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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Schmeizel, Martin
Band: 30 (1875), ab Seite: 162. (Quelle)
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Heinrich Schmelka in der Wikipedia
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Schmelka, Heinrich Ludwig (Schauspieler, Geburtsort und Jahr unbekannt, wahrscheinlich geb. um 1772, gest. zu Berlin am 27. April 1837). Ueber seinen Geburtsort und seine Jugendgeschichte herrscht unaufgeklärtes Dunkel. Nach Einigen soll er in Riga, nach Anderen in Schwedt geboren und von vornehmer Abkunft gewesen sein. Nach seinem Namen möchte man ihn von böhmischer Abkunft halten. Die Art und Weise, wie er selbst allen Erinnerungen seiner Jugend gegenüber sich schweigsam verhielt, [163] wie er fast mit Aengstlichkeit jeder Frage und Mittheilung über seinen Lebensgang auswich, machte ihn noch interessanter, ohne jedoch und selbst nicht nach seinem Tode Aufschlüsse über seine Vergangenheit zu bringen. Oesterreich, und zwar Prag und dann Wien waren die Pflanzstätten seines Künstlerruhmes. Im Jahre 1800 kam er zur Gesellschaft, welche die beiden tüchtigen Directoren des Prager Theaters, Schopf und Liebich [Bd. XV, S. 99] vereinigt hatten, nach Prag, wo er bald ein beliebtes Mitglied des ständischen Theaters wurde und viele Jahre mit gleichem Erfolg als Komiker im Schauspiele, wie im Singspiele mitwirkte. Wo er vorher gespielt, ist nicht bekannt. Von Prag ging er nach Wien und dort schuf er sich jenes Rollenfach, welches seinen Ruf als Komiker begründete. In Wien hatte er den berühmten Hasenhut [Bd. VIII, S. 24] gesehen, und eben dieser Komiker, der, als er im Jahre 1817 in Berlin gastirte, dort, nachdem er überall, wo er aufgetreten, sehr gefallen hatte, so mißfiel, daß er nach der ersten Darstellung die Stadt verließ, eben dieser Komiker wurde sein Vorbild. Man erzählt sich über dieses Mißgeschick Hasenhut’s und über Schmelka das Folgende. Als nämlich Hasenhut die ganze Ungunst des Berliner Publicums, die sich bis zum Pfeifen verstieg, über sich ergehen lassen mußte, befand sich Schmelka im Parterre und verließ, über diesen Vorgang ergriffen, unter Thränen, die ihm über die Wangen strömten, das Schauspielhaus. Außerdem, daß Schmelka die Komik Hasenhut’s aufmerksam studirt hatte, erwarb er sich auch noch die genaue Kenntniß des Wiener Dialekts, und mit diesen beiden Errungenschaften der süddeutschen Metropole erzielte er später, als er nach Berlin kam, dort seine großartigen Erfolge. Als Schmelka von Prag nach Wien kam, fühlte er sich in der lebensfrohen Stadt bald heimisch, und noch in seinen alten Tagen sprach er von Wien immer mit Enthusiasmus, und ebenso von Hasenhut, der den entschiedensten Einfluß auf ihn ausgeübt hatte. Der Wienerische Dialekt war ihm endlich so geläufig geworden, daß er sich desselben bis zu seinem Tode auch im gewöhnlichen Leben bediente, manchmal jedoch klang das Böhmische in seiner Aussprache hindurch, was eben mit seinem offenbar böhmischen Namen auf die Vermuthung führte, daß er aus Böhmen stamme, da eine Angewöhnung des böhmischen Dialekts in späteren Jahren wohl nicht gut anzunehmen sei. Wenn sich aber Schmelka in Hasenhut auch sein Vorbild genommen, so war er doch diesem weit überlegen, denn nicht nur, daß er bei weitem geistreicher war wie jener, er verstand es auch, seiner Komik einen tragischen Ernst beizumischen, welcher nie seine nachhaltige Wirkung auf das Publicum verfehlte. Diese entscheidende Richtung S.’s wurde durch Bäuerle, der den Kasperle in den Staberle umgewandelt und in seinen „Staberliaden“, deren genialster Repräsentant eben Schmelka war, den localen Ton weit kräftiger und wahrer angeschlagen hatte, noch mehr ausgeprägt. Auf diesem Standpuncte als Darsteller Bäuerle’scher Charaktere war Schmelka unübertrefflich, und als gerade um die Zeit, da Schmelka nach Berlin kam, dort der Mangel an National- und Local-Charakter auf der Bühne durch den der Wiener ersetzt wurde, erregte Schmelka, der sowohl den Norden wie Wien kannte, bald die lebhafteste Sensation. Von Wien ging Schmelka nach Breslau, wo er Triumphe um [164] Triumphe feierte und insbesondere von den Studenten getragen wurde, bis diese, nachdem er sich mit ihnen entzweit, ihn auspfiffen. Schmelka beschloß, für diese Injurie Rache zu üben. Als er wieder auftrat und im Parterre wieder lautes Zischen und Pfeifen ertönte, erkannte Schmelka alsbald seine Widersacher, die Studentlein, als Pfeifer; doch focht ihn die Sache nicht weiter an, ohne im Spiele sich irre machen zu lassen, blieb er mitten auf der Bühne stehen, rieb sich vergnügt die Hände und rief, als wenn es zu seiner Rolle gehörte: „Ist es denn schon so kalt, daß die Gimpel pfeifen?“ (man hört nämlich den Gimpel, da er spät wandert, erst in den späten Herbst- und in den ersten Wintermonaten pfeifen). Das Zischen und Pfeifen verstummte; der Hieb saß und der Künstler hatte wunderbarer Weise Ruhe. Von Breslau begab er sich nach Berlin, wo er seit 1824 in dem eben erst errichteten Königstädter Theater der erste Künstler war, welcher diese Bühne betrat. Wie sehr er aber von der Bühne herab die Lachlust zu erwecken im Stande war, so trübselig, schweigsam und unnahbar war er im Privatverkehre, er mahnt darin sehr an Raimund, dem er auch im Bilde ähnelt. Aus Miene, Gang, Sprache, überall heraus blickte ein unbesiegbarer Mißmuth, der ihn selten verließ. Sein ganzer Umgang beschränkte sich auf eine Freundin, die Witwe des Schauspielers Scholz, und in den letzteren Jahren auf den Künstler Moriz Rott, der sein Hausnachbar wurde und oft mit ihm den ganzen Tag zusammen war. Auch dieser Umstand, denn Rott [Bd. XXVII, S. 149] selbst war ein Böhme, Prager von Geburt, führt auf die Vermuthung, daß Schmelka von böhmischer Herkunft sei. Mit den zunehmenden Jahren wuchs seine Spiellust, insbesondere dann, als Beckmann, den Schmelka von Breslau nach Berlin hatte kommen lassen, sein Rival wurde, den von Schmelka vertretenen Wiener Localton von der Berliner Bühne verdrängt und in der Posse der Berliner Schnauze den bleibenden Sieg erkämpft hatte. Schmelka lebte auf einer kleinen Besitzung in Pankow nächst Berlin, wo er auch starb. Mit seiner Menschenscheue im Zusammenhange stand seine Jagdliebhaberei, der er jede freie Stunde widmete. Eine andere Lieblingsbeschäftigung S.’s war das Zerlegen und Zusammenstellen alter Uhren, worin er sehr geschickt war. In früherer Zeit schrieb er auch Manches für die Bühne, so unter anderem das Lustspiel: „Wenn nur der Rechte kommt“, abgedruckt im Jahrgange 1821 des Holtei’schen „Theater-Almanach“, und dann die Travestie auf „Hamlet“, die mit außerordentlichem Erfolge gegeben wurde. Aus dem reichen Rollen-Repertoir Schmelka’s mögen hier, um die Richtung seiner Komik näher zu bezeichnen, genannt sein: Lämmlein in Holtei’s „Trauerspiel in Berlin“; Hohes Alter in Raimund’s „Bauer als Millionär“; Rechenmeister Grübler in „Jurist und Bauer“; Staberle in den „Bürgern in Wien“ von Bäuerle, und in allen Staberliaden desselben; Schloßinspector Pünctlich in „Kunst und Natur“; Marder in „Brandschatzung“; Zweckerl im „Freund in der Noth“; Magister Lassenius im „Hofmeister in tausend Aengsten“; Notar Vortheil in „Nr. 777“; Bürgermeister van Dielen in „Peter der Erste in Saardam“, Murchel in Angely’s „Postwagen-Trübsale“; Fähnrich Rummelpuff in der „Falschen Primadonna“; Lorenz in [165] „Hausgesinde“; Herr von Pappendeckel in „Die Schwestern von Prag“, Schmelka’s letzte Rolle, in welcher er einige Tage vor seinem Ableben auftrat. Er spielte diese Rolle bereits im leidendsten Zustande. Und als er, wie er selbst nach beendeter Vorstellung erzählte, jeden Augenblick fürchtete, zusammen zu brechen, da riß er doch durch sein witzsprudelndes Spiel, seine unverwüstliche Komik Alles zu lautem Lachen hin, und als das ganze Haus ihm Beifall zuklatschte, da machte er sich über sich selbst lustig und rief: „Und dazu noch krank sein“. Das war der herzzerreißende[WS 1] Humor eines Sterbenden und erinnert in seiner grotesken Weise an den genialen Hofman, der, als er auf dem Todtenbette lag und man ihm den Rücken mit glühendem Eisen gebrannt hatte, den besuchenden Freund fragte: „Ob er nicht Braten rieche“. Schmelka starb nach nur kurzer Krankheit und bat noch zwei Tage vor seinem Tode, man möge ihm nur seine Rollen nicht nehmen. Er war 65 Jahre alt geworden. Das Publicum bei seiner Bestattung zählte nach Tausenden. Die Charakteristik seines Spieles, vornehmlich seiner Komik, ist ungemein schwer; es mag paradox klingen: aber er wirkte in seinen komischen Rollen vornehmlich durch seinen Ernst; sein plötzliches Aufschrecken daraus und das dem folgende Auflachen mußte man gesehen und empfunden haben, aber es kann nie mit Worten beschrieben werden; sein Gesichtsausdruck grenzte dann nahezu an Wahnsinn. Auch in seinem persönlichen Umgange trugen seine Aeußerungen nicht selten Spuren des Unheimlichen an sich, die durch manche Leidenschaftlichkeit, vornehmlich durch Eifersucht noch bedeutend gesteigert wurde. Das Alles führte auf das Geheimniß seiner früheren Lebensperiode zurück, die unter allen Umständen eine sehr traurige gewesen sein mußte.

Allgemeines Theater-Lexikon u. s. w., herausg. von R. Blum, K. Herloßsohn, H. Marggraff u. A. (Altenburg und Leipzig o. J. 8°.) Bd. VI, S. 271. – Der Gesellschafter. Herausgegeben von F. W. Gubitz (Berlin, 4°.) Jahrg. 1837, S. 363, 367 u. 369: „H. Schmelka“. – Figaro (Berliner Blatt, 4°.) Redigirt von L. W. Krause, 1837, S. 410: „Heinrich Ludwig Schmelka“. – Porträte. 1) Unterschrift: Heinrich Schmelka. L. Bartsch fec. (lith., 8°.); – 2) Costumebild. Als Habersack in „Der verwunschene Schneidergeselle“.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: herzzereißende