Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Döbler, Georg
Band: 14 (1865), ab Seite: 425. (Quelle)
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Döbler, Ludwig (Physiker und Mechaniker, geb. zu Wien im Jahre 1801, gest. zu Gstettenhof bei Türnitz in Oberösterreich am 17., nach Anderen am 18. April 1864). Von seinem Vater Bernhard D., der seinerzeit selbst als geschickter Künstler in Wien lebte, und nach dem Sohne im hohen Alter von mehr denn 90 Jahren starb, zum Graveur bestimmt, kam er zu einem Meister in die Lehre und besuchte mehrere Jahre die k. k. Akademie der bildenden Künste. Neben seinem Berufe trieb er aber mit besonderer Vorliebe Experimentalphysik, Chemie, Mechanik, machte allerlei Versuche und weckte durch diese an sich sonst harmlose [426] Beschäftigung so sehr den Grimm seines Meisters, daß dieser, als er einst seinen Lehrling in der Lectüre von Kleuker’s „Magikon“ vertieft fand, ihm das Buch mit den Worten: „Schau, das ist ein Experiment das alleweil gelingt“ um die Ohren schlug. Das Alles aber half wenig, D. trieb seine Liebhabereien fort, gab in kleinen Kreisen seine physikalischen und mechanischen Kunststücke zum Besten und erwarb bald einen solchen Ruf, daß er vor dem Fürsten Metternich und Kaiser Franz spielen durfte. Nun folgten öffentliche Vorstellungen in Wien und diesen bald Reisen, auf denen er die volkreicheren Städte Oesterreichs und des Auslandes besuchte. So durchzog er ganz Deutschland, Rußland, Schweden, England, Holland, Belgien, Frankreich, und wurde überall von den Höfen, Universitäten, Akademien und dem Publicum mit Auszeichnung aufgenommen, mit Ehren aller Art entlassen. König Friedrich Wilhelm III. ernannte ihn zu seinem Hofkünstler, die kön. preußische Akademie zum akademischen Künstler. So stand er in den zwei Decennien der Dreißiger- und Vierziger-Jahre im Zenith seines Ruhmes und hatte durch seine reichen Einnahmen ein ansehnliches Vermögen erworben. Von vielen schweren Künsten verstand er aber, wie Dingelstedt schreibt, eine schwerste, nämlich die: zu rechter Zeit aufzuhören. Um die Mitte der Vierziger-Jahre stellte er mit festem Entschlusse seine Vorstellungen ein, „er selbst war müde geworden und wollte nicht Andere ermüden“, Mit seinem erworbenen ansehnlichen Vermögen zog er sich zurück und aus dem berühmten Magier, dem selbst Altmeister Goethe in das Stammbuch folgenden Vers: „Bedarf’s noch ein Diplom besiegelt? Unmögliches hast du uns vorgespiegelt!“ geschrieben, wurde ein vortrefflicher Landwirth und ein wahres Muster von Bürgermeister. Im Jahre 1847 kaufte er nämlich den im Traisenthale unweit St. Pölten anmuthig gelegenen Landsitz Klafterbrunn, den er bald in ein kleines Paradies umwandelte und wo er von Freunden, die von nah und ferne herbeikamen, besucht wurde. Bald gewann der Tausendkünstler, der nun in anderer Weise die Rolle des Magiers fortsetzte, das Vertrauen der ganzen Umgegend. In dieser als Bauer, Kunstgärtner und Architekt thätig, führte er niedliche Schweizerhäuser und Balkone auf, ließ Springbrunnen aus der Erde schießen, legte Landstraßen und Vicinalwege an, stürzte sich mit unerschöpflichem, immer regem Wirkungsdrange in Arbeiten für das Gemeindewohl, betheiligte sich mit einer maßvollen Freisinnigkeit an dem öffentlichen Leben des Staates, dessen Monarch dem Manne des allgemeinen Vertrauens der Gemeinde auch ein Zeichen seiner Anerkennung, das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verlieh. Aber nachdem Klafterbrunn verschönert fertig stand und sich dem Schaffensdrange D.’s dort nichts mehr bot, sah er sich nach einer anderen Stelle für seine Thätigkeit um, „sich und Andern“, schreibt sein Biograph, „machte er weiß, es sei ihm zu unruhig geworden, während in Wahrheit es nur ihn beunruhigte, daß es nichts mehr zu thun geben wollte“. Er zog demnach tiefer in’s Gebirge hinein, bis hart an den Saum der steirischen Alpen, wo er in der Nähe des betriebsamen Städtchens Türnitz den Gstettenhof kaufte und wieder aus einer halben Wildniß ein ganzes Paradies schuf. In dieser ländlichen Ruhe und Einsamkeit erwachte aber mit einem Male der künstlerische Drang seiner Jugend, er griff nach Stichel und Meißel, [427] modellirte, gravirte, bossirte und vollendete einen Ehrensäbel für den Herzog Ernst von Gotha, einen zweiten für den König von Preußen, der erst etwa ein Jahr nach seinem Tode durch seine Witwe an seine Bestimmung gelangte. Eine ähnliche Arbeit für seinen eigenen Kaiser hatte er begonnen, aber nicht mehr vollendet – der Tod hat die kunstvolle Hand für immer gelähmt. Außer den oberwähnten Ehren und Auszeichnungen, die dem Künstler bei Lebzeiten geworden, erhielt er noch deren in zahlloser Menge von den verschiedensten Seiten, so verlieh ihm der Herzog von Sachsen seinen Hausorden, Se. Heiligfeit der Papst den Orden vom goldenen Sporn, der König von Preußen die große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft u. dgl. m. Die Gemeinde aber, in der und zu deren Nutzen er die letzten zwei Jahrzehende seines Lebens gewirkt, in welcher kein Armer ungelabt und ungetröstet von seiner Schwelle ging, bewahrt dem wackeren Manne, der sie, und in bedenklichen Zeiten, trefflich berathen und geleitet, eine treue und innige Erinnerung. Schließlich sei noch bemerkt, daß die so ziemlich allgemein verbreitete Redensart: „und noch ein Sträußchen“, welche bei Vertheilung ungehoffter und zahlreicher Gaben und auch sonst bei heiteren Anlässen, ja selbst ironisch bei polemischen Klopffechtereien u. dgl. m. noch gegenwärtig angewendet wird, einem der reizendsten Kunststücke Döbler’s den Ursprung verdankt, indem er aus einem leeren Hute eine nie enden wollende Fülle Sträußchen und immer wieder Sträußchen hervorzauberte und unter die entzückten Zuschauer vertheilte.

Klagenfurter Zeitung 1864, Nr. 125: „Ludwig Döbler“. [Dieser von Franz Dingelstedt verfaßte und zuerst in der „Wiener Abendpost“ abgedruckte Nachruf Döbler’s machte die Runde durch die meisten deutschen Blätter, u. a. im „Correspondenten von und für Deutschland“ (Nürnberg, kl. Fol.) 1864, Nr. 286; in der „Allgemeinen Theater-Chronik“ u. s w.] – Schaluppe zum Dampfboot (Danziger Unterhaltungsblatt, 4°.) 1841, Nr. 1. – Frankl (Ludw. Aug.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) III. Jahrg. (1844), S. 1069; VI. Jahrg. (1847), S. 62: „Ueber die optischen Vorstellungen Döbler’s“. Von S. Reissek. – Argus. Herausg. und redig. von E. M. Oettinger (Hamburg, 4°.) 1837, Nr. 116: „Döbler in Cassel“. – Berliner Figaro (Unterhaltungsblatt) 183., Nr. 283: „Döbler’s Automaten“. – Humorist. Herausgegeben von M. G. Saphir (Wien, 4°.) 1839, S. 1046: „Döbleriaden“. – Wiener Zeitung 1865, Nr. 31, S. 414, unter der Rubrik „Zur Tagesgeschichte“. – Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1864, Nr. 108; 1865, Nr. 40. – Wiener Abendpost (Abendblatt der amtlichen Wiener Zeitung) 1864, Nr. 89. – Blätter für Theater, Musik und Kunst. Von Zellner (Wien, 4°.) 1864, Nr. 33. – Agramer Zeitung 1864, Nr. 94. – Ungarische Nachrichten (Pesther politisches Blatt) 1864, Nr. 91 [diese, die Agramer Zeitung, Zellner’s Blätter für Theater u. s. w. und die Wiener Abendpost geben den 17. April als Döbler’s Todestag an]. – Breslauer Zeitung 1864, Nr. 191. – Zeitung für Norddeutschland (Hannover, gr. Fol.) 1864, Nr. 4666 [dieses Blatt und Dingelstedt in seinem Nachrufe Döbler’s geben den 18. April als D.’s Todestag an]. – Zu Döbler’s Charakteristik. Dazu dient treffend eine Stelle in Dingelstedt’s Nachrufe, welche lautet: „Er bildete sich nach und nach jene eigenthümliche Gattung von Vorstellungen aus, die, auf streng wissenschaftlichen Grundsätzen und Kenntnissen beruhend, mit allzeit wechselnden praktischen Versuchen zu unterhalten wußten. Jede neue Entdeckung wußte er in sein Gebiet herüberzuziehen. Das Hydrogen-Oxygen Gasmikroskop, die Dissolvings-Views machte er sich dienstbar, und verstand durch stete Verbindung der Theorie mit der Praxis, der Vorlesung mit der Vorstellung, wie durch die ihm eigenthümliche Gabe eines freien, eleganten, oft humoristischen Vortrages, der selbst vor einem fremdländischen Publicum den Reiz nicht verlor, sich sein besonderes Genre auszubilden. Was widerlich, unschön, unsauber [428] war, widerstand ihm. Döbler hat Niemand den Kopf abgehauen, sich nirgends ein Bein ausreißen lassen; wie seine Natur eine feine, vornehme, so war es auch seine Kunst. Das Publicum, das rasch vergeßliche, spricht noch heute von der reichen, geschmackvollen, glänzend beleuchteten Scene, die er sich geschaffen, von der Erscheinung des schönen Mannes, der im knappen Sammtkleide, mit freiem Halse, das wohlgeformte Bein in schwarzer Seide und lakirtem Schuh, beim ersten Auftreten, namentlich auf die weibliche Hälfte seines Auditoriums eine wirkliche natürliche Magie ausübte. Im persönlichen und geselligen Verkehre blieb er einfach, anspruchlos, heiter, gemüthlich; ein echter Wiener der alten Schule in Sprache und Sitte. Wohin er kam, suchte er Künstler und Gelehrte vor Allem auf; sein Salon in Petersburg, in Paris, in Wien, war ihnen vorzugsweise geöffnet. Wie viel heitere Abende hat er nicht gehabt und gemacht, in Petersburg mit Louis Schneider, Charlotte von Hagn, in Wien mit Bauernfeld, Castelli, Saphir, in Paris mit Heine, Gutzkow, Herwegh, Dingelstedt! Welch ein bewegtes, wander- und wunderreiches Leben ist mit ihm geschieden!“