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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1860
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1860) 673.jpg
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No. 43. 1860.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Mary Kreuzer.

Aus dem deutsch-amerikanischen Leben.
Von Otto Ruppius.
(Fortsetzung.)

Eine heitere Sonne war am Morgen über dem Trauerhause aufgegangen, als das Mädchen von ihrem Lager auffuhr. Es konnte nicht mehr früh sein, und doch schien sich in dem Hause noch nichts zu regen. Eine kurze Minute lang saß sie horchend auf ihrem Bette, dann rief sie sich alle durchlebten Ereignisse vor die Seele, sich sammelnd und festigend, ordnete hierauf ihren Anzug und nahm leise ihren Weg die Treppe hinab.

In der Küche herrschte wirre Unordnung; gebrauchte Kaffeetassen und Teller standen umher, das Kochgeschirr befand sich zerstreut am Boden, und der Ofen sah der Eintretenden mit ungeschlossenen Oeffnungen entgegen. Es schien während der Nacht für eine ganze Gesellschaft gekocht worden zu sein und die Magd noch von ihrer Anstrengung zu ruhen.

Einen Augenblick stand Mary unschlüssig, dann aber machte sie sich mit möglichster Vermeidung von Geräusch an’s Aufräumen. Eben raffte sie das umherliegende Holz zusammen, um Feuer anzuzünden, als sich die Thür nach dem Vorderzimmer aufthat und der alte Kreuzer in der Oeffnung erschien. Seinem ganzen Aussehen nach war er während der Nacht in kein Bett gekommen, noch trug er die Sonntagskleider, welche er zum Picknick angelegt, auf dem Kopfe saß sein Filzhut zerdrückt und verbogen, und das Gesicht erschien grau und erschlafft. Ein Blick voll tiefer Trübsal fiel in Mary’s aufschauendes Auge und machte deren Herz fast zittern vor Wehmuth über die gebeugte Gestalt des sonst so kräftigen alten Mannes.

„Es ist gut, daß Du da bist, Mary,“ begann er nach einer kurzen Pause, „komm herein, es müssen ein paar Worte gesprochen werden, ehe Weiteres geschieht.“

Er wandte sich in die Stube zurück und ließ, als das Mädchen ihm folgte, sich matt auf einem Stuhle nieder.

Im Schaukelstuhle neben dem noch unberührten Bette saß zurückgelehnt die Frau; die gerötheten Augen waren eingesunken und trocken, aber der matte Blick begann ein fast unheimliches Leben zu gewinnen, als sie ihn nach der Eintretenden wandte.

„Ich möchte über ein paar Umstände Auskunft haben,“ begann der Alte wieder, „sie können in dem furchtbaren Schicksale, das über uns gekommen ist, nichts ändern, denn todt ist todt –“ er hob beide Hände und preßte sie gegeneinander, als wolle er dadurch den neu in ihm aufsteigenden Schmerz zurückdrängen, „aber sie können helfen, daß der Coroner,[1] der bald hier sein wird, schnell klar sieht und mein armer Junge wenigstens ohne lange Umschweife seine Genugthuung bekommt. – Du hast selbst gesagt, Mary, als Du unter die Leute stürztest, daß James Osborne den Heinrich niedergeworfen und zum Tode gebracht habe – alle meine Nachbarn haben es sich auch die ganze Nacht kosten lassen, um den Mörder zu fangen; er hat sich aber selbst an das Gericht ausgeliefert, vermuthlich weil er auf das Geld seines Vaters pocht; aber alle Reichthümer sollen ihn nicht retten, denn im schlimmsten Falle können die Deutschen selber die Gerechtigkeit in die Hand nehmen. Aber ich wollte sagen,“ fuhr er wie sich sammelnd fort, „Du bist die Einzige gewesen, die mit angesehen, was vorgegangen ist – die Leute haben Dich mit James Osborne in den Wald gehen sehen – jetzt möchte ich nun zuerst von Dir selber hören, was Du dort mit dem Menschen zu thun gehabt – ich habe nachher wohl einen Begriff, wie das Uebrige gekommen sein mag –“

„Frage doch nicht erst lange!“ unterbrach die Alte, sich langsam aufrecht setzend, den Sprechenden, „der junge Kuckuk, der im Hänflingsneste ausgebrütet ist, hackt zum Dank auf seine Pflegemutter los, und was kümmert sich so ein Mädchen, das nicht unser Fleisch und Blut ist, das kein Herz für ihre neue Heimath hat, darum, ob sie uns alten Leuten die Seele zerreißt? Sie ist mit dem Osborne gegangen, weil es ihr so gefallen, weil sie sich nichts um uns zu kümmern hat, vielleicht weil sie’s dem Heinrich, der auf unsere Ehre hält, recht vor das Gesicht hat stellen wollen, daß Kreuzer’s Sachen nicht ihre Sachen sind – ach, allbarmherziger Gott!“ unterbrach sie sich zurücksinkend, und ein kurzes, krampfhaftes Schluchzen stieg aus ihrer Brust, während die Augen, die keine Thränen mehr zu haben schienen, sich nach der Decke richteten, „das ist der Fluch und die Strafe, daß man mit Gewalt verlangt, was der Himmel versagt hat, und fremdes Blut zum eigenen machen will –“

„Mutter, laß es gut sein jetzt!“ fiel ihr der Farmer in die Rede, während ein leiser Zug von Mißbehagen sich durch den Schmerz in seinen Mienen drängte, „laß sie erst reden, und wir werden dann sehen!“

Mary stand bewegungslos auf der Stelle, welche sie nach ihrem Eintritte eingenommen, ihr Gesicht war bei den Worten der Frau von Secunde zu Secunde bleicher geworden, und als sich jetzt Kreuzer nach ihr wandte, traf er auf denselben eigenthümlichen Ausdruck von Starrheit in ihren Zügen, der ihn an sein erstes Begegnen mit ihr in New-York erinnern mußte.

„Sprich, Mary,“ fuhr er fort, „und fürchte dich nicht!“

[674] „Ich fürchte mich nicht!“ erwiderte sie langsam, als werde ihr das Sprechen schwer, „und ich werde reden, da Ihr es verlangt. Ich bin mit dem jungen Osborne gegangen, weil er das einzige bekannte Gesicht rings um mich her zeigte und Vater mir gesagt hatte, daß ich ihm nicht auszuweichen brauche; ich bin willig mit ihm gegangen, weil er mit Liebe und Achtung von Vater Kreuzer sprach und mir erzählte, daß der alte Mr. Osborne gern schon längst die Hand zum Frieden geboten und das geschehene Unrecht auf irgend eine Weise wieder ausgeglichen hätte, wenn er nicht wüßte, daß hier im Hause die Feindschaft immer wieder neu geschürt würde. Und kein anderes Wort als von dieser Art ist aus seinem Munde gekommen. Da ist der Heinrich, den ich, seit wir auf den Platz gekommen, nicht gesehen, aus dem Gebüsche getreten wie ein Wüthender, hat ihn geschimpft und die Osborne’s von Vater zu Sohn Lügner genannt, und als ihm James gesagt, er werde ihn ein anderes Mal treffen und züchtigen, wo er nicht auf die Anwesenheit einer jungen Lady Rücksicht nehmen müsse, hat Heinrich die Faust gehoben und ihn in’s Gesicht geschlagen. Da hat James den Wüthenden gepackt und ihn zu Boden geworfen – und das ist Alles!“ Ein stiller Schauer schien ihren ganzen Körper zu überfliegen, aber kein Zug ihres Gesichts änderte sich. „Und nun will ich noch Eins sagen, weil ich es Euch schuldig zu sein glaube,“ fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, „es wird wohl kommen, daß ich Zeugniß von dem Geschehenen ablegen muß, und so kann ich nicht anders, als nach Wahrheit und Gewissen aussagen, daß James mit Gewalt zu einer That gedrängt worden ist, die er niemals beabsichtigt und an die er nie gedacht –“

„Siehst Du das Kuckuksei?“ richtete sich die Frau mit stechendem Blicke auf, „hörst Du, wie die Sachen stehen? James, James! so weit sind sie schon mit einander! Siehst Du endlich, was Du in’s Haus gebracht, Du alter bethörter Mann? Aber die Mutter wird wohl noch ihr Recht bekommen, und sollte sie meilenweit auf den Knieen rutschen, um die deutschen Männer gegen den amerikanischen Mörder und seine Liebste aufzurufen!“

Kreuzer, der bis zu diesem Augenblicke bleich und still dagesessen, erhob sich jetzt rasch und faßte den Arm der Frau. „Ruhig, Mutter, es wird Alles klar werden, aber ruhig jetzt!“

Durch des Mädchens Züge zitterte es, wie eine mit Gewalt unterdrückte innere Bewegung. „Mutter, wenn ich Dich noch so nennen darf,“ sagte sie, „warum beschimpfst Du mich? Ich weiß, daß ich nicht länger hier im Hause bleiben darf, daß ich Dir den großen Schmerz immer wieder zurückrufen würde; – aber bin ich Dir nicht ein gehorsames Kind gewesen? habe ich etwas gethan, was Du mir vorwerfen dürftest? warum beschimpfst Du mich jetzt, wo ich nur rede, was vor Gott und meinem Gewissen recht ist?“

Ein Pochen an der Vorderthür schnitt die weitern Worte ab. In dem langsam geöffneten Eingange erschien eine hohe, stattliche Männergestalt, in die leichte Tracht der amerikanischen Farmer gekleidet. Das volle, gebräunte Gesicht war von eisengrauem Haar umwallt, und die wie aus Gewohnheit leicht zusammengezogenen Augen schienen mit einem Rundblicke Alles, was das Zimmer bot, erfassen zu wollen.

„Mister Kreuzer!“ wandte er sich in ruhiger, wohltönender Stimme an den alten Farmer, „erlauben Sie, daß ich für einige Minuten Ihre Schwelle übertreten darf?“

Die Frau hatte sich bei seinem Anblicke langsam, als sähe sie ein Gespenst, aufrecht gesetzt. „Laß ihn nicht herein, Kreuzer!“ rief sie plötzlich, abwehrend die Hand ausstreckend, „das Unglück ist da, wo sie hintreten, er und was zu ihm gehört! Laß ihn nicht herein; was will er noch in dem Hause des Gemordeten?“

Ein Ausdruck von Trauer überflog die Züge des Angekommenen, ohne daß ihn indessen der gewordene Empfang zu überraschen schien; Kreuzer aber hatte mit einem bestimmten „Mutter, sei ruhig!“ von Neuem den Arm der Alten gefaßt und wandte sich dann mit einem Gesichte voll tiefen Ernstes nach dem Fremden. „Treten Sie ein, Major!“ sagte er.

„Ich danke Ihnen,“ erwiderte der Eingetretene herzlich, die Thür hinter sich schließend. „Mr. Kreuzer, ich weiß,“ fuhr er dann fort, „daß heute Ihr ganzes Haus mit schwer verwundetem Herzen, mit doppelt feindseligem Auge auf die Osborne’s blicken muß, und dennoch hat es mich gerade heute getrieben, zu Ihnen zu gehen, Ihnen meinen tiefen Schmerz über das entsetzliche Unglück, das Sie betroffen, auszusprechen und Ihnen die Versicherung zu geben, daß meinerseits keine Hand gerührt werden soll, um den vollen Lauf der Gerechtigkeit zu hemmen. Es ist mein Sohn, den ich seiner Sache und seinem Schicksale überlasse, wie Heinrich der Ihre war, – es ist Alles, was ich Ihnen jetzt als freilich trostlose Genugthuung bieten kann. Wollte doch Gott, Mr. Kreuzer, was so viele Jahre zurück zwischen uns gestanden, wäre christlich vergeben und nicht verpflanzt worden auf das junge Geschlecht –“

„Das ist es, das ist der Fluch, der jetzt über uns gekommen!“ sagte Kreuzer dumpf, die Augen auf den Boden heftend.

„O ja!“ fuhr die Frau mit einem unheimlichen Lachen auf, „und wer hat das junge Kreuzer’sche Geschlecht niederschießen wollen, wenn es sich auf fremdem Boden zeige? und das junge Geschlecht hätte nicht einmal wissen sollen, daß es sich zu wahren habe? O, die Redensarten sind jetzt schön, jetzt, wo es an den Hals des eigenen Fleisches zu gehen droht – aber“ fuhr sie mit gehobener Stimme und stier blickendem Auge fort, „der Heinrich ist gemordet worden, und so muß sein Mörder hängen! Der Deutsche ist nicht mehr der Fußschemel des Amerikaners – Leben um Leben heißt es! – Gehen Sie, Sir, das Reden hilft Ihnen nichts!“ rief sie und stieß die Hand ihres Mannes, der sich nach ihr gewandt, zurück; „gehen Sie, und nehmen Sie auch gleich diese da, die den Advocaten für die Osborne’s machen wird, mit!“

Der Eingetretene hatte, so lange die Frau sprach, keine Miene bewegt, als habe er sich vorgenommen, durch nichts seine Fassung stören zu lassen; bei den letzten Worten aber wandte er das Auge nach dem Mädchen, und ließ es angeregt über die ganze feine Gestalt laufen.

„Ich werde allein gehen, Mutter,“ erwiderte Mary, langsam den Kopf hebend, „und eine Waise, die arbeiten will, wird wohl ein Unterkommen finden, das sie frei von Verdacht hält. Vergib mir, wenn ich Dir irgendwo eine unzufriedene Stunde gemacht, wie ich Dir vergeben will, was Du mir jetzt gethan!“ Sie wandte sich zum Gehen, aber Kreuzer, der sichtlich unruhig dem Gespräche gefolgt, ließ ein hastiges: „Warte noch eine Minute, Mary!“ hören und wandte sich dann nach dem alten Osborne.

„Ich will die gute Gesinnung erkennen, die Sie hergeführt haben mag, Major,“ sagte er mit trübe zusammengezogenen Augen, „Sie werden aber einsehen, daß es jetzt die schlimmste Stunde ist, zu niedergebrochenen Elternherzen zu reden –“

„Ich gehe, Mr. Kreuzer,“ unterbrach ihn Osborne, die Thür in die Hand nehmend, „ich habe nur das erfüllen wollen, was ich Ihnen schuldig zu sein glaubte, selbst auf die Gefahr hin, anders behandelt zu werden, als Sie es jetzt, wie nur der Gentleman es konnte, gethan! Gott tröste uns Beide in unserm Unglück, Sir!“ Er warf einen Rückblick auf das Mädchen und schritt dann langsam hinaus.

„Wo willst Du hin, Mary?“ fragte Kreuzer, als sich die Thür geschlossen.

„Ich weiß es noch nicht, Vater, aber ich denke irgendwo für die nächste Zeit wohl einen Schutz zu finden!“ erwiderte sie ruhig.

„Natürlich! wenn das auch unter einem deutschen Dache hart halten sollte!“ warf die Frau ein. „Was fragst Du noch, Kreuzer? was kümmerst Du Dich darum? sie weiß selbst, wohin sie gehört! Denk’ an Deinen Sohn, den sie noch im Grabe beschuldigen will – er ist ja stumm und kann sie nicht Lügen strafen!“

Das Mädchen fuhr auf, als habe sie ein Stich in’s Herz getroffen. Der Alte aber faßte mit einem raschen Griffe ihren Arm und führte sie mit einem: „Sei ruhig und komm mit mir!“ nach der Küche. Dort saß George in eine Ecke gedrückt und sah den Eintretenden mit scheuen Augen entgegen. „Geh zur Mutter und bleibe bei ihr,“ sagte Kreuzer weich, „sie wird Dich heute mehr als jemals brauchen,“ und als der Knabe mit einem scheuen Blicke auf Mary davon gegangen, wandte jener das gedrückte Auge wieder nach dem Mädchen.

„Ich mag nicht in Dein Gewissen reden, ich will Dir glauben,“ begann er, „wenn es auch dreifach schmerzt, gegen sich zu haben, was einem an’s Herz gewachsen ist. Du mußt gehen, Mary, das ist so, denn die Mutter hat das erste Recht. Aber Du sollst trotz Allem, was geschehen ist, nicht verlassen sein. Geh hinüber nach dem „Point“, dorthin will ich Deinen Koffer schicken und Dir weitere Botschaft senden. Warte jetzt einen Augenblick!“

Er wandte sich wieder nach dem Zimmer und kam bald mit einem der ledernen, auf dem Lande gebräuchlichen Geldtäschchen zurück. „Hier ist der Schein über Dein Vermögen, und ein paar [675] Dollars habe ich für Deinen ersten Bedarf dazu gethan,“ sagte er, sichtlich seine Empfindungen niederkämpfend, „nimm es –“

„Vater, ich möchte kein Geld mitnehmen. Was ich heute zum Leben brauche, finde ich schon und ich habe auch noch eine Kleinigkeit!“ unterbrach sie ihn.

„Nimm es!“ wiederholte der Farmer und drückte ihr die Tasche in die Hand, „nimm es und geh mit Gott – Du sollst bald weiter von mir hören!“ Damit hatte er sich herumgedreht, als wolle er die Erregung in seinen Zügen verbergen, und verschwand in dem Eingange zum Vorderzimmer.

Mary’s Blick hing noch einige Secunden an der geschlossenen Thür, sie rang augenscheinlich mit einer sie überkommenden Weichheit; dann aber begann ihr Gesicht die stetige Ruhe eines bestimmten Entschlusses anzunehmen; langsam stieg sie die Treppe nach ihrem Zimmer hinauf und nach kaum zehn Minuten kam sie in dem Anzuge, den sie gewöhnlich trug, wenn sie den Alten nach der Stadt begleitete, zurück. Sie öffnete die Hinterthür und trat in’s Freie – dort kam ihr in ungeschlachten Sätzen der große Hund entgegen; sie bog sich zu ihm hinab und drückte ihr Gesicht in das zottige Fell, als wolle sie in ihm Abschied von ihrer ganzen bisherigen Heimath nehmen. Dann schlug sie raschen Schritts und ohne sich umzusehen, den Weg nach der Straße ein.

Noch hatte sie auf dieser den Anfang des Waldes nicht erreicht, als sie rasche Schritte hinter sich hörte und umblickend den Major Osborne gewahrte. Die Gehaltenheit in seinen Zügen, welche er in Kreuzer’s Hause bewahrt, hatte einem deutlich ausgeprägten Ausdruck von Sorge Platz gemacht, und ohne sich Mühe zu geben, seine Empfindung zu verbergen, sprach er das Mädchen an.

„Sie haben den alten Leuten gesagt, Kind, daß Sie für die Unschuld meines Sohnes zeugen werden?“ fragte er, sich ohne Ceremonie zu ihr gesellend.

„Ja, Mr. Osborne!“ erwiderte sie aufsehend.

„James hat mir heute Morgen wissen lassen, daß er mit Ihnen gesprochen,“ fuhr er fort, „und es war hauptsächlich die Hoffnung, mit Ihnen ein paar Worte reden zu können, welche mich nach Ihrem Hause trieb. Es ist der dümmste Streich, den der Junge begehen konnte, und wenn auch Ihr Zeugniß die Sache schnell klar machen muß, so ist doch wieder ein Feuerbrand unter die ganze deutsche Bevölkerung geworfen. Sie werden Kreuzer’s Haus verlassen, wenn ich heute recht gehört habe?“

„Ich habe es bereits verlassen, Sir!“

Er warf einen halb überraschten Blick auf sie. „Very well, so ist es das Beste, Sie folgen mir gleich nach meinem Hause – Sie haben doch wahrscheinlich im Augenblicke nicht viel zu wählen – wenn aber der Proceß vorüber ist, mögen Sie darauf rechnen, daß ich Ihnen ein anderes zufriedenstellendes Unterkommen verschaffen werde.“

Mary’s Augen richteten sich gerade aus, und ein leichtes Roth stieg in ihr bleiches Gesicht. „Ich habe Sie wohl noch nicht um ein Unterkommen angesprochen, Sir,“ erwiderte sie, „ich bedarf jetzt keiner Hülfe und bin auch in Betreff meiner Zukunft ziemlich klar.“

Sein Auge überlief wieder ihre ganze Gestalt. „Ich weiß nicht, Miß, ob ich mit meinem Anerbieten bei Ihnen angestoßen habe,“ erwiderte er mit hörbarer Aenderung seines bisherigen Tones, „aber es war gut gemeint, und vielleicht haben Sie Recht, den Aufenthalt gerade in meinem Hause auszuschlagen. Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht, demohngeachtet möchte ich Sie auf etwas aufmerksam machen. James sagt, Sie gehörten nicht zu dem Schlage der hiesigen Deutschen, ich habe aber noch keine andern kennen lernen und ich darf Ihnen so viel sagen, daß sich keine Thür bei Ihren Landsleuten rings umher für Sie öffnen wird, wenn Sie auf unserer Seite stehen. Ich habe die Menschen in der vergangenen Nacht gesehen, wie sie meinen armen Jungen aufjagen wollten, als wäre er ein zehnmal der Gerechtigkeit entsprungener Verbrecher. Ich kann nach diesem Vorgange, wie nach den Worten der alten Kreuzer schon schließen, was etwa noch kommen wird, und ich muß Ihnen sagen, daß, wenn Sie unbelästigt und frei Ihr Zeugniß zu Gunsten der Wahrheit abgeben wollen, Sie sich jedenfalls einer amerikanischen Familie anschließen sollten – es ist nicht nur der besorgte Vater, der aus mir spricht, Miß, es ist der Mann, der seit langen Jahren die hiesigen deutschen Ansiedler kennt, von denen Mr. Kreuzer noch der vernünftigste ist, wenn er auch jetzt kaum anders können wird, als mit seiner Frau und der übrigen Menge in dasselbe Horn zu stoßen!“

Mary schritt eine Weile schweigend neben ihrem Begleiter her. „Ich habe mich so wenig um die Nachbarschaft gekümmert,“ sagte sie endlich, „daß ich besonders unter den Amerikanern die Familien kaum dem Namen nach kenne. Ich wollte nach der Stadt gehen, wo ich eines schnellen Unterkommens, wenn auch vorläufig in dienender Stellung, sicher war.“

„Wenn ich Ihnen nun aber einen Platz in einer amerikanischen Familie verschaffte, wo Sie keinesfalls die Abhängigkeit so fühlen würden, als unter Ihren Landsleuten,“ unterbrach er sie, „würden Sie damit einverstanden sein?“

„Ich weiß es noch nicht, Sir!“ erwiderte sie zögernd. Es widerstrebte mit Macht ihrem Gefühle, jetzt, wo aus dem stattgefundenen Unglücke eine Parteisache zwischen den beiden Nationalitäten gemacht zu werden schien, eine so bezeichnete Stellung, wie sie ihr Aufenthalt unter Amerikanern mit sich bringen mußte, einzunehmen. Zudem hoffte sie mit Sicherheit, den alten Kreuzer in der Tavern am „Point“ zu sehen, noch ehe sie einen bestimmten Entschluß über ihre Zukunft faßte; hatte er doch versprochen, „bald“ von sich hören zu lassen, und das mußte jedenfalls bei Sendung ihres Koffers geschehen. – „Das ganze Unglück mit seinen Folgen ist so schnell über mich gekommen,“ fuhr sie fort, „daß ich zwar das Eine weiß, was mein Gewissen von mir fordert, daß ich aber noch keine Minute gefunden habe, um über mich selbst mit mir zu Rathe zu gehen. Heute Abend erst geht die Postkutsche nach der Stadt, und bis dahin habe ich mich jedenfalls entschlossen –“

„Und wohin führt Sie Ihr Weg jetzt, Miß?“

„Nach dem „Point“, Sir!“

„Gut, so sehe ich Sie dort gegen Abend – ich rechne darauf, meinet- und Ihrethalber!“ Er neigte höflich den Kopf und wandte sich nach der nächsten Feldeinzäunung, die er leicht überstieg und dann zwischen den hohen Stengeln des Welschkorns verschwand.

Mary hatte ihm nur mit einem kurzen Blicke nachgesehen und ging jetzt schärfer vorwärts. Er hatte anfänglich in einer Weise zu ihr gesprochen, die sie heimlich verletzt; nicht in seinen Worten, aber in dem Tone derselben, in der umstandslosen Art, wie er sich zu ihr gesellt, lag es ausgedrückt, daß er sie zu Leuten zählte, die weit unter ihm standen, daß er die gewöhnliche Höflichkeitsform, „Ladies“ gegenüber, bei ihr nicht für nöthig hielt. Kaum hätte sie wohl so sehr darauf geachtet, wenn er nicht gerade der Vater von James gewesen wäre. Sie freute sich, daß ihre Antworten ihn zu einer Aenderung seines Tones vermocht, und dennoch hätte sie sich auch über ihre Kurzgebundenheit wieder ärgern mögen. Es war ihr, als müsse sie den alten Gentleman recht lieb haben können, wenn sie nur dürfe.

Als sie endlich das Blockhaus, welches die Tavern bildete, erreicht hatte, setzte sie sich still in eine Ecke des Zimmers, ohne sich weiter um ihre Umgebung zu kümmern, die fast nur aus Deutschen bestand und sie mißtrauisch betrachtete. Der Hunger stellte sich nach dem langen Marsche ein, sie bestellte ein frugales Mahl und verzehrte es. Sie fühlte recht wohl, daß sich das leise Gespräch der Deutschen um ihre Person drehte, achtete aber nicht darauf. Dann stützte sie den Kopf in die Hand und ließ die Bilder des ganzen jüngst verflossenen Jahres noch einmal an sich vorüberziehen. Das Schicksal hatte die Lösung der peinlichen häuslichen Verhältnisse selbst übernommen, sie fühlte nach den Erfahrungen des heutigen Morgens mehr als jemals, daß sie unter dem deutschen Elemente, wie es in der Umgegend lebte, niemals gedeihen könne. Der Vorschlag des alten Osborne, sich einer amerikanischen Familie anzuschließen, trat wieder vor ihre Seele, aber der Gedanke an dessen Sohn James hieß ihr den Antrag ablehnen. Er hatte sie bis jetzt als „junge Lady“, als Tochter eines reichen Farmers gekannt, und nun sollte sie Dienstbote da werden, wo vielleicht junge Ladies, die er zu seinen nächsten Bekanntschaften zählte, als ihre Herrinnen auftraten. Sie sah gedankenvoll vor sich hin, sie merkte nichts von dem Verrinnen der Zeit, und erst als das Rasseln eines Wagens in der Nähe der Tavern laut wurde, hob sie langsam den Kopf. Sie erkannte Kreuzer’s Fuhrwerk, sie sah ihren Koffer darauf, aber ein fremder Mann leitete die Pferde. Noch ehe der Wagen heran war, stand sie an der Außenthür, sie wußte, daß jetzt die Zeit gekommen war, einen bestimmten Entschluß zu fassen – das Gefährt hielt, der Mann lud den Koffer ab und sagte nach einem prüfenden Blick [676] auf die Dastehende: „Sie sind ja wohl die Jungfer Mary? hier bringe ich Ihre Sachen!“

„Und sonst haben Sie nichts zu bestellen?“ fragte das Mädchen, als Jener Miene machte, das Fuhrwerk wieder zu besteigen.

„Hat mir nichts weiter gesagt, der Mr. Kreuzer!“ war die einsylbige Antwort. Die Pferde zogen an, in den Rückweg einbiegend, und bald verschwand der Wagen hinter dem nächsten Welschkornfelde.

Mary hatte ihm nachgesehen, so lange er zu erblicken war, während es um ihren Mund wie eine gewaltsam unterdrückte Empfindung zuckte. Dann aber, als sei sie vollkommen mit sich klar und fertig, warf sie einen Blick nach der bereits tiefstehenden Sonne und setzte sich auf den am Rande des Weges stehenden Koffer nieder. Sie war noch immer zweifelhaft, was sie thun sollte – ob nach der Stadt fahren oder auf den Major warten. Das Schicksal sollte über sie entscheiden. Noch waren nicht zehn Minuten verflossen, als sie den Major Osborne zwischen den Maisfeldern hervorkommen und bei ihrem Erblicken einen schnellern Schritt annehmen sah.




Es war vierzehn Tage später, und das Countystädtchen bot ein Bild von Aufregung, wie es seit seiner Erbauung noch nicht erlebt worden war. Der Ort bestand fast nur aus einer langen Hauptstraße, deren Mittelpunkt das Court-(Gerichts-) Haus, umgeben von den hauptsächlichsten Hotels, Kaufläden und Trinklocalen bildete, und vor jedem dieser Geschäfts- und Erfrischungsplätze trieb sich eine sichtlich erregte Menschenmenge umher, gesticulirend und in englischer, wie deutscher Zunge durch einander redend. Die Meisten der Anwesenden gehörten augenscheinlich der Landbevölkerung an, doch fehlte es auch nicht an Gestalten, wie sie sich besonders in neugegründeten Landestheilen finden, Leute, von denen Niemand weiß, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen, wenn es nicht durch Vieh- und Pferdediebstahl, Spiel und Verbreitung von falschem Gelde geschieht, und die überall auftauchen, wo eine Aufregung sich der Bevölkerung bemächtigt.

Der Gerichtshof war heute zusammengetreten, um den Proceß gegen James Osborne, als Mörder des Heinrich Kreuzer, zu beginnen. Aus irgend einem Grunde aber war der Anfang der Verhandlung auf den nächsten Tag verschoben worden, und die aus allen Theilen des County’s zusammengeströmten Menschen waren in ihren Erwartungen getäuscht. Anfänglich schien es, als würde die in der Nähe des Courthauses angesammelte Menge ruhig auseinandergehen, bald aber begannen in den einzelnen Haufen, wie sie sich vor den Thüren der Trinklocale gebildet, die verschiedensten Gerüchte über die Ursache der Gerichts-Vertagung zu cursiren. Zuerst hieß es, die Jury sei aus lauter Amerikanern, alle vom Major Osborne bestochen, zusammengestellt, nun sei aber Einer davon krank geworden, und so müsse erst ein neuer zuverlässiger Mann gefunden werden. Dann kam eine andere Version. Nicht an der Jury liege es, aber dem Mädchen, welches den Hauptzeugen mache und zu Gunsten des Mörders aussagen solle, schlage das Gewissen so, daß sie erst wieder richtig bearbeitet werden müsse. Von anderer Seite aber wurde dem widersprochen – das Mädchen sei des Uebelthäters Liebste gewesen und denke gar nicht daran, sich ein Gewissen aus irgend etwas zu machen – der Grund der Vertagung liege in der Menge versammelter Deutscher, von denen man vermuthe, daß sie die im Voraus „gefixte“ und abgemachte Freisprechung des Mörders nicht ruhig hinnehmen würden, und es sei beschlossen, so lange ein Hinderniß gegen den Beginn des Processes zu finden, bis die Deutschen es müde würden, der Gerichtsverhandlung beizuwohnen. Und es war wunderbar, wie schnell diese letzte Angabe die Runde machte und Anklang fand, wie sie durch die Bestätigung von den verschiedensten Seiten über allen Zweifel festgestellt und in dem Durcheinandertreiben der erregten Masse durch eine Menge der bestimmtesten Einzelheiten ergänzt wurde. Bald begannen sich die Trinklocale zu füllen, abwechselnd ihren Menscheninhalt wieder ausspeiend und einen neuen Strom aufnehmend. Die Aufregung fing sichtlich an zu steigen – aus dem Innern der Schenkzimmer klang das Schlagen der Fäuste auf die Tische, und außerhalb fielen Aeußerungen, drohend wie das erste Wetterleuchten bei einem aufsteigenden Gewitter.

Da begann ein Haufen Menschen sich unter Geschrei aus einem der größeren Locale zu wälzen, und von dem Spectakel angezogen, begannen von allen Seiten neue Haufen sich heranzudrängen. Bald war die Hälfte des freien Raums vor dem Courthause mit einer dichten Menge gefüllt, und aus der Mitte derselben tauchte, von unsichtbaren Kräften gehoben, eine einzelne Gestalt auf, den zerdrückten Hut auf dem rothen Gesichte nach dem Hinterkopfe schiebend und die massiven Hände, welche bis über die Knöchel aus den engen Aermeln des schäbigen schwarzen Fracks ragten, weit von sich streckend.

„Gentlemen!“ begann er englisch, und eine tiefe Ruhe lagerte sich über die Masse, „Gentlemen, so viel ich verstehe, handelt es sich hier um eine deutsche Sache, aber ich schere mich verdammt um nichts Anderes, als daß es eine gerechte Sache ist, und das ist sie!“ Ein einzelner jolender Beifallslaut wurde hörbar, dem aber, als sei er nur ein Signal gewesen, ein lautes Beifallsgeschrei der Masse folgte.

„Ich sage, Gentlemen,“ fuhr der Redner fort, „es ist eine Sache, die das Volk selber in die Hand nehmen sollte; es handelt sich darum, ob der Reiche, nur weil er reich ist und Advocaten, Zeugen und Jury bezahlen kann, nach Belieben einen Andern todtschlagen und frei ausgehen darf, während der Arme, der das nicht kann, hängen muß ohne Gnade – Gentlemen, ich habe den alten Vater des Gemordeten unter Ihnen gesehen, dem seine einzige Stütze geraubt ist. Ich habe von Ihnen gehört – und verdammt will ich sein, wenn Sie nicht gerade dem Dinge auf den Leib gingen, was wir jetzt brauchen – wollen Sie noch warten, bis der Mensch, der sein Verbrechen schon eingestanden hat, mit Hülfe seines Geldes sich auf und davon macht und Sie Alle betrogen sind? Eins will ich Ihnen nur noch sagen: Wäre dies nicht eine deutsche, sondern eine amerikanische Sache, so wäre schon längst geschehen, was nothwendig ist, wenn das Volk die Gerechtigkeit gegen Reichthum und Bestechung selbst in die Hand nehmen muß!“

Der Redner tauchte nieder in die Menge, die einige Secunden unbeweglich in einer unheimlichen Stille verharrte. Dann ließ sich plötzlich eine einzelne Stimme hören: „Drauf, holt ihn ’raus!“ und ein wirres hundertfältiges Geschrei folgte als Antwort. „Hängt ihn!“ klang es und: „hängt ihn!“ brüllte es nach. Ein wildes Wogen kam unter die Masse, bis der wiederholte Ruf: „Nach der Jail!“[2] der Bewegung eine bestimmte Richtung gab.

Ein Stück die Straße hinauf stand ein ausschließlich von Amerikanern besuchtes Gasthaus, und dort saß schon seit dem frühen Morgen Mary in einem Hinterzimmer, der Zeit gewärtig, in welcher sie ihr Zeugniß ablegen sollte.

Sie war vor vierzehn Tagen dem Major nach einer amerikanischen Farm gefolgt, entschlossen, sich gefaßt ihrem neuen Schicksale zu fügen, sei dies, welches es wolle. Indessen schien es in der Familie, die sie jetzt aufgenommen, Niemandem einzufallen, ihr eine Arbeit anzumuthen, der sie sich nicht freiwillig unterzog. Sie sah sich völlig als Gast behandelt, nur daß die Freundlichkeit, welcher sie begegnete, eine so kalte und gemessene war, daß sie herauszufühlen meinte, sie werde hier nur dem Major zu Liebe als der nothwendige Zeuge verwahrt, und ihr Aufenthalt hier werde ebensobald ein Ende nehmen, als man sie nicht mehr brauche. Aber selbst dann wäre sie nicht schlimmer daran gewesen als vor dem Eintritte in das Haus, und so, ohne sich vorzeitigen Sorgen hinzugeben, bat sie in voller Freundlichkeit darum, sich nützlich machen zu dürfen, erwähnte ihrer Fertigkeit mit der Nadel und schien hier einen leicht zugänglichen Punkt bei der Frau des Hauses getroffen zu haben. Sie erhielt eine Arbeit, wenn auch in einer Weise, als wolle man ihr nur den Willen thun. Als aber unter Mary’s leichten Fingern die Stücke sich wie im Spielen zusammenfügten, als sie neue Beschäftigung verlangte und der heimlich prüfende Blick der Hausfrau auf die sauberste Arbeit gefallen war, begann das Gesicht der alten Lady einen wärmern Ausdruck zu gewinnen. Die Tochter des Hauses, kaum viel jünger als Mary, obgleich sie noch eine Schule in der Nachbarschaft besuchte, setzte sich am Nachmittage zu dem Gaste und leitete ein Gespräch ein, an welchem auch bald die Mutter Theil nahm, und Mary hatte, wohlthuend von der größeren Herzlichkeit berührt, nach Kurzem einzelne Theile ihrer Geschichte mitgetheilt, ohne daß sie es nur recht beabsichtiget. Noch keine Woche hatte sie im Hause verbracht, als sich auch nach und nach unter den sämmtlichen Familiengliedern eine deutlich erkennbare Theilnahme für den jungen Gast geltend machte, und ein vertraulicherer Ton sich gegen sie herausbildete; wie absichtlich aber wurde niemals des gefangenen James erwähnt, oder auch nur der Name desselben genannt, und Mary selbst, so oft sie

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Die Gartenlaube (1860) b 677.jpg

Weiße und Lessing bei der Neuberin.




auch an ihn dachte – und je näher der Tag der Gerichtssitzung kam, um so öfter – fühlte instinctmäßig, daß hier ein Punkt war, den sie nicht berühren dürfe; eine Ahnung des Grundes aber sollte ihr in der zweiten Woche werden.

Da kam der Major angefahren und mit ihm ein junger magerer Mann im schwarzen Fracke, mit stechenden Vatermördern, buschigem dunklem Haare und klug blickenden Augen. Der Hauswirth empfing sie und führte sie nach dem Vorderzimmer, wo Mary bei einer feinen Nätherei saß und bei dem Eintritte der Gäste die Stube verlassen wollte; der Major aber rief ihr zu, zu bleiben, sie hätten mit ihr zu reden. „Und wenn Sie, Nachbar,“ wandte er sich an den Farmer, „eine Viertelstunde abbringen können, so thun Sie mir den Gefallen, uns Ihre Gesellschaft zu schenken; es liegt nur daran, Jemand zum Zeugen zu haben, daß nicht auf unrechte Weise auf das Mädchen eingewirkt wird!“

In Mary’s Ohr klang wieder derselbe nachlässige Ton in Bezug auf sie, welcher sie schon bei ihrem ersten Zusammentreffen mit dem Major verletzt hatte; er that ihr aber heute’, in Gegenwart der Uebrigen, noch weher. Sie sah groß und ernst aus und begegnete dem Auge des alten Osborne; dieser aber schien ihren Blick nicht einmal zu bemerken. „Well, Sir, ich denke, wir gehen gleich an’s Werk,“ wandte er sich an seinen jungen Begleiter, „stellen Sie Ihre Fragen an das Mädchen, und Sie werden ja dann selbst hören.“

„Einen Augenblick, Mr. Osborne,“ sagte sie mit ruhigem Ernste, „wollen Sie mir nicht erst sagen, wer der Gentleman ist, und was von mir verlangt wird? Ich glaube doch diese gewöhnlichste Rücksicht zu verdienen!“

Der Major hob die zusammengezogenen Augen nach ihr, und um seinen Mund zuckte es wie eine herbe Erwiderung, der er nicht gleich Worte zu geben wisse; sein Begleiter aber, dessen Blick schon seit seinem Eintritte Mary’s ganze Erscheinung umfaßt hatte, nickte wie in stiller Befriedigung und sagte mit einem höflichen Lächeln: „Erlauben Sie, Miß, daß ich mich Ihnen selbst vorstelle und Sie zugleich versichere, daß Sie Alles, was Sie jetzt vielleicht befremden mag, schnell klar sehen sollen. Ich bin der Vertheidiger des jungen Mr. Osborne und möchte wissen, wie weit ich auf ihr Zeugniß fußen kann, außerdem aber mir noch einige andere nöthige Fragen erlauben!“

Mary neigte leicht den Kopf. „Es ist Alles recht,“ erwiderte [678] sie, „es gibt mir aber noch keinen Aufschluß, warum Major Osborne mir in einer Weise entgegentritt, wie er es mit keiner andern jungen Lady, und wäre sie noch so arm, thun würde. Ich stehe so ganz allein, daß mich jede grundlose Unfreundlichkeit doppelt schmerzen muß –“

„Es ist gut, ich werde ganz klar und offen zu Ihnen reden, da Sie das zu verlangen scheinen,“ fiel ihr der Major in’s Wort, ohne seine Miene zu ändern, „lassen Sie uns aber zuerst die Hauptsache abmachen, und antworten Sie auf die Fragen des Gentleman hier!“

Er zog einen Stuhl herbei und setzte sich breit nieder; ihm folgte der Hauswirth, welcher mit sichtlichem Interesse der kurzen Scene beigewohnt; der Advocat aber machte erst von einem Stuhle Gebrauch, als auf einen höflichen Wink seinerseits Mary ihren Platz eingenommen hatte. Das Mädchen ward aufgefordert, die Vorgänge, welche den Mord herbeigeführt, zu erzählen; sie that es in klarer Kürze, und der Advocat nickte beifällig.

„Jetzt, Miß, komme ich zu einem andern Punkte,“ fuhr der Letztere fort. „Es wird wahrscheinlich Alles angewandt werden, um Ihr Zeugniß zu verdächtigen; so werden Sie gefragt werten, ob Sie sich nicht einen Grund für diesen so plötzlichen und seltsamen Angriff des Heinrich Kreuzer denken können, ob Sie nicht in einem nähern Verhältnisse zu James Osborne gestanden, durch welches der Verunglückte bei seinem Zusammentreffen mit Ihnen Beiden als Ihr brüderlicher Ehrenwächter hat aufgeregt werden müssen – und um mein Verhalten für alle Fälle regeln zu können, möchte ich Sie bitten, mir vollkommen wahr die Art Ihrer Bekanntschaft mit James Osborne anzugeben – das Verschweigen irgend eines bedeutenderen Umstandes, der während der Gerichtsverhandlungen zum Vorschein käme und auf den ich nicht vorbereitet wäre, könnte das Verderben des jungen Mannes werden, während eine rücksichtslose Offenheit jetzt mir die Macht geben würde, alle ungünstigen Fragen von Ihnen abzuhalten.“

(Schluß folgt.)




Lessing und die Komödiantenprincipalin.

(Mit Abbildung.)

Spät und langsam – langsamer und später als bei den andern Culturvölkern – entwickelte sich in Deutschland das Drama und die Schauspielkunst. Während, von Italien zu schweigen, Frankreich bereits die Dichtungen Corneille’n und Racine’s, sowie die unvergleichlichen Lustspiele Molière’s besaß; während Shakespeare seiner Nation bereits jene Stücke geschenkt hatte, die, wie Wilhelm Meister sagt, „ein Werk eines himmlischen Genius zu sein scheinen, ja die eigentlich gar keine Gedichte sind, denn man glaubt vor den aufgeschlagenen ungeheuren Büchern des Schicksals selbst zu stehen, in denen der Sturmwind des bewegten Lebens sauset und sie mit Gewalt rasch hin und wieder blättert“ – hatte Deutschland bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts zwar auch sogenannte Theaterstücke (Gottsched hat die Titel einer großen Anzahl derselben verzeichnet), aber sie konnten sich mit denen der Nachbarländer nicht im Entferntesten messen.

Allerdings hatte es vor dem dreißigjährigen Kriege in Deutschland eine zum Theil sehr ausgebildete Volksbühne gegeben. Leute aus dem Volke waren da die Schauspieler, und Schauspieler dichteten die Stücke. In Nürnberg baute die Zunft der Meistersänger schon 1550 das erste deutsche Schauspielhaus, und Augsburg folgte diesem Vorgange bald nach. Diese Häuser waren indeß nur für den Sommer und für gutes Wetter eingerichtet. Nur die Bühne war bedacht, der Zuschauerraum blieb unbedeckt. Auch an Decorationen und anderen Apparaten scheint es ganz gefehlt zu haben. In dem langen grauenvollen Kriege erst, der in Deutschland so Vieles zerstörte und auch die deutsche Volksbühne vernichtete, bildeten sich Truppen von Komödianten von Profession.

Diese Komödiantenbanden konnten sich in Deutschland leicht rekrutiren (bemerkt Ed. Devrient in seiner Geschichte der deutschen Schauspielkunst). Knaben, Jünglinge und Männer waren durch die Schul-, Universitäts- und Bürgerkomödien geübt, Lust und Talent erweckt, und so fehlte es denn nicht, daß schon in den ersten Jahrzehnten des siebzehnten Jahrhunderts die Wandertruppen sich ansehnlich vermehrt und vervielfacht hatten. Vornehmlich war es die akademische Jugend, die sich, gelockt von dem Beifalle, den sie an Höfen und in Städten fand, gereizt von dem Anscheine eines fessellos poetischen Wanderlebens und dem Zauber der Bühnenthätigkeit, diesen Truppen am schnellsten anschloß. Waren doch die Studenten schon geübt, hatte doch das herumziehende Leben für sie nichts Entwürdigendes, denn die „fahrenden Schüler“ bildeten einen von der Gesellschaft anerkannten Stand. Ja, war es nicht dem eigenthümlichen deutschen Studentenwesen, das sich in phantastischen Zuständen von dem gewöhnlichen Leben abzusondern liebte, ganz und gar angemessen, diese poetisch isolirte Welt im Bühnenleben zu suchen? Gewiß kann es nicht auffallen, daß die am meisten bekannt gewordenen Truppen des siebzehnten Jahrhunderts fast ganz aus Studenten bestanden. Sie wurden von Principalen geführt, welche Besitzer des theatralischen Apparates und Inhaber der nöthigen Privilegien waren, die Thätigkeit im Allgemeinen regelten und deshalb auch Komödiantenmeister genannt wurden. Aber der frische, kecke Sinn der Studententruppen, die, wenn auch roh, doch einen gewissen Schwung sich bewahrten, erhielt sich nicht lange, und die deutschen Komödianten sanken von Stufe zu Stufe tiefer, so daß sie ganz gleich mit Springern, Gauklern und Marktschreiern standen und sich nur aus zusammengelaufenen Leuten allerlei Art rekrutirten, die höchstens ein pedantischer Handwerksgeist zusammenhielt. Zunftgruß und Spruch galt unter ihnen wie bei den Handwerkern, zum Theil bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Nach den streng gesonderten Rollenfächern ließ sich Jeder tituliren, z. B. Herr Königsagent, Herr Tyrannenagent, Herr Harlekin. Iffland gibt nach der Tradition, welche ihm selbst noch nahe lag, folgende Schilderung: „Den tragischen Helden mußte der zweite Held zuerst grüßen. Die, welche nur Vertraute spielten, mußten das Haupt entblößen, sowie der erste Held oder Tyrannenspieler sich sehen ließ. An öffentlichen Orten durften die kleinen Lichter den großen sich erst auf herablassende Einladung nähern. Ein Neuling konnte nur durch Dienstjahre das Recht erlangen, in Gegenwart älterer Mitglieder bedeckt zu erscheinen. Ein Wort über das Spiel der Letztern ward für ein Zeichen von Wahnwitz gehalten, und der Tadel eines Stückes galt für ein Verbrechen, das mit Ausstoßung bestraft wurde.“ Die Aufnahme eines neuen Mitgliedes in die Schauspielerzunft geschah unter der größten Umständlichkeit. Bestand er, so richtete der Principal die Frage an den Neuling: „Ist der Herr eines Paares schwarzsammtner Beinkleider mächtig?“ Nur wenn er die Frage zu bejahen vermochte, konnte die Aufnahme wirklich erfolgen. Das Oberhaupt der Bande allein durfte eine mit Gold besetzte Scharlachweste tragen, welche Permissionsweste hieß, weil sie den Besitzer der Privilegien bezeichnete. Jüngere Mitglieder strebten zunächst nach einem Tressenhut, und ihre höchsten Wünsche waren erfüllt, wenn sie Atlasbeinkleider in Rosa oder Carmoisin zu tragen vermochten.

Der gewöhnliche Decorationsbestand war: ein Wald, ein Saal und eine Bauernstube, die zusammen für Alles ausreichen mußten. Was das Costüm anlangt, so hatte man romanische und türkische Kleider für die vorzeitlichen und asiatischen Dramen, während alle mittelalterlichen Stücke in einer phantastischen Tracht gespielt wurden, welcher die damals moderne Kleidung zu Grunde lag. Dieser Tracht durfte bei den Männern ein gesteiftes und beflittertes Röckchen nicht fehlen, sowie auf der gepuderten Frisur ein Helm mit einem Walde gewaltiger Federn. Die Damen behielten unter allen Umständen ihre Frisur, die sie mit Schmuck, Federn und Blumen überluden, verzierten aber ihre ungeheuern modernen Reifröcke in einer Weise, die sie, je wie es paßte, für römisch, türkisch oder mittelalterlich ausgaben. So consequent aber haben wir uns die Behandlung des Costüms bei den Wandertruppen nicht einmal zu denken. Meistentheils lief es bei ihnen nur auf einen barocken Ausputz der täglichen Kleidung hinaus. Bei dem weiblichen Anzug ward mit Federn, Schleiern, Ueberwürfen und Besätzen viel geleistet, und die Buden-Komödiantinnen unterließen nicht sich mit Plunder und Fetzen aller Art und einem verschwenderischen Aufwande von [679] Goldpapier zu bedecken. Selbst bei den bessern Truppen scheint eine Ueberladung mit Putz herrschend gewesen zu sein. Die Markgräfin von Bayreuth hat für übertriebene Toilette immer den Ausdruck: „sie sah aus wie eine deutsche Komödiantin.“ Bedenkt man nun, daß die damalige Rococotracht an sich schon die überladenste war, die es jemals gegeben hat, so können wir uns eine Vorstellung davon machen, wie die deutschen Komödiantinnen ausgesehen haben mögen. Bei dem männlichen Personale blieben namentlich die Unterkleider der herrschenden Mode unantastbar, und darum war allerdings der Besitz schwarzer Sammetbeinkleider für jeden Schauspieler eine Sache von Bedeutung. Mochten römische, assyrische oder mittelalterliche Helden vorgestellt werden, es hatte allemal sein Bewenden mit den kurzen Sammethosen, den weißen Strümpfen und den Schnallenschuhen. Auch der breitschößige Rock und die lange Weste jener Zeit blieben den europäischen Helden aller Zeiten; eine Schärpe darüber, ein Königsmantel um die Schultern vermochten schon viel anzudeuten, und die gepuderte Allongeperrücke, unantastbar unter allen Umständen wie die Sammetbeinkleider, machte sich nicht weniger stattlich unter dem Helme, wie unter dem Federhut. Selbst dem Turbane bequemte sie sich, wenn nur sonst für die orientalischen Stücke fremdartige Oberkleider dazu kamen. Die ersten griechischen und assyrischen Helden gelangten wohl auch zu dem Panzerkleide mit dem beflitterten Reifröckchen und einem federbeladenen Helme; die Schauspieler zweiten Ranges aber mußten freilich zu dem goldpapiernen Behelfe greifen.

Am Schlusse dieser flüchtigen Skizze stehe hier noch eine Schilderung, die Eckhof gab, der Vater der deutschen Schauspielkunst, welcher den traurigen Zustand der damaligen dramatischen Kunst in Deutschland noch aus eigener Anschauung und Erfahrung kannte, aber auch den Beginn einer bessern Zeit erlebte: „Herumreisende Gauklertruppen, die durch ganz Deutschland von einem Jahrmarkte zum andern laufen, belustigen den Pöbel durch niederträchtige Possen. Der Hauptfehler des deutschen Theaters war der Mangel an guten Stücken; die, welche man aufführte, waren gleich lächerlich vor dem Plane als nach der Darstellung. Eine Komödie, welche man überall am häufigsten spielte, hieß „Adam und Eva, oder der Fall der ersten Menschen“. Sie ist noch nicht völlig verbannt, und ich erinnere mich, daß ich sie in Straßburg habe aufführen sehen. Da sah man denn eine dicke Eva, deren Körper mit schlechter fleischfarbener Leinwand bedeckt war und der man einen kleinen Gürtel von Feigenblättern auf die Haut geleimt hatte. Der gute Adam erschien ebenso lächerlich gekleidet, Gott Vater aber in einem alten Schlafrocke, mit mächtiger Perrücke und einem langen weißen Barte. Die Teufel stellten die Lustigmacher vor. Ein anderer Fehler der alten deutschen Stücke und zwar der meisten ist, daß sie nicht durchgängig niedergeschrieben sind. Die Komödianten besitzen vielmehr gemeiniglich nur den Entwurf davon und spielen Alles aus dem Stegreife. Hanswurst vor allen findet da ein Feld, seinen Einfällen freien Lauf zu lassen. Im Uebrigen war Alles widerwärtig: eine schlechte breterne Bude diente zum Komödienhause; die Verzierungen darin waren jämmerlich; die Acteurs, die in Lumpen gehüllt waren und confiscirte alte Perrücken aufhatten, sahen aus wie in Helden verkleidete Miethkutscher; mit einem Worte, die Komödie war ein Vergnügen nur für den Pöbel. Mitten in dieser Barbarei,“ setzt Eckhof hinzu, „wagte eine liebenswürdige Frau den Vorsatz zu fassen, das deutsche Theater zu reinigen und ihm eine vernünftige Form zu geben.“ Von Sachsen sollte die Reformation auch der Bühne ausgehen, und zwar merkwürdiger Weise durch einen Pedanten und eine Frau – durch Gottsched und die Neuberin. Der Erste entsetzte sich über die liederliche Zügellosigkeit, die in den Stücken herrschte und die er zu beseitigen strebte, während die Zweite Geschmack und Decenz wiederherzustellen sich bemühte. In Leipzig stand die Wiege der neuen deutschen Schauspielkunst.

Friederike Karoline Weißenborn war zu Reichenbach im Voigtlande 1692 (oder nach der gewöhnlichen Angabe 1700) geboren, die Tochter eines Doctors beider Rechte und erhielt jedenfalls eine Bildung, welche die des weiblichen Geschlechts in jener Zeit weit übertraf. Diese ungewöhnliche Bildung, verbunden mit lebhafter Phantasie, hob sie über viele Vorurtheile hinweg, die ihren Neigungen sich entgegenstellten, während ihre energische Leidenschaftlichkeit sie zunächst in vielfache Conflicte mit ihrem verwittweten, kränklichen und grämlichen Vater brachte, der sich später als Advocat in Zwickau niedergelassen hatte. Leider ist ihre Jugendgeschichte ganz unbekannt, so daß man nicht weiß, wie der Beruf für die Bühne bei dem gebildeten Mädchen aus angesehener Familie sich kundgegeben hat, und welche Kämpfe sie bestehen mußte. Erzählt wird, daß sie hoch in den Zwanzigen stand, als sie einen besonders heftigen Auftritt mit ihrem Vater hatte, der, von Podagraschmerzen gereizt, die Thür verriegelt haben soll, um der unfügsamen, heftigen Tochter eine körperliche Züchtigung angedeihen zu lassen. Aber entschlossen sei das Mädchen durch das Fenster entsprungen und nur durch eine Gartenhecke vor einem tödtlichen Falle bewahrt worden. Sie liebte einen jungen Mann aus Zwickau, Johann Neuber; mit ihm verließ sie die Heimath, um sich einer Komödiantengesellschaft anzuschließen, welche in Weißenfels spielte. Sie war von bewundernswürdig schönem Wuchs und Gliederbau, blond, mit regelmäßigen Zügen und leidenschaftlichem Ausdruck, allen Angaben nach in vielfacher Hinsicht körperlich und geistig der großen Schröder-Devrient ähnlich. Natürlich wurde sie bald die Frau Neuber’s, der ein fleißiger und verständiger Mensch war, aber keinen Funken von Geist besaß und zeitlebens ein schlechter Schauspieler blieb. Die Frau dagegen that sich bald vor allen ihren Genossen hervor, zumal sie Gelegenheit fand, in Dresden, Braunschweig und Hannover französische Schauspieler zu sehen, denen sie, zuerst unter allen Deutschen, die feierliche Grazie der tragischen Declamation und den Vortrag der Alexandriner ablernte. In der Komödie und in den Stegreifpossen zeigte sie Geist, Gewandtheit und humoristischen Uebermuth. Besonders gern spielte sie in Männerrollen, und wenn sie als flotter Student auftrat, erregte sie jedesmal stürmischen Beifall.

In der Ostermesse 1727 erschien sie mit einer Gesellschaft zum ersten Male in Leipzig, und Gottsched, der sich schon mehrere Jahre die Ausbildung der deutschen Sprache und Dichtkunst hatte angelegen sein lassen, glaubte mit Hülfe der ausgezeichneten Schauspielerin seine Pläne sehr wirksam fördern zu können. Die Aufgabe, die er sich stellte und in welche die Neuber bereitwillig und energisch einging, war freilich eine riesengroße und so schwierige, wie wir sie uns jetzt kaum ausreichend vorstellen können. Es handelte sich um nichts Geringeres, als von der Regellosigkeit und der bunten Willkür der damaligen deutschen Schauspiele zu dem steifen Regelzwang der französischen Dramen und Tragödien, also aus einem Extrem zu dem andern überzugehen, und nicht nur das Publicum, welches an das erste gewöhnt und mit demselben zufrieden war, für das zweite zu gewinnen, sondern auch die Schauspieler dafür auszubilden. Vor Allem mußte für geeignete Stücke gesorgt werden, an denen es so gut als ganz fehlte. Selbstschaffende Talente gab es nicht, man übersetzte also fleißig, namentlich französische Tragödien und Komödien, freilich in einer so steifen Ungelenkigkeit, daß man jetzt kaum begreift, wie das damalige Publicum solches Deutsch und solche Verse anhören konnte. So fleißig aber auch die Freunde Gottsched’s waren, so konnten sie doch nicht schnell genug ein allen Anforderungen genügendes Repertoir zusammenbringen, so daß die Schauspieler, um nur ihre Existenz zu sichern, auch gelegentlich wieder Vorstellungen mit allerlei Possen geben mußten. Und das war nicht ihre einzige Noth, wie man aus einem Briefe erkennt, den Neuber an Gottsched aus Nürnberg schrieb und in dem er erzählt: „Bei den Meisten habe es im Anfange gar nichts heißen wollen, wenn gesagt werde: eine Komödie von lauter Versen.“ Indessen konnte er doch auch bald berichten: „Unsere Komödien und Tragödien haben noch so ziemlich Zuschauer. Die Mühe, die zur Verbesserung des Geschmacks angewendet wird, scheint doch nicht gar vergebens zu sein. Es finden sich verschiedene bekehrte Herzen. Leute, denen man es fast nicht hätte zutrauen sollen, sind Liebhaber der Poesie geworden und Viele finden an den ordentlich gesetzten Stücken gutes Belieben.“

„Das allerwichtigste Resultat,“ sagt Devrient, „der Neuber’schen Bestrebungen und des Gottsched’schen Einflusses war, daß die ersten bestimmten künstlerischen Grundsätze, daß Regeln und Mustergültigkeit in die Schauspielkunst kam und dadurch eine Uebereinstimmung, ein Styl, kurz die erste Schule, die man denn die Leipziger nennt, sowie daß literarischer Einfluß auf die Bühne endlich wieder sich geltend machen konnte.“

Das Glück freilich begünstigte die Neuber in ihrer Unternehmung nicht, aben die muthige Frau ließ sich nicht abhalten, auf dem für richtig erkannten Wege fortzuschreiten, ja sie entschloß sich, durch eine öffentliche Kundgebung der Welt zu zeigen, daß an eine Umkehr nicht zu denken sei. Gottsched, dem die Abschaffung [680] der Stegreifstücke zu langsam ging, hielt die lustige Person, den Hanswurst, für den Mittelpunkt des ganzen alten Komödiantenwesens und war der Meinung, daß die Willkür auf der Bühne nur mit der Vertreibung des Spaßmachers von derselben enden werde. Die Neuber war auch darin mit ihm einverstanden und so nahm sie sich vor, den wichtigen Schritt unter einer feierlichen theatralischen Demonstration zu thun.

Es war in der Michaelismesse (im Oktober) 1737, in ihrer Theaterbude vor Bosens Garten der jetzigen Königsstraße zu Leipzig, als sie ein von ihr selbst verfaßtes kleines Stück aufführen ließ, in welchem dem Hanswurst wegen seines theatralischen Unfugs der Proceß in aller Form gemacht, dann eine Puppe in dem buntfarbigen Hanswurstkleide auf einem Scheiterhaufen feierlich verbrannt und sein Name für immer von der Bühne verbannt wurde. Damit übernahm die Neuber zugleich die moralische Verpflichtung, den Hanswurst auf ihrer Bühne nie wieder erscheinen zu lassen, und sie hat getreulich Wort gehalten. Somit war aber auch der Anfang gemacht zur Beseitigung aller herkömmlicher stehender Masken, welche die Bühne beherrschten, und zugleich die Möglichkeit gegeben, dem frischen vollen Leben der Wirklichkeit Eingang zu verschaffen.

So groß nun, so bedeutungsvoll und ruhmreich alles dies für die ausgezeichnete Frau war, so ist doch das Wichtigste aus ihrem Leben noch zu erwähnen: die Neuberin war es auch, welche den großen Mann in das theatralische Leben einführen sollte, den das Schicksal ausersehen hatte, der eigentliche Begründer der deutschen Literatur und der deutschen Bühne zu werden, und beide unzertrennlich miteinander zu verbinden – Gotthold Ephraim Lessing.

Als siebenzehnjähriger Student war Lessing - am 20. September 1746 – nach Leipzig gekommen, ein schlanker, aber kräftiger Jüngling mit regelmäßigen Zügen, geistvollen, blitzenden, lachenden Augen und einem Munde, der kecke frische Lebenslust ausdrückte und um den Anmuth und Schalkhaftigkeit spielten.

Er bezog – was auf sein ganzes Leben entscheidend einwirkte – eine Universität, wo man, wie er selbst in der Lebensbeschreibung eines seiner Freunde sagt, nichts so zeitig lernte als – ein Schriftsteller zu werden. Und es wurde nicht nur ein Schriftsteller aus ihm, er brachte den Schriftstellerstand zu Ehren. In Leipzig herrschte damals unter den jungen Leuten ein sehr reges geistiges Leben. Gottsched’s literarische Betriebsamkeit nicht nur zog einen Kreis junger Männer an; es rührten sich bereits in seiner Nähe Gegner, die seine pedantische Geschmackstyrannei zu bekämpfen anfingen und sich zu diesem Zwecke eng an einander schlossen. So die Gesellschaft, welche die „Bremer Beiträge“ herausgab und zu der Klopstock, welcher wenige Monate vor Lessing nach Leipzig gekommen war, Zachariä, der Verfasser des „Renommisten“, Cramer und die beiden Schlegel gehörten. Ferner der Kreis, der sich um den damals ebenfalls noch jugendlichen, durch seine beißenden Epigramme bekannten Professor Kästner sammelte, welcher mathematische und philosophische Vorträge hielt. Gottsched konnte seiner Natur nach Lessing unmöglich zusagen; die Gesellschaft der „Bremer Beiträger“, wie sie hieß, war ihm als Anstalt zu gegenseitiger Beräuchernng zuwider, dagegen sprach ihn der geistreiche, scharf denkende, mathematisch geschulte Kästner an, dem er sich denn vorzugsweise anschloß und bei dem er einen gewissen Mylius kennen lernte, der bereits eine populär-naturwissenschaftliche Zeitschrift, „der Naturforscher“, herausgab, für das Theater kleine Stücke geschrieben hatte, mit Schauspielern viel verkehrte und auch seinen jungen Freund in die Gesellschaft derselben einführte. Lessing besuchte in der That nicht nur die Vorstellnngen der Neuber’schen Truppe sehr fleißig, sondern machte auch bald Besuche hinter den Coulissen, besonders da eine junge Schauspielerin, die Lorenz, sein Herz gewann, um deren willen er beinahe selbst die Breter betreten hätte. Die Vorliebe für das Theater führte ihn ferner mit Christian Felix Weiße zusammen, der später durch seinen Kinderfreund sich so berühmt machen sollte und auf der Schule schon ein Lustspiel entworfen hatte. Da nun Beide nichts weniger als Ueberfluß an Geld besaßen, so übersetzten sie in Gemeinschaft verschiedene französische Stücke, welche die Neuberin aufführen ließ und den jungen Autoren mit einem Freibillet lohnte. Diese Beschäftigung Lessing’s mit dem Theater sagte freilich Manchen nicht zu, namentlich seinem Stubenburschen Jos. Fr. Fischer, der später Rector der Thomasschule in Leipzig wurde und dem bekannten Rochlitz, als derselbe von der Schule abging, seinen ehemaligen Jugendfreund in einer donnernden Rede als warnendes Beispiel vorführte. Rochlitz hatte nämlich in dem schrecklichen Verdacht gestanden, deutsche Bücher zu lesen und sogar deutsche Gedichte zu machen, und der Rector sagte zu ihm: „Laß Er sich retten vom Verderben, denn dahin führt’s doch, und das dauert mich um so mehr, weil ich bei solchen Vergehungen allemal an ein Exempel denken muß, an ein Exempel aus meiner Jugend, das mir noch heute durch die Seele geht. Wie ich nämlich von Coburg hierher auf die Universität kam, da zog ich mit Einem zusammen, der guter Leute Kind war, ein Predigersohn aus der Lausitz. Wir wohnten in der Burgstraße drüben in der alten Baderei. Was hatte Gott dem Menschen für Gaben verliehen! Wie konnte der Griechisch und Lateinisch! Was hätte aus dem werden können! Aber er hatte auch so einen Hang. Er hatte schon vorher viel deutsch gelesen, nun gewöhnte er sich auch deutsch zu schreiben und machte deutsche Verse. Nun ging’s immer weiter und war kein Haltens mehr. Er war mein bester Frennd, er war mein einziger auf der ganzen Universität, aber – ich zog von ihm, denn ich konnt’s nicht mit ansehen. Er fing sogar an Komödien zu schreiben. Und nun – nun wurde er nach und nach – ach! ich mag’s gar nicht sagen! Frag’ Er nur die Leute, die ’s verstehen. Der Kerl hieß – Lessing.“

Die Veranlassung, die Lessing vermocht haben soll, ein eigenes Stück auf die Bühne zu bringen, erzählt man in folgender Weise: Es hatte ein Stück aus der Gottsched’schen Schule sehr gefallen oder war doch wenigstens höchlich gerühmt worden. Nur der junge Lessing wußte viel daran auszusetzen. Da entgegnete man ihm, wie gewöhnlich, tadeln sei leichter als besser machen, und sofort nahm Lessing den Entwurf eines Lustspiels vor, an dem er bereits auf der Schule in Meißen gearbeitet hatte, vollendete dasselbe, legte das Stück dem Professor Kästner vor, ging es mit seinen Freunden Mylius und Weiße durch und begab sich dann mit dem Letztern zu seiner Gönnerin, der Principalin Neuber, um es auch ihr vorzulegen und ihr Urtheil einzuholen. Die erfahrene Frau erkannte sofort in dem Dichter des „jungen Gelehrten“ – denn dieses Erstlingswerk Lessing’s war es – den ungewöhnlich begabten Geist. Sie begrüßte ihn als theatralisches Genie und nannte ihn prophetisch die aufgehende Sonne der Nationalbühne. Diese Scene ist es, welche unser Künstler im vorstehenden Bilde dargestellt hat. Im Januar des Jahres 1748 wurde das Stück in Leipzig zum ersten Male aufgeführt und es fand mit Recht den größten Beifall. War es doch – und man bedenke, daß der Dichter erst neunzehn Jahre zählte! – das erste echt deutsche Lustspiel, ein Bild aus dem frischen Leben, mit scharfgezeichneten, treu durchgeführten Charakteren und einem geistvollen, pointirten Dialoge, wie man ihn bis dahin auf der Bühne nicht gehört hatte. Daß ihm noch Spuren der Zopfzeit anhängen, daß es Mängel mancher Art hat, wer wollte es leugnen? Gewiß und unbestritten ist es aber das erste moderne deutsche Lustspiel, das allen nachfolgenden die Bahn vorgezeichnet hat.

Dem Dichter sollte indeß der glänzende Sieg zunächst sehr bittere Früchte tragen. Seine Eltern hatten schon von seinem Theaterbesuche, ja von seinem Umgange mit Komödianten gehört und sie kamen in große Besorgniß um das körperliche und Seelenheil des Sohnes, den sie am liebsten so bald als möglich auf der Kanzel gesehen hätten. Um sich von der Wahrheit oder Unwahrheit der Gerüchte zu überzeugen, gaben sie einem die Leipziger Neujahrsmesse von 1748 besuchenden Kamenzer Kaufmann einen Weihnachtsstollen für ihren Ephraim, aber auch die Weisung mit, sich über dessen Leben genau zu unterrichten und ihnen Bericht zu erstatten. Der gute Mann mußte nun allerdings melden, daß der junge Lessing nicht nur eine Komödie geschrieben habe, nicht nur mit Komödianten umgehe, sondern sogar den ihm gesandten Weihnachtsstollen in Ausgelassenheit mit denselben verzehrt habe. Das war für die frommen Eltern zu viel. Der Vater ließ alsbald einen Brief abgehen, in dem er den Sohn aufforderte, augenblicklich nach Hause zu kommen. Lessing that es, blieb bis Ostern in der Heimath und söhnte sich mit den Eltern aus, wenn er auch nicht Prediger, nicht Professor geworden ist. Und daß er dies nicht geworden, ist ein Glück für Deutschland gewesen, das viel ausgezeichnete Prediger und Professoren, aber nur einen Lessing zählt.

Diezmann.

[681]
Rosenkreuzer und Illuminaten.
Eine culturhistorische Skizze.
Von Max Ring.

Zu allen Zeiten hat es Männer gegeben, welche sich mit der Kunst beschäftigten, unedle Metalle in edle und besonders in Gold zu verwandeln, sowie das Leben künstlich zu verlängern. Es waren dies nicht immer Betrüger und Charlatane, sondern oft aufrichtige Schwärmer von tieferem Wissen, Naturphilosophen und Chemiker, wie Jakob Böhme und der geniale Paracelsus. Der dem Menschen angeborene Hang zum Wunderbaren, die Sehnsucht nach der verborgenen Geisterwelt offenbarte sich in ihren oft tiefsinnigen Schriften, in ihren mystischen Werken, die freilich nicht unsere heutige Kritik aushalten. Es fehlte sogar nicht an fast glaubwürdig lautenden Berichten, daß es hier und da Einem wirklich geglückt sei, den „Stein der Weisen“ zu entdecken, mit dem räthselhaften Jenseits in nähere Berührung zu treten. So erzählte man von dem berühmten Raymundius Bullius, daß er dem Könige Eduard dem Dritten von England in der Katharinenkirche von London so viel Gold machte, daß dieser sechs Millionen Rosenobel daraus schlagen ließ, um sie für einen Kreuzzug gegen die Ungläubigen zu verwenden. Als die Johanniterritter auf der Insel Rhodus in Gefahr waren, von den Türken unter Mohammed dem Zweiten angegriffen und aus ihrem Besitzthum getrieben zu werden, soll der fromme und gelehrte Benedictiner Georg Stigläus ihnen zur Ausrüstung hunderttausend Pfund Gold geschenkt haben, die der Mönch auf chemischem Wege gewonnen hatte. Derartige Geschichten fanden in einer wundersüchtigen Zeit allgemeinen Glauben und wurden wesentlich durch den niedrigen Stand der Naturwissenschaften unterstützt.

Weit öfter aber erwiesen sich alle derartigen Angaben als absichtliche Täuschungen elender Betrüger, die ihre vorgebliche Kunst oft mit dem Tode büßten, wie jener unglückliche italienische Charlatan, den Friedrich der Erste von Preußen wegen seiner Betrügereien an einen vergoldeten Galgen hängen ließ. Nichtsdestoweniger tauchten von Zeit zu Zeit immer wieder derartige Adepten auf, die sogar unter sich eine geheime Brüderschaft der sogenannten „Rosenkreuzer“ bildeten. Der Name selbst stammte aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts und von dem verdienstvollen Johann Valentin Andreä her, der unter dem Titel: „Christian Rosenkrenz’ chymische Hochzeit“ einen satirischen Roman schrieb, worin er gerade das Treiben der falschen Goldmacher geißeln wollte. So entstand mit der Zeit die Brüderschaft der „Rosenkreuzer“, welche sich vorzugsweise mit dem Stein der Weisen und dem Lebenselixir beschäftigte und bald mit den schon vorhandenen Freimaurern in nähere Verbindung trat. Gewinnsucht und der Reiz des Geheimnißvollen führte dem Orden Mitglieder und Gläubige aus den höchsten Ständen zu, aber noch weit mehr Abenteurer und unreine Elemente, welche die Leichtgläubigkeit der Andern für ihre verschiedenen Zwecke ausbeuteten.

Dieses Unwesen erreichte seinen Höhepunkt im achtzehnten Jahrhunderte, das mit seiner gepriesenen Aufklärung einen hohen Grad von Aberglauben verband. Beide Extreme berührten sich in den Menschen jener Periode; die höheren Lebenskreise, von Genüssen aller Art erschöpft, geistig und moralisch vollkommen unterhöhlt, sehnten sich nach neuen Reizmitteln, um sich aufzustacheln. Der scharfe, ätzende Geist, wie er vorzugsweise in den Schriften der französischen Encyklopädisten zum Vorschein kam, hatte alle bestehenden Verhältnisse angegriffen und zum Theil aufgelöst. Die Religion mit ihren Priestern und Gebräuchen war ein Gegenstand des Spottes geworden, das Familienleben durch die überhand genommene Unsittlichkeit in seinen Grundfesten erschüttert. Es gab nichts Heiliges auf Erden, keine Stütze mehr, die nicht untergraben war. Gegen diese allgemeine Auflösung machte sich nach und nach eine gewisse Reaction bemerkbar. Das auf Kosten des Verstandes unterdrückte Gemüth und die Phantasie behaupteten ihr Recht. Das Streben nach dem Höheren und die Sehnsucht nach dem Ueberirdischen tauchten um so gewaltiger empor, je mehr sie sich bedroht fanden. Aber das vorhandene Geschlecht vermochte nicht, die reinen Elemente von den unreinen zu sondern, die wirklich bessere Richtung ohne beklagenswerthe Verirrungen und traurige Umwege zu verfolgen. Der neu erwachte Glaube führte zum Aberglauben, zum Pietismus und zur mystischen Schwärmerei. Ueberall entstanden geheime Verbindungen, pietistische Conventikel und Gesellschaften, welche von schlauen Betrügern für ihre besondern Zwecke benutzt wurden. Verwegene Abenteurer, wie der berüchtigte Cagliostro, rühmten sich im Besitze großer Geheimnisse zu sein; sie speculirten auf die Leichtgläubigkeit der Menge, auf die Habsucht und Lebenslust der vornehmen Stände, denen sie unerschöpfliche Goldquellen und Verjüngung ihrer vergeudeten Lebenskraft vorspiegelten. Mit ihnen verbanden sich religiöse und politische Intriganten, die ihre verschiedenen Zwecke unter diesem mystischen Deckmantel verfolgten und oft den größten Einfluß auf die ebenfalls leicht zu berückenden Fürsten ausübten. Geschickt wußten diese überall auftauchenden Aventuriers sich auf den einflußreichen und mächtigen Freimaurerorden zu stützen, indem sie den Brüdern durch ihre vorgeblich höheren Grade und tieferes Wissen imponirten. Häufig gelang es ihnen bei dem vorhandenen Dunkel über die eigentlichen Zwecke des Ordens, selbst die Eingeweihten zu täuschen, durch Stiftung neuer Systeme und Einführung von Reformen sich großes Ansehn zu verschaffen und eine oft unerklärliche Bedeutung zu gewinnen.

Meist standen diese Betrüger unter sich in Verbindung und unterstützten sich gegenseitig, zuweilen verfolgten sie entgegengesetzte Zwecke und bekämpften sich dann bis zur Vernichtung. Ohne es zu wissen, waren sie ebenso oft nur Werkzeuge in einer verborgenen Hand und dienten höheren Oberen, meist verkappten Jesuiten, von denen sie nach Gutdünken benutzt wurden. Bald fanden sie geheime Beschützer, bald eben solche Feinde und Verfolger, sodaß sie hier im größten Glanze, dort im tiefsten Elende erschienen. Ihre Geschichte ist ein wunderbares Gewirre überraschender Abenteuer und Wechselfälle, wunderbarer Begebenheiten, häufig mit den großen Weltereignissen verknüpft, aber leider noch immer nicht genügend aufgehellt. Wäre dies der Fall, so würde nicht nur manches psychologische, sondern auch politische Räthsel gelöst und der Schleier von mancher noch dunklen historischen Begebenheit gehoben sein.

Auch am preußischen Hofe und selbst schon unter der Regierung Friedrich’s des Großen zeigten sich die Spuren einer solchen Reaction, die vorzugsweise von den „Rosenkreuzern“ eifrig betrieben wurde. An ihrer Spitze standen der Major von Bischofswerder und der Lehrer der Staatswissenschaften, der bekannte Wöllner. Beide berüchtigte Männer gehörten zu den sogenannten „Erleuchteten“ und benutzten ihren Einfluß auf das Gemüth des Thronfolgers, um ihn für den damaligen Pietismus zu gewinnen. Sein von Natur nur zu gutes und weiches Herz wurde vielfach von seiner Umgebung gemißbraucht, bei deren Auswahl er nicht mit der nöthigen Vorsicht verfuhr. Wie bei den meisten sinnlichen Naturen folgten auch bei ihm auf den höchsten Genuß Stunden der tiefsten Reue und moralischen Niedergeschlagenheit, wo er nur zu sehr der Stütze bedurfte. Diese glaubte er in jenem Pietismus zu finden, der zu allen Zeiten für blasirte Lebemänner einen besondern Reiz bietet. Aus den Armen des Vergnügens stürzte er in die des überirdischen Glaubens, bei dem er Trost und Vergebung zu finden hoffte; nach einer durchschwelgten Nacht empfand er um so lebhafter das Bedürfniß, sich wieder geistig zu erheben. So schwankte er fortwährend zwischen Genuß und Reue, zwischen Himmel und Erde, bald in feierlichem Rausche, bald in übersinnlichem Taumel schwelgend.

Von Bischofswerder und Wöllner geleitet, ließ auch er sich in den Freimaurerorden aufnehmen, und bald gehörte er zu dem engern Verein der Rosenkreuzer, angelockt von dem geheimnißvollen Wesen und den Mysterien dieser Gesellschaft, von der er nicht nur die Lösung so mancher Räthsel des Daseins, sondern auch verschiedene materielle Vortheile erwartete. Hoffte er auch nicht, den Stein der Weisen mit ihrer Hülfe aufzufinden, so traute er ihnen wenigstens die Macht zu, das Leben zu verlängern und durch ihre geheimen Kräfte die verlorenen Körperkräfte zu ersetzen. Sie bestärkten ihn in seinem Glauben durch allerhand Reizmittel, die wenigstens für kurze Zeit ihn in eine künstliche Aufregung versetzten. Noch weit wirksamer auf den Geist des Kronprinzen erwiesen [682] sich jedoch die Geistererscheinungen, die ihm Wöllner und die übrigen Rosenkreuzer von Zeit zu Zeit sehen ließen. Hierbei unterstützte Bischofswerder seinen Freund in höchst schlauer Weise, indem er die Rolle des bescheidenen Zweiflers übernahm. Wenn der halb und halb nun überzeugte Thronfolger seinem Vertrauten die eben erlebten Wunder mittheilte, so äußerte sich dieser eben so vorsichtig als zurückhaltend darüber, indem er ihn vor Täuschung und Betrug mit anscheinender Ehrlichkeit warnte und zu einer genauen Untersuchung aufforderte. Durch dies treuherzige Wesen sicher gemacht, übertrug der Kronprinz gewöhnlich Bischofswerder die ganze Angelegenheit, der dann das nächste Mal an seiner Seite den Geisterbeschwörungen als ein scheinbar unparteiischer Zeuge beiwohnte und, schließlich selbst vollkommen bekehrt, dem doppelt betrogenen Fürsten beistimmte, daß es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, von denen unsere Schulphilosophie sich nichts träumen läßt.

Diese Geisterbeschwörungen selbst wurden durch geschickte Taschenspieler mit Hülfe von allerlei Maschinen, Beleuchtungsapparaten, Hohlspiegeln u. s. w. bewerkstelligt, wobei es hauptsächlich darauf an kam den Zuschauer schon vorher durch den Genuß betäubender Getränke und durch narkotisches Räucherwerk in einen Zustand berauschender Ekstase zu versetzen. Die Rosenkreuzer verstanden diese Mittel mit großer Geschicklichkeit zu gebrauchen; sie ließen den betrogenen Fürsten die Geister eines Leibnitz, Cäsar’s und seines eigenen früh verstorbenen Sohnes, des neunjährigen Grafen von der Mark, sehen. Ein gutes Portrait, Perrücke und Schminke genügten für sie, jede beliebige Erscheinung hervorzubringen und sich dadurch ihren Einfluß auf den leichtgläubigen Prinzen für immer zu sichern. Von seiner Seite lag aber selbst diesen Verirrungen gewissermaßen noch immer ein edleres Motiv zu Grunde, da er mit Hülfe der Geisterwelt sich für seinen hohen Beruf vorbereiten wollte. Er hielt Menschenkenntniß mit Recht für eine der nothwendigsten Eigenschaften eines Regenten und glaubte sich diese Eigenschaft mit Hülfe der Rosenkreuzer und ihrer geheimen Wissenschaft zu verschaffen. So wurde seine ursprünglich bessere Natur zugleich durch Sinnlichkeit und Herzensgüte, durch seine Tugenden nicht minder wie durch seine Schwächen verführt und verstrickt, ein Spielball in den Händen einer Partei, welche in Bezug auf Absicht und Mittel eine große Aehnlichkeit mit unseren heutigen Pietisten hatte. Jene Männer haßten nicht minder als ihre jetzigen Nachfolger die Freiheit auf politischem, die Duldung auf religiösem Gebiete, sie wollten herrschen um jeden Preis und das preußische Volk in seiner fortschreitenden Entwickelung mit Gewalt zurückhalten. Auch sie lehrten „die Umkehr der Wissenschaft“, auch sie griffen zum Gewissenszwang, zur Glaubensfolter und zur Inquisition, um ihre eigenen beschränkten Grundsätze dem Lande aufzudrängen, auch sie legten die Axt an den Jugendunterricht und die Lehrfreiheit, die sie mit Recht als die größten Stützen des Fortschritts haßten und verfolgten. In Friedrich dem Großen, dem Schöpfer der preußischen Monarchie, dem Denker und dem Philosophen auf dem Throne, erblickten sie ihren größten Feind, und ihr ganzes Streben war instinctmäßig nur darauf gerichtet, seine Regierungsgrundsätze zu untergraben, sein Werk zu vernichten, sein Andenken zu beschmutzen.

In der That glückte es ihnen, wenigstens den Thronfolger für ihre Pläne zu gewinnen. Abgesehen von seiner natürlichen Hinneigung zum Mysticismus, bot ihnen schon der Widerspruch, in dem er, wie jeder Kronprinz, zu dem regierenden Könige stand, eine willkommene Handhabe. Es fiel ihnen nicht schwer, durch ihre Zwischenträgerei seine Oppositionslust zu befördern und den bereits vorhanden Zwiespalt bis zum offenen Bruche zu treiben. Eben so leicht wurde es ihnen, ihn zu ihrer Anschauung zu verführen und ein ganz entgegengesetztes Regierungssystem ihm allmählich beizubringen. Sie gebrauchten alle ihnen zu Gebote stehenden erlaubten und unerlaubten Mittel, um ihn von der Nothwendigkeit zu überzeugen, vorzugsweise auf dem religiösen Gebiete einen entschieden abweichenden Weg einzuschlagen, indem sie sein leicht zugängliches Gemüth mit den furchtbarsten Schreckbildern erfüllten; ja, die heuchlerischen Pietisten des achtzehnten Jahrhunderts verschmähten es nicht, sich mit der offenen Sünde zu verbinden und mit der berüchtigten Gräfin Lichtenau zu vereinigen, um den schwachen König zu betrügen. Diese protestantischen Jesuiten huldigten, wie ihre katholischen Vorbilder, dem verrufenen Wahlspruch: „Der Zweck heiligt die Mittel“.

Kaum hatte Friedrich Wilhelm der Zweite den Thron seines großen Verwandten bestiegen, so zeigte sich deutlich der verderbliche Einfluß der ihn umgebenden Rosenkreuzer. Die freisinnigen Institutionen seines erhabenen Vorgängers wurden nach und nach beseitigt, an die Stelle der bisherigen Toleranz trat Wöllner’s berüchtigtes Glaubensedict; frömmelnde Heuchler, gewissenlose Staatsmänner und liederliche Weiber herrschten über Preußen und führten den Staat Friedrich’s des Großen dem Ruin entgegen, aus dem er erst durch das wieder erwachte Bewußtsein des ganzen Volkes gerettet wurde.

Der Pietismus der Rosenkreuzer trägt mit die Hauptschuld an Preußens damaliger Schmach.

Die Verfinsterungspläne pietistischer Rosenkreuzer und verkappter Jesuiten fanden jedoch ein Gegengewicht an den Bestrebungen einer gleichfalls geheimen Verbindung, der sogenannten Illuminaten. An ihrer Spitze stand der sächsische Hofrath Weishaupt, früher Professor der Rechte an der Universität zu Ingolstadt in Baiern. Er selbst war in seiner Jugend ein Zögling der Jesuiten, später nach Aufhebung des Ordens jedoch ihr erbittertster Feind geworden. Aus eigener Anschauung hatte er den Druck des Pfaffenthums und der Mönchswirthschaft auf die geistige Entwickelung des Volkes kennen gelernt, weshalb er anfänglich als Lehrer der Jugend offen mit Wort und Schrift dagegen auftrat und einen aufgeklärten Kosmopolitismus zu verbreiten suchte. Bald begnügte er sich nicht mehr, blos seine Grundsätze den Studenten vom Katheder herab einzupflanzen, er stiftete einen Bund der Gleichgesinnten, wobei er sich der schon vorhandenen Formen und Zeichen der Freimaurer bediente. Weishaupt selbst behauptete: „daß der neue, von ihm gestiftete Orden keine für den Staat, die Religion und gute Sitte nachtheiligen Gesinnungen und Handlungen zum Zwecke habe, noch an den Seinigen begünstige, und daß seine ganze Bemühung nur dahin gehe, den Menschen die Verbesserung des moralischen Charakters interessant und wohlthätig zu machen, menschliche und gesellschaftliche Gesinnungen einzuflößen, boshafte Absichten zu verhindern, der bedrängten und nothleidenden Tugend gegen das Unrecht beizustehen, auf die Beförderung würdiger Personen zu denken und noch meistens verborgene Kenntnisse allgemeiner zu machen.“

Er selbst schilderte die zur Aufnahme in den Orden geeignete Persönlichkeit in folgender Weise: „Wer seine Ohren nicht dem Wehklagen der Elenden, wer sein Herz nicht dem sanften Mitleid verschließt, wer dem Unglücklichen Freund und Bruder ist, wer alle Creaturen liebt, wer mit Vorsatz auch nicht den Wurm zertritt, der sich unter seinen Füßen krümmt, wer ein Herz für Liebe und Freundschaft hat, wer standhaft in Widerwärtigkeiten, unermüdet eine angefangene Sache durchzusetzen, unerschrocken in Ueberwindung von Schwierigkeiten ist, wer der Schwächeren nicht spottet, wessen Seele fühlbar für große Entwürfe ist, begierig sich über alles niedrige Interesse zu erheben und durch große Wohlthaten auszuzeichnen, wer den Müßiggang flieht, wer keine Art von Kenntniß unnütz hält, welche er zu erlangen Gelegenheit hat, aber Menschenkenntniß sein Hauptstudium sein läßt, wer, wo es um Wahrheit und Tugend zu thun ist, sich über den Beifall des großen Haufens hinwegzusetzen und seinem Herzen zu folgen Muth hat, der ist tauglich für unsere Verbindung.“

Zur Verwirklichung seiner kosmopolitischen Lehren griff auch Weishaupt ganz im Geiste seiner Zeit nach dem Reiz des Geheimnißvollen, indem er seinen Orden ebenfalls mit gewissen Graden und Formen ausstattete. Sein System zerfiel demnach in drei Hauptclassen, deren jede noch zwei Unterabtheilungen hatte. Zuerst kam die Pflanzschule, welche das „Noviziat“ und die sogenannten „Minervalen“ umfaßte. Der Candidat, welcher in den Orden aufgenommen zu werden verlangte, mußte sich hier zunächst einer Prüfung seiner moralischen und geistigen Eigenschaften unterwerfen, von deren Ausfall seine Aufnahme oder Zurückweisung abhing. Als Minervale arbeitete er gemeinschaftlich mit Anderen an seiner eigenen und der Vervollkommnung der Gesellschaft. Zu diesem Zwecke mußte er sich in ein bestimmtes literarisches Fach aufnehmen lassen und von Zeit zu Zeit dahin einschlagende Arbeiten zur Hebung und Veredlung der Menschheit den Obern einreichen. Zeigte er hinlängliche Befähigung, so wurde er zu dem „kleinen Illuminatengrade“ befördert. In diesem wurden ihm selbst einige Zöglinge zur Beaufsichtigung übergeben, über deren Fortschritte und [683] Aufführung er den genauesten Bericht erstatten mußte; außerdem erhielt er Winke und Vorschriften, wie man Menschen bilden, zum Besten leiten und regieren müsse. Wenn er einige Zeit hier gewirkt, so wurde er zu dem „großen Illuminatengrade“ zugelassen, der sich mit der sorgfältigen Ergründung des inneren und äußeren Menschen vorzugsweise beschäftigte, um auf den Grund einer sicheren Seelenkunde eine allgemeine Glückseligkeit herbeizuführen. Die Mitglieder dieser Classe waren noch verbunden, sowohl die kleinen Illuminaten, wie sich selbst sorgfältig zu beobachten, damit kein Unwürdiger sich in die höhern Grade eindränge und auch im Staate und bürgerlichen Leben stets nur der Edelste und Beste an der Spitze stehe, da die Mitglieder des Ordens untereinander die Verpflichtung hatten, sich gegenseitig zu unterstützen, beizustehen und selbst bei Besetzung von Aemtern und Stellen nach Kräften zu fördern. Aus dem Schooße des Ordens sollte eine würdige Beamtenhierarchie mit der Zeit hervorgehen und die Regierung ganz in die Hände der tugendhaften und verdienstvollen Illuminaten gegeben werden.

Hierauf folgte der Priestergrad, der von dem Gedanken ausging, daß alle Lehren des Heilands die höchste Güte und Weisheit enthielten, aber nur dahin zielten, einen für die Menschheit unendlich großen und edlen Plan zu verwirklichen, der mit den Absichten der Illuminaten vollkommen Eins sei. Nach Weishaupt beabsichtigte der Erlöser nichts weiter, als die Menschen zu ihrer ursprünglichen Würde wieder zu erheben, durch weise Aufklärung die Moralität auf den höchsten Grad zu bringen, ein allgemeines Sittengesetz einzuführen, so daß Jeder ohne Zwang, aus der inneren Ueberzeugung, daß nur Tugend Glück gewähren könne, der Tugend treu bleibe, alle Menschen durch ein Bruderband aneinander zu knüpfen, alle engen Verhältnisse, welche Noth, Bedürfniß, Kampf, Verderbniß und Immoralität erzeugt haben, dadurch aufzuheben, daß er die Illuminaten aller Zeiten fähig machen wollte, sich selbst zu regieren und folglich aller künstlichen Anstalten, aller Staatsverfassungen, positiven Gesetze und dergleichen entbehren zu können.

Eine Hauptaufgabe des Illuminatcn-Priesterthums sollte noch die Förderung gemeinnütziger Wissenschaften und Kenntnisse sein; zu diesem Zwecke war ihnen die Aufsicht über alle scientifischen Arbeiten sämmtlicher Zöglinge übertragen. Die Priesterclasse jeder Provinz leitete unter dem Vorsitze eines beaufsichtigenden Decans die literarischen Arbeiten, die nach bestimmten Facultäten vertheilt waren. An der Spitze jeder Facultät stand ein Priester, der über sein Fach einen genauen Realkatalog führen und die wichtigsten Entdeckungen seiner Wissenschaft, so wie die darin sich am meisten auszeichnenden Illuminaten verzeichnen mußte. Forderte dann Jemand Aufklärung und Hülfe bei irgend einem wissenschaftlichen Unternehmen und wendete sich deshalb an den Orden, so standen ihm die Erfahrungen und Kenntnisse Aller gleichsam wie ein gemeinschaftlicher Brunnen zu Gebote, aus dem jeder Einzelne nach Bedarf schöpfen konnte, so daß nach diesem großartigen Plane Bildung und Wissen in einem vorher nie geahnten Grade fortschreiten und Verbreitung finden sollten.

Dem Priestergrade folgte endlich die höchste Stufe der sogenannten „Regenten“, welche die oberste Leitung des ganzen Ordens führten und zu denen nur die ausgezeichnetsten Mitglieder nach einer Reihe von schweren Prüfungen und mannichfachen Proben ihrer allseitigen Befähigung gelangen konnten.

Weishaupt hatte dies ganze System im Verein mit dem durch sein Buch „Ueber den Umgang mit Menschen“ bekannten Freiherrn von Knigge aus Hannover, der ebenfalls ein eifriger Illuminat war und besonders in Norddeutschland durch seine Schriften für den Orden wirkte, sorgfältig entworfen und ausgearbeitet. Er fand zahlreiche Anhänger und Freunde, selbst der Herzog Ferdinand von Braunschweig, der berühmte Held des siebenjährigen Krieges und einer der eifrigsten Freimaurer, ließ sich aufnehmen, obgleich sonst die Fürsten eigentlich von dem Orden ausgeschlossen waren.

Bald jedoch wurden die Illuminaten, ganz wie die heutigen Lichtfreunde, ein Gegenstand der Furcht für die deutschen Regierungen, und besonders in Baiern verfolgt. Ein evangelischer Prediger, Namens Lange, wurde dort zufällig vom Blitze getroffen und erschlagen. Bei Besichtigung der Leiche fanden die Behörden in den Taschen seines Rockes mehrere wichtige Papiere, welche über die geheimen Zwecke und die Mitglieder des Ordens Aufschluß gaben. Diese Entdeckung war das Signal zu einer allgemeinen Inquisition gegen die Illuminaten, ähnlich den Demagogenverfolgungen der neueren Zeit. Zunächst wurden in Ingolstadt der dortige Stadtoberrichter Fischer, der Bibliothekar Drexel und der Repetitor Duschel ihres Amtes entsetzt und ausgewiesen; fünfzehn Studenten, darunter ein Baron von Frauenburg, relegirt, der Graf Sapoli und der Marchese Constanzo pensionirt und nach Italien verbannt; der Canonicus Hertel, der Professor Bader, die Revisionsräthe Wernher und Berger und der Priester Milbiller in München mit noch vielen Andern in’s Gefängniß geworfen, auf Weishaupt’s Kopf aber ein bedeutender Preis gesetzt, nachdem man ihn zum Tode verurtheilt hatte. Zur rechten Zeit gewarnt, war er jedoch nach Gotha entflohen, wo der freisinnige Herzog ihm ein Asyl und sogar den Hofrathstitel gab.

Ungeachtet dieser Verfolguugen verbreitete sich der Illuminatenorden mehr und mehr durch ganz Deutschland, Oesterreich, selbst in Italien; besonders in Venedig, in Frankreich und Amerika fand er zahlreiche Freunde und Anhänger. Aus seinem Schooße entwickelte sich hauptsächlich auf Anregung des Buchhändlers Joachim Göschen in Leipzig eine neue Verbindung, die unter dem Namen „deutsche Union“ besonders in Preußen große Fortschritte machte und dieselbe Tendenz verfolgte. Vorzugsweise war jedoch das „aufgeklärte Berlin“ ein geeigneter Boden für die Illuminaten; hier galten der bekannte Buchhändler Nicolai, der Freund des unsterblichen Lessing, der königliche Bibliothekar Biester und der Director des Friedrich-Werder’schen Gymnasiums, Gedicke, als die Hauptvertreter einer liberaleren Richtung. In der von ihnen herausgegebenen „Berliner Monatsschrift“ lehrten sie freilich einen nach unsern jetzigen Begriffen flachen Rationalismus, dem sich aber das Verdienst nicht absprechen läßt, manches religiöse und sociale Vorurtheil nicht ohne Erfolg bekämpft zu haben.

Zwischen Illuminaten und Rosenkreuzern herrschte natürlich damals dieselbe Feindschaft, wie zwischen den heutigen Lichtfreunden und Pietisten. Beide ließen es nicht an mehr oder minder gerechten Beschuldigungen fehlen. Die Aufklärer warfen ihren Gegnern vor, daß sie nichts Anderes, als die Verdummung des Volkes, die Knechtung der Geister, die Unterdrückung der Wissenschaft und eine allgemeine Verfinsterung bezweckten; ja, sie gingen in ihren Beschuldigungen, und, wie es scheint, nicht ohne Grund, so weit, ihnen geradezu katholische Tendenzen und ein geheimes Einverständniß mit den allgemein verpönten Jesuiten beizulegen, was besonders der bekannte Prinzenerzieher Leuchsering, den Goethe vielfach erwähnt, zu beweisen suchte.

Dagegen klagten die damaligen Pietisten, ebenso wie noch heute, über die Verderblichkeit der Aufklärung, welche dem Volke jeden Glauben raube, die Stützen des Staates untergrabe, eine freche Zügellosigkeit herbeiführe, jede Sittlichkeit zerstöre und schließlich eine allgemeine Anarchie zur Folge haben müsse.

Die mannichfachen und nicht unbedeutenden Kämpfe der Rosenkreuzer und Illuminaten dauerten bis zu der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm des Dritten fort, der mit dem Pietismus eines Wöllner und Bischofswerder nichts zu schaffen hatte, obwohl er innerlich fromm und auch christlich gläubig war. Seiner gesunden, wenn auch prosaischen Natur widerstrebte alle mystische Schwärmerei und Ueberschwänglichkeit. Auch die Illuminaten wurden durch die gewaltigen Ereignisse und hauptsächlich durch die französische Revolution beseitigt, die zum Theil von dem gleichen Streben nach Freiheit ausging, aber die unpraktischen Träume deutscher Schwärmer sehr praktisch statt durch Wort und Schrift mit Beil und Schwert den Despoten und den Völkern aufnöthigte. Es war eine neue Weltepoche, eine neue Zeit gekommen, der wir zum Theil noch angehören, aber auch in ihr wiederholt sich täglich noch der alte Kampf zwischen Licht und Finsterniß, zwischen Pietismus und Aufklärung, zwischen Glaubenszwang und Gewissensfreiheit. Nur unter andern Namen sehen wir die alten Parteien wiederkehren, aber zugleich erfüllt uns die tröstliche Ueberzeugung immer mehr und mehr, daß die Lüge und Heuchelei unterliegen, daß stets der Wahrheit und der Freiheit der Sieg bleiben muß. [3]



[684]
Schilderungen aus den westlichen Theilen Nord-Amerika’s.
Das Canalboot.
Von Balduin Möllhausen.

Das Canalboot Nordamerika’s verdient als Mittel zum Transport von Reisenden und Gütern gewiß nicht weniger Interesse, als Dampfboot und Locomotive, und die für dasselbe erbauten Canäle helfen das ungeheure Netz vervollständigen, welches durch Seen, Flüsse und Eisenbahnen auf dem colonisirten und civilisirten Theil des großen Continents gebildet wird.

Mit Recht nennt man die Vereinigten Staaten, was das Reisen anbetrifft, das Land des Comforts; denn Gasthöfe können nie Anspruch auf Ruf und in Folge dessen auf zahlreichen Besuch machen, wenn nicht ausgesuchte Bequemlichkeiten den Gast in denselben erwarten; Dampfboote dürfen nicht auf fashionable Passagiere rechnen, wenn sie von andern hinsichtlich der den Reisenden gebotenen Annehmlichkeiten übertroffen werden, und sogar auf den Eisenbahnen scheut man größere Umwege nicht, wenn man sich dafür des Vortheils eines mit Büffet, Eiswasser und nicht selten mit Betten ausgerüsteten Wagens erfreut.

Weniger bequem als Hotel und Dampfboot, weniger schnell als die Locomotive, aber nicht weniger originell und in seiner Art comfortable ist das Canalboot. Man unterscheidet zwei Arten desselben, nämlich das Passagierboot und das Frachtboot, welchem letzteren man, seiner weiten Landreisen wegen, eine Amphibiennatur zuschreiben möchte. In Größe und äußerer Form sind beide einander sehr ähnlich, nur daß ersteres sich durch das zum Aufenthalt von Reisenden eingerichtete Verdeck, so wie durch die kleinen Fenster auszeichnet, welche in schmalen, aber regelmäßigen Zwischenräumen die Seitenwände zieren. Außerdem wird dasselbe auch, statt wie das Güterboot von zwei, von drei Pferden gezogen, und diese eilen, statt im gewöhnlichen schweren Schritt, in leichtem Trabe mit ihrer Last von Station zu Station.

Wenn man nun z. B. nach langer Fahrt auf der Eisenbahn von New-York aus die großen Süßwasserseen erreicht hat, so ist es ein Genuß, sich auf einen der prächtig ausgestatteten Dampfer zu begeben, und in diesem in weitem Bogen den Erie-, den St. Clair-, den Huron- und den Michigan-See, jeden einzeln der Länge nach zu durchfahren. Steigt man dann nach fünf- oder sechstägiger Reise in Chicago an’s Land, und das Ziel liegt noch weiter südlich, so geht man hinunter zum Canal, wo Boote bereit sind, den Reisenden auf einer schmalen aber sehr regelmäßigen Wasserstraße durch Wälder und Prairien, durch Städte und Dörfer an den Illinois-Fluß zu bringen, wo wieder mächtige Dampfer harren, um die Weiterbeförderung nach dem Mississippi und, je nachdem man es wünscht, bis an den Golf von Mexico zu übernehmen.

Nachdem man den stolzen Seedampfer verlassen, fühlt man sich freilich beengt auf dem schlanken mastlosen Fahrzeuge, dessen Länge nicht fünfzig und dessen Breite nicht zwölf Fuß übersteigt, doch gleicht sich dieser Unterschied sehr bald wieder aus, wenn man die entsprechende Breite des Canals in’s Auge faßt, und vom Verdeck oder von den niedriger gelegenen Kajütenfenstern aus die Ufer zu beiden Seiten beobachtet, wo man jeden bunten Kiesel, jede schillernde Blume, ja jeden prächtigen Falter genau zu unterscheiden vermag, der, träge an den Blüthenkelchen hängend, dieselben ihres süßen Inhaltes beraubt.

Fast der ganze innere Raum des Bootes ist natürlich zur Kajüte eingerichtet, und nur im Hintertheil befindet sich ein Verschlag zum Aufbewahren der Matratzen, so wie im Vordertheil die kleine Küche, in welcher gewöhnlich einige Neger mit der Zubereitung von massenhaften und wohlschmeckenden Speisen beschäftigt sind, eine überaus wichtige Arbeit, von welcher vorzugsweise der Ruf eines solchen schwimmenden Speisehauses abhängig ist. Die sieben Fuß hohe Kajüte bietet, weil leicht bewegliche Tische und Stühle nicht zu viel Platz einnehmen, einen nothdürftigen Aufenthaltsort für ungefähr dreißig Personen, und da durch das Oeffnen der gegenüberliegenden Fenster eine beständige Zugluft erhalten wird, so entsteht nie eine ungesunde Atmosphäre, und selbst im hohen Sommer wird auf diese Weise in dem verhältnißmäßig beschränkten Raume eine ganz erträgliche Temperatur hergestellt. Wenn irgend das Wetter es gestattet, begeben sich übrigens die meisten Passagiere auf das Verdeck, wo Bänke, Stühle und Gepäck hinlänglich Sitze, und wenn erforderlich, ein leinener Baldachin Schutz gegen die sengenden Strahlen der Sonne gewährt.

Außer den beiden sich gegenseitig ablösenden Steuerleuten, welche mittelst eines leichten Ruders das Fahrzeug in der Richtung halten, und etwa fünf Negern gehören noch ein Capitain und ein Secretair zu der Bemannung. Berücksichtigt man nun, welche Summen nothwendig sind, den Anforderungen und Bedürfnissen eines solchen Personals zu genügen, ohne dabei der Erhaltung des Canals und der Zugthiere zu gedenken, so läßt es sich leicht ermessen, welche bedeutende Geschäfte mit diesen unscheinbaren Booten gemacht werden. Wie schon eben bemerkt, wird das Passagierboot von drei Pferden gezogen. Auf dem ebenen, dicht am Canal hinführenden Wege eilen dieselben in schnellem Trabe den Stationen zu, wo die Ablösung ihrer harrt. So reist man auf diese Weise sehr schnell und außerdem sehr gemächlich. Es sind keine Wogen da, welche die Seekrankheit erzeugen, keine verborgenen Baumstämme, welche das Fahrzeug mit einem Leck bedrohen, kein erschütterndes Arbeiten der Maschinen oder betäubendes Rasseln auf eisernen Schienen. Leise, ohne anzustoßen oder zu schwanken, gleitet das Canalboot auf seiner spiegelglatten Bahn dahin, und nur zeitweise vernimmt man den unmelodischen, langgedehnten Ton aus der kurzen Trompete des Capitains, wenn er seine Ankunft auf den Stationen anmeldet, oder zum Schließen und Oeffnen der Schleußen auffordert, in welchen das Fahrzeug bald hoch hinaufgehoben, bald tief hinabgelassen wird.

Die Zeit wird von den Passagieren auf verschiedene Weise hingebracht, größtentheils aber mit Lesen, Schlafen und Essen; denn der Amerikaner neigt zu wenig zum geselligen Verkehr hin, als daß er der bloßen Unterhaltung wegen mit fremden Menschen auf einige Stunden oder Tage Bekanntschaft schließen möchte, und nur ein geringer Theil wendet seine ungetheilte Aufmerksamkeit der stets wechselnden Naturumgebung zu.

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In einschläfernder Ruhe verstreicht daher die Zeit; plötzlich tritt ein Neger in die Kajüte und fordert die anwesenden Passagiere sehr höflich auf, sich auf’s Verdeck zu verfügen, und Raum zum Aufstellen der Tische und zum Anrichten der Speisen zu gewähren. Schweigend leistet Jeder Folge, sucht indessen dort oben keine Ruhe, sondern einen günstigen Punkt, von wo aus er auf das gegebene Zeichen am schnellsten wieder hinabgelangen kann, um sich einen guten Platz am obern Ende der Tafel zu sichern. Endlich ertönt die Glocke; Alles stürzt hinab; einiges Schieben und Drängen folgt; man vernimmt Klappern von Tellern, Messern [685] und Gabeln, und funfzehn Minuten später sitzen alle Passagiere wieder oben, um lesend, Nüsse knackend, kauend oder auch, was weniger ansprechend, die Zähne reinigend das Ausräumen der Kajüte abzuwarten. Dasselbe Schauspiel wiederholt sich gegen Abend, nur daß dann, nach Entfernung der Tische, die Neger zum Aufschlagen der Betten schreiten, welche an den Wänden zu dreien übereinander angebracht werden, sodaß sie an sinnig zusammengeketteten eisernen Stangen theils von der Decke nieder hängen, theils sich auf den Boden stützen, und nur einen schmalen Gang in der Mitte offen lassen. Wiederum erfolgt ein allgemeines Wettrennen, denn Jeder trachtet eins der obern Betten zu erlangen und weicht oft nur der Gewalt, um sich mit einem der untern zufrieden zu geben. In dem durch eine bewegliche Wand für die Damen abgeschiedenen Theile geht es dagegen stille zu, indem der Amerikaner bei seiner lobenswerthen Hochachtung vor dem schönen Geschlecht, wo nur immer thunlich, demselben mit Freuden die größeren Bequemlichkeiten gönnt.

Das allgemeine Entkleiden dauert nur wenig Minuten; Uhren und Geldbörsen wandern unter die Kopfkissen, und bald darauf verschwindet Jeder hinter dem Mosquitonetz, welches sein Bett zum Schutz gegen die bösen nächtlichen Feinde umgibt.

Die Gartenlaube (1860) b 685.jpg

Das Canalboot und sein Landtransport.

Die unerbittlichen Neger beginnen ihr Werk des Weckens schon in aller Frühe. Aus den Betten geht es zu einem Aufwärter, um die während der Nacht aus dem geheimsten Winkelchen des Lagers entwendeten und frisch geschwärzten Stiefeln gegen ein gutes Trinkgeld einzulösen; von dort führt der Weg an die gemeinschaftlichen Waschbecken und Handtücher; demnächst hinauf auf’s Verdeck und wieder hinab an den Frühstückstisch, und alles dieses in so schweigender Weise, daß man oft sein Ziel erreicht, ohne auch nur den Namen eines einzigen Mitreisenden, und den Manchem kaum den Ton seiner Stimme vernommen zu haben.

Die Güterboote nun, oder vielmehr ein großer Theil derselben, sind indessen nicht an ein und denselben Canal gebunden, sondern unternehmen, um der zeitraubenden Arbeit des Umladens überhoben zu sein, oft weite Reisen auf den Eisenbahnen, um auf andere Canäle und kleinere schiffbare Flüsse zu gelangen. Zu diesem Zweck sind sie so gebaut, daß der Stern, der Rumpf und das Vordertheil durch drei besondere Kasten gebildet werden. Mittelst starker eiserner Haken und Krampen sind diese drei Theile so genau und fest mit einander verbunden, daß nur eine kaum wahrnehmbare Fuge die Stellen bemerklich macht, wo die das Fahrzeug vervollständigenden Kasten von einander getrennt werden können.

In diesem Zustande legt das mit Gütern schwer befrachtete Boot seine Reise auf dem Canal bis dahin zurück, wo seine Ladung eine andere Richtung auf der Eisenbahn einzuschlagen bestimmt ist. Dergleichen Stationen befinden sich gewöhnlich, wo ein Höhenunterschied des Wasserspiegels Schleußen nothwendig gemacht hat. Eine abgesonderte Schleuße ist zur Verladung der Frachtboote bestimmt, und von der nahen Eisenbahn führen Schienen bis in das Becken hinein. Soll nun ein Fahrzeug auf die Eisenbahn geschafft werden, so schiebt man drei zur Aufnahme bestimmte Wagen in die trocken gelegte Schleuße, schließt die Ausgangspforten, und demnächst wird das Wasser zugelassen. Mit Leichtigkeit fährt das betreffende Boot sodann in das angefüllte Becken, die Eingangspforten schließen sich, das Wasser wird abgelassen, die das Boot bildenden Kasten werden von einander getrennt und senken sich, von kundigen Händen in bestimmter Richtung und Lage gehalten, jeder auf den ihm zugedachten Wagen. Eine bereit stehende Locomotive [686] schleppt dann die ganze Last nach der Eisenbahn hinauf, und ehe noch die von Wasser gesättigten Planken wieder ganz ausgetrocknet sind, befindet sich das Fahrzeug vielleicht hundert englische Meilen weiter, um daselbst ausgeladen zu werden, oder um auf einem andern Canal eine neue Reise zu unternehmen. So hat man oft Gelegenheit, eine ganze Reihe dieser eigenthümlichen Boote zu beobachten, die auf starken Rädern ruhend der dampfenden Locomotive mit Windeseile folgen.

Für mich hatten die Fahrten auf dem Canalboot noch ihre besonderen Reize, denn es hinderte mich nichts, hier eine schöne Baumgruppe, dort einen malerischen Felsen zu skizziren, und während des Haltens, beim Wechseln der Pferde, oder beim Einnehmen solcher Passagiere, die nur eine kurze Strecke mitzufahren wünschten, irgend eine seltene Blume oder einen schillernden Falter zu erbeuten. Uebte die Hitze während des Tages auch wirklich einen störenden Einfluß, so bot der Abend dafür in doppeltem Grade seine Genüsse, und lange noch, wenn außer dem Steuermann Alles an Bord schlief, saß ich oben auf einer Bank und erfreute mich der zauberischen Ruhe, welche auf den dunkeln Landschaften lagerte. Bald im tiefen Schatten mächtiger Urwälder, bald durch mondbeleuchtete Prairien glitt das Fahrzeug leise dahin; wie umherschreitende riesenhafte Ungeheuer nahmen sich die in den Wiesen zerstreut stehenden Bäume aus, wenn sie in der Ferne sich scheinbar an einander vorbeischoben; den dichten Forst dagegen belebten zahllose kleine Leuchtkäfer, die in schnellem Fluge tausendfache bläuliche Feuerlinien zwischen den schwarzen Laubmassen zeichneten. Das Wasser plätscherte vor dem Bug, gedämpft erklang der Hufschlag der trabenden Pferde, melancholisch ertönte der Ruf des Ziegenmelkers; aber aus der Ferne vernahm ich, je nachdem es durch Wildnisse oder an Ansiedlungen vorbei ging, das Bellen wachsamer Hofhunde oder das Geheul einsam jagender Wölfe.




Aerztliche Strafpredigten.
Bei- und Nachträge zu Knigge’s „Umgang mit Menschen.“

Was das „Gesund- und Krankheitliche“, das „Arzt- und Arzneiliche“ betrifft, da benehmen sich oft auch Gebildete recht ungebildet und zwar ebenso gegen ihre Aerzte, wie gegen ihre anderen Mitmenschen, obschon sie gegen sich selbst das rücksichtsvollste Benehmen in dieser Hinsicht von Andern beanspruchen und die gesellschaftlichen Formen vollkommen zu beherrschen meinen. Sie sollen in diesen Zeilen einmal tüchtig antikniggisch „geknigget“ werden.

I. Urtheile über ärztliches Wissen und Handeln zu fällen, unterstehen sich in der Regel Personen, die keine Idee von den in der Natur und im menschlichen Körper herrschenden Gesetzen haben. Sie sind bei Krankheiten Anderer gleich mit den Redensarten bei der Hand: „ja, der Kranke ist ganz falsch behandelt worden!“ oder: „hätte man nur Blutegel gesetzt und zur Ader gelassen!“ oder: „wäre nur gleich nach dem Herrn Dr. A. geschickt worden, denn der Herr Dr. B. hat die Sache vom Anfange an viel zu leicht genommen!“ oder: „in dem Falle würde gewiß die Homöopathie geholfen haben,“ u. s. f. – Um nun beiläufig auch wieder einmal auf die homöopathische Heilkünstelei zu kommen, so gibt diese die meiste Veranlassung zu albernen Behauptungen und Klugthuereien. Jeder Hans Toffel, der kaum das Wort „Homöopathie“ richtig auszusprechen vermag, maßt sich an, über den Werth oder Unwerth derselben zu urtheilen oder wohl gar selbst an Thier und Mensch herum zu homöopathisiren. Ja sogar den Verfasser, der doch die homöopathische Wirthschaft aus dem Fundamente kennt, erfrechen sich Hahnemaniaci, – Leute, die von Natur- und Heilwissenschaft weder Kix noch Kax verstehen und aberglauben, daß, wenn ein homöopathisch behandelter Jemand gesund wird, jene Behandlung schuld daran sei, – über die Wichtigkeit der Homöopathie aufklären oder gar wegen seiner Beleuchtung dieser Charlatanerie tadeln zu wollen. – Wer ein wirklich gebildeter und gesitteter Mensch sein will, der lasse hinführo sein voreiliges Urtheilen über Aerzte wie über Heilmethoden und behalte seine medicinische Naseweisheit für sich; er rede nur, wenn er in der Heilkunde gehörig zu Hause ist. Es ist und bleibt stets eine unartige Dreistigkeit und Unbescheidenheit, über Dinge zu entscheiden, die man nicht kennt und versteht. Man lasse sich lieber darüber von Sachverständigen belehren; das zeugt von Bildung und Gesittung.

II. Das Benehmen gegen den Arzt ist sehr oft von Seite der Patienten und ihrer Angehörigen ein solch’ ungebührliches, daß wir im Interesse der Arztheit nicht umhin können, uns darüber einmal gehörig auszusprechen. Ueberhaupt scheinen Viele den Arzt den Dienstleuten zuzuzählen, die sie nach Gefallen maltraitiren können. – a) Zuvörderst ist beim Kranken der Mangel an Vertrauen und Offenherzigkeit sehr tadelnswerth. Wir sprechen hier nicht etwa vom Verschweigen solcher Thatsachen, die auf den jeweiligen Krankheitsfall Bezug haben, denn das ist nicht blos tadelnswerth, sondern geradezu unverzeihlich, einfältig und nicht selten gefährlich. Es ist hier das heimliche und heimtückische Gebahren des Patienten hinter dem Rücken des Arztes gemeint. Anstatt nämlich demselben offen und ehrlich zu erklären, daß er einmal andere Helfer und Hülfsmittel in Gebrauch ziehen möchte, läßt er sich ganz ruhig von seinem Arzte tagtäglich besuchen, die Zunge besehen, den Puls befühlen und Recepte verschreiben, während er doch in der That den Rath eines andern befolgt. Ja, wenn sich ein Kranker ohne Vorwissen seines Arztes an einen Charlatan und Wunderdoctor (z. B. in Cöthen, Horburg, Goslar u. s. w.) wendet, dann ist’s allenfalls verzeihlich, wenn er’s verschweigt, denn einer solchen That muß sich allerdings jeder Gebildete schämen! – b) Eine andere Rücksichtslosigkeit, unter welcher der Arzt nicht selten zu leiden hat, betrifft das Bestellen desselben, was freilich bisweilen nur von den dämligen Boten abhängt. Daß bei plötzlich eintretenden und außergewöhnlichen Krankheitserscheinungen das sofortige oder doch baldige Erscheinen des Arztes am Krankenbette gewünscht und sicherlich vom Arzte auch nicht abgeschlagen wird, versteht sich ganz von selbst. Daß aber bei schon längern oder doch einige Zeit bestehenden und nicht eben verschlimmerten Leiden der Arzt zum eiligen Besuch aufgefordert, wohl gar dabei aus seiner Ruhe- und Erholungsstunde, manchmal sogar aus dem Schlafe gerissen wird, das ist unverschämt. Ja, manche Patienten, die sich recht gut selbst zum Arzt hin bemühen könnten, verlangen sogar dessen Erscheinen nach Viertel- und halben Stunden, gerade als ob der Arzt ihrer paar Groschen wegen auf ihre Befehle lauerte. – c) Ebenso verstößt es sehr gegen die Gesetze der Humanität und Artigkeit, wenn der Patient den besuchenden Arzt ohne dringenden Grund lange warten und antichambriren läßt. – d) Geradezu als unzurechnungsfähig und deshalb freilich als entschuldigt muß ein Kranker angesehen werden, wenn er darum seinen Arzt kurz und mürrisch, überhaupt unartig behandelt, wenn das Leiden nicht seinem Wunsche gemäß schnell genug weicht. Findet eine solche Behandlung aber auch von Seiten der nichtkranken Angehörigen statt, dann verdienen diese ihrer Beschränktheit und Ungezogenheit wegen eine derbe Zurechtweisung. – e) Sodann ist es ganz ungehörig, wenn Kranke oder deren Angehörige dem Arzte Vorschläge oder gar Vorschriften in Bezug auf die Behandlung machen. Das sollte doch jeder Verständige selbst fühlen, daß es für den Arzt äußerst beleidigend und ärgerlich ist, wenn er im Krankenzimmer von Laien hören muß: „Wäre nicht ein Dampfbad gut?“ – „Sollten nicht vielleicht Blutegel helfen?“ – „Verschreiben Sie doch etwas Magen- und Nervenstärkendes!“ – „Was halten Sie vom Schwitzen?“ – „Wollen Sie nicht einmal kalte Abreibungen probiren?“ – „Dürfte hier nicht der Magnetismus nützen?“ – In Berserkerwuth möchte der Arzt oft über das Gebahren der kranken und gesunden Laien gerathen, und doch soll er stets liebenswürdig, sanft und geduldig, theilnehmend und aufopfernd sein. Diese Selbstbeherrschung zehrt an der Leber und nagt am Herzen.

III. Eine häufige, nicht selten gefahrbringende Unsitte der Laien ist es, jedem Leidenden irgend Etwas, was Hansen oder Kunzen in einem ähnlichen Falle einmal geholfen haben soll, zu empfehlen oder gar zu verabreichen. Solche unberufene [687] Helfer in der Noth bedenken gar nicht, daß sie dadurch möglicher Weise Krankheiten in ihrem naturgemäßen Verlaufe stören und vielleicht gar tödtlich machen können, oder daß sie das Herbeischaffen rechtzeitiger ärztlicher Hülfe verzögern können. Sie mögen sich hiermit gesagt sein lassen, daß, was dem Schmiede helfen kann, dem Schneider oft schadet, und daß gar nicht selten ganz verschiedenartige Krankheiten so ziemlich dieselben Krankheitserscheinungen darbieten, so daß selbst der gebildete Arzt im Zweifel über die Natur des Uebels bleibt. – Wenn’s denn aber vom Laien durchaus gequacksalbert sein muß, dann schaffe sich der Curirwüthige wenigstens eine homöopathische Hausapotheke an (am liebsten vom Dr. Lutze in Cöthen, der seine Mittel noch mit einer Portion Lebensmagnetismus versetzt und eine Apotheke mit 40 Mitteln für 3 Thlr., eine solche mit 60 Mitteln für 5 Thlr., eine mit 80 Arzneien für 7 Thlr. und eine mit 135 für 10 Thlr. verkauft). Um sich dann in der Apotheke und in den Krankheiten zurecht finden zu können, bedarf es nur noch eines homöopathischen Haus-, Familien- oder Arzneischatzes (von den DD. Clotar Müller, Hirschel, Goullon, Hering, Lutze u. s. w.). Mit diesen nichtsnutzigen Heilhülfsmitteln wird dann wenigstens nicht unmittelbar, höchstens manchmal mittelbar, durch Vernachlässigung nothwendigen Untersuchens und rechtzeitigen Eingreifens, geschadet. Es ist dadurch aber doch jede alte Frau in den Stand gesetzt, homöopathisch zu heilkünsteln, und das macht Spaß.

IV. Ferner soll noch eine recht schlechte Angewohnheit Mancher gerügt werden, die, wenn auch von Seiten der Laien nicht schädlich, doch vielen Betheiligten sehr ärgerlich ist, die aber beim Arzte geradezu als verdammenswerth bezeichnet werden muß. Ich meine das Sichaufhalten über das leidende Aussehen Jemandes. „Fehlt Ihnen was? Sie sehen ja recht elend aus!“ – „Mein Gott, wie sind Sie blaß und mager geworden!“ – „Fühlen Sie sich unwohl? Sie schleichen mir so.“ – „Waren Sie krank?“ – Diese und ähnliche Redensarten schleudern Viele und noch dazu mit ganz theilnehmender Miene ihren Bekannten in’s Gesicht, und bedenken nicht, daß die Meisten eine derartige Theilnahme und Aufmerksamkeit zum Henker wünschen. Ja, es gibt so ängstliche und um ihr Leben und ihre Gesundheit besorgte Personen, daß sie durch eine solche Beileidsbezeigung wirklich in eine krankhafte Gemüthsstimmung versetzt werden können. Also behalte man den Eindruck, welchen ein leidend aussehender Bekannter auf uns macht, hübsch für sich und incommodire wenigstens den Leidenden nicht selbst damit. Schon das ist ennuyant, wenn Einer auf der Straße aller zehn Schritte angehalten wird und hören muß: „Aber werden Sie dicke!“ – Erlaubt sich nun gar der Arzt Bemerkungen über verändertes Aussehen Jemandes, und zwar diesem in’s Gesicht zu machen, dann kann diese Voreiligkeit recht leicht eine sehr schlimme Wirkung auf das Gemüth und den Gesundheitszustand dieses Jemand hervorbringen. So quälte einer meiner Freunde sich und seine Familie viele Jahre lang mit der fixen Idee, er müsse nächstens an Rückenmarksverzehrung zu Grunde gehen, und zu dieser seine Angehörigen sehr betrübenden, seinen Freunden allerdings sehr komischen Idee war er nur dadurch gekommen, daß ihm, dem jungen kräftigen Ehemanne, einst beim Baden ein geschwätziger unwissenschaftlicher Arzt eine Rückenmarksschwäche anschlabberte.

V. Schließlich sei noch der Unart gedacht, welche zumal bei hypochondrischen Männern und hysterischen Frauenzimmern unerträglich ist und darin besteht, daß wirkliche oder eingebildete Leidende ihren Krankheitszustand, wo’s immer nur geht, zum Thema der Unterhaltung zu machen suchen. Ist nun diese Unart in Laien-Kreisen schon widerwärtig genug, um wie viel ärgerlicher wird sie nicht erst dem von der Praxis ausruhenden Arzte, den jeder Nachbar, mag’s beim Biere oder Weine sein, angenehm zu unterhalten meint, wenn er ihm ausführlich die Geschichte seiner Hämorrhoiden, Flechten u. dgl. vorsetzt! Behaltet doch Eure Gebresten für Euch und incommodirt nicht Andere damit! Bedenkt: Artigkeit geht vor Schönheit und ziert den Jüngling wie den Greis!
Bock.


Blätter und Blüthen.


Eine Nachtsitzung im Parlament. Nach Mitternacht allein durch die Straßen Londons zu wandern, ist ein Studium, eine Tortur, ein Genuß, wie die ganze Welt nichts Aehnliches in dieser Vereinigung der seltsamsten Contraste bieten mag. Ich tauchte herauf aus den Schatten der ausgeworfenen Gestalten, die auf Bänken und unter Bäumen des St. James-Parkes Nachtruhe suchten, herauf vor dem großen Palaste der preußischen Gesandtschaft und der großen Monumentalsäule vorbei in die Lichter- und Palast-Pracht des „Clublandes“, wo noch Alles voller Leben und Aufregung war. Droschken und Equipagen und Männer zu Fuß eilten leidenschaftlich ab und zu. Hinter den großen Spiegelscheiben der Club-Paläste spielten aufgeregte Schattenbilder an den Gardinen. Ich wußte, daß wir den 4. August hatten, in welcher Nacht die französische National-Versammlnng vor 71 Jahren die Adels-Vorrechte vernichtete, den alten Baum des Feudalismus umhieb und die erste große That der ersten französischen Revolution begründete. Im freien England, wo die alten Stammbäume des Feudalismus noch voller Kraft und Saft stehen, sollte in dieser Nacht auch etwas an ihnen gerüttelt werden. Es galt die Entscheidung im Parlamente über die von Königin, Ministern und Unterhaus aufgehobene, vom Hause der Lords aber beibehaltene Papiersteuer. Sollte dieser unerhörte Eingriff des Oberhauses in das Privilegium des Unterhauses, in allen Geldsachen allein und bindend zu entscheiden, gebilligt oder verworfen werden? Das war die Frage. Damit hing die Entscheidung über das Ministerium, über die siegesgewisse Erwartung der Conservativen, der Derbyiten, Tories, Feudalisten, daß sie eine Majorität erhalten und so wieder Minister werden würden, über Freihandel und französischen Handelsvertrag gegen die Schutzzöllner und Monopolisten und noch vieles Andere zusammen. Aus den Zeitungen ist bekannt, daß Ministerium, Unterhaus, Freihandel mit 33 Stimmen siegten. Es war ein ganz unerwarteter Schlag für die siegesgewissen Lords und Derbyiten. Der vierte August galt mit Recht als der wichtigste und dramatischste der ganzen Periode, um so mehr, als sie im Parlamente während des ganzen Frühlings und Sommers ganz sterbenslangweilig und leer schwatzhaft gewesen waren, wie die Stahrmatze. Deshalb schlug ich freudig ein, als mir zwischen den Cabs, Flies, Phaetons, Broughams und andern fliegenden Fuhrwerken, zwischen Lichtern, Schatten und Menschen ein Zeitungsmann rasch entgegentrat und mich bat, für ihn in’s Parlament zu gehen, ihm kurz zu berichten und meine Beobachtungen streifenweise einem Boten zu übergeben. Er selbst habe noch einen Leitartikel zu schreiben. Im Nu waren ich und der Bote in einer Droschke und einige Minuten darauf vor dem Labyrinthe von Parlaments-Gebäude und mitten in einer unbeschreiblichen Confusion, durch welche wir uns rasch in die Gallerie der Reporters und Stenographen hinaufwanden.

Ein Uhr Nachts. Die Entscheidung ist nahe. Palmerston, oder vielmehr Gladstone, will sein Budget retten und die Papiersteuer aufgehoben wissen. Disraeli und Derby und die Lords und die Conservativen wollen nicht, wollen das Ministerium stürzen und selber wieder Minister werden. Ehrenwerthe Mitglieder rangiren sich auf beiden Seiten in furchtbaren Massen. Das Haus ist nie so voll gewesen. Das Land ist in Aufregung, die Presse in Waffen und hat ihre Boten und Reporters von jeder Redaction bis in die Gallerie des Unterhauses. Die Times hat wie wahnsinnig für Beibehaltung der Papiersteuer gefochten und erklärt, daß mit Aufhebung der Papiersteuer England untergehen müsse. Die Fonds an der Börse zittern und wissen nicht, ob sie fallen oder steigen sollen. Die Bureaux der elektrischen Telegraphen bersten beinahe vor elektrischer Ladung, die sich in blitzenden Nachrichten über ganz Europa verzucken will.

Das Haus ist voll, eben so die Gallerien, die Logen der Gesandten, die Damen-Gallerie – Alles voll. Wir sind in einer geräumigen, gothisch verschnörkelten Halle. Sie würde sehr hoch und erhaben sein, wenn man nicht aus akustischen Gründen ein falsches Dach von geschliffenem Glas oben durchgezogen hätte. Ohne dieses Flickwerk würde Keiner den Andern hören in diesem expreß und kostbar zum Sprechen und Hören gebauten Unterhause. Eichenes Wandgetäfel, Fenster dicht mit ungeheuren Sammet-Gardinen verhangen, damit kein Strahl ehrlichen Lichtes sich einstehle, viel Säulenwerk, gothische Decoration mit viereckigem Geschnörkel Elisabethschen Baustyls verpfuscht, in der Mitte der massive, luxuriöse Ministertisch, auf welchen die „Blaubücher“, Actenstücke und alle angenommenen Gesetze gelegt werden, geheiligt durch die Standarte des Unterhauses, „mace“, die obrigkeitliche Machtkeule, der Unterhaus-Souveränetäts-General-Tambourstab, der unter den Tisch geworfen wird, wenn das Haus sich auflöst, vertagt oder sonst „Rührt Euch!“ bekommt. Hinten quer vor dem Tische erheben sich in mächtigen Perrücken, Mänteln und ausgepufften Hand-Manschetten Vice-Präsidenten und Präsident, der „Sprecher“, der immer still ist und nur selten zur Ordnung ruft. Unter diesen schwatzenden, jungen und alten, conservativen, liberalen und radicalen, hungrigen und tüchtig gespeisten und oft noch mehr „beweinten“ Vertretern der „vereinigten drei Königreiche“ – Disciplin zu halten, das ist keine Kleinigkeit. Aber da sitzt er, das Musterbild von Kaltblütigkeit und Urbanität, würdig, gefaßt, schweigsam, steinern, unbeweglich unter der schweren Perrücke. Welch ein Held! Nacht für Nacht 6–7 Monate lang so da zu sitzen und zu hören, wie sich die 658 drängen, Jeder sein Stroh zu dreschen, oft Wochen lang vergebens, ehe ein Körnchen herausspringt – das ist erhaben!

Auf beiden Seiten des Tisches dehnen sich die Sitze der Mitglieder, eichene Bänke mit geschnitztem Werk, überzogen mit grünem Leder. Vorn drüben sitzen die Minister. Der alte Herr mit dem zornig aufstarrenden weißen Haar stehend ist Lord Palmerston. Er spricht eben. Der Chef der Opposition, Zweiter auf der ersten Bank hüben, unbehutet wie immer, um seine jetzt grau werdenden, schwarzen Korkzieherlocken zu zeigen, Mr. Disraeli, weiland Finanzminister, hat eben gesprochen. Düster, isolirt

[688] aber triumphirend sitzt der beredte, sarkastische Orientale unter dieser Crème von Teutonen, Normannen und Celten des englischen Abendlandes. Die Zeit hat ihn gefurcht, vergilbt und getrocknet. Auch seine Kleidung ist nüchtern und farblos geworden im Vergleich zu der Buntscheckigkeit, den blitzenden Juwelen, vielfarbigen Westen und Sammethosen, wodurch er einst, ehe er sich an die Protectionisten und Tories verschacherte, die Welt zu blenden verstand. Auch trug er einmal Manchetten mit Spitzenbesatz zu den Sammethosen. Jetzt ist er weiser geworden – nach einem halben Jahrhundert. Blos als er vor einigen Jahren die goldene und rothe Robe des Finanz-Kanzlers trug, suchte er die brillantenen Westen der Stutzertage wieder hervor.

Benjamin sprach lange, brillant und mit schadenfrohem Sarkasmus. Die Wetten in den Clubs stiegen sofort zu Gunsten der Derbyiten. Er wurde nie beleidigend, roh und bitter und behandelte den „noblen Viscount an der Spitze der Regierung“ mit ausfallender Höflichkeit, nannte ihn mehr als zwanzig Mal seinen „noblen, sehr ehrenwerthen Freund“ und that so, als liebte er ihn mehr als sein Leben. Aber im Verlaufe der Rede wurde es sehr deutlich, daß sein nobler und sehr ehrenwerther Freund unendlich oft gefälscht und gelogen habe (was beiläufig ziemlich hundertfach thatsächlich richtig und erwiesen ist), und er, Benjamin, ohne es aussprechen oder damit etwas Unhöfliches sagen zu wollen, seinen noblen und sehr ehrenwerthen Freund an der Spitze der Regierung im Stillen für einen Verräther, Humbug, Heuchler, Spitzbuben und wahrscheinlichen Mörder seiner Großmutter halte. Das deutete er an, wie so oft, Benjamin Disraeli H. P. für die Grafschaft Bucks. Er begann, wie gewöhnlich, schwerfällig, gezwungen, niedergeschlagen, verlegen, wortsuchend; aber bald wurde er, wie gewöhnlich, nicht warm, aber spitz, vergiftete, vergoldete Pfeile schießend, Pfeile höflicher Bosheit, Pfeile mit erstaunlicher Geschicklichkeit und mörderischem Erfolge. Wie gesagt, die Wetten in den Clubs und auf den Gallerien stiegen sofort für die Derbheiten nach seiner Rede. Er setzte sich mit triumphirender Miene. Sein nobler Freund an der spitze der Regierung, obgleich abgehärtet und rhinoceroshäutig durch eine fünfzigjährige Praxis, zuckte mehrmals unter den Geschossen des spitzigen Orientalen, freilich konnte man die Muskelarbeit in Palmerston’s Gesicht nicht sehen: er sitzt immer mit dem Hut und das Licht fällt von oben. Blos wenn er aufsteht, um zu reden, zeigt er das alte, bosheitvolle, dickrunzelige Gesicht und das aufsträubende weiße Haar ohne Hut. Still, er spricht.

Er fing an, wie Einer, der sich langweilt und es nicht der Mühe werth hält, viel Wesens zu machen, müde, nachlässig, verächtlich. Aber er wird Mann und weiß nun auch mit höhnischem Spiel giftige Pfeile seitwärts auf seinen israelitischen Freund und dessen aristokratische Heerde abzusenden. Der souveraine Muthwille, mit welchem er Jahre das Parlament verhöhnte und an der Nase führte, verließ ihn während der letzten Jahre zuweilen, wie auch diesmal, sodaß seine Bonmots und Anspielungen ärgerlich, statt witzig herauskamen und wirkungslos abfielen. Aber seine alte, prakticirte Schlauheit, die ungeheure „Geachäfts-“ und „Platz-“Kenntniß und die edele Frechheit, mit der er leugnet, behauptet, abfertigt und aufkämpft, geben ihm immer wieder Uebergewicht und Ansehen vor dem Parlaments-Hause, das, durch Bestechung, Geld und Gunst zusammengeschwindelt, nur wenige tüchtige Männer und Redner noch aufweisen kann. Ausnahmen wie Lord Brougham oder Bright sind entweder zu alt oder ohne Macht mit ihrer humbuglosen Ehrlichkeit.

Und dieser alte, grobschrötige Herr mit mehr als Siebenzig hinter sich, mit Gicht in den Gliedern und Verfall im Gesicht, dieser in Gemeinplätzen klanglos und reizlos dahinredende Dutzend-Mann ist also der furchtbare Palmerston, der Feuerbrand Europa’s, die ehemalige Vogelscheuche der Monarchen (als solchen hat ihn freilich die reellere Vogelscheuche in Paris, sein Zögling und Freund, abgesetzt), der grimmige „Caballero Balmerson“, bei dessen Namen spanische Schmuggler ihr Kreuz schlagen, der verhaßte „Palmerstoni“, den päpstliche Gensd’armen in dunkelm Grausen für einen unerwischten Alpen- oder Apenninen-Räuberhauptmann halten!

Was er eigentlich gesagt hat und die übrigen Redner sprachen, hat längst in den Zeitungen gestanden. Wir gehen also mit Vergnügen darüber weg und blicken auf die tumultuarische Sceue: Divide! Divide! Abstimmung! Abstimmung! Alles athmet auf, hustet, spricht, scharrt mit den Füßen, reckt die Hälse und spannt mit weiten Augen nach allen Seiten, um Zeichen zu erspähen, wie’s ausfallen werde. Man schreitet zur Division, wirklichen Theilung, da die Für und Gegenstimmenden sich in verschiedene Vorzimmer zurückziehen und dann einzeln, persönlich, namentlich vor dem Stimmsammler vorbeidefiliren, der den Namen jedes Stimmenden aufschreiben muß. Die Thüren werden von allen Seiten geschlossen, Niemand darf mehr herein. Einige Mitglieder haben sich im Vertrauen auf „Paarung“ bei der Cigarre oder Flasche verspätet und rennen eine halbe Minute nach Schluß gegen die unerbittlich geschlossene große Eichenflügelthür. Ihr „Gepaarter“ kam noch zu rechter Zeit und verschafft der Gegenpartei einen Vortheil von zwei Stimmen.

Was sind „Paarungen“? Es werden in einer Sitzung wichtige Abstimmungen erwartet; ehrenwerthe Parteimitglieder aber haben Durst oder Hunger und wollen ruhig speisen, ohne im Falle einer Abstimmung ihrer Partei zu schaden. So gehen sie heraus in den Vorsaal, wo die whips oder „Einpeitscher“ der verschiedenen Parteien mit Buch und Bleifeder in der Hand stehen.

„Ich brauch ’ne Paarung,“ schreit das hungrige conservative Mitglied.

„Wie lange?“

„Bis 111/2 Uhr.“

„Haben Sie Einen zum Paaren bis 111/2 Uhr?“ fragt der conservative Einpeitscher den liberalen.

„Wer will sich paaren bis 111/2 Uhr?“

„Ich,“ schreit ein Liberaler.

„Mr. X., Sie sind mit Mr. Y. gepaart bis 111/2 Uhr.“

Die Beiden werden einander vorgestellt, lüften die Hüte, werden in’s Buch geschrieben und gehen ab zum Essen, Trinken, Rauchen oder sonstigen Privatvergnügungcn. So werden oft vor der Parlaments-Diner-Zeit, 7–8 Uhr, Hunderte in einer halben Stunde „abgepaart“, d. h. je von den verschiedenen Parteien verpflichtet, daß sie sich bis zu der verabredeten Zeit beiderseitig der Theilnahme an der Abstimmung enthalten, so daß die eine Partei durch Abwesenheit von Mitgliedern mit der andern im Gleichgewicht bleibt. Diese Abpaarungs-Contracte werden im Ganzen redlich gehalten, aber mancher „Gepaarte“ verspätet sich und muß draußen stehen bleiben, bis die Abstimmung vorüber ist.

Es ist abgestimmt worden. Majorität von 33 gegen Derby, Disraeli, Schutzzoll, Oberhaus etc. Alles bricht auf, die Nachricht zu verbreiten. Die elektrischen Telegraphen zucken durch’s ganze Land und unter dem Meere hin über ganz Europa. Droschken und Equipagen füllen sich unten und rollen davon, daß die Pferdehufe Feuer schlagen. Es ist zwei Uhr. In tausend glänzenden Palästen und Familien dampft das „Nachtmahl“ unter silbernen Kronleuchtern und Schüsseldecken. Im Parlaments-Gebäude wird’s bald ruhig und dunkel, und nur die Policemen und Wächter trappen geisterhaft durch die langen, dunkeln, wiederhallenden Corridors. Die letzten „Cabs“ sind mit den letzten Parlamentsmitgliedern aus dem „Palast-Hofe“ unten abgefahren. Die Kutscher oben auf dem Bocke schimpfen und fluchen im Stillen über ihre Ladung, da Parlamentsmitglieder als Gesetzgeber nie mehr als die „gesetzliche“ Taxe bezahlen. Alles ist abgefahren. Blcs der alte, noble Viscount an der Spitze der Regierung kam mit seinen Siebenzig und seiner Gicht ganz heiter zu Fuße herunter, schulterte sein Parapluie und trollte heim zu Fuße.

London scheint nun zum ersten Male Ruhe zu haben. Aber es scheint nur so. In Tausenden von Familien wird noch prächtig gegessen und getrunken und das parlamentarische Ereigniß besprochen. Tausende von Setzern werfen die Reden der Nacht aus den Typen-Kästen zum Drucke zusammen, daß sie Morgens 8 Uhr von Millionen gelesen werden können. Tausende wanken oder schlafen obdachlos unter den geisterhaft flackernden Gasflammen. Es ist still, aber wie oft hört man’s wimmern oder brüllen oder kreischen und athemlos fliehen vor der verfolgenden Polizei! London schläft nie.




Dem Auerbach’schen Volkskalender ist die Ehre widerfahren, von der Regierung Sr. Majestät des Erretters von Frankreich und der angrenzenden deutschen Provinzen verboten zu werden. Der Grund dieses lächerlichen Gebahrens kann nur in dem Andree’schen Beitrag „die natürlichen Grenzen“ gesucht werden. Wenn den Preß-Spitzeln Sr. Majestät die darin enthaltenen Wahrheiten bitter schmecken, so ist das begreiflich; Menschen, welche in ihrer officiellen Frechheit so weit gehen, zu verkünden, „Europa müsse sich an das legitime Uebergewicht Frankreichs gewöhnen“, die sich anmaßen, „nicht für Vergrößerung, sondern nur für civilisatorische Ideen zu kämpfen“ und sich dabei prahlerisch mit der strengsten Durchführung des Nationalitätenschwindels brüsten, während das deutsche Elsaß fortwährend, trotz der kaiserlichen Nationalitätsversprechungen, „sich überglücklich unter dem Scepter des großen Kaisers fühlt“ – diesen Werkzeugen eines bonapartistischen Despotismus muß es allerdings unangenehm in die Ohren gellen, wenn ihnen, wie in diesem Artikel, die Larve vom Gesicht gerissen wird und das Faunengesicht herausprallt. Mehr als kindisch aber ist es, gegen einen sonst ganz unschuldigen Volkskalender, der aller Wahrscheinlichkeit nach nur in einzelnen Exemplaren nach Paris kommt, ein strenges Verbot ergehen zu lassen; es beweist nur, wie feige und unsicher diese gefürchteten Leute jeder Meinungsäußerung einer ehrlichen und offenen Presse gegenüberstehen.



Soeben erschien bei Ernst Keil in Leipzig:
Humoristisches Bilderbuch für große Kinder.

Illustrirtes Album gegen Langeweile.
Erstes zbd zweites Heft.
Preis à Heft 8 Neugroschen.

Dieses sehr anziehende Bilderbuch ist in dieser schweren Zeit der Noth ein drastisches Lachmittel zum Vertreiben der Langeweile im Eisenbahn-Waggon, in der Landwohnung, im Bade u. s. w.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Der für die erste Untersuchung aller ungewöhnlichen Todesfälle angestellte öffentliche Beamte.
  2. Das Gefängniß.
  3. Ausführlichere Mittheilungen über beide Orden finden die Leser in dem binnen Kurzem erscheinenden Roman: „Rosenkreuzer und Illuminaten von Max Ring.“
    D. Red.