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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1860
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1860) 705.jpg
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[705]

No. 45. 1860.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Husar und Pandur.[1]

Erzählung von Levin Schücking.
1.

In der Hofburg zu Wien, in ihrem Arbeitscabinet, saß die Kaiserin Maria Theresia in dem schweren, auf vergoldeten Löwenfüßen ruhenden Fauteuil, der auf einer Erhöhung in der tiefen Fensternische stand. Geist, Lebhaftigkeit und Wohlwollen waren die Eigenschaften, die aus den noch immer so schönen Zügen der tief in den Vierzigen stehenden Frau sprachen. Heute jedoch war der Ausdruck des mütterlichen Wohlwollens verdrängt durch den einer gewissen strengen Entschlossenheit. Damit warf sie einen kleinen Stoß von Papieren, worin sie eine Weile aufmerksam gelesen hatte, auf ein vor ihr stehendes Tabouret.

„Und jetzt ist’s aus – ganz aus,“ sagte sie dabei – „jetzt duld’ ich’s nimmer! Eine Schande wär’s, und vor meinem Herrgott könnt’ ich’s nicht verantworten, wenn ich ihm nicht ein End’ machte!“

Diese Worte waren an einen jungen Mann in grüner Uniform gerichtet, der vor ihr stand, sich leicht an den offenen Fensterflügel lehnend, denn die Kaiserin saß am geöffneten Fenster, durch das eine kalte Frühjahrsluft hereinströmte; und der junge Mann, dessen hochrother Teint eben nicht andeutete, daß er an Blutleere leide, hatte dennoch sich in seine Uniform enge zugeknöpft und gab alle Symptome, daß ihm fröstelte, zu erkennen. Sein Gesicht, seine hohe Stirn, die stark gebogene Nase, und die von der Jagellonischen Ahnfrau Cimburga ererbte Lippe verrieth, daß er dem Geschlechte Habsburgs angehöre.

Der junge Mann war Joseph II., erwählter römischer König.

„Wenn die gnädigste Frau Mutter nur betrachten wollte, von wem die Anklagen ausgehen,“ erwiderte er in beschwichtigendem Tone. „Die Denuncianten sind beinahe sammt und sonders ehemalige Officiere, die der Oberst von der Trenck, weil sie nichtsnutzige Menschen waren, cassirt und von seinem Corps fortgejagt hat.“

„Nichtsnutzige Menschen, sagt der Herr Sohn, und ich sag’,“ fiel Maria Theresia eifrig ein – „es sind auch Ehrenmänner darunter, die den Gräuel nicht mehr ansehen konnten!“

König Joseph zog die Achseln.

„Man muß einen Mann, der unserem Hause so viel Dienste geleistet hat und noch so große leisten kann …“

„Davor behüt’ mich mein allmächtiger Schöpfer, daß ich in eine Lage komme, wo ich wieder solche Werkzeuge gebrauchen muß,“ unterbrach ihn die Kaiserin, – „und dieser Türke mir seine entsetzlichen Dienste leistet … ich weiß wohl, daß der Herr Sohn sich andere Gedanken macht – aber so lange meine Augen offen stehen, fängt Oesterreich keinen Krieg wieder an!“

„Dann aber wird die gnädigste Frau Mutter berücksichtigen, daß es uns den Vorwurf der Undankbarkeit zuziehen würde, einen Menschen, den wir nicht mehr gebrauchen können und wollen, zu verfolgen und zu beseitigen!“

„Das rührt mich Alles nicht,“ fiel die Kaiserin ein. „Les’ der Herr Sohn die Eingaben selber und dann sprech’ Er: soll noch Gerechtigkeit und Zucht im Lande sein oder nicht?“

„Der Bericht ist vom Hofkriegsrath Weber und von dem General Löwenwalde gemacht – sie sind Beide des Panduren-Trenck Widersacher, und ich fürchte …“

„Was fürchtet der Herr Sohn?“

„Daß in ihren Augen die größten Verbrechen des Obersten die Millionen sind, welche er zusammengebeutet hat, ohne den Federn der Herren vom Hofkriegsrath zu erlauben, auch nur die mäßigsten Procente für sich von den vollen Scheffeln abzustreichen …“

„Verunglimpf’ mir der Herr Sohn die Herren nicht, die ihre Pflicht thun; und wenn’s auch wäre – wir sind alle Menschen – so ist’s eben meine Pflicht, streng die Sache untersuchen zu lassen. Wenn sich der Protégé des Herrn Sohnes dann weißbrennen kann, mich soll’s freuen! Aber ich glaub’s halt nicht. Es ist zu viel, was ihm schuld gegeben wird, und himmelschreiende Dinge sind’s … daß er ein Atheist und ein Freigeist ist, dem auf Gottes Welt nichts heilig …“

„Als seine Kaiserin, seine Ehre und sein Wort als Soldat!“ unterbrach sie König Joseph.

„Auch das schwerlich – aber,“ fuhr Maria Theresia fort, „ich will’s ihm nachgesehen haben, weil er eine alte Kriegsgurgel ist, die nicht weiß, was sie thut: aber in den Papieren da les’ der Herr Sohn – les’ Er die Geschichte von dem armen brustkranken Teufel von Soldaten, der aus dem Spital heraus klagt, der Trenck habe ihm tausend Stockschläge geben lassen, weil er eine Lieferung, die erpreßt werden sollte, aus Mitleid nicht eingetrieben hätte; les’ er die abscheuliche Geschichte von der Müllerstochter in Böhmen, wie der Trenck mit der umgegangen ist – und dann sag Er mir, wenn’s dem Herrn Sohn gefällt, ob das Alles auf sich beruhen soll oder nicht – ob eine christliche und gottesfürchtige Obrigkeit einen Menschen ungestraft lassen soll, den der Großtürk nicht so hausen ließe …!“

„Ew. Majestät,“ fiel Joseph ein, „haben vollständig Recht, [706] der Trenck ist ein entsetzlicher Mensch – er ist wie ein Bär oder wie ein anderes Ungeheuer, das man gegen seinen Feind loslassen kann, aber dann, wenn es seine Schuldigkeit gethan hat, an die Kette legen muß. Aber ich gebe nur zu erwägen, daß es unpolitisch wäre, damit zu rasch vorzugehen. Es stellen sich obendrein Schwierigkeiten, die nicht gering sind, entgegen. Wollen Ew. Majestät, daß der Hofkriegsrath ihn einfach von seinem Commando abberuft und ihm befiehlt, sich dahier an einem bestimmten Tage vor ein Kriegsgericht zu stellen?“

„Er wäre freilich im Stande und käme nicht!“ räumte die Kaiserin ein. „Ich fürchte ohnehin,“ fuhr sie fort, „er denkt daran, sich mit seinen rothen Banden nach Slavonien zu ziehen und dort auf seinen Gütern den Bassa zu spielen, dem’s nicht darauf ankommt, sich zum Landesherrn zu machen, wenn man ihn von Wien aus sekirt!“

„Es könnte etwas noch weit Schlimmeres eintreten!“ bemerkte Joseph – „und daran würde er, fürcht’ ich, zuerst denken … er ginge zum Preußen über! Der würde ihn mit Gold aufwiegen!“

Maria Theresia wurde offenbar betroffen von diesem Einwurf ihres Sohnes, den sie bis jetzt nicht erwogen zu haben schien.

„Das wär’ freilich arg,“ sagte sie, „… aber der Herr Sohn hat Recht … ein Ketzer ist er … und von Haus aus daheim aus Preußen …“

„Und dazu darf es nicht kommen!“ fiel Joseph ein.

„Nein – lieber, als dem bösen Manne diesen Triumph zu gönnen, laß ich eine Armee marschiren, um dem Trenck die Wege abzuschneiden und ihn einzufangen!“

„Und das würde der Welt ein Schauspiel sein, welches wir ihr nicht geben dürfen – welcher Hohn, wenn es hieße, Oesterreich führe Krieg mit seinen eigenen Generälen – es wolle, wie der Sultan, mit der seidenen Schnur dem einzigen seiner Feldobersten lohnen, der während der Kriegsjahre immer siegreich und glücklich gewesen, der ihm ganz unschätzbare Dienste erwiesen, … und das thue Maria Theresia, die der tolle Kroat als seine Göttin anbetet, um deren willen er tausend Toden trotzt …!“

„Damit erweicht mich der Herr Sohn nicht – wenn er seine Kaiserin und seine Landesmutter anbetet, so bedank’ ich mich sehr dafür, denn er thut’s nur, weil ein sterblicher Mensch Etwas anbeten muß, und einen Gott hat der Trenck dazu nicht … er glaubt weder an Gott noch Teufel!“

„Und was befiehlt meine gnädigste Frau Mutter, daß geschehen soll?“ fragte nach einer stummen Pause König Joseph.

Maria Theresia erhob sich. Sie nahm die Schriften von dem Tabouret, trat damit an ihren Schreibtisch und schrieb an den Rand der ersten Seite:

„Der von der Trenck soll anhero citiret und vor einer von Unserm Hofkriegsrath zu bestellenden Commission zur Verantwortung gezogen werden.
Maria Theresia.“

„Das soll geschehen, was der Herr Sohn da liest!“ sagte sie, indem sie das Heft dem römischen König übergab.

Joseph machte eine leichte Verbeugung, zum Zeichen, daß er sich unterwerfe.

„Dann erlauben die gnädigste Frau Mutter mir nur, daß ich mich in dieser hälichen Angelegenheit als den Vollstrecker Ihres Willens betrachten darf, wenigstens was die schwierige Seite desselben, das Anherocitiren des Trenck, betrifft. Es muß dabei die gehörige Vorsicht und Klugheit angewandt werden, sonst spielt uns dieser Pandur einen ärgerlichen Streich, der unsere Würde compromittirt. Geht die Sache ihren gewiesenen Weg, durch die Kanzleien, wird sie dem Panduren vorher verrathen … .“

„Da mag der Herr Sohn Recht haben,“ fiel die Kaiserin ein; „aber wie gedenkt Er, sich der Angelegenheit anzunehmen?“

„Ich bitte um eine Ordre der Kaiserin an mich als Obersten meines Husaren-Regiments, den von der Trenck nöthigenfalls mit Gewalt dahier vor die zu bildende Commission zu gestellen. Von der eigenen Hand der Frau Mutter. Unterdeß wird es gut sein, jenes Rescript an den Hofkriegsrath noch einige Tage zurück zu halten.“

König Joseph deutete auf das Actenheft.

„Das kann also geschehen,“ versetzte Maria Theresia. Sie nahm ein Blatt Papier und schrieb die gewünschte Ordre nieder.

„Ich lege es in Deine Hand, Joseph,“ sagte sie dann, indem sie das Blatt ihrem Sohne übergab. „Thu’ damit, was Du willst, nur sei behutsam, daß der tolle Pandur nicht in’s Lager unseres Feindes übergeht … lieber als solch ein Scandal wäre mir, wenn er offen rebellirte oder gar sich zum König von Slavonien auswürfe, was seine geheimen Absichten sein sollen, wie mir zuverlässige Leute schon mehr als einmal versichert haben!“

„Ueberlassen Sie jetzt Alles mir, Mutter,“ antwortete Joseph, indem er die Hand der Kaiserin küßte – „Sie haben mir nichts mehr zu befehlen?“

„Geh mit Gott, mein Sohn,“ versetzte sie mit einem freundlichen Lächeln und leichtem Neigen des Kopfes … „aber bevor Du gehst, schließ mir das Fenster, der Kaunitz kommt zum Vortrag, und ich muß sorgen, daß mir das Männlein nicht erfriert.“

Joseph erfüllte ihren Wunsch und verließ das Gemach.

Eine Stunde später stand in einem andern Wohngemache der Wiener Hofburg der römische König Joseph neben seinem Arbeitstisch, die linke Hand auf die Platte des Tisches stützend, die rechte halb verborgen unter den rothen Rabatten seiner Uniform. Vor ihm, in strack militärischer Haltung stand ein Officier seines Husaren-Regiments, der ein zusanimengefaltetes Papier in der Hand hielt, und dabei mit einem ganz eigenthümlichen Blicke freudiger Verlegenheit zu ihm niederblickte – denn der Officier war fast um die Länge eines Kopfes größer als der römische König.

„Mein lieber Frohn,“ sagte der Letztere, „Er braucht mir in der That nicht zu danken für das, was Er da in Händen hält. Er hat es sich selber durch seine Dienstführung verdient, und ich danke Ihm, daß er mir die Freude macht, einem Officier meines Regiments meine volle Zufriedenheit aussprechen zu können.“

„Und doch,“ entgegnete der Officier, „werden Ew. Majestät mir glauben, daß mich diese rasche und so unerwartete Beförderung zum Oberstwachtmeister beschämt, und daß ich nur wünsche …“

„Mir weiter durch die That zu beweisen, welch tüchtiger Soldat der Herr von Frohn ist,“ fiel lächelnd der römische König ein, „… daran zweifle ich nicht!“

„Das wollte ich in der That sagen, Ew. Majestät.“

„Und Er ahnt dabei nicht, Frohn,“ fuhr der König fort, „wie nahe Sein Wunsch der Erfüllung ist! Es wird gerade so etwas dem neuen Oberstwachtmeister angesonnen … etwas, wozu ein Mann wie Er gehört.“

„Befehlen Ew. Majestät!“

„Es soll sich nicht um einen Befehl, sondern nur um eine Frage handeln! Sag’ Er mir, Frohn, nimmt Er es auf sich, den Oberst von der Trenck, der jetzt mit seinem Corps, wie Er weiß, in Oberösterreich steht, mitten aus seinem Hauptquartier herauszuholen und uns hierher nach Wien zu liefern, wo die Justiz ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hat?“

Frohn sah höchst überrascht und fragend in des römischen Königs Züge.

„Glaubt Er, ich mache Spaß?“

„Nein, Ew. Majestät, aber …“

„Aber Er hat nöthig, sich erst ein wenig zu fassen, wenn Ihm eine solche homerische Heldenthat angesonnen wird?“

„Geruhen mir Ew. Majestät zu sagen, wie Sie sich die Ausführung eines solchen Auftrags denken – ob durch Gewalt, im Fall der Oberst sich widersetzlich zeigen sollte …“

„Er wird sich widersetzlich zeigen, daran zweifle ich nicht,“ fiel der römische König ein; „und doch möchte ich offene Gewalt vermieden sehen. Eine Meuterei in der Armee hervorzurufen, das kann nicht die Absicht der Kaiserin sein, indem sie den Befehl gibt, dem Treiben des Panduren ein Ende zu machen. Und daneben liegt noch die Gefahr, daß dieser tolle Gesell, erbost und aufgebracht, eid- und treubrüchig wird und zum Feinde übergeht, der vielleicht schon längst Versuche gemacht hat, einen solchen Soldaten zu gewinnen!“

„Dem Trenck ist freilich nichts in der Welt heilig,“ fiel der neue Oberstwachtmeister ein, „und die Sorge, daß er solche Entschlüsse fassen könnte, liegt so nahe …“

„Glaubt Er, daß dem Trenck in der That nichts heilig sei?“ unterbrach ihn König Joseph. „Ich glaube, als ein tapferer und tüchtiger Soldat wird er wenigstens sein Ehrenwort heilig halten, und das habe ich auch heute vor der Kaiserin verfochten. Gewinne Er ihm das Ehrenwort ab, daß er sich mit Ihm hierher nach Wien begeben wolle, und dann wird er kommen.“

Frohn schwieg eine Weile.

„Wenn das möglich zu machen wäre,“ sagte er dann, „daß der Oberst von der Trenck als Soldat und Edelmann sein Ehrenwort einlösen wird, ist freilich anzunehmen …“

[707] „Nun wohl, so versuche Er’s auf diese Weise. Sag Er dem Trenck, daß König Joseph sich dafür verbürgt habe, er werde sein Ehrenwort halten – verbürgt bei der Kaiserin; daß ich überzeugt sei, die Anschuldigungen, welche gegen ihn erhoben sind, werden von ihm siegreich widerlegt werden können; daß ich ihm alsdann meinen vollen Schutz zusichere.“

„Es kommt nur darauf an, ihm das Ehrenwort abzugewinnen,“ versetzte Frohn.

„Das wäre denn zunächst Seine Aufgabe, mein lieber Frohn, wenn Er keine bessere Art, die Sache durchzuführen, findet. Hält Er’s für unmöglich?“

„Da Ew. Majestät geruhen, diese Aufgabe mir zu stellen, so darf sie mir nicht unmöglich sein – im Dienst Ew. Majestät darf ich dies Wort nicht kennen!“

„Bravo, mein Herr Oberstwachtmeister! Das heißt gesprochen, wie ich’s vom Frohn erwartete. Er kann sich dort das Memoire des Hofkriegsraths ansehen, damit Er sich über die Angelegenheit näher unterrichtet. Dann fasse Er seine Entschlüsse. Ich werde unterdeß die nöthige Ordre für Ihn schreiben, die Ihn bevollmächtigt, alle und jede Maßregel zu ergreifen, welche Er bei der Ausführung des Ihm gewordenen Befehls für zweckmäßig findet. Er erhält plein pouvoir.“

Während Frohn das vom König ihm bezeichnete Papierheft, dasselbe, welches wir in den Händen der Kaiserin sahen, vom Arbeitstische nahm und zu überfliegen begann, setzte sich der römische König in seinen Sessel und schrieb die Ordre nieder.

„Hier hat Er, Frohn!“ sagte er dann, ihm das Blatt übergebend. „Ich bin überzeugt, ich kann diesen Befehl in keine besseren Hände niederlegen, und hätte ich Ihn nicht in meinem Regiment, so würde ich mich gehütet haben, mich und mein Regiment in die Sache zu mischen!“

„Ew. Majestät,“ versetzte Frohn, die Ordre seines Regimentschef neben seinem Oberstwachtmeister-Patente auf der Brust bergend, „Ew. Majestät werden mich mit dem Trenck innerhalb acht Tagen dahier zurück sehen, oder gar nicht. Es stände mir schlecht an, die Schwierigkeit der Aufgabe, womit Ew. Majestät mich beehren, zu vergrößern, aber sollte es eine Aufgabe auf Leben und Tod sein, so werde ich den letzteren nicht scheuen im Dienste meiner Kaiserin!“

„Gehe Er mit Gott, Frohn,“ sagte König Joseph, indem er ihm gerührt die Hand schüttelte. „Vergeß Er nicht, mit meiner Ordre sich beim Präsidenten des Hofkriegsraths zu melden und sich von diesem eine Anweisung auf die Kriegscasse geben zu lassen, damit Er die nöthigen Fonds erhält. Noch einmal: Behüt Ihn Gott!“

Frohn machte Kehrt und verließ das Zimmer des römischen Königs.


2.

Zwei Tage, nachdem diese Unterredung stattgefunden hatte, an einem schönen kühlen, aber heitern Aprilmorgen ritt ein Officier, in einen weiten blauen Mantel gehüllt, der eine blaue Husaren-Uniform bedeckte, und gefolgt von sechs Reitern seines Corps, zum Rothenthurm-Thor der Kaiserstadt hinaus. Die Reiter waren mit kräftigen, wohlgepflegten Pferden ungarischer Race versehen, und ihre sehr feldmäßig aussehende Ausrüstung verrieth, daß sie einen mehrtägigen Marsch beabsichtigten.

Der Officier, welcher an ihrer Spitze und allein vorauf ritt, war ein auffallend hochgewachsener und kräftig gebauter Mann mit edlen, aber wettergebraunten Zügen und dunklen feurigen Augen. Es war eine Kriegergestalt, wie man keine ausdrucksvollere und malerischere sehen konnte. Er war nicht gerade jung mehr, sondern in das volle Mannesalter eingetreten. Aber wenn diese Reife des Alters seinen Zügen ihr Gepräge von muthiger Entschlossenheit und unbezähmbarer Energie aufgedrückt hatte, so hatte sie doch dem ruhigen und wie verhaltenen Feuer, das aus seinen Blicken sprach, nichts von seiner Lebhaftigkeit genommen.

Die kleine Truppe zog durch die Rossau-Vorstadt und schlug dann den Weg donauaufwärts ein. Als sie die letzten Häuser der Vorstadt hinter sich hatte, winkte der Officier einem seiner Husaren den Befehl zu, an ihn heran zu kommen. Dieser, der die Wachtmeister-Abzeichen an seinem Kragen trug, war im nächsten Augenblick neben seinem Vorgesetzten.

„Was befehlen der Herr Oberstwachtmeister?“

„Der Herr Oberstwachtmeister befehlen Dir nichts, Franzl,“ versetzte der Officier mit einem Ton gutmüthiger Freundlichkeit – „sie wollen nur dem Franzl, da sich just Zeit und Ort dazu schicken, eine kleine Vorlesung halten. Ich denk’, es wird dem Franzl zuträglich sein; denn wenn er auch seinen Dienst erträglich versieht und ein brauchbarer Soldat geworden ist – mit dem Morale und dem sonstigen Menschen bin ich noch immer nicht zufrieden.“

„Ich mein’ halt, Herr Oberstwachtmeister, ich thue, was ich vermag, um meine Vorgesetzten zufrieden zu stellen!“

„Das thut der Franzl, es ist richtig,“ entgegnete der Officier.

„Nachdem man ihn wegen seiner liederlichen Streiche zum Militär assentirt hat – er kann’s dem Himmel danken, daß man so glimpflich mit ihm verfahren ist und daß die Polizeistelle der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt gedacht hat, das Bürschlein sei nicht der Mühe werth, viel Federlesens und Criminal-Untersuchens mit ihm zu machen, und man werde am besten thun, wenn man ihm einen Soldatenrock anziehe und ihm den Haselstock zum Präceptor gebe …“

„Es ist schon wahr, Herr Oberstwachtmeister,“ bemerkte Franzl, „und ich dank meinem Schöpfer, „daß ich dabei als früherer Eleve der kaiserlichen Reitschule bei den Husaren assentirt wurde und der Herr von Frohn bald nachher das Commando über unsere Schwadron bekam. Was aus mir geworden ist – ein ordentlicher Soldat …“

„Mit Wachtmeistersrang, welcher, wie Du weißt, die Staffel zu jeder militärischen Größe und Würde ist …“

„Das,“ fuhr Franzl fort, „haben der Herr Oberstwachtmeister aus mir gemacht!“

„Ich freue mich, daß Du es anerkennst, Franzl, denn, weiß Gott, ich habe mir Mühe mit Dir gegeben, und habe Dich allezeit scharf im Auge behalten. Ich wußte, daß Du von Haus aus zu einem redlichen Menschen angelegt warst, das hatte mir unsere erste Begegnung gezeigt – die Herren Eltern hatten Dich nur nicht zu ziehen gewußt und Du warst in Zuchtlosigkeit verkommen. Nun, seit dem Tage, wo ich Dich in meiner Schwadron fand, hast Du Dich über Zuchtlosigkeit weiter nicht beklagen können, und so ist es denn glücklicher Weise dahin gekommen, daß Du ein Mann geworden bist!“

„Der dem Herrn von Frohn Alles verdankt und für ihn durch’s Feuer gehen würde.“

„Sieh, Franzl, das ist brav von Dir“ – fuhr der Officier fort. „Aber worüber ich unzufrieden mit Dir bin, das ist, daß Du zu wenig Ehrgeiz hast. Du bist guter Leute Kind; Du hast mehr gelernt, als ein Husarenwachtmeister bedarf … weshalb legst Du es nicht darauf an, weiter zu kommen?“

„Weiter zu kommen … das thu ich ja auch,“ versetzt Franzl, „… ich meine, ich thue Alles, daß der Herr von Frohn mich demnächst, wie Sie mir versprochen haben, zum Regimentsschreiber vorschlagen können.“

„Regimentsschreiber … was ist das! Officier mußt Du werden, Franzl.“

„Unser Eins … ich … Officier?“

„Du meinst, wegen Deiner Vergangenheit? Nun, man schickt Dich nach Ungarn, nach Friaul, hinter den Karst. Da kennt Deine schlimmen Streiche von ehemals Niemand. Und wollte Gott, wir hätten in der Armee keine Officiere, welche schlimmere Dinge auf dem Kerbholz! Es kommt nur auf den Willen an, auf den festen Vorsatz sich auszuzeichnen. Unter einem Herrn zumal, wie unser edler Regimentschef ist, der das Verdienst königlich zu lohnen strebt, wo er es nur findet!“

Der Wachtmeister antwortete nur durch einen tiefen Seufzer; aber der Officier, der seine Züge beobachtete, sah, daß seine Augen in einem eigenthümlichen Feuer aufleuchteten.

„Sieh, Franzl,“ fuhr er fort, „eine solche Gelegenheit, es zum Officier zu bringen, bietet sich Dir vielleicht gerade jetzt – bei der Ausführung dessen, was mir befohlen ist, und wozu ich gerade deshalb Dich mitgenommen habe.“

Franz warf einen fragenden Blick, in dem etwas wie ein freudiges Erschrecken lag, auf seinen Vorgesetzten.

„Du merkst daraus, daß es sich just nicht um ein Kinderspiel handelt, Franzl,“ fuhr dieser fort.

„Das mag sein,“ antwortete der Wachtmeister, „aber ein guter Husar fürchtet sich nicht und holt, wie das Sprückwort sagt, den Teufel aus der Hölle, wenn’s ihm befohlen wird.“

„Richtig, Franzl,“ antwortete kaustisch der Ofsicier, „und sieh, das ist just eben unser Fall, und darauf lautet unser Befehl.“

[708] „Den Teufel aus der Hölle zu holen?“

„Nicht gerade mit diesen Worten, in der Sache aber ist’s so ziemlich eins. Unser Befehl lautet: den Pandurenoberst von der Trenck aus seinem Hauptquartier zu holen und als Arrestanten nach Wien zu bringen.“

„Gott steh uns bei!“ rief Franzl aus, und seine Hand zuckte, als ob er im Schrecken sein Pferd zum Stehen bringen wolle.

„Nun, ich hoffe, Du fällst nicht vor Entsetzen aus dem Sattel, Franzl.“

„Nein, das nicht,“ entgegnen der Wachtmeister aufathmend, „aber das ist mehr als wir, unser sieben zusammen, zu Stande bringen!“

„Daß wir’s zu Stande bringen, wirst Du schon sehen, und es ist meine Sache – es kommt nur ein wenig darauf an, daß ich einen Mann neben mir habe, auf den ich mich verlassen kann, wie auf mich selbst. Ich habe Dich dazu ausersehen. Viel Schlauheit verlange ich nicht von Dir, nur Gehorsam, es mag kommen, was da will. Was ich Dir befehle, das hast Du auszuführen, und wenn man Dir auch droht, Dich zu spießen und an langsamem Feuer zu rösten; und wenn es auch ein Befehl wäre, wie: Franzl, zieh Dein Pistol und jage mir eine Kugel durch den Kopf! Soll ich darauf zählen können, Franzl? wirst Du blindlings thun, was ich Dir befehle, so sicher wie der Tod? Bedenk Dir’s wohl, Du kannst in schlimme Situationen dabei kommen, und wenn Du zurückschrickst vor der Ehre, mein Adjutant zu sein bei dieser unserer kleinen Bärenjagd, so ist der Istevan, der da hinter uns reitet, der Mann, den ich gebrauchen werde, und ich will ihn vorrufen …

„Lassen der Herr Oberstwachtmeister ihn nur da hinten, den Istevan,“ fiel Franzl mit einem Stirnrunzeln und einer Miene kecker Entschlossenheit ein, „ich bin zu Allem bereit, und Sie sollen auf mich zählen können!“

„Nun gut, und ich verspreche Dir, wenn ich so zufrieden mit Dir bin, wie ich es zu sein hoffe, dann hast Du acht Tage, nachdem wir mit dem Trenck in Wien wirklich und richtig eingeritten sind, Dein Officierspatent in der Tasche.“

Ueber Franzl’s Züge flog ein freudiges Erröthen. Er schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Wenn Einer die Sache zu Stande bringt, dann ist’s freilich der Herr von Frohn; aber ein Anderer käm’ nicht durch damit; ich glaube zwar nicht, daß der Trenck hieb- und schußfest ist, wie das dumme Volk sagt, aber ein gefährlicher Bösewicht ist er einmal doch …“

„Er ist ein großer Krieger,“ fiel Frohn ein, „er hat sich um Oesterreich Verdienste erworben, wie fast kein anderer Soldat dieser Zeit, und wenn seine Tapferkeit auch mit einer ruchlosen Verachtung fremder Leiden und mit empörender Grausamkeit verbunden ist, so darf man das, was er geleistet hat, und das, was er ist, doch nicht vergessen. Es macht leider unsere Aufgabe nicht leichter. Wäre mir befohlen worden, einen Bär einzufangen, den man lebendig oder todt abliefern kann, so wäre es eine Lustpartie gegen die Aufgabe, den Trenck mit allen militärischen Ehren und mit aller Courtoisie, aber doch gefangen nach Wien zu liefern!“

„Der Herr Oberstwachtmeister gedenken ihn also glimpflicher zu behandeln, als er selber es mit seinen Feinden zu thun gewohnt ist, z. B. mit den zwei Harumbaschi’s in Slavonien?“

„Du meinst mit dem Harumbaschi, dessen Vater er hat spießen lassen?“

„Auch das,“ versetzte Franzl, „ist eine arge Geschichte. Der Räuber bot ihm einen ehrlichen Zweikampf mit gleichen Waffen an, und wie sie mit ihren Säbeln auf einander losgehen, zieht der Trenck plötzlich ein geladenes Pistol aus der Tasche und schießt den Räuberhauptmann in dichtester Nähe vor den Kopf. Aber ich dachte an das andere Stücklein, wie er eines Tages auf der Jagd ist, in einem abgelegenen Hause auf seinen Gütern Musik hört …“

„Und dann?“ sagte Frohn – „erzähle weiter!“

„Dann geht er hinein und findet Hochzeitsgäste bei Tisch; das gefällt ihm, er setzt sich mitten zwischen sie und läßt sich’s wohlschmecken, ohne zu vermuthen, unter welche Art von Menschen er gerathen ist. Aber er bekommt eine Ahnung davon, als sich die Thüre öffnet und zwei riesengroße Kerle, zwei bewaffnete Harumbaschi’s, hereintreten. Erschrocken blickt er nach seiner Flinte; die steht fern von ihm an der Wand. Einer der Räuber aber beruhigt ihn mit den Worten: „„Bleib wo Du bist, Trenck, wir haben Dir nie Uebles zugefügt, aber Du verfolgst uns mit der Grausamkeit eines Tigers und der List einer Schlange. Jetzt könnten wir Dich niederschießen und Dir den Lohn geben – aber wir verschmähen es, feig den Zufall, der Dich in unsere Hand lieferte, zu benutzen. Iß und trink mit uns. Wenn wir gesättigt sind, dann nehmen wir den Säbel zur Hand und sehen, ob Du so stark und unüberwindlich bist, wie die Leute sagen.““ Nach diesen Worten setzen die Harumbaschi’s sich ihm gegenüber an den langen schmalen Tisch und langen sorglos und ruhig zu. Dem Trenck ist natürlich sehr wenig wohl bei der Geschichte … wenn er im Zweikampf auch mit den Räuberhauptleuten fertig wird, dann muß er fürchten, daß ihre Gesellen nicht fern sind, und so nimmt er einen guten Augenblick wahr, zieht seine Sackpistolen heimlich aus der Tasche, richtet sie unter dem Tische auf den Bauch seiner Gegner, drückt zu gleicher Zeit ab, ergreift dann den ganzen Tisch, wirft ihn mit allem, was darauf ist, auf sie hin und springt glücklich zur Thüre hinaus. Dabei ist er gewandt genug, das Gewehr des einen Räubers zu fassen, welches neben der Thüre lehnt. Von den Harumbaschi’s bleibt einer blutend am Boden liegen, der andere arbeitet sich unter dem Tische hervor in die Höhe und rennt wuthschäumend dem Flüchtigen nach; der Trenck aber erwartet ihn stehenden Fußes, schießt ihn mit seiner eigenen Flinte nieder, schneidet ihm den Kopf ab und bringt diese Trophäe seinen Leuten nach Hause.“

„Ich habe davon gehört,“ sagte Frohn – „es ist so eines seiner Stücklein aus der Zeit, wo er in Ermangelung von anderem Zeitvertreib von den Gütern seines Vaters in Slavonien aus die großen Treibjagden auf die Grenzräuber unternahm und die ganze gefährliche Menschenhände, gegen die man früher alles Mögliche vergebens aufgeboten hatte, ausrottete … bis auf einen Rest von dreihundert entsetzlichen Kerlen, aus denen er den Kern seines Pandurencorps machte. Es ist das eine merkwürdig lehrreiche Schule für ihn gewesen – leider hat er seitdem nie begriffen, daß er nicht mehr Krieg gegen Räuber in Slavonien führte!“

„Und was soll jetzt mit ihm geschehen, wenn der Herr Oberstwachtmeister die Frage vergönnt?“ sagte Franzl.

„Du fragst mehr, als ich weiß,“ antwortete Frohn. „Der Krug geht eben so lange zu Wasser, bis er bricht – der Trenck hat so lange geplündert, gebrandschatzt und gehaust, bis die Kaiserin über alle die Klagen, welche wider ihn eingelaufen sind, in Zorn gerathen ist und ihren Kopf aufgesetzt hat, und der Welt zeigen will, daß in Oesterreich Gerechtigkeit herrsche gegen den Höchsten wie den Niedrigsten.“

Der Wachtmeister Franzl verrieth durch einen Zug seines Gesichts, der wie ein bittres Lächeln aussah, daß er sich innerlich seine Gedanken bei diesen Worten seines Vorgesetzten mache, die er doch nicht auszusprechen wagte.

„Du meinst, es sei nicht ganz so schlimm?“ fuhr Frohn fort, „und der Höchste habe immer noch gegen den Niedrigsten etwas wie einen kleinen Vorsprung voraus? … nun, das ist nicht unsere Sache zu beurtheilen, Franzl, die wir der Kaiserin schlichte Kriegsknechte sind und thun, was uns befohlen ist. Gute Freunde und Geld haben in der Welt immer viel ausgerichtet – von jenen hat der Trenck freilich nicht viele in Wien – dafür hat er desto mehr von letzterem – und wenn er damit den Hals aus der Schlinge ziehen kann, was denn in der That das Ende vom Liede sein wird: so ist’s für uns desto angenehmer, Franzl, wir können desto leichteren Herzens den Dienst verrichten, der uns befohlen ward und der auch deshalb nicht angenehm ist, weil er ein wenig nach Häscherdienst aussieht!“

(Fortsetzung folgt.)



Die Akustiker Friedrich Kaufmann und Sohn in Dresden.

Selten sind die Geburtsstätten bedeutender Menschen in den Häusern der Reichen und Vornehmen zu suchen, denn ein allzu fetter Boden erstickt die Pflanze gern im eignen Safte, während aus dürrer Felsenspalte sich oft der edelste Baum erhebt. Auch die Künstlerfamllie Kaufmann leitet ihre Herkunft aus dürftiger Hütte und erkämpfte sich nach jahrelangem Ringen einen berühmten Namen im Fache der höheren Mechanik und Akustik, wovon ihre selbstspielenden Musik-Instrumente das lebendigste Zeugniß geben.

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Friedrich Kaufmann das Harmonichord spielend.

[710] Friedrich Kaufmann, trotz seiner fünfundsiebenzig Jahre noch mit aller Energie eines rastlos schaffenden Geistes begabt, erzählt nicht ohne Rührung, daß sein Vater der Sohn sehr armer Eltern war, und daß sie ihm in frühester Jugend durch den Tod entrissen wurden. Ein Strumpfwirker in Chemnitz nahm ihn in die Lehre, jedoch, seiner Neigung zu mechanischen Arbeiten folgend, verließ er nach drei Jahren diese traurige Profession und ging nach Dresden. Hier kam er in das Haus eines sogenannten Genie’s, das sich nicht allein mit Verfertigung von Regenschirmgestellen, sondern auch mit der Reparatur von Uhren und ähnlichen Arbeiten beschäftigte, und schon nach anderthalb Jahren, als sein Lehrmeister starb, war er im Stande, das Geschäft selbstständig fortzusetzen. Sein großes Talent für mechanische Arbeiten brach sich bald Bahn, und nachdem er viele neue Uhren nach eigener Construction gefertigt hatte, wagte er sich, obgleich ohne musikalische Vorkenntnisse, an die Verfertigung von Spieluhren und mechanischen Musikwerken. Bereits im Jahre 1789 ward ein solches, in dem er Harfe und Flöten vereinigt hatte, als „alle bis dahin bekannten Spieluhrwerke weit übertreffend“ anerkannt und vom Kurfürsten (nachmaligem Könige) von Sachsen angekauft. Dies spornte seinen Fleiß von Neuem an, und schon 1800 galten seine Arbeiten in Italien, Oesterreich und Rußland als Meisterwerke und wurden dahin versandt.[2]

Zu Anfang dieses Jahrhunderts griff bereits sein Sohn, unser Friedrich Kaufmann, von Jugend auf ein großes Talent für Musik verrathend und sorglichst in derselben unterrichtet, dem Vater bei seinen Arbeiten thätigst unter die Arme, und beide Künstler erregten durch schnell aufeinander folgende Erfindungen die allgemeinste Aufmerksamkeit. Im Jahre 1806 vollendeten Beide ein großes Musikwerk mit natürlichen Trompeten und Pauken, dem sie den Namen „Belloneon“ gaben, und das, noch ehe es ganz vollendet war, vom Könige von Preußen angekauft und im Schlosse von Charlottenburg aufgestellt ward. Dieses Instrument, welches sich besonders zur Aufführung von Märschen, Chören und Fanfaren eignet, gab zu einem Vorfalle Veranlassung, der in den damaligen preußischen Zeitungen in folgenden Worten erzählt wird, und den wir als historisches Curiosum nicht unerwähnt lassen wollen:

„Nach der unglücklichen Schlacht bei Jena nahm Napoleon sein Hauptquartier im Schlosse von Charlottenburg. Er hatte sich kaum zu Bette begeben, als die preußische Cavallerie-Attaque durch die Stille der Nacht schmettert. Napoleon glaubt sich überfallen, fährt erschrocken von seinem Lager, stürzt an’s Fenster und läßt Alarm schlagen. Alles eilt unters Gewehr. Die Attaque wird noch einmal geblasen – und sonderbar genug – im Schlosse. Ein aus dem Marmorsaale herbeieilender Adjutant löst endlich das Räthsel. In jenem Saale steht das Belloneon, welches Se. Maj. unser König von dem Akustiker Kaufmann in Dresden, kurze Zeit vor jener unglücklichen Schlacht, hatte verfertigen lassen, und welches auf Befehl des Königs mit allen Trompeterstücken der preußischen Cavallerie versehen worden war. Napoleon’s neugierige Begleiter hatten das Schloß durchstöbert und waren auch zum Belloneon im Marmorsaale gekommen. Dieses merkwürdige Instrument wurde mit echt französischer Neugierde von allen Seiten untersucht und betastet. Man berührte zufällig ein kleines Knöpfchen, welches das Werk in Bewegung setzt, und so kam es, daß eine Cavallerie-Attaque von 12 Trompeten den Imperator aus dem Schlafe aufschmetterte.“

Bei fortgesetztem Studium kam Friedrich Kaufmann auf den Gedanken, alle die Töne, deren die Trompete fähig ist, auf einem einzigen Instrumente hervorzubringen, und es gelang ihm, eine Maschine zu erbauen, welche in Gestalt einer Figur in mittelalterlicher Kleidung eine Trompete an den Mund setzt und mit fertigstem Zungenstoße Alles bläst, was lebenden Trompetern möglich ist. Ja es gelang ihm, auf einem und demselben Instrumente zwei Töne zugleich hervorzubringen, was nur unter höchst beschränkten Verhältnissen und höchst selten lebenden Bläsern gelingt. Diese Hervorbringung der Doppeltöne ist als akustisches Experiment beachtenswerth, und ein Carl Maria von Weber schrieb über diesen „Trompet-Automat“ in anerkennendster Weise.

„Herr Kaufmann,“ läßt er sich 1812 in der Allgemeinen Musik-Zeitung vernehmen, „ist als Erfinder des Harmonichord rühmlichst aufgetreten, seine neuen Schöpfungen aber sind so ausgezeichnet merkwürdig, daß sie verdienen, der Welt so viel als möglich bekannt zu werden. Referent hatte während seines Anfenthalts in Dresden Gelegenheit, den von ihm verfertigten künstlichen Trompeter zu sehen und zu hören. Die höchst einfache compendiöse Maschine blies auf einer ihr angesetzten Trompete mit vollkommen schönem gleichem Tone und fertigem Zungenstoße die Töne

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in verschiedenen Aufzügen und Fanfaren. Schon hier sind die Töne a und h nebst den Clarinotinen höchst merkwürdig, aber noch interessanter und an das Unbegreifliche grenzend ist die Hervorbringung von Doppeltönen in der gleichsten Stärke und Reinheit. Referent war sehr überrascht, als er nach einigen einstimmigen Sätzen einen jener muntern Aufzüge in Octaven, Terzen, Quinten und einen sehr schönen Doppeltriller zu hören bekam. Es ist höchst merkwürdig für die Tonerzeugung, daß ein Instrument dasselbe mit eben der Vollendung wie zwei Trompeten hervorbringen kann. Was einer Maschine möglich wurde, sollte wohl dem Vorbilde – dem natürlichen Ansatze – auch nicht unmöglich sein!“

Wie aus Weber’s Bericht hervorgeht, trat kurze Zeit zuvor Kaufmann mit dem von ihm erfundenen „Harmonichord“ auf, einem Instrumente, welches durch Tastatur gespielt wird. Der Form nach ist es ein aufrechtstehendes Flügel-Fortepiano, dessen Saiten jedoch nicht durch Hammeranschlag, sondern durch Reibung eines mit Leder überzogenen und mit Colophonium durcharbeiteten Cylinders zum Ertönen gebracht werden. Der Ton hält so lange an, als der Finger auf der Taste verweilt, und alle Nüancirungen des piano, crescendo und forte, und zwar in anhaltenden, anschwellenden Tönen, werden nur durch schwächeren und stärkeren Druck des Fingers hervorgebracht. „Nichts Sangreicheres läßt sich denken, nicht beschreiben läßt sich der Eindruck – ein Sphärensang! nur erwarte man nicht die Künste heutiger Virtuosität zu hören, dessen ist das Harmonichord in seiner musikalischen Himmelsreinheit nicht fähig. Dem schönen heiligen Traume der Cherubim-Chöre nur dient es und vermag es zu dienen.“ Auch für dieses Musikwerk interessirte sich C. M. von Weber in so hohem Grade, daß er dafür ein großes Concert mit vollem Orchester componirte, welches sich noch als Manuscript im Besitze Kaufmanns befindet.

Wir sehen auf unserem Bilde den ehrenwerthen Meister an diesem seinem Lieblingsinstrumente, dem Harmonichord; ihm zur Seite sein würdiger Sohn und Mitarbeiter, auf den wir noch besonders, bei Besprechung seiner Schöpfung, des „Orchestrions“, zurückkommen werden. Die durch eine mehr als fünfzigjährige Arbeit gekrümmten Finger des Greises entlocken noch mit gleicher Sicherheit wie vor zwanzig Jahren, da wir ihn zum ersten Male hörten, dem Instrumente jene überirdischen Töne, wie wir sie vergebens in unsern Orchestern suchen dürfen; das ehrwürdige weiße Haupt senkt sich mehr und mehr zu den Tasten nieder, je mehr sich der „alte Spielmann“ in seine Phantasiern versenkt – je mehr er uns mit unsern Gedanken der Gegenwart entrückt.

Wie Friedrich Kaufmann’s Vater schon früher Harfe und Flöten in einer Maschine vereinigt hatte, so verbanden jetzt beide Künstler das Pianoforte mit Flöten und Piccolo in einem mechanischen Instrumente und nannten es „Chordaulodion“ (Saiten-Flöten-Gesang). Die von ihnen gemachte, für den Orgelton höchst wichtige Erfindung, sowohl offne als gedeckte Pfeifen mittelst einfachen Mechanismus und durch Verstärkung und Verschwächung des Windes piano, crescendo und forte anzublasen, ohne daß sich dabei der Ton verstimmt oder sonst dadurch leidet, machte es möglich, das mechanische Spiel des Chordaulodion mit einer Art lebendigen Hauches zu beseelen und alle Nüancirungen des crescendo und decrescendo, accelerando und ritardando hervorzubringen. – Mit den genannten Instrumenten machten beide Künstler in den Jahren 1815–1819 eine Kunstreise durch einen großen Theil des europäischen Continents und erwarben sich überall ebenso viel Beifall und Bewunderung durch ihre Talente, als Hochachtung und Zuneigung durch ihren biedern, deutschen Charakter.

1818 starb J. G. Kaufmann in Frankfurt a. M., worauf Friedrich Kaufmann vom Großherzog von Darmstadt einen Ruf als Harmonichord-Spieler in dessen Capelle erhielt, denselben jedoch ausschlug, da ihm vom Könige von Sachsen ein lebenslänglicher [711] Jahrgehalt bewilligt ward, wenn er wieder nach Dresden zurückkehre. Hier lebte er in glücklichen Familienverhältnissen beinahe zwanzig Jahre der Vervollkommnung seiner Kunst, und vollendete 1836 ein neues großes selbstthätiges Instrument, „Symphonion“ von ihm genannt, welches Fortepiano, Clarinetten, Flöten, Piccolo, Schallstäbe und Pauke in sich vereinigte, und von dem z. B. Prof. Schafhäutl in München schreibt: „Das Spiel dieser Maschine ist wirklich entzückend, der Vortrag brillant, der Anschlag des Fortepiano selbst so frisch und rund, daß man unwillkürlich den Spieler und die Hände sucht, welche bald energisch in die Saiten greifen, bald sich zart und leise begleitend den brillanten Clarinett- oder Flöten-Passagen anschließen.“ – Mit dem Symphonion, einem Chordaulodion, dem Harmonichord und dem Trompet-Automat unternahm Friedrich Kaufmann, begleitet von seinem Sohne Friedrich Theodor (geb. 1823 zu Dresden), dessen angeborenes Talent in diesem Fache der Kunst einen seltenen Wirkungskreis fand, eine längere Kunstreise durch Deutschland, Rußland, Schweden und Dänemark und fanden namentlich in Petersburg die glänzendste Anerkennung, leider verunglückten die genannten Instrumente, die Frucht jahrelanger Anstrengungen und Arbeiten, zur See auf der Rückreise von Kopenhagen im December 1843. Nach Dresden zurückgekehrt, begannen nunmehr Vater und Sohn gemeinschaftlich neue Instrumente und Kunstwerke an Stelle der verunglückten zu erbauen und dabei sowohl die früher gemachten Erfindungen anzuwenden, als auch neue Ideen und Verbesserungen dabei auszuführen. So entstand ein neues, wesentlich verbessertes Harmonichord, ein Chordaulodion, ein Symphonion und ein Belloneon, und auch der Trompet-Automat ward wieder hergestellt.

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Das Orchestrion.

Nachdem diese Arbeiten vollendet, schritt der jüngere Kaufmann zur Ausführung eines möglichst vollständigen selbstspielenden Orchesterwerkes nach eigener Idee, welches nach fünfjähriger anstrengender Arbeit 1851 vollendet ward, und Clarinetten, Flöten, Flageolets, Hörner, Cornets, Trompeten, Fagotts, Tuba, Pauken, Trommeln, Triangel und Becken in sich vereinigt. Es ward „Orchestrion“ genannt, hat, beiläufig bemerkt, eine Höhe von vier Ellen achtzehn Zoll, und machte auf einer damit nach England etc. unternommenen Kunstreise zur Zeit der Londoner Industrie-Ausstellung Sensation. Zurückgekehrt von dieser Kunstreise gründeten Kaufmann, Vater und Sohn, in Dresden eine permanente Ausstellung ihrer Erfindungen unter dem Namen „Akustisches Cabinet“ und verbanden damit eine Fabrik musikalischer Instrumente, aus der zahlreiche selbstthätige Kunstwerke und namentlich auch „Harmoniums“ (vervollkommnete Physharmonica) hervorgehen und weithin versendet werden. Die Vorzüge des genannten Harmoniums vor derartigen bisher bekannten Instrumenten bestehen sowohl in bei weitem vollerem, edlerem Tone, als auch in der Anwendung mehrerer Register von verschiedenen Klangfarben. Die präcise Ansprache der Töne läßt auch die Ausführung lebhafter Tonstücke zu, und die leichte Behandlung, die willkürliche Schwellung der Töne, die Dauerhaftigkeit der Stimmung vereinigen sich, das Harmonium immer mehr beliebt zu machen. Kleinere Harmoniums sind die anmuthigsten Instrumente für Zimmer und Salon (auch mit Begleitung des Pianoforte und Gesang), während größere durch Stärke und Fülle der Töne in kleineren Kirchen, Sälen und Theatern die Stelle der Orgel zu ersetzen vollkommen im Stande sind.

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Das Harmonium.

Indem wir, soweit es uns der Raum gestattete, auf den Wirkungskreis und die Bedeutsamkeit beider Künstler hingewiesen, glauben wir dem Leser zugleich ein Bild stillen deutschen Fleißes gezeigt zu haben. Bewunderung und Liebe flößt uns das lange arbeitsvolle Leben des Vaters ein – wahrhafte Achtung das unermüdliche Streben des Sohnes.

Mögen Beide noch lange vereint wirken und schaffen!
K.


Spiritualisten-Spuk.[3]

„Die Geisterwelt ist nicht verschlossen“. Im Gegentheil scheint es, als ob sie sich weit und breit Allen, die Zutritt wünschen, und nicht blos den begünstigten „Sonntagskindern“ eröffnen wolle. Die Zahl der Leichtgläubigen, die bereits mit Geistern umgehen und sie beliebig zu „Tische“ einladen, beläuft sich in Amerika schon auf mehr als drei Millionen „Spiritualisten“, wie sie sich nennen, die siebzehn ausschließlich dem Spiritualismus gewidmete Zeitschriften herausgeben und lesen, in England mindestens aus dreißigtausend mit einem „8piritual Magazine“, das aber von Zeitschriften anderer Art und zum Theil ersten Ranges noch unterstützt wird. Wir nennen nur Thackeray’s „Cornhill-Magazine“, das durch einen Spiritualisten-Artikel unlängst die ganze „ungläubige“ Presse in Schrecken versetzte und zu Kreuzzügen gegen sich Anlaß gab. Thackeray ist mit Dickens Oberster der Götter auf dem literarischen Olympe Englands. Thackeray und Dickens, das klingt in England eben so, wie bei uns Goethe und Schiller. [712] Ein Artikel für den Spiritualismus in Thackeray’s Monatsschrift, das war schon literarisches Ereigniß genug. Und nun erst, was darin stand! Die höchsten, geachtetsten, ehrwürdigsten Namen des Standes, der Politik und Wissenschaft, die darin als gläubige und bekehrte Spiritualisten auftraten! Es klang fast ebenso fabelhaft, wie die darin erzählten Wunder selbst. Hernach trat sogar noch William Howitt, ein alter Literat und Gelehrter mit viel deutscher Bildung und Verfasser eines pfaffenfeindlichen Buchs, als Vertheidiger gegen Angriffe und als eifriger Spiritualist öffentlich auf und bürgte für eine Menge fabelhafter spiritualistischer Offenbarungen und zwar mit Zeugen und Bürgen erster Classe. Merkwürdig: lauter Namen ersten Ranges. Der Spiritualismus tritt in Europa entschieden als noble Passion der höchsten Stände auf. Mr. Home, „der Geisterkönig des neunzehnten Jahrhunderts“, als welchen wir ihn unsern Lesern früher einmal vorstellten, hatte in England fast nur mit höchster Aristokratie und im übrigen Europa bis Petersburg nur mit Kaisern, Königen und Fürsten zu thun. Nur in Amerika, seiner Heimath, ist der Spiritualismus bereits eine Institution, eine Religion aller Classen geworden, weil es dort keine Kaiser und Könige gibt, auf die er sich beschränken könnte. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als im „Lande von Freiheitsflegeln, wo sie ohne König kegeln, wo sie ohne Spucknapf spei’n“, sich mit den großen Massen gemein zu machen. In der alten Welt hat er sich aber bis jetzt ziemlich hoch und vornehm gehalten, jedoch ohne sich den Neu- und Wißbegierigen zu verschließen. Das Schlimmste für uns Ungläubige dabei ist, daß er’s nicht blos Kaisern und Königen und englischen Lords angethan, sondern leider auch Männern der Wissenschaft, die nun kühn als Bekenner und Apostel des Spiritualismus auftreten und in ihm eine neue Religion des Heils begrüßen.

Was ist das für eine Macht, der sich nicht nur absolute Potentaten beugen, sondern auch Männer der Wissenschaft? Lächerlicher Weise nichts als die alte Klopfgeisterei, tanzende Stühle, drehende Tische, verdrehte Köpfe – aber mit einigen neuen, schauerlichen Kunststücken, als da sind: frei in der Luft schwebende Tische, frei in der Luft schwebende Menschen, aus lichtem Luftnebel hervorwachsende Hände citirter Geister, Schwefel- und Phosphorgeruch, eigenthümliches Wehen und Hauchen in der Luft, Prickeln und Kribbeln an den Haarwurzeln, Kneifen in Damenwaden, Kitzeln unter den Strumpfbändern und sonstige unanständige Foppereien, gelegentlich musikalische Leistungen aus unsichtbaren Regionen bis zu Mozart, der unlängst persönlich in einer Kirche zu Rom eine seiner Messen vortrug.

Also das nennt man Spiritualismus? Und an diesen Blödsinn, Betrug und Schwindel, zu schlecht für die ältesten, dem Trunke ergebenen Wasch- und Hökerweiber in unsern aufgeklärten Tagen, glauben Kaiser, Könige, Lords und Naturforscher? Ja, so ist’s. Und dies ist just das größte Wunder dabei, das wir Ungläubigen durchaus nicht mehr mit bloßer Verspottung abweisen können, wenn wir uns nicht eben so stark an der Menschheit versündigen wollen, wie die Geisterkönige und ihre Millionen treuer Unterthanen.

Wir haben zu viel Zeugnisse gebildeter Männer für die Thatsachen des Spiritualismus, als daß wir ihm ohne weitere Complimente den Rücken kehren dürften. Nein, unter den gegebenen und sich immer weiter entwickelnden Verhältnissen ist es unsere Schuldigkeit, diese Leute mindestens anzuhören und zu untersuchen, wie’s etwa zugegangen sein könnte, daß sie sich alle täuschten und respective betrügen ließen, wie’s der Spiritualismus zu Anhängern und Gläubigen der höchsten Stände, der exactesten Wissenschaft, zu Millionen Opfern bringen konnte. Wir von unserm Standpunkt aus sehen das Ganze als kolossalen Schwindel an, dessen Aufklärung freilich noch außer unserer Macht liegt.

Geben wir jetzt eine Reihe der hauptsächlichsten Thatsachen, wie sie in den Zeitungen und Büchern uns vorliegen (der Setzer wird doch nicht „vorlügen“ setzen?), und für welche Männer mit den besten Namen bürgen.

Zunächst einen Blick auf Amerika. Die pfiffigen, klugen, scharfen, nüchternen, materialistischen Yankees bekämpften den etwa vor zehn Jahren zuerst unmerklich auftretenden Spiritualismus mit allen ihren in freier Presse, Witz und Scharfsinn zu Gebote stehenden Mitteln. Das half aber so wenig, daß sich im Gegentheil die anfangs kleine, unbedeutende Schaar seiner Jünger auf mehr als drei Millionen vermehrte, unter denen man Männer der höchsten Bildung findet, die zum Theil in den siebzehn Journalen des Spiritualismus energisch und begeistert für die neue Offenbarung kämpfen. Mancher war vorher ein Saulus und wurde zum Paulus. So z. B. Professor Hare, einer der ersten Naturforscher der neuen Welt, der Faraday oder Dove Amerika’s. Er lachte, wenn er gelegentlich von den verrückten Tischdrehern hörte, bis es ihm endlich zu arg ward und er sich entschloß, den Hokuspokus und diese neue Taschenspielerei zu untersuchen und zu entlarven. Gerüstet mit Naturwissenschaft wie Keiner, besuchte er Spiritualisten-Gesellschaften und ließ sich alle ihre Wunderkünste wieder und immer wieder vormachen, um durch genaues Aufpassen und scharfsinnige Untersuchungen – woran er nie gehindert ward – endlich des Pudels Kern zu entdecken. Vergebens. Im Gegentheil – das gespannte wissenschaftliche Publicum las bald mit Erstaunen Professor Hare’s Erklärung, daß er in den ihm bekannten Gesetzen und Kräften der Natur keine Erklärung der von ihm untersuchten Erscheinungen und Thatsachen des Spiritualismus habe entdecken können und er sich daher gezwungen fühle, unirdische (un-earthly) Ursachen derselben anzunehmen. In diesem etwas starken Glauben schrieb er weiter, lebte und starb er. Unzählige gebildete und wissenschaftliche Amerikaner, gereizt durch dieses Saulus-Paulus-Wunder, besuchten nun ebenfalls Spiritualisten-Media, hörten es klopfen, sahen es tanzen und erhielten erstaunliche Antworten auf Fragen an die „andere Welt“, wußten nicht, wie’s zuging – und sind jetzt Spiritualisten.

Noch mehr zog der berühmte Advocat Edmonds, mit einer Praxis von jährlich 30,000 Dollars, mit sich hinüber. Der schlaueste Jurist von der Welt, dem in Processen nicht das feinste Fädchen oder Häkchen entgeht, ließ sich von den Geistern etwas klopfen, von den Tischen und Stühlen etwas tanzen und alle sonstige Kunststücke von den verschiedensten Mediis unendlich oft wiederholen, ohne daß er je daraus klug werden konnte. Er erklärte, daß er nie Spuren von Betrug, Täuschung oder Humbug irgend einer Art entdeckt habe und er vollkommen überzeugt worden sei, daß hier bis jetzt unbekannte, äußerst merkwürdige Ursachen wirken. In dieser Ueberzeugung schreibt und wirkt er jetzt noch. Unzählige andere Spiritualisten Amerika’s, welche die siebzehn Journale der „neuen Offenbarung“ füllen, sind zum Theil auch von Bedeutung in der Wissenschaft, aber wir wollen’s bei den beiden Erwähnten lassen, um uns einige englische Autoritäten anzusehen.

Sir David Brewster ist ein Mann von europäischer Bedeutung in der Wissenschaft, ebenso Lord Brougham, der hohe Achtziger. Beide sind freilich schon sehr alt, und die Gediegenheit des Urtheils dürfte doch in den achtziger Jahren etwas leiden.

Beide hatten schon am 9. October 1855 Gelegenheit, den Geisterkönig Home operiren zu sehen. Sie sahen und hörten die bekannten Tischwunder unter ihren eigenen Händen. Endlich – das Wunder steht schwarz auf weiß in der Erklärung – machte sich der drehende Tisch los und hob sich in die Luft. Dasselbe wiederholte sich in einer zweiten Zusammenkunft. Die Sache stand damals in den Zeitungen, verbürgt von allen Anwesenden: Sir David Brewster, Lord Brougham, Mr. Cox (in dessen Hause sie sich versammelt hatten), Mrs. Trollope, Mr. Home und Dr. Maitland, rationalistischem Verfasser eines Buches: „Wissenschaft und Aberglaube“.

Mr. Home, das Hauptmedium dieser und anderer Wunder, zeichnete sich stets durch die größte Offenheit aus und forderte in der Regel sein Publicum auf, ihn, die Zimmer, die Tische etc. beliebig zu untersuchen, ob sie Humbug u. dgl. entdecken könnten. Mehr als dreißig Mal experimentirte er vor Napoleon und einer Menge Standes- und wissenschaftlicher Personen, die eingeladen worden waren, denen er stets und zu jeder Zeit jede Art von Untersuchung gestattete. Dasselbe gilt von allen seinen „Vorstellungen“, die er beinahe über ganz Europa hin vor Königen und Kaisern gab. Sollten diese Könige und Kaiser und die Generäle, Räthe und Professoren, die zu diesen Gelegenheiten eingeladen waren, grade am leichtesten zu betrügen gewesen sein? Wohl möglich. Allerdings hat auch Bosco Jahrzehende lang vor allen möglichen Potentaten und dem Publicum zugleich noch ganz andere unerklärliche Zauberkünste gemacht, als Home; aber Bosco hat seine Apparate, die er sich nicht aus der Hand nehmen, nicht untersuchen läßt. Home sitzt immer ganz harmlos und ruhig mit seinen berümten blauen Augen (in einem sonst nichtssagenden blassen Gesicht) mitten unter [713] den Andern, während die Geister um ihn ihr Unwesen treiben. Und Bosco, der tausenderlei Zauberstückchen machte, konnte nie Tische in die Luft steigen lassen, wie Home.

Während seines letzten Aufenthaltes in London vorigen Frühling und Sommer ist Home ganz besonders scharf und ausdauernd von wissenschaftlichen Männern, Lords, Künstlern, Literaten, Juristen etc. untersucht worden, wobei er sie selbst immer auf das Bereitwilligste unterstützte. Niemand hat eine Spur von Taschenspielerei oder Betrug entdecken können (oder wollen?), aber auch keine Möglichkeit, seine Wunder aus bekannten Naturgesetzen zu erklären, so daß sich die Zahl derer, die an den übernatürlichen Ursprung der Wundererscheinungen glauben, bedeutend vermehrte. Am längsten experimentirte er bei dem alten, berühmten Juristen und Politiker Lord Lyndhurst, der sich über achtzig Jahre lang niemals etwas weißmachen ließ. Wieder läßt sich hier mit Recht einschalten, daß mit achtzig Jahren die Schärfe des Urtheils aufhört. Einmal gab Home im Hause Lord Lyndhurst’s zwei Wochen hinterenander alle Tage Vorstellungen: er selbst und mehrere eingeladene Männer der Wissenschaft hatten sich vorgenommen, um jeden Preis „dahinter zu kommen“. Es war nicht möglich. Der alte schlaue Jurist und alle seine Freunde mußten endlich zugeben, daß sich keines der merkwürdigen spiritualistischen Phänomene natürlich erklären lasse.

Faraday, der berühmte Natur-, besonders Elektricitätsforscher, hatte es anfangs versucht, die sich unter ausgelegten Menschenhänden drehenden Tische durch „unwillkürliche Muskel-Action“ zu erklären. Als ihm aber die Tische unter den Händen verschwanden und sich mit Gewalt an die Decke erhoben und vor seinen Augen in der Luft schwebten – auch dieser Unsinn steht gedruckt –, zog er sich mit seiner Theorie zurück und konnte seitdem nie wieder bewogen werden, andere und noch auffallendere Erscheinungen mit anzusehen. Selbst als man ihm sagte, daß er Mr. Home selbst in die Luft steigen und an der Decke schweben sehen sollte, mit nichts als Luft unter seinen Stiefelsohlen, nichts als Luft um ihn her (wie er nach Zeugen-Aussagen im Cornhill-Magazine mehrmals gethan haben soll), lehnte er entschieden ab und hielt sich seitdem immer fern von einem Gebiete, das seiner Naturwissenschaft eine Niederlage bereitet hatte.

So gibt’s Beispiele auf Beispiele, deren Zahl wir nicht unnöthig vermehren wollen. In englischen Zeitungen und Büchern kann man deren noch in Masse lesen. Doch noch eins, das ganz besonders merkwürdig aussieht. Ein Naturforscher, Arzt und Redacteur einer wissenschaftlichen Zeitschrift in London hatte in seinem Blatte Jahre lang mit besonderem Eifer gegen die verrückte Tischdreherei und Spiritualisterei gekämpft, doch rückte sie ihm immer näher auf den Leib. Freunde und wissenschaftliche Autoritäten hatten gesehen, untersucht und – gestanden. So ging er endlich schnurstracks zu dem Advocaten und Spiritualismus-Schriftsteller W. Wilkinson, 44 Lincoln’s Inn-fields in London, und sagte: „Sie erzählen da in Ihrem Spiritualisten-Magazine Wunder auf Wunder; ich fordere Sie heraus, auch mir solche zu zeigen.“ Wilkinson nahm die Herausforderung an und begab sich mit dem amerikanischen Medium, Mr. Squire, in dessen Haus, wo sich mehrere Freunde eingefunden hatten. Diesen wurde Gelegenheit gegeben, erst einen ganzen Tag und dann noch zwei halbe Tage die Leistungen des Mediums an Wilkinson’s eigenen Tischen und Meubles zu studiren und zu bestaunen. Ein Tisch ward von unsichtbaren Gewalten von einem Zimmer in das andere geworfen, ein anderer Tisch, für Wahnsinnige gemacht, ungemein fest und rings herum mit Eisenreifen beschlagen, ward vor den Augen Wilkenson’s und seiner Freunde von unsichtbaren Händen zerschmettert und in Stücken auseinander geschleudert. Wilkinson und seine Freunde veröffentlichten diese und andere vor ihren Augen geschehene Thatsachen und zugleich ihre Geständnisse, daß sie sich in ihrer bisherigen Feindseligkeit gegen den Spiritualismus geirrt hätten, in einer Nummer des „Spiritual Magazine“.

Das sind einige Stimmen und Thatsachen. Allerdings ist von den Gegnern auch der Beweis geliefert worden, daß unter der Stubendecke sehr menschliche Hände sogenannte Geisterarbeit verrichteten, daß viele Citirungen einen lächerlichen Ausgang hatten, daß die Herren Geister stets mit der Orthographie auf gespanntem Fuße standen, und was der groben Täuschungen mehr waren. Das hilft aber wenig oder gar nichts. Der Curiosität wegen fügen wir noch aus einem Berichte über ein Medium in Rom, der in der englischen Wochenschrift: „The Welcome Guest“ (der willkommene Gast) Seite 77 u. ff. erschien, folgende höchst schauerliche Geschichte hinzu.

„Das Medium ist ein Küster, der in einem düstern, schmutzigen Hause neben einer Kirche wohnt. Engländer sind aus Langweile zu ihm gekommen, um sich etwas „vormachen“ zu lassen. Zunächst tanzen Tische und Stühle in längst hergebrachter Weise. Hernach werden Geister citirt und mit Fragen belästigt, die sie auch größtentheils durch übliches Klopfen beantworten. Hernach citirt ein Engländer den berühmten, verstorbenen Boxer Cribb und fordert ihn heraus. Sofort setzt sich ein Tisch gegen ihn in Bewegung und treibt ihn mit Anläufen und Stößen in eine Ecke, wo der schreiende Engländer nun so lange tüchtige Püffe mit der Tischplatte in die Magengrube bekommt, bis der Küster, Cantor, Organist und Geistermann den verstorbenen, im Tische steckenden Boxer ergreift und entwaffnet. Schon ganz hübsch. Nun kommt aber erst die Hauptsache. Unter Anderen wird Mozart citirt und gefragt, ob er etwas spielen wolle.

„Ja,“ in zwei lauten Stößen.

„Auf dem Piano?“

„Nein.“

„Wo denn sonst?“

„Auf der Orgel in der Kirche.“

Die Gesellschaft begibt sich also mit einer Fackel in die Kirche daneben.

Der Erzähler tritt die Bälge und vernimmt bald herrliche Mozart’sche Töne schwellen, absterben und wieder aufschwellen.

„Es folgte eine Pause,“ fährt er fort. „Mein Herz schlug heftig von seltsamer Angst. Plötzlich füllte sich der ganze Raum, in welchem ich stand, mit blendendem Lichte, und die Orgel rauschte auf von den ersten Passagen des berühmten „Gloria“ in der zwölften Messe Mozart’s. Dies war nicht Alles. In die Orgeltöne stimmte ein volles Orchester ein: die Chöre wurden deutlich von mehreren hundert Stimmen gesungen. Orgel, Orchester und Chor in gewaltigster, harmonischster Einheit. Endlich kommt der Chor zum Schlusse, bewußtlos, hingerissen stimme ich mit aller meiner Kraft ein: „Et in terra pax hominibus bonae voluntatis“ und falle ohnmächtig zu Boden.“

Sehr gut! Ein brillanter Schluß! Ganz der höhere Schwindel! Wir nehmen hier an, daß der Verfasser eben nur einen pikanten Artikel mit einem schauerlichen Kladderadatsch-Schlusse habe schreiben wollen, und verweisen ihn in das Gebiet der Phantasie. Aber die jahrelange Klopferei und Wunderthäterei nicht nur vor Kaisern und Königen, sondern auch vor aufgeklärtesten Männern der Wissenschaft, die nun dutzendweise öffentlich auftraten und bürgten für die Realität spiritualistischer Wunderdinge der verschiedensten Art? Was fangen wir mit ihnen an? Wenn die Wissenschaft das Ganze als eine elende Betrügerei hinstellt und einen Brewster, Lord Brougham, einen Faraday und Andere Lügen straft, so ist sie auch den Beweis schuldig, wenn sie die vielen Hartgläubigen überzeugen und heilen will. Mit Spott allein ist’s nicht gethan, wo nur Gründe helfen können. Hoffen wir also, daß sich deutsche Gründlichkeit einmal ordentlich dahinter mache, diese Geister der Lächerlichkeit zu übergeben, wie sie es verdienen.




Goethe als „dummer Junge“.
Eine culturhistorische Studie.

„Und ich wiederhole es Ihnen, Herr Graf, die Bestie darf nicht auf das Theater!“

„Das ist gewiß nicht Ihr letztes Wort, Herr Geheimerath, in dieser so wichtigen Angelegenheit.“

„Es ist es. Es bleibt bei dieser Entscheidung, so lange ich hier in Weimar noch ein Wort in Theatersachen zu reden habe. Es ist und bleibt dieses Hunde-Gastspiel eine Entweihung der Bühne, die mir viel zu hoch steht, als daß ich so etwas dulden sollte.“

[714] „Aber bedenken Sie doch, bester Geheimerath, ein wie großer Thierfreund und besonders Hunde-Liebhaber unser trefflicher Großherzog ist und wie sich Seine königliche Hoheit daher freuen würden über die staunenswerthen Künste des talentvollen Thieres.“

„Ich habe gar nichts gegen die Liebhaberei[WS 1] unseres gnädigsten Herrn, aber sie mag geübt werden, wo sie hin gehört, im Wald und auf der Haide, aber nimmermehr auf dem Theater. Hier lesen Sie doch selbst § 19 unserer Theatergesetze, die auch Sie mit unterschrieben haben, Herr Graf. Hier steht es ja ausdrücklich und mit dürren Worten: „Hunde auf die Bühne mitzubringen, ist streng verboten.““

„Excellenz halten zu Gnaden, dieses Gesetz bezieht sich lediglich auf Haus-, Hof- und Metzger-Hunde und den sonstigen Hundepöbel, welchen ein hundeliebender Schauspieler in die Garderobe mitzubringen versucht sein könnte und der dann, wenn er plötzlich die Bühne beträte, um ohne Gage mitzuspielen, eine ärgerliche Störung veranlassen würde; aber so etwas hat ja gar keinen Bezug auf das wohlgezogene, der Hunde-Aristokratie angehörende Individuum, welches Herr Karsten uns zu produciren die Ehre haben wird. Excellenz lassen ja selbst Ihren Faust so treffend sagen:

Dem Hunde, wenn er gut gezogen,
Wird selbst ein weiser Mann gewogen.
Ja, Deine Gunst verdient er ganz und gar,
Er, des Herrn Karsten trefflicher Scolar.“

„Gehen Sie mir mit Ihren verwünschten Sophismen; es bleibt dabei, die Bestie darf nicht auf’s Theater!“

So schloß ein in Goethe’s Studirstube zu Weimar zwischen dem Dichter und dem Grafen Edelink zuletzt sehr laut und heftig geführtes Gespräch. Zum vollen Verständniß desselben sei es uns vergönnt, Folgendes als Erläuterung anzufügen.

Im Jahre 1790 ward das neue Theater eröffnet, und Goethe übernahm die Leitung mit fast unumschränkter Machtvollkommenheit und mit einem so großen Eifer, daß er alle Proben beaufsichtigte und die einzelnen Schauspieler und Schauspielerinnen selbst einstudirte. Während der Aufführung saß er mitten im Parterre auf einem Sessel, mit seinem Jupiter-Blick den Kreis um sich her lenkend und beherrschend, zuweilen auch, wenn Beifalls- oder Mißfallensbezeigungen des Publicums ihn genirten, mit einem „Quos ergo“ derb drein fahrend. Auf der Bühne war er Despot und doch Alles mit dem Zauber seiner imposanten Persönlichkeit entzückend.

Die höchste Blüthezeit der dramatischen Kunst in Weimar war die der ersten Ausführung des Don Carlos, Egmont und Wallenstein. Obschon der Versuch, ein deutsches Theater zu schaffen, mißlang und auf dem eingeschlagenen Wege mißlingen mußte, so gehört doch das edle Streben der beiden Herren auch in dieser Beziehung zu den erhabensten Erscheinungen in der deutschen Kunstwelt. Schiller starb, und sowie sein Tod überhaupt einen tiefen und schmerzlichen Riß in Goethe’s Herz und Leben verursachte, so lähmte er auch sein Interesse am und seine Thätigkeit für’s Theater. Bald kamen noch andere Ursachen hinzu, die ihm die Leitung der Bühne mehr und mehr verleideten. Die gefeiertste Schauspielerin, die als Frau von Heygendorf geadelte Caroline Jagemann, genoß außerhalb der Bühne die Gunst des Großherzogs im höchsten Grade und wollte sich daher auf der Bühne den strengen Anordnungen Goethe’s nicht fügen. Es entstanden Parteien und Verstimmungen, die vom Winter 1808 an Goethen mehrfach bestimmten, um Enthebung von seinem ärgerlichen Posten zu bitten. Immer aber ließ er sich wieder zur Beibehaltung desselben bereden. Im Jahre 1813 wurde ihm der Hofmarschall, Graf von Edelink, als Mitglied der Intendanz zur Seite gegeben. Doch behielt Goethe die höchste Entscheidung. Frau von Heygendorf wurde indessen immer eifersüchtiger auf des Dichters Einfluß. Sie suchte und fand endlich das rechte Mittel, um Goethe zu verdrängen.

Alle Zeitungen waren damals voll von dem Furore, welches ein neues Melodrama: „Der Hund des Aubry[4] selbst auf den größten Bühnen machte. Jetzt, wo sogar Ziegen als dramatische Künstlerinnen auftreten, würde das gar nicht mehr auf fallen, damals aber machte es Aufsehen. Ein gewisser Herr Karsten hatte einen Pudel abgerichtet, der die Titelrolle auf’s Trefflichste spielte, und zog gastirend und das Publicume entzückend überall mit demselben herum. Goethe las die Theaterberichte darüber mit Entrüstung. Der Großherzog aber, dem man namentlich einen interessant geschriebenen Bericht aus Paris in günstiger Stunde vorlegte, wurde neugierig gemacht und zu dem Wunsche veranlaßt, daß man das vierbeinige Talent als Gast nach Weimar einladen möge.

In Folge aller dieser Ereignisse fand dann das oben angeführte Gespräch statt.

Graf Edelink entfernte sich mit höfischer Freundlichkeit, und Goethe ging einige Mal mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, und rief dann, als er die Thüre des Vorzimmers hatte zuklinken hören, aus: „Ich durchschaue Alles, es ist eine fein angelegte Intrigue der Heygendorf, ich werde meine Maßregeln nehmen.

Graf Edelink eilte nach dem Residenzschloß und ließ sich beim Großherzog melden.

„Nun, wie steht’s?“ fragte dieser, „hat der Bühnentyrann seinen harten Sinn erweichen lassen?“

„Nichts weniger als das,“ erwiderte der Graf, „obschon ich nichts unversucht ließ, um ihn zu erweichen. Ich sagte ihm, daß ja die Sache selbst von naturgeschichtlichem Interesse sei, da man dabei gewahr werde, in wie weil der thierische Verstand bildungsfähig erscheine. Alles vergebens. Ich stellte ihm vor, wie unrecht es von ihm sei, immer nur auf seinem Kopfe zu beharren und den Wünschen von Ew. Königl. Hoheit selbst in einer solchen Kleinigkeit zu widerstreben. Alles vergebens. Und wenn er sich auf den Kopf stellt, sagte er endlich, so bleibt es doch dabei, die Bestie darf nicht aus das Theater, so lange ich demselben vorstehe.“

„Das hat er wirklich gesagt?“ erwiderte der Großherzog mit Heftigkeit, indem ihm die Zornesader zu schwellen begann.

„Ja, das hat er gesagt,“ erwiderte der Graf, ohne dabei zu erröthen. „Ew. Königl. Hoheit halten nur zu Gnaden, daß ich es zu wiederholen mir erlaubt habe – aber –“

„Schon gut,“ schloß der Großherzog die Audienz, „wir wollen doch sehen, wer hier Herr ist. Schreiben Sie sofort an Karsten, daß er sobald als möglich mit dem Hund hier eintrifft. An Goethe wird davon keinerlei Mittheilung gemacht.“ Er machte die Entlassungspantomime, und der Graf verabschiedete sich mit vielen tiefen Bücklingen.

„Durchgesetzt, endlich durchgesetzt,“ so rief der Graf, sich freudig die Hände reibend, indem er in den höchst eleganten Gartensalon bei der Frau von Heygendorf eintrat.

„Bravo, lieber Graf, bravo!“ rief die reizende Freundin Karl Augusts, indem sie voll Freude in die Hände klatschte. „Ich wußte ja, daß Sie der Mann dazu waren, so etwas durchzusetzen. Nun aber auch weiter an’s Werk, so lange das Eisen noch warm ist und glüht.“

Ohne daß Goethe ein Wort davon wußte, wurde der vierbeinige Mime verschrieben.

Es war in den ersten Tagen des April 1818 gegen Abend, als er mit der Post ankam und im Gasthof zum Elephanten Quartier nahm. Alle Abende fanden sich dort bei Herrn Schwanitz in der räucherigen Wirthsstube, die damals noch durch einen hölzernen Pfahl in der Mitte fast zur ländlichen Schenke gestempelt wurde, eine Gesellschaft auserlesener Gäste ein. Herr Karsten saß mitten unter ihnen und sprach mit Stolz von den glänzenden Leistungen seines dramatischen Zöglings. Am andern Morgen war seine Ankunft in der ganzen Stadt ruchbar und noch bekannter wurde sie, als Herr Karsten am nächsten Abend zu einer der anmuthigen Soireen bei Frau von Heygendorf eingeladen gewesen war. Goethe glaubte indessen, man habe die Angelegenheit fallen lassen, und Niemand wagte es, ihn von der Ankunft des zottigen Mimen in Kenntniß zu setzen. Als er am Tage der Theaterprobe endlich Alles erfuhr, schrieb er an den Großherzog:

„Ew. Königliche Hoheit

wissen, wie mir bis zu diesem Tage das hiesige Theater als eine höhere Bildungsstätte ein Heiligthum gewesen ist. Da nun dasselbe meiner Ansicht nach durch die heutige Aufführung entweiht wird, so werden Ew. Königliche Hoheit es gewiß verzeihlich finden, wenn ich mir die Erlaubniß erbitte, derselben nicht beizuwohnen, sondern mich als beurlaubt ansehen zu dürfen.“

[715] Nachdem er dies Billet geschrieben halte, zog er heftig die Schelle mit befahl dem eintretenden Bedienten, sofort einiges Nöthige ein zupacken und den Wagen zu einer Fahrt nach Jena[5] anspannen zu lassen. Es war an einem Freitag, und unwillkürlich summte der Alte mit den „Lustigen von Wien“ vor:

„Freilag geht’s nach Jena fort,
Denn das ist, bei meiner Ehre,
Doch ein allerliebster Ort.

Samstag ist’s, woraus wir zielen,
Sonntags rutscht man auf das Land,
Zwätzen, Burgau, Schneidemühlen
Wind uns alle wohlbekannt.

In der Nähe der Schneidemühle nahm der Dichter Quartier. Von der Saal-Vorstadt aus gelangt man über eine große steinerne Brücke nach Camsdorf zu dem Gasthof zur Tanne, von dem aus man eine prachtvolle Aussicht in das Saal-Thal nach Zwätzen und Kunitz hin hat. Besonders reizend ist diese Aussicht von den Erkerstuben aus. Diese bezog Goethe und genoß dort noch einen herrlichen Abend. Die Studenten brachten dem gefeierten Dichter-Heros noch ein Ständchen mit freudigem Lebehoch.

Während dies in Saal-Athen vorging, erfreute sich die Bevölkerung Ilm-Athens in der Hunde-Komödie. Macaire hatte die blutige That vollbracht und den Leichnam, wie er glaubte, ganz unbeobachtet, bei Seite geschafft; aber der treue Hund hatte treu gewacht und that sogleich die ersten Schrille, um die schwarze Unthat an’s Licht zu bringen. Stürmischer Beifallsjubel begrüßte ihn. Dieser Beifall wuchs von Scene zu Scene, während der Hund den schändlichen Macaire immer deutlicher als den Mörder seines Herrn kennzeichne!, so daß sich dieser vor dem vierbeinigen Rächer nicht mehr zu retten weiß. Es wird endlich beschlossen, das; Macaire durch ein Gottesurtheil im Zweikampf mit dem Hunde seine Unschuld darthun soll. Der Kampf begann. Macaire, mit einer Keule bewaffnet, drang wüthend aus seinen Widersacher ein, der sich indessen geschickt in ein altes Faß zurückzog, welches ihm neben einem stacheligen Halsbande gleichsam als Schußwaffe gestaltet war. Lautlos und mit zurückgehaltenem Athem erwartete die Menge den Ausgang. Als aber endlich nach mehreren Gängen der Hund den rechten Augenblick ersah, Macaire, während er zu einem vernichtenden Schlage ausholte, unterlief, bei der Gurgel faßte, niederwarf und so lange würgte, bis er seine Unthat gestand: da brach ein Beifallssturm los, wie ihn selbst Iffland und Devrient in ihrer höchsten Blüthe nicht erfahren hatten. Der Verbrecher wurde der gerechten Strafe überliefert und der Vorhang fiel.

Unter stürmischem Hervorruf ging derselbe wieder in die Höhe, der Hund erschien, diesmal auf zwei Beinen, und machte dankend sein Compliment vor den applaudirenden Herren und Damen. Schade, daß keine Lorbeerkränze zur Hand waren! Der Großherzog sprach sich mit großer Befriedigung über die gelungene Darstellung aus, und man verfehlle nicht, durch die Bemerkung, wie nahe es daran gewesen sei, daß Goethe durch seinen Eigensinn ihn um diesen Genuß gebracht habe, seinen Unmuth zu reizen. In diesem Unmuth schrieb er folgendes Antworts-Billet nach Jena an Goethe:

„Aus den mir zugegangenen Aeußerungen habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß der Geheimerath von Goethe wünscht, seiner Function als Intendant enthoben zu sein, welches ich hiermit genehmige. Karl August.

Der Dichter war außer sich, als ihm diese Zeilen zugingen, und wurde es noch mehr, als er vernahm, daß eine Abschrift davon allen Theater-Mitgliedern mitgetheilt worden sei.

Karl August hat mich nie verstanden!“ so rief er im Gefühle bitterster Kränkung aus. „Wie hätte er mir sonst solches zufügen können? mir, mit dem er dreiundvierzig Jahre in dem Verhältniß des Freundes zum Freunde gestanden, mit dem er einst in einem Grabe ruhen zu wollen erklärt hat! Und das Alles um eines Hundes willen herbeigeführt durch eine erbärmliche Schauspielerintrigue! Eine neue Begründung für jenes warnende Wort: Verlasset Euch nicht auf Fürsten.

Wenige Wochen vorher waren dem Dichter von Wien aus glänzende Offerten gemacht worden, und er hatte damals nicht im Entferntesten daran gedacht, davon Gebrauch zu machen. Jetzt ging er ernstlich mit dem Gedanken um, Weimar auf immer zu verlassen und nach der Kaiserstadt am Donaustrande überzusiedeln.

Jeder alte Jenenser erinnert sich wohl des allen lreuen Postboten Jahr, der immer mit dem ganzen Gesichte lachte, wenn ihm die Freude zu Theil ward, einen der Musensöhne mit einem längst ersehnten Geldbriefe zu erfreuen. Er war von Kopf bis zu Fuß in Citronengelb gekleidet und hieß deshalb der „Canarienvogel“. Als eben der Unmuth Goethe’s an einem Morgen am höchsten gestiegen war, erschien dieser Canarienvogel auf der Tanne diesmal als Friedenstaube. Er brachte dem Dichter einen Brief mit dem großherzoglichen Siegel. Sein Inhalt zerstreute schnell die Wolken des Unmuths, welche sich um Goethe’s lorbeerumkröntes Haupt gelagert hatten. Der Großherzog hatte sein Unrecht eingesehen, schrieb in sehr versöhnlicher Weise und stellte seinen baldigen Besuch in Aussicht. Einige Tage darauf fuhr er kurz vor dem Antritt einer längeren Reise nach Jena. Die allbekannte Droschke war mit einem Champagner-Korb und vielen andern guten Sachen bepackt. In dem Pavillon des Prinzessinnen-Gartens speiste Karl August mit Goethe ganz allein. Bald hörte man frohes Anklingen der Gläser und durch dasselbe hindurch ein Duo, das ungefähr so lautete:

„Theater hin, Theater her, –
Zwischen uns bleibt Alles beim Alten.“[6]

So war denn das gute Verhältniß zwischen den beiden edeln Männern vollkommen wiederhergestellt; aber zur Wiederaufnahme der Theaterleitung ließ sich Goethe durch keine Bitten bestimmen. Er besuchte auch das Theater nie wieder. Nur am Regierungs-Jubiläum des fürstlichen Freundes machte er eine Ausnahme.

In Jena blieb er noch einige Zeit und nahm mehrfach mit Interesse Kenntniß von den Ereignissen des damals durch de volksthümlichen Bestrebungen der Burschenschaft sehr bewegten akademischen Lebens, was ihm nahe genug lag, da in den untern Räumen der Tanne der Hauptversammlungsort der Burschenschaft war. Eins dieser Ereignisse wollen wir etwas näher betrachten.

In der Geschichte der Weltstaaten ist es sehr zweifelhaft, ob in Babylon oder in Assyrien die erste große asiatische Monarchie sich gebildet hat. Auch darüber sind die Gelehrten noch nicht im Reinen, ob in Afrika Meroe oder Egypten zuerst als Weltstaat sich constituirte. Adhue sub judice lis est. In der Geschichte der Bierstaaten dagegen ist es ganz ausgemacht, daß dem Dorfe Lichtenhain bei Jena die Ehre gebührt, den ersten Bierstaat der Welt in seiner Mitte gegründet zu sehen.[7]

Seit undenklicher Zeit nämlich, und diesen Ausdruck nicht blos im Sinne der ehemaligen Reichsritterschaft, sondern ganz eigentlich genommen, so berichtet schon ein gelehrtes altes Haus der Burschenschaft, bestand in Jena ein wundersamer Brauch. In [716] der Nähe der Stadt liegt das Dorf Lichtenhain[8], welches sich, wenn auch keineswegs durch die Güte seines Bieres, so doch durch die löbliche Eigenschaft desselben auszeichnet, daß man eine ungeheure Quntität davon zu sich nehmen kann. Nach diesem Dorfe nun wallten die durstgequälten Jenenser und stifteten in altersgrauer Zeit einen eigenen Staat, d. h. sie wählten aus ihrer Mitte einen Herzog, Minister, Räthe, Forst- und Jagdbeamten etc. Auch errichteten sie einen Verdienstorden, Kannenorden genannt, für besondere Bierverdienste, und Alles, was noch sonst zu einer wohlconditionirten Regierung nöthig ist. Dabei entwickelte sich oft ein sehr glänzender Witz.

Dort fand man den wahren locus
Für den akademischen jocus.[9]

Nach dem Muster Polens war der Staat ein Wahlreich, Jeder Ebenbürtige, d. h. jeder regelmäßige Besucher Lichtenhains, hatte die active und passive Wahlbefähigung. Ein polnischer Reichstag war indessen in Lichtenhain nicht zu fürchten. Denn um allen Wahl-Intriguen vorzubeugen und nur dem wahren Verdienst die Krone zu geben, wurde an jedem Kneiptag regelmäßig zu Buche gebracht, wie viel ein Jeder zu sich genommen. Nach Ablauf des Jahres wurde das Facit gemacht, und wer dann in einem Jahre am meisten getrunken, wurde als der Fähigste, als der Förderste, als der Fürst begrüßt. Der beste Biertrinker nach dem Fürsten war der Kronprinz, dann kamen die Minister, der Erzbischof, der Kanzler, Reichsherold etc. bis auf den Hofpoeten und Hofzeitungsschreiber herab, alles secundum ordinem nach der verhältnißmäßigen, recht eigentlichen Capacität. Die Burgvögte, von der profanen Welt Wirthe genannt, thaten alles Mögliche, um nicht nur die Burg selbst, sondern auch die umliegenden Burggärten möglichst zu verschönern und namentlich die Hof- und Gallatage und Abende durch Decorationen und Illuminationen recht glänzend zu machen.

Der Mai des Jahres 1816 zeigte sich besonders günstig für solche Hof- und Gallatage. Die Frühlingssonne lockte öfters als gewöhnlich zum Besuche der Hofburg. Auf dem Throne Fichtenhains saß damals Tus IX., ein stattlicher, prachtliebender Herr.[10] Eines schönen Nachmittags entbot er seinen Reichsherold G. zu sich und sprach zu ihm die geflügelten Worte: „Bester, lieber und Vielgetreuer! Schreibe unter Berücksichtigung der Dir wohlbekannten Umstände auf nächsten Sonnabend Nachmittags 3 Uhr einen großen Hof- und Reichstag nach Lichtenhain auf und lade dazu alle unsere lieben Vasallen und getreuen Unterthanen feierlich ein.“ Der Reichsherold schrieb sogleich das übliche Manifest auf einen Bogen in Groß-Folio und befestigte es an das schwarze Bret, wo es wegen seiner Größe bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Am Abend vor dem festlichen Banket beschloß Goethe eine Spazierfahrt nach Kötschau zu machen, wo er zehn Jahre später dem allgefeierten wunderschönen Gastwirths-Töchterlein, der schönen Minna, den Namen der thüring’schen Helena gab. Als er über das Kreuz fuhr, zog der riesenhafte Anschlag am schwarzen Bret seine Blicke auf sich. Wißbegierig wie er war, schickte er seinen Kammerdiener ab, um zu erkunden, was der Anschlag bedeute. Dieser kam mit der Meldung zurück, er verstehe das Ding nicht, es scheine ein Studentenwitz zu sein. „Gehe hin und hole mir das Papier,“ befahl Se. Excellenz. Der Diener brachte die Proclamation, und Goethe las wie folgt:

Wir Tus IX., aus eignen Mitteln und Verdienst regierender Herzog zu Lichtenhain, Fürst zu Ziegenhain, Erbherr auf Kunitz, gefürsteter Graf von Ober- und Unter-Wöllntz, Kötschau und Ammerbach, Erb- und Bierherr auf Köstritz und Oberweimar, sowie Alleinherrscher aller Länder, die wir besitzen und nicht besitzen, die wir kennen und nicht kennen, allezeit Mehrer des Reichs, sowie Minderer des Biers und darum Großmeister aller Bierorden auf Sonne, Mond und Sternen, insonderheit des großen goldnen Kannenordens, der herzoglichen Societät der höheren Cerevisiologie Protector etc. etc.

haben erfahren, daß in unsern Landen viele Klagen über großen Durst laut geworden sind, was mit Wohlgefallen zu vernehmen allergnädigst geruhten. Maßen wir aber stets, immerdar und allezeit mit landesväterlicher Fürsorge darauf bedacht sind, die vorhandnen Kräfte unsrer vielgetreuen Unterthanen nicht nur zu benutzen, sondern auch fernerweit auszubilden, Nothleidende zu unterstützen und Durstigen zu Hülfe zu kommen, maßen ferner wir auch in unserer durchlauchtigsten Kehle selbst einige Trockenheit verspüren, haben wir mit unsern weisen Räthen unter Beirath und mit Zustimmung unsrer getreuen Landesstände beschlossen und verordnet, beschließen und verordnen wie folgt:

Es haben sich sämmtliche unsrer getreuen Unterthanen, mit allen unsern Hofrittern und Mannen in unsrer hohen Beste und Residenz zu Lichtenhain am Tag der Publication dieses Manifestes Nachmittags 3 Uhr zu einem Hof- und Reichstag zu versammeln, um auf demselben nach Kräften zum Wohl des Landes beizutragen, auch einem rittermäßigen Turnier und Lanzenstechen beizuwohnen.

Gegeben auf unsrer Hofburg und Residenz zu Lichtenhain, am 17. des Wonnemonds 1818.

Eigenhändig und mit unserem Handsiegel:

Tus IX.

Gegengezeichnet G…, Reichsherold.“

Die alte Excellenz wollte sich ausschütten vor Lachen und steckte das Manifest ad saccum, um es gelegentlich seinem fürstlichen Gönner, den solches humoristisches Treiben der studirenden Jugend höchlich ergötzte,[11] zur besondern Kurzweil vorzulegen. In derselben Stunde, da dieses sacrilegium geschah, eilten die treuen Vasallen und Unterthanen Tus IX. der herzoglichen Hofburg in Lichtenhain zu. Bald thronte im niedrigen Zimmer der unansehnlichen Schenke auf einem alten Großvaterstuhl der ziemlich korpulente regierende Herzog in altdeutscher Tracht mit großem Bart, die breite Brust mit funkelnden Bierorden bedeckt, und um ihn an der halbzerbrochenen Tafel, in welcher unzählige Namen eingeschnitten waren, die Großen der Krone und Kleinen des Reichs bis herab zum Scharfrichter, Bluthund von Galgenbach. Der Reichsherold G. gab ein Zeichen mit der Stabstrompete, einem alten Clarinettenstück. Tiefe Stille trat ein, und der Herold verkündete fast in derselben Minute den Inhalt des Manifestes, während

[717]
Die Gartenlaube (1860) b 717.jpg

General Enrico Cialdini.
der Sieger von Castel Fidarbo.


Goethe das Original in seine große Tasche schob. Als Alles sich geordnet hatte, erhob sich der Herzog und leerte auf das Wohl seines durstenden Landes ein schäumendes Stübchen. Dann ließ er das Kampfspiel beginnen, und der Herold rief: „Die Schranken sind geöffnet.“ In diese Schranken ritten dann die Ritter mit ihren Lanzen[12]. Bald ertönte die Ritterhalle, ja das ganze Haus vom Geräusche des Lanzenbrechens. „In den Sand gestreckt, die Waffen sind gleich, legt Euch aus, stoßt aus!“ so erscholl ein Stimmengewirr bunt durcheinander und dazwischen das Aufstampfen der Ganzen mit einer die wackeligen Tische bedrohenden Heftigkeit.

Unterbrochen wurde hierauf das Waffengetümmel durch eine feierliche Handlung. Einige Füchse, die am Ende des vorigen Semesters früh in die Heimath gereist waren, sollten jetzt erst nachträglich zu Jungburschen befördert werden. Diesem feierlichen Acte ging, wie gewöhnlich, zur Kurzweil der anwesenden Ritter ein launiges Examen voraus. Eingeleitet wurde dasselbe etwa aus folgende Weise: „Als Luden, mit Recht der Liebling [718] und Gönner aller echten Museusöhne, in voriger Woche seine anziehenden Vorträge über alte Geschichte begann, da sprach er über die drei Hauptmeinungen und Ansichten vom Sinne und Zwecke des menschlichen Lebens, vom Eudämonismus, vom Depravatismus und vom Abderitismus. Die Abderitisten behaupten, es gebe im Menschenleben keinen Fortschritt und keinen Rückschritt, sondern einen beständigen Kreislauf. Es sei in der Welt nicht besser und schlechter geworden, werde auch nicht besser oder schlechter, sondern es bleibe im stagnirenden Zustand Alles beim Alten. Die Depravatisten suchen nachzuweisen, daß in allen menschlichen Verhältnissen nur ein Rückschritt stattgefunden habe und daß die Welt fortwährend den Krebsgang gehe. Die Eudämonisten endlich begründen die Ansicht, daß die Welt und das Menschenleben immer und überall im erfreulichsten Fortschritt begriffen sei. Es kann keinem Zweifel unterworfen sein, welcher der drei Ansichten wir huldigen müssen: wir sind natürlich Eudämonisten. Wir glauben an den Fortschritt und huldigen dem Fortschritt. Den besten Beleg für unsere Ansicht finden wir im Studentenleben. Welch ein Fortschritt ist hier bemerkbar! Wie schrecklich z. E. war das Loos eines Fuchses in der Vorzeit![13] Man nannte Euch damals mit den entwürdigendsten Namen, man nannte Euch Gelb- und Rap-Schnäbel, Mutter-Kälber, Raupen, Spulwürmer und endlich Feixe[14] oder Feuxe, woraus dann endlich durch Corruption der Name Fuchs entstanden. Ein alter Heidelberger Comment definirt den Fuchs als „ein Stück Fleisch ohne Sinn, Witz und Verstand“. Der spätere Hallische Comment zeugt zwar von einem Fortschritt, indem er schon humaner, aber doch noch im Ganzen wenig schmeichelhaft sagt: „Die Füchse sind schlau, sie denken aber nicht.“

„Erbarmenswert!, war die Behandlung der Füchse, am erbarmenswerthesten aber in dem traurigen Act, wo, wie die Puppe zum Schmetterling, so der Fuchs zum Jungburschen sich entfaltet, die sogenannte Deposition der Beane. Man zog dem Fuchs eine Ochsenhaut über den Kopf und sägte dann die am Kopftheil noch befindlichen Hörner ab und er wurde so pecus campi[15] cui ut rite praeparentur, cornua deponenda essent. Mit diesem Ablegen der Hörner war aber das pecus campi noch lange nicht zum Studenten reif. Es wurde erst noch geschoren, gehobelt, gewaschen, mit Kamm, Bohrer, Säge, Hammer und Zange behandelt. Endlich brach man ihm den Bacchantenzahn, d. h. einen in den Mund gesteckten Schweinszahn aus. Wie viel lieblicher ist Euch das Loos gefallen, meine Söhne! Wie human werdet Ihr behandelt! Schon die Begriffs-Bestimmung, die man jetzt von einem Fuchs gibt, indem man ihn als „eine Legion von Ueppigkeiten“ definirt, bezeugt dieses. Statt aller jener Verationen nur ein höchst mildes Tentamen, eine Art colloqium. Schicket Euch jetzt zu demselben an, und antwortet laut und unerschrocken auf die Euch vorgelegten Fragen: „Warum ist den Gastwirthen, selbst unsern ehrenwerthen Burgvogt nicht ausgenommen, nie recht zu trauen?“

Fuchs 1: „Weil sie die Studenten immer prellen.“

„Nein, mein Sohn, weil sie immer etwas im Schilde führen.“

„Worin sind Napoleon und alle Buchhändler sich ähnlich?“

Fuchs 2 schweigt, und die Andern schwiegen secundum ordinem.

„Sie haben in Leipzig die größten Niederlagen.“

„Mein Sohn, wodurch unterscheidet sich der Stubenofen von der Stadt Ofen?“

Fuchs 3: „Der Stubenofen ist schwarz, und – und – und –“

„Nein, mein Sohn, dort in dem Stubenofen wird alles gar, und in der Stadt Ofen ist alles Ungar. Das solltest Du wissen, mein Sohn, da du so viel mit den Siebenbürgen umgehst.“

„Was ist für eine Aehnlichkeit zwischen dem jetzt auf unserm Commershaus, der Tanne, domicilirenden Geheimrath von Goethe und einem englischen Boxer?“

Alle Füchse schweigen.

„Beide haben in Faust ihre Hauptforce.“

„Was ist der Tag, mein Sohn?“

Fuchs 3: „Eine Zeit von 24 Stunden.“

„Nein, mein Sohn, es ist Vormittags eine Aufforderung zur Arbeit, und Nachmittags zum Kneipen.“

„Was ist die Sonne?“

Fuchs 4: „Ein großer Feuerball.“

„Nein, mein Sohn, es ist der Glanz des Universums, die Schönheit des Firmaments, die Zierde der Natur und die Glorie des Himmels.“

„Was ist die Erde, mein Sohn?“

„Ein von Menschen bewohnter Planet.“

„Nein, mein Sohn, sie ist die Mutter alles Werdens, die Ernährerin alles Bestehenden, der Fruchtspeicher des Lebens und der Abgrund, der alles verschlingt.“

„Was ist der Lenz?“

Fuchs 2: „Die schönste Jahreszeit.“

„Nein, mein Sohn, er ist der Maler der Erde.“

„Was ist der Herbst?“ – Die Füchse schweigen. – „Er ist der Kornboden des Jahres.“

„Und was ist das Jahr?“

Fuchs 4: „Ein Zeitraum von 365–366 Tagen.“

„Nein, mein Sohn, es ist der vierspännige Wagen der Welt.“

„Mein Sohn, wie viel gehören Rattenschwänze dazu, um die Erde mit dem Monde zu verbinden?“

Die Füchse rechnen in Gedanken und nennen vier, fünf, sechs Billionen.

„Nein, es gehört blos einer. dazu, nur lang genug muß er sein.“

„Bei welcher Nation kriegen die Knaben die meisten Schläge?“

Fuchs 2: „Bei den Russen.“

„Nein, mein Sohn, bei der Declination.“

„Wie würdest Du es anfangen, mein Sohn, um auf dem Bauch und Kreuz zugleich liegen zu können?“

Fuchs 3: „Das ist reinweg nicht möglich!“

„Doch, mein Sohn, wenn Du, was freilich, wie ich hoffe, nie geschehen wird, wenn Du Dich auf dem Ballhause bekneipst, beim Nachhausegehen auf dem Kreuz[16] stolperst und dort vorwärts zu Boden fällst, so hast Du die Ausgabe richtig, wenn auch nicht zu meiner Zufriedenheit, gelöst.“

„Ihr Alle habt übrigens durch Eure Antworten bewiesen, daß Ihr Eure Fuchszeit gut angewendet habt. Wenn Ihr so fortfahrt, so werdet Ihr einst tüchtige Stützen des Reichs werden, und in dieser Hoffnung ernenne ich Euch (hier folgten die üblichen Formalien) zu Jungburschen.“

Hierauf erhob sich der Reichsherold G. mit folgenden Worten: „An die vielen Fragen aus dem Gebiete der Phantasie knüpfe ich noch eine aus der Wirklichkeit. Wer von Euch Füchsen hat sich unterstanden, mein Manifest in Betreff des heutigen Reichstags vom schwarzen Brete abzunehmen?“

Altum silentium.

„Oder hat vielleicht Einer von den übrigen Rittern und Knappen die Proclamation zu sich genommen? ich muß sie haben, um sie im Reichs-Archiv zu hinterlegen. Als ich sie vorhin abholen wollte, war sie verschwunden.“ Alle versichern auf das Bestimmteste, daß sie es nicht gethan und auch nichts davon wüßten.

Da damals schon die Partei der „Altdeutschen“, weil ihnen für ihren streng republikanischen Sinn die monarchische Einrichtung im Lichtenhainer Staat ein Gräuel war, gegen die Lichtenhainer intriguirten und ein Schisma vorbereiteten, so glaubte G., daß einer von ihnen mit frevelnder Hand den Anschlag abgerissen habe. Er heftete daher am andern Morgen einen Zettel an das schwarze Bret, auf welchem er kurz und bündig denjenigen „einen dummen Jungen stürzte“, welcher das Manifest wegzunehmen sich unterfangen habe.

Dummer Junge“, das ist das Zauberwort, welches zwar jedem ehrenhaften Studenten erschütternd durch die Glieder rieselt, aber im Grunde doch sehr segensreich wirkt und manches Unglück [719] abwendet. Auf Universitäten, wo oft Hunderte von jungen Brauseköpfen beisammen sind, und sich die Köpfe vielfach noch durch geistige Getränke erhitzen, würde es nur zu leicht zu gemeinen Prügeleien, ja zu Mord und Todtschlag kommen, wäre nicht dieses Zauberwort zur augenblicklichen Beschwichtigung erfunden worden.

Der dumme Junge macht wenigstens für den Augenblick ein Ende alles Haders. Sobald der dumme Junge gefallen ist, so schweigt selbst der leidenschaftlichst Aufgeregte, um dann die Sache bei ruhigerem Blute mit dem Schläger oder der Pistole abzumachen. Es ist dann jede weitere unmittelbare Beleidigung streng verpönt. Die Gesetze darüber sind in dem Studenten-Corpusjuris, dem Comment, genau vorgeschrieben. – Noch ehe nach dem Sturz das dritte Morgenroth scheint, muß die Forderung erfolgen. Diese Frist war indessen in der Manifestangelegenheit bereits verstrichen, und schon glaubte G., der Frevler werde den dummen Jungen auf sich sitzen lassen. Aber dem war nicht so. Ehe Phöbus zum vierten Male nach dem Reichstag die müden Rosse abspannte, klopfte es im zweiten Stock der jetzigen Müllerei, in dem der Einfahrt des Collegiengebäudes gegenüber liegenden Gebäude, an die Thüre G.’s „Herein!“ rief der Reichsherold mit starker Stimme, und herein trat die stattliche Gestalt des Dr. Weller,[17] damals Goethe’s Amanuensis, aber noch im lebhaften Verkehr mit der Studentenwelt.

„Prost!“ grüßte Weller.

„Prost!“ erwiderte G.

„Du hast eine Mißhelligkeit mit Goethe gehabt?“ sagte darauf der Doctor.

„Ich? Nein, das muß auf einem Irrthum beruhen.“

„Du hast ihn einen dummen Jungen gestürzt!“

„Ich? – den Goethe – einen dummen Jungen? ist mir gar nicht eingefallen!“

„Hast Du nicht diesen Zettel geschrieben und mit Deinem Namen unterzeichnet?“ fuhr Weller fort, indem er ihm den zuletzt erwähnten Anschlag präsentirte.

„Ja, allerdings. Aber wie hängt das mit Goethe zusammen?“

„Aufs Allerinnigste, denn Goethe war es, der durch seinen Kammerdiener das Manifest abnehmen ließ. Da Du Dich nun schwerlich mit dem Kammerdiener wirst pauken wollen, so soll ich Dich von dem Geheimerath auf 24 Gänge jenaischer Schläge fordern.“

„Na,“ erwiderte G. in der ihm eigenthümlichen unerschütterlichen Ruhe, „das habe ich freilich nicht wissen können, daß es just der Goethe gewesen ist. Weil es aber gerade der ist, so will ich nun den dummen Jungen lieber zurücknehmen. Doch,“ setzte er mit Entschiedenheit hinzu, „will er sich durchaus mit mir pauken, so kann es mir schon recht sein, ich stehe jede Stunde zu Diensten.“

„Nein,“ entgegnete Weller, „so sehr dürstet der Geheimerath nicht nach Deinem Blute, sondern er hat mich beauftragt, wenn Du den dummen Jungen revocirst – auf Deprecation besteht er nicht – so soll ich auch seine Forderung zurücknehmen, und das thue ich denn auch hiermit in optima forma“.

So war denn dieser gefahrdrohende Conflict zwischen zwei hohen Beamten der beiden benachbarten und befreundeten Höfe glücklich und ohne Blutbad beendet. G. ist in seinen alten Tagen noch stolz darauf, dem Altmeister Goethe „einen aufgebrummt zu haben“ und von ihm gefordert worden zu sein. Er ist seit einer langen Reihe von Jahren ehrwürdiger Pfarrer von Pf …… und erzählt möglicher Weise, wenn er gut gelaunt ist, noch heute seinen muntern Enkeln die blutige Duellgeschichte. Wir wünschen von Herzen, daß er sie noch seinen Urenkeln erzählen möge.

Er selbst erzählte uns in humoristischer Weise die Geschichte, als er vor zwei Jahren zur Jubelfeier in Jena weilte, bei welcher die Studentengenossen von 1815–1819 verhältnißmäßig am stärksten vertreten waren, weil sie, „die so traulich, so innig, so treu zusammengestanden hatten“, gerade durch die schönsten Erinnerungen an die erste Jugendblüthe der Burschenschaft unwiderstehlich zu dem Feste gezogen wurden. Ich theilte dann die Geschichte einem meiner Studiengenossen von 1827–1831 mit. Dieser erinnerte sich, dieselbe mit mehreren Details von Dr. Weller gehört zu haben, worüber er mir genau berichtete. Schließlich forschte ich in Weimar und Jena der Sache weiter nach. So entstand und vollendete sich das Zeitbild.




Blätter und Blüthen.


Die Macht des deutschen Liedes. Wenn auch dies Blatt in der Regel keine Uebersetzungen bringt, so darf davon doch einmal eine Ausnahme gemacht werden, sobald es gilt, ein merkwürdiges Actenstück zu veröffentlichen, welches darthut, wie doch auch in Frankreich die deutsche Begeisterung der Befreiungskriege ihr Echo und gerechte Würdigung gefunden hat. Es ist jetzt vielleicht gerade die rechte Zeit, diese Erinnerung aus ihrem Grabe hervorzuholen, Das Epitaph desselben heißt: „Souvenirs de voyages et d’etudes“, par Saint Marc Girardin, (Mitglied der französischen Akademie.) 3. Theil, und dies Buch scheint allerdings ein wenig gelesenes und bekanntes zu sein; es ist in Brüssel ohne Jahrzahl erschienen.

„Der Krieg von 1813, der Befreiungskrieg, ist der Wendepunkt der Geschicke, der Grenzpfahl zwischen der alten und neuen Geschichte Deutschlands. Meines Erachtens datirt Alles in Deutschland seit 1813, und auf dieses Befreiungsjahr muß man zurückgehen, wenn man den Gang der politischen Verhältnisse in Deutschland in der ganzen neuen Epoche begreifen will. Wir wollen den Versuch machen, das Bild jenes gewaltigen Krieges zu skizziren, indem wir die Einzelnheiten deutschen Schriftstellern entlehnen, insbesondere den Gesängen Körner’s, eines jungen Dichters, der mit den Waffen in der Hand 1813 fiel und uns eine Sammlung von Gedichten voller Talent und Patriotismus unter dem Titel „Leyer und Schwert“ hinterlassen hat.

Seit 1810 war Deutschland unterworfen; die Fürsten und die Höfe schienen sich in ihr Schicksal gefunden zu haben und beugten sich Einem, der über ihnen stand kraft der Gewalt des Geistes und des Armes; aber nicht so das Volk: dies ertrug nur zähneknirschend die fremde Herrschaft, es gährte und grollte in ihm dumpf, aber immer mächtiger. Ueberall bildeten sich geheime Gesellschaften zur Befreiung des Vaterlandes; überall unterhielt man sich von den Heldenthaten Andreas Hofer’s, des Tyroler Bauern, der bis zum Augenblick, wo er schmählich füsilirt ward, frei blieb und Frankreichs Feind; von Schill, dem preußischen Major, der ganz allein nach dem schrecklichen Tage von Jena seinen Degen hoch zu heben wagte und ihn gar trefflich zu gebrauchen wußte. Auf den Universitäten schöpfte eine feurige Jugend aus den Quellen der Philosophie Freiheitsliebe und Haß gegen die fremde Herrschaft. Die deutsche Träumerei wurde zur Begeisterung, Körner’s Lieder wurden überall gesungen und entflammten die Geister. Bald war es ein Sang patriotischer Melancholie: der Poet denkt sich am Abend, wenn des Tages Stimmen schweigen, zur Ruhe gelagert unter einem alten Eichbaum. Die Eiche aber ist das Sinnbild von Deutschland, der Nationalbaum. Er betrachtet diese getreuen Zeugen alter Zeit, diese hundertjährigen und doch noch mit des Lebens frischem Grün geschmückten Bäume und denkt dabei daran, was Alles die Zeiten schon gebrochen haben, und an die Völker, die ein früher Sturz hinweggewischt hat von der Tafel des Bestehenden. So schließt er: „Deutsches Volk, du herrlichstes von allen, deine Eichen steh’n, du bist gefallen.“ – Bald sind es wiederum einige Verse vor Rauch’s Büste der Königin Louise von Preußen, dieser jungen, so schönen und so muthvollen Frau, die da starb am gebrochenen Herzen über ihres Vaterlandes Schmach: „Kommt dann der Tag der Freiheit und der Rache, dann ruft dein Volk, dann deutsche Frau, erwache, ein guter Engel für die gute Sache!“

Diese Verse, diese Gesänge liefen von Mund zu Mund. Am Morgen hörte der Student Maximen des modernen Stoicismus und jene großartigen Lehren, die in der Metaphysik wie in der Moral Alles der Macht des menschlichen Geistes zuschreiben, die ihm sagen, daß er mit seiner Intelligenz die Welt schaffen (?) und mit der Kraft der Jugend sie beherrschen kann, Lehren, welche, indem sie aus dem Menschen einen Gott machen, gerade der Jugend den Gedanken an ihr Sclaventhum um so unerträglicher werden ließen. Aber am Abend, in den Kneipen, bei geschlossenen Thüren, sangen sie in hellem Chor die Hymnen von Körner. Nichts hier von der pittoresken Scenerie des Grütlischwures im Mondschein, im Schirm eisiger Alpenhäupter: nein, ein niederes Schenklocal voll Tabakrauch, rohe, zerrissene Tische, hölzerne oder irdene Bierkrüge, ein ungeheuerer Ofen und der ganze Raum angefüllt mit jungen Leuten, die da unaufhörlich trinken; sie stoßen an: „Heil Deutschland, Tod den Tyrannen!“ – „Cameraden,“ ruft plötzlich einer unter ihnen, „es steigt das Lied von Körner: Männer und Buben!“ und alsbald erzittern die Wände von dem gewaltigen Chor: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los, wer legt noch die Hände feig in den Schooß?“[18]

Und was machten während dieser Zeit unsere jungen französischen Gesandten und Beamten, die nach Deutschland geschickt worden waren, um die Völker regieren zu helfen? Mit wegwerfendem Ton, halb demjenigen eines literarischen Pedanten, halb dem des bewaffneten Siegers, riethen sie den guten Deutschen, sich dem Esprit Voltaire’s und den Verwaltungsmaßregeln des Kaisers anzubequemen. Aber, guter Gott, wie [720] sehr mußten sie dem Volk mißfallen und dessen Herz verwunden, wenn sie, die hochmüthigen Eroberer, die witzigen Materialisten, über Deutschlands Niederlagen lachten, die Träume seiner Denker und die Wehmuth seiner Dichter verspotteten; wenn sie, stolz auf unsere französische Sprache, die Nasen rümpften über das, was sie den deutschen Jargon nannten. Aber mittlerweile schliffen diese Besiegten ihre Säbel, diese Philosophen exercirten Rekruten ein, diese Poeten dichteten Kriegslieder, dieser Jargon bereicherte sich an Worten der Verwünschung und der Rache, und eines Tags, als das Zeichen aus Norden kam, als die Flammen von Moskau bis nach Deutschland herüber leuchteten: „Frisch auf, mein Volk!“ rief Körner. „Zu den Waffen!“ dröhnte es im Volk – „der Freiheit eine Gasse! die Flammenzeichen rauchen, die Saat ist reif, ihr Schnitter zaudert nicht! der Himmel hilft, die Hölle muß uns weichen, drauf wackres Volk!“ –

Mit einem Schlag erhebt sich ganz Deutschland, überall Soldaten und Waffenlärm; überall ertönt der Befreiungsruf, der den Ohren der Fürsten diesmal wohlklingt, und das Geschrei des Fanatismus, das den Philosophen gefällt (?): „Krieg den Tyrannen, Krieg den Gottlosen!“ Die Fürsten werden Demagogen, die Professoren Officiere und ihre Zöglinge Soldaten. Man geht zur Schlacht wie man gestern in’s Colleg ging. Die Vorlesungen werden auf dem Wahlplatz gehalten, Vorlesungen über Ruhm und Freiheit. Alte Veteranen der Caserne und Biwacht mischen sich unter diese jungen Schwärme der Theologen und Philosophen, und Blücher marschirt neben Jahn. „Gott ist auf unserer Seite!“ rufen die Proclamationen der Könige. „Wir fürchten nicht die Hölle und ihre Verbündeten. Jeder Unterschied der Geburt, des Standes und der Heimath ist aus unseren Legionen verbannt, wir sind alle gleich und freie Männer!“ – O glaubt es nur, ihr Jünglinge, und kämpft in diesem Glauben, sterbet in diesem Glauben; Euch beklage ich nicht, denn auf Euch lastet kein Meineid und Alle, lebend oder todt, habt Ihr gehalten, was Ihr verspracht, nämlich das Vaterland zu retten!

Edles Deutschland, welche Tage der Begeisterung sahst du damals! Und für uns in Frankreich, welche Zeit der Trauer und des Unheils! denn während die Aufrufe der Könige und der Dichter alle deutschen Herzen erweckten, schlichen unsere Soldaten matt und halb erfroren langsam durch diese Dörfer, diese Flecken, welche fast schon Feindesland waren. Ueberall auf ihrem Durchzug wilde zornige Blicke, Hände, die sich ballten und nach einer verborgenen Wehr suchten, überall nur Rache, während sie doch des Mitleids bedurften; und keine Ruhe, keine Rast! Hinter ihnen her scholl, wie um ihre Flucht zu beschleunigen, der langgezogene Schrei des Aufstandes und des Krieges: „Nach dem Rhein, in’s Feld, in’s Feld! Nach dem Rhein!“ Das war der Refrain Körner’s, der furchtbare Refrain, den eine ganze Nation nachsang. Umsonst versuchten wir bei Lützen und bei Dresden einen Augenblick lang diesen furchtbaren Liedern Schweigen zu gebieten; sie kamen wieder mit wer weiß wie viel hunderttausend Stimmen mehr, und gar bald erklangen sie zu unserem Schrecken an den Ufern des Rheins. Es gibt ein Lied von Körner, welches die poetische Darstellung der Geschichte dieses wunderbaren deutschen Volkskrieges und seiner verschiedenen Phasen vom Beginn an bis zum endlichen Triumph zu sein scheint. Das ist das Lied von den schwarzen Jägern, von Lützow’s wilder, verwegener Jagd. Alle Volkskriege fangen an mit Aufständen und Revolution. Das Vaterland hat im Anfang kein regelmäßiges Heer bereit zum Dienste seines Zorns; es hat zuerst nur Abenteurer, Guerilleros, Räuber zur Verfügung – denn mit diesem Namen bezeichnen die Sieger immer und überall in ihren Bulletins die Volkskämpfer. So begann auch der Widerstand Deutschlands, so beginnt Körner’s Lied. Da sind zuerst die freien Schaaren versteckt im Dunkel der Wälder: näher und näher braust es heran; in düsteren Reihen mit Hörnerklang; und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt: „das ist Lützow’s wilde, verwegene Jagd!“

Der Genius Körner’s entspringt seiner Vaterlandsliebe und seiner Begeisterung; das ist kein Tyrtäus der warmen Stube, der am Ofen, nach reichlicher Mahlzeit, Kriegslieder macht; er ist ein Soldat, Freiwilliger bei den schwarzen Jägern, Schwert an der Seite, Gewehr auf der Schulter; er ist eingetreten, um sein Vaterland zu retten, um dessen Tyrannen zu züchtigen. Poet und Soldat, entflammt sich sein Genie wie sein Muth an der Fackel des Kriegs. Alles wird für ihn zur Poesie: der Blitz des Gewehrs ist der Funken der Freiheit, das Blut, welches den Wahlplatz röthet, ist der Purpur der Morgenröthe, der Morgenröthe der Freiheit. Ist er verwundet und glaubt sich dem Tode nah, so umgibt sich ihm dieser Tod für das Vaterland mit Bildern und Illusionen. Seine letzten Gedanken, wie alle seines Lebens, sind ganz in die Farben der deutschen Dichtkunst getaucht. Vor seinen Augen sieht er reizende Gestalten schweben, der Todesschrei der Sterbenden verwandelt sich ihm in melodische Klänge, was er geträumt, was er im tiefen Herzen getragen, er wird es sehen, er wird es auf immer besitzen; schon sieht er den Gegenstand seiner jugendlichen Flammen, ob er ihn nun Freiheit, ob Liebe nannte, als lichten Seraph vor sich stehen – und mit solchen Gedanken starben damals diese begeisterten Jünglinge. Wahrhaftig, das ist nicht der Tod eines Grenadiers von der Garde, der in seinem Glied fällt und stirbt mit dem Trost, weder gegen Pflicht noch Ehre gefehlt zu haben; nein, das ist ein Tod wie ein Traum und ein Gedicht, das ist ein deutscher Tod.

Nur einmal scheint sich Körner über den Tod zu beklagen, nur einmal findet er ihn nicht schön und süß. Er stand Schildwache am Elbufer und hörte von fern her den Donner der Kanonen und das Schmettern der Trompeten; man schlug sich, und er, er mußte ruhig bleiben und des Stromes Wächter sein. „Soll ich in der Prosa sterben? Poesie, du Flammenquell, brich nur los mit leuchtendem Verderben, aber schnell.“

Körner’s Wunsch ward erfüllt; er starb in der Schlacht bei Dresden am 26. August 1813, aber das war ein Tag der Niederlage, das hieß beinahe in Prosa sterben. (Bekanntlich fiel Körner nicht bei Dresden, sondern bei Gadebusch, in einem siegreichen Treffen: die nonchalante Behandlung der Geschichte, die sich nicht die Mühe nimmt, bekannte Daten nachzuschlagen, kennzeichnet den Franzosen.) Einige Stunden vor seinem Tode dichtete er ein Lied, vielleicht sein schönstes und originellstes, das, welches die Begeisterung des Poeten, des Kriegers und des Jünglings am feurigsten malt, das Schwertlied.

Wir baben uns so lange bei Körner aufgehalten, weil er unbekannt in Frankreich war, und weil seine Gesänge uns eine lebendige Idee davon geben, was der Krieg von 1813 und 1814, der Befreiungskrieg, in Deutschland eigentlich war. Es ist weder unnütz, noch beleidigend für Frankreich, zu erfahren, daß zu seiner Besiegung es weniger der Staaten und Nationen, sondern der Begeisterung und der Hingabe für’s Vaterland bedurfte. In Moskau warf uns die Natur nieder; in Deutschland wurden wir besiegt durch eine viel edlere und größere Sache, durch eine übernatürliche Macht, welche Frankreich begreifen und bewundern lernen muß, selbst in einem Feinde, durch die religiöse und patriotische Erregung eines großen Volkes, das seine Unabhängigkeit, seinen Geist und seinen Nationalcharakter siegreich wieder erobert.“




Die deutsche Sprache. Jetzt, wo in allen deutschen Gauen sich ein Ringen und Streben nach deutscher Einigkeit und deutschem Nationalgefühl kund gibt, wird es an der Zeit sein, ein Wort über das Unwesen zu wiederholen, welches noch immer und gegenwärtig noch mehr denn je in der deutschen Sprache durch Hineinschieben von fremden Namen und Wörtern herrscht. Unsere liebe Muttersprache wird nachgerade für den weniger Gebildeten unverständlich. Die deutschen Zeitungen wimmeln von sogen. Fremdwörtern; fast jeder 16jährige Gymnasiast befleißigt sich, so viel als möglich das eben erlernte Englisch, Französisch, Latein etc. in den Ausdruck seiner Gedanken hinein zu flicken, zumeist in ohrenzerreißender, schauderhafter Aussprache. – In Gesellschaften, im Theater, ja selbst in dem engern Familienkreise der heutigen „gebildeten“ Welt, muß man nach jedem dritten deutschen Worte ein Fremdwort hören. Es ist ein wahrer Jammer, wenn man dieses Kauderwelsch allmählich gezwungen wird für die deutsche Bildungssprache zu halten, da doch eben die deutsche Sprache fast die wortreichste ist.

Schreiber dieses ist ein Schleswiger. Wir hier oben im nördlichsten Deutschland kämpfen nun schon seit zehn Jahren um das heiligste der Menschenrechte, das man uns rauben will, nämlich: die Sprache frei und ungehindert sprechen und auf unsere Nachkommen übertragen zu dürfen, die uns mit der Muttermilch eingegeben, deutsch; aber um so mehr fühlen und empfinden wir, daß das, was wir erkämpfen, einem tieferen fremden Joche unterliegt, als unser Vaterland selbst. Und dieses Joch ist ein freiwilliges, aber um so gefährlicheres. Unser Vater Arndt sang als Jüngling: „So weit die deutsche Zunge klingt, und Gott im Himmel Lieder singt“, so weit reicht das deutsche Vaterland; aber unsere gegenwärtigen sprachlichen Verhältnisse lassen es uns befürchten, daß eine Zeit kommen wird, wo eine deutsche Sprache nicht existirt und das deutsche Volk sich in einer Sprache ausdrückt, d:e ein Geliehenes aus allen erdenklichen Sprachen der Welt vorstellt.

In der „Gartenlaube“ bin ich am wenigsten diesem Unwesen begegnet, hörte Gerstäcker für die „freie Rede“ sprechen, hoffe daher, daß diese Zeilen dort Aufnahme finden werden, wo dem deutschen Vaterlande so manches schöne Wort gesungen und so manches echt deutsche Bild dem Leser vorgeführt wird. Meine Absicht ist aber nicht, das Bestehende zu tadeln, sondern vielmehr auch einen Vorschlag zur Besserung zu machen, damit, wenn möglich, dem genannten Unwesen entgegengearbeitet und es möglich gemacht wird, daß wir einmal noch eine rein deutsche Zeitung, ein nur mit deutschen Worten geschriebenes Buch lesen können.

Zunächst fordere ich deutsche Schriftsteller und Mitarbeiter an öffentlichen Zeitschriften auf, ein nationales Deutschland auch in diesem wichtigen, bisher so sehr vernachlässigten Felde, durch Entwickelung der Idee einer rein deutschen Schrift, mit kräftiger Feder zu fördern; – wenn nicht auf diese Weise ein Eingang und eine Aufmunterung zur Reinigung der deutschen Schriften von allem Unkraut der fremden Wörter bei dem deutschen Volke erweckt wird, so greift das Unwesen noch mehr um sich.

Dann fordere ich die Lehrer, namentlich der höheren Bi[l]dungsanstalten[WS 2] auf, der ihnen anvertrauten Jugend ein reines Deutsch, frei von allem entbehrlichen Fremden, vorzutragen, sie darauf aufmerksam zu machen, daß die deutsche Sprache aufhört eine deutsche, ein deutsches Eigenthum zu sein, sobald sie untermischt ist mit Wörtern fremder Sprachen, und ihr vorzustellen, wie auch auf diese Weise unser deutsches Vaterland gegen Fremdherrschaft zu vertheidigen ist!

Endlich fordere ich alle Gebildete auf, durch gutes Beispiel wieder eine rein deutsche Sprache im Volke gangbar zu machen und in ihrer Unterhaltung alles Fremde zu verbannen.

Ein solcher kräftiger deutscher Geist für die Wiederbelebung der deutschen Sprache würde, deß bin ich gewiß, bald Gemeingut werden.

a + b.


General Cialdini, der sardinische Obergeneral, dessen sehr ähnliches Portrait wir heute geben, wird in nächster Zeit vor Capua und Gaeta noch eine bedeutende Rolle spielen. Durch seinen Sieg über die päpstlichen Truppen bei Castel-Fidardo und seine rasche Eroberung von Ancona, die allerdings hauptsächlich durch die Flotte bewerkstelligt ward, ist der noch junge General rasch in der Achtung seiner Soldaten gestiegen und kann in allen Fällen auf sie zählen. Sie folgen blindlings seinen Befehlen und rufen es keck den Feinden zu, daß sie mit Garibaldi, dem Re galantuomo und Cialdini an der Spitze überall siegen wollen und werden.




Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Vergl. die Erzählungen des Verfassers in Nr. 19-22: „In den Casematten von Magdeburg“ und in Nr. 36-39: „Der Arcier“.
  2. Siehe Universal-Lexikon der Tonkunst.
  3. In England ist augenblicklich, wenn nicht der Teufel, doch die ganze Geisterwelt losgelassen. Dadurch, daß der bekannte englische Schriftsteller Thackeray in seiner vielgelesenen Zeitschrift in einem längeren Artikel die Erklärung abgab, eine Verbindung der diesseitigen und jenseitigen Welt vermittelst der Tischbeine sei nicht wegzuleugnen, wurde ein Feuerbrand in die englische Presse geworfen, der jetzt in hellen Flammen aufschlägt. Selbst die täglichen Zeitungen betheiligen sich daran und sind in zwei Lager getheilt – für und gegen den Schwindel. Eine Wochenschrift: Spiritual Magazine zählt heute bereits 15,000 Abonnenten. Alle Geisterbeschwörungen, sie mögen noch so kindischer und roher Natur sein, finden unter den Anhängern des Spiritualismus Glauben; ja wir müssen es mit Bedauern gestehen, daß sich sogar einige Männer der Wissenschaft durch diesen neuen Aberglauben übertölpeln ließen. Ist es doch, als ob die Zeiten eines Cagliostro, eines Schrepfer wiedergekehrt wären! Jedenfalls ist diese Erscheinung aber zu wichtig, oder vielmehr zu traurig, als daß sie von der Presse vornebm ignorirt und übersehen werden könnte. Wir geben vorläufig den Bericht unseres bekannten Londoner Mitarbeiters, der nur Thatsachen und Erklärungen bringt, später hoffen wir in einem längeren Artikel nochmals darauf zurückzukommen und aufklärende Details bieten zu können. Deutsche Wissenschaft und deutsche Aufklärung werden hoffentlich bald diesem Treiben ein Ende machen.
    D. Red.
  4. Der Hund ist Zeuge von der Ermordung seines Herrn und dann durch das ganze Stück hindurch unermüdet thätig, um zunächst von dem Mord Anzeige zu machen und, mit einer Laterne im Maul, die Diener des Gerichts zum Leichnam zu führen, dann aber den Thäter zu denunciren und ihn im Zweikampf seines Verbrechens zu überführen.
  5. Dorthin, zur bügerumkränzten Musenstadt, zogen ihn öfters Erinnerungen aus der frühern Zeit, namentlich die an Loder, mit dem er 1780 sehr interessante osteologische Studien gemacht, und noch mehr die bittersüßen Erinnerungen an ''Minna (eigentlich Wilhelmine) Herzlieb, die anmuthige Pflegetochter des Buchhändler Frommann, die als Kind schon sein Liebling gewesen, und für die er, der 60jährige, noch mit Jünglingsleidenschaft glühte. Sie soll die Ottilie in den Wahlverwandtschaften sein.
  6. Aehnliche Züge versöhnlicher Gemüthlichkeit finden sich viele in dem Leben des edlen Fürsten. Nur einer davon finde hier einen Platz. Er hatte einst dem Oberstallmeister von Seebach einen harten, ungerechten Vorwurf gemacht; Seebach wollte zu ihm gehen, um sich zu rechtfertigen, wurde aber von einem Freunde davon abgehalten. Am andern Tag kam der Großherzog aus die Reitbahn und übergab dem Oberstallmeister ein neues Gebiß, was man ihm als Probe zugesendet hatte, mit dem Wunsche, sogleich einen Versuch damit zu machen. Die Probe ergab, daß es unzweckmäßig war. Als dies von Seebach aussprach, erwiderte ihm Karl August: „Da habe ich gestern doch Unrecht gehabt!
  7. Viel später, erst am 21. August 1818, wurde von den strengen Altdeutschen die Bierrepublik Ziegenhain gegründet, an deren Spitze ein Landammnann stand, umgeben von einem souverainen großen Rath und einem engern als Executiv-Behörde. Staunentwerth waren die Anstrengungen dieser republikanischen Partei, den Monarchisten den Vorrang im – Trinken abzugewinnen. Sie übten sich Tag und Nacht, und zwar mit dem glänzendslen Erfolge. Manche brachten es bis zu 18 bis 20 Stübchen. Noch später, am 3. März 1822, wurde unter Popp I. die Grafschaft Wöllnitz von den Franken errichtet und von den übrigen Corps neuere Herzogthümer in Lichtenhain. Jetzt bestehen in Lichtenhain nur noch zwei Herzogthümer, eins der Sachsen und ein zweites der Thüringer, beide in großem Glanz und Flor. Von den Thüringern sitzt jetzt Tus LXXIV. auf dem Thron. In Ammerbach bestand einige Jahre hindurch ein Großherzogthum unter A. in höchster Blüthe, doch unter seinem Nachfolger F. seinem Fall zueilend.
  8. Es ist kin kleines, jetzt zum Herzogthum Sachsen-Meiningen gehörendes Dorf von kaum 50 Häusern, bringt aber der Staatscasse nicht weniger als 4000 Gulden Biersteuer ein.
  9. Auch das hatten die Bierstaaten mit den Weltstaaten gemein, daß in denselben Unzufriedenheit der Staatsbürger sich entwickelte und in Folge davon größere und kleinere Revolten einstanden, die, wenn sie nicht energisch unterdrückt wurden, mit dem Sturz des Souverains endeten, während dagegen ein kraftvolles Auftreten desselben diese Katastrophe abwendete. So sah man es im Jahr 1828 in Wöllnitz. Der Reichskanzler K… hatte die getreuen Vasallen und Unterthanen Popp X. aufgewiegelt und hätte sie fast zu ungetreuen gemacht. Da trat aber der gefürstete Graf Popp X. würdevoll auf und rief mit dem Schwerte auf die Tafel schlagend mit seiner Löwenstimme: „Ich bin Euer Soffgraf!“ Das schlug durch, die die Revolte ward unterdrückt und die Reaction siegte.
  10. Seit Menschengedenken führten die Herrscher Lichtenhains den Namen „Tus“. Wenn die Zahl 100 in der Reihe voll war, fing man von vorne an zu zählen.
  11. Wie Karl August in freundlicher Laune selbst auf einen Scherz einging, davon erzählt Plinius der Jüngste in seiner Naturgeschichte des deutschen Studenten mit Federzeichnungen von Johann Gottfried Apelles folgenden interessanten Zug. Ein glorreicher Nachfolger des oben unterzeichneten Tus IX., der XXXVII. dieses Namens, jagte eines Tags in dem über Lichtenhain gelegenen grosiherzogl. weimarischen Forst. Ein Kreiser traf ihm und wollte ihm wegen Wilddieberei die Büchse wegnehmen. Ganz entrüstet fuhr der Sonverain von Lichtenhain den Forstbedienten mit den Worten an: „Wie kann Er sich unterstehn ? Weiß Er, wer ich bin? Ich bin der Herzog von Lichtenhain.“ Erschrocken ließ der Jägersmann von seinem Vorhaben ab, meldete aber den Vorfall seinem Vorgesetzten. Die Sache kam bis zum Großherzog, und dieser schickte seinen Leibhusaren mit folgendem Auftrag an den Bierfürsten: „Eine Empfehlung von Se. K. H. dein Großherzog an Se. Liebden, den Herzog XXXVII. von Lichtenhain: K. Hoheit und Screinssimus hätten beschlossen, künstighin nur in ihren Revieren zu pürschen und ließen bitten, daß Ihre Hoheit von Lichtenhain, wenn sie wieder zu jagen geruhten, ebenfalls sich auf das Höchstihnen eigenthümliche Jagdgebiet beschränkten.“
  12. Kleine ausgepichte, mit Reifen umlegte Trinkgefäße von Lindenholz in Form eines abgestumpften Kegels.
  13. Sie wurden von den „Scheristen“ auf das Entsetzlichste „agirt“ und maltraitirt. Sie mußten unter den Tisch kriechen und mautzen, Nasenstüber aushalten, Schuhe putzen, Bier holen und andere Jungendienste verrichten. Maulschellen und Stockschläge, selbst auf öffentlicher Gasse, waren nichts Seltsames, zuweilen bis zum Tode. Kam ein Fuchs mit wohlgefülltem Koffer, so hieß es: „Fuchs, Du hast wohl leidliche Wäsche mitgebracht?“ Er mußte öffnen, und Jeder nahm sich, was er am nothwendigsten brauchte, der Eine ein Hemd, der Andere ein Paar Strümpfe etc.
  14. d. h. feige Menschen.
  15. animal nesciens vitam studiosorum.
  16. Das Kreuz oder der Kreuzplatz, Töpfermarkt, ist der freie Raum vor der Stadtkirche, auf welchem die Leutra- und Johannisgasse, sowie die Saalgasse münden.
  17. Viele ehemalige Jenenser haben ihn dann später als Bibliothekar mit dem Titel Legationsrath gekannt.
  18. Poetische Licenz! Dies Lied fand sich bekanntlich erst in dem Nachlasse Körner’s.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Liehaberei
  2. Vorlage: Bi[l]dungeanstalten