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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1860
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[17]

No. 2. 1860.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Aus dem Gedenkbuche der Gartenlaube.
Aus einem Briefe vom 12. December dieses Jahres.
Das (Schillerfest) war doch gottlob einmal eine Weltvolksfeier über Berge und Meere hinaus, ein schönes Einheitszeichen.
Wir müssen ja in Hoffnung auch der Zeiten warten, wo der deutsche Held kommen, der mit Scepter und Schwert unsere Jämmerlichkeit – ich meine unsern politischen Jammer – zusammenschlagen und die politische Zerrissenheit des Vaterlandes heilen kann.
Bonn, 12. December 1859.  In deutscher Treue Ihr
E. M. Arndt.


Isolde.
Novelle von Karl Frenzel.


1.

In dem weitläufigen Park war dies der stillste und lieblichste Platz – schattige Buchen umschlossen ihn ganz, und zwischen ihren Stämmen wuchs üppig wuchernd, jetzt leise im Wind bewegt, das Gebüsch empor; dahinter lagen die Hecken, das schirmende Gitter; hart an der Grenze zwischen Garten und Feld ragte ein mächtiger, vom Blitz gespaltener Baum in drei kahlen, blatt- und zweiglosen Stämmen mit weißgrauschimmerndem Holz auf, weit sichtbar über die ganze breite Fläche hin, die sich bis zu dem Graben und den Pappelreihen der höher gelegenen Landstraße ausdehnte.

Auf der steinernen halbrunden Bank inmitten dieses verschwiegenen Raumes, zu dem die Sonnenstrahlen in der späten Nachmittagsstunde sich nur einzeln stahlen, wie lang gezogene goldene Fäden auf grünem Grunde spielend, ließ sich gut träumen und mit sich allein sein – das Wohlgefühl einer süßen, ungestörten Einsamkeit, diese Hingabe an die leisesten Wallungen der Seele mochte auch die sonst so strenge und abgemessene Haltung Isoldens gelöst, ihrer Hand das Buch entzogen haben; sie lag halb zurückgeworfen, den Kopf auf den Arm gestützt, die langen Wimpern über die Augen gesenkt, wachend und träumend zugleich …

So verklangen ihr fast die Schritte, die jetzt den Laubgang herauftönten, in das Säuseln und Rauschen der Blätter, bis endlich in Reisekleidern, ein wenig bestäubt, am Ausgang des Pfads ihr gerade gegenüber ein junger Mann erschien und sie, das Auge aufschlagend und ihn mit einem Blick erkennend, wild aufschreiend, ihm die Hand entgegenstrecken wollte und doch nicht konnte und wie vor einer wunderbaren Erscheinung erstarrt in ihrer Stellung blieb. Auch er kam erst nach geraumer Weile ihr einen Schritt näher, trotz seines Grußes Verlegenheit und Enttäuschung im Gesicht.

„Diese Störung, meine Gnädigste –“ und in seiner Stimme bebte der Unmuth über dies Zusammentreffen nach – aber nun hatte sie sich schon gefaßt und während sie mit der Hand nach ihrem Buche griff, dankte sie ihm mit leichter Verneigung, sodaß es ihm schien, als wolle sie ihm damit zugleich die Umkehr nicht anbefohlen, doch angedeutet haben. Das verletzte und reizte ihn. Wer war diese hochmüthige, wie er jetzt erkannte, nicht einmal hervorragend schöne Dame, die ihn hier, auf diesem Boden, wie einen Fremden behandelte?

„Sie werden mein Eindringen entschuldigen,“ sagte er darum, „wenn ich Ihnen gestehe, meine Gnädige, daß ich an diesem Platze Niemand oder, wenn Einen, nur Clemens Arnheim erwartete.“

Sie sah hoch auf, aber ihr Gesicht ward nur kälter und strenger – „Hier? Herr Clemens von Arnheim?“

„Ja, und da ich ihn hier nicht treffe, werde ich ihn im Schloß aufsuchen müssen. Noch einmal, Vergebung.“ Damit wandte er sich, allein sie war schon aufgestanden.

„Er ist nicht im Schloß.“

„Nicht im Schloß? Aber ist heute nicht der erste Tag des September?“

„Gewiß.“

„Und doch nicht hier? O Freundschaften, Jugendschwüre! Leicht wie Liebeseide trägt Euch die Welle des Daseins dahin?“

Ein zornig bitterer Zug flog über seine sonst offenen und sanften Züge, er zerknitterte seinen braunen Hut in den Händen und schien minutenlang in seinem Schmerz die Dame an seiner Seite vergessen zu haben. Sie betrachtete ihn mit Neugierde, voll Theilnahme, und als er zuletzt ausbrach: „Sie sehen, welch’ kindische Komödie ich aufführe, weil ich an Jugendfreundschaften geglaubt,“ meinte sie sanft: „Nicht doch! Der erste September ist noch nicht zu Ende, und Herr von Arnheim kann noch in dieser Stunde eintreffen. Er verweilt seit einigen Wochen in der Hauptstadt, seine Geschäfte mögen ihn aufgehalten und er darüber die bestimmte Stunde versäumt haben. Ich bitte Sie wenigstens bis Mitternacht im Schloß zu verweilen und es einmal mit seiner Langenweile und Einsamkeit zu wagen, um so herrlicher strahlt dann nachher Ihre Treue.“ Und zum ersten Male, seit sie mit ihm sprach, spielte ein Lächeln um ihre Lippen.

Der Zauber, der sie jetzt umfloß, berührte auch ihn. „O wenn Sie wüßten, wie Jahre lang, fünf lange Jahre hindurch, diese Stätte hoch und heilig in meiner Erinnerung gestanden! Nie

[18] habe ich ihrer und des heutigen Tages vergessen. Ich hoffte ihn, den Freund meiner Jugend, wiederzusehen und – warum sollt’ ich es verschweigen? die Jugendgeliebte!“

„Hier?“ fragte sie auffahrend, und die Adern ihrer Stirn schwollen. „Im Schloß?“

„Oben in dem Erkerzimmer, dessen Fenster nach dem Fluß und den Bergen hinausgehen, hatte dieser Verräther Clemens ein prächtiges Fest zu geben versprochen – und was ist nun aus all’ den Herrlichkeiten geworden?“

„Schaum!“ erwiderte sie mit einem fast höhnischen Lächeln, er aber scherzte in seinem elegischen Tone weiter: „Nicht einen Kranz hat er an die Pforte seines Schlosses gehängt, nicht einen armseligen Kranz von Eichenlaub und Waldblumen! Und sie wird kommen, wie ich gekommen bin, sie war vielleicht schon an dem verschlossenen Thor und mußte zurück!“

„Nein; keine Dame hat seit Wochen nach Herrn von Arnheim gefragt.“

„Und nichts ist zu ihrer Aufnahme angeordnet?“

„Nichts.“ Dies sprach sie mit schneidender Kälte.

„Dann ist ein wichtiges Ereigniß geschehen – und ich fürchte, meine Gnädigste, ich gehöre nicht mehr auf diesen Boden.“

„Da Sie mir so viel gestanden, mein Herr, darf ich Sie nicht von hinnen lassen. Einen Fremden hätte ich abweisen können, aber nicht einen Freund des Herrn von Arnheim, er würde es mir niemals verzeihen. Ich denke immer, er kommt noch, er und jene Dame, sie mögen sich beide schon in der Hauptstadt getroffen haben.“

„Auch das wäre treulos! Fünf Jahre lang, so schwuren wir uns, gerade an der Stelle, wo die steinerne Bank nun steht, uns nicht zu sehen, nicht zu schreiben, nur an jedem ersten September uns eine Rose und einen Gruß gegenseitig zum Zeichen, daß wir noch lebten, zu schicken – und endlich nach fünf Jahren uns hier wiederzutreffen, anders vielleicht an Leib und Geist, aber mit demselben Herzen voll Liebe und Treue, wie am Tage, wo wir schieden.“

Sie hatte ihr Gesicht von ihm gewandt, eine Thräne schimmerte in ihrem Auge. „Das hätte Clemens,“ fragte sie mit leiser, unterdrückter Stimme zurück, „das hätten Sie gethan und gehalten?“

„Bis heute – ja! Heute aber sind zwei treulos geworden, und der Bund ist zerrissen.“

„Welche Schwärmerei!“ Und doch glühte sie über und über und reichte ihm ihre Hand. Er zog sie flüchtig an seine Lippen. „Spotten Sie nur,“ meinte er gutmüthig. „Wir waren alle drei wilde, tolle, aber begeisterungsfreudige Menschen, und es war kindisch, aber doch schön, schön, wie ich seitdem nichts wieder erlebt! Nun will ich wenigstens, wie die alten Vehmboten, ein Zeichen zurücklassen, daß ich hier gewesen“ – und er schnitt drei Spähne aus dem blitzgetroffenen Baum und zeigte auf die halbverwischten, aber doch noch sichtbaren, in einander verschlungenen Buchstaben C – A – B – „Clemens, Adele, Bruno,“ sagte er beinahe schmerzlich zu seiner Gefährtin, die nahe zu ihm getreten war und mit demselben schmerzlichen Ausdruck auf den Buchstaben weilte, die auf dem weißgrauen Holze sich in röthlich ausgeblaßten Zügen abhoben. „Sie sind mit Blut geschrieben,“ fuhr er fort, „und doch schon halb verschwunden. Wie lange werden sie noch dauern? Wie lange die Erinnerung an jene Stunde noch in uns mächtig sein? Auf dieser Flucht aller Dinge, was hielte beständig an seiner Stelle aus? Und wenn Alles vorüberfließt, was quälen wir uns nur mit Sorgen und Gedanken?“

„Was quälen wir uns nur?“ hauchte es wie ein Echo in ihrer tiefsten Seele nach.

Wie er jetzt den Kopf nach der Seite hinneigte, konnte ihr Blick, ohne von ihm belauscht zu werden, jede Furche seiner Stirn, jede Wimper seines Auges bemerken. Ein schauerndes Entzücken rauschte über sie hin, durch alle ihre Adern … so allein mit ihm zu sein, mit ihm zu reden, aus jedem seiner Worte den Hauch seines Geistes, die Gluth seines Herzens um sich wehen, von seiner Hand die ihrige berührt zu fühlen – war es ein Traum, der sie plötzlich für so viel Trauer und Entbehrungen überreich belohnte, war es holde, greifbare Wirklichkeit? Aber ach! er kannte sie nicht, er verstand nicht das Zucken und Zittern ihrer Glieder, das unruhige Rauschen ihres Gewandes, er wußte weder die rosigen Flammen ihrer Wangen noch ihre aus Seligkeit und Schmerz wunderbar gemischte Stimmung zu deuten. Ihm war sie fremd, viel fremder, als die Bäume und Gebüsche umher, und doch gab es, mußte es in seinen Erinnerungen eine Stelle geben, wo sie stand, wenn auch von Nebelschleiern verhüllt – eine Stelle, daran sie nur nicht zu rühren wagte. Während sie ihm so nahe stand, daß sein Athem die braunen Locken ihres Haars leicht auf ihrem weißen Nacken kräuselte, dachte er nur an Clemens, nur an Adele – und dennoch fühlte sie sich glücklich, erhoben; das Schicksal schien mit ihr zu sein und jenen Faden seiner Vergangenheit, den sie selbst gewebt und den sie noch in Händen hielt, zu einer glücklichen Zukunft fortspinnen zu wollen. Noch war ihr Blick auf ihn gerichtet, da wandte er sich und sagte: „Es ist immer kläglich, in der alten Asche nach einem verlorenen Funken zu wühlen.“

„Nein, nein!“ winkte sie, „Mir ist Alles neu und so licht wie ein Traum. Nie hat Herr von Arnheim ein halbes Wort von diesen Geschichten zu mir geredet.“

„Vielleicht hat er über eine neue Liebe die alte vergessen.“

„Mag sein,“ entgegnete sie wegwerfend. „Er wird denken, Staub zu Staub. Aber darf ich Sie nun einladen, in das Schloß zu kommen? Von jenem Erkerzimmer, das Sie so gut zu kennen scheinen, läßt sich die Landstraße überschauen, auf der Ihr Freund und Ihre Freundin kommen müssen, Herr Bruno –“

Sie stockte erröthend, weil sein Name sich unwillkürlich aus ihrem Herzen auf ihre Lippen gedrängt, er verstand sie anders – „Bruno Berghaupt,“ sagte er. Nun wurde ihr Antlitz noch flammender, als sie sich leicht verneigte und mit zitternder Stimme erwiderte: „Ich bin Isolde Schönfeld.“ Er hatte nur ihren Vornamen Isolde vernommen.

Neben einander gingen sie auf dem schmalen Pfade entlang; ihm fiel ihre edle, schlanke Gestalt auf, die vornehme und doch anmuthige Ruhe ihrer Haltung und ihres Wesens, dem jede Aufregung fremd zu sein schien. Sonst war sie trotz des Glanzes, den die Sonne über ihr Antlitz ausstrahlte, nicht eben schön; sie mochte dreiundzwanzig Jahre zählen, welche die erste rosige Jugendfrische von ihren Wangen gewischt, dafür aber einen Duft von Melancholie und Lieblichkeit über sie ausgestreut hatten, der für Bruno, wenigstens in seiner gegenwärtigen Stimmung, den verlornen Schimmer hinlänglich ersetzte.

Der Pfad mündete jetzt in eine breite Linden- und Kastanienallee, an deren Ausgang das Schloß mit seinen Fensterreihen sichtbar ward. Zu der Mitte des Laubgangs, an der steinernen Vase, die voll bunter Blumen und Kränze prangte, hielt sie erschöpft von dem hastigen Laufe inne, stützte den Arm auf einen der erhabenen Henkel des Gefäßes und schaute mit strahlendem Auge bald zu Bruno, bald über den Park hin – Alles war in den milden, röthlich goldenen Ton des Sonnenuntergangs gekleidet und strahlte in bezaubernder Frische und Schönheit.

„Wahrlich,“ sagte Bruno, „um diese Stätte könnte ich den liebsten Freund beneiden! Wie duftig, erquickend, wie zauberhaft still! Hier sich selbst leben und den Wandlungen der Natur! Aber so sind die Götter: denen schenken sie Ruhe und Glück, die am wenigsten ihren Werth verstehen und sich am liebsten auf der hohen Fluth des Lebens umhertreiben lassen. Clemens ist viel zu ehrgeizig für diese Stille – oder liebt er die Besitzung?“

„Er besucht sie nur selten,“ antwortete sie ausweichend. „Allein Sie kannten den Garten bei den Lebzeiten des alten Herrn von Arnheim,“ fuhr sie eifrig fort, „hat er nicht unter der neuen Herrschaft gewonnen?“

So kamen sie, von Blumen redend, von italienischen Villen und englischen Parks, ehe sie es glaubten, an die Stufen, die zu dem Schlosse hinaufführten. Als Bruno die Diener seine Begleiterin als „gnädiges Fräulein“ begrüßen hörte, mit einem Blick bemerkte, daß man ihr wie der Herrin des Hauses entgegenkam und ihre Befehle empfing, ward er in seinem Entschluß schwankend. Oben, an der großen Glasthüre, welche eben ein Diener geschäftig öffnete, berührte er leise ihre Hand: „Ich bin Ihnen zum wärmsten Dank verpflichtet, Gnädigste, Sie ließen mich freundlich nicht den schönsten, aber den mir vieltheuersten Garten auf Erden noch einmal durchschreiten, mein Jugendparadies – ich danke Ihnen für diese Stunde auf immer! Damit ist indeß der Höflichkeit überreich Genüge geschehen, ich werde Clemens morgen in der Hauptstadt aufsuchen und –“

„Bis dahin unten im Wirthshaus bleiben?“ lachte sie. „O, das entläuft Ihnen nicht. Bedenken Sie wohl, daß ich Ihnen nur bis Mitternacht das Schloß zum Asyl anbieten darf. Bis dahin müssen Sie mir gehorchen, Sie müssen!“

[19] Ihr zuerst scherzender Ton hatte bei den letzten Worten sich in einen scharfen, befehlenden verwandelt; Bruno wollte erwidern, noch widerstreben, da begegneten sich ihre Blicke – ihre Augen, die ihm bisher immer wie verschleiert vorgekommen, brannten plötzlich dunkelglühend in sein Gesicht, gleich ihm entgegen lohenden Flammen … er betrat an ihrer Seite das Schloß, ging neben ihr die Treppe nach dem Erkerzimmer hinauf.

„Zwar nicht so herrlich, wie Sie es erwarteten, aber geschmückt ist es doch,“ sagte sie im Eintreten – „mit Blumen, mit Bildern!“

Eine eigenthümliche, nicht allzu behagliche Stimmung ergriff ihn, als er, von ihr auf einige Minuten allein gelassen, sich im Gemache umschaute.

Kein Zweifel – sie selbst bewohnte es, der Stickrahmen an jenem Fenster, die Nippsachen auf dem Schreibtisch, so viele zierliche, kostbare Nichtigkeiten, mit denen Frauen ihren Lieblingsplatz schmücken, die Vasen mit Blumen auf den Consolen – das Alles sprach dafür. Doch machte das Zimmer einen mehr ernsten, als heiteren Eindruck. „Es entspricht ihrem Gesicht,“ dachte er bei sich. Diese grünen, fast dunkeln Sammettapeten, einige Copien von Murillo[WS 1] an den Wänden, in der Nische vom Abendroth angehaucht die marmorne Statue einer Hebe[WS 2] … wer war sie denn eigentlich? Eine Verwandte von Clemens? Er wußte von keiner. Seine Gattin? Aber die Diener nannten sie Fräulein. Seine Geliebte? Es war ihm selbst unerklärlich, daß dieser Gedanke am längsten in ihm haftete, und trotz der Jungfräulichkeit ihrer Erscheinung glaubte er allmählich ein Etwas in ihr zu entdecken, was seine Vermuthung bestätigte. Und in welcher Lage befand er sich nun selbst ihr gegenüber? Er betrachtete seine Reisekleider, den Staub auf seinem braunen Calabreserhut mit gezwungenem Lächeln in dem hohen Stehspiegel. „Es ist schon recht,“ schalt er in sich hinein, „daß du ihr zum Gespött dienst! Was mußtest du gleich alle deine Geheimnisse und Empfindungen ihr offenbaren, damit prunken? Dich im Augenblick hinreißen lassen und leichtsinnig einem holden Winke folgen? Clemens wird nicht kommen, sondern die Dame wird ihm morgen einen spöttisch-mitleidigen Brief über dich und deinen Besuch schreiben und es wird wieder heißen: Bruno der Thor! Jetzt wie vor Jahren, immer und überall, verschlossen oder offenherzig, Bruno der Narr!“

Er trat an das Fenster und scheinbar im Anschauen der Landschaft versunken, während ihn doch ausschließlich diese Gedanken beschäftigten, überhörte er, daß sie zurückgekehrt war. Wie dann ihr seidenes Kleid dicht hinter ihm über den Boden rauschte und er sich umwandte, stand sie ähnlich der Hebe vor ihm, nur noch züchtiger, und das Angesicht in rosige Gluth getaucht.

Mit den schwindenden Stunden flogen denn auch Unmuth und Mißvergnügen von der Stirn; in freundlich anregendem Gespräch tauschten sich Gedanken, Gesinnungen, Urtheile zwischen Beiden aus, und trotz manchen Widerspruchs der Ansichten klang doch eine reine Harmonie, eine sie verbindende seelische Sympathie hindurch. Es war Beiden, als hätten sich ihre Seelen schon längst gekannt, als wären ihre Empfindungen schon längst in dasselbe Meer ewigen Wohllautes dahingefluthet. Was sie je erfreut, ein Gedicht, ein Bild, hatte auch sein Herz bewegt, was ihn je betrübt, unsere Unfreiheit und das dunkle Geschick, dem wir entgegenreifen, war auch in ihr tragisch nachgeklungen. So wurden sie vertraut, innig befreundet – sie wußten selbst nicht, wie – und Bruno fand es nach so vielen fast unwillkürlichen Geständnissen nur natürlich, daß er ihr endlich auch die Begebenheit erzählte, die ihn in wunderlicher Laune des Schicksals zu ihr geführt. Sein Mund hatte so lange darüber geschwiegen, er sein Herz verschlossen gehalten, daß er es jetzt vor der Einzigen ausströmen mußte, die ihn zu begreifen und ihm nachzuempfinden vermochte.

„Vor sechs Jahren,“ sagte er, „hatte ich eben meine Universitätsstudien beendigt und wohnte in der Hauptstadt unweit des Palastes der Arnheim am Thor. Die Nachbarschaft und das Zusammentreffen in philosophischen Collegien machte mich mit Clemens bekannt; frei von allen Standesvorurtheilen schloß er sich an mich an, wir wurden Herzensfreunde. Seine Eltern waren, wie die meinigen, gestorben, wir standen beinahe allein in der Welt, Beide nicht allzureich mit Glücksgütern gesegnet, er aber wenigstens mit der Hoffnung auf die große Erbschaft seines Oheims, der das Haus in der Stadt, dies Schloß und ich weiß nicht welche Güter noch besaß.“

„Das Alles hoffte Clemens zu erben?“ fragte sie leichthin dazwischen.

„Freilich; ich denke, er war der einzige nähere Verwandte des alten Herrn und –“

„Gut, gut!“ nickte sie.

„Wir waren Beide oft zusammen in diesem Schloß; der Graf war wunderlich, mürrisch, von Krankheiten geplagt, aber seine Liebhabereien für alte Bücher und seltene Mineralien entzückten mich, weil sie auch die meinigen waren; ich gehörte zu den aufrichtigsten Bewunderern seiner Sammlungen, mir zeigte er die kostbarsten Stücke, er bevorzugte mich sichtlich vor Clemens. Nicht wahr, da ist es ein gutes Zeichen unserer Freundschaft gewesen, daß sie nicht zerriß, sondern sich nur fester knüpfte? Sie kennen Clemens, er hat die vornehme Kälte seines Standes, etwas Ausschließliches, aber er verbirgt darunter ein leidenschaftliches Herz, eine großmüthige Hingebung. Damals drückte ihn seine abhängige Stellung von dem Oheim, die trübe Erinnerung an seinen Vater, der in wüster Verschwendung und Spielsucht sein Vermögen vergeudet, das Leben seiner Gattin gebrochen hatte – wie stolz und freudig muß er jetzt das Dasein betrachten, die Bahn des Ruhms, die sich seinem Ehrgeiz geöffnet! Denn Sie glauben wohl, daß wir unsere Ideale hatten, politische und sociale, daß wir die Welt und das Leben gern so schön und eben gestaltet hätten, wie diesen Garten …“

„Und Sie meinen, daß Clemens Arnheim nach ihrer Verwirklichung trachten würde?“

„Gewiß, so weit sein Arm und seine Kräfte reichen. Als ich durch das Dorf kam und die freundlichen Häuser, die stattliche Kirche, die Menschen selber mit dem verglich, was ich vor wenigen Jahren hier in häßlicher Verkommenheit gesehen, dankte ich ihm im Stillen.“

„Ihm!“ hauchte sie und preßte die Hände auf ihre Brust, deren Wallen zu unterdrücken.

„Ja, ihm und unseren Idealen!“

Und da er schwieg, fuhr sie gleichsam für ihn fort. – „Es erschien aber ein lebendiges Ideal, jene geheimnißvolle Adele, welche die mit Blut geschriebene Rune an dem Baumstamme im Garten bezeichnet.“

„Recht – und die Tragik, die auch schon eine alte ist, beginnt wie immer damit, daß beide Freunde sie liebten. War sie schön, war sie holdselig? Ich lese die Frage in Ihren Mienen. Mir war sie der höchsten Göttinnen eine. Es gab keinen Zauber, der in meinem Augen sie nicht schmückte, es gab nichts auf Erden, was ich ihr hätte vergleichen mögen – o, lachen Sie über mich, – ich finde auch jetzt noch nichts, was ihr Bild in meiner Seele verlöschen könnte.“

Stürmisch zerknitterte Isolde ihr Taschentuch in der Hand, und ihr Gesicht, von dem Lampenschirme verdeckt, überzog sich mit fahler Blässe.

„Ja, was war sie? Eine Nymphe, eine Fee? Vor mir schwebte sie beständig auf dem strahlendsten Regenbogen zwischen Himmel und Erde, die Welt aber nannte sie eine große, vielgeliebte Sängerin. Sie sehen – ein Traum der Jugend! Ich liebte sie, ich kannte sie zuerst – und es war eine Treulosigkeit von Clemens, daß er, meine Leidenschaft kennend, dennoch um Adele warb. Das ist nun vergeben und vergessen, wann hätte je die stoische Tugend vor der Liebe Stand gehalten? Ein Zufall, der sonderbarste in meinem Leben, unterrichtete mich von Allem, von Clemens’ Untreue, von Adelens Neigung zu ihm.“

In diesem Augenblick erhob sich Isolde von dem Sopha und trat schnellen Schritts in die Fensternische. Erschreckt wollte auch Bruno aufstehen, aber sie bat: „Bleiben Sie nur, mir scheint die Luft schwül, hier ist es kühler, und mein Ohr hört Sie so gut, wie mein Herz.“ So blieb er denn in dem Lehnstuhl sitzen, hell von der Lampe beschienen, daß sie aus dem Schatten, in dem sie stand, jede Veränderung seiner Züge belauschen konnte.

„Wie gesagt, was nun geschah, klingt beinahe wie ein Märchen. Es war im Frühling, und die Fenster meiner Wohnung gingen nach einem der großen Gärten hinaus, die auf dieser Seite die Stadt umkränzten. Die Freundlichkeit des Gärtners gestattete mir, in den Abendstunden in den Alleen, durch den Weinrebengang umherzustreifen. Selten traf ich einen der andern Hausgenossen darin, ein und ein anderes Mal eine ältere Dame, die zurückgezogen im Vorderhause wohnte und die schönste Geisblattlaube des Gartens für sich in Beschlag genommen hatte. Wir grüßten uns im Vorübergehen, sprachen aber nie ein Wort mit einander, sie [20] mochte ihren eigenen Gedanken nachhängen, ich lebte nur in meiner Liebe und hatte für nichts Anderes Sinn und Theilnahme. Eines Abends fand ich heimkehrend auf dem Fensterbrett einen kostbaren Blumenstrauß mit rother Seide festgebunden, sonst kein Zeichen – das Zimmer lag im Erdgeschoß und es war nicht allzuschwer, vom Garten aus das Fenster zu erreichen, zur Noth selbst hineinzusteigen. Das seltsame Geschenk beschäftigte mich; ich sann hinüber, herüber, von wem es kommen könne. Zuerst schrieb ich es Adelen zu; man sagt, alles Gute käme von den Göttern, zu mir kam es von ihr allein. Ich dichtete einige Verse für die unbekannte Geberin, legte sie am andern Tage, als ich ausging, auf die Stelle, wo ich die Blumen gefunden hatte – bei meiner Rückkehr waren sie verschwunden. So wiederholte sich dies Spiel noch oft; blieb ich zu Hause, auch noch so versteckt, bemerkte, sah und empfing ich nichts – dann gingen allein die Gärtnerburschen durch die Alleen, schritt meine alte Freundin im Strohhut, ihr englisches Buch in der Hand, an meinem Fenster wunderlich ernst vorbei. Einmal saß ich dort, über ein Buch gebückt, da flog mir eine wunderschöne weiße Rose an den Kopf. Aufschauen und aus dem offenen Fenster springen war bei mir eins – ich hörte auch ein helles, fröhliches Lachen, sah ein strahlendes Antlitz aus dem Grün auftauchen – aber die Fee entschwand doch schneller, als ich nahte. Umsonst durchsuchte ich alle Lauben, bog umsonst jedes Gebüsch auseinander, endlich, des Suchens und Forschens überdrüssig, ergab ich mich darein, der Laune eines Koboldes zum Spielball zu dienen.

„Clemens, der kalte, besonnene Clemens, behauptete lachend, mein überirdisches Wesen sei entweder ein Gärtnermädchen oder eine Nähterin, die irgendwo in einer Dachstube des weitläufigen Gebäudes wohne. Hätte ich nicht Adele geliebt, leicht möglich, daß mich dies Abenteuer mehr gereizt, daß ich sorgfältiger nach der Unbekannten geforscht hätte. Eines Abends lag statt der Blumen, einer Gabe, an die ich schon gewöhnt war, ein Brief auf dem Fenster, den die innigste und mächtigste Leidenschaft eingegeben zu haben schien, der mir aber zugleich einen Vorwurf und eine Schuld aus meiner Liebe zu Adelen machte und sie falsch und treulos schalt. Es gab eine Zeit, wo ich jedes Wort dieses Briefes auswendig wußte, wo es mit feurigen Buchstaben in meiner Seele eingeschrieben stand. Denn es war etwas Hinreißendes, Berauschendes, Dithyrambisches darin, das mich wie ein hochheiliges Lied anklang, und doch daneben so viel Stolz, Eifersucht und Herrschsucht eine so genaue Beobachtung meines täglichen Treibens, daß ich mir selber wie bezaubert, wie beständig von einem bösen Geiste belauscht vorkam und zornig fragte: wer ist denn diese Frau, die dich auf jedem Schritte verfolgt, als wärst du ihr entflohener Sclave? Bist du nicht mehr frei? Hofft die Thörin, daß du ihretwegen, die nicht mehr als ein Nebelbild für dich ist, Adele vergessen wirst? Hofft sie deine Liebe gewaltsam zu erobern und nicht als deine freie Gabe zu empfangen? Das war es – ich mag meine Neigung nicht wie die Siegesbeute einer Amazone dahingeschleppt sehen, keine Frau zu mir sagen hören: Du sollst mich lieben! … Ich faßte mich, ich antwortete weder auf diesen leidenschaftlichen Erguß, noch brach ich mit Adelen. Und ich fand noch einen und einen dritten und letzten Brief. Wie beklagte ich diese Unselige, sie schrieb in Verzweiflung, sie klagte sich, mich, die Welt an – endlich auch Clemens! Sie sprach das verhängnißvolle Wort aus, daß er Adele liebe, wieder geliebt werde und ich der Getäuschte sei. Noch heute weiß ich nicht, welch’ ein Beweggrund, welche dämonische Gewalt sie getrieben, sich so in mein Leben zu drängen, mit eiserner Hand meine Freundschaft und Liebe wie thönerne Götzen zu zerbrechen … was hatte ich ihr gethan? was gegen sie verschuldet? In meiner Phantasie, denn gesehen hab’ ich sie nie, trägt sie das Antlitz einer schönen aber todbringenden Furie.“

Mit einem tiefen Seufzer senkte Isolde, als hätte sie ein Schwertstreich getroffen, das Haupt auf die Brust und faltete die Hände – er aber vor sich hinstarrend, sprach weiter: Ja, todbringend! Denn nach dieser Aufklärung mußte ich mit Clemens brechen, ihn fordern, mich mit ihm schlagen … an der blitzzerschmetterten Buche, heute sind es fünf Jahre her. Wir schlugen uns lange, ingrimmig, schon blutete ich aus mehreren Wunden, da erschien sie, die Hexe, die ewig liebliche, betrügerische Adele. Sie hatte von unserm Streit erfahren, sie wollte uns versöhnen. Vor ihren Augen, ihren Worten senkten sich unsere Degen – dann folgte eine närrische Scene, eine bewunderungswürdige Tollheit der Jugend und der Begeisterung. Mit meinem Blute schrieben wir unsere Namen in den Baumstamm, gelobten uns mit Kuß und Handschlag Trennung im Augenblick, Wiedersehen nach fünf Jahren und eine ewige Freundschaft.

„So geschah es denn auch; da Clemens wegen der Kränklichkeit seines Oheims und seiner zukünftigen Stellung bei der Regierung das Land nicht verlassen konnte, reiste ich ab, mit kaum verharschten Wunden des Leibes und der Seele; Adele war zwei Tage nach unserm Zusammentreffen nach Paris gegangen. Solche Geschichten treten wohl auf Augenblicke vor den Eindrücken der Gegenwart zurück, allein sie erlöschen nie, und Sie begreifen, daß ich ihnen nachsinnend bald mehr der Unbekannten, als der Freunde gedachte, vor Allem, seit ich in meinem Goethe einmal zufällig die weiße Rose gefunden, die sie mir in das Fenster geworfen … es war das einzige Angedenken, das ich noch von ihr besaß. Da wünschte ich mir die Macht, sie zu mir herzubeschwören, damals wie jetzt!“

Er strich die Haare von seiner Stirn zurück und hielt die Hand eine Weile vor den Augen. Als er sie dann zurückzog, war Isolde aus der Fensternische an den Tisch herangetreten, und der Schimmer des eben aufgehenden Mondes, der voll in das Gemach hineinschien und um ihre Locken spielte, verklärte sie fast zauberhaft.

„Und wenn sie nun vor Ihnen stände,“ fragte sie mit sanftem rührendem Ton, „was würden Sie ihr sagen?“

„Ihr sagen? – Anschauen würde ich sie so lange, bis jeder Zug ihres Gesichts mein geworden, und zu ihr sprechen: warum rissest Du den Schleier entzwei, der mir die Welt verbarg? warum raubtest Du mir die fröhliche Jugend, die offene Hingabe? warum sollte ich meine theuersten Güter an Dich, Phantom, setzen? Sieh, Du hast mich einsam, traurig und verschlossen gemacht, ich habe nie wieder einen Menschen Freund genannt, nie wieder an Frauenliebe geglaubt. Du hast mir gesagt, daß Clemens wie Adele gelogen … was konnte ich von den Andern erwarten? Wenn es Deine Absicht war, mein Herz von den Täuschungen des Glücks und der Freude abzuwenden und zu jenem ernsten und trüben Ton zu stimmen, der durch unser Leben und Sterben gleich mächtig klingt; so hast Du sie erreicht. Ob Du mich liebtest, ob Du mich haßtest – grausam ist Dein Haß, grausam Deine Liebe!“

„Grausam!“ hauchte sie kaum vernehmlich vor sich hin.

Jetzt schlug die Uhr auf der Console mit raschen Schlägen die zwölfte Stunde. Bruno sprang auf: „Sie sehen, Gnädige, wie recht die Unbekannte mit ihrer Weltanschauung hatte. Alles ist Lüge, Schein und Verrath unter den Sternen – Clemens kommt nicht!“

„Und weil er treulos handelt, müssen wir Alle in gleicher Schuld stehen? Gibt es darum keine Aufopferung, keine Liebe mehr bis in Schmach und Tod?“

In dieser Aufregung war sie wunderschön; wie die strenggeschlossene Knospe sich plötzlich im Gewitterregen öffnet, so schien ihre Gestalt, ihr Wesen in leidenschaftlicher Wallung sich zu entfalten und aufzublühen. Hingerissen ergriff Bruno ihre Hand, sie schrie leise auf und entzog sie ihm hastig. Es war ihm, als hätten seine Finger an einem der ihrigen einen goldenen schmalen Ring berührt, und schon hatte sie ihn abgestreift und aus dem Fenster geschleudert.

„O!“ rief sie tiefaufathmend, mit wildzuckenden Lippen – „nun bin ich frei!“ Dann aber ließ ihre Erregung nach, sie senkte erröthend den Kopf vor Bruno. „Sie gehen?“

„Mein Gepäck ist unten im Dorfe. – ich denke, morgen in der Frühe abzureisen.“

„Morgen?“ Sie erhob mit fragendem und durchbohrendem Blick das dunkle Auge. Er fühlte zusammenfahrend, daß er diesem Blicke nicht so entgehen könne. – „Gut, nicht morgen – an einem andern Tage,“ sagte er abgebrochen.

Sie lächelte triumphirend: „Ich bin Ihnen für Ihre Geschichte die meine schuldig. Sie bewiesen mir ein so edles Vertrauen, ich tausche Gleiches mit Gleichem, Auge um Auge, Seele um Seele!“

Was sie nun noch sprachen, waren nur noch Laute der Freude und des Entzückens, von denen allein ihr „Gute Nacht!“ mit silbernem Ton in ihm fortklang, wie unsagbar süße Musik, als er wenige Minuten nachher die Straße von dem Schlosse in das Dorf hinabwandelte.

(Fortsetzung folgt.)



[21]

Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha.

Recht inmitten der gesegneten Länder, über welche der deutsche Bund seinen gewichtigen Scepter erstreckt, liegt – einer Insel im Weltmeer gleich, um die sich stürmisch die Wogen brechen – eins von den wenigen ganz glücklichen Ländern, die nicht der Sage angehören. Und doch herrschen hier fast sagenhafte Verhältnisse: vor allen Dingen vollkommene Religionsfreiheit, denn die freisinnigsten und deshalb duldsamsten Geistlichen haben hier Aufnahme gefunden und stehen an der Spitze der Geistlichkeit; kein Concordat ist geschlossen oder hat nur den Schatten einer Möglichkeit; keine politischen Gefangenen schmachten in den für Verbrecher bestimmten Zellen; keine lästige Polizei chicanirt den Fremden, denn die Polizei ist hier wie sie sein sollte; kein militairischer Prunk reizt oder ärgert den Bürger; keine schweren Taxen drücken den Bauer – keine Conduitenlisten existiren; kein schwarzes Buch; kein heimliches Gerichtsverfahren. Dem Gewerbfleiß ist dabei jeder Spielraum gegeben; die Presse frei; die Kunst wird gehoben und gepflegt, und kurz und gut, es ist ein Land, so glücklich, wie wir es wohl in unseren schönsten Träumen für ganz Deutschland erstreben möchten.

Dem deutschen Leser brauche ich aber auch nicht erst zu sagen, [22] daß ich Coburg-Gotha meine, denn er hat nicht so viele Länder durchzurathen, um das rechte zu treffen. Ebenso weiß er, wem es die Coburger zu verdanken haben, daß sie das Alles von sich sagen können.

Ernst II., Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha, wurde am 21. Juni 1818 auf der Rosenau bei Coburg geboren. Er ist der älteste von zwei Brüdern, und Albert, der jüngere, Gemahl der Königin von England. Seit 1842 mit Alexandrine, einer Prinzeß von Baden, vermählt, trat er 1844, nach dem Tod seines Vaters, die Regierung an, und begann sie gleich mit einem charakteristischen Zeichen seiner ganzen späteren Laufbahn. Er machte nämlich einer erbitterten Opposition der Stände dadurch ein plötzliches Ende, daß er diesen einfach sagte: „Ihr habt in den und den Fällen Recht und – sollt es behalten.“

Das Jahr 1848 aber prüfte schon bald seine Kraft, und wacker und edel hat er sich darin gehalten: nachgebend, wo er das Volk berechtigt wußte, muthig und streng, wo er Uebergriffen entgegentrat, mild und verzeihend, als der Sturm vorübergerauscht war und einzelne Opfer aus der Masse, wie das gewöhnlich geschieht, übrig geblieben. Er auch ist der einzige Fürst, der aus jenen bewegten Tagen dauernden Ruhm davongetragen, denn er war glücklich genug, gerade damals ein selbstständiges Commando in Schleswig-Holstein zu haben, als die dänischen Kriegsschiffe (5. April 1849) keck und übermüthig den Hafen von Eckernförde forciren wollten. Doch jene Begebenheit ist zu bekannt, noch ein Wort darüber nöthig zu machen. Unter der gestrichenen Flagge Christian’s VIII. steht jetzt dessen Gallionbild – den dänischen König in riesiger Größe vorstellend – in der Coburger Veste und schaut wehmüthig durch das Glasfenster in den Hof hinaus.

Und treu ist der Herzog von da an der schleswig-holsteinschen Sache geblieben, die dem wahren Deutschen noch einen Tropfen Wermuth in jeden Becher schüttet, den er trinkt; treu und edel hat er die vertriebenen und unglücklichen Opfer jener Zeit, so viele er deren unterbringen konnte, in sein Ländchen aufgenommen. Auch aus Hessen fanden Viele bei ihm Hülfe und Schutz. Leider konnte er nicht Alle aufnehmen, die von fremden und einheimischen Regierungen gemaßregelt wurden – er hätte sich sonst ein neues Königreich erobern müssen.

So warm aber, wie er als erster deutscher Fürst in Frankfurt a. M. gegen jedes den deutschen Brüdern in Schleswig-Holstein gethane Unrecht protestirte, so warm trat er später für jede echt deutsche Sache auf; so im orientalischen Krieg, wo eine neutrale Bewaffnung, so im italienischen, wo eine bewaffnete Neutralität beliebt wurde, und ich brauche wohl kaum noch hinzuzufügen, daß er in neuester Zeit wieder der einzige deutsche Fürst war, der sich den nationalen Bestrebungen unseres Volkes offen und freundlich zeigte, der ihre Berechtigung anerkannte, und in seinem Land dem von der Frankfurter Republik gemaßregelten Ausschuß Obdach verlieh.

Geistig sehr befähigt, mit einem lebendigen Interesse für alles Gute und Schöne, wo er es findet, vereinigt er eine Menge von Eigenschaften in sich, die ihm überall seine Existenz sichern würden, selbst wenn er kein Fürst wäre und mittellos in der Welt stände. Er ist als Regent, General und Politiker gleich tüchtig, und als Regent, General und Politiker arbeitet und strebt er für ein einiges, starkes Deutschland – eine der Hercules-Arbeiten.

Aber auch die Künste hat er deshalb nicht vernachlässigt, sondern sie gehegt und gepflegt. Seine musikalischen Arbeiten und Erfolge sind bekannt, der Literatur bewahrt er ein reges Interesse und selbst in der Oelmalerei hat er sich mit Glück versucht, diese Kunst aber, die ihre Jünger an die Leinwand fesselt, aufgeben müssen, weil er ihr nicht die dazu nöthige Zeit widmen konnte.

Die wirkliche Volkswirthschaft findet dabei an ihm ihren wackeren Vertreter und selbst in der Landwirthschaft besitzt er schätzenswerthe Kenntnisse, wie er denn auch bei dem letzten landwirthschaftlichen Verein in Coburg selber einen Originalvortrag über die Zucht der Pferde hielt.

Was die Persönlichkeit des Herzogs betrifft, so ist er von hoher, stattlicher Gestalt, mit edlen Zügen und offenen, geistreichen großen braunen Augen. Lebendig dabei in seinen Bewegungen wie in seinem Geist, unermüdlich thätig, nie unbeschäftigt, außerordentlich mäßig und einfach in seinem Leben ist er ein kecker Reiter, ein Waidmann durch und durch und mit einem Wort ein Fürst vom Wirbel bis zur Zehe. Das Volk liebt – der Adel haßt ihn – ich wüßte Nichts, was ich noch zu seinem Lobe hinzufügen könnte.




Die neueste Nordpolfahrt des Capitain M’Clintock.
(Schluß.)

Capitain M’Clintock segelte am 1. Juli 1857 von Aberdeen ab und erreichte ohne Unfall Uppernavick, die nördlichste der dänischen Niederlassungen auf Grönland. Er verschaffte sich dort fünfunddreißig Hunde, die er zum Ziehen der Schlitten bei Landreisen benutzen wollte, mit einem Eskimo-Führer. Am 6. August verließ er Uppernavick, um von der Melville-Bai nach dem Lancaster-Sunde hinüber zu steuern. Er kam bis zur Mitte der Davis-Straße, aber hier war das Treibeis, durch das er sich einen Weg bahnen mußte, in solchen Massen aufgehäuft, daß er sich nicht loszumachen vermochte. Sein Schiff fror mitten im Meere ein und wurde mit den Eisschollen während des ganzen Winters vom Winde hin- und hergetrieben.

Vor M’Clintock haben zwei andere Nordpolreisende, Sir James Roß und Kane, eine ähnliche ungemüthliche Reise mit dem Eise gemacht. Roß kam in einem Eisfelde, das einen Umfang von mindestens zwölf deutschen Meilen hatte, zum Festsitzen und wurde mit dieser Masse, als in der Mitte des Augustmonats (1849) Thauwetter eintrat, an der südlichen Küste des Lancaster-Sundes vorbei, in die Baffinsstraße und bis zur Pondsbai geführt. Das Eis zerschellte in demselben Augenblicke, als Roß vor einer Reihe hoher Eisberge den Tod erwartete, in unzählige Bruchstücke, und er war frei. Kane, der mit Capitain de Haven fuhr, wurde vor der Mündung des Wellington-Canals vom Eis eingeschlossen, und trieb in der Baffinsbai bis zum Vorgebirge Walsingham. Der Raum, den er unfreiwillig zurücklegte, betrug über zweihundert deutsche Meilen, und seine Gefangenschaft dauerte vom September 1850 bis zum Juni 1851. Die Gefahr erreichte oft eine solche Höhe, daß die Matrosen ihre Bündel und Schlitten bereit hielten, um sich auf’s Eis retten zu können, falls das Schiff von den Eisbergen erdrückt werde. Man halte ihre Furcht nicht etwa für eine übertriebene. Im August 1853 gerieth Inglefield mit seine» beiden Schiffen Phönix und Breadalban bei der Riley-Spitze zwischen Eisberge. Der Phönix verlor bei dem Zusammenstoß mit den weißen Riesen Schraube und Steuerruder, dem Breadalban wurden beide Seiten eingestoßen, und er sank mit einer solchen Schnelligkeit, daß die Mannschaft sich nur eben noch retten konnte. Dann schlossen sich die Eisschollen wieder, und die Stelle, wo das schöne Schiff wenige Minuten früher versunken war, ließ sich nicht mehr erkennen.

M’Clintock machte die weiteste dieser Eisreisen. Er trieb von 75° 30' bis 63° 30' nördlicher Breite. Seine astronomischen Beobachtungen erlaubten ihm, den Weg genau zu bestimmen, den er machte, während er mit dem Eise hin- und hergeschoben wurde. Die Länge desselben betrug 1194 englisch-geographische oder 2981/2 deutsche Meilen. In Gefahr kam er weniger als seine beiden Vorgänger Roß und Kane. Bildeten sich auch mehrmals offene Stellen, die sich plötzlich mit einer Gewalt schlossen, welche ihre Ränder in Eistrümmer-Wälle von mehreren Fuß Höhe verwandelte, so fanden diese bedrohlichen Vorgänge doch immer in einer gewissen Entfernung vom Schiffe statt. Schlimm wurde seine Lage am 25. April 1858, dem Tage seiner Befreiung. Ein heftiger Südostwind rollte mächtige Wogen heran, unter deren Druck die Eismassen borsten und in gewaltigster Bewegung gegen einander schlugen. Zum Glück hielt der kleine Fox die furchtbaren Stöße wacker aus und gelangte glücklich in freies Wasser.

Während seiner langen Gefangenschaft – sie dauerte 251 Tage – hat M’Clintock Beobachtungen gemacht, die zur Entscheidung [23] einer wissenschaftlichen Streitfrage einen Beitrag liefern. Man hat neuerdings die alte Seemannssage, daß der Nordpol weit und breit von einem Meer ohne alles Eis umgeben sei, durch Thatsachen begründen und durch Vermuthungen erklären wollen. Die großen offenen Wasserstellen, auf die Penny und Kane im höchsten von ihnen erreichten Norden gestoßen sind, und die allerdings sehr auffallende Wahrnehmung mehrerer arktischer Entdecker, daß bei Winden aus Nord und Nordost, die man sich als die kältesten denken sollte, umgekehrt eine sehr merkliche Verminderung der Kälte eintritt, wonach man schließen könnte, daß jene Luftströmungen über offenem Wasser sich erwärmen – das sind die Thatsachen, auf die man sich beruft. Man hat auch zu sehen geglaubt, daß hohe Eisberge, deren Fuß mithin tief im Wasser steht, gegen den Wind nach Norden ziehen, und hat deshalb das Vorhandensein einer unterseeischen Gegenströmung angenommen. Jene Strömung soll eine Fortsetzung des warmen Golfstroms sein, und weil die Winde aus Nord und Nordost mild sind, hält man sie für die äußerste Spitze des Aequatorialstroms der Luft, die am Pol umbiege. Was M’Clintock an den Eisbergen wahrnahm, bestätigt jene Theorie nicht. Sie zogen nicht mit abweichender Bewegung gegen Norden, sondern trieben mit dem übrigen Eise in derselben, von den Winden abhängigen Richtung.

Sobald M’Clintock von den Eisfeldern frei geworden war, segelte er nach Grönland zurück. Die dänischen Behörden versahen ihn bereitwillig mit frischen Lebensmitteln, doch war es nur wenig, was sie ihm zu liefern vermochten. Am 18. Juni 1858 verließ er die Melville-Bai zum zweiten Male, am 27. Juli ließ er in der Pondsbai der gegenüberliegenden Küste die Anker fallen. Das Dorf Kaprawoktolik, das die Eskimo’s am Nordufer dieser Bucht erbaut haben, hat eine Lage höchst eigenthümlicher Art. Von hohen und steilen Felsen umgeben, kann es nicht einmal mittelst der Schlucht, an deren Mündung seine wenigen Hütten sich ausdehnen, mit dem Innern in Verbindung treten, da ein ungeheuerer Gletscher den Weg versperrt. So bleibt den Bewohnern nichts als das Meer, und dieses ist während des weitgrößten Theiles des Jahres mit Eisschranken verschlossen. Es liefert gleichwohl den Eskimo’s ihren einzigen Lebensunterhalt, denn es beherbergt eine Menge von Walfischen, die mit dem letzten Stück Eis verschwinden. M’Clintock blieb sechs Tage lang bei den freundlichen Leuten und überzeugte sich, daß sie von Franklin nichts wußten. Seit zwanzig, dreißig Jahren hatte kein Schiffbrüchiger den kleinen Fleck Land betreten, auf dem ihre ganze Existenz zwischen Klippenmauern und einem Eismeer verfließt.

Das Eindringen in die Barrowstraße war keinen Schwierigkeilen unterworfen. M’Clintock segelte zunächst nach der Beechey-Insel, um auf dem Platze, wo Franklin seinen ersten Winter verlebt hatte, eine Gedenktafel aufzurichten, die ihm von Lady Franklin zu diesem Zweck übergeben worden war. Nachdem er diese Pflicht der Pietät erfüllt hatte, untersuchte er die Vorräthe und die Boote, die von früheren Schiffen auf der Beechey-Insel und im Leopolds-Hafen zurückgelassen worden sind, und fand sie im besten Zustand. Wie leicht konnte davon seine Rettung abhängen, wenn er sein Schiff verlassen mußte!

Die Land- und Küstenbildung der Gegenden, denen er nun zusteuerte, läßt sich auch ohne Karte leicht veranschaulichen. Im Süden der zusammenhängenden Wasserstraße von Osten gegen Westen, die von dem Lancaster-Sunde, der Barrow-Straße, dem Melville-Sunde und der Banks-Straße gebildet wird, laufen zwei nebeneinanderliegende Inseln, Nordsomerset im Osten, Prinz-Wales-Land im Westen, von Norden gegen Süden. Zwischen beiden findet der Schiffer einen Canal, Peels-Sund genannt, der durch die Bellot-Straße mit der Prinz-Regents-Einfahrt, welche die Ostküste von Nordsomerset begrenzt, in Verbindung gebracht wird. Im Süden der Bellotstraße beginnt das Festland mit einer weit vorspringenden Halbinsel, der man den Namen Boothia Felix gegeben hat. Im Süden des Prinz-Wales-Landes besteht noch ein größerer Raum aus einem Meer, in dem die Insel König-Wilhelms-Land liegt. Sie erstreckt sich bis in die Nähe von Boothia Felix und wird vom Festlande durch eine schmale, nach dem Entdecker Simpson benannte Meerenge getrennt. Das Festland springt auch hier mit einer, jedoch kleineren Halbinsel (Adelaide) vor. In den Einschnitt, der Adelaide und Boothia von einander trennt, mündet der Große Fischfluß oder Backs Ostfluß, unter welchem letzteren Namen er auf einigen Karten eingetragen ist.

Aus dieser hoffentlich anschaulichen Beschreibung ergibt sich, daß M’Clintock zwei Wege nach dem König-Wilhelms-Lande, wo die Vermißten ihren Todeskampf gekämpft haben, benutzen konnte. Er hatte die Wahl zwischen der Prinz-Regents-Einfahrt, aus der er durch die Bellotstraße gegen Westen zu gelangen vermochte, und zwischen dem Peels-Sunde. Er gab dem letztern den Vorzug, mußte jedoch nach etwa fünf deutschen Meilen vor einer festen Eisschranke umkehren. Er wendete sich jetzt nothgedrungen zur Prinz-Regents-Einfahrt und war so glücklich, bis zur Bellot-Straße vordringen zu können. Auch diese war frei, und schon glaubte M’Clintock in das jenseitige Meer ohne Anstand einlaufen zu können, als er sich am westlichen Ende der Bellot-Straße wieder vor einer Eismasse sah. Diese von zahlreichen Inselchen festgehaltene, nicht viel über eine halbe deutsche Meile breite Mauer widerstand der Gewalt der Herbststürme, welche das westliche Meer reinfegten. „Es war eine Tantalusqual, die jeder Beschreibung spottet,“ sagt M’Clintock in seinem Bericht, „daß wir Tag für Tag jenes offene Wasser, nach dem wir uns so sehr sehnten, vor Augen hatten, wie es nur eine Stunde westlich von uns die Felsen bespülte, und doch unsere gänzliche Ohnmacht fühlten, die trennende Schranke zu durchbrechen.“

So lange man noch Tageslicht hatte, ließ M’Clintock einen seiner Officiere, Lieutenant Hobson, Wanderungen auf Boothia Felix machen. Der Zweck, der dabei verfolgt wurde, an geeigneten Stellen Vorräthe niederzulegen, die später von den mit Schlitten abgehenden Mannschaften benutzt werden könnten, wurde unvollständig erreicht, da die überaus rauhe Oberfläche des Landes zu große Hindernisse entgegenstellte. Hobson gerieth in manche Gefahr, in die größte in dem Augenblicke, als eine Eismasse, auf der er sich befand, in Bewegung gerieth und in’s Meer hinaussteuerte. Im November wurden diese Wanderungen eingestellt. Der Fox lag jetzt gut geschützt in einer Bucht der Bellot-Straße, neben der Granitfelsen bis zu einer Höhe von 1600 Fuß emporsteigen.

Bei den Schrecken eines arktischen Winterlagers wollen wir nicht verweilen. Fast drei Monate lang zeigt sich die Sonne nicht auf eine Minute über dem Horizont, und lassen auch der Mond, das Schneeblinken und die Nordlichter selten eine tiefe Dunkelheit eintreten, so hat doch das falbe Dämmerlicht, das in der Regel herrscht, etwas unnennbar Trauriges. Nach und nach nimmt die Kälte zu, bis das Thermometer auf 42 und 43° Reaumur unter Null fällt. Man schützt nun die innern Räume des Schiffs auf jede erdenkbare Weise und beschäftigt die Seeleute zu gleicher Zeit, so oft es gehen will, im Freien, damit sie der frischen Luft nicht ganz entbehren und in dem Grabesschweigen der langen, langen Nacht nicht in Trübsinn verfallen. Erscheint endlich die Sonne am Saume der Eiswüste auf Augenblicke wieder, so begrüßt man sie mit Jubel, und die Abnahme der Kälte bis zu einem Grade, der die Straßen unserer Städte menschenleer machen würde, ist für Jedermann eine froh empfundene Erleichterung.

Die Jagden, die M’Clintock während der elf Monate seines Aufenthaltes in der Straße veranstaltete, um dem Scorbut durch frisches Fleisch zu wehren, gaben eine sehr geringe Ausbeute: drei Rennthiere, zwei Bären, achtzehn Seehunde und einige Schneehühner und Wasservögel. Am 17. Februar 1859 wurden die Ausflüge mit Hundeschlitten wieder aufgenommen. M’Clintock, der Führer der einen Abtheilung – die zweite, resultatlose befehligte Capitain Young - blieb bei einer Kälte, die das Quecksilber zum Gefrieren brachte, fünfundzwanzig Tage vom Schiffe entfernt. Er traf mit Eskimo’s zusammen, die ihm bereitwillig eine Schneehütte bauten und ihm Reliquien vom Erebus und Terror übergaben. Sie erzählten, daß vor verschiedenen Jahren ein Schiff an der Westküste des König-Wilhelms-Landes vom Eise zertrümmert wurde und sank. Die Weißen erreichten glücklich das Land und wanderten zu einem großen Flusse, wo alle starben. Andere Eskimo’s wußten von einem zweiten Schiffe, das in derselben Zeit an die Küste trieb und von dem sie sich mit einer Menge Holz und Eisen versehen hatten. Vom October bis zum Juni wohnen diese ärmsten aller Erdenbewohner in Schneehütten auf dem Eise und leben dann blos von Seehunden, zu denen gelegentlich ein Bär kommt. Juli, August und September sind ihre glücklichen Monate, denn in dieser Zeit finden sie in und an den Flüssen des Festlandes Fische, Rennthiere und Geflügel.

Zwei Reisen, die M’Clintock und Hobson in den ersten Maitagen gleichzeitig ausführten, brachten die vollste und traurigste [24] Aufklärung. M’Clintock untersuchte die östliche, Hobson die nördliche Küste des König-Wilhelms-Landes. In einem Schneedorfe drängten sich die ganzen Einwohner, höchstens fünfunddreißig an Zahl, an den Ersteren heran und versahen ihn mit so vielen Artikeln von den Unglücksschiffen, als er fortzubringen im Stande war. Eine alte Frau machte mit gellender Stimme die Erzählerin, die übrigen Eskimo’s fielen zuweilen verbessernd ein. Jene Frau sagte: „Man hat von hier einen Tagemarsch bis zum Meer (Peels-Sund), worauf man vier weitere Tage braucht, um zu einem Schiff zu gelangen, das dort liegt, wenig mehr über dem Eise sichtbar. Wir sind seit länger als einem Jahre nicht dort gewesen, aber viele der Unsrigen haben das Schiff besucht und fortgetragen, was sie konnten. Wenige Eskimo’s haben die weißen Männer auf ihrem Wege zum großen Flusse gesehen und uns erzählt, sie seien einer nach dem andern hingesunken.“ Nach seiner Trennung von diesen Eskimo’s ging M’Clintock in südlicher Richtung bis zu der Insel Montreal, welche die Verunglückten auf ihrem Wege zum Großen Fischflüsse berührt haben mußten. Außer einigen europäischen Artikeln, die von den Eskimo’s dorthin getragen worden sein konnten, fand sich auf dieser Insel nichts. Er setzte dann über die schmale Meerenge und folgte der südlichen Küste des König-Wilhelms-Landes. Etwa in der Mitte derselben, am Vorgebirge Herschel, lag ein Geripp in voller Länge auf dem Boden ausgestreckt. Als der Schnee entfernt wurde, fand sich ein Taschenbuch mit einem Matrosen-Zeugniß und einigen Briefen. Ein Cairn, d. h. einer der künstlich aufgeschichteten Steinhaufen, unter denen Nordpolfahrer Nachrichten zu verbergen pflegen, wurde weiterhin entdeckt, aber in einem Zustande, der keinen Zweifel daran ließ, daß die Eskimo’s ihn umgewühlt und seinen Inhalt entführt hatten.

Noch wichtiger waren die Spuren, die Hobson auffand. Nachdem er das Vorgebirge Felix, die Nordspitze des König-Wilhelms-Landes, umgangen hatte, schlug er sein Lager am 6. Mai neben einem großen Cairn auf. Als dieser untersucht wurde, zeigte sich eine Büchse von Zinn und in ihr die erste authentische Nachricht von dem Schicksale Franklin’s und seiner Mannschaft. Es waren zwei Berichte, welche die Unglücklichen von sich gaben. Der erste war vom 24. Mai 1847, und um diesen war der zweite vom 25. April 1848 herumgeschrieben. Welche völlige Umwandlung war zwischen jenem ersten und jenem letzten Tage vorgegangen! Der erste Bericht schloß mit den Worten: „Alles ist gesund!“ der zweite mit der Anzeige, daß die Mannschaft, nachdem sie ihre Schiffe verlassen, im Begriff sei, eine Landreise anzutreten, von der ihre erfahrenen Mitglieder sich sagen mußten, daß sie mit dem Untergange Aller enden werde.

Aus beiden Berichten ergibt sich Folgendes: Im Sommer des Jahres 1845 gelangte Franklin im Wellington-Canal bis zum 77° nördlicher Breite und überwinterte dann auf der Beechey-Insel. Am 12. September 1846 froren seine Schiffe etwa drei deutsche Meilen nordwestlich vom König-Wilhelms-Lande ein und konnten sich nicht wieder losmachen. Am 11. Juni 1847, also nur achtzehn Tage nach jenem ersten Bericht im Cairn: „Alles ist gesund!“ starb Sir John Franklin. Die Zeit, die von da bis zum 25. April 1848 verfloß, mag eine furchtbare gewesen sein. Wir erfahren weiter nichts über sie, als daß noch 8 Officiere und 15 Matrosen starben. Die Schiffe trieben mit dem Eise in der ganzen Zeit vom September 1846 bis zum April 1848, also in ziemlich zwanzig Monaten, nur drei deutsche Meilen weit gegen Süden. Daß sie verlassen werden mußten, weil das eine vom Eise zerdrückt wurde und das andere in derselben Gefahr schwebte, dürfen wir nach den Erzählungen der Eskimo’s wohl annehmen.

Die Mannschaft, die das letzte Schiff unter den Capitainen Crozier und Fitzjames verließ, zählte noch 105 Köpfe. Das, was M’Clintock und Hobson elf Jahre später sahen, läßt den Todesgang der Unglücklichen in einzelnen grellen Zügen hervortreten. Am 22. April hatten sie das Land betreten, am 25. errichteten sie ihren Cairn, und schon diese drei Tage hatten sie so abgemattet, daß sie alles nur irgend Entbehrliche, Kleidungsstücke, Werkzeuge, Waffen, von sich geworfen hatten. Der fernste Punkt, den sie erreicht haben können, ist die Insel Montreal. Dort waren sie umgekehrt und bis zu einem Punkte einen Tagemarsch nordöstlich von dem westlichsten Punkte des König-Wilhelms-Landes gekommen. Dort stand ihr Schlitten-Boot, mit der Spitze nach der Gegend des Schiffes gerichtet. In demselben lagen zwei Gerippe, das eine unter einem Haufen von Kleidern. Am Rande des Boots lehnten zwei Flinten, noch geladen, mit aufgesetzten Zündhütchen, wie ihre sterbenden Eigenthümer sie vor zehn Jahren zurückgelassen hatten. Fleisch oder Schiffszwieback war in dem Boote nicht, wohl aber Chocolade, Thee und Taback. In der Nähe lag ein Stamm Treibholz, daneben eine zerbrochene Säge. Wie ließe sich die schreckliche Bedeutung dieser Zeichen mißverstehen! Gewiß, Kälte, Hunger und Ermattung im Verein brachten den wackern Männern den Untergang, wahrscheinlich auch eine Krankheit, die außerhalb der höchsten Breiten ihren alten Namen der Pest des Meeres verloren hat – der Scorbut. M’Clintock hebt in dem Berichte, den er der geographischen Gesellschaft in London erstattet hat, mit Recht hervor, daß die Mannschaft drei Winter im Eise verlebte. M’Clure’s Leute, die ebenso eingeschlossen waren, litten durchgehends am Scorbut, obgleich sie sich auf dem Bankslande viel frisches Fleisch zu verschaffen vermochten. Franklin’s Begleiter fanden auf der Küste, welche ihnen blos gelegentlich zugänglich war, kein Wild, und müssen weit stärker am Scorbut gelitten haben. Sogar die Eskimo’s meiden den westlichen Theil des König-Wilhelms-Landes, weil es dort keine Thiere gibt.

Weitere Nachrichten, als die bisher mitgetheilten, hat M’Clintock nicht erhalten und auf dieses Wenige werden wir wohl für immer beschränkt bleiben. Seine ferneren Erlebnisse in den arktischen Gegenden theilt er mit der lakonischen Kürze eines Ehrenmannes mit, dem eine große Aufgabe gestellt worden ist, neben der seine Person zu unbedeutend erscheint, als daß es sich vieler Worte verlohnte. „Der Sommer war in unserm Hafen ein warmer,“ lautet seine schlichte Erzählung, „aber das Eis erlaubte uns erst am 9. August aufzubrechen, und da wir das Ziel unserer Reise erreicht hatten, so wendeten wir uns heimwärts. Am 21. September traf ich in London ein, nachdem ich in Portsmouth gelandet war, und am 23. schlossen sich die Thore des Docks von Blackwell hinter dem Fox.“

Könnten vielleicht doch von den Männern, die 1845 mit Franklin ausliefen, einige unter den Eskimo’s ihr Leben gefristet haben? M’Clintock antwortet darauf: „Nein, sie sind alle todt.“ Dieser, mit fester Stimme ausgesprochenen Entscheidung haben wir nichts hinzuzusetzen. Man spricht von neuen Aufsuchungsversuchen, aber wir würden es tief beklagen, wenn der Gedanke zur That würde. An den 129 Opfern vom Erebus und Terror ist es genug, mehr als genug. Es fehlt wahrlich nicht an Gebieten, aus denen der Entdecker schönere Lorbeeren als die des Kriegers sich holen kann. Da ist Afrika, wo es mehr als Leichen zu sammeln gibt, wo der Wissenschaft und Cultur eine reiche Ernte harrt. Auf dieses zukunftsvolle Gebiet soll die Thatkraft sich werfen, aber den Nordpol überlasse man seiner todten Natur, auf daß seine Herbststürme, wenn sie um die Eisblöcke heulen, nicht über die frischen Gräber wackerer Europäer streichen.



Der alte wandernde Spielmann.
Von Ludwig Storch.
(Schluß.)

In Nürnberg und den Nachbarstädten, wo Böhner überall mit rauschendem Beifall Concerte gab, geehrt und geliebt, zeigten sich doch in dieser Zeit die ersten Spuren von seiner Krankheit. (Seiner Bekanntschaft mit E. T. A. Hoffmann ist bereits gedacht.) Und in dieser Krankheit ist der Grund zu suchen, daß Böhner niemals eine feste, seinem Talent und seinen Kenntnissen entsprechende Stellung gefunden und sich den eignen Heerd zu gründen nicht vermocht hat.

Im Jahr 1815 unternahm Böhner eine zweite Kunstreise über Stuttgart, Karlsruhe, Straßburg, Kolmar, Basel, Aarau, Zürich bis Bern. Es wollte ihm aber nirgend glücken, woran die unruhigen Kriegszeiten die meiste Schuld haben mochten. Besser gelang es ihm im Heimathlande Thüringen, wo er in Hofconcerten mit großem Erfolg spielte, dann in Leipzig, wo er nicht nur stark besuchte Concerte gab, sondern bei den dortigen vornehmsten Musikalienhandlungen [25] mit dem Verkauf seiner Compositionen auch gute Geschäfte machte. Ein Jahr später sehen wir ihn auf einer neuen Kunstreise in Frankfurt a. M., Darmstadt, Mannheim und Heidelberg als vielbewunderten Virtuosen auf Orgel und Flügel in einträglichen Concerten auftreten, so daß er sich fast ein Jahr in den genannten Rheinstädten aufhielt, doch periodisch gestört von der unheimlichen Heimsuchung seines bösen Dämons. Ebenso in Kassel, wohin er 1817 ging, wo Guhr unterdessen (1813) Musikdirector des Hoftheaters geworden war. Im freundschaftlichen Umgange mit dem edlen Kunst- und Altersgenossen scheint Böhner’s Geist wieder erstarkt zu sein; denn 1818 konnte er, mit guten Empfehlungen, namentlich von Frankfurt aus, versehen, nach Hamburg gehen, wo er sich über ein halbes Jahr aufhielt.

Sein Name war nun ein in ganz Europa von allen musikalischen Capacitäten gefeierter, und er wurde in der reichen Handelsstadt mit Auszeichnung aufgenommen. Besonders machten sich die Logen, an die er empfohlen war, um ihn verdient. Der brasilianische Minister und Gesandte, von Carno, nahm ihn gastfreundlich auf, und sein Concert auf der herrlichen Orgel der Katharinenkirche brachte ihm Gold und Beifall in Menge ein.

Schier noch glänzender war seine Aufnahme in Oldenburg, besonders am großherzoglichen Hofe, und die liebenswürdigen Prinzessinnen gaben ihm Thema’s zum Phantasiren. Die Damen der höhern Gesellschaft schwärmten für ihn, namentlich ein Paar Französinnen, die ein Haus machten, wo er öfter spielte. Auch scheint hier die Liebe zuerst sein Herz gerührt zu haben, doch hat er darüber in seinen autobiographischen Notizen nur die kurze trockne Bemerkung gemacht: „Ein gebildetes Frauenzimmer, N. aus B., machte sich in Oldenburg besonders um meine Wenigkeit verdient.“ Mit den beiden Fürstenau, Vater und Sohn, die zu derselben Zeit in Oldenburg wohnten und bliesen, verlebte er schöne Tage.

Seine Weiterreise führte ihn über Emden und Leer an die Ufer der Nordsee, dann zurück und über Hamburg und Lübeck auf der Ostsee nach Kopenhagen, wo er im Mai 1819 eintraf. Durch Kuhlau, der ihn mit offnen Armen aufnahm, bei Hofe vorgestellt, wurde er bald von der musikalisch hochgebildeten Prinzessin und einer Hofdame sehr favoritisirt und spielte oft in ihren Apartements im Lustschlosse Friedrichsburg. Hier nun soll die von Wit v. Dörring erzählte extravagante Scene vorgefallen sein, die Böhner als Erfindung des nordischen Demagogen bezeichnet.

Böhner’s viermonatlicher Aufenthalt in der dänischen Königsstadt ist der Silberblick seines Lebens. Als Löwe von der hohen Aristokratie gehätschelt, mit Geld reichlich versehen, in einem angenehmen Herzensverhältniß, eine prächtige Wohnung mit Flügel im großen Hotel de Lyon inne habend, mit fröhlichen Freunden Ausflüge in der Insel Seeland machend, bedurfte es nichts weiter, als das Glück so lange als möglich festzuhalten. Und auch dazu wurde ihm die Hand geboten, ja aufgedrungen. Er sollte in Kopenhagen bleiben, vor der Hand als Musiklehrer der vornehmen Welt, bis sich eine feste Anstellung für ihn fände. Alle einflußreichen Personen interessirten sich für ihn und wollten behülflich sein – das böse Gespenst, das sich in ihm festgesetzt, die Klarheit seines Geistes trübend, seine Gedanken verwirrend und ihn zu Excentricitäten treibend, verhinderte Alles, verdarb ihm seine ganze Lebenszukunft. Es riß ihn aus schönen Verhältnissen, trieb ihn fort von der Stätte seines Glücks. Er scheint gegen Ende des Sommers heftiger von der Krankheit befallen worden zu sein, als je. Wie der unglückliche Hölderin, mit dem Böhner überhaupt Aehnlichkeit hat, eilte er fort, von Dobberan, wo er die Bekanntschaft der Catalani machte, zu Fuß Tag und Nacht laufend, wie ein von Furien gejagter Orestes. Auf dem Wege nach Hamburg verirrte er sich Nachts im Walde und gerieth in einen Sumpf, wo er fast das Leben eingebüßt hätte. In gleicher Weise rannte er, ein armer unglücklicher Geisteskranker, über Hannover, Osterode und Sondershausen bis nach Gotha. Sein mit Kleidern, Manuskripten und andern werthvollen Effecten und Geld reich ausgestatteter Koffer ging ihm verloren. Er wollte ihn in Kopenhagen nach Hamburg zur Post gegeben haben; er sollte auch abgegangen sein – Böhner hat ihn nie wieder gesehen. Ein anderer ebenfalls (besonders durch die Manuscripte) werthvoller Koffer, den er in Nürnberg gelassen, ging ihm ebenfalls verloren aus gleichem Grunde. Auch sonstige schwere Verluste hat ihm seine Krankheit zugefügt, und er ist, weil er kein wachsames Auge auf sein Eigenthum haben konnte, um Alles gekommen, was er erworben, und um Vieles, was sein reicher Geist geschaffen.

In Gotha erregte seine Ankunft unter so traurigen Umständen Aufsehen. Der Herzog August nahm sich sogleich seiner wieder an, und brachte ihn in der angesehenen Familie eines Kunstgenossen unter. Doch man konnte nicht mit ihm fertig werden, und der Tod seines fürstlichen Gönners (22. Mai 1822) machte allen fernern Maßnahmen zu Böhner’s Bestem ein Ende. Schon vorher hatte ihn sein Geburtsort als Heimathstätte aufgenommen, und dort wohnt er nun seit fast vierzig Jahren, wenn man einen solchen Aufenthalt überhaupt wohnen nennen kann, in armseligen, beklagenswerthen Verhältnissen. Seit jener Zeit hat er seine Wanderungen im südlichen und westlichen Thüringen mit kleinem Musikalienhandel begonnen und setzt sie bis heute rüstig und wohlgemuth fort. Es ist ihm in dieser langen Zeit kümmerlich genug gegangen. Vor fünfundzwanzig Jahren schrieb er mir: „Ich muß ziemlich beschränkt und dürftig leben, Hunger und Kälte in elender Wohnung bei Armen ertragen und alle geistigen und körperlichen Genüsse entbehren.“

Es ist von den Leuten seiner Umgebung, welche mit den Mitteln und der Stellung die Pflicht hatten, für die sorgenfreie Existenz eines so bedeutenden Genius und eines so edlen und guten Menschen wie Böhner zu sorgen, nicht recht, daß sie ihn in solchem Elende haben schmachten lassen. Einen der reichbegabtesten Tonsetzer und Virtuosen ließ man, dürftig bekleidet, in Kälte und Regen im Lande herumlaufen, um sich durch den Verkauf einiger von ihm componirten Tänze vor dem Hungertode zu schützen. Und der Mann war geisteskrank. Es hat lange gedauert, eh’ er von der Krankheit befreit wurde. Aber die stete Bewegung in der freien Luft, besonders des Gebirgs, wo er jedes Jahr Monate lang verweilt, die Unregelmäßigkeit und Frugalität seiner Lebensweise haben ihn von seinem Dämon befreit, und er ist jetzt als fast 73jähriger Greis gesund und kräftig. Ja, wenn irgend ein Mann befähigt ist, seinen hundertjährigen Geburtstag selbst zu feiern, so ist’s Louis Böhner.

Zum Schluß dieser Skizze mögen ein paar Erlebnisse, die ich mit ihm hatte, den eigenthümlichen Charakter seiner Krankheit andeuten.

Im Sommer 1822 hielt ich mich einige Tage im Hause des Justizamtmanns Knauer in Ichtershausen (zwischen Erfurt und Arnstadt) auf. Eines Abends wurde der Hausvater hinausgerufen. Mit getrübter Miene kehrte er in’s Zimmer zurück, und seine Worte: „Ach Gott, der arme Böhner ist draußen!“ zogen mich mit den Andern ebenfalls auf den Vorsaal. In bejammernswerther armseliger Kleidung, bot er in einem kleinen Henkelkorbe einige geschriebene Tänze zum Verkauf aus. Das Geld nahm er mit Hast, die Einladung, sich im Familienzimmer zu erfrischen, schlug er mit scheuem Wesen aus und entfernte sich eiligst.

Nach ohngefähr zehn Minuten vernahmen wir seltsame Klagetöne auf dem Vorsaal. Hinausgeeilt, sahen wir Böhner mit verzweiflungsvollen Gebehrden diese Töne ausstoßen. Er habe das Geld verloren, sein Feind habe ihn gejagt, er sei immer hinter ihm, der Schreckliche. Er meinte den Teufel, dessen von seiner irrenden Phantasie erzeugtes Phantom ihn zuweilen verfolgte und ängstigte. – Das Geld fand sich auf dem Treppenpfeiler, wohin er es gelegt und vergessen hatte. Sichtlich getröstet, ging er wieder. Das Phantom war verschwunden.

Ein russischer Hofherr, Graf Engelhardt, der mit der zweiten Gemahlin des Herzogs Ernst I. von Coburg-Gotha nach Gotha gekommen war und viel Geld ausgab, ließ seiner Tochter von Böhner musikalischen Unterricht geben und zahlte ihm für jede Stunde einen Ducaten baar aus. Sobald Böhner Geld hatte, wurde er übermüthig, wie er denn überhaupt nicht mit Geld umzugehen verstand. Mit jedem Ducaten Mehreinnahme schwoll ihm der Kamm stärker. Man erzählte allerlei drollige Geschichten seines wachsenden Uebermuths. So hatte er in dem ersten Gasthofe der Stadt, dem Mohren, eines Abends die ganze Reihe Zimmer der Bel-Etage, die nur gewichtige Fremde zu bewohnen pflegen, gemiethet und jedes Zimmer reich erleuchten lassen. Nun war er in der ganzen Zimmerflucht mit dem Ausdrucke stolzen Selbstbewußtseins spazieren gegangen, hatte gut gespeist und sich dann am Flügel niedergelassen, um zu phantasiren, und nur einen Wunsch hatte er gegen die zuhörende Dienerschaft laut werden lassen, daß eine gleichgestimmte musikalische Freundin mit ihm vierhändig seine Sonaten spielen möchte. Der Wunsch mußte freilich unerfüllt [26] bleiben. Er schlief prächtig, und als er am andern Morgen mit den russischen Ducaten seine Zeche berichtigt, ging er stolz wie ein Spanier davon.

In dieser Periode kam er einst zu mir, setzte sich mit Prätension, schaute sich im Zimmer um und sagte zu mir: „Es ist eine Schande für Ihre Verehrer, daß Sie so schlecht wohnen. Diese alten schmutzigen Tapeten ekeln mich an. Ich werde Ihnen das Zimmer neu tapeziren lassen und zwar mit den kostbarsten Tapeten, die aufzutreiben sind. Diesen Bettel reiß’ ich nächstens selbst von den Wänden herab.“

„Diese Erlaubniß geb’ ich Ihnen gern,“ versetzte ich lachend; „nur sorgen Sie erst für die neue Wandbekleidung.“

„Gut. Ich halte Sie beim Wort. Und daß ein Schriftsteller, wie Sie, keine Equipage halten kann, hat mich längst bekümmert. Ich denke, Sie werden ferner mit mir fahren.“

„Haben Sie denn Equipage?“

„Noch nicht, aber ich werde sie mir nächstens anschaffen.“ –

Die Ducaten hielten sich keinen Tag in seiner Tasche; sie flogen wie Spatzen fort. Böhner hatte sich allerlei unnützen Kram angeschafft. Ich sah einen Siegelring mit einem geschnittenen Steine an seinem Finger, Busennadel etc. Aber ein sehr nothwendiges Requisit der Lebensordnung hatte er zu kaufen vergessen – Taschentücher. In Ermangelung dieses Artikels hatte er hinter dem Rücken der am Flügel spielenden jungen Gräfin eine banausische Naivetät begangen, die, von der feinen Dame im Spiegel vor ihr bemerkt, seine augenblickliche etwas stürmische Entlassung von Seiten des Grafen zur Folge hatte.

Nach einiger Zeit kam er wieder mit dem alten timiden Gesichtsausdruck zu mir.

„Wie steht’s mit den neuen Tapeten, lieber Böhner?“ rief ich ihm entgegen.

„Hol’s der Henker! die alten müssen noch hängen bleiben.“

„Und die Equipage?“

„Wir müssen Beide noch zu Fuße laufen.“ –

So kurz auch seine Glücks- und Glanzperiode war, so sehr sie von seiner Krankheit getrübt wurde, so ist dagegen sein späteres kümmerliches Leben nicht ohne Licht- und Freudentage gewesen. Er hat überall Freunde im schönen thüringischen Vaterlande, und alle musikalischen Künstler und Dilettanten verehren und behandeln ihn mit Pietät. Hie und da wird noch ein Concert oder eine musikalische Unterhaltung für ihn arrangirt. Und so wandert er von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, ein milder freundlicher Greis, überall gekannt und gern gesehen, und der Lebensabend ist ihm wenigstens kein ganz unfreundlicher.




Aus dem Leben eines Orang-Outang.

Bei meiner letzten Anwesenheit in Samarang auf Java, im Jahre 1848, kaufte ich von einem holländischen Gutsbesitzer einen weiblichen Orang-Outang in der Absicht, ihn womöglich lebendig nach Deutschland zu bringen. Zwar wurde durch einen unglücklichen Zufall meine Absicht vereitelt, jedoch hatte ich Gelegenheit den Orang-Outang drei ein halb Monate lang beständig zu beobachten und glaube, daß die folgenden Data über die Lebensweise, Gewohnheiten und Eigenthümlichkeiten dieses sogenannten Waldmenschen nicht ohne Interesse sind.

Als ich das Thier kaufte, war es drei bis vier Jahr alt, vollständig ausgewachsen und maß vom Scheitel bis zur Sohle 3 Fuß 5 Zoll. Es war auf Sumatra jung eingefangen, gänzlich gezähmt und lief frei auf der Besitzung seines Herrn umher. Der Körper war mit langen rothbraunen Haaren bedeckt, die jedoch nur spärlich standen; der Kopf war ganz kahl, und seine schmutzig schwarze Haut, sowie überhaupt die ganze Erscheinung des Thieres machte einen höchst widerlichen Eindruck. Namentlich fiel der Mangel an Proportion in den einzelnen Theilen des Körpers auf, die langen fleischlosen Arme und Beine, der kurze, dicke, fast verschwindende Hals, die außerordentlich dicken wulstigen Lippen, während die Nase nur durch zwei runde Oeffnungen angedeutet wurde. Das einzige Schöne waren die großen braunen Augen, deren Ausdruck etwas so Menschliches hatte, daß man mit der übrigen Mißgestalt fast ausgesöhnt wurde.

So lange sich unser Schiff noch in den javanischen Gewässern befand, wählte der Orang-Outang das Verdeck zu seinem beständigen Aufenthalte und suchte sich Nachts eine geschützte Stelle, wo er der Länge nach ausgestreckt schlief. Während des Tages war er außerordentlich aufgeräumt, spielte mit anderen kleineren Affen, die sich an Bord befanden, und spazierte in dem Takelwerk umher. Ein besonderes Vergnügen schien er an Turnübungen und akrobatischen Kunststücken zu finden, die er mehrmals des Tages an den Tauen ausführte. So war es eine Lieblingsbewegung von ihm, zwei straff stehende und parallellaufende Taue mit den Füßen zu ergreifen, die Beine zu einer geraden Linie auszustrecken, mit über die Brust gekreuzten Armen längere Zeit in dieser Stellung zu verharren, dann plötzlich ein Salto Mortale zu machen, dabei die Taue mit den Händen zu ergreifen und den Körper herunterhängen zu lassen. Die Gewandtheit des Thieres und die bei diesen Bewegungen entwickelte Muskelkraft war staunenswürdig, und ich habe nie dergleichen gesehen. Um dem Leser einen Begriff von der letzteren zu geben, will ich nur Folgendes anführen. Ich hatte einige hundert Kokosnüsse mitgenommen, von denen der Orang-Outang täglich zwei erhielt, da sie in seiner Heimath seine Hauptnahrung ausmachen. Jeder, der eine reife und in ihrer Faserhülle befindliche Kokosnuß gesehen, wird Gelegenheit zu der Wahrnehmung gehabt haben, wie äußerst zähe jene zwei Zoll dicke Hülle ist und welche große Mühe es kostet, selbst mit einem Beile sie zu durchdringen. Der Orang-Outang setzte jedoch an dem spitzen Ende der Nuß, wo die Frucht, wie bei einigen Aepfeln, kleine Erhöhungen oder Buckel zeigt, die Zähne seines gewaltigen Gebisses in einen der letzteren, den rechten Hinterfuß gegen den anderen Buckel und riß auf diese Weise regelmäßig die so zähe Schale auseinander. Sodann bohrte er mit seinen spitzen Fingern eine der natürlichen Oeffnungen in der eigentlichen Nuß auf, trank die Milch aus, zerschlug darauf die Nuß an einem harten Gegenstande und fraß den Kern. – Sobald wir jedoch die Sundastraße verlassen hatten und etwas südwärts gingen, verlor das Thier mit der abnehmenden Wärme sein lebhaftes Temperament. Er turnte weder, noch spielte er mit den übrigen Affen, so oft dieselben ihn auch dazu animirten. Er kam nur noch selten auf das Verdeck und dann nie, ohne die wollene Decke seines Bettes hinter sich herzuschleppen und sich, sobald er still saß, vollständig in dieselbe einzuhüllen. Außerhalb der Wendekreise hielt er sich größtentheils in der Kajüte auf und auch dort konnte er stundenlang mit der Decke über den Kopf gezogen auf einem Flecke sitzen, ohne auch nur einmal den Kopf umzuwenden. Sein Bett bestand aus einer Seegrasmatratze, einem eben solchen Kopfkissen und einer wollenen Decke. Obwohl er auf dem Gute seines früheren Herrn stets nur in dem Winkel eines Schuppens übernachtet hatte, nahm er vom ersten Tage an das ihm offerirte Bett gern an und schien es sehr behaglich zu finden. Sein Zubettgehen war jedoch stets mit großen Umständlichkeiten verknüpft und nie schlief er ein, ohne zwei bis drei Mal wieder aufgestanden zu sein und Kopfkissen oder Matratze wiederholt geglättet zu haben. Dies that er stets mit dem Rücken der Hand und nicht selten klopfte er fünf Minuten lang auf die vermeintlich unebenen Stellen. Schien es ihm endlich recht, so streckte er sich auf den Rücken aus, zog die Decke um sich, sodaß nur die Nase mit den dicken Lippen frei blieb, und lag in dieser Stellung die ganze Nacht, oder vielmehr zwölf Stunden, ohne sich zu rühren. Ich sagte hier zwölf Stunden, weil er nur in seiner Heimath während der Nacht schlief. Sein Aufstehen und Niederlegen war dort so regelmäßig, wie eine Uhr. Punkt sechs Uhr, mit Sonnenaufgang erhob er sich und legte sich zu Bett, sobald der letzte Strahl der Sonne unter dem Horizonte verschwand, was bekanntlich in der Nähe des Aequators (Sumatra und Java liegen nur einige Grade von letzterm entfernt) um 6 Uhr Abends stattfindet. Als wir jedoch westwärts segelten und demgemäß immer mehr in Zeit abwichen, bemerkten wir, daß der Orang-Outang täglich früher zu Bett ging und, weil er zwölf Stunden schlief, auch ebensoviel früher aufstand. Anfänglich achteten wir nicht darauf, zuletzt wurde es jedoch zu auffällig, um länger unserer Aufmerksamkeit zu entgehen. Wenn diese Veränderung des Schlafengehens auch nicht genau mit der Zeitveränderung des Schiffes im Verhältniß [27] stand, so war doch eine Regelmäßigkeit nicht zu verkennen, und auf dem Meridiane des Caps der guten Hoffnung ging das Thier bereits um zwei Uhr Nachmittags zu Bett, und stand um zwei Uhr Morgens auf. Bei dieser Zeit blieb es, so lange der Orang-Outang noch lebte, obwohl wir später noch zwei Stunden Zeit veränderten, und es war dies um so auffallender, als man sich keine rechte Erklärung davon[WS 3] zu geben vermochte. Hätte der Instinct des Thieres genau die zwölf Stunden des Wachens und Schlafens innehalten können, so müßte der Orang-Outang am Cap der guten Hoffnung um zwölf Uhr Mittags zur Ruhe gegangen sein, da der Zeitunterschied zwischen Java und dem Cap sechs Stunden beträgt. Statt dessen ging er um zwei Uhr zu Bett und verblieb dabei, trotz dem wir noch weitere zwei Stunden Zeit vorrückten. Was waren also die Gründe dieser sonderbaren Erscheinung? Ich habe sie nicht entziffern können.

Außer den erwähnten Kokosnüssen waren gekochtes Salzfleisch, Mehl und Sago die Lieblingsspeisen des Orang-Outang. Wo er irgend des ersteren habhaft werden konnte, wandte er alle mögliche List an und während der Mahlzeiten mußte er in der Kajüte angekettet werden, um nicht plötzlich mit den langen Armen oder Beinen auf dem Tische zu erscheinen und mit einem eben so geschickten als kühnen Griffe die ganze Fleischportion zu stehlen. Wenn er sie einmal gefaßt halte, war es unmöglich, sie ihm wieder fortzunehmen. Er ließ sich schlagen, aber die Beute gab er nicht wieder los und vertilgte mit Leichtigkeit drei bis vier Pfund Fleisch auf einmal. Um sich Mehl zu verschaffen, stattete er täglich einen Besuch in der Küche ab, wußte jedoch jedesmal eine augenblickliche Abwesenheit des Kochs zu benutzen, um die Mehltonne zu öffnen, einige tüchtige Hände voll zu nehmen und sich letztere an seinem Schädel abzuwischen, so daß er stets gepudert zurückkam. Dieser Mehldiebstahl wurde ihm jedoch eines Tages unangenehm verleidet. Der Koch hatte kurz bevor der Orang-Outang in der Küche erschien, den großen Theekessel vom Feuer ab und auf den Fußboden gesetzt. Bobi, so wurde das Thier genannt, kam, nahm den Deckel von der Mehltonne, fand dieselbe aber zu seinem Aerger so leer, daß er kaum genug hatte, um sich den Kopf einzupudern. Wahrscheinlich aus Rache für diese Täuschung wollte er dem Koch einen Possen spielen, schaute vorsichtig umher, ob Niemand gegenwärtig sei, und drehte rückwärts, gegen den Kessel gekehrt, dessen Krahn auf. Er hatte jedoch nicht berechnet, daß der Ausläufer seines Rückens sich unter dem Krahn befand und wurde plötzlich durch das kochende Wasser daran erinnert. Mit einer Eilfertigkeit, wie ich sie früher und später nie an ihm wahrgenommen, stürzte Bobi jetzt aus der Küche nach dem Hinterdeck und in die Kajüte hinunter, vermied es jedoch fortan sorgfältig, der ersteren sich wieder zu nähern.

Zweimal wöchentlich stattete er den Matrosen in ihrem Logis seinen Besuch ab, nämlich Dienstags und Freitags, sobald acht Glas (12 U. Mittags) geschlagen wurde. An diesen Tagen aßen die Leute Sago mit Zucker und Zimmt, und er verfehlte nie, sich dabei zu Gast zu bitten. Sonst ging er selten freiwillig in das Logis, obwohl er bei den Matrosen sehr beliebt war und von einem derselben Stunden lang wie ein Kind umhergetragen wurde. Ebenso regelmäßig stellte er sich um zwei Uhr in der Kajüte ein, um an unserm Tische Theil zu nehmen, obwohl er jedesmal dabei festgekettet wurde. Beim Essen war er sehr manierlich und gegen die Gewohnheit der Affen reinlich. Ich gab ihm zur Suppe stets einen Löffel in die Hand, ohne ihn dahin bringen zu können, daß er denselben richtig benutzte. Er tauchte ihn einige Male verkehrt ein, leckte ihn ab, legte ihn aber bald bei Seite, um den Teller an den Mund zu setzen und die Suppe, ohne einen Tropfen zu verschütten, auszutrinken.

Spirituosen liebte er ungemein und er erhielt auch jeden Mittag sein Glas Wein, das er in einem Zuge austrank oder vielmehr zunächst in seine Unterlippe goß. Diese wulstige Fleischmasse konnte er durch Vorstrecken in einen drei Zoll langen und an der Basis eben so breiten Löffel verwandeln, der Raum genug hatte, um ein ganzes Glas Wasser aufzunehmen, und nie trank er Wasser oder Wein, ohne dies eben so sonderbare, als komische Manöver auszuführen. Nachdem er das betreffende Glas sorgfältig berochen, construirte er den Lippenlöffel, goß das Getränk hinein und schlürfte es sehr bedächtig und langsam zwischen den Zähnen hinunter, als ob er sich hätte einen recht dauernden Genuß davon verschaffen wollen. Oefter währte dies Schlürfen zehn Minuten, und erst dann hielt er das Glas von Neuem hin, um sich eine zweite Portion auszubitten. Nie machte er ein Glas oder ein Gefäß von Porcellan entzwei, in dem ihm Trank und Speise gereicht wurde, sondern setzte es behutsam fort. Er unterschied sich dadurch vortheilhaft von den übrigen Affen, die alles Geschirr sofort zerschlugen.

Was man von dem Aufrechtgehen des Orang-Outang erzählt, scheint mir Fabel zu sein. Der meinige that es nie, sondern setzte die beiden Hände auf den Boden und schob mit den Beinen hindurch, gerade wie an den Füßen gelähmte Menschen sich mit Krücken fortbewegen. Nur ein einziges Mal habe ich gesehn, daß er sich an der Schiffswand aufrichtete und einige Schritte ging. Dabei hielt er sich jedoch, wie ein Kind, das gehen lernt, mit beiden Händen fest.

Er kletterte während der Reise sehr selten in der Takelage umher, und dann ungemein langsam und bedächtig. Gewöhnlich ging er nur nach oben, wenn ein kleiner Lampun, sein Liebling, wegen einer Unart gestraft werden sollte. In diesem Falle retirirte sich der kleine Delinquent regelmäßig unter den Bauch des Orang-Outang, klammerte sich dort fest, und Bobi spazierte mit seinem kleinen Schützlinge in die Takelage hinauf, bis die Gefahr verschwunden schien.

An Stimmlauten besaß Bobi nur zwei. Ein schwacher pfeifender Kehllaut, bei dem jedoch die Lippen geschlossen blieben, bezeichnete sowohl Freude wie Schmerz und war das einzige Kennzeichen seiner Gemüthsstimmung. Der Ausdruck seiner Gesichtszüge blieb sich ewig gleich, und nie war daran zu merken, ob er heiter oder trübe gestimmt war. Wenn er sich sehr fürchtete, stieß er ein schreckliches Gebrüll aus, das an Ton und Stärke dem Angstgebrüll einer Kuh sehr ähnlich war. Diese Laute gab er während der Reise nur zwei Mal von sich, jedoch so anhaltend, daß ich ihn kaum zu beruhigen vermochte. Das eine Mal war eine nahe beim Schiffe vorbeiziehende Heerde Pottfische die Veranlassung dazu, die er von dem großen Boote aus erblickte. Das zweite Mal flößte ihm der Anblick verschiedener Wasserschlangen Entsetzen ein, die ich in Stopfflaschen von Java mitgebracht und eines Tages auf das Deck genommen, um den Spiritus zu wechseln. Wahrscheinlich sind Schlangen seine Todfeinde, und er mag auch wohl die schwarzen Rücken der Pottfische für solche oder für Krokodile angesehen haben.

Als wir uns nach Umschiffung des Caps der guten Hoffnung abermals den Tropen näherten, hielt er sich wieder mehr auf dem Deck auf; seine anfängliche Munterkeit kam aber nicht wieder, und auch nur an sehr heißen Tagen erschien er ohne Decke hinter sich. Er war jedoch stets gesund und litt nur bisweilen an Verstopfung, wenn er viel Salzfleisch genossen hatte. Schon befanden wir uns vor dem Eingange des englischen Canals und ich gab mich der Hoffnung hin, ihn lebendig nach Hamburg zu bringen, als ein unglücklicher Zufall seinem Leben ein Ende machte.

In der hintern Sitzbank der Kajüte waren die Wein- und andern Rumflaschen verstaut und am Tage vorher umgepackt. Der Kellner hatte dabei acht bis zehn volle Rumflaschen auf den Boden der Bank und etwa vierzig leere Bouteillen in Stroh darüber gelegt, ohne später die Bank, wie es sonst der Fall war, zu verschließen. Bobi hatte von seiner Lagerstätte aus dies Geschäft mit angesehen, schien jedoch mit seinem ewig unveränderlichen Gesicht keine Notiz davon zu nehmen und that, als ob ihn die Rumflaschen gar nichts angingen. Wie schon bemerkt, legte er sich um diese Zeit um zwei Uhr zu Bett und stand eben so früh auf. Ich hatte in der folgenden Nacht die Mitternachtswache und hörte gegen drei Uhr ein Geräusch in der Kajüte, als ob Jemand mit Flaschen klapperte. Als ich durch das einfallende Licht hinunterblickte, sah ich beim Schimmer der auf dem Tische brennenden Nachtlampe wirklich eine Gestalt bei der Spirituosenbank beschäftigt und eilte deshalb hinunter. Wie erstaunte ich aber, als ich meinen Orang-Outang mit einer Rumflasche vor dem Munde traf, die er, als ich sie ihm fortriß, fast gänzlich geleert hatte! Vor ihm lagen sämmtliche leere Flaschen behutsam in Stroh gewickelt; die endlich gefundene volle war auf sehr geschickte Weise von ihm entkorkt und er hatte seinem Verlangen nach Spirituosen völlig Genüge thun können.

Etwa zehn Minuten nach diesem Vorgänge wurde das Thier plötzlich lebendig. Er sprang auf Stühle und Tische, machte die lächerlichsten Bewegungen und Capriolen und gebehrdete sich mit steigender Lebhaftigkeit wie ein betrunkener und zuletzt wie ein wahnsinniger [28] Mensch, sodaß ich ihn nicht zu bändigen vermochte. Dieser Zustand hielt ungefähr eine Viertelstunde lang an; dann fiel er plötzlich zu Boden, es trat ihm Schaum vor den Mund und er lag steif und regungslos. Da ich glaubte, daß er im Sterben sei, legte ich ihn in sein Bett; jedoch kam er nach einigen Stunden wieder zu sich, aber nur um in ein heftiges Nervenfieber zu verfallen, an dem er nach 14 Tagen starb. Während dieser Zeit nahm er nichts mehr zu sich, als etwas Wein mit Wasser. Ich gab ihm nach den an Bord gebräuchlichen Vorschriften die betreffenden Arzneien für seine Krankheit, und er nahm sie auch willig ein. Ich hatte ihm einmal an den Puls gefühlt, und seitdem streckte er mir jedesmal, wenn ich an sein Lager trat, die Hand entgegen. Dabei hatte sein Blick etwas so Rührendes und Menschliches, daß mir öfters die Thränen in die Augen traten. Seine Kräfte nahmen allmählich ab, bis er am vierzehnten Tage nach einem heftigen Fieberanfalle, während dessen er stark phantasirte, verschied.

Ich steckte die Leiche in Spiritus und schenkte sie bei meiner Ankunft in Hamburg dem dortigen Museum, wo Bobi jetzt von der kunstreichen Hand des Custos Siegl ausgestopft neben seinem eigenen Skelette steht.
W–r.




Bilder vom Thüringer Walde.
Von B. Sigismund.
2. Die Köhler.

Ein angenehmer brenzlicher Duft zeigt den Weg zu der Schlagfläche, wo die blaugrauen Rauchsäulen der Meiler emporwirbeln. Ein wilder Pfad zwischen Fichtenstöcken, an denen Fingerhut blüht, und schön grünen Moospolstern führt an einem Quellchen vorbei, das über eine Fichtenrinde in ein Gefäß rinnt, zu einer Stelle, wo inmitten hochaufgebauter Haufen von Scheiten und Stöcken die Meiler ragen.

Thüringer Köhlerhütte.

Die Hütte der Köhler hat eine reizende Lage, mit der Aussicht in einen stillen Waldgrund und auf dunkelgrüne Höhen. Die Herberge der ständigen Köhler des Gebirges steht an Wetterfestigkeit und Bequemlichkeit hoch über den kleinen, zeltähnlichen Reisighütten („Kriechlöchern“) der „Kohlenbrenner“ des niedern Landes, die nur dann und wann an verschiedenen Orten einen kleinen Meiler bauen. Ihre fensterlosen Schrotwände sind aus gespaltenen Stämmen aufgeführt, das Dach ist mit Fichtenrinde dicht bedeckt, die thürlose Pforte, die zugleich das Fenster vertritt, ist schön gewölbt. Der auf drei Bewohner eingerichtete Innenraum ist etwa zwölf Fuß lang, zehn breit und sieben Fuß hoch. Längs der drei vollen Wände strecken sich breite Bänke, die jeden Sonnabend mit frischem Tannenreisig bedeckt werden. Zu Häupten jedes Lagers steht eine kleine verschlossene Lade, welche die Kartoffeln und die mit Mehl und Salz gefüllten Schachteln birgt und zugleich als Kopfkissen dient. Ueber diesen Bänken läuft das „Tresurchen“, ein Bretersims, auf dem die Koch- und Eßgeschirre zierlich aufgepflanzt sind. In der Mitte der Hütte brennt das nie ausgehende Heerdfeuerchen, das Nachts den Ofen und die Betten ersetzt.[1]

In einer solchen Hütte hauset der Meister, der die Verantwortlichkeit des Geschäftes auf sich hat, mit dem Gesellen und dem Jungen. Im Aeußeren unterscheiden sie sich nur durch das Alter. Ein schwarzer, breitrandiger Filzhut, schwarzbestaubte Kleider von [29] grober Leinwand und Holzpantoffeln bilden ihre ständige Tracht. Ihre schwarzen Gesichter, aus denen das Weiße der Augen grell vortritt, haben einen ernsten, fast düstern Ausdruck; ihre Gestalten sind meist untersetzt, aber kräftig. Wenn man ihnen von ihrem Berufsgenossen erzählt, der sich am Prinzenräuber zum Edelmann getrillt hat, so äußern sie trocken: „Wenn die Gelegenheit nur öfter käme, da sollte es bald mehr Edelleute als Köhler geben!“ Wehe auch dem Kunz, der unter ihre Fäuste geriethe! Die Köhler sind als die stärksten Schubkärrner des Waldes berühmt, sie fahren eine Vierlelklafter über Stock und Stein. In Folge der großen Anstrengung und der Unbilden des Wetters dauern sie selten so lange aus, wie die Holzhauer; kaum bleibt ein Köhler über das fünfzigste Jahr hinaus, wo sich die Gicht einzustellen pflegt, ordentlich waldtüchtig.

Die Lebensweise der Köhler ist eine sehr schlichte. Ihr Trank besteht wochenlang aus Quellwasser und dünnem Kaffee, ihre Kost aus Schwarzbrod und Kartoffeln, oder aus Suppe und Brei aus Kartoffeln oder Mehl, die mit Waldgewächsen gewürzt werden. Ihre größten Leckerbissen, die das Fleisch vertreten, sind die „Beber“, Toaste, die man aus mit Fett bestrichenen und gerösteten Brodstücken herstellt. Eine Pfeife Tabak ist Hauptlabsal; „lieber kein Brod,“ erklären sie einhellig.

Die Arbeit der Köhler ist weit einförmiger und mühseliger, als die der Holzhauer. Sie leben vom Mai bis zum September fast ununterbrochen im Walde; jeden Sonntag kann nur ein Bewohner der Hütte einmal in’s Dorf hinabsteigen. Auch der Sonntag ist nur ein halber Feiertag, denn wenn man auch „zum lieben

Voigtländische Köhlerhütte.

Sonntage“ die schwersten Arbeiten aussetzt, so ist doch immer ein im Gange befindlicher Meiler abzuwarten, der keine Viertelstunde ohne Aufsicht und Nachhülfe bleiben darf. Während der Holzhauer die Nacht ruhig verschläft, muß wenigstens einer der Köhlergenossen wach bleiben, und auch die beiden Anderen müssen häufig ihr Reisiglager verlassen; daher „kennen sie nicht Nacht vom Tage“, d. H. sie benutzen auch die freien Viertelstunden der hellen Zeit zu einem „Nickerchen“ (Schläfchen). Auch vom geselligen Verkehr mit andern Waldgenossen sind die Köhler weit mehr abgeschnitten, als die Holzhauer. Die nächste Köhlerhütte liegt oft eine halbe Stunde fern, und auf so lange Zeit kann man die Meiler nicht wohl verlassen; mit den Holzhauern, die sich meist etwas Besseres dünken, als ihre schwarzen Waldgesellen, ist kein rechter Verkehr möglich. Aber selbst unter sich haben die drei Hüttengenossen der Köhlerei keinen regen Verkehr, sie sind die schweigsamsten unter den schweigsamen Waldarbeitern. Dies rührt zum Theil von ihrer großen Weltfremdheit (sie erfahren zu wenig Neues, um sich Mitteilungen machen zu können), zum Theil aber auch von ihrer zunftähnlichen Verfassung, welche dem Gesellen oder gar dem Jungen den Muth nimmt, in Gegenwart des ernsten, von Amtswegen befangenen Meisters einen Spaß zu machen oder einen Waldjauchzer loszulassen. Daher macht das Zusammenleben der schwarzen Waldleute einen etwas grämlichen, an eine Bärenfamilie erinnernden Eindruck, und man begreift den fremden Handlungsdiener, der sich im Walde verirrt hatte und lieber Hunger und Durst mit seinen Kaffee- und Zuckerproben stillte, als daß er sich den furchtbaren, im Rauch und Feuerscheine gespenstig aussehenden „Räubern“ näherte. Aber die Köhler sind lange nicht so schlimm, wie sie aussehen. „Wenn nur das Herz schwarz ist“, sagte ein Schulmeister zur Entschuldigung, als er bei einer Feierlichkeit in heller Weste erschienen war; von den Köhlern darf man sagen: „wenngleich die Haut schwarz ist, das Herz ist gut“. Ihr geistiger Gesichtskreis ist eng, aber ihre Gutmüthigkeit groß. Sie sind musterhaft gastfrei und, wenn man sie am rechten Zipfel zu fassen weiß, leidlich unterhaltsam. Auch leben sie nicht so unnachbarlich, wie es den Schein hat. Sie verfolgen mit Theilnahme die Geschicke des Kumpans, der die nächste Stätte hat, und sprechen ihre Freude oder ihr Mitleid aus, je nachdem die Beschaffenheit seiner Rauchsäule von gutem oder gestörtem Fortgänge des Meilers Kunde gibt. Auch tauschen die Nachbarn, wenn auch nicht von Angesicht zu Angesicht, doch öfter ihre Gefühle aus, und zwar auf telegraphische Art, durch die „Hillebille“, jedenfalls eins der einfachsten Tonwerkzeuge, die man selbst unter wilden Völkern findet. An einem reckähnlichen Gestelle neben der Hütte hängt ein zur Form einer Messerklinge zugeschärftes, ellenlanges und fußbreites, dünnes Bret aus Buchenholz an zwei Fäden; dieser Holzharmonika wissen die Köhler mit zwei hölzernen Hämmern marschähnlich klippende und klappende Rhythmen zu entlocken und dadurch ihre Gefühle auszudrücken. Ehe man sich zu Tische setzt, wird die Hillebille gerührt, und bald darauf wünscht die des Nachbars gesegnete Mahlzeit; geräth ein Meiler in hellen Brand, so ruft ein Lärmzeichen zu Hülfe.

Ein solcher Mißfall stößt zwar einem aufmerksamen Köhler selten zu, aber keiner ist bei stürmischen Wetter davor sicher, weshalb stets mit Wasser gefüllte Fässer zur Hand sein müssen. Die Köhlerei ist überhaupt kein so leichtes Geschäft, wie Manche wähnen; der Chemiker des Waldes hat zwar das unsauberste, aber das verantwortungsvollste und den ganzen Menschen am meisten in Anspruch

Harzer Köhlerhütte.

nehmende Geschäft im Forste; schon die zünftige Verfassung deutet an, daß man, während beim Holzhauen Jeder gleich auf eigene Faust zugreift, hier eine gewisse Reife und lange Erfahrung nöthig hat, um als Meister auf eigenen Füßen zu stehen.

Zuerst gilt es, eine „Kohlstätte“ auszuwählen. Sie muß bequem zur An- und Abfuhre liegen, muß eine Quelle in der Nähe haben und trocken und vor dem Winde geschützt sein. Auf dieser Stätte wird ein Kreis von etwa achtzehn Fuß Durchmesser zur Meilerstätte geebnet und in der Mitte, wo der „ Quandelpfahl“ eingerammt ist, etwas erhöht. Rings um diesen Pfahl wird das auf dem Schubkarren zusammengefahrene Holz mit Sorgsamkeit so aufgestellt, daß die einzelnen Stücke möglichst steil und dicht beisammen stehen und daß die massenhaftesten in’s Innere kommen, wo die stärkste Hitze herrscht. In Thüringen baut man ausschließlich „slawische Meiler“, deren stehende Holzstücken durch einen am Grunde freigelassenen Gang, die „Zündgasse“, angebrannt werden. Besonders schwierig ist es, aus den unregelmäßigen Wurzelstöcken, die jetzt fast allein zum Verkohlen kommen, einen wohlgefügten Meiler zu errichten. Der kegelförmige Holzstoß wird mit einem „Rauhdach“ aus Rasenschollen, Heide und Reisig bekleidet und, wenn es gilt, den Luftzutritt zu ermäßigen oder ganz abzusperren, mit einem Erddach aus Dammerde und Kohlengestübe („Lösche“) mehr oder weniger dicht bemäntelt, welches durch eine besondere Holzschaufel glatt geschlagen wird.

Das Anzünden verrichtet stets der Meister, und zwar am Morgen, indem er eine lange Harzfackel durch die Zündgasse bis zum Quandel einschiebt. Die Aufgabe des Köhlers besteht nun darin, zuerst die im Holze vorhandenen Wassertheile auszutreiben und dann die Flamme vom Gipfel des Meilerkegels herabwärts [30] und nach außen zu lenken, so daß die auf der Erde liegenden Holztheile zuletzt in Gluth kommen.

Ist das Feuer am Quandel empor bis zur Haube gedrungen, und dabei der Gipfel des Meilers zu einem Krater eingesunken, so besteigt der Köhler auf einer eigenthümlichen, aus einem Baumstamme gehauenen Treppe seinen Vulcan, füllt dessen leeren Schlund mit Holzstücken und belegt ihn dicht mit Decke.

Bei dem „Auswärmen“ (Abdampfen) des Meilers, wobei er gelbgrauen, wasserdampfreichen Rauch entwickelt und außen feucht wird („schwitzt“), tritt zuweilen ein Umstand ein, der den schwarzen, qualmenden Kegel einem Vulcane noch ähnlicher macht. Wenn nämlich der Wasserdampf nicht gehörig entweichen kann, so sprengt er die Decke und die Schichten des Holzes („er wirft“). Immer sinkt der thätige Meiler, weil das Holz durch Erhitzung schwindet, oben ein, und es muß deshalb von oben nachgefüllt werden.

Ist der Meiler glücklich „abgekühlt“, so beginnt das „Treiben“, bei welchem das Holz bei möglichster Beschränkung des Luftzutrittes unter der festgestampften Erddecke verglimmt. Hier gilt es nun, des Feuers furchtbare Macht, die von Natur immer zur Höhe strebt, niederwärts zu lenken. Dies geschieht durch Einstoßung von Luftlöchern („Räumern“), die man in gürtelförmigen Reihen anbringt. Dabei ist stete Aufsicht und Abwartung unumgänglich. Rauchen die Räumer schwarz, so brennt das Feuer zu matt und muß mehr Luft bekommen; rauchen sie hellgrau, dann erfolgt die Verbrennung zu rasch, und man muß die Decke verdichten oder einige Räumer schließen; sinkt der Meiler ungleichmäßig zusammen, so muß auf der höheren Seite mehr Zug gegeben werden. Beim Kohlen gilt als Hauptregel: was lange währt, wird gut. Steigt aus den Räumern blauer Rauch und erzeugt das Aufschlagen mit dem „Wahrhammer“ (einem langgestielten hölzernen Schlägel) auf den über den Räumern liegenden Theil des Meilers einen hellen, knackenden Schall, so werden diese Zuglöcher verstopft und unterhalb derselben ein Kreis neuer gestochen. Ist der ganze Meiler in Gluth („gar“) so bricht das Feuer an einzelnen Stellen seines Fußes durch.

Dann läßt man ihn, von der Luft abgesperrt, verkühlen und löscht ihn etwa nach vierundzwanzig Stunden. Die Gluth würde zwar allmählich von selbst ausgehn, aber dann würde das „Ausbringen“ (der Ertrag) weniger gut sein. Man entblößt den Meiler von seinem Rauhdache, dessen Zwischenräume der Luft immer einigen Zutritt gewähren, und bedeckt ihn blos mit Erde und Gestübe, welche alle Klüfte und Ritzen luftdicht verstopfen. Nach einiger Zeit holt der Köhler mit Hülfe einer eisernen Spitzhaue (dem „Ziehhaken“) eine Partie Kohlen nach der andern hervor und löscht sie durch Besprengung mit Wasser, wobei er natürlich nicht versäumen darf, die dadurch entstandene Pforte des Meilers wieder zu schließen. Die Zeit, die ein Meiler zur Gare erfordert, hängt von seiner Größe ab; sehr bedeutende Meiler erfordern drei Wochen, die kleinen, in Thüringen erbauten nur drei bis sechs Tage. Eine Köhlerei hat stets zwei bis drei Meiler im Gange, welche alle Stadien des Verkohlungs-Vorganges zeigen.

Das Einreißen eines gelungenen Meilers läßt auch die mürrischen schwarzen Gesichter heiterer erscheinen. Nach dem Ausbringen richtet sich ja der Verdienst. Wenn der Köhler aus vier Klaftern Holz eine Fuhre Kohlen herstellt, bekommt er 1 fl. 36 kr.; gelingt es ihm aber, aus 33/4 oder 31/2 Klaftern eine Fuhre Kohlen zu gewinnen, so erhält er 1 fl. 48 kr. oder gar 2 Gulden Lohn. Das Ausbringen hängt nur leider nicht allein vom Geschick und von der Sorgsamkeit ab, denn bei ungünstiger Witterung kann auch der beste Meister nicht die erwartete Kohlenmasse liefern. Die Herstellung einer guten Kohle ist aber nicht blos Geld-, sondern auch Ehrenpunkt. Der glückliche Meister hängt in seiner Hütte möglichst große Stücke fester, hellklingender Kohle mit demselben Ehrgefühl auf, mit dem der Besitzer einer chemischen Fabrik große Blutlaugensalz-Krystalle in einem Glaspalaste zur Schau stellt.

Die Kohlen werden in „Kohlenfäden“, großen zweispännigen Wagen, deren Breterkasten 24 Tonnen zu 20 Cubikfuß fassen, abgeholt und bei der Eisenhütte vom „Kohlenmesser“ in Empfang genommen. Dieser Beamte führt auch die Aufsicht über die Kohlenstätten und verhängt für die von ihm bemerkten Versehen die im Dienstbuche vorgeschriebenen Strafen. Ein Köhler z. B., bei dem er „blaugehende Räumer“ findet, muß vier Kreuzer büßen. Die beste Aufsicht über die Meiler übt natürlich der Meister, dessen Lohn von deren Gelingen abhängt.

Die Köhler des Thüringer Waldes, die ihr Gewerbe nach urväterlicher Weise betreiben, werden in ihrem Geschicke mehr von der Alles umgestaltenden Zeit berührt, als die meisten übrigen Waldarbeiter. Die Zahl der Holzhauer hat sich, weil man alle Erträge der Forsten besser ausnutzt, in neuerer Zeit vermehrt, und ihr Lohn hat sich mit dem Steigen der Holzpreise etwas erhöht; die Zahl der Köhler dagegen vermindert sich jährlich, und ihr Lohn ist nicht gestiegen.

Manche Köhler sind dem Forst untreu geworden und in den Dienst der Fabriken getreten, wo sie Holz spalten oder Porcellan „quetschen“ (d. h. Porcellanteig in Gypsformen zu Nippfiguren pressen). Gar manches zierliche Figürchen, das auf dem Spiegeltische eines Putzzimmers stolzirt, verdankt der rauhen Hand eines Köhlers sein Dasein, denn auch diejenigen Schwarzen, die ihrem Dienste treu bleiben, „quetschen“, wenn sie nicht Schachteln oder Schindeln machen, im Winter Porcellan.

Aber diese Ausreißer sind nicht die Hauptursache der Verminderung des Köhlergewerbes. Die nächste Veranlassung liegt darin, daß die Forsten nicht mehr ausreichen, um alle hungrigen Oefen zu befriedigen. Manche Reviere, die sonst viel Kohlen brennen ließen, können, weil der Bedarf für Heizung der Zimmer kaum zu befriedigen ist, gar kein „Kohlholz“ mehr ablassen; die holzreichsten Forsten sogar können nur die „Stocke“ (die Wurzelhölzer), die wegen schwieriger Abfuhr keine andern Abnehmer finden, an die Köhler abgeben. Darum sind die Hochöfen und Hammerwerke des Thüringer Waldes, die weit lieber mit den ein besseres Stabeisen liefernden Holzkohlen feuern würden, genöthigt, zu den Steinkohlen zu greifen, und mancher Ofen, der durch seinen Funkenregen sonst ein Waldthal mit fliegenden Sternen überstreute, ist zum Stillstand gekommen, weil er die Mitwerbung der Coksöfen nicht aushalten konnte. Zum Glück kommen die Zwickauer Kohlen trotz des Frachtaufschlages nicht beträchtlich höher, als eine an Heizkraft gleichwertige Masse Holzkohlen, und hoffentlich beseitigen neue Bahnen oder in der Nachbarschaft aufgethane Steinkohlengruben auch diesen Mißtand, denn sonst wäre es um manches noch bestehende Eisenwerk gethan.

Aber die Waldköhlerei geht bergabwärts, unaufhaltsam bergab. Die Porcellanöfen werden mehr und mehr „die Stocke“ ankaufen und dafür Preise zahlen, welche die Eisenwerke nicht geben können, und die Köhler werden immer weniger Holz zur Verarbeitung erhalten. Man kann die Köhler damit trösten wollen, daß neuerdings weit mehr Menschen beim Coksbrennen lohnendere Arbeit finden und daß auch sie bei anderen Geschäften wohl eine wenigstens ebenso gute Stellung finden werden; man mag ihnen erzählen, daß sich aus der rohen Waldköhlerei eine Kunstköhlerei entwickeln wird, welche auch die bisher nutzlos in die Luft gehenden Nebenerzeugnisse des Theers und Holzessigs verwerthet – immer werden sie ungläubig und mürrisch drein blicken und auf ihren Mienen den Gedanken abspiegeln: „Ach, wir letzten Mohikaner! So wenig lohnend, so beschwerlich und unsauber die Arbeit war, wie schön lebt es sich doch im Walde, in unserer traulichen Hütte! Alles, alles geht dahin; wie schade, wie jammerschade!“




Die Huberbäuerin.
Von H. Schmidt.
(Fortsetzung.)
3.

Inzwischen war die schöne Bäuerin in der sogenannten „guten Stube“ im ersten Stockwerk in unverkennbarer Aufregung eingetreten. Sie warf keinen Blick auf die für ein Bauernhaus ungewöhnlich feine und zierliche Einrichtung, an der sie sonst wohl ihre Freude hatte; vergeblich lockte aus den halbgeöffneten Kästen und Schränken die Fülle der schönsten Leinwand, zierlich in Stücken zusammengestellt – nachdem sie hastig die Thüre ins Schloß geworfen [31] und den Riegel vorgeschoben hatte, ging sie einigemal mit hastigen Schritten die Stube auf und nieder. Ihr Gesicht hatte einen von dem sonnigen Charakter ganz verschiedenen Ausdruck von Wildheit angenommen; es war, als ob sie eine Maske getragen und nun abgenommen hätte.

Nach einer Weile blieb sie vor dem Spiegel stehen, um ihrem Gesichte wieder den vorigen Ausdruck der Freundlichkeit zu geben. Dann blieb sie wie horchend stehen, und als sich weder in noch außer dem Hause ein Laut hören ließ, trat sie mit zufriedenem Nicken an einen hohen Wandschrank, wie sie in den Stuben wohlhabender Bauersleute als eine Art Prachtstück zu stehen pflegen.

Sie öffnete ihn, schob die Kleidungsstücke, womit er ganz ausgefüllt war, auseinander und drückte im Hintergrunde an eine in der Vertäfelung angebrachte Leiste. Im Moment wich diese dem Druck; eine enge, in einen völlig dunklen Raum führende Thür wurde sichtbar, schloß sich aber eben so schnell hinter dem Eintretenden.

Es war der junge Knecht, der zuvor unter der Thür gestanden.

Er war noch immer blaß und wie verwirrt und blieb mit gefalteten Händen, wie eine Bildsäule vor sich auf den Boden starrend vor der Bäuerin stehen, die ihn mit einem scharfen, in die Seele dringenden Blick betrachtete.

„Was willst Du?“ fragte er endlich kleinlaut, „Du hast mir heraufgewinkt.“

„Muß ich das nicht, Hans?“ entgegnete freundlich die Bäuerin, indem sie, rasch in eine andere Rolle übergehend, den Widerstrebenden neben sich auf die Bank zog. „Muß ich das nicht, wenn ich Dich sehn will? Du bist mir ein trauriger Schatz! Sonst hast Du den Weg zu mir ohne Wink zu finden gewußt!“

Der Knecht saß regungslos neben dem Weibe und erwiderte keine der Liebkosungen, mit denen sie ihn überhäufte, ja er schien sie nicht einmal zu fühlen. Nur bei der Erinnerung an das Sonst in der Rede der Bäuerin zog ihm eine dunkle Gluth über Stirn und Wange, seine innere Beschämung oder Entrüstung ankündend.

Mit einem Male aber schien er zu sich selbst zu kommen. Wie erschreckt fuhr er empor, schlug die Hände wie krampfhaft vor die Augen und keuchte: „Laß mich los, Urschi – es ist Sünde, unverzeihliche Sünde! Du bist eines Andern, bist meines guten Herrn Weib, und ich …“

„Und Du?“ fragte forschend die Bäuerin, mit Mühe ihre Aufregung verbergend.

„Ich bin ein elender, verworfener Mensch!“ jammerte Jener düster vor sich hin. „Ich bin nicht werth, daß mich die Sonne anscheint!“

„So sage nur,“ schmeichelte das Weib, „was Dich mit einem Male so verändert hat? Ich kenne Dich nicht mehr!“

„Das will ich Dir sagen. Wie vorhin der Assessor daher gefahren kam und vor dem Haus gehalten hat, da hab’ ich erst in mich hineingelacht, daß er umsonst fragen und nichts finden wird. – Wie er aber mit Dir sprach und das alte Sprüchl sagte, daß nichts so fein gesponnen ist, es kommt doch an die Sonnen, da kam es mir vor, als hätte er mich dabei gerade und starr angesehn … mir verging das Sehen und Hören; ich mußte mich an der Thür halten, damit ich nicht umgefallen bin, aber in mir und um mich herum schrie es in Einem fort: Morgen kommen sie und holen Dich!“

„Einbildung! Du bist krank,“ erwiderte die Bäuerin, welche ernstlich besorgt zu werden anfing, obwohl ihr Beweggrund mit der Liebe am wenigsten gemein hatte. „Du mußt Dich niederlegen und Medicin nehmen, daß Dir die wilden Gedanken vergehen!“

„Die vergehen mir mein Lebtag nicht wieder,“ seufzte Jener, „dafür gibts keine Medicin! Aber ich will mir doch Ruhe verschaffen! Und ich weiß was ich thun muß! Ich will nichts mehr wissen von Dir, Du schöner Teufel, der mich verführt hat! Ich will hin und will Alles gestehen!“

Die Bäuerin erschrak. „Narr,“ rief sie, „was fällt Dir ein? Bedenkst Du auch, was Dir bevorsteht? Sie werden Dich für immer ins Zuchthaus sperren, wenn sie Dir nicht den Kopf vor die Füße legen.“

Der Knecht antwortete nicht gleich; er vermochte es nicht, denn seine Brust arbeitete im heftigsten Kampfe. „Meinetwegen,“ sagte er dann dumpf, „mir gehört’s nicht besser, und wenn’s an die Sonnen gekommen ist, hab’ ich doch nichts Anderes zu erwarten!“

„Du mußt im Ernst krank sein, Hans,“ sagte die Bäuerin ärgerlich! „Wie wär’s nur möglich, daß irgend was aufkäm’! Keine menschliche Seel’ denkt daran, den rothen Hannickel da zu suchen, wo er zu finden ist! Du weißt, daß selbst von den Cameraden kein Einziger ihn kennt, Du allein weißt Alles! Und Du wolltest hingehen und schwach werden und Alles verderben, was wir so schön ausstudirt haben? Noch eine ganz kurze Zeit, dann haben wir so viel beisammen als wir brauchen! Dann gehen wir mit einander fort, nach Ungarn hinunter oder gar über’n Meer hinüber, wo uns kein Hahn nachkeäht! Und das Alles wolltest Du selber zernichten?“

Der Bursche schwieg, aber die Natur schien die krampfhafte Anspannung, in der er sich befand, nicht länger ertragen zu können. Die Sehnen ließen nach, und mit einem tiefen, herzbrechenden Seufzer brach ein Strom von Thränen aus seinen Augen.

Die Bäuerin bemerkte listiger Weise sogleich die eingetretene weichere Stimmung und bemühte sich sie möglichst zu benutzen. „Und an mich,“ fuhr sie mit schmeichelndem gerührtem Tone fort, „an mich denkst Du gar nicht? Willst Du Dich mir entreißen, die nicht leben kann ohne Dich? Willst Du mich in’s Unglück stürzen zum Dank dafür, daß ich Dir mein Ehre, mein Vermögen, ja mein Leben selbst in die Hände gegeben habe? Du wirst nicht! Wenn Du wieder gescheidt, wenn Du der beherzte Bursch’ wieder bist, als den ich Dich so oft gesehn hab’ in der größten Gefahr, dann wirst Du über Dich selbst und über Deine Verzagtheit lachen und wirst Dich schämen, daß ein einfältiges Sprüchl Dich so zum Kind hat machen können … Du weißt …“

Das Weitere verlor sich in immer leiserem Flüstern. Der Knecht widerstand dem freundlichen Andringen nicht länger; er wurde wärmer und vergaß bald unter den Liebkosungen des schönen Weibes seine Vorsätze und seinen Schrecken. Geraume Zeit hatten beide gekost, als sich ein leises Klirren vernehmen ließ und die Thürklinke begann sich hin und wieder zu bewegen. Dem Falkenblick der schönen Huberin entging das nicht; wortlos deutete sie dem Knecht darauf hin. Diesem mußte das Zeichen nicht unbekannt sein, denn gleichfalls ohne ein Wort zu erwidern, schlüpfte er in den Kasten, aus dem er gekommen war.

„Und wirst Du mir nun keine Narrheit mehr begehn?“ flüsterte ihm die Bäuerin noch nach.

„Ich bin Dein und wenn’s in die Hölle ginge,“ erwiderte Hans ebenso hastig – und er war verschwunden.

Mit der unbefangensten Miene zog die Bäuerin geräuschlos den Thürriegel zurück; dann trat sie vor einen der Schränke und gab sich, mit dem Rücken gegen den Eingang gewendet, den Anschein, als sei sie mit dem Ordnen der Wäsche beschäftigt. Dabei ließ sie aber einen vor ihr hängenden Spiegel keine Secunde aus den Augen, denn in ihm konnte sie Alles wahrnehmen, was hinter ihr vorging.

So bemerkte sie, daß die Thüre wie von Jemand, der horchen will, behutsam geöffnet ward und daß in der Spalte der Kopf ihres Mannes sichtbar wurde. Sein Gesicht trug den Ausdruck eines wilden lauernden Zorns, wie er aber die Katzenaugen im Zimmer umher gleiten ließ, verlor sich derselbe und machte dem gewohnten dummen Lächeln Platz. Er zog sich wieder zurück und schloß die Thüre ebenso leise, sichtbar froh, nicht bemerkt worden zu sein.

„Steht es so?“ murmelte die Bäuerin vor sich hin, als sie sich wieder allein wußte. „Wie gut, daß ich den heimlichen Zug an der Thür’ hab’ anbringen lassen, der es sogleich zeigt, wenn Jemand die Stiege betritt! – Er hat also Verdacht? … Und Hans …? Für diesmal hab’ ich ihn noch von seinem Fieber curirt, aber wer steht mir dafür, ob es nicht wieder kommt? Und ob ich dann noch im Stand bin, Einhalt zu thun?“

Sie sann einen Augenblick nach. und der häßliche Zug um ihren Mund trat stärker hervor. „Nun,“ sagte sie dann nach einer Weile und wandte sich entschlossen der Thüre zu, „ich will schon vorsorgen, sie sollen sehen, daß die schöne Huberin sich zu helfen weiß!“




4.

Dem schönen Morgen war ein schöner Tag gefolgt, wolkenlos und tiefblau, aber niederdrückend schwül. Schon hatte in den Dörfern ringsum das Glockenzeichen die Beendigung des nachmittägigen Gottesdienstes angekündigt und noch regte sich kein kühler Lufthauch, [32] wie sie sonst die angenehmen Boten des Abends zu sein pflegen. Die Luft flimmerte und schimmerte im Sonnenglanz, und wer es vermochte, flüchtete aus der Helle und Schwüle an irgend ein Plätzchen, wo Schatten und Kühle frei aufzuathmen gestatteten.

Ein solches Plätzchen war ein an der Erdingerstraße gelegener Sommerbierkeller, der von einer heitern Anhöhe unter großen Linden und Kastanienbäumen die Gegend beherrschte und darum ein gewöhnlicher Zielpunkt für Sonntags-Spaziergänger aller Art war. Dahin strömte das Landvolk der nähern und fernern Umgebung, und auch die Bürger und Honoratioren des Städtchens ließen sich’s nicht verdrießen, die anderthalb Stündchen auf der sonnigen Landstraße dahin zu marschiren. War man doch reichlich entschädigt durch einen Platz auf der offenen schattigen Terrasse, vor einem Kruge des trefflichsten erfrischenden Bieres, bei dessen Genuß sich die weite, nicht reizlose Landschaft doppelt behaglich übersehen ließ.

Heute war der Besuch besonders zahlreich, denn in den meisten der umliegenden Fluren war die Getreideernte beendigt, was jährlich mit einer besondern Lustbarkeit gefeiert wurde. Deshalb waren alle Plätze unter den breiten Kastanien und Linden von munterem Landvolk besetzt, und in der anstoßenden kühlen Fässerhalle ward trotz des rauhen Fußbodens zum Tanze hergerichtet. In einer Ecke waren ein paar Fässer zusammengestellt, von denen herab Baßgeige, Clarinette und Trompete, das unerläßliche Dreiblatt, die muthwilligsten Ländler ertönen ließen. Die Bursche und Mädchen ließen sich auch nicht lange vergebens locken, und bald dröhnte die Halle von dem Schleifen, Stampfen und Jauchzen der Tanzenden wieder.

Draußen vor der Halle waren ebenfalls einige Sitze neben der Einfahrt angebracht. Hier konnte man die ganze vorbeiziehende Straße nach beiden Seiten übersehen und Niemand konnte vorübergehen, ohne von den dort Sitzenden bemerkt zu werden.

Diese waren eine Schaar junger kräftiger Bauernbursche voll des trotzigen und etwas rohen Uebermuths, der die Landleute der dortigen Gegend kennzeichnet. Die halb bäurische, halb städtische Tracht verrieth die vielfache Berührung, in welche sie durch reichen Getreideverkehr mit Stadt und Städtern gekommen; dennoch hatten sie noch etwas von der ursprünglichen ländlichen Einfachheit behalten, das sich in der Liebe zum Gesang und in dem steten, freilich etwas grobkörnigen Witze kund gab. Die meisten trugen hohe, bis an’s Knie reichende Stiefeln, in denen die weiten Lederbeinkleider steckten, dann den schwarzen Sammtspenser mit blanken Silberzwanzigern oder Halbgulden als Knöpfe, und den niedern breitkrempigen Hut, um welchen eine echt goldene Schnur sich mehrfach schlang und in stattlichen Quasten herunter hing.

Die lustige Schaar bestand aus einigen reichen Bauerssöhnen und vier bis fünf Knechten vom Huberhofe, lauter Gesichtern, die sich wohl darum wußten, daß sie auf einem der ersten Güter der Gegend dienten, und von Vielen wegen des großen Lohnes, der dort üblich war, beneidet wurden. Sie hatten die Taschen voll Geld und wußten es wohl zu zeigen, denn der Krug, aus dem Alle gemeinschaftlich tranken, ward so oft in der Runde geleert, daß die Kellnerin fast nicht von dem Tische weg kam und die übermüthig hingeworfenen Münzen nur so herumsprangen. Dazwischen riß der Gesang nicht einen Augenblick ab, der jedoch den Sängern mehr Vergnügen gewähren mochte, als den Hörern, denn die nicht sehr abwechselnden Melodieen wurden von Allen einstimmig und in widerlich hoher Tonlage abgeleiert.

Der Schweigsamste war Hans und ein ganz junges Bürschlein von kaum siebzehn Jahren, das erst vor wenigen Wochen auf dem Huberhofe in Dienst getreten war.

„Nun, was ist Dir über’s Leberl gelaufen, Pauli?“ rief Einer während einer augenblicklichen Pause den jungen Menschen an. „Du schaust ja d’rein, als wenn Dir der Hund das Brod genommen hätt’, und auch der Hans macht ein Gesicht, als wenn er nicht fünfe zählen könnt’!“

„Das kann ich Dir schon sagen,“ lachte ein Zweiter, „sie sind alle zwei verliebt und Jeder lamentirt um sein’ Schatz, der Pauli, weil er ihn nicht kriegen kann, und der Hans, weil er ihn angebracht hat!“

„Du wirst viel wissen von unsere Schätz’, Hies,“ sagte Hans kalt und ein bischen verächtlich. „Ich mein’, Du bist noch nie botenweis’ gegangen für mich!“

„Das braucht’s nicht,“ rief der Andere wieder, „deßwegen hab’ ich doch die Spatzen auf’m Dach pfeifen hören! Kennst Du etwa die Blumhuber-Rosel gar nimmer, weil Du sie hast sitzenlassen? Oder reut’s Dich, weil sie sich heut’ Nacht so tapfer gehalten hat?“

„Was meinst Du damit?“ fragte Hans verwundert. „Ich weiß von nichts.“

„Stell Dich nicht so unschuldig,“ war die Antwort, „man redt ja schon überall davon. Sie ist Unterdirn auf dem Brandlgut, und ist heut Nacht die Einzige gewesen, der die Schelmen nicht Herr geworden sind. Sie hat mit dem rothen Hannickel gerauft, wie ein Mannsbild, und hat sich losgemacht und auf dem Dach das Freßglöckl geläut’t. Der Hütbub hat sich unterm Holz verkrochen gehabt und hat Alles mit ang’schaut!“

Hans ward einen Augenblick roth, als ob ihm Blut in’s Gesicht geschüttet worden; im nächsten aber war er wieder bleich, wie zuvor, und stand ganz ruhig auf. „Ich hab’ davon gehört,“ sagte er, „aber nicht gewußt, daß das die Rosel war … Mich wundert’s aber nicht, sie war alleweil’ eine kreuzbrave Person …“ Damit ging er dem Tanzboden zu und lehnte sich in einen Winkel, mehr um ungestört zu sein, als um den Tanzenden zuzuschauen.

Die Bursche draußen lachten ihm nach. „Es ist schon so, Hies,“ riefen sie, „Du hast schon den rechten Fleck bei ihm getroffen! Wollen sehn, ob Du beim Pauli auch so geschickt bist!“

„Ja, bei dem ist’s schon schwerer,“ spöttelte Hies, „der fallt ganz vom Fleisch; das kommt aber blos daher, weil er mit dem Löffel den Weg in’s Maul nimmer findet, so oft er beim Essen seine schöne Dienstbäuerin ansieht …“

Die Flammenröthe des jungen Menschen verrieth, daß der Spötter auch hier sehr wohl zu zielen verstanden hatte. Zornig sprang er auf, schlug herausfordernd mit der Faust auf den Tisch und rief: „Wer untersteht sich, der Huberin was nachzureden?“

Allgemeines Gelächter scholl ihm entgegen. „Wer redet davon?“ schrieen sie durcheinander. „Wir wissen schon, daß sie von Dir nichts will, aber das wissen wir auch, das Du verschossen bist in die schöne Huberin!“

Der Bursche faßte den zunächst Stehenden am Kragen, dieser griff ihm dagegen an die Kehle, und alle andern Bursche drängten sich im Nu in einen Knäuel um die Streitenden, bereit, für und gegen Partei zu nehmen. Das Haupt-Sonntagsvergnügen, die Rauferei, hätte sofort begonnen, wenn nicht die Bräuerin begütigend in’s Mittel getreten wäre.

(Fortsetzung folgt.)




Blätter und Blüthen.


Schweizerische Schlagfertigkeit. Der Professor St…, welcher vergangenen Sommer im Auftrage der russischen Regierung Deutschland, und unter andern auch die Schweiz bereiste, erzählte mir einen Zug des eidgenössischen Präsidenten im Kanton Bern, den ich seines derben Humors halber hier wiedergebe: Eine schon seit längerer Zeit schwebende Agrarfrage war in einer längeren Sitzung endlich entschieden worden. Es gibt natürlich bei derartigen Sachen stets Zufriedene und Unzufriedene, und unter diesen letzteren befand sich denn auch ein alter wegen seines steten Murrens über die Herren in der Stadt bekannter Bauer, der den Präsidenten, nachdem das Urtheil vorgelesen war, folgendermaßen haranguirte:

„Herr Präsident, Sie mögen zwar ein ganz kluger und gescheidter Mann sein und Ihr Geschäft aus dem Fundament verstehen, aber dessenungeachtet wissen Sie doch von solchen Sachen, die den Ackerbau angehen, verdammt wenig, und können da von einem gewöhnlichen Bauer, wie mir, viel lernen. Sie sitzen in der Stadt an Ihrem Arbeitstisch und wissen den Teufel was auf dem Lande vorgeht, also sollten Sie künftighin solche Sachen uns überlassen, die wir den ganzen Tag hinter dem Pfluge hergehen, und wir werden dann wohl das Richtige zu finden wissen.“

Alles war natürlich über diese derbe Keckheit, selbst im freien Schweizerlande, erstaunt, der Präsident jedoch erhob sich freundlich lächelnd und antwortete:

„Ja lieber Mann, da mögt Ihr wohl Recht haben, ich könnte von Ihm wohl noch viel lernen um immer das Rechte zu finden und zum Beweise dafür habe ich doch schon von Ihm so viel gelernt, daß, wenn ich eines Tages wegen eines großen Maules in Verlegenheit bin, ich doch wenigstens gewiß weiß, wo ich es zu suchen habe.“ Der Präsident hatte natürlich alle Lacher auf seiner Seite, und der alte Bauer ging fluchend und die Herren aus der Stadt zu allen Teufeln wünschend ab.




Wieder ein Fortschritt. Das Meininger Ministerium hat einen Erlaß der Humanität veröffentlicht, den wir dringend zur Nachahmung anempfehlen. „Das Begräbniß der Selbstmörder soll nicht mehr wie ehedem ein unehrliches, aber es soll auch kein prunkendes und Aufsehen erregendes sein. Es können die Selbstmörder auf dem Kirchhofe und in der Reihe beerdigt werden, und ist der Mitgang des Geistlichen wünschenswerth. Da wo Seelenstörung und Unzurechnungsfähigkeit vorliegt, empfiehlt sich eine Grabrede, in anderen Fällen jedoch nur Mahnung und Gebet, bei welchem, eingedenk des Wortes: „Richtet nicht“, alle Härte und Lieblosigkeit zu vermeiden ist.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Daß auch in den schlichtesten Bauten jedes Gebirg seinen eigenen Styl hat, zeigen die Abbildungen der Harzer und Voigtländer Köhlerhütten.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Bartolomé Esteban Murillo, spanischer Maler (1618–1682) (Quelle: Wikipedia)
  2. Hebe, Göttin der Jugend in der griechischen Mythologie (Quelle: Wikipedia)
  3. Vorlage: daven