BLKÖ:Schirnding, Ferdinand Leopold Graf

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Schirmer, Adolph
Band: 30 (1875), ab Seite: 36. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
GND-Eintrag: 10114704X, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Schirnding, Ferdinand Leopold Graf|30|36|}}

Schirnding, Ferdinand Leopold Graf (Schriftsteller, geb. 7. Juni 1808, gest. zu Prag 22., n. A. 28. Juli 1845), von dem gräflichen Zweige der böhmischen Linie; ein Sohn des Rittmeisters Anton Grafen Schirnding [s. d. S. 39, Nr. 1] aus dessen Ehe mit Maria Antonia Gräfin Tige. Ueber Grafen Ferdinand gibt ein im Vormärz erschienenes, die österreichischen Zustände in ebenso gemäßigter als vielfach wahrheitsgetreuer Schilderung darstellendes Werk nähere, aber noch immer genug geheimnißvolle Aufschlüsse. Es ist das von einem Ungenannten herausgegebene Werk: „Oesterreich im Jahre 1840. Staat und Staatsverwaltung, Verfassung und Cultur. Von einem österreichischen Staatsmanne“[WS 1] (Leipzig 1840, Otto Wigand, gr. 8°.). S. 319 des zweiten Bandes steht wörtlich: Unter den vorzüglicheren jüngeren Talenten der deutschen schöngeistigen Literatur Böhmens befindet sich auch „Ferdinand Graf Schirnding, dem Auslande durch seine bei Kollmann in Leipzig erschienenen [37] „Spiegelbilder“ unter dem Pseudonym „Fridolin“ bekannt. Ein etwa dreißigjähriger, schlank gewachsener Mann von höchst bedeutender körperlicher Größe, mit geisterbleichen, aber keineswegs unangenehmen Gesichtszügen. Frühzeitig vom Unglücke verfolgt, im Elende großgezogen und selbst noch jetzt von fortdauernden Lebensunfällen und einer steten Kränklichkeit heimgesucht, gleichen seine Jugendschicksale denen Kaspar Hauser’s (!), die sie jedoch an gräßlich interessanten Jugendbegebenheiten und einem reichen Schatze von Lebenserfahrungen weit übertreffen. Bei einer gänzlich vernachlässigten Erziehung darf man seine jetzige höhere Geistesbildung nur seinem seltenen Fleiße, seiner festen Beharrlichkeit und den Qualen namenloser Familienschicksale zuschreiben, die seinen Verstand gekräftigt und seinen Geist zum beharrlichen Fortschreiten auf der Bahn des Wissens ermuntert haben. Er schreibt nur erst seit wenigen Jahren größtentheils und zwar nur wirkliche Begebenheiten seines früheren Lebens als Soldat, Mönch, Schauspieler, Staatsdiener u. s. f. – Unter mehreren zum Drucke vorbereiteten Schriften dürfte die Schilderung seines unglücklichen Daseins unter dem Titel: „Memoiren eines österreichischen Grafen“ das lebhafteste Interesse der Lesewelt erregen. Dieses Werk dürfte jedoch erst nach seinem Tode erscheinen.“ So schreibt das oben erwähnte Werk „Oesterreich im Jahre 1840“. Dem Autor dieses Lexikons ist es, wenn er den Ton und Inhalt der vorstehenden Notiz genau prüft, als wäre der Verfasser von „Oesterreich im Jahre 1840“ Schirnding selbst. Die Ausführlichkeit, die Berührung und Angabe von Umständen, die doch nur ihm selbst bekannt sein konnten, die Wärme des Tones in der ganzen Notiz, Alles zusammen spricht für diese Annahme. Ist dieß der Fall, dann sei noch bemerkt, daß zu den ersten zwei Bänden noch ein dritter und vierter hinzukamen unter dem Titel: „Oesterreich und seine Staatsmänner. Ansichten eines österreichischen Staatsbürgers über Oesterreichs Fortschritte seit dem Jahre 1840“ (Leipzig 1843 und 1844, Reclam jun., gr. 8°.). Jedenfalls ist der anonyme Verfasser bescheidener geworden, denn nannte er sich in den ersten zwei Bänden einen „österreichischen Staatsmann“, so begnügte er sich im zweiten und dritten Bande mit dem entsprechenderen Titel eines „österreichischen Staatsbürgers“. Was Schirnding’s Schriften betrifft, als deren Autor er positiv gilt, so sind es folgende: „Spiegelbilder aus dem weiblichen Kunst- und Berufsleben der modernen Welt“, 2 Bändchen (Leipzig 1839, Kollmann, 8°.), diese Schrift erschien unter dem Pseudonym F. Gr. Fridolin; – in Gemeinschaft mit C. A. F. Hennig gab er heraus unter seinem wahren Namen: „Camellien[WS 2]. Almanach für das Jahr 1840“. I. (und einziger) Jahrg. (Prag [Leipzig, Fleischer], gr. 16°., mit 10 Stahlst. u. einem mus. Souvenir); – „Die Juden in Oesterreich, Preussen und Sachsen. Ihre allgemeine Stellung, ihre Rechte, Forderungen und Wünsche, mit legalen Nachweisen belegt“[WS 3] (Leipzig 1842, Volkmar, gr. 8°.). Uebrigens hat er noch mehreres andere, anonym und pseudonym, Belletristisches und Publicistisches herausgegeben, wie aus einer in L. A. Frankl’s „Sonntagsblättern“ anläßlich seines Todes erschienenen, wenig schmeichelhaften Notiz erhellet, welche wörtlich lautet: „In Prag ist am 22. Juli 1845 (was unrichtig ist, denn Graf Ferdinand S. starb am 28. Juli) der als anonymer und pseudonymer Schriftsteller nicht eben rühmlich bekannte Graf Ferdinand [38] Schirnding mit Tod abgegangen“. Graf Ferdinand war (seit 7. August 1833) mit Therese geb. Wotipka vermält, aus welcher Ehe drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, welche aus der Stammtafel ersichtlich, hervorgegangen sind.

Frankl (Ludwig Aug. Dr.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) IV. Jahrg. (1845), S. 742. – Patuzzi (Alexander), Geschichte Oesterreichs (Wien, Wenedikt, Lex. 8°.) Bd. II, S. 356.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Google .
  2. Vorlage: Camelien (korr. nach Google.
  3. Google .