BLKÖ:Rózsa, Sándor

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 27 (1874), ab Seite: 188. (Quelle)
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Rózsa, Sándor (ungarischer Räuberhauptmann, geb. zu Szegedin am 16. Juli 1813). Es kann nicht Aufgabe dieses Lexikons sein, die Unthaten dieses durch die dichtende und übertreibende Volksmuse zum Räuberheros hinaufgeschraubten Strolches zu erzählen, der, Alles in Allem genommen, doch nur ein Räuber und Mörder, nur origineller und tollkühner, wie Andere dieses Gelichters, ist. Die unten verzeichneten Quellen, unter denen auch seine beiden Processe aus den Jahren 1859 und 1873 sich befinden, können dem Wißbegierigen hinreichende Aufschlüsse nach jeder Richtung geben, hier folgen nur einige allgemeine Andeutungen über den Lebensgang dieses vielgenannten, im Lande vielgefürchteten und nun von einer Nation, welche eine entschiedene Revolte zum politischen Märtyrerkampfe zu stempeln versteht, zum Heros und politischen Märtyrer verklärten Wegelagerers und Todtschlägers, und zum Verständnisse dieser unter normalen Verhältnissen geradezu unbegreiflichen Zustände. Wer längere Zeit in Ungarn, namentlich in Alföld, gereist, in Dörfern, Städten, Schlössern oder aber auf den Puszten gelebt, der hat von Rózsa Sándor und seinen Heldenthaten genug gehört, und diese Angaben werden hier nach verläßlichen Quellen zusammengefaßt. Zahllose Broschüren und im Volke verbreitete Lieder, wie mündliche Ueberlieferungen, von der Mutter dem Kinde erzählt, besagen und besingen seine Thaten, die im Lichte sagenumkränzter Erzählungen mehr als märchenhafte Heldenthaten denn als handwerksmäßige Schurkenarbeit erscheinen. Die öffentliche Sicherheit war in Ungarn schon vor der Revolution längst ein nie geglaubter Mythos. Auf offener Straße wurden Passanten zu Wagen und zu Fuß angefallen, Postchaisen wurden regelmäßig ausgeraubt, und in großen Städten, wie Szegedin, Vásárhely, Kecskemet u. s. w., erschienen am hellen Tage Räuber in einem Hause oder Geschäfte, in Gasthäusern oder Branntweinkneipen, aßen und tranken dort mit vollster Gemüthlichkeit und entfernten sich, sobald es ihnen angenehm schien, mitnehmend, was zu erhaschen oder zu ergreifen war. Richter und Magistratsbeamte standen mit großen Räuberbanden, von denen sie glänzend bezahlt wurden, im Bunde. Der armen, zumeist berittenen Trabanten nicht zu gedenken, die heute selbst Räuber, morgen, wenn sie Abwechslung liebten, zur Sicherheitswache einstanden, oder auch die Reihenfolge umgekehrt befolgten. In den Städten hielt die Angst vor Blutrache Jedermann zurück, officiell den Angeber zu spielen. Auf dem Lande waren Wirthe und Kleinhändler die befugten, ja der Verbindung wegen in Ansehen stehenden Hehler auf den Tanyen und ganz kleinen Gehöften. Dagegen wurde ein bestimmter Tribut bezahlt, mit Hilfe dessen Besitzer großer Heerden sich von Raub und Brandlegung für gewisse Zeit loszukaufen strebten. Die Räuberbanden waren vorzüglich organisirt. Nie griff die eine der befreundeten anderen in’s Handwerk. Groß und weit genug ist das gesegnete Ungarn auch für Hunderte von Banden, die im friedlichen, durch nichts gestörten Raub ihr Leben glänzend verbrachten und nur von Zeit zu Zeit auf größere, ruhmreichere [189] Thaten verfielen. Der verwegenste und geschickteste Räuberhäuptling in jungen Jahren schon, der anerkannte Chef sämmtlicher Räuberbanden war Rózsa Sándor, der Abkömmling einer längst bekannten Räuberfamilie. Sein Vater schon, der berüchtigte Rózsa Andras, der eine Viertelstunde weit von der Stadt Szegedin die Tanya bei Doroszma als sein Eigen besaß, war ein bekannter, von den anderen Bandenführern geachteter Räuber. Die endlose Puszta, die Lenau so wunderbar besingt, war sein Terrain; die dichten Wälder im mittleren und südlichen Ungarn waren seine Burgen; die elenden Landstraßen, in welchen Roß und Reiter stecken blieben, waren die getreuesten Helfershelfer. Der Vater Andras wurde endlich einmal bei guter Gelegenheit erschossen, sein Sohn Sándor pflanzte jedoch das Erbhandwerk fort und übertraf bald Vater, Großvater und Brüder. Es steckte ein heldenhafter Zug im „schönen“ Sándor: verwegen bis zur Tollkühnheit und geschickt, wie weder vor noch nach ihm sich Einer rühmen konnte, war er zugleich großmüthig gegen Arme, die er oft beschenkte, nur unerbittlich gegen die Reichen und namentlich gegen Juden. Der romantische Zug, der seinem Charakter eigen war, machte ihn zum Herrn über Tod und Leben ganzer Gegenden, zugleich auch zum umworbenen Liebling der Frauen. Sándor war verschwenderisch, wo es galt, sich zu zeigen, und er hatte dazu ererbtes, angestammtes Vermögen. Mit seinem Pferde, das er als der beste Csikos im Lande meisterhaft, unerreichbar beherrschte in Momenten der Gefahr, übersetzte er Dächer und ganze Militärcompagnien in rasender, schwindelnder Eile. So oft ein solcher Zug den kühnen Räuber vor der Verfolgung rettete, erschien er regelmäßig in der Stadt, um dort mündlich oder auf in Gasthäusern zurückgelassenen Zetteln seine Heldenthat und seinen Ruhm zu verkünden. In Rózsa Sándor steckt nebst dem Rinaldini Italiens noch der schalkhafte, humorvolle Till Eulenspiegel. Hundert und abermals hundert interessante Züge leben im Volksmunde, werden noch heute mit Begeisterung erzählt und zu seiner Entschuldigung angeführt; Rózsa Sándor hat das Volk seine Missethaten beinahe gern verziehen. Daß Vieles dabei Dichtung, versteht sich von selbst. Dem Räuberkönig sollte seine Leidenschaft für Frauen noch gefährlich werden. Zuerst verliebte er sich ernstlich in die Tochter eines Pferdehirten, diese vertheidigte er oft mit seinem Leben. Die zweite Geliebte war die in Szegedin sehr gut bekannte „Kati“, deren Mann, welcher ihm sein Eheweib nicht gutwillig abtreten wollte, Rózsa Sándor mit einem Pistolenschusse die Hirnschale zerschmetterte. Von Katharina besitzt Sándor zwei Söhne, die ebenfalls Räuber wurden, jedoch lange nicht die Genialität des Vaters erbten. Zumeist, wenn er mit seiner Geliebten auf der eigenen Tanya koste, wurde er von Soldaten, die das Häuschen umringten, überrascht. Im Jahre 1836 wurde er zum ersten Male gefangen und in das Comitatsgefängniß abgeführt. Seine Geliebte befreite ihn in wirklich heldenhafter Weise nach kaum einem Jahre. Während der Revolution wurde er von Kossuth als Anführer eines gegen die Raitzen gesendeten Freicorps verwendet, später auch als Kundschafter in die Komorner Festung geschickt. In beiden Missionen entledigte er sich seiner Aufgabe mit großer Geschicklichkeit. Unzählige Male war auf seinen Kopf ein hoher Preis gesetzt, so auch nach der [190] Revolution. Niemals wagte es Einer, ihn zu verrathen, niemals gelang es, ihn für die Dauer zurückzubehalten. Im Frühlinge 1856 lag Rózsa weinfroh und gemüthlich im Kukuruzfelde neben seinem Gevatter Kiß und plauderte, als er sich plötzlich umzingelt und auf’s Korn genommen bemerkte. Das Erste war, daß er seinen Vetter Kiß, welcher wirklich der Angeber war, erschoß, dann überlieferte er sich den Soldaten. Sein Proceß, halb als politischer, halb als gemeiner ausgefaßt, dauerte volle drei Jahre, dann wurde R. zum Tode durch den Strang verurtheilt und schließlich zu lebenslänglichem Kerker begnadigt. Unzählige Skizzen und Abbildungen schilderten Rózsa Sándor’s einförmiges Leben auf der Festung Kufstein. Im Kaiserthume blieb er acht Jahre, dann wurde er bei zwei Gelegenheiten amnestirt. Als Rózsa wieder in Szegedin eintraf, war nach Augenzeugen Jubel unter der Bevölkerung. So viele Freunde und namentlich Freundinen hatte der Mann unter den Bauern und Bürgern, daß ihm um guten Zeitvertreib nicht bange zu werden brauchte. Während jedoch Rózsa seine acht Jahre auf der schrecklichen Festung verbrachte, hatten sich hier zu Hause die Verhältnisse geändert. Viele der alten Kameraden waren friedliche, verheirathete Bürger geworden und standen als Bürgermeister oder Beamte an der Spitze von Gemeinden. Die Justiz war wohl nicht um Vieles besser, dennoch aber etwas geregelter geworden. Die Landstraßen waren schon zum Theile fahrbar, das Räuberhandwerk hatte seine Schwierigkeiten bekommen. Ein neuer Factor – vorher unbekannt – war inzwischen dazugetreten: Ungarn hatte Eisenbahnen erhalten. Am 8. December 1868 unternahm Rózsa Sándor mit einigen muthigen Genossen einen Anfall auf den Eisenbahnzug bei Felegyháza und dieser verwegene Streich sollte dem Räuberkönig zum Verderben werden. Die inzwischen an’s Ruder gekommene ungarische Regierung entsendete den Grafen Ráday in das räuberumgebene Alföld und mit dem Auftreten dieses nicht minder als Rózsa Sándor selbst berühmt gewordenen Mannes begann in Ungarn für die Räubergilde eine bittere, verderbenbringende Zeit. Rózsa Sándor wurde mit großer List am 14. November 1868 in die Szegediner Festung gelockt und im December 1872 stand der landesberüchtigte Räuberhäuptling abermals vor seinen Richtern. In die zu Szegedin stattgehabte Strafverhandlung waren unter Anderen ein Stadthauptmann, zwei Stuhlrichter, vier Fiscale und 46 Sicherheitscommissäre! verwickelt, von denen Einige, gegen welche die Beweise nicht so weit aufgebracht werden konnten, um sie mit Sicherheit verurtheilen zu können, noch im factischen Dienste sich befinden. In Rózsa’s Proceß waren noch mehrere Banden, so die Szegediner Bande des Johann Mazslay-Gyarmathy, die Kecskemeter Bande der Colomo Benko und die Theresiopoler Bande des Elias Tursanyi miteinbezogen. Nicht weniger denn 60 Straffälle bildeten den Gegenstand der Verhandlung, welche nach mehrtägiger Dauer am 24. December geschlossen wurde und mit Rózsa’s Verurtheilung zum Tode, welche jedoch in lebenslänglichen schweren Kerker umgewandelt wurde, endete. In jüngster Zeit (1874) wurde Rózsa’s Sándor Leben von einem Eduard Dorn dramatisirt und viele Male in Wien im Theater in der Josephstadt gegeben.

Horvath (Franz), Rozsa Sándor. Schilderung seines Lebens und verbrecherischen Wirkens [191] und Treibens von der Wiege bis in sein Greisenalter. Mit 8 Illustrationen. Zweite, Auflage (Wien 1870, Alb. A. Wenedict, 12°.). – Lebensgeschichte des berüchtigten ungarischen Räuberhauptmanns Rozsa Sándor (aus dem Ungarischen übersetzt) (Znaim, M. F. Lenk, 8°.), mit 15 erbärmlichen Holzschnitten). – Robert (Dr.), Was Rózsa Sándor zum Räuberhauptmann machte. Eine interessante Skizze aus dem Leben desselben (Wien 1857, J. Holzwarth, 12°.) [mit einem schlechten Holzschnitt; auch in der Bäuerle’schen „Theater-Zeitung“ 1857, Nr. 128–139]. – Bozner Zeitung 1860, Nr. 42: „Ein Besuch bei Rozsa Sandor“. – Didaskalia (Frankfurter Blatt, 4°.) 1857, Nr. 119 u. 232: „Rozsa Sandor“. – Fremden-Blatt. Von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1870, Nr. 155: „Ein Fluchtversuch von Rozsa Sandor“. – Gartenlaube (Leipzig, E. Keil, 4°.) 1868, Nr. 25, S. 399, im Texte. – Illustrirtes Wiener Extrablatt. Von Berg und Singer (4°.) I. Jahrg. (1872), Nr. vom 17. December an und die folgenden, in der Beilage: „Rózsa Sándor und Compagnie“. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, Fol.) 1873, Nr. 1544 vom 1. Februar, S. 84: „Der Räuber-Prozeß Rózsa Sándor zu Szegedin in Ungarn“. – Krakauer Zeitung 1859, Nr. 39 u. f., im Feuilleton. – Levitschnigg (Heinrich Ritter v.), Kossuth und seine Bannerschaft. Silhouetten aus dem Nachmärz in Ungarn (Pesth 1850, Heckenast, 8°.) Bd. I, S. 283 bis 287: „Rózsa“. – Der Linzer Abendbote (polit. Blatt, Fol.) 1857, Nr. 151, im Feuilleton: „Was sich die Csikosse von Rósza Sándor erzählen“. – Linzer Wochenbulletin für Theater u. s. w. Herausg. von J. A. Rossi (4°.) Zehnter Jahrg., Nr. 25: „Edle Züge von Rozsa Sandor“. – Moravan (Olmützer polit. Blatt) 1863, Nr. 91 bis 93, im Feuilleton: „Roza Sandor“. – Morgen-Post (Wiener polit. Blatt) 1860, Nr. 141, im Feuilleton: „Rozsa Sandor auf der Festung Kufstein“ [oft nachgedruckt]. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1868, Nr. 1380, im Feuilleton: „Eine Zusammenkunft[WS 1] mit Rózsa Sándor“; 1869, Nr. 1698, in der Kleinen Chronik: „Der Rückfall Rózsa Sándor’s“. – Omnibus (Brünner Unterhaltungsblatt, 8°.) 1857, Nr. 45, S. 357: „Aus dem Leben R. S.’s“. – Pester Lloyd (polit. Blatt) 1857, Nr. 109, im Feuilleton: „Aus Szegedin“. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1859, Nr. vom 15. Februar, „Proceß gegen Rózsa Sándor“. – Schlesinger (Max), Aus Ungarn (Berlin 1850, Franz Duncker, 8°.) Zweite Auflage, S. 205 u. f. – Sonntags-Blatt. Beiblatt zur Neuen Salzburger Zeitung, 1857, Nr. 21, 27, 41: „Rozsa Sandor“. – Theater-Zeitung. Herausg. von Ad. Bäuerle (Wien, kl. Fol.) 1859, Nr. 38–41: „Prozeß Rozsa Sandor“. – Vorstadt-Zeitung (Wiener polit. Blatt) 1857, Nr. 135: „Rózsa Sándor“; 1864, Nr. 112, im Feuilleton: „Rózsa Sándor und sein Gefängniß“. – Von den zahllosen Porträten ist das beste in der Neuen illustrirten Zeitung (Wien), herausgegeben von Johannes Nordmann, 1873, Nr. vom 3. Februar [trefflicher Holzschnitt].

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Zusamkunft.