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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1873
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 40.   1873.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.


Nur Du und ich!
Von Otto Ludwig.[1]

Auf bunten Blumenmatten,
Vom Weltgedräng’ so weit,
Im tiefen Waldesschatten,
In süßer Einsamkeit,
Da sollt’ ein Leben werden,
Mein Lieb’, so wonniglich!
Was wär’s, das wir entbehrten?
Für uns wär’ nichts auf Erden,
Mein Lieb’,
Mein Lieb’, mein lieblich Lieb’, als Du und ich.

Wenn über Thal und Berge
Der junge Tag sich hebt
Und über ihm die Lerche
Auf süßen Wirbeln schwebt,
So selig und alleine,
So frisch und feierlich
Im gold’nen Morgenscheine!
Nur Gott im stillen Haine,
Mein Lieb’,
Mein Lieb’, mein lieblich Lieb’, und Du und ich.

Magst schlafen oder wachen,
Magst sitzen oder geh’n,
Magst sinnen oder lachen –
Ich kann nicht satt mich seh’n.
So kam’ es, daß in Eile
Der Abend uns beschlich.
In Städten, manche Meile
Von uns, wohnt Langeweile,
Hier, Lieb’,
Mein Lieb’, mein lieblich Lieb’, nur Du und ich.

Und kam’ die Nacht gezogen.
Wir schauten, Brust an Brust,
Zum blauen Himmelsbogen
Und seiner Sterne Lust.
Und – süß dahin gerissen,
Die Sterne senkten sich
Herab auf unsre Kissen –
Die Nacht sollt’ es nicht wissen,
Mein Lieb’,
Mein Lieb’, mein lieblich Lieb’, nur Du und ich.

  1. Aus „Otto Ludwig’s literarischem Nachlaß“, welcher demnächst mit einer Biographie und Charakteristik des Dichters und seiner Werke von Moritz Heydrich, bei C. Cnobloch in Leipzig erscheinen wird.
    D. Red.




Die weiße Rose.
Aus meinen Erinnerungen.

An einem frühen Morgen – die Sonne war eben erst aufgegangen, und die Vögel sangen noch ihr erstes Lied – ging eine schon bejahrte Dame auf dem Weg, der von der Stadt B…g auf den nahen Friedhof führt. Ihre Kleidung war, wenn auch einfach und ihrem Alter angemessen, doch gewählt und von feinsten Stoffen. An ihrem linken Arme hatte sie ein elegantes Körbchen hängen, welches mit rothen Rosen gefüllt war. Oefters blieb die Dame stehen, und dann schweifte ihr Blick hinaus über die nahen Felder zu den fernen, noch mit einem feinen Nebel umhüllten Bergen, aber immer kehrte dieser Blick rasch zu den Rosen an ihrem Arm zurück; sie betrachtete diese fast mit Zärtlichkeit, und wenn eine Blume etwas tiefer in den Korb gesunken, erhob sie dieselbe wieder sorgfältig, ja ein paar Mal schien es, als hauche sie einen Kuß auf die Rosen.

Als die Frau den Mauern des Friedhofes nahete, begann sie rascher zu gehen; ihre Augen strahlten in erhöhtem Glanze – man sah, dort hatte sie ihr Ziel erreicht. Gleich am Eingange des Friedhofes erhob sich ein wohl gepflegtes Grab, welches von einer Trauerweide überschattet wurde. Hier blieb sie wie in tiefer Andacht stehen. Nachdem sie dann die Rosen auf dasselbe gelegt und sie geordnet, setzte sie sich auf den Grabstein und faltete ihre Hände in den Schooß. Ob ihre Gedanken und Gefühle sich in ein Gebet auflösten, oder ob ihr Gebet nur ein Gedanke war, wer will es entscheiden?

Es kam eine Ruhe über ihre ganze Gestalt, daß man hätte glauben können, alles Leben sei aus ihr gewichen; nur wer sie genauer beobachtet hätte, würde gesehen haben, wie die Linien um den festgeschlossenen Mund schmerz- und wehmuthsvoller wurden. Es [640] war, als würden dieselben von einem unsichtbaren Griffel tiefer und tiefer gegraben.

So in sich versunken, bemerkte die Dame nicht, daß ein junges Mädchen, welches aus einem entfernter liegenden Theile des Friedhofes kam, sich ihr näherte und sie mitleidig betrachtete. „Wie tief unglücklich sieht doch die arme Frau aus!“ murmelten die jungen frischen Lippen. „Ich will sie ansprechen; vielleicht wird sie dadurch aus diesem starren Schmerze gerissen.“

„Guten Morgen,“ sprach sie dann mit lauter Stimme und trat ganz nahe an das Grab, „ich sehe, Sie sind sehr traurig. Auch ich habe geweint und ein Grab geschmückt. Darf ich,“ fuhr sie fort, „diese weiße Rose, welche ich noch übrig habe, zu Ihren Blumen legen?“

Und mit diesen Worten nahm das junge Mädchen die Rose, die sie bis jetzt in der Hand gehalten, und steckte sie mitten in den Kranz ihrer rothen Blüthenschwestern.

Bei dem ersten Laut des Mädchens hatte die Dame aufgesehen, aber man sah ihr an, daß sie nicht gleich begriff, was Jene gesprochen. Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als ob sie sich erst wecken müsse. Plötzlich bemerke sie die weiße Rose, und wie durch einen Zauberschlag war die schwache, bejahrte Frau in ein starkes leidenschaftliches Weib verwandelt. Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf, nahm die weiße Rose und schleuderte sie mit solcher Gewalt weg, daß sie weitab an einem Grabstein auseinanderfiel.

Hochaufgerichtet stand das Weib da. Ihre Augen glühten in höchster Erregung; ihre Lippen öffneten sich krampfhaft, als sollte all’ das Weh, das sie im Innern durchwühlen mochte, nun in harten Worten ausströmen. Aber die Kraft reichte nicht aus. Die Hände, welche sie wie im höchsten Schmerz krampfhaft zusammengeschlagen hatte, lösten sich. Die Gestalt brach zusammen und sank auf den früheren Sitz zurück, während aus den Augen unaufhaltsam Thränen strömten.

Das junge Mädchen, welches zuerst, von Schreck ergriffen, nicht wußte, ob sie bleiben oder fliehen sollte, fühlte nun ihre Theilnahme zurückkehren. „Ich habe Ihnen unbewußt wehe gethan,“ sagte sie sanft, „wollen und können Sie mir verzeihen?“

„Was wissen Sie von meinem Schmerze,“ rief die Dame tiefergriffen, „was von meiner Schuld, von meiner Reue? Ich allein habe mein Unglück verschuldet, und wie groß und tief es war und noch ist, können Sie daraus ersehen, daß ich alte Frau mein Entsetzen, meine Aufregung nicht bemeistern kann, wo mich, wie eben jetzt, eine Erinnerung plötzlich trifft.“

Von Neuem versank sie nach diesen Worten in ein regungsloses Träumen. Das Mädchen wußte nicht, ob ihre Gegenwart ihr nicht peinlich, ob sie nicht besser thue, zu gehen. Es ist gar schwer, einem Schmerze gegenüber zu stehen, den man nicht kennt. Man möchte ein Wort des Trostes sagen, die Hände mildernd auf die schmerzende Wunde legen, und weiß doch nicht, ob nicht gerade durch eben jene Worte der Schmerz größer, die Wunde unheilbar wird.

„Ich habe Sie wohl durch meine Heftigkeit erschreckt,“ beruhigte die Dame nach einigen Augenblicken das junge Mädchen, „nun bin ich wieder gefaßt. Die Thränen haben mir wohl gethan. Es war nur der Moment, der mich überwältigte und so gewaltig packte, daß ich schon längst Vergangenes wie Gegenwärtiges empfand. Erzählen Sie mir,“ fuhr sie mit weicher Stimme fort, „wessen Grab Sie besucht! Ich werde Ihnen dann auch von mir und meinem früheren Leben sprechen.“

„Ich war noch Kind, erst fünf Jahre alt,“ begann das Mädchen, „als ich meine Eltern verlor; sie sind hier begraben. Habe ich einen Kummer oder eine Freude, immer drängt es mich dann, hierher zu kommen und an ihrem Grabe zu beten. Heute soll ich nun dem Manne, dem schon lange mein Herz gehört, mich verloben, und für diese Stunde habe ich mir den Segen der Eltern erfleht.“

„Und er wird Ihnen werden,“ antwortete die Frau in feierlichem Ton, „aber Sie selbst müssen den Segen jede Stunde Ihres Lebens zu verdienen suchen, ihn festhalten in kleinen und großen Dingen. Spielen Sie niemals, niemals mit dem Glücke! – ich habe es gethan in frevelhaftem Uebermuth, und es zerbrach für immer unter meinen Händen.“

Fragend und theilnehmend sah das Mädchen das Weib an, dieses aber zog sie neben sich, nahm ihre Hände in die ihrigen und begann:

„Vor fünfzig Jahren war ich ein junges, fröhliches Mädchen. Ja, es konnte wohl kein Geschöpf mit glücklicherem Herzen geben, als mich; die ganze Welt, dünke mir, sei nur deswegen so herrlich und prächtig geschaffen, um mich zu erfreuen und zu beglücken. Meine Eltern, welche sehr vermögend waren, erfüllten mir jeden Wunsch. Meine Brüder – Schwestern hatte ich keine – waren stolz auf mich. Ich war auch der Vertraute all ihrer oft mehr als lustigen, ja tollen Streiche. Ich vermittelte zwischen ihnen und den Eltern, denn es machte mich so froh, daß sie meiner bedurften, es erhob mich in meinen eigenen Augen zu einer gar wichtigen Person, so daß ich fast ungehalten war, wenn zuweilen eine ganze Woche verging, in welcher ich nichts zu schlichten hatte. So gewöhnte ich mich, selbst aus dem, was mir eigentlich, da es ja doch nie ohne Aerger für die Eltern abging, unangenehm sein sollte, Befriedigung meiner Gefühle zu ziehen. Ja, selbst die Armuth mußte mir dazu dienen; ich gab gerne und mit vollen Händen, weniger aber um Leid und Sorgen zu mildern, als um mich selbst an der Freude und dem Glücke Anderer zu ergötzen. Entbehrungen mußte ich mir ja deshalb nicht auferlegen, denn mir wurde jeder Wunsch schon im Entstehen befriedigt. Meinen Gott liebte ich mit kindlichem Gemüth – er war mir der Schöpfer all der Herrlichkeit um mich und in mir.

Als ich mein achtzehntes Jahr erreicht hatte, durfte ich den ersten Ball besuchen; ich hatte damals meinen ersten Kummer; es war der, daß die Ballnächte so schrecklich kurz. Ich wähnte, fort und fort tanzen zu können. Nie wurde ich müde und hatte eine unerschöpfliche Kraft, mich zu freuen und glücklich zu sein.

Anfangs waren mir alle Tänzer gleich, konnte ich mich doch mit Allen gleich gut im Kreise schwingen; mit Allen wußte ich zu plaudern und zu scherzen. Dies änderte sich jedoch bald. Ich lernte einen jungen Mann kennen, der mich auszeichnete und allen übrigen Damen vorzog. All mein Denken und Empfinden gehörte von diesem Augenblicke ihm allein. Er war Officier, brav und tüchtig, von Jedem, der ihn kannte, geliebt und geachtet. So sehr ich selbst zum Muthwillen und zum Uebermuth mich neigte, so ernst, fast schwermüthig war er. Aber gerade dies, das Entgegengesetzte meiner eigenen Art, zog mich an. Es schmeichelte mir, daß ich allein im Stande war, seine oft düsteren Augen durch ein einziges Wort, durch einen freundlichen Blick plötzlich in heller Freude aufleuchten zu machen.

‚Du mußt ruhiger werden, liebes Kind,‘ ermahnte mich die Mutter, welche bald erkannte, was in mir vorging, ‚wir Frauen dürfen einem Manne nie auffällig zeigen, was er uns ist, bevor er mit Worten um unsere Liebe geworben. Man darf ein Gefühl der Zuneigung wohl durchblicken lassen, aber es nicht unverhüllt entgegenbringen.‘

Ich versuchte wohl diese Lehren zu befolgen, doch blieb es immer nur bei dem Versuch. Ich konnte nur verbergen, was in mir vorging, wenn ich meine Augen gesenkt hielt, frug mich aber dann Leo Günther – so hieß der geliebte Mann – mit seiner tiefen klangvollen Stimme: ‚Doch nicht traurig, Fräulein Lucie?‘ da mußte ich aufsehen, und ich wußte, daß mit diesem Aufblick auch meine ganze Seele vor ihm aufgeschlagen war.

Oft ersehnte und erwartete ich, daß Leo sich mir erklären würde, und doch wußte ich aus mädchenhafter Scheu ihm auszuweichen, wenn ich glaubte, daß er solches beabsichtige.

So kam der Frühling. Es wurde ein Gartenfest gefeiert – gestern waren es fünfzig Jahre.

Ich hatte mich geschmückt, um ihm zu gefallen, aber Stunde auf Stunde verrann; er kam nicht. Ich war tief unglücklich, obgleich ich nach außen heiter schien. Endlich, da ich schon alle Hoffnung verloren, ihn noch zu sehen, erschien er. Ein Freund aus weiter Ferne hatte ihn aufgesucht und aufgehalten. Wie ich mich gewöhnt hatte, selbstsüchtig zu denken und zu fühlen, so galt mir dies als keine Entschuldigung. Es verletzte mich, daß ich dem Freunde hatte nachstehen müssen. Nun wollte ich ihm zeigen, wie ich auch ohne ihn froh sein könne. Ich ignorirte ihn fast ganz und lachte und plauderte destomehr mit den anderen jungen Herren, die an unserem Tische saßen. Ich war ausgelassen lustig.

[641] Als ich aber bemerkte, mit wie tiefer Trauer ihn mein Benehmen erfüllte, war ich bald versöhnt, und schon wollte ich Leo ein freundliches Wort sagen, als ich plötzlich gewahrte, wie seine Augen mit einer glühenden Leidenschaftlichkeit auf mir ruhten, die mir bisher an ihm fremd gewesen war.

‚Ach,‘ dachte ich, ‚jetzt erst weißt Du, wie unsagbar Du geliebt wirst. Welche Kraft, welche Tiefe muß doch seine Liebe haben, da eine kleine Vernachlässigung ihn so erregen kann!‘

Ein Schwindel erfaßte mich; ich mußte beide Hände auf mein hochklopfendes Herz legen – ich fürchtete, man würde sein Pochen hören.

Es war bis dahin eine ruhige, glückliche Liebe gewesen, welche mich beseligte; zu einer Leidenschaftlichkeit, wie ich eine solche wohl zuweilen in Büchern geschildert gefunden, war es nicht gekommen. Dazu waren die Verhältnisse zu klar; keinerlei Hindernisse wurden uns ja in den Weg gelegt. Jetzt hatte ich zum ersten Male einen Tropfen von dem Gifte der Leidenschaftlichkeit genossen und wurde berauscht davon. Ich regte mich selbst mehr und mehr auf; ich wollte einmal prüfen, wie weit meine Macht reiche. Ich liebte Leo in dieser Stunde wohl mehr denn je. Das Glück, von ihm, dem ernsten Manne, geliebt, so geliebt zu werden, ergriff mich gewaltig; meine Pulse flogen in ungeahnter Seligkeit. Aber ich wollte nun auch den Becher des Glückes bis auf die Neige leeren, und je finsterer seine Augen blickten, je fester sich seine Lippen wie in herbem Schmerze auf einander schlossen, desto sinnbethörender empfand ich seine Liebe. So kam es, daß ich einen immer freundlicheren Ton gegen die mir so gleichgültigen Herren anschlug, aber immer kälter, abstoßender gegen den Geliebten wurde; und als wir uns endlich trennten, hatte ich nur einen kurzen, kalten Gruß für ihn.

Ich konnte an diesem Abend kaum den Augenblick erwarten, wo es mir vergönnt war, mich in mein Zimmer zurückzuziehen, um in der Erinnerung noch einmal die letzten Stunden zu durchleben. Als die Aufregung etwas nachgelassen hatte, durchbebte mich wohl ein leises Weh, wenn ich an das Unrecht dachte, welches ich Leo angethan – mit verdoppelter Liebe wollte ich es sühnen.

Im Begriff, zu Bett zu gehen, mußte ich noch einmal dem Dienstmädchen das Zimmer öffnen. Sie erzählte mir, sie habe eben den Herrn Lieutenant Günther gesprochen, der, da sie Wasser holte, am Brunnen an sie herangetreten und ihr das Versprechen abgenommen, mir heute noch ein Billet und zwei Rosen – sie brachte beides – zu überreichen.

Verwirrt nahm ich diese Sendung in Empfang, und noch heute sehe ich die weiße und die rothe Rose im Geiste vor mir liegen. Mit zitternder Hand öffnete ich den Brief Leo’s.

‚O Lucie,‘ schrieb er, ‚schon seit einigen Tagen fühle ich eine Angst in mir, welche ich umsonst zu beherrschen oder nur zu deuten suche. Sollte dieses Gefühl eine Ahnung dessen gewesen sein, was mir Ihr heutiges Benehmen bestätigte, und ich, der ich auf dieser Welt nur noch von Ihnen beglückt werden kann, zu früh gehofft und für Liebe gehalten haben, was doch nichts weiter als ein flüchtiges Gefallen, oder noch schlimmer, nur ein Spiel mit meiner Liebe war? Doch nein; ich will diesen Gedanken, als Ihrer unwerth, nicht ausdenken; ich kann aber die Zweifel, die mich peinigen, nicht länger ertragen; daher beschwöre ich Sie, geben Sie mir morgen früh – ich werde, sobald der Tag erscheint, vorüberreiten – ein Zeichen, ob meine Liebe erwidert wird oder nicht! Sehe ich die rothe Rose vor Ihrem Fenster – dann weiß ich, daß ich kommen darf, Sie mir von den Eltern zu erbitten; sehe ich die weiße Rose – dann ist meine Zukunft vernichtet.‘

Lange saß ich und las wieder und wieder diese Zeilen. Wer weiß nicht, in welch’ Entzücken die ersten Worte der Liebe ein junges, unentweihtes Herz versetzen! Und an jenem Tage erst, in der ohnehin erregten Stimmung, überwältigte mich förmlich dieser Eindruck. Ich schwelgte in dem Gefühle, dem Manne meiner eigenen heißen Liebe so unendlich viel zu sein. Warum war er nicht da, daß ich ihm hätte gleich an die Brust sinken können, ihm bekennen, wie ich ihn liebe, wie ich mein heutiges Betragen bereue und daß ich von nun an vernünftig und gesetzt sein wolle, wie es einer Braut gezieme!

‚Vernünftig – gesetzt –‘ wiederholte ich mir in Gedanken; aber – wo blieb dann die Empfindung, welche mich heute so selig durchschauert? Noch einmal wollte ich sie durchkosten; noch einmal wollte ich aus seinem Blick die entfesselte Gluth seiner Gefühle lesen – dann wollte ich freudig alles Kindische abwerfen, nur ihm und unserem Glücke leben.

Sonnig lag ja meine Zukunft vor mir; kein Schatten, keine Sorge, kein Zweifel trübte sie. Und Leo sollte diese Zukunft theilen; da konnte er schon noch diese kurze Spanne Zeit in Furcht und Bangen schweben.

Eine Rose, nicht mein eigener Mund, sollte ihm sagen, daß ich ihn liebe? Ich sollte nicht das Leuchten seiner Augen sehen, wenn ich ihm mein Jawort gäbe? Wie oft hatte ich mir diese Scene ausgemalt, und nun sollte es so anders werden! Nein, das durfte nicht sein; er sollte nur kommen; ich wollte von ihm selbst hören, wie heiß er mich begehre. Wie wollte ich dann mein Lebenlang dieser Stunde gedenken, wollte nicht nur glücklich werden, auch glücklich machen!

Solche Gedanken stürmten auf mich ein. Ich theile sie Ihnen jetzt so ausführlich mit, nicht um mich zu entschuldigen, nein, ich will nur zeigen, wie viel Ausflüchte und Beschönigungen dem Menschen zu Gebote stehen, wenn er seine Wünsche rechtfertigen will.

Ich legte die weiße Rose vor das Fenster.

Lange konnte ich nicht einschlafen, und als es doch geschah, schlief ich bis in den späten Morgen hinein. Ich erinnerte mich, daß ich einmal im Schlafe erschrocken aufgefahren, da es mir war, als scheuete ein Pferd vor meinem Fenster und als jagte es dann pfeilschnell fort. Ich war nicht vollständig wach geworden; erst als ich einige Stunden später aufgestanden war und des gestern Geschehenen gedachte, vermuthete ich, daß es Leo gewesen sei, der vorüber geritten.

Ich war heute weniger zuversichtlich als gestern; denn wiederholt fragte ich mich, ob ich auch recht gethan, daß ich die weiße Rose vor das Fenster gelegt. Alles vergessend, was mich gestern zu jener Grausamkeit getrieben, und nur meiner Liebe folgend, nahm ich, bevor ich noch zu den Eltern ging, die weiße Rose weg und legte die rothe hin. Ich kehrte sobald als möglich in mein Zimmer zurück und setzte mich an’s Fenster hinter den Vorhang, ängstlich harrend, ob Leo nicht vorüberkomme.

Der Vormittag verging – er kam nicht. Die rothe Rose fing schon an zu welken. Ich hätte nun zwar der Mutter Alles erzählt, von ihr Rath oder Hülfe erbeten, aber ich fürchtete ihr Schelten und dann schämte ich mich auch meiner That – von Minute zu Minute erkannte ich mehr meine Herzlosigkeit, meinen frevelhaften Leichtsinn. Wie hatte ich nur so handeln können! Nie mehr, gelobte ich mir, wollte ich mit irgend eines Menschen Gefühl spielen. Freuden und Leiden meiner Mitmenschen sollten mir fortan heilig sein, nicht mehr zu eigenem Genügen von mir ausgebeutet werden. Ja, in bangen schweren Stunden lösen sich die Gelübde so leicht und schnell von dem geängstigten Herzen; aber ich konnte nicht mehr gut machen, was ich verschuldet. Für mich gab es fortan nur Reue und Buße.

Es war gegen Abend – meine Aufregung, meine Qual hatte den höchsten Grad erreicht – als ich bemerkte, daß auf der Straße sich einzelne Gruppen bildeten, welche sich lebhaft etwas mittheilten. Es mußte Trauriges sein. Das sah ich an den bestürzten Mienen. Ein kleines Mädchen, die Tochter eines Nachbars, welche ich stricken lehrte und die gerade bei mir war, sandte ich auf Erkundigung hinunter. Ich war froh, daß ich auf Augenblicke von meinen eigenen Gedanken abgezogen wurde.

Athemlos kam das Kind zurück. Schon unter der Thür rief es in jenem Tone, der, verkündet er selbst Trauriges, doch fast freudig klingt, wenn Wichtiges mitzutheilen ist:

‚Lieutenant Günther hat sich draußen im Wäldchen bei Reiden erschossen. Die Leute sagen, es muß schon heute früh geschehen sein, denn er sei schon ganz kalt.‘

Schmerz kann ich es nicht nennen, was ich bei dieser Nachricht empfand – das wäre zu wenig gesagt; es war wie ein Schlag, der mich traf, wie ein Zerreißen all’ meiner Gefühle, und zwischendurch war es, als riefe eine Stimme fort und fort: ‚Das hast Du gethan – das ist Deine Frevelthat!‘

Schon nach einigen Stunden hatte ein plötzlich ausgebrochenes Nervenfieber mir für lange Zeit alle Besinnung geraubt. Und so lag ich Monate, keines klaren Gedankens bewußt. Als ich aber dann wieder gesundete, blieben doch Herz und Seele krank;

[642] die Welt war fortan öde und leer für mich. In mir war Alles, was Freude bringt, Vertrauen, Hoffnung und Liebe, vernichtet. Heute sind es nun fünfzig Jahre – so lange trage ich an meiner Schuld. Die erste Zeit nach jenem traurigen Ereignisse verlebte ich in verzweiflungsvollen Vorwürfen, die ich mir machte und die mir nicht erleichtert wurden durch die Versicherung Aller, daß nicht durch meinen Leichtsinn allein Leo zu der schrecklichen That veranlaßt wurde, daß sein angeborener Trübsinn, seine fast düstere Lebensanschauung dazu gehörten, um in einer Stunde der Verzweiflung ein Leben zu enden, das ja trotz des einen Schmerzes noch so reich und voll vor ihm lag.

Mit den Jahren wurde ich ruhiger. Ich lernte Geduld und Demuth. Ich wurde still gefaßt und ergeben. Die Liebe zu meinen Eltern gab mir wohl die meiste Kraft, nach jener Klarheit zu ringen, die nur allein noch den Frieden bringt, wenn man ein reiches Lieben und Leben verscherzt hat. Glück begehrte ich nicht mehr. Ich war zufrieden, wenn Andere glücklich waren, wenn ich Glück schaffen konnte. Oft besuchte ich Leo’s Grab – niemals ohne rothe Rosen darauf zu legen.

Sie können sich denken, wie schmerzlich gerade an dem heutigen Tage, da mein Geist jene schrecklichen Stunden wieder durchlebte, jene weiße Rose auf mich wirken mußte. Der liebe Gott lasse mich bald ausruhen nach dem langen Kampfe, und möge kein Irren, kein Leichtsinn mehr so hart gestraft werden! Leben Sie wohl, süßes Kind!“ schloß sie ihre Erzählung und reichte dem jungen Mädchen noch einmal die Hand, „und verzeihen Sie mir meine Heftigkeit! Werden und machen Sie glücklich!“

Dann warf die Frau noch einen innigen Blick auf das Grab mit seinen rothen Rosen und verließ langsam den Friedhof.




Das Opfer eines wilden Tages.
Vor fünfundzwanzig Jahren in Frankfurt a. M.


Es war in Berlin im Monat Mai des Jahres 1848, als eines Tages ein Kunsthändler in mein Atelier trat und mir den Antrag stellte, nach Frankfurt am Main zu gehen, um für ihn ein Bild von dem ersten deutschen Parlamente anzufertigen. Die Hauptbedingung war die treue Portraitähnlichkeit in der Darstellung der Berühmtheiten auf dem Gebiete der Politik und der Wissenschaft, die damals auf den Bänken der Paulskirche saßen.

Ich war frei, konnte den Auftrag annehmen und nahm ihn dankbar an, denn aus dem immer noch in Aufregung kochenden Berlin fortzukommen, war eine wahre Befreiung.

Mit gespannten Erwartungen, die sich später leider als Illusionen erwiesen, blickte ganz Deutschland damals auf das in Frankfurt tagende Parlament, und an großem Streben, Intelligenz und hohem Wissen hat es demselben wahrlich nicht gefehlt. Aber leider stand nicht die Macht hinter ihm, und so hat es das bekannte Ende nur zu schnell gefunden. Doch noch jetzt, nach fünfundzwanzig Jahren, müssen wir freudig bekennen, daß seine weltbewegenden Ideen dauerhafter waren als seine Existenz. Empfehlungsbriefe brachte ich nicht mit; nur einen schriftlichen Contract mit meinen Verlegern hatte ich in der Tasche. Da war es denn für mich nicht so leicht, mein Unternehmen glücklich einzuleiten. Ich setzte meine ganze Hoffnung auf den mir von früher bekannten und wohlgeneigten Fürsten Lichnowsky. „Das ist der Mann, der dir rathen und helfen kann; also hin zu ihm – Haus Mozart auf der Zeil!“

Es war noch früh am Morgen; das genirte aber nicht. Der Kammerdiener Anton meldete mich beim Fürsten an, und sofort wurde ich von demselben mit dem ihm eigenen Ungestüm und nicht ohne Lärm empfangen.

„Grüß’ Gott! Was zum Teufel führt Sie denn hierher?“ (Vergnügungsreisen machte man allerdings in der Zeit noch nicht.)

„Durchlaucht, Aufträge! Ich soll von der Paulskirche ein großes Bild zeichnen mit den Portraits der hervorragendsten Persönlichkeiten.“

„O, sehr schön, sehr gut! Dann werden Sie auch mich zeichnen müssen. Eine famose Idee! In England hat man schon solche Parlamentsbilder; in Deutschland wird es das erste sein. Aber für wen wollen Sie es machen?“

„Für einen Kunsthändler, der das Bild vervielfältigen lassen wird.“

„O, das ist ja charmant! Dann werde ich Ihnen gleich sagen, wen Sie zeichnen müssen. Setzen Sie sich – hier ist Papier – schreiben Sie! Ich werde Ihnen die Liste dictiren.“

Und nun warf ich ohne alle Widerrede eine Menge Namen auf’s Papier, aber doch mit dem Hintergedanken, sie mir später von einem ruhigeren Manne prüfen und mustern zu lassen.

„So, die müssen Alle auf Ihr Bild. Ich nehme Sie heute gleich mit in’s Parlament. Sie bekommen den Platz meines Secretärs in der Journalistenloge, und dort werde ich Sie schon mit den Matadoren der Versammlung[1] bekannt machen. Schade, daß Sie nicht hier waren, als ich neulich wegen des Mainzer Scandals gesprochen habe. Ich trat entschieden dagegen auf, und die Galerien haben in der Paulskirche wie wahnsinnig getobt. Ich aber habe so (er kreuzte die Arme auf der Brust und nahm eine höchst herausfordernde Stellung und Miene an) auf der Rednerbühne ruhig dagestanden und blos hinaufgerufen: ‚Ist das die Stimme des Volkes, meine Herren? Nein, es ist die des Pöbels!‘ Da war denn rein der Teufel los. Am liebsten würden die Herren mich gleich gehängt haben. Ich aber habe sie ausgelacht. Der Präsident mußte das Haus räumen lassen. Wissen Sie, Sie werden mich in der Stellung auf der Rednerbühne zeichnen; ich lasse das Bild dann lithographiren. Das Blatt wird bedeutenden Effect machen. Anton!“ rief er plötzlich mit durchdringender Stimme, und der Gerufene, eine untersetzte, wohlgenährte, durchaus phlegmatische, in sich verschlossene Persönlichkeit, erschien in sehr gemäßigter Eile.

„Durchlaucht befehlen?“

„Zieh mich an! Es ist gleich zehn Uhr.“ Zu mir gewandt: „Sie bleiben hier und erzählen mir das Neueste aus Berlin!“

Während ich mit dem Fürsten über alles Mögliche schwatzte, besorgte Anton die Toilette an ihm mit einer Ruhe und einem Phlegma, die zu der ewigen Beweglichkeit und der unverwüstlichen Lebendigkeit seines Herrn einen sonderbaren Contrast bildete. Der Fürst adonisirte sich aber sichtlich unter seinen Händen. Das Ueberreichen von Hut, Handschuhen und einem Taschentuche, das noch höchst eigenhändig parfümirt wurde, war der letzte Moment in dieser ersten Tagesarbeit. Ich habe das nachher noch oft mit angesehen, denn der Fürst empfing während des Anziehens gern Besuche. Die gewöhnlichste Gêne war ihm fremd, Rücksichten kannte er nicht, und eine beständige Unterhaltung war ihm Lebensbedürfniß.

„Nun vorwärts nach der Paulskirche!“ So kam ich an seiner Seite an das eigentliche Ziel meiner Reise, und gleich am Eingange, wo uns einige der Herren begegneten, stellte er mich diesen in seiner absonderlichen Weise vor:

„Hier ist der Professor B. aus Berlin. Wird ein Bild von unserm Parlament machen mit lauter Portraits. Er trifft außerordentlich, und wenn Sie sich gut aufführen, sollen Sie auch mit d’rauf kommen. – Weiter!“

„Als ich ihm bemerkbar machte, daß ich nicht Professor sei, erwiderte er mir kurz:

„Ach, Dummheit, das weiß ich ja! Aber seien Sie doch still! – Sie, he! Soiron! Dicker! Sie werden sich hier vom Professor B. malen lassen; er kommt deshalb expreß von Berlin.“

Und so ging es fort ohne Aufenthalt, von Einem zum Andern. Hier theilte der Fürst einen Witz, dort eine Grobheit aus, so daß er nur Lachende oder verblüfft Dreinschauende hinter sich ließ. Ich eilte auf meinen Platz, denn große Freude konnte ich an dieser Art der Einführung nicht haben. Die Sitzung hatte begonnen; den ersten Eindruck dieser großen Versammlung wollte ich so recht in mich aufnehmen, doch da kam der Fürst schon wieder auf mich losgeschossen – denn er blieb nie auf

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Die Gartenlaube (1873) b 643.jpg

Caplan Ketteler segnet die Leiche des Fürsten Lichnowsky ein. Originalzeichnung von P. Bürde.

[644] seinem Platze, sondern ewig beweglich, tauchte er halb hier, bald dort auf – und rief mir halblaut zu:

„Sie zeichnen ja aber nicht! Zeichnen Sie doch!“

Als ob man so gar keiner Vorbereitungen, keines Nachdenkens zu einem künstlerischen Werke bedürfe! Ich würde ganz der Mann nach seinem Geschmacke gewesen sein, hätte ich ihm einige seiner Gegner in schlagenden Carricaturen auf’s Papier werfen können, die er dann zu seinem größten Amüsement sofort herumgezeigt haben würde.

Ich weiß nicht mehr, was an jenem Tage verhandelt wurde, denn das Sehen war mir, dem jungen Maler, wichtiger und interessanter als das Hören, und da mein Nachbar, Dr. B., mir in liebenswürdiger Weise die am meisten hervorragenden Persönlichkeiten zeigte und geschickt charakterisirte, so hatte ich hinlänglich Gelegenheit, Sehstudien zu machen. Da hörte man gute, längst bekannte und berühmte Namen. Oft allerdings wollte die äußere Erscheinung, die man vor sich hatte, nicht den Vorstellungen entsprechen, die man sich von verehrten und bewunderten Männern zu Hause gemacht hatte. Vor Allen möchte ich in dieser Beziehung Uhland erwähnen. „Ist es möglich,“ fragte ich mich, „daß dieser unansehnliche, uninteressante, unschöne Mann eine so reine, edle Dichterseele in sich trägt und so viel Unsterbliches geschaffen hat?“ Ich hatte später Gelegenheit, mich ungestört in seine Physiognomie vertiefen zu können, aber es ist mir doch nicht geglückt, auch nur einen leisen Abglanz seines reich begabten Innern, aus dem so viel herrliche Poesie in die deutsche Welt gezogen ist, auf seinem Antlitz oder in seinem Wesen wiederzufinden.

Da machte der kleine alte Vater Arndt einen andern Eindruck! Ein munteres, schnelles und bestimmtes Wesen. Wie freundlich der Ausdruck seines Gesichts! Wie lebendig und im tiefsten Grunde ehrlich sein Blick! Wie herzlich sein Händedruck und wie warm, wie belebend das, was er sprach! Stets war er sehr sauber gekleidet: weiße Halsbinde und dunkelblauen altdeutschen Rock mit Stehkragen, auf dem Kopfe ein schwarzes Sammetbarret, aber immer ohne Handschuhe auf den Händen. Er war ein recht angenehmes Bild eines echt deutschen Mannes und Gelehrten.

Aber der Alte mit dem langen weißen Barte, dem schwarzen Käppchen auf dem Kopfe, der in so gerader fester Haltung dort an der Linken vorüberschreitet, wer ist denn der? –Es war eine imposante Erscheinung, wie sein Monument uns zeigt, und sein hoher Körperbau hatte wirklich etwas Monumentales, denn er war wie aus Stahl und Eisen gefügt; dazu verlieh ihm der kühne durchdringende Blick über einer scharfen Adlernase etwas Außergewöhnliches. Es hat oft unser Staunen erregt, wenn der alte zweiundsiebenzigjährige Mann wie ein siebenzehnjähriger Jüngling über den gedeckten Tisch sprang und dabei nur die eine Hand in der Mitte des Tisches aufsetzte. Er hatte viel humoristische Begabung und wußte die gesellige Heiterkeit oft auf recht liebenswürdige Weise anzuregen, konnte aber auch von einer kolossalen Grobheit sein, die Lichnowsky zuweilen in seinem Uebermuthe und seiner Rücksichtslosigkeit an ihm herausforderte, doch stets zu seinem Nachtheil, denn der Alte blieb ihm nichts schuldig, sondern zahlte mit doppelter Münze, so daß die Lacher stets auf seiner Seite waren, die fürstliche Durchlaucht aber ziemlich verdutzt dreinschaute und das Empfangene sehr unverdaulich fand. Der Vater Jahn dutzte natürlich Jedermann.

Da sehe ich wieder den Fürsten drüben auf der äußersten Linken mit einem jungen Manne auf- und abspazieren. Er hat ihn untergefaßt und redet lebhaft in ihn hinein. Der junge Mann, von sehr kräftiger Körperconstitution, mit einem auffallend bedeutenden Kopfe auf den breiten Schultern – etwas Muthiges, Löwenartiges liegt in diesen Gesichtszügen – hört den Fürsten mit ziemlich überlegenem Lächeln an und scheint das Gehörte mehr amüsant als überzeugend zu finden. Dieser junge Mann ist Karl Vogt, der berühmte Professor aus Gießen, ein Mann von der außergewöhnlichsten Begabung, mit einem der gewaltigsten Rednertalente, der von der Natur geschaffene Führer einer Revolutionspartei.

Obgleich die beiden Männer die entschiedensten Gegner waren, wie zwei Pole sich in der Politik gegenüber standen und Einer die Grundsätze des Andern verachtete, ja, mit Entrüstung von sich stieß, übte doch das Bedeutende in Vogt’s Auftreten eine unverkennbare Anziehung auf den Fürsten. Ich glaube, Vogt, dem nichts unter der Sonne zu imponiren vermochte, war einer von den Wenigen, die dem Fürsten imponirten. Vogt durchschaute die Schwächen und Vorurtheile Lichnowsky’s vollständig. Er fand ihn aber amüsant, spaßhaft, wie das der Beiname, den er ihm gab: Fürst Snaphansky, bezeichnet. „Meinen Freund Vogt dürfen Sie mir nicht auf Ihrem Bilde vergessen; dem verteufelten Kerl müssen Sie einen Hauptplatz einräumen,“ äußerte der Fürst zu mir.

Ich will nun versuchen, einen leichten Umriß von der persönlichen Erscheinung des Fürsten zu geben.

Lichnowsky galt für einen schönen Mann, und man würde das mitleidige Lächeln der meisten Damen erregt haben, hätte man das Gegentheil behaupten wollen. Das soll auch nicht geschehen; aber ich glaube, das Fesselnde lag bei ihm weniger in der Regelmäßigkeit der Züge, als in der Lebhaftigkeit und der großen Elasticität seines ganzen Wesens. Er war ziemlich hoch gewachsen und hatte namentlich gut gebaute Schultern. Die Taille hatte bereits etwas von ihrer jugendlichen Feinheit verloren, und er würde offenbar in späteren Jahren stark zugenommen haben, zumal er auch im Essen und Trinken von Mäßigkeit nichts wußte. Aber im vierunddreißigsten, seinem letzten Lebensjahre, trat die ursprüngliche Harmonie und das Ebenmaß seines Körperbaues noch angenehm hervor.

Seine Gesichtszüge konnten eigentlich nicht auffallend edel genannt werden. Die Augen waren dunkel und ausdrucksvoll, doch nicht allzu groß, und da er kurzsichtig war, kniff er sie noch mehr zusammen. Seine Nase war fein, nicht lang und die Spitze ein klein wenig heraufgestellt. Seine Wangen waren voll, die Farben derb und gesund; der Mund war gut geformt; die Lippen waren voll und sinnlich; die Stirn, wie überhaupt der ganze Schädel war schön und in breiten Flächen angelegt, und ich glaube, der Phrenolog würde mit Leichtigkeit die bedeutenden Fähigkeiten an ihm haben entdecken können. Seine Füße waren echt aristokratisch und wirklich schön. Seine Hand war keine weichliche, fette Frauenhand, sondern bei aller Feinheit und Schönheit trat an ihr das Männliche entschieden hervor. Man glaubte ihr, daß sie befähigt sei, das Pistol und den Degen zu führen. Sein Organ dagegen war abscheulich. Die sonoren, männlichen Klänge, sowie die weithinschallende Kraft, wie sie Vogt und Moritz Hartmann in wunderbarer Weise besaßen, fehlten ihm ganz. Und doch hatte sein heiseres, immer in die Höhe getriebenes Organ etwas Ehernes, was ihm einen durchdringenden Klang gab und ihn befähigte, wo Mehrere sprachen, doch immer durchzuschneiden.

Obgleich sein Vater ein gelehrter und wissenschaftlich durchgebildeter Mann gewesen ist (eine der besseren Geschichten des Hauses Habsburg ist von ihm; sie wird von Gelehrten anerkannt und citirt), hat der Sohn doch wohl nie dasselbe Ziel erreicht, oder ihm auch nur nachgestrebt. Verschiedenen Hofmeistern soll er in seiner Jugend das Leben recht schwer gemacht haben. Der Fürst wußte offenbar Vielerlei – von Allem etwas – und immer das Pikante von der Sache. Er konnte in mehreren lebenden Sprachen sich unterhalten, wie man das von einem so hohen Aristokraten vorauszusetzen pflegt; ja er soll sogar während eines Feldzuges in Spanien, den er natürlich auf Seiten des Don Carlos mitgemacht hat, in sechs Wochen das Spanische erlernt haben.

Schon als Knabe hatte er die höchste Passion für interessante Lectüre, und er wußte seine Umgebung so zu täuschen, daß er heimlich manche Nacht mit Lesen verbringen konnte. Leider kamen ihm damals schon viele französische und nicht immer gute Romane in die Hände, deren begieriges Insichaufnehmen dem kindlichen Gemüthe nicht dienlich sein konnte. Ein Romanheld zu werden, bildete schon früh das Ideal seines Lebens. Dieser Anschauung ist er eigentlich auch bis an’s Ende seines Lebens treu geblieben. Als einst in einer Gesellschaft beim Grafen X. über die Vorbilder oder Ideale des Lebens gesprochen und er, der neunzehnjährige Jüngling, von der schönen Wirthin aufgefordert wurde, ihr doch auch das seinige zu enthüllen, antwortete er schnell: „Haben Sie, gnädigste Gräfin, ‚La vigie de Koat-Ven‘ von Eugen Sue gelesen?“

„Ja wohl, die Geschichte von dem kalten, egoistischen, glatten Grafen, der verdient hätte, unglücklich und elend zu werden, und doch stets, wie ein Hohn der göttlichen Gerechtigkeit, glücklich in [645] seiner Selbstliebe bleibt, die er wie eine unübersteigliche Mauer um sein ganzes Dasein zu bauen weiß. Nun, die Geschichte kenne ich, und was weiter?“

„Nichts weiter, als daß dieser Graf mein Ideal ist. Ein solcher Kerl will ich auch werden; es steckt doch noch einige Vernunft dahinter!“

Daß es dem jungen Fürsten damals Ernst mit seiner Meinung war, beeilte er sich der Gräfin durch die That, das heißt durch eine scandalöse Verführung, die er bald darauf in dem gräflichen Hause in Scene setzte und die ihm einen tüchtigen Säbelhieb über den Kopf, von kräftiger Hand im Zweikampf geführt, einbrachte, zu beweisen. Sein späteres Leben ist reich an solchen, eben nicht rühmlichen Liebesaffairen, die ihm dennoch in seinen Kreisen großen Ruf gebracht haben. Vor irgend welchen Folgen zurückzuschrecken, lag nicht in seiner Art, sondern immer war er bereit, seine oft frivolen Handlungen mit der Pistole oder dem Degen zu vertheidigen und so nicht nur sein eigenes, sondern auch das Leben Anderer leichtsinnig zu gefährden und daranzusetzen. Ein Wunder, daß er nicht schon früher sein Ende gefunden hat. Recht bezeichnend ist eine Aeußerung seines Anton’s, der mir auf die Theilnahme, die ich ihm tief ergriffen am Morgen nach der Ermordung seines Herrn äußerte, in aller Ruhe antwortete: „Seien Sie doch ruhig! Ich hab immer in Czresanowitz (einem fürstlichen Schlosse in Oberschlesien) gesagt: Ihr sollt sehn, ich komm’ noch einmal ohne den Fürsten nach Hause! Nun trifft’s ein!“ In Betreff des Fürsten konnte ihn nichts mehr überraschen. Er war in jedem Momente gefaßt, etwas Außergewöhnliches mit ihm zu erleben. Schon in Spanien hatte er es mit angesehen, wie der Fürst nahe daran war, von einem wüthenden Volkshaufen erschlagen zu werden, und nur dadurch, daß sich die Polizei seiner bemächtigte und ihn in’s Gefängniß sperrte, gerettet wurde.

In seinem Verkehr mit Frauen lagen große Fehler und Schwächen, und ich muß bekennen, daß, wo sich mir die Gelegenheit bot, ihn in solchen Augenblicken zu beobachten, meine Werthschätzung für ihn stets sehr abgekühlt wurde. Denn etwas Gezierteres, Affectirteres, Unnatürlicheres und doch wieder Rücksichtsloseres habe ich nie wieder an einem jungen Manne, der sich liebenswürdigen und gebildeten Frauen gegenüber befindet, beobachtet. Ihm war Alles erlaubt, und selbst das Unverzeihlichste wurde ihm verziehen. In Sagan wußte man ganz kolossale Dinge in dieser Beziehung zu erzählen, und die Herzogin hat manches Unangenehme durch ihn erlebt. Ich will aus dem Privatverkehr nur eines ihn charakterisirenden Momentes hier noch Erwähnung thun.

Ich war an einem Sonntag Nachmittag mit einem Freunde nach Homburg herübergefahren. Bald bemerkte ich auch den Fürsten dort, hielt mich aber sehr zurückgezogen, da er einen großen Train hinter sich hatte und ungewöhnlich laut war. Die Hitze des Tages war vorüber, und vor dem Curhause hatte sich ein sehr zahlreiches und elegantes Publicum von Herren und Damen aller Länder und Nationen eingefunden. Da sehe ich, wie der Fürst vier Stühle mitten auf den nicht zu betretenden Rasenplatz, der sich in herrlicher Frische vor der Terrasse ausbreitet, bringen läßt. Auf den einen setzt er sich, die beiden anderen läßt er sich rechts und links als Stützen für seine Arme stellen und auf den vierten legt er die Füße. Den Hut hat er in’s Gras geworfen und in einer schönen, wie für einen Maler bestimmten Stellung, raucht er seine echte Havanna ruhig weiter und seine Blicke sagen: „Seht mich, den schönen weltberühmten Felix, Ihr Frauen Homburgs! Bewundert mich, und verliebt Euch im mich!“ Es glückte ihm auch, denn Aller Augen richteten sich nach dem in der Mitte des Rasenplatzes so allein und absonderlich Dasitzenden. Die Urtheile aber mögen wohl sehr verschieden gewesen sein.

Unter Männern war er ein ganz Anderer, und erst da trat seine Bedeutung hervor. Für die Rednerbühne hatte er eine hervorragende Begabung. Ein außergewöhnlich gutes und zuverlässiges Gedächtniß, eine schnelle und sichere Fassungsgabe und eine blitzartige Schlag- und Trefffähigkeit bildeten die festen Grundlagen für sein oratorisches Talent; dazu kam noch die unerschütterlichste persönliche Zuversicht. Immer und überall drang seine angeborene Begabung durch, und so war es oft ein wahres Vergnügen, nach langen, sehr gelehrten und durchdachten, aber doch ermüdenden Reden Anderer ihn auf die Rednerbühne stürzen und in seiner sprudelnden, kecken, herausfordernden, stets treffenden Weise die abgespannte Gesellschaft neu beleben und feurig anregen zu sehen. An witzigen Bemerkungen ließ er es niemals fehlen, ebensowenig an solchen, die seine Gegner tief verletzten und ihm ihren bittersten Haß zuziehen mußten. Nur einmal hat man ihn in einer Art von Verlegenheit auf der Tribüne gesehen. Er sprach für das historische Recht der Aristokraten und wandte sich mit seiner ganzen Sicherheit an die Linke, indem er rief: „Das historische Recht, meine Herren, hat kein Datum nicht!“ Schallendes Gelächter. Er wiederholte es noch einmal mit größerer und gedehnterer Betonung: „Ich sage, das historische Recht hat kein Datum nicht!“ Wiederholtes und allgemeines Gelächter. Selbst die äußerste Rechte lacht mit. Dieses allgemeine Gelächter war Seiner Durchlaucht durchaus unbegreiflich, und trotzig mit untergeschlagenen Armen blieb er stehen, als ob er die Absicht habe, der ganzen ungezogenen Versammlung eine Herausforderung an den Kopf zu schleudern, bis ihn denn seine Freunde auf den so drastisch wirkenden Sprachfehler aufmerksam machten.

Seine Tournüre war höchst elegant, so wie seine Kleidung. Seine Eitelkeit natürlich auch hier sehr ausgebildet. „Was meinen Sie,“ sagte er einmal zu mir, „macht sich auf der Rednerbühne, – ich werde nämlich heute sprechen – ein weißes oder ein buntes Taschentuch besser?“

Bei seiner Launenhaftigkeit und Heftigkeit war es schwer, mit ihm umzugehen, und selbst der nachgiebigste Mensch kam irgend einmal mit ihm zusammen, doch war ihm eine gewisse Noblesse nicht abzusprechen. Poesie und poetische Gefühle lagen ihm wohl eigentlich fern, denn im Grunde war er ein prosaischer Verstandesmensch, der nur das Reale und durchaus nicht das Ideale suchte.

Um zu beweisen, wie reizbar der Fürst war, will ich hier eines Streites erwähnen, den ich mit ihm hatte. Ich wollte den bekannten Dichter Moritz Hartmann auch in mein Bild mit aufnehmen. Das erboste aber den Fürsten ganz ungemein. Hartmann spielte allerdings keine große politische Rolle, war aber doch ein bekannter Name, ein sehr schöner Mann, bei den Frankfurter Damen sehr beliebt und stand mit mir in freundlichem Verkehre. Daß er schön und auch bei den Frauen beliebt war, das konnte ihm eben der Fürst nicht vergeben. – Wir kamen heftig aneinander, und ich will die Ehrentitel, die er dem Dichter anhing, hier nicht wiederholen. Da ich fest blieb, ging er barsch und mit allen möglichen unangenehmen Zusicherungen von mir. Ein liebenswürdiges Billet, das ich einige Tage später von ihm erhielt, glich Alles wieder aus. –

In fünfundzwanzig Jahren schwindet Vieles aus dem Gedächtniß, und so wird es den Lesern nicht unwillkommen sein, wenn ich des Fürsten und seines Schicksalsgenossen, des Generals von Auerswald, gemeinsames, furchtbares Ende ausführlicher und nach Quellen erzähle, die nach dem anfänglichen Durcheinander ein ziemlich klares Bild des Todesrittes und Todesganges der Beiden geben.

Der Sommer war vorüber und hatte auch manchen schwülen, stürmischen Tag in die Paulskirche gebracht. Die Nachrichten aus Berlin, Wien und Paris beunruhigten und regten Jedermann auf. Ueberall Sturm und erregte Leidenschaften. Obgleich man es in Frankfurt bis zu einem Reichsverweser gebracht hatte, erschienen doch auch dort alle Zustände sehr fraglich und ungesichert. Was konnte auch der gute Johann, der mit vielem Pomp in Frankfurt eingezogen war, viel an den großen ungelösten Fragen ändern? Ohne Geld und ohne Soldaten! – Das Bischen österreichische Gemüthlichkeit nebst Dialect und herzigem Familienleben (die Gräfin von Meran und Sohn waren auch angekommen) reichte mit seinem Einfluß nicht über die Frankfurter Stadtmauer. – Dagegen wuchs in Folge der Annahme des Malmoer Waffenstillstandes die Unzufriedenheit und Aufregung namentlich in den benachbarten kleinstaatlichen Gebieten. Frankfurt war stets angefüllt von jungen, leidenschaftlich aufgeregten Männern, die aus den benachbarten Städten und umliegenden Dörfern zu den wichtigsten Parlamentssitzungen herangezogen kamen, und was während der Sitzungen nicht Platz auf den Galerien fand, nahm Stellung vor der Paulskirche, um auch dort Beifall oder Mißfallen an den vorübergehenden Deputierten [646] laut zu äußern. Lichnowsky wurde nicht geschont, und manches drohende unangenehme Wort konnte er, seiner erregten Natur gemäß, leider nicht unerwidert lassen. Dem schwachen Frankfurter Linienbataillon und der schwachen Polizei machte es Mühe, überall und immer die Ordnung aufrecht zu erhalten, denn auf den Volksversammlungen auf der Pfingstweide gingen die revolutionären Wogen bereits sehr hoch. Man fühlte es, ein Ereigniß, eine Katastrophe lag in der Luft. – Sie kam schnell.

Schon am 17. September war es ziemlich kunterbunt in Frankfurt zugegangen, und für den nächsten Tag fürchtete man noch Aergeres. Deshalb hatte die hohe Reichsverweserschaft wohlweislich heimlich in der Nacht zwei Bataillone Oesterreicher und Preußen aus der damaligen Bundesfestung Mainz herüberkommen lassen, und als in frühster Stunde die Turner (so wurden die Aufständischen damals genannt, an der Paulskirche sich aufstellen wollten, fanden sie zum größten Erstaunen ihre Plätze bereits sehr unangenehm besetzt und überall blitzten ihnen Bajonnete entgegen. Sie zogen mit Schreien und Schimpfen in Haufen, die immer mehr anwuchsen, durch die Straßen, begingen Insulten und Unordnungen jeder Art und fingen hier und da an, Barrikaden zu bauen. Das Militär sah leider ruhig zu, anstatt den Aufruhr im Keime zu ersticken. Dann eine Zeit lang fürchterlicher Tumult, ein wahrer Hexensabbath. Die guten und furchtsamen Bürger flüchten und fliehen in ihre Häuser; die jungen Helden nehmen Stellung und einen guten Trunk. Die Soldaten haben schweigend und geschlossen dasselbe gethan. Alles ist in äußerster Spannung. Eine gewisse Stille ist nach dem ersten Toben eingetreten, bis dann plötzlich irgendwo ein Gewehr (wohl zufällig, wie gewöhnlich) losgeht und mit ihm der wilde, höllische Lärm des blutigen Kampfes. Ungefähr um drei Uhr fielen die ersten Schüsse, zwölf Stunden später wurde es wieder still. Auch meine Straße war durch einige Kartätschenladungen gesäubert worden, und ein gemüthlicher Oesterreicher hatte mir freundlichst in’s Fenster geschossen, als er bemerkte, daß ich es öffnen wollte. Denn nachdem es still geworden, war ich neugierig zu sehen, was aus den Barrikaden und ihren Vertheidigern geworden war.

Um zehn Uhr Abends bekam ich durch unsern Hausdiener, der wie eine Katze in den Straßen herumgekrochen war und uns Neuigkeiten brachte, die erste Nachricht, daß Fürst Lichnowsky und General von Auerswald erschlagen worden seien. Ich war starr vor Schrecken, und kaum fing der Tag an zu grauen, so machte ich mich heraus, um etwas Näheres zu erfahren.

Vorgestern noch war der Fürst bei mir und in bester Stimmung gewesen. Es war seine Absicht, am Abend jenes Tages auf kurze Zeit nach Sagan und Oberschlesien zu reisen, die Aufregung und Gespanntheit in der Stadt interessirten ihn aber so, daß er befahl, die Koffer wieder auszupacken, und als ihm Anton ernstlich zuredete, doch lieber bei seinem ersten Vorsatze zu bleiben und zu reisen, fuhr er ihn an: „Dummer Kerl, wie kannst Du denken, daß ich jetzt reisen werde, wo es erst anfängt, hier interessant zu werden!“ Er blieb. Am 18. hatte Lichnowsky noch am Vormittag der Sitzung der Nationalversammlung angewohnt und war bei seinem Heraustreten aus der Paulskirche von dem dort versammelten Volke mit Zischen empfangen und verfolgt worden, so daß er, in Begleitung des Zeugen dieses Vorfalles, des Fürsten Felix von Hohenlohe, es für gerathen fand, auf der „Zeil“ eine Droschke zu nehmen, um den Wirkungen der Demonstration zu entkommen.

(Fortsetzung folgt.)




Erinnerungen an Schulpforte.
Von Alfred Annaburger.


Es ist eine fast wunderbar erscheinende Erfahrungsthatsache, daß akademisch gebildete Männer, wenn sie bei einem guten Trunk in gemüthlichen Wechselreden auf vergangene alte Tage zu sprechen kommen, die Studentenzeit übergehend, mit dem lebhaftesten Interesse in der Erinnerung ihrer Gymnasialjahre schwelgen. Da hat denn Jeder etwas zu berichten von thörichten und übermüthigen Streichen, von lieben und verhaßten Lehrern, von Lust und Leid.

Fast wunderbar, sage ich, kann das erscheinen, da doch allgemein angenommen wird, daß die Studentenzeit die schönste sei im Leben eines Mannes. Das hat etwas für sich, doch mag ich meinerseits jene Annahme nicht bedingungslos unterschreiben.

Unermeßlich reich freilich ist der Student durch die fast unbegrenzte Freiheit seiner ganzen Lebenseinrichtung. Er geht in’s Colleg oder nicht, er studirt oder nicht, er verreist mitten im Semester, ohne einen Menschen zu fragen, er sitzt zu Hause oder geht in die Kneipe, er trägt eine farbige Mütze oder einen schwarzen Hut, er schläft des Nachts oder am Tage – Alles steht ihm frei. Dafür paßt aber auch hier das paulinische Wort: „Ich habe es zwar Alles Macht; aber es frommt nicht Alles.“ Zur Freiheit gehört Reife, körperliche, geistige, vor Allem moralische. Diese Reife fehlt den Studenten vielfach. Manche ruiniren auf der Universität ihre Gesundheit, nicht wenige ihren Charakter; die Meisten stürzen sich, der lästigen Schulfesseln entbunden, mitten in die Wogen dieser göttlichen Ungebundenheit, verbummeln ein gutes Theil der schönen Zeit, lernen nicht nur nichts, sondern vergessen von dem Mitgebrachten. Später geht das „Pauken“ und „Ochsen“ los; denn das Examen soll gemacht werden. Es wird auch gemacht; „aber fragt mich nur nicht, wie?“ Dann kommt eine bescheidene Anstellung in der verhöhnten Provinz, die ehedem zu nichts gut war, als zeitweilig böotische „Wollonkel“ nach Athen zu schicken – und der Bierphilister ist fertig. Das ist nicht Aller Lebenslauf, aber Vieler. Lächerlich erscheinen dann die Renommirtugenden des bebänderten Burschen und unverständlich die feierliche Rührung, mit welcher der krasse Fuchs den ersten Landesvater sticht.

Andere benutzen nun wohl die Zeit zum Studiren, werden aber über ihrem Wissensdrang und Lerneifer Bücherwürmer; das sind die späteren Lichter in der Gelehrtenwelt oder Streber in der Beamtencarrière. Es ist ein Glück, daß diese Species existirt, aber vom specifischen Studentenleben erfahren sie nichts.

Die goldene Mitte ist auch hier schwer zu treffen, und Wenige sind ihrer, die darauf wandeln.

Die Erinnerung an die Studentenzeit stößt also gar zu oft auf sinnlosen Ulk, auf renommistische Bravaden, leere Collegienhefte, Katerfrühstücke, Nachtwächterkrawalle, aber nichts Absonderliches. Das klingt hart, Manchem vielleicht übertrieben oder gar unwahr. Ich kann mir aber nicht helfen; mir hat die Universität das nicht erfüllt, was ich gehofft. Mag es an mir liegen, aber ich weiß, daß ich nicht vereinzelt in dieser Meinung dastehe.

Lieber, freundlicher, ich möchte sagen reueloser ist mir die Erinnerung an die Schule. Nicht als ob ich hier nur Licht sähe, wie dort nur Schatten – aber doch viel Licht; und das mancherlei Herbe und Harte, was auch auf der Schule erfahren wurde – denn wo wird es nicht erfahren? – wird durch das Gedächtniß des Angenehmen gemildert, um nicht zu sagen vergessen.

Wie lieblich sie daliegt, die in ganz Deutschland hochberühmte Fürstenschule, die alte alma mater Portensis, gewöhnlich Schulpforta genannt, im grünen Winkel buchenbewaldeter Höhen des Saalthals! Blaugrau ragt der mit Schiefer gedeckte spitze Kirchthurm über die Gebäude. Der Eindruck des Ganzen von außen ist entschieden bis heute noch ein durchaus klösterlicher; aber das Leben hinter der ansehnlich hohen Mauer ist es um so weniger. Der im Allgemeinen herrschende Ton ist Frohsinn. Zwar hat der Ankömmling, der – als Nachklang aus der Cistercienserzeit – Novitius genannt wird, einige nicht gerade zarte Pennalwitze zu überstehen, bei denen es zuweilen bis zu schwimmenden Augen kommt; indessen ist das auch nicht so roh, wie es hin und wieder selbst von „Pförtnern“ in unüberlegter Mundvollnehmerei geschildert wird; es ist kein Fall bekannt, daß Krankheit oder gar Tod dadurch verursacht wäre, und der durch diesen Empfang Hindurchgegangene kommt sich sozusagen nun erst als ein in der neuen Gemeinschaft zu Recht Bestehender vor. Es dauert nicht lange, so findet der auch völlig unbekannt Eintretende Cameraden und Freunde. Nicht selten sind gerade diese erstgeschlossenen Freundschaften [647] von Dauer nicht nur während der Schulzeit, sondern für’s Leben.

Sollte einer von Euch, die wir im Herbst 1853 dorthin kamen, diese Zeilen lesen, der wird meine Worte bestätigen. Wir sind zum größern Theile gleich fortschreitend resp. zurückbleibend bei einander geblieben bis zum Ende; und als wir von einander gingen zu Naumburg auf dem Bahnhofe, war es nicht nöthig, ewige Freundschaft zu schwören, sondern wir wußten, daß wir trotz mancherlei Trennendem im Leben uns gehören würden in der Erinnerung an gemeinsames Streben, Hoffen, Fühlen, Lieben, Leiden. Und das Leben hat es bewahrheitet.

Fast möchte ich glauben, daß keine Freundschaftsbündnisse idealeren Gehaltes sind als die auf der Schule geschlossenen. Das Herz hat noch keine tiefgreifenden Täuschungen erfahren, ist frei von Mißtrauen, giebt sich ganz hin ohne jegliche Berechnung. Vermögens- und gesellschaftliche Verhältnisse bleiben unberücksichtigt, politische oder religiöse Gegensätze sind noch nicht hervorgetreten; die später etwa sich entwickelnden werden von der älteren Freundschaft überbrückt. Einen Adel giebt es nur auf der Schule, aber einen vollwichtigen, eigenserworbenen, von Allen anerkannten: das Wissen und Können.

Die nicht durch eigentliche Freundschaft verbundenen Schüler einer Classe werden doch schon dadurch, daß sie fortwährend durch den gemeinsamen Unterricht auf gleiche Ziele hingewiesen, in Folge dessen in gleichem Interesse erhalten werden, durch eine solche Art von Gleichgestimmtheit der Seelen zusammengehalten, die am besten mit dem Namen Corpsgeist bezeichnet wird. Dieser Corpsgeist hat seine guten und bösen Seiten, aber er bewirkt doch eine gewisse Selbstlosigkeit und Hingabe des Einzelnen an das Ganze, das dadurch besonders den Lehrern gegenübern zu einer undurchdringlichen Phalanx wird.

„Einer für Alle, Alle für Einen“ war bei uns keine Phrase. Ich habe Studentenkrawalle miterlebt, bei deren „Abfassung“ jeder sich zu drücken und aus der Affaire zu ziehen suchte, die Anderen ihrem Schicksale überlassend. Wir Schüler offenbarten uns entweder gemeinsam, oder wir leugneten gemeinsam. Das Letztere zu vertheidigen fällt mir nicht ein, doch möchte ich sagen wie Ovid: – – facto pius et sceleratus eodem (durch dieselbe That ein Frommer und ein Verbrecher). Was war denn aber zu leugnen? Meistens dumme Streiche, Versäumnisse, Verstöße gegen die Hausordnung, die allerdings nichts weniger als mild war.

Wir sollten im Sommer Punkt fünf, im Winter Punkt sechs Uhr aufstehen; wir sollten den ganzen Tag über immer nach der Minute hier oder da sein; wir sollten nach Commando im Freien oder in der Stube sein, ohne Rücksicht auf Baro- und Thermometer; wir sollten auch in der Freizeit nicht außerhalb der Mauern spazieren gehen, nur Sonntags von Drei bis Fünf und die Primaner auch an diesem oder jenem Wochentage auf zwei knappe Stunden; wir sollten nicht rauchen und waren doch achtzehn-, neunzehn-, zwanzigjährige Burschen; wir sollten nicht Karten spielen; Gott weiß, was wir Alles sollten und nicht sollten. Diese strenge Ordnung hatte ja ihren Segen; aber es war doch für Viele nicht leicht sich in dieselbe hineinzufinden. Zumal das Spazierengehen und Rauchen wurde eine Klippe, an der so manches Schifflein sich ein Leck holte, etliche ganz scheiterten. Ein Primaner mit dem Spitznamen „Hatten“, eine Folge seiner etwas stotternden Zunge, hatte angegeben, von einem durchreisenden Onkel nach Naumburg eingeladen worden zu sein. Man geb ihm die Erlaubniß; die Schwindelei wurde entdeckt; er wurde „geschaßt“ (fortgeschickt). Ein Freund schrieb ihm, dem Scheidenden, in’s Stammbuch:

„Hättest Du, edeler Hatten, Dich nicht verheddert, so hätten
Nicht Dich die Kerls[2] gefaßt; und wir hätten dich noch.“

Mit unwiderstehlicher Anziehungskraft lockte der grüne dichte Buchenwald des Knabenberges; wie prächtig und ungestört ließ sich dort im schattigen Versteck eine Cigarre rauchen! Andere konnten nicht Herr werden ihrer Lust, in Almrich eine Partie Billard zu spielen. Almrich! Eisentraut! nimmer verklingende Namen seligen Angedenkens! Dort wurde der erste Pump angelegt, nicht der letzte, die anderen kamen auch wohl ohne unser Gebet.

(Für „Nicht-Pförtner“ sei bemerkt, daß Almrich, eigentlich Altenburg, ein zwischen Pforte und Naumburg liegendes Dorf ist, wo die Primaner ihre selbst von den gestrengen Herren so halb und halb gestattete Stammkneipe hatten und wohl noch haben. Der nun selige Wirth selbiger Kneipe hörte auf den Namen Eisentraut.)

Die Mauer war kein Hinderniß, in’s Freie zu gelangen; wozu hatten wir Turnen gelernt? Außerdem existirte zu unserer Zeit ein Erbschlüssel zu der kleinen Hinterpforte, die aus dem Schulgarten auf den Fußweg nach Almrich führte. Mit Hülfe dieses Schlüssels waren wir, eine ganze Rotte, eines schönen Tages ohne absonderliche Erlaubniß ausgeflogen. Wir nannten dieses unerlaubte Ausgehen „prellen“. Mit Hülfe dieses Schlüssels waren wir eben im Begriff, wieder einzufliegen, als wir dicht vor uns verdächtige Stimmen von Lehrern vernahmen; jedenfalls waren sie jenseit der Thür so nah daran, wie wir, und wollten heraus, wie wir herein. Was nun? Ausreißen war zu spät; sie brauchten nur von innen aufzuschließen und sahen uns laufen.

G., der den Schlüssel führte, steckte schnell wie der Blitz von außen den Schlüssel in’s Schloß und drehte ihn um eine halbe Wendung um, so daß er nicht von dem entgegenkommenden hinausgestoßen werden konnte. Und nun vorwärts, fort, wie flüchtiges Wild die Mauer entlang bis zu einem günstigen und verstecktliegenden Uebersteigungspunkt. Es ist höchste Zeit zur Visitation zurechtzukommen; doch wir kommen zurecht. Inzwischen arbeiten die lieben Herren im Schweiße ihres Angesichtes an dem Schlosse herum; Einer nach dem Anderen probirt, bis denn endlich der Bart los war. Da mußten sie sich bequemen, den weiten Umweg durchs Vorderthor zu machen. G. aber holte sich alsbald nach der Visitation seinen Schlüssel wieder.

Officielle Feste waren des Königs Geburtstag, der 15. October, die beiden sogenannten Bergtage, das Schulfest am 21. Mai. Am letztgenannten Tage fiel die sonst tägliche Morgenandacht aus und die Feier des Tages begann gleich mit dem um acht Uhr stattfindenden Gottesdienste. Es war im Jahre 1859, als am Vorabend des Schulfestes von einem Primaner die illuminirte Idee vorgetragen wurde, die schöne Zeit des kommenden Morgens bis acht Uhr zu einem Ausfluge zu benutzen. Nur wenige schlossen sich aus. Das Gros stand anderen Tages Punkt vier Uhr marschfertig vor dem großen Portal. Einer von uns, der Verführer selbst, ein passionirter Hornbläser, der außer in der Schule selten ohne sein Horn zu treffen war, hatte den Uebermuth, vor dem Portale das militärische Signal des Aufbruches zu blasen.

„Meine Herren,“ redete er uns dann mit komischem Pathos an, „wenn es Ihnen, wie vorauszusetzen, interessant sein sollte zu wissen, wohin im Rathe der Olympier diese Reise zu machen beschlossen ist, so habe ich die Ehre Ihnen zu eröffnen, daß die befragten Eingeweide des Opfertieres zweifellos auf einen Rudelsburger Frühschoppen deuten. Die Vorzeichen sind günstig. Quin, ascendamus equos!“ (Wohlan, besteigen wir die Pferde!)

Sprach’s und blies in das Horn zum andern Male, und „Hurrah“ scholl’s antwortend zurück. Fort ging’s in rüstigem Eilschritt. Es war ein wonniger Morgen, dichter Nebel im Saaltal. Während unseres Marsches wurde es Tag. Nach fünfviertelstündigem Marsche lag im rosigsten Glanze des Frührothscheines unser Ziel, die alte, liebe Rudelsburg, vor uns. Unser jovialer Mundschenk, der alte Samiel, eine vielgekannte Persönlichkeit, mußte geahnt haben, daß an solchem Morgen auf sehr frühe Gäste zu rechnen sei. Er kam uns grüßend entgegen.

„Guten Morgen, meine Herren!“

„Morgen, Samiel – vierzig Kannen Bock, desgleichen Butterbrod und Schinken!“

Schnell stand der Imbiß vor uns; noch schneller verschwand er durch die hungrigen und durstigen Kehlen.

„Samiel, das Fremdenbuch!“

Es wurde gebracht.

„Sechs Uhr Morgens, am einundzwanzigsten Mai, im Jahre des Heiles neunundfünfzig im neunzehnten Jahrhundert. Es grüßt vierzigstimmiger Gruß dich, Rudelsburg, altes Gemäuer. ‚Vierzig?‘ fragst du; ‚woher kommt ihr Gesellen so früh?‘ Höre, doch schweige! Wir sind – nun? – strebsame Kinder der Pforte. Mütterchen schläft noch; sie hat dessen begründetes Recht, denn sie ist nicht mehr jung; heute feiert sie ihren Geburtstag, den dreihundertsechszehnten; da schien’s heilige Pflicht uns zu sein, daß wir nicht stören den Schlaf der Mutter, unserm Drange, laut zu jubeln, [648] fern ab Raum zu geben von ihr. Mögen die Himmlischen ihr, der guten, noch viele der Jahre schenken und Söhne, die uns gleich kommen an Pietät.“

So schrieb Einer hinein, die Anderen stimmten bei, und nachdem der Bläser das Signal des Aufbruches gegeben hatte, wanderten wir, an Fröhlichkeit und Singsang mit den Lerchen wetteifernd, heim. Unbemerkt langten wir an und hörten bald darauf mit Andacht auf des wortreichen Nisus Predigt über den uralten Schulfesttext: „Hier ist nichts Anderes denn Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“

Am nächstfolgenden Sonntage waren etliche unserer Lehrer auf der Rudelsburg; sie lasen unsern Uebermuth und – lachten. Wie sehr ein Theil unserer Lehrer, ohne sich etwas zu vergeben, Verständniß hatte für Schülerthorheiten, wenn sie nur nach Witz schmeckten, das zeigte sich auch bei der feierlichen Bestattung des sogenannten Examenmannes. Damit verhielt es sich also:

Nach Schluß jedes halbjährlichen Examens wurde eine Strohpuppe mit ausrangirten Kleidungsstücken ausstaffirt. Diese Puppe hieß Examenmann. Dieselbe wurde, von einem Obersecundaner getragen, durch alle uns zugänglichen Räume der Anstalt geführt. Es folgten alle Schüler mit Ausnahme der Primaner, die in vornehmer Entfernung dem tollen Spiele zuschauten. Toll war das Spiel. Ein zufällig hinzukommender Fremdling hätte ohne Erklärung des Vorganges uns Alle miteinander für Tollhäusler gehalten; denn es wurde dieses Umhertragen des Examenmannes mit einem so wüsten, ohrenfellzerreißenden Lärme und Geschrei begleitet, davon auch, wie Sanct Paulus schreiben würde, die Heiden nicht zu sagen wissen. Die Untertertianer machten die Obersten der Teufel. Weiße Hemden übergezogen, mit allen möglichen, nur erdenkbaren Lärminstrumenten versehen, und sollten es nur große Papiertüten sein, ließen sie ihre Wuth über das Examen – denn das war des kindischen Spieles tiefer Sinn – in so mark- und beinerschütternder Weise aus, daß sie andern Tages mehr oder minder wegen Heiserkeit sprachlos waren.

Eine Pause in dem Lärme bildete die von einem Primaner gehaltene Rede, bei welcher – das wußten wir genau – die Lehrer selbst das gewichtigste Auditorium bildeten. Darin lag die Pointe der Rede; denn in harmloser und in den natürlichen Grenzen sich haltender Situation wurde nun das Verhalten der Lehrer in dieser oder jener famos gewordenen Classenangelegenheit des verflossenen Semesters gegeißelt. Das Ganze war eingerahmt in eine Klage über die Quälereien des Examens, gewöhnlich in Versen. Uebel genommen wurde nichts. Nach Schluß der Rede ging das Brüllen wieder los, und der durch, Gott sei Dank! nicht gefühlte Stockschläge arg mitgenommene Examenmann wurde in die Fluthen des Mühlteiches geschleudert, aus welchem ihn die Müllerknechte um seiner Hosen willen herausfischten. Das war das Ende des Spectakels.

Nicht viel besser erging es den Herren Professoren zu Fastnachten, dessen Feier für uns außer in den köstlichen Pfannkuchen im Theaterspielen gipfelte.

An einem Abende spielten die Obersecundaner irgend ein modernes Lustspiel, am andern die Primaner ein classisches Stück, letztere unter der Aegide des nun heimgegangenen Professors Koberstein, des bekannten Literarhistorikers. Auf jenen weltbedeutenden Brettern im Turnsaale hat auch dessen Sohn, der nun als Schauspieler wie als Schauspieldichter ebenfalls wohlbekannte Karl Koberstein, seine ersten Stipendien im Dienste des Thespis verdient. Ich sehe ihn noch als Antonius im „Cäsar“ uns entzücken.

Was nun das Spiel der Obersecundaner betrifft, so wurde das ähnlich wie beim Examenmann gewürzt durch hineingetragene allgemein verständliche Localwitze, mehr noch dadurch, daß dieser oder jener Schauspieler aus seiner ganzen Rolle die carrikirende Nachahmung eines Lehrers in Haltung, Geberde und Sprache machte. Das war gerade dort nicht allzuschwer, da wir das Glück hatten, uns einiger Lehrer mit ausgeprägten Eigenthümlichkeiten zu erfreuen, welche fast täuschend nachzuahmen den vorhandenen mimischen Talenten zu allgemeiner Lust köstlich gelang. Auch hier war die Regel: „Uebelgenommen wird Nichts“. Indessen keine Regel bekanntlich ohne Ausnahme. So ist auch manchmal einem auf der Bühne bejubelten Schauspieler, wenn er nach abgelegter Maske auf der Schulbank seinem Original gegenüber saß, übel genug zu Muthe gewesen.

Der in Pforte aus natürlichen Gründen mehr als auf anderen Schulen sich bildende Verkehr zwischen Lehrern und Schülern hatte aber außer dem Angenehmen und Fördernden dieses Umganges doch das Unangenehme, daß dadurch Gunst oder Ungunst gegen Einzelne nicht wenig cultivirt wurde; wir nannten das „Fuchs oder Disfuchs haben“. Und gar Mancher hat unter diesem, wenn auch nicht immer ganz unmotivirten „Disfuchs“ nicht wenig geseufzt. Doch das ist überstanden.

Professor K. war Ordinarius von Unterprima; sein Steckenpferd war lateinische Poesie. Jeden Sonnabend gab er das Thema zu einem von uns zu fertigenden Epigramme, das er selten oder vielleicht nie uncorrigirt gelassen hat. Eines Sonnabends legte er die mitgebrachten corrigirten Hefte auf eine Bank in die Nähe meines schon oben erwähnten Freundes G. Dieser, welcher diesmal über die Weisheit des Herrn Professors zu triumphiren hoffte – denn er hatte aus einem alten Schmöker ein classisches Epigramm auf Homer von Heinsius abgeschrieben – suchte etwas neugierig, während K. Anderen ihre Arbeiten mit den nöthigen Bemerkungen zurückgab, in dem neben ihm liegenden Stoß von Heften das seinige. K. bemerke dieses Manöver. „Na, G., was sein Sie vor en neijierijer Pursche“ (er sprach das reinste Weißenfelser Deutsch), „ich wärde Ihnen jleich Ihres vorneweg jeben.“ Er hatte darunter geschrieben:

„Heinsius egregie laudes descripsit Homeri.
     Götzius illius cor sua verba facit!“

was in freier Uebersetzung etwa lauten würde:

Heinsius ehrte vordem den Homer mit gewaltigem Lobe.
Seine Worte, warum eignete Goetz’ sie sich an?

„Ich wärde Ihnen en neies Thema jeben, extra, und das können Sie uf’m Carcer machen.“

Und so geschah’s.

Das war kurz vor den Sommerferien; in den letzten Tagen vor denselben pflegten wir unsere Stubenthüren mit Laub zu bekränzen und mit Plakaten zu behängen, Bogen voll Bilder und Schrift mit Beziehung auf die Geschichte der Bewohner der Stube. K. hatte die Aufsichtswoche und las eifrigst alle ausgehängten guten und schlechten Witze. An irgend einer Thür hing mit einem Male ein Bogen weißes Papier, auf dem nichts geschrieben stand als ganz unten mit keiner Schrift: verte! Pflichtschuldigst drehte der gute Professor um und las: „Neijierijer Pursche“. Er sagte nichts; aber G. mußte von nun an mindestens doppelt so firm sein wie wir.

Daß aber bei alledem unsere gestrengen Herren dafür sorgten, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, davon zeugt das schwarze Buch. Als pädagogische Hausmittelchen wurden angewandt: Dispensation, Carene, Carcer. Unter Dispens versteht man sonst gewöhnlich die Entbindung von einer Pflicht; hier war es die von einem Rechte, nämlich des Spazierganges. So kurz auch die Zeit des erlaubten Spazierganges an sich bemessen war, so war ein solcher freiheitsloser Sonntag doch eine herbe Strafe, herber fast als die in den Augen der Lehrer strengere Strafe der Carene. Der Carirende bekam nicht nur kein Mittagsbrod, sondern er mußte, während die Anderen dinirten, an einem in der Mitte des Speisesaales befindlichen Tische stehen. Diese Strafe war für Secundaner schon etwas ehrenrührig; doch kam sie vor, wenn auch selten. Primaner habe ich während meiner Zeit nur einmal cariren sehen; für einen solchen war die Carene ein Unerhörtes. Es herrschte übrigens die rücksichtsvolle Sitte, daß, wenn ein Fremder während des Essens in den Speisesaal kam – was besonders im Sommer häufig der Fall war –, der Carirende ohne zu fragen auf seinen Platz gehen durfte, allerdings ohne zu essen; aber das war auch die Nebensache. Für die Schüler der beiden oberen Classen war die gewöhnliche Strafe Carcer, aber nicht nur für die Dauer von einer oder zwei Stunden, sondern eines ganzen Tages, auch zweier, nur nicht des Nachts.

Auf dem Carcer habe ich vergeblich bei meinem jeweiligen Aufenthalte das famose Klopstock’sche Wort gesucht: „Mich wird die Nachwelt einst in ihre Tafeln graben.“ Dagegen fand ich ein Buch, ein köstliches Carcerbuch, in welches jeder Besucher dieses freundlichen Locales nicht nur seinen Namen eintrug, sondern auch mehr oder weniger ausführlich den Grund [649] seines dortigen Aufenthaltes in allen möglichen todten und lebenden Sprachen, in Prosa und Poesie, verherrlichte. Dieses Buch enthielt viele Körner attischen Salzes; ich hätte es gern ausgeführt, aber die Pietät verhinderte es.

Das ist der Humor von der Sache; aber hinter demselben barg sich doch ein tiefer, ich möchte sagen, ein heiliger Ernst. Dank unsern Lehrern, ging ein Zug idealen Strebens durch einen großen Theil der heranwachsenden Jünglinge. Namen wie Peter, Steinhardt, Keil, Corssen, Koberstein, Jacobi, der Umarbeiter des ausgezeichneten Werkes von van Swinden, bürgen dafür, daß ihre Schüler eingeführt wurden in die Schätze des classischen Alterthums. Die sprachlichen Schönheiten der Alten und ihre Gedankenfülle wurden uns von den alterthumskundigen Führern gezeigt und zur Nachahmung empfohlen. So wenig Pforte darin einzigartig sein mag, so hat es doch in dem Quell des classischen Studiums, seinen Traditionen treu, bisher einen begründeten und von anderen Bildungsanstalten neidlos anerkannten Ruf behauptet. Eine Specialität in diesem Punkte hat Pforte in der ungewöhnlichen Pflege lateinischer und griechischer Metrik und vielfacher Anwendung derselben. Schon in Unter-Tertia begann das „Versemachen“. In den oberen Classen genügte es uns nicht, prosodisch richtig zusammengeleimte Verse zu schmieden, sondern wir hielten auf Eleganz, allerlei Wortspiele, Assonanzen, Alliterationen und dergleichen. Ich erinnere mich, daß wir in Ober-Secunda den ersten Gesang von „Hermann und Dorothea“ in lateinischen Versen wiederzugeben hatten, eine Aufgabe, die mir heute fast gewaltiger vorkommt als damals. Es giebt nun zwar Philologen, welche von diesem Versemachen nichts halten, andere dagegen erkennen – und mir scheint mit Recht – an, daß in dieser Uebung eine vortreffliche Gymnastik des Geistes enthalten sei. Ein bedeutender Philologe sagte mir einmal, daß man die Fertigkeit, in einer fremden Zunge zu reden, am besten beurtheilen könne daran, ob man in derselben zu rechnen verstehe. In den Geist einer Sprache, respective eines Volkes, aber dringe man am tiefsten durch das Verständniß seiner Dichter und durch deren Nachahmung.

Soviel ist gewiß, wir haben, mit wenigen Ausnahmen, mit Lust und Liebe und mit einigem Geschick der lateinischen Poesie obgelegen und entschiedene Förderung dadurch gemerkt. Aber nicht nur die Alten wurden bei uns cultivirt in ihrer Sprache, Geschichte und Geographie, auch unseres eigenen deutschen Volkes Sprache war Gegenstand liebevoller und eingehender Behandlung. Der gründliche Kenner des Alt- und Mittelhochdeutschen, Professor Koberstein, führte uns ein in die alt- und mitteldeutsche Grammatik und in die literarischen Schätze deutscher Vorzeit.

Häufig wird es von den der Verhältnisse Unkundigen der Pforte zum Vorwurf gemacht, daß sie über dem Sprachencultus der Realien vergesse. Aber man sehe nur die Programme an! Geschichte, Geographie, Mathematik, Physik galten als durchaus vollwiegende Unterrichtsgegenstände, und das Wissen in denselben war in Bezug auf Censuren und Versetzungen so wesentlich wie die vorigen. Ja, Pforte ging weiter als andere Schulen; es cultivirte das Können. Zeichnen, Singen, Turnen, Fechten, Tanzen, Schwimmen beförderten die Gymnastik des Leibes, Anstand in Haltung und Bewegung, Gesundheit, fröhliches Herz, persönlichen Muth.

Und welches sind nun die Belege dieser Worte? Die Liebe, Anhänglichkeit und Dankbarkeit der „Pförtner“ an ihre geistige Mutter. Diese Schüler sind nun zwar nicht alle Lichter geworden – wo wäre eine Anstalt, die solche Resultate zu erzielen vermöchte? – aber manche unter ihnen sind ihren Lehrern ebenbürtig geworden an Gelehrsamkeit und Ruf; etliche haben sie übertroffen.

Außer den als „Pförtnern“ überall bekannten Klopstock und Fichte nenne ich nur unsern Professor Keil, einst selbst Schüler in Pforte, den berühmten Lepsius, den Naturforscher Ehrenberg, den weiland Ministerpräsidenten Manteuffel und den trotz seiner Jugend in seiner Wissenschaft rühmlichst bekannten Astronomen Auwers, der sich übrigens nicht nur Wissenschaft in Pforte geholt hat, sondern auch seine Frau.

Noch Mancherlei, besonders Pförtnern als Erinnerung Liebes, könnte ich berichten. Doch genug für heute, ein andermal mehr.




Von der Dynastie „Cäsar“!


Wenn man sich den berühmten Cäsar, den Beherrscher Roms, vorstellte, wie er mit sechs Damen über eine Knüppelbarrière springt, so wäre dies gewiß ein hochkomischer Gegenstand. Etwas Anderes ist es aber, wenn damit der Hund Cäsar aus Waldheim in Sachsen gemeint ist, dem im vorigen Jahrgange der Gartenlaube (Nr. 14) Wort und Bild gewidmet waren und der dadurch, wie es scheint, zu einer nicht geringen Berühmtheit gelangt ist.

Mit dieser Berühmtheit hängt, um dies kurz zu erwähnen, auch die Entstehung des gegenwärtigen Bildes zusammen. Es sind dem Besitzer Cäsar’s, dem Herrn Bergmann, damals so viele Briefe zugekommen, welche Wünsche nach Hunden gleicher Race aussprachen, daß er sich entschloß, Hunde zu züchten, um die Eigenschaften Cäsar’s in möglichst vielen gleichschönen Exemplaren fortzupflanzen. Der Wunsch, von dieser Hundefamilie ein Bild zu besitzen, wie früher von Cäsar allein, rief mich wieder nach Waldheim. Eine Darstellung der ruhig daliegenden, sitzenden oder stehenden Hunde zu geben, hätte leicht langweilig werden können, so daß das Bild nur für den Besitzer und Hundekenner einiges Interesse gehabt hätte, eine Gruppirung mit Kindern oder einem hübschen Mädchen aber ist schon etwas verbraucht und hätte dem Künstler den Vorwurf der Ideenarmuth einbringen können, und so ging denn der Vorschlag desselben durch, die Hundegesellschaft in irgend einer lebendig bewegten Scene darzustellen, so daß das Bild auch von diesem Gesichtspunkte aus, also auch dem Nichtkenner Interesse erregen könnte. Ob dies gelungen, möge der freundliche Leser nach dem im Holzschnitte beigegebenen Bilde selbst entscheiden.

Um Wiederholungen zu vermeiden, muß ich Diejenigen, welche sich über Cäsar, der auf gegenwärtigem Bilde oben in der Mitte dargestellt ist, unterrichten wollen, bitten, im vorigen Jahrgange das Betreffende nachzulesen. Hier will ich zunächst erzählen, wie ich Alles fand, als ich in diesem Jahre meinen ersten Besuch in Waldheim machte.

Cäsar und Minka, die mir schon bekannte Hündin, wohnten noch, wie früher, in dem eigentlichen Hofe hinter dem Wohngebäude, dahingegen war der frühere Garten, welcher hinter dem Fabrikgebäude lag, rasirt und in einen Hundezwinger umgewandelt worden. An zwei Seiten, einer langen und einer Schmalseite, waren die einzelnen Räume für die Hündinnen angebracht, jeder innen mit einer, manchmal auch zwei Hütten versehen; an der Schmalseite waren dies gemauerte Stallräume. Fünf Parcellen waren von Hündinnen bewohnt, von denen zwei Junge hatten, und eine sechste Abtheilung diente vorläufig zur Aufbewahrung des Fleisches. Der übrige Raum war ein freier Hof.

Bei meinem ersten Eintritte wurden sofort sämmtliche Thüren der Hundewohnungen geöffnet, und da auch Cäsar und Minka aus dem vorderen Hofe gefolgt waren, so entfaltete sich nun ein lebendiges und höchst anziehendes Gewimmel schön gebauter und malerischfarbiger Hundegestalten. Alle bewillkommneten natürlich zuerst ihren Herrn durch allgemeines Andrängen und gewaltige Schweifwedelung, und Diesem folgten dann die einzelnen Begrüßungen untereinander, hier freudig, dort vielleicht das Gegentheil, wenn auch blos von einer Seite. Alles aber schaarte sich um Cäsar, nachdem die erste Freude vorüber war, ihn und nur ihn schien die ganze vierbeinige Gesellschaft ebenso zu verehren wie zu lieben. Geradezu wie küssend umdrängten sie mit ihren Köpfen den des herrlichen, sie sitzend noch überragenden Thieres, und indem immer mehrere ihm gleichzeitig die Schnauze beleckten, schien ein förmlicher Wettstreit um seinen Beifall sich zu entwickeln, mir ein vollständig neues Bild aus dem Thierleben. Cäsar seinerseits war dies offenbar gewohnt; er nahm die Huldigungen ruhig und mit Würde an und bot gerade dadurch einen anziehenden Gegensatz zu den lebhaft erregten

[650]
Die Gartenlaube (1873) b 650.jpg

Cäsar mit seiner Familie. Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.

[651] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [652] Hündinnen. Dazwischen stolperten und kugelten sich die jungen Hunde herum, sich selbst und den anderen, auch uns, fortwährend im Wege mit dem tölpischen blinden Darauflosrennen ihrer ungehobelten Jugend.

Als nun alle diese Begrüßungen zur Genüge ausgetauscht waren und die Hunde mehr anfingen, sich ihrer Kraft und Freiheit zu erfreuen und herumzuspringen, schien es Herrn Bergmann Zeit, ihnen noch mehr Raum zu schaffen. Die Thür zum Gras- und Obstgarten wurde geöffnet, und – ein neues prachtvolles Bild – mit gewaltiger Kraft sich gegenseitig wegdrängend und überspringend, suchten alle mit freudigem Gebell die Freiheit im Grünen zu gewinnen, wo ein rechtes Austummeln erst möglich war. Cäsar selbst, bisher der Gemessene, durch Kraft und Größe den Andern überlegen, brach sich Bahn durch alle und war einer der Ersten im Grünen, und nun begann das fröhliche Getümmel dieser schönen Gestalten, fast jeden Augenblick sich anders gestaltend. Hier jagten sich einige herum, mit langgestreckten Sätzen in wenigen Augenblicken die ganze Länge des Gartens durchmessend; dort spielten andere, sich im hohen Grase wälzend und gegenseitig überstürzend; anderswo saß hingegen Cäsar, im Gefühle, um nicht zu sagen Bewußtsein, seiner Würde sich von solchem leichtsinnigen Treiben fernhaltend, aber wiederum geliebkost von der oder jener Hündin.

Der Leser wird schon errathen haben, daß das Herauskommen aus dem Zwinger auf dem Bilde dargestellt ist; nur schlug ich zu diesem Zwecke noch vor, irgend ein Hinderniß zu errichten, über welches nach Oeffnung der Thür die Hunde springen müßten, und dies gelang vollkommen. In prachtvollem Schwunge und mit offenbarer Freudigkeit über diese Bethätigung ihrer Kraft übersprangen die Hunde dichtgeschaart die vortrefflich angebrachten Knüppel, gleich einer Gruppe Wettrenner, welche ein Hinderniß „nehmen“, und eine lebendigere Scene konnte daher kaum gewünscht werden.

Wie war es möglich, diese Scene zu malen? Diese Frage wird bei Vielen auftauchen und ist auch schon gestellt worden. Sie soll daher in aller Kürze hier beantwortet werden. Zuerst mußten eben stundenlang die Hunde zusammen die Sprungübung machen, damit man sich eine Vorstellung von der möglichst günstigsten Auffassung und Gruppirung bilden konnte. Nachdem dies geschehen und die Vertheilung der einzelnen Hunde auf dem Bilde festgestellt und skizzirt war, mußte jeder Hund einzeln springen und wurde dabei gemalt, d. h. die Stellung und Haltung beim Springen mußte im Umrisse nach schneller Beobachtung des springenden Thieres erfaßt werden; die eigentliche Ausführung geschah aber nach dem ruhig dastehenden Thiere, welchem dabei die einzelnen Glieder nach Bedarf gehalten wurden. Die Sache war also sehr einfach.

Und nun mögen mir die vierbeinigen Schönen erlauben, daß ich sie dem geneigten Thierfreunde einzeln vorführe. Da ist vor Allem Minka, die erste und bevorzugteste Stammhündin, welche, wie schon gesagt, mit Cäsar allein den vordern Hof bewohnt und sich dieser Bevorzugung, wie es scheint, als vollberechtigt sehr wohl bewußt ist.

Ist z. B. eine der anderen Hündinnen in ihrer Hütte gewesen oder gar vorübergehend hineingesperrt worden, so weigert sich Minka stets entschieden, wieder hineinzugehen, und kann nur mit dem größten Ernste dazu gezwungen werden. Vor einiger Zeit, als eine ähnliche Entweihung geschehen und sie, da sie im Begriff war, Junge zu bekommen, in die geräumige Hütte nebst Vorraum gesperrt worden war, zerbrach sie in der Nacht nicht durch Durchfressen, sondern durch Anstemmen mit aller Kraft die drei und einen halben Centimeter starken Latten ihres Vorraums und lag früh, als sie entdeckt wurde, mit einem bereits geborenen Jungen in der Aschengrube des Hofes, welche ihr gewiß nicht bequemer, aber unentweihter erschienen war. Jetzt wurde ihr das Junge genommen und in die Hütte zurückgetragen, so daß sie nothgedrungen folgte, aber nur so lange sie bewacht wurde, blieb sie in dem verhaßten Raum, und im ersten freien Augenblick war sie, eins der nachgekommenen Jungen im Maul, bestrebt wieder zu entweichen.

Das Durchbrechen der Thüren scheint für Minka etwas Selbstverständliches zu sein; als ihr von den Jungen die Weibchen entrissen wurden, um, wie dies üblich, getödtet zu werden, hatte sie sehr bald ausgekundschaftet, wo die kleinen Leichen gelegen, denn fast drei Wochen lang sprengte sie die immer von Neuem reparirte Thüre des Hofschuppens auf, um genau an der Stelle, wo ihre Kinder gelegen, tiefe Löcher in den Boden zu wühlen und nach denselben zu suchen. Solche Macht der Mutterliebe hat selbst bei den Thieren etwas Tiefrührendes.

Da Minka bisher als einzige Hündin Jahre lang dort gelebt hatte, so machte es ihr gar keine Freude, als auch andere einzogen und sogar, wie sie, Mutterfreuden erlebten. Mit Neid blickte sie auf deren Nachkommenschaft und hätte sie am liebsten verjagt. Da dies aber doch nicht ging, so suchte sie sich wenigstens die Oberherrschaft zu bewahren, was ihr vollständig gelungen ist; alle müssen sich ihr fügen; selbst die noch zu erwähnende halbwilde Blanca mußte nach monatelangem Hader und Kampf Minka’s Pantoffelherrschaft doch zuletzt anerkennen. – Die Farbe Minka’s ist erbsfarbig, nur die Pfoten sind weißlich. Auf Rücken und Schweif sind die Haarspitzen schwarz. Auf dem Bilde ist sie neben Cäsar nur mit Kopf und Vordertheil sichtbar.

Die langlockige, corpulente Gestalt links unten auf dem Bild trägt den Namen Diana; sie ist selbstgezogen, also echt Waldheimer Blut. Ein lichtes mattes Gelb ist, fast ohne weitere Abzeichnung, die Farbe des reichgelockten, weichen Felles, und besonders schön ist die feine Form ihres Kopfes.

Neben Diana ist auf dem Bild die jüngere Juno dargestellt, auch selbstgezogen und zur Zuchthündin ebenfalls bestimmt, aber noch nicht verwendet. Sie erinnert durch Farbe, Gestalt und erstaunliche Größe außerordentlich an Cäsar, ist aber noch ungeschliffen im höchsten Grade. Als Springerin alle anderen Hündinnen weit übertreffend, flog sie stets, allen voran, in einem ganz flachen Bogen über die Knüppel – ein höchst eleganter Anblick. Nur Cäsar, wenn er mit der Haltung eines Löwen die Barrière übersprang, übertraf sie hierin. An Cäsar und Minka hängt Juno, wahrscheinlich weil sie selbst noch keine Kinder gehabt hat, mit großer Zärtlichkeit; sie vertheidigt die Letztere bei jeder Gelegenheit, und Cäsar’s Gewogenheit ist ihr Glück. Dahingegen ist sie von einer himmlischen Plumpheit beim Spazierengehen. Indem sie sich mit Cäsar herumhetzt, kommen die Vorübergehenden, auch ihr Herr und dessen Begleitung, stets in Gefahr, von ihr umgerissen zu werden, während Cäsar durch eine letzte Wendung dies stets vermeidet. Ohne es selbst zu merken, wirft sie im Vorübersausen dem neben ihrem Herrn Gehenden, und wäre es auch ein namhafter Photograph aus Dresden, den Regenschirm aus der Hand, und ist schon weit entfernt, wenn der zerbrochene Unglückliche aufgehoben wird. Der Kopf Juno’s ist durch seine Stärke mehr der eines Hundes, als einer Hündin, was auch theilweise die Ursache der großen Aehnlichkeit mit Cäsar bildet. Die Behaarung war zur Zeit des Malens gerade nicht sehr entwickelt, in der löwengelben Farbe der angehenden, schwarzendigen Locken aber auch bereits sehr cäsarisch. Die andern großen Hündinnen sind von auswärts an den großen Hundequellen bezogen, können aber leider aus Mangel an Raum nicht weiter besprochen werden.

Obgleich es eigentlich meine Absicht war, Nichts mehr über Cäsar zu sagen, so will es mir doch als ein Unrecht erscheinen, das neuerdings an ihm Beobachtete zu verschweigen. In der That, wenn man dieses Thier (und in anderen Fällen wohl ähnliche) mit Theilnahme beobachtet, so macht sein Benehmen, wenn man bestrebt ist, sich die Thierform hinwegzudenken, fast mehr den Eindruck eines edlen und energischen Menschen, als eines Thieres. Keine Spur von dem, was wir unter hündischem Wesen verstehen. Seinem Herrn durchaus folgsam, ist er doch weit entfernt von demüthiger Unterwürfigkeit, ja oft scheint es, als sei er ernstlich darauf bedacht, nur als der Freund seines Herrn, nicht aber als dessen Untergebener betrachtet zu werden.

Beim Baden umkreist er seinen schwimmenden Herrn fortwährend, er badet also „mit ihm“, und auf dessen Ruf: „Cäsar, hol’ mich!“ schwimmt er sofort heran, und zieht denselben, wenn er sich im Fell des stierartigen Nackens festhält, ohne Schwierigkeit an’s Ufer. Auch Juno hat, von Cäsar dabei aufmerksam beobachtet, dieses Stück bereits einmal ausgeführt, aber mit großer Anstrengung; bei ihr, als Dame, immerhin höchst ehrenwerth. Es ist überhaupt ein Genuß, Cäsar einer reißenden Strömung entgegenschwimmen zu sehen. Beim Besuch der Nixenkluft, einer höchst romantisch gelegenen schönen Höhle unmittelbar an der [653] dort sehr reißenden Zschopau, folgte Cäsar unserem stromaufwärts fahrenden Boot, immer dicht hinter demselben bleibend, und mit prachtvoll regelmäßigem Tempo seiner Pfoten die Strömung bewältigend, während Juno, erst angstvoll am Ufer zurückbleibend, sich zuletzt mit komischer Verzweiflung in’s Wasser stürzte und winselnd, manchmal auch wieder fortgerissen, nur in großer Entfernung nachkommen konnte.

Wenn alle Hunde im Hofe ihres Zwingers versammelt sind, um von ihrem Wärter das Fleisch zugeworfen zu erhalten, welches sie dann geschickt auffangen, dann sitzt Cäsar gleichmüthig an der Wand oder steht bei seinem Herrn, ruhig dem hungrigen Treiben der anderen zusehend. Gilt es ihm aber, einen bestimmten Zweck zu erreichen, so kann nur Eisen und Stein ihm ein Hinderniß sein. Will er zum Beispiel durchaus einer Hündin Gesellschaft leisten, so weiß er irgendwie aus dem vorderen Hofe in den Nebengarten zu entkommen, durchbeißt, wie ich selbst sah, die Stangen, die (rechts auf dem Bilde) diesen Garten begrenzen, und überspringt bei geschlossener Thür die hohe Balkenbarrière, welche (links auf dem Bilde) die Umgrenzung des Zwingers zeigt; das schließliche Durchbeißen der Lattenthür am Hundestall ist dann der Schluß.

Ist Cäsar’s Herr anwesend, so geht er einzig mit diesem aus. Nur wenn derselbe verreist ist, schließt er sich beim Ausgehen der Gattin desselben auch an diese an, nicht aber an Andere. In solcher Zeit ist er stets verstimmt, frißt wenig und verliert an Ansehen. Ich selbst, obgleich er mich bei meiner siebentägigen Anwesenheit gewiß als Freund kennen gelernt hatte, konnte ihn nicht bewegen, zu mir zu kommen, wenn er vielleicht sechs bis acht Schritte entfernt war; von Mitgehen, wenn ich allein ausging, war gar keine Idee. So sehr bewahrt er seine Selbstständigkeit, obgleich er sich sonst sehr gern liebkosen und bewundernd loben läßt. Ein herrlicher Anblick war es, als er zum Gemaltwerden allein über die Barrière zu springen hatte. Mit einer Kraft, einer so imposanten Haltung zugleich vollführte er diese häufig wiederholte Uebung, das herrliche gelbe, schön gelockte und schwarze Fell leuchtete dabei so glänzend im Sonnenschein, der starke, fast löwenartig gemähnte Hals erschien dabei so gewaltig, daß ich vor Bewunderung nur schwer arbeiten konnte.

Dieses in Größe, Farbe und Haltung leuenhafte Aussehen Cäsar’s ist auch die Ursache, daß sehr oft, wenn er an einem Ort, wo er noch unbekannt ist, erscheint, die Kinder ausrufen: „O Gott, ein Löwe!“ wie ich dies selbst erlebte. Ja, in einem Dorfe zwischen Döbeln und Waldheim, welches Cäsar’s Herr mit demselben passirte, fielen drei ungefähr zehnjährige Mädchen, als sie des Hundes unerwartet ansichtig wurden, vor Schreck wie auf Commando gleichzeitig um, erholten sich aber bald, als sie sahen, daß sie nicht sofort gefressen wurden. Als einmal sein Herr in Leipzig mit dem Thier vor einem Kaufladen stehen blieb, sammelten sich so viele Menschen bewundernd um dasselbe, daß ein Polizeidiener den Besitzer höflich bat, nicht länger stehen zu bleiben, da sonst die Passage ganz gesperrt werde.

Cäsar hatte, um in ich einer einzigen Wiederholung aus Nr. 14 der vorjährigen Gartenlaube schuldig zu machen, bereits damals zweiundachtzig Centimeter Schulterhöhe, und zwar diese Höhe als einfach senkrechte Linie gedacht. Das ist bei Messungen nicht unwichtig; so war z. B. eine der bezogenen Hündinnen auch mit einer erstaunlichen Höhe angegeben worden, bei näherer Untersuchung stellte es sich indeß heraus, daß diese Höhe stimmte, wenn man das Maß am Vorderbein aufwärts und bis auf die Mitte der Schulter herumlegte; diese Art zu messen, die ja Niemandem verwehrt werden kann, bringt ein bedeutendes Mehr heraus, als die senkrechte Linie, und noch mehr geschieht dies, wenn man das Maß erst längs der Zehen auflegt, was sich auch ganz vortrefflich ausführen läßt.

Es ließe sich natürlich noch Vieles über diese Zucht sagen, aber die Gartenlaube ist ja kein Fachblatt für Dergleichen. Auch habe ich als Laie keinen Beruf, hier belehrend zu sprechen, sondern mußte mich beschränken, das Gesehene zu schildern. Diese Zeilen sind daher auch nicht für Sachkenner, sondern für’s große Publicum bestimmt, bei welchem die Liebhaberei für schöne, große, langlockige Hunde jetzt so groß, und jedenfalls berechtigter ist, als für Möpse und ähnliche Carricaturen.
L.




Künstler und Fürstenkind.
Von August Lienhardt.
(Fortsetzung.)


11.

     (Graf Werdau an seinen Oheim.)

Da wäre ich nun, mein lieber Onkel, seit mehreren Wochen mit Deiner Zustimmung in der Blumenstadt, und ich kann mir denken, wie oft Du schon ungeduldig den Postboten erwartet hast, um von den Erfolgen Deines Sendlings zu vernehmen. Zu meinem großen Erstaunen traf ich Arsent bereits hier, der Hedwig auf Schritt und Tritt verfolgt und zwar, wie es scheint, mit Billigung des Herzogs Ernst. Ich ließ mich das wenig anfechten, denn trotz seines Reichthums müßte dieser Merinoprinz früh aufstehen, um einen Werdau auszustechen! Mache mir aber auch auf Ehre einen Capitalspaß daraus, den ledernen Kerl recht aufsitzen zu lassen, und zwar, wie ich glaube, mit gutem Erfolg, denn die geistreiche Hedwig kann an seinen nach Schafwolle und Pferden riechenden Witzen auf die Dauer keinen Gefallen finden. Glücklicherweise leistete mir der Kleckser bereits Vorschub; denn er hat sie mit seinem romantischen Gefasel über Raphael’sche Madonnen so nervös gemacht, daß sie bei dem leisesten Stallgeruch in gelinde Nervenzuckungen verfällt. Geschieht ihm schon recht! Warum schlich er so perfide unserer Angebeteten nach, ohne uns etwas davon ahnen zu lassen! Das war nicht fair play, auf Ehre!

Doch was sagte ich „Kleckser“! Da habe ich dem Maler doch unrecht gethan! Der Kerl hat Dir eine Gewandtheit im Copiren, daß ich ihn anstaune. Ich habe freilich nicht Deinen Blick in Kunstsachen, aber gestehen muß ich es doch, daß ich einen Tizian von der von ihm in einer Woche anfertigten Copie nicht unterscheiden konnte.

Ich hatte bei diesem Anblick so meine eigenen Gedanken! Wenn mein Onkelchen nicht so strenge auf das Original versessen wäre und sich mit einer Copie seines angebeteten Rembrandt einstweilen begnügen würde, so wäre uns Beiden geholfen. Meine Aufgabe wäre gelöst! Denn was meinen Theil der Mission betrifft, so betrachte ich Hedwig bereits als die Meine. Sie coquettirt zwar noch ein wenig, um mich zu reizen, mit Arsent, und, um diesen noch feuriger zu machen, sogar mit dem Kleckser – allein, da dieser nicht in Frage kommt, halte ich mein Spiel für gewonnen. Wenn nur Herzog Ernst nicht wäre – mit seinen selbstsüchtigen, finanziellen Familienrücksichten und Bedenklichkeiten, welche eben nur von einem theuren Onkel beschwichtigt werden können.

Ich habe den Gedanken von der Benutzung der Geschicklichkeit des armen Malers nur so hingeworfen und werde, liebes Onkelchen, gewiß noch alle meine Gewandtheit und Diplomatie aufbieten, um Herzog Ernst weich zu machen und zur Abtretung des Rembrandt zu bewegen. Wenn aber Alles nichts fruchtet, wird mein guter Onkel doch nicht hartherzig sein und den vorgeschlagenen Ausweg verschmähen und so seinen lustigen Neffen hindern, zum glücklichsten aller Sterblichen zu werden.

Nimm mit diesen Andeutungen für heute vorlieb, mein Onkelchen! Du weißt ja, daß ich stets meinen Schießprügel besser zu handhaben wußte, als die Feder, welche ich lieber den Federfuchsern überlasse. Auf ewig
Dein Oscar.


12.

Ich nahm die Feder zur Hand, Gottfried, um Dein Ohr mit Klagen über mein Unglück zu füllen, und bedenke jetzt erst, daß ich ja dazu kein Recht habe, denn mir selbst muß ich zurufen: Du hast es so gewollt.

[654] Doch als Gegensatz zu dem wonnigen Tage, von dem Dir mein letzter Brief die Kunde brachte, seien hier meine jetzigen Abende geschildert, und vorerst der, von dem ich mein eigentliches Unglück datire. Sind Theater und Gesellschaften zu Ende, so wird meistens der zweite Theil des Abends im engen Familienkreise zugebracht. Dieser besteht außer dem Herzog, seiner Schwester, der alten Cousine und mir noch aus dem Grafen Werdau, Fürst Arsent und einem jungen florentinischen Edelmann, mit Namen Scipione di San Giuliano, den Werdau offenbar nur mitbrachte, um sich selbst in’s rechte Licht zu stellen. Nur selten veranlaßt der Herzog eine Erweiterung dieses Kreises; er wünscht ganz entschieden, daß es bald zwischen Hedwig und dem jungen Manne zu einer Erklärung komme. Noch hatte ich keinen Grund, Gottfried, von dieser Seite etwas zu befürchten, denn der äußerlich für sich einnehmende Mann benahm sich ziemlich harmlos.

Werdau war es, der mir zu denken gab. An dem bewußten Abend, von dem ich Dir berichten will, kam die Rede zufällig auf Geister und Spuk im Allgemeinen. Scipione di San Giuliano erzählte eine grausige Geschichte von einer Florentinerin, welche die Geliebte ihres Mannes gemordet hatte und zur Strafe dafür von dem erzürnten Gatten in eine Villa eingesperrt wurde, wo sie nicht starb, sondern heute noch umgeht zum größten Schrecken der Diener und Landleute. Es wurde lange über diese Geschichte debattirt. Die Nerven geriethen in Aufregung, und als man sich verabschiedete sprach Hedwig, mit einer reizenden kauernden Bewegung zu Werdau gewandt:

„Ich glaube wirklich, Ihr Freund San Giuliano hat mir’s mit seiner Geistergeschichte angethan. Ich werde nicht einschlafen dürfen, ohne das Bild der Florentinerin mit in den Traum hinüberzunehmen.“

„O, dürfte ich es zu meinem Lebenszwecke machen, jeden düsteren Gedanken von Ihrer schönen Seele fernzuhalten!“ flüsterte Werdau gerade laut genug, daß ich daneben stehend ihn hören konnte. Mit einem schwärmerischen Ausdruck in den großen Augen, küßte er ihr die Hand, wie – Gottfried, wie ich allein durch meine Liebe ein Recht dazu habe. Zuerst nahm er mir den Gedanken, er durfte ihn sprechen; denn wie sie so schutzlos sich gab, entlud sich aus meiner Brust in einem Seufzer der Wunsch sie schirmen zu dürfen all mein Leben lang. Dann küßte er ihr auch noch die Hand, die ich vor wie wenig Tagen an meine heißen Lippen drücken durfte.

Doch es sollte noch ärger kommen, und zwar von einer anderen Seite. Es war den Abend darauf. Wir saßen wieder beisammen, als sich plötzlich Werdau an’s Clavier setzt und einen brillanten Walzer lärmend vorträgt. Als er geendet, bat ihn Hedwig etwas Ernstes zu spielen, worauf er vom Clavierstuhle aufstand und, an’s Sopha tretend, Hedwig rieth, dazu seinen Freund Arsent zu engagiren, dem diese Art viel besser anstehe, als ihm selbst, dem stets Fröhlichen.

Er wollte dabei auf Arsent’s meistens larmoyante Weise anspielen, und Hedwig zugleich zeigen, daß nicht jeder die Tasten beherrsche, wie er. Wirklich frug Hedwig Arsent, ob er Musik treibe, und als dieser zögernd: „Ein wenig!“ antwortete, bat sie ihn, doch etwas vorzuspielen. Herzog Ernst’s Stirne zog sich in Falten; augenscheinlich wollte er nicht, daß sich sein Günstling eine Blöße gebe; doch mußte er’s ruhig geschehen lassen.

Arsent setzte sich eckig und steif an’s Clavier und spielte ohne Eingang eine Melodie, wie sie Anfänger tagelang trommeln. Dämonische Freude blitzte aus Werdau’s Zügen, als er dies hörte. Herzog Ernst’s Stirn verfinsterte sich immer mehr; die Cousine hatte schon ihr Taschentuch hervorgezogen, um ihr Lachen zu bergen, und auch Hedwig hielt sich nicht länger. Erstaunt lauschte ich dem jungen Manne, der mit diesen primitiven Tönen das Herz der Heißersehnten gewinnen zu können glaubte. Da erstreckten sich die Töne allmählich auf zwei Octaven, dann auf drei; die Melodie war nicht mehr so deutlich hörbar. Wie ein Bergstrom, den wir erst nur von fern hören und dem wir uns allmählich nähern, ergoß sich Melodie auf Melodie. Die erste Haltung des Spielers ging in eine begeisterte über, und ehe zehn Minuten vergangen waren, lauschten unsere Ohren wie dem Spiele eines Virtuosen ersten Ranges. Gottfried, ich kann Dir das interessante Schauspiel nicht beschreiben, welches die Veränderung in den Mienen der Zuhörer bot. Während Werdau’s Mund sich staunend öffnete und sein Gesicht sich von Minute zu Minute verlängerte, glätteten sich die Falten auf des Herzogs Stirn und seine Augen begannen zu leuchten. Die affectirte alte Cousine wiegte ihr Haupt hin und her wie eine verblühte Sonnenblume und lächelte selig dazu. Hedwig aber – was meinst Du, daß Hedwig that? Leise, wie der Frühling auftritt, wenn er seine Blumen aus dem Winterschlafe weckt, schwebte sie zum Clavier, ließ sich dem Künstler (denn das ist er) gegenüber auf eine niedrige Causeuse nieder, schloß die Augen und lauschte mit gefalteten Händen dem herrlichen Vortrage.

Als er angefangen hatte, mußte selbst ich mit Werdau lachen; jetzt waren die Lacher auf Arsent’s Seite.

Wie schon gratulirend drückte Herzog Ernst ihm die Hand; dankbar wünschte ihm Hedwig eine gute Nacht, „mir aber bald wieder einen Genuß wie heute,“ schloß sie.


Heute Morgen sollte Inspection meiner Copie nach Tizian gehalten werden, und auf Hedwig’s Wunsch durfte ich den Führer machen. Die breite Treppe der Uffizien empor durcheilte die heitere Gesellschaft den langen Gang, wo rechts und links, an die Decke stoßend, die interessante Sammlung aller ausgezeichneter Männer Italiens sich befindet. Kaum einen Blick in die Tribüne werfend, eilten wir der andern Seite zu, um durch den geheimen gedeckten Gang der Medicäer über den Arno nach dem Pittipalast zu gelangen. Hedwig ärgerte sich über dieses merkwürdige Stück Mittelalters, wo Häupter einer Republik die Arroganz so weit trieben, sich einen Weg, einen Schlupfwinkel auf Kosten ihrer Mitbürger zu bauen. Unglaublich scheint es fast, wenn man in dem mit Gobelins behangenen Gange schreitet, daß er mitten durch die Häuser friedlicher Bürger geht, daß sie Theile ihrer Wohnung, ja selbst halbe Zimmer opfern mußten, um den geheimen Gang zu ermöglichen. Tausendmal besser den Weg durch die Stadt nehmen, auch wenn man die Stufen nicht scheut, welche zuerst ab-, dann aufwärts führen, noch das beengende Gefühl, welches die Brust an den fensterlosen Partien zusammenschnürt. Ich wiederhole Dir hier nur den Sinn von Hedwig’s Aeußerungen, dem ich jedoch völlig beistimme.

Einen freundlichen Blick warf sie beim Eintritt in den ersten Saal des Pitti der schönen Gruppe Caritas zu; einen Augenblick mußten wir vor Fra Bartolommeo’s Grablegung stehen bleiben, dann mit Herzog Ernst Allori’s Judith bewundern. Endlich kamen wir an das Fenster, wo mein Biondo, seiner Beendigung harrend, neben dem Originale stand. Du weißt, wie wir uns übten, der alten Meister Manier haarklein nachzubilden, und wirst mir’s glauben, wenn ich Dir sage, daß sie sämmtlich starr dastanden, als sie Copie und Original verglichen hatten. Herzog Ernst erfreute mich mit einem: „Wirklich ein vorzügliches Talent!“ Arsent hofft auch einmal von meinem Pinsel etwas zu erhalten, und Werdau wurde nachdenklich, so daß er ganze fünf Minuten vor den Bildern stehen blieb, ohne etwas zu sagen, eine Thatsache, die bei ihm nur höchst selten vorkommt. Hedwig allein war nicht zufrieden. „Warum mißbrauchen Sie Ihre Zeit zum Copiren?“ frug sie leise. Lag hierin nicht die allergrößte Schmeichelei, Gottfried? Nahm sie sich nicht eine Art Anrecht auf mein Talent, auf mich selbst? Und dennoch!

Nach viertelstündiger Beschauung, bei welcher Herzog Ernst mit dem Scharfsinn, den ich stets an ihm bewundere, des Bildes schönste und schwächere Seiten hervorgehoben, mahnte er zum Aufbruch. Ich verabschiedete mich, weil ich noch an meinem Bilde arbeiten wollte. Wie Hedwig mir an der Thüre die Hand reichte, flog ein leiser Hauch von Anmuth um ihre Stirn.

„Sie gebrauchen Ihr Bild als Vorwand, um fern von uns zu bleiben!“

Hätte sich’s nur noch thun lassen, wie gern überließ ich mein Bild seinem Schicksale! Zu meinem großen Erstaunen blieb Werdau bei mir zurück und nahm den Platz neben der Staffelei ein.

„Ich will Sie einmal bei der Arbeit belauschen,“ waren die Worte, mit denen er sein auffallendes Benehmen erklärte.

Außer dem einen Male in der Heimath hat er mich nie mit seiner Aufmerksamkeit beehrt – ich bin ihm der plebejische Schmierer und weiter nichts. Deshalb ahnte ich einen Hintergedanken, [655] sonst wäre er nicht eine Stunde lang geduldig bei mir sitzen geblieben.

Was er wissen wollte, war, ob ich Tizian allein oder auch andere alte Meister so täuschend nachbilden könne. Als er erfahren, daß nicht Tizian, sondern Rembrandt mein Steckenpferd sei, sprang er auf und umarmte mich öffentlich so stürmisch, daß zwei Engländerinnen, die eine mit der Blechbüchse zum Sehen, die andere mit dem Katalog in Händen, fast ohnmächtig wurden und „Good Gracious!“ stammelten. Sein Betragen mochte ihm selbst ein wenig auffällig erscheinen, denn er sprudelte nun hervor:

„Müssen schon meinem Enthusiasmus etwas vergeben! Ich bin nun einmal so, kann mich nicht halten vor Freude, wenn ich echtem Talent begegne. Ja, Sie sollen einmal sehen, wenn ich im Besitze der Geldsäcke meines Onkels bin, welchen Mäcen ich abgeben werde. O, die Kunst soll leben! Als hehre Göttin, aber auch als Mittel zum Zwecke!“

Seitdem weicht er mir nicht von der Seite, und wäre mein Vergnügen nicht so unendlich groß, zu wissen, wie wenig Chance er bei Hedwig hat, ich könnte sein stolzes Siegesbewußtsein, das sich zu jeder Stunde äußert, nicht ertragen. Er rechnet so sicher auf Hedwig’s Gunst, daß er selbst mich in die Irre führen könnte, sähe ich nicht bei jedem Zusammensein mit ihr, daß seine Nähe unangenehm auf sie wirkt, so daß ihr sogar Arsent willkommen ist, wenn er durch sein Kommen Werdau vertreibt. Ueberhaupt steigen Arsent’s Actien um ein Bedeutendes, was auch ganz natürlich, denn der junge Mann ist von solidem, bescheidenem Charakter und ganz dazu angethan, um sein Lebenlang zu Hedwig’s Füßen zu sitzen, glücklich, wenn nur hier und da einmal ein Gnadenblick auf ihn herabfällt. Herzog Ernst begünstigt ihn wahrscheinlich auch aus Familienrücksichten, denn Arsent’s Vermögen gehört zu den bedeutendsten des Landes, was seine Bescheidenheit nur um so anerkennenswerther macht.

Doch wie Alles aus Erden ein Ende nimmt, so darf auch dieses Briefes Schluß nicht ausbleiben, darum lebe wohl und bleibe der alte treue Freund

Deines Walter.     


13.

     Liebe Amalie!

Wie wirst Du erstaunt sein, Deiner Freundin Handschrift und den Stempel der Residenz zu erkennen! Ja, wir sind wieder hier, und wenn ich Dir’s gestehen soll, bin ich ganz vergnügt darüber. In der Heimath ist man doch viel glücklicher als draußen im fremden Lande, sei’s dort auch noch so schön. Schnee und Eis haben ihren eigenen Reiz, und ich konnte mich über ihre Abwesenheit gar nicht trösten.

Ernst’s Geschäfte waren abgeschlossen, konnten in einem geschriebenen Berichte nicht genügend referirt werden, und so wurde er denn per Telegraph gebeten, zurückzukehren.

Ich bin herzlich froh, einmal die zwei auf Entscheidung dringenden Bewerber los zu sein; fürchte aber, daß sie nicht lange durch ihre Abwesenheit glänzen werden, da sie in Italien ja absolut nichts zu schaffen hatten, als in unserem Salon zu sitzen und uns zu Spazierritten und -Fahrten zu überreden. Der Maler kehrte mit uns zurück, doch glich die Heimfahrt der Hinreise ebenso wenig, als ich der Hedwig von damals ähnlich bin.

Jawohl, Amalie, könntest Du Deine lebensfrohe Freundin jetzt von Angesicht zu Angesicht sehen, ich weiß nicht sicher, ob Du sie erkennen würdest. Die widerstreitendsten Gefühle reiben mich auf, so daß ich, obgleich nicht eigentlich unglücklich (ich habe dazu keine Ursache), dennoch keine frohe Stunde mehr genieße. Auf der Heimreise hatte ich eine lange Unterredung mit Ernst, in der er mir zu erkennen gab, daß es sein ausgesprochener Wunsch wäre, mich die Hand Arsent’s annehmen zu sehen. Länger als eine Stunde brachte ich meine Gründe vor, die aber alle so seicht waren, daß Ernst zum Schlusse den Kopf schüttelte. Was kann ich auch sagen? Arsent ist seelengut, sein Talent für Musik, das er bescheiden in den Hintergrund stellt, muß Jeden entzücken, seine äußere Erscheinung eine angenehme, und seine Anbetung meiner undankbaren Persönlichkeit eine ganz unbeschreibliche. Wenn ich mir Dies nun alles vorspreche, so komme ich stets nur wieder zu dem Schlusse: dem Manne, dem ich meine Hand vor dem Altare reiche, muß ich ganz anders freudig entgegenblicken, als ich es thue, wenn Arsent gemeldet wird. Wo habe ich nur diese romantischen, krankhaften Ideen aufgefangen, Amalie? Das lag sonst nicht in unserer Familie, und auch Du gabst mir nie das Beispiel dazu – Du schwärmtest höchstens für Ernst’s Geist und edlen Charakter.

Siehst Du, mein heißester Wunsch wäre, zu wissen, ob die Fornarina, wie sie aus dem berühmten Bilde des großen Malers blickt, die Gedanken bei ihrem Raphael hat; dann wüßte ich sicher, daß ich Arsent nicht heirathen darf, denn so könnte ich nicht blicken und an ihn denken zugleich. Das ist noch das Traurigste meiner Lage, daß ich mit Gedanken wie diese nicht zu Ernst darf, dem ich bisher das geheimste Winkelchen meines Herzens entdeckte. Er würde mich sehr mit Recht belehren, daß die Fornarina keine Familienrücksichten zu bedenken hatte und daß es blos bei mir liegt, Arsent zu meinem Raphael zu machen. Ach, nur einen guten Grund dagegen! Ein Königreich für einen Grund! Wenn ich sagen könnte, Werdau sei mir lieber als Arsent, so glaube ich, würde Ernst sie alle Beide entfernen, und ich wäre erlöst. Aber daran ist auch kein Fünkchen von Wahrheit, denn diesen Standpunkt habe ich längst überwunden und sehe in Werdau nur den eiteln Menschen, der vor Neid bersten möchte, wenn in einem Cirkel ein geistreiches Wort belacht wird, das nicht von ihm stammt.

Mein Bruder hat liebevoll, aber ernst gesprochen; er bedeutete mir, daß man einen in allen Punkten anerkennenswerthen Menschen nicht grundlos oder um einer Grille halber unglücklich machen dürfe, und gab mir einen Monat Zeit, die Sache zu überlegen. Das thue ich denn auch und überlege so viel, daß ich darüber ganz trübsinnig werde und es mir kaum gelingt, den Nebel, der Alles für mich umgiebt, zur Zeit der Zeichnungsstunde zu lüften. Dieser Beschäftigung habe ich mich wieder ergeben, und Herr Impach ist jeden Tag zwei Stunden bei mir, um meine Fortschritte zu leiten. Ich darf jetzt nach den aus Italien mitgebrachten Photographien copiren und muß manchmal bei ihrem Anblicke seufzen, weil sie mir die Woche in’s Gedächtniß zurückriefen, wo ich ganz dem reinen Kunstgenusse lebte, unbehindert durch einander überbietende Weltmenschen, von keinen widerstreitenden Gefühlen zerrissen. Ich betrachte jene Woche als die glücklichste Zeit meines Lebens, und, sonderbar, meine Meinung scheint von Herrn Impach getheilt zu werden. Als ich das Album, welches wir dort zusammen ausgesucht hatten, auf den Tisch legte, wollte ich ihn an jene für mich so genußreiche Zeit mahnen, ihm danken für das, was er dazu beitrug, mein Glück zu erhöhen. Indem ich, vom Album aufsehend, den Mund öffnete, begegnete ich in seinen Augen einem dergestalt leuchtenden Blicke, daß dessen Bedeutung nicht mißzuverstehen war. Sagen hätten wir Beide nicht mehr können, und so nickte ich denn und reichte ihm über dem Buche die Hand.

Der fände mir schon einen triftigen Grund gegen die Heirath mit Arsent, wenn ich es wagen dürfte, ihn zu consultiren. Aber Ernst hat mir schon früh eingeprägt, daß Menschen von anderm Stande Ansichten mit sich herumtragen, die von den unsrigen ganz abweichen; außerdem habe ich kein Recht, so vertraulich mit ihm umzugehen. Du, Amalie, birgst in Deinem erfinderischen Köpfchen nichts Dergleichen.

Die Zeichnungsstunde ist nicht die einzige Zeit, welche der Maler hier im Hause zubringt. Fast den ganzen Vormittag sitzt er in unserer Galerie und copirt. Welche Bilder, weiß ich nicht, auch darf ich nicht hinüber, um zuzusehen, weil Cousine Dorothea sich in den nicht tropisch geheizten Räumen gleich am ersten Tage einen Husten geholt und nun dasselbe für mich fürchtet, mich also wie ein Drache hütet und mir mit Ernst das Betreten jenes Theiles des Hauses verboten hat. Ich sehne mich auch nicht sehr hinüber, denn es ärgert mich stets, wenn ich ein vorzügliches Talent, wie Impach’s, auf’s Copiren verschwendet sehe. Ernst meint, es könne ihm nützen; ich aber glaube, dadurch gehen der Welt eine Anzahl seltener Kunstwerke verloren.

Nur Trübseliges habe ich zu erzählen, Amalie, und dazu kommt auch noch, daß Ernst dieser Tage fortgeht, um mich auf einige Wochen zu verlassen. Wenn er wiederkommt, erwartet er meine Entscheidung. Ich weiß, daß ich dann nicht weiter sein werde als heute, denn bis jetzt brachte mich noch kein Tag auch nur um einen Schritt vorwärts.

Schneewittchen ist mein einziger Trost, die Pflege der Blumen, die es umgeben, meine liebste Beschäftigung, denn selbst [656] zum Zeichnen fange ich an zu unruhig zu werden. Habe ich das schöne Bild hingegen eine Zeitlang nachdenklich betrachtet, dann fühle ich mich wieder getröstet und kann hoffen, daß das Leben auch noch fröhliche Tage für mich birgt.

Ehe Ernst uns verläßt, beabsichtigt die Cousine ihn zu fragen, ob wir manchmal Herrn Impach (sie nennt ihn nur ihren Raphael) zu Tische laden dürfen. Sagt Ernst zu, so kann ich mich gefaßt machen, den jungen Maler täglich bei uns zu sehen, denn die gute Cousine hat die löbliche Gewohnheit, eine erhaltene Erlaubniß bis auf’s Letzte auszubeuten. Und ihren Bitten widersteht selbst ein starrköpfiger Künstler nicht.

Ich bin nicht glücklich, Amalie, weit davon. Gebe Gott, daß diesem Zustande bald ein erträglicherer folge!

Schreibe mir ein Trostwort!

Deine
Hedwig.     


14.

Gottfried! Es ist geschehen! Der Abgrund, dem ich offnen Auges zustürzte, hat sich aufgethan und mich verschlungen.

Theuer muß ich das Glück bezahlen, welches ich so kurze Zeit genoß, mit mehr als meinem Leben, denn, Gottfried, Ehre und Name gingen darauf. Unaufhörlich muß ich mir wiederholen, was ich verschuldet, um mein Unglück mit Manneskraft ertragen zu können. Allen Grundsätzen meines Lebens und Standes ungetreu, entwürdigte ich mich, indem ich mein ganzes Wesen in den Dienst einer Frau aus hohem Stande gab, die das Opfer meines Lebens, meiner Ehre nur mit einem gütigen Blicke vergelten kann. Und dann! Hand an mich selbst möchte ich legen, wenn ich daran denke. Zum Verräther an der Freundschaft, an einem liebevollen Bruder, wie Du es bist, hat mich die unselige Liebe gemacht, denn auch nicht der Gedanke kam in mir auf, die kurze Strecke zwischen Florenz und Rom zurückzulegen, um Dich in die Arme zu schließen – ich schauderte schon beim Gedanken, Hedwig auch nur auf einen Tag zu verlassen. Wohin mußte solcher Wahnsinn führen? Sicherlich zu nichts Gutem. Solch Strafgericht aber hatte ich nicht erwartet.

Höre und ermiß, auf welchen Pfaden Dein Freund sein Heil suchte und seinen Untergang fand.

Wir waren kaum hierher zurückgekehrt, als Herzog Ernst wieder abreiste, diesmal allein und mit dem Versprechen, in vierzehn Tagen wieder hier zu sein. Der alten Cousine hatte ich’s zu verdanken, wenn ich nun täglicher Gast im Waldemberg’schen Palais war, während die Zeichnungsstunden ruhig ihren Fortgang nahmen. Dazu kam noch, daß mich der Herzog gebeten, einen Tizian seiner Galerie zu copiren, den er, sobald er ihn durch eine Copie ersetzen könnte, in sein Arbeitszimmer zu hängen gedachte. Ich bat ihn, eine doppelte Copie fertigen zu dürfen, da ich selbst das schöne Bild in meinem Atelier zu haben wünschte. „Die ganze Galerie steht natürlich zu Ihrer Verfügung,“ lautete die liebenswürdige Erlaubniß.

Schon hatte ich meine Arbeit begonnen, als Werdau mich eines Tages einlud, mit ihm einen Ritt in den Park zu machen, da er einen großen Gefallen von mir zu erbitten habe. Es handelte sich um eine Copie der „Alten“ für seinen wunderlichen Onkel, dem er eingeredet, sich mit einer solchen zufrieden zu stellen.

„Daß Sie all Ihr Talent darauf verwenden werden, weiß ich im Voraus,“ war der Schluß seiner Rede, „wenn ich Ihnen sage, daß meine Zukunft, mein Lebensglück davon abhängt, daß sie dem Onkel genüge.“

Ich hätte gar zu gern Nein gesagt, ausgefüllte Zeit vorgeschützt, da fielen mir Unseligem die Worte Hedwig’s ein, als sie einst äußerte: „Wäre dem alten Herrn mit einer Copie gedient, die gönnte ich ihm von Herzen.“

Das Verlangen des Grafen beruhte für mich sozusagen auf einem Wunsche Hedwig’s. Wie nicht mit Freuden zusagen, da ich auch ihr damit einen Gefallen erwies?

Werdau drückte mir, als ich zugesagt, dankbar die Hand und fing an, von einem Preise zu sprechen, der dem Dienste, den ich ihm erwies, gleichkommen sollte. Ehe wir zu Hause anlangten und nachdem schon lange von anderen Dingen die Rede gewesen war, sprach er noch wie nebenhin:

„Nur müssen Sie mir Ihr Wort geben, von der ganzen Sache weder bei Waldemberg’s noch anderswo eine Silbe zu sprechen. Ich baue auf Ihr Ehrenwort, als wäre es das eines Edelmannes.“

Gottfried, mein Freund, hüte Dich, jemals von solchen Herausforderungen Dir die Sinne berücken zu lassen. Ich büße schwer an der ungeduldigen Kopfbewegung, mit der ich mein angezweifeltes Wort zusagte – ich, der Bürgerliche, dem Adligen! Die Copie geheim zu halten ward leicht, denn der Herzog war, wie ich schon sagte, abwesend. Hedwig durfte, wegen der kühlen Temperatur, nur höchst selten in die Galerie, und sonst betritt sie außer den Dienern Niemand.

Heute vor einem Monat lieferte ich meine Arbeit an Grafen Werdau ab, der sie selbst abholte, weil er behauptete, so das Geheimniß besser hüten zu können. Was muß der Herzog von mir denken, wenn er sich erinnert, wie ich ihn bei seiner Heimkehr mit der Aufmerksamkeit überraschte, das Tizian-Original schon an seinen Platz gehängt zu haben, während die Copie die Lücke in der Galerie ausfüllte! Zu schmerzhaft ist der Gedanke, ich kann nicht darauf verweilen, zöge er auch nicht die Seelenqualen nach sich, welche die Erinnerung an Hedwig hervorruft. Was bin ich in ihren Augen? Doch zur Katastrophe! denn eine solche schloß den seligen Traum Deines Freundes im Waldemberg’schen Palais.

Wir saßen, Hedwig und ich, im Wintergärtchen und zeichneten, das heißt wir ruhten eben aus vom Zeichnen, und genossen aus einer Schale getrocknete Südfrüchte, die sie mir jedesmal mit den feinen Fingerchen reichte, als ein Diener Hedwig zu ihrem Bruder in den Salon rief. Den Rosenmund verziehend, eilte sie dennoch davon. Schon nach wenigen Minuten ward ich gerufen und fand bei meinem Eintritt Hedwig im Gespräch mit einem durch seine hohe Gestalt, sowie durch blitzende Augen voll Geist und Verstand, imponirenden Herrn. Kein Wunder, daß er mich frappirt hatte – ich hörte bei der Vorstellung den längst bekannten Namen des Edelmanns, welcher der Horaz und der Mäcen der Dichtkunst und Malerei zugleich ist. Er ist Hedwig’s Taufpathe, und kehrte nach einer langen Reise im Orient erst jetzt wieder in die Heimath. Um ihn zu ehren, wurden sämmtliche Hausfreunde geladen, zu denen auch ich die Ehre hatte, zählen zu dürfen. Nach Tische begab sich die ganze Gesellschaft vom Wintergärtchen, wo man den Kaffee eingenommen und Hedwig’s Zeichnungen gepriesen, in die Galerie.

Der Kunstkenner hielt sich bei all’ seinen Lieblingsbildern von früher auf, und so ging es lange, ehe wir in den großen Saal traten. Werdau ging mit Hedwig abseits; mich trieb die Eifersucht zu ihnen – zudem ich jetzt aus Bescheidenheit zurücktreten mußte, da der Herzog meine Copie nach Tizian dem Besucher anpries. Sie mögen darüber discutirt haben, ob es nicht schade, das Original aus der Sammlung zu entfernen – ich weiß es nicht; denn ich weidete mich gerade an dem Anblicke, wie Hedwig die zudringlichen Schmeicheleien Werdau’s ablehnte und sich mir zuwandte, als mich der Ruf des Neuangekommenen aufschreckte.

„Ich betrachte jetzt Deinen Rembrandt schon fünf Minuten lang, und begreife nicht, Waldemberg, wo Du auch ihm eine passendere Stelle angewiesen haben magst!“

„Was willst Du damit sagen?“ frug rasch der Herzog. Dann sich dem Bilde nähernd, riefen Beide wie aus einem Munde:

„Bei Gott, eine Copie!“

Ich kam herzu, und erkannte – Gottfried, ermiß, wenn Du’s kannst, mein Entsetzen! – meine Copie. Wie, wenn vor meinen Blicken plötzlich die Welt versunken wäre, Hedwig mit ihr, so stand ich da. Ich fühlte, wie alles Blut zum Herzen zurücktrat, und konnte Nichts thun, als nach dem Bilde vor mir tasten, ob es Wirklichkeit – ob Wahn!

„Was halten Sie davon?“ frug aufgeregt der Herzog, jedoch ohne mich anzublicken. Daß Hedwig ihre Augen auf mich gerichtet, fühlte ich instinctiv.

„Es ist allerdings nicht – das – Original!“ stöhnte ich hervor, während der Angstschweiß auf meiner Stirne perlte.

Durch den auffallenden Ton meiner Stimme überrascht, kehrten sich beide hohe Männer, zu meiner Rechten und Linken, mit einer Bewegung um. Herzog Ernst’s Augen nahmen nach kurzem Erstaunen den Ausdruck tiefer Betrübniß an. Wisse, [657] Gottfried, kein Virgil, kein Dante hat je die Qualen genannt, die ich in diesem kurzen Zeitraume ausstand. Die Zeit hatte für mich aufgehört zu sein – jede Secunde ein Jahrhundert. Nein! lieber auf alle Wonne der Erde, des Lebens verzichten, als solche Schmach bestehen!

„Wissen Sie Näheres über den schändlichen Tausch dieser Bilder?“ frug Herzog Ernst mit kalter Stimme. Hedwig sah ich jetzt mit vorgebogenem Leibe, die Augen wild stierend, dastehen.

Mein Blick irrte im Kreise umher und traf auch Werdau’s Antlitz – die gesenkten Lider, der unbewegliche Gesichtsausdruck sprachen deutlicher als Menschensprache: Gedenke Deines Wortes! Ich, Gottfried, ein Ehrenmann und freier Künstler, mußte diese Schmach auf mich nehmen, mußte unbedingt mein Wort halten, um zu zeigen, daß ich diesem Schurken ebenbürtig war – des Edelmannes Ehrenwort – welche Ironie! Ich habe gekämpft in jenen Augenblicken, habe gelitten – ich finde keinen Ausdruck, Dir meine Qual zu schildern. Auf der einen Seite Hedwig und meine Ehre, mein guter Name, den ich vor ihr nicht in den Staub treten lassen durfte, der Verdacht von einem hochherzigen Menschen, wie Herzog Ernst, für den verächtlichsten aller Verräther gehalten zu werden, meine ganze Zukunft, all’ meine Hoffnung auf Glück – auf der anderen Seite nur das Kopfnicken, mit dem ich mein Wort gegeben! Alles ward winzig klein, verschwand vor diesem gegebenen Worte – wie eine donnernde Lawine tönte es mir zu: Auf dieser Seite steht Deine Pflicht! Sei getreu Deinem Worte! Es siegte. Dem Herzog fest in die Augen sehend – ich konnte das, wenn er es auch für ein Uebermaß von schamloser Schlechtigkeit halten mußte – mit kaum erzitternder Stimme, mit stolzer Handbewegung auf das verhängnißvolle Bild deutend, sprach ich:

„Die Copie ist von meiner Hand, Herzog; doch wie sie hierher kommt – weiß ich nicht.“

„Sie gestehen, diese Copie angefertigt zu haben,“ rief jetzt zornig der Herzog, „und wollen weiter nichts wissen? Wenn Sie nicht augenblicklich Alles offen erzählen, lasse ich Sie verhaften!“

„Ich stehe jeden Augenblick zur Verfügung!“

Jetzt wanke Hedwig herbei, ließ einen entsetzten Blick eine Secunde auf mir ruhen, und bat dann mit aufgehobenen Händen den Bruder um Beschließung der peinlichen Scene.

„Dir zu Liebe!“ rief er. Dann zu mir sich wendend, sprach er: „Sie verlassen augenblicklich dieses Haus! Weiteres werden Sie brieflich von mir hören.“

Als ich mich gewandt, hörte ich die leiser gesprochenen Worte: „Und da declamiren wir immer über Gleichberechtigung der Stände. Es liegt doch etwas im Blute, das von Generation zu Generation zum Edlen aufgezogen, dem Schlechten ferngehalten wurde. Kommen Sie, Werdau!“

Er nahm des Schurken Arm und hieß seiner Schwester den ihres Pathen ergreifen. Unter der Thüre konnte ich mich nicht enthalten, Hedwig einen langen, zärtlichen, meine Unschuld betheuernden Blick zuzuwerfen. Sie nahm ihn staunend auf, ward bleich, und wie vom tödtlichen Stahl getroffen, sank sie zu Boden. Mein Fuß hob sich – doch die Worte des Herzogs, der sich über Hedwig beugte: „Daran ist dieser Bube schuld!“ trieben mich von dannen. –

(Fortsetzung folgt.)




Blätter und Blüthen.

Karl Wilhelm. Nach dem Hinscheiden des im deutsch-französischen Kriege so blitzschnell populär und berühmt gewordenen Componisten der „Wacht am Rhein“, Karl Wilhelm, werden vielleicht einige persönliche Erinnerungen an diesen in mancher Beziehung seltenen Mann den Lesern dieses Blattes willkommen sein. Als junger Mann von zwanzig Jahren trat ich 1862 als Commis in ein Handlungshaus Crefelds, und nachdem das Geschick und jugendliche Wanderlust mich während mehrerer Jahre mannigfach auf dieser trotz „Jammerthal“ doch schönen Erde umher gewirbelt hatte, kam mir um 1868 der Gedanke, einige meiner wichtigsten Erlebnisse aufzuzeichnen. Als ich nun vor einigen Tagen, wie das wohl dann und wann meine Gewohnheit ist, in diesen Heftchen blätterte, stieß ich auf folgende Zeilen, die ich gerade so wiedergebe, wie ich sie vor fünf Jahren niederschrieb:

„Obschon ich in der Familie meines Prinzipals manche angenehme Unterhaltung hatte, wozu ich in erster Linie das Musiciren zähle, that ich doch bald auch Schritte, mich anderen gesellschaftlichen Kreisen zu nähern; um den doppelten Zweck, den des Bekanntwerdens mit anderen gebildeten Leuten und den der Pflege der Musik, speciell des Gesanges, zu erreichen, ließ ich mich durch den Bruder meines Prinzipals in die „Liedertafel“ vorschlagen, einen Männer-Gesangverein, der damals unter der trefflichen Leitung von Karl Wilhelm, dem Componisten der „Wacht am Rhein“ – ein herrliches Lied, welches jeder Deutsche kennt – in höchster Blüthe stand. Den Satzungen des Vereins gemäß, hatte ich mich nicht nur einer Prüfung meiner Stimme in der Privatwohnung von Karl Wilhelm zu unterziehen, sondern mußte dann auch an einem der nächsten Gesangsabende vor dem gesammten Verein ein Lied vom Blatt singen. Ich wanderte also zunächst zu Wilhelm, der mich gleich frug, ob ich nicht ein Lied zu Hause habe, das ich singen könne; hierdurch schon wesentlich erleichtert, bezeichnete ich als ein solches „Die Thräne“ von Gumbert, die ich holte und anscheinend zu seiner Zufriedenheit sang. Er entließ mich mit den freundlichen Worten: „Seien Sie nur bei der Probe vor dem Vereine nicht bange und singen Sie brav darauf los!“

– Es war mir aber doch nicht ganz wohl zu Muthe, als ich am nächsten Abende in den schön erleuchteten Gesangssaal trat, der von fremden Gesichtern erfüllt war, denn ich befürchtete, man werde mir ein Lied vorlegen, welches mir ganz und gar unbekannt wäre. Wilhelm hatte mein Eintreten bald bemerkt und während einige Vereinsangelegenheiten verhandelt wurden, kam er zu mir heran und fragte mich leise, ob ich „Die Thräne“ mitgebracht hätte. Ich antwortete natürlich mit einigem Erstaunen, daß ich jenes Lied aus dem Grunde nicht zu mir gesteckt habe, da ich ja etwas vom Blatte singen solle.

„Das macht nichts,“ sagte er mit einem gutmüthigen Lächeln, „holen Sie nur ruhig Ihre ‚Thräne‘! Das Uebrige werden wir schon machen.“

Ich glitt rasch aus dem Saale hinaus und war auch bald mit meinem Hefte wieder zurück, welches Wilhelm unvermerkt auf das Clavierpult prakticirte.

„Nun,“ flüsterte er mir ermuthigend während einiger Präludien zu, „nun legen Sie ’mal Alles, was Sie an Kraft und Energie in sich haben, in den Gesang und denken Sie, Sie müßten Alles in das Lied hineinbringen, was Sie in sich haben, und nun nur tapfer darauf los und aus voller Brust!“

Seine kräftige Zusprache hob meine Befangenheit in hohem Grade, und mein Vortrag wurde unverdient mit Klatschen seitens der Anwesenden belohnt. Ich war nun also Mitglied und hatte von jenem Tage an in diesem Mustergesangvereine nicht nur hohe musikalische Genüsse, sondern auch manche gesellschaftliche Freuden; in regelmäßigen Zwischenräumen hatten wir sogenannte „musikalische Abende“ in einem großen Saale, zu denen auch anderes Publicum Zutritt hatte, und die Vocal- und Instrumentalconcerte waren derart, daß diese „Abende“ den Namen wirklicher Concerte in der That verdienten.

Eine ganz eigenthümliche Gestalt nahm eben unser Dirigent, Karl Wilhelm, in unserer Gesellschaft ein; derselbe war ein kleiner, damals siebenundvierzig Jahre zählender Mann, mit rabenschwarzem Haupthaar und Bart, sehr braunem Teint und schwarzen, geheimnißvoll schönen, melancholischen Augen. Als Componist der „Wacht am Rhein“, des Cavaleriemarsches, des herrlichen Lieds „die Frühlingszeit“, des melancholischen „Mein Schatz hat mich verlassen“ und vieler anderer, meistens durch die Tiefe und die oft darin liegende Melancholie ergreifender Compositionen, sowie nicht weniger durch sein seelenvolles Clavierspiel hatte er sich schon damals einen allbekannten Namen gemacht, und es ist daher gar nicht überraschend, daß ich mit wahrer Pietät und Verehrung auf diesen Mann blickte. Um so trauriger ist es, daß seine Lebensverhältnisse diesen genialen Kopf, der für die Musik unter günstigen Umständen noch Erhabenes hätte schaffen können, schon in seiner Blüthezeit völlig lahm legten; im praktischen Leben verfiel er in gewisse Nachlässigkeiten. Trotzdem blieb die allseitige Sympathie, ja, ich möchte fast sagen Verehrung, für ihn stets ungeschmälert, was nicht nur in seinen anerkannt großen Verdiensten, sondern auch in seinem reinen Charakter und tiefen Gemüth seinen Grund hatte. Er hatte etwas Schwärmerisches an sich, das unwillkürlich ebenso für ihn einnahm, wie seine tiefen dunklen Augen, die einen so melancholischen Glanz hatten, wie ich es nie wieder bei einem Menschen sah; sein Gemüth entsprach aber auch diesem seinem äußeren Wesen vollkommen, und ich weiß mir noch gut zu vergegenwärtigen, daß ihm öfters bei Vortrag eines Liedes von Seiten des Vereins die hellen Thränen über die Wangen liefen und er nach Beendigung unseres Gesanges seine Anerkennung in den Worten: „Ich danke Ihnen von Herzen für Ihren herrlichen Gesang,“ kaum hervorstammeln konnte. Es war eben eine durchaus poetische, fast romantische Seele, die der Excentricitäten auch nicht wenig aufzuweisen hatte, und bei dieser Gemüthsanlage kam es zum Beispiel Niemand in den Sinn zu lächeln, als er uns einst, von einer Erholungsreise in seine Heimath bei Schmalkalden zurückgekehrt, mit schwermüthigem Lächeln einige Tannenzapfen zeigte, die er als Andenken an die Wälder seiner Jugend mitgebracht hatte.

Bald nach meinem Fortgange von Crefeld ist er ganz von der Bühne abgetreten, indem er etwa im Jahre 1864 den durch ihn zur Blüthe gebrachten Verein und damit Crefeld verlassen hat; wohin der düstere Wanderer seine Schritte gelenkt hat, ist mir nicht bekannt geworden. Er scheint ganz verschollen zu sein. Ich schließe meine Reminiscenzen mit dem Wunsche, das Geschick möge ihm für die zweite Lebenshälfte bessere Tage vergönnen, als er in seinen besten Jahren durchzumachen hatte!“

Soweit jene Aufzeichnungen vergangener Zeit. Wir Alle wissen, daß es Wilhelm in dem letzten großen Kriege noch vergönnt war, mit seinem Liede nicht Tausende, sondern Millionen Herzen zu entflammen; seine gebrochene Lebenskraft vermochte dieser Triumph aber nicht mehr nachhaltig aufzurichten. Nur noch drei Jahre weilte er, hoffentlich mit zufriedenem, glücklichem Gemüthe, unter den Lebenden und kehrte dann zu jenen Regionen zurück, aus denen sein Genius stammte.
W. Dyckerhoff.

[658] Friedrich Hecker, der in dieser Stunde auf dem Meere nach seiner Heimath schwimmt, hat vor seiner Abreise noch ein Abschiedsschreiben an den Redacteur dieses Blattes gerichtet, welches Zeugniß von dem reichen Gemüthsleben dieses vielfach verketzerten Mannes ablegt. Wenn wir auch den Inhalt des Schreibens, soweit er privater Natur ist, nicht veröffentlichen können, so glauben wir doch das Interesse unserer Leser durch Mittheilung eines Auszuges aus dem Briefe, der eine Art Glaubensbekenntniß enthält, anzuregen. Nachdem er mit warmen Worten für die ausdauernde Freundschaft gedankt, die das alte Vaterland ihm treu bewahrt, fährt er fort:

„Es ist in dieser materiellen, erwerbjagenden Zeit wohlthuend und den Glauben an die Menschheit stärkend, daß auch unter auseinandergehenden politischen Ansichten die gegenseitige Achtung, Freundschaft und Zuneigung unberührt stehen bleibt, fest und sonder Wanken. So wir zu einander. Mag nach Ihrer Ansicht das Heil unserer Nation in einer Verfassung mit constitutionell-monarchischer Spitze bestehen, so ist mein Arcturus auf der Steuerfahrt durch’s Leben die Republik. Ich habe keinen Glauben an die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit der Monarchie gegenüber dem zur Mittheilnahme an der Regierung berufenen Volke. Es ist diese Form ein steter Kampf um die Oberherrschaft, ein Kampf, dessen Endziel immer die Vernichtung der andern Gewalt ist, sein wird, sein muß. Von Trugspielen, politischer Heuchelei und Winkelzügen bin ich kein Freund, nein, ein offener ehrlicher Feind. Eine Mischung von Absolutismus und Republicanismus (Demokratie) ist eine Unmöglichkeit, und früher oder später endet die sich wechselseitig täuschende Komödie oder Tragödie, wie sie will.

Ich habe mich eingehend mit dem Studium der Gesetze des heutigen Deutschlands befaßt, denn die Gesetze eines Volkes sind die ehernen Tafeln seines Lebens in der Zeit. Blicke ich auf dieselben, soweit sie politischer Natur sind, so entsprechen sie meinen Begriffen von republikanischer, von bürgerlicher Vollfreiheit nicht, es fehlt eine bill of rights, es fehlen sogar die wirklichen constitutionellen Garantien, das gepriesene System der Theilung der Gewalten ist nicht vorhanden; die Herrschaft und Macht ruht auf der einen Seite der Wage. Ich will das hier nicht erörtern; es genügt zu sagen, daß das Strafgesetz, soweit es den politischen Theil derselben angeht, hinter dem zurücksteht, was wir 1846, wenigstens in der südlichen Hälfte Deutschlands, errungen hatten. Es mag ein Fortschritt in Preußen gegen jene Zeitepoche vorliegen, in Süddeutschland nicht, welches schon 1846 alle Fragen constitutionell-monarchischen Staatsrechts durchgekämpft hatte, als in Preußen noch nicht einmal eine Volksvertretung bestand. Dasselbe gilt vom Gemeindeleben.

Schon 1830 bis 1846 war die Selbstständigkeit und die Selbstverwaltung der Gemeindeordnung mehr oder minder zu Recht beständig und lebendig. Heute will man das Bevormundungssystem, die herrschende Oberhand einer beschränkenden Städteordnung, auf diese freie Selbstbestimmung legen. So könnte ich in’s Vielfache ausführen, wie es um politische Freiheit und Fortschritt steht. Was Befreiung des Verkehrs, Handel und Wandel, Arbeitsbewegung anbetrifft, wer wollte da den Fortschritt leugnen? Aber dieses ist nicht das Product einer Bewilligung von oben, sondern einer Entwickelung, gegen welche jeder Machtspruch, jede Schraube, jede Gewalt vergeblich kämpft. Es ist der Industrialismus unserer Zeit, es sind die neuen Verkehrsmittel, es liegt in der Annäherung der Nationen und dem Austausch ihrer Producte der arbeitenden Kraft. Diese unwiderstehliche, demokratische Bewegung des Handels- und Verkehrslebens ist bis tief in die asiatischen Reiche eingedrungen, hat sich Geltung verschafft, durchsickert und reformirt sie. Es ist kein specifisch einem oder zwei Nationen angehöriger Fortschritt.

Es mag ein politischer Fortschritt, verglichen mit der düsteren Reactions-Periode der fünfziger Jahre, vorliegen. Einen Weiterbau, einen stetigen freiheitlichen Weiterbau auf dem 1846, 1847, 1848 bereits Errungenen kann ich nicht sehen, denn ich bin kein Epigone, dem die frühere Zeit so fremd ist, wie der jungen Generation, die zur Schule ging in der Zeit der fünfziger Reactions-Periode.

Wer mir die Sprache, das Treiben der sogenannten Socialdemokraten vorhält zum Beweise nationaler Duldung, dem diene einfach: Man läßt sie als abscheuliches Exempel gewähren, um die Andern in Furcht und Zittern zu erhalten. Man ist gewiß, daß die Anarchisten sich selbst todt machen, und bereits zeigt sich die Richtigkeit der Calculation an der Zersetzung der Internationalen.

Zu lange habe ich Sie schon mit diesen Zeilen aufgehalten. Nehmen Sie mich wie ich bin, durch und durch Republikaner, Feind jedes Vorrechts, jeder Gewalt, die nicht im Volke wurzelt und von ihm ausgeht, drüben sowohl als anderwärts. Sie sehen, daß ich in der Antimonopolbewegung, die ich vor etwas länger als vierzehn Monaten aufgriff, die rechten Saiten angeschlagen habe und daß daraus eine gewaltige Reformbewegung entstanden ist. Ich glaube eben an die Freiheit, an das Volk und an den Sieg der reinen republikanischen Principien.“


Kirchenfest für Taubstumme. Ende August dieses Jahres fand in Berlin ein großes Kirchenfest für Taubstumme statt, welches von beinahe tausendzweihundert Taubstummen aus allen Theilen Deutschlands und Oesterreichs besucht wurde. Es waren zu diesem Behufe mehr als neunhundert Freikarten zu Eisenbahnfahrten ausgegeben worden. Nach dem Gottesdienste, der in der Dorotheenstädtischen Kirche abgehalten wurde, fand eine gesellige Zusammenkunft aller von auswärts gekommenen Taubstummen statt, bei welcher im eigentlichsten Sinne des Wortes viel mit Händen und Füßen, also durch Geberden, gesprochen wurde. Sind auch die in deutschen Anstalten gebildeten Taubstummen fast sämmtlich in der Lautsprache unterrichtet worden, so bedienen sie sich doch im Verkehr unter einander meist der Geberdensprache, weil ihnen diese eine schnellere Unterhaltung gestattet. Im Umgange mit Hörenden gebrauchen sie dagegen die in den Anstalten erlernte Tonsprache.

Am Tage nach dem Feste fand ein Congreß der Vorstände und Deputirten der deutschen und österreichischen Taubstummenvereine statt, in dem etwa achtzehn Vereine vertreten waren. Als Vorsitzende fungirten der Geheimsecretär Fürstenberg aus Berlin und der Lehrer Rasch aus Leipzig, beide taubstumm. Man verhandelte über nähere Beziehungen der Vereine zu einander und machte Vorschläge, in welcher Weise das geistige und leibliche Wohl der Taubstummen mehr und mehr gefördert werden könnte, wobei besonders hervorgehoben wurde, daß es in Deutschland zur Zeit noch zu wenig Taubstummenanstalten gebe.

Sachsen ist in dieser Beziehung mit gutem Beispiele vorangegangen, denn durch die beiden großen Landesanstalten zu Dresden und Leipzig ist so ziemlich für die Bildung aller in Sachsen lebenden schulpflichtigen Taubstummen gesorgt worden. Bekanntlich war es auch ein sächsischer Fürst, der einst den edeln Samuel Heinicke nach Leipzig berief und daselbst die erste größere Taubstummenanstalt Deutschlands begründete. Im vergangenen Frühling waren es hundert Jahre, daß Heinicke’s erster taubstummer Schüler confirmirt und damit der menschlichen Gesellschaft zurückgegeben war. Die Leipziger erwachsenen Taubstummen feierten damals den Tag in würdigster Weise und verherrlichten durch prachtvoll ausgeführte lebende Bilder das Gedächtniß jenes Mannes, der zuerst die Taubstummen in der Lautsprache unterrichtet hat und nach dessen Grundsätzen noch heute in den deutschen Taubstummenanstalten gelehrt wird. Die Gartenlaube hat zu verschiedenen Malen von Heinicke erzählt und in Nr. 6 1870 sogar sein wohlgetroffenes Bild gegeben. Wir verweisen hier auf diese Artikel und erwähnen nur noch, daß unser Mitarbeiter, der Taubstummenlehrer Stötzner in Leipzig, das bewegte Leben dieses interessanten Mannes, der sich auch um die Volksschule große Verdienste erworben hat, in einer eigenen Schrift ausführlich geschildert hat. Wir empfehlen hiermit das lebendig und frisch geschriebene Werkchen, das für jeden Volks- und Menschenfreund Interesse hat, unseren Lesern. Es ist unter dem Titel „Samuel Heinicke. Sein Leben und Wirken dargestellt von Heinrich Ernst Stötzner“ bei Julius Klinkhardt in Leipzig erschienen.


Berichtigung. In Nr. 38. der Gartenlaube ist im „Kleinen Briefkasten“ am Schluß des mitgetheilten Citats aus einer Zuschrift von E. Marlitt statt: „ich werde mich endlich bemühen“, zu lesen: „ich werde mich redlich bemühen“.


Unser Aufruf zur

Ehren-Dotation für Roderich Benedix

hat bereits gute Früchte getragen. Von zwei Theatern und einer Liebhaberbühne sind die Zusicherungen von Benefizvorstellungen eingelaufen, und überall öffnen sich die Herzen und Börsen für den kranken Dichter. Heute schon, wo die Aufrufsnummer kaum oder noch gar nicht in die Hände des Publicums gekommen, können wir folgende Gaben verzeichnen:

Durch Herrn Hofrath Dr. Hoffmann in Leipzig 200 Thlr.; M. 1856 2 Thlr.; H. F. M. R. in Leipzig 10 Thlr.; N. N. in Düsseldorf 5 Thlr.; von Theaterbesucherinnen in Erfurt 1 Thlr.; anonym aus Görlitz 2 Thlr.; von Einem, der noch nie ein Benedix’sches Stück gesehen, 1 Thlr.; Frau Paulcke in Dresden 2 Thlr.; vom Turnerball in Lauscha 4 Thlr. 3 Ngr. 1 Pf.; Pauline Meißner 5 Thlr.; Lange in S. 1 Thlr.; N. N. in Bochum 2 Thlr.; Th. Weißengrund in Frankfurt a. M. 3 Thlr.; B. u. S. in Berlin 6 Thlr. 20 Ngr.; G. E. Friedlein 1 Thlr.; Pauline von Hoffmann 10 Thlr.; August Lienhardt in B. 5 Thlr.; Victor Bernar in Potsdam 2 Thlr.; J. F. W. in Bochenem 2 Thlr.; W. in Markneukirchen 1 Thlr.; Westermacher in Darmstadt 2 Thlr. 25 Ngr. 8 Pf.; G. Adolf in Köln 1 Thlr.; Namenlos in Berlin 5 Thlr.; A. B. bei Held in Zittau 2 Thlr. 5 Ngr. 5 Pf. mit den Worten:

Den ersten Gruß dem lust’gen, deutschen Alten,
Mit Allem, was sie noch im Beutel fanden,
Das bringen dankbar die nicht wohlbestallten
Bemoosten Burschen und die zärtlichen Verwandten.

An früher eingegangenen und noch nicht quittirten Gaben verzeichnen wir noch:

Von den Sündenböcken in Düsseldorf 50 Thlr.; C. Kühler in Wesel 1 Thlr.; G. Groß in Landsberg a. d. W. 2 Thlr.; Einnahme bei der Benedix-Feier und Versammlung dramatischer Vereine von Chemnitz und Umgegend 50 Thlr.; von R. J. aus St. Petersburg 5 Thlr.; Prof. Wächter 20 Thlr.; eine fröhliche Gesellschaft im „Adler“ zu Usingen 20 Ngr.; Reinertrag einer Benefizvorstellung des Thaliatheaters zu Ehrenfriedersdorf 16 Thlr.; L. M. B. in Königsberg 15 Thlr.; W. Peters in Hamburg 5 Thlr.; Sonneberg in Freienwalde 5 Thlr.; K. in Görlitz 1 Thlr.; von der Theater-Dilettanten-Gesellschaft in Warnsdorf 30 fl. österr. W.; bewilligt von der Hoftheater-Intendanz in Wien 200 fl. österr. W.; Ergebniß einer Sammlung unter den Mitgliedern des Wiener Hofburgtheaters 204 fl. österr. W.; Reinertrag einer Vorstellung des „Aschenbrödel“ vom dramatischen Vereine zu Meerane 26 Thlr. 18 Ngr.; Fräulein Sophie Ruze in St. Petersburg 1 Thlr. 9 Ngr. 5 Pf.
Die Redaction.




Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Vorlage: „Versamlung“
  2. Kerls war der respectwidrige Gemeintitel unserer Herren Lehrer.