksamsten Beweismittel für die Darwin’sche Theorie geben und wir müssen ihn künftig nachdenklicher und mit mehr Verstand genießen als bisher.

Carus Sterne.




Das Bild ohne Gnade.
Erzählung von A. Godin.
(Schluß.)


15.

Im Parke von Oliva! Dort brach das Eis, das Ernst’s widerstrebendes Herz nicht wollte thauen lassen. Die grünen Wege, welche er vor Jahren an Dora’s Seite durchzogen, die Wassersprudel, die er mit ihr hatte rauschen hören, die fernen Hämmer, welche sie damals Herzschläge des Thales genannt, schmolzen all’ sein Sträuben in widerstandslose Weichheit um. Sein Auge ließ nicht von ihr, während er, in einiger Entfernung hinter ihr schreitend, die lichte Gestalt durch die Laubgänge schweben sah. Er gab sich ganz und voll dem alten Zauber hin, ihm war, als läge nun mit einem Male nichts mehr zwischen ihnen, als ein Wort, das nur noch auszusprechen sei. Und wie ein Schicksalsspruch traf es ihn, als Das, was wir Zufall nennen, sie ihm als Gefährtin zu bedeutungsvollem Spiele gab.

Ein Loos, in heiter geselligem Kreise gezogen, hatte sie für ein kurzes Zwiegespräch in den Flüstergrotten zu seiner Partnerin bestimmt, als der Zufall – oder war es mehr? – sie gelegentlich eines bedeutungsvollen Spieles zu seiner Gefährtin machte. Das Wort, welches dort von ihren Lippen kam, sollte über seine Zukunft entscheiden. Als er Dora den Arm bot, um sie nach der Stätte zu führen, die ihm jetzt sein Verhängniß bedeutete, fühlte er ihre Hand auf seinem Arme zittern. In demselben Momente, als er zum ersten Male wieder die Berührung dieser geliebten Hand empfand, versank Alles, was sie von ihm geschieden. Und doch schritt er schweigend neben ihr her, schlug das Auge nicht zu ihr auf. Den ernsten Mann hatte ein traumhaftes Fürchten und Hoffen erfaßt. Ihm war, als würde der Hort, nach dem er die Hand ausstrecken wollte, vor ihm versinken, wenn das Zauberwort, das ihn heben sollte, zu früh ausgesprochen ward.

Jener Abend, wo er einst mit ihr den gleichen Weg gewandelt, stieg farbenfrisch vor ihm auf. Sie war damals noch nicht sein gewesen, aber schon sehnten sich die jungen Herzen zu einander. Wie hatten sie gescherzt! was erzählte sie ihm Alles von der geheimnißvollen Grotte, und wie verstummte all’ die Munterkeit, als Beide in den Höhlen einander gegenüberstanden, scheu und verzagt! Wie lauschten sie und konnten sich nicht zum ersten Worte entschließen, bis er endlich, nach herzklopfendem Schweigen, zuletzt doch nichts Anderes zu flüstern gewagt, als das Wort: „Welch unvergeßlicher Tag!“

Als er sie jetzt von seinem Arme ließ, um in die Höhle zu treten, begegneten sich Beider Augen. Ernst’s Herz schlug zum Ersticken. Er beugte sein Ohr gegen das dunkle Gestein – Alles stumm. Der bei Beginn des Spieles laut verkündeten Vorschrift entgegen, daß die Dame zuerst sprechen sollte, schien Dora sein Wort zu erwarten. Und doch konnte er sich zu diesem ersten Worte nicht entschließen – das ihrige sollte ihm Orakel sein. Tödlich lange Augenblicke vergingen. Er wandte den Kopf – ja, noch stand die lichte Gestalt in der Grotte drüben; ihr weißes Gewand fluthete auf den dunkeln Boden nieder. Ernst preßte die Lippen zusammen und lauschte von Neuem, als hinge sein Leben an dem Hauche von drüben.

Da drang ein Flüstern an sein Ohr, vernehmlich, als sei es Wange an Wange geathmet: „Vergieb – o vergieb!“

Seltsames Räthsel des Menschenherzens! Ernst’s Athem stockte. Flammen schlugen bis zu seinen Schläfen empor – was in ihm vorging, war unaussprechlich. Das eine Wort mähte urplötzlich Alles nieder, was eben noch so lebensvoll aufgekeimt: all die Qualen langer Jahre, all das Elend, welches ihr Treubruch ihm bereitet, stand vor ihm wie mit Flammenschrift, und zieh sie des Verraths am Heiligsten. Mit finsterer Stirn richtete er sich auf, stand einen Moment unbeweglich und trat dann, sich gewaltsam zusammenfassend, rasch in’s Freie.

Eine Secunde später schritt Dora an ihm vorüber und sah ihn mit erloschenem Blicke an. Unter all den Menschen auszuhalten, ward ihm unerträglich. Er benutzte den ersten Moment, wo er sich unbeachtet sah, um sich zurückzuziehen, und wanderte planlos die Laubgänge entlang, nur um keine Stimme mehr zu hören, kein fremdes Auge mehr zu sehen, und doch fühlte er sich zugleich so todteinsam, daß er mechanisch dem Rauschen des Wassers nachging, als etwas Lebendigem. Der Bach führte ihn zu einem von Bäumen umgebenen Rondell, wo das Wasser, zum kleinen Katarakt gesammelt, von dem höher gelegenen Wege aus über Felsgestein niederstürzt. Hier war es still und menschenleer. Ernst ließ sich wie gebrochen auf eine der Steinbänke nieder, die das Rund umgeben, und barg seine hämmernden Schläfen in beide Hände. So weh wie heute war ihm in stürmischen Jugendtagen nie zu Muth gewesen.

Lange mochte er so regungslos gesessen haben, als ein leises Geräusch, wie von berührtem Laub, ihn aufschauen ließ. Seine Hand umfaßte krampfhaft die steinerne Lehne. Er sah ein weißes Gewand schimmern. Dora schritt gesenkten Hauptes über den Steg, der leichten Bogenbrücke zu, welche das Rondell abgrenzt, und blieb dort der Cascade gegenüber stehen. Beide Arme auf das Brückengeländer gestützt, blickte sie unverwandt nach dem schäumenden Wasserfall. In tausend Silberperlen aufsprudelnd, stürzte die brausende Fluth über dunkle Felsblöcke nieder, leidenschaftlich wie ein Herz, das in wildem Strudel vergehen möchte. Sonnendurchleuchtetes Laub schimmerte wie Smaragd darüber hin, und von Secunde zu Secunde küßte der sinkende Sonnenstrahl die lichten Blätter, das feuchte Gestein an neuer Stelle, Alles vergoldend. Gleich Wächtern des schweigenden Rundes ragten ringsum hohe Bäume, deren Wipfel sich zueinander neigten und die bereits dämmernde Schatten über die Stelle warfen, welche Ernst einnahm. Er blickte unverwandt nach der regungslosen, vom Abendlicht überglänzten Gestalt.

Dora stand mit fest ineinander gefalteten Händen, den schönen Kopf tief gesenkt; er sah nur ihr Profil, doch sah er, wie Tropfen auf Tropfen über die blasse Wange niederstürzte. Ohne seine Stellung zu verändern, rief er leise. „Dora!“

Nur wie ein Hauch klang der Name durch die Stille, doch traf er das Ohr, dem er galt. Heftig zusammenschreckend wandte sich Dora um, den Blick in die Lüfte gewendet, als hätten ihre eigenen Träume sie mit einem längst verklungenen Namen gerufen. [850] Ihr Auge senke sich und traf die dunkle Gestalt, die ihr unbeweglich zur Linken saß.

Wernick erhob sich nicht. Kein zweiter Laut kam von seinen Lippen, nur seine Hand machte eine leichte winkende Bewegung, indem sein Blick auf sie gerichtet blieb. Dora flog zu ihm hinüber, wie von magischer Kraft fortbewegt. Seine Hände schlossen sich um die ihren; die Augen tauchten ineinander. Während sie so vor ihm stand, wußten Beide Nichts von Vergangenheit, Nichts voll Zukunft. Sie waren Eins.

Ernst’s Arm umfaßte die Geliebte, um sie näher an sich zu ziehen, doch entwand sie sich zuckend seiner Berührung, neigte sich und preßte ihre Lippen auf seine Hand. „Was thust Du?“ rief er mit zu spät abwehrender Bewegung.

„Ich danke Dir, daß Du vergeben kannst,“ sagte sie mit blassem Munde. „Ich segne Dich dafür; nun läßt sich das Leben wieder tragen, auch fern von Dir.“

„Sprich nicht von Vergeben!“ sagte Ernst, indem er sich erhob und sie fest in seine Arme nahm. „Wir lieben uns noch; das hast Du empfunden gleich mir, das füllt jede Kluft – Du bist mein, Dora, und Du bleibst es.“

„Nie!“ rief sie schauernd, indem sie zurückwich. Die alte Starrheit legte sich gnadenlos über das schöne Gesicht.

„Dora!“ rief Wernick mit Leidenschaft, „spiele nicht zum zweiten Mal mit unserem Leben!“

Sie blickte trostlos in’s Weite. „Ich habe dereinst mit einem anderen Leben gespielt, und – es ging verloren. Du weißt nicht, was ich zu verbüßen habe, Ernst. Niemand auf Erden weiß es. Kein Zufall ließ Sandor sterben – er fiel durch eigene Hand, nein, durch die meine, denn ich bin es, die ihn in den Tod getrieben.“

„Dora!“

„Nicht wahr, das glaubtest Du nicht? Aber Du mußt es erfahren, damit Du weißt, wer ich bin, und daß es für mich kein Wünschen mehr giebt – und kein Hoffen mehr. Ich habe Dich geliebt aus Grund meiner Seele, Ernst, und Deiner nie vergessen, auch dann nicht, als ich mich in wahnsinniger Bethörung von Dir losriß, auch dann nicht, als ich mir vorsagte, durch einen Anderen glücklich zu sein. Und so brennende Schmerzen schuf mir der heiße Widerstreit, daß ich Deines eigenen Leides, meiner Schuld gegen Dich kaum gedachte, Nichts sonst empfand, als daß ich Dich für immer verloren. Da hielt mir ein Brief Robert’s mein Bild vor, und ich schaute mit Grauen die verzerrten Züge. Wohl hatte ich Sandor gestanden, daß ich zuvor einen Anderen geliebt, daß ich um seinetwillen ein früheres Wort gebrochen, aber er vergab dem Wankelmuth, weil er an die Liebe nicht glaubte. Ich hatte es feige angenommen, als er mich von völliger Beichte lossprach; jetzt erschien es mir wie sündhafter Betrug, daß ich ihm nicht mehr gesagt. Ich sandte ihm Robert’s Brief, damit er mein Urtheil daraus lesen möchte. Er las sich Anderes heraus, nicht die Verachtung, welche ich mir bei den Meinen verdient, wohl aber die Liebe, die mich Dir verband. Wahrheit ging ihm auf aus Robert’s anklagender Schilderung unseres Bundes, und sein Herz trug diese Erkenntniß nicht. Edel wie immer, ging er aus der Welt, ohne meine Seele mit der Bürde belasten zu wollen, die ihn in den Tod trieb. Er vergaß, daß mein Gewissen mich lehren würde, ihn zu verstehen, daß mein schuldbewußtes Herz erkennen mußte, woran das seine brach. Was er empfunden, ist ja Wahrheit gewesen. Selbst in den Todesmartern dieses Bewußtseins war es nicht sein, war es Dein Verlust, der seitdem wie ein Wurm an mir genagt hat, Tag um Tag, Jahr um Jahr.“

Sie sank kraftlos auf den Sitz nieder und verhüllte ihre Augen.

„Und Du willst mir dennoch nicht gehören!“ sagte Wernick nach schwerer Pause.

„Dir gehören! über dieses Grab hinweg – wäre es nicht Lästerung? Wem ein stummer Schatten zur Seite geht, der kann keinem Lebenden Glück bringen.“

„Mein Recht ist älter, ist heiliger, als das Recht dieses Todten, Dora. Sprichst Du wahr, hast Du nie aufgehört mich zu lieben, dann schuldest Du mir auch das Leben, das Du mir einst zugelobt –“

„Es gehört nicht mehr mir; es gehört einzig der Buße,“ sagte sie ernst. „Der letzte Wunsch ist erfüllt: ich sah Dich noch einmal; Du hast mir vergeben – damit ward mir mehr, als ich verdiene. Erbarme Dich auch ferner, und dringe nicht in mich, daß ich Dein werden soll, wie die Liebe es versteht! Ich habe schon einmal an mir erlebt, wie elend schwach ich bin. Folgte ich Deinem Rufe, gäbe ich auch das Letzte auf, was mir von Selbstachtung geblieben, dann müßte Wahnsinn das Ende sein. Für mich giebt es nur noch einen Platz, und das ist der, auf welchem ich stehe. Die Meinen bedürfen mich nicht. Sie sind geborgen, und ich selbst war der Kaufpreis – dorthin will ich, kann ich nicht zurück. Hier füllt mein unseliges Dasein wenigstens eine Stelle, die Anderen zu Gute kommt – ich lehre diesen Kindern anders sein, als ich bin, und sie lieben mich sogar.“

Sie stand auf und hüllte sich fröstelnd in ihr leichtes Tuch. Schon begannen tiefe Schatten zu sinken; der letzte Sonnenstrahl war verschwunden. Wernick saß, den Kopf auf die Hand gestützt, in tiefes Sinnen verloren. Nun erhob auch er sich:

„Alles, was ich Dir sagen könnte, hieße nur meine eigene Sache führen – ich stehe rathlos, denn wie Du nur Nacht erblickst, sehe ich Licht, und weiß doch nicht, wo ich Deine Augen dem Strahl der heiligsten Wahrheit erschließen soll. In Dich dringen will ich, darf ich nicht. Giebt es noch Heil für uns, so kann es nur aus Deiner eigenen Seele kommen. So sei es denn! Ich scheide von Dir und kehre nicht wieder, wenn Du mich nicht rufst.“

Sie antwortete nur mit starrem Kopfschütteln und sah mit einem Blicke innerer Vernichtung vor sich hin, als dächte sie in’s Bodenlose hinein.

Ernst bot ihr schweigend den Arm und führte sie durch die dämmerigen Gänge dem Sammelplatze zu. Als er in einer der Alleen eine bekannte Dame erblickte, welche sich gleichfalls von der Gesellschaft getrennt und dieselbe nun aufzusuchen schien, übergab er seine Gefährtin deren Fürsorge und nahm stummen Abschied.

Die Hand, auf welche seine Lippen ein Lebewohl hauchten, war kalt, wie die einer Todten.




16.
Zoppot, im September. 

 Dora an Ernst Wernick.
Nimm mich hin, Ernst, wie Du es begehrst! Aus fremdem Mund erklang mir das erlösende Wort, das Du selbst nicht sprechen wolltest, weil es ein Wort der Anklage war: daß nur Selbstsucht das Glück des Liebsten dem eigenen Empfinden opfern kann. Es wurde mir zur Offenbarung. Ja, nur Selbstsucht war es, die mich alle meine Sünden begehen ließ, die mich auch jetzt wieder nur das eigene Wohl und Wehe hat erkennen lassen. Nicht der heilige Todte stand zwischen uns; er würde die Sühne, die ich ihm zu bringen dachte, als seiner unwerth zurückweisen. Mein eigenes feiges Herz war es, dem starres Verzichten leichter schien, als muthiges Bezwingen seiner Kämpfe und Schmerzen. Nimm es hin, da Du es noch lieben kannst – laß mich’s wagen, Dein Glück zu sein! All mein eigenwilliges Selbst lege ich Dir gebunden zu Füßen, und mir ist, als dürfte ich Dir’s heute bieten. Wenn es ganz dunkel um uns ist, bangt sich die Seele umsonst nach einem Halt in all der Wirrniß; fällt aber ein Strahl in die Nacht, dann findet unaussprechliches Sehnen den lang verhüllten Weg. Alle höchsten Güter, die mir auf ewig verloren schienen, weil ich sie freiwillig aufgegeben, Gott, Heimath und Liebe, sehe ich zwar noch fern, aber nicht unerreichbar mehr.

Du bist heute von hier gegangen. Ich ließ Dich ziehen, ohne Dich zu halten. Das erschütterte Herz wagte nicht, sich Dir Aug’ in Auge zu öffnen. Doch zu Dir sprechen mußte es, ehe auch ich von dem theuren Orte scheide. Dieses Blatt wird vor Dir in Deiner Heimath sein. Es bringt Dir Alles, was ich bin. Schalte damit nach Deinem Gefallen!

Dora. 


17.

Am Jahrestage des Parkfestes von Oliva saß ein einsames Paar auf der Bank am Teiche. Des Mannes Arm umschlang die weiche Gestalt der schönen Frau; sein Blick ruhte auf ihr voll Freude und Liebe.

„Hier,“ sagte Dora Wernick, indem sie das gesenkte Auge erhob, „an dieser Stelle war es, wo eine Fremde mir kundgab, [851] was ich Dir schuldig sei. Sie wußte nichts von uns; darum klang mir das mahnende Wort, womit sie meinen Schmerzensruf beantwortet, als Gottesurtheil. Dieser Ort ist mir heilig wie ein Altar. Hier ward mein Herz gewendet, daß es sich selbst erkannte; hier habe ich den Entschluß gefaßt, Dein zu sein, und ein heiliges Gelübde abgelegt, das Deinem Glücke und Deiner Ruhe galt. Keinen Tag öffne ich die Augen, keine Nacht schließe ich sie zur Ruhe, ohne die Fremde zu segnen, die mir gesagt, daß ein einziger Entschluß des Bessermachens den tiefsten Abgrund füllt. Und ich habe mir gelobt, daß sie erfahren soll, was ihr Wort meinem Schicksale gewesen. Nur wollte ich erst die Probe abgelegt haben, ob Alles, was verschuldet, wirklich in ihrem Sinne gesühnt. Ein Jahr ist vergangen – Ernst, sage mir, bist Du glücklich?“

„Du fragst?“ sagte er mit tiefer Innigkeit. „Jeder meiner Atemzüge hat Dir schon im Voraus Antwort gegeben. Du warst meiner Jugend das Ideal des Glückes; jetzt, Dora, bist Du mir mehr, bist das Glück selbst, mein besseres Ich!“

„Dank!“ hauchte sie still, indem sie ihre Lippen auf seinen Mund drückte. „An Deiner Seite müßte selbst eine Verlorene wieder Heil finden, und die unsterbliche Liebe zu Dir ließ mich nie ganz verloren gehen. Ohne sie hätte ich vielleicht mein Leben freiwillig hingeworfen, als es mir untragbar schien. Jetzt ist der Funke, der mein Sein gefristet, zum heiligen Feuer Deines Herdes geworden. Du führst mich durch Erde und Himmel; Du pflegst mit mir die Begräbnißstätte, welche ich im Herzen hege; Du gabst mir sogar die Meinigen wieder. Alles, Alles danke ich Dir. Aber auch ich habe zu geben, Geliebter! – An dieser Weihestätte sollst Du erfahren, daß Dir Deine Dora bald schenken wird, was sie Dir nicht als Brautgabe bringen konnte: ein reines, schuldloses Dasein. Grüßt es uns aus unseres Kindes Augen, dann erst fühle ich mich ganz – begnadet.“




Blätter und Blüthen.


Lehrerleid und Lehrerglück. Vor etwa achtzehn Jahren war zu H. in Ostfriesland der Lehrer G. mit einem jährlichen Gehalte von dreißig Thalern und dem Genuß des Reihetisches angestellt. Das baare Gehalt reichte eben hin zur Anschaffung der nothwendigen Kleidung; um auch in den Besitz einiger Bücher zu gelangen, wurde für ein Billiges Privatunterricht gegeben, und zwar nicht blos im Orte selbst, sondern auch in andern Gemeinden. G. war durchaus anspruchslos, und wurde es ihm daher leicht, auf besondere Vergnügungen und Genüsse, die mit Geldauslagen verbunden waren, zu verzichten. Seine Mußestunden benutzte er gewissenhaft, um sich die einem Lehrer nöthigen Kenntnisse und Fertigkeiten mehr und mehr anzueignen, lernte auch auf eigene Faust, so gut es eben ging, Englisch und trieb mit besonderer Vorliebe Musik. Ich kann nicht erzählen, wie er in den Besitz eines freilich durchaus nicht neuen Klaviers gekommen, vielleicht war es ein geliehenes, vielleicht ein geschenktes. Ueber dem Instrument hing ein sehr primitiver Tactmesser: ein Stein an einem mit Knoten versehenen Bindfaden.

„Die Welt wird alt und wird wieder jung
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.“

So auch bei unserem guten G. Von Jahr zu Jahr hoffte er, eine einträglichere Stelle zu erlangen, doch vergebens. Wahrscheinlich trug sein stilles Wesen, sein nicht besonders einnehmendes Aeußere mit dazu bei, daß er bei Wahlen fast immer unberücksichtigt blieb. Wie es bei solchen Prediger- und Lehrerwahlen häufig zuging und noch zugeht, brauche ich wohl nicht mitzutheilen: mancher Lehrer weiß ein Lied davon zu singen. Genug, G. mußte darben, und er darbte geduldig. In angestrengter Amts- und Privatthätigkeit verscheuchte er die ihn zuweilen befallende Schwermuth.

Ich weiß nicht, wie viele Jahre G. gehungert und gelitten, wie lange er seine kümmerliche Stelle bekleidet; sein Schicksal sollte endlich eine großartige Wendung nehmen. Die Veranlassung dazu war sein Bruder. Dieser, früher Ackerknecht, war vor etlichen Jahren mit vielen Andern nach dem gelobten Lande, nach Amerika, ausgewandert. Ob er viele Briefe von dort geschrieben, wird bezweifelt; so viel steht fest, daß G. eines Tages von demselben eine Schilderung erhielt, welche unzweifelhaft darthat, wie es in Amerika leichter sei, reich zu werden, als in Europa, und ihn einlud, hinüber zu kommen. Er, der Bruder, sei zwar augenblicklich nicht reich, indem ihm seine Baarschaft bereits zweimal gestohlen; auch sei er mit zu geringen Mitteln und Kenntnissen herübergekommen, so daß er manche Gelegenheit, manchen Vortheil nicht habe verwerthen können. G. möge indeß bestimmte Zusage geben und ihm Anzeige von seiner Abreise machen, in New-York hoffe er ihn bald zu empfangen. Die Anzeige seiner Abreise erfolgte bereits nach einigen Wochen, denn da G. hier so geringe Aussichten auf Beförderung und also nicht viel zu verlieren hatte, so verkaufte er seine Habseligkeiten und fuhr, seiner Heimath Lebewohl sagend, als Zwischendeckspassagier auf einem Segelschiffe über den Ocean.

Viel mehr als das nöthige Reisegeld hatte der Verkauf seiner Sachen nicht eingebracht. Nur einige wenige Groschen blieben ihm, als er nach einer mehrwöchigen Fahrt den fremden Boden betrat.

Da stand er nun neben seinem kleinen Koffer, dessen Inhalt aus einigen Kleidungsstücken und wenigen ihm liebgewordenen Büchern bestand, die große Weltstadt anstaunend, das großartige Leben und Treiben um sich her, betrachtend – ein ganzer Fremdling.

Die Passagiere verliefen sich. Ein paar Bekannte von der Reise luden ihn ein, mitzugehen; er aber blieb stehen und wartete auf seinen Bruder. Sein Auge spähte nach allen Seiten; er fragte viele der Umstehenden nach ihm. Man verstand ihn nur halb, und diejenigen, welche antworteten, konnten ihm keine Auskunft geben. Niemand kannte einen G. Er wartete mehrere Stunden lang – sein Bruder erschien nicht. Es wurde Abend; noch stand er da, allein und verlassen, hungrig und durstig. Bisher hatte er sich abgewandt, wenn ihm Arbeit und Logis angeboten wurde; jetzt trat wieder ein solcher Vermittler heran, und G. ließ sich geduldig führen und eine Herberge anweisen, wo er für wenig Geld ein Unterkommen fand. Als er bald darauf auf einem ärmlichen Lager saß, da stützte er den Kopf in beide Hände, da überkam ihn ein namenloses Gefühl des Verlassenseins. Bitterer Schmerz, tiefes Heimweh zogen sein Herz krampfhaft zusammen, und erst, nachdem er ein paar Stunden erquickenden Schlummers genossen, wurde sein Gemüth ruhiger. Er zürnte seinem Bruder und bedauerte ihn. Von dem Wirth erfuhr er, daß derselbe ein ziemlich verkommener Mensch geworden sei.

Wahrscheinlich hatte der Bruder erwartet, G. werde mit einem Beutel voll ehrlich und sauer ersparter deutscher Thaler anlangen. Er hatte sich wohl Rechnung gemacht, ihn gehörig zu rupfen. Als derselbe ihm aber mitgetheilt, er reise ab, jedoch ohne Mittel, da sah er sich wohl sehr getäuscht und mochte sich um ihn nicht bekümmern.

Unser guter G. mußte seinen Koffer und alles Uebrige dem amerikanischen Wirthe für Unterkommen und Pflege überlassen und stand nach ein paar Tagen völlig rath- und mittellos auf der Straße. Arbeit schändet nicht, und jegliche ehrliche Thätigkeit ist lobenswerth. G. erhielt einen Besen und wurde Straßenkehrer. Ob er nebenher noch sonstige Handlangerarbeiten verrichtet, wie Stiefelwichsen etc., vermag ich nicht zu sagen; genug, er verdiente so viel, daß er nicht zu verhungern brauchte. Seine Kleidung wurde jedoch bald bedenklich schäbig und dünn, und mit Schrecken blickte er in die Zukunft.

Eines Tages hörte er aus einem Hause, einige Schritte über sein Revier hinaus, die Töne eines Fortepianos. Für einige Cents tauschte er mit seinem Nachbar und stand nun oft in der Nähe des Fensters, aus dem die Klänge eines prächtigen Instruments drangen. Es waren aber fremde Melodien, die an sein Ohr schlugen, und ach! wie gern hätte er einmal dort gesessen, um ein deutsches Lied zu singen und zu spielen. Er wagte eines Tages, durch das halbgeöffnete Fenster einen Blick in die Stube zu werfen, und siehe, ein allerliebstes, etwa zehnjähriges Mädchen saß da und übte eine Melodie. Doch nicht sicher waren die Finger, nicht genau der Tact, und G. vermochte nicht ruhig zu bleiben. In freundlichem Tone rief er hinein:

„Mein liebes Kind, das war nicht ganz richtig.“

Erschrocken schaut die Kleine zum Fenster, faßt sich ein Herz und fragt:

„Kannst Du denn auch spielen?“

„Gewiß,“ erwidert G. und fügt verlangend hinzu. „Darf ich einmal hereinkommen?“

Und die Kleine kommt behende, öffnet dem fast Zitternden die Thür, führt ihn herein und spricht: „Nun spiel’ einmal!“

Mit hochklopfendem Herzen, in der größten Aufregung, setzt sich G. vor das brillante Pianino, greift in die Tasten, schlägt einige mächtige Accorde an und – sein Herz ist zu voll – helle Thränen laufen über die Backen, er kann’s nicht lassen: mit kräftiger Stimme ertönt das „Lied der Lieder“ aus voller Brust.

Blaß und verwirrt steht das liebe, freundliche Mädchen hinter ihm, zu mächtig und zu ergreifend ist für sie dieses Schauspiel und – wenn Papa und Mama das erfahren!

Da öffnet sich eine Seitenthür; eine Dame in rauschender Seide blickt verwundert herein, sieht den – Straßenkehrer, schreit auf und verschwindet augenblicklich. Doch G. hat es kaum bemerkt. Er bleibt ruhig sitzen, faltet stumm die Hände und dankt dem himmlischen Vater für diesen Genuß.

Wiederum öffnet sich die Seitenthür, und der Herr des Hauses, ein großer, stattlicher Mann von gewinnendem Aeußeren, erscheint. G. erhebt sich und stammelt verwirrt Entschuldigungen. Doch der Herr bittet ihn, Platz zu behalten, und fordert ihn zu einem Vortrage auf dem Klavier auf. G. faßt sich und gehorcht gern. Eine Sonate von Meister Beethoven wird intonirt. Bald rauschen die herrlichen Klänge dahin. Unser G. ist ganz versunken in die wunderbare Musik. Wie angebannt stehen Vater und Tochter, und hinter der Thür lauscht spannend die vornehme Dame, die Mutter.

Die Sonate ist zu Ende; unser G. ist ermattet von dem Ereigniß und den Gefühlen – ein minutenlanges Schweigen folgt. Dann spricht Herr X. (sein Name ist mir nicht bekannt geworden):

„Ich danke Ihnen für den schönen Vortrag. Solche Musik ist hier selten. Sagen Sie mir, wie Sie in Ihre jetzige Lage gekommen! Erzählen Sie mir Ihr Schicksal!“

Anfangs oftmals stockend, theilt G. dem fremden Herrn seine Vergangenheit mit; er schüttet sein Herz vor ihm aus und schließt mit der Bitte, Herr X. möge thun, was in seinen Kräften stehe, sein Loos zu ändern und zu bessern. Einen Augenblick schweigt Herr X., G. anblickend; dann reicht er ihm die Hand mit den Worten: „Ich glaube Ihnen. Sie sind ein würdiger Mensch – kommen Sie!“ Er führt ihn in sein Garderobezimmer und bittet ihn, sich einen Anzug auszusuchen: „In einer Stunde werde ich die Ehre haben, Sie in meinem Familienzimmer willkommen zu heißen.“

G. ist vollständig verwirrt, berauscht, überglücklich und kaum im Stande, sogleich Folge zu leisten. Er ruht einige Augenblicke im Sopha [852] aus, dann aber sucht er sich einen sauberen, noblen Anzug aus. Bald ist er völlig umgekleidet; seine halbzerrissenen und abgeschabten Kleider liegen, in ein buntes Taschentuch zusammengeschnürt, in einer Ecke des Zimmers. Was mag ihm die nächste Zukunft bringen?

Die Stunde ist abgelaufen. Herr X. kommt selber, G. in seinen Familienkreis zu führen. Er wird der Frau vom Hause vorgestellt, welche ihn freundlich zum Thee und zu einem kräftigen Imbiß einladet.

Im Verlaufe des Gesprächs erfährt G., daß die Eltern des Hauses X. ebenfalls Deutsche gewesen und eingewandert seien; so war es denn nicht zu verwundern, wenn Herr X. in der deutschen Sprache sich ziemlich gewandt zu unterhalten verstand. G. mußte viel erzählen aus der deutschen Heimath, und Herr X. theilte ihm Manches über amerikanisches Leben und amerikanische Verhältnisse mit. Bald hatten sie sich denn auch tiefer kennen gelernt. Wo gegenseitige Offenheit und Ehrlichkeit, wo Aufrichtigkeit und Herzlichkeit, da ist auch volles Vertrauen, da ist man bald glücklich und heimisch. Die kleine Laura war unterdeß einige Male hinter der Mutter Stuhl geschlichen und hatte flüsternd gefragt. „Bleibt der Onkel bei uns? O, er spielt und singt so schön! Soll ich ihn bitten, hier zu bleiben, Mama?“

Herr X. hatte den Werth seines nunmehrigen Gastes wohl erkannt; deshalb bat er ihn, vorerst zu bleiben und den Unterricht in deutscher Sprache und der Musik bei seinem einzigen Töchterchen zu übernehmen, natürlich gegen eine entsprechende Vergütung. G.’s Noth hatte ein Ende; er dankte aus tiefster Seele dem edlen Wohlthäter und bezog tief bewegt das ihm angewiesene Zimmer. Dasselbe war einfach, aber hübsch eingerichtet und mit allem Nöthigen versehen.

Zwei Jahre lang blieb G. in diesem Hause, glücklich und zufrieden. Inzwischen hatte Herr X. für ihn eine sehr lohnende Stellung in einer Instrumentenfabrik und -Handlung gefunden, woselbst G. die Aufgabe hatte, den Käufern vorzuspielen, die Waare zu empfehlen und zu verkaufen. Hier erwarb er sich viel Geld und hielt es zusammen. Seit einigen Jahren hat sich G., wenn ich recht berichtet bin, in Ph. als Buchhändler etablirt und hält dabei ein großes Lager bester Instrumente. Er ist reich und angesehen und darf auf sich das Wort anwenden: „Durch Nacht zum Licht!“

K.
B. M. 

Ostsee-Sammlung. Nach Schluß unserer Sammlung für die Wasserbeschädigten an der Ostseeküste (in Nr. 15) gingen noch ein: E. Heberle in Falun 5 Thlr.; B. v. H. in Bautzen 3 Thlr. 21/2 Ngr.; Reinertrag einer Verloosung von Blumen und Gewächsen des Vereins zur Beförderung des Gartenbaues in Cassel 201 Thlr. 13 Ngr.; Hugo Mossig in Berlin, gesammelt unter seinen Freunden und Bekannten 20 Thlr. 20 Ngr.; nachträgliche Einnahme einer theatralischen Aufführung in der „Eintracht“ in Erlbach 1 Thlr.; eine Deutsche in St. Gallen 2 Thlr. 20 Ngr.; W. L., H. Sch. in Ernstthal 12 Thlr. 2 Ngr.; eine Leserin der Gartenlaube in Cincinnati 5 Doll. Papier; Cl. M. in A. C. Texas 2 Doll. Papier; ein Ungenannter 2 fl. ö. W.; durch die Redaction des B. Leipaer politischen Wochenblattes 2 fl. ö. W.; C. E. G. in Rußland 35 Rubel; mehrere Deutsche aus Wilna 126 Rubel; E. S. in Moskau 5 Rubel; Ertrag eines Concerts des Germania-Männerchors in Baltimore 175 Thlr.; M. K. in W. 1 Thlr.; von einem ersten Honorar aus Thüringen 1 Thlr.; gesammelt in Großbockedra 1 Thlr. 20 Ngr.; J. G. in B. 8 Thlr.; Ertrag eines Concerts des gemischten Chors Amicitia in Nastätten 20 Thlr.; eine kleine Gesellschaft in Klein-Paschleben durch A. Schlippe 4 Thlr.; gesammelt in der Gemeinde Pichelsdorf durch Pfarrer Eckhardt 17 Ngr. 1 Pf.; Ertrag eines Concertes der Kinder der Vereinsschule Seifersdorf-Narsdorf durch Lehrer Dörfel 8 Thlr.; E. Geitel in Wittenberge 1 Thlr.; Ertrag einer Abendunterhaltung, veranstaltet durch Frauen des Kirchspiels Neukirch in Ostpreußen, durch Cantor Echternach 25 Thlr.; Reinertrag eines Concerts von Zöglingen des Mädchenpensionats Breusing und Groos in Coblenz 20 Thlr.; Verein Humor in Berlin 8 Thlr.; Pfarrer N. N. 4 Thlr; Marie W. in K. 1 Thlr.; Verein Harmonia in Peterswaldau 20 Thlr.; C. z. T. von Einsiedel in Schloß Scharfenstein 10 Thlr.; Sammlung in der Schule zu Gr.-Engersen durch Cantor Schmidt 1 Thlr. 21 Ngr.; ein Wettiner 5 Thlr.; O. F. in Valparaiso 25 Thlr.; der deutsche Gymnasiasten-Verein Walhalla in Cöln 53 Thlr.; Ertrag einer Lotterie, veranstaltet von Hans, Paul und Alexander in Posen 8 Thlr. 2 Ngr.; K. V. in Freiberg 3 Thlr.; Sammlung in der Knabenschule zu Raschau 3 Thlr. 15 Ngr.; Ferd. Kaunitzer in Treuen 4 Thlr.; E. A. K. in Dresden 1 Thlr.; ein Forstmann 1 Thlr.; Eföhä in Dresden 1 Thlr.; aus Stallupönen 1 Ngr.; die Deutschen aus den Diamantenfeldern Du Toitspan, Südafrika 100 Thaler; Ungenannt 2 Thaler 171/2 Ngr.; Abonnenten und Leser der Gartenlaube, Deutsche und Schweizer, Bewohner des Südufers der Krim 73 Thlr. 6 Ngr.; von Deutschen in Adelaide durch W. Eggers & Eimer 212 Thlr. 29 Ngr. 4 Pf. (31 Pfund Sterling 10 Sh. 6 D.); aus Neustadt a. d. O. eine alte Münze; Unbekannt: ein Trauring; Unbekannt: ein goldenes Medaillon.

Berichtigung. In der Quittung in Nr. 15 muß es in Zeile 28 v. o. heißen anstatt Frohsinn in Lebnitz: Frohsinn in Sebnitz. – Zeile 33 aus Rothenburg anstatt 5 Thlr. 20 Ngr. 5 Pf. nur 4 Thlr. 20 Ngr. 5 Pf. (8 fl. 12 kr.).

Die Redaction der Gartenlaube. 

Schneckenburger’s Grab. Infolge unserer Notiz in Nr. 33 gingen bei uns zur Erhaltung des Grabes Max Schneckenburger’s, des Dichters der „Wacht am Rhein“, folgende Gaben ein:

Paul Goetze in Lausanne 1 Thlr.; eine deutsche Frau H. F. in Teplitz 2 Thlr.; ein treuer Freund der Gartenlaube in Leipzig 1 Thlr.; aus Weißenfels 1 Thlr.; ein Abonnent in Steele 2 Thlr.; durch A. Burgdorf in Fallersleben 1 Thlr.; Dr. med. Becker und Frau 1 Thlr.; N. N. 1 Thlr.; H. K. in Dresden 10 Ngr.; E. S. in Magdeburg 1 Thlr.; vom runden Tische im Vereine zu Apolda 1 Thlr.; J. G. Rüdel und J. Gruber in Augsburg 2 Thlr.; sechs Schüler der lateinischen Schule zu Steinhude 3 Thlr.; Dr. Donner in Meißen 1 Thlr.; J. Föth in Berlin 1 Thlr.; von Mitgliedern des deutschen Hülfsvereins in Lausanne bei der Sedanfeier gesammelt 9 Thlr. 2 Ngr. (34 Franken); der Kriegerverein in Rodach bei der Sedanfeier gesammelt 1 Thlr. 8 Ngr.; aus Voigtlandsbergen 1 Thlr.; J. D. in Dresden am 2. September gesammelt 1 Thlr. 5 Pf.; Wilhelm Rudolf in Apolda, am runden Tische der Börse gesammelt 1 Thlr. 15 Ngr.; von Gästen im „Goldenen Löwen“ zu Staßfurt am Sedantage ges. 1 Thlr.; Sammlung in Gröbler’s Restauration in Eisenach unter heiterer Gesellschaft am Sedantage 6 Thlr. 15 Ngr.; Geelhaar in Domaine Roth-Neudorf 1 Thl.; Sophie Hellemann in Kattendorf 1 Thlr.; Unbekannt 1 Thlr.; aus Aachen 3 Thlr. 10 Ngr.; Marner Scatclub 2 Thlr.; eine kleine Gesellschaft bei F. Zimmer in Peterswaldau 1 Thlr.; von einer kleinen Gesellschaft im Gasthause „Zum Neuwirth“ bei Salzburg 2 Thlr.; Lehrer Neumann in Meyenburg 15 Ngr.; Sammlung bei einem Abendessen durch Prof. Dr. Hoffmann in Neisse 15 Thlr. 12 Ngr. 5 Pf.; B. Blumenthal in Salzkotten 1 Thlr.; Heinrich Flemmich in Antwerpen 1 Thlr. 17 Ngr.; Redaction der Gartenlaube 10 Thlr.; von einigen Unterofficieren der Occupationsarmee in Verdun 1 Thlr. 2 Sgr.; A. F. in Würzburg 1 Thlr. 4 Ngr. 2 Pf.; B. Blumenkohl in Salzkotten, Gesangshonorar 14 Ngr. 3 Pf.

(Summa 83 Thlr. 51/2 Ngr.)
Die Redaction der Gartenlaube. 

Für den Trompeter von Mars la Tour gingen nach Veröffentlichung unserer Quittung noch ein:

Gesammelt bei der preußischen Abgeordnetenwahl am 4. November in Hagen durch Buchhändler Butz 64 Thlr.; von einer Privatfeier des Sedanfestes in Braunschweig 3 Thlr. 15 Ngr.; F. H. W. 10 Thlr. – Gesammtbetrag 608 Thlr. 20 Ngr., womit die Sammlung geschlossen wird.

Die Redaction der Gartenlaube. 

Nicht zu übersehen !

Mit dieser Nummer schließt das vierte Quartal und der einundzwanzigste Jahrgang unserer Zeitschrift. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das erste Quartal des neuen Jahrgangs schleunigst aufgeben zu wollen, und machen ihnen zugleich die erfreuliche Mittheilung, daß im neuen Jahrgang folgende Erzählungen veröffentlicht werden:

„Die zweite Frau“ von E. Marlitt,
„Gesprengte Fesseln“ von E. Werner, Verfasser von „Glück auf!“

und eine Novelle von Alfred Meißner und Levin Schücking.

Von den demnächst erscheinenden belehrenden und unterhaltenden Artikeln heben wir vorläufig hervor: Eine Weihe. Von Hermann Allmers. – Aus meinem Gefängniß- und Fluchtleheu. Von Fritz Rödiger. – Das Geschlecht der Blutsauger. Von Alfred Brehm. – Bürger und Molly. Nach handschriftlichen Quellen. Von A. Strodtmann. Mit Abbildungen. – Goethe. Von Johannes Scherr. Fortsetzung. – Das Strafgericht über einen Millionär. Eine New-Yorker Geld- und Culturstudie. – Gifte im Haushalt. Von F. Mühsam. – Auf dem Oybin. Ein Gedenkblatt von Andreas Oppermann. Mit Abbildung. – Elsässer Lebens- und Sittenbilder. Von August Jaeger. Mit Illustrationen von Theodor Pixis. – Photographische Abenteuer in den Eisregionen. Von Heinrich Noë. Mit Illustrationen von G. Sundblad. – Zur Abstammungslehre. Von Prof. Bock. Dritter Artikel. Mit Abbildungen etc. etc.

Die Redaction. 

Die Postabonnennenten machen wir noch besonders auf eine Verordnung des kaiserlichen General-Postamts aufmerksam, laut welcher der Preis bei Bestellungen, welche nach Neujahr aufgegeben werden, sich pro Quartal um 1 Ngr. erhöht (das Exemplar kostet also in diesem Falle 17 Ngr. anstatt 16 Ngr.) Auch wird bei derartigen verspäteten Bestellungen die Nachlieferung der bereits erschienenen Nummern eine unsichere.

Die Verlagshandlung. 

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Laßt fahren hin das allzu Flüchtige!
    Ihr sucht bei ihm vergebens Rath.
    In dem Vergangnen lebt das Tüchtige,
    Verewigt sich zu schöner That.

    Und so gewinnt sich das Lebendige
    Durch Folg’ aus Folge neue Kraft;
    Denn die Gesinnung, die beständige,
    Sie macht allein den Menschen dauerhaft.

    So lös’t sich jene große Frage
    Nach unserm zweiten Vaterland;
    Denn das Beständige der ird’schen Tage
    Verbürgt uns ewigen Bestand.