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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1868
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 41.   1868.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.
Wöchentlich bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Süden und Norden.
Eine baierische Dorfgeschichte von 1866.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Die Funkenhauserin machte sich emsig am Heerde zu schaffen, Frau Schulze hatte sich auf den Rand desselben gesetzt, Günther und Ambros saßen einander gegenüber auf den Bänken der Hütte. Ohne es zu zeigen, beobachteten sie einander, und Keiner verließ die Stube, weil Jeder sicher war, daß der Andere schnell einen Vorwand finden würde, ihm zu folgen.

„Weil wir gerade Zeit haben,“ sagte Frau Schulze, indem sie ein Blatt aus der Tasche zog, „muß man doch ein wenig umsehen, was in der Welt draußen geschieht. Ich habe darum meine Zeitung mitgenommen. Es ist eben eine schwere, bedenkliche Zeit.“

„Ja wohl,“ rief die Bäuerin. „Drum ist mir’s auch am liebsten, wenn ich von gar nix hör’, und ich bin oft froh, daß ich so einsam auf mein’ Hof leben kann und oft Wochen lang nix erfahr’, was in der Welt g’schieht.“

„Es ist allerdings angenehm,“ sagte Günther, „unter sich so recht behaglich und zufrieden beisammen leben zu können, und es ist ein erklärlicher Wunsch, Alles fern zu halten, was ein solches Glück stören könnte; allein da wir uns doch einmal nicht unter eine Glasglocke setzen und von der Luft absperren können, müssen wir wohl oder übel auch das mitnehmen, was eben in der Luft der Zeit liegt. Wie steht’s mit den politischen Angelegenheiten, Mutter? Ist schon eine Entscheidung getroffen?“

Frau Schulze hatte einen raschen Blick in das Blatt geworfen, dann ließ sie es mit einem Ausruf schmerzlicher Ueberraschung wieder sinken. „O mein Gott!“ sagte sie, „es ist also wirklich wahr!“

„Was denn?“ riefen Alle miteinander.

„Der Bundestag in Frankfurt hat beschlossen, daß die Bundesfürsten rüsten sollen, Preußen ist darauf aus dem Bunde ausgetreten und hat ihn für aufgelöst erklärt.“

„Allerdings schlimme Nachrichten,“ sagte Günther ernst. „Das heißt mit Einem Worte: der Krieg ist erklärt.“

„Leider,“ rief Frau Schulze, „und er hat auch bereits begonnen. Die Preußen sind schon am Tage darauf in Sachsen und Kurhessen eingerückt.“

„Was,“ sagte Ambros, „so ohne Weiter’s? Und was haben denn die Sachsen und Hessen gethan?“

„Nichts,“ erwiderte Frau Schulze. „Sie waren überall unvorbereitet. Die Preußen sind in Dresden ohne Schwertstreich eingezogen; in Cassel haben sie den Kurfürsten gefangen genommen und mit sich weggeführt.“

„Und kein Mensch hat sich entgegengestellt?“ rief Ambros wieder. „Kein Mensch hat sich gewehrt? Sie haben sich das ruhig g’fallen lassen?“

„Um Gotteswillen!“ rief jetzt die Funkenhauserin, welcher der Kochlöffel entfallen war, und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. „Also soll’s wirklich Krieg geben, und der Krieg könnt’ am End’ wohl gar auch bis zu uns nach Baiern kommen, und da könnten die Preußen als Feind’ zu uns kommen?“

„Das ist leider nicht unmöglich,“ sagte Günther. „Bis jetzt steht Baiern bei den Gegnern von Preußen.“

„Mein Gott, mein Gott!“ jammerte die Bäuerin wieder, „was soll denn daraus werden? Das kann ja doch net sein! Der liebe Gott wird doch ein Einsehen haben, daß er uns vor solchem Unglück bewahrt!“

„Ho,“ rief Ambros, „deswegen braucht die Frau Bas’ die Courag’ net so g’schwind zu verlieren! Es is schon was gut dafür, daß die Preußen net zu uns kommen.“

„Nun, und was denn?“ fragte Günther gespannt.

„Unsere Fäust’, Herr Günther,“ entgegnete Ambros, indem er aufstand und mit nicht zu mißkennender Geberde seine kräftigen Arme streckte.

Günther zuckte die Achseln. „Es wäre schlimm, wenn es zum Widerstande käme. Ich weiß zu gut, wie vollständig und ausgezeichnet wir in jeder Beziehung gerüstet sind; der Erfolg wird zeigen, daß wir die Uebermacht haben. Was können da Staaten ausrichten, welche im Verhältniß um so viel kleiner und machtloser sind? Man wird gut thun, es sich zwei Mal zu überlegen, ehe man es zum Widerstande kommen läßt. Diese vielen kleinen Staaten haben von jeher zu nichts Gutem geführt, und das Volk befindet sich am besten, je größer das Land ist, zu dem es gehört. Was liegt auch am Ende daran, ob zu dem Weiß in Euerer Farbe Schwarz zu stehen kommt oder Blau? Es kommt am Ende auf Eins heraus.“

„Das versteh’ ich net so genau, Herr Günther,“ sagte Ambros etwas derb; „aber das weiß ich, daß wir Baiern uns unser Weiß und Blau net nehmen lassen, und daß es uns auch kein Mensch nehmen kann. Schauen S’ hinauf auf ’n Himmel! Der tragt unsere Farben. Nehmen Sie s’ ’runter, wenn Sie können!“

„Hm,“ entgegnete Günther ebenfalls etwas gereizt, „das ist eine Redensart, ein recht hübscher Einfall, der Dir alle Ehre macht, wenn Du ihn vielleicht in einem Deiner Schnaderhüpfeln [642] anbringst. Aber damit werdet Ihr die schwarz-weiße Farbe, wenn sie vorrücken will, nicht aufhalten.“

„Na, na,“ rief die Funkenhauserin dazwischen. „Ihr werdet Euch doch nicht wegen dessen ereifern unter einander! Noch lebt der alte Gott; der wird’s schon recht machen, wenn wir nur fleißig zu ihm beten.“

„Beten, liebe Frau?“ sagte Frau Schulze. „Das Beten ist wohl recht und gut; aber hier wird es wohl nicht viel nützen. Mir scheint, hier ist das beste Gebet: ‚Hilf Dir selbst, dann wird Dir auch Gott helfen!‘“

„Nicht doch, Frau Schulze,“ sagte die Bäuerin kopfschüttelnd. „So was müssen S’ net sagen! Das Beten hilft alle Mal, und ein recht kräftig’s Gebet hat unser Herrgott noch alle Mal erhört. Denken S’ an das Bildstöckel beim großen Kirschbaum im Wald!“

„Aber liebe Frau!“ sagte Frau Schulze, ihr Lächeln nicht mehr zurückhaltend. „Ich habe vorhin geschwiegen; aber Ihr werdet doch solche Märchen nicht im Ernste glauben?“

„Nicht?“ sagte die Bäuerin in unverhehltem Staunen. „Nach meinem heiligen Glauben halt’ ich das für wahr – wenn ich bet’, dann glaub’ ich auch und spür’s inwendig, daß mein Beten was helfen muß, und wenn Sie net so beten können nach Ihrem Glauben, Frau Schulze, nachher thut’s mir leid um Ihnen – da möcht’ ich wahrhaftig net tauschen mit Ihnen.“

„Und ich sag’,“ rief Ambros dazwischen, „die Frau Schulze hat Recht. Selber muß man sich helfen. Es ist noch Keiner verlassen g’wesen, der sich selber g’holfen hat, und wenn’s überall fehlt, nachher kommen wir Oberländer und ziehen wieder auf die Münchner Stadt hinein – wir haben’s ihna schon amal ’zeigt, was wir können – selbiges Mal bei der Mordweihnacht in Sendling.“

„Wir erhitzen uns umsonst,“ sagte Günther. „Das ist immerhin eine schöne, aber auch traurige Erinnerung für Euch – damals war das Volk unter allerlei Vorwänden für Privatzwecke aufgereizt und wurde herausgelockt und dann schmachvoll im Stiche gelassen.“

„Wir haben’s aber doch durchg’setzt und haben unser Land b’halten und unsern Landesherrn,“ rief Ambros.

„Wie man’s nimmt. Wenn Frankreich nicht gewesen wäre, möchte es mit Beiden übel bestellt gewesen sein, und wie war es denn später? Als der österreichische Adler seine Krallen nach Eurem Lande ausstreckte, wer war’s denn, der ihm wehrte und noch als Greis seinen Degen in die Wagschale warf, wer sonst, als unser großer Friedrich der Einzige? Daß noch ein Baiern existirt, habt Ihr Niemandem zu verdanken, als Preußen, und es ist schlimm, wenn ein Fremder die Geschichte Eures Landes besser kennt, als Ihr selbst in Eurer kleinlichen, engherzigen Anschauung.“

Während der letzten Reden war Tonerl, welche bis dahin im Stalle beschäftigt gewesen war, eingetreten und hatte zugehört; sie schwieg – aber immer heißer stieg es ihr in’s Gesicht, und immer lebhafter begannen ihre Augen zu funkeln. Jetzt vermochte sie nicht mehr, an sich zu halten. „Nein,“ rief sie dazwischentretend, „der Ambros hat Recht. Nicht er – aber wer so reden kann, wie Sie, dem ist es eng und muß es eng sein um das Herz.“

„Toni!“ rief Günther erstaunt.

„Ist’s etwa net wahr?“ fuhr sie feurig fort. „Es red’t Ihnen kein Mensch ’was ein, wenn Sie Ihr Preußenland gern haben, und wenn Sie’s so schön machen, wie Sie nur wollen – es ist Ihre Heimath, und die Heimath ist wie ein Schatz, für den man sein Leben hergiebt, und Jedem kommt sein Schatz als der schönste vor. Aber einen Anderen muß er deswegen net auf’s Herz treten, Herr! Das ist kein richtiger Bue, der sein’ Schatz schlecht machen laßt oder gar auslachen.“

„Aber mein Gott,“ rief Günther, „wer redet denn davon?“

„Sie,“ rief das Mädchen immer heftiger, „Sie reden davon! Freilich net so g’rad heraus, wie’s bei uns der Brauch ist, aber in der versteckten Weis’, die noch viel weher thut! Probiren Sie’s einmal, kommen S’ mit Ihre Preußen und holen S’ uns unseren König fort, wenn S’ ’was erleben wollen! Und wenn unsere Bueb’n Lettfeiger wären und blieben daheim, nachher giebt’s noch Madeln g’nug, die auch umgehen können mit einem Stutzen!“

„Ah, das geht denn doch zu weit,“ sagte Günther lachend. „Ein weibliches Schützencorps! Du gingst wohl am Ende selber mit, Toni? Nun, ich denke, Ihr würdet Euch wohl besinnen, was Ihr thut! Und wenn ich nun unter den Feinden stände, würdest Du auch den Stutzen nehmen und mich niederschießen?“

„Jeden,“ rief Tonerl mit flammenden Augen, „und wenn er mir noch so fest an’s Herz g’wachsen wär’! Uns ist es net gleich, Herr, ob wir bei unserem Weiß das Schwarze haben oder das Blaue. Ich hab’s Ihnen schon g’sagt: das Schwarz, das ist die Feindschaft und der Haß; das Blau aber ist die Treu’ und die B’ständigkeit. Wer aber so denkt, wie Sie, der ist falsch! Der meint’s net ehrlich mit uns, und wenn er uns no’ so schön thut.“

Mitten in der höchsten Erregung brach ihr die Stimme, und mit einem Strome nicht mehr zurückzuhaltender Thränen stürzte sie aus der Hütte. Lautloses Schweigen waltete einen Augenblick.

„Ich glaub, es ist eine Kuh los ’worden im Stall,“ sagte die Bäuerin nach einer beklommenen Pause, obwohl sich nicht ein Lant geregt hatte. „Muß doch nachschauen, was es ist.“

Ambros folgte ihr; die Fremden waren allein. Das Essen blieb unberührt, und der würzige Kaffee duftete vergebens einladend vom Heerde her. Nach wenig Augenblicken brachen die Gäste auf und kehrten verstimmt und stumm nach dem Hofe zurück. Noch am Abend sandten sie einen Boten in’s Dorf und bereiteten Alles zur Abreise. Es waren Briefe angekommen, darunter auch für Günther der Befehl, sich beim Heere einzufinden.

Am andern Morgen waren sie beim frühesten Tagesgrauen geräuschlos und ohne Abschied verschwunden. Leute aus dem Dorfe waren gekommen, ihr Gepäck fortzubringen. Als die Funkenhauserin und Tonerl in die Stube traten, lag ein Päckchen Geld auf dem Tische; es war die Miethe für den bedungenen Sommeraufenthalt. „Ambros!“ rief die Bäuerin dem eben Vorübergehenden zu; „da nimm das Geld und trag’s in’s Dorf hinunter zum Herrn Cooperator! Er soll’s an die Armen vertheilen, ich will nichts wissen davon.“

Als sie sich wandte, gewahrte sie erst ihre Tochter, die wie versteinert dastand und sich ihr, mit einem Male laut aufschluchzend, um den Hals warf. „Steht’s so mit Dir, armer Narr?“ sagte sie ergriffen. „So hab’ ich halt doch Recht g’habt? Am End’ wär’s doch besser g’wesen, wenn die Fremden draußen geblieben wären aus unserem Haus und aus unserem Land. – Was net z’sammen g’hört, thut halt net gut beieinander!“




3. Bei Kissingen.

Der Juli-Abend ging trüb zu Ende. Es war, als schwebte über ihm ein unheimliches Vorgefühl dessen, was der folgende Morgen zu bringen bestimmt war: nur ganz zuletzt brach die Sonne durch das Gewölk und warf einen scheidenden Gluthblick auf das friedliche Thal, daß die Waldsäume der Hügel, die es umschlossen, sich rötheten und der Fluß aufleuchtete wie in blutigem Widerschein. Rascher strömten seine Wellen dahin, als eilten sie, um nicht sehen zu müssen, wie sehr das anmuthige Bild sich verändert hatte, das sie sonst den lieblich umbuschten Ufern gewohnt waren zurückzuspiegeln. Wo sonst die zahlreichen Gäste des Städtchens sich lustwandelnd ergingen, die aus allen Theilen der Welt herbeigeströmt, um an den Gesundbrunnen Heilung ihrer Leiden zu suchen oder doch sie auf einige angenehme Wochen minder schwer zu empfinden – da blitzten jetzt Waffen und leuchteten die bunt einförmigen Kleider kriegerischer Abtheilungen durch das Gesträuch; statt des sprachverwirrten Geplauders einer schönen Gesellschaft ließ sich ein wildes Durcheinander rufender Commandostimmen vernehmen, und die Klänge lustiger Musik waren verstummt vor den Lärmzeichen der Trommeln und Signalhörner, welche um die Wette wirbelten und schmetterten.

Schon im Laufe des Nachmittags hatte der entfernte Donner der Geschütze die Nachricht bestätigt, daß die Preußen mit einer starken Heeresabtheilung gegen die Saale vorgingen, um die Vereinigung der bairischen Armee mit dem achten Bundescorps zu verhindern, und daß es den Anschein habe, als sei Kissingen gewissermaßen zum Mittelpunkte des Angriffes ausersehen und dazu bestimmt, den Hauptstoß desselben auszuhalten. Auf einer Anhöhe hinter der Stadt waren daher schon Geschütze zu ihrem Empfang aufgefahren, die Stadt selbst nebst allen umliegenden Anhöhen war besetzt und alle Wege, auf welchen eine Ueberschreitung des Stromes möglich war, in Eile unzugänglich gemacht. Die Uebergänge [643] und Stege waren abgeworfen, die große steinerne Brücke aber in der Mitte durch ein Bollwerk abgeschlossen, hinter welchem in einiger Entfernung dunkle Geschützmündungen gähnten, bereit, den andrängenden Feinden das Verderben entgegenzuschleudern.

Die Vorbereitungen waren beinahe vollständig getroffen. Truppweise hatten die Soldaten am Ufer dahin in den Gärten, unter den Arcaden der Curgebäude und in den Büschen an der Saale entlang sich aufgestellt und waren geschäftig, sich für die Nacht einzurichten; denn da die Ankunft der Preußen jeden Augenblick erwartet werden durfte, wurde nicht mehr in die Quartiere zurückgekehrt, sondern befohlen, sie im Bivouac zu erwarten. Es war abgekocht und die Abendmahlzeit rasch beendigt; wie allmählich die Finsterniß immer tiefer und tiefer hereinbrach, wurden hie und da erlöschende Feuer sichtbar, die wie unheimliche Wächteraugen aus dem Dunkel hervorglotzten.

Bald lastete, wie vor dem Ausbruche des Gewitters, über dem ganzen Thalgrunde schwüles, düsteres Schweigen, nur von dem eintönigen Ruf der Wachen und der verhallenden Antwort wie von fernem Rollen des Donners unterbrochen.

Bei einer Abtheilung baierischer Jäger, welche etwas weiter stromabwärts an einem Grasabhang gelagert war, ging es dagegen noch ziemlich laut und fröhlich her. Die Aufstellung war unweit einer Mühle genommen, und durch Gebüsch und die Kronen einiger Lindenbäume so ziemlich gedeckt, falls die immer trüber werdende Nacht ihre Drohung verwirklichen und sich in Regen entladen sollte. Die kurzen Stutzen mit den dunkel angelaufenen Haubajonneten und dem schwarzen Riemenwerk waren in Pyramiden zusammengelehnt; daneben saß die Mannschaft auf ihren Tornistern, im Kreise gereiht, in dessen Mitte ein mattes Feuer zu Kohlen herabgeglommen war. Frühreife Kartoffeln, von einem der nächsten Felder geholt, brieten an der Gluth und schienen eine Art Nachtisch bilden zu sollen, während Einer der Jäger mit so lauter Stimme vorsang, als steckte er noch in der Bergjoppe und nicht in dem blauen, grüneingefaßten Rocke, als säße statt des Helms noch der leichte, grüne Jägerhut mit Feder und Gemsbart auf seinem Kraushaar. Obwohl er durch den Anzug etwas verändert aussah, hätte doch, wer ihn etwa aufgesucht, in dem Burschen Ambros wiedererkannt, wäre es auch nur an der hastigen Gelenkigkeit gewesen, mit welcher er von Zeit zu Zeit in den Zwischenräumen des Gesanges den Abhang hinanlief, um bei den nächsten Posten nachzufragen, ob keine neue Meldung gekommen, oder auf den Wunsch der Cameraden unter den unfern liegenden zerstreuten Häusern der Vorstadt ein Wirthshaus auszufinden und einen ersehnten Labetrunk herbeizuschaffen; es schien, als sei es ihm unmöglich, lange an einem Orte, in derselben Stellung und bei der gleichen Beschäftigung auszuhalten, wie Einem, der eine wichtige Wendung seiner Geschicke erwartet, und ihr, wenn auch nicht eben freudig, doch mit Spannung entgegensieht, weil er von ihr die Lösung eines Geheimnisses hofft und das Aufhören eines unerträglich gewordenen Zustandes erwartet.

Eben war er wieder an seinen Platz zurückgekehrt, und für einen Augenblick hatte sich tiefes Schweigen auf die Versammelten herabgelassen; sie waren in allerlei Gedanken vertieft, und wie es bei einer Truppe die noch nie im Feuer gewesen, wohl erklärlich ist, mochten die Meisten, Jeder nach seiner Weise, es überdenken, daß sie am Vorabend des Tages standen, an welchem sie zum ersten Male einem ernsten Kampfe mit allen seinen möglichen Folgen entgegengehen sollten. Es waren meist Bauernbursche, welche das Loos unter die Fahne gerufen hatte, darunter ein paar Handwerker, Bürgerssöhne aus kleineren Städten, welche mit schwerem Herzen ihr Gewerbe zurückgelassen hatten, weil sie nicht im Stande waren sich einen Ersatzmann zu kaufen. Etwas seitwärts saß eine feinere, schlanke Gestalt, deren Haltung und Aussehen den von seinem Arbeitstisch weggerissenen Studenten vermuthen ließ. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und summte eine alte Volksweise vor sich hin zu den Worten des bekannten Reiterliedes:

„Morgenroth, Morgenroth,
Leuchtest mir zum frühen Tod!“

„Das ist ein trauriger Gesang für einen Soldaten,“ unterbrach ihn Ambros. „Das lautet ja, als ob’s schon zum Eingraben ging’,“ und mit frischer, wenn auch etwas gedämpfter Stimme begann er eines seiner heimathlichen Lieder zu singen, daß die Cameraden, aus ihren düsteren Gedanken aufgeweckt, sich bald ihm zuwendeten und in den am Schlusse immer wiederkehrenden Jodler einstimmten. Ambros sang:

„Jetz steck’ ich drei Federn
Verkehrt auf’n Huet,
Und den möcht’ ich seg’n,
Der mir’s ’ra’nehma thuet!

Jetz werd’ ich mir kaffa
An Ring und a Büchs,
Der Ring gehört zum Raffa (Raufen),
Zum Schießen die Büchs!

Die Büchs trifft in d’ Fern,
In der Nähet der Ring –
Kommt’s her, wer a Schneid hat!
Mir is’s fredi (gleichwohl) ein Ding.“

Ueber dem Singen und der allgemeinen Lustigkeit hatten die Bursche nicht gewahrt, daß, durch die laute Unterhaltung herbeigezogen, der Oberjäger herangetreten war. Es war ein älterer, schon etwas beleibter Mann, der in den langen Friedensjahren sich in Ehren die wollenen Borten auf dem Kragen erworben hatte und der Vater und Liebling der ganzen Compagnie war. „Recht so, Cameraden,“ sagte er, „das ist die Art, die sich für richtige baierische Soldaten schickt, wenn sie dem Kampfe entgegengehen! Ein fröhliches Lied macht ein fröhliches Herz – da werdet Ihr morgen auch gutes Muthes sein, wenn’s in’s Feuer geht.“

„Ho, warum sollten wir nit?“ rief Ambros lachend. „Ich meinestheils, ich kann’s kaum erwarten, bis’s zum Dreinschlagen kommt.“

„Nun,“ sagte der Oberjäger, „ich bin schon meine fünfzehn Jahre Soldat und werde mich gewiß nicht schlecht finden lassen und meinen Mann stehen – deswegen aber könnt’ ich doch nicht sagen, daß ich mich auf das Dreinschlagen freute. Du bildest Dir wohl ein, eine Schlacht sei als wie eine Rauferei bei Dir daheim auf der Kirchweihe?“

„Sei’s wie immer,“ sagte der ehemalige Student; „es ist traurig genug, daß es so weit hat kommen müssen, und daß wir Deutsche nun Deutschen als Feinde gegenüberstehen.“

„Deutsche?“ rief Ambros. „Ich hab’ mir sagen lassen, die Preußen sollen gar keine richtigen Deutschen sein, und wenn sie’s auch wären, ich kann sie einmal nit leiden und ich freu’ mich drauf, wenn wir einmal an’s Abraiten (Abrechnen) kommen.“

„Ho, ho,“ fragte der Student lachend, „was haben die Preußen wohl Dir so Besonderes zu Leide gethan?“

„Mir?“ fragte Ambros, und es ward ihm wieder heiß um den Kopf. „Ist’s etwa nit g’nug, was sie uns Allen miteinander anthua? Ist’s nit g’nug, daß sie uns so in’s Land fallen und unsern König zwingen wollen, daß er thun soll, wie sie’s haben wollen – blos deswegen, weil sie sich für die Stärkern halten? Ich mein’, das thät’ schon langen, daß wir sie mit blutige Köpf’ heimschicken! Aber ich hab’ auch für mich selber was auszumachen mit ihnen. Ich bin d’rum und d’ran gewesen, mich auf einem prächtinga Hof hinzusetzen und ein reicher, richtiger Bauer zu werden. Aber ich hab’ Alles hinten g’lassen und bin freiwillig zu’gangen und als Ersatzmann eing’standen für an Andern, nur daß ich meine Rechnung gleich machen kann.“

„Nun, und was haben sie Dir denn gethan?“ fragte der Student wieder.

„Das kann ich kein’ Menschen sagen,“ erwiderte Ambros trotzig nach einigem Besinnen. „Aber ich spür’s inwendig in mir, und werd’s gespüren, so lang mir das Herz nit still steht … Es geht auch sonst kein’ Menschen was an, als mich selber!“

„Je nun,“ begann der Student, „wer weiß auch, ob es morgen wirklich zum Kampfe kommt? Ein so berühmtes, von allen Nationen besuchtes Bad wie Kissingen gehört zu den neutralen Orten, welche im Kriege gewöhnlich verschont bleiben. Ich meine auch, gehört zu haben, als sei zwischen Oesterreich und Preußen hierüber ein eigener Vertrag abgeschlossen worden. So kann es wohl geschehen, daß es bei der bloßen Aufstellung bleibt und der Kampf auf anderen Punkten sich entwickelt.“

„Wär’ mir nit lieb,“ rief Ambros. „Am liebsten möcht’ ich auf der steinernen Brucken hinter dem Verhau steh’n, damit ich gleich Einer von die Ersten wär’, die mit denen Preußen zu thun kriegen.“

„Es scheint, Dich juckt das Fell gehörig,“ rief der Oberjäger. „Aber sorge nicht, daß wir nicht auch vollauf zu thun bekommen! Ich denke, wenn die Preußen über den Fluß wollen, werden sie [644] es eben nicht bloß bei der Brücke versuchen, herüber zu kommen, sondern überall, wo’s eben angeht.“

„Nun, an mir soll’s nicht fehlen,“ sagte Ambros. „Aber dann muß ich mich wundern, daß an dem Steg, den wir da unten bei der Mühl’ seh’n, bloß die Bretter und Balken weggenommen sind und daß man die Joch’ und sogar die Geländer steh’n gelassen hat!“

„Du überkluger Bursch’,“ entgegnete der Oberjäger, „hüte Deine Zunge und überlasse diese Anordnungen Leuten, die das besser verstehen. Das Räsonniren schickt sich nicht für einen Soldaten.“

„Räsonniren!“ sagte Ambros. „Das thu’ ich ja nit. Ich bild’ mir nur ein, wenn über dem Wasser da drüben mein Schatz wär’ und thät auf mich warten – ob ich mich wohl viel d’rum kümmern thät und aufhalten ließ dadurch, daß die Bretter auf der Brucken fehlen!“

„Ja,“ sagte der Oberjäger spöttisch, „in Deinen Bergen könntest Du so was wohl probiren – wenn drunten kein Wasser ist und drüben keine Schützen steh’n mit Zündnadelgewehren!“

„Meinetwegen,“ sagte Ambros, „die Officier’ müssen das besser wissen. Ich fürcht’ mich nit, wenn die Preußen auch herüberkommen. Zu stark sind’s uns nit, das weiß ich gewiß – wenn’s uns nur nit zu pfiffig sind!“

„Also auf morgen, Cameraden!“ sagte der Oberjäger, während ein fernes Trommelsignal die Stunde verkündete, in welcher es auf allen Lagerplätzen und Bivouacs zur Ruhe kommen mußte. „Legt Euch schlafen die paar Stunden, die wir noch vor uns haben, damit Ihr morgen gehörig dabei sein könnt, und vergeßt nicht auf Euer Nachtgebet. Es könnte leicht das letzte sein, das Einer verrichtet.“

Bald hatten sich Alle auf Tornister und Mantel zur Ruhe hingestreckt; wieder war weit und breit kein Laut mehr vernehmbar, als das melancholische Rauschen der Saale und die immer wiederkehrenden eintönigen Rufe der Wachen, welche gleich lebendigen Uhren die Stunden der Nacht zählten, bis die letzte langsam abgerieselt war, bis das Dunkel zum Morgengrauen verblich und in den vollen Tag überging.

Die Truppen waren längst an ihren Posten bereit, und mit der bangen Spannung der Ungeduld flog mit der Morgenhelle die Nachricht unter ihnen hin, daß ein Häuflein Freiwilliger, das von der Barricade auf der Hauptbrücke aus auf das andere Ufer auf Kundschaft hinübergegangen war, mit der Meldung zurückgekommen war, sie seien jenseits bereits einer Schaar preußischer Reiterei ansichtig geworden. Der Hall einzelner ferner Flintenschüsse bestätigte das und weckte bald die schlummernden Wälder auf den Höhen aus dem letzten Morgentraum des Friedens. Kampfbereit lauschte Alles auf jeden Laut, welcher verrathen könnte, wann der Feind wirklich erscheine und wo er zuerst anzugreifen gedenke. Da quoll von den Hängen des Simbergs über den Thürmen und Dächern des Städtchens ein weißgrauer Qualm empor, ein mächtiger Schlag erschütterte die Luft – die baierischen Kanoniere hatten den ersten Schuß abgefeuert; sie sahen also von ihrer Höhe bereits den anrückenden Gegner, und ihr wildes Hurrah-Rufen zeigte, daß sie, was sie sahen, auch zu erreichen gewußt hatten. Es währte nicht lange, so donnerten die preußischen Batterien den Gegengruß herüber, und das Prasseln der Häuser und Dächer, auf welchen die ersten Kugeln einschlugen, ließ erkennen, daß sie nicht minder gut zu zielen verstanden. In wenig Augenblicken stürmte der Vortrab preußischer Füsiliere in vollem Laufe von der Höhe die Straße herab, welche gegen die verbarricadirte Hauptbrücke führte, unbekümmert um das Feuer der auf dem Straßendamme dahinter aufgeführten Geschütze und die Gewehrsalven der Schützen, welche die anliegenden Häuser besetzt hatten. Bald standen sich die feindlichen Schaaren, nur durch den Fluß getrennt, überall gegenüber; Stutzen knallten, Musketen knatterten von beiden Seiten, übertönt vom Blasen und Rasseln der Signalzeichen, vom Rufen der Commandirenden und vom Hurrah der Schützen, welche getroffen, oder dem wilden Aufschrei eines Verwundeten.

(Fortsetzung folgt.)




Ein Liebling der Berliner.

In der Werkstätte des wohlhabenden Schlossermeisters Helmerding arbeitete dessen Sohn Karl an einem neuen Wagenbeschlag so fleißig, daß die Funken von dem Ambos stoben. Dazwischen erzählte er den Gesellen allerlei Schnurren und Schwänke, worüber sie laut auflachen mußten. Mit dem ihm eigenen Mienenspiel copirte er dazu die ganze Nachbarschaft, den „dicken Budiker“ im Eckladen, den betrunkenen „Droschkenkutscher“ auf dem „Moritzplatz“, den „Milchmann“ aus „Schöneberg“, den Schusterlehrling aus dem gegenüberliegenden Keller, vor Allen aber ahmte er die berühmtesten Schauspieler der damals noch blühenden Königsstadt, den unvergleichlichen „Beckmann“ und den lustigen „Plock“ so ausgezeichnet nach, daß seine Zuhörer Augen und Mund vor Bewunderung aufsperrten.

Als aber ein lauter Husten die Ankunft des würdigen Vaters und Meisters verkündigte, da machte der „Teufelsjunge“, wie ihn alle Gesellen nannten, ein so ernsthaftes Gesicht, als ob er nicht bis Drei zählen und kein Wässerlein trüben könnte, indem er zugleich mit Hammer und Feile geschickt zu hantiren wußte.

„Det lob’ ick mir,“ sagte der Alte beifällig nickend. „Handwerk hat immer einen goldenen Boden und nährt am besten seinen Mann. Ein geschickter Schlosser ist noch mehr werth als solch ein Maler, oder gar als ein Komödiant, der am Hungertuche nagen muß. Bald hast Du ausgelernt, Karl, und denn bist Du ein ‚gemachter Mann‘.“

„In jedem Falle bin ich ‚gemacht‘,“ versetzte der lustige Karl, der als ein echtes Berliner Kind nicht so leicht einen Witz oder eine ‚schnoddrige Redensart‘ unterdrücken konnte.

„Ich sehe schon,“ erwiderte der Vater wider Willen lachend, „daß an Dir Hopfen und Malz verloren ist. Aber Du kennst auch meinen Entschluß: Zwei Jahre bleibst Du in der Lehre und arbeitest als Schlosser, dann bist Du frei und Dein eigener Herr. Meinetwegen magst Du Maler oder auch Schauspieler werden, wenn Du durchaus ein Künstler, das heißt ein Hungerleider, werden willst.“

Der Sohn schwieg, da er wohl wußte, daß mit dem Vater nicht zu spaßen war, wenn der einmal ein Wort gesagt hatte. Dabei blieb es auch, denn der Alte war einmal, wie die meisten ehrenwerthen Bürger aus früheren Zeiten, ein entschiedener Gegner von Allem, was Kunst hieß, am meisten aber war ihm das Theater zuwider, obgleich er sonst in allen anderen Dingen ein sehr verständiger und guter Mann war.

Um so mehr schwärmte Karl für die Bretter, welche die Welt bedeuten, und es gab für ihn kein größeres Vergnügen als eine Aufführung im Königsstädtischen Theater, wo er zu den Habitués der Galerie zählte. Schon als Kind kannte er keine andere Freude, als Komödie mit seinen Puppen zu spielen, zu denen er sich die Decorationen und Costume selbst malte, da er auch eine entschiedene Anlage zum Zeichnen besaß.

Nachdem er einige Jahre das Gymnasium besucht hatte, wollte er durchaus ein Künstler werden. Nur ungern ertheilte ihm endlich der Vater auf vieles Bitten die Erlaubniß, die Berliner Malerakademie besuchen zu dürfen, wo er einige Zeit den Unterricht eines geschickten Zeichenlehrers, des Professor Otto, genoß und nicht unerhebliche Fortschritte machte. Wenn Helmerding kein Raffael wurde, so trug allein seine unbezwingliche Liebe zum Theater Schuld. Aber der Vater wollte weder von der Malerei, noch von der Komödie etwas wissen und erklärte kategorisch, daß Karl zunächst ein Schlosser werden und mindestens zwei Jahre Schlüssel, Schlösser und ähnliche Arbeiten verfertigen sollte.

Erst als die ihm gestellte Frist abgelaufen war, durfte Helmerding dem Rufe seines Genius folgen und mit Bewilligung des Vaters die Bühne betreten. Sein erstes Debüt fand auf einem der zahlreichen Berliner Liebhabertheater „hinten“ unter

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Die Gartenlaube (1868) b 645.jpg

Karl Helmerding in seinen Hauptrollen.
Nitschke (ein gebildeter Hausknecht).   Doucet (Berlin wird Weltstadt).   Klumpatsch, Gerichtsdiener (Nimrod).
Napoleon.  Petz, Maler und Modellsteher (Aurora in Oel)   Friedrich II.


den sogenannten „Frankfurter Linden“ statt, wo, wie in Shakespeare’s Sommernachtstraum „ehrliche Handwerker“ den Musen dienten. Dort herrschte als Director der in Berlin wohlbekannte Marionetten- und Puppenspieler Linde, eine ebenso originelle als populäre Persönlichkeit.

„Ich,“ sagte ,Vater Linde’ später mit gerechtem Stolz, „ich habe Helmerdingen uf der Bühne gebracht, ich habe ’n angelernt. Was er kann und is, hat er von mich.“

Unter dem Schutze dieses würdigen Mimen, der den „bairischen Hiesel“ und „die Teufelsmühle am Vampyrteich“, wie noch viele andere erhabene Dramen und schauerliche Tragödien mit bewunderungswürdiger Vollendung vorführte, erwarb sich Helmerding seine ersten dramatischen Lorbeeren, und zwar im Fache Emil Devrient’s – als Liebhaber.

Besonders spielte er den „Garrick“ in „Doctor Robin“ so ergreifend und rührend, daß ihm die empfänglichen Herzen aller Schlächterfrauen und Nähtermamsells entgegenschlugen. Der Kritiker der Frankfurter Linden, ein etwas heruntergekommener, aber [646] weitgereister Schneider, erklärte ihn für das größte tragische Genie des Jahrhunderts, und der große Kunstmäcen des Stadtviertels, ein „geräucherter Fleischwaarenhändler“, verehrte ihm eine selbstgemachte Wurst und tractirte ihn mit einer „kühlen Blonden“ und dem dazu gehörigen „Gilkakümmel“.

Trotz solcher Anerkennung kehrte Helmerdiug seiner Vaterstadt den Rücken, indem er der bloßen Naturalverpflegung ein festes Engagement mit wirklicher Geldgage vorzog. Zur Erreichung seines Zieles wandte er sich nach Potschappel bei Dresden, wo er von dem dortigen Director Dietrich mit offenen Armen empfangen und der kleinen todesmuthigen Künstlerschaar einverleibt wurde.

Für zwölf Thaler monatlich lieferte er heute einen zärtlichen Liebhaber, morgen einen schwarzen Bösewicht oder Intriguanten; selten oder nie trat er dagegen in komischen Rollen auf, die er damals noch unter seiner Würde hielt. Obgleich Vater Helmerding unter diesen’Verhältnissen dem angehenden Künstler unter die Arme greifen mußte und mancher Thaler als willkommener Zu- schuß von Berlin nach Potschappel wanderte, so fehlte es doch häufig am Besten. Aber Helmerding verlor darum nicht den angeborenen Humor und wußte sich zu helfen.

Mit einem Freunde, einem jungen, talentvollen Schauspieler, ertrug er fröhlich und mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend die kleinen Leiden des menschlichens Lebens. Beide waren bei einem Häring und einem Gericht Kartoffeln ausgelassen lustig, und wenn im kalten Winter ihnen das Holz ausgegangen war, wärmten sie die erstarrten Hände – an der Spirituslampe.

Endlich riß dem Freunde die Geduld, so daß er heimlich ausrückte und das undankbare Potschappel bei Nacht und Nebel verließ, wobei er in der Eile einen Stiefel Helmerding’s mit dem seinigen verwechselte. Als dieser am andern Morgen erwachte, sah er sich gezwungen, zu Hause zu bleiben, da der zurückgelassene Stiefel des Freundes ihm trotz aller Flüche und Anstrengungen nicht passen wollte, weil derselbe ihm zu eng war und er selbst kein zweites Paar mehr zu versenden hatte.

Unter diesen Verhältnissen hielt es Helmerding für das Beste, dem Beispiele des flüchtigen Freundes zu folgen und sich ebenfalls im eigentlichen Sinne auf die Strümpfe zu machen. Lange Zeit führte er jetzt jenes wechselvolle Nomadenleben eines wandernden Künstlers, das Holtei in seinen „Vagabunden“ so anschaulich und verführerisch geschildert hat. In dem verhängnißvollen Jahre 1848 spielte Helmerding fast vor den Thoren seiner Vaterstadt, in dem Dorfe Schöneberg bei Berlin, wohin sich die Kunst vor den politischen Stürmen geflüchtet hatte, um nicht zu verhungern. Hier mochte ihm wohl zuerst die Bedeutung der Posse und des höheren Blödsinns aufgegangen sein, der hauptsächlich von dem dortigen Director cultivirt wurde. Der zu jener Zeit noch ziemlich unbekannte Kalisch ließ ebenfalls in Schöneberg die ersten Erzeugnisse seiner komischen Muse mit dem besten Erfolge vor einem bunt gemischten Publicum aufführen. Damals ahnte weder Kalisch noch Helmerding, welche Triumphe sie mitsammen einst feiern sollten. Sie gingen häufig an einander vorüber, ohne sich zu sehen und zu sprechen.

Dagegen machte Helmerding eine andere Bekanntschaft, welche gewiß nicht ohne Einfluß auf seine künstlerische Entwickelung blieb. Die innigste Liebe verband ihn hier mit einer talentvollen, fein gebildeten Schauspielerin, die von ihrem rohen Gatten zwar getrennt, aber nicht geschieden lebte. Alle Bemühungen der armen Frau, ihre unglückliche Ehe zu lösen, waren ohne Erfolg, so daß ihr nichts übrig blieb, als heimlich zu entfliehen, um den thätlichen Mißhandlungen des brutalen Mannes zu entgehen. Helmerding folgte ihr nach Schlesien, wo Beide in Glatz bei dem Director Nachtigall ein Engagement fanden. Bald aber erlag die zarte, leidende Frau der fortwährenden Gemüthsbewegung; ein plötzlicher Blutsturz machte ihrem Leben ein Ende.

Da der Wirth die Leiche der armen Schauspielerin nicht in seinem Hause dulden wollte, so wurde dieselbe in einem benachbarten Holzstall niedergelegt. Dorthin schlich sich der trauernde Helmerding wie ein Dieb in der Nacht, um die Todte noch einmal zu sehen und zu umarmen. Zärtlich küßte er die bleichen, kalten Wangen, während ihm die heißen Thränen über die noch von der letzten Abendvorstellung geschminkten Wangen liefen.

Am nächsten Tage sollte er in einem neuen Stücke auftreten; beim Scheine der mitgebrachten Laterne lernte er die große Rolle zu den Füßen des Sarges, in dem die geliebte Leiche lag. Unwillkürlich schlossen sich vor Schmerz und Ermüdung seine Augen, über das Antlitz der Todten gebeugt war er eingeschlafen. So wurde er am Morgen gefunden, die eine Wange roth geschminkt, die andere von dem frischen Anstrich des Sarges schwarz gefärbt, und an demselben Abend, nachdem er die geliebte Frau begraben, mußte er – Komödie spielen. So lernte der zukünftige berühmte Komiker den tiefen Ernst des Lebens kennen, ohne den er schwerlich ein so ausgezeichneter Humorist geworden wäre. Aber noch war die Zeit der Prüfung nicht beendet, die Schule der Leiden, die keinem wahren Künstler erspart wird, noch nicht geschlossen, Nach manchen Irrfahrten kehrte Helmerding, nach Berlin zurück, wo in Folge des Jahres 1848 sein wohlhabender Vater den größten Theil seines Vermögens verloren hatte, so daß von dieser Seite keine Unterstützung mehr zu hoffen war. Nur um zu leben, nahm Helmerding ein Engagement des Theaterdirectors Kallenbach auf dessen kleiner Gartenbühne vor dem Oranienburger Thore an. Der Scharfblick des praktisch erfahrenen Bühnenleiters erkannte zuerst das vorwiegend komische Talent des jungen Schauspielers, der seitdem sich ausschließlich dem heiteren Genre zuwendete. Kurze Zeit darauf ging Helmerding zu dem Königsstädtischen Theater über, das damals provisorisch in der Charlottenstraße unter dem Director Cerf, dem jetzigen Besitzer des Victoria-Theaters, stand.

Doch auch hier fand sein Talent keine Gelegenheit, sich zu zeigen, da die schon vorhandenen Komiker im Besitz der besten Rollen ihn nicht aufkommen ließen. Helmerding mußte sich längere Zeit mit den unbedeutendsten Episoden begnügen, und blieb so gänzlich unbeachtet. Die geringe Gage reichte kaum hin, ihn kümmerlich durchzubringen, und es gab Tage, wo er ohne Abendbrod zu Bette ging.

In dieser Zeit der Noth, wo ihn nicht selten der Hunger quälte, erblickte er eines Tages auf der Hausflur einen Korb, auf dessen Grund drei Silbergroschen lagen. Wahrscheinlich hatte ein Dienstmädchen des Nachbars den Korb stehen lassen. Der Fund schien Helmerding ein wahrer Schatz, da er selbst nicht einen Pfennig besaß und noch nicht gefrühstückt hatte. Trotzdem widerstand er der Versuchung, sich die drei Silbergroschen anzueignen, obgleich er dies unbemerkt thun konnte. Mit leerem Magen und betrübtem Herzen schlich er zur Probe nach dem Theater. Doch die Tugend sollte ihren Lohn endlich finden. Welch ein Glück! Zu seinen Füßen sieht er auf der Straße etwas Glänzendes blinken. Er bückt sich danach und findet – einen Silbergroschen, für den er sich jetzt mit gutem Gewissen Semmel kaufte.

Der Silbergroschen wurde für ihn zum Talisman und bezeichnete gleichsam die günstige Wendung in seinem Geschick. Gesättigt trat er auf die Bühne, wo ihm eine neue Ueberraschung erwartete. Ueber Nacht war der Darsteller einer Hauptrolle in der zu jener Zeit neuen und ununterbrochen gegebenen Posse „Münchhausen“ von Kalisch erkrankt. Keiner der anwesenden Schauspieler getraute sich, von dem verlegenen Director aufgefordert, die bedeutende Partie bis zum Abende zu lernen. Da meldet sich der bisher vernachlässigte Helmerding, der die Rolle durch wiederholtes Anhören fast auswendig wußte, zur sofortigen Uebernahme. Nach einiger Ueberlegung wird sein Anerbieten dankbar angenommen und noch an demselben Abend erobert er durch seine originelle Darstellung des Charakters, aus dem sich später „der gebildete Hausknecht“ entwickelte, die Gunst des Publicums und eine hervorragende Stellung in der Theaterwelt.

Der Neid der Collegen bewies ihm am besten, wie sehr er gefallen hatte. Bei einem Diner, wozu er mit einem damals über die Gebühr gepriesenen Komiker von seinem Director geladen wurde, sagte der letztere in Anerkennung dieser Leistung: „Auf die Rolle des ‚Knetschke‘ können Sie reisen.“ – „Aber nicht weit,“ setzte der boshafte College, der jetzt längst vergessen ist, verächtlich hinzu.

Helmerding kümmerte sich nicht um den Neid und befestigte sich immer mehr durch sein Talent und seinen unermüdlichen Fleiß in seiner mit Mühe erworbenen Stellung, indem er täglich Fortschritte machte. Nach dem Aufhören des Cerf’schen Theaters in der Charlottenstraße nahm er ein vortheilhaftes Engagement in Köln an, wo er seine jetzige Frau kennen lernte, mit der er in der glücklichsten Ehe lebt. Später war er wieder in Berlin kurze Zeit an der Kroll’schen Bühne thätig, von der er nach Posen zu dem den Lesern der „Gartenlaube“ wohlbekannten Director [647] Wallner kam. Mit diesem kehrte er endlich von Neuem nach seiner Vaterstadt zurück, um im Verein mit den ausgezeichneten Komikern Reusche, Neumann und der liebenswürdigen Soubrette Fräulein Schramm jenes berühmte vierblätterige Kleeblatt zu bilden, das in der Geschichte des Theaters unvergeßlich und unverwelkt bleiben und grünen wird.

Helmerding selbst ist der eigentliche Repräsentant der norddeutschen oder speciell der Berliner komischen Muse, die sich wesentlich von ihrer süddeutschen Schwester durch ihr scharfes, prickelndes Wesen, durch ihre Elasticität, Vielseitigkeit und ihren sprühenden Witz auszeichnet, während die Letztere mehr durch gemüthliche Heiterkeit, ansprechende Gutmüthigkeit und eine gewisse stereotype und breite Behaglichkeit sich auszeichnet. Der Schwerpunkt des Künstlers liegt zunächst in der treffenden Charakteristik, in dem unerschöpflichen Reichthum seiner Masken und Figuren, wobei ihm seine früheren Zeichenstudien und die dadurch geschärfte Beobachtungsgabe die besten Dienste leisten. Stets erscheint er neu und originell; selbst wo er an die Caricatur streift, wird man noch sein großes Talent bewundern müssen.

Am besten giebt er die einheimischen Typen, den bornirten Weißbierphilister, den verkommenen Bummler, den heiteren Lebemann, den geldstolzen Rentier und Hauswirth, den heiteren und angeheiterten Referendarius oder Assessor auf dem Juristentag. Um Berlin kennen zu lernen, muß man Helmerding sehen. Er ist der verkörperte Berliner, abwechselnd bornirt und witzig, malitiös und gutmüthig, pfiffig und leichtgläubig, ironisch und gefühlvoll, egoistisch und opferfähig, kurz ein trotz aller Schwächen und Maägel interessantes Berliner Kind. Dabei ist er nichts weniger, als einseitig und beschränkt, da sein Talent auch die ihm ferner liegenden Gestalten mit gleicher Liebe zu erfassen und darzustellen weiß, wofür sein „französischer Tanzlehrer“ in Kotzebue’s „Unglücklichen“ ein glänzendes Zeugniß ablegt.

Diese Vielseitigkeit wird wesentlich durch die Kunst seines Mienenspiels unterstützt. Helmerding besitzt eine seltene Herrschaft über sein Gesicht, dem er jeden beliebigen Ausdruck zu geben vermag. Ohne Schminke und oft selbst ohne Beihülfe einer Perrücke, nur mit Unterstützung eines alten Hutes erscheint er bald als „Friedrich der Große“, bald als „Napoleon“, als „Onkel“ oder „Neffe“ so täuschend ähnlich, daß man an ein Wunder glauben möchte.

Mit dieser proteusähnlichen Verwandlungsfähigkeit, dem ersten und unentbehrlichsten Erforderniß des Schauspieles, verbindet er die hinreißendste Laune, den sprühenden Witz, den sprudelnden Humor des geborenen Komikers. Eine Bewegung, ein Blick, ein Wort von ihm reicht schon hin, das Publicum zu elektrisiren und ein schallendes Gelächter hervorzurufen.

Jeden Abend feiert der Liebling der Berliner neue Triumphe, eine neue Rolle Helmerding’s ist in den meisten Fällen ein Ereigniß für die Residenz, und sein Name allein wirkt wie ein anziehender Magnet auf Heimische und Fremde. Als Schauspieler und Mensch genießt Helmerding die Anerkennung und Achtung, die seinem Talent und seinem liebenswürdigen, harmlos bescheidenen Charakter gebührt. Der Berliner aber sagt: „Es giebt nur einen Helmerding.“
Max Ring.


Der letzte deutsche Landgraf.
Ein Stillleben.

„Stände nur nicht überall ein Prinz von Hessen-Homburg!“ So soll Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig ausgerufen haben, als er wahrgenommen, daß fünf Söhne dieses Hauses, und zwar fünf Brüder, als höhere Truppenführer in den Heeren Oesterreichs und Preußens dort gegen ihn kämpften, nachdem ein sechster und der jüngste dieser Brüder im Frühling desselben Jahres, am zweiten Mai, bei Lützen den Heldentod gefunden hatte.

Diese Anerkennung aus dem Munde des größten Kriegsmeisters seiner Zeit kann wohl als ein Blatt zu dem Lorbeerkranze gelten, welchen die Kriegsgeschichte diesem alten fürstlichen Geschlecht zuerkannt hat. Von den Sturmzügen des dreißigjährigen Krieges an, die den ersten Homburger Landgrafen in den Kreis der deutschen Reichsstände treten sehen, bis zu den Befreiungskriegen, an deren Schluß der Wiener Congreß die hessische Landgrafschaft zu einem selbstständigen Staat des deutschen Bundes erhob, glänzen die Jünglinge und Männer aus dem stolzen Schlosse „Homburg auf der Höhe“ nicht bloß als tapfere Kriegsleute, sondern nicht wenige derselben als hervorragende Heerführer, deren Name sich an bedeutende Schicksalswendungen des europäischen Fürsten- und Staatslebens knüpft. Wir erinnern nur an den Helden von Fehrbellin, an den Tatarenbesieger unter Rußlands Fahnen und an jenen Erbprinzen Friedrich Joseph, welcher als österreichischer Feldmarschall bei Leipzig den Sieg mit entscheiden half. Man geht durch eine Heldenhalle, wenn man die Vergangenheit dieses Geschlechtes durchwandelt.

Nicht weniger, als die Betrachtung der thatkräftigen Persönlichkeiten, nimmt das Ende des Hauses unsere Theilnahme in Anspruch, das ein Stück zugleich wunderlicher, rührender und erhabener Romantik unserer Zeit darstellt.

Landgraf Friedrich der Fünfte war seinem Vater, Friedrich dem Vierten, im Jahre 1766 als achtzehnjähriger Jüngling gefolgt. Zehn Jahre später gründete er die ihrer Zeit vielbesprochene „Patriotische Gesellschaft für allgemeines Wohl, Verbesserung der Sitten und Hebung der Industrie“. Das thätigste Mitglied derselben war seine Gemahlin Caroline, die Hessen-Darmstädterin, welche den Wissenschaften und dem Aberglauben mit gleichem Eifer huldigte. Seitdem ihr im Homburger Schlosse die weiße Frau erschienen war, verwandelte sie in ihrer Lebensweise die Nacht zum Tage. Das hinderte sie jedoch nicht, ihren sechs Söhnen eine tüchtige Mutter zu sein.

Den jüngsten derselben, Prinz Leopold, ausgenommen, der, wie Eingangs bemerkt, sechsundzwanzig Jahre alt, bei Lützen fiel, sind diese Brüder sämmtlich als Landgrafen zur Regierung des Ländchens gekommen und einer nach dem andern starb ohne männliche Nachkommenschaft. Die innigste Geschwisterliebe soll eines der schönsten Erbstücke dieser Familie gewesen sein. Wunderbarer Weise war es wiederum die Liebe, aber die trauernde, verschmähte, welche des Hauses Ende herbeiführte.

Noch bei Lebzeiten ihres Vaters, der erst 1820 starb, widerfuhr den beiden jüngsten der Brüder, Gustav und Ferdinand, das Mißgeschick, daß beide sich in ihre wunderschöne Nichte Louise von Dessau, mit, wie die Folge zeigt, ungewöhnlicher Gluth verliebten.

Die Prinzessin schien keine leichte Wahl zu haben. Beide Brüder standen im besten Mannesalter und in hohem militärischem Rang. Der siebenunddreißigjährige Gustav war kaiserlicher General-Major, der zwei Jahre jüngere Ferdinand sogar Feldzeugmeister. Die schöne Louise hegte jedoch einen höheren Ehrgeiz: die Kinderlosigkeit der älteren Brüder eröffnete für Gustav die nächste Aussicht auf den souverainen Thron von Homburg, und dies mehr, als der Umstand, daß er schöner, als sein jüngerer Bruder gewesen, bestimmte ihre Wahl. Am 12. Februar 1818 reichte sie dem Bevorzugten am Altare die Hand.

Der Verschmähte nahm im selben Augenblick Abschied vom höchsten Glück des Lebens: er blieb unvermählt.

Aber auch Louisens ehrgeiziger Traum ging in kaum andere als traurige Erfüllung. Zwar bescheerte ihr der Himmel einen Sohn, aber achtundzwanzig Jahre mußte sie auf die Erbschaft der souverainen Würde warten, denn erst 1846 segnete Landgraf Philipp, der letzte der drei vorangegangenen Brüder, das Zeitliche. Da endlich war’s erreicht. Zwischen Gatten und Sohn hielt die stolze Frau ihren Einzug in Schloß Homburg auf der Höhe und sah auf das schöne Land als regierende Landgräfin hinab. Dreiundfünfzig Jahre alt war sie geworden, ehe sie den Triumph errang, den die Schönheit ihrer Jugend ihr verheißen hatte. Und doch sollte das Glück, das so lange ersehnte, so kurz sein! Erst starb ihr Sohn, und schon am siebenten September des Sturmjahres 1848 vertauschte Landgraf Gustav seinen landgräflichen Thron mit der vorletzten Stelle in der Erbgruft seines Stammes.

So hielt denn, dreißig Jahre nach jenem verhängnißvollen Hochzeitstage, der einsame Ferdinand als der letzte Hessen-Homburger seinen Einzug in die Landgrafschaft.

Der einst Verschmähte war Herr des Schlosses und des Thrones, um deren willen er so Bitteres erlitten hatte. Er aber [648] verschmähte nun seinerseits nicht nur allen fürstlichen Glanz, sondern auch jeden Gedanken daran, der Trauernden, die nun in seinem Schlosse die Thränen der Verwaisung vergoß, nur im Geringsten wehe zu thun. Er überließ der Wittwe seines brüderlichen Vorgängers die prachtvollen Räume, die gesammte Dienerschaft und all’ jene Dinge, die einst mit ausschlaggebend bei ihrer Gattenwahl gewesen und ihr nun zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden sein mochten. Vom ganzen Schloß behielt er nur ein Parterrezimmer zu etwaigen Audienzen sich zur Verfügung. Er selbst bezog die kleine Mansarde des Orangeriegebäudes, das im alterthümlichen Schloßgarten, nur wenige Schritte vom Schlosse entfernt, aber völlig von demselben abgeschnitten, hinter hohen Buchen- und Taxushecken, hinter Buchsbaumpyramiden, umschattet von breitästigen Platanen, in grüner, undurchdringlicher Verschanzung der Art daliegt, daß man selbst im Winter nur vom Mittelpunkt des Hauptweges vor dem Schlosse etliche Fenster dieses versteckten Häuschens entdeckt.

In dieser erwählten Abgeschiedenheit, in einer Umgebung, die an Schlichtheit ihres Gleichen sucht, lebte der regierende Landgraf Ferdinand von Hessen-Homburg. Einfacheres, als jene kleine mit Holz umkleidete Mansarde, ist in Wahrheit nicht leicht anzutreffen, und eine gleiche, so völlig schmucklose Zimmereinrichtung, wie sie dem letzten deutschen Landgrafen genügte, ist heut zu Tage schwerlich noch in einem deutschen Bürgerhause zu finden. Mir ist das kleine Asyl im Grünen, so oft ich’s auch gesehen, immer als wie in ein Märchen gehörig erschienen. Als ich aber bald nach Landgraf Ferdinand’s Tode in seiner einfachen Wohnung selbst war, wo Alles noch so stand und lag, wie er es verlassen hatte, da verwandelte sich der frühere Eindruck von Poesie, von absonderlichem Geschmack in eine unsagbar traurige Empfindung.

Schloß Homburg ist nicht nur bezaubernd durch seine Lage und wundervolle Umgebung, durch jenen Blick in eine weite blühende Landschaft, in unbegrenzte blaue Ferne oder durch seine Aussichtspunkte auf des nahen Gebirges dicht bewaldete Höhen; es war bis zu der Zeit, wo es vor zwei Jahren in preußische Hand kam, die innere Ausstattung aber als Erb- und Eigenthum theils an Hessen-Darmstadt, theils an die jüngste Tochter der letzten Landgräfin, die Fürstin von Reuß fiel, und diese Erben des Hauses weite Räume leerten, bis dahin war das Homburger Schloß durch seine schöne und alterthümliche Einrichtung sicherlich eins der interessantesten und reichhaltigsten Denkmale früherer Zeiten und dahingegangener Geschlechter; es war so zu sagen ein Schatzkästchen an alten Traditionen, Sagen und Geschichten. An den Wänden der Säle und Stuben Hunderte von Bildern: Familienportraits aus allen Generationen und den verschiedensten Epochen ihres Lebens, oft anreihend an außergewöhnliche Schicksale und Begebenheiten; auch Gemälde Derer, die ihnen verwandt und befreundet gewesen und unter welchen man die interessantesten Köpfe, die fesselndsten Physiognomien fand. Ebenso reich waren vertreten Familienreliquien, Erinnerungen an bedeutende Personen und Ereignisse. Die einstmaligen Wohngemächer der Hauptpersonen des regierenden Geschlechts waren noch vielfach so erhalten, wie sie gewesen, als die Besitzer daraus geschieden. Es trat in den Räumen überhaupt eine Pietät und Rücksicht an den Tag, wie man sie selten mehr findet und die auf jene bereits berührte, innige Liebe schließen ließ, welche die Glieder dieses Fürstenhauses immer eng verbunden hat, ob sie nun gemeinsam auf der heimathlichen Scholle lebten oder weit durch alle Welt zerstreut gewesen sind.

Und gegen diesen ihm so lieben, durch tausend Erinnerungen geweihten und geheiligten Ort tauschte Landgraf Ferdinand die kleine kahle Mansarde ein, gegen jene weite wundervolle Fernsicht von der Höhe das engumschlossene Gebiet im Grünen sammt seinem einzigen, so melancholischen Aussichtspunkte. Dieser weiteste, dem Auge einzig erreichbare Punkt ist das nahe Bassin, inmitten der Allee vor dem Schlosse, die zur Stadt führt. Umkränzt von den prachtvollsten Bäumen liegt’s zwar da, auf ziemlich weitem Platze, denn breite Wege münden nach allen Seiten. Dennoch macht’s, umhüllt von all den tiefen Baumesschatten, einen traurigen Eindruck, ganz unwillkürlich regt sich der Gedanke an ein verfehltes Menschenleben, dem alle Wege zum Glücke offen gestanden und das vermöge eines finstern Verhängnisses im trüben Dunkel einförmig abgegrenzten Kreises blieb. Und was, betrachtet man dies Bassin länger, einem geradezu den Athem benimmt und die Seele bedrückt, das ist jener von Minute zu Minute sich wiederholende, langsam und schwer auf die Wasserfläche niederfallende Strahl, mit seinem eintönigen Geräusch – das sind jene bis zum steiuernen Rande sich dehnenden Kreise, die fort und fort den Eindruck machen, wie wenn sie hinaus wollten über diese starre Grenze und doch, wenn sie dieselbe erreicht haben, stille zurückweichen wie ein vom Hoffen entmuthigtes Herz aus den Gebieten unerfüllten Strebens und Verlangens.

So war die Aussicht, die Deutschlands letzter Landgraf durch volle achtzehn Jahre aus dem Wohnzimmer seines Hauses hatte. Er muß sie geliebt haben, denn der Stuhl an seinem Schreibtische stand stets so, daß, sah er empor, er immer nur dieses kleine Bild vor Augen hatte. Ein schlichterer Schreibtisch, als jener des Landgrafen Ferdinand inmitten der niedrigen Stube, ist kaum denkbar; gleich schmucklos sind alle übrigen Möbel, so einfach, daß man fast mit Staunen auf den blumenreichen Teppich blickt, der dort den Boden deckt, auf dem aber wiederum, fast wie um den einzigen Luxus abzuschwächen, ein hölzerner Fußschemel steht, dessen Ursprung auf „altes Rosinenkistchen vom Boden des Homburger Schlosses“ lautet.

An den Wänden des Wohnzimmers eine Ansicht von Wien und Landkarten, in der Schlafstube, die gleich einfach eingerichtet ist, aber ein Gemälde: das Bild der jüngsten Schwester des Landgrafen Ferdinand, seiner Lieblingsschwester, der verstorbenen Prinzeß Wilhelm von Preußen, Mutter der Königin-Wittwe Marie von Baiern, und des preußischen Seeadmirals, Prinzen Adalbert von Preußen.

Dem Schlafzimmer gegenüber stößt an die andere Seite des Wohngemaches ein Stübchen, zur Hälfte angefüllt mit Büchern. Eine ganz stattliche Bibliothek für einen ehemaligen Obrist eines Kürassierregiments und späteren Feldzeugmeister, die dem denkenden Geiste manche Andeutung liefert. Sie ist nicht weniger interessant durch jene Bücher, welche den Geschmack des einstmaligen Bewohners der Mansarde verrathen und weit hinausgehen über die landüblichen Ansprüche des gewöhnlichen Kriegsmanns. Das Interessanteste in dem Raume ist eine Kleinigkeit. Er ist dunkel durch die geschlossenen Jalousien, und entsinnen wir uns, die Fenster stets nur also verwahrt gesehen zu haben, so erscheint dieser Umstand doppelt seltsam in einer Bibliothek. Und warum wurden sie nie geöffnet? Vögelchen hatten sich auf den Fensterrahmen ihre Nestchen gebaut, und Landgraf Ferdinand, der Held der Freiheitskriege, der Sprosse des Heldenstammes Hessen-Homburg, dieser Fürst, der unvermählt geblieben, schützte Jahr um Jahr die kleine Heimathstätte zweier Schwalben.

Dreizehn Jahre lebten noch die beiden Getrennten, die Landgräfin-Wittwe und der regierende Landgraf, sie in den alten Prachträumen, völlig abgeschlossen von Welt und Menschen, er, mit einem einzigen, alten, treuen Diener, als Einsiedler in seiner Mansarde, nebeneinander. Dann, im Jahre 1861, stieg Louise in die Gruft. Das Schloß stand nun ganz vereinsamt, denn Ferdinand blieb seiner Mansarde treu.

War der Landgraf auch, als Fürst, stets bereit, Jeden zu sprechen, der Etwas von ihm wünschte oder verlangte, und half er, wo er konnte, stets in aufopferndster Weise, so konnten dagegen Homburgs Bewohner sich nie rühmen, ihren Landesfürsten je am glänzenden Curplatz gesehen zu haben oder in dem neueren Theile der Stadt, wo die verschiedensten Nationen sich zusammenfanden und Luxus und Mode ebenso stark vertreten sind, wie die schlimmsten Leidenschaften. Ebensowenig betrat der Landgraf die Straßen seiner Residenz; nur in tiefster Bergeseinsamkeit oder auch in den entlegensten Partien des wundervollen, aber völlig unbesuchten Schloßparks konnte man ihm begegnen. Er liebte die Jagd und weite Spaziergänge. Wer ihn da auf einsamen Pfaden fand, durch Zufall sprach, vielleicht ohne zu ahnen, daß er dem Einsiedler aus der Mansarde gegenüberstehe, dem fiel gewiß sein ernstes charaktervolles Antlitz auf, und wer’s erfuhr, mit wem er gesprochen, sah durch dies Begegnen, durch sein mildes, ruhiges und freundliches Wesen sicher auf’s Glänzendste die Urtheile über ihn widerlegt, die seinem abgegrenzten Leben entsprossen waren und auf „Menschenhaß und Weltverachtung“ lauteten. Denn wie sturmvoll auch einst das Leben des Landgrafen Ferdinand gewesen sein möge, als der Traum seiner Jugend keine Erfüllung gefunden, in seinem Alter bot seine Erscheinung einzig den Eindruck des Friedens, sie paßte in den kleinen Rahmen seiner abgegrenzten Einsiedelei, in jene stille Welt, die ihm genügte.

[649] Landgraf Ferdinand erreichte das hohe Alter von dreiundachtzig Jahren in vollkommener Gesundheit; er starb sanft und schmerzlos nach nur wenigen Krankheitstagen am 24. März 1866. Im Frühling desselben Jahres, wo Landgraf Ferdinand starb und beigesetzt wurde, durchtönte schon Kriegslärm die Welt: jene beiden Reiche, unter deren Fahnen die letzten sechs Prinzen des Hauses Homburg vereint für deutsches Recht und deutsche Freiheit gefochten, rüsteten sich als Feinde gegeneinander. Zum letzten Male fiel, vor dem Ausbruch des Krieges, in jener Nacht der Beisetzung im alten Homburger Schlosse der Flammenschein der Fackeln auf die in brüderlicher Handlung sich einenden Oesterreicher und Preußen; dort die weißen Reitermäntel der Oesterreicher mit Purpur überfluthend, hier auf die dunkeln Uniformen der Preußen seine hellen Lichtreflexe werfend.

Und als unter dem Läuten der Glocken, dem Donner der Geschütze dieser Letzte seines Hauses zu seinen Ahnen gebettet wurde, wie seltsam berührte es da Jeden, daß sein Sarg den letzten Raum in der Fürstengruft einnahm: man kann fortan nur noch durch die Thür in die Gruft hineinschauen, Niemand mehr hineingehen! Das Geschlecht ist zu Ende – die Gruft ist gefüllt. Und das Jahr 1866 hat sie für immer versiegelt!

M. v. H.


Eine kleine Republik in der Ostsee.
Reiseskizze von Friedrich Pilzer.

Vorstehende Überschrift wird selbst den in der Geographie bewanderten Leser in Erstaunen setzen. Trotzdem hat es mit ihr seine Richtigkeit. Fünfzehn Meilen nordwestlich von Riga, ziemlich in der Mitte des weiten Beckens des Rigaischen Meerbusens liegt, von den blauen Wogen umspült, eine kleine Insel, so klein und so umgeben von gefährlichen Untiefen, daß von jeher alle Seefahrer es vorgezogen haben, daselbst keinen Besuch abzustatten, es sei denn, daß es der höchst unfreiwillige einer Strandung gewesen wäre. Es ist dieses die kaum eine halbe Quadratmeile große Insel Runoe. Wenn Runoe auch zu dem Ländergebiete Seiner Majestät des Kaisers aller Reußen gehört und seine Bewohner auch als russische Unterthanen steuer- und militärpflichtig sind, so bestehen sämmtliche gouvernementalen Beziehungen zwischen ihnen und der russischen Regierung doch fast einzig und allein darin, daß sie alljährlich einmal der nächsten ihnen vorgesetzten Kronbehörde zu Arensburg auf der Insel Oesel eine gewisse Steuer und eine bestimmte Summe an Stelle eines Rekruten schicken. In allen übrigen gouvernementalen und socialen Angelegenheiten sind sie ganz und gar sich und ihren alten republikanischen Einrichtungen und Gesetzen überlassen. Die selbst für Seeleute so schwierige Zugänglichkeit der Insel macht es der Regierung und ihren Organen wünschenswerth, mit dem überaus charakteristischen und bei allen tüchtigen Eigenschaften bis zur Halsstarrigkeit selbstständigen Völkchen so wenig als möglich zu thun zu haben. Unter den so verschiedenartigen Ostsee-Nationalitäten besitzen die Runoer ohne Zweifel die auffallendsten Eigenthümlichkeiten. Sie würden einem Culturhistoriker prächtigen Stoff liefern.

Da es auch hier, in Riga, nur wenige Seeleute giebt, welche eine Fahrt nach Runoe unternehmen, so begrüßte ich den Entschluß eines hiesigen Capitäns, eine solche zu arrangiren, auf das Freudigste. Seiner erprobten Erfahrung in den Launen und Wandelbarkeiten der Ostsee durfte man sich sorglos anvertrauen. An einem herrlichen Sonntag Morgens trat das Dampfboot „Fellin“ mit circa hundert Passagieren von Riga aus seine kleine Expedition nach der Insel Runoe an und erreichte sie nach kurzer und ruhiger Fahrt. Um sicher und bequem vor Anker gehen zu können, mußte das Schiff des bedenklichen Fahrwassers wegen fast um die ganze Insel herumfahren und konnte sich derselben auch dann nicht mehr als auf etwa einviertelstündige Entfernung nähern, welche Strecke wir auf Böten zurücklegen mußten. Einige von unserem Schiffe abgefeuerte Kanonenschüsse gaben den Runoern die erste Nachricht von dem ihnen zugedachten Besuche.

Als unser Schiff vor Anker ging, war es am Ufer leer und still. Der dichte dunkle Wald, der sich hinter den flachen sandigen Dünen circa vierhundert Schritte weit vom Ufer erhebt, ließ in der Windstille seine hohen Wipfel starr und schweigsam emporragen. Die ganze Insel schien einsam und verlassen. Doch etwa eine halbe Stunde nach dem ersten Kanonenschuß zeigten sich am Saume des Waldes hohe prächtige Männergestalten, deren Zahl fort und fort zunahm. Bald gesellten sich zu ihnen auch Frauen und Kinder. Alsdann sahen wir, wie sich von den Andern ungefähr zwölf Männer trennten, welche, indem sie ziemlich lebhaft gesticulirten, etwas zu berathen schienen und darauf eilig im Dickicht des Waldes verschwanden. Wir waren auf ihre Absichten in der That neugierig geworden. Einer aus unserer Gesellschaft meinte scherzend: „Sie werden wohl ihre Flinten holen.“ Doch sie hatten bei Weitem friedlichere Absichten; denn man sah sie alsbald mit Böten um einen Vorsprung der Insel herum- und auf unser Schiff zukommen, um bei dem Uebersetzen behülflich zu sein.

Während dies geschah, schritten die Männer, welche am Waldessaum geblieben waren, mit ihren Knaben zum Ufer herab; die Frauen und Mädchen blieben oben. Der Eindruck, den Gestalten, Haltung und Gang der Männer und Knaben schon jetzt auf uns machten, war, da wir eben nur eine von aller Civilisation und günstigen Cultureinwirkung abgeschlossene dürftige Fischerinsel vor uns zu haben glaubten, ein recht romantischer. Da war nichts von dumpfer Blödigkeit oder gedrücktem Leben zu bemerken. Die einfache, aber kleidsame Tracht – breitkrämpiger Filzhut, gestreifte oder einfach graue Jacke, helle weite Beinkleider, die um die Hüften fest anschließen und bis zum Knie reichen, und dann Gamaschen mit Pasteln (ein Schuhwerk, das eine Zusammensetzung von Strumpf und Sandale ist) oder gar keine weitere Bekleidung des Unterbeines – bildete zu der männlichen Haltung und dem fast stolzen Gange einen interessanten Contrast, und eigenthümlich hübsch nahm es sich dabei aus, daß diese bewußtvolle freimännliche Haltung sich bis hinab zu den kleinen Knaben wiederholte, die, mit ihren tiefblauen blitzenden Augen dem Landen der fremden Gäste zuschauend, in der ungezwungenen Festigkeit ihrer Stellung, die Arme über die Brust gekreuzt, dem Maler Stoff zu den liebenswürdigsten Studien geliefert haben würden.

Das Landen sämmtlicher Besucher inclusive der von uns mitgebrachten vierzig Mann Militärmusik war erfolgt, und nun gingen wir zum Waldessaum hinan, um der daselbst harrenden weiblichen Bevölkerung der Insel unsere pflichtgemäße Aufwartung zu machen. Wir wurden von derselben freundlich empfangen. Keine Einzige zeigte Verlegenheit oder gar Aengstlichkeit, im Gegentheil waren sie alle von einer gewissen bescheidenen Zuthunlichkeit, die einen recht angenehmen Eindruck machte. Sie sind mit wenigen Ausnahmen nicht eben schön, wenigstens werden ihre Gesichter durch die gesteiften hohen, bis tief in die Stirn hineingehenden Mützen sehr entstellt; aber sie haben, wie auch die Männer, alle schöne, gesund strahlende, lebhafte Augen, sind zum Theil schlank und groß, alle aber gut gewachsen und, ebenfalls wie die Männer, von gewandter Tournüre, was sich besonders später beim Tanz in überraschender Weise zeigte. Sie scheinen viel auf Putz zu geben, denn ihr Sonntagsstaat strahlte von bunten Tüchern, Spangen, Ketten etc. Einige trugen dreierlei verschiedene Perlenschnüre, von Bernstein, von blauen Perlen und von Wachsperlen. Ihre Zutraulichkeit stieg, als einige Herren Ketten und sonstige Schmucksachen unter ihnen vertheilten und die Kinder mit Spielsachen beschenkten. Es wurde Alles mit bescheidenem Dank, ohne daß die Frauen sich herzugedrängt, noch ohne daß sie sich irgend genirt hätten, angenommen. Bei Allem hatte ihr Benehmen etwas ungezwungen Sicheres.

Als alle Fahrgäste beisammen waren, setzte sich der lange Zug der Einwohner und Fremden unter den schmetternden Klängen der Militärmusik in Bewegung, um zum Dorfe zu gelangen, das drei Werst von unserm Landungsplatze entfernt lag. Die Runoer machten feiertäglich vergnügte Gesichter, die alten Fichten aber schüttelten verwundert ihre Häupter ob des unerhörten Ereignisses.

[650] Sie hatten, so alt sie waren, außer den Dorfgeigern, keine Musik gehört und seit fünfzehn Jahren, wo die Insel zuletzt von einer kleinen Expedition besucht wurde, keinen modern gekleideten Menschen in ihrem Schatten gesehen. –

Da uns bis zur Rückfahrt nach Riga nur der kurze Aufenthalt von wenigen Stunden auf der Insel vergönnt war, ein Zeitraum, der kaum hinreicht, nur die oberflächlichste Neugier nach den eigenthümlichen Menschen und Verhältnissen zu befriedigen, so hatte ich vorher, um wenigstens einigermaßen orientirt anzukommen, eine Schilderung der Insel von J. G. Kohl in seinem bekannten Buche über „die deutsch-russischen Ostseeprovinzen oder Natur- und Völkerleben in Kur-, Liv- und Esthland“ gelesen, merkte aber sehr bald, daß diese Lectüre nichts als eine verlorene Mühe war. Herr Kohl, das „correspondirende Mitglied der Kurländischen Gesellschaft für Literatur und Kunst“, erzählt z. B., daß Runoe holzarm sei, sehr wenig größere Bäume und nur niedriges Gebüsch und deshalb lauter steinerne Häuser besitze. Unser Weg in das Innere der Insel, der durch einen dichten, oft recht dunkeln Wald hoher kräftiger Fichten führte, und der Anblick des Dorfes, das ohne Ausnahme hölzerne Hänser hat, bestätigte mein erwachtes Mißtrauen gegen das „correspondirende Mitglied“, dessen Mittheilungen ich vollends ad acta legen mich bewogen fühlen mußte, als ich durch die Runoer erfuhr, daß seine Angabe von tausend Einwohnern der Insel sich in Wirklichkeit auf eine Gesammtzahl von circa vierhundert reducirt. Da Kohl sich so unzuverlässig erwies, so mußte ich mich, so gut es ging, durch Ausfragung der Bewohner mit später vorzunehmender Vervollständigung durch zuverlässigere Werke zu belehren suchen. Die Verständigung mit den Runoern ging ziemlich glatt von Statten, da sie, wenn auch das Schwedische ihre eigentliche Muttersprache ist, doch fast Alle, wenigstens die Männer, zufolge ihres Verkehres mit Riga und den diesseitigen Ostseeküstenbewohnern, eine Art Plattdeutsch sprechen.

Dennoch hatte das Examen, das ich in dieser Weise, um keine Zeit zu verlieren, schon auf dem Wege zum Dorfe mit den Insulanern vornehmen mußte, seine Schwierigkeiten. Das Benehmen der in freudigem Stolze über die Ehre eines so zahlreichen fremden Besuches einherschreitenden Bauern, ihre strahlenden Gesichter bei den für die Meisten von ihnen so fremdartigen und berauschenden Klängen der weithin schallenden Mnsik, die Wonne, mit der die Mädchen unsere Nachricht empfingen, daß diese schöne Musik auch später zum Tanze aufspielen werde – das Alles hatte für uns Besucher etwas so Anziehendes, daß es meinerseits mit den trockenen Fragen ebensowenig recht vorwärts wollte, als die durch die Ueberraschung etwas zerstreuten Runoer, die höchst verzeihlicherweise mehr auf die Musik als auf meine lästigen Fragen hörten, besondere Lust zum Antworten verspürten.

Ich glaube, wenn Heinrich Heine diese Fahrt mitgemacht hätte, so würde er mit malitiöser Entrüstung uns in die Ohren geflüstert haben: „Aber meine Herren, sehen Sie denn nicht die emporragende männliche Haltung, den majestätischen Gang, die tiefklaren Blicke und stolz zuckenden Lippen der Männer von Runoe? Machen dieselben nicht den unabweisbaren Eindruck, als stammten sie sammt und sonders von einem uralten nordischen Fürstengeschlecht ab, das sich, vielleicht weil ihm die übrige Welt zu schlecht war, vor Jahrhunderten auf dieses entlegene Eiland in stolzer Selbstgenügsamkeit zurückgezogen hat? Und Sie, meine Herren, lassen von diesen Männern Ihre Plaids und Paletots und große Körbe mit Wein und Bier, ja sogar, ich wage es kaum auszusprechen, ganze ,Paudelchen’ mit Butterbroden tragen?“ Glücklicherweise war „der ungezogene Liebling der Grazien“ nicht unter uns, um zu seinen Nordsee-Phantasieen eine Fortsetzung in Form von Ostseebildern zur Welt zu bringen. Ich suchte den romantischen Blüthenstaub von mir abzuschütteln, indem ich erst den hochgewachsenen jungen Menschen, der, neben mir herschreitend, meinen Paletot trug, scharf von der Seite ansah und dabei zur Beruhigung meines Gewissens doch einiges Unfürstliche an ihm wahrnahm, und mich dann zu einem bejahrten Runoer wandte, von dem ich ein Eingehen auf meine Fragen erwartete.

Ich hatte mich in ihm nicht getäuscht. An seinen Antworten merkte ich, was ich bei anderen Runoern später bestätigt fand, daß dieses Inselvölkchen mit wahrhaft imponirendem Stolze von seiner durchaus selbstständigen und freien Regierungs- und Verwaltungsweise spricht. In ihrem seemännisch-deutschen Jargon sagen sie Alle mit stolzem Selbstbewußtsein, welches wohl viel zu ihrer männlichen Haltung beiträgt: „Wir selbst wählen unsere neun Männer, die über Recht und Unrecht entscheiden. Wenn wir unsere jährlichen Steuern nach Arensburg gebracht haben, darf Niemand außer unseren neun Männern auf Runoe etwas anordnen; denn ,wir haben unsere geschriebenen Frühüten’!“

Ich fragte, ob sie diese geschriebenen Freiheiten immer gehabt hätten?

„Ja, immer, wir hatten sogar vor vielen hundert Jahren noch viel mehr geschriebene Frühüten, aber da war slechter König Earolus von Sweden, der uns große Frühüten fortgenommen hat.“

Näheres über diesen König Carolus und die geschriebenen Freiheiten, die er genommen, konnte ich nicht von ihnen erfahren.

Die mündliche Ueberlieferung des positiv Geschichtlichen ist bei den Runoern mit der Tradition der Sage in so naiver anachronistischer Weise vermischt, wie es bei einem naturwüchsig intelligenten, aber culturarmen Volke nur der Fall sein kann. Später fand ich über diesen grausamen König Carolus, der an dem schrecklichen Freiheitenraub unschuldig wie ein Kind zu sein scheint, trotz des Dunkels, welches über der Geschichte von Runoe schwebt, einigen Aufschluß; in Ekman’s „Beskrifning om Runoe“ lesen wir: „Carl der Zwölfte (von Schweden) fuhr 1700, als er von Domesnees nach Pernau sich übersetzen ließ, an Runoe vorbei, wo damals, wenigstens seit 1689, ein schwedischer Commandeur nebst einem Lieutenant, Namens Andreas Lindenberg, und einem Commando Soldaten stand, das aber 1708 von den Russen, die mit einem Kriegsfahrzeuge landeten, überfallen und größtentheils niedergemacht wurde; 1713 leisteten die Runoer den Huldigungseid, und seitdem war Runoe in politischer und kirchlicher Hinsicht immer von Oesel abhängig.“

Was für geschriebene Rechte König Carolus ihnen genommen, wußte mir kein Runoer zu sagen. Mein Runoe’scher Geschichts-Docent, der bejahrte Einwohner nämlich, steifte sich blos darauf, daß es „sehr viele gesriebene Frühüten“ waren. „Aber,“ fragte ich ihn, „habt Ihr denn mit Eueren jetzigen Freiheiten noch nicht genug? So viel Freiheit und Selbstständigkeit, wie Ihr, besitzt ja kein Volk.“

Im Widerspruch zu dem Stolz und Selbstbewußtsein, womit der Alte vorhin von den Runoe’schen Freiheiten gesprochen, schien er über meine letzten Worte sehr erstaunt.

„Was, Ihr habt nicht so viele Freiheiten, als wir?“

„Nein,“ sagte ich, „nicht die Hälfte.“

„Dürft Ihr denn nicht thun, was Ihr wollt?“

Ich mußte natürlich „nein“ antworten, denn gegenseitige Wahrheit war selbstverständliches Uebereinkommen. Jetzt aber übernahm der greise Insulaner das Examiniren, indem er mich fragte: „Was dürft Ihr denn zum Beispiel nicht thun?“

Durch diese Frage gerieth ich in eine gelinde Verlegenheit, denn wer die Wahl hat, hat die Qual. Endlich – es war just das Erste, was mir einfiel – sagte ich ihm: „Nun, wir dürfen zum Beispiel nicht Alles schreiben, was wir wollen.“ Dem Bauer schienen meine Worte etwas zu doctrinär zu sein, er hatte sie nicht recht gefaßt. Ich suchte mich deshalb folgendermaßen populär auszudrücken: „Gesetzt, Euer Cantor (sie nennen ihn ,Vorsinger’) schreibt eine Schrift, die das ganze Dorf lesen und wissen soll, und die er deshalb an die Kirchenthür oder an diesen Wegweiser anheftet. Bei uns,“ fuhr ich fort, „würde in solchem Falle ein Beamter erst die Schrift lesen und dann, was ihm nicht gefiele, ausstreichen.“ Der Bauer wollte mir anfangs nicht glauben, er meinte, ich treibe Scherz mit ihm, und erst meinen wiederholten Betheuerungen gelang es, ihn von der Wahrheit meiner Mittheilung zu überzeugen. Er sah mich wie mitleidig herablassend an, so daß ich über seine Mienen, die jetzt das drolligste Gemisch von Stolz und Treuherzigkeit zeigten, beinahe hell aufgelacht hätte. „Was würdet Ihr thun,“ fragte ich ihn, „wenn von der Insel Oesel vom Arensburger Ordnungsgericht jetzt ein Beamter käme und Euch eine solche vom Cantor geschriebene Schrift zur Hälfte ausstriche?“

„Er thut es nicht.“

„Wenn er es aber doch thut?“

„Er derp nicht.“

„Wenn er aber als Beamter das Recht zu haben glaubt und es trotzdem thut?“

„So ’was ist noch nicht vorgekommen, aber ich glaube, wenn er es thut, dann kommen unsere neun Männer zusammen und [651] dann binden wir ihn in ein Boot und bringen ihn an einen anderen Strand, denn er hat in unsere Rechte gegriffen.“

Als wir in die Nähe des Dorfes kamen, bot sich unseren Blicken ein überaus anmuthiges Bild. Die Männer und Kinder, welche daselbst zurückgeblieben und bereits von der Ankunft des fremden Besuches durch einen schnellfüßigen Knaben unterrichtet worden waren, standen zu beiden Seiten des Weges in größeren und kleineren Gruppen auf den Hügeln, welche den Vorder- und Mittelgrund zu der im Prospect befindlichen Anhöhe bildeten, und aus der letzteren hielt die kleine hölzerne Dorfkirche, umschattet von einer gewaltigen Eiche und riesigen Tannen, ihr schiefes Thürmchen so naiv, so still und so erquickend friedlich wie zur Begrüßung der Fremden empor. Zwar schimmerte sie nicht, wie Conradin Kreutzer’s Capelle, „so hell und so rein“ – denn die scharfe Seeluft bräunt nicht nur die Wangen der Menschen – aber auch sie lud zum Beten ein; denn ihre kleine gastliche Pforte war es, durch die jetzt eine Menschenmenge einströmte, so groß wie das stille Kirchlein wohl nie in seinen vier Wänden gesehen.

Wir hatten schon vorher von den Runoern, die alle der lutherischen Confession angehören, erfahren, daß sie bereits seit zwei Jahren ohne Pastor oder sonstigen Seelsorger seien. Nach ihren eigenen Erzählungen und nach vorhandenen literarischen Mittheilungen scheinen sie von jeher oft mit ihren Pastoren, die immer Schweden waren, Streitigkeiten gehabt zu haben. Schweden gelten den Runoern, obwohl das Schwedische ihre Muttersprache ist, ebenso gut als Fremde wie Deutsche oder Russen, und es scheint, als wenn ihr stark ausgeprägter Insular-Egoismus, der selten intimere Beziehungen zu einem Fremden und nie eine völlige Aufnahme eines solchen in den großen Familienverband der Einwohnerschaft zuläßt, stärker selbst als ihre unverkennbare Frömmigkeit ist. Nach der trockenen, aller Pietät baren Art, wie sie über ihren letzten Pastor sprachen, scheinen sie den Geistlichen als nichts mehr denn einen fremden angestellten Dolmetscher der Sprache Gottes und als geschäftlichen Dirigenten der kirchlichen Angelegenheiten zu betrachten und ihr eigenes religiöses Gefühl von der pflichtgemäßen Thätigkeit des Geistlichen, des „fremden Mannes“, vollständig zu trennen. Ob diese kühle indifferente Haltung einzig und allein durch ihren Insular-Egoismus oder auch durch unrichtiges eigenmächtiges oder gar amtswidriges Benehmen früherer Pastoren entstanden ist, dürfte sich schwer feststellen lassen, obwohl letztere Vermuthung durch die Mittheilungen der Runoer und durch vorhandene Notizen auch einige Wahrscheinlichkeit erhält.

Von ihrem Verhalten gegen ihre Pastoren wird folgender gewiß ebenso charakteristische als komische Zug erzählt. Eine Anzahl höherer Officiere machte von Riga aus eine Lustfahrt nach Runoe. Da die Runoer Frauen, wahrscheinlich in Folge früherer nicht eben angenehmer Erfahrungen, eine traditionelle Scheu vor militärischen Umformen hegen, so bekamen die auf der Insel zufolge mitgebrachter Speisen und Getränke guter Dinge gewordenen Krieger zu ihrem Leidwesen nur lauter Runoer masculini zu sehen, während das Eiland an Mitgliedern des zarten Geschlechtes völlig ausgestorben schien. Auf die Frage der Officiere, ob denn keine jungen Frauen und Töchter vorhanden seien, in deren Gesellschaft man ein lustiges Stündchen verbringen könne, antworteten die Runoer, daß so Etwas bei ihnen nicht Sitte, daß aber der Herr Pastor ein Fremder sei und deshalb wohl seiner Frau und Tochter die Erlaubniß zu dem Vergnügen gewähren würde.

Der Gottesdienst wird jetzt, und zwar so lange bis man ihnen, wie sie erwarten, in Arensburg einen neuen schwedischen Pastor besorgt, von dem Cantor („Vorsinger“) geleitet, der nichts als ein einfacher Runoer Bauer ist, der nur ein wenig besser lesen und schreiben kann, als die Anderen.


(Schluß folgt.)



Der Schuhplattltanz im bairischen Gebirge.[1]

Das ideale Moment des Tanzes liegt in der ungebundenen Entwicklung schöner Formen, ja man könnte fast sagen, wie vom Staate, in der vernünftigen Freiheit. Darin, daß jedes Paar wie ein zweispänniger Wagen durch den Saal galoppirt, liegt beinahe kein Tanz mehr. Das ist eine Hetzjagd, eine Spazierfahrt, bei der selbst die unbewußte Aesthetik, die wir in uns tragen, abgeworfen wird.

Von jeher waren die Gebirgsvölker im Tanze ausgezeichnet; aus ihrer eigenartigen Lebenssphäre, aus charakteristischen Naturerscheinungen sind die Vorbilder für denselben genommen. Dies gilt auch vom weitberühmten Tanze des bairischen Hochlandes.

„Es liegt eine starke Sinnlichkeit darin,“ sagt ein norddeutscher Schriftsteller[WS 1] in seiner Schilderung; aber diese Sinnlichkeit ist eine schöne, wie sich Goethe ausdrückt. Und wo sie nicht bis in’s Gebiet des Schönen reicht, da ist sie wenigstens gesund, denn ihr Boden ist die Kraft und ihr Ziel die Grazie.

Das Vorbild des Schuhplattltanzes (der nicht von „Schublade“ kommt, wie einst ein allerliebstes Fräulein meinte) ist dem Jägerleben entnommen. Es stammt vom Spielhahn und von der Auerhahnbalz.

Wenn sich das Frühjahr regt, wo das Eis noch tief in den Bergen liegt, wenn die erste Dämmerung graut, dann schleicht der Jägerbursch’ hinauf – lautlos zwischen den kahlen Aesten. Dort kreist auf dem flachen Schnee der schwarze riesige Anerhahn um die flatternde Henne. Er springt heran und flieht, er schnalzt und zischt und überschlägt sich in tollen Sprüngen. Ich finde kein anderes Wort – er tanzt.

Daß dies Gleichniß auch im Bewußtsein des Volkes lebt, das zeigen am besten seine Lieder.

„Wenn der Spielhahn d’Henna kleinweis zu ihm bringt,
Wenn er grugelt, wenn er tanzt und springt,
Und dann lern i’s von dem Spielhahn droben halt,
Was im Thal herunt die Diendln g’fallt.

Denn die Diendln die san
Ja grad nett, wie die oan,
Wer nit tanzt und nit springt,
Der bringt’s ninderscht zu koan,“

Und der Jägerbursch’ nimmt sich das gute Beispiel zu Herzen, wenn er „im Thal herunt“ auf den Tanzplatz geht.

Beim Schuhplattltanz sind die Rollen der beiden Geschlechter streng getheilt und zwar in der Weise, wie sie die Natur getheilt hat. Das eigentlich active Princip ist der Mann; ihm steht die Leitung, ihm steht das Ergreifen zu. Das Mädchen hat die Rolle des Erwartens. Der Beginn ist sachte. Wenn die jubelnden Triller des Ländlers in die Höhe steigen, tanzen sämmtliche Paare einigemal mit großer Gelassenheit herum. Plötzlich aber verlassen die Bursche ihre Mädchen. Sie dürfen sie nicht stehen lassen, denn das wäre selbst nach Bauerngalanterie eine Grobheit; sie müssen ihnen entschlüpfen – unbehindert, unversehens. Die Leichtigkeit, mit der die Mädchen sich unter dem erhobenen Arm des Tänzers durchwinden, mit der die Paare sich plötzlich lösen, macht diesen Moment ganz reizend. Dann kommen wilde, rasende Augenblicke.

Während die Mädchen sich sittsam um die eigene Achse drehen, springen die Bnrschen jählings in die Mitte und bilden dort einen inneren Kreis. Die Musik wird stärker. Sie beginnen zu stampfen und mit den braunen Händen auf Sohlen und Schenkel zu schlagen. Ein schrilles Pfeifen tönt dazwischen. Man muß diese baumlangen Kerle, man muß diese zolldicken Nagelschuhe gesehen haben, um zu ahnen, was das für ein Getöse wird. Der Boden dröhnt und die Decke zittert, die Musik wird stürmisch wie die Posaunen von Jericho – aber man hört sie kaum mehr. Hören und Sehen vergeht einem ganz. Mitten im Gewühl schlägt einer ein Rad, als müßt’ er den Kreuzstock in Splitter schlagen; ein anderer springt zu Boden, als sollte Alles in der nächsten Secunde parterre liegen.

Allmählich wird die Musik wieder mäßiger; die frechen Trompeten

[652] holen Athem – Piano – Pianissimo, und die Bursche kehren zurück zu ihren Mädchen. Jetzt kommt der Auerhahn. Schnalzend, pfeifend springt Jeder der Seinen nach, während das Deand’l in ununterbrochenen Kreisen ihm entflieht. Wie der Hahn die Flügel, hat er die Arme ausgespannt; bald duckt er sich vor ihr zur Erde, bald springt er sie in wildem Bogen an. Endlich hat er doch das Diend’l „g’fangt“.

Abenteuerliche Verwickelungen und Formen kommen dabei zu Tage, und im Schnaderhüpfl heißt es:

Die richtigen Diend’ln
Dös sän halt die kloan,
Die wickeln sich gar a so
Umi um oan.

Wenn der Tanz zu Ende ist, dann führt der Bursch sein Mädchen zum steinernen Kruge und läßt sie trinken. Dieser Trunk ist ebenso obligat, als das stumme Compliment, womit der befrackte Tänzer seiner Dame dankt. Er wird niemals abgewiesen, und keine entsetzte Mama stürzt herbei und ruft: „Kind, um Gotteswillen, Du bist echauffirt!“

Drinnen beim steinernen Krug im Nebenzimmer sitzen auch die Alten und disputiren, dieweil die Jugend außen tobt. Hier wird geplant für die Zukunft und geschimpft auf die Gegenwart – köstliche Genrebilder, für den, der sie malen könnte! Auch das Orchester zeigt drollige Figuren, wenn’s einmal tiefer in die Nacht geht. Da fallen dem müden Spielmann die Augen zu, und wenn er Nerven hätte, „wie die Groschenstricke“. Immer tiefer, immer zärtlicher sinkt sein Haupt auf die Baßgeige herunter, in deren Saiten er verzweifelt wühlt. Den Hornisten muß man zu jedem Tanz erst wecken, und selbst dann greift er gewöhnlich in der Eile nach dem Maßkrug statt nach dem Instrument. Nur die Bursche und Diend’ln „lassen nicht leicht aus“, bis der Morgen graut. „Das ist ein guter Nachtvogel,“ heißt es beinah von Jedem, „wenn er sechs Nächt’ nit schlaft, treibt er’s die siebente noch ärger.“

Die herrschende Tanzweise im Gebirge ist der Ländler, nur wenn an Kirchweihtagen die Handwerksgesellen des Ortes auf den Tanzplatz kommen, bestellen sie sich einen Walzer. Sind vollends ein paar Mistschaufler aus irgend einem herrschaftlichen Stalle da, so kommt es wohl gar im Einverständniß mit den mitsprechenden Köchinnen und Kammerkatzen zur Polka. Dieses Proletariat, das seine frechen Manieren mit halbeleganten Kleidern deckt, verunglimpft auch die Tanzböden, seit der Fremdenzug so viele vornehme Herren in’s Gebirge führt, und ist der Echtheit bäuerlichen Wesens mannigfach gefährlich.

Trotzdem bleibt der Tanzplatz noch immer ein sehr exclusiver Ort, wo die Lynchjustiz mehr Ansehen hat, als die Polizei. Auch das Tanzen ist nicht frei gegeben, sondern von den Anwesenden thun sich je acht bis zehn zusammen und bilden eine sogenannte „Schaar“. Solcher Schaaren, in welchen lauter gute Freunde oder Gemeindegenossen beisammen sind, giebt es etwa sechs bis sieben und für diese wird der Reihe nach aufgespielt. Jeder Tanz kostet einen Gulden, der durch Umlagen im Innern der Genossenschaft gedeckt wird. In dieser Weise bethätigt sich selbst beim Vergnügen der Genossenschaftstrieb, der so tief in allen Verhältnissen deutschen Rechtes und deutscher Cultur begründet ist.

Es ist auffallend, wie ablehnend sich auch die Mädchen gegen Fremde verhalten. Sie tanzen nicht gern mit einem „Herrischen“, denn größer, als die Ehre ist, wäre für sie die Schande, wenn dieser mit den ungewohnten Formen nicht zurecht käme. Auch kommt ein Mädchen bei Burschen ihres Gleichen leicht in Mißcredit, falls es sich einem Städter hold erzeigen wollte, weil man nach landesüblichen Begriffen gleich einen Schluß vom Wenigen auf Mehreres ziehen würde. In Galanteriesachen aber gilt noch heut der Grundsatz des Alterthums, daß der Fremde rechtlos ist.

Koketterie und Eifersucht, Eitelkeit und Rivalität giebt es auch auf dem Tanzplatz in den Bergen. Sie sind allenthalben, wo Menschen sind, sie bilden die Kehrseite der Oeffentlichkeit, der Geselligkeit. Dennoch hat hier die Geselligkeit ein von der städtischen verschiedenes Gepräge, sowohl was die Mischung der Elemente anlangt, als den Zweck. Vor Allem ist es bemerkenswerth, daß die Mädchen nicht von ihren Müttern begleitet werden. Diese erscheinen (außer bei Hochzeiten) niemals auf dem Tanzplatz, und vergeblich wird der Fremde jene würdigen Frauen suchen, denen er bisweilen im Salon begegnete. Ich meine jene Frauen, die stets durch die Lorgnette in die Zukunft ihrer Töchter blicken und mit eigenen Händen Propaganda für die Hand derselben machen. Es fehlt auf dem Lande die Absichtlichkeit, die das gesellige Zusammensein der großen Welt vergiftet. Im Charakter des Gebirgsvolkes überwiegt der Hang zu freier, ungebundener Bewegung bei weitem den Speculationstrieb; auch die Erziehung folgt diesem Zuge. Sobald es geht, wandeln Söhne und Töchter ihren eigenen Weg, der Bua hat sein Madel und das Madel hat seinen Buben, und erst wenn die Thatsachen allzu lebendig sprechen, giebt es Conflicte. Inzwischen sagen sich Vater und Mutter, daß sie’s auch nicht anders gemacht haben. Da ist es kein Wunder, wenn die Mädchen ganz allein auf den Tanzplatz kommen und wenn dort ein frischer, verwegener Ton regiert; aber selten gebricht es diesem Tone an Witz.

Beim Tanze liegt der Uebermuth fast in der Luft, Niemand ist vor seinem Ausbruch sicher, und am wenigsten, wie sich’s von selbst versteht, die Fremden. Noch heute muß ich an eine Scene denken, deren Augenzeuge ich vor Jahren in Egern war. Es befanden sich daselbst ein paar alte, dicke Damen von Adel, die mit bornirter Geschwätzigkeit sich über den Tanz moquirten. Plötzlich ging ein Holzknecht auf eine dieser verjährten Grazien los und forderte sie scherzhaft zum Tanze auf. Die Alte war sprachlos vor Entrüstung. Jener aber, an Körbe nicht gewöhnt, faßte sie ruhig um die Hüfte und im nächsten Augenblicke drehten sich die Beiden im rasenden Gewühle. Es sah aus, als hätte ein Mühlrad die Dame erfaßt, so blitzschnell, so unwiderstehlich war diese Rotation. Die seidene Mantille, die Bänder des würdigen Hutes flogen, es gab kein Entrinnen und keine Hülfe. Der Alten standen vor Wuth die Thränen in den Augen, aber sie tanzte, sie mußte tanzen, denn wer stehen bliebe, würde zertreten. Wohl schien es, als sei ihr letztes Stündlein gekommen, und schier wäre das Schnaderhüpfel für sie zur Wahrheit geworden, das da lautet:

Wenn ich amal stirb, stirb, stirb,
Spielt’s mir an Ländler auf,
Na tanzt mei Seel, Seel, Seel,
Pfeilgrad in Himmel ’nauf!

„Non, – je – meurs,“ flüsterte sie dem Holzknecht zu; der aber sprach:

„No mehr? Mir ist’s schon recht, wenn’s Dir nit damisch wird.“

Bedenklicher, als solche Scherze, sind die Balgereien, die nicht selten einen Tanz begleiten und wie der trojanische Krieg allezeit vom Weibe ausgehen. Auch hier habe ich eigenhändige Erfahrungen gesammelt, und es muß im Widerspruchsgeiste des Menschen liegen, daß er eine besondere Anhänglichkeit für jene Thüren bewahrt, wo er einmal hinausgeworfen wurde. Der Balcon von St. Quirin bleibt mir in dieser Beziehung ewig denkwürdig. Da bildeten sich auf einmal während des Tanzes zwei Parteien, ich weiß nicht mehr, auf welche ich durch das Gesetz der Schwere geschoben ward. Erst flogen die Hiebe, dann flog der Kreuzstock und durch diesen wurden etwa zwei Dutzend Personen auf den Balcon hinausgedrückt. Dann flogen wir selber, denn nach wenigen Secunden stürzte der Altan mit dem ganzen „schätzbaren Material“ zu Boden. „Herrgott,“ dacht’ ich im Fliegen, „mir thun nur die Gesandten leid, die Anno 1618 in Prag zum Fenster hinausgeworfen wurden; jetzt weiß ich erst, wie ungemüthlich dieses ist.“ Im Ganzen bin ich ebenso gut entronnen, wie die Gesandten, nur ein paar blaue Flecke hab ich noch lange zur Erinnerung an das Ereigniß bewahrt. Man findet bisweilen solche Vergißmeinnicht in den Bergen.

Nach städtischen Begriffen reicht die Galanterie eines Tänzers nur bis an die Schwelle des Saales. Bis dorthin geleitet er, wenn der Ball zu Ende ist, sein echauffirtes Schätzchen, dann macht er ein schmerzliches Compliment und geht. Der Jean aber holt einen Fiaker und in mütterlicher Obhut fährt das Fräulein nach Hause.

Im Gebirge führt der Bursch sein Mädel heim; es ist dies Recht und Pflicht für ihn. Zwischen Feldern und Wäldern zieht der Weg in’s Thal hinein, wo die einsamen Häuser am Fuße der Berge lehnen. Ueber den Bergen aber ist der Mond emporgestiegen und glitzert auf den Wellen. Es ist so stille. Nur die Bäume regen sich leise. Nur der halblaute Schritt hallt durch die Nacht. Langsam gehen die Beiden dahin, wer könnte schneller gehen in solcher Stunde? Schulter ist an Schulter gelehnt und

[653]
Die Gartenlaube (1868) b 653.jpg

Der Schuhplattltanz in Oberbaiern.
Originalzeichnung von O. Rostosky.

[654] lediglich, darauf beschränkt haben, daß der Kurfürst, der seine Gemahlin, die berühmte Sophie Charlotte, aufrichtig und treu geliebt hat, nur zu gewissen Stunden des Tages in einer besonderen Galerie des Schlosses mit seinen Favoriten gravitätisch auf und nieder ging, um die Mode jener Zeit mitzumachen, zu der an jedem Hofe auch eine wirkliche oder Titular Favorite gehörte.

Einmal zu dieser Höhe gelangt, kannte das würdige Paar keine Grenzen mehr für seinen Stolz und Uebermuth. Die frühere Schifferstochter forderte und verlangte den Vortritt vor allen Damen am Hofe, und selbst die Herzogin von Holstein verkaufte ihr für eine Summe von zehntausend Thalern dieses Recht, so daß ihr nur die Prinzessinnen des königlichen Hauses vorgingen. Die stolzen märkischen Damen von Adel mußten sich fügen oder sich zurückziehen. Selbst die Königin Sophie Charlotte hatte von der Frechheit dieser Parvenue zu leiden, da sie zu stolz und ehrenwerth war, der Gräfin den Zutritt zu ihren geistreichen Kreisen zu gestatten, und sich mit ihren Vertrauten und Freunden über die ungebildete Titular-Favorite moquirte. Die Letztere rächte sich dadurch, daß sie Zwietracht zwischen dem hohen Paare säete und außerdem die Einkünfte der Königin durch den Günstling schmälerte. Es kam selbst zu argen Auftritten und Conflicten mit den Frauen der fremden Gesandten. Bei der Taufe einer neugeborenen Prinzessin verlangte die Gräfin Wartenberg wie gewöhnlich den Vortritt vor allen übrigen eingeladenen Damen. Diesen unverschämten Ansprüchen wollte sich Frau von Lintlo, die Gemahlin des holländischen Gesandten, nicht fügen. Hinter einer Draperie versteckt, nahm sie den günstigen Augenblick wahr, um der Gräfin zuvorzukommen. Diese erholte sich jedoch bald von ihrer Ueberraschung und packte die Gesandtin bei ihrem Kleide, um sie zurückzuzerren. „Frau von Lintlo,“ so erzählt ein Augenzeuge, „machte jedoch eine geschickte Wendung, that einen Seitensprung und richtete im Kopfputz der Gräfin eine große Unordnung an, welche von der Gräfin durch einige Rippenstöße ripostirt wurde.“

Dieser Damenkampf drohte eine ernste politische Verwickelung herbeizuführen. Die Gräfin verlangte und erhielt die gewünschte Satisfaction, indem der Gesandtin der fernere Besuch des Hofes verboten und eine feierliche Abbitte von ihr gefordert wurde. Als der Gesandte dagegen opponirte, erließ Graf Wartenberg eine Note an die Generalstaaten, worin er drohte, die im Dienste der Generalstaaten stehenden preußischen Hilfstruppen zurückzuziehen; gleichzeitig erließ er an den commandirenden General den Befehl, Alles zum Rückmarsch anzuordnen. Unter diesen Umständen sah sich Frau von Lintlo durch die Instruktionen der Generalstaaten gezwungen, ihrer Gegnerin öffentlich eine vorher genau stylisirte Abbitte zu leisten.

Aber nicht immer war die Gräfin so glücklich, das Feld zu behaupten. Die zweite Gemahlin des Königs war nicht so nachsichtig wie die liebenswürdige Sophie Charlotte, die sich mit einigen Spöttereien begnügte. Als die Königin mit ihren Damen, unter denen sich auch die Favorite befand, an einem Teppich arbeitete, ließ diese sich von ihrem eigenen Bedienten den Kaffee in einer silbernen Tasse serviren. Ueber diese maßlose Unverschämtheit erzürnt, befahl ihr die Königin, sich mit ihrem Bedienten zu entfernen und ihren Kaffee zu Hause zu trinken. Da die Gräfin sich jedoch nicht stören ließ, rief die wüthende Königin einen Lakaien, um „diese Frau da“ und ihren Bedienten aus dem Fenster zu werfen. Auch die russische Gesandtin, Gräfin Matuoff, war nicht geneigt, den frechen Ansprüchen der Gräfin zu weichen. Bei einem Diner, das der Ersteren zu Ehren gegeben wurde, weigerte sich die Favorite zu erscheinen, wenn ihr nicht vorher der Vortritt zugestanden würde. Da dem Könige damals viel an der Freundschaft des russischen Hofes lag, so mußte sich in diesem Falle die Gräfin Wartenberg, wenn auch mit Widerstreben, zur Abbitte bequemen.

Solche Vorfalle mußten auf die Länge der Zeit selbst den gutmüthigen König auf das Treiben seines Günstlings aufmerksam machen und sein unbegrenztes Vertrauen erschüttern. Dazu kamen noch Klagen gegen Wartenberg und seinen Anhang. Diesmal trat der Kronprinz selbst, dem bei seiner Sparsamkeit die Verschwendung des Günstlings besonders verhaßt war, an die Spitze einer Partei, welche um jeden Preis den Minister entfernen wollte.

Die gefährliche Rolle des Anklägers übernahm der „ehrliche Kamecke“, ein biederer, anspruchsloser Mann, der dein verblendeten Könige die Augen öffnete. Durch das Schicksal des unglücklichen Werfen gewarnt, richtete er seine Beschuldigungen nicht direct gegen den Grafen Wartenberg, sondern gegen den Grafen Wittgenstein, dessen ergebenste Creatur. Kamecke führte nämlich den Beweis, daß Wittgenstein sich eigenmächtig eine Gehaltszulage von fünftausend Thalern zugetheilt, große Summen, die zur Unterstützung der durch die Pest heimgesuchten Provinzen bestimmt waren, unterschlagen und außerdem siebenzigtausend Thaler, die der König für die abgebrannte Stadt Crossen bewilligt, für sich zurückbehalten habe. Wittgenstein wurde für schuldig befunden und auf die Festung Spandau gebracht, trotzdem er sich in seiner Vertheidigung auf die Befehle des Grafen Wartenberg berief. So groß war die Wuth des erbitterten Volkes, daß bei seiner Abführung ihn seine militärische Begleitung vor Mißhandlung schützen mußte.

Bald folgte ihm der Günstling nach, obgleich der König nur ungern in seine Entlassung willigte. Der Graf, welcher seine Schwäche nur zu gut kannte, forderte nur noch einmal seinen Gebieter zu sehen; er ließ sich vor ihm auf ein Knie nieder und bat ihn flehentlich, ihm nicht seine Gnade zu entziehen, da er lieber sterben als den Anblick seines gütigen Herrn missen wolle. Es gelang ihm in der That, den gutmüthigen Friedrich bis zu Thränen zu rühren; er umarmte den Grafen und schenkte ihm noch einen Ring im Werthe von sechsundzwanzigtausend Thalern, aber trotzdem blieb er fest, indem er die Nothwendigkeit der Trennung einsah und deshalb den Grafen vom Hofe verbannte. Vor seiner Abreise schrieb er noch einmal dem König und ersuchte ihn, seinen Palast in der Poststraße und den Garten Monbijou, den die Gräfin nach dem Tode der Königin Sophie Charlotte zum Geschenk erhalten hatte, sowie sein kostbares Porcellan-Cabinet von ihm annehmen zu wollen. Der König bewilligte dies Gesuch, ließ ihm aber den vollen Werth der Schenkung in baarem Gelde auszahlen. Mit dieser Summe und den Millionen, die er dem Lande abgepreßt, zog sich der gestürzte Günstling nach Frankfurt am Main zurück, wo er unangefochten bis zum Jahre 1712 lebte und bis zu seinem Tode noch eine Pension von vierundzwanzigtausend Thalern bezog. Seine Bestrafung konnte nicht erfolgen, da er von jeder Verantwortung durch die oben angedeutete Urkunde freigesprochen wurde, deren bemerkenswerther Passus lautet: „daß, wenn bei des Oberkämmerers Verwaltung der Domänen und Schatullengüter irgendwelche Unrichtigkeiten in den Rechnungen, Versäumnisse und Vernachlässigungen der kurfürstlichen Interessen vorkommen sollten, nicht er, der Oberkämmerer, sondern die Subalternen zur Verantwortung gezogen werden sollten.“

Auch Graf Wittgenstein wurde schon nach einem halben Jahre wieder von der Festung entlassen, mußte aber achtzigtausend Thaler Strafgelder zahlen und das Land meiden. Trotz dieser milden Behandlung erhoben seine Standesgenossen Beschwerde beim Kaiser, indem sie dem Könige das Recht bestritten, einen deutschen Reichsgrafen, der in seinen Diensten und Sold stand, zu bestrafen, auch wenn er ein notorischer Verbrecher und überführter Betrüger wäre. Der Dritte in dem sauberen Bunde, Graf Wartensleben, war ein gutmüthiger Mann, nur gegen den allmächtigen Günstling allzu nachgiebig und gefällig; er wurde deshalb nur seiner Aemter entsetzt und vom Hofe verwiesen. Die verbannte Favorite begab sich nach dein Ableben ihres Gatten nach Paris, wo sie ihr Leben fortsetzte und so viele Liebschaften hatte, daß man, wie sie selbst frivol von sich rühmte, eher die Muscheln am Strande von Scheveningen zahlen könne, als ihre galanten Abenteuer.

Trotz aller Beweise schwerer Schuld bewahrte der König dem gefallenen Günstling eine fast unbegreifliche Freundschaft. Am Tage, wo die Leiche des Grafen Wartenberg laut seiner testamentarischen Anordnung nach Berlin gebracht wurde, um in der dortigen Parochialkirche beigesetzt zu werden, vergoß Friedrich Thränen der Trauer und ließ sich längere Zeit von Niemand sprechen. Das preußische Volk aber bewahrte dem Günstling und seinen Creaturen ein wohlverdientes schimpfliches Andenken durch den Namen der „drei Wehs“.

R.



[655] und geistige Selbstthätigkeit waren ihm Ziel des akademischen Studiums. Seine Erläuterungen nahmen häufig die Form der Frage und Antwort an. Der Zuhörer antwortete zwar nicht laut, aber er antwortete im Stillen und er hörte die Antworten des Meisters, die jener auf seine Fragen gab. Er ließ im Hörer die Fragen selbst auffinden, auf deren Beantwortung es ankam, und erfüllte ihn mit der Begierde diese Fragen zu lösen. Und doch sagte Schleiermacher selbst scherzweise, daß die Studenten nichts bei ihm lernen könnten! Er war allerdings kein Münzmeister, der Jeden mit einer Anzahl von ausgeprägten Geldsorten versah zur Wegzehrung für den nächsten Bedarf, aber die Zutageförderung edler Metalle aus dem Schachte des Geistes lernte man bei ihm und die Münzkunst selbst. Wie wenig im Ganzen seine Lehrkunst jetzt auf unsern Universitäten verstanden und gehandhabt wird, weiß Jeder, der die „positiven“ Einflüsse auf den meisten derselben kennt.

Wie berauscht war ich aus dem ersten Colleg gegangen, der Mann hatte mich ganz gefangen genommen. Bald machte ich meine Aufwartung in Schleiermacher’s Wohnung. Der Herr Professor arbeitete in seinem Studirzimmer, ich wurde gemeldet und erwartete ihn klopfenden Herzens.

Bekannte, die Schleiermacher bereits besucht, hatten ihn beim ersten Zusammentreffen etwas kühl zurückhaltend gefunden. Er verhielt sich allerdings gewöhnlich scheinbar kalt, d. h. zuschauend, prüfend, indem er dem Gaste ruhig gestattete, sich ausführlich auszusprechen, und dabei ruhte sein Blick fest durchschauend, fast körperlich fühlbar auf dem Fremden. Das mochte unter Umständen etwas beengend sein. Nicht nur sein Naturell, auch die Verhältnisse veranlaßten diese Eigenthümlichkeit seines Benehmens. Schleiermacher war sehr thätig und in der Ausbeutung seiner Zeit äußerst sorgsam; so setzte er sich an den Arbeitstisch, auch wenn ihm nur fünf bis zehn Minuten freie Zeit zum Arbeiten blieben. Wurde er nun, wie so oft geschah, von seinen gelehrten Arbeiten weg zu Besuchen oder Geschäften gerufen, so hatten seine Züge allerdings anfangs einen etwas starren Ausdruck, der aber bald wich; in seinem Kopfe processirten eben noch Gedanken, die einer ganz andern Welt angehörten als der, der er sich im Augenblick widmen sollte.

Mich nahm er freundlichst auf und zeigte in seiner gewinnenden Unterhaltung ein merkwürdiges Verständniß für jugendliche Interessen; hatte er doch selbst noch ein jugendliches Herz neben seiner hohen Weisheit, und „ein alter Kopf und ein junges Herz“ haben in ihrer seltenen Vereinigung immer eine empfängliche, strebsame Jugend entzückt.

Er lud mich auf den folgenden Sonnabend Abend ein. Am Sonnabend jeder Woche hielt nämlich Schleiermacher offenes Haus und mochte es gern, wenn sich da auch die akademische Jugend unter seinen Gästen einfand. Als Hallescher Professor hatte er sogar einen Empfangsabend nur für Studenten bestimmt. „Ich weiß nicht,“ sagte er, „wer mehr dabei gewinnt, sie oder ich; ihnen wird vielleicht manches Dunkle durch diese freie Unterhaltung aufgehellt und sie gewinnen an Vertrauen. Ich aber gewinne dadurch offenbar einen sicheren Tact für meine Vorträge und weiß genauer, wie ich mir die besseren unter meinen Zuhörern zu denken habe, welches ihre Fähigkeiten und welches ihre Bedürfnisse sind. Dadurch gewinne ich auch an Muth, und so erweitert sich mir mit jedem Jahr die Bahn, die ich noch zu durchlaufen habe.“

Schleiermacher war eine durchaus gesellige Natur, trotz seiner „Monologe“ so wenig monologisch, daß er es als seine Ueberzeugung aussprach: „Wie abgerissen und elend würde eine Existenz sein, wenn man nicht durch, in und mit besseren Menschen leben könnte!“ und sich selbst eine „mehr sprechende, als schreibende Natur“ nannte. So hat er mannigfaltige Freundschaften gepflegt, so ließ er auch oft und gern die verschiedenartigen Anregungen einer bunten Gesellschaft auf sich einwirken. Und wie sprudelte es da von seinen Lippen, wie glänzten die lebhaften Augen, wie energisch gesticulirten die kleinen Hände durch die Luft, wenn er unter den Bekannten saß!

Schleiermacher war ein ausgezeichneter Gesellschafter. Sichtlich war sein Behagen, sich in Gesellschaft als Mensch unter Menschen wohl fühlen zu können, und von diesem Wohlgefühl ging etwas über auf Jeden, der ihm nahe kam. Er halte den „Tact des Herzens“, das sichere Gefühl für das, was dem Andern wohlthun oder ihn verletzen könnte. Mit Virtuosität ging er auf die fremdartigsten, ihm ganz fernliegenden Verhältnisse ein, er hatte Sinn für die leisesten persönlichen Beziehungen, er fand für Alles neue Gesichtspunkte und wußte sich und seine Umgebung für das Unscheinbarste zu interessiren, er sah mit seinem Meister Spinoza „im Alltäglichen das Höchste“.

Wenn Archenholz vom Philosophen fordert, im „Gewühl des Marktes und unter Geschrei der Krämer philosophiren zu können,“ so war Schleiermacher auch in dieser Beziehung Philosoph. In lebhaftester Gesellschaft trat er manchmal plötzlich seitwärts und stand still versunken oft zehn Minuten lang am Ofen, die beiden Vorderfinger an das linke Auge gelegt, wie er bei tiefem Nachdenken immer that. Man kannte diese Momente und ließ ihn ruhig gewähren, wußte man doch, daß, was die Gesellschaft in diesen Augenblicken des Versunkenseins von seiner Unterhaltung entbehrte, sie in der Predigt des nächsten Sonntages reichlich wiedererstattet erhalten würde. Schleiermacher fing nämlich schon am Montag an, die Predigt des nächsten Sonntages zu überdenken und im Kopfe auszuarbeiten – seine schriftlichen Notizen dazu waren ganz kurz – und dies geschah ebensowohl in der Einsamkeit des Studirzimmers, als im Geplauder einer Abendgesellschaft. Wurden vielleicht seine Predigten „von der Gesellschaft“ so gut verstanden, weil sie zum Theil in der Gesellschaft entstanden waren?

Seine Predigten! Sie waren so einzig, wie seine akademischen Vorträge. Vierundzwanzig Jahr lang zog er Tausende und aber Tausende mit seinem wunderbaren Worte in die früher oft leergebliebenen Räume der Dreifaltigkeitskirche. Wer Schleiermacher nicht predigen hörte, wird in den gedruckten Predigten nur eine schwache Ahnung ihrer außerordentlichen Wirkung haben. So wie Schleiermacher hat seit seinem Tode kein Prediger wieder in Berlin gepredigt und Keinem ist es gelungen, ein Publicum zu sammeln, wie er es vermochte. Leute aller Stände hat er zu seinen Füßen gefesselt, aus „gebildeten Verächtern der Religion“ fleißige Kirchgänger gemacht – ohne Eifern über Weltlust und schlechten Kirchenbesuch!

Allsonntäglich kamen sie gezogen, die Schaaren der Männer und Frauen, Jedermann sucht den gewohnten Sitz, grüßt den gewohnten Nachbar, festlich stille Erwartung liegt auf der dichten Versammlung. Noch ehe der Gesang schweigt, steigt er empor zur Kanzel, der kleine Mann, der aussprechen soll, was die vielgestaltige Menge da unten bewegt, dessen eigentlicher „Beruf es ist,“ wie er selbst sagt, „klarer darzustellen, was in allen ordentlichen Menschen schon ist, und es ihnen zum Bewußtsein zu bringen.“

Sein Auge schweift ruhig über die Versammlung, ein feines, freundliches Lächeln zuckt um seine Lippen, – er findet seine Getreuen gegenwärtig. Wie ein Kirchenvater steht er droben auf der Kanzel und mit wahrhaft „biblischer Zunge“ verkündet er seine quellenden Lebensworte. Es ist sehr richtig, was einer seiner Zuhörer ausgesprochen hat: „Wer in die persönliche Nähe des Mannes gerieth und die Gewalt seiner Beredsamkeit über sich ergehen ließ, der wurde durch ihn auf wunderbare Weise zum Christenthum bekehrt oder in ihm befestigt.“

Und allerdings, es lag ein seltener Zauber in seinen Worten. Nie erschien er auf der Kanzel als der Senator, der die Offenbarung proclamirt, immer war er der Tribun des Volkes, der in dessen Namen sich erhebt, um das geheimnißvolle Buch des Lebens zu entsiegeln. Schmetternd klang seine Stimme, wenn er sein Veto ausrief über alle Gesetze der Welt, wenn sie von Außen kamen oder die Ueberlieferung sie brachte. Der sinnende, stillberechnende Blick seines Auges leuchtete dann wie ein zündender Blitz, die kleine Gestalt des Mannes schien aus sich selbst herauszuwachsen, wenn er sich über den Rand der Kanzel bog, um einen Jeden an’s Herz zu klopfen lind auch im felsenfesten Unglauben die Quelle des Lebens zu entriegeln.

Mächtig zündend habe ich Schleiermacher hundertfach sprechen hören, doch nie so unvergeßlich schön und innig, als am Grabe seines neunjährigen Sohnes Nathanael. Wie Abraham hatte er lange gehofft auf einen Sohn, und diesen einen, den er unendlich lieb hatte, nahm ihm der Herr wieder.

Wie hatte er jubelnd die Geburt dieses Sohnes seinen Freunden gemeldet, in seiner frommen Freude in diesem kostbaren Geschenk „mir eine neue Aufforderung gefunden, sich selbst stets zu veredeln“; wie hatte er sorgsam seine Erziehung geleitet, wie reich war nun sein Familienleben geworden, als es neben Frau und [656] Töchtern auch einen Sohn einschloß! Er lebte so ganz in seinem häuslichen Glück, daß er wohl sagen konnte, „er gehe in seinen Arbeiten und seinem Hause ganz auf, es liege darin eine große Glückseligkeit, aber auch eine Mißlichkeit; denn in der Arbeit unterbreche ihn oft das Gefühl von Frau und Kindern, und mitten unter diesen schwärme ihm auch wieder die Arbeit im Kopfe herum.“ Dieses Glück erhielt mit dem Tode Nathanael’s seinen ersten und mächtigsten Schlag.

Schleiermacher’s Schmerz war gewaltig, aber er bekämpfte ihn auch gewaltig: eine wunderbare Weisheit, eine mildlächelnde Wehmuth war über sein ganzes Wesen gebreitet; so innig, so selig traurig blickten seine Augen. Es wurde Jedem heilig zu Muthe, der in diesen Tagen des Schmerzes Schleiermacher nahe kam.

Er geleitete seinen Sohn hinaus zur Ruhestätte; eine große Anzahl von Freunden Schleiermacher’s, seine übrigen Kinder, die Lehrer und Mitschüler Nathanael’s waren im Trauerzuge.

Der Vater stand am Sarge seines einzigen Sohnes, ihm die Grabrede zu halten. Seine Lippen zuckten schmerzlich, aber energisch legte sie der nach Fassung ringende Mann aufeinander, mir unendlicher Milde blickte er um sich, lautlose Stille entstand, – da rang sich leise das erste Wort von dem bekümmerten Herzen des Vaters und er begann jene einzige Rede, die in wunderbarer Mischung den Christ, den Vater, den Seelsorger der versammelten Gemeinde zeigt.

„Meine theuern Freunde, die Ihr hierher gekommen seid, um mit dein gebeugten Vater am Grabe des geliebten Kindes zu trauern! Ich weiß, Ihr seid nicht gekommen in der Meinung, ein Rohr zu sehen, das vom Winde bewegt wird. Aber was Ihr findet, ist doch nur ein alter Stamm, der soeben nicht bricht von dem einen Windstoß, der ihn plötzlich aus heiterer Höhe getroffen hat. Manch’ schwere Wolke ist über das Leben gezogen, aber was von außen kam, hat der Glaube überwunden, was von innen kam, hat die Liebe wieder gut gemacht; nun aber hat dieser eine Schlag, der erste in seiner Art, das Leben in seinen Wurzeln erschüttert. Ach, Kinder sind nicht nur theure, von Gott anvertraute Pfänder, für welche wir Rechenschaft zu geben haben, nicht nur unerschöpfliche Gegenstände der Sorge und der Pflicht, der Liebe und des Gebetes, sie sind auch ein unmittelbarer Segen für das Haus; sie geben leicht ebensoviel, als sie empfangen, sie erfrischen das Leben und erfreuen das Herz. Ein solcher Segen war nun auch dieser Knabe für unser Haus. Ja, wenn der Erlöser sagt, daß die Engel der Kleinen das Angesicht seines Vaters im Himmel sehen, so erschien uns in diesem Kinde, als schaue ein Engel aus ihm heraus, die Freundlichkeit unseres Gottes. Als Gott mir ihn gab, war mein erstes Gebet, daß väterliche Liebe mich nie verleiten möge, mehr von dem Knaben zu halten, als recht sei, und ich glaube, der Herr hat mir das gegeben. – Als ich ihm den Namen gab, den er führte, wollte ich ihn durch denselben nicht nur als eine theure, willkommene Gottesgabe begrüßen, sondern ich wollte dadurch zugleich den innigen Wunsch ausdrücken, daß er werden möge wie sein biblischer Namensahn, eine Seele, in der kein Falsch ist, und auch das hat mir der Herr gegeben. – Alle Hoffnungen, die auf ihm ruhten, liegen hier und sollen eingesenkt werden mit diesem Sarge. Was soll ich sagen? Es giebt einen Trost, den auch mir manch’ freundlicher Mund in diesen Tagen zugerufen hat; es ist nämlich der, daß Kinder, die jung hinweggenommen werden, doch allen Versuchungen und Gefahren entrückt und zeitig in den sichern Hafen gerettet sind. Diese Gefahren waren gewiß auch dem Knaben nicht ganz erspart; aber doch will dieser Trost nicht recht bei mir haften, wie ich bin, wie ich diese Welt immer ansehe als die, welche durch das Leben des Erlösers verherrlicht und durch die Wirksamkeit seines Geistes zu immer unaufhaltsam weiterer Entwickelung alles Guten und Schönen geheiligt ist.

Warum sollte ich nicht auch für ihn selbst auf die gute und gnädige Bewahrung Gottes hoffen? Auf andere Weise schöpfen viele Trauernde ihren Trost aus einer Fülle reizender Bilder, in denen sie sich die fortbestehende Gemeinschaft der Vorangegangenen und Zurückgebliebenen darstellen, und je mehr diese die Seele füllen, um desto mehr müssen alle Schmerzen über den Tod gestillt werden. Aber dem Manne, der zu sehr an die Strenge und Schärfe des Gedankens gewöhnt ist, lassen diese Bilder tausend unbeantwortete Fragen zurück und verlieren dadurch gar viel von ihrer tröstenden Kraft. So stehe ich denn hier mit meinem Trost und mit meiner Hoffnung allein auf dem bescheidenen, aber doch so reichen Worte der Schrift: ,Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden, wenn es aber erscheinen wird, werden wir sehen, wie er ist, und auf dem kräftigen Gebete des Herrn: ,Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die sein sollen, die Du mir gegeben hast? Auf diesen starken Glauben gestützt und von kindlicher Liebe getragen, spreche ich denn von Herzen: Der Herr hat ihn gegeben, der Name des Herrn sei gelobt dafür, daß er ihn gegeben! –

Meine Gattin und ich, wir haben Beide dieses Kind herzlich und zärtlich geliebt, und doch zieht sich durch unsere Erinnerungen an das Leben mit dein geliebten Kinde hier und da ein leiser Ton des Vorwurfs hindurch, und so glaube ich denn, es geht vielleicht Keiner dahin, gegen den Diejenigen, die am meisten mit ihm zu leben hatten, sich, wenn sie sich vor Gott prüfen, vollkommen genügten, wäre auch das anvertraute Leben nur so kurz gewesen wie dieses; darum laßt uns doch uns Alle untereinander lieben als solche, die bald, und ach wie bald! können von einander getrennt werden! – Nun Du, Gott, laß für mich und alle die Meinigen den gemeinsamen Schmerz ein Band womöglich noch innigerer Liebe werden. Gieb, daß auch diese schwere Stunde ein Segen werde für Alle, die da zugegen sind, laß Alle immer mehr zu der Weisheit reifen, die, über das Nichtige hinwegsehend, in allem Irdischen und Vergänglichen nur das Ewige sieht und liebt und in allen Deinen Rathschlüssen auch Deinen Frieden findet!“ –




Blätter und Blüthen.


In der Fremde.

O Thor, der Du in fremden Ländern
Geglaubt Dein Schicksal zu verändern,
Dasselbe bleibt es überall!
Der Sturm, der in der Wogen Schwall

5
Des Schiffes jäh Verderben zeugte,

Den Mast zerschmettert trieb zum Strand:
Er war’s, der schon die Fichte beugte,
Da sie im heim’schen Grund noch stand.
Der Schmerz, den Du hinausgetragen,

10
Weil Du gemeint, ihm zu entfliehn,

An Deinem Herzen wird er nagen,
Wird bis zum Grabe mit Dir zieh’n.
Geh mit Dir selbst streng in’s Gericht,
Und wenn Dir’s nicht gelingt, von innen,

15
Das Glück, die Ruhe zu gewinnen,

Von außen kommt Dir Beides nicht.

F. Bodenstedt.




Dr. A. Diezmann’s Büchersammlung, welche unter anderen eine ansehnliche Goethe- und Schiller-Bibliothek, mit Seltenheiten ersten Ranges, auch einige interessante Autographen enthält, kommt durch das bekannte Hartung’sche Auctions-Institut in Leipzig vom 26. October an zur öffentlichen Versteigerung. Außer einigen sehr seltenen alten Ausgaben Goethe’scher Einzelwerke enthält der Katalog aus der Schiller-Periode ein Unicum, das für den Sammler von größtem Interesse sein dürfte: die „Ankündigung der Horen“. Dieses Blatt in Folio ließ Schiller selbst drucken und verschickte es 1794 an ausgewählte Gelehrte, um diese zur Betheiligung durch Beiträge einzuladen; den Titel der Zeitschrift, das Honorar und die Adresse hat er eigenhändig beigeschrieben. Ferner werden noch manche Autographen und Manuscripte Goethe’s und Carl Maria’s von Weber geboten.




Das arithmetische Räthsel in Nr. 39, „das Blumenbeet“, hat in den Kreisen unserer Leser zahlreiche Auflösungen gefunden, von denen die meisten das Richtige treffen und einige sogar in poetischem Gewand erschienen sind. Wir sprechen für diese Freundlichkeit unseren Dank ans, indem wir zugleich denjenigen, welchen es zum Knacken solcher Nüsse an Zeit, Lust und Glück mangelt, die Auflösung hier mittheilen. Von der Gesammtzahl der einhunderteinunddreißig Blumen des Beetes gehörten den Nelken zehn, den Lilien einundvierzig, dem Tausendschön dreiunddreißig und den Levkoyen siebenundvierzig Stück an.




  1. Unsere urheitere Illustration hat eine traurige Bedeutung erlangt dadurch, daß sie das letzte Werk des so hochbegabten und glücklichthätigen Künstlers geworden ist. Wie unsere Leser bereits aus den Zeitungen wissen, ist der aus Leipzig gebürtige Maler O. Rostosky im Laufe dieses Sommers in München gestorben.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Fanny Lewald, Augsburger Allgemeine Zeitung, 1859, Nr. 238