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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1859
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1859) 393.jpg
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[393]

No. 28. 1859.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.
Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Volkesstimme.
Criminalgeschichte von J. D. H. Temme.
(Fortsetzung.)

Die Dunkelheit des Abends war vollständig eingetreten. Man konnte nicht einmal jene hohe Baumgruppe mehr sehen, an der wir aus der Heide herauskommen mußten. Daß wir noch in der Heide waren, nur das war uns klar. In der weiten, menschenleeren, wüsten, mit Finsterniß bedeckten Heide. Was nun? Ich sprang zuerst auf und half dem Kutscher auf sein gesund gebliebenes Bein. Aber was weiter? Er mit seinem lahmen Beine und ich mit meinem lahmen Arme konnten den Wagen nicht einmal aufheben, um weiter zu kommen. Hätten wir es aber auch gekonnt, ein Rad war und blieb gebrochen.

„Hole der Teufel diese verdammten Wege!“ fluchte der Kutscher.

Hole der Teufel etwas Anderes, hätte ich fluchen mögen; aber mit Fluchen richtet man in solchen Situationen nichts aus. Und ich dachte plötzlich auch nicht mehr daran.

Ein leichter Schritt wurde in der Heide hörbar. Er kam nicht näher, er schien sich vielmehr von uns zu entfernen, hinter uns, auf der andern Seite des Walles, über den wir gestürzt, und des Grabens, in den wir nicht hineingestürzt waren. Man sah Niemanden. Wer konnte in diesem Augenblicke an uns vorübergehen, sich fast an uns vorbeischleichen, uns in unserer Lage hülflos lassen? Es war zwar finster in der Heide, aber zu hören war unser Unfall selbst in weiterer Ferne gewesen, als jene Schritte sich befanden! Selbst der Heidemann mit den Siebenmeilenstiefeln wäre da wohl an uns herangekommen, wenn auch nur aus Neugierde. „Heda,“ rief ich. „Hierher, guter Freund! Hier ist Noth, hier ist Hülfe nöthig.“

Einen Augenblick noch glaubte ich, den leichten, flüchtigen Schritt weitergehen zu hören. Dann hielt er an, wandte um und kam auf uns zu.

„Sie haben einen Unfall gehabt?“

Es war die Stimme des Mannes, der uns vorhin den rechten Weg gezeigt, den der alte, kleine Bauer nach der allgemeinen Volksstimme als einen Verbrecher, als den Urheber der vielen in der Gegend verübten Diebstähle bezeichnet; den auch ich in dem schönen Gesichte das Kainszeichen hatte tragen sehen, jenes eigentliche Kainszeichen, das man sieht, von dem man aber nichts weiter sagen kann; der ein Fremder hier war; der die aller Welt unbekannte Sprache redete. Er sah völlig so finster aus, wie früher; aber er sah mich nicht mehr lauernd an, wie vorher; verdächtig gleichwohl wahrlich nicht minder. Es lag eine so sonderbare Befriedigung in den finsteren, unheimlichen Gesichtszügen, als er meinen verstauchten Arm und das verrenkte Bein des Kutschers gewahrte. Mir wollte in der That unheimlich werden in dieser Nähe. Der Kutscher war an meine Seite gehinkt. Ihm schienen die Zähne zu klappern.

Der Fremde besah den Wagen. „Sie können mir wohl nicht helfen, ihn aufzurichten?“ fragte er dann den Kutscher.

„Mein Bein –“ stotterte dieser.

Ich wollte ihm helfen.

„Es ist nicht nöthig,“ gab er mir zur Antwort, und er hatte rasch den Wagen schon aufgerichtet. Er mußte eben so viel Kraft, als Geschick und Gewandtheit besitzen. „Das linke Vorderrad ist entzwei,“ sagte er dann. „Haben Sie einen Strick im Wagen?“

„In dem Sitzkasten unter dem Bock,“ sagte der Kutscher.

Er hatte den Sitzkasten schon geöffnet, nahm den Strick heraus, der darin lag, und nach wenigen Minuten war das zerbrochene Rad leidlich zusammengebunden.

„So, Herr, jetzt kann der Wagen wieder weiter, aber nur zur Noth, nur im langsamen Schritt, bis zum nächsten Hause, wo man dann weiter sehen muß.“

„Ist ein Haus in der Nähe?“ fragte ich.

„Eine Viertelstunde von hier.“

„Können Sie uns hinführen?“

„Warum nicht?“

„Wären Sie so gut?“

„Gern. – Nur,“ fuhr er dann fort, „werden Sie den Weg neben dem Wagen zu Fuße machen müssen. Ihren Kutscher, der nicht gehen kann, wird der Wagen wohl noch tragen.“

„Es sei so.“

Wir hoben Beide den Kutscher in den Wagen; er nahm die Zügel der Pferde, die Peitsche des Kutschers und trieb die Pferde an. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich ging neben ihm her. Wir fuhren und gingen in unserer bisherigen Richtung weiter. Nach einiger Zeit gewahrte ich die Baumgruppe, die er uns schon vorher als den Punkt bezeichnet hatte, an dem wir aus der Heide herauskommen mußten.

Wir waren auf einer befahrenen Straße, die durch Feld und Wald führte. Ich glaubte mich zu erinnern, daß wir auch am Morgen auf dem Hinwege hier gefahren waren. Ich mußte mich aber auch erinnern, daß die Gegend völlig menschenleer gewesen war und daß ich weit und breit kein Haus bemerkt hatte.

Wir konnten eine Viertelstunde gefahren sein.

„Kommen wir bald an ein Haus?“ fragte ich.

[394] „In zehn Minuten, Herr. Es geht langsam.“

„Liegt es an der Straße?“

„Ungefähr fünf Minuten von der Seite. Wir biegen bald von diesem Wege ab.“

„Wem gehört es?“

„Mir.“

Mich durchzuckte es bei dem Worte.

In das Haus des finsteren unheimlichen Menschen sollten wir, des Menschen, den die ganze Gegend für den gefährlichsten Dieb hielt! In die Räuberhöhle sollte ich, in stockfinsterer Nacht, in wildfremder Gegend, ich mit meinem lahmen Arme, der Kutscher mit seinem lahmen Beine, Beide ohne Waffen, unfähig zu jedem Widerstande! Und kein Mensch in der Welt wußte etwas davon, daß wir in diese Höhle hineingingen. Waren wir später verschwunden, so waren wir spurlos verschwunden. Sollten wir uns ihm wirklich überliefern? Gutwillig, freiwillig überliefern? Aber konnten wir anders? Entweder war er der gefürchtete Dieb, und wir waren in Gefahr, oder er war es nicht, und wir konnten ihm ruhig in sein Haus folgen. War er der Dieb, so waren wir unter allen Umständen in seiner Gewalt, mochten wir weiter mit ihm gehen oder nicht. War er es nicht, so mußte jedes Mißtrauen namentlich mich lächerlich machen.

„Werden Sie unseren Wagen wieder herstellen können?“ fragte ich ihn.

„Ich hoffe es.“

„Wohnen Sie in einem Dorfe?“ fragte ich noch.

„Nein. Es ist überhaupt kein anderes Haus in der Nähe.“

Er setzte die Worte wie absichtlich hinzu, und ich hatte doch meine Frage in dem gleichgültigsten Tone von der Welt vorgebracht. Er sollte an meinen vollkommenen Gleichmuth glauben.

„Ich habe zwar Eile,“ fuhr ich daher fort, „ich müßte morgen früh wieder zu Hause sein. Aber könnte ich, wenn es nicht anders ginge, bei Ihnen Nachtquartier finden?“

„Wenn Sie vorlieb nehmen wollten, ja.“

Er hatte immer nicht unhöflich gesprochen, aber kurz, und sein finsteres, unheimliches Gesicht glaubte ich bei jedem Worte zu sehen. –

Er bog von der Straße ab, in einen Seitenweg. Wir fuhren einer dunkel vor uns liegenden Holzung zu; der Weg führte mitten in sie hinein. Diese Holzung war dicht, finster und etwa fünf Minuten lang. Dann kamen wir in offenes Feld, an dessen Rande sich vor uns dunkle Gegenstände erhoben. Der Fremde führte uns auf diese zu. Ich erkannte ein paar Gebäude, zwischen denen und um die herum mehrere Bäume standen. Es war das Gehöfte des Fremden.

War es die Höhle des Räubers?

Wir kamen näher. Ich erkannte deutlicher die Umrisse eines größeren Bauernhauses mit den dazu gehörigen kleineren Nebengebäuden. In Westphalen findet man meist solche einzeln liegende, abgeschlossene Bauerhöfe. In jener Gegend kamen sie hin und wieder vor.

„Das ist Ihr Gehöfte?“ fragte ich unseren Führer.

„Ja, Herr.“

„Ihr Name?“

Der kleine, alte Bauer hatte mir seinen Namen, Heimann, genannt; aber er durfte nicht wissen, daß ich ihn kannte.

„Heimann,“ antwortete er.

Wir fuhren auf den Hof und langten an dem Hause an. Auf dem Hofe war es dunkel; auch in dem Hause sah man kein Licht. Trotz der Dunkelheit konnte ich indeß wahrnehmen, daß überall Ordnung herrschte; die Gebäude schienen in gutem Zustande zu sein. Nach einer Räuberhöhle sah das nicht aus.

Der Hausherr, auf dessen Grund und Boden wir uns jetzt befanden, klatschte mit der Peitsche, um unsere Ankunft anzukündigen.

„Es ist schon spät,“ sagte er zu mir, „meine Leute werden meist schlafen; denn morgen früh müssen sie schon um drei Uhr wieder an der Arbeit sein.“

Ich hatte kurz vorher auf meine Uhr gesehen; sie zeigte auf neun Uhr. Wir waren im August.

Die Thür des Hauses öffnete sich. Ein Knecht trat mit einer Laterne heraus. Der Mensch sah ordentlich aus, nur etwas schläfrig. Einen Räuber sah man dem nicht an.

„Ist meine Frau schon zu Bett?“ fragte ihn sein Herr.

„Sie hat noch auf Sie gewartet.“

„Halte die Pferde.“

Der Knecht stellte sich zu den Pferden, und der Herr wandte sich an mich.

„Vor der Hand, Herr, werden Sie wohl in mein Haus eintreten müssen. Ich werde unterdeß suchen, ob sich auf dem Hofe ein Rad findet, das zu Ihrem Wagen paßt.“

„Und wenn sich keins findet?“

„Mit den drei Rädern können Sie nicht weiter. Dann würden Sie schon die Nacht ganz hier bleiben müssen. Morgen früh, gleich um drei, würde ich zum Stellmacher schicken, der eine Viertelstunde von hier wohnt.“

„Könnte ich nicht sofort mit dem Wagen zu dem Stellmacher fahren?“

„Wie Sie wollen, Herr. Aber in der Nacht wird Ihnen der Mann kein Rad machen. Auch er ist heute schon um drei Uhr auf gewesen und hat den ganzen Tag gearbeitet; da wollen die Leute des Nachts ihre Ruhe haben. Aber – wie Sie wollen.“

Er sprach so unbefangen, so treuherzig. Sein Gesicht, das ich in dem Scheine der Laterne voll sehen konnte, kam mir nicht mehr so finster und unheimlich vor. Es sah rings umher so ordentlich, so unverdächtig aus. Es war möglich, daß sich gleich ein passendes Rad fand und ich in der nächsten Viertelstunde meine Reise fortsetzen konnte. Ich hätte eine lächerliche Furcht verrathen, wenn ich ohne weiteren Grund darauf bestanden hätte, zu dem Stellmacher zu fahren. Mein armer Kutscher ächzte zudem im Wagen; sein verstauchtes Bein schmerzte ihn sehr. Ich entschied mich, zu bleiben.

„Gut,“ sagte er, „so werde ich die Pferde in den Stall und den Wagen in den Schuppen bringen lassen.“

An den Wagen war er schon herangetreten, um dem lahmen Kutscher herauszuhelfen; er hob ihn leicht heraus.

„Wenn Sie,“ sagte er zu ihm, „den Fuß tüchtig mit Branntwein einreiben, so wird er morgen wieder besser sein, besonders wenn er die Nachtruhe haben könnte. – Wollen Sie nicht Ihre Sachen aus dem Wagen nehmen?“ wandte er sich dann an mich.

Er sprach und that Alles mit einer so klaren, so völlig unbefangenen und unverdächtigen Ruhe. Ich mußte das Mißtrauen, das noch in mir aufsteigen wollte, fast mit Spott zurückkämpfen.

Volkesstimme ist doch nicht immer Gottesstimme!

Ich hatte nur meine Acten im Wagen. Ich nahm sie heraus. Der Hausherr führte uns in das Haus. Wir traten, ähnlich wie in den westphälischen Bauerhäusern, in eine große, geräumige Küche. Sie schien auch, wie gleichfalls in Westphalen, zum gewöhnlichen häuslichen Aufenthalte zu dienen; es standen wenigstens Tische und Stühle darin.

„Lassen Sie sich einstweilen hier nieder,“ sagte der Hausherr. „Unsere Wohnstube ist zugleich unsere Schlafstube. Meine Frau ist mit den Kindern darin. Auf dem Lande ist das so.“

Er ging in eine Stube nebenan, und ich hörte ihn dort bald sprechen. Eine Frauenstimme antwortete ihm. Was sie sprachen, konnte ich nicht verstehen. Ich glaubte nur, daß sie deutsch redeten.

Nach einer Weile kam er zurück, und brachte dem Kutscher ein Glas mit Branntwein. Zugleich mußte der Kutscher den Fuß zeigen. Es war nur eine leichte, obwohl schmerzvolle Verstauchung, die nur für heute bis morgen am Gehen hinderte. Während wir mit der Besichtigung beschäftigt waren, hatte sich die Thür derselben Stube geöffnet, aus welcher der Hausherr zurückgekehrt war.

Als ich aufblickte, sah ich, daß eine Frau herausgetreten war. Sie hatte uns aber schon den Rücken zugewandt, ihr Gesicht sah ich nicht mehr. Ihre Figur war groß, schlank. Sie verließ durch eine Seitenthür die Küche. Gleich darauf verließ uns auch der Hausherr.

„Ich werde jetzt nach Ihrem Wagen sehen.“ Er ging auf den Hof.

„Der ist doch kein Heidegespenst!“ sagte der Kutscher hinter ihm her. Er fühlte sich behaglich, zumal da er sich überzeugt hatte, daß für seinen Fuß keine Gefahr sei. Von meiner Unterredung mit dem kleinen, alten Bauer hatte er nichts gehört.

Nach ungefähr zehn Minuten kam der Hausherr zurück. „Es wird sich machen mit Ihrem Wagen. Wir haben ein Rad gefunden, das paßt. Es muß nur noch fester zusammengeschlagen werden. Der Knecht ist damit beschäftigt.“

[395] Dann ging er der Frau nach, kehrte aber mit dieser bald zurück. Die Frau ging hinter ihrem Manne, so daß sein Schatten auf sie fiel; er trug ein Licht, das sie vorhin getragen hatte. Als sie in die Nähe der Stubenthür kam, bog sie rasch nach dieser ab, und ohne daß sie mich gegrüßt oder nur nach mir hingeblickt hatte, öffnete sie die Thür und verschwand in der Stube.

War das Alles absichtslos oder mit Vorbedacht geschehen? Und wenn das Letztere, aus welchem Grunde? Ich hatte freilich bei gewöhnlichen, in ihrer ländlichen Abgeschiedenheit lebenden Bauerfrauen öfter eine ähnliche Scheu vor Fremden gefunden. Ihr Benehmen wollte mir doch auffallen, zumal wenn ich an so Manches dachte, was mir der alte Bauer erzählt hatte. Uebrigens hatte ich doch mit einem Blicke das Gesicht der Frau erhascht. Es war blaß, aber ich glaubte feine und regelmäßige, schöne Züge bemerkt zu haben. Der Hausherr wandte sich an mich:

„In der nächsten Stunde werden Sie nicht fortkönnen, und hier in der Küche können Sie nicht bleiben. Meine Frau hat eine Stube für Sie zurecht gemacht; wollen Sie mir dahin folgen?“

Die Worte wollten mir wieder einen Stich in das Herz geben. Aber ich durfte wiederum kein Bedenken zeigen, das wie Furcht ausgesehen hätte. Ich folgte ihm.

Er führte mich durch dieselbe Seitenthür, aus der er mit seiner Frau zurückgekehrt war. Durch die Thür traten wir in eine geräumige Scheune. Gleich links in dieser war eine kleine, schmale Treppe; diese führte er mich hinauf. Wir traten in eine Stube. Sie war klein, niedrig; aber es standen hübsche, neue Möbeln darin, und Alles war außerordentlich rein und sauber. Es war die Putz- und zugleich Fremdenstube des Hauses. Auch ein Bett stand darin, und es war frisch gemacht. Das konnte auffallen. Ich hatte nur für eine Stunde hier meinen Aufenthalt nehmen sollen.

Der Hausherr mochte mir es ansehen, wie es mir auffiel.

„Meine Frau hat es schon aus Vorsorge gethan,“ sagte er, „für den Fall, daß Sie doch die Nacht bleiben müßten.“ Die Auskunft war eine völlig unverfängliche. „Machen Sie es sich bequem hier!“

Er verließ mich; aber schon nach wenigen Minuten war er wieder da.

„Ich bringe Ihnen einen kleinen Nachtimbiß. Aber ich sagte es Ihnen vorher, Sie müssen vorlieb nehmen.“ Er brachte Brod, Butter, Schinken, dabei eine Flasche mit Wasser. „Schnaps werden Sie nicht trinken, und sonst habe ich nur Wasser im Hause.“

Es war wieder Alles so rein und sauber und einladend. Ich mußte unwillkürlich zulangen.

Er hatte mich wieder verlassen. Ich blieb lange allein. Meine Uhr zeigte schon halb elf, als er zurückkam. Er schien etwas verlegen zu sein.

„Mit dem Rade ist ein Unglück passirt. Der Knecht war ungeschickt; anstatt es fester zusammenzuschlagen, hat er es in einander geschlagen. Es thut mir leid für Sie; aber ich kann Ihnen nun nicht mehr helfen, Sie werden die Nacht wohl hier bleiben müssen. Morgen früh noch vor drei schicke ich das zerbrochene Rad zum Stellmacher, und um fünf Uhr schon können Sie abfahren.“

War der Knecht wirklich so ungeschickt gewesen? Oder war es Vorwand, was er sagte?

Er hatte Alles wieder natürlich und arglos genug gesprochen, und – ich war jedenfalls gefangen. Es konnte mir nicht einmal helfen, wenn ich selbst hätte nachsehen wollen. Nur nach meinem Kutscher wollte ich mich noch umsehen, um wenigstens zu wissen, wo er sei, wenn es in irgend einem Nothfalle darauf ankäme. Aber auch dazu sollte ich nicht gelangen.

„Ihrem Kutscher haben wir ein Lager in einer Kammer neben der Küche gemacht,“ sagte er von selbst. Dann fragte er, ob ich noch etwas zu wünschen habe, dann wünschte er mir. gute Nacht, und ließ mich allein. –

Ich war allein in einem hübschen Stübchen, in dem Alles so freundlich, so einladend war, auch das von glänzenden Leinen frisch aufgemachte Bett. Aber auch in dem Hause eines Menschen, den die Gegend als einen Verbrecher bezeichnete, der das Kainszeichen in dem finsteren, unheimlichen Gesichte trug. Ich war allein unter einem gastlichen Dache oder in einer Räuberhöhle. Mein Kutscher war noch da, aber ich wußte nicht, wo er, er wußte nicht, wo ich war. Und außer uns Beiden wußte kein Mensch in der Welt, wo wir waren. Verschwanden wir, man konnte kaum ahnen, wo man uns suchen solle.

Aber war ich nicht ein Thor mit solchen Gedanken? Was hatte ich denn Verdächtiges gesehen oder gehört? Warum sollte auch ein Verbrechen gegen mich verübt werden? Ich hatte nur meine Uhr und weniges Reisegeld bei mir. Er mußte das wissen können, da er unstreitig von dem Kutscher erfahren hatte, wer ich war. Darum etwa sollte er einen Doppelmord begehen? Wagen und Pferde konnten ihn gar nur verrathen.

Ich beschloß, mich ruhig zu Bette zu legen, sah mich aber vorher noch in dem Stübchen um. Vorsicht kann nie schaden.

Es lag an der Hinterseite des Hauses, wahrscheinlich – ich konnte es in der Dunkelheit nicht unterscheiden – nach einem Garten hin. Es hatte nur ein Fenster, aber zwei Thüren. Durch die eine war ich gekommen; sie hatte inwendig einen Riegel, den ich vorschob. Die andere war in einer Seitenwand. Ich konnte sie öffnen; sie führte in ein zweites kleines Gemach, eine Kammer, die dem Stübchen glich, in dem ich mich befand. Aber sie war leer. Nur ein paar Koffer standen darin. Eine zweite Thür hatte sie nicht. Ich verschloß gleichwohl die Thür, die aus meinem Zimmer hineinführte. Sie hatte ebenfalls einen Riegel, den ich gleichfalls vorschob. Dann legte ich mich zu Bette und löschte das Licht aus.

Ich mochte noch Mancherlei über meine Reise und meine Lage nachdenken; aber ich war müde. Um mich her war Alles still, draußen wie im ganzen Hause. Ich schlief bald ein.

Ein Geräusch weckte mich. Ich fuhr in meinem Bette unwillkürlich in die Höhe. Es war Jemand draußen an der Thür der Stube, an der Eingangsthür, die zu der Treppe und zu der Scheune führte. Es wurde an dem Schloß der Thüre gearbeitet. Ich horchte und blieb sitzend im Bette. Ich hörte deutlich, wie ein Schlüssel in dem Schlosse hin und her gedreht wurde. Offenbar wurde der Versuch gemacht, die Thür zu öffnen. So indeß konnte das, da sie von innen verriegelt war, nicht geschehen. Ich konnte, wenigstens einstweilen, ruhig weiter horchen. Der vergebliche Versuch zu öffnen wurde noch eine Weile fortgesetzt, Anderes als das Drehen des Schlüssels hörte ich nicht, namentlich auch kein Sprechen, kein Flüstern, kein Zischeln.

Ich schloß, daß nur eine einzige Person draußen sei.

Wer war es? Mein Wirth? Der verdächtige Mensch mit dem Kainszeichen? Sollte ich aufspringen? mich zu erkennen geben, daß ich wach sei? Oder sollte ich still abwarten, was dem endlich als vergeblich anerkannten Versuche, mit dem Schlüssel zu öffnen, weiter folgen werde, und dann, wenn es Noth thue, aus dem Fenster Hülfe rufen?

Hülfe? Von wem hier Hülfe?

Waffen führte ich nicht bei mir, nicht einmal einen Stock, ein Federmesser. Ich konnte mich nur mit einem der Stühle vertheidigen, die in der Stube standen.

Ich sann nach, was ich thun solle. Auf einmal war es still geworden, ich hörte nichts mehr – keinen Laut weiter. Der Mensch, der mir seinen Besuch zugedacht hatte, mußte wieder fort sein. Aber wie leise mußte er sich entfernt haben, da ich bei dem angestrengtesten Horchen nicht den geringsten Laut eines Schrittes hatte vernehmen können!

Hatte ich vielleicht nur geträumt? Aber ich saß noch aufrecht im Bette, und im aufrechten Sitzen hatte ich deutlich jene Töne gehört. Es war noch stockfinstere Nacht. Ich ließ meine Uhr repetiren, sie schlug Mitternacht. Im ganzen Hause regte sich nichts, eben so wenig draußen.

Was sollte ich machen? Ich war bald entschieden. Mochte da gewesen sein, wer wollte, mochte ihn eine gute oder eine böse Absicht geleitet haben, es war jetzt Alles wieder ruhig, und es blieb ruhig; ich konnte also keine Veranlassung haben, Unruhe im Hause zu machen. Wer konnte auch wissen, in welcher unschuldigen Absicht mir ein höchst gleichgültiger Besuch zugedacht war? Am andern Morgen mußte sich aufklären, was aufzuklären war.

So dachte ich. Und in diesem Gedanken konnte ich gar nach kurzer Zeit wieder einschlafen. Ich muß sogar fest, sehr fest geschlafen haben. Späterhin meinte ich zwar, ich sei im Schlafe einmal wie von einem plötzlichen Geräusche gestört worden. Aber zu einem klaren Bewußtsein, zu einer bestimmten Erinnerung konnte ich darüber nicht kommen. Irrte ich mich nicht, hatte ich namentlich nicht blos geträumt, so hatte das Geräusch mich jedenfalls nicht aus der Trunkenheit des Schlafes herauszubringen vermocht. [396] Aber von einem andern Geräusche erwachte ich desto plötzlicher und zur klarsten Besinnung. Es wurde stark an die Thür der Stube geklopft. Ich fuhr hoch im Bette auf. Es war heller Morgen.

„Sind Sie wach?“ rief draußen an der Thür die Stimme des Hauswirthes.

„Was gibt es?“ fragte ich.

„Wollten Sie nicht so gut sein, aufzustehen?“

Ich stand auf und warf einige Kleider über. Meine Uhr zeigte halb fünf, und um fünf Uhr hatte ich auch schon wieder abfahren wollen. Daß der Mann mich weckte, hatte also nichts Auffallendes. Aber der Ton seiner Stimme war mir etwas aufgeregt, so besonders dringend vorgekommen. Ich öffnete indeß die Thür, und er trat in die Stube. Die Thür machte er, wie es mir schien, mit einer gewissen Vorsicht hinter sich zu. Er sah überhaupt so sonderbar aus. Er mußte etwas auf dem Herzen, er mußte etwas vorhaben.

„Nehmen Sie mir nicht übel, daß ich Sie so hastig geweckt habe.“

„Es ist Zeit für mich, weiter zu reisen.“

„Ihr Rad ist vom Stellmacher zurück.“

„Und in Ordnung?“

„Ganz in Ordnung.“

Er hatte sich unterdeß mit großer Neugierde und, wie ich meinte, mit einer gewissen ängstlichen Spannung in der Stube umgesehen, schien aber nicht zu finden, was er suchte. Er ging auf die Thür der nebenan befindlichen Kammer zu, besah diese genau, schob den Riegel zurück, der noch davor war, und trat hinein. Ich glaubte, er habe dort etwas zu thun, vielleicht in einem der Koffer, die in der Kammer standen, und achtete nicht besonders darauf, sondern kleidete mich während der Zeit an. Auf einmal kam er mit bestürztem Gesichte aus der Kammer zurück.

„Haben Sie heute Nacht nichts gehört?“

„Es war Geräusch an der Thür.“

„An welcher?“

„An der da.“

Ich zeigte auf die zu der Treppe führende Thür.

„Und dort in der Kammer haben Sie nichts gehört?“

„Nichts. – Doch, es steht mir vor, als wenn ein Geräusch mich einmal, vielleicht nur auf eine Secunde, halb aufgeweckt habe. – Aber ist etwas vorgefallen?“

Er besann sich, als wenn er zweifelhaft sei, ob er das, was er hatte, mir mittheilen solle oder nicht.

„Sie müssen es wissen,“ sagte er dann; „aber kein anderer Mensch darf es erfahren, ich bitte Sie darum.“ Er war in großer Aufregung. „Hier ist ein schändlicher Diebstahl verübt worden,“ fuhr er fort.

„Wo?“

„In dieser Kammer.“

„Hier? Fast unmittelbar neben meinem Bette?“

„Es ist eine ungeheuere Frechheit.“

„Was ist Ihnen gestohlen? Ist es viel?“

„Ich bin ein geschlagener Mann.“

„Erzählen Sie, theilen Sie mir Alles mit; es soll jedes Mittel aufgeboten werden, Ihnen wieder zu dem Ihrigen zu verhelfen.“

Ich hatte bis dahin kaum Zeit gehabt, in die Wahrheit seiner Angabe einen Zweifel zu setzen. Sein Aussehen, sein ganzes Benehmen war vollständig das eines Menschen, den die plötzliche Entdeckung eines schweren Verlustes bestürzt macht. Ich hatte zudem in der Nacht das doppelte Geräusch gehört, einmal deutlich, im vollen wachen Zustande, das zweite Mal aber unbestimmt, im Schlafe. – Er erzählte.

Er und seine Leute waren, wie gewöhnlich, um drei Uhr des Morgens aufgestanden. Sie hatten ihre gewöhnliche Tagesarbeit begonnen, im Hause, auf dem Hofe. Einen Knecht hatte er mit dem zerbrochenen Rade meines Wagens zu dem Stellmacher geschickt. Vor einer Viertelstunde war der Knecht zurückgekommen. Er, der Hausherr, hatte darauf nachsehen wollen, ob ich vielleicht schon wach oder aufgestanden sei. Zu dem Zwecke war er in den Garten hinter dem Hause gegangen, wo er auf das Fenster meiner Stube sehen konnte. Dieses Fenster war noch verschlossen gewesen. Aber das Kammerfenster nebenan stand offen. Das fiel ihm auf. Er trat näher heran und entdeckte an der Erde Fußspuren. Eine große Angst ergriff ihn. In einem Koffer in der Kammer befand sich sein gesammtes erspartes Vermögen – dreihundert Stück Friedrichsd’or. Er hatte sie nach seiner Ankunft aus Amerika in Hamburg eingewechselt. Er eilte in das Haus zurück. Er konnte nur durch meine Stube in die Kammer gelangen. Er wollte mich wecken. Aber als er in die Scheune trat, fiel ihm etwas Anderes auf. Unter dem großen Thore, das aus der Scheune in’s Freie führte, sah er eine ungewöhnliche Helle. Er ging hin. Unter der Schwelle der Thür war eine große Oeffnung. Sie war frisch in die Erde gegraben, und es konnte dadurch Jemand bequem von außen in die Scheune kriechen und aus dieser wieder zurückkommen. Er stieg deshalb sogleich zu mir hinauf, weckte mich und trat in die Kammer. Dort stand sein Koffer offen. Das Geld war daraus entwendet, die ganze Summe von dreihundert Friedrichsd’or.

Das war seine Mittheilung.

Sie paßte zu dem, was ich selbst in der Nacht vernommen hatte. Ich war Criminalrichter genug, um mir sofort den Gang des verübten Verbrechens combiniren zu können.

Der Dieb, der auf irgend eine Weise erfahren hatte, daß das Geld in der Kammer war, hatte das Einsteigen von außen gefährlich gefunden, vielleicht auch anfänglich aus Mangel an geeigneten Hülfsmitteln nicht ausführen können. Er hatte das Loch unter dem Scheunenthor gegraben, um von dieser aus durch meine Stube in die Kammer zu gelangen. Meine Anwesenheit im Hause, wenigstens in der Stube, hatte er nicht gewußt. Er hatte die Thür meiner Stube durch Nachschlüssel zu öffnen versucht, der Versuch war mißlungen, weil ich von innen den Riegel vorgeschoben hatte. Nun mußte er doch von außen einsteigen, und das und die weitere Ausführung war ihm geglückt.

Ich besichtigte mit dem Bestohlenen die Kammer. Fenster und Koffer standen noch offen. Spuren einer Gewalt waren nirgends zu entdecken. Der Koffer mußte also mit einem Nachschlüssel geöffnet sein. Die Art der Oeffnung des Fensters blieb mir anfangs ein Räthsel. Es wurde mit zwei eingehakten Klinken verschlossen. Diese schlossen es fest und dicht. Bei genauerem Nachsehen löste sich aber das Räthsel. Von außen war zwischen Rahmen und Kreuz des Fensters ein Instrument eingeschoben; vermittelst desselben waren die Klinken aus den Haken gehoben. Die Zurückziehung des nach außen sich öffnenden Fensters hatte dann mit leichterer Mühe geschehen können. Aber das Instrument, mit dem die Aushebung der Klinken bewirkt war, mußte ein außerordentlich dünnes, feines und eben so starkes gewesen sein; wahrscheinlich eine ungemein dünn geschliffene, sehr feste Messerklinge. Darauf deuteten auch die kaum bemerkbaren Spuren an Holz und Eisen des Fensters hin.

(Fortsetzung folgt.)


Die Stadt der Ruinen.

Von Allem, was ich in der Welt des Merkwürdigen gesehen, und es ist dies nicht wenig, hat mich nichts so ernst wehmüthig gestimmt, als der Anblick der Stadt Wisby auf der Insel Gottland. Welche Mahnung an die Vergänglichkeit alles Irdischen, welche Erinnerung an die Blüthenperiode deutschen Bürgerthumes! Wie Riesen der Vorzeit schauen seine altersgrauen Ruinen, aus denen ein frisches vegetabilisches Leben sich neu gebärt, ernst herab auf die Pygmäen der Gegenwart, die sich tief unter ihnen und wie unter ihrem Schutze um das dürftige tägliche Brod mühen, während diese Ruinen selbst Zeugniß von einer Zeit ablegen, von der die Chronik sagt:

Nach Centnern wägen Gottländer Gold
Und spielen mit Edelsteinen;
Die Schweine essen vom Silbertrog,
Auf Goldspindeln spinnen die Weiber.

Die meisten Leser der Gartenlaube haben ohne Zweifel den Namen der Stadt Wisby unter den einstigen Gliedern der mächtigen Hansa nennen hören; aber wunderlich ist es in der That,

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Die Gartenlaube (1859) b 397.jpg

Die St. Katharinakirche in Wisby.

daß bisher der rastlose deutsche Forschergeist ihr und ihren mächtigen Ruinen nicht die Beachtung geschenkt hat, die ihr sowohl in historischer, als in kunstgeschichtlicher Beziehung in so reichem Maße gebührt. Leider werde ich gezwungen sein, mich hier kürzer zu fassen, als es das Interesse des Gegenstandes verdient. Sollte aber durch meine Skizze Deutschlands Interesse für seine einstige, weithin berühmte Colonie neu geweckt werden, so behalte ich mir vor, später auf denselben Gegenstand zurückzukommen.

Wir besitzen keine zuverlässigen Nachrichten über Wisby’s Entstehung.[1] Wahrscheinlich verdankt es seinen Namen „Stadt der Opferstätte“ (von Wi, Opferstätte, und by, Stadt) der hier ungefähr um’s Jahr 1000 erbauten ersten christlichen Kirche, die bald zum Mittel- und Vereinigungspunkt der Inselbewohner wurde. Gottlands vortheilhafte Lage lockte nach und nach Kaufleute aus allen Gegenden und Ländern herbei. Namentlich sehen wir dort [398] schon zeitig neben den gottländischen Kaufleuten eine zahlreiche und mächtige deutsche Handelsgesellschaft, von großen Handelsfreiheiten in entlegenen Ländern begünstigt, entstehen. „Volk, die in allerhand Zungen redeten, versammelten sich auf Gottland,“ sagt ein alter Chronist. Großartig wurde bald der Handel, dessen Mittelpunkt Wisby war. Die Insel war gleichsam ein von der Natur bestimmter Stapelplatz für den Handel der Ostseeländer. Hierzu kam, daß die Stadt bis 1288 (da sie sich bekanntlich in Folge ihrer Streitigkeiten mit den Landbewohnern Gottlands vor dem mächtigen Schwedenkönige Magnus Laduläs beugen mußte), unabhängig und sich selbst regierend, für den großen Freihafen der Seefahrer und Kaufleute aller Nationen galt. Durch die enge Verbindung der eingeborenen Kaufleute mit den dorthin übergesiedelten deutschen Handelsherren bildete sich im Laufe der Zeit die große weltberühmte Handelsgesellschaft, die in Wisby ihren Sitz hatte und durch Eintracht und Gleichheit zu Macht und Stärke gelangte. Im Rathe von Wisby, der aus sechsunddreißig Mitgliedern bestand, saßen stets achtzehn Gottländer und eben so viele Deutsche; von den zwei Vögten der Insel war der eine ein Gottländer, der andere ein Deutscher.

Seit lange kannten die Gottländer die Wege und Fahrwasser zu den in Nordosten belegenen Ländern; schon seit der Mitte des elften Jahrhunderts fand ein lebhafter Handel zwischen Nowgorod und Gottland statt und für russische Producte eröffnete sich durch Gottlands Zwischenhandel ein großer Markt in den norddeutschen Häfen. Die Handelsherren von Wisby, und nach ihnen die deutschen, hatten in Nowgorod ihre Niederlagen, ihren sogenannten Hof (Handelsgericht) und ihre eigene Kirche, wie die Kaufleute von Nowgorod ihre griechische Kirche in Wisby hatten. Von und über Gottland kamen 1157 oder 1158 Bremer Kaufleute zu den liefländischen Küsten und der Dünamündung, die ihnen durch die Gottländer bekannt geworden waren. Mit Hülfe von gottländischen Handwerkern legte Meinward, Lieflands erster Bischof, 1188 eine Burg zum Schutze des aufblühenden Christenthumes an der Düna an. Jährlich kamen und gingen über Wisby und Gottland Schaaren von Pilgern und Rittern nach Liefland, und zum Danke für ihren vielseitigen Beistand erhielten die Gottländer gegen Ende des zwölften Jahrhunderts von den dortigen Ordensrittern ausgedehnte Handelsfreiheiten, die sich von Riga über sämmtliche Häfen Lieflands und Esthlands, bis Polotzk, Witepsk und Smolensk (im westlichen Rußland) und von hier weiter nach Osten erstreckten. Für diesen ganzen Handel verblieb jedoch Wisby die Hauptniederlage und der Mittelpunkt für alle einzelnen Handelsverbindungen, die die Städte des westlichen Deutschlands, jede für sich, in fremden Ländern (England, Flandern und Skandinavien) angeknüpft; denn wie lebhaft auch zuvor der Handel zwischen diesen Ländern und Norddeutschland gewesen sein mag, so gelangte derselbe doch erst durch die von Gottland herbeigeführte Verbindung mit dem Osten zur höchsten Blüthe. Deshalb genossen auch die gottländischen Kaufleute in den genannten und anderen Ländern bedeutende Handelsvorrechte. Man konnte Wisby das Venedig der Ostsee nennen, denn wie ein Theil von Indiens und Persiens Kostbarkeiten den Weg über das schwarze Meer nach Venedig nahm, so ging ein anderer Theil die Wolga hinauf, auf andern russischen Strömen nach Nowgorod herunter und von dort nach Wisby.[2] Der Handelsstand in Wisby war so mächtig, daß nach neueren Untersuchungen der große Hansabund zunächst aus der engen Verbindung der fremden Kaufleute auf Gottland entstand. Diese Verbindung auf Gottland gab, ohne die übrigen Städte zu Rathe zu ziehen, aus eigner Machtvollkommenheit Gesetze, denen bei Strafe der Ausschließung von der Verbindung mit dem gottländischen Kaufmannsstande die fremden Städte Folge zu leisten hatten. Wisby’s Seerecht galt weit und breit, und ward von vielen Städten angenommen, von anderen ihrem eigenen Seerecht zu Grunde gelegt.

Noch heute geben Wisby’s Ruinen, seine kirchlichen, civilen und militairischen Alterthümer Zeugniß von seiner einstigen Macht und Größe.

Von dem Einfalle des dänischen Königs Waldemar III. Atterdag und der Verheerung der Stadt durch ihn datirt man gewöhnlich Wisby’s Verfall. Aber eine durch Reichthum, Lage und Verhältnisse begünstigte Handelsstadt kann sich, wenn auch geplündert und niedergebrannt, durch eigene Hülfsmittel aus seiner Asche zu neuer Größe erheben – doch Wisby’s Mission war beendet; andere welthistorische Ereignisse, die Eroberungen der Mongolen in Rußland unter Tamerlan, und Astrachans Zerstörung (um 1390), wie später der neuentdeckte Handelsweg nach Indien um das Vorgebirge der guten Hoffnung (1498) vollendeten ihren Fall. Unter dänischer Oberherrschaft und der Tyrannei ihrer Lehnsherren litt Wisby und Gottland Unglaubliches; später wieder mit Schweden vereinigt, sah es sich auch von seinem Mutterlande stiefmütterlich behandelt und oft in der Zeit der Noth verlassen. Erst die neueste Zeit lenkte Schwedens Aufmerksamkeit wieder auf Wisby und seine ehrwürdigen Alterthümer, für deren Schutz gegenüber dem nagenden Zahn der Zeit möglichste Sorge getragen ist.

Aber Wisby träumt nicht mehr von Wiederbelebung seiner einstigen Größe; es zehrt an seinen Erinnerungen, dies Stück in einem Winkel des Nordens vergessenes Mittelalter!

Von den 18 größeren und kleineren Kirchen, die Wisby im Mittelalter besaß, ist uns nur die unbedeutendste, die Marienkirche, von den Deutschen in Wisby 1190–1225 erbaut, erhalten; von zehn andern stehen noch Ruinen; sieben sind gänzlich untergegangen. Leider hat die Kunstgeschichte diese großartigen und wichtigen Denkmäler noch nicht beschrieben. In ihnen finden sich alle Baustyle des Mittelalters theils einzeln, theils vermischt wieder: der reine römische Rundbogenstyl des ältesten Mittelalters, wie der sogenannte römische Uebergangsstyl (abwechselnd zwischen Rund- und Spitzbogen) der letzten Hälfte des 12. Jahrhunderts; die Bauarten des Morgen- und Abendlandes, byzantinischer und gothischer, römischer und Renaissance-Geschmack begegnen sich hier. – Diese wunderbare Mannichfaltigkeit findet in den historischen Schicksalen der Stadt und Insel seine genügende und interessante Erklärung. Gottland war im 12. und 13. Jahrhundert ein Ruhepunkt auf der großen Handelsstraße zwischen dem Morgen- und Abendland. Büßer, Pilger und Bischöfe vom nordwestlichen Europa auf dem Wege zum heiligen Lande, Streiter und Abenteurer, die für Sold und Gold Dienste am Hofe des griechischen Kaisers suchten, nahmen den Weg über Gottland. Waaren und Ideen von Byzanz begegneten sich hier mit Waaren und Ideen von Franken und England, und fanden in der reichen und prachtliebenden, warm-katholischen Hansestadt einen fruchtbaren und dankbaren Boden.

Von Wisby’s zehn Kirchenruinen ist die von St. Catharina die imposanteste, und die der Heiligengeistkirche die merkwürdigste.

St. Catharina war die zum Franciscanerkloster gehörende Kirche, deren Erbauung wahrscheinlich mit der Niederlassung der Franciscaner in Wisby 1233 zusammenfällt. Noch ist an der südlichen Kirchenmauer ein Klosterzimmer von 26 Ellen Länge und 8 Ellen Breite erhalten. – Die Kirche ist ihrer Form nach eine Basilika (in Form eines Rechtecks) mit fünfseitiger Emporkirche östlich und mit einer Vorhalle westlich. Die Ordnung oder eigentlicher die Unordnung, in der die schönen Pfeiler der Kirche stehen, beweist die subjective Freiheit und Unabhängigkeit der gothischen Kunst von der für den antiken Baustyl so wesentlichen Symmetrie. Daß mit oder trotz dieser Anordnung eine seltne Schönheit erzielt werden konnte, ist eben das Geheimniß der gothischen Kunst. Wer sollte wohl beim ersten Anblick dieser Ruine glauben, daß die Pfeiler auf keiner Seite in parallelen Linien stehen, und der Abstand der Pfeiler von einander höchst ungleich sei? Und doch ist dem so und die Schönheit und Einheit des Ganzen keineswegs dadurch beeinträchtigt!

Wie herrlich dieser öde Tempel ist, wie schön seine Bogen und Pfeiler mit ihrer grünenden Krone von Mispelbüschen und grüner Altardecke, fällt dem Beschauer schon bei der Betrachtung unsers schwachen Bildes der Wirklichkeit in’s Auge.

Adel und Friede breiten sich über das Ganze. Das Bild der Vergänglichkeit kann sich nicht in milderm, lieblicherm Lichte zeigen, als hier; – durch die fast spielende, wundervolle Anordnung der Natur stehen die leblosen Mauern im vollen Schmuck von Büschen und Bäumen; Weinranke und Epheu decken liebevoll die Wunden des alten Steins, und Tod und Leben, Verheerung und ewige Verjüngung reichen sich hier geschwisterlich die Hände!

Ich habe schon oben die Ruinen der Heiligengeistkirche als die merkwürdigsten bezeichnet; in ihr begegnen sich wie [399] vielleicht in keinem andern Bauwerke des Mittelalters der Geschmack des Morgen- und Abendlandes.

Um alle Einzelheiten dieses herrlichen Denkmals christlicher Kunst zu schildern, müßte ich bei dem Leser eine genauere Bekanntschaft mit der Architektonik voraussetzen. Ich beschränke mich deshalb auf wenige Andeutungen. Ueber den Bau dieser Kirche schwanken die Meinungen; die Einen setzen ihre Entstehung in das elfte, Andere in das dreizehnte Jahrhundert. Die Kirche bestand aus zwei Stockwerken, was sie allerdings mit einigen Burgcapellen in Deutschland (z. B. in Landsberg a. d. Saale und Freiburg a. d. Unstrut) gemeinsam hat, unterscheidet sich aber wieder hauptsächlich dadurch von ihnen, daß die Emporkirche sich zu solcher Höhe erhebt, daß sie durch einen eigenen Bogen mit dem Oberschiff in unmittelbarer Verbindung steht. Wahrscheinlich hatte das obere Stockwerk den Zweck, die barmherzigen Schwestern des großen Hospitals in Wisby aufzunehmen, während das untere den Mönchen bestimmt war.

Für diejenigen meiner Leser, die mein kleiner Aufsatz vielleicht zu einem Besuch der Wisby-Ruinen anregt, will ich hinzufügen, daß die mehrmals wöchentlich von Stettin und Lübeck abgehenden Dampfboote sie binnen 36–48 Stunden nach Stockholm bringen; von Stockholm gehen gleichfalls zweimal wöchentlich Dampfboote nach Wisby, und langen dort nach zwölfstündiger Fahrt an. Deutsche Landsmänner heiße ich mit Freuden hier willkommen und stehe ihnen gern mit Rath und Aufschlüssen zu Dienst; diejenigen aber, die durch Bild und Wort genauere Bekanntschaft mit Gottland’s und Wisby’s Ruinen machen wollen, verweisen wir auf das Prachtwerk: „Gotland och Wisby i Taflor. Text af C. J. Bergman, Teekningan af P. A. Säve“ (mit 21 Kupfern in Folio).

Stockholm.

Philipp J. Meyer.




Sulina.
Reiseskizze von Dr. Wilhelm Hamm.
(Fortsetzung.)
Aussicht vom Leuchtthurm. – Der Wind hat umgeschlagen. – Ein Matrosenleben. – Der Friedhof und seine Gräber. – Noch einen Ostwind.

Endlich lag das Gewühl hinter uns, und über eine breite Fläche gelben, jedweder Vegetation entbehrenden Sandes gelangten wir zu dem Leuchtthurme, dem Ziele des Ausfluges. Derselbe ist von mäßiger Höhe, ganz aus Stein erbaut, wie das daran grenzende, sehr geräumige Wachtlocal, in welchem einige Compagnieen türkischer Soldaten als Besatzung liegen. Diese nahmen uns ganz freundlich auf, gestatteten sogar dem vorwitzigen Schweizer, eines ihrer Lütticher Percussionsgewehre vom Stande hinwegzunehmen und ihnen die Handgriffe der Baseler Miliz vorzumachen – und sie lachten recht herzlich darüber. Auf der breiten Wendeltreppe war die Laterne bald erklommen, rings um dieselbe führt eine mit eiserner Balustrade umgebene Gallerie. Eine großartige, aber einförmige Fernsicht bot sich den Blicken. Vor uns, gen Osten, wogte das schwarze Meer, da und dort tauchte ein Segel empor aus den dunkelgrünen Wogen gleich einem weißen Punkte, blitzschnelle Möven flatterten über den Wassern, sonst kein Leben weit und breit. Wohl aber Denkmale der Zerstörung genug – was bedeutet jenes hochragende schwarze Kreuz mitten in den Wellen? Und jener andere dunkele Gegenstand, und dort wieder – es sind Wracks, die Reste gestrandeter Schiffe, redende Zeugen der gefährlichen Einfahrt, und vierunddreißig davon vermochten wir zu zählen! Es gibt kaum eine andere Stelle in der ganzen Welt, welche so gefürchtet und der Schifffahrt verderblich wäre, wie die Sulinamündung der Donau. Die Barre ist ganz schmal und ihr Fahrwasser verändert sich außerordentlich häufig je nach einer andauernden Windrichtung, welche den Sand und Schlamm der Donau zurückstaut oder weiter zu flößen erlaubt; selbst der kundigste Lootse muß daher von Zeit zu Zeit peilen, um sich nicht zu irren, und auch dies sichert ihn nicht gegen die Tücke der Barre. Dabei wehen die Winde hier ungemein heftig, nirgends gebrochen von entgegenstehenden Hindernissen; sobald ein Kiel sich in der Sandbank festgerannt hat, ist er gewöhnlich auch rettungslos verloren, denn die kleinen Schleppdampfer, welche seit einigen Jahren ausdrücklich dazu in Sulina stationirt sind, um Fahrzeuge über die Barre zu bringen, wagen sich nicht immer hinaus, werden aber auch leider noch viel zu wenig benutzt, besonders von den Türken nicht, welche mit ihrem Fatalismus sagen: „Sollen wir scheitern, so hilft kein Schlepper; wo nicht, warum dann das viele Geld bezahlen?“ In neuerer Zeit ist übrigens, Dank der durch die Donaucommission verbesserten Organisation des Hafendienstes, unausgesetztem Baggern und dem Aufwerfen eines Schutzdammes von der linken Spitze der Mündung aus die Passage bei weitem gefahrloser geworden, wie früher.

Der Leuchtthurm steht auf dem rechten Ufer der Sulina, zur Linken ergießt sich der brackische Strom in mäßiger Breite träg in das Meer, verrätherisch schaut der gelbe Sand zu beiden Seiten einer erkennbaren schmalen grünen Wasserstraße unter den durchsichtigen Wogen hervor. Unabsehbar, so weit das Auge reicht, nach jeder anderen Richtung dehnt sich das Schilf, ein zweites grünes Meer, täuschend vom Wind in Wellenkämme aufgejagt, nur südöstlich liegt ein Raum nackten Sandes, den die Sturmfluth überspült, und hinter uns im Westen erhebt sich die qualmende Stadt, deren niedere Dächer nur die Windmühle, das Minaret der Moschee und die hölzerne Kuppel des griechischen Bethauses überragen. Aber hinter ihnen starrt empor der dichte Mastenwald der Schiffe im Hafen, und sonderbar, bis in die entlegenste Ferne ragen Masten bald einzeln, bald in Gruppm aus dem Schilf: die der stromaufwärts gehenden Schiffe. Gerade ging die Sonne unter und auf dem rothen Schleier, hinter welchem sie sich barg, zeichneten sich die Spieren und das Takelwerk der fernen Fahrzeuge mit unnachahmlicher Schärfe ab. Ihr Sinken mahnte an den Heimweg, denn Heimath durften und mußten wir unser Schiff hier nennen – obgleich manchmal arg umdrängt und roh bespottet, gelangten wir doch ungefährdet zurück nach der Landung und in’s Boot des wartenden Bootsmann, der mit freundlichem Lachen die weißen Zähne zeigte, als ihm die beliebten Zwanziger in die Hand gezählt wurden. Jedes gemünzte Geld der Welt gilt hier, jene aber haben den Vorzug vor allem Uebrigen. Preußische Silberthaler gehen als Fünffrankenstücke, Sechstel als Zwanziger – Papiergeld hingegen wird man in Sulina nur mit Verlust los, selbst die inländischen Kaimes.

Der Metternich sollte in der hellen Vollmondnacht die Barre passiren, um am Morgen im Hafen von Odessa einzulaufen. Müde und vielleicht auch theilweise in Furcht vor dem Meere und der Seekrankheit, hatten die Passagiere ihre Kojen gesucht und verwunderten sich beim Erwachen gewaltig über den sanften Gang des Schiffes, noch mehr über die Todtenstille an Bord. Diese hat etwas Unheimliches – rasch sprang Jedermann an die Luken – da lagen wir noch richtig am gestrigen Platze in der Sulina, und die Sonne schien über alle Berge oder vielmehr Ebenen. Was bedeutet dies? Da trat ein Unglücksbote in die Cajüte: „Der Wind hat umgeschlagen, weht streng aus Osten, die Warnungsfahne flattert am Fanal, kein Schiff darf heute über die Barre laufen!“ Eine schöne Geschichte! Verdruß und Aerger spiegelten sich in allen Augen, Jeder hatte so sicher darauf gerechnet, am Ziele der Reise zu sein, die Seinigen wiederzusehen, Geschäfte abzuschließen, in die alte Ordnung zu kommen – besonders aber beklagte sich der feine Grieche bitterlich darüber, daß er heute Abend nicht, wie er gehofft, das schöne Vaudeville zu sehen bekomme, welches die französische Schauspielergesellschaft in Odessa gebe. Indessen, was half’s? – die Wogen des Unmuths legten sich bald und man fügte sich geduldig, ja scherzend in das Unvermeidliche.

Natürlich begab sich die ganze Gesellschaft nach dem Frühstück an’s Land, mit Ausnahme der Damen, welche um keinen Preis wiederum dazu zu bewegen gewesen wären. Die Boote umdrängten das Schiff, aber der gestrige Führer erhielt den Vorzug und ward als Gondolier förmlich in Dienst genommen. Trefflicher Stasio, wie treulich dientest Du uns, wie sehr bemühtest Du Dich, uns zu unterhalten, und wie wenig verstanden wir Dich und Dein corrumpirtes Italienisch! Und doch ward uns nach und nach seine ganze Lebensgeschichte zu Theil – freilich in Bruchstücken, die man zusammensetzen [400] mußte gleich einer Mosaik. Er war ein Kind der schönen Insel Zante – fiore di Levante, wie er stolz hinzufügte – hatte sich schon vom zehnten Jahre an auf griechischen Schiffen, wohl meistentheils Piraten, umhergetrieben, und war endlich auf einer genuesischen Feluca Steuermann geworden. Hier muß ein schreckliches Ereigniß seinem Leben eine neue Wendung gegeben haben – wir vermutheten aus dunkelen Andeutungen, die er mit unnachahmlichen, aber höchst bezeichnenden Gesten begleitete, daß er seinen Capitain, wahrscheinlich seinen Nebenbuhler bei einer dunkeläugigen Schönen, niedergestochen – er entfloh und ward Matrose auf einem Marseiller Kauffahrer, mit welchem er eine Reise nach New-Orleans machte. Von da fuhr er nach der Havanna, war in Valparaiso, zwei Mal in Hongkong, am Cap der guten Hoffnung und in St. Helena gewesen – von letzterer Insel, als dem Grabe Napoleons des Großen, sprach er mit höchster Verehrung und griff dabei stets an die Mütze – wenn wir ihm einreden wollten, daß sich die Gebeine des Kaisers längst nicht mehr daselbst befänden, schüttelte er mit schlauem Lächeln den Kopf, als wolle er sagen: „Geht doch, ihr Schäker, das weiß ich besser; ich bin ja dort gewesen!“ Wie er nach der Sulina gekommen, verhehlte er trotz aller Redseligkeit sorgfältig; ein Camerad von ihm, der später einem anderen Theile unserer Schiffs-Gesellschaft seine Dienste widmete, behauptete, er sei vor Malta von einer englischen Fregatte entronnen und mit einem türkischen Schiffe dann an der Schlangeninsel gescheitert. Welch’ ein Leben, und zwar in der kurzen Spanne von zweiundzwanzig Jahren!

Während meine Reisegefährten sich in den verschiedenen Locanden, Kaffeehäusern, Billardsälen – es gibt von den letzteren schon mindestens ein Dutzend in der neuen Stadt – zerstreuten, wanderte ich langsam am Fanale vorbei längs des Strandes dahin. Im Anfange war der Weg beschwerlich in dem mahlenden Sande, aber sobald der Fuß den Uferstreifen betrat, welchen die schäumenden Wogen beleckten, fand er einen festen, elastischen Pfad, wie man sich ihn nicht besser wünschen mag. Einige der Wracks lagen hier so nahe, daß ein Steinwurf sie hätte erreichen können; Wellen und Menschen hatten ihnen entrissen, was möglich war, meist aber blieb sorglich ein Mast mit festgebundener Raa stehen, ein Kreuz, aufragend aus dem Leichenfelde der Tiefe. An dem Strande lagen wenige Muscheln, und diese nur von den allergewöhnlichsten Arten, Tychogonia, Mactra, Pecten u. s. w., selten darunter, und zwar stets zertrümmert, eine unechte Wendeltreppe; Reste von Krabben, Hummern, Seesternen, Igeln u. dergl. waren nicht zu entdecken. Nichtsdestoweniger ist das Meer hier überaus fischreich, wie schon die Möven bewiesen, deren spitzbeschwingte Schaaren unablässig darüber kreisen, um da und dort mit nie fehlender Sicherheit plötzlich niederzustoßen auf die unvorsichtige Beute. Eine ziemlich weite Strecke war ich schon gewandert und hatte die ganze Landzunge des rechten Sulinastrandes umgangen, als mir auf einmal ein paar hundert Schritte landeinwärts eigenthümliche Hervorragungen im Dünensande auffielen, deren Zweck ich nicht sofort errieth, bis ein schärferes Hinblicken sie als Kreuze, als Gräber erkennen ließ. Der Friedhof der Stadt Sulina lag vor mir.

Die Erinnerung an diese Stätte der Ruhe wird mich niemals verlassen. Die Gräber sind in lockeren Sand gegraben, tief, aber nicht tief genug für die Springfluth, welche höhnisch die bedeckenden Hügel wegspült und ihren Inhalt dem Tage zeigt. Was die Woge nicht nimmt, das ergreift der Sturm – darum gibt es auch gewiß in der ganzen Welt keinen traurigeren, erschreckenderen Ruheplatz der Todten, wie den von Sulina. Verweht, zusammengesunken, geöffnet, halb wieder gefüllt, so liegen die Gräber in der gelben, nackten Oede, wo blos hier und da kümmerliche Salsolen und Salicornien dem salzgetränkten Boden entsprossen. Nur in der Umfriedigung eines Grabes wächst hohes, grünes Schilf, ein merkwürdiger Anblick; während der Weidenbaum, mit welchem treue Liebe ein anderes nach Kräften zu schmücken versucht hat, schon halb verdorrt ist. Fast alle diese Gräber sind noch neu und jung, sehen aber uralt aus, als schliefen darin längst erloschene Geschlechter. Einzelne davon sind mit einer Umzäunung aus starken Bohlen und gleichem Dach versehen, ähnlich einem kleinen Blockhaus, im Innern sind mächtige Steine darauf gewälzt – aber umsonst, die gierige Hyäne der Meerfluth wird sie eines Tages dennoch öffnen, schon hat sie manche davon halb unterwühlt. So hier – schaudernd trittst du zurück, denn zwei gegeneinander gelegte, noch mit Muskelfasern bedeckte Knochenhände ragen wie flehend aus dem Sand hervor – und dort ein nur noch halb vergrabener, schon eingebrochener Sarg, aus welchem lange, schwarze Haare in den Wind flattern.

Wer hier Schädel und Gebeine sammeln wollte, der hätte die schönste Auswahl, sie sind dabei merkwürdig weiß gebleicht und wohl erhalten. Die ganze Pietät der Bevölkerung, die sich etwa hierher verirrt, beschränkt sich darauf, die entblößten Ueberreste aufzunehmen, und in eines der umzäunten und überdachten Gräber zu werfen, welche dadurch zu wahren Beinhäusern geworden sind. Jeder Ruhestätte ist irgend ein Liebeszeichen gesetzt worden, sei es nur eine Schiffsplanke mit einigen Charakteren darauf, sei es ein rohes schwarzes Kreuz, auf welchem der Name des darunter Ruhenden mit Kreide geschrieben. Aber die wenigsten dieser Erinnerungstafeln stehen längere Zeit, fast alle sind morsch abgebrochen, umgesunken – und Niemand stellt wieder auf, was einmal liegt. Wo sind auch die Freunde und Verwandten der hier Begrabenen? Alle Male sind von Holz, nur ein einziges macht eine Ausnahme, welche hier fast befremdenden Eindruck bewirkt – eine weiße Marmortafel, auf der mit Gold die russische Inschrift steht: „Hier ruhet der Hofrath und Stabsarzt Karl Kondratoff.“ Heute wird der Flugsand sie längst verschüttet haben. Das äußerste, tief eingesunkene Kreuz nach dem Meere zu, bezeichnet mit „Knud Knudsen, Mandal, 1852“, war das älteste Grab, das ich fand. Das jüngste war das des Alexandre Giraud, né à Toulon, marin de l’Averne, † 1858, 6. Juin. Es war kaum drei Wochen alt, und wie verwittert schon sahen die Breter aus, welche den Hügel in einem Kasten zusammenhielten! Dicht daneben ruhten zusammen, wie die hölzerne Tafel berichtete, „William Barter, Stoker on Board H. B. M. S. Weser“, nebst Thos. Cook, A. B.“ 26 Jahre alt, ebenfalls von der Weser, „drowned in St. Georgs Branch of Danube 29. Mai 1858. Dort „Vincent Marzin, Capt. du Brick Les 3 frères de Brest“ brüderlich neben „James Murray, Engineer, 35 years old“ – noch viele Briten, Franzosen, Holländer – etwas abseits von ihnen und möglichst nebeneinander Russen, Armenier, Griechen. Aber nur ein einziges Kreuz mit deutscher Aufschrift fand ich: „C. C. Menkema, geboren 1843“ weiter nichts! Ich wandelte lange zwischen diesen Gräbern herum und suchte die vom Salzgischt der sprühenden Wellen halb zerfressenen Inschriften zu entziffern; keine davon sagte mehr, als wer da liege; der Phantasie blieb es überlassen, an jeden Namen eine Biographie zu heften; leicht würde es ihr in dieser Umgebung geworden sein, die allerphantastischste zu ersinnen – und doch wäre dieselbe vielleicht blaß und einförmig gewesen, gegenüber dem Garn, das mancher der Schläfer da unten von seinem Leben hätte spinnen können. – Dicht am Friedhof der Sulina läuft auf hohen Stangen der Telegraphendraht einher, der nach Constantinopel führt.

Schon die Unbeweglichkeit des Schiffes verkündete am frühen Morgen des folgenden Tages, daß noch immer die warnende Flagge des Leuchtthurms wehe, und ein Blick vom Verdeck bestätigte unser Schicksal. Der Ostwind war noch viel heftiger als gestern, und blies uns gerade in die Zähne. Um so mehr verwunderten wir uns daher, als wir ein Schiff mit vollen Segeln vor dem Wind daher gejagt kommen sahen, welches geradezu auf die Barre loshielt, während draußen in der Ferne zahlreiche minder waghalsige Fahrzeuge geduldig vor Anker lagen. Verwehrt kann natürlich keinem Kiel die Einfahrt werden, die blaue Flagge warnt nur, befiehlt nicht – wer sich an ihre Warnung nicht kehren will, der nimmt Alles auf seine Kappe. Das that auch der Capitain der Sloop, die keck jetzt hereinflog, das griechische Kreuz an der Gaffel – schwerlich standen Assuradeure hinter ihr, die sich dergleichen Tollkühnheiten höflichst verbeten – kurz, es gelang ihr trefflich, und in wenigen Minuten schoß sie uns gegenüber zwischen ihresgleichen. Sollte das wackere Dampfboot aber nicht hinauskönnen, wo diese griechische Wasserspinne hereinkam? So fragten auf einmal, muthig geworden, viele Passagiere – aber Capitain Bassi schüttelte lachend den Kopf und meinte, eine Maus schlüpfe leicht hindurch, wo ihr die Katze nicht zu folgen vermöge – und somit waren wir abermals zu einem Tag Aufenthalt in Sulina verurtheilt.

(Schluß folgt.)



[401]
O Straßburg, o Straßburg,
Du wunderschöne Stadt!
Sendschreiben an meinen Sohn, den preußischen Landwehrmann.[3]
Mein lieber Alfred!

Die Trommeln wirbeln durch unser deutsches Land, und auch Du ziehst mit in den Kampf. Daß er, wenn er zum Ausbruch kommt, so blutig sein wird, wie je zuvor irgend ein Krieg gewesen, darüber darfst Du Dich nicht täuschen; es steht uns ein Weltbrand bevor, in welchem die Geschicke und die künftige Stellung der großen Völker unseres Erdtheiles auf lange Zeit hinaus entschieden werden. Darum wird es sich handeln, ob Frankreich, wie seit länger als zweihundert Jahren, so auch künftig das traurige Vorrecht behalten soll, nach Belieben die Ruhe Europa’s zu stören und eigennützige Zwecke zu erstreben, oder ob endlich einmal unter den Staaten ein regelrechtes Verhältniß zur Geltung kommen solle. Deutschland muß endlich die ihm gebührende Machtstellung erhalten.

So wie die Dinge geworden sind, können und dürfen sie nicht bleiben; die Spannung hat den höchsten Grad erreicht und das Schwanken wird unerträglich. Nur Leute ohne politisches Urtheil haben sich dem Wahnglauben hingeben können, daß der Krieg in Italien, welchen Napoleon der Dritte, eigensüchtig und um seine Macht zu vergrößern, vom Zaune gebrochen, auf die Halbinsel jenseits der Alpen beschränkt bleiben, daß er „localisirt“ werden könne. Wirf nur einen Blick auf das illyrische Dreieck, wo das ganze danubische Völkergewimmel in Bewegung gebracht worden ist, wo bei Serben, Bosniaken, Walachen, Montenegrinern, Bulgaren und christlichen Arnauten der weiße Czaar und der Mann des zweiten Decembers ihre Hebel ansetzen, um das Bestehende aus den Angeln zu rücken. Diesen Südosten hat Rußland sich zur Beute erkoren und sein Kampfpreis ist Constantinopel. Es verbindet sich mit dem Pariser Czaaren, der Hand in Hand mit der Revolution, die er ausbeuten wird, zunächst Italien an seinen Siegeswagen kettet. Aber Italien ist ihm doch nur Mittel: der Zweck ist eine Schwächung Deutschlands, eine Eroberung und Einverleibung unserer Rheinlande und Belgiens. Die napoleonische Idee hat sich darauf gesteift, die Scharten von Leipzig und Waterloo wieder auszuwetzen.

Darum, Ihr Wehrleute, haltet gute Wacht. Ihr werdet eine schwere Arbeit haben, denn der Feind ist kühn und stark; aber der vereinten deutschen Macht wird er nicht überlegen sein, und kein Deutscher, der eine Waffe trägt, wird sich vor Zuaven, Turcos oder anderen Barbaren fürchten. Ziele gut, mein Sohn, und geht es an’s Handgemenge, so nimm Deinen Kolben und schlag drein, daß es flutscht, wie an der Katzbach. Fällst Du, nun so wirst Du mit Ehren fallen und für eine heilige Sache, und Du hast Deine Schuldigkeit gethan.

Aber ich hoffe, Du kehrst siegreich heim, unsere deutsche schwarz-roth-goldene Fahne voran; denn sie wird das allgemeine Feldzeichen sein müssen, zu welchem die Fahnen unserer Einzelstaaten sich verhalten, wie Richt-Standarten zur Regimentsfahne. Wir bedürfen eines allgemeinen Reichsbanners, an dem unser Volk mit Liebe hängt.

Und wird, wie ich glaube, unseren deutschen Waffen der Sieg beschieden, dann fehlt uns auch der Kampfpreis nicht. Er kann nur einer sein, und es ist unsere Aufgabe, ein heilloses geschichtliches Unrecht wieder gut zu machen. Der alte Arndt hat es in seinem herrlichen Kriegsliede gesagt:

Mein einiges Deutschland, mein freies, heran,
Wir wollen ein Liedlein euch singen,
Von dem, was die schleichende List euch gewann,
Von Straßburg und Metz und Lothringen.
Zurück sollt ihr zahlen, heraus sollt ihr geben,
So stehe der Kampf uns auf Tod und Leben.
So klinge die Losung: Zum Rhein, übern Rhein!
Alldeutschland in Frankreich hinein!

Nur durch den Besitz deutscher Lande, welche Kaiser und Reich zur Zeit unserer unglückseligen Kirchenstreitigkeiten schmachvoll hinopferten, ist Frankreich so mächtig geworden, daß seine Stellung für Europa und insbesondere für Deutschland so bedrohlich geworden, und glaube es mir, mein theurer Alfred, es gibt keine Sicherheit und keine dauernde Ruhe für unsern Erdtheil, so lange jene abgerissenen ehemaligen Reichslande sich in den Händen des wetterwendischen Volkes der Franzosen befinden, die sich immer von einem Extrem in das andere treiben lassen.

Du erinnerst Dich, wie oft ich Dir von dem erzählte, was ich auf meinen Wanderungen durch das Elsaß gesehen, diesen Garten Europa’s, welchen kerndeutsche Leute allemannischen Schlages bewohnen. Seit nun zweihundertundzehn Jahren sind sie staatlich mit Frankreich verbunden, welchem sie durch den unseligen westphälischen Frieden überantwortet wurden. Sie haben sich mit den „Wälschen“ in ein und demselben Staate zusammengelebt; sie haben ihnen die besten Regimenter, namentlich Reiter, geliefert und sind ein Anhängsel der Franzosen geworden. Das ist für deutsche Menschen eine klägliche Rolle, und der „elsässische Klotzkopf“ (denn das soll tête carrée allemande auf den Pariser Theatern bedeuten) ist eine Spottfigur geworden; aber trotzdem haben sich diese vierschrötigen, etwas schwerfälligen, aber urtüchtigen allemannischen Elsässer an den französischen Staat gewöhnt, weil er groß und einheitlich war. Das imponirt ganz anders und gibt einen stärkeren Bindekitt als vielköpfige Kleinstaaterei ohne eine kräftige Bundesgewalt. Es liegt allemal etwas Stolzes darin, einem großen Ganzen anzugehören; und ist es nicht beim Heere eben so? Die Leute vom lippeschen oder hessischen etc. Bundescontingent sind an sich gewiß eben so tüchtig, wie jene der übrigen, aber es gibt doch einen ganz anderen Strich, wenn sie mit den übrigen zusammenstehen und einen Bestandtheil eines deutschen Heeres von einer halben Million Kriegern ausmachen. Das leuchtet auch beschränkten Köpfen ein!

Ich werde den Tag nicht vergessen, an welchem ich zum ersten Male den Fremersberg bei Baden-Baden bestieg. Es war an einem herrlichen Sommerabend, etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang. Vor mir lag das herrliche, üppige Rheinthal von Worms und Speier bis aufwärts zu den Grenzen des Sundgaues ausgebreitet; der Strom schlängelte sich hindurch wie ein riesiges Band von Silber; die Gipfel der Vogesen und die scharf eingeschnittenen Berge der Haardt wurden von den Strahlen der Sonne vergoldet, und an den Abhängen lagerte ein veilchenblauer Duft, der sich allmählich immer tiefer färbte. Das Auge weidet sich an dieser prächtigen Landschaft, in welcher unzählige Städte und Dörfer zerstreut liegen, aber am Ende bleibt es ruhen auf dem Straßburger Münster, dessen hoher Thurm wie ein gewaltiger Mast in die Lüfte ragt.

Da lag Straßburg vor mir, einst der Schlüssel zum deutschen Reiche, als Festung eine „Jungfrau“, die nie zuvor einem Feinde die Thore geöffnet, bis sie durch Schwäche des Reiches und durch Verrath in die Gewalt Ludwig’s des Vierzehnten von Frankreich fiel. Ueber mich kam tiefe Wehmuth und ein unbeschreiblich schmerzliches Gefühl. Ich sah die Höhen des Wasgau, welche im Südwesten Deutschlands Thermopylen bilden; ich dachte an den Ausspruch Karl’s des Fünften, der kurz und bündig lautet: „Wenn Wien und Straßburg vom Feinde bedroht wären, so würde ich im Nothfalle jenes preisgeben, um dieses zu retten.“ Und doch ist die wichtigste Festung Deutschlands, in einer Zeit kläglicher Schwäche und Erniedrigung, preisgegeben worden!

Das war schmachvoll, aber es ist noch unendlich schmachvoller und es treibt einem den Zorn und den Grimm in alle Glieder, wenn man daran denkt, daß eine elende Diplomatie nach des corsischen Napoleon Sturz die geschichtliche Sünde nicht wieder gut machte und, von gegenseitiger Eifersucht angestachelt, von legitimistischem Wahnwitz getrieben, Straßburg sammt dem Elsaß an dieselben Bourbons zurückgab, deren Vorfahren beide dem Reiche geraubt hatten. Diese Rückgabe deutscher, von uns wieder erworbener Lande an die Franzosen gehört zu den historischen Niederträchtigkeiten der abscheulichsten Art. Die deutschen Fürsten haben Vieles wieder gut zu machen, um solche Dinge in Vergessenheit zu bringen.

[402] Nirgends in der Welt gibt es eine Landschaft, welche von der Natur selbst als etwas so ganz und gar Zusammenhängendes geschaffen wurde, wie das Rheinthal zwischen Schwarzwald und Vogesen. Derselbe Menschenstamm, derselbe Boden, dieselben Erzeugnisse und eine gemeinsame geschichtliche Entwicklung von zweitausend Jahren! Diesen historischen Faden durfte Ludwig der Vierzehnte durchschneiden, und die Sünder des Wiener Congresses begingen den Frevel, ihn nicht wieder anzuknüpfen. Während meines zweiten Aufenthaltes in Baden-Baden, 1843, lernte ich dort einen sehr wohlhabenden und hochgeachteten Altbürger von Straßburg kennen; wir schlossen uns näher aneinander und bald wußte ich, daß ein echt allemannisches, kerndeutsches Herz in seiner Brust schlug. Die Lage und die Verhältnisse des Elsasses bildeten täglich einen Gegenstand unserer Gespräche.

„Da schleppen die Wälschen unsere Leute nach Algier, wo sie am Fieber oder an Kabylenkugeln hundertweise zu Grunde gehen; davon weiß jedes Dorf zu sagen. Warum habt Ihr uns 1814 nicht behalten? Ich bin es gewesen, der damals das deutsche Commando bei der Straßburger Nationalgarde wieder eingeführt hat. Wir waren darauf gefaßt, wieder mit Deutschland vereinigt zu werden, wohin wir gehören. Die Wälschen sind uns Fremde und wir haben kein Herz zu ihnen; aber Ihr habt uns bei ihnen gelassen. Gott verd–!“ Dabei nahm der alte, greise Mann sein Glas und warf es in tausend Scherben. Das war oben im schattigen Hofe des alten Schlosses von Baden-Baden.

Mich ergriff dieser Auftritt tief. Wir schwiegen eine Weile und dann fuhr der wackere Z–f fort: „Es hat nicht sein sollen. Vielleicht ist es auch gut so; denn sehen Sie, an wen hätten wir Elsasser fallen sollen, wem wären wir zugetheilt worden? Einem von Euren Duodezstaaten? Dafür müssen wir danken, das kann uns nicht locken, wir könnten nur zu einem großen Deutschland gehören, weil wir seit zweihundert Jahren einem großen Staate einverleibt sind. Auch lockt uns Eure Censur nicht, Euer Bundestag thut es eben so wenig; aber der Zollverein, wohlan, den lasse ich mir gefallen. Nur so fortgefahren. Sehen Sie, wir haben constitutionelle Verfassung und freie Presse, die doch für gebildete Menschen einen hohen Werth besitzen, und was könntet Ihr Deutschländer uns dagegen bieten? Also jetzt tauschen wir nicht. Ihr habt viel versäumt; nun sind seit 1814 wieder dreißig Jahre verflossen, in denen bei uns das Werk der Verwälschung Fortschritte gemacht hat, denn darauf versteht man sich in Paris, und Monsieur Guizot, der Protestant und Doctrinair, treibt es damit am allerärgsten.“

Ich entgegnete: „Das Alles ist sehr wahr. Aber Deutschland ist im Aufsteigen und es werden Tage kommen, da es wieder stark und mächtig dasteht. Dann wird durch Pflicht, Interesse und Nothwendigkeit vor allen Dingen geboten sein, daß wir wieder nehmen, was uns geraubt worden ist. Wir werden dann nicht lange fragen, ob die Elsässer Sympathien für uns haben und wieder mit uns vereinigt sein wollen. Nur ein Schwachkopf würde sich darum kümmern. Anderthalbhundert Jahre habt ihr die euch aufgezwungene Vereinigung mit Frankreich widerwillig ertragen, und nur durch lange Gewohnheit und materielle Vortheile euch mit demselben eingelebt; mit der Wiedervereinigung, dem Beitritt zum alten Haupt- und Stammlande, würde sich die Sache rascher machen; ohnehin weisen ja alle materiellen Interessen vorzugsweise nach uns, nach dem Rheinlande hin.“

„Darin pflichte ich Ihnen bei. Hätten die Deutschländer 1814 das Elsaß behalten, so wäre es bei uns überall wie in Landau, wo man nichts von Wälschem sieht und hört. In Straßburg, Mühlhausen, Colmar und andern Städten hätten wir dann wohl noch ein paar tausend Dutzend Franzosen behalten; aber was wollte das sagen gegen die Million Landesbewohner?“

Noch in demselben Herbste besuchte ich meinen würdigen Freund, der ein echter Mann von Schrot und Korn war, in seinem behäbigen Hause, das seit einigen Jahrhunderten im Besitze derselben Familie sich befindet. Ich fühlte mich wohl und heimisch, und in goldgelbem elsasser Wein haben wir auf das Wohlergehen, die Freiheit und die Macht Deutschlands getrunken.

Eben als die Gläser klangen, schritten Vincenner Jäger mit raschem Tritt durch die Straßen, um ihre damals neuen Schießwaffen zu erproben. Der köstliche Wein schmeckte mir bitter.

Wie würden wir Deutschen den Tag segnen, an welchem unsere Fahnen vom hohen Münsterthurme herabflattern, und statt der Vincenner Jäger unsere Regimenter auf dem Kleberplatze ständen, geschaart um das Standbild eines tapfern Marschalls, der für Fremde focht!

Wenn, mein lieber Alfred, unter Deinen Cameraden sich der Eine oder der Andere befände, der in Sympathieen für fremde Nationalitäten schwärmte, so rede Du ihnen vom Elsaß und sage, daß man Theilnahme, Mitgefühl und Thatkraft vor allen Dingen für sein eigenes Land und seine eigenen Brüder haben müsse. Deutschland muß stark und mächtig sein; darauf kommt Alles an; denn sind nicht zwei Czaaren, im Westen und Osten, unsere Nachbarn, und haben sie nicht schon 1829 das Uebereinkommen getroffen, die sogenannte Rheingrenze und die sogenannte Weichselgrenze zu nehmen? Kümmern diese Czaaren sich um Gerechtigkeit oder um Nationalitäten? gibt der französische Sultan seine nichtfranzösischen Nationalitäten, also Corsicaner, Deutsche, Flamingen, Basken und Bretagner frei? der moskowitische Czar die deutschen Ostseeprovinzen, die Polen, die Turkomanen, Finnen und die vierzig oder funfzig andern Völkerschaften, die im russischen Reiche nicht russisch reden? Trachten die Italiener nicht nach dem Etschlande bis zum Brenner? Drücken die Dänen nicht auf die Deutschen in Schleswig-Holstein? Gibt England die ionischen Inseln, Malta, Irland, Indien etc. heraus? Nein. Und wir allein sollten so kindisch sein, uns eine abstracte Gerechtigkeit zur Richtschnur zu nehmen, die unter den gegebenen geschichtlichen Verhältnissen geradezu kindisch wäre; wir, denen nichts so nöthig ist, als Wahrnehmung unserer eigenen Interessen, sollten unsere Sympathieen an Andere wegwerfen, die uns dafür nicht einmal Dank wissen? Der Teufel hole solche schlappen, sentimentalen, dummen Philister.

Es kommt darauf an, daß wir unsere ganze Energie ungetheilt gegen den Zwingherrscher wenden, dessen Absicht auf Beraubung unseres Vaterlandes geht; er füttert seine dienstwilligen Franzosen mit Soldatenruhm voll, und sie geben sich zu blinden Werkzeugen eines Despoten her. Dieser tritt genau in die Fußtapfen seiner Vorfahren auf dem Throne, welche seit drei Jahrhunderten die Maxime befolgten, bei jeder Gelegenheit Stücke deutschen Landes abzureißen und Frankreich einzuverleiben. Die französischen Republikaner waren eben so wenig sentimental; sie hatten Sympathieen nur für sich, und thaten recht daran.

Bei uns begannen das Unheil und die Verluste, als Kaiser und Reich schwach wurden und der Particularismus obenauf kam; dazu haben die nichtswürdigen dogmatischen Zänkereien und die Religionskriege wesentlich beigetragen. In Folge derselben schnappte Frankreich zu; während es im eigenen Lande die Protestanten mit Feuer und Schwert verfolgte, leistete es den deutschen Protestanten gegen den katholischen Kaiser Vorschub, und so gingen für uns durch den kläglichen Passauer Vertrag und Moritz von Sachsen die drei lothringischen Bisthümer Metz, Tull und Verdun verloren. Metz, die alte Reichsstadt, in welcher die sieben deutschen Kurfürsten die goldene Bulle unterzeichneten, wurde dadurch aus einem Schlüssel Deutschlands ein Bollwerk und eine Vormauer Frankreichs gegen uns, und dieser schwere Verlust ist bis auf den heutigen Tag zu verspüren.

Während wir uns wegen theologischer Formeln und Floskeln unter einander rauften, gingen auch die Ostseeprovinzen verloren; erst an die Polen, dann an die Schweden und Russen; aber nach dem dreißigjährigen Kriege trieb Frankreich das Raubsystem in’s Große, und Ludwig der Vierzehnte konnte um so bequemer übergreifen, weil der Kaiser im Osten von den Türken bedrängt war. Er nahm die burgundische Freigrafschaft, die sogenannte Franche Comté, er nahm Theile von Luxemburg, mit der Stadt Diedenhofen, welche bei den Franzosen Thionville heißt; an Frankreich kam auch die alte Reichsstadt Kammerich oder Cambray; er riß die Südhälfte von Flandern ab, und es kümmerte ihn nicht, daß die Bewohner nicht französisch werden wollten. Er hatte Arras und St. Omer von Deutschland abgerissen, und gegen den burgundischen Kreis, das heutige Belgien, ein Dutzend Festungen gewonnen. Ich will Dir einige nennen, denn hoffentlich wird diesmal der Krieg nicht auf deutschem, sondern, wie 1814 und 1815, auf französischem Boden ausgefochten. Also jener Ludwig nahm und behielt im Maaslande und der Umgegend die Festungen Givet, Charlemont, Condé, Valenciennes, Meaubeuge, Quesnoy, Landrecy, Avesnes und Philippeville; und seinem Nachfolger fiel vor einhundertundzwanzig [403] Jahren auch Lothringen zu. Aber jeder Machtzuwachs, den Frankreich erhielt, war ein schwerer Verlust für Deutschland, und allemal wurde er gegen dasselbe gebraucht. Denn was war die Folge? Die edle Republik, die völkerbefreiende, uneigennützige, menschenfreundliche, riß 1801 das ganze Land an der linken Seite des Rheines ab, dann kam der Rheinbund, dann wurde die französische Grenze, die „natürliche“, über Belgien, Holland, die Ems-, Weser- und Elbmündungen bis nach Lübeck an der Ostsee ausgedehnt. So sentimental und sympathieenfreundlich sind die Franzosen von jeher gewesen. Warte nur ab, wie es der „Befreier“ in Italien treibt, wenn ihm nicht ein Riegel vorgeschoben wird!

Aber von allen Verlusten, die wir durch die Uneinigkeit und Schwäche unserer paar hundert souveränetätsschwindelkranken Fürsten erlitten haben, ist kein einziger so beklagenswerth und nachtheilig, wie jener des Elsasses. Nicht nur, daß wir unsere allerherrlichste Landschaft und Vorburg einbüßten, sondern unser Reichsbollwerk Straßburg ist zu einem Pfahl in unserem Fleische geworden. Den dürfen wir nicht stecken lassen.

Das Elsaß! Es ist im dreißigjährigen Kriege, im westphälischen Frieden vom Reich abgetrennt worden, zu welchem es von Anfang der Geschichte an gehört hat. Das sind für Deutschland die Folgen der kirchlichen Zänkereien gewesen, der dogmatischen Streitigkeiten, der abscheulichen Religionskriege, des überwuchernden Pfaffenthums, das so viel Unheil über die Völker gebracht hat. Beim Keifen über „himmlische Dinge“ ging uns unsere irdische Macht, Größe, Blüthe, gingen Wohlstand und Bildung verloren, und unsere Nachbarn vergrößerten sich auf unsere Kosten.

Als schon das Elsaß der französischen Macht gehorchen mußte, blieb doch die alte Reichsstadt Straßburg noch länger als dreißig Jahre bei Deutschland. Aber kein Tag verging, an welchem Ludwig der Vierzehnte nicht Ränke gesponnen hätte, um dieses deutsche Juwel seiner wälschen Krone einzuverleiben.

In meinem nächsten Briefe erzähle ich Dir, wie Straßburg durch innern Verrath und Schwäche des von den Türken bedrängten Kaisers an den Erbfeind kam. Es ist eine lehrreiche und spannende, aber traurige Geschichte, aus der wir auch heute noch Nutzen ziehen können.




Englischer Nationalstolz und englisches Vorurtheil.[4]


Ich glaube nicht, daß jemals ein Fremder London besucht hat, an den nicht zwanzig Mal die Frage gerichtet worden wäre: „Wie gefällt Ihnen England?“ Mich erinnerte diese Frage immer an die stereotypen Worte der Zollbeamten: „Haben Sie nichts Verzollbares bei sich?“ Wehe dem Fremden, der nicht seine unbedingte Bewunderung für englische Zustände und englisches Leben an den Tag legt! Englische Gastfreundschaft duldet Alles eher, als die Contrebande der leisesten Kritik.

Welche Zugeständnisse man auch immer dem nationalen Bewußtsein eines Volkes machen mag, – dieses nationale Bewußtsein muß doch immer gewisse Grenzen einhalten, wenn es nicht Gefahr laufen soll, lächerlich zu werden. Die Engländer – ich sage es unumwunden – treiben den Nationalstolz bis an die äußerste Grenze, sie sind Carricaturen des Nationalbewußtseins; ihre Unwissenheit rücksichtlich der continentalen Zustände, ihre durch nichts begründete systematische Geringschätzung für alles Nichtenglische muß sie in den Augen jedes Fremden, der ein unabhängiges Urtheil mit sich führt, lächerlich erscheinen lassen. Als ich vor etwa zwanzig Jahren Paris besuchte, richtete ein Mann, welcher der besseren Gesellschaft angehörte, die sonderbare Frage an mich: „Haben Sie viele Wölfe und Bären in den Umgebungen Wiens?“ Ich hatte alle Mühe, den Mann zu überzeugen, daß Wien südlicher liege als Paris. Er hatte sich nun einmal ein bestimmtes Bild von der Hauptstadt Oesterreichs gemacht, und die „Barbaren des Nordens“ waren bei ihm zur fixen Idee geworden. Die Römer nannten alle Nichtrömer „Barbaren“. Die Engländer nennen jeden Fremden „Tranchman.“

In einem der fashionablen Pensionate für junge Mädchen wurde durch eine der Lehrerinnen an meine Tochter die Frage gerichtet: „Tragen denn die Frauen in Deutschland auch Hüte?“ und ein englischer Reisender, dessen Reisebeschreibung ich kürzlich las, behauptete, von Deutschland und der Schweiz sprechend: Jeder Engländer, welcher Deutschland bereise, möge sich ja gewiß mit Seife versehen, da dieser Gegenstand dort nirgends zu finden sei. Vom Rheinwein sprechend, sagte derselbe englische Semilasso, es sei dieses Getränk ungefähr dasselbe, wie der englische Cider. Es ist eine Thatsache, daß in einem der anständigsten Stadttheile Londons ein Deutscher von der ganzen Nachbarschaft für verrückt gehalten wurde, weil er, wie man sagte, einen eigenen Menschen gemiethet hätte, der täglich seine Kleider durchprügeln müsse. Erst in der neuesten Zeit, etwa seit der großen Industrieausstellung, haben sich die Engländer mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß es auch ganz anständige Leute geben könne, die nicht das Glück haben, Briten zu sein.

Ein Pröbchen von der an Wahnsinn grenzenden englischen Arroganz mag die nachfolgende Stelle liefern, welche ich aus dem Leitartikel eines der einflußreichsten und verbreitetsten englischen Organe hiermit wörtlich ausziehe:

„Was die continentalen Regierungen immer gewinnen oder verlieren mögen, das kann unsere nationale Wohlfahrt in keiner Weise berühren. Die Unterthanen jener Regierungen sind zu arm und zu unwissend, zu unterdrückt und zu elend (miserable), um von den Schöpfungen unserer Industrie erheblichen Nutzen zu ziehen. Innerhalb der engen Umzäunung ihres Monopolsystems sind sie auf den Verbrauch der plumpen Erzeugnisse ihrer verstandlosen Arbeit angewiesen. Die englischen Fabrikate sind viel zu prachtvoll und kostspielig, als daß sie selbst den reichen Classen des Continentes zugänglich sein könnten, während unsere wohlfeileren Erzeugnisse, Dank sei es der Unwissenheit continentaler Staatsökonomen, zu einem Preise bei ihnen verbreitet werden mögen, welcher augenblicklich all’ ihre Mühlen und Factoreien zum Stillstande bringen würde.“

Die deutschen Industriellen, die in London factische Siege errungen haben, mögen aus diesem Pröbchen ersehen, welche Schätzung deutscher Industrie in England zu Theil wird, und die Deutschen überhaupt mögen endlich einsehen lernen, daß der maßlosen Selbstüberschätzung der Engländer gegenüber deutsche Bescheidenheit und immerbereite mundaufsperrende Bewunderung alles Ausländischen keine andere Folge haben kann, als wohlverdiente Geringschätzung von Seiten eines hochnäsigen Volkes, dessen Hauptverdienst, in der Nähe betrachtet, hauptsächlich nur in der Beherrschung des Geldmarktes liegt.

Ich will diese Anschauungsweise durch ein Beispiel illustriren. Der Eisenmanufactur steht eine große Umwälzung bevor, und es ist nicht unmöglich, daß wir vielleicht in wenigen Jahren nicht mehr auf Eisenschienen, sondern auf Stahlschienen reisen werden. Die directe Production von Stahl aus Roheisen ist nämlich in England der Gegenstand verschiedener Patente geworden, und in diesem Augenblicke sind zwei der größten Eisenmanufacturgeschäfte Englands, nämlich „The Mersey Steel and Iron Company in Liverpool“ und „Thomas Firth und Sons in Sheffield“, in einem erbitterten Kampfe begriffen. Jedes dieser Etablissements arbeitet auf ein anderes Patent hin – aber sie beschuldigen sich gegenseitig der Verletzung ihrer Patente und processiren. Ist diese Reform einst erfolgreich und herrschend in die Eisenmanufactur gebracht, so wird sich die englische Nase wieder hoch erheben und, wie in dem eben angeführten Auszuge, von den prachtvollen englischen Fabrikaten und von den plumpen Erzeugnissen verstandloser continentaler Industrie sprechen, und Niemand wird widersprechen und der bewundernde deutsche Anglomane wird wieder den Mund weit aufsperren, niedergeschmettert von englischer Größe, und wird ausrufen: „Herrliche Nation!“ Wer sich aber näher erkundigt, der kann erfahren, daß das große Eisenetablissement in Liverpool auf das Patent eines Deutschen hin arbeitet, Namens Riepe, und daß die große Firma in Sheffield sich auf das Patent eines Erfinders stützt, der zufällig wieder ein Deutscher ist, Namens Krupp. Außer diesen beiden Patenten soll, wie ich höre, noch ein drittes vorhanden sein, das sich in der Stahlerzeugung mit 50% Ersparniß bewährt, und dieses dritte Patent gehört zufällig wieder einem Deutschen, Namens Bessemer. Die plumpen und [404] verstandlosen deutschen Industriellen haben also, wie es scheint, Ideen, welche der englische Säckel zur Ehre und zum Gedeihen des „glorious England“ auszubeuten weiß. Ich hatte das Vergnügen, einige der Repräsentanten deutscher Journalistik im Jahre der großen Industrieausstellung in London zu sehen, und ich muß bekennen, daß ihre maßlose Bewunderung für alles Englische mich mit Erstaunen erfüllte. Ich konnte den Muth und die Andacht, mit welcher diese an bessere Kost gewöhnten deutschen Michel die halbrohen englisch-karaibischen Steaks verschluckten, nicht genug bewundern, und hörte mit Erstaunen, wie sich diese Herren „Reporter“ nannten, und wie ihr drittes Wort „Gentleman“ und „ladylike“ war. Einer dieser Herren rief auf einmal in meiner Gegenwart begeistert aus: „Und der herrliche Thee, den man in London trinkt!“ – und als ich ihm die Versicherung ertheilte, daß man in London bekanntlich den schlechtesten Thee trinke, da die systematische Wholesale-Verfälschung desselben sprüchwörtlich sei, – beschuldigte mich dieser würdige Freund einer an Wahnsinn grenzenden nervösen Gereiztheit und stärkte sich selbst und seine Begeisterung mit einer Flasche jenes verrufenen Höllengebräues, das man in London „Cape-wine“ oder „South african“ nennt, und dessen Wirkung mich hoffentlich an dem unverbesserlichen Anglomanen gerächt haben wird. Diese von mir mit Zuversicht vorausgesehenen Folgen des herrlichen südafrikanischen Weines waren aber nicht überzeugend genug für einen begeisterten Deutschen, und ich hatte gar bald Gelegenheit, mich hiervon zu überzeugen.

Als ich denselben „German Reporter“ später bei einer damals in der italienischen Oper gastirenden deutschen Sängerin wieder fand, hatte ich Gelegenheit, die deutsche Manie des Verblüfftseins in noch weit lächerlicherer Weise dargelegt zu sehen. Die erwähnte Sängerin hatte gleich nach ihrer Ankunft in London für’s Erste eine jener halbcomfortablen meublirten Wohnungen gemiethet, wie man sie im Westende zu Hunderten bereitstehend findet, um die Zeit zu gewinnen, sich nach einer wirklich anständigen Behausung umzuthun. Der Vermiether jenes Absteigequartieres war der Besitzer eines Schuh- und Stiefellagers in der Regent Street, der sowohl en gros als auch im Detail mit dieser Waare Handel trieb und wohl schon manche Schiffsladung nach Australien oder Ostindien geschickt hatte. Mein deutscher „Reporter“ hob voll Begeisterung ein Ende des Tischteppichs vom Rundtische, auf welchem der Thee servirt war, und rief mit Emphase: „Welch’ ein Land! Ein Schuster besitzt Meubles von Mahagoni!“ – So lange die Deutschen sich in solcher Weise im Auslande lächerlich machen, kann man nicht verwundert darüber sein, daß das civilisirteste Volk der Welt über die Achseln angesehen wird. Die Deutschen haben es durch ihren Mangel an Würde und Nationalbewußtsein schon so weit gebracht, daß das Land der Quäker und Unitarier und Wiedertäufer und Methodisten es wagt, sich über deutsches Wissen und deutsche Philosophie lustig zu machen. So fand ich neulich in einem Leitartikel die nachfolgende Stelle:

„Europa hat von Deutschland nichts gelernt, als einen groben Materialismus, umgeben von Bierschaum und Meerschaumpfeifenrauch. Die deutsche Philosophie ist nichts, als eine ungeheuere Olla-Potrida von englischem und schottischem Sensualismus, französischem Skepticismus, orientalischem Mysticismus und mittelalterlichem Dogmatismus.“

Das war mir denn doch ein bischen zu arg, und obgleich ich mich bisher von allen journalistischen Controversen in England fern gehalten hatte, glaubte ich doch, in diesem Falle für mein deutsches Vaterland eine Lanze brechen zu müssen, – um so mehr, als jener alberne Leitartikel sich in einem der verbreitetsten und accreditirtesten Tagesblätter befand. Ich wählte ein vielgelesenes englisches Witzblatt und ließ folgende Erklärungen einrücken:

„Einer der geistreichen Leitartikel des „Daily Telegraph“ sagt:

„Europa hat von Deutschland nichts gelernt, als einen u. s. w.

(folgt die obige Stelle.)
„Die unterzeichneten deutschen Philosophen benutzen die gastlichen Spalten des „Town Talk“, um hiermit im Namen sämmtlicher Philosophen Deutschlands zu erklären, daß sie nie in englischem oder schottischem Sensualismus gemacht haben und daß ihnen dieser Artikel gänzlich unbekannt ist.
Kant. Leibnitz. Fichte. Schelling. Mendelssohn. Spinoza. Hegel.“

„Im Namen jener deutschen Schriftsteller, welche mehr oder weniger mit Philosophie zu thun hatten.

Lessing. Herder. Goethe. Schiller. Jean Paul Richter.“
Erklärung.

„Wenn der Unterzeichnete hätte ahnen können, daß seine Erfindung dazu mißbraucht werden könnte, sein Vaterland zu verleumden, so würde er sich mit einem Patente versehen haben.

Johannes Guttenberg, 
Unpatentirter Erfinder der Buchdruckerkunst.“     
Erklärung.
„Ja, der grobe Materialismus mit Rauch, der den Engländern in Indien eben jetzt so gute Dienste geleistet hat, ist eine deutsche Erfindung.
Bertbold Schwarz, 
Unpatentirter Erfinder des Schießpulvers.“     
Erklärung.

„Ich kann nur für meine deutsche Uebersetzung einstehen.

Dr. Martin Luther, deutscher Reformator.“     

„O! Wenn ich das Pericranium dieses englischen Leitartikelschreibers nur für eine halbe Stunde besitzen könnte!

Dr. Gall, Erfinder der Phrenologie.“     

„Die Gesichtszüge dieses Mannes müssen höchst merkwürdig sein!

Lavater.“     

Das englische Witzblatt nahm meine Einsendung mit Dank auf, ich hatte die Lacher auf meiner Seite, und jener hochweise Verächter deutschen Wissens und deutscher Philosophie gab kein weiteres Lebenszeichen von sich.

Im Savage-Club, der nur von Schriftstellern und Künstlern gebildet ist, hörte ich einst den mit Recht populär gewordenen Humoristen Georges Augustus Sala behaupten: Die Deutschen besäßen Humor, aber Geist und Witz fehle ihnen gänzlich, wenn man etwa Goethe ausnehmen wolle. Als ich kurz darauf von Börne sprach, bemerkte ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß unter allen anwesenden englischen Schriftstellern auch nicht Einer war, der diesen Namen jemals gehört hatte. Ich nahm mir die Freiheit, dem geistreichen Herrn Georges Augustus Sala zu bemerken: Daß man es billiger Weise der deutschen Literatur nicht zur Last legen könne, wenn sie den Engländern unbekannt sei.

Es versteht sich wohl von selbst, daß meine Bemerkungen über die Einseitigkeit und Hochnäsigkeit englischer Anschauung dem Continente und insbesondere Deutschland gegenüber sich nur auf die Allgemeinheit beziehen und Ausnahmen nicht ausschließen. So ist es z. B. nicht zu leugnen, daß namentlich in den höheren Ständen vorurtheilsfreie Würdigung der Vorzüge deutscher Bildung und deutschen Wissens nicht eben zu den Seltenheiten gehört; aber im Allgemeinen leben die Engländer unstreitig in jener glückseligen Selbstüberschätzung, die unseren Weltkörper zum Paradiese der Dummköpfe macht. Ein nicht zu übersehender Umstand ist es, daß Englands hervorragende Geister häufig das Thema, das ich eben berührt, mit furchtloser Offenheit besprochen haben, wie z. B. Dr. Johnson, Lord Byron und in neuerer Zeit Bulwer. Aber die große Phalanx der englischen Schriftsteller, besonders der neueren, scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, den Nationalvorurtheilen und der Eitelkeit der Massen zu schmeicheln. Mag man einen Roman oder ein Zeitungsblatt zur Hand nehmen, mag man ein Gedicht lesen oder ein Drama ansehen, – überall findet man das „England for ever“, überall findet man das „Rule Britannia“. – Was würde ich darum geben, könnte ich den zehnten Theil des Ueberschusses an Nationalbewußtsein, der die Engländer zu Carricaturen macht, an mein deutsches Vaterland übertragen, das durch diesen Bruchtheil zum Selbstbewußtsein befördert würde!

Nichts kann bezeichnender und zugleich lächerlicher sein, als der Umschwung, der neuerlich in dem Tone stattgefunden hat, welchen die englischen Zeitungen, Deutschland betreffend, angeschlagen haben. Noch vor Kurzem las man von dem machtlosen, von allen Seiten bedrohten, armen, zersplitterten, gewichtlosen Deutschland und von seinen lächerlichen Armeen, aus drei Generalen und zwanzig Mann bestehend, von den liliputanischen Duodezstaaten und dergleichen. Nun aber Deutschland in preiswürdiger Uebereinstimmung sein mächtiges Gewicht in die europäische Wagschale legt und dem gekrönten Abenteurer über den Alpen die Zähne zeigt, ist plötzlich Alles anders, und die Exchange-Politiker des stolzen England fangen an, die runden Zahlen, welche Deutschland in’s Feld zu stellen vermag, mit Wohlgefallen zu betrachten. Und was sagt das englische Orakel, das Idol der modernen Römer, die papiergewordene englische Unfehlbarkeit – die Times? Sie sagt, daß England von seinem erhabenen Standpunkte aus in Ruhe zusehen solle, wie sich zu seinem Wohle und Gedeihen Frankreich und Oesterreich gegenseitig aufzehren gleich jenen beiden Wölfen, von welchen nichts übrig blieb, als zwei Schwänze. Wer die Moral einer solchen politischen Anschauung erwägt, muß von der maßlosen Bewunderung englischer Größe geheilt werden, und wäre er selbst ein deutscher „Reporter“!



[405]
Eine österreichische Waffenthat.
Die Gartenlaube (1859) b 405.jpg

Die Wiedereroberung einer Fahne in der Schlacht von Magenta.

Während die Blicke Deutschlands und der civilisirten Welt jetzt in gespannter Erwartung nach Italien gerichtet sind, auf dessen blutgetränktem Boden die gewichtigsten Fragen der Neuzeit mit dem Schwerte gelöst werden sollen, dringt in überraschender Schnelle eine Kunde nach der andern zu uns herüber, daß die österreichischen Truppen zurückgewichen oder zurückgeschlagen worden sind. Selbst dem mit dem Kriegswesen Unkundigsten muß einleuchten, daß hierbei das naive Bekenntniß eines weiland preußischen Premierministers über die Zweckmäßigkeit eines „Zurückweichens aus strategischen Rücksichten“ nicht glaubwürdig erscheint; und wenn wir auch von den Ruhmesberichten des Moniteurs immerhin die Hälfte in Abzug bringen, wenn wir zur Zeit auch noch das alte Wort des Tacitus über die Kämpfe der Deutschen mit den Römern bewahrheitet finden: „sie sind mehr besiegprachtet, als besiegt worden“ (magis triumphati quam victi sunt), so bleiben doch noch so viel Lorbeeren für das sardo-fränkische Heer zurück, daß wir ein gewisses Schamgefühl nicht zurückdrängen können und, da nun einmal die Kriegsfurie losgelassen ist, den Oesterreichern wenigstens einmal eine kleine „Revanche für Pavia“ gönnen möchten. Aber fast scheint Letzteres nur ein leerer Wunsch zu bleiben; bei den fortgesetzten Niederlagen [406] schwindet das moralische Selbstgefühl in der Brust des Einzelnen, er verzweifelt an der eigenen Kraft und fügt sich widerstandslos in das für unvermeidlich erachtete Mißgeschick, während der Gegner im stolzen Muthe des Uebergewichts den Sieg für immer an seine Fahnen gefesselt meint, und in diesem zuversichtlichen Glauben auch wirklich fortgesetzt neue Triumphe zu den bereits errungenen gesellt. Anfangs wurde von den Freunden Oesterreichs die Schuld der Niederlagen auf die Unkenntniß und die Fehler der Führer geschoben; der früher hochgefeierte Gyulai galt alsbald für einen mehr als unfähigen Strategiker, der wieder von einem hochgestellten Manne in der Nähe des Kaisers beeinflußt werde; allein die neuesten Ereignisse, die Schlacht bei Solferino und der Rückzug hinter den Mincio, scheinen auch kein allzuschmeichelhaftes Zeugniß für die Tüchtigkeit eines Schlik hinsichtlich der Heeresführung abzulegen, während selbst die Schlachtpläne des sonst so erprobten Heß – vielleicht in Folge des vorgerückten Alters – an ihrer geistigen Frische verloren haben dürften. Sehen wir jetzt einmal von der mindestens unwahren Behauptung ab, daß wir schon aus Sympathie für das zusammengewürfelte, aus Slaven, Italienern, Wlachen, Magyaren und Deutschen an einander geschmiedete italienische Heer demselben, als dem eines „stammverwandten Brudervolkes“, den Sieg über die sardo-fränkische Armee zu wünschen hätten, und vergessen wir nicht, daß sich die Italiener mit demselben Rechte, wie die Deutschen Anno 13, von ihren fremdländischen Eroberern befreien dürfen, so können wir doch auch für unser specifisch deutsches Gefühl einige Genugthuung in dem Zeugnisse der Franzosen über die unerschütterliche Ausdauer und den bewährten Kampfmuth der deutsch-österreichischen Soldaten finden, die für eine der Mehrzahl sicherlich fremde, vielleicht unbekannte Sache auf das Machtgebot ihres Kaisers ihr Blut auf italienischer Erde verspritzen. Noch immer zeigt sich in vielen von ihnen der tapfere Muth, der ja von Urväter Zeiten her ein Erbtheil der Deutschen war, und einzelne Beispiele erinnern auch beute noch an die schönsten Thaten des deutschen Ritterthums. So entnehmen wir dem Schreiben eines Hauptmanns im Generalstabe der italienischen Armee die Waffenthat eines österreichischen Soldaten, die wir unsern Lesern in vorstehendem Bilde veranschaulicht haben.

Der Fahnenträger eines Infanterieregiments war so unglücklich, bei einem der neueren Gefechte den rechten Arm zu verlieren; die Fahne entsinkt ihm, und der danebenstehende Officier übergibt sie dem nächsten Manne der Truppe, den aber kurz darauf eine feindliche Kugel ebenfalls zu Boden streckt. In diesen, kritischen Augenblicke stürzen zwei Zuaven auf das unbeschützte Kleinod und führen es triumphirend hinweg. Kaum hatte dies jedoch ein anderer österreichischer Infanterist gewahrt, als er allein den siegtrunkenen Zuaven nachjagt, den ersten derselben niederschießt, den zweiten mit dem Kolben seines Gewehres zu Boden schmettert, ihm das theure Zeichen entreißt und es unversehrt in gerechtem Stolze zu den Seinigen zurückbringt. Nach des Schreibers Versicherung war dieser Brave ein Jüngling von achtzehn Jahren und noch nicht vierzehn Tage in die Armee eingereiht.

Wir erfahren soeben noch seinen Namen. Er heißt Bach, ist ein geborener Pfälzer, Sohn des Steuereinnehmers Bach in Rülzheim bei Germersheim, und wegen seines Heldenmuthes bereits zum Lieutenant avancirt. Die österreichische Armee zählt, wie sie wieder bei Solferino bewiesen, in ihren Reihen viele solcher Tapferen.

Das Glück des Pariser Parvenu’s war bis jetzt ein unwandelbares. Als er auftrat und seine ehrlichen Gegner, die Demokraten, in den Straßen von Paris mit Kartätschen niederschmettern ließ, waren es deutsche Fürsten und Geldmänner, die ihm als dem „Retter der Gesellschaft“ entgegenjubelten und ihn mit Orden und Adressen bedeckten. Der Magistrat einer deutschen Residenz hatte nach Jahren, als bereits die kaiserlichen Eide als Meineide gebrandmarkt waren, noch die Frechheit – gegen den Willen seiner Mitbürger – denselben Menschen zu beglückwünschen, für den man jetzt nicht Ausdrücke des Abscheu’s genug finden kann. Lord Palmerston trug ihm bedientenhaft die Schleppe, und der weiße Czaar nahm den angebotenen Frieden an. So mußte er schließlich bei der politischen Erbärmlichkeit seiner Zeitgenossen an sein Glück und seine Mission glauben. Heute ist es wieder die Kopflosigkeit einiger Generale und die Hohlheit eines Systems, dessen Unhaltbarkeit Alle, nur nicht die Beteiligten, erkannt hatten, die ihm den Sieg leicht machen. Eine vortreffliche Armee, kriegsgeschult und mit Officieren an der Spitze, deren Tapferkeit ohne alle Zweifel ist, wird zwei – drei Mal von demselben Manne geschlagen, der in der Schlacht von Magenta den Kopf so gänzlich verloren hatte, daß er auf die Frage eines Adjutanten des Generals Mac-Mahon nach seinen Befehlen nur die Worte herauszustammeln vermochte: „Sagen Sie dem General, er solle thun, was er für gut findet, nur rette er uns.“ Und Mac-Mahon rettete ihn und mit ihm sein Glück! Vielleicht schon nächstens treibt ihn seine Mission auch an die Ufer unseres rebenreichsten Flusses und vielleicht schon in einigen Wochen, wenn es sich darum handelt, ob deutsche Sympathieen sich für Römisch oder Deutsch entscheidend bethätigen sollen, werden dieselben finstern Kräfte im Süden, die, als sie ihr Palladium in Gefahr sahen, in jeder Weise aufstachelten, wieder „abwiegeln“ und die Mission des Glücklichen erleichtern, mit dem sie vielleicht zusammen dann gegen die Burg des Protestantismus ziehen. Eine neue heilige Allianz gegen Deutschthum und Glaubensfreiheit! Dann schütze Gott unser Vaterland!

Noch aber sind wir nicht so weit, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird der Kampf nothgedrungen beginnen müssen. Die Deutschen werden ihn ohne Furcht – ja freudig aufnehmen. An dem Blute deutscher Söhne erbleichte der Glücksstern des Onkels – es könnte wohl kommen, daß unter den Schlägen derselben Waffen die Mission des Neffen ein Ende fände, wenn er es wagen sollte, diese Mission auch über den Rhein auszudehnen. Die Moniteurrenommagen von acht- und zehntausend Gefangenen wenigstens werden rasch ein Ende nehmen, wenn der Neffe nicht mehr ungarischen und italienischen Regimentern gegenübersteht.




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Von A. v. Dommer.
Die musikalische Form im Allgemeinen.

Sie haben mich aufgefordert, Ihnen einen allgemeinen Ueberblick über das Wesen der Musik und ihre Kunstformen zu geben. Indem ich versuchen will, Ihrem Wunsch nachzukommen, erinnere ich im Voraus, daß Sie tiefwissenschaftliche Belehrung von diesen Briefen nicht eigentlich erwarten sollen; ihr Zweck kann nur sein, eine Anregung zum eigenen Nachdenken über die Kunst zu geben, und Manches, was Sie selbst in Ihrem Gefühl haben, auch in’s Bewußtsein zu rufen.

Die meisten Musikliebhaber, auch wenn sie es ernster mit der Sache meinen, können sich gar keinen Begriff davon machen, daß ein Musikwerk ein geschlossener Organismus ist, dessen Theile mit innerer Nothwendigkeit sich zu demjenigen Ganzen fügen, als welches es erscheint. Und doch ist es bei der Musik hierin nicht anders, wie bei der Dichtkunst oder den bildenden Künsten; ebenso wie hier, beruht auch dort der größte Theil der Wirkung auf der inneren Naturwahrheit des Kunstwerks, und durch das Vermögen, diese innere Wahrheit im Kunstwerk zu erkennen, wird der Genuß an demselben erst eigentlich zu einem Kunstgenuß.

Die Musik gelangt also eben so wenig wie alle übrigen Künste durch bloße Empfängniß des Gemüthes zu ihrer rechten Geltung; wollen Sie einen wahren Genuß daran haben, so suchen Sie sich mit den Wechselwirkungen von Ursache und Folge, mit dem Ideenkreis und den Ausdrucksmitteln, welche einer Kunst eigenthümlich sind, bekannt zu machen, und Sie werden sehen, mit wie gesteigerter Kraft nun ein Kunstwerk an Sie herantreten wird, dem gegenüber Sie früher mit Ihrem Gefühl sich begnügt haben.

Bei aller Verbreitung der Musik finden wir doch überwiegend häufig eine sehr einseitige Ausübung derselben – nicht nur bei den Dilettanten, sondern auch oft genug bei Künstlern. Wir finden viele geübte Techniker des Clavierspiels, denen der Bau einer Sonate, ja sogar die einfachsten Gesetze der Harmonielehre etwas völlig Fremdes sind. Diese üben denn auch die Musik nur wie eine todte Sprache, welche sie lesen, sprechen, aber nicht verstehen können, und deren Laut wohl eine unklare Vorstellung von etwas darin Enthaltenem erweckt, deren eigentlicher Geist und Inhalt ihnen jedoch verschlossen bleibt; sie gelangen dem Kunstwerk gegenüber kaum über eine [407] unklare Empfindung hinaus, und begnügen sich mehr oder weniger entweder mit einem einseitigen technischen Vergnügen oder mit einer bloßen Gefühlsschwelgerei.

An diesem oft höchst oberflächlichen Musiktreiben bei der Mehrzahl ihrer Liebhaber, sind, wie überhaupt bei jedem Stocken, Rückschreiten oder Mißverstandenwerden der Kunst, die Künstler größtentheils selbst schuld, besonders die Lehrer, denen, auch wenn sie dazu fähig sind, in den seltensten Fällen beikommt, dem Lernenden nicht nur eine rein technische Seite der Musik zu zeigen, sondern ihm einen tiefern Einblick in die Geheimnisse der Kunst zu eröffnen. Höchst selten fällt es einem Lehrenden ein, mit dem Schüler die Kenntnisse der Harmonie und der musikalischen Gedanken- und Formenentwicklung zu üben, und so nach und nach ein tieferes Verständniß der Musik vorbereiten zu helfen, als es durch noch so vieles Clavierspiel, wenn es, wie häufig, rein mechanisch geschieht, zu ermöglichen ist.

Der die Kunst wahrhaft verehrende Liebhaber wird die anfänglich allerdings gehäuft erscheinenden Bemühungen nicht scheuen, aber in kurzer Zeit für die geistigen Genüsse, die ihm daraus erwachsen, dankbar sein. –

Die Musik ist, wie Sie wissen, die Kunst, durch Töne Empfindungen in uns zu erwecken. Diese Empfindungen können unmittelbar durch die Musik selbst in uns entstehen, sie können aber auch durch die Ahnung einer der Musik zu Grunde liegenden Idee hervorgerufen oder mindestens gesteigert werden. Entweder gibt uns der Künstler in seinem Werke ein freies Tonspiel, welches rein durch die Schönheit seiner Verhältnisse an sich das Gemüth und den Geist erfreut, oder die Musik dient, natürlich in den Grenzen, welche ihre Natur ihr auferlegt, einer höheren poetischen Idee zum Ausdruck.

Wir wollen uns zuerst mit derjenigen Musik beschäftigen, der wir außer dem rein musikalischen auch noch einen poetischen Inhalt zusprechen.

Der Quell aber, aus dem die Musik ihren idealen Inhalt schöpft, ist nicht die äußere Natur, auch nicht die Wissenschaft, sondern einzig und allein die Bewegungen des menschlichen Herzens. Die menschlichen Gefühle, Empfindungen und Leidenschaften in ihren verschiedenen Stärkegraden, Modifikationen, Wechseläußerungen und Widerspielen sind ihre Stoffe.

Also nur aus dem Gemüthe des Menschen nimmt die Musik ihren poetischen Inhalt, nicht aus der äußeren Natur. Eine Musik, welche Naturerscheinungen, Donner, Regen, Vogelgesang, Brausen des Meeres oder wirkliche Handlungen, z. B. Schlachten, Wettrennen etc. malend nachzuahmen sucht, greift in ein ihr nicht angehöriges Gebiet und steht ihrem idealen Gehalt nach auf niedriger Stufe. Sie opfert ihren eigenen Inhalt, und kann wirkliche Naturwahrheit doch nicht erlangen, hat daher höchstens decoratives Interesse.

Sie werden die Pastoralsymphonie von Beethoven kennen und mir entgegensetzen, daß sie trotz der darin enthaltenen Naturmalerei, Gewitter, Vogelgesang, Murmeln des Baches, Tanz der Bauern, doch ein sehr schönes Werk sei. Das ist auch wahr, aber nicht in der an und für sich vortrefflichen Naturnachahmung, sondern in der ganzen unendlich tief heitern und sonnigen Idee beruht seine Schönheit; die Naturmalerei könnte als solche füglich weggedacht oder gar nicht erkannt werden, und das Werk würde dadurch nichts verlieren. – Wie weit die Berechtigung der Tonmalerei im Komischen und andererseits in der Oper sich erstreckt, zu untersuchen, würde hier zu weit führen.

Die äußere Natur ist also für die Musik nicht da, ist kein Hülfsmittel für ihr Verständnis;, kein Maßstab für ihre Werke; aus unserer äußeren Naturumgebung heraus können weder Schönheiten noch Widersprüche oder Verkehrtheiten im Tonwerke nachgewiesen werden, wie es bei den bildenden Künsten der Fall ist. Hier wird uns ein Anhalt durch die Natur geboten, es erfreut sich unser von Kindheit an mit ihren Erscheinungen vertraut gewordener Sinn am erblickten Schönen, und verwirft das geradezu Falsche und Häßliche, indem es das Product des Künstlers entweder in Uebereinstimmung oder im Widerspruch mit der ihm bekannten Natur erblickt, womit jedoch keineswegs gesagt sein soll, daß die bildenden Künste nur auf der Naturnachahmung beruhten. In der Dichtkunst gelangen wir durch das Wortverständniß, wie bei der bildenden Kunst durch die Kenntniß der Natur, zum eigentlichen Inhalt des Kunstwerks. Die Producte der Musik sind aber eben so wenig durch das Wort zu versinnlichen, wie durch die äußere Natur zu begreifen.

Wenn nun die äußere Natur, ein Kunstwerk oder eine Dichtung, überhaupt ein nicht unmittelbar im Gemüth des Künstlers, sondern außer ihm Bestehendes nicht durch die Musik dargestellt werden kann, so kann doch der Künstler dadurch zur Production angeregt werden. Die durch eine Naturerscheinung oder durch ein Kunstwerk angeregte Phantasie des Künstlers vermag zwar nicht diesen Gegenstand selbst, wohl aber die durch denselben in ihm erweckten Gefühle wiederzuspiegeln. Die Anschauung, welche der Künstler von dem Gegenstande empfangen hat, kann auf sein Gemüth und seine musikalische Phantasie derart wirken, daß er in seinem Tonwerk durch musikalische Mittel eine ähnliche Gemüthswirkung auf uns hervorbringt, wie das Kunstwerk oder die Natur auf ihn ausgeübt hat. Das ist aber himmelweit von jener unmittelbaren Nachahmung verschieden. Dort war der Gegenstand selbst Stoff für die Musik – hier ist er nur Anregung des Gefühls und der Phantasie.

Von der Natur unmittelbar empfängt die Musik nur den Ton (eigentlich nur den Schall und den Laut) als unorganisches Material, wie der Maler und Architekt die rohen Farben und Bausteine. Die Kunst selbst hat diese unorganische, von der Natur dargebotene Tonwelt erst durch Unterwerfung unter Regeln und Gesetze sich dienstbar gemacht, und jene unorganischen Klänge zum ausdrucksfähigen Kunstmittel geordnet.

Eben so wenig wie die Musik unsere äußere Natur zu schildern vermag, ist sie im Stande, Begriffe und philosophische Ideen unmittelbar auszudrücken – mit unzweifelhafter Sicherheit könnte es nur die Dichtkunst, wenn es überhaupt Zweck der Künste wäre. Wenn auch die bedeutendsten Kunstwerke stets auf der Grundlage einer solchen allgemein religiösen oder sittlichen Idee entstanden sind (wie Händel’s Messias, Bach’s Matthäus-Passion, Beethoven’s 9te Symphonie), ein höheres Kunstwerk einer solchen Idee überhaupt gar nicht entbehren kann, so kommt doch diese nicht ihrem wissenschaftlichen Inhalt nach zum Ausdruck.

Eines selbstständig für sich in Worten denkbaren oder gedachten Inhaltes, der sich von der Musik, wie diese von ihm, abtrennen ließe, so daß (worauf es bei der Programmmusik hinausläuft) die Musik nur als Illustration eines für sich ausgearbeiteten poetischen Planes erscheint, bedarf die Tonkunst nicht. Bei der Gesangmusik scheint nun allerdings ein solcher Wortinhalt gegeben, aber nicht diesen Wortinhalt nach seiner wörtlichen und begrifflichen Bedeutung, sondern nur den dahinter ruhenden Gefühlsinhalt bringt die Musik zum Ausdruck. Diesen Gefühlsinhalt vermag sie aber in der Vocalcomposition zu einer Geltung zu erheben, zu der es der Wortausdruck allein nicht bringen kann.

Aus der Vereinigung der Poesie und Musik in der Vocalcomposition geht daher eine begriffliche Klarheit, verbunden mit einer Intensität des Gefühlsausdrucks hervor, daß in der That Veranlassung dazu wäre, dieser Musikgattung die höchste Stellung in der Tonkunst anzuweisen, besonders da die Musik keineswegs genöthigt ist, bei der Verbindung mit der Poesie von ihrer Eigenthümlichkeit etwas zu opfern. Sie soll beim engsten Anschluß an die Dichtung doch für sich selbstständig freie Kunst bleiben, nicht aber dienende Magd des einzelnen Wortes werden.

Bei der reinen Instrumentalmusik aber, welche ihre eigene Logik, abgetrennt von jedem Worte, für sich hat, erscheint ein erklärendes, gemeinhin nur an Aeußerlichkeiten anknüpfendes Wortprogramm nur störend. Es ist ganz der Natur unserer Kunst zuwider, uns zwingen zu wollen, daß wir Dinge aus der Musik herausverstehen sollen, die doch die Kunst selbst, ihrer innersten Bestimmung nach, nicht klar darzustellen vermag. Der ganze Kunstgenuß, von welchen, bei solchen Programmmusiken deshalb fast nie die Rede ist, wird auf eine kleinliche Spielerei des Verstandes reducirt.

Also ebensowenig, als wir die Formen der Musik in der äußeren Natur vorgebildet fanden, ist auch ihr Inhalt bis in’s Einzelne bestimmt in Worten darstellbar und mittelst unserer Sprache faßlich. Der einem Musikwerke zu Grunde liegende Gedanke kann nur geahnt werden und hüllt sich vor jeder bestimmteren Erklärung durch das Wort in einen undurchdringlich geheimnißvollen Schleier. Als Ersatz für den Mangel an bestimmt ausgesprochenen Ideen führt uns die Musik in jene höchsten und tiefsten Regionen der Empfindung und des Gefühls, wohin, wie gesagt, nur unsere Ahnungen reichen, die aber jeder Wort- und Bildsprache verschlossen bleiben.

Wodurch vermag nun aber die Musik einen Gefühlsinhalt so darzustellen, daß der Hörer denselben mit zu empfinden im Stande ist und zu verstehen glaubt?

Das einzige Mittel ist die Analogie, das Gleichniß, wie es [408] J. C. Lobe in seiner Compositionslehre mit großer Klarheit dargestellt hat.

Jede Gefühlsbewegung im Menschen nimmt ihren Anfang und erreicht ihr Ende und durchläuft während ihrer Dauer einen Kreis von mehr oder minder mannichfaltigen Hebungen und Senkungen, Steigerungen und Ermattungen. Es treten Nebenstimmungen hinzu, welche Modificationen des Grundgefühls bewirken; das Gefühl schlägt plötzlich, auf seiner höchsten Höhe, in sein Widerspiel um und kehrt wieder zu seinem ursprünglichen Inhalte zurück oder wechselt diesen allmählich in kürzeren oder längeren Uebergängen.

Das ist seinem Wesen nach Niemanden unbekannt, wenn auch vielleicht nur dem kleineren Theile durch Beobachtungen an sich oder anderen Menschen zur deutlichen Vorstellung gelangt.

Jeder entwickelte Mensch kennt den Verlauf und die mannichfaltigen Schattirungen einer Freude, eines Schmerzes; jeder hat den plötzlichen Umschlag von der ersten zum zweiten und umgekehrt erfahren; jeder hat die aus zwei Gefühlsgegensätzen entstehenden gemischten Gefühle erlebt: Schwanken zwischen Freude und Schmerz, Furcht und Hoffnung, Liebe und Haß.

Ein jedes Gefühl trägt eine Bewegung, Gliederung und Begrenzung in sich, tritt also in einer Form auf.

Das Musikwerk soll nun einen ähnlichen Gefühlsproceß im Hörer hervorrufen, indem es die zu schildernden Gefühle durch die Ausdrucksmittel der Musik wiederzuspiegeln und zu versinnlichen sucht.

Jedes Gefühl für sich oder jeder Complex von Gefühlen erschien in einer bestimmten, in seinen einzelnen Erscheinungen und im Ganzen gegliederten und begrenzten Form – das den Gefühlsproceß versinnlichende Tonwerk wird nun ebenfalls einer solchen, durch den Inhalt auch äußerlich gegliedert erscheinenden Form bedürfen, um für uns verständlich zu werden.

Da sämmtliche Gefühle in ihrem Verlaufe viel Aehnliches mit einander haben, werden auch die allgemeinen Formen der sie versinnlichenden Tonwerke in ihren Umrissen viel Gemeinsames unter sich zeigen; eben so mannichfaltig aber wie dasselbe Grundgefühl durch die Veranlassung seiner Entstehung und durch hinzutretende Nebenumstände modificirt wird, eben so verschiedenartig wie dasselbe Grundgefühl in verschiedenen Menschen durch die Individualität in unerschöpflich reichen Nuancirungen erscheint, eben so unerschöpflich reich an Specialitäten werden auch die allgemeinen Umrisse der Kunstformen sich erweisen. Dieselbe Gefühlsregung wird in verschiedenen Menschen sich nach ihrer Individualität verschieden äußern, überdies werden auch andere Menschen dieselbe Sache anders empfinden – also bei allem Allgemeinen eine unendliche Mannichfaltigkeit; gerade so ist es auch in den Musikformen.

Um nur allein von dem Reichthume der Beethoven’schen Sonaten zu sprechen: sämmtliche bieten in ziemlich denselben Umrissen eine solche Mannichfaltigkeit des Inhaltes und demgemäß der Gliederung, Gruppirung und Theilung im Kleinen und Großen, daß keine der anderen, trotz der im wesentlichen gleichen Grundform, ähnlich erscheint.

Doch kann die Tonkunst nur das Gefühl selbst analogisiren; die Veranlassung seines Entstehens, die Gründe seiner Modificationen und Contraste höchstens nur unbestimmt ahnen lassen. Wir werden nur aus dem mehr oder minder bedeutenden Auftreten und größeren Aufschwünge zur Erhabenheit oder aus dem minder pathetischen Ergusse des Gefühles annähernd zu schließen vermögen, ob die Veranlassung desselben von Leben und Seele erschütternder oder minder ergreifender Bedeutung gewesen ist. Bei der allgemein genannten C moll-Symphonie von Beethoven wird fast Jeder ahnen, daß die Veranlassung der großen Gemüthsbewegungen eine gewaltsam hereinbrechende und erschütternde gewesen ist. Ob diese Veranlassung aber z. B. der Tod einer geliebten Person oder irgend ein anderer heftiger Schicksalsschlag war, können wir nicht aus der Musik erfahren wollen; die Veranlassungen der Gemüthsbewegungen können wir nur selbst in das Werk hineindichten.

Das Individuelle des Gefühls, wodurch es allerdings gerade den Stempel des Interessanten erhält, darf jedoch nicht die allgemeine Faßlichkeit desselben überwuchern, indem sonst auch das Tonwerk, sowie das Gefühl selbst, unverstanden bleiben muß. Durchaus capriciöse Subjectivität, welche von der Natur aus individueller Laune sich entfernt und darauf fußt, alle Dinge anders ansehen und fühlen zu wollen, wie andere gesunde Menschen, wird naturgemäß auch nur von gleichen Geistern, oder besser, gar nicht begriffen werden. Die Empfindungen in einem Tonwerk sollen nicht bunt durcheinander auf uns einstürmen, uns bald da, bald dorthin reißen, von einem Gefühl zum andern ohne denkbare Ursache überspringen; wie wir einem Menschen, den wir in einem Augenblicke weinen, lachen, lieben und hassen, rasen und sich mild anstellen sehen, wenig Vernunft und Charakter zutrauen, ebenso werden wir auch naturgemäß an einem Musikstück, in dem nur charakterlose Laune waltet und die Gedankeneinheit fehlt, kein Wohlgefallen finden. Das Tonstück, welches schnell vorüberziehend ein freies Spiel der Phantasie zu sein scheint, soll also nicht aus momentaner Willkür einer mehr oder minder phantastisch erregten Subjectivität hervorgegangen sein, sondern, wie schon gesagt, auf allgemeiner Faßlichkeit und natürlicher Entwickelung seiner Gedanken beruhen.

Neben diesen, einen bestimmten Gefühlsinhalt in sich tragenden Musikwerken sprachen wir auch von solchen, die nur reine Musik sind, reine Composition in Tönen ohne einen auch nur zu ahnenden Gefühlsinhalt. In der That würde es bei vielen Werken, besonders der Haydn-Mozart’schen Periode, sehr schwer werden, einen solchen idealen Inhalt herauszufinden. Man könnte geradezu sagen, daß ein solcher ihnen gänzlich fehlt oder dem Künstler wenigstens nicht zum klaren Bewußtsein gelangt und zur Absicht geworden ist. In diesem Falle ist das Werk ein reines Tonspiel; und doch können wir solchen Werken, in denen nur eine rein musikalische Wirkung zu walten scheint, oft unser größtes Wohlgefallen nicht versagen. Von solchen Werken, deren ganze Bedeutung in ihrem rein musikalischen Inhalte ruht, die eine Parallelisirung desselben mit einem bestimmten Gefühlsinhalte gar nicht zu fordern oder zuzulassen scheinen, hat man wohl gesagt, daß gerade sie die Tonkunst am reinsten erfüllten.

Das kann hier nicht weiter erörtert werden; gewiß ist aber, daß besonders durch Beethoven die reine Instrumentalmusik als dichterische Tonkunst zur höchsten Entfaltung gelangt ist, indem sie bei ebenso vollendeter rein musikalischer Schönheit noch eine tiefere allgemeine Idee in sich tragen soll. In der Vocalmusik ist dieses höhere Ideal der Musik schon durch Bach und Händel erreicht. Die Schritte, welche einzelne Künstler nach Beethoven über ihn hinaus gethan zu haben beanspruchen, gehen meist nach der Seite des Aeußerlichen und Materiellen hin. – Wir sprachen schon vorhin davon, daß die musikalischen Formen eben so mannichfaltig seien, wie der Gefühlsinhalt, der in ihnen zur Entscheidung kommen soll, verschieden ist. Aber die Umrisse sind sich ähnlich, sowie bei der menschlichen Gestalt das individuell Verschiedene doch an denselben allgemeinen äußeren Formen haftet; die sonst gleiche äußere Körperbildung zweier Menschen erscheint in ihrem geistigen Ausdrucke durch das innere Leben des Individuums modificirt.

Diese allgemeinen Kunstformen zerfallen in der Musik in zwei, ihrem idealen Inhalte nach ziemlich deutlich zu scheidende Hauptabtheilungen, in die des strengen oder kirchlichen und in die des freien oder weltlichen Styles. Die Kirchenmusik, welche ebenfalls die menschlichen Empfindungen, aber in ihrer directen Beziehung zum göttlichen Wesen zum Inhalte hat, bedient sich meist der auf den polyphonen contrapunktischen Satz begründeten Formen. Der Chorgesang ohne Begleitung (a capella) und in Verbindung mit dem Orchester hat in der kirchlichen Kunst seine höchste Entwickelung erlangt; die reine Instrumentalmusik dagegen tritt hier in den Hintergrund zurück. Dafür hat sie in der weltlichen Musik, besonders in der Symphonie ihre großartigste und freieste Entfaltung gewonnen.

Die Formen der weltlichen Musik haben sich besonders in der neueren Zeit am höchsten entwickelt (durch Haydn, Mozart und Beethoven) und schärfer von den kirchlichen gesondert; die letzteren haben schon in Bach und Händel ihre höchste Erfüllung erreicht, über die die neuere Zeit keinen Schritt hinausgelangt ist – wahrscheinlich, weil es ihr auch an bestimmten religiösen Ideen gebricht.

Nun wollen wir aber in unserer Besprechung wieder umkehren und, ehe wir die einzelnen Formen in’s Auge fassen, betrachten, wie der Ton, welchen die Kunst, von der Natur empfangen und nach bestimmten aufgefundenen Gesetzen der Höhe und Tiefe, des Zusammenklanges und des Wechsels in der Zeit geordnet hat, Darstellungsmittel der Gefühle und Leidenschaften durch drei Factoren wird. Diese drei Factoren sind: die Melodie, die Tonfolge in Betreff der Höhe und Tiefe; die Harmonie, der Zusammenklang der Töne, und der Rhythmus, die Bewegung in der Zeit.

Darüber wohl ein anderes Mal etwas Näheres.


  1. Der katholische Bischof Brask, der mit Kühnheit und Ueberzeugung Gustav Wasa’s Reformationseifer entgegentrat, hielt es für seine Sicherheit räthlich, Schweden heimlich zu verlassen. Mit der Inspection der gottländischen Klöster betraut, soll er die Manuscriptschätze und Urkunden der Klöster mit sich nach Danzig und dem nahegelegenen Olivakloster geführt haben. Er starb im Kloster Landa in Polen. Ich füge diese Anmerkung hinzu, weil es nicht unwahrscheinlich ist, daß sich in genannten Orten noch Manches von diesen Manuscriptschätzen verborgen hält, was für Wisby’s Vorzeit von Wichtigkeit ist. Ein so weit verbreitetes Blatt, wie die „Gartenlaube“, möchte vielleicht den einen oder anderen Leser zu Nachforschungen anregen, und sollten diese von Erfolg gekrönt sein, so würde der Fund zu hohem Preise von der schwedischen Regierung erworben werden.
  2. Es vergeht fast keine Woche, wo nicht in gottländischem Boden morgen- und abendländische Alterthümer gefunden werden; namentlich ist die Ausbeute an kufischen und angelsächsischen Münzen reich, die dem königlichen Münzcabinet in Stockholm anheimfällt.
  3. Obwohl wir uns mit einigen Ansichten des geschätzten Einsenders über die politische Situation des Augenblicks und deren nothwendige Folgerungen nicht ganz einverstanden erklären können, so glauben wir doch den Worten eines bewährten Patrioten, die ein so echt nationales Gepräge tragen, ein Ehrenplätzchen in unserer deutschen Gartenlaube nicht versagen zu dürfen. In der Absicht stimmen wohl alle Freunde des Vaterlandes mit dem Briefschreiber überein, wenn auch die Ansichten über Erreichung des schönen Zieles etwas von den seinigen differiren dürften.
    D. Redact.
  4. Nicht von unserm bekannten permanenten Londoner Mitarbeiter.   D. Red.