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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1860
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1860) 033.jpg
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[33]

No. 3. 1860.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Aus dem Gedenkbuche der Gartenlaube.
„Dieweil ich den Glauben in’s Herz nicht gießen kann, so kann, noch soll ich Niemand dazu bringen, noch zwingen: denn Gott thut das allein und macht, daß er im Herzen lebet. Und wird aus dem Zwinggebote allein eine Spiegelfechterei, ein äußerlich Wesen, ein Affenspiel und eine menschliche Satzung, daraus denn scheinende Heilige, Heuchler oder Gleißner kommen. Denn da ist kein Herz, kein Glaube, keine Liebe. Man muß der Leute Herz am ersten fahen. Welches dann geschieht, wenn ich Gottes Wort treibe, predige das Evangelium, verkündige den Leuten ihre Irrthümer. Wer da folgen wollte, der folgete, wer nicht wollte, der bliebe außen …… Summa Summarum, predigen will ich’s, schreiben will ich’s, aber zwingen, dringen mit Gewalt will ich Niemand, denn der Glaube will willig, ungenöthigt angezogen werden.“
Dr. Martin Luther über Zwangsmaßregeln in Glaubenssachen.




Isolde.
Novelle von Karl Frenzel.
Fortsetzung.
2.

Wäre doch der Morgen nie gekommen, nie mit seinen Strahlen Zweifel, Unruhe und Irrung, oder wäre ich wenigstens, wünschte Bruno, in einer fernen, fremden Landschaft erwacht, so daß Alles, was gestern geschehen, ohne Folgen, nicht mehr für mich wäre, als ein lieblicher Traum!

Er hatte sich fest gelobt, den Tag in den nahen Gebirgsthälern zuzubringen und am Abend, wie er Isolden versprochen, in das Schloß zu kommen, um bis dahin allen Enthüllungen zu entgehen, die ihm etwa im Dorfe über das seltsame Mädchen gemacht werden könnten. Ihm schien es das Beste, sie in dem duftigen Nebel zu lassen und ihre liebliche und phantastische Erscheinung sich nicht selbst durch die gemeine Wirklichkeit zu zerstören.

Doch gleich die erste Frage seiner geschwätzigen Wirthin, als sie ihm den Morgenimbiß brachte, warf seine Pläne um: „Wie Ihnen unsere Schloßherrin, die Gräfin Schönfeld, gefallen? Nicht wahr, eine schöne und vornehme Dame!“ Und nun ging die Erzählung wie ein Strom weiter, daß der alte Graf von Arnheim sich mit seinem Neffen im letzten Jahr seines Lebens erzürnt, die Tochter einer entfernten Verwandten zu sich genommen und zur Erbin des größeren Theils seiner Güter eingesetzt, während der junge Herr Clemens nur einen Pflichttheil und das Stammhaus in der fernen Provinz erhalten habe; seit drei Jahren walte nun Gräfin Schönfeld als gütige Herrin auf dem Schlosse, alle Verbesserungen seien ihr Werk, sie wäre klüger, thätiger und freundlicher als die Männer, und es sei unbegreiflich, daß sie sich vor einiger Zeit mit ihrem Vetter verlobt habe, der doch ein finsterer und zorniger Herr sei. Ein bitteres Lächeln spielte bei diesen Offenbarungen um Bruno’s Mund. „Dahin mußte es also ausschlagen!“ dachte er. „Was sich so schön zu gestalten schien, wird für uns Alle zu einer häßlichen Irrung. Warum hielt nur ich allein mein Versprechen und kam aus meiner Einsamkeit herüber?“ Dann fiel ihm wieder das räthselhafte Ausbleiben von Clemens auf, zu dem er unter diesen Verhältnissen gar keinen Grund sah; er gedachte, daß er nie einer Isolde Schönfeld, nie einer Aenderung seiner Lage erwähnt; er gedachte auch des Ringes, den sie von sich geworfen.

In solchen Gedanken verließ er, zwiespältigen Willens, bald zum Bleiben, bald zum Gehen entschlossen, das Haus und schritt den Bergen zu.

Bruno Berghaupt zählte etwas über dreißig Jahre, eine schlanke, kräftige Gestalt, im Gesicht einen halb spöttischen, halb melancholischen Zug. Nur zu sehr war seine Behauptung gerechtfertigt, daß ihm die Unbekannte die Freudigkeit seines Lebens geraubt. Auf der Schule, wie noch später auf der Universität, war er unter seinen Genossen der fröhlichste und keckste gewesen, die Fülle und der Wechsel der Welt überraschte und berauschte ihn, so viel Freude und Schimmer schienen nur Sinne genug zu fordern, sie zu genießen. Der rasche, unerwartete Tod seiner Eltern verdüsterte ihm freilich die Freudigkeit des Daseins, aber das Glück, als ob es besorge, sein Schooßkind zu hart verwundet zu haben, schenkte ihm zum Ersatz des Verlustes eine Jugendfreundschaft, eine Jugendliebe. Bruno’s empfängliches Herz ging in diesen Gefühlen auf, und als sie sich schwach und wankelmüthig erwiesen, erfüllte ihn eine unbeschreibliche Verbitterung, ein Ueberdruß an Allem. Wie weit er auch den Schauplatz dieser Ereignisse floh, wie tief er sich auch in das Studium der Natur versenkte, die alte sorglose Freudigkeit kehrte nicht mehr zu ihm zurück. Nur wenn er sein Gemüth vor der Außenwelt wohl verwahrt hielte und gegen sie die scharfen und stachligen Seiten seines Wesens hervorkehre, glaubte er sich fortan vor ihren Angriffen sicher. Zu tief hatte sie ihn verletzt, als daß er es noch einmal wagen sollte, sich, wie er sagte, ihren [34] Adlerkrallen, Verrath und Täuschung, auszusetzen. Alle, die durch Zufall oder Wahl mit ihm zusammenkamen, erkannten ebenso bereitwillig seinen großen Verstand, seine Gelehrsamkeit und geistige Kraft an, als sie an seinem Herzen zweifelten und seine Zurückgezogenheit, sein einsames und unstätes Wanderleben seinem Menschenhasse zuschrieben. Wenn in ihm noch ein Schatz wärmster Empfindung und edelster Gedanken lag, so war doch kein fremdes Auge durch den Schutt und Staub, den fünf Jahre darüber geschüttet, zu ihm gedrungen; er war noch unberührt, und es gab Stunden, wo Bruno sich so verlassen, traurig und unselig fühlte, nach einem Herzen verlangend, das seines verstünde, und doch keins findend, daß er gern all’ diesen Reichthum für den Handdruck eines Freundes, den milden und doch beseligenden Blick einer Frau hingegeben hätte. Blickte er dann aber wieder im Leben umher, so schalt er diese Stunden der Rührung und der Weihe Thorheiten eines Schwärmers und schloß sich nur trotziger und bestimmter von Allem ab, was seine düstere Stimmung hätte unterbrechen können. Zwar wandte sich seine geistige Theilnahme so bewegt und regsam wie früher den Zuständen und Dingen zu, allein seine Anschauung von der Kläglichkeit des Einzelnen und der Zwecklosigkeit der Welt beraubte sie all’ ihrer Frische. Während sein leibliches Auge noch eine Schöpfung der Kunst bewunderte, sah er im Geiste schon die Hand des Geschicks, die sie zertrümmerte; und noch mehr, diese verborgene Macht, welche Menschen und Dinge bald gegen einander treibt, bald freundlich nähert, steht über dem Begriff der Schuld, uns aber, die wir nur ihre Werkzeuge und durch unser Wesen ihr unterthan sind, zwingt sie die Vertretung und Rechtfertigung ihrer Thaten auf: wir werden schuldig, weil sie es so will, sie, die uns doch unsere Natur gegeben.

Wie so glücklich hatte Bruno diese Reise angetreten! Als er vor zwei Monaten England verließ, sang am letzten Abend, den er in London zubrachte, Adele in der Oper — in eine Logenecke gedrückt hörte er wieder diese klangvolle, melodienreiche Stimme, sah er diese entzückende Gestalt wieder, die einst sein jugendliches Herz mit Begeisterung erfüllt. Sie aufsuchen wollte er nicht, sondern das gegebene Versprechen bis zu Ende in allen Punkten halten, aber es beglückte ihn, daß ihr Bild wie eine schützende Gottheit ihn auf die Reise begleitet. Darum, um die selige Empfindung, die ihn jetzt durchströmte, ungeirrt von jeder störenden Zufälligkeit an der Brust des Freundes und der Geliebten auszujubeln, hatte er, in der Heimath angekommen, die Hauptstadt vermieden und war sogleich nach dem Schlosse geeilt …

Jetzt schritt er im tiefsten Unmuth durch die Felsgründe, die waldbedeckten Berge hinauf und hinab, sich selbst zum Räthsel geworden. Jeden Entschluß, den er gefaßt, bekämpfte im nächsten Augenblick eine andere Betrachtung. Das Gewebe, worin er sich verstrickt fand, verwirrte ihn; das Geheimnißvolle um Isolden, ihre Seltsamkeit reizte ihn ebenso, wie ihn Clemens’ Untreue erbitterte. Statt zur Klarheit vorzudringen, tappte er in der Finsterniß weiter, in eine dunkle Zukunft hinein.

Seine Wanderung war lang, unstät und freudlos. Als er wieder das Wirthshaus des Dorfes erreichte, schlug die Uhr der Kirche die fünfte Stunde. Vor der Thür des Hauses stand ein Diener in der arnheimschen Livree — der Graf warte seit lange auf ihn, oben in seinem Zimmer, erfuhr Bruno von ihm. Eilig stieg er die Stiege hinauf, ohne den neugierigen und mißtrauischen Blick zu bemerken, den ihm der Diener nachsandte.

Graf Clemens Arnheim saß in dem altmodischen Lehnstuhl und blätterte ungeduldig in einem der Bücher, die Bruno auf dem Tische hatte liegen lassen.

„Bruno!“
„Clemens!“

Sie standen sich beide gegenüber, Jeder wußte mit einem Blick in das Antlitz des Andern, daß die alte Freundschaft darin wie im Herzen erloschen sei; darum zog Bruno die Hand, die er bei seinem Eintritt den Grafen schon entgegengestreckt hatte, hastig zurück … ein unheimliches Schweigen herrschte im Gemach.

„Adele,“ sagte dann Clemens und reichte ihm ein Kästchen, „schickt Dir die Rose.“
„Durch Dich?“

„Sie wußte Deinen Aufenthalt nicht und vermuthete, daß Du in unserer Hauptstadt sein würdest.“

„Und Sie selbst kommt nicht?“

„Sie erfuhr durch eine Freundin meine Verlobung mit der Gräfin Schönfeld.“

„So!“ Und Bruno setzte das Kästchen langsam auf den Tisch nieder, legte die Bücher zusammen, um die Bitterkeit, die in ihm aufstieg, niederzukämpfen — „und Du hofftest, daß auch ich nicht kommen würde?“

„Offen heraus — ja; Du hattest so lange nicht geschrieben, Du warst wie verschollen –“

„Du hast Recht, ich hätte verschollen bleiben müssen. Doch ich bin da, ich habe Deine Verlobte gesehen —“

„Ich weiß es, ich komme vom Schlosse.“

Bruno wandte sich rasch ab und stieß das Fenster auf, dann erst bemerkte er, daß Clemens noch immer stand — „Setz’ Dich doch! Ich meine, es kann heute noch einmal wie vor Jahren Alles zwischen uns klar werden — und ohne Blut!“

In Clemens’ blassem, schönem Gesicht zuckte ein unheimliches Leuchten, er setzte sich wieder in den Sessel nieder; Bruno blieb, die Arme über einander geschlagen, vor ihm stehen.

„Ich sollte Dich eigentlich fragen,“ sagte er langsam, fast nachlässig, „wozu dieser Wortbruch? diese Heimlichkeit? Was hätte Deine Verlobte wider unsere Zusammenkunft einwenden können? War sie eifersüchtig auf Adele? Sie wird so gut wissen, wie Du und ich, daß die Liebe einer gefeierten Sängerin nicht fünf Jahre dauert und daß Adele alt geworden, eben wie Du und ich. Wir hätten alle Drei noch eine Stunde des fröhlichsten Wiedersehens genießen können und dann uns vielleicht auf immer getrennt, weil die Saiten unserer Seelen, die einst so harmonisch in einander klangen, nun verstaubt und verstimmt sind, aber wir hätten doch Wort gehalten, Clemens — und ein Mann, ein Wort! Ich könnte mich beklagen, daß Du mich eine leidlich kindische Rolle vor einer Dame spielen ließest, deren Achtung mir theuer sein muß; allein Du wirst erwidern: das ist meine Sache, mein Geheimniß! Gut, und darum will ich nur Antwort auf dies Eine, ehrliche, muthige Antwort: was hast Du gegen mich?“

So lange Bruno sprach, hielt der Graf seine Stirn in seine Hand gestützt, tief nachsinnend und nur zuweilen mit einem heftigeren Zusammenpressen der Lippen die Worte des Freundes begleitend. Jetzt schaute er spähend nach ihm hinüber, als wolle er sich versichern, wie weit seine Offenheit gehen dürfe, welch’ feinster Faden in diesem verwirrten Gewebe dem Andern noch verborgen sei.

„Nichts,“ erwiderte er, „nichts habe ich wider Dich, Bruno, als eine unbestimmte, unklare und, wie ich fast bekennen muß, thörichte Eifersucht. Du sprachst gestern mit der Gräfin — lange und lebhaft, wie ich hörte — auch ich dränge mich nicht in Deine Geheimnisse und quäle mich um den Inhalt dieses Gespräches, aber Du wirst ihren eigenthümlichen, wunderlichen Charakter daraus erkannt haben und wirst meine Eifersucht darum entschuldigen, wenn auch nicht billigen.“

Eine Stimme in Bruno’s Seele gab Clemens Recht, und mit einem Ton, der wider seinen Willen bebte, fragte er: „Liebst Du sie denn?“

„Lieben? Ich fürchte, Bruno, darüber verstehen wir uns gegenseitig nicht mehr. Allein auch Du siehst die Welt um uns her entgöttert und leer an Idealen, Du begreifst, daß meine Heirath mit der Gräfin eine Nothwendigkeit ist. Sie stammt aus einem vornehmen, mir verwandten, aber herabgekommenen Geschlecht und wäre vielleicht noch in ihrer Armuth und Verborgenheit, wenn sie der Oheim mir nicht vorgezogen und mit seinen Gütern beschenkt hätte. Jetzt bin ich der Arme, ist sie die reiche, vielbegehrte Dame. Das Stammschloß an der böhmischen Grenze, das mir der Oheim nicht entziehen konnte, ist verfallen, fast ohne Werth, ich will vorwärts in der Welt, ich brauche zu meinem Namen auch den Reichthum — es war natürlich, daß ich zunächst an Isolde dachte.“

„Bleibt nur das Eine noch zweifelhaft: liebt sie Dich?“

Darauf antwortete Clemens nicht sogleich, er schien wieder seine Worte erst im Geheimen abzuwägen, endlich sprang er vom Sessel auf und faßte Bruno’s Hand: Ob sie mich liebt? Sie ist ein Dämon, sage ich Dir, und ich glaube, kein menschliches Auge drang in die Tiefe ihres Innern, aber sei’s darum, ich muß es mit ihr wagen.

„Auch ohne ihre Liebe?“

Clemens nickte. „Ich besitze nichts mehr als die Hoffnung auf diese Heirath. Ein Jahr lang habe ich um sie geworben und ihre freie Zustimmung erhalten. Von jenem Verlobungstage indessen [35] an bemächtigte sich meiner eine klägliche und doch unbezwingliche Furcht, irgend ein Nichts könnte sich meinem Glücke entgegenstellen. Nicht ihr Reichthum allein, auch ihre Erscheinung übt eine magische Gewalt auf mich aus und läßt mich leidenschaftlich nach ihrem Besitz trachten. Da hast Du den Schlüssel zu meinem Benehmen, das Du Falschheit nennst – wenigstens zu Dir bin ich aufrichtig gewesen.“

„Ich muß es glauben,“ entgegnete Bruno, einer bestimmten Erklärung ausweichend. „Sicher bist Du nicht mehr jener Clemens –“

„Der in Alcala von Dir Abschied nahm,“ parodirte der Graf mit leichtem Scherz und froh aufathmend, als sei diese so gefährliche und so lang gefürchtete Unterredung nun doch glücklich in das breite Meer der Alltäglichkeit gelenkt worden. „Nein, ich bin es, ach! nicht mehr! Allein bedenke, Freund, fünf Jahre, schwere sorgenvolle Jahre, im Ringen um eine Stellung, um ein stolzes, launenhaftes und unbegreifliches Weib verbracht! Darüber verliert sich der Schmelz und der Duft der Jugend. Sind wir doch Beide verwandelt, was willst Du schelten, daß ich selbstsüchtiger und berechnender geworden?“

„Ich schelte ja nicht; Phaethon muß steigen und stürzen, eben weil er Phaethon ist.“

„Eine düstere Prophezeihung! Aber was ist’s denn so Großes, sich immer wie Du im engsten Thal zu beschränken und gewaltsam die Flügel seines Willens zu brechen? Heißt leben nichts als dem Leben fortwährend entsagen? Doch ich hätte Dich darin und in allen Deinen Sonderlichkeiten besser kennen sollen,“ fuhr er fort, nun schon ganz ruhig und vertraulich geworden, „und Dich gestern nicht, wie ich that, in der Hauptstadt, sondern auf dem alten Kampfplatz erwarten. Den gestrigen Tag haben wir verloren, ich hoffe, Du schenkst mir dafür diesen Abend.“

„Vergib, ich kann nicht, ich will morgen wieder abreisen.“

„Und willst Niemand von den alten Freunden und Bekannten in der Stadt aufsuchen? Ich sprach noch vor wenigen Tagen Deinetwegen mit dem Minister. Eine Stelle in der philosophischen Facultät der Landesuniversität steht schon seit Jahren leer. Wer hätte mehr Anspruch darauf als Du? Jedermann rühmt Deine Kenntnisse, Deine gelehrten Werke. Willst Du das Glück so von Dir weisen und, wie Du gekommen, wieder verschwinden, spurlos beinahe?“

„Spurlos, Du triffst das richtige Wort für meine Absicht. Ich bin zum Wandern und zur Unabhängigkeit geboren; mein kleines Vermögen sichert meine Freiheit und reicht für meine Bedürfnisse für ein, zwei Jahre noch aus. Morgen, was ist denn morgen? Laß mich nur ziehen, es ist das Beste.“

So gut er sich auch zu beherrschen wußte, ganz vermochte Clemens die freudige Aufregung nicht zu verbergen, in die ihn Bruno’s Entschluß versetzte; sein Auge funkelte, seine Gestalt hob sich, das Unbehagliche und Heimliche, das bisher wie ein Schatten sein edles Gesicht bedeckt und entstellt hatte, verschwand vor dem strahlenden Glanze, der sich plötzlich darüber ausbreitete.

„Bei alledem, dieser Abend gehört mir und ich werde ihn keinem Andern mit gutem Willen lassen.“

„Dieser Abend – und immer dieser Abend! Er ist nicht mehr mein; hat sie – hat die Gräfin Dir nicht gesagt –“

„Was denn?“

„Es ist kein Geheimniß; ich erzählte ihr gestern meine Geschichte, sie will mir heute die ihrige erzählen.“

„Und Du?“

„Ich werde sie hören.“

„Nimmermehr!“

Bei diesem Aufschrei des Grafen kam auch in Bruno ein wildes Leben. „Es ist also doch noch ein dunkles Etwas hinter all’ Deinen Worten verborgen! Ich aber will länger weder Dein noch ihr Narr sein!“

„Du liebst sie!“

Stolz richtete sich Bruno vor ihm auf: „Du beurtheilst Alle nach Dir und denkst vielleicht in diesem Augenblick an Adele. Sei ruhig; ob ich sie liebe, ob nicht, was kümmert es Dich, wenn dies Geständniß in meiner Seele bleibt?“

Und ohne weiter an den entsetzten und erstarrten Clemens ein Wort zu richten, nahm er einen leichten schwarzen Mantel um und schritt zur Thür.

„Du gehst?“ brach der Graf noch einmal aus.

„Ich muß.“

„Gut,“ entgegnete Clemens beklemmt, „Du schlägst meine Begleitung nicht aus.“

Diese letzten Worte verklangen im Oeffnen der Thür. In den Gesichtern Beider brannte der Zorn, Clemens hatte die Hände geballt, als sie aus dem Hause traten. Heftig wies er den Diener zurück, der ihnen erst besorgt mit den Augen folgte und dann in steigender Angst um seinen Herrn in einiger Entfernung nachging.

Wie in Uebereinstimmung schlugen Beide nicht den großen Laubgang von Kastanien ein, der vom Dorfe bis zum Schlosse in breiter Anlage emporstieg, sondern wandten sich seitwärts nach einer waldumbuschten Schlucht, durch die ein verborgener und einsamer Pfad bis hart an das Gitter des Gartens führte. Es ging gegen den Abend und der Wind trieb geschäftig der untergehenden Sonne dunkle Regenwolken entgegen, die, von ihrem Glanze angehaucht, an den äußersten Rändern eine röthliche und goldbraune Färbung annahmen. In dem Tannendickicht der Schlucht glänzten nur die schlanken Baumkronen noch im rosigen Licht, an einzelnen Stämmen glitt es matt verglühend bis zu dem niedrigeren Gebüsch hinab, sonst aber herrschte die Dämmerung in dem lauschigen Grunde. Diese Heimlichkeit vermehrte noch das Rauschen eines durch die Schlucht strömenden Baches, der weiterhin aus der Felsenge hervortretend die Wiesen des Dorfes tränkte. An manchen Stellen verbargen ihn die Weidengebüsche des Ufers fast ganz den Blicken der Wanderer, an andern schlug seine rasche Welle stürmisch an das nackte, steinige Ufer. So schmal war der vielfach gewundene Steg, daß sie oft nur hinter einander auf ihm gehen konnten, Bruno voran, Clemens folgte, an den Bäumen entlang schreitend, wie ein Schatten.

Ueber die Mitte des Grundes hinaus waren sie so schweigend gewandert, jetzt führte der Weg einen Felsen steil hinan und senkte sich jäh und abschüssig auf der andern Seite zum Bache nieder, über den hier eine kleine Holzbrücke geschlagen war. Oben auf der Spitze der Höhe sah man die im Sonnenuntergang dunkelroth glühenden Fenster des Schlosses herüberschimmern – ihnen, die aus der Dämmerung emporklommen, war es wie eine märchenhafte Erscheinung.

„Ja,“ rief Bruno von dem Anblick überrascht, „Du hast Recht, dort scheint nur eine Zauberin wohnen zu können.“

„Und Du, der mich noch eben Phaethon schalt, willst Dich dennoch von ihr verblenden und betrügen lassen?“

„Clemens, es ist gestern ein Tropfen auf mein Haupt gefallen, der mich zu verwirren, mein Blut zu vergiften anfängt. Fiel er aus der Schale des Zorns oder aus der des Glücks? Laß mich die Erkenntniß suchen, die bei ihr allein ist.“

„Verstelle und überrede Dich selbst mit klugen Sprüchen – Du liebst sie. Bin ich doch demselben Zauber erlegen – und sie ist nicht einmal schön, nicht halb so schön wie Adele! Wie verwünsche ich jetzt meine Thorheit, Dir nicht Alles früher gestanden zu haben! Du hättest sie entweder nie oder nur als meine Gattin sehen sollen. Ich bitte Dich, Bruno, geh nicht hinüber. Was Du erfährst, es vermehrt Dein Glück nicht, es raubt Dir auf immer Deine Ruhe. Du wirst nicht glücklich werden können mit dem Vorwurf in Deiner Seele, daß Du mir dies Glück nahmst. Wenn nicht mehr die Göttin der Freundschaft selber, so wandelt doch noch ihr Schatten um uns, dem bringe dieses Opfer.“

Er hatte warm und innig geredet, mit jenem leise verschleierten Ton, der vor Jahren Bruno’s Herz in Rührung besänftigt und gewonnen, diesmal wuchs nur die schwere Falte auf dessen Stirn. „Opfern – immer opfern, dazu bin ich Dir gut! Du umspinnst mich mit Geheimnissen, und an jedem Faden, den ich entwirre, hängt, ich sag’s offen, eine Falschheit, ein Verrath von Dir!“

„Verrath?“ sagte stolz der Graf und ergriff Bruno hart an der Schulter. „Wahre Dich!“

„So sagt’ ich. Das Alles würde den Argwohn auch des Arglosesten wecken, in mir erweckt es noch ein anderes, bitteres Gedächtniß, und es braucht keiner Unbekannten mehr –“

Sie standen dicht am Rande des Abhangs. Wie gelähmt sank die Hand des Grafen von Bruno’s Schulter. Erdfahl geworden, starrten sich Beide an – einmal und noch einmal schlug Bruno wild an seine Stirn und rief im verzweifelnden Schmerz: „Sie ist’s! Sie ist’s, Isolde Schönfeld!“

„Zu Ende!“ stahl es sich über Clemens’ Lippen, aber er ermannte sich sogleich und stieß, seine ganze Kraft zusammennehmend, den Freund von der gefährlichen Höhe.

[36] Das Gestrüpp und die Dornen, die am Felsen wucherten, hielten indessen mit ihren Zacken Bruno’s Mantel fest, und so gelang es ihm zum Stehen zu kommen, gerade wo das Gestein jäh in die Tiefe abstürzte. Er warf den zerrissenen Mantel von der Schulter, schaute noch einmal zu dem oben stehenden, hinablauschenden Clemens empor, mit stolzem Blick, stolzer grüßender Handbewegung, und bahnte sich mühsam einen Weg zum Bache. Auf der Höhe war Clemens niedergesunken, das Gesicht mit den Händen bedeckend – es war ihm, als quelle Feuer und Blut aus seinen Augen, und doch weinte er nicht. Bis zu diesem Abgrund also hatte ihn eine unerbittliche Nothwendigkeit geführt, und wieder, wie vor fünf Jahren, war es nur ein Zufall gewesen, der ihm den Mord des Freundes erspart – einen Mord, den er doch schon im Gedanken begangen und den er nun ausführen mußte. So lag er im starren, stummen Schmerz; über ihm war das kleine, unscheinbare Saatkorn seiner ersten Schuld zu einem Riesenbaume aufgewachsen, dessen Gifthauch ihn tödtete.

Als er dann aus seiner Betäubung auffuhr und die Hand von seinem Gesicht nahm, sah er in der nun schon völlig hereingebrochenen Dunkelheit die Fenster des Schlosses freudig von Lichtern erglänzen, wie zum Spott und Hohn für ihn, der auf nackter Felsspitze verstoßen und allein mit den Gedanken Kains saß. Und je länger er so, den Arm auf einen Steinblock gestützt, hinüberschaute, desto härter wurde sein Herz; auch um ihn hauchte ein Geist des Verderbens seinen Athem, als er die Höhe hinab und durch die Schlucht zurückwandelte. Da, wo sie die Dorfstraße berührte, fand er in bangender Erwartung seinen Diener. Er hieß ihn die Pferde satteln, auf denen sie am Morgen von der Hauptstadt herübergeritten waren, und suchte selbst in der Reisetasche nach den Pistolen, die er zu sich gesteckt und die zuerst in dem treuen Diener die Ahnung erweckt, daß der harmlose „Spazierritt“ einen andern Zweck habe, als einen Besuch bei der Gräfin. Sorgfältig prüfte Clemens jetzt noch einmal die Ladung, die Schlösser der Waffen, wog sie lange in den Händen und barg sie zuletzt in seiner Brusttasche. Mit verschränkten Armen blieb er an den Thürpfosten gelehnt auf der Schwelle des Wirthshauses. Ueber der Schlucht erhob sich im wilden Getümmel der jagenden Wolken der Mond.

Nun wurden die Pferde vorgeführt und stampften, von der Hand des Dieners gehalten, mit ungeduldigem Huf den Boden …

Clemens seufzte. „Warte,“ sagte er dann kurz, „ich gehe noch nach dem Schlosse.“

In sich gekehrter, härter, gebieterischer war er nie aufgetreten.

Ohne Gruß ging er an den Bauern vorüber, die mit ihren Frauen auf den Bänken, vor den Häusern saßen und ihm den Nachtgruß wünschten … er verschwand in den Schatten der Schlucht; das allgemeine Geflüster, das heimliche Schmähen und Grollen, das sich hinter ihm erhob, vernahm er nicht mehr – Er oder ich! das war sein einziger Gedanke.




3.

Der letzte Sonnenstrahl verglühte eben an dem röthlichen Gestein des Schlosses, als Bruno durch den Garten stürmend die steinernen Stufen vor der Glasthür erreichte, auf denen Isolde so unruhig und aufgeregt wie er dahinschritt.

Sie erkannte ihn schon in einiger Entfernung, eine, zwei Stufen eilte sie ihm entgegen. Strahlend und verschämt zugleich, mit den Blumen im Haar, in ihrem weißen, luftigen Gewande sah sie aus wie eine Braut. Zu mächtig war die Bewegung und der Sturm der Gefühle in Beiden, um in Worte auszubrechen, Einer in den Anblick des Andern versunken, reichten sie sich schweigend die Hand. Erst oben in dem Erkerzimmer rief sie: „Bruno!“ er: „Isolde!“

Aber dieser Ruf klang ihr düster, unheimlich, durchaus nicht wie aufjauchzende Liebe – und schon hatte er ihre Hände ergriffen und sagte erschüttert: „Warum mußt’ ich Sie kennen lernen, Isolde? Sie haben mir den Freund für immer geraubt!“

„Sie zürnen mir, Sie hassen mich, und doch bin ich viel elender und unglücklicher als Sie. Ach, Sie wissen nun, daß ich grausam war – ach! Sie wissen nicht, was ich gelitten, was mich wie Entzücken und Vernichtung durchbebte, als ich Sie gestern wiedersah. Verachte, fliehe mich, aber hören mußt Du es doch, daß ich Dich liebe! Ich will es in Dein Ohr schreien, daß Du es nimmer vergessen kannst – ich liebe Dich! ich liebe Dich!“

Thränenüberströmt hatte sie ihr Haupt an seine Schulter gedrückt, dann riß sie sich los und eilte zu der marmornen Göttin des Gemaches, den Sockel wie schutzflehend mit ihren Armen umfangend.

„Isolde!“ bat er.

„Laß nur,“ antwortete sie gefaßter, „es ist vorüber und Dein Mitleid tröstet mich nicht.“

Eine Blume, die ihrem Haar entfallen war, nahm er vom Boden auf, sie entblätterte in seiner Hand. Dies und ihr Schweigen, die Erinnerung an Clemens’ That, seine peinliche Lage gaben ihm endlich Muth und ernsten Willen, um jeden Preis diese Verwickelung zu lösen.

„Wie das Schicksal, Fräulein Isolde,“ sagte er darum, „auch weiter über uns bestimmen wird, seien wir wenigstens ehrlich zu einander, thun wir, so viel wir können, um nicht schuldlos, doch entsühnt und gerechtfertigt dem Unvermeidlichen entgegen zu gehen. Sie müssen erfahren, daß Sie Ihre Liebe einem Unwürdigen schenkten, daß ein Geständniß, das mich beglücken sollte, mich verdammt. Ich beging wider Sie eine unverzeihliche Treulosigkeit, die Ihnen zugleich offenbart, wie hassenswerth Sie mir einst erschienen: ich gab Ihre Briefe an Clemens, der wissen wollte, wer ihn bei mir verklagt.“

„An Clemens?“ rief sie, und nun hatte ihr Antlitz, die drohend erhobene Hand wirklich einen erschreckenden, furchtbaren Ausdruck.

„An Clemens; damit bin ich gerichtet.“

Mühsam eine äußere Fassung erzwingend, obgleich sein Herz gebrochen war, wollte er sich aus dem Gemach stehlen, sie aber hielt ihn mit befehlendem Ton zurück: „Sie kennen nur die Hälfte Ihrer Schuld, daß Sie leichtsinnig fortwarfen, was mir das Theuerste war – möge Sie die ganze erdrücken.“

Sie war wie verwandelt, Alles an ihr streng, herbe und schwer geworden, und da sie sein Erstaunen darüber bemerkte, sagte sie bitter: „Nun bin ich ja die Furie, die in Ihrer Erinnerung steht.“

Und ohne eine Erwiderung zu erwarten, setzte sie sich, winkte ihm, neben ihr Platz zu nehmen, und eine Blume nach der andern aus ihrem Haar reißend und zerpflückend, erzählte sie: „Wir wohnten in demselben Hause, wir haben uns oft auf den Treppen, in der Flur begegnet, allein Sie hatten keinen Blick für mich, nur einen förmlichen, scheuen Gruß. Verkannt und zurückgesetzt zu werden, war immer mein Loos. Die alte Dame mit dem Strohhut kennen Sie besser, es war meine Tante, die mich von dem Gut meiner Eltern mit sich in die Stadt genommen. Meine Eltern waren arm, trotz ihres vornehmen Namens, ich hatte Brüder, für die eher als für mich gesorgt werden mußte, ich war nicht schön und darum nicht der Liebling meiner Mutter. Was ich nun einmal bin, meine Anschauungen wie meine Leidenschaften, verdanke ich meinem Vater, der mich liebte, mich unterrichtete, dem ich Alles war. So überspannt im Kopf, mit wildwogendem, verlangendem Herzen, das um so mächtiger schlug, da es von Jugend auf nur an Entsagungen gewöhnt war, kam ich nach der Hauptstadt, sah ich Sie.“ Ihre Stimme wurde weicher und milder, als sie dann mit entzückendem Lächeln sagte: „Und ich liebte Sie! Ich beobachtete Sie täglich, stündlich von meinem Fenster, ich wußte, wann Sie gingen, wann Sie zurückkamen. Mir schien es damals so wunderschön, mit Ihnen die Dame Kobold zu spielen. Ach, als ich Ihre ersten Verse an mich las! Es war ein sonniger Tag, er verrann mir in Melodien.“

(Schluß folgt)




Karl von Holtei.

Eine Biographie Holtei’s schreiben, heißt im eigentlichen Sinne Eulen nach Athen tragen, nachdem er selbst in seinen „Vierzig Jahren“, die jetzt in einer neuen billigen Ausgabe bei Trewendt in Breslau erschienen sind, seinen Lebens- und Bildungsgang ausführlich geschildert und einen der interessantesten Beiträge zur Geschichte seiner Zeit, des Theaters und der Literatur geliefert hat. Dennoch dürfte ein kurzer Auszug aus den zwölf Bänden dieser werthvollen Memoiren den geschätzten Lesern der Gartenlaube willkommen sein.

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Die Gartenlaube (1860) b 037.jpg

Karl von Holtei.

Holtei wurde 1797 in Breslau geboren; er ist ein Sohn des liederreichen, gemüthlichen Schlesiens, das dem deutschen Vaterlande schon manchen bedeutenden Dichter von Opitz bis auf ihn selbst geschenkt hat.

Frühzeitig regte sich in dem begabten Knaben, der nach dem Tode seiner Eltern bei wohlhabenden Verwandten erzogen oder vielmehr verwahrlost wurde, die Lust an der Poesie, vor Allem aber eine unbezwingbare Leidenschaft für das Theater. Alle seine Ersparnisse wanderten in die Casse des Billeteurs; er war überglücklich, wenn er einem Schauspieler oder gar einer Künstlerin sich nähern durfte. Bald erwachte auch in ihm der Wunsch, ein darstellender Künstler zu werden, und wie sehr auch seine adligen Verwandten sich dagegen sträubten, setzte er endlich doch seinen Vorsatz mit seltener Beharrlichkeit durch, nachdem er zuvor einige Zeit Oekonom gewesen und sogar als freiwilliger Jäger für die Befreiung des Vaterlandes in’s Feld gezogen war, ohne jedoch Blut zu vergießen. Auf dem Privattheater des kunstliebenden Grafen Herberstein in Grafenort debutirte der jugendliche Anfänger mit vielem Beifalle, worauf er als „Mortimer“ die Breslauer Bühne betrat und vor einem größeren Publicum öffentlich erschien. Auch hier fehlte es ihm anfänglich nicht an Applaus, obgleich er ebensosehr mit den Vorurtheilen seiner Landsleute, als mit den Intriguen seiner Collegen zu kämpfen hatte. Sein Talent fand jedoch nicht die richtige Verwendung, indem er, ursprünglich für komische Charakterrollen begabt, in dem Fache eines zweiten Liebhabers auf die Dauer nicht ansprechen konnte. Ein zweiter Versuch in Dresden, wo er ein Gastspiel erlangte, fiel so unglücklich aus, daß er für einige Zeit seinen Illusionen entsagte und von der Bühne Abschied nahm. Er kehrte nach seiner Vaterstadt zurück, wo er eine Anstellung als Theatersecretair erhielt, Prologe und einige kleine Stücke schrieb, welche mit großem Beifall aufgenommen wurden, und ein entschiedenes dramatisches Talent verriethen. Hier verheirathete er sich mit der reizenden Louise Rogée, welche er in Grafenort kennen gelernt hatte; sie war der Liebling des Breslauer Publicums, eine vorzügliche Künstlerin voll Anmuth, Grazie und hinreißender Natürlichkeit. Ihr Talent und der Umgang mit dem originellen Theaterfreund und Schriftsteller Karl Schall, dem schlesischen Fallstaff, der in seinem dicken Körper eine Fülle von Geist, Witz und Kenntnissen beherbergte, waren von dem größten Einflüsse auf Holtei’s Entwickelung und ermunterten ihn zu neuen Arbeiten. Besonders verdankte er dem kritischen Schall eine tiefere Einsicht in das Wesen der dramatischen Dichtung und des Vortrags, indem der unförmliche Freund mit bezaubernder Wirkung die Meisterwerke Shakespeare’s las und somit Holtei’s Vorbild als Vorleser wurde.

Ein Streit über das Auftreten einer Seiltänzergesellschaft in Breslau, den der Dichter mit allzugroßer Leidenschaftlichkeit führte,, verleidete ihm und seiner Gattin den bisherigen Aufenthalt. Beide siedelten nach Berlin über, wo Louise bald ein beliebtes Mitglied des Hoftheaters wurde, während Holtei durch seine „Wiener in Berlin“ die Residenz entzückte. Der gemüthliche Ton des kleinen Liederspiels, die heiteren Melodien, welche er zuerst nach dem Norden geschickt verpflanzte, hatten einen ungemeinen Erfolg und machten seinen Namen populär; er schien und war auch in der That berufen vor Allen, dieses heitere Genre in Deutschland anzubauen.

Das Glück lächelte ihm, wie so oft im Leben, um ihn durch [38] nachfolgendes Mißgeschick desto tiefer zu beugen, ohne jedoch seine elastische Natur zu besiegen. Seine allgemein geachtete und geliebte Gattin starb nach einem kurzen Krankenlager mit Hinterlassung eines Sohnes und einer Tochter.

Nach ihrem Tode nahm Holtei bei dem neu eröffneten Königsstädter Theater, das von einer Gesellschaft wohlhabender und einflußreicher Geschäftsmänner gegründet wurde, die Stelle eines Theaterdichters an. Als solcher erwarb er sich zunächst das Verdienst, das Engagement der berühmten Sonntag durchgesetzt zu haben; zugleich bereicherte er das Repertoir der neuen Bühne mit einer Reihe größerer und kleinerer Lustspiele und Vaudeville’s, von denen besonders „der alte Feldherr“ und die vaterländische „Leonore“ einen wohlverdienten Anklang fanden. Durch ganz Deutschland wurden seine Lieder gesungen, füllten seine Stücke die Cassen der Theaterdirectoren, während der Dichter selbst arm blieb und sich nur mit dem unfruchtbaren Lorbeer begnügen mußte. Unverdrossen arbeitete Holtei mit rastlosem Fleiße, indem er eine Sammlung lyrischer Gedichte und mehrere „Lieder in schlesischer Mundart“ veröffentlichte, die zu dem Schönsten gehören, was die naive Volkspoesie in der neueren Zeit aufzuweisen hat. Auch führte er seinen längst gehegten Vorsatz durch, als öffentlicher Vorleser in Berlin aufzutreten. Vor einer zahlreichen und gewählten Versammlung trug er mit steigendem Erfolge einen Cyklus Shakespearescher Dramen vor, wobei er ein feines, tiefes Verständniß des großen Dichters bekundete und vorzugsweise in den komischen Partieen eine bedeutende Wirkung erzielte. Dieser Erfolg ermunterte ihn zu einem Ausfluge nach Weimar, wohin er eingeladen wurde, um ebenfalls eine Reihe von Vorlesungen zu halten. Holtei fand eine wahrhaft glänzende Aufnahme, besonders in dem Hause Goethe’s, dessen unglücklicher Sohn sein warmer Freund wurde und auch bis zu seinem frühen Tode blieb.

Sein vielseitiges Talent und besonders seine liebenswürdige Persönlichkeit verschafften ihm auch in Berlin zahllose Gönner und Freunde, zu denen das Beer’sche Haus, die Dichter Chamisso, Wilibald Alexis, Uechtritz, Hitzig, das Künstlerpaar Wolf etc. gehörten. Außerdem fehlte es ihm nicht an Zerstreuungen, die er in einem Kreise origineller, genialer Männer fand, die sich in einem damals renommirten Weinkeller versammelten und dem heilem Lebensgenuß nicht immer in der maßvollsten Weise huldigten, wie er selbst mit liebenswürdiger Offenheit in seinen Bekenntnissen gesteht.

Unterdeß hatte die Königsstädtische Bühne nach einer kurzen und glänzenden Blüthezeit die von ihr gehegten Erwartungen eines Volkstheaters nicht erfüllt; die reichen Geschäftsmänner zogen sich zurück und überließen die Leitung des Institutes einem Director, zu dem Holtei von Anfang an in eine schiefe Stellung gerieth. Er verließ deshalb mit seiner zweiten Gattin, der talentvollen Julie Holzbecher, Berlin, um in Darmstadt unter Küstner ein vortheilhaftes Engagement anzunehmen. In Folge der unterdeß eingetretenen Julirevolution löste sich jedoch die dortige Bühne wieder auf, so daß dem Künstlerpaar nichts übrig blieb, als nach Berlin wieder zurückzukehren und von Neuenn an dem Königsstädtischen Theater, jetzt natürlich unter minder günstigen Bedingungen, Beschäftigung zu suchen. Hier brachte er sein „Trauerspiel in Berlin“ mit großem Erfolge zur Aufführung, worin er in der Rolle eines Holzhauers, Namens „Nante“, von dem talentvollen Beckmann vortrefflich dargestellt, das Urbild jener komischen Figur schuf, welche unzähligemal nachgeahmt eine ganze Nante-Literatur nach sich zog. Außerdem schrieb er den Operntext „Des Adlers Horst,“ componirt von Gläser, und ein Schauspiel „Der dumme Peter“ für den berühmten Ludwig Devrient, die letzte neue Rolle, worin der geniale Künstler auftrat.

Trotz des Beifalls, der ihm zu Theil wurde, gefielen sich weder Holtei, noch seine Gattin in Berlin, wozu die ungünstigen Theaterverhältnisse wohl das Meiste beitrugen. Die alte angeborene Unruhe und Wanderlust ergriff ihn auf’s Neue, der bisher unterdrückte Wunsch, die Bühne wieder zu betreten, tauchte plötzlich mit unwiderstehlicher Kraft in seiner Seele auf. Wieder griff er nach dem Wanderstab und zog über Olmütz nach Wien, nachdem er zum Zwecke dieser Kunstreise eine Reihe größerer Schauspiele und kleinerer Possen verfaßt hatte. Das enthusiastische Publicum der heiteren Kaiserstadt nahm das Künstlerpaar mit wahrhafter Begeisterung auf; Monate lang füllten das Drama „Lorbeerbaum und Bettelstab“, die zierlichen Liederspiele „der schottische Mantel“ und „die weiblichen Drillinge“ das Theater bis auf den letzten Platz, so daß kein Billet mehr zu bekommen war. Nicht minder beifällig wurden das kleine Festspiel „die Wiener in Paris“ und unstreitig sein bestes Schauspiel „Shakespeare in der Heimath“ aufgenommen. Die österreichische Aristokratie empfing das Holtei’sche Ehepaar mit der ihr eigenen, liebenswürdigen Zuvorkommenheit; er selbst gab sich der Hoffnung hin, endlich einen angenehmen und seinen Wünschen entsprechenden Wirkungskreis gefunden zu haben. Aber das launische Glück kehrte ihm wieder einmal den Rücken; der Director des Josephstädter Theaters machte Bankerott, und Holtei sah sich gezwungen, das ihm liebgewordene, theuere Wien zu verlassen. Vorläufig fand er ein Asyl in dem alten Grafenort, auf dem Gute seines alten Gönners, des Grafen Herberstein; aber auch hier folgte ihm das Mißgeschick nach. Sein einziger Sohn aus erster Ehe, ein reizender, schöner Knabe von funfzehn Jahren, der nach langer Trennung den Vater besuchte, starb daselbst am Nervenfieber.

Der wandernde Schauspieler hatte so viel Zeit, ihn zu begraben und zu beweinen; er mußte ja neu eingegangene Gastspiele mit gebrochenem Herzen erfüllen, für sich und die Seinigen das tägliche Brod erwerben. Eine trostlose Zukunft lag vor ihm, da leuchtete ihm wieder ein freundlicher Hoffnungsstrahl. Ein Brief aus dem fernen Rußland forderte ihn auf, die Leitung des Rigaer Stadttheaters zu übernehmen; die Bedingungen waren so günstig und ehrenvoll, daß er nicht zögerte, anzunehmen. Er ließ es als Director weder an Fleiß, noch Umsicht fehlen, sodaß die von ihm gegründete Bühne gerechte Würdigung und Theilnahme fand. Aber der unerbittliche Tod entriß ihm seine edle Frau, welche mit weiblicher Hingebung Freud und Leid mit ihm getheilt; es litt ihn nicht länger an dem Ort, wo er sein Liebstes verloren. Gebeugt, aber nicht gebrochen, kehrte er nach der deutschen Heimath zurück, um Trost bei den alten Freunden zu suchen. Ueber Berlin eilte er nach dem theueren Grafenort, wo er in wohlthuender Einsamkeit seine „Grafenorter Briefe“ schrieb, einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des deutschen Theaters voll tüchtiger Winke und praktischer Erfahrungen.

Nachdem er seine in Riga zurückgelassene Tochter aus erster Ehe abgeholt und zu ihrer Großmutter nach Steiermark gebracht, nahm er, um in ihrer Nähe zu bleiben, die Stelle eines Gesellschafters bei seinem Gönner, dem Grafen Herberstein, auf dem Schlosse Eggenberg unweit Grätz in Steiermark an. Aber Holtei war nicht geschaffen, in einer solch’ abhängigen Stellung auszudauern, der Graf war trotz seines edlen Charakters launenhaft und konnte keinen Widerspruch vertragen. Ungeachtet der Dankbarkeit von der einen und der großmüthigen Freundschaft von der andern Seite wurde das gegenseitige Verhältniß mit jedem Tage lästiger, sodaß Holtei es endlich freiwillig löste. Diesmal wandte er sich nach Wien, wo er von dem Director Karl zu einer Reihe von Gastrollen engagirt wurde. Er trat in dem von ihm verfaßten Schauspiele „Hans Jörge“ auf und wurde von dem Publicum mit achtungsvollem Beifalle empfangen, ohne jedoch eine dauernde Stellung zu gewinnen. Einen weit größeren Erfolg erzielte er durch seine Vorlesungen; selbst der allgebietende Fürst Metternich öffnete ihm seinen Salon, wo Holtei mit dem größten Beifall unter Andern „Wallensteins Lager“ sammt der für fromme Katholiken leicht Anstoß erregenden Kapuzinerpredigt las.

Nachdem er seine indeß herangewachsene Tochter mit einem Arzte in Grätz glücklich verheirathet, griff er wieder zu dem Wanderstabe, um als Vorleser die Welt zu durchziehen. In Breslau überraschte ihn sein alter Freund, der bekannte Baron v. Vaerst, mit dem Vorschlage, die Leitung des dortigen Theaters als Dramaturg zu übernehmen. Nach manchem Bedenken siegte die alte Theaterlust; Holtei willigte darein, ohne jedoch auch hier die gewünschte Ruhe zu finden. Schon nach einem halben Jahre gab er seinen Posten auf, indem er einer Einladung nach Trachenberg in das gastfreie Haus des Fürsten Hatzfeld folgte, wo er unter angenehmen Verhältnissen an seinen Memoiren schrieb. Bald aber trieb ihn die Sehnsucht, den von seiner Tochter ihm indeß geborenen Enkel zu umarmen, wieder fort. Nach kurzem Aufenthalt bei den Seinigen zog der unstäte Wanderer, zu spät von dem Wunsche nach Erwerb beseelt, durch ganz Deutschland von Süd nach Nord, um als Vorleser ein kleines Capital auf die alten Tage und für seine Familie zu sammeln.

Ueberall, wo er erschien, in Dresden, Hannover, Berlin, Hamburg, Bremen etc., fand er alte, und neue Freunde, die ihm [39] sein Talent und seine Liebenswürdigkeit erwarb. An Beifall und an goldenem Gewinne fehlte es ihm nicht, aber der sorglose Künstler verstand es nicht, das Erworbene festzuhalten. Er theilte stets mit seinen Freunden großmüthig das Letzte, was er besaß.

Nach langer Wanderung ruhte er wieder einmal in Trachenberg, wo er stets mit offenen Armen bei den fürstlichen Freunden aufgenommen wurde, von seinen beschwerlichen Kreuz- und Querzügen aus. Dort überraschte ihn auch der Ausbruch der preußischen Märzrevolution und die mächtige Bewegung des Jahres 1848. Die nothwendigen Verirrungen der Zeit ließen den stets liberalen und freisinnigen Holtei als einen entschiedenen Gegner der Demokratie erscheinen und trugen ihm, wenn auch mit Unrecht, den Ruf eines „Heulers“ ein, worüber er selbst am meisten gutmüthig lächelte.

Seitdem lebt Holtei abwechselnd in Wien oder in Grätz bei seiner Familie, vorzugsweise mit literarischen Arbeiten beschäftigt. Aus dem reichen Schatze seiner theatralischen Erinnerungen und seines eigenen Wanderlebens schöpfte er seinen trefflichen Roman „die Vagabunden“, welchem in rascher Folge „Christian Lammfell“, „Ein Schneider“, und mehrere größere und kleinere novellistische Werke folgten, in denen sich ein reiches Gemüthsleben, ein psychologisch scharfer Blick und ein bedeutend realistisches Talent verrathen. Wie früher als dramatischer Schriftsteller, hat er sich jetzt als Novellist in kurzer Zeit eine hervorragende Stellung und einen wohlverdienten Ruf erworben. Außerdem veröffentlichte er neue Sammlungen seiner Gedichte, „die Stimmen des Waldes“, in dxnen sich ein gesunder Sinn für Natur und ein tiefes Gemüth bekundet; ferner vermehrte er beträchtlich seine „schlesischen Gedichte“, welche in einer neuen Auflage ebenfalls bei Trewendt erschienen sind.

Als Dichter besitzt Holtei eine seltene Fruchtbarkeit und Vielseitigkeit, eine wahrhaft bewunderungswürdige Leichtigkeit im Schaffen, der nur die Tiefe und der Fleiß gebricht, um stets Vollendetes zu haben. Seine dramatischen Arbeiten behaupten sich noch heute auf dem Theater; sie haben die Directoren reich gemacht und den Verfasser arm gelassen, was nur in Deutschland möglich war und zum Theil noch ist. Holtei’s Liederspiele sichern ihm eine Popularität, wie sie kein zweiter Dichter besitzt; sie werden vom Volke gesungen und sicher nie vergessen werden.

Nicht minder groß sind seine Verdienste um den deutschen Roman, dem er sich nur zu spät zugewendet hat. Seine „Vagabunden“ sind in ihrer Art ein Meisterwerk voll ursprünglicher Frische und mit köstlichem Humor durchwebt.

Als Vorleser nimmt er nächst Tieck den ersten Rang ein; selbst in Paris fand sein großes Talent Anerkennung, und der berühmte Benjamin Constant stattete Holtei seinen Dank dafür ab, daß er ihm die historischen Dramen Shakespeare’s aufgeschlossen und erst zugänglich gemacht habe.

Als Mensch zählt Holtei zu den liebenswürdigsten Persönlichkeiten; sein reiches Gemüth, seine nur zu oft getäuschte Gutmüthigkeit, selbst seine grenzenlose Sorglosigkeit verrathen ein treffliches, nur zu weiches und empfängliches Herz. Selbst seine Schwächen und Fehler, die er mit rührender Offenheit eingesteht, sind nur Flecken und Auswüchse einer edleren Natur, oder einer verfehlten Erziehung zuzuschreiben. Bezaubernd in der Unterhaltung erschließt er hier die ganze Fülle seines eigensten Wesens; man muß ihn lieben, wenn man ihn sieht und sprechen hört. Kein Schriftsteller in Deutschland zählt in allen Ständen so viele persönliche Freunde wie Holtei. Wo er anklopft und sein ehrliches, gutmüthiges Gesicht mit dem langen, graumelirten Barte zeigt, ist er willkommen bei Jung und Alt; denn wo er erscheint, ob als Mensch oder Schriftsteller, verbreitet er jene gemüthliche Heiterkeit, die trotz aller getäuschten Hoffnungen und traurigen Erfahrungen der Grundzug seiner Natur und der Zweck seines Lebens scheint.
M. R.


Das Nervensystem.
Nerven, Nervenknoten (Ganglien), Rückenmark, Gehirn.

Wo man an einem Geschöpfe Zeichen von Empfindung, Willen und willkürlicher Bewegung, von Gedächtniß und Verstand wahrnimmt, da wird man stets auch im Körper dieses Geschöpfes Organe antreffen, mit deren Hülfe jene Lebensäußerungen, aber immer nur durch Anregungen von außen oder innen, hervorgerufen werden. Nach der größern oder geringern Menge, sowie nach dem vollkommnern oder unvollkommnern Baue dieser Organe gehen jene Aeußerungen in höherem oder niedererm Grade vor sich; wo diese Organe ganz fehlen oder zur Arbeit untauglich geworden sind, da fehlen auch jene Aeußerungen. Es bilden nun diese Organe zusammen einen ziemlich complicirten Apparat, den man das Nervensystem nennt; er findet sich beim Menschen wie bei den Thieren und steht bei letzteren nur auf sehr verschiedener Stufe der Ausbildung, immer aber auf einer weit tieferen als bei dem Menschen. Doch ist dieses System auch bei den verschiedenen Menschenracen, Altern und Geschlechtern an Masse und Bau, und also auch in seiner Thätigkeit etwas verschieden. Man pflegt die Reihe von Vorgängen im lebenden Thier- und Menschenkörper, welche sämmtlich auf Thätigkeitsäußerungen des dem thierischen und menschlichen Organismus eigenthümlichen Nervensystems beruhen, „animalische Processe“ zu nennen und zu ihnen die Empfindung und Bewegung, sowie die Sinnes- und geistigen Thätigkeiten zu rechnen. Außerdem macht aber auch noch das Nervensystem, welches in seiner Einrichtung einem zwischen vielen Orten ausgespannten Telegraphennetze zu vergleichen ist, dadurch den Thier- und Menschenkörper zu einem innig verbundenen organischen Ganzen, daß es das harmonische Ineinandergreifen der Leistungen aller einzelnen Theile bewirkt.

Trotz dieser mannichfaltigen, durch das Nervensystem veranlaßten Processe ist die Masse desselben (die Nervensubstanz oder Neurine) in ihrer Grundlage doch blos aus zwei, aber nur durch das Mikroskop sichtbaren Formelementen, nämlich aus „Fasern“ und „Zellen“ aufgebaut, welche allerdings ganz bestimmte physikalische und chemische Eigenschaften besitzen, die aber, soweit die Forschung reicht, im Wesentlichen für jede Faser und jede Zelle dieselben sind. Für sich allein können also jene Elemente nicht die Bedingungen der Mannichfaltigkeit in den animalischen Processen enthüllen, wahrscheinlich aber in Folge der eigenthümlichen Verbindungen mit einander und mit andern Organen.

Die Nervenfasern, oder richtiger Nervenröhren, sind feine (gröbere und feinere, etwa den viertausendsten Theil eines Pariser Zolls im Durchmesser haltende), weiche, runde, elastische Fäden von verschiedener Dicke, die entweder markhaltige oder marklose sind. Die ersteren bestehen aus drei ganz verschiedenen Gebilden, nämlich aus einer äußerst zarten Hülle (Scheide), aus einer im Mittelpunkte gelegenen runden oder platten, weichen, aber elastischen Faser (der centralen oder Axenfaser) und aus einer zwischen Scheide und Axenfaser befindlichen zähflüssigen, ölartigen, fettreichen, weißen Schicht (Nervenmark oder Markscheide). Den marklosen Nervenröhren, welche in weit geringerer Menge als die markhaltigen im menschlichen Körper angetroffen werden, fehlt das zähe ölige Nervenmark. – Die Nervenzellen (Ganglienkugeln) sind größere oder kleinere bläschenartige Körperchen mit einem feinkörnigen, festweichen, oft gefärbten Inhalte und einem bläschenartigen Kern. Ihrer Form nach gibt es runde, spindelförmige und sternförmige Nervenzellen. Sie bestehen entweder für sich allein, oder hängen durch kurze Ausläufer und faserförmige Fortsätze unter sich zusammen, oder sie gehen direct in Nervenröhren über. Nur durch Vermittelung solcher Zellen treten Nervenröhren mit einander in Verbindung, niemals unmittelbar durch Verschmelzung. – Da wo Nervenröhren den Hauptbestandtheil der Nervensubstanz ausmachen, sieht dieselbe weiß aus, d. i. die weiße Nervenmasse, wo dagegen zahlreiche Nervenzellen bei einander liegen, bildet sich graue Nervensubstanz. An gewißen Stellen des Körpers ist nun die eine oder die andere dieser beiden Nervensubstanzen, oder auch beide mit einander vereinigt, in größerer Masse angehäuft. So findet sich ein großer rundlicher Klumpen von grauer und weißer Nervenmasse in der Schädelhöhle des Kopfes unter dem Namen „Gehirn“ vor, während jene beiden Substanzen im Canale der Wirbelsäule das strangförmige „Rückenmark“ aufbauen. Die Nervenröhren bilden dagegen, indem sich eine größere oder geringere Anzahl derselben an einander anlegt und [40] mit einer gemeinschaftlichen Hülle umgibt, weiße Fäden von verschiedener Dicke, welche „Nerven“ genannt werden und sich baumförmig (in immer feiner werdende Fädchen sich verzweigend) oder netzartig in fast allen Theilen des Körpers verbreiten, jedoch in dem einen Theile in größerer Menge als in dem andern. Hier und da hängen den Nerven grauliche Knötchen von verschiedener Größe an, welche „Nervenknoten“ oder „Ganglien“ heißen. Man pflegt das Gehirn und das Rückenmark auch als „Centraltheile“ oder „Mittelpunkte des Nervensystems“ zu bezeichnen, während die mit jenen Centraltheilen zusammenhängenden Nerven das „peripherische Nervensystem“ darstellen. Die Nervenröhren in den Nerven laufen ununterbrochen, ohne sich zu zertheilen oder mit andern Röhren zu vereinigen, vom Centraltheile, wo sie aus den Nervenzellen der grauen Masse hervorgehen, bis zu ihrer (peripherischen) Endigung in diesem oder jenem Organe fort. Diese Endigung ist aber eine freie, nachdem sich manche Röhren vorher noch in feine Aestchen zertheilt haben. – Die chemische Zusammensetzung der Nervensubstanz ist noch nicht ganz genau erforscht; zur Zeit weiß man nur, daß in derselben viel Eiweißsubstanz und phosphorhaltiges Fett vcrhanden ist.

Wenn in irgend einem Gewebe der Stoffwechsel (die Ernährung) durch gutes nahrhaftes und sauerstoffreiches Blut, sowie durch den richtigen Wechsel zwischen Thätigsein und Ruhen ordentlich erhalten werden muß, so ist es im Nervengewebe, welches deshalb auch ziemlich viel Blutgefäße besitzt. Daß das Nervensystem bei so vielen Menschen krank und in widernatürlicher Weise thätig ist, hat seinen Grund stets entweder in einer falschen Ernährung oder in einem unnatürlichen Arbeiten desselben. – Thätig kann nun aber das richtig ernährte Nervensystem nicht auf eigene Hand, aus eigenem Antriebe, sondern nur dann sein, wenn es dazu angeregt wird. Solche Anregungen, die entweder von der Außenwelt oder aus dem Körper selbst stammen können, nennt man „Nervenreize“ und die Fähigkeit des Nervensystems, auf diese Reize thätig sein zu können, „Nerven-Reizbarkeit, Erregbarkeit, Empfindlichkeit, Sensibilität.“

Der erregbare (lebende, leistungsfähige) Nerv wird sich natürlich zu Zeiten in Unthätigkeit (Ruhe). befinden, während er durch einen Reiz erregt in thätigen Zustand tritt. Während dieses letztern Zustandes sollte nach früheren Ansichten die Bewegung eines „Nervenäthers, Nervenfluidums, Nervengeistes, Nervenagens“ innerhalb der Nervenröhren stattfinden, während man sich nach den neuesten Entdeckungen (von Du Bois-Reymond) das Verhalten der Nerven beim Thätigsein auf ähnliche Weise denken kann, wie bei einem (Telegraphen-) Drahte, durch den ein elektrischer Strom geleitet wird und der, trotz der Wirkungen, die er vermittelt, doch keinerlei Bewegung wahrnehmen läßt. Und allerdings scheint auch alle Nerventhätigkeit auf elektrischen Vorgängen zu beruhen, die Elektricität das thätige Agens im Nervensysteme und das elektrische Verhalten des Nerven das bedingende Moment für seine Thätigkeit zu sein. Auch ist die Elektricität der kräftigste, wirksamste Reiz für die Nerven. Außerdem können die Nerven-Reizungen noch sein: psychische und sinnliche (durch den Willen und das Gemüth, durch Licht, Schall u. s. w.), mechanische (durch Stechen, Kneipen, Zerren u. s. f.), chemische (durch Aetzmittel, Alkohol) und thermische (durch Kälte und Hitze). – Was die Nerven-Reizbarkeit betrifft (d. h. die Fähigkeit des Nerven, durch irgend einen der Reize in den Erregungszustand überzugehen), so ist diese unter verschiedenen Verhältnissen von verschiedener Stärke; sie kann, in Folge äußerer und innerer Einwirkungen, auf längere oder kürzere Zeit, widernatürlich vermehrt oder vermindert, oder wohl auch vollständig aufgehoben (gelähmt) sein. Wohl stets ist dabei die Ernährung und somit der Bau (die physikalische und chemische Constitution) des Nervengewebes in irgend einer Weise gestört und deshalb bei Behandlung solcher Nervenleiden hauptsächlich nach Regulirung des Stoffwechsels im kranken Nervengewebe zu streben. Es versteht sich übrigens wohl von selbst, daß in einem reizbaren Nervensystem derselbe Reiz eine weit stärkere Erregung hervorrufen muß, als sonst im gesunden oder gar im reizloseren Nervensystem.

Bei aller naturgemäßen Reizbarkeit und Reizung des Nervensystems würde dasselbe nun aber doch seine Thätigkeit nicht zur Erscheinung bringen können, wenn es nicht mit Apparaten (Organen) im Zusammenhange stände, in denen das gereizte reizbare Nervensystem bestimmte Erscheinungen hervorzurufen im Stande wäre. Diese Apparate sind an den äußeren (peripherischen) Enden der Nervenröhren angebracht, während die inneren (centralen) Enden derselben in den Nervenmittelpunkten mit den Nervenzellen in Verbindung stehen. Es sind jene Apparate entweder zusammenziehbare (Muskel- oder Fleisch-)Fasern, welche die Bewegungen veranlassen, oder eigenthümliche Vorbaue (Sinnes- und Empfindungsorgane), welche durch ganz bestimmte Reize (wie Licht- und Schallwellen u. s. w.) die Hervorrufung eines bestimmten Erregungszustandes in den Nervenfäden der Vorbaue zu vermitteln bestimmt sind. Wie bei einem elektrischen Telegraphendrahte lassen sich also auch an jeder Nervenfasser zwei Enden unterscheiden, das eine, von dem aus die Faser in den Zustand der Erregung versetzt wird, der in ihr sich fortpflanzt, und das andere, durch welches dieser Erregungszustand in dem mit diesem zweiten Ende zusammenhängenden Apparaten die verschiedenen Erscheinungen hervorruft. Diejenigen Nervenfasern, bei denen das innere (centrale) Ende zur Aufnahme der Erregung bestimmt ist und die Fortpflanzung derselben nach dem äußern (peripherischen) Ende hin stattfindet, nennt man „centrifugal leitende“ oder auch, weil sie in Bewegungsapparaten endigen und Bewegung veranlassen, „motorische oder Bewegungsfasern“. Wo dagegen die Reizung am äußeren (peripherischen) Ende der Faser stattfindet und die Leitung nach dem Nervencentrum hin geschieht, da heißt die Nervenfaser eine „centrifugal leitende“ und, wenn sie im Bewußtseinsorgane (Gehirn) endigt, eine „sensitive oder Empfindungsfaser“. In den Centraltheilen des Nervensystems können die verschiedenen Fasern mit Hülfe der Nervenzellen ihren Erregungszustand auf einander übertragen, und daher kommt es, daß Reizung centripetal leitender Fasern durch die Uebertragung (Reflex) auf centrifugal leitende auch Bewegungen (sogenannte Reflexbewegungen), oft sogar sehr zweckmäßige, veranlassen können, ohne daß eine Empfindung dabei stattzufinden und der Wille die Bewegung veranlaßt zu haben braucht (wie z. B. das Wegziehen des Beines bei Kitzeln der Fußsohle selbst im Schlafe). Durch das Rückenmark und in den Nervenknoten (Ganglien) werden auf diese Weise (durch Reflex) eine Menge unwillkürlicher Bewegungen vermittelt.

Beim Menschen läßt sich das ganze Nervensystem seiner Thätigkeit nach in zwei große Abtheilungen trennen, die aber an vielen Stellen mit einander in Verbindung stehen und deshalb auf einander einwirken können. Die eine dieser Abtheilungen vermittelt die mit Bewußtsein und Willkür vor sich gehenden Erscheinungen, es ist dies das sogenannte „animale oder Hirnnervensystem“. Die andere Abtheilung steht den unwillkürlichen und unbewußten, zur Ernährung des Körpers dienenden Thätigkeiten vor und begreift das „Rückenmarks- und Ganglien- oder vegetative Nervensystem“ in sich. Jedes dieser beiden Nervensysteme läßt sich der Wichtigkeit seiner Funktionen nach wieder in zwei Abtheilungen scheiden; nämlich das animale, dessen Mittelpunkt das Gehirn ist, in das „sensoriell-psychische“ Nervensystem, von welchem die Sinnes- und Geistesthätigkeiten abhängen, und in das „sensitiv-motorische“, welches der Empfindung und unwillkürlichen Bewegung vorsteht. Das vegetative Nervensystem läßt sich trennen: in das „spinale oder Rückenmarks-Nervensystem“, durch welches die complicirteren unwillkürlichen Vegetationsprocesse (wie das Athmen, die Herzthätigkeit, Verdauung, Harnausscheidung) zu Stande kommen, und in das „sympathische, Ganglien- oder vasomotorische (röhrenbewegende) Nervensystem“, welchem die Bewegung der engern Canäle (wie der Blut- und Lymphgefäße, der Ab- und Aussonderungscanälchen der Drüsen) übertragen ist. In allen diesen Abtheilungen findet wahrscheinlich eine centripetale, centrale und centrifugale Thätigkeit statt. Im Hirnnervensysteme besteht die centripetale Action in Zuleitung von Empfindungen der verschiedensten Art (hauptsächlich durch die Sinnesorgane); die centrale Action beruht dagegen theils in Verarbeitung der zugeleiteten Empfindungen zu Vorstellungen, Begriffen, Urtheilen, Schlüssen (im Denken, Verstandbilden) und Willen, theils in Uebertragung der Reizung von den Hirn-Empfindungsnerven auf Bewegungsfasern; die centrifugale Action in Erregung willkürlicher, unter Umständen aber auch unwillkürlicher, bewußter und unbewußter Bewegungen. Im Rückenmarks- und Ganglien-Nervensystem werden dagegen in Folge der Zuleitung von Reizung zum Rückenmark und den Ganglien (d. i. die centripetale Action) und durch Uebertragung derselben innerhalb dieser Centraltheile auf Bewegungsfasern (d. i. die centrale [41] Action) nur unwillkürliche Bewegungen hervorgerufen (d. i. die centrifugale Action).

Welcher Art nun aber die Vorgänge sind, welche in den Nervenzellen der Nervencentra (zumal im Gehirne bei Entwickelung der sogen. geistigen Thätigkeiten) stattfinden, und worin der durch Reizung in den Nervenröhren erregte und fortgepflanzte Zustand besteht, das hat bis jetzt die Wissenschaft noch nicht entdecken können. Trotzdem sind aber doch die im Menschen herrschenden Nervengesetze zum großen Theile nicht unbekannt und können zu Gunsten des körperlichen wie geistigen Wohlseins verwendet werden. Denn die Mechanik des Nervensystems vollzieht sich ebenso regelrecht und gesetzlich, als die himmlische Mechanik des Sternenlaufs, nur daß dieselbe noch nicht ihren Newton oder Laplace gefunden hat, welcher ihrer verwickelten Gesetze Herr geworden wäre. – Daß aber die Wissenschaft, wenn vielleicht auch erst nach Jahrhunderten, das innere Getriebe der Nervenvorgänge immer begreiflicher und durchdringlicher machen wird, steht nach dem, was sie bis jetzt in diesem Punkte schon geleistet, wohl ziemlich fest. Und damit wird die Grenze, bei welcher das Wissen aufhört und das Glauben anfängt, immer weiter hinausgerückt werden.
Bock.


Londoner Zustände.
Von Dr. v. Franck.
Das Gefängniß der Königin (Queen’s Prison).

Ich müßte weit mehr Raum in Anspruch nehmen, als mir die „Gartenlaube“ gestalten kann, wollte ich die wunderlichen Ccntraste, wie sie durch englische Zustände und englisches Leben geboten worden, zu einem runden und ausdrucksvollen Bilde gestalten. Nirgends aber zeigen sich diese Gegensätze schärfer, nirgends sind sie augenfälliger, unglaublicher, als in der englischen Rechtspflege und in Allem, was mit dieser zusammenhängt. Zwischen rostige und schimmelige, uralte, veraltete und doch nicht aufgehobene Gesetze werden funkelnagelneue eingepfercht, welche durch eine oder die andere in der letzten Session des Parlamentes glücklich durch beide Häuser gegangene Bill in’s Leben gerufen worden sind. Diese modernen, aus dem fortschreitenden Geiste des Jahrhunderts geborenen Gesetze nehmen sich nun, auf das Prokrustes-Bett des alten Schlendrians gelegt, oft ganz sonderbar aus, und eben so schneiden auch die uralten Gesetze, diese Buchstabentyrannen, oft die possirlichsten Gesichter, wenn sie in die Hände der vom Geiste der Zeit angewehten Juries gelegt werden. Da kommen denn bisweilen die abnormsten und unglaublichsten Dinge zur Welt. So wurde z. B. erst kürzlich eine Eisenbahn-Compagnie sachfällig. Die Juries sprachen dem bei einer Eisenbahn-Collision beschädigten Kläger der Eisenbahngesellschaft gegenüber den Anspruch auf Entschädigung zu und verurtheilten demgemäß die besagte Compagnie zu einem Schadenersatze im Betrage von einem Farthing (dem vierten Theile eines Pfennigs).

Doch wir wollen Einzelheiten für jetzt bei Seite legen und uns heute nur mit dem großartigen Schuldgefängniß (Gefängniß der Königin, Queen’s Prison, genannt) beschäftigen, dessen Eigenthümlichkeiten jedenfalls interessant sind, wenn auch dabei Mißbräuche in Masse mit unterlaufen. Möchte der Beseitigung derselben bald auch die des ganzen veralteten barbarischen Schuldgefängnißsystems, das eines constitutionellen Staates unwürdig ist, auf dem Fuße folgen.

Wir treten in das Gefängniß der Königin, nachdem wir in St. Georges Road (an der rechten Seite der Themse) eine haushohe, mit sogenannten spanischen Reitern gekrönte Mauer umgangen haben und durch den unheimlichen Eingang in eine Art Vorhalle gelangt sind. Bevor wir eingetreten sind, haben wir nicht versäumt die Warnungstafel zu lesen, welche uns mit Geldbuße oder Gefängnißstrafe bedroht, falls wir es uns etwa beikommen ließen, in unseren Rocktaschen Contrebande zu verbergen, d. h. wie immer Namen habende gebrannte geistige Wässer. Wir müssen also darauf gefaßt sein, daß wir vor dem Einlasse am Leibe durchsucht werden, – wir sehen indessen so respectabel aus, daß man uns ohne diese Formalität eintreten läßt. Ehe wir aber den Namen des Schuldgefangenen, welchen wir zu besuchen gedenken, an des Pförtners Comptoir angeben, wollen wir uns erst über die Bedeutung des Gefängnisses, das wir zu betreten im Begriffe stehen, einige Rechenschaft ablegen.

Das Gefängniß der Königin (Queen’s Prison oder Queen’s Bench Prison, wie es auch genannt wird) ist nicht, wie Viele glauben, ein gewöhnliches Schuldgefängniß. Die beiden Hauptetablissements dieser Art befinden sich in Whitecroß-Street und in Horsemonger-Lane, und Niemand wird Schulden halber direct nach Queen’s Prison verpflanzt. Das Gefängniß der Königin ist ein privilegirtes Gefängniß; wer dort zu wohnen wünscht, muß in der Lage sein, sich für beiläufig 3 Pfd. Sterl. ein sogenanntes Habeas Corpus zu verschaffen, welches ihm auf die Ehre Anspruch gibt, bei Ihrer Majestät zu Gaste eingesperrt zu sein. Sind nun gleich die Privilegien, deren man im vorigen Jahrhunderte und noch in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts in Queen’s Prison theilhaftig war, bedeutend geschmälert worden, so ist doch der Abstand zwischen der Bequemlichkeit, welche das Gefängniß der Königin bietet, und der traurigen Lage, in welcher sich die Bewohner gewöhnlicher Schuldgefängnisse befinden, so groß, daß wohl jeder Zahlungsunfähige nach den drei Pfund Sterling seufzt, welche ihm zum Besitze eines „Habeas Corpus“ verhelfen könnten.

Nun ich die Pflicht erfüllt habe, meine Leser mit der Bedeutung des Hauses bekannt gemacht zu haben, in das ich sie einführe, darf ich wohl dem strengen Pförtner, der mich schon von seinem erhöhten Comptoir aus mit stereotyper Amtsmiene fragend angeblickt hat, den Gefangenen nennen, den ich zu besuchen gedenke, und – wenn mich nicht Discretion verhindern würde, diesen Namen allzulaut auszusprechen, so würden meine Begleiter nicht wenig staunen, den Namen eines der geistreichsten, gelesensten und beliebtesten englischen Schriftsteller zu vernehmen. Doch würden sie diesen interessanten Mann persönlich kennen, wie ich ihn kenne, so würden sie sich über seine Anwesenheit in Queen’s Prison vielleicht weniger wundern. Der verehrte Freund, von welchem ich spreche, ist eben einer von jenen vortrefflichen Menschen, denen von allen geselligen Tugenden nur eine fehlt, – ich meine: – die Fähigkeit zu einer richtigen Berechnung und Vertheilung der pecuniär-strategischen Streitkräfte im großen Lebenskampfe. Obgleich die Einkünfte dieses Mannes groß genug wären, um in einem eigenen Gig an der Seite eines eleganten kleinen Bengels in Livree durch den Hyde-Park zu kutschiren, – so geräth er doch regelmäßig von Zeit zu Zeit in das Labyrinth gewisser pecuniärer Unregelmäßigkeiten, aus welchen er sich zwar jedesmal am Ariadnefaden seines bedeutenden Schriftstellertalentes in der ehrenhaftesten Weise wieder herausfindet, – welche ihn aber doch nun schon zum zweiten Male zu einem der unfreiwilligen Gäste der Königin in Queen’s Prison gemacht haben. Wie das erste Mal, so wird er sich auch diesmal in wenigen Wochen wieder herausgeschrieben haben, – denn er hat unbegrenztes Terrain in Englands ersten Magazinen und Tageblättern, – aber für heute haben wir ihn einmal hier; und sein Name verschafft mir den Vortheil, meine Leser in das Innere dieses Gefängnisses einführen zu können.

Nachdem wir durch ein Eisengitter eingelassen worden sind, sehen wir uns urplötzlich in einem ungeheueren Hofraume, oder vielmehr auf dem Hauptplatze eines ganzen Stadttheiles. Auf einer Seite ist dieser Platz von einer riesigen Mauer, auf den anderen von Wohngebäuden umgeben. Die Nordseite dieses großen wunderbar belebten Platzes bilden die von den Schuldgefangenen bewohnten Häuser. Diese Wohngebäude stehen aber offen, sie besitzen keine Thore zum Schließen, und man gelangt, wie allenfalls in Casernen, vom Hofe unmittelbar und ungehemmt in die Stiegenräume. Ueber den thürlosen Hauseingängen sieht man die Nummern der Häuser mit weißen Ziffern auf dunklem Grunde in kleinen schwarzen elliptisch geformten Feldern. Haben wir erst eines dieser Häuser betreten, so wird es uns klar werden, warum man uns die Wohnung meines Freundes mit zwei Nummern bezeichnete, denn jede Thüre im Innern des Hauses hat wieder ihre Nummer, so daß die eine Nummer die des Hauses, die andere die des Zimmers [42] bezeichnet. Vor Allem wollen wir die Gesellschaft mustern, welche diesen großen Platz belebt.

Hier findet man alle Stände vertreten, alle Schattirungen des großen socialen Farbendreieckes; doch scheinen alle diese Gefangenen für die Zeit ihres unfreiwilligen Aufenthaltes in diesem Städtchen von den Vorurtheilen der Standesverschiedenheit frei zu sein, die wenigen Gefangenen ausgenommen, die, gleich meinem verehrten Freunde, es vorziehen, in ihren Zimmern zu verbleiben, – schamhafte Gäste von Queen’s Prison, welche keine neuen Bekanntschaften zu machen wünschen, und denen es etwas genant erscheinen würde, wenn sie dereinst in Regent-Street oder New-Bond-Street von irgend einem zweideutigen Elegant bei der Hand genommen und in cordialer Vertraulichkeit an die schönen Tage von Aranjuez erinnert würden. Diese Schamhaften geben sich der nöthigen Leibesbewegung im Hofraume erst Nachts hin; denn keinerlei verschlossene Pforte, keinerlei Eisengitter hindert sie, zu irgend einer Zeit des Tages oder der Nacht innerhalb der hohen Mauern, welche die ganze Colonie von der Außenwelt absondern, ihre volle Freiheit zu genießen. Die Personen aber, welche den Hofraum bei Tag beleben, gehören insgesammt den im Kampfe des Lebens mehr abgehärteten Streitern aller Classen an. Hier sehen wir zwei junge ehemalige Dandies Arm in Arm, die Cigarre im Munde, sorglos plaudernd auf- und abgehen. Sie tragen einst elegant gewesene, nun aber schon sehr abgeschabte Morgen-Negligees. Gold- oder silbergestickte Mützen von zweideutig gewordener Farbe sind nachlässig über das nicht allzu sorgfältig cultivirte Haar geworfen, während die einst so fashionablen Bärte bedeutende Spuren von Verwilderung an den Tag legen. Aber ihre Stiefeln sind blank und glänzend, ihre Cigarren sind echte Havannahs und haben fünf Pence pro Stück gekostet. Dort bewegt sich ein sehr beleibter Kornspeculant in Gesellschaft eines etwas zweideutigen Solicitors (ein Mittelding zwischen Advocat und Agent), der aber auch in Queen’s Prison sein weißes Halstuch, seinen schwarzen Frack und seine goldene Brille beibehalten hat. Sie grüßen zwar freundlich rechts und links, aber sie ziehen es vor, unter sich zu sein, denn sie haben sich Manches zu sagen, das nicht Jedermann zu wissen braucht. Dort schmaucht ein wohlbeleibter alter Herr in geblümtem, seidenem Schlafrocke recht jovial und selbstgefällig sein Morgenpfeifchen; auf seiner linken Hand sitzt ein Papagei, der an Farbenpracht mit dem besagten Schlafrocke wetteifert. Man sieht es diesem Manne an, daß er eines der beliebtesten Mitglieder in irgend einem Club alter Lebemänner in der City ist. Wenn ihn aber seine Schildkrötensupp- und Sherry-Freunde nicht bald aus dem Spinnennetze befreien, in das er gerathen ist, so wird er, fürchte ich, vergessen werden (obgleich er ohne Zweifel, mit allen seinen Clubgenossen an einer wohlbesetzten Tafel sitzend, in der Stereoscopic Company. Cheapside, photographirt worden ist), – denn Niemand besitzt ein kürzeres Gedächtniß als ein englischer Tischfreund.

Wer aber ist diese wohlbeleibte, rothgefärbte Frau, welche manche der Gefangenen so freundlich, manche derselben so zweideutig und wieder manche gar nicht grüßt? Wer ist die schmutzig gekleidete, hagere Frau, die ihr folgt? Wir erfahren dies zwar erst später von meinem gefangenen literarischen Freunde, – aber meine Leser sollen es schon jetzt wissen. Die Dicke ist die wohlthätige Fee der Colonie. Sie ist es. welche für fünf Schillinge per Woche die nackten, weißübertünchten Wände der fast leeren Gefangenenzimmer in ganz gemächlich und gemüthlich bewohnbare Sitz- und Schlafzimmer umwandelt; sie ist es, die, wenn man noch einen und einen halben Schilling hinzufügt, eine mit glänzenden Metallknöpfen beschlagene grüne zweite Thüre im Innern des Gemaches improvisirt, so wie auch die Fenster mit Draperien und Vorhängen versieht. Ihre hagere Begleiterin ist einer der dienstbaren Geister der Colonie, sie ist ein fast ätherisches Wesen, das für drei oder vier Schillinge in der Woche alle häuslichen Dienste zu leisten bereit ist, die da heißen: Essen herbeiholen, Stube reinigen, Feuer anschüren, Geschirre spülen etc. An diese zwei unentbehrlichen Personen reiht sich noch eine dritte: ein alter, ärmlich gekleideter Mann, der kurze Hosen mit Kamaschen trägt und sich erbietet, für einen Schilling in der Woche täglich die Stiefeln in zwei glänzende Spiegel zu verwandeln. Dieser Mann bewohnt das Gefängniß der Königin schon seit einer Reihe von Jahren, und zwar blos weil er sich standhaft weigert, dreißig Pfund Sterling zu bezahlen, während er, wie man behauptet, zehnmal so viel im Vermögen hat. Je nun, der Platz gefällt ihm, sein Geschäft geht gut, – das Gefängniß der Königin kann ihn nicht los werden.

Dort an der hohen, düsteren Mauer, die allein an ein Gefängniß erinnert, sind große runde Scheiben und Kreise angemalt, wie für ein Preisschießen, und unter denselben sieht man fortlaufende Nummern. Es erinnert dies an die Stückchen Zucker, die man dem gefangenen Vogel an seinen Bauer zu stecken pflegt. Dreißig bis vierzig lustige Zeisige jedes Alters und Standes erlustiren sich dort gleich Schulknaben an dem in England so beliebten Racket-(Volant-)Spiel, denn dieses Vergnügen gehört hier zu den erlaubten Zeittödtungsmitteln, während Karten- oder Würfelspiel auf das Strengste verpönt sind. Aus dem bisher Gesagten ersehen meine Leser wohl, daß das Gefängniß der Königin nichts weniger als ein schauerlicher Kerker ist und daß sich mit leichtem Sinne begabte Gefangene gar wohl damit befreunden mögen. Dessen ungeachtet aber soll das Hauptgespräch aller dieser bunt durcheinander gewürfelten Menschen sich größtentheils um das Thema ihrer bald bevorstehenden Befreiung drehen. Durch Wochen, durch Monate, durch Jahre erzählen sich diese Leute täglich einander, daß sie nächste Woche ganz gewiß freikommen werden, und gar Mancher stirbt in Queen’s Prison, der schon seit fünf oder wohl gar zehn Jahren ganz sicher in der nächsten Woche freikommen sollte.

Die gegenwärtigen Statuten gestatten jedem einzelnen Schuldgefangenen täglich eine Maß (Pot) Bieres (gleichviel wie stark) oder eine Pinte Weines. Die Controle wird mittelst eines großen Buches geführt, in welches bei jedesmaliger Verabfolgung des geistigen Getränkes der Name des Empfängers eingetragen werden muß. Branntwein ist strengstens verboten. Trotzdem aber kann ein Gefangener auch jetzt sehr wohl eine Abendgesellschaft geben, worin unzählige Maße oder Pinten vertilgt werden, und der Schlüssel zu diesem Räthsel liegt einfach darin, daß die Namen der armen Teufel, die keine geistigen Getränke zu bestreiten vermögen, statt derer der bemittelten Konsumenten einregistrirt werden. Wenn Hamilton Esqu. oder wohl gar Sir Derbywater Freunde bei sich sieht, so figuriren an diesem Tage all die armen Brown’s und Smyth’s und Robinson’s als comfortable Weintrinker im großen Buche. Was nun vollends den Branntwein betrifft, so ist dieser ebenfalls sehr leicht zu bekommen, nur zum fünffachen Preise, als Contrebande. Man ist eben im Innern von Queen’s Prison immer noch in England, wo der Reiche alle Freiheiten genießt, während der Arme im Interesse der Moral und der Staatskirche streng gehalten wird. Und sind in Queen’s Prison nicht eigentlich diese Armen die allein Bedauerungswürdigen, sind sie nicht die Ehrlichsten unter den Schuldgefangenen?

Kommen wir aber zur Hauptsache: Ist es nicht beklagenswerth, daß in einem Lande, dem durch Volksvertretung scheinbar jeder Weg zur Reform offen steht, die Rechtspflege noch in den Kinderschuhen einherwandelt? Ich will von den englischen Militärgerichten mit ihrer neungeschwänzten Katze und mit ihrer Brandmarkung der Deserteure für jetzt schweigen, ich will ein Criminalverfahren unbesprochen lassen, das Leute an den Galgen hängt, die in Preußen oder Oesterreich zu fünf- bis zehnjähriger Kerkerstrafe verurtheilt würden, – ich will die Handhabung der Civilrechtspflege, die für den Unbemittelten gar nicht vorhanden ist, bei Seite liegen lassen; – denn diese Schilderung soll die Grenzen von Queen’s Prison nicht allzuweit überschreiten, – – aber eine Frage sei mir gegönnt: Ist es nicht auffallend, daß in dem freien constitutionellen England es noch heutzutage möglich ist, einen Menschen wegen einiger Pfund, die er schuldet, durch zwanzig, – dreißig Jahre, – ja lebenslänglich eingekerkert zu sehen, – und nicht etwa in Queen’s Prison, das ich eben geschildert, sondern in wirklichen Kerkern, wie in Whitecroß-Street oder in Horsemonger-Lane?

Es sei mir gestattet, heute nur zwei der letzten Zeit angehörige Fälle kurz anzudeuten, die das Faule in dem englischen Schuldgefängniß-Systeme deutlich an den Tag legen. Was ich hier mittheile, ist buchstäblich wahr.

Vor einigen Jahren wurden zwei durch Schönheit und Bildung ausgezeichnete junge Mädchen von guter Familie, die verwaist waren und eben die Erbinnen eines nicht unbeträchtlichen Vermögens geworden waren, durch ein Gerichtsverfahren, von welchem sie nichts verstanden, nach dem Gefängnisse der Königin verpflanzt. Von diesem Detentionsorte aus suchten sie sich Rechtsvertreter zu [43] verschaffen, allein ihre Verlassenheit, ihre Unerfahrenheit ließ sie fort und fort in die Hände solcher Rechtsanwälte gerathen, wie sie in London nur allzuhäufig zu finden sind, – deren Hauptsorge nur darin besteht, gehörige Kostenberechnungen zu fabriciren und die ihnen anvertraute Angelegenheit in ihrer Ruhe nicht zu stören. Die Herren der Kanzlei, deren Pflicht es eigentlich wäre, solchen Uebelständen gründlich abzuhelfen, machten nach dem alten Schlendrian nur jeden Monat einmal ihren Besuch in Queen’s Prison, begnügten sich damit, die beiden Damen freundlichst nach ihrem Befinden zu befragen, und sich dann erst im nächsten Monate wieder an sie zu erinnern. In dieser Weise schwanden Jahre dahin, die einst so blühenden und reizenden Mädchen welkten dahin, ihre Freunde vergaßen sie, ihre Angehörigen starben, sie wurden alte Jungfrauen. Da brachte die Vorsehung kürzlich ihre Angelegenheit zur Kenntniß eines Parlamentsmitgliedes, der ein Jugendfreund ihres verstorbenen Vaters gewesen war. Dieser edle Mann hat nicht sobald die Lage erfahren, in welcher sich die beiden jungen Damen befinden, als er auch sogleich zu ihrer Hülfe herbeieilt und sich ihrer Angelegenheit thätig annimmt. Seine Kenntniß der Gesetze macht es ihm möglich, die Spinngewebe der Rechts-Chicanen, in welchen diese beiden unschuldigen Opfer gefangen sind, zu beseitigen, und ehe zwei Monate vergehen, hat er sie nicht nur aus Queen’s Prison befreit, sondern sie auch in den Besitz ihres Vermögens gesetzt. [1]

Der zweite Fall, den ich in Kürze andeuten will, ist noch viel empörender: Vor vierundvierzig Jahren lebte ein junger Handwerker mit seiner Schwester in einem Dorfe Südenglands. Das Mädchen wurde durch einen reichen Fleischer verführt, und dieser, die Rache des damals rüstigen und energischen jungen Mannes fürchtend, ließ ihn auf eine gefälschte Schuldverschreibung hin in das Gefängniß von Winchester werfen. Der Gefangene war arm, machtlos, und es war nur ein Weg offen, um ihm zu seiner Freiheit zu verhelfen: er mußte sich zur Schuld bekennen, sich für insolvent erklären und „durch den Court gehen“ – wie sie im englischen Gerichtsjargon sagen. Allein er weigerte sich standhaft, dies zu thun, weil er in der That nichts schuldete und er nicht einen Meineid begehen wollte. Jahre schwanden hin, – seine Verfolger starben, – aber er blieb ein Gefangener. Die Formalität, die ihn befreien konnte, war im Widerstreite mit der Wahrheit und seinem Gewissen. Da die Gefängniß-Autoritäten seiner müde waren, quälten sie ihn auf alle Weise, hielten ihn einmal durch vier Jahre in strenger, einsamer Haft, – setzten ihn auf Diät – doch Alles vergeblich, – er wurde ein elender Krüppel, – aber nichts konnte ihn vermögen, seinen Namen bestätigend zu einer Schuld zu schreiben, die er niemals contrahirt hatte. Zuletzt verschaffte er sich ein Habeas Corpus, und so ist er nun in Queen’s Prison, wo er wahrscheinlich bis zum Ende seiner Tage verbleiben wird.

Ich überlasse es meinen Lesern, über die Zweckmäßigkeit eines solchen Systems selbst zu urtheilen, und führe sie durch dasselbe Eisengitter, das uns einließ, nun wieder in’s Freie.




Sennenleben in den Schweizeralpen.
Von H. A. Berlepsch.

Hirtenstand ist der Urstand der Schweiz, älter als die Urstände des Grütli-Bundes am Vierwaldstätter-See. Die Beschaffenheit des Bodens und seine klimatisch bedingten Erzeugnisse wiesen die ersten Bewohner des Landes auf Viehzucht hin, und die Beschäftigung, die den Aeltervätern im Gebirge Jahrhunderte hindurch Nahrung und Wohlstand, Segen und Freiheit gewährte, pflanzte sich als überkommenes Erbtheil von Generation auf Generation fort, – ein Element im Blute des Alpensohnes. Darum ist auch Alpenwirthschaft der ökonomische Schwerpunkt der Gebirgsschweiz, das Grund- und Stock-Capital, aus dem der Bauer seine beste Rente zieht, auf das er das Budget seiner Haushaltung, die Erweiterung seines Besitzes, die Hebung seiner materiellen Interessen basirt.

Da, wo der Flachländler auf persönlich eigenem Grund und Boden im Schweiße des Angesichtes seine Futterkräuter bauen, ernten, aufspeichern und in die Krippe streuen muß, um für’s ganze Jahr seinen Viehstand zu versorgen, – treibt der Alpensohn heiter und unbesorgt fünf schöne Monate lang seine Heerden zu einer fetten Mahlzeit, deren Tafel, von der schaffenden Natur ohne die Cultur der Menschenhand reichlich gedeckt, nicht ihm oder seinem Nachbar allein gehört, sondern die meist großes Gemeingut seines Heimathsdorfes ist. Darum kann der unscheinbare Mann im leinenen „Futterhemd“ Heerden halten, die manchem Rittergute eine Zierde sein könnten, – darum ist die Zeit seiner reichen Milch- und Jungvieh-Ernte droben „innert der Flüehne“ die freundliche verheißende Perspektive, die er den langen trüben Winter hindurch nicht aus dem Auge verliert, – darum sind ihm die Alpen nicht nur die natürlichen Bollwerke seiner Unabhängigkeit und Freiheit, sondern sie sind ihm auch eine Quelle seiner Wohlfahrt und Zufriedenheit. Der Tag der Alpfahrt ist das Auferstehungsfest im Wirthschaftskalender des Sennen, – der Sommeraufenthalt der Heerde und ihrer Hirten auf den „Staffeln“, gewissermaßen die Ferienzeit für eine Luftbadecur. Dieses moderne Nomadenleben eines civilisirten Volkes, seine Genüsse und Anschauungen, seine Entbehrungen und Gefahren dort droben in der Nachbarschaft des andauernden Firnschnees, mußten schon oft den wunderbaren Gedanken-Excursionen poetisch verirrter Schwärmer zum Thema für höchst unwahre Schilderungen dienen. Nachfolgende Zeilen wollen versuchen, ein treues Bild des Alpenlebens mit all seiner wirklichen und natürlichen Romantik zu geben, ohne darüber die nüchterne Kehrseite zu vergessen, – freilich oft auf die Gefahr hin, liebliche Träume der Ueberschwänglichkeits-Phantasie zu zerstören.

Alpen im weiteren, geographischen Sinne heißt, wie bekannt, das ganze höchste Gebirgsgebäude Europa’s, das Italien im Norden halbmondförmig umschließt; – im engeren und localen Sinne aber versteht der Schweizer, der Tyroler, der baierische und österreichische Gebirgsbewohner darunter jene von viertausend Fuß über dem Meeresspiegel bis zur Schneeregion liegenden, mit kräftigen, milchreichen Alpenpflanzen überwachsenen Weideplätze, auf welche er in der guten Jahreszeit sein Vieh zur „Sömmerung“ treibt. –

Nicht jeder Bergbewohner „fährt selbst auf Alp“; die Größe seiner Heerde entscheidet darüber. Wer vierundzwanzig Kühe und mehr besitzt, heißt ein „Sennten-Bauer“, weil diese Anzahl, besonders wenn ein Zuchtstier dabei ist, ein „Sennthum“ genannt wird. Wer weniger besitzt, hat nach dem Ausdruck des Appenzellers blos ein „Schüppeli-Bech“. Solch größere Besitzer oder Senntenbauern haben entweder eigene Alpen, oder sie nehmen ein Alp in Lehenzins, oder sie benutzen (und dies ist am meisten und fast allgemein der Fall) die Gemeinde-Alpen und treiben selbst in die Berge. Die kleineren Bauern, die blos wenig Kühe halten, gehen wohl persönlich in die Voralpen; aber wenn das Vieh während des Juli und August hinauf in die höheren Weiden getrieben wird, übergeben eine Anzahl von Nachbarn ihr Vieh einem Senn, mit dem sie dann seiner Zeit Abrechnung halten. Um nun die Auseinandersetzung bezüglich des Käse- und Butter-Ertrages der Interessenten festzustellen, gehen sämmtliche Betheiligte zweimal während der Dauer der Alpzeit an bestimmten Tagen hinauf „goh messe“. Das heißt: in Gegenwart sämmtlicher Nachbarn wird eine jede Kuh gemolken, ihre Milch gemessen und nach diesem Maßstabe der Bruchtheil des Einzelnen am gemeinschaftlichen Gewinn festgestellt. Der mit der Bewirthschaftung beauftragte Senn besorgt nun während der ganzen Dauer mit seinen Gehülfen alle Tagesgeschäfte und empfängt dafür außer freier Kost einen Lohn an baarem Geld oder in Naturalien. Um jedoch die Alpen im Stande zu erhalten und bei der größten Freiheit auf den Bergen dennoch eine allgemeine Ordnung zu handhaben, der Jeder sich unterwerfen muß, wählen alle Alpenbesitzer oder Berechtigten einen „Alpmeister“. Er ist der primus inter pares, ein Stück Gebirgspolizei, der „die Alp in Ehren halten, schützen und schirmen soll, als wie sein eigen Gut, – der Weg und Steg machen und Acht haben soll, daß Niemand im „Birg heue“ bis nach St. Jacobs Tag, der die Alpengenossen anhalte, jährlich einen Tag die Alp zu säubern und zu steinen“ und Aehnliches mehr. Also schreibt das „Alpbüchli“ vor, eine naive und ohne spitzfindige Redaction von den Bauern selbst in der „Alpgemeinde“ gegebene Gesetzsammlung, [44] die alljährlich einmal verlesen und entweder bestätiget oder je nach Bedürfniß erweitert und abgeändert wird.

Kommt nun der langersehnte Tag der Alpfahrt, der je nach dem Jahrgang und den klimatischen Eigenthümlichkeiten jeder Thalschaft in die Mitte oder gegen das Ende des Mai fällt,

Wenn der Kukuk ruft, wenn erwachen die Lieder,
Wenn mit Blumen die Erde sich kleidet neu,
Wenn die Brünnlein fließen im lieblichen Mai!“

wie der Hirt in Schiller’s Wilhelm Tell singt, dann schmücken sich die Sennen und Alle, welche mit in die Berge ziehen, festlich. Die Schwester heftet dem Bruder, „’s Maiteli“ ihrem „Buob“ Blumensträuße mit Flittergold verbrämt und Kränze von jungem Laub oder Buchsbaum auf den Hut, bunte Bänder flattern und winken, und das blendend weiße, hoch über die muskulösen Arme hinaufgewickelte Linnenhemd gibt einen guten Farbeneffect mit der scharlachrothen Tuchweste und den brennendgelben ledernen Kniehosen. So ist’s Brauch bei den fröhlichen Appenzellern und im Toggenburg, ähnlich auch bei den heiteren Bewohnern des Entlebuchs und überall, wo das auch in die stillen Gebirgsthäler eindringende Nivellirungs- und Verflachungsbestreben unserer Tage nicht jede Spur urwüchsiger Selbstständigkeit in des Volkes Thun und Denken, Kleidung und Sitte verwischt hat. Die Kühe sind gestriegelt und wie „g’schlecket“, daß sie im goldigen Sonnenschein glänzen und kein Wassertropfen auf dem glatten Haare haften würde. Mit übermüthigem Jauchzen und „Zauren“, die einen wahrhaft unverwüstlichen Humor bekunden, eröffnet der „Zusenn“, das weiß gescheuerte „Melcheimerli“ an der Schulter, den Zug. Ihm folgen die schönsten und größten Kühe mit den fußhohen, messingblechenen Glocken, „Trychlen“ im Volksmunde genannt. Diese hängen an breiten schwarzen, mit Figuren ausgeschnittenen und farbig ausgenähten ledernen Riemen, sind oberhalb am Henkel breit und bauchig, oft fast einen Fuß im Durchmesser weit, laufen nach unten schmaler zusammen und verursachen einen weithin hörbaren, trommelähnlich allarmirenden, heillosen und doch nicht unharmonischen Lärm. Man legt diese Schellen den Kühen nur für die Dauer an, während welcher der Zug durch die Dörfer geht, um Pracht damit zu treiben und alles Volk herbeizulocken. Ist dieser Zweck erreicht, dann wird das schwere Spectakel-Instrument den Kühen wieder von dem Hals genommen, weil erfahrungsgemäß das lange Tragen derselben den Lungen der Thiere schadet.

Die Gartenlaube (1860) b 044.jpg

Sennhütte auf der Schweizer Alp.

Das ist dann ein völliger Aufstand in solch einem Alpendorfe, wenn der Zug durchkommt; Alt und Jung eilt herbei, um des „Jöcka–n–Ueli’s“ (Jakob Ulrichs) oder „Franz–Antoni–Lismer –Seppelis“ schöne „Chüena“ (Kühe) die Revüe passiren zu lassen und mit Kennermiene deren Bau und „G’schlachtheit“ zu prüfen. Denn der Bergbauer hat seine Kuh-Aesthetik, die mit den feinsten Nüancirungen ungemein „heikel“ und wählerisch in Farbe, Stellung der Füße, Hörnern und hundert anderen Eigenschaften distinguirt. Blökend und springend, gleich als ob sie es wisse, daß es hinaufgehe zu den gewürzigen, nahrhaften Alpweiden, folgt nun, in lange Reihe aufgelöst, die ganze Heerde, – unter ihnen brummend und trotzig der Großherr des Stall-Serails, der „Muni“, heute Gegenstand des öffentlichen Spottes, ein gefeierter Pantoffelheld; denn der Volkswitz bindet altherkömmlich diesem „Senntenpfaar“ (d. h. Zuchtstier) den Melkstuhl, mit Blumen geschmückt, zwischen seine Stirngabel. Neben dem Zuge, ebenfalls nach Möglichkeit im Staat, geht der „Gaumer“ und der „Handbub“, den Zusenn mit Jauchzen und Jodeln secundirend. Den Schluß bildet das Saumroß mit den Käserei-Geräthschaften und der Heerden-Besitzer, mit triumphirender Miene und unverkennbarem Selbstbewußtsein.

[45] So geht’s hinauf, heidi! juhu! immer höher hinauf,

In die Berge hinein, in das liebe Land,
In der Berge dunkelschattige Wand!
In die Berge hinein, in die schwarze Schlucht,
Wo der Waldbach toset in wilder Flucht!
Hinauf zu der Matten warm duftigem Grün,
Wo die rothen Alpenrosen blühn!

so ruft Carl Morell, der fröhliche Alpensänger, begeistert aus.

Das ist die freundliche Seite eines Alpfahrt-Bildes. Es gibt aber auch Heerden-Expeditionen, namentlich im Hochgebirge, bei denen es nicht nur mühseliger Momente in Hülle und Fülle gibt, sondern bei denen das Leben der Heerde wie der Hirten auf’s Spiel gesetzt werden muß. Dies ist vornehmlich dann der Fall, wenn große Firnfelder oder schrundige, durch zahlreiche Querspalten zerrissene Gletscher zu überschreiten sind, um zu den in stiller, verborgener Einöde der Eiswüsten gelegenen Alpweiden zu gelangen. Da ist’s denn in der Regel der Fall, daß, ausschließlich zu diesem Zweck, am Tage vor der Auf- und Abfahrt des Viehes mit Hülfe der Aexte und durch improvisirte Breterbrücken ein grober Weg erstellt wird. Durch Instinct geleitet, sträubt sich dann die Heerde, das fremde, unheimliche Element, den glatten glasigen Eisboden, zu betreten, und mit Stricken muß in der Regel die Widerspenstigkeit überwunden werden. Dies ist z. B. am Mauvais pas auf dem Mer de glace in Chamouny-Thal der Fall. – Oder es kommt vor, daß die Sennen, um einen näheren Weg zu nehmen, über jäh absinkende Schneefelder hinab müssen. Dann werden abenteuerliche Rutschpartieen ausgeführt; zwei Alpenknechte packen je eine Kuh am Schwanz und bei den Hörnern und suchen so das Thier zum Gleiten zu bringen, worauf sie dann pfeilschnell mit Locomotiven-Geschwindigkeit über den Abhang hinabjagen. Ja, es gibt sogar Alpen, zu denen das Vieh vor noch nicht gar langer Zeit an Seilen über vertikale Felsenwände hinabgelassen wurde.

Schmucklos, einfach, wie ein Wurf aus freier Hand, traulich und einladend, wie ein herziger Gruß des Willkommens auf den Matten, liegt das schützende Dach der stillen Alpenhütte da. Der ganze Bau ist meist aus Holz zusammengefügt, ganz Blockhausconstruction, von der vieljährigen Wirkung der Sonnenstrahlen tief kastanienbraun gebrannt; nur der mannshohe Unterbau ist grobes Steingefüge, oft Mauerwerk wie aus vorculturlichen Zeiten. Ueber dem einstöckigen und kunstlosen Erdgeschoß, das seiner naiven ungesuchten Natürlichkeit halber ganz mit der in ihrer Einfachheit majestätischen und erhabenen Gebirgswelt harmonirt, ruht das flache silbergrau glänzende Schindeldach; es ist mit schweren Steinen belastet, damit der wilde Föhn, des Aelplers „ältester Landsmann“, wenn er aus Süden einherbraust und, über die Felsenklippen hernieder stürzend, sich in die Bergmulden einbohrt, die Friedenshütte unangetastet lasse. – Dies also ist des Sennen und seiner Gehülfen Asyl während der Sommermonate. In den Alpen, wo gute Ordnung herrscht und für das Vieh sorgliche Einrichtungen getroffen sind, liegen nahe bei der Sennhütte Ställe oder Gaden, wo die Heerde während des heißen Mittags und der frostigen Nächte oder beim Unwetter gesichert steht. Nicht überall hat die praktische Vernunft diese Nothwendigkeit erkannt und ihr entsprochen; es gibt noch außerordentlich viele Alpen, auf denen das Vieh in Wind und Wetter, bei Hitze und Kälte im Freien verbleiben muß; – die angestammte Lässigkeit der Thalleute thürmt unüberwindbare Hindernisse gegen jeden rationellen Fortschritt auf. Da, wo es thunlich, wird die Sennhütte an einen Felsenklotz gebaut oder sogar zum Theil unter denselben hineingeschoben, um im Fond einen recht kühlen Platz für den Milchkeller zu gewinnen. Rinnt nun gar eisigkaltes, von den Schneemagazinen abgeschmolzenes Wasser in der Nähe, so leitet es der Aelpler gern durch diesen Raum, um die gesäuerte Luft abzuleiten und dagegen frische, dem Wasser entströmende Lufttheilchen seinem Milchgemache zuzuführen. Das Innere einer jeden Sennhütte ist eine nüchterne, prosaische Demonstration gegen allen Daphnis- und Chloe-Schwindel, eine kräftig corrigirende Strahldonche auf jedes durch sublime arkadische Schäfer-Phantasieen erhitzte Gehirn. Reinlichkeit und Accuratesse sind allenthalben nichts weniger als hervorragende Attribute viehzüchtender Völker, und der Schweizer Aelpler bestrebt sich durchaus nicht, hierin als Ausnahme zu erscheinen, wie der Vers im Appenzeller Ruggüßler (einem landeseigenthümlichen Hirtenliede in holprigen Reimen, aber mit einer um so angenehmeren, weicheren Weise, die zwischen den Worten aus dem Gaumen bisweilen üppig spielt) lachenden Mundes mit den Worten bekennt:

„Mi Schätzli isch e Höffertli, [2]
ond het e bochsigs Löffeli, [3]
e bochsigs Löffeli ohn’ en Stil;
ond schmotzig Senna geds gad vil.“ [4]

Denn da droben auf der Alp ist der leuchtende, farbenheitere Festtagsanzug, der das Auge bei der Auffahrt so anregend ergötzte, verschwunden; eine weite, derbleinene Hose, die in allen Schattirungen der Kuhstallbronze spielt und ein ditto Futterhemd (d. h. blousenähnliche Jacke ohne Schlitz auf der Brust) bilden mit den Holzschuhen und dem enganliegenden Lederkäppchen die ganze Bekleidung. Dieser entspricht nun auch völlig das Innere der Sennhütte. Die Entree führt sogleich in die centralisirten Gemächer; da ist nach altgermanischer Sitte Wohnzimmer und Küche, Speisesaal und Boudoir zu einem Gesammt-Appartement vereiniget, und man kann im buchstäblichsten Sinne des Wortes am „gastlichen Heerde“ weilen. Letzterer und das über ihm aufgehängte große kupferne „Milchkessi“ nehmen den meisten Raum ein und bekunden dadurch ihre hohe Bedeutsamkeit. Hier ist die Stelle, wo der chemische Scheidungsproceß vorgenommen wird, der die erste konsistente Grundlage zu den delicaten „Schweizerkäsen“ legt. Es ist aber kein Heerd, wie man ihn allenfalls drunten im Flachlande beim behäbigen Bauer oder in der noch altmodisch eingerichteten Küche des Kleinstädtler-Bürgers antrifft, – o bewahre! solche Weitläufigkeiten würden dem Sennen als Luxus gelten. Ein schwarzes verkohltes Loch im Winkel mit Steinen eingefaßt, ohne Kamin oder irgendwelche schlotähnliche Einrichtung, daneben ein senkrechtstehender, oben und unten eingezapfter und deshalb drehbarer Baum mit langem eisernen Arm (der s. g. Turner), an den der Milchkessel gehangen wird, – dies ist die ganze culinarische Einrichtung. Der Rauch mag sehen, wo er einen Ausweg findet, – es steht ihm frei, durch Ritzen und Spalten unterm Dach oder zur Thür hinauszuspazieren; darum ist auch das Innere jeder Sennhütte ziemlich angeraucht. Die feine, dünne, weniger von Stoff-Atomen gesättigte Alpenluft consumirt aber die aus dem Holze sich entwickelnden Dämpfe so auffallend rasch, daß letztere nicht einmal die Respirationsorgane wesentlich belästigen. Schaut man sich nach den weiteren Comforts um, so bestehen dieselben höchstens in einem Klapptisch, der in Angeln an der Wand befestiget ist und der Raumersparniß halber nach dem Gebrauch an die Wand zurückgelegt wird, – ferner vielleicht in einer Bank oder, was dieselben Dienste leistet, dem Hackklotz – und schließlich in der mittelst einer mit Wildheu gestopften Matratze, vulgo Laubsack, ausgerüsteten Schlafstätte, der ungestörten Heimath einer Legion von alpinen Springinsfelden. Alles Uebrige, was drinnen noch liegt und steht, ist Handgeräthe des Sennen zur Darstellung der Milchproducte.

In jeder einigermaßen großen Alpwirthschaft der östlichen Schweiz (also Graubündens, Glarus, des St. Galler Oberlandes) und im Wallis hausen gewöhnlich drei Aelpler und ein Knabe. Weiber sind in der Schweiz nie auf den Alpen (wie dies im Tyrol und baierschen Oberland, – die „Almerin“ – der Fall ist); nur in einigen Walliser Seitenthälern kommt es vor, daß die Frauen da droben wirthschaften. Major domus ist der Senn; entweder selbst Heerdenbesitzer oder Beauftragter einer Nachbarschaft, führt er das Regiment, besorgt die Käserei sammt deren Magazine und führt das Rechnungswesen. Sein Beistand und Handlanger ist der „Sennbub, Handbub, Schorrbueb“, im Wallis der „Pato“ genannt; er hat die Gefäße zu reinigen und jede Beihülfe zu leisten, deren der Senn bedarf, ist aber nicht jederzeit blos ein Knabe von 14 oder 15 Jahren, sondern es gibt Buben, die 30 und mehr Jahre alt sind. Die Vermittelungsperson zwischen Berg und Thal, der Käsemercurius und Heimathstelegraph ist der „Zusenn“, welcher alle Alpenproducte hinab und Holz sammt Victualien herauf zu schaffen hat; der Walliser Patois nennt ihn bezeichnend „Lamieiy (l’ami)“. Der eigentliche Hirt endlich ist der „Chüener, Gaumer oder Rinderer“, im Wallis „Vigly“ (vigilantia, die Wachsamkeit); seine ausschließliche Obliegenheit ist’s, das „Senntem“ auszutreiben und immer zusammen zu halten. An sicheren Orten, wo kein Vieh stürzen und kein Raubthier der Heerde schaden kann, liegt er bei gutem Wetter halbe Tage lang am Boden, schaut in die herrliche Landschaft hinaus, jodelt nach Herzenslust in die Thäler hinab und ist selig im träumerischen Nichtsthun. Gilt’s aber das Vieh an [46] steiler Alp zu hüten, dann muß er am schwindelnden Abgrunde gehen, zu äußerst, wohin dan weidende Thier sich nicht getraut, – und auf Schritt und Tritt geht der Tod dicht neben ihm. Beim Sturm und Hochgewitter, inn strömenden Regen und zu jeder Tageszeit muß er seinen lebensgefährlichen Beruf erfüllen, und nicht selten kommt’s, daß er tagelang in durchnäßten Kleidern verbleiben muß. Dies ist die Kehrseite des so reizend geschilderten Hirtenlebens. Aber auch der Senn bekommt sein Theil davon, wenn’s wochenlang regnet, Nebel wie böse Geister des Gebirges sich grau und unheimlich um die Hütte lagern, das nasse Holz nicht brennen will und Wind und eisiger Luftzug durch die Hütte fegen, daß die Glieder erstarren, – oder wenn’s gar im Juli schneit und dicke Flocken wirft, fußhoch, daß das Vieh kein Hälmlein Futter findet, vor Hunger brüllt und tagelang keine Milch gibt. Da begegnet’s schon, daß der Senn weit, weit in’s Thal hinab zurückkehren muß mit seiner Heerde, oder daß er mit unsäglicher Mühe Heu von der Heimath in die Berge herauftragen und dem sparsam geernteten Winterfutter Abbruch thun muß.

(Schluß folgt.)




Die Huberbäuerin.
Von H. Schmid.
(Fortsetzung.)

Die Frau Wörglin war eine kleine, unmäßig dicke Gestalt, nicht eben gemacht, um zu imponiren, aber sie galt in der ganzen Gegend als eine so gescheidte und leutselige Frau, daß man überall gern ihre Vermittlung suchte und ihren Rath holte. So war sie bei den jüngern Bauernburschen nicht ohne Einfluß, und hatte schon manchen drohenden Sturm zu beschwichtigen gewußt.

„Gebt mir Ruh’, Ihr Buben,“ rief sie, „wenn wir gut Freund bleiben sollen! Wer mir Spectakel anfängt, ist zum letzten Male auf dem Wörglkeller gewesen, darauf könnt Ihr Euch verlassen! Und laßt mir auch das nichtsnutzige Gered’ unterwegs. Es schickt sich nicht, daß man von einer braven und ordentlichen Frau so was sagt, und wenn sie zehnmal nichts davon wissen soll; die Leut’ sind gar schlimm, und es bleibt gar zu gern etwas hängen. Und eine brave Frau ist die Huberbäuerin, das muß ihr der ärgste Feind nachsagen, ordentlich und ehrbar und haushälterisch und ein wahres Muster von einer richtigen Bäuerin.“

Die Bursche stimmten ein und setzten sich beruhigt wieder zum Trinken und Singen nieder. Sie hätten’s ja nicht bös’ gemeint, sagten sie, und beim Bier gehe ja wohl ein Wörtel drein.

„Ja, ja, meinetwegen,“ rief die Frau, indem sie sich gegen den Tanzplatz wendete, „aber ich sag’ immer: Unrecht Gut thut kein Gut, ein unrecht Wort find’t bösen Ort; das könnt Ihr Euch auch merken, es wird Euer Schaden nicht sein.“

Damit ging sie; Paul, der sich nicht mehr gesetzt hatte, neben ihr.

„Wie ist’s, Frau Wörglin,“ sagte er halblaut, nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren, „könnt Ihr kein Wildpret brauchen? Ich hab’ wieder einen wunderschönen Rehbock gefunden.“

„Du bist mir der saubere Finder,“ sagte die Frau, ebenfalls mit gedämpfter Stimme und stillstehend. „Kannst halt das Wildern nicht lassen, und ich sollte Dich auch nicht unterstützen drin … aber was will ich machen! Die Herren im Casino wollen immer was Besonderes essen für ihre paar Groschen, und wenn ich das Wildpret vom Förster kaufen wollte, dürft’ ich nur gleich die Küch’ zusperren! Was soll er denn kosten, der Bock? Drei Gulden will ich Dir geben!“

„Aber, Frau Wörglin,“ erwiderte der Bursche schüchtern, „die Wilddecke allein ist mehr werth …“

„Warum nicht gar!“ eiferte die Wirthin. „Ich soll Dir wohl jedes einzelne Haar im Pelz bezahlen! Einen Spitz von meinem rothen Wein geb’ ich noch drauf, der Dir so schmeckt …“

Der Bursche kraute hinter den Ohren. „Die vier Gulden, Frau Wörglin,“ sagte er, „Ihr sagt ja immer: Unrecht Gut thut nicht gut!“

„Ja, das sag’ ich,“ rief die Wirthin, „und bleibe auch dabei! Merk’ Dir’s nur auch! Also, wenn Du willst, kannst Du den Bock heut’ Abend hinten in den Schuppen an den gewohnten Ort legen und Dir dann Dein Geld holen!“

„Meinetwegen,“ sagte der Bursche, „ich muß halt in den sauren Apfel beißen. Paßt also auf, nach Gebetläuten komm’ ich!“ Beide trennten sich, als die Bursche gerade ein Freudengeschrei erhoben und auf die Straße hinabliefen, wo sie sich so in der Reihe aufstellten, daß dieselbe ganz abgesperrt war.

„Grüß’ Dich Gott, Blumhuber-Rosel,“ riefen sie; „das ist schön, daß Du kommst! Du darfst nicht vorbei, ohne daß Du uns Bescheid gethan hast; Du bist die richtigste Dirn’ im ganzen Erdinger Gericht! Wie Du den rothen Hannickel heim geschickt hast, das thut Dir so leicht Keiner nach!“

Das bleiche Mädel gerieth in Verwirrung und sah so schüchtern aus, daß ihr Niemand die Kraft und die Kühnheit zugetraut haben würde, die sie bewiesen hatte.

„Mein, laßt’s mich gehn, Ihr g’schupften Buben,“ sagte sie mit einem schwachen Lächeln. „Ich hab’ mich eben um meine Haut gewehrt, und das ist Alles. Laßt’s mich aus, ich muß noch zu meiner Gothen nach Altenerding ’nüber, und wenn Ihr mich versäumt, komm’ ich vor Nachts nicht wieder heim.“

Alles Sträuben und Weigern war vergebens; um nur loszukommen, mußte Rosel einwilligen, einen Augenblick in den Keller einzutreten und den Begrüßenden durch Nippen an den dargebotenen Krügen Bescheid zu thun. Auch viele von den übrigen Gästen wurden aufmerksam, kamen herzu und umringten neugierig und fragend das Mädchen, das inzwischen Muth gefaßt hatte und das Erlebte mit einfachen kurzen Worten erzählte.

Zu dem Kreise der Zuhörer hatte sich auch Hans eingefunden und stand unbeachtet von Allen Rosel gegenüber, doch so hinter den Leuten verdeckt, daß sie ihn nicht wahrnehmen konnte. Das Blut schoß ihm bei ihrem Anblick in’s Gesicht, sein Herz schlug hörbar und vor den Augen zog es ihm feucht vorüber, wie wenn man in den Regen hinausschaut. Als die Erzählerin ihren schlichten Bericht schloß und die Zuhörer unter einander verwundert plauderten, benutzte sie die Gelegenheit, sich der allgemeinen Aufmerksamkeit zu entziehen, und schlüpfte gegen den dunklen Eingang der Fässerhalle zu, in welcher Musik und Tanz eben eine Pause machten.

Hans hatte ihre Absicht bemerkt, er folgte ihr, ohne selbst klar zu wissen, was er that, und an einer halbdunklen, augenblicklich menschenleeren Stelle trat er ihr unerwartet entgegen.

Sie stieß einen leisen Laut schmerzlicher Ueberraschung aus und machte eine halbe Bewegung nach dem Herzen, während es wie Wiederschein einer fernen Beleuchtung röthlich über ihre Züge flog – dann standen sich Beide eine Secunde lang lautlos und ohne Regung gegenüber.

„Grüß’ Dich Gott, Rosel,“ brachte Hans endlich hervor.

„Grüß’ Dich Gott, Hans,“ erwiderte sie ruhig und fuhr, da er nichts weiter hinzusetzte, fort: „Willst Du mir was?“

„Ja,“ sagte Hans, ohne die Augen aufzuschlagen. „Es leidet mir’s nicht länger mehr … ich muß Dir’s sagen, daß ich’s einseh’, wie schlecht ich an Dir gehandelt hab’ … daß es mich reut, so viel ich Haar’ auf dem Kopf habe .. und daß ich Dich um Verzeihung bitten will …“

„Ich trag’ Dir nichts nach,“ sagte Rosel nicht ohne Bewegung, „meinetwegen brauchst Du Dich nicht zu kränken – ich wünsch’ Dir alles Gute.“

„Ja, Du bist alleweil die gute Stund’ selber gewesen,“ seufzte Hans aus tiefster Brust, „aber ich … ich! O Rosel, Rosel, ich wollt’, ich wär’ nie auf den Huberhof ’kommen!“

„Der Ort macht’s nicht aus, Hans. Der Huberhof ist das rechtschaffenste Haus weit und breit – es wird uns schon so aufgesetzt gewesen sein, daß wir auseinander haben kommen müssen.“

„Nein, nein, es hat nicht sein müssen,“ rief Hans wieder, „ich allein bin dran schuld, daß es so geworden ist … aber ich wollt’ ja gern Alles thun, wenn’s wieder werden könnt’, wie damals!“

[47] „Ja, wenn man das könnt’,“ erwiderte Rosel und verbarg die Thräne nicht, die sie sich aus dem Auge wischte. „Aber die Lieb’ ist nicht wie ein Gemüspflanzl, das allemal wieder anwurzelt, wenn man’s versetzt … wenn die einmal ausg’rissen ist, dann gehn die Wurzeln ein und verdorren für alle Zeit …“

„Und ist das Pflanzl ganz ausg’rissen in Dein’ Herz’? Und kann’s net wieder Wurzeln treiben?“

Rosel weinte, aber sie schüttelte heftig und bestimmt den Kopf.

Hans gerieth in immer heftigere Aufregung. „Rosel,“ rief er und seine Stimme zitterte fieberhaft, „sag’ nicht, daß es so ist! Sag’s nicht, und wenn’s Dir selber nit so um’s Herz wär’! Lug’ mich lieber an – es ist der einzige Strohhalm, an den ich mich noch halt’, ….. Rosel, ich geh’ zu Grund’ an Leib’ und Seel’, wenn Du Dich nicht um mich erbarmst ….“

„Sprich nit so,“ entgegnete sie weinend, „so arg wird Dich der liebe Gott nicht verlassen! Ich merk’ freilich wohl, daß bei Dir nit Alles ist, wie’s sein soll, aber wie soll ich Dir helfen kcnnen? …“

Sie wollte noch mehr hinzufügen, aber die Musik regte sich, die Tanzlustigen näherten sich wieder und scheuchten das Paar auseinander. Rosel drückte sich seitwärts in die Ecke, Hans verschwand nach der andern Seite. Beides aber konnte nicht so schnell geschehen, daß es nicht von dem zuerst eintretenden Tänzer-Paare bemerkt worden wäre.

Dieses Paar war ein ungewöhnliches und sehr ansehnliches, denn die Tänzerin war niemand anders als die schöne Huberin, der Tänzer aber der große kahlköpfige Gerichtsdiener. Die Bäuerin war eben ganz stattlich angefahren gekommen, und der galante Mann, seit Kurzem Wittwer, hatte ihr sogleich beim Aussteigen die Ehre angethan, sich ihre Hand auf einen Ländler zu erbitten. War es ihr auch nicht sehr angenehm, so mußte sie es doch als eine Auszeichnung ansehen, denn der Herr Kriegelsteiner war, was man gewöhnlich einen gemachten Mann nennt, reich, und als die rechte Hand des Landrichters von nicht geringem Ansehen. Er war in der Seele vergnügt, daß er der Erste war, der mit der schönen Frau zum Tanze ging; stolz schritt er mit ihr am Arme dahin, mit der andern Hand den Schnurrbart drehend oder über den kahlen Kopf streichend, als wenn es ihm dort zu heiß würde. Er sprach eifrig mit ihr und ließ dazwischen jenen grunzenden Ton hören, der ihm statt des Lachens diente. Nicht so gut gelaunt war die Bäuerin; sie war wortkarg und als sie vollends das gestörte Pärchen bemerkt hatte, ließ sie sich jedes Wort abnöthigen und klemmte unmuthig die Unterlippe zwischen die Zähne.

Als sie einen Ring umgetanzt hatten und wieder in der Reihe anstanden, begann sie gleichwohl selbst das Gespräch. „Ich muß immer lachen,“ sagte sie, „wenn ich daran denk’, wie vorhin die Zwei auseinander gefahren sind. Die haben wir in der besten Unterhaltung gestört!“

Herr Kriegelsteiner grunzte. „Ich weiß doch nicht,“ sagte er dann, „ob die Zwei sich gerade gut mit einander unterhalten haben. Kanntet Ihr sie denn nicht? Der Bursche war ja Euer Oberknecht Hans ....“

„So?“ sagte die Bäuerin mit erkünstelter Gleichgültigkeit. „Ich habe so genau gar nicht hingeschaut … Und wer war denn das Mädel? Hab’ ich doch nie davon gehört, daß der Hans eine Bekanntschaft hat …“

„Er hat auch keine mehr,“ erwiderte der Gerichtsdiener. „Das Mädel war die Blumhuber-Rosel, die beim Brandl als Unterdirn’ dient. Ihr kennt sie wohl, die Leut’ reden jetzt viel von ihr, denn sie hat ja heut’ Nacht beim Einbruch auf dem Brandlgut mit dem rothen Hannickel gerauft und hat ihn versprengt …“

Die Bäuerin bemeisterte nur mit Mühe die zornig wilde Bewegung, die in ihr aufloderte. „Die Blumhuber-Rosel?“ fragte sie dann mit kaum merklich bebender Stimme. „Ich hab’ sie früher gekannt, aber sie hat sich stark verändert. Wenn ich gewußt hätt’, was sie für eine merkwürdige Person ist, hätt’ ich sie schon besser angeschaut.“

„Die war’s,“ entgegnete der Gerichtsdiener, „sie hat den Hans zum Schatz gehabt, aber seit ein paar Jahren ist’s aus damit. Sie sind seitdem an einander vorbeigegangen, als wenn sie sich gar nicht kennten, und werden heut’ wohl noch eine übrig gebliebene Heimlichkeit von dazumal auszumachen gehabt haben.“

Die schöne Bäuerin biß sich fast die Lippe wund. „Wie Ihr nur das Alles so wißt!“ sagte sie mit gezwungenem Lachen.

„O,“ entgegnete er selbstzufrieden, indem er wieder zum Tanze mit ihr antrat, „ein Gerichtsdiener muß Alles wissen! Man weiß nie, ob man es nicht einmal brauchen kann!“

Der Tanz ging bald zu Ende, und Herr Kriegelsteiner führte seine Partnerin mit der Miene eines siegreichen Feldherrn an den Platz, wo sie von ihrem Manne erwartet wurde, der in der kurzen Zeit schon so viel und so schnell getrunken hatte, daß seine ausdruckslosen Augen noch starrer, und glanzloser geworden waren. Der galante Tänzer benutzte den Weg, um noch einige Schmeicheleien und halbverdeckte Liebeserklärungen anzubringen, die ihm längst auf der Zunge gebrannt hatten.

„Ihr solltet mir das nicht anthun,“ sagte die Bäuerin, deren steigender Unmuth nach einem Auswege suchte. „Solches Gered’ ist eine Beleidigung für eine ordentliche, ehrbare Frau!“

„Ach, warum seid Ihr eine Frau!“ jammerte der Gerichtsdiener. „Warum seid Ihr nicht auch frei und ungebunden, wie ich! Ich ließe nicht nach, bis wir ein Paar wären!“

„Mein Mann,“ sagte die Bäuerin in rückhaltslos spitzem Tone, „mein Mann ist ein guter Lapp, dem ich ein recht langes Leben wünsche. Und wenn ich auch Wittib wär, thät’s doch mit uns Zwei nichts werden, mein’ ich. Ihr taugt nicht zu einem Bauern, und in’s Amthaus zu den Schergen und Spitzbuben ging’ ich nicht – dazu steht der Huberin die Nase zu hoch!“

Damit wendete sie sich ab und ließ den Verblüfften stehen, der dann hastig davon eilte, wilde Flüche vor sich hinmurmelnd.

„Huber,“ sagte die Bäuerin zu ihrem Manne, „mir ist nicht recht wohlauf, ich will heim.“

Der halbtrunkene Bauer richtete sich ungeschlacht auf und wollte eine rauhe Ablehnung vorbringen. Wie er aber den Mund öffnete, begegnete sein Blick dem fest auf ihn gerichteten seines Weibes, und er verstummte. Wie gebannt von diesen unheimlich funkelnden Augen stund er vollends auf und wankte dem Wägelchen zu, das auf der Straße von einem Knechte mit den Pferden gehalten wurde. Er war willenlos, wie man von den kleinen Thierchen erzählt, welche eine große Schlange so lange mit den giftigen Augen anstiert, bis sie sich ihr selbst in den aufgesperrten Rachen stürzen. Die Umstehenden merkten es wohl, stießen einander auch mit den Ellbogen an und brummten, „die Huberin habe ihren Mann gut gezogen und führe ein strenges Commando –“ man gab ihr aber nicht Unrecht, denn bei dem Halbsimpel und Bruder Saufaus mochte das wohl nothwendig sein.

Die Bäuerin dagegen schritt mit freundlichem Grüßen an den Leuten vorüber und trat eben an den Wagen, als auch Rosel die Einfahrt herabkam, um ihre unterbrochene Wanderung fortzusetzen. Sie sah nicht links noch rechts und wollte unbeachtet vorüberschlüpfen, aber die Bäuerin rief sie schon auf dem Wagen sitzend an.

„Wie, Rosel!“ sagte sie, „ist das auch recht, daß man an den alten Bekannten so vorbeigeht, als wenn man sie sein Lebtag nicht gesehen hätt’?“

Rosel blieb stehen. „Ich hab’ nicht geglaubt, Huberbäuerin, daß Du noch an die Zeit denkst, wo wir nebeneinander Dienstboten g’wesen sind. Aber es freut mich, daß Du nicht hoffärtig bist, und so sag’ ich Dir von Herzen: grüß’ Gott!“

Sie reichte die Hand hin, in welche die Bäuerin hastig einschlug und sie derb schüttelte. „Warum sollt’ ich hoffärtig sein!“ lachte sie, „aber Du kannst leicht stolz werden, weil Du so ein Heldenstück aufgeführt hast mit dem rothen Hannickel. Du mußt mich einmal heimsuchen und mußt mir das Alles auf’s Haar erzählen, was er gethan und geredt hat und wie er ausschaut! Möchtest wohl nicht in Dienst zu mir? So resolute kräftige Leut’ kann ich brauchen!“

„Ich hab’ keine Klag beim’Brandl,“ sagte Rosel, „die alten Leut sind an mich gewöhnt, ich möcht’s ihnen nit anthun, daß ich wegging’!“

„Dann mußt Du mich so einmal besuchen und in Heimgarten zu mir kommmen; ich mein’ wir hätten allerhand zu plaudern mit einander,“ erwiderte die Bäuerin, indem sie das Mädel mit einem eigenthümlich lauernden Blicke maß. „Du siehst nicht darnach aus, man sollt’s nicht meinen, daß Du so stark bist …“

„Es ist auch nicht so fürchterlich mit der Stärk’,“ lachte Rosel, „aber die Noth gibt halt Kräften. Ich will schon sehen, wann ich einmal frei hab’, daß ich Dich heimsuchen kann.“

Während des Gesprächs waren die muthigen Pferde immer unruhiger geworden, daß der Bauer sie kaum zu bändigen vermocht [48] hatte. Jetzt waren sie nicht mehr zu halten, sie rannten fort und die Unterredung war abgeschnitten. Die schöne Huberin wandte sich noch einmal im Wagen um und rief Rosel mit angestrengter Stimme, um über das Wagengerassel hinaus verstanden zu werden, einen Gruß zu. „B’hüt Dich Gott,“ schrie sie, „wir treffen schon noch einmal zusammen!“

Fort rollte der Wagen, Rosel aber that einen lauten Schrei und mußte sich an der Stiegenwand halten, um nicht umzusinken. In den letzten Worten hatte sie die Stimme des Räuberhauptmanns wieder gehört, die ihr noch von der Nacht her im Ohre klang. „Der rothe Hannickel!“ flüsterte sie, indem es ihr schwarz vor den Augen ward. Ebenso schnell aber war die Anwandlung der Schwäche wieder überwunden, als die Leute herbei eilten und sie mit frischem Wasser bestreichen wollten.

„Laßt mich nur,“ sagte sie abwehrend, „es ist schon wieder vorbei!“

Damit ging sie eilig weiter, aber in der Richtung nach ihrer Heimath zu, bestürmt von den widerstreitenden Empfindungen, Erinnerungen und Gedanken, welche die letzten Stunden und Augenblicke in ihr wachgerufen.




5.

Der Abend auf dem Huberhof war außerordentlich still. Der Bauer hatte sich kurz nach der Heimkehr auf’s Bett gelegt und war aus dem Zustande thierischer Trunkenheit in einen gleichen Schlaf versunken, woraus ihn nichts aufzurütteln vermochte. Die Knechte waren mit schweren Köpfen nach Hause gekommen, hatten die Arbeit in Stall und Scheune beschickt und dann auch ihr Lager gesucht, denn am andern Morgen mit Scnnenaufgang begann das Tagwerk wieder, das ausgeruhte Kräfte verlangte und hellgeschlafene Augen. In der Stube, wo sonst alle Hausgenossen zum Abendessen zusammenkamen, fanden sich außer den Mägden nur Paul und Hans ein, während die Bäuerin in Besorgung ihrer Geschäfte abwechselnd ab und zuging. Die Unterhaltung war lahm, denn die beiden Bursche nahmen keinen Theil daran und überließen es den Mägden, die Lustbarkeiten des verlebten Feiertags zu zergliedern.

Paul setzte sich gleich Anfangs auf die breite, um den Ofen laufende Bank und stellte sich, als ob er schlafen wollte, im Grunde aber that er es nur, weil er die Bäuerin ohne Auffallenheit im Auge behalten und jede ihrer Bewegungen verfolgen konnte.

Hans aß nur wenig; sobald das laute gemeinschaftliche Tischgebet vorüber, griff er nach dem in der Nische stehenden Oellämpchen, um es anzuzünden. „Wenn Du nichts mehr schaffst, Bäuerin,“ sagte er, „so geh’ ich auch. Gute Nacht.“

„Warte noch, Hans,“ erwiderte die Bäuerin, „es fällt mir eben ein, daß morgen in die Mühl’ gefahren werden muß. Da wird’s wohl nothwendig sein, daß Du noch das Viertelstündchen hinüber laufst und bei dem Haselmüller ansagst.“

Hans zögerte einen Augenblick wie unentschlossen; ehe er antworten konnte, trat Paul vor und sagte: „Den Gang kann ich auch machen, Bäuerin, wenn’s Dir gleich ist.“

„Ich hab’ nichts dawider,“ erwiderte diese. „Richte dem Müller einen schönen Gruß aus und richte mir wieder aus, was er gesagt hat. Ich werd’ heut’ doch noch lang nicht zum Schlafen kommen.“

Paul ging, die Mägde folgten, indem sie gute Nacht wünschten, sich bei der Thür aus dem dort angebrachten Kesselchen mit Weihwasser besprengten und bekreuzten. Hans machte sich auf einen Augenwink der Bäuerin noch mit seinem Lämpchen zu schaffen, bis sie Alle aus der Stube waren.

„Was willst Du noch von mir?“ fragte er.

„Ich hab’ den Pauli nur in die Mühl’ geschickt, um ihn wegzubringen,“ antwortete das Weib. „Ich hab’ mit Dir noch zu reden, weil ich wissen muß, wie ich daran bin mit Dir! Hab heute recht schöne und auferbauliche Sachen von Dir gesehen und gehört. Hast ja recht herzbrechenden Abschied genommen von Deinem alten Schatz, der Blumhuber-Rosel? Oder hast wohl auf’s Neue angebandelt mit ihr? Ihr seid ja recht rührend neben einander gestanden alle zwei, und ist nichts ab’gangen, als der Maler, der Euch ab’zeichnet hätt’ .…“

Hans sah finster vor sich hin. „Spöttle nur,“ sagte er dann, „Du hast ganz recht! Warum bin ich so ein Narr g’wesen und hab’ geglaubt, ich könnt’ noch einmal umkehr’n und wieder der Mensch werden, der ich einmal g’wesen bin!“

„Es ist nur gut,“ sagte die Bäuerin, „daß ich Dich nicht in’s Brandlgut hinein mitgenommen hab’, sondern draußen aufpassen ließ … wenn Dir das liebe Schatzl drinn begegnet wär’, wärst Du ihr am End’ um den Hals gefallen und hätt’st uns Alle verrathen!“

„Sag’ mir nichts mehr davon!“ rief Hans wild. „Es ist vorbei, für ewige Zeiten vorbei, und ich gehör’ wieder ganz Dein und dem Teufel!“

„Höflich bist Du grad’ nicht,“ lachte das Weib, „aber mir ist’s recht, daß Du Dich besonnen hast. Ich hab’ Dir’s ja vorher gesagt, daß es so gehn wird. Es soll Dein Schaden nicht sein, und ich will Dir was Wichtig’s sagen dafür.“

„Ich kann mir’s schon einbilden …“ murmelte der Knecht finster.

„Vielleicht auch nicht,“ entgegnete sie. „Hör’ nur.“

Das Gespräch war bisher schon nur halblaut geführt worden, jetzt sank die Stimme der Bäuerin zum leisesten Flüstern herab.

„Wir sind jetzt bald am Ziel,“ sagte sie, „bald haben wir so viel, daß wir den rothen Hannickel nicht mehr brauchen. Ich hab’ drum unser Geld alles schon zusammengethan und an einen sichern Ort gebracht. Nur einen einzigen Brocken gibt es noch zu holen, den fettesten von allen. Ich habe die ganze Gelegenheit ausgekundschaftet, denn der Bauer, dem wir einen Besuch machen wollen, hat mich selber im ganzen Haus herumgeführt und hat mir seine versteckten Schubladen voll Kronenthaler gezeigt. Am Mittwoch geht’s los. Du weißt den alten Marterstock im Schwarzbühel. Da gehst Du heute noch hin und steckst den Zettel da hinter das Armenseelenbildl, das daran genagelt ist. Es ist die Bestellung für Mittwoch Nachts. Wir kommen bei dem Wetterkreuz auf der Sandriß zusammen, sobald es im Dorf drunten elf g’schlagen hat. Hast Du mich verstanden und willst gehn?“

„Ich gehe,“ sagte Hans, den Zettel nehmend, „aber versprichst Du mir auch, daß es das letzte Mal ist, daß ich einen solchen Gang machen muß?“

„Ist’s Dir denn gar so zuwider?“ fragte sie höhnisch. „Siehst Du, Hans, ich hätt’ ein Mannsbild werden sollen! Mir ist ganz anders, mir ist’s leid, wenn ich dran denk’, daß das Alles aufhören soll! Huberbäuerin kann jede dumme Gans sein, aber die Unterhaltung, und die Abwechslung und die Spannung, die beständige Gefahr und doch die Gewißheit, daß man mir nicht ankann, und daß ich die ganze Welt an der Nas’ herumführen kann, das ist mehr werth, als der Huberhof! Das wird mir hart abgehn – aber,“ setzte sie mit einem zweideutigen Seitenblick hinzu – „ich versprech’ Dir’s, daß das der letzte Gang ist, den Du machst.“

„Dann will ich mich auch gleich auf den Weg machen,“ sagte Hans. „Bis zum Marterstöckl im Schwarzbühel ist eine Glockenstund’ …“

„Ja – und der Weg geht nicht weit vom Brandlgut vorbei – wie leicht, daß Du da aufg’halten werden könntest!“

„So gib mir Wegzehrung mit, daß ich nicht in Versuchung komm’,“ flüsterte Hans und wollte sie an sich ziehn. Sie wehrte ihn aber mit einer Art Schauer von sich ab. „Jetzt nicht,“ sagte sie, „wir sind hier nicht allein, aber morgen sollst Du’s einbringen, oder wenn Du wiederkommst.“

Er ging, und bald verhallte sein Tritt in der ungewöhnlich dunkel hereingebrochenen Nacht.

(Fortsetzung folgt).


Kleiner Briefkasten.


Auf die vielen Anfragen nach genaueren Mittheilungen über das „Neu-Deutschland unter dem Aequator“ (Gartenlaube 1859, Nr. 52) können wir nur bitten, an das „Intelligenz- und Anfrage-Bureau für Deutsche in London“ zu schreiben, das sehr gern genaue Auskunft geben wird. Die genaue Adresse desselben lautet:

E. Juch & Comp.

London.

48, Cliftonstreet,Finsbury-Square.

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Der Name dieses braven Mannes ist Hadfield, er ist Parlamentsmitglied für Sheffield.
  2. Hochfahrendes Wesen.
  3. Buchsbaumener Löffel.
  4. Gibts grad viel.