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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1860
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 4. 1860.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Eine Mahnung an die Deutschen.

Es ist kein gutes Zeichen, daß wir Deutschen uns so oft das Beispiel anderer Völker vorhalten lassen, wenn es gilt, Hebel anzusetzen an eine große Sache. Das alte Lied von Zerrissenheit und Spaltung, die endlose Nibelungenklage unseres Volks, scheint uns aber in den meisten Fällen so wohl zu gefallen, daß wir es bei dem wehmüthigen Gefühl bewenden lassen, welches seine Töne hervorrufen; der Deutsche träumt unter’m Schild so lang, bis ihm der Feind den zerklobt, dann erinnert er sich, daß er ein Schwert an der Seite trägt. Aber ein Wunder ist geschehen in der neuesten Zeit, auf das die ganze Welt staunend die Augen gerichtet; Deutschland hat den Traum auf Minuten aus dem Haupte geschüttelt und ist einig, seit langen Jahren wieder zum ersten Mal einig, auferstanden, um seiner großen Männer Einen zu feiern, wie sich’s gebübrt dem Stolz und der Dankbarkeit eines Volks. Hoffentlich ist die gehobene Stimmung des Festes noch nicht ganz verrauscht; sie sei benutzt zu einem lauten

Aufruf an alle Deutsche,

welchen die Ehre ihres Vaterlandes am Herzen liegt. Möge er Wiederhall finden, so weit die deutsche Zunge klingt!

Blickt nach England! Wenn dort ein Mann dem Dienste der Wissenschaft, der Erforschung des Unbekannten sein Leben weiht, so darf er dies muthig und fröhlich thun, denn er weiß, hinter ihm steht eine ganze Nation, die jeden seiner Schritte zählt. Der heldenmüthige Franklin ist, nachdem er vor Jahren mit seinen Gefährten in den Eiswüsten des Nordpols verschwunden, mit zäher Beharrlichkeit so lange gesucht worden, bis man endlich die ersten Spuren seines Looses entdeckte; aber damit begnügt sich die britische Mannhaftigkeit nicht; sie sagt: Es ist zwar nicht wahrscheinlich, aber möglich, daß noch Mitglieder jener Expedition hülflos unter den Eskimo’s umherirren; dieser Gedanke legt uns die Verpflichtung auf, das Mögliche zu versuchen. Und eine neue Expedition nach den arktischen Meeren wird ausgerüstet; ganz England wird jubeln, die ungeheuren Summen reich erstattet wähnen, wenn sie auch nur den ärmsten, letzten Matrosen des Erebus zurückbringt.

Was England in dieser Hinsicht kann, das können auch wir Deutsche, wenn wir wollen, d. h. einig sind. Einer der besten Söhne unseres Vaterlandes,

der kühne Afrikareisende, ist in dem fast unbekannten Lande Wadai verunglückt, ohne daß es bisher gelungen wäre, über sein Schicksal sichere Nachricht zu erhalten. Wichtige Schätze der Wissenschaft sind mit ihm verloren gegangen. Die englische Regierung, in deren Auftrag er reiste, hat bis jetzt nur auf dem Wege des Notenwechsels mit dem Consul in Tripolis etwas in dieser Sache gethan; ein begeisterter Deutscher, von Neimans, starb plötzlich in Kairo, gerade als er im Begriff stand, den verschollenen Landsmann aufzusuchen, ein zweiter, der junge Roscher, ist auf eigene Faust und nur auf geringe Hülfsmittel angewiesen einem würdigen Impuls zu gleichem Zweck gefolgt, und dringt gegenwärtig in’s Innere des Welttheils der Räthsel ein. Wenn nicht ein unglaubliches Glück ihn begünstigt, so wird er unverrichteter Dinge zurückkehren! Denn dort im Lande der Schwarzen, wie bei uns Weißen und Weisen, vermag Geld und Gut Alles: der nur erhält Schutz, welcher Geschenke bringt; der nur gewinnt Ansehen, der sich mit dem Schein des Reichthums, der Macht zu umgeben versteht.

Wollten alle wackeren Männer und Frauen Deutschlands nur ein kleines Scherflein einer guten Sache widmen, so würde ohne Zweifel das hinreichende Capital zusammenkommen zur Ausrüstung einer Expedition in das Innere Afrika’s, welche die schöne Aufgabe hätte, dem trauernden Vater Eduard Vogel’s, seiner vom Gram um ihn gebeugten Mutter, seinen Geschwistern und Tausenden im weiten Vaterland das Herz zu erleichtern, sichere Kunde zu bringen. Sie würde ferner darnach zu streben haben, seiner Aufzeichnungen, welche auch im schlimmsten Fall gewiß aufbewahrt worden sind, habhaft zu verden und genaue Notizen über seine Erlebnisse zu sammeln; sie würde zugleich dem kühnen Albrecht Roscher entgegenziehen und ihm den Gruß und Dank der Heimath bringen. Was sie selbstständig erforschen würde, wäre neuer Gewinn für die Wissenschaft.

Man rufe nicht: Es ist Englands Sache, das ihn geschickt, dem Verlorenen nachzuforschen! Nein, es ist die Sache eines jeden gebildeten Menschen, in einer solchen Angelegenheit zu thun, was er kann, und doppelt diejenige des Vaterlandes, Söhne, auf die es stolz sein kann, nicht achtlos in der Fremde untergehen zu lassen. Zeigen wir dem stolzen England, daß auch bei uns der Brudersinn, der Gemeingeist, die Nationalehre zu finden sind, die man uns so häufig schon abzustreiten gewagt hat! Ein Verein möge sich bilden, der über ganz Deutschland sich rasch verzweigt, Männer mögen an seine Spitze treten, welche dem Volke werth sind. Fürsten und Staaten werden sich einer solchen Unternehmung gewiß nicht entziehen, und an den geeigneten Persönlichkeiten für die Ausführung selbst wird es am wenigsten fehlen, denn wo noch in der Welt ein unbekannter Raum auf der Karte verzeichnet war, da sind es immer die deutschen Pioniere zuerst gewesen, welche ihn muthig durchforschten.

Möge dieser Aufruf ein Echo finden in allen deutschen Herzen! Aber bald – denn Jahre sind schon in banger Ungewißheit vergangen. Möge, wenn vielleicht im Laufe weniger Monden aus dem Norden gen Süden vom Blitz getragen die Kunde fliegt: Franklin’s Gefährten sind gefunden! – lebend oder todt – vom Süden nach Norden die Gegen-Botschaft erklingen: Eduard Vogel ist gefunden! – lebend – oder todt.




Isolde.
Novelle von Karl Frenzel.
(Schluß.)


Nach einer Pause fuhr Isolde fort: „Meine Tante lebte eingezogen, klösterlich, voll jenes vornehmen Selbstgefühls, das ihr jeden andern Umgang, als den mit ihren Standesgenossen, untersagte; so blieb ich auf meine Leidenschaft beschränkt, in Herzenseinsamkeit und abenteuerlichen Plänen. Und Alles würde vielleicht zerflossen sein, wie Mädchenträume eben zerfließen, wenn ich nicht zufällig während eines Besuches in diesem Schlosse Clemens bei dem Oheim getroffen, nicht zufällig der alte Herr Ihren Namen genannt hätte. Nun rühmte die Tante Ihre Höflichkeit und Zurückhaltung, der Graf Ihre Kenntnisse, Clemens Ihre Freundschaft – das [50] Zimmer hallte von Ihrem Lobe wieder, und da saß ich hochklopfenden Herzens, mit glühenden Wangen, in unsagbarer Seligkeit, den Preis meines Geliebten mit begierigem Ohre einsaugend. Meine Unruhe mußte mich Clemens verrathen haben, er führte mich durch den Garten, er sprach nur von Ihnen, aber er sagte mir auch, daß Sie Adele liebten. Und heute wie damals zerreißt dieser Gedanke mein Herz, ja meine Neigung ist grausam und ausschließlich. Nur müssen Sie Mitleid mit mir haben; wie bin ich dafür bestraft worden, mit eigener Verzweiflung, mit Ihrer Verachtung! An jenem ersten September, wo Sie sich mit Clemens schlugen, lag ich in Fieberphantasien, von den Aerzten aufgegeben, auch ich hatte Ihnen mit dem Blute meines Herzens das Unselige geschrieben.

„Meine Jugendkraft rettete mich, ich genas und erfuhr nun, daß Sie seit Wochen die Stadt verlassen hätten; wohin Sie gegangen, wußte Niemand. Nichts hoffen, nichts begehren, hatte mir der Vater so oft gesagt, das allein macht unser Glück aus. Ich war jetzt in dem Falle, die Wahrheit dieser Lehre an mir selbst zu prüfen: weder vom Leben, noch von dem Geschick erwartete ich fortan ein Zeichen der Gunst. Und gerade damals strömte eine Fülle des Segens auf mich nieder. Der alte Graf Arnheim hatte Gefallen an mir gefunden, er rief mich in’s Schloß, ich wurde die Stütze und Trösterin seines Alters. Willig gehorchte ich seinen Wünschen und schmiegte mich in all seine Launen. Sein Verhältniß zu Clemens ward täglich unsicherer und unleidlicher; während er mit warmer Vorliebe von Ihnen redete, gedachte er seines Neffen mit Abneigung und Haß. Sie haben mir gestern Clemens in einer Glorie gezeigt, die ich nie um ihn gesehen, es ist etwas Heimliches, kalt Berechnendes in ihm, Verstellung und Verstand zugleich, das ihn auf immer von der offenen, aufrichtigen und aufbrausenden Natur seines Oheims trennen mußte. Familienzwistigkeiten mochten hinzukommen, es war im Voraus ersichtlich, daß ihm die große Erbschaft nicht zufallen würde – im Gegentheil, nach dem Tode des Grafen war ich, die arme, bis dahin kaum beachtete Isolde Schönfeld, die Herrin großer Güter, eine der reichsten Frauen des Landes geworden. Wenn nicht schon früher, so haßte mich Clemens von diesem Augenblicke an, es war die nothwendige Folge unserer veränderten Stellung.

„Sie sind wahr zu mir gewesen, Bruno, Sie können das Gleiche von mir verlangen, ich fürchte auch nicht, daß Sie mich darum geringer schätzen. Ich war zwanzig Jahre alt, die unabhängige Herrin meines Vermögens, Vater und Mutter mir gestorben, außer meiner alten Tante und meinen Brüdern, die in fernen Garnisonen standen, ich für mich allein auf der Welt. Die Gesellschaft hatte mich so lange mißhandelt, zurückgesetzt, daß ich ihr nun meinerseits diese Verachtung zurückzuzahlen beschloß. Wären Sie mir damals plötzlich erschienen, wie Ihr Bild allnächtlich durch meine Träume irrte – o, wie viel besser wäre Alles geworden! So rissen mich die Leidenschaften des Stolzes und des Trotzes auf abschüssiger Bahn dahin, ich selbst kam mir vor, wie eine Fürstin, die auf goldenem Wagen durch die Reihen eines jubelnden Volkes fährt. Mein war, was mein Wille begehrte – Sie ausgenommen, Bruno, und dieser Stachel schärfte mein unruhiges Verlangen nach ewig neuem Genuß und berauschender Betäubung. Diese Jahre – ich will sie nicht feige vor Ihnen bereuen und beklagen; der verdiente nicht die Frucht der Hesperiden zu kosten, der sie nachher giftig und verderblich schilt. Eine volle Rose blühte das Leben vor mir auf, sonnendurchleuchtet, duftberauschend … Ach! es war nicht jener zarte, farbige Schmelz der Jugend, es waren nicht die Thautropfen mehr in den Kelchen der Blumen, die ich Ihnen pflückte – und doch, es war eine namenlos herrliche, im Aetherglanz schimmernde Welt!“

Alle Blüthen aus ihren Locken hatte sie zerpflückt, und die bunten Blätter lagen hingestreut auf den Falten ihres weißen Gewandes, nun zog sie es fester an sich und schüttelte die Blätter weithin über den Fußboden, wie herabrieselnde Regentropfen. Und wie sie niederfielen, verlor auch ihr Antlitz den jubelnden, bacchantischen Ausdruck, den es bei ihren letzten Worten angenommen, und wurde wieder ernst und still.

„Nun steh’ ich blüthenlos vor Ihnen, bis auf das heilige, unentweihte Veilchen in meinem Herzen, die erste Liebe. Aber Sie erfuhren es ja auch im Lauf des Lebens – was gilt denn ein Herz? Unter den geringen Waaren ist es die geringste, und gerade das edelste findet keinen Käufer. Das glauben Sie mir wohl, daß ich das meinige Niemand schenken konnte, Niemand, als dem, der es verschmäht hatte. Unter so Vielen, die um mich warben, gehörte Clemens zu den Unermüdlichsten; die Erbschaft, die er verloren, gedachte er so am leichtesten wiederzugewinnen“.

„Nein, nein!“ unterbrach sie Bruno, „er liebt sie wahrhaftig.“

„Dann ist seine Seele voll unergründlicher Tücke. O, vertheidigen Sie ihn nicht; die Briefe, die Sie ihm gegeben, lösen mir jedes Räthsel, auch das seiner Liebe. Ich erschrak oft über seine lauschenden, forschenden Blicke, über die Kenntniß, die er von den verborgensten Seiten meines Wesens hatte; Sie gaben ihm den Schlüssel dazu. Dennoch merkte er bald, daß ich ihm nie meine Hand reichen würde, daß ich Andere ihm vorzöge, und er beschloß, mich zu verderben. Wie ich mein Leben auch gestaltete, er hatte kein Recht, mir einen Vorwurf daraus zu machen, aber erst heimlich, dann lauter verfolgte mich Gerücht auf Gerücht. Die vornehme Gesellschaft haßte mich, weil ich ihr trotzte und mich hochmüthig außerhalb ihrer Formen gestellt. Nur rächen sich diese verachteten Formen und zwingen uns zuletzt doch, mit gebrochener Kraft, wieder unter ihr eisernes Joch. Es hieß, man wolle mir einen Spiegel der Tugend vorhalten, in dem ich erschreckend mein häßliches Bild erblicken würde. Tugend – wer riefe nicht ihren Namen an? Schade, daß Jeder eine andere Göttin darunter versteht! Dem, was die Welt so nannte, mochte ich oft zuwidergehandelt haben, ich mußte nun meine Strafe leiden. Wahrheit und Lüge mischte sich wunderlich in den Beschuldigungen zusammen, die mich trafen und die alle ihren Ursprung zuletzt in Clemens’ Aeußerungen über mich fanden. Was ich Ihnen in der Ueberschwänglichkeit der Leidenschaft geschrieben, ich glaub’ es jetzt nur zu gewiß, diente ihm vor Andern meine Verworfenheit zu beweisen; die heiligsten Ergießungen meines Herzens nannte die Menge Frevel. Ja, Bruno, das Mädchen, das Sie liebte, hieß eine verworfene Frau. – Ich bin nicht dazu geschaffen, mich zu vertheidigen, ich hielt den Sturm eine Weile muthig aus, zuletzt kränkte, verletzte mich Alles, ich verließ die Stadt und lebe nun schon seit einem Jahre abgeschieden auf diesem Landgute. In der Einsamkeit erwachten die alten Erinnerungen wieder, das Angedenken an Sie – es war ein stiller Hafen, in den der Schiffer nach gewaltigem Unwetter flüchtet. Wieder hatte die Lehre des Vaters, die Philosophie der Entsagung gesiegt. Freilich waren Sie mir verloren, kaum ein und ein anderes Mal hatte das Gerücht Ihren Namen zu mir getragen. Lebten Sie noch? Aber so sind wir, ich hoffte dennoch auf ein Wunder des Schicksals zu meinen Gunsten, daß wir uns noch einmal begegnen würden.

„Im Winter dieses Jahres starb meine Tante. Bei ihrem Begräbniß erschien Clemens nach langer Abwesenheit wieder in meinem Hause. Er sah bleich, krank aus und war von inneren und äußeren Schmerzen geplagt. Wenn er mit mir sprach, schlug er das Auge nicht auf, sein ganzes Wesen drückte Zerknirschung aus. Habe ich ihn doch mit Unrecht beschuldigt? fragte ich mich unwillkürlich. Er bat mich um eine Unterredung, ich bewilligte sie ihm. Von allen Vorwürfen, die ihm mein Herz im Stillen gemacht, nahm er selbst nicht einen zurück, er erkannte sich als schuldig, als unwerth meiner Huld und Freundschaft an, aber er liebe mich, so oder so hätte er mich gewinnen wollen. Ich saß wie betäubt vor ihm; war Alles, was er sagte, Blendwerk und Spiel, konnte die Leidenschaft zu solcher Verirrung führen? Nichts in seinem Benehmen, seinem Ton zeigte von Verstellung, von überlegter List – dennoch überzeugte er mich nicht; zu tiefe Wurzeln hatte die Abneigung gegen ihn in meiner Brust geschlagen, er mich zu tief beleidigt, als daß seine augenblickliche Reue mich versöhnt hätte. Indeß, er war jetzt der einzige Verwandte, der in meiner Nähe weilte, sein offenes Geständniß raubte mir den Vorwand, ihm noch ferner mein Haus und meine Gegenwart zu versagen. Er kam öfters zu mir heraus, immer gleich zurückhaltend, ergeben, nie herrisch und hochmüthig, wie er mir sonst entgegengetreten; er fühle wohl, sagte er mir, daß er nur ein geduldeter Besuch im Schlosse wäre und keine größere Gunst verlangen könne; ich dagegen versicherte ihm, wenn er bei dieser Gesinnung bliebe, würde er mir stets willkommen sein. So selten indeß seine Besuche auch waren, so kurz sie dauerten, fielen sie doch auf; eine Frau, mit deren Ruf man einmal leichtsinnig gespielt hat, ist allen Verleumdungen ausgesetzt. Hatte Clemens darauf einen neuen Plan gebaut, mich zu gewinnen? Als ich darüber mit ihm redete, entfärbte er sich. „Sie werden meinen Versicherungen nicht glauben, Cousine, daß ich an alledem unschuldig bin, und doch schwöre ich es Ihnen zu. Uebrigens gibt es zwei [51] einfache Mittel, Sie aus dieser Verlegenheit zu befreien: eins, daß Sie mir Ihre Hand reichen, erwartet die Welt, aber Sie werden sich hüten, es anzuwenden; das andere kann ich noch heute erfüllen, ich reise und sterbe fern von Ihnen.“

„Ich zuckte mit der Schulter – „Sterben!“

„Sie zweifeln auch daran?“ Und er neigte ein wenig den Kopf. „Ich muß es ertragen; ist Ihnen ja meine Liebe selber nur eine Speculation auf Ihren Reichthum … in einem Monat werden Sie anders von mir denken, damit adieu, schöne Cousine!“

„Wie er mir darauf mit einem unaussprechlich rührenden Blick die Hand reichte, ergriff mich selbst ein heftigen Zittern.

„Sie sind ein Thor, Clemens,“ sagte ich, mich zu einem Scherz zwingend, „dies wird nicht unser letztes Lebewohl vor Ihrer großen Reise sein, ich sehe Sie noch, ehe Sie zu den Schatten hinabsteigen.“

„Er lächelte nur und ging. Mein Herz ward schwer, wie von dem Gewicht einer unermeßlichen Schuld. Du jagst ihn in den Tod! klang es beständig um mich her. Sobald ich nicht mehr den Ton seiner Stimme vernahm, milderte sich meine Abneigung gegen ihn, erschien er mir nur als ein Unglücklicher, als ein Mann, der mich liebte und dem ich viel, beinahe Alles geraubt. Was man fürchtet, daran stirbt man, ist ein altes Wort. Mir erging es ähnlich mit Clemens. Eine schreckenvolle Unruhe peinigte mich den ganzen nächsten Tag, die wildesten Phantasien stürmten durch meinen Kopf, tausend Schattenbilder verfolgten mich … ich dachte an Sie, an ihn, ich hatte Sie Beide in’s Verderben gestürzt. Spät Abends, ich hatte eben meinem Mädchen gerufen, mich zu entkleiden, fuhr ein Reisewagen vor das Schloß – Clemens ließ sich anmelden. Ich war wahnsinnig, daß ich ihn nicht zurückwies.

„So kam er zu mir; ich hatte mich fröstelnd in einen großen rothen Shawl gehüllt und lag zum erstenmal im Leben furchtsam wie ein Kind in die Ecke des Sopha’s gedrückt. „Also doch, Clemens,“ sagte ich zu ihm, „Sie wollen fort?“

„Ich muß, Cousine, wenn ich hier stürbe und es hieße, die Verzweiflung hätte mich getödtet, würden Sie mich noch im Tode hassen.“

„Dies schien mir die Komödie doch zu weit gespielt,ich raffte mich auf: „Die Welt ist weit, ich hindere Sie nicht, sich den schönsten Ort zum Sterben auszuwählen, nur möchte ich dafür eine schlechte Rathgeberin sein.“

„Lassen Sie nur,“ sagte er ruhig, „die Sorge ist mein. Ich bin auch nicht deshalb gekommen, ich will Sie bitten, mir einen Liebesdienst zu erweisen, im Fall sich meine Reise verlängern sollte. Es ist möglich, daß mein Freund Bruno Berghaupt“ – ein Schrei entfuhr mir, ich hing an seinen Lippen – „vor mir heimkehrt, ich möchte nicht, daß die Briefe, die er mir geschrieben, in fremde Hände fielen; er selbst, wenn er noch lebt, wird sie aus keiner andern lieber empfangen, als aus der Ihrigen.“

„Damit legte er ein versiegeltes Packet in meine ausgestreckte, zitternde Hand. „Wenn er noch lebt?“ fragte ich tonlos, ganz gebrochen.

„Ich vernahm so lange nichts von ihm; vielleicht sind Sie glücklicher, Cousine.“

„Ich – und Herr Bruno –“

„Ja, Sie und er! Soll ich denn den Schleier von Ihrem Herzen reißen und Ihnen sagen, daß Sie ihn geliebt haben und noch lieben, daß nur er mich von Ihnen drängt?“

„Ich sank auf die Kniee nieder, ich verbarg meinen Kopf in den Falten des Tuches, dieses Wort durchbohrte mich wie ein Dolch. „Er weiß es, er weiß es!“ schluchzte ich. Meines Lebens Geheimniß auf der Zunge meines Feindes – und nun mußte er auch wissen, daß ich mich umsonst in Liebesqualen verzehrt, daß ich verschmäht worden!

„Er wollte mich aufrichten, ich wehrte ihn trotzig ab.

„Leben Sie denn wohl, Cousine; das Theuerste, was ich besitze, mag Sie mir versöhnen – sein Bild!“

„Ich hörte, wie er ein Medaillon auf den Tisch niederlegte, einer Rasenden gleich sprang ich auf. – „Sein Bild!“ und mit zorniger Hand warf ich es vom Tisch und zertrat es auf den Boden stampfend. Ohnmächtig wäre ich niedergestürzt, hätte er mich nicht in seinen Armen gehalten – und nun rief das Geräusch, der Sturz einer Blumenvase, die ich niederriß, meine Frauen herbei – sie fanden mich an seiner Brust. Während sie um mich beschäftigt waren, wollte er gehen, ich faßte krampfhaft seinen Arm, meine Lippen bebten so vor Zorn wie im Schmerz: „Sie werden nicht reisen, Clemens, ich bin Ihre Verlobte!“

„Er starrte mich an, als hätte eine Irrsinnige zu ihm gesprochen … das war mein Verlobungsfest.

„Am andern Morgen freilich, als meine Besinnung mir wiedergekehrt, ahnte ich schon, daß Clemens ein heimtückisches Spiel mit mir getrieben, aber ich haßte Sie, der mich verschmäht, ich war in seiner Gewalt und mußte den Becher des Schmerzes bis zur Neige leeren. Da sind Sie gekommen, und Ihr Anblick –“

Sie vollendete nicht – ein tiefes Schweigen, und doch so beredt, so wonnereich, so voll Hoffnungen und süßer Gedanken, die von Auge zu Auge irrten, umgab sie.

„Und ich will Sie schützen, Fräulein Isolde,“ sagte endlich sich ermannend Bruno. „Mein Vergehen hat ja Alles verschuldet.“

„Ich brauche schon keines Schutzes mehr,“ entgegnete sie stolz, „ich bin frei. Diese Beichte war ich Ihnen schuldig, nun ist’s vorbei!“

„Vorüber – und –“ Ihre Kälte reizte ihn.

„Keine Amazone soll Ihre Liebe als Siegesbeute davontragen, keine,“ sagte sie mit dem schneidenden Ton, der ihn schon einmal verletzt.

Dies entschied ihn; noch einige kühle Aeußerungen hinüber und herüber, er brach auf. Sie hatte ihn nicht gebeten, wiederzukommen, nicht einmal eine Frage nach seinem ferneren Verweilen gethan. Erst als er die Thüre öffnen wollte, überwältigte sie die Leidenschaft, sie breitete die Arme nach ihm aus: „Bruno! Bruno!“ Nun umschloß er sie einen flüchtigen Augenblick, sein Kuß loderte wie eine Flamme auf ihren Lippen – dann war er hinausgeeilt.

Ein feiner, naßkalter Regen hüllte die Landschaft in seine nebligen, grauen Schleier und schlug ihm in das glühende Antlitz, gegen die brennende Stirn, ohne sie zu kühlen. Mit dem Sturm, der sich erhoben hatte und die Zweige der Bäume schüttelte, hätte er davonfliehen mögen, aber mit jedem Schritte kam er nur vorwärts, dem Hause näher, in dem er Clemens noch anzutreffen fürchtete. Nicht mit jenem Leichtsinn und der zornigen Erregbarkeit der Jugend konnte er wieder wie vor Jahren ihn zum blutigen und diesmal entscheidenden Kampfe fordern – und doch, gab es denn einen andern Ausweg ihres Streites? Was auch geschehen, etwas, war es die alte Freundschaft, war es das Bewußtsein, daß er selbst zuerst den Stein in Bewegung gesetzt, der sie jetzt zu zerschmettern drohte, sprach in ihm für Clemens und entschuldigte ihn. Er allein hatte mit seinen Reden, mit ihren Briefen die Leidenschaft des Freundes für Isolde entflammt …

Ruhe suchend und nicht findend, irrte er im Baumgang auf und ab. Verstört, den Hut tief in das Gesicht gedrückt, die Hände geballt, trat er endlich in die Gaststube – sie war gedrängt voll Menschen, Alles in wildester Bewegung …

Ihm wich Jeder aus, ihm machte man den Weg zum Tische frei.

Düsterbrennende Lampen warfen einen fahlen Schein darüber hin; in seinen eigenen schwarzen Mantel gehüllt, lag dort blutend, staubbedeckt die Leiche des Grafen –

Ein entsetzlicher Schrei! … „Clemens! Mein armer Clemens!“ So laut weinend stürzte Bruno über den Leblosen hin.




4.

Zwei Monate waren vergangen. Bruno Berghaupt saß des Mordes angeklagt im Gefängniß.

An jenem verhängnißvollen Abend hatte man im Dorfe zwischen acht und neun Uhr deutlich einen Pistolenschuß aus der Schlucht gehört, und der Diener des Grafen war sogleich mit mehreren Bauern hinabgeeilt. Die Ahnung eines traurigen Ereignisses, die ihn den Tag über geängstigt, hatte sich erfüllt. Am Fuße der Höhe, auf der er zum letzten Mal mit Bruno geredet, fanden sie ihn mit zerschmettertem Haupt, er schien lautlos, im Augenblick gestorben zu sein. Die eine Pistole mußte er in der Hand gehalten und abgefeuert haben, sie lag oben auf der Anhöhe im Gestrüpp, die andere steckte noch in der Brusttasche seines Rocks.

Wie war er gestorben?

Niemand vermochte darauf eine bestimmte Antwort zu geben, aber Bruno’s Mantel, der zerrissen in den Dornen hing, die Tritte, die sich vom Abhang noch deutlich eine Strecke am Ufer des Baches fortzogen und sich zuletzt auf dem steinigen Boden verloren, lenkten den Verdacht der dunklen That auf ihn. Allen im Dorfe, dem Diener zumeist, war sein Wesen fremdartig, zweideutig vorgekommen, Alle hatten die zornigen Blicke gesehen, mit denen er und der Graf sich maßen, als sie durch das Dorf gingen. Der Graf kehrte allein [52] wieder, um seine Pistolen zu holen, es schien sich also um einen Zweikampf in der Schlucht zu handeln. Was darauf zwischen den beiden Männern vorgefallen, wußte nur Gott und der Schuldige – es zu finden war Sache der irdischen Gerechtigkeit.

Noch in derselben Nacht wurde Bruno nach der Hauptstadt geführt, erfuhr Isolde, daß er den Grafen Arnheim, vielleicht im Ringkampf, vom Felsen gestürzt habe.

Anfangs schien der Instructionsrichter im Innersten von Bruno’s Unschuld überzeugt; allein wie es keinen rechten Beweis für seine Schuld, so gab es auch keinen, der unwiderleglich seine Unschuld darthat. Denn Bruno verschwieg, so oft er auch über die Ereignisse des Abends befragt wurde, hartnäckig seine Anwesenheit im Schlosse – es war eben die Stunde, in der Clemens gestorben.

Er blieb bei seiner ersten Aussage, daß er sich in der achten Stunde auf der Höhe von dem Grafen, freilich, wie er zugestehen müsse, nach einem heftigen Wortwechsel getrennt und ihn dann erst in der Nacht zum eigenen Entsetzen als Leiche wiedergesehen hätte, seinen Mantel habe er im Niedersteigen verloren und des Verlustes nicht weiter geachtet. Was er in der Zwischenzeit begonnen, darüber verweigerte er jede Auskunft, der Gräfin erwähnte er niemals. Er war in dem Bewußtsein seiner Unschuld so sicher, daß er, auch ohne sein Geheimniß zu verrathen, an seine Freisprechung glaubte.

Sein Zartgefühl und sein Edelmuth sträubte sich dagegen, Isolde in dieser traurigen und ihr zwiefach schmerzlichen Verwickelung – wo der Todte ihr Bräutigam und der Angeklagte ihr Geliebter war – als Zeugin aufzurufen, ja nur überhaupt ihren Namen damit in Verbindung zu bringen. Noch mehr würde er in diesem Vorsatz bestärkt worden sein, wenn er gehört hätte, wie in der Gesellschaft diese Geschichte besprochen und gedeutet wurde.

Allein er irrte sich in dem stolzen und muthigen Charakter Isoldens.

Im ersten Schrecken, als das Gerücht des Geschehenen in entstellten Zügen zu ihr drang, hatte sie nicht an der Möglichkeit einer leidenschaftlichen That Bruno’s gezweifelt – nicht ein Mord des Grafen, aber wohl ein Kampf beider Männer konnte stattgefunden haben, in dem Clemens unterlegen war. Später nahm dann Alles seine wahren Formen an: – während Bruno bei ihr weilte, verunglückte der Graf auf dem unsicheren, durch den Regen noch schlüpfriger gewordenen Pfad. Die Frage freilich, was er um diese späte Abendstunde in der einsamen Schlucht gewollt, wohin er eilte, gegen wen seine Waffen bestimmt waren, bedeckte nun auf ewig der Deckel des Sarges in der Todtengruft des Schlosses. Diese letzten Dinge hatten Clemens’ Gedanken an seinem letzten Tage beschäftigt. In der Frühe, gerade als er zu Pferd steigen wollte, hatte er noch hastig auf ein Blättchen, das man jetzt Isolden brachte, geschrieben: „Wenn ich sterben sollte, vieltheure Cousine, lassen Sie mich in Ihrer Schloßcapelle neben dem Oheim bestatten – das ist meine letzte Bitte und zugleich eine große Bitte um Vergebung für Alles, was ich, von dem Drang des Irdischen verwirrt und hingerissen, Sie leiden ließ!“

Der Entschluß Isoldens konnte nicht zweifelhaft sein. Bruno’s Schweigen befremdete sie nicht, sie hatte nichts Anderes von ihm erwartet, es lag ihr nun selbst ob, seine Unschuld zu vertheidigen. Doch war es kein freudiges Gefühl, das Bruno mächtig erschütterte und seine ruhige Haltung brach, als er am Gerichtstage die Gräfin Schönfeld als Zeugin aufrufen hörte. Tief schwarz gekleidet, das Auge am Boden, näherte sie sich der Schranke. Erst allmählich erhob sie es und richtete es unverwandt auf den Vorsitzenden des Gerichts, ihn sah sie mit keinem Blicke an; dann ward auch ihre Stimme, die bei den ersten Fragen leise und kaum den Richtern vernehmlich geantwortet, fester und bestimmter. Sie erzählte, daß ein Zufall sie mit Bruno am ersten September zusammengeführt, daß sie ihn für den nächsten Abend um seinen Besuch im Schlosse gebeten habe; er sei nach sieben Uhr gekommen und habe bis über die neunte Stunde hinaus mit ihr geredet und sie erst verlassen, als nach den einstimmigen Aussagen der Bauern die Leiche ihres Verlobten schon von dem Orte seines Unglücks in das Dorf zurückgebracht worden sei. So viel sie von den Verhältnissen beider Männer wisse, wäre die Freundschaft, die sie einst verbunden, trotz manchen Zwiespalts in ihnen zu mächtig gewesen, um solche Thaten ihnen zu gestatten, deren man jetzt Bruno beschuldige. Mit zitternder Bewegung, aber doch voll hohen und ruhigen Ernstes legte sie für ihre Aussage den Eid ab – den dichten Schleier ihres Hutes über das Gesicht gezogen verließ sie den Saal. Auf der Schwelle hörte sie den Vorsitzenden an den Angeklagten die Worte richten, ob er die Aussage der Zeugin bestreite, hörte noch Bruno mit zerknirschtem Ton antworten: „Nein!“

Eine Stunde darauf war Bruno Berghaupt einstimmig von der Anklage freigesprochen und entlassen. War er glücklich?

Ach! viel zu schwer und drückend fand er das Opfer, das sie ihm gebracht. Wie man auch ihre Erklärung betrachten, wie günstig man sie auslegen mochte, sie hatte ihm ihren Ruf geopfert. Nun bist Du ihr doch auf ewig verpflichtet und kannst nicht los von ihr, sagte er sich. Was willst Du ihr zum Ersatz bieten? Was besitzest Du denn? Nichts! Fortan wird sogar Deine Liebe unter dem Zwange der Pflicht und der Dankbarkeit stehen.

Die Stadt hatte sie schon verlassen; sollte er sie im Schlosse aufsuchen? So sehr sich sein Herz auch dagegen sträubte, er durfte nicht ohne Dank und Abschied von hinnen gehen. Es war der bitterste Gang seines Lebens. Obgleich er wünschte, daß sie in der ruhigen Gemüthsstimmung wäre, nach der er noch vergeblich rang, überraschte ihn doch ihr Empfang: diese Ruhe, dies Gefaßtsein erschien ihm fast wie Kühle und Kälte. Er stammelte einige Worte des Dankes, er beklagte das traurige Ende des Freundes, suchte noch einmal nach Ausdrücken, ihr seine Empfindungen der Verehrung und Freundschaft für sie zu schildern – zuletzt stockte er ganz. Seine tiefe Bewegung klang auch in ihr nach, und der Ernst ihrer Stirn verklärte sich wieder zu jener lieblichen, sinnigen Schwermuth, die ihn am ersten Abend ihres Zusammentreffens so wunderbar gerührt.

„Ach! Herr Bruno,“ sagte sie, „ich lese in Ihrer Seele. Da steht wohl viel Schönes und Gutes für mich, aber daneben auch das Bild der Furie, und nie wird es sich von seinem Platz verdrängen lassen. Sie werden immer sagen: sie liebte mich, aber diese Liebe entriß mir den theuersten Freund und wollte mich demüthigen. Ja, in diesem Augenblick sogar fühlt sich Ihr Stolz gekränkt, Sie ertragen es unwillig, daß ich Sie dennoch erobert habe! Vergeben Sie mir, Bruno, daß ich Sie wider Ihren Willen befreite – und so befreite; ich löse Sie nun auch von mir.“

„Das werden Sie nicht, Fräulein Isolde; die seelische Verbindung zwischen uns besteht, wie weit wir auch sonst von einander getrennt sein mögen. Es ist ein eitler Hochmuth, aber ich behaupte es doch, Sie werden mich nicht ganz vergessen – und ich –“

„Und Sie, Herr Bruno?“

„Und ich? Wie fragen Sie so grausam und wissen doch, was widerstreitend in Lust und Qual mein Herz zerreißt – ich liebe Sie, Isolde!“

„Bruno!“

„Jetzt, wo Sie mich frei geben und mich aus dem Bann Ihres Willens lassen, empfinde ich erst meine ganze Gebundenheit. O, verschmähen Sie den nicht, der sich erst so spät Ihrem Zauber fügt; er wagt kaum einen Anspruch auf Ihre Gunst zu erheben, er hat sie zu schmählich verscherzt. Das ist ein schweres Geständniß, weil es meinen Stolz bricht und besiegt zu Ihren Füßen wirft, weil es den Schatten des Freundes wider mich heraufbeschwört und doch nicht mit einem Liebeskuß, sondern nur mit dem Schmerz der Entsagung und des Abschieds schließen wird.“

Bisher hatte sie unbeweglich, fast wie eine Statue vor ihm gestanden. „Uns trennen?“ rief sie jetzt aus, flammende Gluth im Antlitz, und erhob ihre Arme gen Himmel. „Da, wo Du mich liebst? Nur Eins scheidet uns fortan noch – der Tod!“

Weinend, schluchzend lag sie an seiner Brust.

Was sie ihm so fremd und unheimlich gemacht hatte, ihr Trotz, ihre Eigensucht, schien in dem feuchten und zärtlichen Glanz ihrer Augen versunken zu sein, die ihn mit bezwingender und doch sanfter Gewalt anschauten. Schimmerte doch eine Thräne an seinen Wimpern, um den Freund, um die Vergangenheit! – ihre Hand wischte sie fort. Ist denn das Glück auf Erden je ohne Schmerzen zu erkaufen? Hinausfahrend auf das offene Meer nach den Inseln der Seligen, sind wir zufrieden, nach den Stürmen in der engsten Bucht Sicherheit zu finden.

Anders urtheilte die Welt; als die Gräfin Schönfeld nach einem Jahre von längerer Reise als Bruno’s Gattin heimkehrte, hieß es überall: „Was konnte sie Anderes thun?“



 

[53]
Die Gartenlaube (1860) b 053.jpg

Des Künstlers erster Kranz.

In dem nahe bei Gotha gelegenen Dörfchen Siebeleben pflegte sich bei schönem Wetter eine Gesellschaft von Künstlern zu versammeln, um unter den schattigen Bäumen des Parkes die Aussicht auf den Thüringerwald zu genießen und die Stunden durch heitere und ernste Gespräche zu kürzen. An ihrer Spitze stand der würdige Veteran und Mitdirector des Gothaer Hoftheaters, Herr Konrad Eckhof, der Vater des deutschen Schauspiels, der durch sein Genie und sein unablässiges Bemühn, wie durch strenge Sittlichkeit die versunkene Bühne zu einer nie geahnten Höhe gehoben und eine neue Aera für das deutsche Theater herbeigeführt hatte. Um den alten Meister schaarten sich seine strebsamen Jünger, der gewissenhafte Iffland, der geniale, schwermüthige Beil, der liebenswürdige Beck und noch manche frische Kraft, den Worten eines solchen Lehrers lauschend. Sein Lob war ihr höchster Triumph; doch selbst sein Tadel verletzte nicht, weil er wie ein Vater nur das Beste seiner Kinder wollte, wie er die ihm treu ergebene Schaar zu nennen pflegte. –

Alle Anwesenden waren von derselben Liebe zur Kunst beseelt; sie bildete den Mittelpunkt ihrer Unterhaltung. Hier wurden bei einem Glase Bier oder, wenn es hoch kam, bei einer dampfenden Punschbowle die Leistungen der einzelnen Mitglieder einer gründlichen und stets gerechten Kritik unterworfen, die Schönheiten der Dichtung hervorgehoben und über die Auffassung der verschiedenen Charaktere hin und her gestritten. Der alte Eckhof sorgte dafür, daß die Debatte nie zu heftig wurde, und dämpfte durch die Würde und Erfahrung des Alters die Hitze und den Ungestüm der feurigen Jugend.

Es war eine schöne Zeit für sämmtliche Betheiligte, unvergeßliche Abende voll Erhebung und Begeisterung.

So saßen die Freunde wieder eines Tages versammelt, auf ihren Gesichtern lagerte ein feierlicher Ernst. Der würdige Meister hielt in seinen Händen einen frischen Lorbeerkranz, womit er nach einstimmigem Beschlusse das Haupt des bescheidenen Beck für sein ausgezeichnetes Spiel bei der gestrigen Aufführung der „Emilia Galotti“ zu krönen gedachte.

„Nimm,“ sagte der greise Eckhof, „den wohlverdienten Kranz, den Dir Deine Kunstgenossen zuerkennen. Hätte Dich mein unsterblicher Freund, der große Lessing, in der Rolle des „Prinzen“ gesehen, so würde er Dich wie wir bewundert haben. Leider fehlt mir seine Wundergabe, meine Gedanken in Worte zu kleiden, meinen Empfindungen den richtigen Ausdruck zu verleihen. Darum mußt Du Dich mit diesem Zeichen unserer Anerkennung begnügen. Ich schmücke damit Deine jugendliche Stirn und rufe laut: Es lebe unser Beck!“

„Es lebe unser Beck!“ wiederholte mit neidloser Begeisterung der Künstlerchor.

Als aber Eckhof dem überraschten Jüngling den Kranz auf das Haupt setzen wollte, wehrte dieser mit Entschiedenheit, ja mit Heftigkeit die ihm zugedachte Ehre ab.

„Fort mit dem Kranze!“ rief er entsetzt. „Ich kann ihn nicht sehen!“

Seine Wangen waren bleich, seine Stimme zitterte, so daß Eckhof und die Freunde ihn erschrocken anstarrten.

„Was fehlt Dir?“ fragte nach einer Pause der würdige Meister. „Warum verschmähst Du den Lorbeer, welchen Dir Deine Collegen durch mich überreichen? Dies Uebermaß von Bescheidenheit ist, wie mir scheint, hier nicht angebracht. Du beleidigst uns, indem Du unsere wohlgemeinte Anerkennung zurückweisest.“

[54] Von Neuem näherte sich Eckhof mit dem Kranze, und wieder stieß der junge Schauspieler mit allen Zeichen der höchsten Aufregung die verehrte Hand des Veteranen zurück.

„Ich kann nicht anders,“ stammelte er bebend. „Verzeiht mir, aber den Anblick des Lorbeerkranzes ertrag’ ich nicht. Er regt alle Leiden und Schmerzen auf, die in meiner Seele schlummern!“

Beck war auf die nahe stehende Bank hingesunken und bedeckte mit beiden Händen das Gesicht, um seine hervorströmenden Thränen zu verbergen.

„Wir wollen Dir gewiß nicht weh’ thun,“ beschwichtigte Eckhof, indem er sanft zusprechend seine Hand auf die Schultern des Weinenden legte. „Wie es scheint, hat der wohlgemeinte Kranz alte Erinnerungen in Deiner Brust geweckt.“

„So ist es,“ entgegnete der Jüngling, nachdem er mühsam sich wieder gefaßt hatte. „Ich bin Euch eine Erklärung meines seltsamen Benehmens schuldig. Ihr müßt mich für einen eingebildeten Thoren halten.“

„Das nicht, aber ich ahne einen tiefen Kummer. Hat doch jeder Mensch einen geheimnißvollen, wunden Fleck in seinem Herzen, den selbst die Hand des Freundes nicht berühren darf. Wir wollen Dein Geheimniß ehren und uns nicht in Dein Vertrauen drängen.“

„Nicht doch! Ich darf ohne Erröthen Euch erzählen, warum der Anblick des Lorbeer’s mich mit Entsetzen erfüllt hat. Ich habe die Erinnerung der Vergangenheit nicht zu scheuen, so traurig sie auch für mich ist. Wollt Ihr die Geschichte von dem „ersten Kranz des Künstlers“ hören?“

„Gewiß!“ entgegnete Eckhof. „Wenn Dich die Erzählung nicht von Neuem aufregt.“

Die Anwesenden lagerten sich im Kreise voll Erwartung, während Beck mit noch bewegter Stimme die nach seiner Meinung ihnen schuldige Aufklärung gab.

„Ich bin,“ begann er, „wie Ihr Alle wißt, von armen, aber redlichen Eltern geboren, die selber darbten, um mir eine angemessene Erziehung zu geben. Besonders hätte es der Vater gern gesehen, wenn ich studirt hätte und Geistlicher geworden wäre. Mich aber zog es mit unwiderstehlicher Gewalt zu der bunten Welt des Theaters. Mehr oder minder kennt Ihr Alle, meine Freunde, jene Kämpfe mit dem Vorurtheil, die jeder angehende Schauspieler zu bestehen hat. Gilt doch noch immer unser Stand selbst in den Augen der Gebildeten gewissermaßen für minder ehrenvoll, als jeder andere, obgleich die Schriften eines Lessing, der Schutz des hochherzigen Dalberg und das Beispiel unseres Eckhof in dieser Beziehung Wunder gewirkt haben.

„So lange mein Vater lebte, durfte ich nicht daran denken, meiner Neigung zu folgen; erst nach seinem Tode trat ich mit meinem Wunsch hervor. Wie groß die Liebe meiner armen Mutter gewesen, könnt ihr daran abmessen, daß sie mir keinen ernstlichen Widerstand entgegensetzte, obgleich auch sie meine Wahl nicht billigte und im Stillen darüber seufzte. Sie unterstützte mich nach ihren Kräften und trennte sich nicht von mir.

„Es ging uns Beiden im Anfange herzlich schlecht, meine Gage betrug nicht mehr als drei Gulden wöchentlich, und auch diese wurden nicht immer regelmäßig gezahlt. Dennoch litt ich keine Noth; denn sie arbeitete bis in die späte Mitternacht, nähte und stickte für fremde Leute, sodaß ihre ohnehin schwachen Augen fast zu erblinden drohten.

„Aus Liebe für mich legte sie sich die größten Entbehrungen auf; wir bewohnten ein kleines Dachstübchen, das sie so reinlich hielt, daß es wie ein zierliches Schmuckkästchen aussah. Das einfache, von ihrer Hand bereitete Mahl schmeckte mir besser als die theuersten Leckerbissen, und immer wußte sie es so einzurichten, daß ich ein Leibgericht fand. So viel Zärtlichkeit und Aufopferung spornte mich zum höchsten Fleiße an; ich hatte nur den einen Wunsch, ein großer Künstler zu werden und einst ihre Liebe zu vergelten. Ich betete sie wie eine Heilige an, und kein anderes Weib auf Erden schien mir werth, meiner Mutter die Schuhriemen aufzulösen.

„Ich machte in der That mächtige Fortschritte, mit jeder neuen Rolle gewann ich mehr und mehr die Gunst des Publicums und die Anerkennung der Gebildeten. Wie freute ich mich auf den ersten Lorbeerkranz, nicht aus Eitelkeit und Stolz, sondern um ihn meiner Mutter zu Füßen zu legen!

„Bisher hatte ich sie nie dazu bringen können, das Theater zu besuchen. Ich weiß nicht, ob sie aus religiösem Vorurtheil, oder vielleicht aus Scheu vor der allzugroßen Aufregung sich fortwährend weigerte, mich auf der Bühne zu sehen. Vergebens suchte ich sie dazu zu überreden, sie wies meine Bitte sanft aber entschieden zurück, sodaß ich nicht weiter in sie drang, obgleich es mich schmerzte, daß sie nie Zeugin des Beifalls war, der mir jetzt öfter zu Theil wurde.

„Da wurde zum ersten Male Lessing’s „Emilia Galotti“ gegeben, worin ich die Rolle des „Prinzen“ spielen sollte. Ihr wißt, welches Aufsehen dieses Meisterwerk des unsterblichen Dichters machte; ein ähnlichen Drama hatte die deutsche Bühne noch nicht aufzuweisen; es war der erste Lichtstrahl nach einer langen, finstern Nacht.

„Ich war von der feinen und doch so gediegenen Charakterzeichnung, von der geistreichen, edlen Sprache, von der dramatischen Gewalt der Dichtung so begeistert, daß ich meine ganze Kraft anstrengte, um meine Aufgabe würdig zu lösen. Ich vertiefte mich in meine Rolle und dachte bei Tag und Nacht nur daran, das Höchste in ihr zu leisten.

„Diesmal,“ sagte ich zu meiner Mutter mit jener inneren Gewißheit, die uns zuweilen überkommt, „diesmal bringe ich Dir einen Kranz nach Hause. Ich fühle, daß ich den Prinzen mit großem Beifalle spielen werde. Wie schade, daß Du mich nicht sehen, meinen Triumph nicht theilen willst!“

„Sie sah mich verwundert, aber mit liebevollen Blicken an und schien mit sich selbst zu kämpfen, aber zuletzt schüttelte sie, wie gewöhnlich, lächelnd mit dem Kopfe; worauf ich nicht weiter in sie drang. Am Abend der Vorstellung packte sie, wie sie stets zu thun pflegte, mir die nöthigen Garderobestücke zusammen und reichte mir dann die Hand zum Abschiede.

„Viel Glück!“ rief sie mir nach und lächelte dabei so eigen, daß ich unwillkürlich stutzig wurde. Ein wunderbarer Zug von Schalkhaftigkeit überflog das alte, treue Gesicht und erinnerte mich an meine Kinderzeit, wenn die Mutter am heiligen Abend sich im Voraus über die mir bevorstehende Ueberraschung freute. Da sie aber kein Wort hinzusetzte, so ging ich ruhig in’s Theater, wo ich bald nur noch an meine Rolle dachte. Ich zog mich an und schminkte mich in meiner Garderobe, auf das Zeichen zum Beginn der Vorstellung wartend.

„Kurz vor dem Aufziehen des Vorhanges entstand in dem Hause eine große Unruhe, die mich auf einen Augenblick aus meinen Gedanken und Träumen riß. Ich fragte nach der Ursache, und ein College erzählte mir, daß sich ein Unglück im Treppenhause des Gebäudes ereignet habe. Nach seinem Bericht war eine alte, halb blinde Frau, die wahrscheinlich zum ersten Male in ihrem Leben das Theater sah, beim Suchen nach ihrem Platze in der Dunkelheit über die Brüstung der Gallerie herabgestürzt und auf das Pflaster des Vorsaals gefallen. Man hatte sie nach Hause geschafft und schien an ihrem Aufkommen zu zweifeln.

„Ich weiß nicht, wie es kam, daß mich plötzlich ein Schauer befiel und ich unwillkürlich an meine Mutter denken mußte. Gern wäre ich nach Hause geeilt, aber ich hatte keine Zeit mehr, da im nächsten Augenblick schon die Vorstellung ihren Anfang nahm. Mühsam bekämpfte ich die aufsteigende Besorgniß und bald wurde ich wieder Herr meiner unerklärlichen Aufregung. Muß doch der Schauspieler nur zu oft seine Gefühle unterdrücken und mit schwerem, oft gebrochenem Herzen ruhig und selbst heiter erscheinen. Was kümmert sich die Menge um unsere Schmerzen, um die Angst des Mannes, dem ein sterbendes Weib zu Hause auf dem Lager liegt, um den Jammer der Mutter, welche ihren Liebling so eben begraben hat!

„Wieder mit meiner Rolle beschäftigt, auf mein Stichwort lauschend hatte ich die alte, verunglückte Frau vergessen. Als ich auf die Bühne trat, der Glanz der Lampen mir entgegenstrahlte, zu meinen Füßen die Zuschauer sah, von deren Urtheil mein Loos mehr oder minder abhing, erfaßte mich jener wahnsinnige Rausch, den Ihr Alle ja am besten kennt. Die übrige Welt verschwand vor meinen Augen, ich war nur noch Schauspieler, nur noch der „Prinz“ in Lessing’s „Emilia Galotti“, mit dem darzustellenden Charakter so innig verschmolzen, daß ich mir selbst ein Fremder geworden war. So spielte ich meine Rolle, und ich darf wohl sagen, daß ich sie nie später ähnlich gespielt habe, woran vielleicht meine innere Aufregung schuld war. Von Scene zu Scene steigerte [55] sich der Beifall, die Zuschauer jubelten, und als der Vorhang fiel, dröhnte das Haus von ihrem begeisterten Applaus. Ich wurde gerufen und mit Blumen und Kränzen überschüttet. Ein Lorbeer, von schöner Hand geworfen, fiel zu meinen Füßen, ich hob ihn auf, um ihn meiner Mutter zu bringen. Erst jetzt dachte ich wieder an sie und bedauerte, daß sie nicht Zeugin meines ersten, großen Triumphes gewesen.

„Eine unnennbare Sehnsucht nach ihr hatte mich ergriffen; ich gönnte mir nicht so viel Zeit, um meine Kleider abzulegen. In der Garderobe des Prinzen, nur mit meinem Mantel bedeckt, stürzte ich aus dem Theater auf die Straße hinaus. Eine unerklärliche Eile beflügelte meine Schritte, bald stand ich vor der kleinen Thür, die ich mit klopfendem Herzen öffnete. Den Kranz hielt ich in meinen Händen, um sie damit zu überraschen.

„Sie lag auf ihrem Bette und schien zu schlafen. Ich wunderte mich nicht wenig, da sie sonst immer wach zu bleiben und mich zu erwarten pflegte, bis ich aus dem Theater zurückkam, um mit mir zu plaudern. Um sie nicht zu stören, schlich ich auf den Zehen an ihr Bett, auf das ich leise meinen Lorbeer legte. Ich konnte mich jedoch nicht enthalten, einen Kuß aus ihre Hand zu drücken; sie fühlte sich eisig und erstorben an. Ich erschrak, ein furchtbarer Gedanke durchzuckte mich plötzlich. Wenn sie jene verunglückte Frau wäre?

„Ich wollte mir Gewißheit verschaffen; an allen Gliedern bebend, griff ich nach der Nachtlampe, welche auf dem Tische stand, und leuchtete ihr in das treue Angesicht; es war mit Blut bedeckt und leichenblaß.

„Mutter!“ rief ich schluchzend vor innerer Angst.

„Sie antwortete nicht, Alles still!

„Mutter!“ wiederholte ich lauter, aber sie blieb stumm.

„Mein Rufen weckte sie nicht mehr; sie war – todt.

„Ich legte „den ersten Kranz des Künstlers“ auf den Sarg meiner Mutter. Seitdem weckt der Lorbeer nur trübe Erinnerungen; ich habe ihn zu theuer mit dem Liebsten erkauft, was ich auf Erden besessen habe.“

„Das ist des Künstlers Loos,“ sagte Eckhof tief ergriffen und reichte Beck die Hand, mit der andern eine Thräne leise trocknend.

Ernst und still traten die Freunde im milden Glanz des Mondlichts ihren Rückweg nach Gotha an.

M. R.


Russische Reiseskizzen.
Die Petersburger Droschke.
Von A. Stahlberg.

Das Reisen nach Petersburg wird Mode werden, sobald eine directe Eisenbahnverbindnng dahin das Langweilige einer Landreise erleichtert. Dann werden meine Landsleute in Deutschland die Freuden und Leiden der schönen Hauptstadt kennen lernen, vor Allem aber – da man in Petersburg immer fährt – die Freuden einer Droschkenfahrt.

Wer an das trauliche Halbdunkel einer viersitzigen Berliner Droschke mit ihren roth- und weißgestreiften Kattunüberzügen, dem Anscheine nach einen feinen Tuchüberzug verbergend, gewöhnt ist, dies ehrwürdige Gefährt, welches selbst dem tarifswidrigen Gewichte eines Berliner Bäckermeisters und seiner nicht minder gewichtigen Ehehälfte nicht weicht, ja sogar ohne besondern Kraftaufwand die Schwere der ganzen Familie eines hinterpommerschen Pachters bei ihrem Alles bewundernden Umzuge durch die Residenz aushält, der wird freilich erst vorher noch einmal gründlich überlegen, ehe er seine irdische Hülle einer Petersburger Droschke anvertraut.

Dieselbe Species. Beide sind geschaffen, um dem Menschen den Wandel hienieden zu erleichtern. Beide werden von einem, in der Regel nur noch gemäß einer allen Gewohnheit nothdürftig zusammenhaltenden, und mit dem classischen Namen „Droschkengaul“ belegten Vierfüßler, mehr oder weniger mühsam, je nach dem Gewichte ihres Inhaltes, fortbewegt. Beide werden durch einen Kutscher dirigirt, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, seinen Herrn so viel wie möglich, trotz Droschkenmarken und der über jeder Fahrkarte in großen Lettern gedruckten ominösen Worte: „Kein Fuhrgeld hat der Fahrgast zu zahlen etc.“ zu betrügen. Beide haben eine gewisse Nummer und können auf einem Bureau belangt werden. Und doch, welche Verschiedenheit!

Ich sage, Jeder, der noch etwas darauf gibt, seine Gliedmaßen so unversehrt wie möglich zu erhalten, wird es reiflich überlegen, ehe er dieselben einem Petersburger Droschkenkutscher zur Beförderung übergibt.

Auf vier Rädern, ungefähr so groß, daß sie einem nur einigermaßen abgewachsenen Schulknaben als Brummkreisel dienen könnten, hängt zwischen vier stark gebogenen [O]-Federn ein ungefähr drei Fuß langes und zehn Zoll breites Bret, mit einem Polster versehen, welches in Anbetracht der verschiedenen Klumpen, die sich durch das Zusammenballen des zum Ausstopfen verwandten Heues gebildet haben, den Eindruck macht, als setze man sich auf einen mit faustgroßen Kartoffeln gefüllten Sack. Rechts und links ein Kothbret, welches indessen nur genügt, um den hochaufspritzenden Koth nicht ganz bis an die Halsbinde kommen zu lassen. Wo kommt da der Platz her? wird ein Jeder fragen, und wahrlich, es bedarf der ganzen Schärfe einer mathematischen Eintheilung, um dies zu Wege zu bringen.

Vor allen Dingen sitzt der Kutscher, oder er hängt vielmehr auf einem Theile dieses Bretes; seine Beine, in ein Paar ungeheuren Juchtenstiefeln steckend, welche die Bekanntschaft einer Bürste auf das Entschiedenste abzulehnen scheinen, baumeln vorne, ungefähr sechs Zoll über der Erde frei in der Luft herum, nur dann eine bestimmte Direction annehmend, wenn er seinem kleinen mageren Gaule als Aufmunterung einen ziemlich derben Tritt unter den Schwanz versetzt; denn das russische Pferd wird nicht, wie der moralisch so tief gesunkene Berliner Droschkenklepper, mit der Peitsche dirigirt; ein freundschaftliches Wort genügt ihm, und der Fußtritt ist eben nur die Quintessenz dieser Freundschaft. Es ist ungefähr damit so, wie wenn der hinterpommersche Hans, nach dem Sprüchworte: „Spaß muß sein“, seine Trine mit der Heugabel kitzelt.

Also der Kutscher sitzt. Jetzt kommt der Fahrgast.

Er setzt den einen Fuß auf den untern Theil des Kothflügels, der bei dem Mangel an Raum zu gleicher Zeit die Dienste eines Trittes versehen muß, doch so wie er den andern Fuß nach sich zieht, neigt sich das ganze Gefährt sammt Kutscher und Zubehör auf die Seite, und er muß sich nun, um das so gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen, schleunigst mit einem kühnen Sprunge in die Mitte des Bretes zu bringen suchen. – Gelingt ihm dies, so ist er für den Augenblick geborgen, verfehlt er aber nur um einen Zoll breit die Mitte, so hat er das Vergnügen, mit der Nase auf der andern Seite in den Koth zu fahren, und muß, falls er dennoch bei seinem Vorsatze, sich auf diese Art befördern zu lassen, beharrt, einen neuen Anlauf nehmen, mit der Aussicht nicht besser als das erste Mal zu reussiren.

Doch ich setze den günstigsten Fall voraus, d. h. man sitzt endlich, alle Equilibristik aus seinen Knabenjahren zusammenraffend, und man hat das Glück allein zu sein, ohne einen guten Freund, denn man muß nicht etwa denken, daß dieses Gefährt für einen Menschen allein erbaut worden ist. Zwei, ohne den Rosselenker, haben nach russischer Berechnung bequem darauf Platz; nun, und wenn’s drei sind, so ist der edle Fuhrmann bescheiden genug, sich nur mit einigen Quadratzoll Platz zu begnügen. Man sieht also, daß eine Person wie auf einem Throne sitzen muß. – Dies ist aber nur die Einleitung der uns erwartenden Qualen.

Der Bestimmungsort wird genannt, der Kutscher nickt freundlich dem Fahrgaste zu (hierin dem Berliner Droschkenkutscher, der seinen Gast stets mit einer mürrischen Miene empfängt, als wolle er sagen: „Na, Du hätt’st mich auch in Ruhe lassen können!“ durchaus unähnlich), hat ein freundliches Wort, von einem kräftigen Fußtritte begleitet, für sein edles Roß, und fort geht’s mit rasender Schnelligkeit durch die grundlosen Straßen über Berge von Steinen, die man hier Pflaster nennt, durch Löcher und Pfützen, über [56] Brücken und Dämme, daß das ganze Fuhrwerk in dem hochaufspritzenden Kothe wie in einer großen gewaltigen Wolke verschwindet, bis man denn endlich nach einer Viertelstunde, während der man alle nur erdenklichen Anstrengungen gemacht hat, um durch Veränderung des Schwerpunktes nur einigermaßen das Gleichgewicht des ganzen Gefährtes aufrecht zu erhalten, an allen Gliedern verrenkt und zerbrochen, an dem gewünschten Ziele ankommt. – Man springt mit einem verzweifelten Satze von diesem Marterkasten, der nicht übel Lust zu haben scheint, durch diese brüske Bewegung vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht, einem auf der Ferse nachzustürzen, bezahlt den holdselig lächelnden Kutscher und schwört einen furchtbaren Eid, sich nicht wieder auf eine ähnliche Höllenfahrt einzulassen, was nicht verhindert, daß man, die Unmöglichkeit zu Fuße nach Hause zu kommen einsehend, nach einer halben Stunde einer ähnlichen Procedur unterworfen wird.

Die Gartenlaube (1860) b 056.jpg

Petersburger Droschke.

Laternen hat natürlich ein solches Fuhrwerk nicht; wo sollte auch der Platz herkommen? Der Fuhrmann mußte sie denn nach Art der Bergknappen auf seinem Hute tragen, wie er ja schon genöthigt ist, die Nummer, da man dieselbe doch füglich nicht auf die Räder oder das Sitzbret malen kann, vermittelst eines großen Blechschildes auf seinem Rücken zu befestigen. Um das Blechschild zu ersparen, lassen sich Einige dieselbe auf den Schafpelz malen. – Dies die Petersburger Droschke. Wäre ich Hauptagent einer Lebensversicherungs-Gesellschaft, so würde ich dem Paragraphen des „gewaltsamen Todes“ den hinzufügen, daß die Police, fände Inhaber derselben den Tod auf einer „Petersburger Droschke“, nicht bezahlt würde.

Ich bin fest überzeugt, wäre der Acheren kein Fluß, sondern eine Straße gewesen, so würde sich Meister Charon anstatt seines gebrechlichen Nachens eines ähnlichen Gefährtes bedient haben, um die Schatten in die Unterwelt zu befördern, und wer weiß, wie Viele alsdann bei dem einstigen Appell fehlen würden!




Die gefährliche Nonne.
Von F. J.

Wenn es etwa funfzig Jahre früher wäre, die Zeit, wo die Kramer, Spieß und Genossen die Lesewelt mit ihren schaurigen Räuber-, Ritter- und Geisterromanen entzückten, wie könnte ich mir dann gratuliren, obigen Titel erfunden und den nachfolgenden Zeilen vorgesetzt zu haben! Die Zahl Derer, welche nach diesem Blatte gegriffen, um mit gierigem Leseverlangen den erhofften „Roman“ so bald und so schnell als möglich in sich aufzunehmen, wäre Legion gewesen! Ebenso gewiß ist es aber auch, daß die große Mehrzahl diesen Bogen enttäuscht, wo nicht verächtlich, wieder bei Seite geschoben hätte, sobald sie erst den wahren Inhalt, der allerdings nichts weniger als romanhaft ist, erkannte. Heutzutage kann das nur umgekehrt sein. Mancher Leser der Gartenlaube wird die Ueberschrift mit heimlichen Bedauern betrachten. Kommt er aber zum Kerne, so wird er sich gewiß freuen und der ihm mehr oder weniger neuen Schilderung das Interesse abgewinnen, welches sie in Anspruch nehmen darf, vorausgesetzt, daß der Erzähler nicht à la Mephisto „den Geist herausgetrieben hat“, wie er es doch nicht hofft und nicht glaubt.

Unsere „gefährliche Nonne“ hat noch verschiedene andere Namen. Der in der wissenschaftlichen Welt gebräuchlichste rührt von dem Altvater Linné her, und lautet Phalaena Bombyx Monacha. Mit diesem wollen wir uns begnügen, da er einem Jeden, der sich mit Naturwissenschaften beschäftigte, bekannt sein dürfte. Der Entomologe weiß, daß die Nonne ein Insect ist, welches zu den Schmetterlingen gehört, die Linné zu den Nachtfaltern und den Spinnern rechnet. Der Name Nonne oder Monacha rührt jedenfalls von der eigenthümlichen, weiß und schwarzen Zeichnung der Flügeldecken des Schmetterlings her. Wir nannten das Insect die verderbliche Nonne, weil dasselbe noch ganz neuerdings in dem kurzen Zeitraume von drei Jahren dem Staate und Privatpersonen einen Schaden zugefügt hat, der nicht nach Hunderttausenden, – der nach Millionen zu berechnen ist!

[57] Ehe wir hierauf zurückkommen, geben wir untenstehend eine genauere Beschreibung des Uebelthäters in seinen verschiedenen Zuständen.[1]

Dieser Raupe nun, oder vielmehr Milliarden dieser kleinen Raupen ist es gelungen, Verheerungen zu bewirken, wie solche durch andere Naturgewalten in so kurzer Zeit kaum erreicht, geschweige denn übertroffen worden sind. Denn selbst Wasser und Feuer werden in ihrer Macht aufgehalten durch Hindernisse, welche die Raupe mit Leichtigkeit überwindet.

Wenn die Gattung der Raupen, mit welcher wir uns hier beschäftigen, auch polyphag ist, das heißt, wenn sie auch keinen einzigen unserer Wald- und Gartenbäume verschont und in der Noth selbst mit Haidekraut und Gras vorlieb nimmt, so sind die Nonnen doch in gewisser Beziehung Feinschmecker, welche das Gute vom weniger Guten, das Zarte von dem Harten, das Saftige von dem Trocknen sehr wohl zu unterscheiden wissen. Dies gilt nicht allein von der Wahl der Holzarten, indem sie den Buchen den Vorzug geben vor den Birken und Eichen, diese indessen noch lieber annehmen, als Obstbäume, sämmtliche Laubhölzer aber so lange nicht berühren, als sie noch Nadelhölzer vorfinden, und unter letzteren wieder ganz besonders die Fichte (Rothtanne, pinus picea) vor Kiefer und Weißtanne auszeichnen; sie zeigen sich auch beim Fraße selbst an dem einmal ausgesuchten Baume ganz außerordentlich wählerisch und übermüthig. Und dabei machen sie die feinsten Unterschiede! Von dem Buchenblatte nimmt die Nonne am meisten. Sie beginnt an der Basis des Blattstieles ihren Fraß, geht an der Mittelrippe in die Höhe und löst die zarteren Theile des Blattes aus. Die Mittelrippe selbst zernagt sie erst dann, wenn die Nahrung knapp wird. Von Eichen- und besonders von Birkenblättern frißt sie nur äußerst wenig, versäumt aber nicht, den Blattstiel durchzubeißen, daß das Blatt zur Erde fällt und der Baum bald mit winterlichem Aussehen dasteht. Bei der Kiefer beginnt sie ihren Fraß an den zweijährigen Nadeln und geht erst, wenn der Hunger sie treibt, zu den einjährigen und ganz jungen über. Völlig unverantwortlich aber verfährt sie mit der Fichte. Wie schon gesagt, geben ihr die Nadeln dieses Baumes die liebste Nahrung. Und dennoch nimmt sie von diesen, ihrem Leckerbissen, nur den allergeringsten Theil zu sich. Fast unmittelbar über der Scheide, aus welcher die Nadeln hervorkommen, nagt sie dieselben durch und frißt dann nur den Stumpf derselben, welcher ihr besonders zusagen muß. Dadurch ist es aber auch stets um das Leben der befressenen Fichte geschehen, und der seiner Nadeln auch nur zum größeren Theile beraubte Baum wird eine sichere Beute des Todes, während sich die Laubhölzer immer, die Kiefer, sobald sie nicht zu arg mitgenommen ist, meist immer wieder erholt.

Einige wenige Exemplare dieser Raupe finden sich wohl zu jeder Zeit überall dort, wo es größere Waldungen im Zusammenhange gibt. Zum Glück ist aber ein solches Ueberhandnehmen derselben, wie es in den Jahren 1853–1856 in den Wäldern Litthauens stattfand, eine Seltenheit. Vor 30 Jahren wurden die ausgedehnten Kiefernbestände der Neuvorpommerschen Ostseeküste (Reg.-Bezirk Stralsund) von dieser Plage heimgesucht. Da aber, wie angedeutet, der Fraß in Kiefern nicht so gefahrbringend ist, als in Fichten, und da dort die außerordentlichsten Anstrengungen gemacht wurden, um den Verheerungen entgegenzutreten, gelang es, den größten Theil jener Bestände zu retten. Noch einmal trat dies Insect im Jahre 1838 in derselben Gegend auf, und zwar unter den merkwürdigsten Umständen.

Am 15. August des gedachten Jahres fährt der Tagelöhner Wieck auf einem Binnenwasser der Halbinsel Darß, hart an der Ostseeküste, welches eine beträchtliche Breite hat, mit mehreren anderen Leuten auf den Fischfang. Plötzlich zieht, von der Ostsee herkommend, bei ganz klarem und ruhigem Wetter, eine weiße Wolke auf, welche mit großer Schnelligkeit näher kommt und fast die Sonne verdunkelt. Bald erkennen die Leute, daß die vermeintliche Wolke nichts Anderes ist, als unglaubliche Mengen von weißen Schmetterlingen, welche wie die Schneeflocken herniederfallen und das Boot, sowie das Wasser ringsum bedecken. Die Fischer konnten sich der zudringlichen Gäste kaum erwehren; sie krochen ihnen in die Taschen und unter die Schürzen. Ganz bestürzt über dies seltsame Ereigniß, melden sie den Vorfall dem königlichen Oberförster auf dem Darß, und dieser entdeckt zu seinem unnennbaren Schrecken am folgenden Tage die sämmtlichen Kiefernbestände der Umgegend so dicht mit Nonnenschmetterlingen besetzt, daß er vier Ortschaften zu ihrer Vernichtung aufbieten mußte. Obwohl aber viele Scheffel derselben eingebracht wurden, konnten im nächsten Winter noch dreihundert Pfund Nonneneier gesammelt werden, und dennoch fand im Semmer darauf ein merklicher Fraß statt, der die Kiefernbestände lichtete.

In der Provinz Litthauen hatte die Nonne seit Menschengedenken nicht gewüthet, oder wenigstens nicht einen Ruin der Wälder herbeigeführt. Andere Calamitäten freilich, wie furchtbare Stürme und ein anderes Insect, „der Borkenkäfer“, von welchem weiter unten noch die Rede sein wird, haben die Nadelholzbestände in diesem Theile Preußens mehrfach heimgesucht, jedoch nicht in gleicher Ausdehnung und nicht mit ähnlichen nachhaltigen Wirkungen.

Im Sommer des Jahres 1852 zeigten sich in den enormen ostpreußischen Waldungen die ersten Spuren der Nonnenschmetterlinge. Dieselben wurden aber so vereinzelt gesehen, daß sich die Forstverwaltung noch nicht veranlaßt sehen konnte, Vernichtungsmaßregeln zu beginnen, wenn das Vorhandensein des Insectes auch keinerwegs ihrer Aufmerksamkeit entging. In den südwestlichen Theilen der Provinz, an der russisch-polnischen Grenze, erschienen die Raupen am häufigsten und fraßen daselbst schon, als in den nördlich und östlich gelegenen Waldkomplexen fast nach keine Spur derselben zu entdecken war. Man vermuthete damals gleich, wie es sich auch jetzt bestätigt hat, daß die Brutstätte des Insectes in den ungeheuren polnischen Waldungen gewesen war, und daß es der dortigen schlechten Forstverwaltung und ungenügenden Aufsicht zu danken sei, wenn die Vermehrung desselben in so fabelhafter Weise stattfinden konnte, daß spätere, auch noch so bedeutende Anstrengungen der Menschen zu ihrer Vertilgung erfolglos blieben. Denn auch dieser gewaltigen Naturerscheinung ist der Mensch gewachsen und kennt die Mittel zu ihrer Unschädlichmachung. Er muß nur an der Quelle anfangen und sich dem Strome nicht entgegensetzen wollen, wenn dieser ein Niagarafall geworden ist! – Dem Ueberflug der Schmetterlinge nach Litthauen ist es zuzuschreiben, daß im Jahre 1853 die ganze Provinz bis zur Ostsee hinauf mit der [58] Nonne in schon erschreckender Menge besetzt war. Jetzt wurde der allgemeine Vertilgungskrieg angeordnet, und noch wäre es, nach dem Urtheil aller Sachverständigen, möglich gewesen, des Insectes Herr zu werden und wenigstens der gänzlichen Vernichtung der Wälder vorzubeugen, wenn sich dasselbe nicht durch immer neue enorme Zuzüge aus Polen rekrutirt hätte. So aber wurde man schon im folgenden Jahre inne, daß Alles vergeblich, daß es „zu spät“ sei.

Man hat den verschiedenen Insecten gegenüber verschiedene Mittel der Vertilgung, welche aus ihrer Lebensweise und Oekonomie abgeleitet sind. Diese sind in allen vier Zuständen anzuwenden. Am wenigsten anräthlich, weil von ungewissem und unvollkommenem Erfolge, ist – wenn wir bei der Nonne stehen bleiben – das Einsammeln der Schmetterlinge. Dieselben sitzen meist so hoch am Stamme, daß man ihrer nur mit Mühe habhaft werden kann, sie sind unruhig und beweglich, und es werden mit den Weibchen eine gleiche Anzahl unschädliche Männchen eingefangen. Die Zeit der Einsammlung ist sehr kurz zugemessen, weil nach der Ablegung der Eier, also nach acht, höchstens vierzehn Tagen von der Erscheinung des Schmetterlings an, das Sammeln der nun doch dem Tode verfallenen Falter zwecklos ist, und weil daher die aufgewendeten Kosten noch nie durch Erfolge gerechtfertigt worden sind. Hiervon und von der Absuchung der meist schwer aufzufindenden Puppen sah man daher in Litthauen völlig ab und wendete sich mit desto größerer Energie der Sammlung der Eier und der Vernichtung der Räupchen zu.

Die Eier sind, wie oben gesagt, vermittelst ihrer Legeröhre in die Rindenschuppen geschoben und dort festgeklebt. Man findet sie daselbst gewöhnlich in Nestern von 20–80 Stück beisammen liegen, und das Auge gewöhnt sich bald an ihre Auffindung. Da solche Nester aber auch vielfach in einer dem Menschen nicht erreichbaren Höhe liegen, muß jeder Sammler mit einer Leiter versehen sein.

Als das Geschäft erst einmal im Gange war und die Arbeiter sich überzeugten, daß sie zu einem guten Verdienst kämen, waren in den einzelnen befallenen Revieren bald Hunderte von Arbeitern, Männer, Weiber und Kinder, mit dem Einsammeln der Nonneneier beschäftigt. Die Bezahlung erfolgte lothweise, der Preis wurde selbstredend nach dem Vorhandensein von Eiern abgemessen und im Laufe der Monate und Jahre immer geringer, bis zuletzt im Jahre 1855 das Loth mit vier und drei Pfennigen bezahlt wurde! Das Loth Nonneneier enthält erfahrungsmäßig mindestens 20,000 Stück. Wenn man nun bedenkt, daß mehr als 10,000 Pfund Eier eingesammelt worden sind, ja daß in einem einzigen, nicht einmal übergroßen Forstreviere fast 3000 Pfund in noch nicht ganz drei Jahren zusammengebracht sind, und daß trotz alledem die Nadelholz-Wälder ihrem fast vollständigen Untergange nicht entrissen werden konnten, so wird man einen ungefähren Begriff von der Menge der vorhandenen Raupen erhalten.

Die Productionskraft dieser, sowie überhaupt der meisten Insecten ist aber auch eine staunenswerthe, und eine Berechnung derselben verliert sich alsbald in Zahlen, welche nur auszusprechen, selbst für einen Dahse seine Schwierigkeit haben würde!

Ein Schmetterling legt durchschnittlich fünfzig Eier. Daraus entstehen im nächsten Jahre funfzig fressende Raupen, da die Witterung, sei es auch der allerhärteste Frost, keinen nachtheiligen Einfluß auf die Entwickelung des Insectes ausübt. Aus diesen funfzig Raupen entstehen funfzig Schmetterlinge, von welchen erfahrungsmäßig die Hälfte Weibchen sind. Im darauffolgenden Jahre kann man also mit Sicherheit 25 x 50 = 1250 Raupen erwarten und im Herbste hiervon 625 weibliche Schmetterlinge, und schon im dritten Jahre 31,250 gierig fressende Raupen, welche ihr Dasein sämmtlich nur einer, erst vor zwei Jahren erzeugten Stammmutter verdanken. Viele hundert Raupen fressen nun an einem einzigen Baume, viele tausend Bäume gehören dazu, um einen großen Wald zu bilden – doch wohin führt uns das? Wir müssen es der Phantasie des Lesers überlassen, sich das Weitere selbst auszumalen!

Man begnügte sich in den Wäldern Litthauens aber nicht allein mit der Sammlung der Eier, man setzte die Vernichtungsmaßregeln auch gegen die Raupen fort, welche, wie oben bemerkt, noch einige Tage nach ihrem Ausschlüpfen aus den Eiern auf demselben Flecke beisammensitzen und sich an der Luft stärken. Arbeiter, mit kleinen Stampfen versehen, mußten die Bestände durchwandern und Baum für Baum nach diesen Nestern – mit dem technischen Ausdrucke „Spiegel“ genannt – absuchen, um sie zu zermalmen. Unzählige Raupen sind durch dies Verfahren noch vernichtet worden, und doch mußte man sich im Jahre 1855 gestehen, daß menschliche Kräfte unzureichend seien; daß eine weitere Aufwendung von Geldmitteln nicht zu verantworden wäre, und daß man es jetzt der Natur allein überlassen müßte, dem von ihr hervorgerufenen Unheil auch wieder Einhalt zu gebieten.

Im Sommer des Jahres 1856 erreichte die Menge der vorhandenen Raupen ihren Höhepunkt. Sie ging nun in der That in das Unglaubliche. Näherte man sich einem Bestande, in welchem die Raupen hausten, so vernahm man schon in einiger Entfernung ein Knistern und Knastern, als ob ein leiser Wind durch die Wipfel führe, oder als ob ein Feuer nicht weit davon eben im Aufflackern begriffen wäre. Es waren nur Raupen, welche dies Geräusch hervorbrachten, theils durch das Zerbeißen und Zernagen der Nadeln, theils durch das Hinabwerfen dieser und durch ihren herniederfallenden Koth. Die Bäume waren schon fast völlig kahl gefressen, und an jedem Aste, an jedem Zweige hingen die Raupen klumpenweise. Der Erdboden war mit denselben wie besäet, so daß man kaum einen Grashalm dazwischen gewahren konnte. Kleinere trockene Gräben waren bis zum Rande angefüllt mit dem jetzt ziemlich matten und kraftlosen Insect, und darüber hinweg krochen andere Milliarden, um nach neuer Nahrung zu suchen. Die Wege waren so hoch mit Raupen bedeckt, daß ein Wagen tiefe Geleise in denselben zurückließ, welche freilich alsbald durch die nachrückenden Schaaren der Raupen wieder ausgefüllt wurden. Es war ein trauriger, entsetzlicher, ekelhafter Anblick! Das Wild hatte sich in die Brüche und die dichtesten Schonungen zurückgezogen, und selbst das Weidevieh konnte und mochte die spärlichen, übrig gebliebenen Gräser nicht fressen. Endlich aber war der ferneren Verbreitung der Raupen ein Ziel gesetzt. Der ungeheueren Mehrzahl nach schon krank, starben sie, ohne zuvor in den Zustand der Puppe überzugehen, indem sie einen widerwärtigen Verwesungsgeruch zurückließen. In der Luft aber lebte und webte es von Schaaren kleiner beflügelter Insecten, Fliegen und Mücken von den allerverschiedensten Formen und Gestalten, welche recht in ihrem Lebens-Element zu sein schienen.

Diese kleinen, meist der Ordnung der Zweiflügler angehörigen Insecten bilden das von der Natur selbst dargebotene Gegengewicht: sie – und sehr wahrscheinlich noch andere, uns nicht bekannte Ursachen – bewirken das auffallend schnelle Verschwinden der Raupen. Als Strafe für ihre Gier und das verübte Unheil, müssen sie einen qualvollen Tod sterben. Ihre Leiber sind die Brutstätten dieser Mücken und Fliegen und Schlupfwespen geworden, welche sich bis zur Vollwüchsigkeit in der Raupe selbst ernähren und dann den halbverzehrten, meist noch lebenden Körper verlassen, um andere, noch gesunde Raupen zu suchen, und auf oder in diese wieder ihre Eier zu einer neuen Generation abzulegen. Ihre Vermehrung hält mit jener der Raupen gleichen Schritt, und die Zahl ihrer Arten ist sehr bedeutend.[2] Es sind übrigens nicht allein die Raupen, welche diese lästigen Gäste beherbergen müssen, manche Species stechen die Puppen an und verhindern dieselben, sich zum Falter auszubilden, und wieder andere suchen die Eier auf, welche sie zerstören.

Außer diesen Ichneumonen und Schlupfwespen sind auf der Erde eine Menge von Raubkäfern, Ameisen und anderem Gewürm thätig, sich auf die Raupen zu werfen und sie zu vernichten. In der Luft aber schwirrt es von allerhand Vögeln, als besonders Krähen, Stahren, Spechten aller Art und vielen kleinen Sorten, welche in den Raupen wüthen und sich an dieser Speise fett mästen.

Alles dies wirkt zusammen, um in dem dritten Jahre des Hauptfraßes der Verwüstung ein Ziel zu setzen. Auch in den litthauischen Wäldern waren im Herbst des Jahres 1856 die Raupen verschwunden und nur sehr wenige Schmetterlinge zur Entfaltung gekommen, von welchen wiederum nur sehr vereinzelt Eier gelegt wurden.

Wie aber sahen die Wälder ans, nachdem die Raupen drei volle Jahre mit ihrer fabelhaften Gier und Verschwendung darin gehaust! Der Freund der Natur jammerte bei ihrem Anblicke. Und [59] welch’ ein ungeheurer, nach Millionen zu berechnender Schade war dem Staate und Privatwaldbesitzern zugefügt! In den Staatswäldern Litthauens sind, nach niedriger Schätzung, allein über zehn Millionen Klafter Holz trocken geworden, von denen, ungeachtet übermäßiger Anstrengungen, bis heute (Herbst 1859) kaum drei Viertheile aufgearbeitet und trotz der niedrigsten Preise verkauft und für die Bedürfnisse nutzbar gemacht worden sind! Und das Meiste von dem, was jetzt noch auf dem Stamme steht, wird leider auch nie zum Verbrauche kommen können, nicht einmal als Brennhelz, weil es schon verdorben, gestockt und angefault, und deshalb auch nicht einmal für die Fällungskosten zu verwerthen ist.

Wer die prachtvollen litthauischen und masurischen Wälder vor einigen Jahren gesehen hat, der erkennt sie schwerlich wieder in ihrem jetzigen Zustande. Und doch ist der Anblick derselben an den meisten Orten für das Auge kein so widerwärtiger und ekelhafter, als man glauben sollte. Eigentliche Blößen und kahl gefressene Stellen kommen nur selten vor. In den allermeisten Fällen standen die Fichten nicht rein, sondern in der Vermischung mit allen möglichen Laubhölzern, besonders Eichen, Hainbuchen und Birken. Nachdem nun die todten Fichten herausgehauen sind, bilden die am Leben gebliebenen Laubhölzer immer noch einen, wenn auch nicht dichten, doch in den meisten Fällen noch geschlossenen Bestand. Unter denselben treibt eine wahrhaft üppige Vegetation empor, welche der sehr gute Boden, dessen Fruchtbarkeit durch die Raupendüngung für den Augenblick noch bedeutend erhöht ist, gleichsam als Ersatz für das Unglück bietet. Die ungeheure Masse von jungen, kräftigen Holzpflanzen, welche den Boden bedecken, bietet wenigstens die Garantie, daß ein eigentlicher Brennholzmangel nicht zu befürchten ist, wenn auch die Bauhölzer in den nächsten Jahrzehnten seltener und theurer werden dürften.

Die Frage, was mit den ungeheuren Holzmassen angefangen ist, wer sie gekauft, wozu sie benutzt sind, können wir hier nur oberflächlich beantworten. Es hat einmal die ganze Umgegend, von dem großen Gutsbesitzer herab bis zum kleinsten Häusler, die Gelegenheit, billiges Bauholz zu kaufen, benutzt und ihre Wohnungen neu- und umgebaut. Dann aber haben industrielle Unternehmer Werkstätten im Walde errichtet und mit Hunderten von Menschen die Bäume verarbeitet, zu Balken, Bretern und besonders Eisenbahnschwellen. Letztere sind besonders für die Königsberg-Eidkuhner Bahn und für russische Eisenbahnen verwendet worden; es sind aber solche auch nach Memel gegangen und von dort zu Wasser versendet, selbst bis nach Calcutta hin. Mit dem Brennholzabsatze ist man noch beschäftigt, und dies ist freilich ein sehr schwieriger Punkt, ja, wie man jetzt leider die Ueberzeugung hat, ist es auch unmöglich, die ganzen Bestände zu verwerthen, da die Fäulniß überhand nimmt. Die Preise haben sich im Durchschnitt für den Cubikfuß Nutzholz auf etwa 1 Sgr., für die Klafter Brennholz auf 20 Sgr. bis 1 Thaler gestellt, von welcher Summe man noch circa 10 Sgr. Hauungskosten in Abzug bringen muß. Gilt doch auf den Holzhöfen in Königsberg und Memel die Klafter Raupenfraßholz nur circa 3 Thaler. Das sind augenblicklich gute Zeiten für die frierenden Städter, denen es allerdings um so härter ankommen wird, in nicht allzuferner Zeit eine mindestens drei Mal so große Summe für dasselbe Quantum zu zahlen.

Als die Nonne endlich ausgewüthet hatte, athmete Alles hoch auf und betrachtete mit doppelter Liebe die wenigen übrig gebliebenen Haubaren und nutzbaren Fichtenbestände. Kundige waren allerdings auch da noch besorgt und wollten prophezeien, daß das Verderben auch die jetzt verschonten Stämme ereilen würde, wenn auch nicht mehr durch die Raupen. Sie haben leider Recht gehabt. In manchen Reviertheilen und ganzen Revieren ist zur Zeit keine über 30 Jahre alte grüne Fichte zu finden, da die von der Raupe verschonten der Borkenkäfer vernichtet hat.

Dieser Borkenkäfer findet sich überall da ein, wo die Nadelhölzer durch den Sturm entwurzelt, durch Raupenfraß getödtet oder durch sonstige Calamitäten krank geworden sind. Der frische Harzgeruch zieht ihn an, und er vernichtet erbarmungslos, was seine Vorläufer noch übrig gelassen. Anfänglich nur das kranke Holz annehmend, geht er, wenn solches mangelt, zum gesunden über, bohrt sich zwischen Rinde und Holz ein, legt dort seine Eier ab, und die unglaublichsten Mengen dieser kaum zwei Linien langen Käferchen, welche in jedem Jahre eine doppelte Generation haben, machten es möglich, in wenig Monaten die ganze Rinde vom Baume abzulösen, was dessen unfehlbares Absterben verursacht.

So weit die Wissenschaft auch vorgeschritten ist, so gelehrt die Menschen auch sind, und so viele Mittel auch vorgeschlagen und angewendet wurden, solchen Unglücksfällen vorzubeugen oder dieselben, wenn sie trotzdem hereinbrechen, in ihrem Laufe wenigstens aufzuhalten, – derartigen ungeheuren Naturereignissen gegenüber muß auch der Stolzeste seine Ohnmacht bekennen und zugeben, daß die Natur mächtiger ist, als er. Ihre Kräfte können wir wohl uns dienstbar machen und sie benutzen, aber nur so lange sie selbst es für gut hält. Es scheint, als ob sie dem Menschen von Zeit zu Zeit in das Gedächtniß zurückrufen wolle, daß es ihr eigener freier Wille ist, wenn sie sich ihm dienstbar unterwirft, daß sie aber, weit entfernt davon, seine Sclavin zu sein, jeden Augenblick die angelegten Fesseln abwerfen und sich ihm in ihrer ganzen furchtbaren, majestätischen Kraft zeigen kann.




Sennenleben in den Schweizeralpen.
Von H. A. Berlepsch.
(Schluß.)

Des Aelplers Tagesordnung ist höchst einförmig, Sonn- und Wochentags die gleiche; kein Glockenklang läutet die Sabbathruhe ein, kein schmuckes Kleid bezeichnet den Feiertag, kein „gueti chüeli Wi, e–n gueti Fründ daby“ netzt am Wirthstisch den durstigen Gaumen zum „Kärtelen“. Wie die Sonne die höchsten Schneegipfel der Eisberge röthet, während die Thäler drunten noch tief im Morgenblau dämmernd dampfen, erhebt sich der Senn von seinem harten Heulager und melkt, während der Handbub Feuer anzündet. Die gewonnene Milch wird sogleich gekäset, wo nämlich fette oder feiste Käse gemacht werden, wie in den Kantonen Bern, Schwyz, Uri, Freiburg etc. Ist dann die im großen Kessel erhitzte Milch geschieden in „Käsbulderen“ und Schotte oder Molken, sind mit letzterer die Geräthschaften wieder gesäubert und das Vieh hinausgelassen, dann wird „z Morget geessen“. Fernere Bereitung der Käse, oder da wo „Anken und Buureschmalz“ (Butter) dargestellt werden, wie in den Appenzeller und St. Galler Alpen, überhaupt häusliche Arbeiten, füllen den Tag reichlich aus. Ist’s Abend geworden, dann lockt der Hirt oder der Senn mit dem „Ruggüßler“ oder „Kuhreihen“ die Thiere zur Hütte, entleert die strotzenden Euter von der gelblich-fetten, ganz rahm-ähnlichen Milch, und Käsen, Essen und Reinigen der Geräthschaften erfolgt wie am Morgen. Währenddem, bei einbrechender Nacht, tritt der Senn in den katholischen Kantonen hinaus vor seine Hütte und singt mit lauter Stimme durch einen großen hölzernen Milchtrichter (die Bolle genannt) in der Choralmelodie der Präfation ein Gebet, meist das Evangelium Johannis und den engelischen Gruß ab. Die anderen Hirten im Gebirge und die im Freien übernachtenden Wildheuer oder Wurzelgräber, die es hören, knieen fromm nieder und beten ein Paternoster und Avemaria dabei. Dieser späte Ruf ersetzt in den stillen, einsamen Alpen die Abendglocke, welche in den Thälern zum Dankgebet für die Segnungen des verlebten Tages einladet, und dient zugleich den von der Nacht überraschten, vielleicht verirrten Wanderern als gastfreundliche Einladung. Ist Alles nun beendet, dann geht’s zur Ruhe auf’s Wildheu unter die „Schnetzli-Decke“, und ein kräftiger, tiefer Schlaf stärkt die ermatteten Glieder.

Kein Senn, welcher einen Abendsegen spricht, vergißt das „liebe Vech“ mit einzuschließen; denn dem Gebirgsbewohner ist sein Vieh Alles, der höchste Inbegriff seiner irdischen Sorgen. Ihm widmet er oft mehr Pflege und Aufmerksamkeit, als sich selbst oder seiner Familie. Ein Appenzeller Senn, der gefragt wurde, wie viel Vieh er besitze, erwiderte: „Zwanzig Chüene, Gott b’hüet’s!“ – „„Und wie viel Kinder habt Ihr?““ – „Ach! vier dere Ohfläth (Unflath), Herr!“ – war die Antwort.

Der Kuhreihen, dieser weltberühmt gewordene Hirtengesang, [60] der einst in Frankreich bei Todesstrafe verboten wurde, weil bei seinen Klängen die Soldaten der Schweizerregimenter, vom unendlichsten Heimweh befallen, massenweise desertirten und den Bergen zueilten, – der wirkliche echte „Chüereiha“ scheint nur in den Berner und Appenzeller Alpen bestanden zu haben; vollständig hört man ihn jetzt wenig mehr. Er ist, wie schon gesagt, das Eintreibelied, welches der Kuhhirt unter der Stallthüre singt und durch diese dem Vieh bekannten Töne dasselbe herbeilockt. Um sie folgsamer zu machen, gibt er ihnen aus dem „Läcktäschli“ ein wenig Salz. Der Text zum Appenzeller Kuhreihen lautet: „Wönd–d–er iha, Loba? (Kühe) Alsama mit Nama, die alta, die junga, alsama Loba, Loba, Lo – – – ba. Chönd (Kommet) alesama, alsama, Loba, Loba. Wenn–i–em Vech ha pfeffa (habe gepfiffen), ha pfeffa, ha pfeffa, so chönd alsama zuha schlicha, – schlicha, wol zuha, da zuha. Trib iha alsama, wol juha, bas zuha. Höpsch sönds ond frei, holdfälig dazue. Loba, Lo – – ba. Wääs wohl, wenn – er’s Singa vergod: wenn e Wiega i – der Stoba stod, wenn de Ma (Mann) mit Füsta dre schlod (Fäusten drein schlägt) ond der Loft (Wind) zue ala Löchera inablost. Loba, Loba, Lo – – ba! Trib iha, alsama, die Hinked, die Stinked, die B’bletzet, die G’schegget, die G’flecket, die B’blässet; die Schwanzert, Tanzert, Glinzeri, Blinzeri, d’Lehneri, d’Fehneri, d’Schmalzeri, d’Hasleri, s’Halböhrli, s’Möhrli, die erst’ Gähl ond die Alt, der Großbuch ond die Ruch; d’Langbeneri, d’Haglehneri, – trib iha, wol zuha, da zuha. Lo – – ba. Sit daß i g’wibet ha (seit ich geheirathet habe), ha – n – i ke Brod meh g’ha, sit daß i g’wibet ha, ha – n – i ke Glöck me g’ha, – Lo – – ba. – Wenn’s assa wohl god (wenn’s also wohl geht) ond niena still stod (und nirgends still steht), so iß jo g’rotha, Loba, Lo – – ba! ’s iß kena Lüta bas, as ösera Chüeha; si trinkid os – em Bach, ond mögid trüeha“ (es geht keinen Leuten besser als unseren Kühen, sie trinken aus dem Bach und werden dabei fetter). – So wenig poetisch das Ganze ist, ebenso wenig läßt sich die darin waltende Gemüthlichkeit leugnen, wenn der Hirt die Kühe fragt, ob sie herein wollen. –

Die Gartenlaube (1860) b 060.jpg

Sennbub.   Senn im Festkleid bei der Ausfahrt.   Gaumer oder Kuhhirt.

Der Eindruck, den solche Küher-Gesänge auf das Alpenvieh machen, ist unauslöschlich. Denn wenn Thiere von Alpenzucht aus dem Geburtslande entfernt werden und von ungefähr diesen Gesang hören, so scheinen alle Bilder ihres ehemaligen Zustandes plötzlich in ihrem Gehirn lebendig zu werden und eine Art Heimweh hervorzurufen. Sie werfen alsdann den Schwanz in die Höhe, schlagen mit den Füßen nach allen Seiten aus, fangen an zu laufen, durchbrechen die Zäune und gebehrden sich rasend und wild. Ueberhaupt äußert das Alpenvieh zu Anfang des Sommers ein eigentliches Heimweh nach den Alpweiden und sucht aus wirklich innerem Naturtriebe das Hochgebirge. Was Corrodi in seinen unvergleichlich schönen „Alpenbriefen aus dem Appenzell“ (Alpina, Scheitlin und Zollikofer in St. Gallen) sagt, ist vollkommen wahr: „Die Alpenkühe haben Intelligenz. Wenn Du bergan gehst über die Weiden, und die schönen Thiere erheben den Kopf so klug und fragend nach Dir, dann meinst Du, Du müssest ihnen den Paß vorzeigen! – Das sind keine Kühe, wie sie im Land unten vor alle möglichen Fuhrwerke gespannt und abgekarrt werden, daß man an den Beckenknochen den Hut aufhängen könnte, – das sind Honoratioren, bewußtvoll, sich fühlend, nicht Vieh mehr, sondern Thier. Da ist Race, Schnitt, Charakter. Glaubst Du, ein Thalkühlein würde Empfindung zeigen, wenn sie die große Glocke getragen und man sie ihr wieder abnähme? Nein. Geh’ aber und frag’, wie die Leitkuh traurig wird und nicht mehr fressen mag, wenn sie ihrer Glocke beraubt wird – sieh’, wie stolz sie vorgeht – da ist Intelligenz“ u. s. w. – Die Leitkuh oder „Heerkuh“ ist jene, von welcher Kuoni der Hirt in Schiller’s Wilhelm Tell sagt:

„Wie schön der Knl> das Band zum Halse steht!
„Das weiß sie auch, daß sie den Reihen führt,
„Und nähm’ ich ihr’s, sie hörte auf zu fressen.“ –

[61] Es ist die schönste Kuh einer Sennerei; weil sie die Heerde auf der Weide stets anführt, hat sie eine Glocke am Halse, die Weidschelle genannt. Trifft es nun, daß zu einer Heerde durch Kauf eine Kuh kommt, die in ihrem früheren Engagement die Ehre hatte, Glockenkuh zu sein, und soll diese sich nun der Leitung einer anderen Heerkuh unterordnen, dann entsteht nicht selten zwischen Beiden ein Kampf auf Tod und Leben, – und zwar derart, daß die in Ruhestand versetzte Leitkuh ihre neue Vorgesetzte muthig und entschieden angreift. Darum nennt die Sennensprache eine solche die „Ringeri“. – Nicht minder muß man es zu verhüten suchen, daß die Zuchtstiere zweier Heerden einander begegnen, sonst entbrennt auch hier ein Kampf, der jedesmal mit Verlust endet. So z. B. in der Gemeinde Tamins (Graubündner Rheinthal), wo die Almend in zwei Theile getrennt ist und die dort weidenden Heerden äußerst selten einander ansichtig werden. Im Sommer 1856 trafen sich dieselben jedoch. Bei jeder Heerde war ein kräftiger Muni. Sobald die beiden gehörnten Souveraine einander ansichtig wurden, gingen sie unter wildem Gebrüll aufeinander los. Der Zweikampf begann, während beide Heerden lautlos zusahen, und endete damit, daß der eine Stier den anderen in einen tiefen Abgrund hinabstürzte. Aber vor der Wucht seinen Anlaufes konnte auch der Sieger sich nicht halten und stürzte dem Besiegten nach. Beide lagen zerschmettert in der Tiefe. Die herbeigeeilten Hirten wagten nicht dazwischen zu treten.

So wie die Alpenkühe, durch deren Schaaren der Alpen-Tourist gar häufig wandern muß, durch freudige Sprünge und liebkosende Zudringlichkeiten gegen ihnen bekannte oder unbekannte Menschen Gefühle der vertraulichsten Zuthunlichkeit unverkennbar ausdrücken, so zeigen sie außerordentlichen Widerwillen gegen Hunde. Sobald eine Alpenkuh einen fremden Hund erblickt (denn manche Sennen nehmen selbst starke Hunde mit auf Alp, z. B. im Kanton Unterwalden), stellt sie sich zur Gegenwehr, indem sie ihre Hörner als Angriffswaffe gebraucht, auf ihn zuläuft und ihn oft große Strecken verfolgt. Nicht selten kommt der Herr des Hundes dabei in Gefahr, wenn letzterer Schutz bei ihm sucht; die Kuh aber, weder Ansehen noch Stand der Person kennend, fährt fort, auf ihren Feind einzustürmen. Ist der Hund groß und hartnäckig, so vereinigen sich nicht selten mehrere Kühe, schließen einen Kreis um ihn und würden ihn unfehlbar tödten, wenn er nicht in der Flucht sein Heil suchte. Darum ist’s auch in den meisten Alpen streng verboten, Hunde mit hinauf zu bringen.

Wie eine gute Hausfrau stolz auf ihre glitzernde und blanke Küche, auf ihre gefüllten Linnenschränke und gute Ordnung im Hauswesen ist, so weiß sich der Aelpler etwas auf seine Käse. Der unglückliche Senn, welchem sie mißrathen, bleibt lange Gegenstand des Dorfgespöttes, und es gibt noch heutigen Tages Nachkommen von solchen, die den Uebernamen ihres Vaters oder gar des „Aehni“ (Großvaters) tragen müssen. Die Anerkennung, ein guter „Chäser“ zu sein, ist sogar (horribile dictu) von Einfluß bei Liebesverhältnissen. ’SMaiteli vermag’s nicht zu ertragen, wenn ihr Bub nicht für einen perfecten Sennen gilt, und manche „Brögglerin“ (d. h. Stolze) hat darum ihren Kiltgänger und Liebhaber schon verabschiedet, ungeachtet er wacker Batzen besaß. Es ist aber auch ganz erklärlich, wenn man in’s Auge faßt, welch’ bedeutender Handelsartikel der Käse für die Schweiz ist. jährlich werden für mehr als acht Millionen Franken Schweizerkäse in’s Ausland versandt, und der Gewinn von Milchproducten überhaupt, einschließlich des ungeheueren Consums in der Schweiz selbst, wird auf nahe an 100 Millionen Franken geschätzt. Die beliebtesten und gesuchtesten Sorten sind der großlöcherige, saftig-fette Emmenthaler und der noch etwas schärfere Greyerzer (fromage de Gruyère); beide Sorten werden in Laiben bis 120 Pfund Schwere gefertiget und jetzt in beinahe allen käseproducirenden Kantonen nachgeahmt. Fernere sehr geschätzte Käsesorten sind der Brienzer aus dem Berner Oberlande, dessen sich alle Sommerreisende gern erinnern, die am Gießbach oder in dem traulich gelegenen weißen Kreuz in Tracht übernachteten, dann der delicate weiche fette Urserenkäs, den man auf einer Gotthardsreise, besonders in Andermatt, vorgesetzt bekommt, der Strohkäse aus dem Val Lavizzara im Kanton Tessin, deshalb so genannt, weil er seiner Weichheit halber mit Stroh umwickelt versendet wird – der Tavetscher etc.

Wir kehren nochmals zum Aelpler zurück. Das geschäftige Einerlei, welches den Sennen in seiner sommerlichen Einsamkeit umfängt, wird in den größeren Alpen derjenigen Kantone, in denen ein frisches, lebensfröhliches Völklein wohnt, dennoch ein oder einige Mal unterbrochen; gewöhnlich gibt’s dann aber auch drastische Illustrationen zu dem alten Sprüchwort: „Keine Kirche, außer es steht ein Wirthshaus daneben.“ So auch hier an und auf den Alpenfesten. Wie es drunten im Thal jährlich einen Erinnerungstag gibt, an welchem des Ortes Kirche eingelveiht wurde, wie jedes Dorf in ganz Deutschland seine „Kirmse“ feiert, so gibt’s auch eine „Aelpler-Kilbe“. Das fromme Bedürfniß oder der hierarchische Glaubenseifer haben nämlich hier und da, tief drinnen im Gebirge, oft in abgelegener Felsenwildniß, Kapellchen erbaut, meist schmucklos und einfach, wie des Aelplers Hütte, in welchem allsommerlich ein Mal Gottesdienst gehalten wird. So ist’s in der Sennhütten-Colonie St. Martin im Kalfeuserthale, so auf der größten und schönsten Alp der Schweiz, dem Urnerboden am Klausenpaß, so im romantisch gelegenen Wildkirchli unter der Ebenalp in den Appenzeller Bergen, und an andern Orten. Da wallfahrtet denn das Volk zu hellen Haufen, namentlich die Weiber und Mädchen der droben wirthschaftenden Sennen, im bunten „Sonntigshäs“ (Sonntagskleid) hinauf, das Alpenröslein auf dem Hut. Der Geistliche, meist ein Kapuziner, hält Predigt und Messe, gibt der Alp oder auch dem Vieh seine Benediction, und damit ist dem Seelenheil für diesen Tag Genüge geleistet. Nun treten die irdischen und profanen Interessen in den Vordergrund, und da entwickelt sich denn in der Regel ein Volksfest, so kernig und urwüchsig, wie man es eben nur bei einem Volke erwarten darf, das in seinem Anschauen, Auffassen und Denken, in seinen Zuständen, Sitten und Gebräuchen innig verwachsen ist mit der erhabenen Gebirgswelt, welche es umgibt. Das ist ganz anders als da drunten im geradlinigen Flachland bei den zahmen, civilen, abgeschliffenen, vercultivirten Menschen, – etwa so ein Verhältniß wie ein Dürer’scher Holzschnitt gegenüber einem englischen Maschinen-Stahlstich. Hei! ist das ein reiches, farbiges, lebensheiteres Bild, solch’ eine „Alpstoberta“, solch’ ein Schwingfest und Steinstoßen! wie prägt sich da Selbstständigkeit, Kraft und Freiheit aus, wie schleudert da der Uebermuth seine leuchtendsten Funken empor, wie wirbelt und ringt und jauchzt und johlt da Alles durcheinander und scheint unergründlich und unverwüstlich in seinem Humor zu sein! Freilich fehlt’s nicht an Späßen, die, mit der Schrotsäge des Volkswitzes zugeschnitten, ebenso derb erwidert werden, als sie gegeben wurden; aber nie überschreiten sie jene Grenzlinie, jenseits welcher das Verwerfliche, Gemeine liegt. – Nach Inhalt, Form und Zweck weichen diese Aelplerfeste in den verschiedenen Alpengegenden wesentlich von einander ab.

Eine Appenzeller Alpstubete ist vorherrschend ein Sang- und Tanz-Vergnügen und entspricht ganz dem neckisch-jovialen Wesen dieses Volkes. Auf grüner ebener Matte ist irgend ein Emporium etablirt, auf dem ein Geiger steht; damit die sengenden Sonnenstrahlen ihn bei seiner ohnehin schweißtreibenden Kunst nicht allzusehr erhitzen, hat er an langer Stange einen großen rothbaumwollenen Familien-Regenschirm aufgespannt, in dessen Schatten er rastlos arbeitet. Ihn accompagnirt ein sitzender Hackbretspieler, der mit beiden Füßen obligate Pedalbegleitung trampelt, um des fehlenden Basses Grundgewalt zur Festhaltung der Tactes zu ersetzen. Um dieses improvisirte Orchester, dessen hüpfende und zuckende Melodieen-Wellen weithin hörbar erklingen, wogt und wirbelt die sinnenberauschte Tänzerschaar; jede kurze Pause wird ausgefüllt durch das fleißig credenzte Glas mit feurigem Oberländer oder gutem alten Rheinthaler Wein. Währenddem vergnügt sich eine andere Schaar rüstiger muskulöser Burschen mit „Steinstoßen“, oder die vom Tanze rastenden Mädchen singen ihre wunderbar schönen dreistimmigen Lieder, die erst durch die wiederklingende Resonanz der umliegenden Felsenwände jenen eigenthümlichen Schmelz erhalten, auf den sie so ganz berechnet zu sein scheinen. – Ganz anders erlustiget sich der Unterwaldner, der Emmenthaler, Entlebucher und Berner Oberländer Bergsohn; ihm sind gymnastische Spiele, die Probe körperlicher Stärke und Gewandtheit im Ringen und Schwingen das höchste Ideal alpiner geselliger Freuden. Es gibt Schwingtage in den verschiedenen Gauen, die so fest stehen wie irgend ein Heiligentag im Kalender, vererbt aus altersgrauen Zeiten. Aber es werden auch außerordentliche „Schwinget“ ausgeschrieben; solche Nachricht eilt dann, gleich einem Hochwachtfeuer, von einem Ende des Landes zum anderen. Die geübten Schwinger laben sich dann einige Wochen vorher an kräftiger, nahrhafter Kost, leben gemächlicher und bereiten sich auf den [62] Ehrentag vor. Ist nun der Tag erschienen, an welchem sie corporativ für ihrer Thalschaft Ansehen auftreten, z. B. die Entlebucher gegen die Emmenthaler, dann versammeln sich Alle an einem bezeichneten Ort, in einem Wirthshause, und trinken einander brüderlich in guten Treuen, sonder Haß und Erbitterung zu. Die spartanische Lustbarkeit beginnt mit fröhlichem Zuge zum Kampfplatz unter Anführung einer laut schmetternden Musikbande. Jeder mit seinem Gegner, Arm in Arm, folgt, und Volksmassen begleiten und schließen den Zug. Auf dem Platze angelangt, schließt sich ein weiter Kreis der Zuschauer. Eine gleiche Anzahl Kämpfer von beiden Theilen wird ausgewählt, je nach Uebereinkunft. Die Schwächeren von beiden Seiten machen den Anfang, und der Ordnung nach schließen die Stärkeren sich an. Der Anerkannteste der Schwinger ist immer oberster Befehlshaber und in verwickelten Fällen unparteiischer Rathgeber. Oft wird auch ein neutrales Kampfgericht durch Stimmenmehrheit erwählt. Jetzt tritt das erste Paar in des Cirkels Mitte, barfuß, die Hosen bis über die Hälfte der Schenkel aufgerollt, das Hemd am Halse geöffnet, ebenso die Hemdärmel weit zurückgeschürzt, den Haarwuchs des Kopfes mit einem Taschentuch umwunden. Ein Handschlag bekräftigt öffentlich, daß es einem Ringen in Freundschaft, nach alten Regeln, gelten solle. Nun fassen sie einander, und der Kampf beginnt. Die höchste Spannung, wer siegen werde, spricht sich auf dem Antlitz aller Zuschauer aus. Lange schwankt der Entscheid; endlich liegt der Eine überwunden am Boden, und lauter Beifallsruf belohnt den Gewinnenden. So folgen die übrigen Paare bis zum letzten. Die Seite, auf welcher die Wenigsten gefallen sind, namentlich wenn auch der letzte Sieger auf dieser Seite triumphirte, ist Herrin des Platzes und ihr Lob das Tagesgespräch viele Wochen hindurch. Ein freundschaftlicher Trunk schwemmt allen Unmuth hinweg, und nach friedlichem Abschied wandern die wackeren Kämpen wieder ihren Alphütten zu, um am Andenken zu zehren.

Noch eine andere Belustigung in den Berner Alpen ist das „Posternächteln“. Dies geschieht, wenn der Senn mit dem Vieh einen anderen „Staffel“ bezieht, oder wenn die Hirten die Alpen verlassen. Schon lange vorher sammeln sie Holz, das sie oft stundenweit vorn an den Rand eines hohen Felsen tragen, der das ganze Thal beherrscht; daselbst richten sie einen mächtigen Scheiterhaufen auf, zünden denselben bei anbrechender Nacht an und lassen endlich die glühenden Klötze von der Höhe hinabrollen, den Thalbewohnern ein köstliches Schauspiel zu bereiten.

So ist in wenig Zügen des Aelplers Freud’ und Leid. Herbstelet es dann endlich, d. h. stellen sich die Nachtfröste des Herbstes ein und zieht der Wald sein buntscheckiges Kleid allgemach an, dann zieht der Senn „ab Alp“. Die Poesi des Hirtenlebens ist für einmal wieder dahin, und im Andenken zehrt er in der tief eingeschneiten Winterhütte des Thales an den genossenen Freuden im Hoffen auf die Wiederkehr des Frühlings.




Die Huberbäuerin.
Von Herrm. Schmid.
(Fortsetzung.)


Nach dem Weggange des Knechtes Hans setzte sich die Bäuerin an den Tisch und nahm eine Näharbeit vor, von Zeit zu Zeit horchend, ob Paul noch nicht zurückkomme.

Als er endlich in die Stube trat, nahm sie seine Nachricht über die Bestellung in der Mühle ganz gleichgültig auf und beugte sich tief über ihre Arbeit. Manchmal, als ob sie sich einen Augenblick vergessen hätte, seufzte sie tief auf oder fuhr gar mit der Hand über die Augen, wie wenn sie eine Thräne abwischen wollte.

Keine dieser Bewegungen ging Paul, der wieder den Sitz auf der Ofenbank eingenommen hatte, verloren. Jede wirkte wie ein elektrischer Schlag auf ihn und mehrte die verderbliche Gluth, die in ihm loderte, denn die Scherze seiner Dienstgenossen hatten nur zu sehr die Wahrheit gesagt. Paul liebte seine schöne Dienstfrau mit allem Feuer einer ersten Neigung und war bemüht, ihr eine Art von bäuerischer Ritterlichkeit zu erweisen, die dieser nicht entging, wenn sie es auch nicht zu erkennen gab. Durch diese versteckte Duldung erhitzte sich Pauls Eifer immer mehr, und er lechzte nach einer Gelegenheit, seine Liebe durch eine recht entscheidende offene That zu zeigen.

Nach einer kurzen Pause, die Paul die Brust zusammenschnürte, versuchte er schüchtern, ein Gespräch anzuknüpfen.

„Du bist heut’ nicht guten Humors, Bäuerin,“ sagte er.

„Ich hab’s auch nicht Ursach’,“ erwiderte sie, anscheinend kurz, innerlich aber über die Anrede erfreut.

„Was ist’s dann, was Dir auf dem Herzen liegt?“ fragte Paul muthiger wieder. „Darf man’s wissen?“

„Wozu? Du hilfst mir doch nicht.“

Das Gesicht Pauls überlief es glühend heiß; der Athem wurde ihm zu kurz, daß er nur halblaut zu murmeln vermochte. „Wenn’s Einer kann, Bäuerin, so kann ich’s.“

Er wollte mehr sagen, aber die Bäuerin, ihre beendigte Arbeit zusammennehmend, war aufgestanden und unterbrach ihn.

„Ein guter Freund könnt’ helfen – aber wo soll ich den hernehmen?“

Das war zu viel für Paul; unfähig zu reden sprang er auf und stellte sich vor die Bäuerin, als wolle er ihr durch den Augenschein den Freund zeigen, den sie suche.

„Du?“ sagte sie wie staunend, indem sie ihn mit einem weichen, halb zärtlichen Blick ansah, der ihm durch alle Nerven zuckte. „Ich weiß, Du bist ein guter Bursch’, der was auf mich hält … aber würdest Du Alles thun, was ich von Dir verlange?“

„Alles!“

„Verstehst Du mich auch wohl – Alles? … Wenn ich nun einen Feind hätte, der mich so furchtbar beleidigt hätt’, daß ich zu Grund’ geh’n muß, wenn ich mich an ihm nicht rächen kann …“

„Sag’ wer es ist, Bäuerin,“ rief Paul außer sich, „und ich steh’ Dir gut dafür, daß er Dich nicht mehr beleidigt!“

„Wie, Du wolltest? … Aber wenn der Mensch ein gewandter, starker Bursch’ wär … Du bist noch gar so jung!“

„Sorg’ nicht – ich hab’ nicht umsonst schon manchem Hirsch oder Bock eins auf’s Blatt hinauf gesetzt.“

„Das wär’ freilich das Beste und Sicherste! Aber,“ fuhr sie scheinbar einlenkend fort, indem sie etwas näher trat, „so gefährlich soll’s nicht herunter geh’n – ich hab’ Dich nur probiren wollen. Wenn Du also Alles thun willst, was ich Dir sage …“

Paul machte eine heftige Gebehrde der Ungeduld.

„Nun ja, ich glaube Dir schon,“ sagte sie, „ich hab’ es doch schon lang’ merken müssen, daß Du mich gern hast, und wenn Eins nicht wäre, und wenn ich wüßte, daß Du schweigen kannst, wer weiß was vielleicht geschäh’ –“

„Das Eine,“ rief Paul, „sage mir das Eine!“

„Ich will’s versuchen. Thu’, als ob Du zu Bette gingst; komm’ in einer halben Stunde wieder, aber leise, daß Dich Niemand hört … und dann – .. Du kannst immer Deine Büchse herrichten. Du mußt heut’ Nacht noch einen Gang machen für mich – da kann’s in keinem Fall schaden, wenn Du sie zur Hand hast.“

Sie stocherte dabei an der Kerze herum, die sie, zum Gehen bereit, in der Hand hielt, und es war wohl mehr als Zufall, daß sie darüber erlosch. Im Augenblick fühlte sie sich von kräftigen Armen umschlungen, ein sengender Kuß brannte auf ihren Wangen, und mit einem halblauten „Ich komme“ war Paul verschwunden.


6.

Etwa eine gute Stunde später stand Paul mit der Flinte bewaffnet im Walde auf einer buschigen Anhöhe, von der man eine schmale Waldblöße überblickte. Er stand an einer hohen Tanne und spähte mit glühendem Gesichte vor sich hin, das die kalte Nachtluft nicht abzukühlen vermochte. Alle seine Sinne waren im gewaltigsten Aufruhr; wie im Fieber schlugen seine Pulse, und die Gedanken und Bilder rannen ihm unklar und nebelhaft zusammen.

Die Nacht hatte inzwischen begonnen sich zu lichten, denn der Mond sollte bald aufgehen und sandte bereits über die Tannenwipfel seine bleiche Dämmerung voraus. Desto schwärzer hoben [63] sich die finsteren Bäume selbst von dem Nachthimmel ab, wie eine gespenstige Versammlung, die rings aufgestellt war, das Kommende zu belauschen. Hier und da rauschte und knickte es in dem todtenstillen Wald, dann fuhr Paul nach dem Gewehre, ließ es aber immer wieder sinken, denn es war entweder ein spätes Wild, das durch die Zweige brach, oder eine Eule, die sich kreischend von ihrem Sitze erhob. Endlich aber wurde ein bestimmtes Geräusch hörbar, sich immer gleich wiederholend und immer näher kommend; es waren die Tritte eines Menschen.

„Er ist’s,“ murmelte Paul, spannte leise den Hahn und lauerte dann, den Kolben an’s Gesicht gedrückt, auf die jetzt vom vollen Mondlicht beschienene Waldblöße hin.

Aus den Bäumen trat allmählich die dunkle Gestalt eines Mannes hervor, und kam den Waldpfad heran, aber nicht wie Jemand, der Eile hat, sondern bedächtig und zögernd, als wäre das Herz nicht bei dem Wege, den die Beine gingen.

Es war Hans.

Schon zuckte Paul’s Finger an dem verhängnißvollen Drücker – da erklang aus weiter Ferne, halb verweht, aber doch deutlich hörbar, das feine Glöckchen herüber, das im Dorfner Kloster die Mitternacht anläutete. Es war, als ob mitten im einsamen Walde eine Menschenstimme wach geworden wäre und zu den Beiden sprach, die sich so nahe gegenüber standen.

Hans stand eine Secunde still, nahm den Hut ab und bekreuzte sich – Paul aber ward es dunkel vor den Augen, der Gewehrlauf senkte sich unwillkürlich und Hans ging seines Weges, nicht ahnend wie nahe ihm der Tod gewesen.

In wahnsinniger Aufregung stürzte Paul durch das Gehölze fort, pfadlos dem Huberhofe zu.

Jetzt trat Hans aus dem Walde hervor, und vor ihm lag die ganze Gegend im hellen Mondlicht da. In der Tiefe, zwischen den Hügelreihen hin ruhte der Nebel wie ein weißes breites Gewässer auf dem Moorgrunde, die Hügelreihen zu beiden Seiten aber ragten in voller Klarheit daraus hervor, und jedes Fenster der Höfe und Häuser auf ihnen war zu erkennen.

Unwillkürlich wendete Hans seine Augen nach dem Brandlhofe zu, der so ruhig da lag, als wäre es nur ein Traum gewesen, was seinen sichern Frieden erst vor so kurzer Zeit und so furchtbar unterbrochen hatte. Lange blickte er hinüber, die Gedanken flogen mit den Blicken zu Rosel, und es kam ihm vor, als wäre eines der Fenster noch beleuchtet. Das mußte Rosel’s Fenster sein – sie war also so spät noch wach; sie weinte und trauerte – vielleicht seinetwegen, denn das hatte sie nicht zu verstecken vermocht, daß auch sie ergriffen gewesen war bei dem letzten Gespräch. Wenn er hinüber eilen würde – es war ja nur eine kurze Strecke, und zu dem unglückseligen Bildstock im Schwarzbühel kam er immer noch früh genug! Vielleicht konnte er sie sehen und noch einmal mit seinen Betheuerungen bestürmen, vielleicht ….

Ehe er sich den Entschluß selbst klar gemacht hatte, waren auch die Füße den Augen und Gedanken gefolgt; er schritt die Anhöhe hinan und stand bald unter der großen Linde vor dem Brandlgute, gegenüber den Fenstern, wo sich nach der gewohnten Einrichtung die Schlafkammern der Dienstboten und also auch Rosel’s befinden mußten.

Rosel hatte ihr Nachtgebet schon geraume Zeit beendet, das Gebetbuch der Mutter geschlossen und den Wachsstock ausgelöscht – aber die Ruhe und der Schlaf wollten nicht kommen. Was sollte sie thun? Sie mußte sich selbst auslachen, wenn sie dachte, daß sie einen Augenblick hatte glauben können, die schöne Huberin, eine kreuzbrave Person, ein Weibsbild, sei der gefürchtete Räuberhauptmann! Welch’ ein Unheil könnte sie anrichten, wenn sie einen solchen Gedanken laut werden ließe! Und doch, wenn sie sich den Ton zurückrief, womit ihr die Bäuerin dieselben Worte zugerufen, wie der Räuber, dann fühlte sie es bestimmt, daß sie sich nicht täuschte! War es denn nicht doch möglich, daß die Bäuerin und der rothe Hannickel eine und dieselbe Person waren? Und sollte sie nun ihren Verdacht verschweigen und dadurch vielleicht schuld sein an weitern Unglücks- und Frevelthaten? Warum hatte Hans es so schmerzlich bitter bereut, daß er auf den Huberhof gekommen war? Es war offenbar, daß er etwas Schweres auf dem Gewissen hatte – vielleicht wußte er um die Schandthaten der Bäuerin, war vielleicht selbst einer von den Räubern … sie konnte damit nicht in’s Reine kommen.

„Ich will einmal darüber schlafen,“ sagte sie zuletzt, „und morgen, wenn’s Tag ist, hinübergehen zum Herrn Pfarrer. Das ist ein gescheidter, freundlicher alter Herr, der wird wohl einen Rath für mich haben.“

Sie trat noch einen Augenblick an das geöffnete Fensterchen und sah beruhigtern Gemüthes in die taghelle schweigende Mondnacht hinaus. Da kam ihr wieder Hans in den Sinn. „Es ist recht schade,“ sagte sie still hin, „daß wir nicht haben ausreden können! Wer weiß, was er mir gesagt hätt’, denn weh ist ihm um’s Herz gewesen – bitter weh – das hab’ ich wohl gesehen – und ganz vergessen hat er die Rosel auch noch nicht … Aber vielleicht hat er sich auch nur so gestellt! Er ist ein gewandter, leichtsinniger Bursch’, und ich bin ein dummes Ding, daß ich noch an ihn denk’! Die schönen Worte sind bei den Mannsleuten wohlfeil, und wenn’s ihm so Ernst wär’, wüßt’ er mich wohl zu finden …“

Rosel brach in diesem Sellstgespräch plötzlich ab und mußte mit Gewalt an sich halten, um nicht aufzuschreien. Regte sich nicht dort etwas unter der großen Linde? Kam nicht ein Bursch’ aus dem Schatten des Baumes halb heraus in den Mondschein? Also hatte sie sich doch nicht getäuscht; er kam wirklich, ihr sein bedrängtes Herz auszuschütten – es war Hans.

Bald verschwand auch der letzte Zweifel, denn sie hörte ganz deutlich, wie er leise ihren Namen rief. Sie schwieg, aber sie schloß das Fenster nicht; das war nach dortiger Sitte das Zeichen, daß sie den Besuch des Burschen, der zu ihr „zum Fensterl’n“ gekommen war, nicht zurückwies.

Hans wußte das auch wohl zu deuten, denn schon im nächsten Augenblicke war er an dem Holzvorrathe, der unter dem Fenster aufgeschichtet lag, emporgeklettert. Er stand ihr nun so nahe, daß er mit ausgestrecktem Arme bis zum Fenster empor reichen und Rosel’s Hand fassen konnte, wenn sie ihm selbe durch das Gitterkreuz entgegen gereicht haben würde.

„Was willst Du noch bei mir?“ fragte Rosel nach einer kurzen Pause beiderseitiger Befangenheit.

„Du weißt es, Rosel,“ erwiderte Hans leidenschaftlich. „Ich hab’ Dir’s heute schon gesagt, aber Du bist mir die Antwort darauf schuldig geblieben.“

„Ich hab’ Dir Alles gesagt, was ich sagen kann!“

„Also ist’s aus mit uns für ewige Zeiten? Du stoß’st mich ganz von Dir? Du willst es haben, daß ich zu Grund’ geh’ für Zeit und Ewigkeit?“

„Red’ nicht so lästerlich! Wie soll ich das wollen! Du liebe Mutter von Oetting, ich wünsch’ ja nur, daß es Dir recht gut geh’n soll!“

„Dann mußt Du mich auch anhören, Rosel … mußt mir wieder gut sein … o mein blutiger Heiland, wenn Du Alles wüßtest …“

Rosel schrak zusammen, eine Secunde lang hatte sie vermocht, alle ihre Sorgen und Befürchtungen zu vergessen. Sie schlug die Hände zusammen und rief schmerzlich … „Hans, Hans, ich fürcht’ alleweil – ich weiß schon mehr als gut ist! Deine Bäuerin …“

„Hast Du’s errathen, Rosel?“ rief Hans mit zitternder Stimme. Und als Rosel nicht gleich antwortete, frug er dringender: „Rosel, Du weißt’s, aber sag’, wie ist das möglich gewesen?“

„Ich hab’ sie heut’ wieder erkannt an der Stimm’ … Es ist also wirklich wahr, sie ist der rothe Hannickel? Und Du, Hans … Du weißt davon? Du bist vielleicht selbst einer von ihren Raubgenossen?“

Hans vermochte nicht zu sprechen, aber sein Schweigen war nicht minder verständlich. „O du liebe Mutter von Oetting,“ wimmerte das Mädchen, ein Thränenstrom brach aus ihren Augen und benetzte die Eisenstangen des Gitters, an das sie die heißen Wangen drückte.

„Du glaubst es nicht, was sie für ein Weib ist,“ sagte endlich Hans, „sie hat mich verblend’t und verführt … sie ist kein Mensch, wie ein anderer – sie ist der leibhaftige Teufel! Aber jetzt, wo Du Alles weißt, jetzt sag’ mir, hilf mir, rathe mir, was ich thun soll, wie ich mich los machen kann, wenn’s nicht schon zu spät ist! …“

Rosel lag mit dem Gesicht auf ihren thränenübergossenen Armen und brauchte geraume Zeit, ehe sie sich fassen konnte. „Zum Umkehren und Besserwerden ist’s nie zu spät!“ sagte sie endlich. „Aber was sollst Du thun? Der Weg überallhin ist ein gar bitterer! Ist’s denn möglich – Du, der liebe gute Hans, der keinem Kind was zu Leid’ hätt’ thun können, Du bist so ein schrecklicher Mensch geworden? Ist’s denn möglich, daß Dich der liebe Gott so arg hat verlassen können? …“

[64] Sie weinte von Neuem, so schmerzlich, daß es Hans in die tiefste Seele schnitt, und doch that ihm diese Theilnahme unendlich wohl. Sie weinte ja um ihn, den Verstoßenen, den Verbrecher, der sich selbst schon verloren gegeben hatte! Er war ihr also nicht ganz gleichgültig, sie liebte ihn noch — das wehte ihn an, wie die erste Hoffnung der Verzeihung; die Thränen fielen auf sein Gemüth gleich den Tropfen eines warmen Frühlings-Regens und schmolzen vollends die Eisrinde, die sich um sein Herz gebildet hatte.

Endlich ermannte sich Rosel. „Mit dem Flennen ist da nichts genutzt,“ sagte sie, „da maß angepackt werden. Ich will Dich nit verstoßen, armer Hans, aber Du mußt mir versprechen, daß Du thust, was ich von Dir verlang’.“

Sie streckte die Hand aus dem Fenster; Hans ergriff sie begierig und drückte sie zum Zeichen seines Gelöbnisses.

„Dann gehst Du morgen in aller Früh’ nach Erding, meldest Dich beim Herrn Landrichter und erzählst und gestehst ihm Alles haarklein ...

Hans fuhr zurück. „Zum Landrichter? Aber denkst Du auch ... er wird mich festhalten, in’s Loch stecken, wird ...“ „Das wird er freilich thun,“ entgegnete Rosel traurig, „aber es muß sein. Du mußt Dein Recht leiden von der weltlichen Obrigkeit, wenn Du im Himmel wieder angenommen werden willst als der verlorne Sohn ...“

„Aber Rosel könnt’ ich denn nicht ...“

„Davon geh’n, meinst Du? Und das schlechte Gewissen herumtragen in der weiten Welt? Und schuld sein, daß hier noch[WS 1] mehr Unheil geschieht? Und einmal hinfahren als ein versteckter und verstockter Sünder? - Nein, Hans, es muß sein, wie ich sag’ ...“

„Dann bin ich doch ein verlorner Mensch,“ jammerte Hans. „Wer weiß, welche Straf’ sie mir zusprechen ...“

„Das weiß ich auch nicht, aber das Gericht und der König wird’s Dir gewiß anrechnen, wenn Du von freien Stücken kommst und Ursach’ bist, daß dem Unheil ein End’ gemacht wird ...“

„Und wenn sie’s auch thun, ich muß doch in’s Zuchthaus, wer weiß auf wie lang’, und wenn ich ja wieder heraus komm’, was ist’s dann mit mir? Dann deuten die Kinder mit den Fingern auf mich, Niemand will von dem Zuchthäusler, von dem Sträfling was wissen, und Alle weichen vor mir aus, wie vor dem bösen Feind!“

„Alle, Hans?“ sagte Rosel innig. „Nein, Alle nicht! Und wenn Dich Jedes verstoßt, ich werd’s nicht thun. Ich will morgen den sauren Gang zum Gericht mit Dir machen; aber ich will mich Deiner auch nicht schämen, wenn Du in der Straf’ bist. Ich komm’ zu Dir, so oft es sein darf, und tröst’ Dich, damit Du nicht verzweifelst und so recht bereu’st, was Du verbrochen hast. Und wenn sie Dich wieder frei lassen, dann wird die Rosel am Zuchthausthor steh’n und sich Deiner wieder nit schämen, sondern bei Dir bleiben und mit Dir aushalten, was kommt ...“

„Rosel ... o Du leibhaftiger Engel,“ schluchzte Hans erschüttert. „Rosel ... das wolltest Du thun?“

„Ich versprech’ Dir’s, Hans, so g’wiß, als ich einmal mit mein’ guten Mutterl im Himmel z’sammen kommen will! Im Land, wo Dich Alles kennt, können wir dann freilich nicht bleiben ... aber dann geh’n wir miteinander fort. Es wird schon ein Plätzl geben in der weiten Welt, wo wir uns verbessert und ehrlich unser Bisse! Brod verdienen können .... Willst Du?“

„Ich will,“ sagte Hans ... „aber was mach’ ich nun mit dem Zettel da? Den soll ich unter das Armenseelbildl stecken am Marterstöckl im Schwarzbühel .. es ist die Bestellung für die Andern zu einem neuen Einbruch ...“

„Herr Gott im hohen Himmel,“ rief Rosel ... „den Zettel gib mir, Du aber, versprich mir’s, Du gehst ruhig heim, redst mit keinem Menschen ein Wort, und morgen um sieben Uhr wart’ ich auf Dich, wo die Sempt aus dem Moos herauskommt — dann gehen wir miteinander — Du weißt wohin!“

„So muß ich halt fort von Dir,“ sagte Hans, „ich kann Dir gar nit sagen, mir wird’s auf einmal so schwer um’s Herz ... ich wollt’ ich könnt’ da bleiben — mir geht’s vor, ich seh’ Dich nit wieder!“

„Nimm Dich zusamm’, Hans,“ erwiderte Rosel, gleich ihm erweicht, „mach’s herzhaft durch, was sein muß. Der liebe Gott sieht Dein Herz, er wird’s ja machen, daß Alles recht wird.“

Zögernd nur entschloß sich Hans zu gehen. Als er den Holzstoß herabgeklettert war, rief er noch ein wehmüthiges „B’hüt Dich Gott, Rosel,“ hinauf — dann verschwand er langsam, noch oft zurücksehend und winkend, in dem angrenzenden Gehölz.

Nach einigen Secunden schlüpfte auch Rosel geräuschlos aus dem Haus. Sie war in leichter Nachtkleidung, hatte nur ein großes Tuch über den Kopf geworfen und eilte in entgegengesetzter Richtung dem Walde zu.

... Inzwischen war Paul längst am Huberhofe angekommen. Er wollte in seine Kammer, aber sein böser Engel, die schöne Huberin, hatte am Fenster seine Zurückkunft belauscht. Leise rief sie ihn heran, als sie aber erfuhr, daß die ihm aufgetragene That nicht geschehen war, gerieth sie außer sich. Sie schlüpfte aus der Kammer und ließ den halb wahnsinniqen Burschen in die verlassene Stube des Erdgeschcsses ein. Unter den leidenschaftlichsten Klagen zog sie den Verwirrten an sich und verschwendete alle Liebkosungen, alle Künste der Ueberredung, bis er das Versprechen erneute und noch einmal forteilte, den dem Tode Geweihten auf dem Rückwege zu morden.

Die schöne Huberin stand lange am Fenster, unbekümmert um den frischen Morgenwind, der ihr heftig um Stirn und Nacken blies. - Schon leuchtete im Osten ein grauer Streifen auf — da hallte vom düstern Walde das Echo eines schwachen Schusses herüber.

Kaltblütig schloß sie nun das Fenster, indem sie vor sich hinmurmelte: „Gott geb’ Dir die ewige Ruhe, Hans - Du wirst mich nicht verrathen – aber ich hab’ Dir doch Wort gehalten, daß das der letzte Gang war, den Du gemacht hast!“

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.


Karl Vogt hat soeben unter dem Titel: „Mein Proceß gegen die Allgemeine Zeitung“ ein Buch veröffentlicht, das unbedingt großes Aufsehen erregen wird. Was Vogt über viele Mitarbeiter der Allgemeinen Zeitung erzählt, ist so scandalöser Natur, daß, wenn die mitgetheilten Thatsachen wahr sind — und Vogt verspricht, die Beweise beizubringen —, die Augsburger Allgemeine mit ihren oft gerühmten hohen Verbindungen in einem mehr als zweifelhaften Lichte erscheint. Es kömmt da viel schmutzige Wäsche zum Vorschein. Im Uebringen scheint aus den abgedruckten Documenten hervorzugehen, daß Vogt die ihm vorgeworfene Gewinnung publicistischer Federn für seine Revolutionszwecke nicht mit französischen, sondern mit ungarischen Geldern zu bewerkstelligen suchte, wie er denn auch ganz offen gesteht, daß „wer Oestereich schade, die freiheitliche und einheitliche Entwickelung Deutschlands fördert –“. Dem Buche hat er als Motto sehr malitiös die Aeußerung des Herrn v. Cotta vorgesetzt: „Fünfundzwanzigtausend Gulden gäbe ich darum, wäre die Geschichte nicht passiert!“ — Ein Redacteur der Allgemeinen, Herr Orges, hat bereits gegen einige Behauptungen Vogt’s protestirt.




Der deutsche National-Verein hat vor einigen Tagen sein erstes „Flugblatt“ in die Welt gesandt. Nach einem Hinweis auf die durch die Ereignisse des vorigen Jahres herbeigeführte Vereinigung der liberalen (constitutionellen und demokratischen) Parteien, fordert er wiederholt zu einer gesetzlichen Agitation auf, deren vorläufiges Ziel, ehe an den Ausbau der innern Zustände gedacht werden könne, eine deutsche Centralgewalt mit einer Volksvertretung an der Seite sein müsse. Als unerläßliche Vorbedingung dazu verlangt er, daß der Deutsche seine unselige Scheu vor der „Mißliebigkeit“ ablege und seine Ueberzeugung ohne Furcht vor Maßregelungen aller Art dadurch bethätige, daß er streng in den Grenzen des Gesetzes jeder etwaigen Uebertretung desselben entschieden entgegentrete. Als hauptsächliche Mittel zur Förderung der Vereinszwecke wird die Betheiligung des Volkes bei den Wahlen zu den Ständeversammlungen, Benutzung der Tagespresse etc. bezeichnet.




Auflösung des Räthsels in Nr. 52 vorigen Jahrg.: „Wechsel“. 1. Wechsel der Zustände. 2. Wechsel der Stoffe. 3. Werthpapier. 4. Der „Wechsel“ in Maschinen, Uhren etc. 5. Wechsel des WIldes. 6. Der Köln’sche Wechsel, ein Pflug, am Niederrhein verbreitet. 7. Der Wechsel des Studenten, sein halbjähriges Einkommen. 8. Der Wechsel, Ruhepunkt in den Minen, wo die Karren umgetauscht werden. 9. Der Wechsel der Postpferde (heißt sch1ichtweg Wechsel). 10. Fruchtwechsel. 11. Wechselbalg. 12. Notenwechsel. 13. Wechselfieber. 14. Geldwechsel. 15. Wechselfall. 16. Ringwechsel. 17. Wechselgesang. 18. Briefwechsel. 19. Wechselreiter. 20. Gedankenwechsel. 21. Wechselreim. 22 Wechselschuld. 23. Krankheitswechsel. 24. Wechselgelenk. 25. Kleiderwechsel. 26. Garnisonwechsel. 27. Wechselzahn. 28. Mondwechsel. 29. Windwechsel. 30. Wechselplatz. 31. Bahnwechsel.

„Und ob Alles im ewigen Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist!“   Schiller.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Jedes Insect hat drei Zustände zurückzulegen, ehe es, nach der letzten Metamorphose, seine vollkommenste Form als Fliege (Schmetterling, Mücke, Käfer, Fliege, Biene etc.) erhält. In dieser Form erst ist es im Stande, seine Art fortzupflanzen, und es verschwindet, sobald diesem Gesetze der Natur Genüge geleistet worden ist. Während es nun fast bei allen übrigen Geschöpfen eine durchgehende Erscheinung ist, daß das männliche Geschlecht dem weiblichen an Größe, Kraft und Schönheit überlegen ist (man will ja, selbst den Menschen, auch im Schönheitspunkte, nicht ausnehmen), findet bei den Insecten in den allermeisten Fällen das Umgekehrte statt. So auch bei der Nonne.
    Der weibliche Schmetterling hat oft bis zwei und ein halb Zoll Flügelspannung, das Männchen ist gut einen halben Zoll kleiner. Ersterer hat einen schonen, rosenrothen Hinterleib, welcher Schmuck dem Letzteren fehlt oder wenigstens nicht glänzend ist. Auch ist bei dem Männchen die Zeichnung der Flügeldecken nicht so schön, als beim Weibchen. Der einzige Vorzug des Männchens sind seine schönen buschigen, doppelt gekämmten Fühler, welche dem Weibchen abgehen. Schon von weitem, und selbst wenn sie hoch am Stamme sitzen, sind die beiden Geschlechter kenntlich, da noch das Merkmal hinzukommt, daß das Weibchen seine großen Flügel im Sitzen über einander schlägt, während diese bei dem Männchen sich nicht völlig decken, und noch einen Theil der Unterflügel sehen lassen.
    Der verhältnißmäßig dicke Leib des Weibchens endigt mit einem langen Dorne, der segenannten Legeröhre. Vermittelst dieser schiebt er Ende Juli oder Anfang August seine Eier tief in die Risse und Ritzen der Rinde von Baumstämmen, woselbst diese, ohne merkliche Veränderung, bis zum nächsten Frühjahre bleiben. Sehr bald nach dem Proceß der Eierablage stirbt das Weibchen, dessen Leib ganz zusammenschrumpfte, und das Männchen verschwindet zu gleicher Zeit.
    Sobald Ende April oder Anfang Mai die Frühjahrssonne warm auf die Rinde der Bäume scheint, beginnt es auf derselben lebendig zu werden. Die Schalen der Eier öffnen sich, und eine Menge ganz kleiner schwarzer Räupchen kommt hervor und kriecht nesterweise zusammen. Zwei bis drei Tage verharren die Räupchen, welche an der freien Luft sehr zunelmen, auf demselben Fleck und steigen dann hinauf auf den Baum, um in den Blättern oder Nadeln desselben ihre Nahrung zu suchen. Mit einer fabelhaften Gierigkeit stürzen sie sich auf den Fraß und merkwürdiger Weise sind sie so verschwenderisch, daß sie nur den kleinsten Theil des Blattes oder der Nadel wirklich fressen, bei weiten das Meiste nur abbeißen und herniederwerfen. In wenig mehr als zwei Monaten sind sie ausgewachsen, etwa ein und einen halben Zoll lang, von blaugrauer Farbe, mit langen Haarbüscheln. und haben, als ganz charakteristisches Unterscheidungszeichen, einen auffallend sammetschwarzen Fleck zwischen dem zweiten und dritten Leibesringe. – Ende Juni oder Anfang Juli steigen sie vom Baume hernieder, um sich zwischen losen Fäden in den Ritzen der Rinde zu verpuppen. Der Zustand als Puppe ist der kürzeste, denn schon nach drei Wochen zerbr!cht die Hülle, um den Falter an das Tageslicht zu lassen.
    Dies ist der gewöhnliche und regelmäßige Gang, von dem nur ausnahmsweise geringe Abweichungen stattfinden.
  2. Ratzeburg, unser berühmter Entomologe, hat bis gegen tausend Species von Ichneumonen herausgefunden. Es entstehen jedoch begründete Zweifel, ob in der That so viele existiren und ob sich nicht dieser ausgezeichnete Gelehrte mitunter durch Spielarten täuschen ließ, welche er für besondere Species hielt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ncch