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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1863
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[417]
Ein Polterabend.
Von J. D. H. Temme.
Es war ein warmer Augustabend und die Luft ruhig, als wir unsern Wagen verließen. Mein Freund, der Steuerrath, führte mich um das Dorf herum, an Wiesen vorüber, nach einem Wäldchen von Fichten, Birken und einzelnen Buchen. Wir waren in Dunkelheit und Stille gegangen. Als wir in das Wäldchen hineinschritten, war es darin noch dunkeler und stiller, als es am Dorfe und an den Wiesen gewesen war. Wir konnten in dem Wäldchen hundert Schritte zurückgelegt haben. Gerade vor uns, aber noch in weiter Ferne, wurde ein schwacher, unbestimmter Lichtschimmer wahrnehmbar. In derselben Richtung vernahm das Ohr ein unbestimmtes, summendes Geräusch.

„Dort!“ sagte mein Freund, indem er mit der Hand nach Lichtschimmer und Geräusch hinwies. Ich hatte ihm nichts zu erwidern, und wir setzten unseren Weg fort, immer in gerader Richtung nach Schimmer und Geräusch. Der Schimmer wurde heller; ein weiter Raum schien von einer Menge von Lichtern erleuchtet zu werden. Das Geräusch wurde vernehmlicher; Menschenstimmen sprachen und lachten durch einander. Wir kamen den Lichtern und den Stimmen näher und immer näher und waren fast unmittelbar bei ihnen; nur noch eine hohe und dichte Hecke trennte uns von ihnen. Der Steuerrath führte mich an diese; es war eine Taxushecke.

„Bleib’ Du hier stehen,“ sagte mein Freund. „Halte Dich ganz ruhig. Ich bin in zwei Minuten wieder bei Dir.“

„Wohin willst Du?“ fragte ich ihn.

„Recognosciren.“

Er ging an der Hecke entlang, und ich verlor ihn in der Dunkelheit aus den Augen. Er war leise gegangen; nach fünf Schritten hatte ich ihn nicht mehr gehört. Ich blieb auf der Stelle stehen, an der er sich von mir getrennt hatte, und versuchte, durch die Hecke in den Garten zu blicken, den sie von dem Wäldchen und von mir trennte. Die Hecke war zu breit, der Taxus zu dicht. Ich konnte zwar eine Menge von Lichtern und Lampen unterscheiden, die überall umher standen und hingen, bald hoch, bald niedrig, wohl auf Tischen, an Spalieren, in den Bäumen; ich sah auch, wie es zwischen und unter den Lichtern sich fortwährend hin und her bewegte. Weiter konnte ich aber nichts erkennen. Menschen mußten es sein, die sich so hin und her bewegten. Ich vernahm deutlich die Stimmen, die sich unterhielten, bald laut, bald leiser sprechend, rufend, scherzend, lachend. Es war eine große, heitere, muntere, lustige Gesellschaft da. In das Reden und Lachen mischte sich das Klirren von Gläsern, Ich fühlte mich befriedigt. War mein Zweck hier überhaupt zu erreichen, in dieser munteren, lustigen Gesellschaft schien er mir um so leichter erreichbar zu sein.

Und doch wollte es mich auf einmal heiß und kalt überlaufen, als ich so recht darüber nachdachte.

Ich kam von dem Schauplatze eines Mordes und ich suchte den Mörder.

Aber, meine lieben, freundlichen Leser, hier muß ein Anderer, als der bisher zu Dir sprach, das Wort nehmen. Der Schreiber dieser Zeilen, der Dir in der „Gartenlaube“ allerdings schon so manche Geschichte aus seiner früheren Thätigkeit als Criminalrichter erzählt hat, erzählt Dir jetzt nicht aus seinem eigenen Beamtenleben, sondern er erzählt diesmal nur nach, was er von einem anderen, auch schon alten Criminalrichter aus dessen Leben erfahren hat. Und so läßt er denn seinen Gewährsmann fortfahren.

Ich horchte, um zu unterscheiden, was und worüber gesprochen wurde, aber ich konnte nur einzelne Worte auffangen. Das Gesumme der Stimmen war zu bewegt, zu vielfach durch einander gekreuzt, als daß man zusammenhängende Worte oder Sätze hätte heraushören können. Das Einzelne, was ich verstand, bezog sich eben auf die Munterkeit der Gesellschaft, auf den herrlichen Abend, auf Wein und auf Punsch und was dazu gehörte oder damit zusammenhing. Nach einer Minute verstand ich gar kein Wort mehr. Eine Tanzmusik spielte auf, ganz nahe vor mir, dicht an der Taxushecke. Ihre lauten, lustigen Töne verschlangen jeden anderen Laut umher. Mein Freund, der Steuerrath, kam zurück.

„Folge mir,“ sagte er.

„Was hast Du gefunden?“

„Einen herrlichen Platz, an dem Alles zu überschauen ist.“

Er führte mich an der Hecke entlang, in der Richtung, in der er sich vorhin entfernt hatte. Wir kamen an dem großen erleuchteten Raume vorüber, in dem sich die lustige Gesellschaft befand. An dem Ende desselben wo sich die Hecke bog, machten wir Halt. In der Biegung war ein Gitterpförtchen, durch welches man jetzt den ganzen erhellten Raum des Gartens übersehen konnte. Vor dem Pförtchen stand eine große, breite Haselnußstaude. An sie stellten wir uns. Sie verbarg uns jedem Auge jenseits des Pförtchens, ließ aber unsere Blicke durch das Pförtchen völlig frei.

Der Garten war mit Lampen glänzend erleuchtet; Alles plauderte, lachte, scherzte, tanzte und trank. Sie waren Alle so fröhlich, so munter, so lustig. Aus dem dichtesten Haufen der Scherzenden und Lachenden schlich leise und verstohlen und ängstlich ein feines, blasses Mädchen heraus. Sie war hoch aufgeputzt, mehr als die Anderen. Sie war jung und schön, aber so sehr, so schrecklich blaß in ihrer Jugend, in ihrer Schönheit und in ihrem Putze. Sie schwankte auf das Pförtchen zu, hinter dem [418] wir standen, nach einem weniger erleuchteten Flecke neben dem Pförtchen. Es war eine Laube da. Eine einzige Lampe erleuchtete sie. Zu einer Ecke der Laube saß eine ältliche Frau allein. Wir hatten sie bisher nicht bemerkt. Sie war blaß, fast so bleich wie das Mädchen, und in dem abgehärmten Gesichte zeigte sich Schmerz, Sorge, Unruhe, Angst. Das Mädchen trat in die Laube .und warf sich in die Arme der blassen, von Schmerz und Angst verzehrten Frau.

„Mutter, ich sterbe!“

Die Angeredete zitterte heftig. „Möchte ich mit Dir sterben können, mein Kind!“ schluchzte sie.

Dann preßte die Mutter krampfhaft die Tochter an sich. Beide weinten. Hinter ihnen rauschte die lustige Tanzmusik, tanzten und sprangen die fröhlichen Paare, lachte, scherzte und jubilirte Alles.

Aus dem Haufen der Jubilirenden kam wieder Jemand hervor. Es war diesmal ein noch junger Mann, vielleicht im Anfange der dreißiger Jahre, von hohem, kräftigem Körperbau, von stolzer, vornehmer Haltung. Das aristokratisch geschnittene Gesicht war wettergebräunt, dunkelglühende Augen brannten unheimlich darin. Eine sonderbare Unruhe ergriff mich plötzlich bei dem Anblicke des jungen Mannes.

„Mein Gott, den habe ich irgendwo gesehen!“ mußte ich meinem Freunde zurufen.

„Still, still,“ ermahnte der Steuerrath mit seinem leisesten Flüstern. „Er könnte uns hören, er hat Augen, von denen man glauben sollte, er könne die Nacht damit durchbohren.“

Ich schwieg. Der Steuerrath hatte Recht. Der Mann war stehen geblieben, als er sich dem Haufen entwunden hatte. Er sah sich nach allen Seiten um, als suchte er etwas. Seine Augen fielen auch in die Richtung, in der wir standen. Sie bohrten sich brennend, leuchtend in die Finsterniß hinein, die uns hinter dem Pförtchen und den Zweigen und Blättern der Nußstaude barg. Sie schienen mit ihrem Glühen und Leuchten die Finsterniß zu durchbohren, zu erhellen. Dieser Blick war es, der jene plötzliche Unruhe, der eine etwas beängstigende, aber völlig unbestimmte Erinnerung in mir geweckt hatte, eine um so beängstigendere, je unbestimmter sie war.

„Um des Himmels willen, wo habe ich den Menschen gesehen?“ mußte ich mich selbst fragen, da ich den Freund nicht mehr fragen durfte. Eine Antwort hatte ich nicht. Die Blicke des Mannes hatten sich von dem Pförtchen, hinter dem wir standen, nach der Laube neben dem Pförtchen gewandt. Auch hier hafteten sie fest. Ihr Inneres schien er wirklich durchbohrt zu haben. Er schritt mit raschen Schlitten auf sie zu. Im Eingange blieb er stehen, die Mutter und die Tochter hatten ihn nicht bemerkt. Sie hielten sich noch umfangen und weinten noch still. Sie hatten sich in der einsamen Laube wohl sicher gefühlt.

Der Mann schaute finster auf die weinenden Frauen. Er stand kaum fünf Schritte von uns, und das Licht der Lampe in der Laube fiel voll auf sein Gesicht. Das war ein stolzes, herrisches, hartes Gesicht. Und wie verzehrend und vernichtend blickten die dunklen, glühenden Augen! Er stand so dicht vor mir, daß ich jeden Zug des Gesichts erkannte, aber den Menschen erkannte ich nicht wieder. Er schritt in die Laube hinein, nach Mutter und Tochter hin.

„Ah, hier?“ sagte er.

Nur die zwei Worte sprach er, aber finster, hart, herrisch, feindlich. Der ganze Charakter des Mannes sprach aus dem Tone der zwei Worte. Hätte ich ihn noch nicht gesehen gehabt, aus diesem Tone hätte ich mir den Mann zusammensetzen müssen, mit seiner Gestalt, mit seinem Gesichte. Die Stimme war mir fremd, ich hatte sie noch nie gehört. Mutter und Tochter waren auseinander gefahren, die Tochter war aufgesprungen. Er nahte sich ihr, und ich glaubte sie zittern zu sehen.

„Darf ich bitten?“ sagte er zu ihr.

Er bot ihr seinen Arm. Sie legte ihren zitternden Arm hinein. Er sah sie darauf an.

„Ah! und auch Thränen? An ihrem Polterabend darf die Braut ihren Gästen keine Thränen zeigen.“

Ja, sie feierten einen Polterabend, und das hochaufgeputzte junge, schöne, blasse und zitternde und weinende Mädchen war die Braut. Und der hohe, stolze, vornehme, harte, herrische, finstere Mann war der Bräutigam? Er hatte die Worte wieder so hart und herrisch und befehlend gesprochen. Das Mädchen trocknete hastig ihre Thränen.

„Hast Du nicht auch ein Lächeln?“ fragte er, und seine Frage war wieder ein harter, strenger Befehl.

Aber ein Lächeln hatte die Arme nicht. Sie wollte es erzwingen, aber sie vermochte es nicht.

„Zwinge Dich!“ sagte er dennoch zu ihr.

So führte er sie aus der Laube. Sie wollte noch einen Blick auf die Mutter werfen, aber sie wagte es nicht, an der Seite und unter den Blicken des finsteren und befehlenden Mannes, der mit der Frau kein Wort gesprochen, sie nicht einmal angesehen hatte. Er führte sie zu dem Haufen der jubelnden Gäste zurück, und die Gäste jubelten lauter bei dem Erscheinen der Beiden, stießen mit den klirrenden Gläsern an und riefen, daß es weit durch den Garten und durch die dichte Taxushecke in den dunklen Wald hineinschallte: „Hoch lebe das Brautpaar! Hoch und hoch und hoch!“

Und die Gläser erklirrten von Neuem, und die Musik spielte einen rauschenden Tusch, der all das Rufen und Gläserkirren und Jubeln übertönte. Ob da die blasse Braut das Lächeln gefunden hatte, das sie in der Laube nicht hatte erzwingen können? Die Mutter in der Laube saß noch still, mit verhülltem Gesicht, da. Sie weinte wohl noch immer. Mein Freund und ich durften wieder mit einander sprechen.

„Du hast den Menschen schon früher gesehen?“ fragte er mich.

„Ich weiß es nicht.“

„Du sagtest es!“

„Ich meinte es im ersten Augenblicke, da er dort aus der Menge heraustrat. Aber ich besinne mich seitdem vergeblich auf ihn, und seine Stimme war mir völlig unbekannt. Ich mußte mich geirrt haben.“

„Du bist seit vielen Jahren Criminalrichter, vielleicht aus Deiner Amtspraxis? Du kommst mit so vielen Leuten in Berührung, an so manchen Orten.“

„Als Criminalrichter sollte ich ihn gesehen haben, meinst Du?“

„Warum nicht? Hat er mit allem seinem stolzen, vornehmen Wesen nicht auch auf Dich einen unheimlichen Eindruck gemacht?“

„Ich kann es nicht leugnen, und ich muß Dir auch zugeben, der erste Eindruck, den ein Mensch auf mich gemacht hat, hat sich mir nachher noch immer als der richtige bewährt.“

„So lassen wir den Menschen nicht aus den Augen,“ sagte mein Freund.

„Aber welche entsetzliche Verhältnisse sind das hier!“ mußte ich ihm noch bemerken.

„Gerade darum! Indeß sehen wir jetzt zu der Gesellschaft!“

„Ich bin bereit.“

„Wir müssen zu unserem Wagen zurück. Nur in ihm dürfen wir anlangen und müssen vorn am Hause vorfahren.“

Wir verließen unsern heimlichen Platz hinter der Haselnußstaude neben dem kleinen Gitterpförtchen und kehrten in das Wäldchen zurück, durch das wir gekommen waren. Hinter uns spielte lustig die Tanzmusik, klirrten fröhlich die Gläser, rief und jubelte man Hoch und Hurrah! Mir traten aus dem Dunkel nur die Bilder der bleichen, zitternden Braut und ihrer still weinenden blassen Mutter hervor, und des finstern, harten, vornehmen Bräutigams. Wir gingen still. Der Steuerrath ging voraus. Auf einmal blieb er stehen. Wir hatten kaum dreißig bis vierzig Schritte zurückgelegt.

„Da nahet sich Jemand,“ flüsterte er mir zu.

Wir standen Beide und horchten. Aus der Mitte des Waldes her näherte sich ein Schritt. Wir gingen in einem schmalen Pfade; in demselben schien der Schein heranzukommen.

„Er darf uns nicht begegnen,“ sagte mein Freund. „Gehen wir aus die Seite.“

Wir gingen leise auf die Seite und verbargen uns hinter einer Fichte. Der Schritt kam näher. Ein einzelner Mensch ging vorüber. Er ging schnell, sicher; er mußte den Weg kennen. Zehn Schritte von uns, als er vorüber war, blieb er stehen. Er war nicht weit von der Taxushecke, von dem Pförtchen, an dem wir gestanden hatten. Er stand vielleicht eine Minute; dann setzte er seinen Weg fort, nach dem Pförtchen hin; aber er ging langsam, leise, vorsichtig.

„Was mag der hier vorhaben?“ sagte der Steuerrath.

„Du kennst ihn?“ fragte ich.

„Es ist der Inspector Holm.“

„Ah, von dem Du mir erzähltest?“ [419] „Derselbe. Was schleicht der da herum? Als wenn er etwas Böses im Sinne hätte.“

Wir gingen dem Menschen nach, leise, mit unhörbaren Schritten, von Fichte zu Fichte, von Birke zu Birke uns zurückschleichend. Wir hatten ihn aus dem Gesichte verloren, aber wir hörten seinen Schritt vor uns. Als wir zehn Schritte von dem Pförtchen entfernt waren, sahen wir ihn wieder. Er stand an dem Pförtchen, hinter der Haselnußstaude, an derselben Stelle, an der wir vorhin gestanden hatten. Er lauschte auch, wie wir, zuerst nach dem hellen Schauplatz des Jubels, dann in die stille Laube gleich nebenan. Auf einmal hörten wir ihn sprechen. Er flüsterte in die Laube hinein; leise genug; wir konnten dennoch verstehen, was er sagte. Es wurde ihm geantwortet; wir konnten auch das verstehen.

„Madame!“ rief er leise in die Laube hinein. „Darf ich Sie um ein paar Worte bitten?“

„Um Gotteswillen, Holm, Sie? Was wollen Sie hier?“

Die blasse Frau, die geängstigte Mutter der Braut rief es zurück, mit einer Stimme, die den höchsten Schreck verrieth.

„Wo kann ich Sie allein sprechen, Madame?“ fragte der Inspector Holm. „Aber sofort!“ Er sprach dringlich, eilig.

„Müssen Sie mich sprechen?“ fragte die Frau.

„Gewiß, gewiß! Ich habe Nachrichten von Ihrem Sohn.“

„Von Ulrich?“ schrie die Frau auf.

„Von ihm und von Ihrem Manne.“

„Mein Gott, reden Sie. Auf der Stelle! Ich beschwöre Sie.“

„Werden wir hier nicht gestört werden?“

„Nein,“ wollte die von Neuem, die auf den Tod geängstigte Frau wohl antworten. Da wurden sie schon gestört.

„Frau Mutter –" sprach im Eingange der Laube eine Stimme.

Es war die harte, befehlende Stimme des vornehmen Bräutigams.

„Frau Mutter –! Aber ah, Sie sprechen da mit Jemandem?"

Der wiederholte Schreck hatte die arme Frau doch nicht niedergeworfen. Sie hatte sich zusammennehmen können.

„Ich? Mit wem sollte ich sprechen?“

„Ich werde es erfahren.“

Ein rascher Schritt nahete sich dem Pförtchen. Es war der Bräutigam. Er wollte die Thür aufreißen, aber sie war verschlossen. „Teufel!“ fluchte er.

Er sah über sie hinüber, aber er gewahrte nichts. Der Inspector hatte sich an der Hecke der Laube, fast unter ihr, zur Erde niedergelassen. Der fluchende Mann kehrte in die Laube zu der Frau zurück.

„Madame, ich will wissen, mit wem Sie sprachen.“

Er war zornig geworden. Aber die unglückliche Frau war nicht ganz seine Sclavin.

„Mein Herr.“ sagte sie, und sie sprach die Worte mit ruhiger, fester Würde – „ich hoffe, Sie werden einsehen, daß das nicht der Ton ist, in dem Sie mit mir zu sprechen haben. Sie werden keine Antwort von mir erhalten.“

Die Ruhe und Festigkeit der Frau hatten ihm imponirt. Welche Zwangsmittel hätte er auch gegen die Frau gehabt?

„Folgen Sie mir, Madame. Es paßt sich für die Frau des Hauses nicht, sich den Gästen zu entziehen, zumal wenn der Hausherr nicht da ist. Kommen Sie mit mir zu der Gesellschaft zurück.“

An ihrem harten und befehlenden Tone hatte seine Stimme nichts verloren. Wir hörten, wie die Frau mit ihm die Laube verließ. Gleich darauf erhob sich der Inspector Holm aus seinem Versteck an der Laube. Er ging rechts um die Gartenhecke herum, nach dem Theile des Gartens hin, wo dieser dunkel war. Als er uns nicht mehr wahrnehmen konnte, verließen auch der Steuerrath und ich unseren Versteck und schritten wieder in das Wäldchen hinein, um zu unserem Wagen zu gelangen, der uns als Gäste zu der Festlichkeit bringen sollte, von der wir bis jetzt Zuschauer gewesen waren.

„Das ist ja ein entsetzlicher Polterabend!“ mußte ich ausrufen. „Und die beiden Frauen sind allein in der Gewalt des Menschen! Der Mann, der Vater nicht da, der Sohn, der Bruder nicht! Und ohne sie das Fest? Auch wohl morgen die Hochzeit? Und welche Schreckensnachrichten fürchtete die Frau über die Abwesenden zu erfahren? Sie schrie auf, als die Namen des Gatten und Sohnes genannt wurden.“

Der Steuerrath hatte keine Antwort auf meine Fragen, und bald darauf erreichen wir unseren Wagen und fuhren zu dem Gutshofe.




Aber ich muß erzählen, was uns hingeführt hatte. Am Abend vorher hatte mir ein reitender Gensd’arm ein Schreiben der russischen Grenzbehörde überbracht. Der Gensd’arm war an der fünf Meilen entfernten Grenze stationirt. Es war schon später Abend, als er bei mir ankam. In dem Schreiben stand, daß am Morgen von patrouillirenden russischen Grenzbeamten auf russischem Gebiete, nicht weit von der Grenze, die Leiche eines ermordeten Mannes gefunden sei. Der Mord sei wahrscheinlich in der vergangenen oder vorvergangenen Nacht geschehen, der Ermordete sei unbekannt, und trage eine Kleidung, deren Schnitt und übrige Beschaffenheit in Rußland ungewöhnlich sei. Dies mit anderen Umständen leite darauf hin, daß der Mord auf preußischem Gebiete verübt sei. Die Untersuchung des stattgefundenen Verbrechens werde daher nur zu einem Resultate führen können, wenn sie, und zwar auf das Schleunigste, gemeinschaftlich von den preußischen und russischen Behörden vorgenommen werde. Man ersuche mich, zu diesem Zwecke, um sofortige Herüberkunft.

Die russische Behörde schien Recht zu haben. Ein Resultat der Untersuchung war nur von einem solchen sofortigen Zusammengehen zu erwarten. Ich traf sofort Anstalten zur Abreise nach der Grenze. Aber auch schon diesseits der Grenze mußten Nachforschungen angestellt, Ermittelungen versucht werden. Bei dem Criminalgerichte, der Kreisjustizcommission, war von einem verübten Morde nichts bekannt.

„Kennen Sie den Inhalt des Schreibens?“ fragte ich den Gensd’armen.

„Nein. Der Kosak sagte nichts darüber.“

„Sprach er nicht von einem Morde?“

„Kein Wort. Er brachte mir nur das Schreiben und gab mir durch Zeichen zu verstehen, daß es so schleunig wie möglich besorgt werden müsse. Er verstand weder Deutsch noch Litthauisch, und ich verstand sein Russisch oder Kosaksch nicht.“

„Haben Sie nichts von einem Morde gehört, der an der Grenze verübt sei?“

„Gar nichts.“

„Auch nichts von Grenzexcessen?“

„Seit vierzehn Tagen nicht. Die Schmuggler hatten Unglück, da haben sie in der letzten Zeit nichts mehr gewagt.“

„Ja, ja, das ist es.“

Das war es, es war mein erster Gedanke gewesen, als ich das Schreiben gelesen hatte. An der russischen Grenze blühte damals der Schmuggelhandel, aus Preußen nach Rußland. Er blüht noch heute dort mit seinem ganzen Gefolge von Verrath, Rohheit, Gemeinheit, von Erziehung des Volkes zu allen möglichen Lastern und Verbrechen.

Der Schmuggel nach Rußland wurde im Großen getrieben. Verwegene, bewaffnete Banden schafften die Waaren über die Grenze, mit List, und wenn die List nicht ausreichte, mit Gewalt. Eine Zeit lang hatten fast Nacht für Nacht Kämpfe zwischen den Schmugglern und den russischen Grenzhusaren und Kosaken stattgefunden. Anfangs waren sie blutig gewesen, mit wechselndem Glücke. Dann war der Erfolg regelmäßig auf Seite der Schmuggler gewesen; sie hatten durch Scheinangriffe die Russen zu verlocken gewußt, so daß dort, wo der Uebergang der Waare erfolgen sollte und erfolgte, die Grenze frei war. Auf einmal hatte sich das Blatt gewendet. Den Scheinangriffen hatten die Russen nur Scheinvertheidigungen entgegengesetzt, und die Waarentransporte, die sich sicher glaubten, waren mit drei- bis viermal überlegener Macht überfallen und angegriffen worden und hatten von den Transporteuren im Stiche gelassen werden müssen. Diese hatten kaum die Grenze erreichen können, nicht selten unter Verlust von Todten und Verwundeten. Man hatte bei dem sich wiederholenden Unglück bald von Verrath gesprochen. Man konnte zuletzt nicht mehr daran zweifeln, auch daran nicht, daß der Verräther unter den Schmugglern selbst, unter den eigenen Cameraden zu suchen sei. Seit ungefähr vierzehn Tagen war darauf von den Schmugglern gar nichts unternommen, man hatte nicht das Geringste von ihnen gehört.

Wir erreichten die Grenze, ohne irgend einen Umstand zu erfahren, der mit dem Verbrechen hätte in Verbindung gebracht werden können. Die russischen Beamten erwarteten mich dort und führten uns zu der Leiche.

In einem Erlengebüsch, zwischen zwei dichten Erlen, lag die Leiche, ungefähr sechzig Schritte von dem Grenzwalle entfernt. Ein Grenzkosak, der am Mittage vorher in der Sonnenhitze einen schattigen [420] Platz gesucht, hatte sie dort zufällig gefunden. Man hatte sie liegen lassen, ganz in dem Zustande, wie sie aufgefunden war. So fand ich sie auch noch. Sie lag lang ausgestreckt da, auf dem Rücken. Sie lag in voller Bekleidung, nur die Kopfbedeckung und eine Halsbinde fehlten. An der Bekleidung war Manches zerrissen, Einzelnes offenbar absichtlich. Der Ermordete war ein junger Mann von etwa fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, von schlankem, fast zartem Körperbau, von etwas mehr als mittelmäßiger Größe, die Haare waren blond; das Gesicht war fein geschnitten, aber mager, eingefallen; man glaubte, noch im Tode zu erkennen, daß es angenehme, geistreiche, lebhafte Züge gehabt habe. So sah man die Leiche eines jungen Mannes der sogenannten besseren, vielleicht gar höheren Gesellschaft vor sich.

Seinem Aeußern nach konnte der junge Mann nicht mit den Schmugglern in Verbindung gebracht werden, es konnte kein Camerad von ihnen sein, denn die Schmuggler der Grenze bestanden nur aus dem verkommensten, zusammengelaufenen Gesindel der Grenze: das Beste waren unter ihnen ein paar heruntergekommene oder sonst zweideutige Bauernwirthe. Aber in der That schien jenem Aeußeren die Bekleidung der Leiche nicht entsprechen zu wollen. Der Ermordete trug einen ganz gewöhnlichen, groben, grauen, langen Wandrock, wie ihn die litthauischen Bauern, und zwar auf preußischer Seite, zu tragen pflegten. Allein unter dem Rocke sah man eine Weste von schwarzem Atlas und dem modernsten Schnitt, und unter der Weste wieder ein Hemd von sehr feiner Leinwand, wie der beste litthauische Bauer sie wohl noch nie getragen hat. Dann waren die Beinkleider von feinem schwarzem Tuch und ebenfalls von modernem Schnitt, und die aristokratisch schmalen Füße waren mit eleganten Stiefeln bekleidet.

Der Mord war in doppelter Weise auszuführen gesucht. Zuerst hatte der Mörder sein Opfer erwürgen wollen. Die Spuren eines fest um den Hals gewundenen Strickes zeigten sich deutlich. Der Strick fehlte. Dann war der Hirnschädel an mehreren Stellen eingeschlagen. Es mußte mit einem stumpfen Instrumente geschehen sein, mit einem Stück Holz, einem Hakenstocke oder dergleichen. Ob der Tod durch jene oder durch diese Mißhandlung herbeigeführt, konnte sich erst durch eine Section der Leiche ergeben. Der Mord war nicht an der Stelle verübt, wo die Leiche gefunden war; er war überhaupt nicht auf russischem Boden verübt. Die russischen Behörden hatten das bisher nur vermuthen können. Gewiß feststellen konnten sie es nicht, weil sie allein die preußische Grenze nicht überschreiten durften.

Jetzt, unter meiner Leitung konnte dies geschehen. Auf dem Grenzwalle war an dem verbogenen Gebüsch zu bemerken, daß Jemand quer hinübergegangen sein müsse. Eine aufgefundene Fußspur bestätigte dies. Sie hatte in gerader Richtung den Wall überschritten. So wurde sie auch jenseits, auf preußischem Gebiete weiter verfolgt. Nach hundert Schritten führte sie nach der Mordstelle.

Der Boden war auf preußischer Seite, wie auf russischer, sumpfig, feucht, gruppenweise mit Erlen bewachsen. An einzelnen Stellen war er plötzlich sandig; dort standen verkrüppelte Fichten und Erlen; auf einem der sandigen Flecke war der Mord geschehen. Der Sand war in einem Umkreise von mehreren Schuhen von Blut geröthet, wie mit Blut getränkt. An Zweigen und Blättern der nächsten Erlen waren Blutstropfen angeklebt. Sie waren bei dem gewaltsamen Zerschlagen des Hirnschädels umher und in die Höhe gespritzt. Das war auch fast Alles, was zu sehen war.

Außerdem war namentlich daraus, daß an den nächsten Fichten und Erlen, obwohl zu diesen die Blutstropfen herangespritzt waren, kein Zweig und kein Blatt verbogen war, zu entnehmen, daß zwischen dem Mörder und dem Ermordeten durchaus kein Kampf stattgefunden hatte. Daraus und aus dem Befunde an der Lelche war dann auf die Mordspur weiter zu schließen. Der Mörder hatte den Ermordeten plötzlich und unversehens überfallen, entweder indem er ihm aufgelauert hatte, oder indem er vertraulich mit ihm gegangen war. Er hatte ihn sofort durch den Ueberfall kampfunfähig gemacht; wahrscheinlich indem er eine Schlinge, einen Strick, ihm um den Hals geworfen, sie zugezogen und ihn so niedergerissen und gewürgt hatte. Um des Todes sich ganz und völlig zu vergewissern, hatte er dann noch mit dem stumpfen Instrumente den Hirnschädel eingeschlagen. Den todten Körper hatte er über die Grenze getragen. Er hatte ihn nicht an der Erde geschleppt; davon hätten sich auch in jenem sandigen und schlüpfrigen Boden Spuren finden müssen. Er hatte ihn also getragen, und daraus war ein weiterer Schluß zu ziehen. Hatte nur ein einziger Mensch das Verbrechen verübt, so mußte es ein Mensch von großer, ungewöhnlicher Körperkraft sein.
(Fortsetzung folgt.)

Die Körner-Gräber und ihr alter Wächter.

Es war an einem wunderschönen Maimorgen, als ich mit einem Freunde mich auf die Wanderung machte, um die Grabstätte Theodor Körner’s einmal wieder zu besuchen.

Das Bauerndorf Wöbbelin liegt hart an der Ludwigslust-Schweriner Chausée und ist auffallend in die Länge gebaut. Gleich zu Anfang der Häuserreihe – von der Ludwigsluster Seite aus – erheben sich zwei mächtige Eichen, weithin sichtbar. Das ehrwürdige Geschwisterpaar ist ungefähr 40 Schritte von einander getrennt; unter dem entferntest liegenden Baume fand Theodor Körner die ewige Ruhe, und um ihn herum hat der Tod auch seine Lieben gebettet.

Anfangs befanden sich die Körner’schen Gräber allein auf dem Platze, und ein hölzernes Gitter, um welches sich im Abstande von circa 12 Fuß eine einfache Mauer herumzog, umschloß die heilige Stätte. Im Jahre 1839 ward die erste Einrahmung indeß durch eine eiserne ersetzt, und als man im nächstfolgenden Jahre den Platz mit einem Friedhof für die Dorfschaft vereinigte, fiel auch die Mauer, welche nun soweit hinausgerückt ist, daß sie die Körner-Gräber mit dem Gottesacker zu einem Ganzen umschließt; dem Dorfkirchhof öffnet sich jedoch ein eigenes Thor.

Den Grabstätten gegenüber liegt an der anderen Seite der Chaussée das Schulzengehöft, wo die Schlüssel zum Dichtergrabe aufbewahrt werden. „Vergeßt die treuen Todten nicht!“ lautet die ernste, mahnende Inschrift des Thores zu letzterem, welches in Gestalt eines Triumphbogens, nach einer Zeichnung von Schinkel, aufgeführt ist. Die eiserne, mit einem Helm gekrönte Gitterthür, welche schon in der früheren Mauer befindlich war, öffnete sich uns, und wir betraten den breiten Kiesweg, der, auf beiden Seiten von Birken, welche gleichsam trauernd ihre Zweige tief gesenkt haben, und Gebüsch begrenzt, in gerader Linie zu der Ruhestätte führt.

Da stehen wir vor der geweihten Stätte, – vor einem Heiligthum der Nation, – vor einem Tempel, darinnen der reinsten Begeisterung ein Altar gebaut ist! Wie viele Thränen mögen hier geflossen, wie viele Gelübde gen Himmel gestiegen, wie viele Erinnerungen an diesen einsamen und einfachen Ort geknüpft sein! – „Wir erblicken nur wenige Bildsäulen,“ sagt Thomas Abbt, „die uns die Lehre predigen: Stirb für’s Vaterland!“ Ich möchte behaupten, es giebt keinen andern einfacher gekennzeichneten Ort, der beredter so zu uns spräche, als Theodor Körner’s Grab.

Während wir uns dem Eindruck dieser Stätte hingaben, öffnete sich das Fenster eines naheliegenden Hauses, und ein von weißem Haar und Bart umrahmtes Greisenantlitz kam zum Vorschein, den Blick unverwandt auf den Kirchhof und uns geheftet. Die ehrwürdige Erscheinung zog mich mächtig an – vielleicht ein Zeuge der Trauervorgänge an diesem Orte, vermuthete ich, und als solcher sicher im Stande, die Einzelheiten des Sängerbegräbnisses zu erzählen. Ich beschloß, mich zu nähern. Ein eben Verübergehender sollte mir zuvor Auskunft geben.

„Das ist der frühere Dorfschulze Franck,“ lautete die Antwort, „der dort auf seinem Altentheil lebt.“

„Ist er denn schon Schulze gewesen, als Körner hier begraben wurde?“ fragte ich weiter.

„Gewiß,“ entgegnete der Andere, „er weiß Manches über den Vorgang zu erzählen, aber jetzt ist kein gut Umgehen mit ihm. Seit man ihn in den Ruhestand gesetzt hat, ist er ganz tiefsinnig geworden, und nur selten treten Augenblicke seiner früheren Gesprächigkeit wieder ein.“

Der Alte fesselte mein Interesse in noch höherem Grade. Ich trat zu ihm an’s Fenster und wünschte guten Tag. Er dankte indeß gar nicht und schlug das Fenster zu. Inzwischen war

[421]

Körner’s Tod.
Originalzeichnung nach authentischen Mittheilungen aufgenommen.

[422] auch mein Freund herangekommen, der auf meine Eröffnung vorschlug, dem Alten näher auf den Leib zu rücken. Wir thaten es. Bei unserm Eintritt in die Stube stand der Alte, den Rücken uns zugekehrt, vor einem Bilde, ohne umzuschauen. Zu unserer Verwunderung entdeckten wir als seine Augenweide eine Zeichnung des Körnergrabes.

„Das ist Euch wohl eine liebe Zimmerzierde, wenn gleich Ihr den Ort so nahe habt und mit den Augen ablangen könnt,“ unterbrach ich die beklommene Stille.

Nach einer Pause erst machte der Angeredete Kehrt und zeigte uns ein vom Alter durchfurchtes Gesicht, dessen lebhafte und kluge Augen unstät vom Einen zum Anderen fielen. Mit diesem Blick kam ihm auch die Sprache. – „Ja, ja, das Bild ist mir sehr theuer,“ begann er, „es ist ein Geschenk vom alten Rath Körner, und nun die Gräber, welche ich über vierzig Jahre gewssenhaft hütete, meiner Aufsicht entzogen sind – – – doch was wollen Sie?“ unterbrach er sich selbst, „Sie sehen, ich bin schwach und krank und kann Ihnen in nichts dienen.“

Wir sprachen den Wunsch aus, in seiner Begleitung das Dichtergrab zu besuchen – „denn ein Führer, wie Ihr,“ setzte ich hinzu, „wird uns gewiß so Manches von Theodor Körner erzählen können, für das wir bis in die kleinsten Einzelheiten das innigste Interesse hegen.“[1]

Es schien dem Alten sichtlich zu behagen und zu schmeicheln, daß wir von seiner Person so viel erwarteten. „Na, meinetwegen denn,“ rief er halb zögernd, „lassen Sie die Schlüssel herholen.“

Sie wurden bald gebracht. Er betrachtete sie eine Weile, als wenn er nach Merkmalen suche, in Wirklichkeit aber, um seine Gemüthsbewegung zu bemeistern.

„Als der alte Körner mir diese einhändigte,“ begann er auf’s Neue, „versprach er mir mit einem Handschlag, daß dieselben bis an mein Lebensende in meinen Händen verbleiben sollten. Das ist aber nicht in Erfüllung gegangen, denn als das Alter herannahte und man mich nicht länger als Schulzen brauchen zu können meinte, nahm man mir auch diese und gab sie meinem Nachfolger. Wenn der alte Rath oder die ehrwürdige Frau Räthin noch gelebt hätten, wär’s freilich nicht geschehen. Seh’n Sie, diese Maßregel hat mich tief gekränkt und ist die Ursache meiner Krankheit geworden. Neid wegen der wegfallenden kleinen Einkünfte kam wirklich nicht dazu, denn, Gott sei Dank, ich habe wohl ausreichend für die wenigen Tage, welche mir noch beschieden sind. Aber seh’n Sie, etwas Theueres, welches Einem zum Schutze anvertraut ist, und das man viele Jahre treu behütet hat, wird Einem selbst bald lieb und theuer, und einen harten Kampf kostet es, wenn’s Einem wieder genommen wird.“ Dabei rannen ihm die hellen Thränen über die Backen in den grauen Schnurrbart.

Die schlichten, ungeschminkten Worte machten einen tiefen Eindruck auf uns; so viel Pietät hatten wir bei dem Alten nicht zu finden geglaubt.

Inzwischen waren wir auf den Kirchhof gekommen. Franck blieb fast bei jedem Baum in der Birkenallee stehen, die er gepflanzt und viele Jahre hindurch gehegt und gepflegt hatte. Es ward ihm sichtbar schwer, seiner Rührung Herr zu werden – war er doch heute nach langer Zeit zum ersten Male wieder an dem ihm so theueren Orte.

Als wir an die Gräber herangekommen waren, setzten wir uns auf den Sockel des Denkmals. – „So, nun kann ich Ihnen meinetwegen erzählen, was ich von der traurigen Geschichte weiß, und was mir noch bis heute in meinem altersschwachen Gedächtniß sitzen geblieben ist,“ fing unser ehrwürdiger Cicerone unaufgefordert wieder an.

„Seh’n Sie, als der Marschall Davoust sich am 10. August 1813 von Hamburg aus gegen Mecklenburg in Bewegung gesetzt und am 23. August Schwerin besetzt hatte, war der General-Lieutenant Graf v. Walmoden-Gimborn, dessen Truppenabtheilung unter Tettenborn, dem kühnen Kosakenanführer, die Lützower zugetheilt standen, ihm in der rechten Flanke gefolgt und stellte sich nach dem Gefechte bei Vellahn – zwischen Boitzenburg und Wittenburg gelegen – den 21. August in der Ebene zwischen Ludwigslust und Neustadt auf. Die Truppen waren in einem Dreieck bei den umliegenden Dörfern postirt, die Reiterei stand bei Rastow, das Fußvolk bei Lüblow und hier bei Wöbbelin, die Avantgarde unter dem Kosakengeneral bei Fahrbinde. Tettenborn, der schon bis Warsow bei Schwerin vorgedrungen gewesen war, schickte den Major v. Lützow mit 100 Freischärlern und 100 Kosaken auf die Landstraße von Schwerin nach Gadebusch zu einem verwegenen Streifzug. Da zeigte sich in der Frühe des 26. August bei Rosenberg, zwischen letzteren Städten belegen, ein Transport feindlicher Wagen mit Proviant und Munition beladen, unter Bedeckung zweier Compagnien Infanterie; im Nu waren die Wagen genommen und die Bedeckung in die Flucht geschlagen oder niedergemacht. Der flüchtige Theil des Feindes hatte sich in ein rechts am Wege, hinter dem rosenberger Kruge liegendes Untergehölz von Tannen und Fichten geworfen und unterhielt von hier kurze Zeit ein Gewehrfeuer. – Sie wissen wohl das Nähere über Körner’s Tod, der hier erfolgte. [2] – Es dürfte Ihnen aber der Name des Cameraden unbekannt sein, in dessen Armen Körner seine Seele aushauchte. Es war der Jäger und Lützower F. Helfritz, nachmals Förster in der Gegend bei Ribnitz, dem Körner kurz vor dem Verscheiden noch seinen Ring als Andenken einhändigte. – Außer Körner waren noch ein Graf Hardenberg, ein Sohn des Landdrost v. H. zu Drönnewitz bei Wittenburg, und drei Gemeine gefallen.

Die Leichen wurden Nachts gegen 3 Uhr mit den erbeuteten Wagen und den Gefangenen hierher in’s Lager gebracht, und zwar erstere in das Haus eines alten Holzwärters zu Anfang des Dorfes, welches Sie von hier sehen können. (Dies ist der Gegenstand unseres Bildes.) Nachdem schnell ein paar leichte Särge für Körner und Hardenberg, von dem Tischler im Dorf zusammengezimmert waren, wollte man die Gefallenen zur Erde bestatten, aber nicht unter dieser alten Eiche hier, sondern dicht an dem Neustädter Landwege. Ich kam drüber zu und gab den Grabenden mein Mißfallen über die Wahl des Platzes zu erkennen. Wie leicht hätten auch die Grabhügel von den Dorfthieren, die hier oftmals frei herumliefen, aufgewühlt werden können. Inzwischen war auch der Lützower Fr. Förster, ein vertrauter Freund des Dichters und der Seinigen, herangekommen, mir vollkommen beistimmend. – Er habe schon Plätze unter den Eichen ausgesucht, sagte er, und man solle die Gruben wieder zuwerfen. – Damals ging die Erzählung, daß es Körner’s eigener Wunsch gewesen, unter dem alten Eichbaum die letzte Ruhe zu finden. Körner, hieß es, habe vor wenigen Tagen, nach einem weiten und ermüdenden Ritt, mit mehreren Cameraden im Schatten des gewaltigen Baumes gerastet und hier, während die Gefährten eingeschlafen waren, ein’s seiner schönsten Lieder, „Das Gebet während der Schlacht,“ gedichtet. Beim Aufbruch habe sich plötzlich Todesahnung seiner Seele bemächtigt, und, sich noch einmal zu der Eiche umwendend, soll er die Worte gesprochen haben: „Wenn ich falle, und ihr’s möglich machen könnt, so begrabt mich dort, wo wir eben so schön ruheten.“ Ob sich das so verhält, kann ich nicht verbürgen, aber gesprochen wurde viel davon.

Gegen Mittag fand die Beerdigung statt, nachdem ich noch eine Leichenbahre von Lüblow herbeigeholt. Man hatte dem Sänger im Tode seine Epauletten, sein Schwert und seine Uhr abgenommen, um solche den Seinigen als letzte Erinnerungszeichen zu überbringen. [3]

Die Züge des theueren Todten waren wie im Leben. Ich habe sie nach einigen Monaten, als man dem Sarge in der Erde eine andere Stellung gab, wobei sich der zu schwach befestigte Deckel verschob, noch einmal gesehen – verändert wohl, aber noch kenntlich. Mit Eichenzweigen geschmückt, ward der Sarg in die Gruft gesenkt. Dabei stimmten die Cameraden ein Lied an, aber das Singen wollte nicht recht gehen, denn der Schmerz übermannte oft die Sänger. Die Theilnahme war so groß, daß wohl kaum ein Soldat im Lager zurückgeblieben war; selbst die Aeste der Eiche waren dicht mit Kriegsleuten besetzt. Einfach war die Feier, aber tief ergreifend: manch erprobtem Krieger stahlen sich Thränen über die gebräunten Backen. Eh’ sich die Cameraden entfernten, lösten sie ein länglichrundes Stück Rinde aus dem Baum und brannten mit einem glühenden Eisen den Namen und Todestag des Gefallenen in’s Holz.

Graf Hardenberg ward unter der vierzig Schritt entfernt liegenden Eiche beigesetzt. Er hatte aber kaum vierzehn Wochen dort geschlafen, als seine Angehörigen ihn wieder ausgraben und in ihr [423] Familienbegräbniß bringen ließen. Im Garten von Drönnewitz ist ihm ein hübsches Denkmal gesetzt. Die übrigen drei Gefallenen begrub man etwa in der Mitte zwischen beiden Eichen. Zwei und zwei der Cameraden trugen die mit Stroh zugedeckten Leichen auf kleinen Tragbahren. Ihr Grabhügel zeichnet sich nicht mehr vom Erdboden ab, denn die erste Mauer lief gerade darüber hinweg und hat ihn geebnet.

Herzzerreißend war der Jammer der Angehörigen Körner’s, namentlich seiner Schwester Emma, beim ersten Besuch des Grabes. Wirr hing ihr das Haar um das bleiche Gesicht, und den Hügel umklammert haltend, rief sie im tiefsten Schmerze wiederholt den theuren Namen: „Theodor, mein Bruder – mein Bruder!“ Aber die Klagerufe verhallten ungehört im Rauschen der Eichwipfel. Fast gewaltsam mußte man sie endlich vom Grabe wegziehen.“

Der Alte machte eine Pause und fuhr mit der Hand über die nassen Augen. Mit bewegter Stimme erzählte er dann weiter: „Bei einem späteren Besuch zeichnete sie das Grab ihres Bruders, und das Bild, welches Sie vorhin in meiner Stube sahen, ist eine Copie jener Zeichnung. Ihr Sitz bei dieser Arbeit war der jetzt dort unter der Eiche liegende Stein, den ich von meiner Wohnung hatte herbeischaffen lassen.

Emma Körner war eine herzensgute, junge Dame und anscheinend große Kinderfreundin; meinen ältesten Jungen hat sie öfters auf den Armen getragen, geherzt und geküßt. Als der Kleine einst vergnügt mit ihrer Uhr spielte, versprach sie, bei nächster Herkunft ihm eine mitzubringen. Und sie kam bald wieder – aber ach, nur als Leiche! –“

Dann kam er wieder auf die Eiche zu sprechen. „Sehen Sie, in der Oeffnung dort hatte man zuerst ein kleines hölzernes Schränkchen angebracht, worin des Dichters Uhrband, geflochten aus den Haaren seiner Braut, Toni Adamberger, und ein Gedenkbuch mit einer Widmung des Professors Franz Passow vom 10. Juni 1814, aufbewahrt wurden. Als jene Reliquie aber von frevelnder Hand entwendet worden, mußte ich das Buch, welches auch zu sehr vom Einfluß des Wetters litt, auf Wunsch des alten Körner’s in meine Wohnung nehmen. Leider ist dasselbe um Ostern 1823, als mein Haus in Flammen aufging, mit verbrannt. Das neue Gedenkbuch ward bei Gelegenheit der zu Ehren Gottlieb Schnelle’s am 16. Juni 1845 stattgefundenen dreißigjährigen Schwertfeier angelegt und wird im Hause meines Nachfolgers aufbewahrt.“

„Ist denn Körner’s Braut, Toni Adamberger, niemals hier gewesen?“ fragte ich den Alten auf’s Neue.

Er sah trübselig drein. „Ja, ja,“ sagte er langsam und feierlich, „es mochte etwa ein Jahr nach der Beerdigung verflossen sein, als sie mit fünf Freundinnen die Ruhestätte ihres Verlobten besuchte. Ersparen Sie mir indeß die Schilderung der Scene am Grabe. Bevor sie wegging, schnitt sie eine Locke ihres prächtigen Haares ab und vergrub solche im Grabhügel. Im Fremdenbuch fand ich hernach die einfachen Worte von ihrer Hand: „Ich war hier und bin im Geiste oft hier.““

So plauderten wir lange mit dem Alten, selbst noch in seiner Wohnung, wohin er uns treuherzig mitzukommen geheißen. Von seiner Verschlossenheit, seinem Tiefsinn merkten wir in diesen Stunden keine Spur, vielmehr erklärte er uns wiederholt und noch beim Abschied und herzlichen Händedruck, daß es ihm heute nach langer Zeit einmal wieder recht frei und frisch um’s Herz sei. Und so sah es auch in unserer Brust aus. Trugen wir doch die schönste Erinnerung vom Dichtergrabe heim: den neu bestärkten Glauben an eine freie, unwandelbare Menschentreue, welche über’s Grab hinausreicht.

Noch wenige Monate, und es sind fünfzig Jahre verflossen, seit der liebliche und begeisterte Sänger, der edelmüthige Heldenjüngling Theodor Körner mit heiliger Opferfreudigkeit sein Herzblut für die große Sache des Vaterlandes dahingab. Am Rande eines halben Jahrhunderts seit der Erhebung Deutschlands wird das deutsche Volk auch seines Lieblings mit hohem Stolz und alter Liebe gedenken wird seinen treuen Todten nicht vergessen. Möge es dann auch des vieljährigen treuen Hüters der Gräber[4] unter der Wöbbeliner Eiche sich erinnern und durch liebevolle Anerkennung die Wolken verscheuchen, welche Undank um die Seele des biedern Alten gelagert hat. Möge die nationale Körnerfeier, welche man für den 26. August vorbereitet, in Wirklichkeit eine solche werden, indem sie auch den treuen Mann aus dem Volke ehrt und dessen Lebensabend durch den Sonnenschein der Dankbarkeit erhellt und erwärmt.




Eine Schweizer Dorfkomödie.

Von H. A. Berlepsch.[5]

Bei den alten Griechen und Römern bestand für das Drama das von Aristoteles aufgestellte unantastbare, eisern, streng befolgte Gesetz der Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung. Es widerstrebte der einfachen, natürlichen Auffassung jener Völker classischen Alterthums, blos durch gefälliges, rasches „Sich-Anbequemen an den Ideengang des Dichters“ auf der gleichen Bühne, am gleichen Platz in diesem Augenblicke mit dem Helden des Stückes durch die gemalten, hohen Hallen eines mit Trophäen und Ahnenbildern geschmückten gothischen Rittersaales zu phantasiren und in der nächsten Minute, auf Befehl des Theater-Maschinisten, sich in die Wildniß eines finsteren Waldes, oder in die rußige Hütte eines armen Köhlers oder gar in den Wolkenhimmel Raimund’s zu versetzen, wie diesen Scenen-Wechsel der Localitäten heutzutage die Decorations-Maler auf unseren modernen Bühnen uns vorgaukeln und oft zum Haupt- und Glanzpunkt der ganzen Aufführung machen. Diese hausbackene, man möchte fast sagen jungfräulich-naive Bedingung der alten Dramatiker ist auf der Kunstbühne längst verschwunden. Man würde denjenigen Dichter oder Dramaturgen für einen General-Zopf erklären, der heutzutage die theatralische Drei-Einheit wieder zur Geltung zu bringen suchen wollte. Und doch besteht factisch noch ein Stück jener alten, classischen Auffassung von der Nothwendigkeit der Einheit des Ortes, und zwar, was Niemand ahnen dürfte, – beim schweizerischen Bauer, wenn er Komödie spielt.

Ich habe schon viele solcher ergötzlicher Dorf-Suiten mitgemacht und will eine, die an drastischen Effecten am reichsten ist, hier erzählen.

In der deutschen Schweiz, besonders aber in den katholischen Cantonen oder Cantons-Theilen, herrscht von alter Zeit her der Gebrauch, namentlich beim Landvolke: im Frühjahr, meist nach Ostern, oft aber auch schon um Fastnacht, große dramatische Schaustücke im Freien zum Besten zu geben.

Bei einem großen Theile derselben geben Acte aus dem Leben eines Volkshelden oder glorreiche Thaten der Vorfahren die Unterlage des Schauspieles ab, das einst von einem Dorfpoeten oder enthusiastischen Schulmeister verfaßt, nie gedruckt wurde, sondern in Abschriften von einem Ort zum andern, von früheren Generationen auf spätere überging. In diesen echten Volksdramen herrscht gewöhnlich eine derbe, feste, dem Volke verständliche Sprache, wie sie der Bauer, der Aelpler, der Senn in Momenten großer Erregung [424] gebrauchen würde, wenn das Heil seiner Familie, seines Ortes, seines Vaterlandes in der Wagschale läge. Selten begegnet man schwülstigen Phrasen oder hochtrabender Diction, aber ebenso selten auch gemeinen Schimpfereien oder den im Alltagsleben sonst sehr beliebten Kraft-Ausdrücken. Die Figuren des Stückes sind meist eben so einfach gezeichnet und stechen von jener Art und Weise, wie uns der alte, halb-mythische Volksheld Tell im Schiller’schen Schauspiele von coulissen-wüthend gewordenen Erwerbs-Komödianten oft (selbst auf renommirten Bühnen) vorgeführt wird, freilich gewaltig ab. Auch die katastrophe-treibenden Mittel sind lange nicht so raffinirt, wie sie die Dichter unserer Tage häufig anwenden; das Volk braucht solche mit Cayenne-Pfeffer gewürzte Anregungen nicht, um sich lebhaft in die Situation zu versetzen; – es geht auch ohne dieselben in’s Geschirr.

Bei diesen specifisch schweizerisch-historischen Dramen wirken oft hundert und mehr Personen mit, zu Fuß und zu Pferde, zu Wasser und zu Lande, und mit dem Costüm wird’s natürlich, in Ermangelung einer großen Garderobe-Auswahl, nicht so streng genommen. Eine eigentliche Bühne existirt in der Regel dann nicht. Die Eintheilung und Anlage des ganzen, mehrere Stunden spielenden Stückes ist so getroffen, daß Alles sich im Freien begiebt. So sah ich vor einigen Jahren in Rorschach den berühmten Kampf der Unterwaldner gegen die Franzosen (1799) dramatisch darstellen. Hier öffnete eine auf freiem Markplatz abgehaltene Volksversammlung (die Imitation einer Landesgemeinde) mit kleinem und großem Rath, Säckelmeister, Bannerherrn, Landeswaibel und übrigen Beamteten, das Drama. Der Landschreiber mit großer Brille und Perrücke verlas auf rohgezimmerter Tribüne ein Manifest, welches die Obrigkeit an ihre „lieben und getreuen Landsleute und Bundesgenossen“ erließ, worauf dann der regierende Landammann den „Stuhl“ (so nennt der Schweizer die Tribüne, von welcher aus bei politischen Versammlungen zu ihm gesprochen wird) bestieg und das Volk in feurigen Worten haranguirte, treu zum Vaterlande zu halten, die von den Ureltern ererbte kostbare Freiheit mit Gut und Blut zu vertheidigen und lieber zu sterben, als Heimath und Recht sich rauben zu lassen.

Die Rede war von mächtiger Wirkung, nicht nur bei demjenigen Theile des Publicums, welches activ als bewaffneter Landsturm und als „Volk“ (wie unsere Theaterzettel sagen) die Tribüne umstand, sondern auch bei demjenigen Publicum, welches sich eingefunden hatte, das Schauspiel mit anzusehen. Jetzt folgte Rede und Gegenrede; Männer aus dem Volke verlangten das Wort und gaben ihre Meinung ab, was zu thun sei, genug, es war das leibhaftige Conterfei einer Agitation, wie sie in Wirklichkeit sich abwickeln würde. Als nun der Schluß einmüthig gefaßt worden war, dem Feinde fest und entschlossen die Stirn zu bieten, da langte die Nachricht an, daß General Schaumburg mit seinen fränkischen Würgerbanden zu landen versuche. Rasch hob die Obrigkeit die Versammlung auf, und Alles eilte zu den Waffen, an die bedrohten Punkte. Dies war der expositionelle Theil des Schauspiels. Nun entspannen sich Scenen da und dort. Eine Flotille mit Dorfschauspielern, als Franzosen verkleidet, Böller auf den Kähnen, kam über den Bodensee daher und kanonirte weidlich gegen die alarmirten Ufer. Die als Unterwaldner verkleideten Landleute ließen es nicht an Gegenwehr fehlen und verbrauchten nicht minder viel Pulver, um den Angriff abzuschlagen. Es gelang; aber da lief die Nachricht ein, von anderer Seite her dringe der Feind über’s Gebirge herein. Sofort Diversion und Kampfplatz an anderen Stellen. Die guten Patrioten nahmen sich das Ding recht ernstlich zu Herzen, und die resp. Jugend vergegenwärtigte sich den Krieg so lebhaft, daß sie zu Rasenfetzen und Steinen griff, um nach Kräften das Ihrige gegen die fremden Eindringlinge beizutragen. Es gelang. Auch hier wurden die Franzosen mit Glanz zum Rückzuge gezwungen. Dieses Angreifen und Abschlagen wiederholte sich in verschiedenen Formen und an verschiedenen Orten mehrmals, bis es endlich der französischen Uebermacht gelang, in Besitz der wichtigsten Positionen zu kommen. Das treue, zusammengeschmolzene Häuflein wurde immer enger eingeschlossen. Schöne Appenzellerinnen erschienen als bewaffnete Unterwaldnerinnen und wußten die Büchse so flott zu laden und abzufeuern, daß es eine Freude war. Zuletzt wurden die Unterwaldner in eine aus Latten errichtete und mit Papier überzogene Capelle, ihre letzte Zuflucht, gedrängt, und diese, von den Franzosen in Flammen gesteckt, vergrub die keine Heldenschaar ganz theatralisch unter ihren Trümmern. Hiermit schloß das Spectaculum.

Dies ist die eine Richtung der schweizerischen Dorfkomödien, von denen ich hier nicht eigentlich erzählen wollte, die ich aber deshalb mit wenigen Linien als Beispiel skizzirte, um zu zeigen, von welch außerordentlichem Einfluß solche Volksspiele und Volksfeste sind, und wie sie auf die Hebung und Stählung des Patriotismus mächtig einwirken. Der Schweizer ergreift überhaupt mit Freuden jede Gelegenheit, um seinem Nachbar, seinem Mitbürger, seiner Jugend mit beredtester Sprache, mit den einschlägigsten Mitteln immer und immer wieder es in’s Gedächtniß zu rufen: „Du bist frei geboren! Du bist Herr deines Landes, deines Eigenthumes, deines Rechtes. Kein Mann deiner Heimath steht so weit über dir, um dich, wider deinen Willen, Staatswege zu führen, die nicht Wege der allgemeinen und öffentlichen Wohlfahrt nach deinem guten, gesunden, natürlichen Verstande sind. Kein Beamteter der Regierung ist so mächtig, daß er deine von dir gewählten Cantons- und Nationalräthe ungestraft höhnen und ihre von Volkes Gnaden übertragenen Rechte und Freiheiten beeinträchtigen dürfte. Du bist ein Schweizer! Wehre dich und hilf, daß du es bleibst!“

Ja, ja, bei solcher Entschlossenheit, bei solchem Geiste im Volke, da muß es mächtig vorwärts gehen, soweit es die allgemeine, öffentliche Wohlfahrt beschlägt.

Doch ich wollte ja eine fidele Dorfkomödiensuite erzählen. Also zur Stange zurück.

Eine andere Gattung solcher Productionen bewegt sich auf dem Boden der Legende, der Sage oder gar der historia sacra. Das renommirteste Schaustück dieser Art ist das schon unendlich oft beschriebene und abgebildete „Passionsspiel in Ober-Ammergau“, das freilich nicht der Schweiz angehört. Diese Sorte von Klosterkomödien, welche die vornehmsten und dem Volke heiligsten Personen des Dogmas in plumper Weise profaniren, bestanden früher auch in der Schweiz, so lange eben noch specifisches Pfaffenregiment in manchen Cantonen herrschte. Jetzt sind sie gefallen. Dagegen schätzt das Volk die dramatisch bearbeitete romantische Sage hoch und läßt sie gern verkörpert an seinen Augen vorüber führen. In diesen Kreis gehört die Genovesa.

Vor mehreren Jahren wurde dieser Stoff, nach einer ebenfalls nie gedruckten Bearbeitung, im Dorfe Abtwyl bei St. Gallen auf offenem Platze vor dem Wirthshause aufgeführt. Ein halbrunder, mit leinenen Laken umspannter Raum bildete das Auditorium, vor dem ein etwa 5 Fuß hohes Podium, schlicht, wie es der Zimmermann mit der Axt herrichten kann, die Bühne darstellte. Der Hintergrund war ebenfalls mit leinenen Tüchern und ähnlichen Verhüllungsmitteln abgeschlossen, deren freier Anblick jedoch den gespannten Zuschauern durch allerlei Drapirungen und davor aufgepflanzte junge Tannenbäumchen entzogen wurde. In Mitte der Bühne stand eine wackere Tafel, gedeckt und reichlich mit Blumensträußen und blank geputztem Zinngeschirr aufgerüstet. Dies war Ritter Siegfried’s Schloßhalle, der eine und allgemeine Verhandlungsort alles dessen, was innerhalb der Burg sich zutrug. Hier tafelte der Graf prächtig und in Fülle, hier verkehrte er zärtlich mit seinem trauten Ehegemahl, hier schmiedete der böse Golo seine Pläne, und hier verstieß Siegfried seine Genovefa. Das Alles konnte auch recht wohl, ohne der „Einheit des Ortes“ zu nahe zu treten, hier sich begeben. An bemeldeter Tafel wurde mit einem wahrhaft appetiterregenden Appetit gezecht und getrunken und dadurch den Zuschauern ein schlagender Beweis von der Consumfähigkeit der Leute im Mittelalter gegeben.

Aber es kommen in der Historia von der edel- und tugendreichen Genovefa auch noch andere Localitäten vor, wo einzelne Scenen sich abwickeln, – und hier kommen wir endlich zu des Pudels Kern. So wie es den alten Griechen undenkbar war, daß die gleiche Schaustätte zugleich zehn oder zwanzig verschiedene Localitäten darstellen könne, ebenso ging es den braven Dorfmimen von Abtwyl. Da, wo noch eine Viertelstunde vorher Genovefa in den Armen ihres ritterlichen Gatten geschmaust hatte, wo noch die mit Speise und Trank reichlich beladene lange Tafel stand, die man nicht so rasch abräumen konnte wie die obligatorischen Tischchen mit den grünen oder rothen Teppichen unserer Conversationsstücke, – da konnte unmöglich zugleich auch der unheimliche, schwarze Wald sein, wo die unschuldige Genovefa „umgebrungen“ werden sollte, da konnte ebensowenig der Platz sein, wo Ritter Siegfried seine Fehden auskämpfte, und am allerwenigsten konnte die gleiche Bühne [425] mit ihrem enormen Victualienreichthum jene Höhle darstellen, in welcher die halbentblößte, bedauernswerte Genovefa sich von Wurzeln und wilden Beeren nährte, und ihr in der Verbannung geborenes Knäblein an die Brüste einer Hirschkuh legte. Das widerstritt der unverdorbenen Logik der Abtwyler Bauern. Aber ein schlauer Theaterdirector weiß sich zu helfen; so auch der Impressario von Abtwyl.

Dicht neben der Bühne stand ein prächtiger, zu hoher Laubkuppel sich wölbender Nußbaum, dessen Hauptäste so günstig gewachsen waren, daß sie, unmittelbar über dem Stammende ausbauchend, natürlichen Raum zu einer Tribüne boten, ähnlich so, wie man es in Mitteldeutschland oft bei den Dorflinden trifft, in deren Blätterlaub die Musikanten Sonntags ihr Orchester aufschlagen, während das junge harmlose Volk um die Linde tanzt.

Auf besagtem Nußbaum war ebenfalls vom Zimmermann ein Diminutiv-Bühnchen errichtet, und von der Hauptbühne führte eine Treppe dahinauf.

Das war der schwarze, finstere Wald. Hierher wurde Genovefa nach ihrer Verstoßung geschleppt, hier flehte sie, Angesichts der im Auditorium sitzenden Zuschauer, um ihr Leben, hier erweichte sie die Herzen der zum Morde gedungenen Knechte, und hier wurde das wilde Thier des Waldes getödtet und in sein Blut Genovefens Gewand getaucht, um es dem Grafen zu überbringen.

Bis hierher war der Verlauf der Komödie schon sehr originell; aber es sollte noch besser kommen. Ich hatte mir, durch Spendung einiger Maß Wein, die Erlaubniß bei den Herren Bühnen-Comitirten erwirkt, auch hinter den Coulissen herumsteigen zu dürfen, und da war ich denn Zeuge höchst naiver Momente.

Man hörte ein Trompetensignal. „Siehe zu, warum der Burgwart das Horn bläst!“ herrschte Siegfried einem seiner Diener zu. Dieser verließ die Bühne und stieg hinter der Leinwand, welche die Schloßhallen bildete, auf den Rasen hinter der Bühne hinab. Hier war ein berittener Knappe angelangt, mit einem mächtig großen Briefe in der Hand. Daß er wirklich seinem Gaul wacker zugesetzt haben mußte, ging daraus hervor, daß derselbe dampfte.

„Wer bist Du? was bringst Du?“ war die ernsthafte Anrede des von Graf Siegfried abgesandten Dieners, hinter der Bühne.

„Ich komme als Bote meines gestrengen Ritters N. N.,“ entgegnete der Reiter, „und bringe Deinem Herrn diesen Absagebrief.“

„Wohl! ich will ihn übergeben; gehe hinab in’s Gesindezimmer und nimm einen Imbiß zu Dir!“ – Diese ganze Verhandlung wurde, wie gesagt, hinter der Scene völlig ernsthaft gepflogen, so daß die auf den Bänken des Auditoriums sitzenden Zuschauer weder vom dampfenden Gaul, noch vom briefüberbringenden Knappen etwas sahen, noch das Zwiegespräch selbst mit anhörten. Graf Siegfried und das Publicum warteten ruhig in dazwischen entstehender Pause, was der Hornruf zu bedeuten gehabt haben möge. Aehnliche Scenen kamen noch mehre vor, die den Urzustand des Begriffes von dramatischer Darstellung documentirten. Aber das war all noch nicht das Beste; es kam noch origineller.

Graf Siegfried hatte (immer zwischendurch einmal nach alter, deutscher Rittersitte dem Weinhumpen zusprechend) die Fehde seines Nachbars angenommen und rüstete zum Streite.

„Jetzt, Ihr lieben Leute, wenn Ihr etwas sehen wollt, so müßt Ihr mit in’s Feld ziehen,“ hieß es; denn es widerstrebte der „Einheit des Ortes“, daß auf der gleichen Bühne auch das Schlachtfeld sein sollte. Und siehe da! Jung und Alt, Groß und Klein brach auf, verließ den improvisirten Musentempel und folgte keuchend und springend, in hell aufgelöstem Haufen der stattlichen Reiterschaar Siegfried’s, welche in frischem Trabe einem etwa ½ Stündchen vom Dorfe entfernt liegenden Wäldchen zusprengte. Hier angekommen, hielt der Graf Waffenschau über seine Leute, redete ihnen zu, sich wie die Teufel zu wehren, es koste ja im höchsten Falle nur das Leben, also nicht einmal das Vermögen, und – darauf ging die Paukerei los.

Aus dem Dickicht brach nämlich der feindliche Haufen des absagenden Ritters N. N. hervor, und zwar mit solcher Wuth, daß es Verwundungen absetzte und an manchen Kleidern die Fetzen herunterhingen. Auch hier ergriff des mitgelaufene Publicum Partei und half den Ausschlag geben.

Die Ueberwundenen wurden gebunden oder gefesselt, und im Siegeszuge ging es Graf Siegfried’s Burg, d. h. dem Theater wieder zu.

Nachdem Alle, die Schauspieler auf der Bühne, die Zuschauer auf dem Auditorium, sich durch einen herzhaften Schluck abermals gestärkt und Platz genommen hatten, ging die dramatische Vorstellung wieder vor sich.

Jetzt erfuhr Graf Siegfried die schlechten Machinationen seines Rathgebers Golo; er vernahm, daß die edel- und tugendreiche Genovefa noch lebe, draußen im Walde in einer Höhle verborgen; er ging in sich, bereute, faßte Entschlüsse, strafte, und – nun ging das Stück seiner schönsten und originellsten Scene, aber mit ihr auch dem Ende zu. Abermals wurden die Gäule vorgeführt, abermals verließen die ungemein heiter gestimmten städtischen und ländlichen Zuschauer ihre Spersitze, und abermals schaarten sie sich in langem Zuge hinaus, diesmal aber einer anderen Weltgegend zu.

An der Straße nach St. Gallen, seitwärts derselben, ist der graue Molasse-Sandstein bloßgelegt, und in demselben befindet sich ein niedriges, kaum 3 Fuß hohes Loch, wie ein Fuchsbau. Das war Genovefens Asyl, die ärmliche Heimath, in welcher der junge Graf das Licht der Welt erblickt hatte.

Vor diesem eine Höhle darstellen sollenden Fuchsloch hielt der Zug an.

Graf Siegfried im sammtenen Mantel, mit hohen Reiterstiefeln über den durch den Kampf im vorerwähnten Hölzli ziemlich unschimmer gewordenen Tricot-Beinkleidern, stieg vom Gaul, ging zum Fuchsloch und zog die nur mit den äußerst nothwendigsten Kleidungsstücken bedeckte Genovefa, so wie den einfach im Hemdli sich präsentirenden Sprößling seines erlauchten Stammes aus der dunkeln „Unterirdischkeit“ hervor; eine schöne weiße Ziege, Repräsentant der legendischen Hirschkuh, kam ebenfalls meckernd hervorgekrochen.

Stürmischer Jubel! nicht zu Ende kommender Applaus! Große Umarmung des Grafen und der wieder in bürgerliche, resp. gräfliche Ehren und Rechte eingesetzten Gattin, – Tusch der Bataillons-Feldmusik und ähnliche Ausbrüche des Entzückens.

„Seid umschlungen, Millionen,
Diesen Kuß der ganzen Welt!“ etc.

Nachdem der erste Taumel der Freude vorüber war und Signora Genovefa mehr als einem Dutzend fröhlicher Zuschauer, die aus mitgebrachter Flasche das Glas füllten und der Heldin des Stücks kredenzten, Bescheid gethan hatte, hob sie Graf Siegfried auf seinen Gaul und das halb nackte Bübli dazu, hielt nun noch eine kräftige Pauke an’s Volk mit der Schlußmoral, daß das Gute stets triumphiren und das Böse unterliegen werde, und schloß mit dem patriotischen Rufe: „D’ Schwyz soll leben, hoch!“ „Hoch! hoch! und dreimal hoch!“ stürmte es begeistert aus der Menge empor.

Die Tamboure (denn Militair in Landsturm-Uniform war mitgezogen, – der Anachronism der Garderobe genirte nicht), die Trommler rührten das Kalbfell, die Feldmusik schmetterte freudig einen Defilirmarsch über die schwellenden Felder hin, daß es droben an den Felsenwänden des alten Säntis wiederhallte, und im freudigsten Jubel zogen Volk und Künstler in’s Wirthshaus, wo eine große allgemeine Schlußscene bis tief in die Nacht hinein abgespielt wurde. – Das ist urwüchsiges Volksleben! Wer macht’s nach?




Eine Erinnerung an Georg Stephenson.
Von M. M. v. Weber.

Vertrauen besitzen ist immer eine Annehmlichkeit, aber Nichts weniger als immer eine Ehre. „Nichts, nächst dem Glücke,“ ruft schon la Rochefoucauld aus, „wird auf der Welt ungerechter vertheilt als das Vertrauen! Der Knabe, der mit verbundenen Augen in die Lottourne greift, vertheilt die Gewinne nicht weniger gerecht als Völker, Fürsten, Behörden und Freunde ihr Vertrauen spenden.“

Wie der Ruf, guter und böser, sich spontan erzeugt (wie etwa Infusorien und Moose aus einem Nichts, das die Luft willkürlich da und dorthin trägt, entstehen), ohne daß Handlungen und Gesinnungen [426] Etwas dagegen vermögen, so wandert das Vertrauen planlos von Mann zu Mann. Es kommt heut zu diesem, ohne zu sagen weshalb, verläßt ihn morgen, ohne daß er an Kopf und Herz um ein Haar breit anders geworden wäre, und wandert zu jenem, der unwerth ist, ihm die Riemen der Sohlen aufzulösen.

„Sei dem gleich, dessen Vertrauen Du gewinnen willst, denn der Thor kann nicht dem Weisen, und der Schuft darf nicht dem Biedermanne trauen,“ ist noch das sicherste Recept zur Erlangung dieses Gutes, das nun einmal, trotz seiner Wandelbarkeit, unentbehrlich zur Inslebenführung des bedeutsamen Gedankens und daher der schlimmste Feind jeder segenbringenden neuen Idee, jeder Entdeckung, ja jeder hervorragenden Begabung ist.

Die Fähigkeit, auch dem Bessern, Klügern und Größeren, als man selbst ist, vertrauen zu können, das „Genie des Vertrauens“, ist nur wenigen Auserwählten angeboren, ist aber ein Hauptelement der am seltensten von allen gefundenen Geistesgabe, nämlich des Talents für Regierung und Administration.

Dies Talent wird beim Individuum eingeschränkt, ja erstickt, durch Kleinlichkeit der Jugendeindrücke, Beschränktheit der Lebensverhältnisse, Mangel an Verkehr mit genialischen Persönlichkeiten, Philisterhaftigkeit der täglichen Thätigkeit und vor Allem durch den Mangel der Wanderjahre in der Erziehung und Bildung des Menschen, und es wohnt niemals, oder doch wunderbar selten, bei Mehrheiten, Collegien und Körperschaften, mögen sie Namen haben welche sie wollen, wenn sie nicht blos Echowände für die Stimme einer einzigen, dominirenden Persönlichkeit sind.

Der genuesische Tuchmachersohn wäre eben nicht Columbus gewesen, wenn er den Dummköpfen von Salamanca Vertrauen eingeflößt hätte. Salomon de Caus hätte nicht mit seiner Jammergestalt das weiche Herz Marion de Lorme’s in Bicêtre erschüttert, wenn er nicht Narr genug gewesen wäre, die Dampfmaschine zu erfinden. Das Comité des Parlaments von England hätte, bei Durchsicht der Pläne zu der Liverpool- und Manchester-Bahn, den großen Stephenson nicht „utterly devoid of common sense“ genannt, wenn seine Gedanken nicht über den gewöhnlichen Menschenverstand hinausgegangen wären. Ludwig dem Vierzehnten wären die Schreckensposten von Oudenarde und Malplaquet erspart worden, hätte er „Genie des Vertrauens“ genug besessen, dem unscheinbaren savoyischen Helden den Marschallstab in die Hände zu legen; Weber’s Opern hätten wahrscheinlich nicht verdient, seit 40 Jahren die Welt zu umwandern, wenn man an gewisser Stelle es nicht nöthig hätte finden müssen, ihre Partituren einem beschränkten Italiener zur Prüfung zuzusenden.

Je ferner Geburt und Lebensstellung einen Menschen von der unmittelbaren Wahrnehmung der Thatsachen des Lebens hält, je mehr talentlose Organisation und unpraktischer Usus eine Behörde darauf anweist, ihre Anschauungen sich aus dem Staube der Acten zu sammeln, die Wahrheit aus den Berichten subalterner Geister zu klauben, mit den Schritten Anderer zu messen und mit den Augen Anderer zu schauen, je schwerer es mit einem Worte leitenden Individualitäten gemacht ist, ihre Urtheile auf Autopsie und Thatsachen zu begründen: um so nothwendiger ist es für das Heil der Thätigkeiten, daß das „Genie des Vertrauens“ die Mängel ihrer directen Beziehungen mit dem Leben ersetze.

Bei der großen Seltenheit dieser Form des Genies, die es in hohem Maße unräthlich macht, auf ihre Anwesenheit an irgend einem Orte zu rechnen, ergiebt sich für den redlich eine edle Idee Verfolgenden, den redlich nach Erfüllung der Pflicht in Geist und Wahrheit Strebenden, der ganz kategorische Imperativ: dreimal in’s Herz zu greifen, dreimal Gewissen und eigene Ueberzeugung zu fragen, ehe er einmal die Hand ausstreckt, um nach Vertrauen zu haschen.

Wie aber Genie und Instinct so nahe beisammen liegen, so wenig in ihren charakteristischen Merkmalen getrennt sind, daß sie sich eigentlich nur in der Richtung ihrer Intuitionen unterscheiden, das Genie durch den Blick von oben nach unten, der Instinct durch Wahrnehmung von unten nach oben die Wahrheit erkennt, so wohnt, im Gegensatz zum Genie das Vertrauens bei den Befehlern, der Instinct des Vertrauens bei den Gehorchern.

Wie alle instinctiven Thätigkeiten ist er an Gattungen geknüpft, und seine Kundgebungen sind meist von fast unwidersprechlicher Wahrheitskraft.

Ein Untergebener, der das Vertrauen seiner Vorgesetzten nicht besitzt, kann trotzdem vortrefflich sein, ein Vorgesetzter aber, der das Vertrauen seiner Untergebenen genießt, ist ohne allen Zweifel desselben würdig.

Es hat Menschen von großen Gaben und Charakteren jederzeit gekennzeichnet, daß sie auch in untergeordneten Stellungen unwiderstehlich das Vertrauen von Arbeitsgenossen und Untergebenen an sich rissen und sie oft dadurch zu Opfer an Blut und Leben um sich versammelten, während ihre Vorgesetzten Bedenken trugen, ihnen die unbedeutendste Leistung anzuvertrauen. Es tritt dies, außer auf dem Schlachtfelde und auf dem Meere, mit am prägnantesten in jenen männlichen und kraftstählenden Thätigkeitskreisen hervor, welche die Neuzeit im Bereiche der Technik theils geschaffen, theils unendlich erweitert hat und in denen es so häufig gilt, im Kampfe mit der Elementargewalt das Vertrauen zu einer Persönlichkeit, oder einer Anordnung, trotz Noth und Gefahr zu bethätigen.

Einer der größten Menschen, den die Neuzeit innerhalb jener Thätigkeitskreise wirkend gesehen hat, und an dem sich das Gesagte auf’s Schlagendste bewahrheitet, ist der geniale Erfinder der Locomotive, Georg Stephenson.

„Es giebt Genies,“ sagt Arago in seiner Lobrede auf James Watt, „welche nicht allein die größten Ideen haben, sondern dieselben auch der Nachwelt so vollkommen verkörpert hinterlassen, daß dieselbe, mehrere Generationen lang, daran nichts Wesentliches zu verbessern finden kann.“

So hinterließ James Watt die stehende Dampfmaschine, fast ganz in der Form, wie wir sie jetzt, nach beinahe einem Jahrhundert, noch benutzen, so Georg Stephenson die Locomotive, an der die Epigonen nur Weniges zu verbessern wußten, und dies Wenige entsprang auch fast Alles wieder dem starken Geiste von des großen Mannes großem Sohne.

Georg Stephenson stammt von einem ehrsamen Arbeiterpaare Robert Stephenson und Mabel Carr her, das mühsam in den um Wylam in Northumberland gelegenen Kohlengruben um die Existenz kämpfte. Rings um das, fast eine Hütte zu nennende, kleine Haus, in dem das arme Kohlenarbeiterkind geboren wurde, schnauben jetzt die weltumgestaltenden Maschinen, die aus Wylam das für den Techniker machen, was Urbino für den Künstler ist.

Fast ganz ohne Erziehung gelassen, schuf sich der thatkräftige, echt anglosächsische Geist des Mannes aus sich selbst, gestaltete seine großen Talente, baute die mächtige Stirne von unglaublicher Capacität, schaute aus den großen, grauen Augen mit aller durchdringenden Schärfe und fast poetischen Weichheit zugleich und zeichnete um Mund und Wangen die kraftvollen Linien, die seinem Gesichte die Form gaben, von der der berühmte Bildhauer Marochetti sagte. „Sie ist dafür geschaffen, in Erz gegossen zu werden!“ Nur langsam gelangte Stephenson dazu, seine großen Gaben bethätigen zu können, nur klein waren die Stufen, um die sich die Stellungen, die er einnahm, über einander erhoben, denn wer sollte dem schlichten Arbeitsmanne größere Thätigkeitskreise anvertrauen, wer von den über ihm Stehenden hatte Lust sich die Mühe zu nehmen, sein Talent kennen zu lernen? Aber wo er auch stand, überall war er besser als seine Stellung, überall war er der unbedingt Erste unter Seinesgleichen, überall genoß er unter ihnen ein an das Wunderbare streifendes Vertrauen. Wo Stephenson stand, mußte gewiß der beste Platz sein; wo er arbeitete, förderte es am meisten; was er unternahm und that, das mußte gelingen – so sagten seine Collegen – Warum? Sie wußten’s nicht – aber es war „nonsense“ anderer Meinung zu sein. Bis zu welchem Grade zwingend dieses unerschütterliche instinctive Vertrauen auf seine Freunde und Arbeitsgenossen einwirkte, sie selbst zu fast verzweifelten Thaten fortriß, wenn er voranging, davon liefert folgende schöne Begebenheit Zeugniß, die wir aus einer Menge ähnlicher Züge hervorheben, welche seinen hohen Muth, seine Alles überwiegende Nächstenliebe bekunden, und welche der Verfasser, als er im Jahre 1844 mehrere Wochen beim Studium des Kohlenminenbetriebs bei Newcastle am Tyne zubrachte, im Munde der englischen Minenarbeiter gäng und gäbe fand, die von dem großen Manne gern als von einem „Ihresgleichen“ sprachen.

Im Jahre 1814 bekleidete Georg Stephenson (der auf seinem fürstlichen Landsitze zu Tapton, als Mann von weltweitem Ruhme, nach eben siegreich durchkämpften Streite mit einem reichen Herzoge in einer kostspieligen Frage der Horticultur, starb), mit 1 Pfd. Sterl. 15 Schill. Gehalt per Woche, den bescheidenen Posten als Maschinenwärter und Bremser der Pump- und Fördermaschine auf einer der Killingworth-Kohlengruben, dem West-Moor-Schacht.

[427] In seinem kleinen Häuschen zu Killingworth besserte der unermüdlich thätige Mann in seinen Mußestunden mit gleicher Sorgsamkeit die alten Schuhe, wie die Uhren seiner Arbeitsgenossen aus, um das Geld zu erwerben, welches dazu nöthig war, seinen Sohn „Dick“, den nachmals ebenfalls weltberühmten Robert Stephenson (nachmals leitender Ingenieur von mehr Eisenbahnen, als sehr viele Techniker gesehen haben, Mitglied des Parlaments von England und Träger der höchsten wissenschaftlichen und bürgerlichen Ehren), in der Sammelschule eines gewissen Bruce in Newcastle das lernen zu lassen, dessen Mangel ihn, Georgen, wie er sagte, abhielt „ein großer Mann“ zu werden.

An einem Sommerabende des genannten Jahres befand sich George Stephenson in dem kleinen Garten, der an seinem Häuschen lag, emsig mit der Pflege seiner Kohlpflanzen und Gurken beschäftigt. Die Gemüsecultur, die stets bei ihm eine wahre Leidenschaft geblieben ist, und die er später in den größten Dimensionen, mit ungemeinem Aufwande trieb, interessirte ihn schon damals sehr, und er war stolz darauf, daß seine Nachbarn zu ihm zu kommen pflegten, um die ungewöhnliche Größe seiner Kohlköpfe und Rüben anzuschauen.

Plötzlich dröhnte durch die Stille des Sommerabends ein dumpfer, den Boden erschütternder Donnerschlag, dem augenblicklich ein markerschütterndes Geschrei von der nahegelegenen Kohlengrube her folgte. Stephenson war keinen Augenblick im Zweifel darüber, daß eine Explosion schlagender Wetter in derselben stattgefunden haben müsse, und noch weniger über die Pflichten, die er dabei zu erfüllen hatte. Welche Gefahren sich daran knüpften, das war ihm, dem Erfahrenen, am wenigsten verborgen.

Schuhe und Hut anzulegen – dazu ließ er sich nicht die Zeit – aber ohne einen, vielleicht den letzten Kuß von seinem Weibe, seiner treuen, guten Fanny, zu gehen, das war ihm unmöglich, und diese Versäumniß müßte ihm der gerechte Gott schon verzeihen!

Aber kaum hatte er sich aus den Armen, die ihn fest umschlungen hielten, losgerungen, so trieb schon der „Instinct des Vertrauens“ heulende und schreiende Schaaren von Arbeitsgenossen, Weibern und Kindern der in der Grube steckenden Leute zu ihm in’s Haus, die es mit schreckverzerrten Gesichtern füllten und die Hände nach ihm streckten, ohne zu wissen, was sie eigentlich von ihm, dem einzelnen Manne, wollten. Ohne ein Wort zu verlieren, bahnte er sich einen Weg durch die dichte Masse, die dem Voranlaufenden getreulich folgte.

Dampf und Brodem schoß in mächtigen Säulen aus dem Schachte; das Dach des Maschinenhauses war durch den mächtigen Luftdruck der Explosion zerstört.

Die Grube hatte nur einen Förder- und Fahrschacht, aber mehrere Luftschachte, es war also möglich, daß die Leute unten, wenn sie nicht verschüttet waren, unerstickt geblieben sein konnten. Es galt sie herauszuschaffen, oder das Feuer, das offenbar unten brannte, zu dämpfen. Stephenson untersuchte ruhig seine Maschine, räumte dazwischen gefallene Trümmer weg, setzte sie in Gang, fand, daß sie sich gut bewegte, tauchte ein großes Tuch in Wasser und wickelte es sich um Kopf und Oberkörper, und in das zur Kohlenförderung bestimmte Gefäß steigend, das vier bis fünf Mann fassen konnte, und das der Dampf aus dem Schachte umqualmte, rief er mit starker Stimme in die Schaar, die ihn leichenblaß und stumm umstand, hinein: „Wer fährt mit hinunter?“ Entsetzt wichen die jüngsten und beherztesten, wie die ältesten und erfahrensten Leute vor dieser wahren Höllenfahrt zurück. Da befahl Stephenson seinem Stellvertreter, die Maschine in Gang zu setzen, indem er allein hinunter wolle, und sie schnell laufen zu lassen, damit er nicht schon unterwegs ersticke. Doch – da siegte der „Instinct des Vertrauens“ bei drei Männern im Kreise – sie sprangen zu ihm in das Fördergefäß – die Maschine zog an, und die vier Beherzten verschwanden, unter einem allgemeinen Geschrei des Entsetzens, in dem dampfenden Schlunde.

Die Grube war nur wenige hundert Fuß tief; die Hinabfahrt war daher, ohne vieles Athemholen, auszuhalten, und etwas betäubt, aber wohlbehalten langten die Männer unten an. Stephenson überzeugte sich bald, daß die Zerstörungen nur gering, nur zwei Leute durch die Explosion getödtet seien und die andern, entsetzt und ohne Geistesgegenwart, sich unter einen der Luftschächte zusammengedrängt hatten. In einem der Stollen brannte Zimmerung und Kohlenflötz, aus ihm qualmte der Brodem empor, der, inzwischen vermehrt, die Ausfahrt aus dem Schachte ganz unmöglich gemacht hatte.

Bei Stephenson’s Anblick brachen die Leute in ein Jubelgeschrei aus; starken Herzens und nur das Nothwendige im Auge, wies er schroff und hart alle Freudenbezeigungen zurück, befahl zehn von ihnen, die er als die besten Maurer kannte, sich mit Wasser zu begießen und ihm mit Maurerwerkzeug nach dem brennenden Stollen zu folgen. Zugleich mußten die Andern eine dichte Handlangerkette von dem im Schacht befindlichen Depot von Ziegeln und Kalk nach jenem Orte der Gefahr bilden. Als ob ein mächtiger Geist und nicht ein armer Maschinenwärter befehligte, gehorchte die Masse. Auf dem Leibe hinkriechend, näherte sich Stephenson mit den zehn Maurern der Mündung des brennenden Stollens; über ihre Leiber hin wurden ihnen Kalk und Steine zugereicht, und die Leute selbst wurden mit Wasser begossen. So begannen sie, unter unsäglichen Beschwerden der Athemnot und Glut, aber, trotzdem daß mehrere von ihnen immer matter und stiller wurden, bis sie endlich regungslos ausgestreckt lagen, mit aller Kraft, die ihnen die furchtbare Lage ließ, und, am rüstigsten unter ihnen arbeitend, Stephenson, eine Mauer an der Stollenmündung auszuführen. Je nachdem diese emporstieg und sie gegen Rauch und Hitze schützte, konnten sie sich mehr emporrichten, und um so schneller und freudiger förderte die Arbeit. Immer enger wurde das Loch, aus dem Rauch und Flamme herausqualmte, schon wollten sich einzelne Freudenrufe hören lassen, als Stephenson, der sehr wohl wußte, wie nahe die Gefahr einer zweiten Explosion lag, denselben kraftvoll Stille gebot, bis der letzte Stein in die Mauer gesetzt, der brennende Stollen verschlossen und die letzte Qualmwolke zur Schachtmündung hinausgezogen war. Dann ließ er die Schwächsten in das Fördergefäß steigen und an das Gotteslicht emporfahren, und so alle Lebendigen, und zuletzt die zwölf Leichen der bei der Explosion und dann bei der Arbeit Erstickten, die seine rüstigen drei Gefährten bei der Höllenfahrt, ihm in das Fördergefäß laden helfen mußten.

Endlich fuhr er auch selbst hinauf, wo die Ingenieure und Eigenthümer der Grube versammelt waren.

Die Ersteren lobten sein Verfahren und sagten, sie hätten es selbst nicht besser machen können; die Andern, denen er die Grube gerettet hatte, denn der Brand des Flötzes erlosch noch denselben Tag, erhöhten seinen Wochenlohn um 10 Schillinge!! – Einer unter diesen frug Stephenson im ersten Eindruck des neuen, durch die furchtbare Gewalt der schlagenden Wetter herbeigeführten Unglücks, und mit einem Anwehen des „Genies des Vertrauens“: „Mann! läßt sich denn gar Nichts gegen dieses Unheil thun?“ Und der noch in seinen nassen Kleidern triefende Stephenson sagte im Weggehen: „Ich sollte meinen, daß Gott Hülfe dagegen schicken würde, wenn sich ein guter Mann recht ernstlich damit beschäftigen wollte!“

Zwanzig Jahre später rang der Erfinder der Locomotive mit dem großen Humphry Davy um die Priorität der Erfindung der Sicherheitslampe!

Er war einer der „guten Männer“ gewesen, die Gott auserwählt, um seine Hülfe zu schicken, und der „Instinct des Vertrauens“ der armen Kohlenarbeiter hatte ihn längst als Rüstzeug der Vorsehung erkannt, als das Parlament noch die Pläne des dunkeln Mannes zu der Liverpool-Manchester-Eisenbahn verspottete.




Fürst Pückler-Muskau und seine Parkanlagen in Muskau und Branitz bei Cottbus.

Die Niederlausitz, weiland des heiligen römischen Reiches Erzsandbüchse, bietet dem Naturfreunde Reize dar, deren Vorhandensein wohl deshalb weniger gewürdigt wurde, weil dieser Landstrich, durch den Mangel an Eisenbahnen vom Reiseverkehr unberührt, in eine isolirte Lage geraten ist. Die eigenthümliche Bodenbildung des Spreewaldes, mit seinen hundert Canälen, hat zwar schon manchen Touristen zu einem Besuche veranlaßt, und neben mehr oder minder wahrheitsgetreuen Naturschilderungen sogar eine [428] liebliche Novelle in’s Leben gerufen, welche unter dem Titel „Die Schlangenkönigin“ in Gutzkow’s Unterhaltungen zu lesen ist; von dem Schmucke der Gartenanlagen in Muskau und Branitz aber, als deren Schöpfer der Fürst Pückler sich ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat, wird in Schrift und Wort noch wenig zur Oeffentlichkeit gelangt sein.

Schon lange vorher, ehe das so allgemeines Aufsehen erregende Werk über englische Zustände „Briefe eines Verstorbenen“ erschien, war dessen Verfasser wegen seiner Originalität berühmt. Ein nicht unbedeutendes Bändchen Pückleriana, worin die übersprudelnde Geistesquelle der jüngeren Jahre des Fürsten hervortritt, würde sich leicht zusammenstellen lassen, während das reifere Alter in großen und weiten Reisen Befriedigung suchte und fand, deren geistreiche Darstellungsweise eine

Fürst Pückler-Muskau.

Lieblingslectüre der vornehmen Welt geworden ist. Daß ein so reger, schaffender Geist auf dem Gebiete der Gartenkunst, die der Phantasie einen unbegrenzten Spielraum darbietet, Großartiges leisten würde, war zu erwarten, und in der That kann der Fürst als der größte Gartenkünstler seiner Zeit bezeichnet werden. Bei der Anlage der Babelsberger Gärten verlangte der jetzige König Wilhelm von Preußen vom Fürsten den Muskauer Gartendirector zur Leitung derselben, und wie der Gärtner angemeldet wurde, war es der Fürst selber, der sich als solcher vorstellte und jene Anlagen meisterhaft auszuführen verstand. Seit fünfzehn Jahren residirt der Fürst auf seinem Schlosse zu Branitz, welches er wahrhaft fürstlich eingerichtet hat, in philosophischer Ruhe nur mit seinen Parkanlagen beschäftigt; und wer die hohe Gestalt und kräftige Haltung des Mannes erblickt, wie er schaffend und anordnend stundenlang unermüdlich im Freien sich bewegt, der wird kaum glauben, einen Greis zu finden, der die Mitte der siebenziger Jahre bereits erreicht hat.

Der Fürst ist bis auf den heutigen Tag eine ebenso chevalereske und liebenswürdige Erscheinung, als das Verweilen in seiner Nähe interessant. Die Vormittage verlebt er allein, mit Correspondenz und Lectüre, oder mit Anordnungen für seine Parkanlagen beschäftigt; aber Nachmittags ist er, bis die Sonne sich senkt, fort und fort im Park zu sehen, unausgesetzt thätig anordnend und die herrlich gruppirte Parkschönheit selbst genießend, wobei er weder Wind noch Wetter scheut. Gönnt er sich auch zuweilen kleine Ausflüge im lieben deutschen Vaterlande, an den Hof oder in ein Bad, so ist er im Frühjahr und im Herbst, wo es gilt, zu pflanzen und neue Anlagen zu entwerfen, doch stets in Branitz. Jeden Abend um 6 oder 8 Uhr, je nach der Jahreszeit, fährt der Wagen nach der Stadt, der ihm einen oder zwei Gäste zum Diner zuführt. Zwei Stunden wird gespeist und zwar sehr gut, nicht nur geistig, sondern auch gastronomisch; sodann empfängt er auf ein halbes Stündchen seine Beamten und ordnet das Nöthige für den folgenden Tag, während Herr Billy, der netteste Zwerg Europa’s, welcher seine ganze Bildung und Existenz dem Fürsten verdankt, die Gäste im Nebenzimmer bei Mokka und Cigarren unterhält. Hier ist schon immer etwas Interessantes und Neues zurecht gelegt und das Gespräch ebenso ausreichend vorbereitet, wie es die eben empfangenen gastronomischen Genüsse waren; hier ist man umgeben von den mannigfaltigsten Kunstgegenständen, und doch in keinem Raritäten-Cabinet, denn jeder Gegenstand weckt irgend eine Erinnerung in dem Leben des Fürsten, oder stellt hervorragende Momente aus der russischen Zeit- und Kunstgeschichte dar.

Erscheint nun der Fürst, gewöhnlich in bequemer orientalischer Tracht, so wendet sich das Gespräch bald auf die Literatur, Religion oder Geschichte, je nach seiner oder der Gäste Geneigtheit; voller Geistesfrische und Humor geht er bereitwillig auf ihre Fragen ein, und mit allen irgend hervorragenden Persönlichkeiten des ganzen gegenwärtigen Jahrhunderts in Berührung gekommen, theilt er seine Erlebnisse mit ihnen eben so offen, als discret mit, je nach den Umständen und mit Rücksicht auf seine Gäste; nie spricht er von seinen Werken, giebt dem Gespräch auch bald eine andere Richtung, wenn man ungezwungen ihrer erwähnt, eine Bescheidenheit, die nicht alle seine schriftstellerischen Collegen in Deutschland theilen. Sein Lieblingsthema ist die Philosophie, worin Schopenhauer gegenwärtig mächtig auf ihn eingewirkt hat; dann unterhält er sich auch über das Jenseit und über die abweichenden Ansichten, welche unter den verschiedenen Völkern und Religionsgemeinschaften existiren, und dabei geht er auf jeden ihm dargebotenen Gedanken mit jener gereiften Lebensweisheit ein, die man nur als die wahre und echte Toleranz bezeichnen kann.

Einmal bei Tische befragt, warum er als Mausoleum sich nur eine Pyramide gebaut habe, die bei aller antiken und anmuthigen Form doch nur ein hervorragendes Gebilde von Sand sei, erwiderte der Fürst: „Weil ein solcher Sandhügel, dieser Tumulus, das Bleibendste ist, was es auf Gottes Erdboden giebt. Ich habe auf den Ruinen untergegangener asiatischer und afrikanischer Städte von welthistorischer Bedeutung gestanden; sie sind fast spurlos verschwunden, und die Trümmer früherer Herrlichkeit werden höchstens als Bausteine zu unbedeutenden Zwecken verwendet. Aber ich habe auch auf dem Schlachtfelde von Marathon mich umgesehen; zum Andenken an diese Schlacht ist ein halbes Jahrtausend vor Christo nur ein keiner Hügel von geringer Dimension und wenigen Fuß Höhe aufgeworfen worden, und dieser Hügel besteht heute noch. Wer wird sich die Mühe geben, meinen Tumulus, der nicht einmal fruchtbare Ackererde enthält, wieder auseinander zu werfen?

[429]

Die Parkanlagen in Branitz.
Der Rosenberg.     Der Kiosk.     Das Schloß von der Parkseite.     Das Schwanenhäuschen.     Die Treppenfichten.
Der Tumulus.

[430] Vor Ueberfluthungen unserer sanften Spree sind wir sicher, vulcanisch ist unsere Gegend nicht, mein Tumulus wird bleiben, so lange die Erde steht. Die scharfen Kanten wird der Wind verwehen, nichts weiter.“

Wenn seltenere Gäste vom Auslande oder aus entfernteren Beziehungen bei ihm einkehren, so zieht er diese mit seinem Gaste aus Cottbus gern in das herrlich erleuchtete Billardzimmer mit seinen umfassenderen Dimensionen. Hier giebt er sich ganz derjenigen Unterhaltung hin, welche den Gästen angenehm zu sein scheint; aber auf den Tischen liegen dann kostbare Kupferwerke, die er selbst aus Rom oder Paris mitgebracht hat, und die immer neuen Stoff zur Unterhaltung gewähren. Oder er führt sie in ein Zimmer, wo vorzugsweise orientalische Gegenstände, in ein anderes, wo englische Kunstgegenstände mit ähnlichen aus allen Gegenden der Erde gruppirt sich finden; oder man durchwandelt mit ihm seine mit den herrlichsten Prachtwerken und Bästen ausgestattete Bibliothek. Dabei ist er immer lebhaft neu und interessant.

Wenden wir uns jetzt zu den Schöpfungen des Fürsten selbst, indem wir versuchen, in einer gedrängten Charakteristik dem Leser ein anschauliches Bild derselben vorzuführen.

Im Jahre 1817 begann der Fürst die riesenhafte Aufgabe, die Umgegend der Stadt Muskau zum Park umzuschaffen. Die Oertlichkeit bot dazu manche Vortheile wegen der durchgängig malerischen Bildung des Bodens und einer großen Abwechslung von Berg und Thal; wegen des Neißeflusses, der das zum Park bestimmte Land durchströmt; wegen des Vorhandenseins mancher schöner Bäume, namentlich Eichen und Linden. Die Nachtheile dagegen bestanden hauptsächlich in einer im Allgemeinen sandigen, größtenteils nur mit Kiefernwäldern bedeckten Gegend; in einem meistentheils schlechten Boden im Bereich des zum Park bestimmten Terrains selbst; in der zur Abrundung des Ganzen nothwendigen Erwerbung von mehr als zweitausend Morgen fremden Landes, welches zum drei- bis sechsfachen Werthe angekauft werden mußte.

Die großen Schwierigkeiten, mit welchen der Fürst bei der Anlage zu kämpfen hatte, und welche mit einer seltenen Ausdauer während seines 35jährigen Besitzes der Herrschaft, ohne Abweichung vom vorgesteckten Ziele, von ihm bewältigt wurden, werden folgende Angaben dartun: Um Erde zum Ausfüllen der bedeutenden Wallgräben zu gewinnen, und zugleich um über verschiedenartige Wasseransichten disponiren zu können, war es nothwendig, einen Arm aus der den Park durchströmenden Neiße abzuleiten und auszugraben, welcher jetzt während eines Laufes von fast dreiviertel Stunde zwei Seeen von bedeutendem Flächeninhalte bildet; die Wiesenanlagen erforderten ungeheure Meliorationsarbeiten, welche jahrelang andauerten; zum Theil mußten grüne Flächen hergestellt werden, wo früher Sandberge waren, andere niedrig gelegene Gründe waren bodenlose Sümpfe, welche durch die kostspieligsten Entwässerungsarbeiten, durch Ausfüllen der Tiefen u. s. w. tragbar gemacht werden mußten. Rechnet man zu diesen Schwierigkeiten noch das Melioriren eines großen Theils der zu Pflanzungen bestimmten Flächen, ferner die Herstellung und Instandhaltung der Blumengärten und des pleasure-ground, wo jedes Blumenbeet mehrere Fuß tief mit guter Erde versehen und auf die Rasenflächen die größte Sorgfalt verwendet werden mußte, und endlich daß zu allen Pflanzungen zwei bis drei Fuß tief reolt worden ist, daß es also im ganzen großen Park keinen Quadratfuß Land giebt, der nicht durch Menschenhände mit der Schaufel bearbeitet worden wäre, so wird man den Geist bewundern müssen, der in höchst genialer und consequenter Weise solch ein großartiges Werk zur Vollendung gebracht hat.

Wo in einer armen und reizlosen Gegend eine neue, schönere Landschaft geschaffen werden soll, ist Größe der Anlage allerdings eine Hauptbedingung; so wurde denn auch bei Muskau die Grundidee des Ganzen festgehalten und überall gleichzeitig darin vorgeschritten, während die Ausführungen in den Details nach und nach erfolgten und manchen Veränderungen unterworfen wurden, die zur Herstellung der Harmonie des Ganzen erforderlich waren. Beim Beginn der Anlagen mangelte es an kundigen Gärtnern in Deutschland, der Fürst ließ daher zu zwei verschiedenen Malen Gartenkünstler aus England kommen; sie nützten der Sache jedoch nur wenig, außer daß Beide ihn in seinen Plänen bestärkten. Einen größeren Nutzen hatte er dagegen von seinem deutschen Obergärtner, Namens Rehder, der sich durch unermüdliche Sorgfalt und durch geschickte Ausführung der vorgeschriebenen Arbeiten um den Muskauer Park sehr verdient gemacht hat. Gewiß war es nicht leicht, dem rastlos arbeitenden Genius des Fürsten einen befriedigenden Ausdruck zu geben, daher mußten denn auch die ersten Anlagen fast sämmtlich drei bis vier Mal geändert werden, ehe sie dem Schönheitssinn des über seine eigenen Werke die strengste Kritik übenden Fürsten Genüge leisteten. Später war dies nicht mehr nöthig, ja man kam bald so weit, um aus dem Schatze der eigenen Erfahrung selbst feste Regeln aufstellen zu können.

Der Muskauer Park umfaßte zur Zeit des Fürsten 4284 Morgen, wovon 1760 Morgen Pflanzungen, 860 Morgen Wiesen- und Rasenplätze sind. Gegen 10,000 laufende Ruthen Fahrwege, wie auch an 2000 laufende Ruthen Fußwege befinden sich darin. und seiner generellen Eintheilung nach zerfällt er in drei Theile, nämlich in den Schloßpark, den Park des Bades oder den Bergpark, und in den äußeren Park.

Es ist bei der Anlage darauf Bedacht genommen worden, daß die einzelnen Gegenstände der Landschaft nicht untereinander gemischt, daß vielmehr die Blumengärten, der pleasure-ground, und der Park auch für das Auge gesondert und abgegrenzt erscheinen. Der pleasure-ground, dehnt sich rund um das Schloß aus und befindet sich nicht, wie es in England fast überall Sitte ist, an der einen Seite desselben. Die Gebäude stehen mit ihren Umgebungen stets in sinniger Beziehung; in ihrer Nähe sind hauptsächlich Bäume mit dunklem Laube gepflanzt worden, wie Eichen, Linden, Ulmen, weil die Gebäude daraus immer freundlicher hervorblicken, als aus hellem Laube. Das Schloß ist der Centralpunkt der ganzen Anlage und da, wie überall, die Ansicht vom Wohnhause dem individuellen Geschmack des Besitzers möglichst angemessen eingerichtet wird, so ist von den Fenstern des Schlosses aus eine fortlaufende Bildergallerie geöffnet, immer neu und immer schön, großartig und voller Harmonie. Diese Bildergallerie setzt sich für den aufmerksamen Beschauer durch den ganzen Park fort, der, was Farbe und Form anbetrifft, den Schönheitssinn in jeder Jahreszeit befriedigen wird, selbst im Winter, wo die Laubfärbung und die Ausschmückung fehlt; denn die Schönheit der Formen tritt gerade in dieser Jahreszeit in ihrer ganzen Classicität hervor. Die Wege sind so angelegt, daß sie als unsichtbare Führer an die schönsten Partieen der Landschaft hinführen, und durch geschickte Disposition der Pflanzungen möglichst gedeckt; ihre technische Ausführung ist vortrefflich. Das Wasser, welches der Canal aus der Neiße durch den Park leitet, giebt dem Landschaftsbilde Leben und Bewegung und hebt die Eigenthümlichkeit eines jeden Theils der Anlage, den es berührt, noch mehr hervor.

Der Grundzug, welcher durch das Ganze weht, verräth ein richtiges Erkennen und ein geniales Auffassen des Charakters der Gegend, der durch geschmackvolles Arrangement der Pflanzungen, Gebäude und aller zur Landschaft gehörigen Gegenstände noch mehr hervorgehoben und verstärkt worden ist. Das hohe Verständniß der Natur und ein jahrelanges Studium der Eigentümlichkeiten der Bodenbildung ist überall sichtbar, und so wie er in großen und einfachen Linien sich darstellt, charakterisirt Ruhe und Entschiedenheit in den Formen den ganzen Park.

Nach erfolgtem Verkauf der Herrschaft Muskau führte der Fürst Pückler den Entschluß aus, seine Besitzung Branitz bei Cottbus in einen Park umzuwandeln, und das Werk wurde im Jahre 1848 in Angriff genommen. Von den vielen Vorzügen, die das Terrain um Muskau zur Unterstützung solcher Anlagen darbot, war hier nicht einer vorhanden. Eine kahle Gegend, ohne Abwechselung von Berg und Thal, ja fast ohne irgend eine Bodenerhöhung, bedeckt mit traurig öden Ackerflächen, die von Nadelholz und verkrüppelten Bäumen unterbrochen wurden, ein tiefer Sandboden, untermischt mit einzelnen sumpfigen Stellen, dies war das Feld, welches dem Fürsten sich darbot und ihm Gelegenheit geben sollte, eine Wüste in ein Paradies zu verwandeln. Die Spree, welche der Besitzung als Grenze dient, hat flache, reizlose Ufer und eine nur unbedeutende Wassermenge, die theilweise zur Benutzung von industriellen Anlagen vorher abgeleitet worden ist; sie konnte zur Hebung eines landschaftlichen Gemäldes wenig beitragen. Das Schloß war verfallen, und von einem Schloßgarten waren kaum noch Spuren bemerkbar, da bei den früheren Pachtverhältnissen seit fast hundert Jahren die landwirthschaftlichen Interessen vorgewaltet hatten. Es mußte hier das Ganze erst wahrhaft geschaffen werden, und wie diese Aufgabe gelöst, wie das scheinbar Unmögliche möglich gemacht worden ist, dafür gebührt [431] dem Gründer dieser herrlichen Schöpfung der Dank und die Bewunderung des gesammten Vaterlandes.

Die Schwierigkeiten, welche sich der Ausführung des Planes entgegenstellten, würden für einen gewöhnlichen Geist unbesiegbar gewesen sein. Der Boden, aus Sand oder schwerem Lehm bestehend, mußte größtentheils verbessert, künstliche Hügel mußten geschaffen werden, um den Hintergrund zu bilden und dessen Einförmigkeit zu unterbrechen. Die Leitung des Wassers durch den Park, nach dem Tumulus und zur Spree hin, welches durch sehr reichhaltige Quellen und unterirdischen Zusammenhang mit der Spree gespeist wird, gegenwärtig noch nicht vollendet, erforderte großen Aufwand an Mühe und Kosten. Dem Mangel an Bäumen mußte bis jetzt durch Anpflanzung von mehr als einer Million Schock kleiner, von über 1000 Stück bis zu 30 Fuß hoher Bäume abgeholfen werden. Ganz große Bäume von 50 – 125 Fuß Höhe sind hundert versetzt und aus einer Entfernung von mehreren Meilen herbeigeholt worden.

Alle diese und viele andere Werke beschäftigten und beschäftigen noch jetzt Hunderte von Arbeitern, denen dieselben, als eine Gelegenheit des Broderwerbs, zum wahren Segen gereichen. Sowie in Muskau wurden auch bei den Anlagen in Branitz überall erst die Hauptmomente festgestellt und gleichzeitig darin gearbeitet; natürlich wurde die nächsten Umgebungen des Schlosses zuerst vollendet. Die dem Ganzen zum Grunde liegende Idee ist nach Verlauf einer nunmehr fünfzehnjährigen Arbeit ihrem Ziele ganz nahe gerückt. Die Kosten für die bereits hergestellten Anlagen belaufen sich bis jetzt auf 250,000 Thaler, und dürften zu deren gänzlicher Vollendung wohl noch 50,000 Thaler und einige Jahre Zeit erforderlich sein. Den bereits vorhandenen, neu aufgeführten Gebäuden, welche dem Park zur Zierde dienen, werden im Laufe dieser Zeit noch hinzutreten: eine doppelte Vergrößerung der Gewächshäuser, ein Gestüthaus, ein neuer Parkhof, ein neues Gärtnerhaus, ein Fischerhaus am Pyramidensee, nebst mehreren kleineren in der ganzen Landschaft vertheilten Baulichkeiten.

Der eigentliche Schloßpark mit Gärten und pleasure-ground enthält etwa 600 Morgen Flächenraum; die ferme ornée mit Wald, welche denselben umgiebt, wird über 2000 Morgen betragen. Obgleich die Anlage noch nicht ganz vollendet ist, erscheint sie doch wie aus einem Guß; die Erfahrungen eines Menschenalters sind hier angewendet worden, um ein Werk zu schaffen, welches in der Anmuth des Styls und hinsichtlich der überwundenen Schwierigkeiten wohl von keinem zweiten übertroffen werden dürfte. Besonders schön ausgeführt sind die Partieen mit dem Rosenberge und die Blumengärten um das Schloß, welche häufig selbst über jene von Muskau gestellt werden. Die große Freitreppe vor dem Schlosse, welche mehrfach verändert werden mußte, ehe sie dem Fürsten genügte, mit der ihr gegenüberliegenden Pergola, machen beide einen ebenso imposanten als wohlthuenden Eindruck; der italienische Geschmack scheint hier mit dem deutschen in eine glückliche Verbindung gebracht worden zu sein. In weiterer Entfernung giebt der Tumulus (zum Begräbnißort des Fürsten bestimmt), eine Pyramide von 50 Fuß Höhe bildend, die in ihrer Basis einen Flächenraum von etwas über einen halben Morgen bedeckt und aus einem in Arbeit begriffenen, umfangreichen See emporsteigt, der Landschaft einen ganz eigenthümlichen, fremdartigen Reiz und bietet dem Auge zugleich in der weiten Plaine einen befriedigenden Ruhepunkt. Eine zweite Pyramide von gleicher Höhe ist noch in der Arbeit begriffen. In der Nähe der beiden Pyramiden befindet sich eine Anlage, wie sie wohl noch nirgendwo gesehen worden ist. Tausende von kleinen Fichten sind vor etwa fünf Jahren an die Grenze des Parks gepflanzt worden, und als sie nun kräftig angewachsen waren und zu wipfeln anfingen, ließ der Fürst sie alle in gleichen Linien köpfen, nöthigte dadurch die kleinen Finsterlinge Seitenäste zu treiben und diese dicht in einander zu verschränken, so daß nicht nur Hasen und Fasanen ein undurchdringliches Versteck finden, sondern das Auge auch durch die Originalität einer solchen Fichtenwiese ganz überrascht wird. Auch fehlt es nicht an Fernsichten auf die Stadt und andere hervorragende Punkte der Umgebung, wie auf die in Gruppen so zu sagen ausgeschnittenen entfernteren Kiefernwälder, die dem Ganzen die nöthige Abwechselung verleihen.

Wenn die Muskauer Anlagen den Stempel des Großartigen tragen, so muß dem Branitzer Park der Charakter des Lieblichen beigelegt werden. Der Sinn für Naturschönheit ist allen civilisirten Menschen eigen. In einer dürftig ausgestalteten Gegend finden wir einen willkommenen Ersatz in dem Genuß eines immer schönen und neuen Anblicks dieser von Meisterhand geschmückten Gefilde, welche ein lebendiges, beseeltes Bild alles dessen sind, was die Natur uns bietet. Durch solch eine wohlgefällig umgestaltete Natur können die Gefühle des Menschen nur veredelt, Viele erfreut, erhoben und erbaut werden.




Blätter und Blüthen.


Paketbeförderung durch den elektrischen Strom ist nicht mehr blos ein frommer Wunsch. Wenn der galvanische Strom bisher nur den unwägbaren Gedanken mit Augenblicksschnelle in dem Telegraphendrahte weiter leitete, so soll er jetzt wie der Dampf an die Deichsel gelegt werden, um unsere Lasten zu befördern.

Der italienische Physiker Bonelli, derselbe, der dem Leserkreise der Gartenlaube schon durch die Erfindung des elektrischen Webstuhles bekannt geworden ist, hat auf eine scharfsinnige Weise das Problem gelöst.

Er hat in einen kleinen mit Briefen belasteten eisernen Wagen, der mit metallenen Rädern auf einem Schienenwege lief, eine elektrische Batterie gelegt, und diese wirkte als eine vortreffliche Zugkraft, welche die Geschwindigkeit von Station zu Station steigerte.

Es ist bekannt, daß, wenn durch einen spiralförmig um einen Eisenkern gewundenen Kupferdraht ein elektrischer Strom geht, der Eisenkern zu einem Magnete wird. Aber nicht nur der Eisenkern selbst, sondern auch der um ihn gewundene Kupferdraht wirkt anziehend. Die leere Spirale wird durch den elektrischen Strom gewissermaßen selbst ein Magnet. Ihre Anziehungskraft steigert sich in die Mitte ihrer Windungen. Sie hält den Eisenstab mit einer gewissen Gewalt fest, und wenn derselbe leicht beweglich verschoben wird, so wird er von ihr mit steigender Geschwindigkeit wieder vom Anfange der Windungen bis in die Mitte gezogen.

Bonelli hat nun in seinem Apparate die geistreiche Einrichtung getroffen, daß er die Anziehungskraft der Spirale auf das Eisen – (auf seinen kleinen auf Schienen laufenden eisernen Transportwagen) – nur so lange wirken läßt, bis derselbe die Mitte und somit die größte Geschwindigkeit erreicht hat. Er läßt nämlich den mit der elektrischen Batterie belasteten Wagen auf Schienen laufen, welche mitten durch die Spirale hindurchführen und die bis zur Mitte der Drahtwindungen von Metall, von da aber von einem nichtleitenden Körper, Holz, hergestellt oder mit einem solchen wenigsten überzogen sind.

Der elektrische Strom geht aus der Batterie durch die metallenen Räder des Wagens in die Schienen und wird von diesen in die Spirale geleitet, deren Anfang und Ende mit den metallenen Schienenstücken in Verbindung steht. Sobald also die Räder auf die metallenen Schienenstücke kommen, zieht die Kupferspirale wie ein Magnet den eisernen Wagen an, er bewegt sich, und da, je näher er der Mitte kommt, die anstehende Kraft der Spirale mehr und mehr wächst, so steigert sich auch seine Geschwindigkeit, die endlich in der Mitte der tunnelförmigen Drahtwindungen am größten wird. Hier aber treten die Räder plötzlich auf die Holzschienen. Der Strom wird im Momente unterbrochen, die Spirale verliert jede Einwirkung und läßt den Wagen mit der verlangten Geschwindigkeit weiter schießen.

Damit allein wäre nun freilich nicht viel gewonnen, denn die treibende Kraft muß endlich durch die Reibung aufgezehrt werden.

Um daher einem Stillstande vorzubeugen, befindet sich in gewissem Abstande eine zweite ganz ebensolche Spirale, in deren Bereich die Schienenleitung wieder von Metall hergestellt ist. Sobald der Wagen sie erreicht, fängt der Strom an in dem Kupferdrahte zu kreisen, und die Räder erhalten durch die Anziehung einen neuen Impuls.

In gleicher Weise setzt sich das Spiel auf der ganzen Länge der Bahn fort. Jede Spirale ist ein Relai, wo frische Pferde vorgelegt werden. Die Beschleunigung wird sich um so mehr steigern, je näher die Spiralen an einander gerückt werden. Außerdem aber hat man es noch in seiner Hand, durch Verstärkung der Batterie Zugkraft und Schnelligkeit zu erhöhen. Von dem Strome wird nichts nutzlos vergeudet, er spannt sich nur ein, um auch wirklich zu arbeiten. Er läuft nie leer. Selbst die rasendste Geschwindigkeit wird er noch vergrößern; denn er ist in seinem Laufe durch die Spiralen noch viel rascher. Die Reibung der Räder kann so gering wie möglich gemacht werden, was bei Locomotiven nicht erlaubt ist.

Wenn daher auch eine telegraphische Geschwindigkeit sich nicht erreichen läßt, wie sie jenen Bauer so entzückte, als derselbe an Stelle der für seinen Sohn in der fremde bestimmten und auf Anrathen eines heimlichen Handwerksburschen über den Draht gehangenen treuen Stiefel wenige Minuten später ein Paar alte Latschen fand, von denen er überzeugt war, daß sie ihm sein geliebtes Kind zum Ausbessern geschickt habe, so wird doch durch die Bonelli’sche Erfindung dem Verkehr ein neues Hülfsmittel dargeboten, das für die Beförderung kleiner Lasten, Briefe, Depeschen ein Muster von der weitgreifendsten Bedeutung zu werden verspricht. [432] Vorläufiges über W. Bauer’s neue Hebearbeiten. Am 17. Juni Nachmittags haben W. Bauer’s Arbeitsschiffe beim „Ludwig“ Anker geworfen. Das Wetter zeigte sich jedoch dem Unternehmen entschieden ungünstig. Die seit Wochen anhaltenden Regengüsse, die den Rhein stark anschwellten, so daß dieser den See weit hinein mit seinem Schlammgeleite verunreinigte, und heftige Stürme wetteiferten mit einander, Bauer auch diesmal den Anfang schwer und die Arbeit nicht zum Spiel werden zu lassen. Der See war so trübe, daß die Taucher bei 20 Fuß Tiefe in Milch zu schweben glaubten und schließlich den Ludwig nur durch die Führung der Lothleine fanden, weil Wasser, Grund und Schiff eine Farbe hatten. Bauer selbst erkannte bei seiner ersten diesmaligen Niederfahrt nicht sogleich, ob er auf dem Vorder- oder Hintertheil des Ludwig angekommen sei, und mußte erst durch genaues Untersuchen sich zurecht finden.

Besonders waren die drei ersten Tage ganz darnach beschaffen, als sollten Muth und Thatkraft der Männer auf den Schiffen an alle möglichen Gefahren des Sees auf einmal gewöhnt werden. Taucher und Matrosen lagen in fortwährendem Kampf mit ihm. Wir lassen unseren Lesern das Interessanteste über diese ersten Tage von W. Bauer selbst erzahlen. Er schreibt u. A. „Am 18. (Juni) machten wir einen Ballon-Haken hinunter. Kaum daran, kommt ein Sturm; ich muß ihn wieder aufnehmen lassen. Um 4 Uhr zum zweiten Mal hinunter, erst den Haken, dann den Ballon zum Einhängen. Der Ballon treibt aber auf dem Grunde eine Schlammwolke auf, daß der Taucher die Schließe nicht finden kann und sich von halb fünf bis ein Viertel auf acht Uhr vergeblich daran abmüht. Da geht die Sonne unter, und es ist in der Tiefe völlig Nacht. – Am 19. früh 2 Uhr bricht ein heftiges Gewitter mit Sturm los. Drei Ankertaue müssen gekappt werden. Die Locomobilen drohen, trotz der Anschraubung, vom Schiff loszureißen und über Deck zu stürzen. Die Matrosen springen wie Gespenster im Hemde auf dem Deck herum, nur der Blitz leuchtet und blendet zugleich. Ein Matrose fällt zu den Pumpen in den unteren Schiffraum und würde die Rippen gebrochen haben, wenn sie nicht von ausnehmend guter Beschaffenheit waren. Ein Anderer folgt meinem Befehle, den Receptor (der wagerecht, kranartig, am Mast befestigte Baum, an welchem die Taucher in die Tiefe gelassen, drunten geleitet und wieder gehoben werden), der sich losgerissen, wieder beizuziehen, aber er wird von der Wucht des Sturmes, am Tau hängend, über das Schiff hinausgeschleudert und baumelt entsetzlich in der Luft, bis wir ihn wieder hereinbekommen. Den Nichtseeleuten, Maschinisten etc. wird es indeß weh und übel, und nicht blos der Regen, auch das steigende Bootwasser hält oben und unten große Wäsche an uns. Erst um 6 Uhr wurde es ruhig, und um 10 Uhr waren die Anker wieder beigeholt. Das Tauchen beginnt, aber um 12 Uhr müssen wir die Arbeit wieder einstellen, weil ein heftiger Nordwest zu blasen beginnt und bis zum Abend nicht aufhört. Abends 7 Uhr fahre ich nach Staad, das Boot halb mit Wasser gefüllt, und eile von da zu Fuß nach Rorschach.

Am 20. bin ich früh 4 Uhr bei den Schiffen. Sie werden wieder richtig gestellt, und um 10 Uhr beginnt das Tauchen. Der erste Ballon „Deutschland“ ist festgemacht am Ludwig und wird vollgepumpt. Er steht wundervoll! „Deutschland“ zieht mit aller Macht an der Lösung der Aufgabe. Da soll der Taucher den Schlauch und die Taue (an welchen der Ballon in die Tiefe gelassen wird) lösen. Letzteres macht er sehr gut, aber beim Schluß des Habus (bei der Verbindung von Ballon und Schlauch) übersieht er, daß der Steckschlüssel nur einen Zapfen erfaßt hat, der Hahn bleibt auf, und nach der Trennung des Schlauchs vom Ballon tritt die Luft mit Heftigkeit wieder aus, braucht zwar über eine Stunde zum völligen Entweichen, aber dann liegt eben „Deutschland“ doch am Boden. In dieser Zeit geht das Wetter von Neuem los, Taue und Schläuche müssen eiligst geborgen werden, und um 2 Uhr fahre ich, von Aerger ganz und halb von den Wellen verschlungen, wieder nach Staad, um meinem Herzen mit diesem Brief an Dich Luft zu machen. Das Alles gehört freilich zum Handwerk, und es frischt den Geist zur That an, aber zu lange darf es nicht dauern.“

So weit W. Bauer. Uebrigens ist er, nach den jetzigen Vorarbeiten für die Durchführung der Erfindung, voll Zuversicht; seine vielerprobte echtdeutsche Geduld wird auch die Launen der Jahreszeit am Hochgebirg überwinden.

Die Sammlungen für W. Bauer sind in höchst ehrenwerther Weise fortgegangen. Es sind jetzt noch drei Quittungen (26, 27 u. 28) von je ca. 954, 548 u. 870 Thalern zu veröffentlichen, womit die Gartenlaube sofort beginnen und rasch damit fortfahren wird. Möge die Theilnahme für das nationale Unternehmen sich nunmehr so lebendig bis zum Ende erhalten.

Fr. Hofmann.



Eine deutsche Schule zu Valparaiso. Pionniere und Träger der Cultur in fernste Länder sind die germanischen Völker schon von Alters her, aber immer kennzeichneten sie sich zugleich durch die Leichtigkeit, mit der sie, trotz aller geistigen und physischen Ueberlegenheit, unter fremden Himmeln sich in das fremde Wesen selbst der von ihnen besiegten Nationen verloren haben. Die mächtigen Westgothen sind in Spanien verschwunden, keine Spur zeugt mehr von den Langobarden in Italien. Geschieht dies an großen Völkern, um wie viel leichter gehen schwache Stammgenossenschaften oder gar einzelne Familien im Fremden unter. Oft verleugnet schon die dritte Generation den Ursprung ihrer Väter. – Darum ist es von hoher Wichtigkeit, daß die nationale Erhebung im alten Vaterlande auch bei den Deutschen jenseits der Weltmeere das Nationalgefühl neu erweckt hat, und es zeugt zugleich für den klaren Blick derselben in das wahrhaft Erforderliche zur Erreichung ihres Zieles, daß sie die Bewahrung des Deutschthums nicht durch gesellige Vereine bewirken wollen, sondern daß sie die Schule zur Nährstätte des deutschen Geistes erheben. Vor uns liegt eine Einladung zur öffentlichen Prüfung der Schüler und Schülerinnen der oben genannten Schule, erlassen von deren Director L. Doll und begleitet von einer Ansprache des Vorstandes derselben an die „deutsche Gemeinde“ von Valparaiso. In Letzterer heißt es u. A.: „Deutsche Sitte, Sprache und Bildung unter unseren Landsleuten möglichst zu erhalten und zu verbreiten, ist der edle Zweck der Gemeinde, und die Stifter glaubten mit Recht, durch Gründung einer deutschen Schule den Anfang zur Erreichung dieses Zweckes machen zu müssen.“ – Besonders legen wir allen Deutschen in der Fremde folgenden Ausspruch des Vorstandes mit an’s Herz: „So wenig wir deutsche leider in politischer Hinsicht unsere nationale Stellung, anderen Nationen gegenüber, geltend machen können, um so mehr dürften wir auf unsere deutsche Erziehung und Bildung Gewicht legen, und so sollten wir Alle, ohne Ausnahme, die wir uns zum Namen unseres großen Vaterlandes bekennen, das lebhafteste Interesse daran nehmen, daß unserer hoffnungsvollen Jugend einer der wesentlichsten Vortheile nicht entzogen werde, auf welche wir mit Recht unseren Stolz setzen.“ – Einer Schule, die von solchem Geist geleitet wird, rufen wir von ganzem Herzen unser „Glück auf!“ zu.




Non plus Ultra aller Heirathsverträge. Durch Zufall kommt uns eine alte Urkunde in die Hände, „geben 1368 zu Nurenberg an dem nechsten Freitag vor Vasnacht.“ Darin verabredet Kaiser Karl (IV.) mit dem Burggrafen Friedrich von Nürnberg eine künftige Heirath zwischen seinem Sohne Sigmund und des Burggrafen Tochter Kathrein, und einer allenfalls noch nachkommenden Tochter des Kaisers mit einem allenfalls noch nachkommenden Sohne des Burggrafen, gegen Festsetzung eines beiderseitigen Reugeldes von 100,000 Gulden Nürnberger Währung.



Kleiner Briefkasten.



M. in L. Die Bemühungen, eine einfachere Notenschrift zu erfinden, haben sich seit länger als einem Jahrhundert oft wiederholt. Keine hat Eingang gefunden und finden können, aus dem einfachen Grunde, weil, wer die neue Notation allein lernt, alle bisher existirende Musikwerke nicht lesen kann, wer aber diese auch lesen will, statt einer, zwei Notenschriften erlernen muß. Noch weniger werden die Instrumentenmacher wegen irgend einer neuen Notation neue Instrumente construiren! – Ihre Bemerkung, daß die neuern Partituren nur in einem Schlüssel geschrieben würden, ist gänzlich falsch; in jeder Orchesterpartitur sind wenigstens drei, oft vier, ja fünf verschiedene Schlüssel zu finden. Aus den angeführten Gründen kann der Artikel in die Gartenlaube nicht aufgenommen werden.


F. W. in London. Ehe Sie den Verfasser der „Kunstketzereien“ Nr. 2 (in Nr. 24) hofmeistern und sein Citat aus Schiller als ein Goethe’sches bezeichnen, lesen Sie doch gefälligst den Prolog zu Wallenstein nach. Derartige „Berichtigungsgelüste“ sind wirklich langweilig.


B. in B. Wenn die in Innsbruck erscheinenden ultramontanen „Tyroler Stimmen“ und einige Priester unser Blatt als „eine Schlange des Unglaubens und Verderberin der Jugend“ verdächtigen, so läßt sich gegen derartige Lügen hier nichts thun. Den Tyroler Stimmen sowohl als jenen Priestern aber möchte ich doch die Mittheilung nicht vorenthalten, daß die beiden Geistlichen, welche vor circa vier Monaten wegen Unzucht und Knabenschändung in Bozen zu mehrjähriger Kerkerstrafe verurtheilt wurden, keine Abonnenten der Gartenlaube sind.


  1. WS: Im Original fehlendes Hochkomma ergänzt.
  2. Vgl. Gartenlaube 1861, Nr. 50, S. 789 f.
  3. Die Uhr erhielt später der Gerichtsrath W... in Ludwigslust für seinen Sohn vom alten Körner zum Geschenk. – Ob sie sich wohl noch vorfindet?
  4. Bild und Beschreibung der fünf Gräber unter der Körnereiche wird die Gartenlaube ihren Lesern in einer der nächsten Nummern bringen.
  5. Ich muß diesem Artikel eine Entschuldigungsbitte vorausschicken. In der letzten Nummer vorigen Jahrganges zeigte mein verehrter Freund, Herr Keil, den wohlwollenden Lesern der Gartenlaube an, daß der neue Jahrgang dieses Blattes eine Reihe landschaftlicher Schilderungen aus Graubündens Hochalpen von mir enthalten werde, zu denen damals schon die Illustrationen in den Händen der Verlagshandlung sich befanden. Obgleich Freund Keil mich weidlich mit Briefen maßregelte, um seinem Versprechen dem Publicum gegenüber nachkommen zu können, so nahm dennoch die Revision meines soeben in neuer Auflage (für 1863) erschienenen „Reisehandbuches für die Schweiz“, sowie die Besorgung der binnen wenig Tagen erscheinnenden französischen Bearbeitung desselben meine Zeit so vollständig in Anspruch, daß für meine liebe Gartenlaube mir nicht eine Stunde ungestörter Muße übrig blieb; jetzt, wo meine Rothröcke hinauswandern, um jedem Alpenfreunde ihre treugemeinten Dienste anzubieten, bin ich endlich frei, und ein paar herrliche Bummeltage in’s prächtige Wäggithal haben mir die Wintermucken vollends hinausgejagt. Jetzt hole ich mein Versprechen nach, lasse aber zuvor, ehe wir nach Graubünden wandern, noch einen anderen, nicht jener Collection angehörigen Artikel vom Stapel laufen. Dies blos zur Entschuldigung für die Redaction.
    D. Verf.