Beytrag zur Geschichte der Lungenseuche unter dem Rindviehe, in Franken

Textdaten
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Autor: Anonym
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Titel: Beytrag zur Geschichte der Lungenseuche unter dem Rindviehe, in Franken
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 6, S. 710-732
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
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VIII.
Beytrag zur Geschichte der Lungenseuche unter dem Rindviehe, in Franken.
Gegen Ende Augusts und im Anfange Septembers, des Jahres 1792 wurden einige benachbarte Districte des Fürstenthums Anspach, sammt den ihnen zwischenliegenden ausherrischen Ortschaften, durch die Furcht einer gefährlichen Seuche des Rindviehes nicht nur erschrecket, sondern auch durch den Verlust mehrerer Stücke empfindlich beschädiget. Verschieden waren die Namen, mit welchen diese Krankheit von dem Landmanne und seinen Viehärzten belegt wurde; als die Lungenweiche, Lungenfäule, Lungensucht, Lungenbrand, gelbe Lungenfäule, trockne und nasse Lungenfäule. Das gleichzeitige Erkranken| so vieler Thiere in angränzenden Sprengeln veranlaßte, daß die Krankheit von einigen für ansteckend gehalten wurde, wofür doch keine Beweise da waren.

 Sie war die von den besten Viehärzten, zumahl Wollstein, bestimmt und deutlich beschriebene Lungenseuche; eine eigentliche Entzündung der Lunge, welche, wenn das Vieh die Entzündungsperiode übersteht, und Zertheilung durch die Natur oder zeitig angewandte Mittel nicht bewirkt wird, – in Vereiterung überzugehen pfleget, da denn die Lungen, nach den gemeinen Ausdruck faul, mißfärbig, mit Eiter und Wasser umgeben gefunden werden.

 Der Anfang dieser Krankheit ist, wie es scheint, von dem Landmann und seinen Viehärzten, meist übersehen worden; wenigstens schienen erst die schwerern Zufälle in der letzten Periode der Krankheit, und das häufige Fallen des Viehes Aufmerksamkeit und Furcht zu erregen. Die Berichte, welche zur königlichen Regierung und zum Collegio medico nach Anspach kamen, betrafen meist schon kranke Thiere im letzten Zeitraum. Gewöhnlich enthalten solche, zumahl erste Berichte über Viehkrankheiten, nur die Anzeige des Daseyns einer Krankheit, die aus| dem Munde des Landmanns mit einem trocknen, oft unpassenden, öfters willkürlichen oder unverständlichen Provinzial-Namen belegt werden. Es ist unmöglich, was je zuweilen verlangt wird, auf bloße schwankende Namen, Gutachten und Heilvorschläge zu gründen. Es mußten demnach auch in diesem Fall, nach gegebenen vorläufigen allgemeinen Vorschriften zur Behandlung des kranken Viehes, den Physikaten die Besichtigung einiger gefallenen Stücke aufgegeben werden, um zuverlässige Kenntniß der eigentlichen Krankheit zu erhalten. Demnach fand der Land-Physicus, Herr Rath Henrici, bey einer zu Leutershausen an der Seuche gefallenen Kuh: „die Haare auf der Haut aufgebürstet und verfärbt, aus der aufgebrochenen Brust sprützte gelbes Wasser entgegen; das Rippenfell und die linke Lunge waren mit einer käsigten Materie gleichsam überzogen und übergossen, und dieser nämliche Lungenflügel gänzlich verfault; der rechte Lungenflügel und das Rippenfell dieser Seite waren ebenfalls mit der angegebenen Masse überzogen, doch die Substanz erst angegriffen, und noch nicht so weit in Verderbniß. Alle übrige Eingeweide in gesundem Zustand.“
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|  Dahin lautete auch der vor Amt abgelegte mündliche Bericht der Viehschauer zu Leutershausen; an vier oder fünf gefallenen Stücken nämlich, hatten sie „die Lunge bald an dem rechten, bald an dem linken Flügel faul gefunden, und liegend in vielem bräunlich aussehenden Wasser.“

 Das Physikat Wassertrüdingen besichtigte einen gefallenen Ochsen zu Schobdach, an welchem schon lange her eine besondere Trägheit und Müdigkeit bey seinen Arbeiten bemerkt worden, der seit 12 Tagen endlich zu allen Arbeiten untauglich geworden, in, dem er auch Fressen und Saufen verlassen, stark zu ächzen und hart zu schnaufen angefangen, sich bald gelegt und bald wieder aufgestanden, und immer unruhig gewesen. Bey Eröffnung der Brusthöle wurde

 „viel gelbes Wasser, wenigstens sechs Maaß gefunden; die von erhärteten Eitergeschwüren angefüllte Lunge wurde von den zwey Viehschauern wenigstens auf 25 Pfund geschätzt, auch hinge das ganze Mittelfleisch voll käsichten Eiters, und die Lunge sahe sich gar nicht mehr ähnlich; die übrigen Eingeweide waren gesund.“

 Eine Kuh zu Groß-Bellenfeld war seit einigen Wochen krank; sie hustete, geiferte| stark, fraß und sof nichts, hatte fieberhaften Puls, knirschte mit den Zähnen, ächzete mit jedem Odemzuge, ihre Augen waren feurig, der Pferch stank heftig; sie wurde am 30 August geschlagen, und von Hn. D. Meyer fürstl. Eichstättischen Physikus zu Herrieden besichtiget. Man fand,

 „den rechten Lungenflügel, als den wahren Sitz der Krankheit, ausserordentlich aufgetrieben von dicken schwarzen gestockten Blut strotzend, an das Rippenfell angewachsen; den linken Lungenflügel klein und blutleer; ausserdem in der Brust ziemlich viel Wasser, die Eingeweide des Unterleibes aber waren gesund.“

 Diese Erscheinungen an einigen der toden Thiere, gaben über die Natur der Krankheit hinlänglichen Aufschluß, und ließen mit Recht die nämlichen Zerrüttungen bey den obigen an derselben Seuche kranken Thieren annehmen, indem die vor dem Tode hergehenden Zufälle mehr oder weniger dieselben bey allen waren. Aber die Beobachtung des frühesten Zeitraums der Krankheit, die allerersten Zeichen und Zufälle der Entzündung, welche dieser späteren Verderbniß der Lungen vorhergingen, schienen noch nirgends, weder von den Eigenthümern noch den Hirten,| unter deren steter Aufsicht das Vieh war, beobachtet, und zur sichern Heilung und Vorbeugung alles nachfolgenden Übels benutzt worden zu seyn; und doch ist es der Anfang der Krankheit allein, wo am leichtesten und mit sichersten Erfolg geholfen werden kann. Alles, was ein Paar der gewöhnlichsten Orakel unserer Landleute, darüber vorkommen liessen, war, daß sie lehrten, der Krankheiten ersten Anfang erkenne man
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 „an ausserordentlicher Hitze des Viehes: wenn man ihm die Hand in den Mund stecket, brennet es wie siedendes Wasser, kommt das Vieh zum Wasser, so sauft es noch einmahl so viel, als es sollte.“ Solche Zufälle verrathen freylich einen fieberischen Zustand, aber unbestimmt und nur im allgemeinen; zur näheren Bezeichnung des Anfangs der Seuche, wovon die Rede ist, hätten sie müssen zugleich bemerken, daß das Vieh, nebst den obigen Zeichen ungewöhnlicher oder Fieberhitze, zugleich beschwerlich schnaufe, die Nasenlöcher stärker bewege, voll ängstlicher Bewegung sey, öfters mit den Zähnen knirsche, dabey viel entweder (und wahrscheinlich anfangs) trocken und schwer huste, welches zugleich eine bedeutende Krankheit anzeigt, oder es hustet freyer, und| geifert oder schleimet dabey. Wenn diese erstere Entzündungs-Periode entweder ganz vernachlässiget und übersehen wird, oder die dagegen angewandte Vorkehrung fruchtlos seyn sollte, so dauert der kränkliche Zustand fort und gehet in ein langsames und abzehrendes Fieber über, das mit Vereiterung der Lunge verbunden und schwerer, vielleicht gar nicht mehr zu heilen ist, Und doch war dieses der Zustand, in welchem die Krankheit erst die ängstlichere Aufmerksamkeit erregte, und von welcher die Anzeigen erstattet wurden. In dieser Periode beobachtete und fand Herr Rath Henrici die meisten kranken Thiere zu Leutershausen: „der schnellere, aber dabey nicht heftige Puls und der trockne bräunliche Mist verriethen das Fieber, bey welchem das Thier immer mehr vom Körper abfällt, und an Kräften abnimmt. Die Ohren werden ganz welk, die Hörner fühlen sich kalt an, die Augen sind traurig; die Haut liegt vest auf dem Leibe, die Haare sehen bürstig aus; das Thier hustet viel, wirft übelriechende, öfters blutige Materie aus und athmet dabey kurz und schwer. Am Ende kommt oft ein Durchfall hinzu und geschwollene Füße, und das Thier stirbt.“
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|  Über die wahrscheinliche oder allgemeinere Dauer der Krankheit, von ihrem Anfall bis zur Genesung oder den Tod der Thiere, sind aus schon bemerkten Ursachen keine zureichenden Beobachtungen vorhanden; ohnehin würde sich davon nichts bestimmtes sagen lassen, weil sich die Dauer der Krankheit nach ihrer Heftigkeit, oder andern individuellen und relativen Umständen abändern muß, und der eigentlichste Anfang der Krankheit bey einem stummen, nicht klagenden Thier, wahrscheinlich höchst selten bemerkt wird, wenn er nicht durch Vergleichung von Umständen gefunden wird.

 Die Veranlassung, daß in dem verflossenen Jahre diese sonst gar nicht ungewöhnliche Seuche doch ungewöhnliche Furcht erregte, war die Menge der, gleichzeitig in engen und nahen Bezirken davon befallenen und todgewordenen Thieren, und die daher entstandene Besorgniß ihrer ansteckungsfähigen Eigenschaft.

 Die genaue Anzahl aller umgekommenen Thiere ist zwar von keinem Orte her strenge angezeigt worden; es mußte aber doch letzterwähnten Verdacht einer Ansteckung begünstigen, daß man in Leutershausen, bis zum Anfang Septembers, von etwa 30 kranken,| schon 12 Stücke, in Dittenheim bis Anfangs October 13 Stücke, in Großlellenfeld schon im August aus einer Heerde von überhaupt 200 Stück, 14 tode zählte.
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 In den Acten des Anspachischen Collegii medici finden sich Anzeigen über diese nämliche Lungenseuche, von fast allen der nächst vorhergehenden Jahre, aber jedesmahl waren es nur einzelne wenige Stücke, entlegene und gesonderte Ortschaften, wo sie bemerkt wurde. Im Jahr 1777, zu Katzenhöchstatt; 1778, zu Prichsenstadt, Roth, Gunzenhausen; 1779, zu Burgthann; 1780, zu Vestenberg; 1783, zu Schönberg; 1787, zu Gunzenhausen; 1788, zu Gunzenhausen, Unter-Ampfrach, Oberdachstetten, Feuchtwang; 1789, zu Wörnspach, 1790, zu Creilsheim zwar unter den Namen Milzbrand, aber eigentlich als befundene Peripneumonia vera angezeigt. Es bestättiget sich hiedurch, daß die Krankheit an sich nicht ungewöhnlich und immer beschränkt ist, folglich immer auch nur örtliche Entstehungsursachen voraussetzen läßt. So war sie es denn wohl auch in dem verflossenen Jahre 1792, nur daß dießmahl ihre Örtlichkeit über einen größern Zirkel sich verbreitete, und viele Individua zugleich befiel. Dießmahl| waren es vorzüglich die zwischen der Wörnitz und der Altmühle, und besonders die dem letztern Fluße näher liegenden Ortschaften, wo sie sich hervorstechend äusserte; als: Leutershausen, Ohrenbau, Dittenheim, Groß-Lellenfeld, Gnozheim, Maynheim, Schobdach, Gundelsheim, Mögersheim, etc.
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 In diesen bezeichneten Ortschaften und Bezirk, sind allein in Lellenfeld 14, in Leutershausen 12, in Dittenheim 13 Stück als gefallene bemerkt worden, bis zur Zeit nur, da zuerst darüber berichtet und verhandelt wurde; was an den nämlichen Orten noch weiter gefallen, ist mir nicht genau zur Wissenschaft gekommen, eben so wenig als was ausser den erst genanten drey Ortschaften, in den übrigen oben erwähnten und andern zwischengelegenen, in den Berichten nicht genannten Orten gefallen seyn mag. Zuverläßig aber wird es nicht zu viel seyn, wenn ich die ganze Anzahl des in jenem Bezirke, während des Sommers und Herbstanfanges, gefallenen Viehes auf mehr als 60 Stücke schätze. So ergibt sich auch, daß an den genannten Orten, nach Erkundigung und ungefährer Schätzung, nach Anleitung der vorliegenden Berichte, von allem Vieh etwann das achte oder zehente Stück erkranket,| und von den kranken gewiß jedes andere Stück, wo nicht zwey aus drey, gestorben seyn konnte.

 Je mehr nun durch das häufigere Erkranken des Viehes in den Altmühl- und Wörniz-Gegenden die Besorgnisse des Landmanns erregt und allgemeine Aufmerksamkeit dorthin gelenkt wurde, desto auffallender war es auch, durch abgeforderte Berichte der übrigen Physikate des Fürstentums Anspach, zu Feuchtwangen, Creilsheim, Uffenheim, Maynbernheim, Langenzenn, Fürth, Schwobach, und Roth zu erfahren, daß man in diesen sämmtlichen Bezirken, weder Lungenseuche, noch eine andere Krankheit, in diesem Jahre bemerkt hatte. Nothwendig mußten demnach örtliche, obgleich zur Zeit unbekannte Veranlassungen dazu in dem Altmühl- und Wörniz-Districte gelegen haben. In welchen besondern Umständen und Verhältnissen möchten aber diese unbekannten Ursachen zu suchen seyn?

 In den vorjährigen Berichten seit 1777 finde ich, daß man schon allerley zum Theil sich widersprechende Umstände und Ereignisse, als Gelegenheits- und vorbereitende Ursachen für diese nämliche Krankheit aufgegriffen| und erschöpft habe; als:[1] Mehlthau, abwechselnde Witterung, zu junges| Gras und daher entstanden seyn sollende Vollblütigkeit, und Anlage zu Entzündungskrankheiten, Sommerhitze und Dürre, feuchte Witterung, schädliche Wasser, moorichte Weide, zu frühes Austreiben, und dergleichen.
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 Lauter Ursachen, die mehr oder weniger, fast bey allen Anzeigen über alle Arten von Viehkrankheiten zu Markte gebracht werden, und deren nähere Beleuchtung nur beweiset, daß man eigentlich keine für wahr und zuverläßig anzugeben wisse, und daß wir mit den Gelegenheits-Ursachen der Viehkrankheiten noch zu wenig ins Reine sind. Denn nicht einmahl ergibt sich, in den meisten Verhandlungen über Vieh-Seuchen, daß solche nach Willkür oder anmaßender Erklärungssucht aufgestellte Ursachen, durch Gegeneinanderstellung richtiger Beobachtung und Erfahrung, begründet sind; weil man lieber durch angenommene und fortgeschleppte Hypothesen erklären und demonstriren mag, als seine Unwissenheit gestehen, oder auf dem Wege sorgfältiger und vergleichender Beobachtung, Wahrheit suchen will. Daher sind ganze Stöße von Berichten über Viehkrankheiten so unfruchtbar, daß sie fast nichts mehr,| als Belege für das Dagewesen seyn dieser oder jener Seuche enthalten.
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 Wenn man annehmen darf, daß die Behandlung des Viehes, in Absicht auf Fütterung, Weidetrieb und dergleichen, in unsern Gegenden von Franken sich ziemlich ähnlich ist, und daß man wohl auch, in dem so kleinen Unterschied der geographischen Lage, keinen merklichen Abstand des Klimas oder anderer allgemeiner Ursachen, wird angeben können: so wird man in Rücksicht jener im Jahr 1792 im Sommer und Herbst, in einem so beschränkten Bezirk, beobachteten Lungenseuche, immer wieder dahin zurückgeleitet, daß irgend einige weniger in die Sinnen fallenden, oder doch leicht zu übersehenden Local-Verhältnisse, in und um den Altmühl- und Wörnitz-District, zu ihrer dort allein bemerkten häufigen Veranlassung, obgewaltet haben mußten. Ob diese nun, in bloß örtlichen Luftveränderungen ungesunder Nahrung aus besondern Eigenschaften des Bodens, und besondern da oder dort üblichen Fehlern des Verhaltens zu suchen seyen, müßte das Unheil solcher erfahrnen und einsichtsvollen Männer bestimmen, die mit der Kenntniß von Thierarzney-Kunde, auch Bekanntschaften von den mancherley hier Einfluß| habenden Nebenumständen jener Gegenden, als Luftveränderung, Weiden, Futter, Verhalten, und dergleichen verbinden; lauter Bedingnisse zur Entdeckung und Verhütung der Ursachen, welche lange hinterher, und in der Entfernung nicht auszumitteln sind. Fruchtlose Mühe sind daher in allen Fällen die gewöhnlichen Fragen und Antworten, Berichte und Befehle, über Gegenstände und Ereignisse, die niemand nach ihrer Entstehung und Zusammenhang zu er, gründen sich angelegen seyn läßt, und daher der ewig fortdauernde jämmerliche Behelf mit unbestimmten Namen und willkürlichem Vermuthen, um welche sich Berichte und Befehle drehen müssen, und welche uns nach Jahren um keinen Schritt der Wahrheit und bessern Einsicht näher bringen.
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 Bey der Geschichte dieser Lungenseuche war es nun schon einmahl schwierig, die Periode der Entstehung der ihr vorhergegangenen Lungenentzündung anzugeben; denn erst nachdem die Zufälle zum unheilbaren Extrem gekommen, wurde die Seuche Gegenstand amtlicher Berichte und öffentlicher Aufmerksamkeit. Ihre ersten Zufälle aber schienen unter der Unachtsamkeit der Eigenthümer und der Hirten meist unbemerkt geblieben| zu seyn. Wer anders könnte sie auch beobachten und Auskunft darüber geben? Daher ergeben sich auch keine Aufschlüsse über die wahrscheinliche Dauer, und keine Hülfe zur Aufspürung ihrer Ursachen, durch Rückerinnerung auf besondere Zeiten und Veranlassungen. Wollstein scheint den 28ten Tag, als den spätesten Todestermin dieser Krankheit anzunehmen; in dieser Voraussetzung könnte die Periode der häufigen Veranlassung zur Lungenseuche, vom Ende Julii an bis in und nach der Mitte Augusts des vorigen Jahrs gesucht werden. Es fragt sich demnach, welche besondere Umstände und Ereignisse, in Luft, Nahrung, und dem übrigen Verhalten des Viehes, konnten um jene Zeit und in jenen Gegenden, als krankheitserzeugende Ursachen angesehen werden?
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 Diese Frage kann nun erst freylich nicht befriedigend beantwortet werden, und neue Muthmassungen zu den schon erwähnten zu häufen, kann nichts nützen. Aber Aufmerksamkeit mag und soll diese Frage doch für die Zukunft erregen. Dieß wenigstens war Wunsch und Absicht, welche gegenwärtigen Aufsatz veranlaßten. Der Verlust von 60, und vielleicht weit mehrerern (zumahl die meisten, auch nur leicht kranken| Kühe verwarfen, oder doch nachher nur schwache Kälber brachten) Stücken Rindvieh, in einem so kleinen Bezirk ist immer ein beträchtlicher Verlust fürs Allgemeine, und noch beträchtlicher in Erwägung des Nachtheils, welchen einzelne ärmere Familien fühlen, wenn sie ihren ganzen Reichthum, ihre Kuh oder ein paar Stiere, einbüßen. Jede Bemühung also, welche zur bessern und frühern Erkenntniß dieser Seuche, ihrer Ursachen, Vorbeugung und Heilung beyträgt, kann wohlthätig werden, und ist immer ein Dienst der Menschheit und dem Armen geleistet, ihm das Vieh zu sichern, das zu seinen Verrichtungen und zu seiner Erhaltung so nöthig ist.

 Eine Seuche konnte diese Krankheit immer genannt werden, weil in einem kleinen Bezirk viele Thiere an derselben zu gleicher Zeit litten und starben. Eine ansteckende Seuche aber war sie nicht. Ihr ganzer Verlauf und der Zusammenhang aller Zufälle berechtigte das Collegium Medicum so zu entscheiden, als Bedenklichkeiten über die Natur der Seuche, und Streitigkeiten zwischen einigen Gemeinden durch Veranlassung von Koppelhuten entstanden; und die Erfahrung bestättigte dieses Urtheil.

|  Auch wurde in Leutershausen die Milch der kranken Kühe, und in Großlellenfeld das Fleisch der Krankheits wegen geschlagenen Thiere, ohne Nachtheil genossen.
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 Aus den diesjährigen Anmerkungen bestättigte sichs doch auch zugleich, daß nicht alles von der Seuche befallene Vieh verloren, sondern einiges vielleicht durch bloße Heilvorkehrungen der Natur, anderes durch schickliche und zeitig angewendete Mittel erhalten worden. Um so mehr aber ist es zu bedauern, daß Sorglosigkeit und Aberglauben den Verlust des Landmanns wahrscheinlich in mehreren Fällen vergrößerten. Denn ausserdem, daß die erste Periode der Krankheit, in welcher Hülfe am gedeihlichsten seyn kann, meist unbemerkt und unbenützt übersehen wurde, so sträubte man sich auch gegen Anwendung der empfohlenen Rettungsmittel, unter der Äusserung: „es helfe doch alles nichts, und was sterben soll, stärbe gleichwohl.“ Freylich ist im letzten Zeitraum, und wenn die Verderbniß der Lungen schon so arg ist, als die oben erzählte Leichenöffnungen sie darlegten, wenige oder keine Hoffnung mehr zur Erhaltung; da aber doch die Größe der innern Verderbniß vielleicht nicht immer von dem Umfange ist, als es nach| den wenigen äusserlichen Zeichen, die bey stummen Thieren leiten müssen, scheinen möchte, so ist es unklug, zu frühe an der Genesung zu zweifeln, und nicht durch schickliche Beyhülfe die bey Thieren ohnehin wirksamere Natur unterstützen zu wollen. Die sicherste Hoffnung des Landmanns, seinen Verlust zu verhüten, hängt aber unstreitig immer von frühester Erkenntniß der anfangenden Lungenentzündung und der dann unmittelbar und fleißig anzuwendenden Heilmittel ab. Diese Erkenntniß der vorhandenen Entzündung geben die schon oben angeführten Zeichen, und ihre sorgfältigste Beobachtung ist daher angelegenst zu empfehlen.
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 Die Berichte, welche zum Anspachischen Collegio Medico kamen, betrafen schon erwähntermassen meist allein die letzte Periode der Krankheit, und die dagegen gemachten Verordnungen konnten schon an sich, wegen der schon längern Dauer und überhandgenommenen Krankheit, wenige Hoffnung von guten Erfolg haben lassen; überdieß wurden sie auch selten und sparsam angewendet; und ungeachtet die Seuche mit dem Verlust der kränkesten Thiere vorüber ging, so hatte das Collegium Medicum doch nicht die volle Überzeugung mehr als Zuschauer| und Rathgeber gewesen zu seyn; weil mehr zu seyn Umstände und Verfassung, und besonders widerspenstige Vorurtheile des Landmanns nicht erlaubten.

 Mit desto mehr Vergnügen und mit dem Wunsche nützlich zu werden theilen wir daher folgende Anweisung mit, welche Herr Doctor Meyer zu Herrieden, den fürstlichen Eichstättischen Unterthanen seines Physikat-Bezirks, zur Behandlung ihres kranken Viehes vorschrieb; und wovon die Erfahrung den besten Erfolg, nach zeitiger Anwendung und beharrlichem Gebrauch, wiederhohlt bestättiget hat.

 „Aus der Kenntniß dieser Krankheit fließen folgende Heilanzeigen: a) die Menge des entzündlichen Blutes zu vermindern, und b) die Stockung desselben in den Lungen zu zertheilen. Diese zu erfüllen ist es dienlich:

 1) Gleich im Anfange der Krankheit, nach Verhältniß der Größe und des Alters des Viehes, einen oder zwey Schoppen Blut aus der Droßelader zu lassen. Später wird die Aderlaß schädlich seyn.

 2) Zunächst einen Kühltrank zu bereiten, aus

|  Salpeter 6 Loth,

 Weinessig und Honig von jedem 9 Loth,

 Brunnenwasser, ein Pfund. Mische es, und giese einem erwachsenen Stück, Morgens, Mittags und Abends eine Stunde vor jedem Furier den dritten Theil ein (einem jungen, ein Sechstheil) so lange bis es wieder zu fressen anfängt.

 3) Ein Pulver aus Weinstein, Salpeter und Schwefel, jedes zu einem halben Loth; Kampfer ein halbes Quentchen, mit Honig zu einem Bissen gemacht, und täglich zweymahl gegeben, ist vorzüglich gut, wenn mit dem entzündlichen zugleich etwas faulichtes verbunden ist, welches meistens der Fall ist, wenn der Pferch einen faulen Gestank von sich gibt.

 4) Gleich nach der Aderlaß ist dem kranken Thier, die Christ-Würz, ein Haarseil, oder das Ende von einem wollenen Tuch, einer halben Ellen lang, durch einen mit einem Messer vorne an der Brust gemachten Stich einzuziehen, und täglich ein wenig nachzurücken, damit die neue Wolle von Haaren neuen Reiz und Zug verursache.

 5) Statt des Heues, welche im Buch nur vertrocknet, ist es besser, frisches Gras,| Kraut- und Kohlblätter, Rüben und saure Äpfelschnitze dem kranken Vieh zum Fressen vorzulegen.

 6) Zum Getränk dienet Mehltrank, Buttermilch, Käswasser oder Molken, welche man bey Bereitung des Kuhkäses erhält.

 7) So ungewohnt dem Landmann die Klystiere beym Vieh scheinen, so nützlich ist ihre täglich etlichmahl wiederhohlte Anwendung; man nimmt ein paar Hand voll Kleyen, kocht sie in Wasser, seihet sie durch, und läßt sie in einer Gießkanne, deren Rohr mit Leinwand umwunden seyn muß, um die Theile nicht zu verletzen, in den Mastdarm hinein laufen.

 8) Unerachtet diese Lungenseuche nicht ansteckend ist, so ist es doch, der Reinlichkeit wegen, rathsam, die kranken von den gesunden zu entfernen, und in Rücksicht der Erneuerung der frischen Luft, öfters Streue, Entfernung des Mistes, Fleiß, Sorgfalt und Geduld anzuwenden.

 Wenn ein jeder Eigenthümer diese zwar einfache, aber der Lungenseuche angemessene Mittel, gleich bey den ersten Anzeigen von Krankheit beharrlich und ordentlich anwendet, so können die meisten| kranken gerettet werden; die vorgeschriebene Mittel sind überall zur Hand und wohlfeil. Im Jahr 1790 herrschte in dem Schloß Warberg die nämliche Lungenseuche, und beynahe die nämlichen Mittel wirkten so zuverläßig gut, daß man gar nicht mehr bange war, wenn ein Stück Vieh daran erkrankte.“ – Derselbe gute Erfolg hat auch im heurigen 1792 Jahre den Nutzen dieser zeitig und fleißig angewendeten Mittel, in Großlellenfeld und Ohrenbau, und andern unter der Besorgung des Herrn Doctor Meyers liegenden Orten bestättiget.



  1. Die entfernten Ursachen einer Seuche scheinen größtentheils in der Beschaffenheit der Witterung zu liegen; die Thiere wurden voriges Jahr auf der Weide häufigen Regen ausgesetzt, ihr Ausdünstungsgeschäfft unterdrückt, wovon sich leicht, in dem einen oder andern Körper eine entzündliche Beschaffenheit des Bluts erzeugen konnte. Darauf läßt sich zwar einwenden: daß die Mastochsen, welche vor dem Ausbruch und während der Seuche nicht aus dem Stall gekommen sind, hätten sollen verschont bleiben: man hat aber in Erfahrung gebracht, daß auch davon einige erkranket, und gefallen sind; dieß alles zugegeben, läßt sich doch nicht läugnen, daß sie nicht dem Einfluß der äussern Atmosphäre unterworfen sind.
     Auffallend ist es allerdings, daß der Wirth zu Großlellenfeld, und zu Gundelsheim nicht das geringste von einer Seuche unter ihrem Rindvieh verspüret haben; ich erfuhr von den beyden Wirthen, daß sie ihrem Rindvieh fleißig Brannteweinbrennig mit dem Futter gaben, ihr Vieh ging täglich mit dem übrigen auf die nämliche Weide, ohne im geringsten zu mauden; dieses ließ mich vermuthen, daß der Genuß des Brannteweinbrennig die Ausdünstung weniger in Unordnung gerathen ließ, und dadurch das Blut keine Neigung zur Entzündung bekam. –
     Daß der Mehlthau, der so oft als die Ursache der Seuchen angeklagt wird, öfter als man glaubt, in Hervorbringung einer Seuche unschuldig sey, läßt sich daraus vermuthen, weil in Ställe eingesperrtes Vieh, das niemahls den Wirkungen des Mehlthaues ausgesetzt wird, doch oft nicht ganz von allgemeinen Viehkrankheiten verschont bleibt. – M.