Die Gartenlaube (1870)/Heft 52

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 52. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften 5 Ngr.


Aus eigener Kraft.
Von W. v. Hillern geb. Birch.
(Schluß.)

Alfred war vom Pferde gestiegen, kniete bei ihm nieder und legte Egon’s Haupt auf seinen Schooß. „Er stirbt,“ sagte er dumpf. Die scharfen Eisschollen hatten Egon die Rippen eingedrückt.

Noch einmal öffnete er die Lippen. „Alfred, Deine Mutter –“ lallte er, die Worte erstickten im Blut, das immer reicher aus der Lunge quoll.

„Herr, verzeih’ mir!“ schluchzte Paula, die zu seinen Füßen kauerte, von Schmerz und Reue geschüttelt.

Er erwiderte nichts mehr, sein gebrochenes Auge haftete an Alfred’s milden Zügen, er legte wie segnend die Hand auf seine Stirn, streckte sich und verschied.

Da vernahm man von weitem ein Geräusch wie von marschirenden Soldaten, es schien näher zu kommen. Eine tiefe Bestürzung erfaßte die Leute. „Er wird uns anzeigen,“ murmelten sie. „Er bringt uns Alle in’s Zuchthaus!“

„Werft ihn in’s Wasser, Niemand weiß davon als er; wenn er todt ist, sind wir sicher,“ flüsterte Einer auf Polnisch. Es war ein finsterer roher Bursche, den Alfred schon mehrmals wegen Raufereien bestraft. Die Leute fuhren zurück bei dem furchtbaren Vorschlag. Aber es waren ihrer noch viele da, die Alfred haßten um der Strenge willen, mit der er jederzeit Faulheit und Trunksucht geahndet.

„Jan hat nicht Unrecht,“ sagten sie auf Polnisch, „wir sind Alle verloren, wenn er am Leben bleibt. Und er hat sich auch vorhin des Grafen angenommen. Der hält nicht zu uns.“

„Er hat’s ja gesagt,“ schrie Einer, „daß er uns den Soldaten als Mörder übergeben werde!“

„Laßt uns ihn wenigstens durch Drohungen einschüchtern und zwingt ihn zu schwören, daß er nichts sagen will,“ schlugen Andere vor, „und thut er das nicht, so werft ihn hinein, Gott mög’s verzeihen.“

„Es ist ein so guter Herr,“ meinten die Saltenower.

„Geht mir mit der Güte,“ murrte Jan, „er straft ja das kleinste Unrecht wie ein Verbrechen.“

„Und thun kann er auch für Niemand mehr was, denn er ist jetzt selber so arm wie wir!“

Ein heftiger Streit entspann sich, die Meisten stimmten dem schändlichen Vorschlage bei, die Minderzahl bekämpfte ihn.

„Entschließt Euch, zum Besinnen ist keine Zeit, die Soldaten rücken immer näher,“ drängte der Erste wieder.

„Ja, redet mit ihm – sagt’s ihm auf Deutsch, daß er schwören muß!“

„Das ist nicht nöthig, Leute,“ sprach jetzt Alfred und trat mitten unter sie, „ich verstehe auch Polnisch!“

Die Menschen waren wie vom Donner gerührt. Alfred schaute sie groß und ruhig an, keine Wimper seiner durchdringenden Augen zuckte.

„Ich zürne Euch nicht,“ sagte er, „daß Ihr einen solchen Anschlag gegen mich, Euren besten Freund, machen konntet. Wäret Ihr Unterthanen von Saltenowen, so würde es mich schmerzen, weil ich dann sehen müßte, daß all’ mein Wirken und Mühen umsonst war, aber Gott sei Dank, Ihr seid es nicht, die wenigen Saltenower unter Euch sind auf meiner Seite geblieben. Aber auch Ihr Andern werdet die abscheuliche That nicht an mir verüben.“

„Wenn Ihr uns schwört, daß Ihr uns nicht verrathet –“

„Auch wenn ich nicht schwöre, werdet Ihr es nicht thun!“

Wieder entstand ein Gemurmel. Ein bedrohlicher Knäuel zog sich dicht um Alfred zusammen. Der widerliche Hauch so vieler erhitzter Menschen hüllte ihn ein. Die tückischen Augen der Masuren blitzten ihn herausfordernd an.

„Ihr wollt nicht schwören?“ fragte Jan, der verstockte Bursche, der den Anschlag zuerst gemacht.

„Nein!“ sagte Alfred fest, „Ich kann und will nicht schwören, eine Unwahrheit zu sagen, wenn man mich über diesen Fall gerichtlich vernimmt. Ich werde Euch schonen und Euer Vergehen so darstellen, daß Eure Strafe eine milde sein wird, denn Ihr seid Familienväter und Eure Rache war durch eine unerhörte That herausgefordert. Das ist Alles, was ich Euch versprechen kann – und seht, so fest ist mein Glaube an das Bessere auch im Rohesten unter Euch, daß ich trotzdem weiß, Ihr werdet nicht Hand an mich legen!“

Die Leute schlugen die Augen nieder, sie kämpften mit sich selbst.

Da schrieen einige der Rädelsführer: „Seid Ihr Narren, daß Ihr Euch so beschwatzen laßt? wollt Ihr abwarten, daß er Euch an’s Messer liefert? Herr, wenn Ihr nicht gutwillig schweigt, so machen wir Euch stumm für immer. Da heißt’s: ‚Jeder ist sich selbst der Nächste.‘ – Besinnt Euch, wollt Ihr schwören oder nicht?“

„Nein!“ war die kurze Antwort.

[870] Und in raschem Anlauf warfen sich die Gesellen durch die unschlüssig dastehende Menge auf Alfred. Die Weiber fuhren kreischend auseinander, einige stürzten fort und schrieen in den Wald hinein: „Hülfe, sie ermorden den Salten!“

Die wenigen Unterthanen Alfred’s umringten ihn. Alfred aber hatte ein Schriftstück aus der Tasche gezogen und hielt es wie einen Schild den Andringenden entgegen. „Da seht her,“ rief er mit starker Stimme, „und überzeugt Euch zuvor, was Ihr thut, wenn Ihr den Mann tödtet, der nur für Euch und Euer Recht gelebt und gekämpft hat! Wer unter Euch lesen kann, der lese!“

Die Männer blieben wie gebannt stehen und starrten im das Blatt. Einer davon las es laut vor. Es war die Zustellung, daß die Kammer auf Antrag Salten’s der Provinz einen Zuschuß von drei und einer halben Million Thaler bewilligt. Dies Document war ein Schild, fester als je einer von den tapferen Ahnherren Alfred’s geführt worden!

Ein Jubel brach aus, so stürmisch wie kaum zuvor die Wuth gewesen. Die Freude hatte die wilden Gesellen ganz umgewandelt, sie warfen sich vor Alfred zur Erde und küßten ihm Füße und Hände.

„Seht Ihr,“ sagte Alfred, „ich wußte es wohl, daß Ihr besser seid, als Ihr selbst glaubtet.“

In diesem Augenblick geschah etwas Unerklärliches, ein Schuß wie von hundert auf einmal abgefeuerten Kanonen und siehe da, wie mit einem Zauberschlage stürzte das Wasser plötzlich wieder in der Richtung seines alten Bettes fort und der Abfluß des Durchstichs begann vor den Augen der staunenden Menge zu sinken.

„Was ist das?“ schrieen Alle durcheinander.

„Das Wasser fließt ab,“ erklärte Alfred, „die Soldaten, die Ihr vorbeimarschiren hörtet, waren die Pionniere, die ich von Lötzen kommen ließ, um das Eis zu sprengen – jetzt hat der Fluß wieder seinen Lauf und die Ueberschwemmung ist zum Stehen gebracht.“ Er lächelte. „Ich denke, ich kann Euch doch wohl noch mit Rath und That etwas nützen, wenn ich auch so arm – oder ärmer bin als Ihr Alle!“

Die Menschen waren außer sich. „Herr, vergebt uns, tragt’s uns nicht nach!“ riefen sie in aufrichtiger Reue.

Jetzt galoppirte ein Reiter heran, ein Officier der Lötzner Garnison. „Alfred,“ rief er schon von Weitem, „es ging ausgezeichnet, die Wasser verlaufen sich. Du hast wieder wie immer das Rechte getroffen. Was ist das?“ Er parirte sein Pferd vor der Leiche Egon’s.

„Victor,“ sagte Alfred, „Du bist jetzt Herr von Schornkehmen. Du bist der Letzte eines versunkenen Geschlechts, werde der Erste eines neuerstehenden, wecke es im Sinne unserer modernen Humanität, und Segen wird aus den Trümmern der Vergangenheit sprießen“

Da faßte Victor bewegt Alfred’s Arm. „Hilf Du mir, daß ich es kann, ich will es redlich, aber nur an Deiner Hand werde ich es vollbringen“

„Freut Euch, Ihr Leute!“ rief Alfred. „Das Eis des Winters und der alten Zeit ist gebrochen und der neue Frühling bringt Euch eine neue bessere Zeit!“




35. Wiederkehr.

Sonniger Friede lag auf dem Zürichersee. Die kräuselnden Wellen spielten und tanzten wie geschmolzenes Silber melodisch klingend um das Ufer der Hösli’schen Besitzungen, und die Lustreisenden auf den Dampfschiffen zeigten unter dem weiß und roth gestreiften Baldachin wohl neidisch nach den schattigen Kastanien und den eleganten Landhäusern herüber und sagten: „Die haben’s gut!“

Im Schilf des Landungsplatzes schaukelte der grünangestrichene Kahn auf und nieder, der einst Alfred fortgebracht hatte aus dem stillen Frieden der Kindheit einem Leben von Stürmen und Kämpfen entgegen. Es war Alles noch wie damals, denn der stätige Sinn der Schweizer hält fest bis in’s Kleinste an Altgewöhntem und verändert nicht gern. Ueberall die strengste Ordnung. Nur drüben auf der Terrasse der Salten fehlte die sorgliche Pflege. Hier senkten sich wuchernde Zweige unbeschnitten bis auf die Balustrade herab, wie trauernd um die lange Vereinsamung, und verschleierten ganz und gar die Aussicht, so daß nur noch der See durch die runden Oeffnungen der Balustrade durchschimmerte. Die wilden Kastanien lagen wie gesäet umher, keine Kinderhand hob sie mehr auf, um Halsketten und andere schöne Dinge daraus zu machen. Auf den Steinbänken wuchs grünes Moos, und die Wege waren nicht gereinigt. Es war hier wie in dem Garten Dornröschens. Alles schien in ein wehmütiges Träumen versunken, auch das Haus mit seinen für immer geschlossenen Läden schien zu schlafen. Hier in dieser träumerischen Stille und Einsamkeit weilte Anna Hösli am liebsten. Auf ihren Wunsch hatte der Vater das Gut nicht wieder vermietet und Alles gelassen, wie es war. Hier auf der alten Terrasse saß sie stundenlang, sie sagte, sie könne in dieser Einsamkeit besser lesen und lernen. Sie beschäftigte sich seit einigen Jahren vorzugsweise geistig. Alle Schätze der schönen Literatur machte sie sich zu eigen. Ihr Urtheil reifte, ihre Anschauungen erweiterten sich, ihr ganzes Wesen wurde ernster, tiefer.

Herr und Frau Hösli sahen diese Veränderung nicht ohne Sorge, denn sie fühlten sehr wohl, daß Anna ein heimliches Leid mit sich herumtrug, wie beharrlich sie es auch hinter einer gleichmäßigen Ruhe und Freundlichkeit zu verbergen suchte, und es war recht still im Hause Hösli geworden. Mehrmals hatte Frau Hösli versucht, sich das Herz ihrer Tochter zu öffnen, aber Anna war eine Schweizerin, und die Schweizer sind verschwiegen.

Eines Tages hatte Frau Hösli gesagt: „Anna, ich habe einen Brief vom Grafen Victor, er möchte Alfred mit Dir versöhnen, er meint, dies sei seine Schuldigkeit, da er Euch auseinandergebracht, und er behauptet, Alfred liebe Dich noch.“

Anna war jäh erröthet, und sich heftig abwendend sagte sie nichts als: „Was wird denn der wissen?“

Ehe ihre Mutter etwas erwidern gekonnt, hatte sie das Zimmer verlassen. Frau Hösli nahm sich vor, nicht weiter in das verschlossene Mädchen zu dringen. Von da an entwickelte sich hinter Anna’s Rücken eine Correspondenz zwischen Herrn Hösli und Victor. Als aber das Unglück der Ueberschwemmung Alfred’s Güter betroffen, dehnte sich die Correspondenz auch auf Alfred aus. Herr Hösli bot ihm ein großartiges Darlehen an, um ihn aus seiner augenblicklich so schwer bedrängten Lage zu retten. Alfred lehnte es jedoch ab. Die Regierung hatte ihn in Anbetracht seiner Verdienste zum Generalcommissair der Provinz ernannt und ließ seine Fabrik auf Staatskosten wieder aufbauen. Eine fast beispiellose Auszeichnung und Vergünstigung, die eben nur einem Manne von Alfred’s rastlosem und aufopferndem Wirken zu Theil werden konnte.

„Was sagst Du dazu Anna?“ hatte Herr Hösli seine Tochter gefragt. „Bist Du nicht stolz auf Deinen ehemaligen Spielgefährten? Dieser Mensch ist alles, was er ist, durch sich selbst geworden; er hat die Vorurtheile seines Standes abgestreift, hat seine Kränklichkeit überwunden und durch Willensstärke und ohne jede andere Hülfe das Unglaublichste vollbracht. Er ist im wahren Sinne des Wortes ein self-made man. Was wird der noch für eine Carrière machen!“

Anna hatte, ohne etwas zu erwidern, die Achseln gezuckt und war, wie immer, wenn von Alfred die Rede war, aufgestanden und weggegangen. Herr Hösli hatte ihr lächelnd nachgeschaut und nicht ohne Stolz zu seiner Frau gesagt: „Ein rechter Schweizerkopf!“

Alfred’s aber war seitdem nicht mehr in der Familie erwähnt worden, nur Frau Hösli wußte um seinen Briefwechsel mit ihrem Manne.

„So kann es nicht mehr lange fortgehen,“ sagte heute Frau Hösli verstimmt. „Dieser herrliche Tag, wo ganz Zürich auf den Bergen und auf dem See ist, und das Mädchen sitzt wieder drüben allein und brütet über einem Buche, nicht einmal mit Frank’s Kindern, die sich so nett entwickeln, mag sie sich mehr abgeben. Sie hat für Nichts mehr Sinn. Das muß anders werden!“

Herr Hösli versteckte sich wieder, wie immer, hinter der Zeitung, und Frau Hösli sah zum Glück nicht, wie pfiffig er lachte und wie tief das Grübchen wurde – es hätte sie sonst verdrießen müssen.

„Es wird wohl bald anders werden. Alte!“ tröstete er und sah auf die Uhr, als könne sich diese Wandlung in einigen Minuten vollziehen.

Eine Weile schwiegen Beide, das Zeitungsblatt rauschte leise in Herrn Hösli’s Hand, Da trat Frank hinter Frau Hösli’s Rücken aus dem Vestibül in den Garten und winkte mit freudestrahlendem [871] Gesicht Herrn Hösli geheimnißvoll zu. Dieser nickte, Frank verschwand, und schneller als gewöhnlich stand Herr Hösli auf und ging nach dem Hause. –

Anna saß indessen auf der Terrasse drüben und machte sich selbst weis, sie lese. Aber sie las nicht. Seit den letzten Aeußerungen ihrer Eltern, welche sie so schroff abgeschnitten hatte, war sie innerlich aus dem Gleichgewicht gekommen; was sie auch that und las, eine stille Qual nagte an ihrem Herzen und lähmte ihre Kraft und ihr Interesse. So schaute sie über das Buch weg nach dem See, und tausend wechselnde Bilder mochten mit den schimmernden Wellen an ihr vorüberziehen. Ihr war, als hörte sie Alfred mit seinem lahmen Fuße über den Kies gehinkt kommen und sagen: „Aenny, laß uns spielen.“ Aber er kam nicht mehr und dachte nicht mehr an die harmlose Kinderzeit, denn es war ja nicht mehr der kleine Fredy, er war groß geworden – groß in in jeder Hinsicht, er war ein berühmter hochgestellter Mann, und das Mädchen, das seine treue Liebe so hart zurückgewiesen, war – todt für ihn!

Ein Geräusch schreckte sie auf. Sie wandte den Kopf. Was war das? Ihr Vater führte mit Frank einen Fremden in den Garten. Er schüttelte ihm herzlich die Hand, machte ein Zeichen nach Anna hin und verschwand mit Frank in das Haus! Der fremde Herr schritt die Terrasse entlang. Es war eine edle vornehme Erscheinung von stolzer Haltung, – nur der Gang hatte etwas Eigenthümliches, das eine Knie bog sich nicht beim Auftreten. Anna schaute und schaute. Sie konnte sich nicht rühren, weder vor noch zurück. Es war ihr, als sänke sie in den See und die Wellen stiegen ihr immer weiter zum Herzen hinan. Der Fremde kam so langsam näher, viel zu langsam und doch auch wieder viel zu schnell, denn da stand er ja schon vor ihr und streckte ihr die Hand hin und sagte mit dem altvertrauten Tone: „Aenny!“

„Fredy!“ schrie sie auf zwischen Lachen und Weinen „Ach, der Fredy, der Fredy!“ Und ein Zittern überlief sie vom Scheitel bis zur Zehe, die Kniee versagten ihr, sie sank auf die Bank zurück und verhüllte das Gesicht vor übermächtiger Bewegung.

Alfred setzte sich leise neben sie hin und zog ihr die Hand von dem thränenüberströmten Gesicht. „Lieb’ Aennchen, hab’ ich Dich erschreckt?“ flüsterte er und immer reicher flossen des Mädchens Thränen. „Aenny, Du weinst?“ sagte Alfred in bebender Freude, „so kenne ich Dich ja gar nicht!“

Da riß sich das scheue Geschöpf, als schämte es sich plötzlich seiner Leidenschaftlichkeit, von ihm los und eilte hinweg den Garten hinunter. Aber Alfred eilte ihr nach, und diesmal – zum ersten Male in seinem Leben – holte er sie ein. „Aennchen,“ sagte er, „schämst Du Dich Deiner Thränen, darf ich sie nicht sehen?“

Sie stand mit abgewandtem Gesichte vor ihm.

„Aennchen!“ fuhr er fort und schlang sanft den Arm um sie. „Ich habe noch viel, viel mehr Thränen um Dich vergossen und bitterer als die Deinen; ich verdiene es wohl, daß Du auch einmal um mich weinst!“

Da nahm sie das Taschentuch von den Augen und sah ihn an in überströmendem Gefühl. „Ja bei Gott, Du verdienst es, und ich will nicht klein sein und mir’s erst von Dir abfragen lassen; ganz und voll will ich Dir geben, was ich so lange für Dich im Herzen trage; was kann ich Dir denn geben, was nur halb Deiner würdig wäre – wie viel’s auch ist, es ist noch immer nicht genug für solch einen Mann!“

Alfred hörte ihr zu wie im Tranme; er hatte ihre Hand auf seine Brust gepreßt, und sie fühlte den mächtigen Schlag seines Herzens.

„Fredy,“ fuhr sie fort, und die Worte quollen ihr von den Lippen unaufhaltsam, mit hinreißender Beredsamkeit, „Fredy, ich habe Dir einst versprochen, daß ich Dir’s ungefragt sagen wollte, wenn ich Dich liebte! Weißt Du’s noch? Schau, ich halte Wort, ungefragt, freiwillig sag’ ich Dir’s jetzt, Fredy, ich habe Dich so lieb, daß ich für Dich sterben könnte!“ Und als habe sie die Last dieses übermächtigen lange verborgenen Gefühls nur eben noch bis hierher und nicht weiter tragen können, brach sie in die Kniee und sank an Alfred zur Erde nieder.

Er hob sie mit nervigen Armen auf und legte sie an sein Herz. Ein leises „O!“ ein Laut unaussprechlicher Wonne entschlüpfte ihren Lippen als sie ihr Haupt an dies große treue Herz schmiegte. „Hier ist mein Platz, hier und nirgend anders in der Welt,“ schluchzte sie leise. „Fredy, lieber Fredy - seit ich mich von diesem Herzen verbannt, war ich wie der aus dem Nest gefallene Vogel, den wir einmal in Geßner’s Eichenhain fanden – weißt Du’s noch?“

Alfred konnte nicht antworten, er hielt sie stumm umschlungen, der erste Augenblick des Glücks, so lange er lebte. Er hatte immer nur Worte für den Schmerz gehabt, die Sprache des Glücks mußte er erst lernen.

Aber Aenny fuhr fort, indem sie den Kopf hob und ihn selig lächelnd anschaute: „Da habe ich Dir nun Alles gestanden und weiß nicht einmal, ob Du mich noch so lieb hast wie ich Dich, – habe Dir mein Herz gegeben und weiß nicht, ob Du’s nur noch haben willst, Ach, es ist einerlei; wenn Du’s nicht willst, so wirf’s weg, ich kann doch nichts mehr damit anfangen.“ Und sie sah den feuchten Glanz seiner Augen und fühlte das heiße Pochen seines Herzens, und sie schüttelte mit süßer Zuversicht den Kopf. „Nein, nein, Du wirfst es nicht weg – Du nimmst es wieder auf in sein Nestchen da hinein in die treue warme Brust. Gelt, ich plaudere unaufhörlich. Aber Fredy, wie lange habe ich nicht mehr mit Dir gesprochen! Wie viel, wie unermeßlich viel muß ich noch reden, bis ich Dir Alles gesagt habe, was ich in all den Jahren an Liebe und Heimweh schweigend hinuntergekämpft habe! Das ganze Leben wird ja dazu nicht ausreichen!“

„Anna!“ rief Alfred, sie fest und fester an sein Herz schließend. „Was ist aus Dir geworden, Mädchen? Ich habe viel gelitten, Unaussprechliches; ich habe Dich zu kennen und zu lieben geglaubt – aber jetzt, jetzt erst weiß ich, was die eigentliche Liebe ist. Hätte ich Dich damals schon gekannt und geliebt wie in diesem Augenblicke – ich wäre meinem Schmerze erlegen. Anna, wenn Du mich nach diesem Augenblicke wieder von Dir stießest, würdest Du mich tödten denn jetzt könnte ich nicht mehr leben ohne Dich!“

Anna sah ihm ernst und voll in die Augen. „Ich verstehe und verdiene den Vorwurf, in diesen Worten“ sagte sie, und es lag eine Weihe in ihrem Tone. „Du zweifelst an meiner Fähigkeit, Treue zu halten; Du kennst mich nur als ein flatterhaftes unzuverlässiges Ding, das von Dir zu Victor und von diesem zu Dir zurückeilte. Aber, Fredy, ich bin dennoch treu geblieben mir selbst und Dir! Denn ich habe Dich immer geliebt, ich hab’s mir nur selbst nicht eingestehen wollen weil – nun ja – warum soll ich Dir’s nicht sagen? Du mußt jeden Gedanken meiner Seele kennen, – weil Du mir so unmännlich und unbedeutend erschienst – und ich ein eitles Ding war, das mit seinem Geliebten großthun wollte und sich selbst für so erhaben hielt, daß es meinte, nur ein Held sei seiner werth. Diesen Helden glaubte ich in Victor zu finden, weil ich in meiner Oberflächlichkeit nur nach dem Aeußern urtheilte. Aber ich habe erkennen gelernt, worin der wahre Manneswerth besteht; Du gabst mir, ohne daß ich es selbst wußte, den Maßstab dafür, und als ich ihn an meinen Helden legte – da befand ich diesen zu klein! So wurde mir es allmählich klar, daß Du, Du allein jene Größe in Dir trägst, die ich nur in der prächtigen Hülle Victor’s gesucht, und daß in der zartesten Hülle gerade der stärkste Geist wohnen kann. Glaube nicht, Alfred, daß erst Deine Erfolge, daß erst die Bewunderung, welche Dir die Welt zollte, mich das gelehrt – wäre das erst nöthig gewesen, dann wäre meine Liebe für Dich, wie damals für Victor, nicht mehr als die Eitelkeit, einen großen Mann zu besitzen. Nein bei Gott, von solchen Schlacken ist meine Seele gereinigt. Noch in Victor’s Arm erkannte ich, daß Du mir tausendmal mehr warst als er, und an jenem Abend, wo ich, von Victor aus Feigheit verlassen, Dich bei dem Bette unsreres Frank’s fand – da wußte ich, was Du bist und daß ich Dich liebe!“

Sie legte ihre gefalteten Hände auf Alfred’s Brust. „Seitdem habe ich Dein gehört mit jedem Gedanken, habe mich zu Dir zurückgesehnt, ach, so unaussprechlich! Und ich habe an mir gearbeitet, um mich zu bilden und Deiner werth zu sein – Deiner? Nein! – ich hoffte ja nicht mehr auf Dich, – nur um des Gedankens an Dich werth zu sein! Fredy, es mag wohl hart sein, ein Glück erst zu erkennen, nachdem man es verlor, – aber ein Glück erkennen, nachdem man es freiwillig von sich gestoßen, das ist ein Schmerz der Reue, der am Leben nagt. Gott sei Dank, nun ist es einmal vom Herzen,“ sie that einen tiefen Athemzug, „ah, nun ist mir leicht! O die Wonne, die Wonne, sich wieder einmal so aussprechen zu können! Weißt Du noch, es war immer meine Gewohnheit, das heißt ich dachte, es sei nur so eine Gewohnheit; [872] aber als ich es nicht mehr thun durfte, da zeigte sich’s bald, daß es ein tiefes inneres Bedürfniß war, Dir meine ganze Seele hinzugeben. Fredy, nun hab’ ich Dir gebeichtet wie dem lieben Gott, nun sag’, ob Du mir vergeben hast ganz und ohne Vorbehalt!“

„Ganz und ohne Vorbehalt!“ jubelte Alfred. „O meine Anna, Du hast Alles getilgt und ausgelöscht, was Du mich je leiden ließest. Vergieb Du mir, daß ich so lange an Dir gezweifelt; es war ein schwereres Unrecht als das Deine. Komm, setze Dich zu mir auf die alte Bank, wo wir so oft als Kinder geruht. Du trautes Lieb hast Dich so nach mir gesehnt und ich habe es nicht geahnt — hast mich gerufen mit der Stimme Deines Herzens und ich habe es nicht gehört! Sag’ mir, was soll ich thun, um nachzuholen, was ich versäumt?“ Er hatte sich gesetzt und sie sachte auf seine Kniee gezogen; sie legte demüthig den Kopf auf seine Schulter.

„Sei ruhig,“ tröstete sie, „wir haben nichts versäumt, denn die schwere Zeit war meine Schule; sie hat mich gelehrt, mein Glück zu verdienen! Und es ist ja doch Alles, wie es war; es ist, als wäre kaum ein Tag darüber hingegangen; ich fühle es an nichts, daß ich Dich entbehrte, als an der grenzenlosen Freude, daß Du wieder da bist. Ach Gott, der Fredy ist wieder da!“ jauchzte sie plötzlich laut hinaus, als erführe sie es eben erst. „Ihr Berge, ihr Bäume, du alte Steinbank, hört ihr es denn? Der Fredy, der Fredy ist wieder da!“ Sie war aufgesprungen und hatte die Arme ausgebreitet, als wolle sie Allem, was um sie lebte und webte, mit vollen Händen von ihrem Glücke mittheilen. „Sie hören es nicht und verstehen es nicht, die dummen Bäume. Ach, was werden die Eltern sagen und Frank und seine Frau! Ach, und wie würde sich der alte Phylax freuen, wenn er noch lebte!“

„Der alte Phylax, ist er todt?“

„Ja, er starb am Heimweh nach Dir! O, er verstand jedes Wort. Wenn ich sagte: ‚Phylax, wo ist der Alfred?‘ dann winselte er so kläglich. Es that mir weh für ihn, und doch konnte ich es nicht lassen, ich mußte immer wieder Deinen Namen nennen, und der Phylax war der Einzige, mit dem ich von Dir reden konnte. Vor den Eltern schämte ich mich; ich wollte nicht, daß sie es merkten. Aber der Phylax, der war mein Vertrauter und war’ doch noch ein Vermächtniß von Dir!“ Eine Thräne schimmerte ihr im Auge.

Alfred bog ihren schönen Kopf zu sich herab und küßte sie ihr weg. „Du bist doch noch Kind geblieben, wie herrlich Du Dich auch zum Weibe entfaltet hast. Wie? käme ich am Ende mit meinem alten Rückert doch noch zu Ehren? Weißt Du noch unser Gespräch am Ufer, als wir die Binsen pflückten?“

Anna nickte. „Wo ich nicht mehr Mutter und Kind spielen wollte, weil ich mir so viel darauf einbildete, erwachsen zu sein! Ob ich’s weiß! Wie oft hab’ ich später an das hübsche Lied gedacht: ‚Ich und meine Liebste sind im Streite, ob mein Kind sie sei, ob ich das ihre!‘ Wie oft hab’ ich mich mit geschlossenen Augen in Deine Arme geträumt und mir eingebildet, Du wiegtest mich in Schlaf, und das war so süß! – Ja, ich habe sie wohl gelernt, diese Demuth der Liebe, die sich dem Ändern so willenlos auf Treu und Glauben zu eigen giebt, sich so ihrer Kraft, ihres Rechts, ihres Selbstbewußtseins entäußert, daß er mit ihr schalten und walten kann, wie mit einem Kinde!“

„Engel!“ rief Alfred hingerissen. „Wir haben die Rollen vertauscht, Du bist die Lehrende, ich der Lernende, ich höre Dir zu, und immer neue Seligkeit strömt von Deinen Lippen über mich aus!“

„Weißt Du noch, Du wurdest damals so böse, als ich Dir sagte, ich sei zu groß für Dich! Jetzt will ich mich klein machen, ganz klein,“ plauderte sie weiter. „Ich wollte, ich wäre so klein, daß Du mich in Deine Brusttasche verstecken könntest und immer mit Dir herumtragen!“ Und sie kauerte sich zu seinen Füßen nieder und schaute mit einem unbeschreiblichen Blick zu ihm auf. „Sieh, nun bin ich Dein Kind — nun schalte und walte mit mir, Du liebes schönes Väterchen!“

„O süßer Scherz!“ rief Alfred, und seine Augen füllten sich mit Thränen. „Anna, fühlst Du, welch heiliger Ernst in Deinem Scherze liegt?“

„Ob ich’s fühle!“ flüsterte sie voll holder Innigkeit, und sie hielten sich lange schweigend umschlungen. Zu ihren Füßen murmelte leise der See und versöhnte Geister der Vergangenheit, Engel der Zukunft schwebten segnend um sie her.

„Weißt Du noch, Fredy, wie wir immer miteinander kämpften als Kinder?“ sagte Anna, das erglühende Antlitz emporhebend. „Damals bezwang ich Dich – jetzt hast Du mich bezwungen und all meinen Trotz und Eigensinn, daß ich Dir gehorchen muß für’s ganze Leben und keinen ändern Willen mehr habe, als Dir zu dienen!“

„Willst Du das, Anna?“ rief Alfred. „Willst Du mir ein treues hingebendes Weib sein und Dich mir fügen mit dem vollen Vertrauen, daß dieser Arm, wenn er auch nicht so stark ist, wie der anderer Männer, Dich doch gegen alle Stürme beschützen wird?“

„Ja, Fredy, das will ich, so wahr Gott mir helfe! O, Du bist mir viel zu gesund und stark geworden, Fredy, ich wollte, Du wärst wieder so hinfällig wie damals, damit Du meiner mehr bedürftest und ich Dich mehr pflegen müßte!“

„Dann würdest Du mich aber vielleicht nicht mehr so lieb haben!“ lächelte Alfred.

„O nein!“ rief Anna, „und wenn Du ein Krüppel wärst, Du bliebst doch, was Du bist, wie Raphael ein großer Maler gewesen, wäre er auch ohne Hände geboren! Wenn Victor seine Gesundheit verlöre, dann wäre er ein armes schwaches Geschöpf, höchstens ein Gegenstand des Mitleids, denn er ist nur ein Held durch die Kraft seiner Muskeln – die nicht sein eigen ist – die ihm ein Zufall rauben kann, – Du aber bist ein Held geworden der Natur und den Verhältnissen zum Trotz aus eigener Kraft, diesen höchsten Ruhm kann Nichts Dir nehmen!“

„Anna, große Seele,“ rief Alfred, „mir ist, ich hörte Feldheim’s prophetische Stimme. Er hat es mir geweissagt, da ich noch Knabe war, was Du soeben aussprichst. Ja, er hatte Recht: daß ich, der Krüppel, mir diesen Ruhm erringen konnte, daß ich Dich, Du göttliches Weib, an meinen Busen drücken darf und in Deinen Augen den Strahl der Liebe und Achtung leuchten sehe, der nur Helden lohnt, ich danke es mit gerührtem Herzen dem Fortschritt unseres denkenden Jahrhunderts! So seid getrost, Ihr Alle, die wie ich geschmachtet hinter den Schranken, welche eine stiefmütterliche Laune der Natur oder das Vorurtheil der Menschen Euch gesteckt: die Arena des Geistes ist aufgethan, Jeder ist zum Kampfe zugelassen und Jeder kann siegen aus eigener Kraft!“




Ein Thüringer Kaufmann.
Zur Jubiläumsfeier eines deutschen Instituts.

In den Nummern eins, acht und zehn des Jahrgangs 1865 der „Gartenlaube“ haben Sie unter der Überschrift „Das Werk eines deutschen Bürgers“ über die Gründung und den Geschäftsbetrieb der ersten und größten deutschen Lebensversicherungsanstalt, der Lebensversicherungsbank in Gotha, interessante Mittheilungen aus der Feder Ludwig Walesrode’s gebracht, die gewiß manchem Ihrer Leser noch in Erinnerung sein werden. Jenes „Werk“ hat indessen seine Arbeit, sein Geschäft mit dem Tode, still und geräuschlos, wie es sich einem solchen Geschäftsfreunde gegenüber geziemt, aber in immer wachsendem Umfange fortgesetzt, hat an Wittwen und Waisen Millionen ausbezahlt und hat Millionen zu Millionen gehäuft, die in Zukunft demselben Zwecke dienen sollen. Denn, wie Walesrode sagte, der Tod ist der treueste Kunde der Bank, täglich findet er sich in ihren Bureaux ein und präsentirt fällige Wechsel, die prompt eingelöst werden müssen.

Von jenem deutschen Bürger Ernst Wilhelm Arnoldi rührt noch eine zweite große Schöpfung, die Feuerversicherungsbank für Deutschland in Gotha her, die am Neujahrstage 1871 ihr fünfzigjähriges Bestehen feiert. Wir nehmen dies zum Anlaß, Ihren Lesern heute das gelungene Bild Arnoldi’s vorzuführen, und glauben uns deren Dank zu verdienen, wenn wir dasselbe mit einigen Notizen über den Lebensgang des genialen Mannes, der ein Muster deutschen Fleißes und deutschen Sinnes war, begleiten.

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Die Gartenlaube (1870) b 873.jpg

Ernst Wilhelm Arnoldi.
Nach einem Oelgemälde im Besitze der Familie Arnoldi in Gotha

Wir befinden uns dabei in einer besonders günstigen Lage. Auf unser Ersuchen ist uns aus demhandschriftlichen Nachlasse Ernst Wilhelm Arnoldi's eine von ihm begonnene Selbstbiographie überlassen worden, die wir auszugsweise wiedergeben dürfen. Dieselbe begreift zwar nur seine Jugendjahre, enthält aber eine Fülle interessanten Materials, das wohl verdiente, in seinem ganzen Umfange bekannt zu werden, zumal es geeignet ist, ein genaues Bild von den Eigenschaften des Charakters und Herzens Arnoldi's zu geben, die seine Persönlichkeit später zu einer so bedeutsamen und gewinnenden gemacht haben.

Ernst Wilhelm Arnoldi schreibt im Jahre 1838:

„Wohl habe ich Ursache, mich nach dem Anfange und den Stationen meiner Laufbahn umzusehen, jetzt, da ich mich dem Ende Derselben nähere. Ich habe das sechzigste Lebensjahr überschritten; doch fühle ich mich noch zu wohl, um über solche Mängel zu klagen, welche mit den Naturgesetzen im besten Einklänge stehen. Dieses Loos habe ich gewiß meinen Eltern mit zu verdanken, die beide aus gesunden Geschlechtern entsprossen, gesund und verständig waren, und beide, der Vater wie die Mutter, das siebenundsiebenzigste Jahr erreichten. Ich bin am 21. Mai 1778 in Gotha geboren.

Von meinen Großeltern habe ich von väterlicher Seite den Großvater, den Kaufmann und Rathskämmerer Matthias Gottfried Arnoldi, von mütterlicher Seite beide gekannt. Jener hatte ohne Vermögen in Gotha eine Colonialwaarenhandlung gegründet und, wie er mit Genugthuung häufig sagte, durch Rechtschaffenheit, Fleiß und Sparsamkeit sich ein mäßiges Vermögen erworben.

Mein Vater, Ernst Friedrich Arnoldi, führte das von meinem Großvater begründete Geschäft fort, dem ich später mich selbst widmen sollte.

Ich habe meine Eltern 1820–21 von Moritz Steinla malen lassen. Beide Bilder sind gelungen, beide sprechen. Der Vater erscheint wie im Leben im Bilde streng, feurig, zum Zorn neigend, fest mit einem Anfluge von Stolz, bei klarem Verstande und scharfen Sinnen. Er war von mittlerer Größe, muskulös und ebenmäßig gebaut. Die Mutter vereinigte alle Eigenschaften, welche die Frau eines solchen Mannes besitzen maß: Geist, und Gemüth, Sanftmuth, Unterscheidungsgabe, Selbstbeherrschung, moralische und persönliche Würde. Von mehr als mittlerer Größe, schönem Gliederbau, edler Haltung und regelmäßiger Gesichtsbildung war und blieb sie eine schöne Frau bis in den Tod.

Mein Vater hatte seine Lehrjahre in Leipzig bestanden, zu jener Zeit, da Gellert lebte und lehrte. Vielleicht kam auf Rechnung dieses Umstandes meines Vaters Besitz von Gellert’s Schriften und, was mehr ist, seine sittliche Richtung, die seiner Frau und durch Beide die ihrer Kinder.

Schon in meinem elften, dem verängnißvollen Jahre 1789, nahm mein Vater mich mit auf die Messe zu Kassel, wo mir eine Neue Welt aufging. Abwechselnd mit meinem jüngeren Bruder begleitete ich die darauf folgenden Jahre meinen Vater nach Kassel und bereicherte meinen Geist an Vorstellungen und Wahrnehmungen. –

Eine Eigenthümlichkeit, wozu mich eine in meiner innersten Natur liegende Triebfeder anregte, bildete immer meine Sorge für und meine Besorgniß um meine Geschwister, deren es acht waren. Fast kein Tag ging hin, daß bei eintretender Nacht nicht der eine oder der andere meiner Brüder gefehlt hätte. Auch ohne mein Zuthun würde er sich schon wieder eingefunden haben, aber meine Angst ließ mir keine Ruhe. Einmal fand ich, nachdem ich [874] mich abgehärmt und der Verzweiflung nahe war, in dunkler Nacht einen Bruder sanft schlummernd auf einer Steinbank vor einem Nachbarhause, dem Königssaal.

Aus derselben Quelle leite ich die mir eigene, unwiderstehliche Neigung her, mich in fremde Zustände zu versetzen, für Andere oder mit Andern zu leiden oder zu jubeln und wohl auch mir in ihren Angelegenheiten, wie man sagt, den Kopf, zu zerbrechen. In wie weit diese Gemüthsart als Grundlage meines Charakters gedient und mich vor dem Schicksal bewahrt hat, in jenen Egoismus zu Versinken, der den davon Besessenen weniger elend, als unfähig macht, aus dem engen Kreise seines Ich herauszutreten, dies wird sich im Verlaufe meiner Selbstschilderung zeigen. Wie die Wahl des Berufs in der Regel von der Nothwendigkeit, dem Beispiel oder der Gewohnheit bedingt wird, so geschah es auch bei mir. Bedürfte ich, was ich nicht sagen kann, eines Trostes dafür, daß ich Kaufmann geworden bin, so würde ich ihn in dem Umstande finden, daß ich mich nicht dagegen gesträubt, nicht auf ein Lieblingsfach Verzicht geleistet habe. Mein Vater sprach gerne und oft von der freien Wahl in seiner Wirksamkeit, oder, wie er es nannte, von der Freiheit des Kaufmanns, und daß Redlichkeit und Fleiß bei Ordnungsliebe und Sparsamkeit zum Wohlstand und Ansehen führen können, das konnte mir schon einleuchten, wenn ich unsern Haushalt ansah. Aber ich fühlte auch, daß mein Vater bald einer Stütze bedürfen würde, die nothwendig nur sein ältester Sohn ihm gewähren konnte. Diese Umstände mußten mich über Das, was ich sollte und wollte, bald genug in’s Klare bringen und die guten Seiten des kaufmännischen Berufes mehr und mehr erkennen lassen.

Nach zurückgelegtem sechzehnten Jahre befand ich mich in Hamburg, der größten Handelsstadt Deutschlands. Wenn große Städte überhaupt Schulen sowohl der feinen Sitte, als des Lasters sind, so konnte Hamburg damals als eine der höchsten Schulen dieser Art gelten, jedoch vorzugsweise in Beziehung auf Laster, welche im Gefolge der Ueppigkeit Platz greifen und die Jugend beider Geschlechter deswegen verderben, ja oft ganz zu Grunde richten; denn nur zu leicht läßt sich die Unerfahrenheit von lockenden Außenseiten bestechen und bezaubern, die Sinne aber vermögen am wenigsten in dem Alter, wo die Begierden erwachen, den Versuchungen immer zu widerstehen. Ich muß daher die Fügung als eine für mich sehr glückliche betrachten, daß ich mit einem Handlungsgehülfen einige Zeit auf einer Stube zu wohnen genöthigt war, welcher das Laster von einer so abschreckenden Seite darstellte, daß ich mich davor entsetzen mußte.

Nach kurzem Aufenthalte in einem kleinen Geschäfte kam ich auf das Comptoir des in hoher Achtung stehenden Hauses Johann Gabe u. Comp und befand mich damit wie durch Zauberei mit einem Male auf dem Gipfel des Großhandels der bedeutendsten Handelsstadt des nördlichen Europa, in einem der reichsten und großartigsten Handelshäuser Hamburgs. Herr Gabe, damals dreiundsechszig Jahre alt, war ein sehr schöner, kräftiger, blühender, hoher Mann; seine würdevolle Haltung flößte Achtung ein und diese Achtung wurde erhöht, wenn man, wie ich, Gelegenheit hatte, seine edle Denkart aus seinen Handlungen kennen zu lernen. An der Spitze seines Geschäfts, war er der erste und der letzte auf dem Comptoir, mit der Rüstigkeit eines Jünglings arbeitend, die ganze Correspondenz auf das Correcteste in fünf Sprachen selbst führend.

Mistreß Franziska Gabe hat mir stets einen großen Respect vor der gebildeten englischen Weiblichkeit eingeflößt. Damals erschien sie mir, wie jetzt, als ein Muster weiblicher Würde in ihrer Eigenschaft als Gattin, Mutter, Hausfrau und Christin!

Kurz nach meiner Aufnahme im Gabe’schen Hause machte sich die Anstellung noch eines Comptoirgehülfen nöthig. Zu Aller Verwunderung erhielt diese Stelle ein französischer Ausgewanderter Namens Les Maisons. Ohne zu ahnen, was mir daraus für Vortheile erwachsen würden, nahm er das Pult zu meiner Linken ein und griff seine Arbeit mit einer Kraft an, welche eben darum nicht von Dauer zu sein versprach. Er hatte sich, der deutschen Sprache soweit bemächtigt, um sich verständlich zu machen und mit Hülfe eines Wörterbuches zu lesen. Vergebens bat ich ihn, mit mir in seiner Muttersprache zu reden; er sprach aber nur deutsch, so gut es ging, und während der vier Jahre unseres Umgangs ist es dabei geblieben. Wie in dieser, blieb er sich in jeder Hinsicht treu und löste daher auch seine Aufgabe als zweiter Buchhalter zur Verwunderung des ganzen Comptoirs in kürzerer Zeit, als erwartet werden konnte. In seinem Umgange wurde ich gewahr, wie viel mir wegen meiner mangelhaften Schulbildung abging. Konnte ich das Versäumte nachholen? Der ehrwürdige Professor Büsch kündigte Vorlesungen über Handelwissenschaft und Politik an. Les Maisons nahm mich bei der Hand und führte mich zu Büsch. Als dieser darauf über das Studium der neuen Sprachen Vorträge hielt, war es wieder derselbe Freund, der mich nöthigte, Theil daran zu nehmen. Ohne ihn wäre ich wie tausend Andere davon weggeblieben.

Auch eines Hamburger Freundes, des Buchhändlers Strudel, muß ich gedenken. Das Andenken an ihn erfüllt mich mit Wonne und Wehmuth. Wir waren Freunde wie Orestes und Pylades, ein Herz und eine Seele. Von reinen Sitten und einer edeln Begeisterung für das Gute und Schöne fähig, suchte und fand er in der schönen Literatur eine Nahrung für Geist und Herz, die er redlich mit mir theilte. So hatten wir Stoff zur mündlichen Unterhaltung die Fülle. Dazu kam das lebhafte Interesse, welches wir an den damaligen Welthändeln nahmen und meine Zeitungsliebhaberei, die mich in den Stand setzte, meine Partei nehmen zu können. Was Wunder, daß wir mit solchem Unterhaltungsstoff uns ganze Sonntage von Sonnenauf- bis zu Sonnenuntergang bewegten und ein arkadisches Leben außerhalb des Dunstkreises einer großen Handelsstadt führten, in welcher alle Tugenden mit allen Lastern um den Preis rangen.

Etwa eine Halde Stünde vom Dammthore entfernt befand sich einer von den Bauernhöfen, welche, wie die Oasen in den afrikanischen Wüsten, ein fruchtbares Fleckchen in der Haide einnahmen, der Schäferkamp. Der Weg dahin geht durch tiefen Sand. Ein einfacher Garten umgiebt das ländliche alte Wohnhaus und die Wirthschaftsgebäude, und in einem Baumgange findet sich hier und da eine halbmorsche Lattenbank unter einer schattigen Linde. Da nahmen wir, im Sommer schön vier Uhr Morgens, Platz, tranken meist Milch, selten Kaffee, und lasen in der ersten Zeit dieser Schäferkampbesuche einander aus Geßner’s Idyllen das Vorzüglichste vor, wodurch wir uns in eine Unschuldwelt versetzten, die recht eigentlich den schroffsten Gegensatz mit Hamburg bildete, welches damals in einem Taumel befangen war, der sich kaum beschreiben läßt. Ausnahmsweise lustwandelten wir oder fuhren auf der Alster nach Harvestehude[WS 1] und setzten uns unter Hagedorn’s, des Dichters, Linde, oder besuchten das Eisbüttler Hölzchen etc. Dieser Umgang, dieses Glück der Freundschaft bestand, bis ich nach Gotha zurückkehrte, wohin mein Freund mir folgte, um das Vorhaben eines eigenen Etablissements und die Heimführung der Verlobten auszuführen.

Im Sommer 1799 holte mich mein Vater in Hamburg ab, um mich mit nach Gotha zu nehmen.“ –

Bis zu diesem Zeitpunkte reichen die eigenen Aufzeichnungen Arnoldi’s. Was wir aus ihnen wiedergeben konnten, ist nur ein sehr kleiner Theil derselben und bisher nirgends veröffentlicht. Daß dieselben von der Gartenlaube gebracht werden, gereicht uns in doppelter Hinsicht zur Befriedigung, weil die Neuheit der Sache und der große Leserkreis dieses Blattes gewiß einander werth sind. Der weitere Lebensgang Arnoldi’s, sein vielseitiges Schaffen und Wirken vom Beginn seines Mannesalters an bis zu seinem Tode sind dagegen schon wiederholt und an verschiedenen Orten zum Gegenstände öffentlicher Besprechung gemacht worden, so daß wir uns hier kurz fassen dürfen. Wir erwähnen nur, daß namentlich das Buch berühmter Kaufleute ziemlich ausführliches biographisches Material über Arnoldi enthält.

Einundzwanzig Jahre alt war Arnoldi in das väterliche Geschäft eingetreten; bereits nach vier Jahren wurde er dessen Theilhaber; wiederum nach drei Jahren, 1806, mit seinem Bruder Johann Friedrich Geschäftsinhaber.

Die Zeitverhältnisse waren bekanntlich die ungünstigsten. Die französische Invasion hatte begonnen, und im genannten Jahre wurde nicht sehr fern von Gotha die Schlacht von Jena geschlagen. Sein Naturell zwang ihn, unablässig bemüht zu sein, um zur Linderung der Wunden und Schäden beizutragen, die dem Gemeinwohl der lang andauernde Krieg schlug. In dieser Richtung hat er sich zunächst um, die Stadt Gotha während einer Reihe von Jahren, namentlich aber in dem Nothjahre 1816 bis 1817 durch Beschaffung von russischem Roggen wohlverdient gemacht. Nach wiederhergestelltem Frieden entwickelte sich der Unternehmungsgeist Arnoldi’s mehr für allgemeine Interessen seines Vaterlandes.

[875] Im Mai 1817 gründete er die Innungshalle zu Gotha, einen Verein der Kaufleute, zu gegenseitigem Austausche ihrer Ansichten und Erfahrungen über die mannigfachsten Gegenstände des Handels, hauptsächlich aber zu ernsterem Zusammenwirken für Verdelung des kaufmännischen Standes, durch tüchtige Ausbildung seiner Lehrlinge. Schon im Frühjahr 1818 konnte letzterer Zweck durch Eröffnung der Unterrichtsanstalt für die Lehrlinge der Mitglieder des Vereins erreicht werden.

Am 29. März 1868 beging die Handelsschule der Innungshalle in Gotha ihr fünfzigjähriges Jubiläum; sie hatte bis dahin Schüler gebildet, die, nicht nur über ganz Deutschland, sondern über alle Erdtheile verbreitet, die gute Grundlage für ihr ferneres Geschäftsleben dem Werke E. W. Arnoldi’s verdanken. Denn ein Werk im besten Sinne , ist auch diese von Arnoldi gegründete Handelsschule zu nennen, weil sie die erste in Deutschland war, und weil ihr Gründer für dieselbe, nirgends ein Vorbild hatte.

Folgende Niederschrift Arnoldi’s datirt schon aus dem März 1817: „Wenn durch die Vereinigung aller deutschen Fabriken für gemeinschaftliche Zwecke eine Versicherungsanstalt gegen Feuersgefahr zu Stande käme, so würde der Ueberschuß der Prämien dem gemeinsamen Vaterlande und den Fabriken unter sich durch diese Anstalt erhalten sein.“ Diese Idee beschäftigte ihn seitdem unablässig.

Zwei Jahre mühevoller Arbeit für Arnoldi vergingen, bis am 18. October 1820 die „Verfassung der Feuerversicherungsbank“ veröffentlicht werden konnte. In ihr war der Grundsatz „daß Viele den Feuerschaden Einzelner tragen, ohne daß ein Dritter davon Vortheil ziehe.“

Am 1. Januar 1821 fand die Eröffnung der Bank mit drei Millionen Thaler Versicherungssumme statt. Von einem kleinen Anfang ausgehend, hat sie von Jahr zu Jahr zugenommen an Umfang und Bedeutung. In der Zeit von 1822 bis 1869 konnte dieselbe an die bei ihr Versicherten allein sechsundzwanzig Millionen Thaler Ueberschüsse von den eingelegten Prämien zurückbezahlen. Die Versicherungssumme Ende 1869 hatte nahe an sechshundert Millionen Thaler erreicht.

In hohen und niederen Kreisen Deutschlands wurde Arnoldi’s Namen genannt, als er am Juli 1819 eine von ihm verfaßte Bittschrift im Auftrage von fünftausendeinundfünfzig Fabrikanten und Kaufleuten Thüringens etc. beim Bundestage zu Frankfurt am Main eingereicht hatte und darin die Ausführung des Artikels 19 der Bundesacte verlangte. Er hob hervor, daß der deutsche Bund nicht ein blos politisches Schutz- und Trutzbündniß, sondern ein zugleich die Nationalität sichernder Staatenbund sei, daß entweder alle Staaten Europas sich zur Wiederherstellung der natürlichen Freiheit des Handels und Verkehrs vereinigen, oder daß alle zu dem traurigen Grundsatz der Retorsion in Beziehung auf Ein- und Ausfuhrverbote, Zölle und Mauthen schreiten müßten, Um wenigstens im Innern ihrer Gebiete die Möglichkeit der Concurrenz inländischen Gewerbfleißes mit dem der Fremden retten zu können.

An Voraussicht der nicht mehr fernen vollständigen Handelseinigung schrieb Arnoldi am 29. Juli 1840 in das Album des Arnoldi-Thurmes, einer Familienbesitzung in der Nähe Gothas:

„Zehn Jahre sind dahin, seit dieser Thurm erstanden,
Und hohen Aufschwung nahm seitdem in deutschen Landen
Der echte deutsche Sinn, der Geist, des Bürgerthums,
Des freien Volksverkehrs des Selbstgefühls, des Ruhms. —

Du deutsches Vaterland, mög’st du noch mehr erstarken,
Verschwinden mögen ganz im Innern deine Marken,
Und eine Grenze mög’ dein weit Gebiet umziehen,
Aus Deutschlands Einheit so der Deutschen Glück erblühen!"

Nach dieser raschen Aufeinanderfolge in der Gründung gemeinnütziger Institute scheint nunmehr eine Pause für Arnoldi’s Thätigkeit eingetreten zu sein. Während derselben nehmen indessen die Schöpfungen seines erfinderischen Geistes sein Interesse und seine Arbeitskraft in vollem Maße in Anspruch. Seine Thätigkeit gilt jetzt der Fortbildung und Entwickelung aller dieser Institutionen, sie gelangen unter seiner Betheiligung und zu seiner Freude zu rascher Blüthe. Aber gleichwohl ist seine Befriedigung darüber keine solche, die ihn ganz erfüllen und von weiteren Unternehmungen abhalten könnte. Ihn beschäftigt vielmehr unausgesetzt während mehrerer Jahre noch die schwierigste Aufgabe, die Gründung einer gegenseitigen Lebensversicherungsanstalt.

Die Gründung einer solchen erforderte zunächst eine Vereinigung von Männern der Wissenschaft. Er bringt sie zu Stande, aber er, der geniale Mann der Praxis, steht mitten inne und bleibt das treibende, bewegende Princip der wissenschaftlichen Vereinigung. Im Jahre 1827 endlich sind die Vorbereitungen soweit gediehen, daß mit der Einladung an Freunde des Unternehmens zur Betheiligung begonnen werden kann. Das Interesse wendet sich der in Deutschland vollständig neuen Sache nach Aufbietung nicht geringer publicistischer Anstrengungen nach und nach zu, am 1. Januar 1829 beginnt auch die Lebensversicherungsbank ihre Wirksamkeit und heute steht sie in höchster Blüthe an der Spitze von vierzig deutschen Lebensversicherungsanstalten, von keiner hinsichtlich der Solidität übertroffen.

Besorgten wir nicht, den uns gestatteten Raum zu überschreiten, so würde es uns keineswegs an Stoff zu weiteren Mittheilungen aus dem thätigen Leben Arnoldi’s fehlen. Namentlich bot auch sein Privatleben und sein Verkehr mit Freunden tausendfache Gelegenheit zur Bewährung seiner vollen Persönlichkeit. In Gotha war er ein Mann des öffentlichen Vertrauens, beliebt bei Jung und Alt. Er lebt fort in Kindern und Enkeln, und er lebt fort im dankbaren Gedächtniß der Nachwelt. Das aber ist die wahre Unsterblichkeit. Die müde Hülle seines rastlosen Geistes hat man am Pfingstfest des Jahres 1841 in Gotha zur Erde bestattet.
G. S.

Unter dem Tannenbaum.

Weit draußen im Vogesenwald,
Wie weht der Winterwind so kalt;
Er rüttelt wild aus seinem Traum
Den dunkelgrünen Tannenbaum.

Der Tannenbaum, der beugte sich
So trauervoll und neigte sich
Mit seinen Zweigen all herab.
Herab auf ein Soldatengrab:

„O, laß dein Wehen, wilder Wind,
Hier ruht der deutschen Erde Kind!
Es schläft allein im weiten Feld,
Zum Wächter ward ich ihm bestellt.

Sein rothes Blut hab’ ich geseh’n,
Sah seines Athems letztes Weh’n;
Die Linke hielt die Waffe fest,
Die Rechte war auf’s Herz gepreßt.

Er sprach kein Wort, er weinte nicht,
Nach Deutschland war sein Blick gericht
Er sprach kein Wort – – so kam der Tod;
So fand man ihn im Morgenroth.

Und heute ist die heil’ge Nacht
Durch Deutschland glänzt der Lichter Pracht
Und Jung und Alt im frohen Traum
Erfreut sich heut’ am Weihnachtsbaum.

Drum schweige still, du wilder Wind,
Der deutschen Erde todtes Kind,
Der stille Mann im Grab allein,
Der soll nicht ohne Christbaum sein!“

Und sacht’ verweht der laute Sturm –
Die Glocke schlägt vom fernen Thurm:
Die Christnacht, ernst und feierlich
Senkt auf den kleinen Hügel sich.

Die Tannenzweige beugen sich
So friedevoll und neigen sich,
Vom Himmel hoch strahlt hell herab
Ein Stern auf das Soldatengrab.

W. Kaden.
[876]
Weihnacht in und auf dem Eise.
Mitgeteilt von Brehm.

„Wenn Sie glauben, auch mich mit einem stockgelehrten Votrage abspeisen zu dürfen, verkennen Sie mich gänzlich. Ich will eine Erzählung, keinen Bericht, eine Schilderung Ihres Lebens da oben im Winterdunkel, keine Angabe von Graden, Minuten, Secunden; ich wünsche von Ihnen unterhalten zu werden, wie es unter der ehrsamen Zunft der Landstreicher, zu welcher wir zählen, Brauch und Sitte.“

So ungefähr redete ich die beiden Führer unserer Nordfahrer an, als sie, die mit Recht Hochberühmten, Allverehrten, ist meinem Zimmer kaum warm geworden, obgleich ich aus eigener Erfahrung wußte, wie schwer es ist, zu erzählen, wenn Einem gesagt wird: Erzähle! Beide aber, Koldewey wie Hegemann, ließen sich nicht vergeblich bitten, sondern erzählten nach echter Seemannsweise, schlicht und ruhig von ihren Sindbadfahrten, von ihrem Leben, ihren Abenteuern, Gefahren, ihrem Hunger, ihrem Reichthum, ihrer Armuth, von allem Schrecken und Elend, welches sie erduldet, und von allem Erhabenen und Beglückenden, welches sie genossen. Und je mehr sie erzählten, um so stiller wurde ich, um so mehr schrumpfte mein Landstreicherthum zusammen vor solchen Reisen, und umsomehr bedauerte ich, ihre Worte nicht gleich niederschreiben, sie in ihrer wirkungsmächtigen Schlichtheit wiedergeben zu können. Aber wiederzuerzählen beschloß ich doch, so gewiß ich auch wußte, das Wenige, welches ich herauszugreifen vermöchte, werde nichts Anderes sein als eitele Stümperei.

Schon Anfangs September, schilderte Koldewey, mußten wir daran denken, in dem im Voraus bestimmten Winterhafen vor Anker zu gehen. Wir hatten hierzu eine kleine Bucht der Sabineinsel unter vierundsiebenzig Grad zweiunddreißig Min. nördlicher Breite und achtzehn Grad fünfzig Min. westlicher Länge von Greenwich gewählt, welche uns besonders geeignet zu sein schien. Sie schneidet von Süden nach Norden in das Land ein und gewährt eine nicht unmalerische Aussicht auf dasselbe. Im Nordosten liegt der Germaniaberg, im Nordwesten der Hasenberg, jener neunhundert, dieser, tausendsechshundert Fuß hoch, beide zum Theil mit Schneewehen bedeckt; ein Bach mündet in die Bucht; ein kleiner Landsee liegt zwischen ihr und dem Hasenberge. Ein Eiland, von uns die Walroßinsel genannt, dessen Klippen bis zu fünfhundert Fuß ansteigen und verschiedenen Seevögeln Brutplätze gewähren, liegt außen in südöstlicher Richtung vor und bildet einen Schutzwall gegen die antreibenden Eismassen; kurz, gedachte Bucht vereinigt in sich Alles, was wir hier oben erwarten und finden konnten.

Wir holten unser treffliches Schiff, die Germania, so tief in die Bucht, als möglich war, und gingen bei zehn Fuß Wasser vor Anker. Mitte Septembers froren wir ein und begannen nunmehr, uns für den Winter einzurichten. Das Schiff wurde abgetakelt, eine Mauer von fünfzehn Zoll dicken Eisblöcken rings um dasselbe aufgethürmt, über das Deck ein Zeltdach gelegt, aus welchem die Masten wie Schornsteine hervorragten – und unser Winterhaus war fertig. Vom Schiffe aus führte ein bestimmter Weg nach unserem Beobachtungsposten am Lande; hochaufgeschichtete Eisblöcke als Träger eines Schiffstaues, welches bei Dunkelheit zum Leitfäden, bei Sturm zum Geländer diente, bezeichneten ihn. Das Eis mußte eben zu Allem verwendet werden.

Mehr und mehr senkte sich die Sonne, kürzer wurden die Tage, länger die Nächte, beschränkter unsere Ausflüge, unergiebiger unsere bisher so ausgezeichneten Jagden. Aber wir hatten für Wintervorräthe gesorgt. Unser Deck glich einer Wildkammer. Schockweise hingen die Schneehühner, dutzendweise die Schneehasen in Reih’ und Glied über den Wanten, zwischen und neben Eisbären, Renthieren und Moschusochsen; mindestens fünfzehnhundert Pfund frisches Fleisch waren vorhanden. Am fünften November sahen wir die Sonne zum letzten Male. Blutig, roth stand sie über dem Gesichtsfelde, wie im Hochsommer um Mitternacht – doch Sie kennen ja die Mitternachtssonne und wissen, welche unbeschreibliche Zaubermacht sie ausübt, wenn sie ihren rothen Schimmer auf die schwarzen Berge und die blendenden Gletscher legt. Am sechsten November war es trübe, am siebenten sahen wir keine Sonne mehr. Die lange Winternacht war angebrochen, und nur der Vollmond, welcher allerdings acht Tage lang ununterbrochen, am Himmel stand und die schneeige Landschaft erleuchtete, nicht aber die trüben Nordlichter unterbrachen und erhellten sie. In solchen langen Mondscheinnächten, deren stille Pracht sich wohl erleben, nicht aber schildern läßt, unternahmen wir dann und wann auch längere Ausflüge, namentlich ehe Börgen vom Eisbären gepackt und uns beinahe entführt worden war – Sie kennen ja auch dieses Abenteuer aus des Betroffenen eigenem Munde. Mehr und mehr also wurden wir an das Schiff gefesselt. Von der Kälte hatten wir allerdings nicht zu leiden; denn nach dem ersten Fallen des Quecksilbers bis zu zwanzig Grad unter Null Anfangs Decembers hob sich die Wärme rasch wieder bis zu – vier Grad Réaumur, so daß wir die Thüren unserer Kajüte öffnen mußten, weil es uns in unserem geheizten Wohnraume zu heiß wurde. Zur Jagd aber waren selbst die Mondscheinnächte zu dunkel, und für das Spazierengehen wirkte der regelmäßige Besuch der Bären, denen wir in der Dunkelheit doch nicht gebührendermaßen begegnen konnten, wenigstens nicht ermunternd.

Draußen im Meere trieben Eisschollen, Strömung, Wogen und Stürme ihr Wechselspiel. Vom Schiffe aus vernahmen wir ununterbrochen das Knirschen und Dröhnen der mächtigen Massen. Bei ruhigem Wetter froren sie zusammen, bei Sturm rissen sie von einander, thürmten sich an der Walroßinsel zu mehr als hundert Fuß Höhe auf, barsten unter donnerndem Getöse, glitten übereinander weg, polterten krachend in die Tiefe, stürzten dumpf klatschend in das Meer und erhoben, verschichteten sich von Neuem. Dazwischen brauste und heulte der Sturm, pfiffen die von der Windsbraut gejagten Flocken. Ein solcher Sturm, welcher vom 16. bis zum 20. December wehete, brach dreihundert Schritte nur vom Schiffe die Eisdecke, in welcher dieses festsaß, mitten durch und trieb die losgesprengte, meilenbreite Scholle nebst tausend anderen mit sich weg. Wäre unser Schiff größer gewesen, dort, gerade an der Stelle des gewaltigen Risses hätte es liegen müssen, und – dann ade, Germania!

Drei ruhige Tage nach dem Sturme verscheuchten den Mißmuth, welchen er über uns Alle gebracht, aber nur um einer Stimmung Raum zu geben, die ich kaum anders als eine wehmüthige nennen darf. Ja, Wehmuth war es, welche uns überkam, ob wir, die gefahrtrutzigen, sturmgestählten Männer, es auch nicht zugestehen wollten. Wir schrieben den vierundzwanzigsten December. Goldene Tage der Kindheit – ihr leuchtet in’s Männeralter hinüber, eure Wärme strahlt selbst über die Eisfelder am Nordpol! Was war es doch nur? Warum gerade heute diese Stimmung? Das Wetter war gut und freundlich; es fehlte uns an Nichts; und doch lag eine gewisse Unruhe auf Aller Herzen!

Drinnen in Kajüte und Logis wurde geheimnißvoll gearbeitet. Jeder machte sich zu schaffen. Einen Weihnachtsbaum mußten wir haben. Das einzige Grün, dessen wir habhaft werden konnten, bestand in den Zweigen eines niedrigen Büschchens, der Andromeda tetragona, – sie aber genügte auch. Kunstfertige Hände bauten und banden aus ihnen ein Bäumchen auf und zusammen, und verzierten es mit Lichtern und jenem bunten Allerlei, welches Kinderseelen glücklich macht. Einige waren beschäftigt, den Raum zu schmücken, Andere sorgten für die Freuden der Tafel. Mit allen Flaggen des Schiffes wurden die Wände der Kajüte aufgeputzt, mit allen verfügbaren Lichtern der Raum festlich erleuchtet. In der Mitte breitete sich linnenbedeckt die Tafel mit dem strahlenden Weihnachtsbaume und Geschenken für Alle ringsum. Weitaus der größte Theil der letzteren war uns von deutschen Jungfrauen ausdrücklich zum Zwecke der Bescherung mitgegeben und bis dahin nicht berührt worden. Und die Geberinnen hatten es verstanden, zu schenken: es waren lauter brauchbare Sachen, welche später ein Jeder entdeckte – oft erst nach langem Mühen entdeckte, da sie mit mädchenhafter Schalkheit zehn- und hundertfach verborgen waren unter unscheinbarer Hülle.

Um sechs Uhr Abends, acht Uhr nach Bremer Zeit, rief ich mit der Glocke alle Mann zur Stelle, hielt, wie einem guten Hausvater geziemt, eine kurze Anrede an die kinderfreudigen Männer und vertheilte die Gaben, welche die gemüthvollen Landsleute im fernen Süden uns gespendet. Eine Flasche Schaumwein erhöhete die freudige Feststimmung, und jubelnd brauste der Ruf: „Hoch [877] alle Deutschen auf des Erdballs Runde, insonderheit aber alle deutschen Jungfrauen!" hinaus in die feierlich stille Nordlandnacht.

Und nun zum Festmahle, Nordpolfahrer!

Rasch hatten wir die Geschenke weggeräumt und Teller und Gläser an deren Platz gestellt; hereingebracht wurden die dampfenden Schüsseln, die schlanken Flaschen mit dem edelsten Weine der Erde; und „wir erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle“. Der Koch hatte sich selbst übertroffen. Manche Blechbüchse mit eingemachtem Gemüse und anderen heimathlichen Gerichten war auf diesen Tag aufgespart worden und fand heute Verwendung; außerdem aber gab es Walroßzunge, Schneehuhnfricasse, Renthierziemer und Moschusochsenbraten.

„Wirklich abscheulich ist es von Ihnen, Koldewey, daß Sie alle Moschusochsen aufgegessen haben. Sie hätten uns doch einen lebend mitbringen können. Ich freilich kann ihn nicht unterbringen; aber mein alter Freund Bodinus würde sich unendlich über solchen Zuwachs des neugeschaffenen Berliner zoologischen Gartens gefreut haben."

„Ging nicht, lieber Doctor, – das Kalb, welches wir lebend hatten, würde ebenfalls gegessen, wenn auch nicht an jenem Weihnachtsabende, sondern während der Schlittenreise, welche uns bis zum siebenundsiebenzigsten Grade führte. Hinzuzufügen habe ich meiner Erzählung, daß unser Gelage in der herrlichsten Feststimmung verlief. Wir hatten von durstwürdigen und trinkkundigen Männern aus Bingen eine Kiste mit edlem Rheinwein zum Geschenk erhalten, welche, für den heutigen Abend aufbewahrt, jetzt geöffnet worden war und eine Flasche nach der anderen spendete. Je tiefer sie sich leerte, um so mehr erfüllte uns der heitere Geist des Rheinlandes. Durch die geöffneten Thüren der Kajüte und des Logis war ein so enger Verkehr mit der Mannschaft hergestellt worden, daß eine Stimmung uns und sie beseelte, der Trinkspruch von unserem Tische drüben, das Lied von dort in der Kajüte widerklang. Hoch Deutschland, hoch König Wilhelm, hoch die deutsche Flagge, hoch die Spender des edlen Weines, die Lieben in der Ferne, Alle, welche heute unser gedenken! tönte es bei Gläserklingen von uns nach drüben hinüber und rief den Widerhall in gleichen Worten und Klängen wach, und ‚Wann i komm', wann i komm', wann i wied'rum komm’‘ klang es im Liede unter Citherbegleitung von drüben zu uns herüber, und wir und die Mannschaft, die Mannschaft und wir sprachen, sangen, dachten Dasselbe, wie wie gemeinschaftlich zu Ehren derselben Personen getrunken hatten. Waren es die Geister des Rheinweins, war es die herrlich stille Nacht, war es der heutige Festtag — ich lasse es unentschieden, woher es kam, daß es uns nicht mehr in den Räumen litt, sondern hinausführte in's Freie, um unserer Stimmung Raum zu geben. Als ob Oberon's Zauberhorn auf uns gewirkt hätte, trieb uns ein unwiderstehliches Verlangen zu – tanzen! Rasch wurde mit Schaufel und Besen ein Plan vom Schnee befreit und geebnet; der einzige Spielmann des Schiffes erhielt seinen Hochsitz auf dem Geweih eines Renthieres, und der Ball auf dem Polareise begann und nahm seinen Fortgang. In Ermangelung der besseren Hälfte unseres Geschlechtes walzte Jedweder mit seinem Nebenmanne; selbst der ernste Copeland drehte sich im lustigen Reigen — Angesichts der ewigen Sterne und möglicherweise einiger von fern her zuschauender Eisbären und Schneefüchse.

So ging es bis tief in die Nacht; trotzalledem aber sah man von Stunde zu Stunde ein einsames Lichtlein in wundersamen Bogenwindungen und Zickzacklinien dem Beobachtungsposten am Lande sich zuwenden und nach geraumer Zeit von da ebenso wieder zurückkehren; denn selbst in der höchsten Festfreude durften die wissenschaftlichen Beobachtungen nicht unterbrochen werdern. Und so mächtig auch Wein und Feststimmung wirken mochten, die Instrumente wurden richtig abgelesen; die Tabellen wiesen keine Lücke auf.

Erst um Mitternacht wurde Befehl zur Ruhe gegeben. Mit dem Gedanken, über’s Jahr im Vaterlande und in Gesellschaft der heute schmerzlich entbehrten Damen dasselbe Fest zu feiern, schliefen wir ein, um am anderen Morgen – Sie erlassen mir wohl dessen Schilderung! Denn auch Sie wissen sicherlich aus eigener Erfahrung, daß selbst im edelsten Weine Dämonen schlummern, welche wach werden, wenn die besseren Geister verschwinden und – sogar in der Nähe des Nordpols hat der Katzenjammer Macht über den sterblichen Menschen! Glücklicher Copeland, Dein würdiges Haupt hatte doch wenigstens nur theilweise von Haarweh zu leide!I Aber wir? Ach, es war fürchterlich!“

Ich warf, dem Erzähler einen mitleidsvoll beistimmenden Blick zu; verstand ich jedoch vollkommen, welch unsägliches Weh der erste Weihnachtstag über die heitere Gesellschaft gebracht, wie er aller Kunst des selbst kranken Arztes, aller Geschicklichkeit des Koches gespottet haben mochte.

„Und Sie, Hegemann?“

„Auch wir haben," begann dieser, „unseren Weihnachtsabend gefeiert; bei uns aber ging’s stiller her. Nachdem wir am sechsten September den letzten Versuch gemacht, mit der ‚Hansa‘ die Küste' zu erreichen, mußten wir uns wohl entschließen, im Eise zu überwintern. Die Scholle, an welcher unser Schiff lag, hatte ein und dreiviertel Seemeilen Durchmesser und eine geschätzte Stärke von etwa sechszig Fuß, erschien uns also sicher genug. Fünfhundert Schritte vom Rande errichteten wir aus gepreßter Kohle, sogenannten Kohlenziegeln, Mauern zum Winterhause, vermörtelten die Kohlenstücke mit Wasser, welches gefrierend einen festen Kitt bildete, und überdeckten die Wände anfangs mit Segeltuch, später mit Brettern. Das Haus war zwanzig Fuß lang, vierzehn Fuß breit und gegen sieben Fuß hoch. Ausgangs Septembers war es vollendet und mit Proviant für zwei Monate versehen. Schon Anfangs Oktobers deckte fußhoher Schnee Haus und Schiff.

Wir trieben bereits seit Anfang Septembers langsam, mit Beginn des October schneller nach Süden hinab. Am neunzehnten October waren wir ungefähr eine deutsche Meile von der Liverpool-Küste entfernt. Unsere Scholle wälzte sich, getrieben von einem heftigen Sturme, am Landeise dahin. Andere Schollen thürmten an ihr, am Landeise sich in die Höhe und hoben schließlich auch die ‚Hansa‘ zwanzig Fuß empor. Das arme Schiff krachte in allen Fugen, so furchtbar, daß in uns kein Zweifel aufkommen konnte über sein endliches Schicksal. Mit allen Kräften brachten und warfen wir Geräthschaften und Proviant auf das Eis. Ein Glück, daß wir gerade beschäftigt waren, letzteren umzustauen, und ihn zur Hand hatten — einige Tage früher oder später wäre er für uns verloren gewesen. Auch heute hatten wir wenig Zeit. Um Mittag war das Schiff gehoben worden; gegen drei Uhr Nachmittags ließ die Pressung nach, und mit schwerem Leck sank die ‚Hansa‘ in ihre Lage zurück. Eine Eiszunge unter dem Kiel hielt sie noch in einer gewissen Höhe über dem Wasser; brach diese ab, so mußte sie verloren sein. Die Pumpen versagten ihren Dienst; das Wasser gefror in den Ausflußröhren und auf dem Deck vor dem Abfließen. Wir retteten, was zu retten war, zuletzt auch Masten und Raaen, um genügendes Brennholz zu haben. Aus Furcht, daß das Schiff nicht allein jene Eiszunge, sondern auch denjenigen Theil der Scholle, auf welcher der gerettete Proviant noch lag, abbrechen könnte, lösten wir endlich die Taue, an denen es noch hing; es neigte sich zur Seite, schwankte hin und her und sank vollends während der Nacht in die Tiefe hinab.

Am zwanzigsten October bezogen wir das Haus und schliefen zum ersten Male in ihm. An Trinken war heute nicht zu denken; zum Kochen gab es keine Zeit, und so blieb denn nichts Anderes übrig, als zum Schiffszwieback gefrorenen Wein zu essen. Die Kälte von -20 Grad, welche im seinem Innern herrschte, sank zwar, nachdem die Oefen angeheizt worden waren, nach und nach bis auf -5 Grad Réaumur; doch verbrachten wir eine sehr unruhige Nacht in der neuen Wohnung, weil uns das damals noch ungewohnte Dröhnen des Eises störte und beängstigte. Die nächsten vierzehn Tage vergingen unter beständiger Arbeit, behufs besserer Einrichtung des Hauses, welches nach und nach so wohnlich als möglich gemacht wurde, obgleich es noch immer wie eine Räuberhöhle aussah, da neben werthvollem Geräth die rohesten Kisten und Fässer standen. Anfangs Novembers lagen wir so tief unter Schnee, daß wir uns einen Gang von zwanzig Fuß Länge von der Thür aus in’s Freie bahnen mußten. Nach und nach wurde derselbe zu einem Stollen, welcher den eisigen Wind trefflich von der Thür abhielt, umsomehr, als er mit Absicht in Krümmungen angelegt worden war.

Wir trieben ununterbrochen nach Süden, bald langsamer, bald rascher, anfänglich so schnell, daß wir fürchten mußten, zu bald nach Cap Farewell, der Südspitz Grönlands, zu gelangen. Am 17. December überfiel uns bei nur drei bis vier Grad Kälte schwerer Sturm. Unsere Scholle erschütterte in ihren Grundfesten unter entsetzlichem Dröhnen und Knallen. Am nächsten Tage war die Sonne auch für uns, obschon blos für kurze Zeit, untergegangen.

[878] So kam der Weihnachtstag heran. Ich war ein wenig spazieren gegangen und kehrte Nachmittags zum Hause zurück. Ein wachestehender Matrose empfing mich in dem erwähnten Gange und der Bitte, nicht weiter zu gehen. Um sechs Uhr durfte ich eintreten. Ein Weihnachtsbaum brannte in dem festlich, das heißt mit allen unseren Lampen erleuchteten Hause: die Steuerleute hatten ihn aus einem Tannenstocke und Besenreisern gefertigt und Dr. Laube’s Wachsstock zu Lichtern verwendet; Lebkuchen und Nachbildungen von Eskimos aus Kuchenteig waren vom Koche geformt und gebacken worden und dienten zu weiterem Schmucke. Ich vertheilte etwas Portwein und die für uns bestimmt gewesenen Geschenke nach des Gebers Willen durch eine Tombola. Um sieben Uhr war große Tafel. Wenige Tage vorher hatte uns ein Eisbär besucht und dabei sein Leben gelassen; seine Schinken bildeten den Festbraten. Außerdem gab es schönes frisches Brod und Chocolade und nach Tisch ein Glas Punsch. Wir waren vergnügt und doch sehr still. Die Gedanken wanderten nach der Heimath. Wir lasen die Zeitungen, in welche unsere Geschenke eingewickelt gewesen waren, mit Theilnahme, gaben sie von Hand zu Hand, lasen sie wieder und wurden immer stiller dabei. Wir waren nicht mehr in dem elenden Raume auf der im Weltmeere treibenden Scholle, sondern daheim, hörten den Jubel des Weihnachtabends, sahen uns im Kreise unserer Lieben: wir träumten wachend, waren glückselig dabei – und doch mag verstohlen eine oder die andere Thräne in den Bart gefallen sein. Ob es im Raume rauchte? Ich weiß es nicht. Nach Mitternacht suchten wir unsere Lagerstätten auf. Am andern Morgen waren wir wieder Männer, mußten es auch sein; denn unsere Lage forderte alle unsere Thatkraft heraus.“

So weit will ich der Erzählung Hegemann’s folgen. Wie das Haus im Innern eingerichtet war; wie man in ihm lebte und darbte; wie die Stürme darüber hin wetterten und brausten; wie die Scholle mehr und mehr zertrümmerte; wie es kam, daß man eine Bucht die Schreckensbucht nannte; wie am 16. Januar die Scholle zerspaltete, so daß der Riß mitten durch das Haus ging, dieses mit Wasser sich füllte, durch ein Fenster im Dache verlassen und aus den Trümmern eine neue kleinere Hütte gebaut werden mußte; wie man dann zum Theil in ihr, zum Theil in den Böten wohnen und schlafen mußte; wie man ununterbrochen von Furcht gequält, auch diese Hütte und die rettenden Böte zu verlieren, Tag und Nacht scharfe Wacht hielt; wie ein Mitglied der Gesellschaft in Folge der ausgestandenen Schrecken den Verstand verlor; wie man endlich, nachdem man zweihundert Tage auf der Scholle zugebracht, in den Böten sie verließ, dem Lande zuruderte und nach drei Wochen schwerster Arbeit zwischen und auf dem Eise das Land erreichte; wie man längs desselben weiter steuerte, am 13. Juni endlich halbverhungert mit gehißter Flagge in Friedrichsthal landete und von Missionären empfangen wurde mit dem Rufe: „Hurrah, das sind Deutsche!“ – wie man schüchtern dem Zwiebackkorbe der Frauen der Missionäre zusprach und den Hunger doch immer nicht zu stillen vermochte; was man sonst noch erlebte, Schlimmes und Heiteres, bis man in Kopenhagen landete: das werden die Männer der „Hansa“ im Vereine mit denen der „Germania“ uns in ihrem demnächst erscheinenden Reisewerke erzählen. Mit Stolz dürfen wir auf unsere deutsche Flagge blicken, welche, als sie von anderen Meeren verdrängt war, hoch oben im Eismeere flatterte, mit Stolz auch auf die stillen Großthaten dieser Männer schauen, mit Stolz ausrufen, wie unsere Missionäre unter den Eskimos es gethan: Hurrah, das sind Deutsche!




Der erste preußische Seesieg.[1]

Havanna, Insel Cuba, an Bord Sr. Maj. Kanonenboot „Meteor“ 11. November 1870.

In Folge einer Proclamation des Präsidenten der Vereinigten Staaten, nach welcher Kriegsschiffe der Kriegführenden nur vierundzwanzig Stunden lang in einem amerikanischen Hafen verweilen dürfen, verließ das Kanonenboot „Meteor“ am 6. November die Rhede von Key West, eines südlich von der Halbinsel Florida liegenden Eilandes. Wir dampften, nach der Havanna, indem wir glaubten, dort einige Sachen vorzufinden, die uns von Deutschland nachgesandt worden waren. Am nächsten Morgen schon trat die Insel Cuba in Sicht, und zehn Uhr Vormittags liefen wir in ihren Haupthafen, einen der schönsten und sichersten der Welt.

Eine Stunde später dampfte auch das französische Kanonenboot „Bouvet“ herein. Unsere Ueberraschung war um so freudiger, als wir bis jetzt vergeblich eine Gelegenheit ersehnt hatten, uns thatsächlich an dem ausgebrochenen Kriege zu betheiligen.

Der „Bouvet“ ist bedeutend größer als der „Meteor“; er führt neun Geschütze und hundert bis hundertzwanzig Mann Besatzung, wir hatten nur drei Geschütze und zweiundsechszig Mann an Bord. Noch mehr aber – und dies ist überhaupt der größte Vortheil, den ein Schiff nur haben kann – war er uns durch seine Schnelligkeit überlegen; die Stärke seiner Maschine gestattete ihm, elf bis dreizehn Seemeilen zu machen, während wir nur sechs eine halbe Seemeile in der Stunde laufen.

Trotzdem aber verließen wir Nachmittags ein Uhr den Hafen und sandten dem „Bouvet“ eine Herausforderung zum Gefecht. Gleichzeitig mit uns ging ein französischer Postdampfer hinaus, kehrte aber schleunigst um, da er glaubte, wir wollten ihn nehmen. Dies lag jedoch durchaus nicht in unserer Absicht, da ja nach Allerhöchster Cabinetsordre feindliches Privateigenthum zur See unantastbar ist. Der einzige Grund unseres Auslaufens war, den „Bouvet“ zu engagiren. Dieser kam jedoch nicht, und nachdem wir vier Stunden vergeblich auf ihn gewartet hatten, gingen wir wieder in den Hafen zurück.

Am nächsten Tage ein Uhr Mittags verließ das feindliche Schiff seinen Ankerplatz und ging in See. Zu gleicher Zeit erhielten wir nach seerechtlichem Gebrauche durch den Adjutanten des General-Gouverneurs von Cuba die Weisung, nicht eher als vierundzwanzig Stunden später den Hafen zu verlassen, und privatim die Nachricht, daß der „Bouvet“ uns am andern Tage draußen erwarten würde. Wahrscheinlich hatte er Tags vorher auf Grund einer gleichen Weisung unserer Aufforderung nicht sofort Folge geben können. Am Nachmittage kamen viele hier ansässige Deutsche an Bord, um uns Glück und Erfolg für den nächsten Tag zu wünschen.

Am 9. November Morgens sieben Uhr verkündeten die Signale eines spanischen Forts, daß Schiffe im Ansegeln seien. Wir waren noch immer im Glauben, daß der Franzose das Weite gesucht habe; da wehte plötzlich der französische Wimpel, blau-weiß-roth, von der Signalstation des Hafens, ein Zeichen, daß ein französisches Kriegsschiff in Sicht sei. Wir jauchzten vor Freude, nun wahrscheinlich doch noch mit dem Feinde zusammenzutreffen.

Mittags drei Viertel auf ein Uhr ging das Signal, das so lange geweht hatte, herunter; der Franzose war wieder außer Sicht. Wir mußten bis ein Uhr warten, da erst dann die vierundzwanzig Stunden abgelaufen waren. Zwei spanische Kriegsschiffe hatten ebenfalls Dampf auf, um bis zur Neutralitätsgrenze mit hinauszugehen und das Gefecht zu beobachten; zu dem gleichen Zwecke schifften sich spanische und englische Officiere ein. Ganz Havanna pilgerte nach dem Strande, alle Geschäfte waren geschlossen.

Punkt ein Uhr warfen wir unsere Befestigungen los und passirten eine Viertelstunde später die Forts, welche am Ausgange des Hafens liegen. Eine unabsehbare Menschenmenge hatte sich dort versammelt, Hunderte von Booten, mit Zuschauern schwer beladen, schwammen auf dem Wasser; überall wünschte man uns Glück und wehte mit weißen Tüchern. Nun wurde an Bord Generalmarsch geschlagen und wir machten „klar zum Gefecht“. Von dem „Bouvet“ war nichts zu sehen. Da plötzlich wehte das frühere Signal wieder auf dem Fort, er war also wiederum in Sicht. Um halb zwei Uhr erblickten wir am Horizont eine dunkle Rauchwolke und bald darauf auch die Masten unseres Gegners. Mit voller Kraft dampften wir auf ihn zu. Die beiden spanischen Kriegsschiffe, von denen eines den spanischen Admiral an Bord hatte, folgten uns.

Um zwei und ein Viertel Uhr, als wir uns dem Franzosen bis auf ungefähr viertausend Schritte genähert hatten, feuerte dieser den ersten Schuß ab. Das Geschoß ging über uns hinweg. Sechs Granaten, von denen keine traf, waren bereits nach uns geworfen, als wir auf zweitausendfünfhundert Schritte den ersten Schuß abgaben. An allen Masten, wurde die norddeutsche Flagge [879] gehißt. Die Fahrzeuge legten sich nun einander gegenüber und ungefähr eine Stunde lang wurde Breitseite auf Breitseite gewechselt; sie schienen aber beiderseits nicht zu wirken. Ich stand am Ruder und konnte das französische Kanonenboot recht gut beobachten. Die See war ziemlich unruhig, beide Schiffe schwankten daher bedeutend, und hierdurch wurde das genaue Zielen und richtige Abkommen sehr erschwert.

Um das Verständniß des Folgenden zu erleichtern, seien hier einige kurze Erklärungen vorausgeschickt. Vom Hintertheil eines Schiffes nach vorn blickend, hat man rechts Steuerbord, links Backbord. Die Masten heißen der Reihe nach vom hintersten beginnend: Besan-, Groß- und Fockmast; sie bestehen aus mehreren übereinander gestellten Stücken, deren erstes stärkstes einfach Mast oder auch Untermast, die übrigen Stangen genannt werden. Wanten sind starke Taue, welche vom obern Ende des Untermastes in sich nach beiden Seiten spreizen und straffgezogen den Mast vor dem Ueberfallen bewahren. Der Bug ist vergleichsweise die Brust des Schiffes, mit welcher es sich den Wellen entgegenwirkt. Er verjüngt sich zum Vordersteven, die vom Kiel ansteigende aus starken Balken gezimmerte und sehr feste vorderste Begrenzung des Schiffskörpers, welche also gewissermaßen das Brustbein vorstellt. –

Unser Capitain-Lieutenant Knorr beabsichtigte nun, bis auf fünfhundert Schritte an den Feind heranzugehen, und steuerte voll Dampf aus ihn zu. Auch Letzterer zeigte uns seinen Bug und kam uns entgegen; er glaubte jedenfalls, wir hätten die Absicht, ihn niederzurennen oder zu entern. Um diese Zeit verlor ich den „Bouvet“ für einige Minuten aus den Augen, da ich auf das Ruder achten mußte und auch nach vorn kein freies Gesichtsfeld hatte. Die Entfernung zwischen beiden Schiffen verringerte sich mit rasender Schnelligkeit.

„Tausend Schritte!“ hallte der Befehl für unsere Geschützecommandeure und dann immer kurz aneinander: „Achthundert, – sechshundert, – vierhundert Schritte!“ Mir kam dies sehr unheimlich vor. Ich stieg einen Augenblick auf die Ruderwelle und gewahrte dicht vor uns das feindliche Schiff, seinen scharfen Bug auf uns gerichtet und mit ungefähr zwölf Meilen Fahrt auf uns anfliegend. Bewaffnete Matrosen hingen in der Takelage und zeigten sich überall an seinem Deck. –

„Klar zum Entern an Backbord!“ kam bei uns das Commando. Da im kritischen Augenblick etwas – das Steuerreep – an unserem Ruder brach, und der Feind uns an Schnelligkeit sehr überlegen war, gelang es nicht, unser Kanonenboot so weit abfallen zu lassen, daß er frei an uns vorüberschoß, und so traf er mit seinem Vordersteven unseren Schiffskörper etwas vor dem Großmast, glücklicherweise aber nur unter einem sehr spitzen Winkel. Ein heftiger Stoß, dem ein grausiges Krachen folgte, erschütterte den „Meteor“. Unser Groß- und Besanmast, viel schwächer als die des Franzosen, brachen zusammen und gingen über Bord. Der um Bug befestigte Rüstanker des „Bouvet“ hatte unsere Backbord Großwanten gefaßt und losgerissen; der auf dieser Seite so plötzlich seines Haltes beraubte Großmast stürzte nach der Steuerbordseite und nahm den Besanmast mit sich. Zwei Boote, Kutter und Gig, welche am Backbord hingen, wurden durch den Zusammenstoß selbst, ein drittes, die an Steuerbord hängende Pinasse, durch den fallenden Großmast zertrümmert.

Während dieses kurzen Vorganges wurde von beiden Seiten mit Gewehren geschossen, außerdem warfen die Franzosen von den Masten Handgranaten auf uns. Bei diesem in nächster Nähe geführten Gefechte hatten wir zwei Todte und einen Verwundeten. Der Stellermann Carbonnier, welcher neben dem Befehlshaber auf der Commandobrücke stand, erhielt drei Chassepotkugeln und war nach wenigen Augenblicken eine Leiche. Der Matrose Thomson wurde durch einen Granatsplitter, welcher sein ganzes Gehirn hinwegriß, getödtet. Ein Dritter wurde durch eine Chassepotkugel im Kopfe verwundet, die Doctoren haben jedoch Hoffnung, ihn durchzubringen. An ein Entern war nicht zu denken, denn das feindliche Schiff glitt schnell vorüber und befand sich bald sechs- bis achthundert Schritte hinter uns. Es war bereits im Umdrehen begriffen, um uns, die wir unsere Maschine augenblicklich nicht gebrauchen konnten, da die Takelage des Großmastes sich in der Schraube verfangen hatte, womöglich von der Steuerbordseite durch einen neuen Anlauf in den Grund zu bohren. Aber wir kehrten, so schnell es eben unter so mißlichen Umständen geschehen konnte, dem Feinde die Breitseite zu und unsere Geschütze gaben Feuer. Jeder Schuß traf. Die erste Granate fegte über sein Deck und muß daselbst crepirt sein; die zweite schlug in sein Hintertheil und barst in der Kajüte des Commandanten; die dritte, endlich, ein Hauptschuß des gezogenen Vierundzwanzigpfünders, ging ihm mitten in’s Herz. Sie schmetterte in die im innersten Raume geschützte Maschine und sprengte die Kessel.

Im Nu war der „Bouvet“ in eine mächtige Dampfwolke gehüllt; er schien zu brennen. Ein kräftiges freudiges Hurrah erschallte von den Lippen aller der Unsrigen. Wie schade war es, daß wir unsere Maschine noch nicht angehen lassen konnten, um den „Bouvet“, der schleunigst Segel setzte und mit günstigem Winde nach dem Hafen abhielt, zu verfolgen und ihm den Rest zu geben. Wir feuerten ihm, nachdem wir unsere Geschütze von dem verworrenen Tauwerk, welches auf sie gestürzt war, befreit hatten, noch einige Kugeln nach, von denen eine noch eine am Heck hängende Rettungsboye hinwegriß. Es war halb vier Uhr, als ein Schuß vom spanischen Admiralschiff fiel, zum Zeichen, daß der flüchtende Franzose die Neutralitätsgrenze überschritten habe. Darauf stellten wir unser Feuer ein. Die Granate, welche so rechtzeitig in die Maschine des „Bouvet“ fuhr, rettete uns aus großer Gefahr und verschaffte uns zugleich den Sieg.

Nachdem unsere Schraube klar gemacht worden war, dampften auch wir dem Hafen zu; als wir an den spanischen Kriegsschiffen vorüberliefen, erkundigte sich der Admiral, wie viel Todte und Verwundete wir hätten. Nach ungefähr einer Viertelstunde hatten wir die Forts erreicht. Dieselbe Menschenmenge, wohl an die achtzigtausend Köpfe zählend, begrüßte uns an der Einfahrt des Hafens, wieder und immer wieder Hurrah und Victoria rufend. Den „Bouvet“, der sich von einem Schleppdampfer hatte in den Hafen bugsiren lassen, sollen nur Wenige so teilnehmend begrüßt haben. Wir ankerten nur eine Kabellänge von ihm. Kaum lagen wir fest, so umringten Hunderte von Böten unser Schiff oder besser unser jetziges Wrack: Deutsche, Spanier, Angehörige aller Nationen kamen an Bord, um sich unser Kanonenboot zu besehen und uns Glück zu wünschen zu unserem Siege.

Unsere deutschen Landsleute brachten Eis für den Verwundeten, welcher noch am Abend in das Lazareth gebracht wurde, wo, wie man uns versicherte, ihm die beste Pflege zu Theil werden würde. Ich war sehr ermüdet von den Anstrengungen des Tages, aber die angenehme Nachricht, daß sogar die Spanier und überhaupt ganz Havanna – natürlich mit Ausnahme der daselbst wohnendem Franzosen – uns als Sieger betrachteten, außerdem auch die schönen Havannacigarren, deutsches Bier und guter Wein, welche Sachen man uns massenhaft an Bord brachte, hielten mich wach. Bis elf Uhr Nachts blieben unsere Freunde an Bord und wir erfuhren von ihnen, daß die Franzosen fünf Verwundete an’s Land geschickt haben sollten, daß ihnen beim Sprengen der Kessel zwei Maschinisten total verbrüht waren und daß sie in See zwei Todte über Bord geworfen hatten. Ueber dieses unceremonielle Begräbniß ihrer Gefallenen wird noch eine Untersuchung angestellt werden, da es auf neutralem Gebiet geschehen ist. Außerdem hatte der „Bouvet“ von seinem Fockmast Bramstenge und Raa verloren. Seine Mannschaften sangen die Marseillaise und andere Lieder, wir aber verhielten uns ruhig, um unsere Todten zu ehren.

Am Morgen des 10. November wurden wir auf Befehl des Generalgouverneurs von Cuba von einem Dampfer nach den am Ende des Hafens liegenden spanischen Kriegsschiffen geschleppt. Bald klärte sich jedoch der Irrthum auf. Nicht der „Meteor“, sondern der „Bouvet“ sollte dorthin unter die Aufsicht der Spanier gebracht werden, und in Folge dessen wurden wir wieder an die andere Seite des Hafens bugsirt, wo wir uns vor Anker legten.

Später trafen wir unsere Vorbereitungen zu der Beerdigung unserer Gefallenen. Am Nachmittage fand dieselbe statt. Ein langer Zug, dem die Norddeutsche Flagge vorangetragen wurde, bewegte sich nach dem Friedhofe. In zwei prächtigen Leichenwagen wurden die Todten gefahren. Die Kosten des Begräbnisses, welche die hier ansässigen Deutschen tragen, belaufen sich auf ungefähr zweitausend Thaler; jedes Grab allein kostet fünf- bis sechshundert Thaler. Außerdem sammelten unsere Landsleute noch am selben Abend ungefähr zweitausend Thaler für die Hinterbliebenen der Todten. – So ehren unsere deutschen Brüder ihre gefallenen Helden im fernen Lande. G. Z.

[880]
Auf der Terrasse von Saint Germain.
Von unserem Feldmaler F. W. Heine.


Margency, 15. November 1870.     

Ich bin, wie Sie wissen, immer gern auf dem Wege und erzähle und zeichne gern, was ich sehe. Als ich mich aber in der ersten Hälfte des Novembers aufmachte, von Margency aus zunächst das Städtchen Argenteuil und unsere Vorposten an der Seine zu besuchen, machte ich doch eine Bemerkung, die mich sehr peinlich berührte: der Winter war angebrochen, der Winter, der gefürchtetste Feind der Soldaten im Felde. Zwar hatte ich bei meiner Wanderung auf der Landstraße noch nicht allzu viel von der Kälte zu leiden, aber die Sonne, die gestern noch so herbstlich geleuchtet und gewärmt hatte, war heute unsichtbar geblieben und dichter, grauer naßkalter Nebel war weithin gebreitet, mit krächzendem Geschrei tummelten sich unzählige Elstern am Saume des Waldes, der sich nicht weit von der Chaussee hinzog, und über diese selbst zogen einzelne Krähen in trägem Fluge. Auf beiden Seiten der Landstraße, die von Zufuhr bringenden Marketendern und in’s Holz oder in die Kartoffeln fahrenden Soldaten reich belebt war, standen die entlaubten Obstbäume, darunter auf dem Boden die ganze diesjährige Ernte eines jeden Baumes, Apfel an Apfel, weiß und roth prangend, dem Verfaulen entgegensehend. Keine menschliche Hand erbarmt sich ihrer, um sie heim in eine trockene Kammer zu bringen, zum Labsal in den langen Winterabenden oder zum Schmuck am Weihnachtsbaume. Nur dann und wann sieht man einzelne Soldaten, welche sich die Mühe nehmen, noch ein paar letzte Aepfel von den Zweigen zu schlagen und einzuheimsen. Vereinzelt trifft man wohl auch einen französischen Landmann, einen der Wenigen, die zurückgeblieben sind, und der nun mit seinem eigenthümlichen Fuhrwerk, dem zwei Esel und ein Pferd hintereinander vorgespannt sind, sein Feld bestellt. Aus der Ferne aber hört man durch den Nebel das Schießen der Vorposten und dann und wann läßt zur Abwechselung auch wohl ein Sechsundneunzigpfünder seine Brummstimme dazwischen vernehmen.

Mein Weg führte mich über Eaubonne und Sannois; in letztgenanntem Dorfe liegt der Stab der achten Division, und hier auch war es mir vergönnt, nach langer Zeit wieder ein echtes rechtes Friedensbild zu sehen, dessen Motiv aber natürlich auch nur aus dem Militärleben genommen war: auf einem freien Platze Cavallerie-Abtheilungen Schule reitend – Schritt, Trab, Galopp – der Officier in der Mitte, auf jeden Fehler achtend, auch das Geringste tadelnd – wie gesagt, ein Friedensbild aus der Garnison.

Argenteuil, ein freundliches Städtchen, ist von den meisten seiner Einwohner verlassen; nur einzelne Muthigere sind zurückgeblieben und befleißigen sich nunmehr, in Ermangelung einer besseren Beschäftigung, unausgesetzt auf das Pfeifen einer jeden Granate zu lauschen, die von den Forts aus ihren unseligen Weg nach Argenteuil genommen hat und nun einem der vielen hübschen Häuser Verderben droht. Wie überall, so werden auch in Argenteuil ganz seltsame Geschichten von eingeschlagenen Granaten erzählt, und die munterste davon will ich Ihnen hier gern mittheilen. Eine Granate schlägt in ein Haus durch das Dach in die erste Etage und dann in die Decke, welche diese vom Parterre trennt. In der Decke bleibt sie stecken und zwar ohne zu crepiren. In dem Hause sind Soldaten einquartiert. Sollen sie ausziehen? Das paßt ihnen nicht; denn abgesehen von der steckengebliebenen nicht crepirten Granate ist das Haus ganz hübsch. Sollen sie die Granate aus der Decke ziehen? Das paßt ihnen auch nicht ganz, denn die Granate könnte dabei doch zum Teufel gehen und die Soldaten mit. Was ist zu machen? Die Burschen schaffen Rath, so theuer er scheint. Ein Sopha wird herbeigeholt und auf die Stelle gesetzt; wo sich das unheimliche Ding festgefahren hat, und heiter und unbesorgt wie zuvor nehmen sie auf dem nach so manchen Strapazen doppelt liebgewonnenen Möbel Kaffee und Mittagbrod ein, über sich durch das eingeschlagene Loch den Blick in den Himmel, unter sich Hölle und Verderben. Bis jetzt ist Alles gut abgelaufen.

Die Vorposten längs der Seine bezieht das erste Gardelandwehrregiment. Obwohl, weil die Franzosen drüben auf Alles schießen, was sich am diesseitigen Ufer zeigt, keine geringe Gefahr damit verbunden war, näherte ich mich dennoch durch die Laufgräben dem Flusse soweit es nur thunlich war. Doch blieb die Ausbeute meines Ausfluges nur eine geringe, denn der Nebel lag dicht auf dem Flusse und hinderte jede Fernsicht.

Einige Tage später hatte ich Gelegenheit, nach dem Dorfe Sartrouville zu fahren, von wo ich den Weg dann zu Fuß weiter nach St. Germain nahm. Es war ein schöner, klarer, kalter Morgen; auf den Bergen lag eine feine Schneedecke ausgebreitet. Gleich hinter Sartrouville tauchte das Ziel meiner Reise auf; links ragte das starke Fort Mont Valerien und diesem wieder zur Linken breitete sich das ganze stolze, noch immer ungebrochene Paris aus mit seinen dicken Kirchen und Palästen, über die alle der Triumphbogen emporragte wie ein mächtiges Bollwerk. – In Sartrouville traf ich außer einigen Schwadronen Zwölfer Husaren (Merseburger) das sechsundachtzigste Regiment, Schleswiger, von denen auch, wie man mir sagte, Leute in dem benachbarten Cormeil liegen.

St. Germain, wohin ich nach kurzer Wanderung gelangte, ist noch vollständig bewohnt, und es war mir eine wirkliche Freude, mich wieder einmal inmitten einer geselligen Stadt bewegen zu können. Auf allen Straßen herrschte ein reges Leben, Fische und Gemüse wurden ausgerufen; und die Delicatessenhandlungen, wie die Fleischerläden, stellten Delicatessen und Fleischerwaaren so verlockend zur Schau, als man nur wünschen konnte. Um aber auch hier mich nicht allzu lange diesen friedfertigen Eindrücken hingeben zu können, sah ich auf dem großen, mit hohen schönen Bäumen umstellten Platze vor dem Schlosse Mannschaften des hier in Garnison liegenden ersten Garde-Grenadier-Landwehrregiments Uebungen in Bajonnetangriffen vornehmen. Die bärtigen, kräftigen Gestalten führten dieselben mit solchen Eiser und mit so hallendem Hurrahruf aus, als wenn sie die stärkste Position vor sich hätten. Scheu und neugierig zugleich standen die Einwohner herum, und manchem mag schon bei diesem fremdartigen Anblicke deutschen Exercitiums ganz bange geworden sein. Ueberhaupt muß man offen zugeben, daß die preußische Landwehr gewißermaßen die Elite unserer Heere ist. Wenn man diese großen stämmigen Gestalten so ruhig und sicher dahinschreiten sieht, erkennt man sofort den tüchtigen Soldaten heraus, der seiner Pflicht fest und sicher bewußt ist. Diese Leute verrichten ihre Obliegenheiten allüberall mit einer Strenge gegen sich selbst, welche die höchste Bewunderung herausfordert, und auf dem verantwortungsreichen Dienste des Vorpostens kann keine Linientruppe wachsamer und aufmerksamer sein, als sie. Freilich, mancher dieser braven Soldaten mag in solchen Stunden einsamen Vorpostendienstes seiner Lieben daheim denken; seines Weibes und seiner Kinder – aber seine Pflicht steht ihm deshalb doch immerdar klar und unverrückt vor Augen; und wehe dem Orte, an welchem preußische Landwehr mit ihren Kolben aufzuräumen hat!

Die „Terrasse“ zu St. Germain ist weltberühmt. Wie viele Tausende haben sie schon besucht, wie viele Tausende haben sich bis in die jüngsten Tage herauf schon an dieser unvergleichlichen Aussicht erfreut! Wenigen war dieser Besuch wohl unter Beigabe so interessanter Verhältnisse vergönnt, wie mir. Es war an einem Sonntage, am 13. November, am Geburtstage der Königin-Wittwe von Preußen, als König Wilhelm von Versailles aus mit großem Gefolge der Stadt St. Germain einen Besuch abstattete. Es war eine glänzende, auserlesene Schaar, die sich hier auf der Terrasse bewegte, und doch viel einfacher und schlichter, als in früheren Jahrhunderten mancher Aufzug der prachtliebenden Könige von Frankreich sich hier entfaltet hatte, deren Hof nach St. Germain benannt wurde. Wohl sind jene funkelnden Schaustellungen noch unvergessen; aber von Dem, was diese Männer aus Deutschland gethan, werden auch die Geschichtsschreiber Frankreichs noch länger sprechen, als von den Festen der französischen Könige. Neugierig drängten sich auch hier die Einwohner der Stadt herbei und sahen scheu zu dem Könige hinüber, der schon an Gestalt über alle seine Begleiter herausragte, und in dessen Gefolge ich den Kronprinzen, wie immer mit der Pfeife, den Großherzog von Weimar; Prinz Luitpold von Baiern, Prinz Karl, Prinz Schwarzburg-Sondershausen, den Flügeladjutanten von Rauch und andere hohe Herren bemerkte. König Wilhelm, trotz der andauernden Strapazen des Krieges noch immer lebhaft und munter, war in schlichter, einfacher Uniform; über die er beim Abfahren den bekannten großen blauen, altmodischen Mantel hing.

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Die Gartenlaube (1870) b 881.jpg

Argenteuil. St. Denis. Colombes. Montmartre.   Fort Valerien.      Dorf Rueil.  Ponton-Schiffbrücke.      Pavillon Henry IV. 
1. Garde-Landwehr-Regiment auf Vorposten. Generallieutnant von Loën. König Wilhelm. Kronprinz. Großherzog von Weimar. Platzmajor Lieutenant Fleck.
 Oberst von Roehl.  Prinz Luitpold von Baiern.  Prinz Schönburg.

Auf der Terrasse in Saint Germain am 13. November.      Nach der Natur aufgenommen von unserem Feldmaler F. W. Heine.

[882] Die Terrasse selbst hat wohl durch die Ereignisse der letzten Zeit manche Veränderung erfahren; es befindet sich nämlich hier ein großer Parkplatz: Artillerie, Kanonen, Munitions- und Bagagewagen – aber Eines ist unverändert geblieben: die Aussicht, welche sich von dieser Höhe bietet. Sie ist noch immer so herrlich, so überraschend reich, wie früher, da die lustigen Pariser mit ihren Frauen und Freundinnen an schönen Sommertagen durch die grünen schattigen Wälder da unten schwärmten, da die Fluthen der Seine von dem muntern Ruderschlag zahlloser Kähne bewegt waren, deren Insassen mit übermüthigem Gesang und prasselndem Feuerwerk der wunderbaren Nächte sich freuten, und da die stolzen herrschaftlichen Villen ringsum von Musik wiederhallten und in den gedrängt vollen öffentlichen Tanzsälen Freude und Leichtsinn entfesselt waren bis zur Ausgelassenheit.

Freilich, das Alles ist heute verstummt, dafür brummen die Kanonen des gerade in der Mitte des Bildes liegenden Forts Mont Valerien dann und wann ihren Gruß, glücklicherweise ohne bis hier herüberzureichen; aber die Aussicht zu dem genannten Fort über die zerstörte Brücke, über die Wälder, Dörfer und Fluren hin ist auf der Terrasse von St. Germain eine unbeschränkte und mit bewaffnetem Auge konnte ich deutlich einzelne Posten dortselbst unterscheiden. Die großartige Eisenbahnbrücke links ist noch wohl erhalten, rechts ist über die Seine, deren Wellen hier eine der zahlreiche reizenden Inseln umspülen, eine Pontonbrücke geschlagen, über welche noch weiter im Hintergrunde auf der Höhe die Wasserleitung von Versailles sichtbar ist. Auch Argenteuil, von wo ich gekommen war, bemerkte ich links vor mir wieder und nicht weit davon den Thurm von St. Denis, wo sich die Begräbnißstätte der französischen Könige befindet, deren unvermeidlicher Anblick von St. Germain aus dem lebenslustigen Ludwig dem Vierzehnten so peinlich war, daß er den Geschmack an St. Germain überhaupt völlig verlor und das Schloß, das denn auch von da an niemals mehr die Residenz eines Königs war, dem aus England vertriebenen Jakob dem Zweiten überließ, der auch dort starb.

Am südlichen Ende der Terrasse befindet sich der von Heinrich dem Vierten erbaute Pavillon. In ihm soll angeblich Ludwig der Vierzehnte das Licht der Welt erblickt haben; sie soll die Geburtsstätte des Mannes sein, von dem Deutschland die meiste Schädigung an seiner Macht und Ehre erlitt und unter dessen gewaltthätiger bluttriefender Faust ein Stück um das andere vom deutschen Reich losgerissen wurde, bis zuletzt auch Straßburg, des deutschen Reiches Schlüssel, seinem schmähliche Verrath erlag. Nun ist dieser Schlüssel wieder zurückerobert, nun ist Alles, Alles wieder in unseren Händen, und ich muß gestehen, daß ich mich eines seltsamen Gefühles nicht erwehren konnte, als ich die deutschen sieggekrönten Heerführer gerade an diesem Orte sah, von welchem mit Ludwig dem Vierzehnten die Politik der Eroberungssucht und unausgesetzten Feindschaft gegen Deutschland ihren Ausgang nahm. Das mahnt doch wie an ein Walten der Nemesis!




Hermann.

Novelle von C. Werner.
(Schluß.)

Sechs Monate waren vergangen, der Winter hatte sein Regiment bereits mit aller Strenge angetreten und die herannahenden Weihnachten kündigten sich mit einem tüchtigen Schneefall an. Vom Kirchthurm des Dörfchens M. läutete die Mittagsglocke, ein überall willkommener Klang, der auch im Pfarrhause freudig begrüßt ward, dessen gesammte jugendliche Bevölkerung mit unendlich gesteigertem Appetit von einer heißen Schlacht kam, die sie draußen im Garten mit Schneeballen einander geliefert. Fünf kleine, frische, von der Kälte roth angehauchte Gesichter reihten sich um den Mittagstisch, und sprachen mit großem Eifer und vollem Interesse den dampfenden Schüsseln zu.

Der Pfarrer, ein schon älterer Mann mit einem freundlichen, milden Gesicht, schien heute ungewöhnlich ernst und nachdenkend. Er teilte seine Aufmerksamkeit zwischen den Kindern und deren Erzieherin, die ihm gegenüber saß, die beiden Kleinsten zur Seite. Es lag eine liebevolle Sorgfalt, zugleich aber eine ruhige Entschiedenheit in der Art, wie sie die lebhafte kleine Gesellschaft befriedigte und in Ordnung hielt, dafür schien diese aber auch mit großer Zärtlichkeit an ihr zu hängen. Fräulein Walter vermochte sich kaum zu retten vor all den Erzählungen und Mittheilungen, in denen eins der unaufhörlich plaudernden Mündchen das andere überbot.

Endlich war das Mittagsessen zu Ende und die kleine wilde Schaar stürmte nach erhaltener Erlaubniß wieder hinaus, um die noch andauernde Freistunde diesmal einer friedlicheren Beschäftigung, nämlich der Errichtung eines Schneemannes, zu widmen.

Gertrud hatte einen Schlüsselkorb ergriffen und wollte gleichfalls das Zimmer verlassen, als der Pfarrer sie zurückhielt, mit der Bitte, ihm auf eine Viertelstunde in seine Studirstube zu folgen, er habe Wichtiges mit ihr zu besprechen. Bereitwillig setzte sie das Körbchen wieder hin und entsprach der Aufforderung. Dies Wichtige war nicht schwer zu errathen; das Weihnachtsfest stand ja bevor und fünf kleine Tischchen sollten besetzt werden.

Indessen schien die Einleitung dieser gewiß sehr harmlosen Ueberlegung dem Herrn Pfarrer einige Mühe zu verursachen, er hustete mehrere Male verlegen, und nahm endlich mit sichtbarer Befangenheit das Wort.

„Zuerst, Fräulein Walter, nehmen Sie meinen innigsten aufrichtigsten Dank für Alles, was Sie mir und meinen Kindern bisher gewesen sind.“

Gertrud sah verwundert auf, die Einleitung klang seltsam feierlich. „Ich that nur meine Pflicht,“ sagte sie ruhig ablehnend.

„O nein, mehr, weit mehr thaten Sie!“ Die anfängliche Befangenheit des Mannes wich jetzt einer warmen Herzlichkeit. „Sie übernahmen nur die Pflicht, den Kindern Unterricht zu ertheilen, und Sie sind ihnen die liebevollste Hüterin, meinem verwaisten Haushalt die treueste Stütze gewesen. Erst seit Ihrem Hiersein weiß ich wieder, daß ich eine Heimath, eine Häuslichkeit besitze.“

Gertrud blieb völlig unbefangen und ahnungslos. „Ich that, was ich vermochte. Die verlorene Mutter freilich kann eine Fremde den Kindern nie ersetzen.“

„Ja, das war’s, wovon ich mit Ihnen sprechen wollte,“ unterbrach sie der Pfarrer hastig. „Ich kann es mir trotz alledem nicht verhehlen, daß meinen Kindern die Mutter, meinem Hause die Frau nothwendig ist, und daß ich –“ er hielt plötzlich inne, denn Gertrud war mit einer unwillkürlichen Bewegung des Schreckens von ihm weggerückt. „Wünschen Sie, daß ich schweige?“

Sie war bleich geworden, aber sie schüttelte leise den Kopf. „Ich bitte, sprechen Sie weiter.“

Er stand auf und ergriff ihre Hand. „Seit den fünf Monaten, daß Sie hier sind, habe ich das Wort unendlich oft auf der Zunge gehabt, und es ebenso oft wieder unterdrückt. Es lag und liegt in Ihrem Wesen etwas, das – lassen Sie mich ganz aufrichtig sein – das mich drückte und fern hielt. Wenn ich Sie noch so freundlich und willig im Hause schalten, und unter Ihren Händen Alles gedeihen sah, ich konnte mich doch nie des Gedankens erwehren, daß Sie im Grunde für einen ganz anderen Lebenskreis geschaffen seien. Aber einmal muß es doch ausgesprochen werden. Sie sind jung, schön und reich begabt in jeder Hinsicht, ich bin ein älterer Mann, ich habe Ihnen nichts zu bieten, als ein einfaches, sehr einfaches Haus, bescheidene Verhältnisse und die Theilnahme an der Sorge für fünf unerzogene Kinder. Kann Ihnen die Liebe dieser Kinder, die Dankbarkeit eines Mannes, der Sie aus vollstem Herzen ehrt und bewundert, ein Ersatz für so manches Opfer sein, das Sie mit Ihrer Einwilligung bringen, so – würden Sie mich sehr glücklich machen.“

Gertrud hatte regungslos, mit gesenkten Augen zugehört, die Blässe ihres Gesichts war noch tiefer geworden, aber ihre Stimme klang ruhig.

„Ihr Antrag ehrt mich, Herr Pfarrer, aber Sie thun mir unrecht, wenn Sie meinen, daß einfache Verhältnisse und Pflichten meiner Natur zuwider sind. Ich habe in Ihrem Hause zum ersten Male wieder empfunden, was es heißt, mit Liebe empfangen und [883] umgeben zu sein; ich –“ sie wollte die Hand heben, und legte sie plötzlich, statt in die des Pfarrers, wie von einem plötzlichen Schmerz durchzuckt, auf die Brust.

„Fehlt Ihnen etwas?“ fragte er besorgt.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „O nein, es ist Nichts. Ich wollte Sie bitten, mir eine kurze Bedenkzeit zu gewähren. In wenig Stunden sollen Sie meine Antwort haben.“

Der Pfarrer mochte wohl kaum eine so günstige Aufnahme seines Antrages erwartet haben. Eine kurze Bedenkzeit ist ja meistentheils nur die Form des Anstandes, hinter der sich das Ja verbirgt. Er ergriff mit froher Herzlichkeit ihre beiden Hände.

„Wie Sie wollen, liebes Fräulein, so lange Sie wollen. Ich will Ihr Ja keiner Uebereilung verdanken. Gehen Sie ungestört mit sich zu Rathe, und dann sagen Sie mir aufrichtig Ihren Entschluß.“ – – –

Eine Stunde war vergangen, Gertrud saß in ihrem im oberen Stock gelegenen Zimmer, in tiefes Nachdenken verloren. Wie vorhin preßte sie unwillkürlich die Hand gegen die Brust. Da drinnen war etwas, was sich noch immer nicht der starren eisigen Ruhe gefangen geben wollte! Hatte es sich nicht vorhin wieder aufgebäumt in heißem zuckendem Weh, als sie im Begriff stand, ihre Einwilligung auszusprechen? Hatte es sie nicht in ahnender Angst wie von einem Abgrund zurückgerissen, und das Ja, das bereits auf ihren Lippen schwebte, mit einem lauten Nein, Nein erstickt? Und es mußte doch jetzt ein Ende gemacht werden mit der Schwäche! Sie war, wenn auch noch nicht vergessen, doch völlig aufgegeben und hätte es nicht nöthig gehabt, sich so ängstlich vor etwaigen Nachforschungen zu verbergen. Hermann hatte keinen Versuch gemacht, sie aufzufinden, oder wenigstens ein letztes Abschiedswort an sie gelangen zu lassen. Er hatte den Ernst ihres Entschlusses, die Wahrheit ihrer Worte erkannt, und fügte sich fest und stark in das Unvermeidliche, aber es zerriß doch das Herz des Mädchens, daß er so fest und stark zu sein vermochte. Freilich, ihm blieb ja noch seine Zukunft, um derenwillen er sie aufgegeben, und ihr?

Sie war entschlossen, die Hand des Pfarrers anzunehmen. Was konnte sie, die Einsame, Heimathlose, Besseres verlangen, als einen eigenen Heerd, die Zuneigung eines geachteten Mannes und die vielleicht schweren, aber doch lohnenden Pflichten in der Erziehung seiner Kinder. Freilich, er hatte recht gesehen, es war ein Element in dem Mädchen, das sich energisch sträubte gegen diese Zukunft, die er ihr bot, in der Abgeschiedenheit des kleinen Dörfchens, in dem immer gleichen Kreislauf von häuslichen Verrichtungen, fern von der Welt und all ihren Berührungspunkten – aber Gertrud war es müde, noch ferner ziellos und planlos von einer Abhängigkeit in die andere zu gehen, sie sehnte sich nach dem Hafen, wußte sie gleich, daß er das Grab alles dessen werden würde, was sie Leben nannte.

Das Schneetreiben hatte wieder begonnen; Gertrud öffnete das Fenster und blickte hinaus, ohne der Winterkälte zu achten, es war ja die letzte freie Stunde ihres Lebens, in der nächsten hatte sie sich gebunden für immer. Drüben von der fernen Landstraße her tönte der Klang eines Posthorns durch den fallenden Schnee. Lautlos und dicht sanken die Flocken vom grauen Winterhimmel, lautlos und dicht legten sie sich auf die erstarrte Erde. Die Felder und Wiesen ringsum, die Zweige der Bäume und die Dächer der Häuser, Alles trug das kalte formlose Schneegewand, und still und einsam lag das Dorf, wie eingesargt unter der weißen Leichendecke.

Plötzlich aber wurde diese Ruhe durch ein ungewöhnliches Ereigniß gestört, der Klang des Posthorns erstarb nicht wie sonst in der Ferne, er schmetterte nah und näher, laut und lustig, und jetzt gesellte sich dazu auch das Knarren und Aechzen der Räder. Von vier dampfenden Pferden gezogen arbeitete sich eine Postchaise mühsam durch den fußtiefen Schnee, bis sie vor der Thür des Pfarrhauses Halt machte. Der Schlag ward aufgerissen, ein Herr im Pelze sprang heraus, und mit einem Schrei des Entsetzens, des Entzückens flog Gertrud vom Fenster zurück.

„Hermann !“

Drunten hatte indessen das unerhörte Ereigniß, die Ankunft eines Gastes in vierspänniger Extrapost, das ganze Pfarrhaus in Alarm gebracht. Die gesammte Kinderschaar stürzte auf den Hausflur, die Thür der Studirstube ward eilig aufgerissen, Hin- und Herreden wurde laut, bis endlich eine fremde feste Stimme sich, den ganzen Tumult beherrschend, erhob.

„Bemühen Sie sich nicht, Herr Pfarrer. Fräulein Walter wird mich entschuldigen, wenn ich ohne besondere Anmeldung bei ihr eintrete. Ich habe ihr wichtige Nachrichten zu überbringen.“

Eiligen Schrittes kam Jemand die Treppe herauf, die Thür flog auf, Graf Arnau stand auf der Schwelle.

Gertrud war keiner Begrüßung, keines Lautes fähig, an allen Gliedern bebend stand sie noch an derselben Stelle wie vorhin, er schloß die Thür und näherte sich ihr.

„Also bis in dies ferne abgelegene Dorf sind Sie vor mir geflohen? Gertrud, glaubten Sie denn in der That, ich würde Sie nicht finden?“ Seine Augen ruhten ernst und vorwurfsvoll auf ihrem Gesicht.

Sie machte einen Versuch, ihre Fassung wiederzugewinnen. „Herr Graf, ich weiß in der That nicht, wie ich Ihr plötzliches Erscheinen deuten soll, nachdem –“

„Nachdem ich so lange geschwiegen? Wie, Gertrud, auch Sie haben mich verkannt? Sie haben mich für schwach und feig genug gehalten, Ihr großherziges Opfer unbedingt anzunehmen?“

Sie senkte das Auge, ein Nein auf diese Frage wäre – Lüge gewesen. Er trat ganz nahe und ergriff ihre Hand.

„Ich kannte Sie genug, um zu wissen, daß Ihre Erklärung die Bedeutung eines Schwures hatte, und daß jedem Versuche, Sie umzustimmen, nur ein erneutes Nein! gefolgt wäre, und es liegt nun einmal nicht in meiner Natur, mich in nutzlosen Klagen und Betheuerungen zu ergehen. Ich zog es vor zu schweigen – bis ich handeln durfte.“

„Handeln?“ Sie sah ihn ungewiß, zweifelnd an.

„Ja. Du hattest Recht mit Deinen Abschiedsworten, das wußte Niemand besser als ich selbst. In unserer kleinen Residenz, wo jede Skandalgeschichte unvergessen schläft, bis die Klatschsucht sie zum Verderben einer Familie wieder aufweckt, in unserem Fürstenthum, wo jede bedeutende Stellung lediglich von der Hofgunst abhängt, inmitten eines Adels, dessen Vorurtheile noch nicht von dem leisesten Hauch der Neuzeit angeweht sind, wäre meine Laufbahn in der That verschüttet gewesen, hätte ich Gertrud Brand mein Weib genannt. Eine Verbindung zwischen uns unter diesen Verhältnissen war eine Unmöglichkeit.“

„Nun, also –?“

„Also mußten diese Verhältnisse gelöst werden. Ich bin frei.“

„Hermann! Was hast Du gethan!“

Sein Antlitz leuchtete wieder auf, in jenem Ausdruck, den bisher nur sie noch gesehen, und unter dem die herben harten Züge so eigenthümlich mild erschienen. Trotz des Schreckens lag in ihren Worten doch ein unendliches Zugeständniß, das er bisher noch nicht vermocht hatte ihr zu entreißen: das erste „Du“ aus ihrem Munde.

„Ich habe meinen Abschied genommen. Erschrick nicht, es gilt darum noch nicht die ganze Zukunft. Ich bin nun einmal keine von den Naturen, die es vermögen, jahraus, jahrein ruhig auf ihren Gütern zu sitzen und die Welt draußen gehen zu lassen, wie es ihr gefällt, und auch Du bist nicht geschaffen für einen so eng begrenzten Lebenskreis. Schon vor Jahresfrist machte man mir Anträge, in ***sche Staatsdienste zu treten, ich lehnte damals ab, weil mir bei meinen Verbindungen und Aussichten die erste Stelle in unserem Fürstenthume gewiß schien. Unmittelbar nach Deiner Abreise wurden jene Verhandlungen wieder aufgenommen. Es galt freiwillig einige Stufen herabzusteigen, um dort, etwas mühevoller vielleicht als bisher, wieder emporzusteigen. Und ich werde emporsteigen, verlaß Dich darauf.“

Er sagte das einfach und ruhig; aber Gertrud fühlte dennoch tief, welch ein Opfer ihr der ehrgeizige Mann gebracht; ihre Brust hob sich in freudigem Stolze, sie wußte jetzt, was sie ihm werth war.

„Jetzt ist Alles geordnet,“ fuhr er nach einer augenblicklichen Pause fort. „Ich trete im nächsten Monate meine neue Stellung in B. an; ich werde aber nicht dorthin gehen, ohne mein Weib mit mir zu nehmen. Gertrud, wirst Du mir folgen?“

Sein Arm umschlang fest und leidenschaftlich das nicht mehr widerstrebende Mädchen; sie lehnte den Kopf am seine Schulter.

„Hermann, glaubst Du denn, daß wir dort –“

„In B. sind wir fremd, dort kennt Niemand das Verbrechen und die unseligen Erinnerungen, die sich daran knüpfen, und sollte auch in späteren Tagen etwas davon verlauten – in dem Wogen und Treiben der großen Hauptstadt ist keine bleibende [884]

Stätte für ferne dunkle Gerüchte aus alter Zeit. Ueberdies stehe ich in keiner Beziehung zu dem dortigen Hofe; beliebt es ihm nicht, meine bürgerliche Gemahlin zu empfangen, so wird es mir leicht sein, ihn zu meiden, und wir werden in anderen Kreisen hinreichenden Ersatz dafür finden. Laß es meine Sorge sein, der Gräfin Arnau in diesen Kreisen die ihr gebührende Stellung zu sichern.“

Eine dunkle Röthe übergoß Gertrud’s Antlitz bei den letzten Worten; den einst so glühend gehaßten Namen, sie hörte ihn jetzt zum ersten Male als ihren künftigen aussprechen.

„Und Deine Großmutter?“ fragte sie leise.

Das Antlitz des Grafen verdüsterte sich. „Mit ihr hatte ich einen schweren Kampf zu bestehen, denn sie allein errieth den Grund meiner Handlungsweise, die sonst Niemand begriff. Sie dankt es ihrem Starrsinn, wenn dereinst eine fremde Hand ihr die Augen zudrückt. Wir sind unversöhnt geschieden.“

„O Hermann, Du brichst mit Allem um meinetwillen!“

Er hob sanft ihr Haupt empor und sah ihr in’s Auge. „Und Du gabst Dein Heiligstes hin, das Andenken Deines Vaters, um mich zu retten. Opfer um Opfer! Gertrud, ich bin nicht mehr der kalte Egoist, der nichts kennt als seinen Ehrgeiz. Du weißt es, was mich hart und bitter gemacht hat, was meine Jugend vergiftete und mir schon als Kind die Liebe und das Vertrauen zu den Menschen nahm – gieb Du sie mir wieder!“

Der volle heiße Blick der Liebe in ihren Augen gab ihm Antwort. „Ich habe eine Bitte an Dich, Hermann, es ist die erste. Laß das Geschehene auch zwischen uns begraben sein, laß uns mit keinem Worte mehr daran rühren. Wir wollen es vergessen – für immer.“

„Für immer!“

Draußen fiel der Schnee noch immer, lautlos und dicht und legte sich fest und kalt auf die erstarrte Erde; aber hier innen schlugen zwei Herzen warm und voll einander und ihrer neuen Zukunft entgegen. Den alten Fluch, der so lange das Leben der Beiden verdüstert und sie auf ewig zu trennen schien, sie hatten ihn gelöst mit eigener kraftvoller Hand. Nicht gerächt, aber gesühnt war das Verbrechen, und Beide fühlten jetzt, was die alte Präsidentin aussprach, als das letzte Blatt jener Anklage in Staub und Asche niedersank: „Gott sei Dank! Jetzt ist das Unheil zu Ende!“




Meine Turcos-Studien.
Von Heinrich Freiherrn von Maltzan.


Der Name „Turcos“, der jetzt so vielfach genannt wird, ist keineswegs die wirkliche Benennung der einheimischen algierischen Infanterie-Soldaten. Officiell heißen sie „Tirailleurs algériens“, das heißt „Algierische Plänkler“, und dies ist auch die einzige Benennung, welche die Araber, so schwer es ihnen auch wird, diese französischen Worte auszusprechen, der Truppe geben und welche diese sich selbst beilegt. Im arabischen Munde kommt freilich das „Tirailleur“ sehr verhunzt heraus, so daß man es kaum verstehen kann, und lautet etwa wie „Diralljir“. Aber das Wort Turco zu gebrauchen, erscheint dem Araber zu standeswidrig, da er weiß, daß kein einziger Türke jetzt in diesem Corps dient oder vielleicht jemals darin gedient hat. Daß die Turcos selbst sich nicht so nennen, hat seinen Grund darin, weil der ganze Name durch seine Endsylbe „o" eigentlich nur ein Spitzname mit verächtlicher Nebenbedeutung ist und etwa der kleine verächtliche Türke bedeutet.

Die Turcos sind ein sogenanntes Fremdencorps. Obgleich nämlich die Algierer französische Unterthanen sind, so haben sie doch nicht das französische Bürgerrecht. Der Name „Franzosen“ in seiner politischen Bedeutung wird ihnen abgesprochen. Als Fremdencorps steht die Truppe der Turcos auf gleichem Fuße mit der Fremdenlegion, und Fremde aller Nationen können sich in sie aufnehmen lassen. Ich begegnete eines Tages zwei Turcos in Algier, deren weiße Haut und blonde Haare deutlich ihren nicht afrikanischen Ursprung verriethen, und war nicht wenig erstaunt, sie im geläufigsten Plattdeutsch sich unterhalten zu hören: Sie waren aus der Gegend von Braunschweig und hatten erst in die Fremdenlegion treten wollen; da diese aber überfüllt war, so mußten sie Turcos werden und hießen jetzt „Mustapha“ und „Hassan“. Jeder Europäer nämlich, der Turco oder Spahi (einheimischer Reiter) wird, muß einen arabischen Namen annehmen. Der Unterschied in der Zusammensetzung dieser beiden Fremdencorps, der Turcos und der Fremdenlegion, scheint mir jetzt der zu sein, daß man die Einheimischen nur in die Turcos aufnimmt, während letzteres Corps in jeder anderen Beziehung sich aus denselben Elementen recrutieren kann wie die Fremdenlegion. Die Bedingungen zum Avancement sind bei den Turcos auch ganz dieselben wie bei der Fremdenlegion. Bei beiden sind alle Officiere, vom Hauptmann an, ausschließlich Franzosen: Der Fremde kann es in beiden Corps nur bis zum Oberlieutenant bringen. Bei den Turcos wird der Einheimische in dieser Beziehung den Fremden ganz gleich gerechnet. Ich kannte einen Italiener, der Lieutenant bei den Turcos war und die Truppe verließ, weil er es nicht weiter bringen konnte. Bei Arabern kam es wohl früher einige Male vor, daß sie bis zum Hauptmann avancierten um vorzüglicher Dienste willen; aber das war für sie ein rein nomineller Rang, denn der einheimische Hauptmann stand unter dem Commando eines französischen Lieutenants und hatte gar nichts zu sagen. Solche Beispiele, wie Jussuf, der General geworden, sind große Ausnahmen, die aus den Anfangszuständen der Colonie herrühren. Heut’ zu Tage bringt es kein Araber mehr zu hohen Ehren.

Die Elemente, aus denen die Turcos bestehen, sind also sehr verschiedenartig, da, wie gesagt, auch Deutsche (hoffentlich jetzt keine mehr) darunter dienten. Gleichwohl kann man ein vorherrschendes Element unterscheiden; dieses sind die Kabylen, namentlich die aus Großkabylien und aus der Provinz Constantine. Die Kabylen sind bekanntlich Ureinwohner, die ihre eigene Sprache reden. Ihr Gesichtstypus läßt sich von dem arabischen meist gut unterscheiden. Der Araber hat längliche Züge, eine gerade oder eine Adlernase und im Ganzen einige Aehnlichkeit mit dem Inder. Der Kabyle dagegen hat ein mehr rundliches Gesicht, zuweilen hervortretende Backenknochen, oft eine Stumpfnase, meist einen großen Mund. In der Hautfarbe herrscht große Mannigfaltigkeit. Ich sah Kabylen, die weiße Haut und blonde Haare hatten. Sie waren von jenem Stamme, den man gewöhnlich für Abkömmlinge der alten Vandalen hält, obwohl auf keine anderen Anzeichen hin, als die erwähnten physiognomischen. Andere sah ich, die ganz dunkelbraun waren, aber nicht etwa Negerblut in ihren Adern hatten, denn der Kabyle verachtet die Schwarzen und wird nie eine Negerin heirathen.

Ist nun schon das kabylische Element bei den Turcos von sehr mannigfaltiger äußerer Erscheinung, so gewinnt doch das Gesammtbild noch bedeutend an Buntheit durch die Beimischung von Abkömmlingen anderer einheimischer Stämme und Mischracen. Unter den Mischracen sind zwei, deren Angehörige sich mitunter bei den Turcos anwerben lassen, nämlich die Mulatten und die Kuluglis. Letztere sind Mischlinge von Türken und Arabern, Abkömmlinge der früher in Algier herrschenden türkischen Janitscharen und arabischer Frauen. Das Wort soll „Sohn des Einäugigen“ bedeuten, weil der erste Türke, der eine Algiererin heiratete, einäugig gewesen wäre. Die Kuluglis haben die kriegerischen Instincte ihrer Vorfahren geerbt, und deshalb werden sie gern Soldaten; da sie aber auch deren Stolz geerbt haben, und dieser bei der gedrückten und wenig ehrenvollen Stellung, die ein Turco einnimmt, keine Nahrung findet, so lassen sich nur die verkommensten Subjecte unter ihnen bei dieser Truppe anwerben. Gleichwohl giebt es immer eine Anzahl Kuluglis bei den Turcos, und die Franzosen sehen sie gern, da sie etwas disciplinfähiger sind, als die übrigen. Der Typus der Kuluglis unterscheidet sich wenig von dem der Südeuropäer. Besonders ihr Bartwuchs gleicht durch seine Fülle dem europäischen, während der echte Araber nur spärlichen Bart hat.

Die Mulatten sind die unliebsamste Zugabe zu den Turcos, welche die Franzosen zwar annehmen, wenn Mangel ist, aber nicht gern. Die algierischen Mulatten sind nämlich meist schwächlich, sowohl an Körper, als an Geist, und sehr schwer zu discipliniren, nicht ihrer Ungebundenheit, sondern lediglich ihrer sprüchwörtlichen Dummheit wegen.

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Die Gartenlaube (1870) b 885.jpg

Aus den Reihen unserer Gegner.
Studienköpfe nach der Natur von Prof. W. Camphausen in Düsseldorf.

[886] das allerdunkelste Hauptelement, der echte Neger, kommt unter den Turcos vor, jetzt freilich seltener als früher, denn diejenigen Neger, die noch als Sclaven nach Algier kamen, sind jetzt zu alt, um zu dienen, da seit 1848 keine Sclaven mehr eingeführt wurden. Von den in Algier geborenen Negern, die Schuschân genannt, gilt dasselbe, was von den Mulatten gesagt wurde, nur in noch erhöhtem Grade. Sie sind meist zu schwach zum Dienst. Gleichwohl giebt es einzelne Ausnahmen, und so findet man denn hie und da einen Schuschân bei den Turcos. Am beliebtesten sind aber die echten Neger. Von Zeit zu Zeit nämlich verliert sich ein freier Neger, der noch jung ist, an die Küste und läßt sich dann, da er meist zu faul ist zu arbeiten, gern anwerben, denn das Leben der Turcos im Frieden hat für solche geborene Faulenzer eine große Anziehungskraft.

Früher hatten es die Turcos freilich noch viel besser, als heutzutage. Sie waren ein auf hohen täglichen Sold und Kostgeld gesetztes Corps, deren einzelner Mann etwa einen Franc (acht Groschen) täglich erhielt. Jetzt hat man ihnen das Kostgeld entzogen und giebt ihnen die gewöhnlichen Soldatenrationen. Dennoch führen die meisten von ihnen bei der Truppe ein besseres Leben, als sie es zu Hause gewohnt waren, namentlich die Kabylen, die in ihrer Heimath ein so frugales Leben führen, daß die bekannte spartanische Suppe noch Völlerei dagegen wäre. Der Kabyle ißt im gewöhnlichen Leben nichts, als seine säuerlichen, öligen Gerstenmehlteige, die er Brod nennt. Dazu trinkt er ungeläutertes Olivenöl. Fleisch genießt er nur an großen Festen, wenn ihn ein Stammeshäuptling damit tractirt. Selbst zu schlachten, dazu ist er zu geizig. Kommt nun ein solcher Kabyle in die Stadt, wo er ein schönes reines Weizenbrod findet, so erscheint ihm dieses wie ein köstlicher Leckerbissen: Das französische Kommißbrod ist freilich nicht schön und weiß, aber doch immer noch besser als das kabylische. Hat aber der Kabyle Brod und Oel dazu, so entbehrt er gern andere Speisen, besonders da er es in Bezug auf die mohamedanischen Speiseregeln sehr streng nimmt. Im Uebrigen ist er oft ein sehr schlechter Moslem, aber in diesem Punkte hält er seine Glaubensvorschriften heilig. Schweinestall ist ihm der Gräuel aller Gräuel, und ich kann mir deshalb sehr gut erklären, warum ein gefangener Turco neulich einem Frankfurter Bürger die Wurst in’s Gesicht schleuderte, die dieser in seiner Gutmüthigkeit und Unkenntniß moslemischer Speisegesetze ihm anbot. Es würde mich sehr wundern, wenn die in Deutschland internirten gefangenen Turcos, d. h. diejenigen, welche Kabylen sind, sich unsere Speisen schmecken ließen. Wenn man ihnen nicht gestattet, für sich zu kochen, so werden sie sich wahrscheinlich auf Brodgenuß beschränken. Entbehrung wird dies für sie nicht sein, denn auch zu Hause sind sie’s nicht anders gewohnt. Kannte ich doch in Algier einen Kabylen, der im Dienste eines sehr reichen Franzosen stand, und dem der Koch täglich die feinsten Dejeuners und Diners anbot, die aber der stoische Kabyle immer ausschlug, da sie ihm nicht koscher waren, und für die er sich mit trockenem Brode begnügte. Als ich fragte, ob er diese Kost nicht einförmig fände, versicherte er mir, nichts schmecke ihm besser. Das Brod sei wahrer Kuchen gegen sein gewohntes. Allerdings bekam er in dem reichen Hause das beste feinste Brod, das er sich nur wünschen konnte.

Ebenso streng sind die Kabylen in Bezug auf den Weingenuß. Wenn man einen betrunkenen Turco sieht, so kann man zehn gegen eins wetten, daß er kein Kabyle, sondern am wahrscheinlichsten ein Kulugli sei. Denn diese Abkömmlinge der Türken nehmen es in Bezug auf das Weinverbot sehr leicht. Dies ist für sie nur da, um umgangen zu werden. Auch Neger und Mulatten trinken gern. Echte Araber sind selten bei den Turcos. In ihren Sitten haben sie aber vieles mit den Kuluglis gemein, das heißt wenn sie sich in Städten niederlassen oder bei der Truppe eintreten.

Im Ganzen kann man sagen, daß sich die Truppe der Turcos nur aus den alleruntersten und unmoralischsten Schichten der Bevölkerung recrutirt. Ein echter Stadtaraber oder ein angesehener Landbewohner wird eher daran denken, sich aufzuknüpfen, als seinen Sohn Turco werden zu lassen. Es ist unter den Arabern nur eine Stimme über die Turcos. Sie werden allgemein verachtet, von den frommen Moslems deshalb, weil sie einem Ungläubigen dienen, von den Patrioten, weil sie helfen, ihr Vaterland zu unterdrücken, von den Stammesstolzen, die bei den Arabern stets stark vertreten sind, weil sie hergelaufenes Gesindel sind, von den Wohlhabenden, weil sie ein Bettelhandwerk ausüben, und von der ganzen Welt, weil sie eben von den Franzosen verachtet und verächtlich behandelt werden, trotz ihrer anerkannten Tapferkeit. Diese unleugbare Tapferkeit stellt sie dennoch in den Augen der Welt nicht höher. Ihre Landsleute sehen dieselbe, da sie ja einem ungläubigen Herrscher dient, eher wie ein Uebel an. Denn Tapferkeit ist dem heutigen Moslem nur ehrenwert, wenn sie im Dienste des Islam ausgeübt wird. Die Franzosen aber lassen nicht gern Tapferkeit bei anderen, als bei ihren Landsleuten gelten. Ich hörte oft Franzosen sagen, die Tapferkeit des Turco sei nur die rasende Wuth eines wilden Thieres. So dankte man den armen Teufeln, die ihr Blut für Frankreich, für eine ihnen völlig fremde, ja ihnen feindliche Sache verspritzten. Es ist wahr, Napoleon beschenkte die Turcos mit Medaillen, einige selbst mit der Ehrenlegion. Aber die Franzosen in Algier haben sich gewöhnt, das Ehrenkreuz, wenn es ein Araber trägt, für etwas ganz Anderes anzusehen, als wenn es auf dem Rock eines Franzosen glänzt. Einmal befand ich mich in einer Gesellschaft, wo auch ein großer Araberhäuptling, dem die Regierung das Commandeurkreuz der Ehrenlegion für seine ausgezeichneten Dienste verliehen hatte, einsprach, aber ganz erbärmlich behandelt wurde. Darüber erstaunt, wandte ich mich an einen hohen Beamten um Aufklärung. Dieser sagte mir, recht bezeichnend für einen französischen Bureaukraten: „Es ist ja nur ein schmutziger Araber, und die Ehrenlegion steht ihm, wie dem Schwein ein goldenes Halsband.“

Bei dieser allgemeinen Verachtung, in welcher die Turcos stehen, muß nichts komischer erscheinen, als jene Nachricht, welche neulich die Zeitungen brachten, daß nämlich die französische Regierung daran dächte, dem Emir Abd-el-Kader den Oberbefehl über sämmtliche Turcos zu geben. Wenn sie den Emir in den Augen seiner Landsleute lächerlich und verächtlich zugleich machen wollte, so hätte sie kein besseres Mittel wählen können. Denn von dem stolzen Stammeshäuptling, der immer nur freie Araber befehligte, zu dem Anführer einer feigen Söldlingstruppe, die für den Unterdrücker des Vaterlandes kämpft, ist ein ebenso tiefer Abstand, wie von dem vornehmen Abkömmling des Propheten zu dem Haupte einer Rotte verachteter Vagabunden. Zudem wäre der Oberbefehl doch nur nominell gewesen und Abd-el-Kader hätte in Wirklichkeit unter dem Befehl eines französischen Obersten gestanden. Der Emir wäre dadurch für alle Zeiten bei den Arabern unmöglich geworden.

Aber nicht nur Verachtung, sondern auch den tiefsten Abscheu und die gerechteste Entrüstung haben die Turcos hervorgerufen und zwar in den verschiedenen Feldzügen, in denen sie europäischen Feinden gegenüberstanden, und so auch wieder im gegenwärtigen. Die Entrüstung der deutschen Zeitungen über die Grausamkeiten der Turcos ist gewiß eine gerechte. Aber wem kommt die Schuld davon zu, daß die Grausamkeit sich gegen Deutsche bethätigen konnte? Niemand als der französischen Regierung, der „civilisirtesten Nation“ der Erde. Daß die Kabylen von Natur grausam sind, daß sie ihre Gefangenen unter Folterqualen zu Tode martern, daß ihre Frauen sogar wetteifern in Verstümmelung der Verwundeten und ihre Söhne zu demselben Blutwerk anfeuern, das wissen die Franzosen aus ihren kabylischen Feldzügen. Daß sie also solche Blutmenschen in einem europäischen Kriege verwenden, gereicht ihnen zur Schande. Noch größere Schande aber ist es, daß sie, weit entfernt die wilden Instincte der Turcos zu mäßigen, diese noch anfachen, indem sie den unwissenden Söldlingen die abschreckendsten Beschreibungen von dem Feinde machen und seine Wuth dadurch noch reizen. Ich hörte im Jahre 1859 Franzosen zu den Turcos sagen, die Oesterreicher, gegen die sie damals kämpftem seien wilde Barbaren, die die schändlichsten Handlungen begingen etc. Aehnliches wird man ihnen auch jetzt von den Truppen des Reiches gesagt haben. Ist doch die Meinung, als seien die Deutschen Barbaren, die wie Vandalen und Hunnen hausen, selbst unter den Franzosen in Algier gang und gäbe. Was Wunders, daß die Turcos daran glauben? Möge unser Vaterland auch in Zukunft von dieser Landplage verschont bleiben, wie es Dank der weisen Kriegsführung der deutschen Feldherren bis jetzt gelungen ist, diese wilden Horden vom deutschen Boden fernzuhalten.




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Blätter und Blüthen.


Schwindelinserate. Jedermann kennt aus den öffentlichen Blättern jene Anzeigen, welche, von unbekannter Hand veröffentlicht, gegen Einsendung eines mehr oder minder großen Geldbetrags, ein Geheimniß oder eine neue Erfindung mitzutheilen versprechen, die den Käufer binnen kürzester Zeit zum reichen Manne machen soll. Zum reichen Manne! Wie Viele haben sich wohl schon von diesem gleißenden Aushängeschild täuschen lassen, um nur zu spät zu erfahren, daß dasselbe nur dazu dienen mußte, sie um ihre vielleicht letzten Groschen zu prellen!

Dieser Umstand, sowie die weitere Beobachtung, daß die Rubrik der „Schwindelinserate“ und der „wohlfeilen Erwerbsquellen“ in den verbreitetsten unserer Blätter von Tag zu Tag mehr eine stehende wird, veranlaßte mich, der Sache im allgemeinen Interesse etwas näher auf den Grund zu gehen und zu diesem Zwecke selbst einige pecuniäre Opfer nicht zu scheuen. Ich veröffentliche hier die gehabten Erfolge und zwar, wie ich hoffen darf, vielen Ihrer Leser zur Lehre und Warnung.

Die erste Antwort, die auf meine an den unbekannten Anbieter eines reichmachenden Geheimnisses abgegangene Geldsendung einlief, enthielt ein Recept zur Fabrikation eines künstlichen Honigs. Die Zubereitung sollte durch Kochen von einem Drittel Bienenhonig mit einer Auflösung von zwei Drittel Traubenzucker unter Zusatz von etwas Weinstein bewerkstelligt werden. „Dieser künstliche Honig,“ sagt das Recept, „läßt sich nicht von echtem unterscheiden. Er kann deshalb überall für echten verkauft werden und sind daran mindestens siebenzig Procent verdient.“

Der Herr N. N. (Name ist auch in der Antwort nicht angegeben), muthet uns also zu, einen offenbaren Betrug zu begehen, was nicht Wunder nehmen darf, denn die Schwindler sind gewohnt, den Maßstab ihrer Moral auch an Andere anzulegen. Daß das Recept werthlos ist, leuchtet auf den ersten Blick ein, denn Niemand, der jemals reinen Honig gekostet hat, wird ein solches Gemisch kaufen. Neu ist es auch nicht, denn es findet sich mit mehr oder weniger Abänderungen in vielen Receptbüchern.

So war ich also glücklicherweise um meinen Thaler und vier Neugroschen Porto geprellt.

Der zweite Brief, den ich gegen meine Geldsendung erhielt, war mit den Buchstaben W. A. unterzeichnet und ertheilte folgenden Rathschlag:

„Sammeln Sie Adressen von wohlhabenden Gutsbesitzern, Bürgern und Landleuten für die Frankfurter, Hamburger, Braunschweiger etc. Lotteriecollecteure. Diese bezahlen sehr gerne jede Adresse mit fünf Neugroschen. Besonders angenehm sind aber Adressen von wohlhabenden Landleuten. Sie können auf diese Weise spielend täglich fünf Thaler verdienen.“ Beigefügt war eine Anzahl Adressen von Lotteriecollecteuren.

Es gewinnt hier fast den Anschein als ob die Schwindler einander in die Hände arbeiteten, denn die genannten Collecteure beschäftigen sich größtentheils mit dem sogenannten Promessenspiele, das heißt, sie senden den Leuten unter glänzenden Versprechungen Promessenloose von Staatsanlehen, die nicht den geringsten Werth haben, weil sie jeder Garantie ermangeln. Ja, es ist sogar constatirt, daß einzelne dieser Schwindler, um sich gegen jede Anforderung sicher zu stellen, die Nummern von bereits gezogenen Loosen in ihre Promessenscheine eingesetzt haben. Hunderttausende sind seit dreißig Jahren auf diese Weise den unerfahrenen Landleuten abgenommen worden und daraus erklärt es sich, weshalb Adressen der letzteren besonders angenehm sind.

Der obige gute Rath hat mich nicht weniger als zwei Thaler gekostet. Da in der Anzeige gesagt war, daß ohne alles Capital, ohne jede Auslage, mit leichter Mühe täglich zehn Thaler zu verdienen seien und daß auch Frauenzimmer sich an dem Geschäfte betheiligen könnten, so hat der Industrieritter jedenfalls einen guten Fang gemacht.

Ich habe später gehört, daß einzelne Personen sich mit Frankfurter Collecteuren – Banquiers nennen sich die Herren – in Verbindung setzten und das Versprechen erhielten, daß man ihre Adressen honoriren werde; sie möchten sie nur einsenden. Dies thaten sie auch, erhielten sie aber nach einigen Tagen mit der Bemerkung zurück, daß man keinen Gebrauch davon machen könne, weil man sie sämmtlich bereits besitze. Die Unwahrscheinlichkeit dieser Ausflucht liegt auf der Hand, und man wird schwerlich irren, wenn man annimmt, daß die Herren „Banquiers“ die erhaltenen Namenslisten erst vor der Rücksendung abschreiben ließen und sich auf diese Weise ohne Auslagen in den Besitz der Adressen setzten. So waren die armen Getäuschten doppelt geprellt.

Meinen dritten Brief (poste restante Prag) erhielt ich sammt der Inlage nach einiger Zeit durch die Post wieder zurück. Wahrscheinlich war der Schwindler mittlerweile entlarvt worden.

Ein vierter recommandirter Brief mit einer Inlage von zwei Thalern blieb ganz unbeantwortet. Der Schwindler hat mein Geld einfach eingesteckt. Entweder wollte er dadurch seine Verachtung über meine Einfalt ausdrücken, oder damit sagen, daß ich es ebenso machen solle, wie er, wie denn ein anderer Schwindler vor ihm wirklich den folgenden Rath ertheilt hat: „Machen Sie es wie ich. Erlassen Sie ebenfalls Anzeigen und führen Sie Andere an. Glauben Sie mlr, es ist ein profitables Geschäft, denn an Dummköpfen und Narren ist, Gott sei Dank! noch nirgends Mangel.“

Ich komme jetzt zu einer der neuesten Unternehmungen obiger Art, bei der ich etwas länger verweilen muß, weil sie mit einem gewissen Aufwand von Mitteln in’s Werk gesetzt wird und für den Unerfahrenen in der That etwas Verführerisches an sich hat. In den gelesensten Zeitungen ist nämlich in der ersten Hälfte dieses Jahres folgende Anzeige erschienen:

„Eine neue erprobte Erfindung, deren Ausbeutung jährlich nur hundert bis zweihundert Thaler Capital erfordert, und dafür einen jährlichen Ge- winn von mehreren Tausend Thalern garantirt, kann gegen ein sehr geringes Honorar nachgewiesen werden. Frankirte Anfragen unter S. L. 935 besorgen die Herren Hasenstein und Vogler in Frankfurt am Main.“

Sofort wendete ich mich mit einer Anfrage um Auskunft über den betreffenden Industriezweig an die angegebene Adresse, worauf ich aus Darmstadt ein lithographirtes Schreiben erhielt, worin die Vortheile des angepriesenen Unternehmens ausführlich dargelegt und mit Zahlen nachgewiesen sind. Dasselbe soll im Wesentlichen darin bestehen, jeden gewöhnlichen Brunnen auf eine einfache und leichte Weise in einen Mineralbrunnen zu verwandeln und so das Wasser zur Errichtung einer Badeanstalt etc. zu gewinnen.

Der Prospect zu diesem neuen Industriezweige lautet allerdings sehr verlockend; nur hat der Verfasser Zweierlei dabei übersehen: erstens, daß es ein Betrug ist, einen gemachten Mineralbrunnen für einen natürlichen auszugeben und zweitens, daß die Täuschung selbst bei der größten Vorsicht doch nicht lange bewahrt werden kann, weil das Hausgesinde und die Nachbarn, denen die wahre Beschaffenheit des Brunnens bekannt ist, die Ursache der plötzlichen Verwandlung desselben leicht errathen. Erfährt aber das Publicum, daß das Mineralwasser ein fabricirtes ist, so verliert es das Vertrauen zu demselben, die ganze Speculation fällt ins Wasser und der Unternehmer darf sehen, wie er den verdorbenen Brunnen wieder für den gewöhnlichen Gebrauch herzustellen vermag. Für die Anweisung zu diesem Verfahren verlangt der Verfasser des Inserats zehn Thaler, während wir über die Zusammensetzung und Fabrication der bekanntesten Mineralwässer von tüchtigen Fachmännern (z. B. Quarizius) Schriften besitzen, die nicht über einen Thaler kosten.

Eine andere sehr lockende Anzeige von einem Herrn F. M. in G–l über eine wichtige und gewinnbringende neue Erfindung, die für siebenzehn Neugroschen mitgetheilt werden sollte, veranlaßte mich, das Geld zu senden; aber statt des erwarteten Geheimnisses erhielt ich nichts als ein höchst confus abgefaßtes Anerbieten des Herrn M., für drei Thaler zwei Flaschen Essenzen zur Liqueurbereitung von ihm zu beziehen. Ueber den Werth dieser letzteren kann ich nicht urtheilen; ein unverschämter Schwindel aber ist es, daß sich der genannte Herr seine ganz werthlose, von ungeschickter Hand auf ein Blatt Papier geschriebene Geschäftsanzeige mit siebenzehn Neugroschen bezahlen läßt.

Etwas reeller war dagegen die Antwort, die ich nach Einsendung eines Thalers auf die folgende in vielen Blättern erschienene Anzeige erhielt: „Sechserlei leichter Nebenerwerb wird ebenso neu wie praktisch nachgewiesen. Adr. A. F., Stuttgart.“ Sie bestand in einem sogenannten „Silberbrief“, einem enggedruckten Quartbogen, der die Empfehlung folgender Nebenerwerbe behandelte: 1) die Kaninchenzucht; 2) die Zucht der einheimischen und fremden Hühner; 3) die Bienenzucht; 4) die Seidenzucht: 5) die Zucht der Canarienvögel; 6) die Anfertigung couranter Verbrauchsartikel (Essig, Fleckenmittel, Hefe, Senf, Räuchermittel, Tinte, Wichse). Nr. 1 bis 5 enthielten lediglich eine kurze Empfehlung unter Anführung der Titel von Schriften, die sich auf den Gegenstand beziehen, während unter Nr. 6 auch einzelne Recepte angegeben waren, die indeß nur Bekanntes boten. Obschon der Preis nach dem Buchhändlermaßstab sehr hoch ist, so hat der Verfasser doch wenigstens etwas dafür geleistet. Auf Neuheit können seine Vorschläge allerdings keinen Anspruch machen und ob sie unter hundert Personen eine zu benutzen vermag, bleibt zweifelhaft.

Wir werden vielleicht ein anderes Mal Gelegenheit haben, unsere warnende Rundschau auf dem Felde des Schwindelwesens fortzusetzen. Wer etwas wirklich Praktisches und Vortheilhaftes entdeckt, wird es nicht um ein paar Thaler auf dem öffentlichen Markte ausbieten, sondern es selbst auszubeuten suchen und wenn er die Mittel dazu nicht besitzen sollte, so dürften sich immer Leute finden, die ihm dieselben gegen einen Gewinnantheil vorstrecken. Darum Vorsicht!
A. R.




Opferfreudigkeit eines Kindes. In unserm kleinen Landstädtchen, schreibt man uns, lebte eine Försterswittwe. Ihr Mann war lange todt und hatte ihr nichts als die Sorge für drei unerwachsene Söhne hinterlassen. Da galt es haushalten. Man lebte, wie eben Wittwen deutscher Beamten leben, spärlich, aber ehrlich. Es ging. Die beiden ältesten Söhne gingen von Haus, nur der dritte, das Nesthäkchen, besuchte unser Gymnasium. Da kam der Krieg, die Zeit der schweren Noth. Angstruf und Nothschrei, Bitte um Hülfe für die Tausende armer verwundeter Brüder drang auch in unser Städtchen und die Sammellisten zu dem Werk der Barmherzigkeit gingen auch hier von Haus zu Haus. Sie kamen auch zu dem Hause der Wittwe. Sie hatte ihr Scherflein gegeben; der Sammler wollte gehen. Da greift der kleine Tertianer noch einmal zur Feder und zeichnet still – drei Thaler und zählt sie richtig dem erstaunten Manne in die Hand. Es war mehr, als viele vermögende Beamten, viel mehr, als der philiströse Geiz so manches reichen Bürgers gegeben. Wo kam das Geld her? Der Kleine hatte schon jahrelang sich sehnlichst eine Uhr gewünscht und jedesmal, wenn er von der Mama oder den älteren Brüdern einen Pfennig, einen Groschen bekommen, hatte er ihn sorgsam bewahrt und wenn es ein Groschen, wenn es fünf Groschen wurden, dann hatte er für das kleine Geld ein größeres Stück eingewechselt, und sich gefreut über das Wachsen des kleinen Schatzes, gejubelt über den ersten vollen Thaler – nun waren es schon drei geworden und jetzt, jetzt gab er sie hin, die Freude der langen, langen Zeit, die Hoffnung der Zukunft, die er sich mit einer Uhr in seiner Tasche so rosig gedacht hatte, er verzichtete auf sie für die verwundeten Krieger. Was in der Kindesseele Alles vorgegangen sein mag, bis der Knabe dies Opfer, größer für ihn, als für Andere Tausende, auf den Altar des Vaterlandes niederlegte, weiß ich nicht; gleich mir haben sich aber auch schon Andere dieser herzigen That gefreut, und wenn das Christkindchen dem Kleinen nun doch die erwünschte Uhr bescheert, dann ist das Entzücken, womit der Knabe zum ersten Mal eine Uhr in seiner Tasche picken hört, nur der verdiente Lohn, das eiserne Kreuz für seine schöne Opferfreudigkeit.




[888] Ein norddeutscher Consul. Wir erhalten von Pest nachfolgende Zuschrift eines dortigen angesehenen Buchhändlers:

Die Gartenlaube fordert in jeder Nummer dringend zur Sammlung von Beiträgen für die Verwundeten auf. Die nachfolgende Notiz möge der Redaction beweisen, auf welche Weise der norddeutsche Consul hier das Bestreben, dieser Aufforderung gerecht zu werden, in Ungarn unterstützt. Der „Pesti Napló“ schreibt nämlich:

„Die Sammlung für die Verwundeten der beiden kriegführenden Mächte, welche der ‚Kronprinz Rudolf-Verein‘ einleitete, hat binnen zwei Wochen 1400 fl. erzielt. Das Sammlungscomité theilte diese Summe in zwei gleiche Theile, und bat einerseits den französischen Consul, Gr. Castellano, andererseits den preußischen Consul, Herrn Wäcker-Gotter[WS 2], einen Tag zu bestimmen, an welchem das Comité wegen Uebergabe des Geldes seine Aufwartung machen könne. Gr. Castellano antwortete sogleich und sagte, als er das Geld in Empfang nahm, er sehe in dem Resultat der Sammlung eine Kundgebung der erfreulichen Sympathle, welche seit langer Zeit zwischen der ungarischen und der französischen Nation besteht. Vom norddeutschen Consulat hingegen erhielt das Comité die Antwort, es möge sich nicht bemühen, Geld zu sammeln und zu übergeben, denn die deutsche Nation sorge schon selbst für ihre Verwundeten.“

Das genannte Blatt fügt dieser Mittheilung bei, daß es die Würdigung solcher höflichen Antwort dem gebildeten Publicum überläßt. Sie aber dürfen Ungarn nicht verantwortlich machen, wenn dann die herzlich gebotenen Liebesgaben eine andere Route als nach Deutschland einschlagen.




Christbescheerung für die armen Kinder des Krieges. Der Erfolg der „großen Bitte an alle deutschen Kinder“ von Friedrich Hofmann in Nr. 47 der Gartenlaube ist in den wenigen Tagen, die derselben so nahe vor dem Feste zu wirken vergönnt war, ein wahrhaft überraschender. Heute (am 16. December) sind in 240 Sendungen 1445 Thaler eingegangen; darunter befinden sich viele Gaben, welche in Kreuzern und Pfennigen in kleinen Dorfschulen zusammengebracht wurden, aber auch Sendungen aus London, Antwerpen, Kopenhagen, Riga, Pest, Neapel, Rotterdam, Lemberg, Cormeilles bei Paris und Virangós. Nicht weniger reich ist die Waarenzufuhr gewesen. In achtundfünfzig Sendungen, von der stattlichen mit Eisen beschlagenen Centnerkiste bis zum grauen Löschpapierpaketchen, mit einem Zwirnsfaden umwickelt, in Schachteln, Säcken und Körben, in Pappe und Leinwand flogen die Christgeschenke von fern und nah in die Gartenlaube herein. Wir wünschten, alle die lieben Geber aus unserm Leserkreise könnten jetzt einen Blick in eines unserer Redactionszimmer werfen, in welchem unser Bescheerungsbesorger an seinem Pulte mitten in den ausgepackten Herrlichkeiten steht. Alle die breiten Fensterbretter, alle Stühle und Tische liegen und stehen voll; da ragen Säulen von Holzschachteln auf, denen man den Inhalt, Schafheerden, Küchengeschirr, Bleisoldaten, Kegelspiele etc. sogleich ansieht; dort neben dem Schreibzeuge paradiren Dutzende eingeschirrter Rosse und daneben neigt zur Krippe sich ein Mauleselein; aus großen runden Paketen sieht Tuch und Leinwand ernsthaft heraus, daneben die bunten Wollenwaaren der Strümpfe und Kopftücher, Handschuhe und Seelenwärmer; da steht ein ganz heiteres Kistchen, Thüringer Kinder in Ilmenau haben’s gefüllt und auf jede Gabe ihre Namen und neckische oder auch sehr ernsthafte Verschen geschrieben, in denen Alle grüßend die Händchen nach den neuen kleinen Brüdern und Schwestern in Elsaß-Lothringen ausstrecken. Dicke Säcke lehnen an der Wand, voll warmer Kleider aller Art, aber doch guckt überall zwischen den Hemden und Röcken bald ein Bilderbuch, bald eine Puppe heraus. Die ganz großen Kisten von Olbernhau, Sonneberg, Scheibe, Nürnberg, Hildburghausen, Neustadt bei Koburg und vor allen die von Magdeburg stehen in einem Nebenzimmer, und wenn die erst die Deckel aufthun, was kommt da Alles zum Vorschein! Da melden sich zweihundertsechszig schöngekleidete Puppen und dort Dutzende von Weihnachtsmännchen und Hunderte von goldenen und silbernen Glasfrüchten für den Christbaum; da finden wir das ganze Thierreich von Papiermaché und dort Gelegenheit zur stärksten Kinderkapelle in Instrumenten aller Art; dort präsentiren sich in Dutzendpaketen Porcellanpuppenköpfe und Körper zu Hunderten etc. Kurz, das Redactionszimmer ist in die schönste Christmarktbude verwandelt. Wir dürfen aber jetzt diese Bescheerungslust nicht zu lange vorgenießen, die Gaben müssen fort, wohin der Wunsch der Kinder und Alten sie bestimmt hat. Eine ausführlichere Quittung bringen wir, sobald die ganze Bescheerung fertig, folglich die Sammlung geschlossen ist.



Kleiner Briefkasten.

G. Lr. in D. Allerdings hat unser Feldmaler W. Heine auch dem blutigen Kampfe um Villiers am 2. December unmittelbar beigewohnt und ist dabei wiederholt im Feuer gewesen. Er hat uns bereits eine vortreffliche Illustration davon geschickt und schreibt, indem er einen ausführlicheren Text noch zusagt, einstweilen: „Die Lebenswahrheit dürfen Sie meinem Bilde ,Im Granatfeuer' nicht absprechen. Fünfundzwanzig, dreißig Granaten – nicht im Geringsten übertrieben – schlugen neben, vor und hinter mir ein. Das Blut stockte mir für einige Augenblicke in den Adern. Dieser Tag war mir das Schrecklichste, was ich im Laufe des Krieges erlebt habe, und, wie Sie wissen, bin ich doch überall vornedran gewesen und habe Alles aus erster Hand mitangesehen und durchgemacht.“

N. in Stbg. Also auch Sie und obendrein eine ganze große Gesellschaft Ihres Städtchens, haben sich dupiren lassen! Wie war das möglich, nachdem bereits einige größere Zeitungen den Sachverhalt aufgedeckt hatten? Füsilier Kutschke krauchte bereits 1813 im Busche herum, und die Berliner Kreuzzeitung war es, die sich das Verdienst erwarb, das originelle Poem aus dem Schutte der Kriegsliteratur von Anno 13 herauszufinden und in die Oeffentlichkeit zu schleudern. Seitdem kraucht der Füsilier in den Köpfen, Broschüren und Blättern Deutschlands munter weiter.

M. in Meißen. Mit letzter Woche ist der dritte Nachdruck des Kriegsquartals beendet und stehen nun wieder complete Exemplare des Jahrgangs zu Diensten.



Fur die Verwundeten und die Frauen, Wittwen und Kinder unserer unbemittelten Wehrleute

gingen ferner ein: Von einem vielgeprüften deutschen Manne in Irkutsk in Sibirien 5 Rubel; G. H. in Dresden 5 Thlr.; vierzehnte und fünfzehnte Wochensammlung der Klinkhardt’schen Buchdruckerei 9 Thlr. 9 Ngr.; auf einer Hochzeit gesammelt von Lehrer Hügemey in Eggerscheidt 4 Thlr 1½ Ngr.; die fünf Geschwister Kinderlen verzichten auf die Hälfte ihrer Weihnachtsgaben zum Besten der Waisen deutscher Krieger mit 20 Thlr.; musikalischer Verein zu Neuhaus und Schmalenbucha 12 Thlr. 17 Ngr.; Ertrag einer Abendunterhaltung der Gesellschaft Germania in Ichtershausen 5 Thlr.; ungenannt aus Kirchheim a. Eck 4 Thlr. 8 Pf.; zweiter Beitrag des Vereins junger Kaufleute in Buchholz 6 Thlr.; Sammlung unter Russen und Deutschen im Gouvernement Kursk, Kreis Novii-Oskoll, durch C. E. G. 75 Rubel (herzlichen Dank für die freundlichen Beweise Ihrer Anhänglichkeit); Turnverein in Randegg (Baden) 4 Thlr. u. 4 fl. rhein.; zweite Sendung des patriotischen Jungfrauenvereins in Bleicherode 1 Thlr.; W. 15 Ngr.; achtzehnter und neunzehnter Wochenbeitrag der Officin von Schelter und Giesecke 52 Thlr. 22 Ngr.; Seifert in Zschopau 5 Thlr.; Hugo Sattler in Milwaukee 14 Thlr.; gesammelt in fröhlicher Gesellschaft nach Expedition der tausendsten Sendung an Steiger in Newyork 2 Thlr.; Gesangverein Luscinia in Leipzig 2 Thlr. 8½ Ngr.; aus Raschau 4 Thlr.; Geschenk des Rittergutspächters Wetzig in Börmichen und seiner Arbeiter, durch Abstellung des Erntefestes 30 Thlr.; Sammlung durch Fauchius 1 Thlr.; Frau E. M. in Moskan 5 Thlr.; beim Stiftungsfeste des Gesangvereins in Herbsleben 6 Thlr. 3 Ngr.; A. F. aus G. 5 Thlr.; von einer deutschen Familie in Wologda (Rußland) 10 Rubel; Sammlung der Deutschen in Columbus, Missouri 121 Thlr.; Ergebniß einer Theatervorstellung des Turnvereins in Mayville (Wisconsin) 89 Thlr.; Erlös für ein werthloses Buch, versteigert im Clublocal der Germania in Brooklyn 5 Thlr. 23 Ngr.; vierter monatlicher Beitrag von Alexander Wiede 20 Thlr.; vierter Beitrag der Redaction der Gartenlaube 100 Thlr.


Aus Oesterreich gingen wiederum ein: Rahm in Mautern 5 fl.; von einer deutschen Whistpartie in Pest 12 fl.; Rest einer größeren Sammlung für nationale Zwecke in Prag 9 fl.; A. U. in Pn. (Ungarn) 10 fl.; A. v. Sachs in Ujnep (Ungarn) 10 fl.; F. u. M. C. in Prag 2 fl.; von einem

deutschen Mädchen in Prag 2 fl.; erste Rate einer von der akademischen Burschenschaft Freya in Wien eingeleiteten Subscription 30 fl.; L. A. in N. (Ungarn) 5 fl.; aus Temesvar von H. Szeszter 10 fl.; Fr. Reiber 5 fl.; J. Stehmann 5 fl.; G. Gonetz 3 fl. u. J. Riedel 2 fl.; Senator Henrich in Hermannstadt 1 Napoleond’or und Andr. Henning in Kerz 1 Thlr. 8¾ Ngr.; Weißbäckermeister Carl Engber, sammt Gattin und Familie in Hermannstadt 150 fl.
Die Redaction. 

Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das vierte Quartal und der achtzehnte Jahrgang unserer Zeitschrift. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das erste Quartal des neuen (neunzehnten) Jahrgangs schleunigst aufgeben zu wollen.


Wir beginnen den nächsten Jahrgang mit der vortrefflichen zeitgeschichtlichen Novelle: Pulver und Gold. Den Mittheilungen eines Officiers nacherzählt von Levin Schücking, und lassen alsdann eine höchst spannende dem altbaierischen Leben entnommene Erzählung von Herman Schmid: Die Zuwider-Wurzen folgen. Außerdem haben wir für den novellistischen Theil unseres Blattes den schon längst angekündigten Roman von E. Marlitt mit Bestimmtheit zu erwarten, während auch C. Werner, der Verfasser der heute zum Abschluß kommenden Erzählung: „Hermann“ bereits wieder mit einer Arbeit für uns beschäftigt ist.

Daß unsere durch so große Reichhaltigkeit ausgezeichneten Mittheilungen vom Kriegsschauplatze auch im neuen Jahrgange den Beifall unserer Leser haben werden, dafür bürgt die Tüchtigkeit unserer Mitarbeiter, von welchen wir nur die Maler Christian Sell, Fr. Wilh. Heine und Fritz Schulz, sowie die Schriftsteller Dr. Georg Horn, O. von Corvin und Ludwig Pietsch nennen. Dieselben befinden sich sämmtlich bei den Hauptquartieren der verschiedenen deutschen Armeen und sind somit auch fernerhin in der Lage, die Leser der Gartenlaube über die wechselnden Vorgänge des Krieges durch authentische, nicht zu Hause gefertigte Illustrationen und Schilderungen rasch und anschaulich zu unterrichten.

Leipzig, im December 1870. Redaction und Verlagshandlung.  

Titel und Register zum Jahrgang 1870 werden den Abonnenten nächste Woche zugestellt.

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. - Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Wir verdanken die obigen Mittheilungen einem Freunde unseres Blattes, dessen Neffe den Kampf am Bord des „Meteor“ mitgemacht hat, und bringen den Brief des jungen Seemannes wörtlich zum Abdruck. D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Harrstehude
  2. Ludwig von Wäcker-Gotter, Vorlage: Weker-Gotter