Textdaten
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Autor: S.
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Titel: Auf Firn und Eis
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 532–536
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Auf dem Unteraargletscher im Berner Oberland
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[532]
Auf Firn und Eis.
Erinnerung aus den Bergen. Von S.

Im weltbekannten Haslithale des weltbekannten Berner Oberlandes war es. Dort, an der Handeck hatte ich mit meinem Freunde und Landsmanne, einem Ritter vom Malkasten, mein Villeggiaturquartier bezogen; nicht an dem vielbeschriebenen Falle der Aare, der unter jenem Namen gefeiert ist auf der ganzen civilisirten Erde – der braust ein gut Stück weiter links – sondern auf der schönen Handeckalp, welche, obwohl nahe an 4500 Fuß über dem Spiegel des Mittelmeeres, noch von üppigem Tannendickicht eingefaßt wird. Ehedem gab’s hier nur eine gewöhnliche Sennhütte, wo sich der müde Wanderer auf dem Heuboden strecken und an einem Glase Milch oder „Nidln“ (Rahm) und einer Schnitte „Ziegers“ (magern Käses) erlaben konnte, jetzt ist auch hierher die Speculation und mit ihr die Cultur gedrungen. Aus dem alten großen Holzbau mit dem weitgespannten Giebel, der früher lediglich hirtlichen und viehlichen Zwecken diente, ist zugleich eine Art von Hotel entstanden, und ein gegenüber errichtetes neues Haus umschließt die Schlafstätten für die einsprechenden Reisenden; kein Gasthofspalast freilich wie auf Rigikulm, auch nicht einmal wie die Herberge auf dem Faulhorn oder auf der Wengernscheideck, doch alles sauber, gut, behaglich und nicht allzutheuer, – wenn man billig in Erwägung zieht, daß weder Dampfwagen noch Dampfschiffe, nicht Postkutschen und nicht Marktboote, sondern nur die Rücken keuchender Vier- und Zweifüßler des Leibes Nahrung und Nothdurft herzuschleppen können.

Eines Abends waren wir zeitiger als gewöhnlich von unserer Nachmittagswanderung heimgekehrt und pflegten uns auf der Holzbank vor unserer Sennte. Da schlug der große Bernhardshund des Wirthes an, das Haus kam in Alarm, denn ein neuer Gast hielt seinen Einzug. Dergleichen Episoden waren immer Epochen in unserm Stillleben. Wir erhoben uns denn auch, um uns den Ankömmling in der Nähe zu betrachten. Es war ein kräftiger Mann in den Fünfzigen; ein langer grauer Schnurrbart und Augenbrauen, die allenfalls auch zu einem stattlichen Schnauzbarte hingereicht hätten, gaben ihm ein gewisses strenges, martialisches Ansehen. Mit einer Behendigkeit, welche sein graues Haar Lügen zu strafen schien, schwang er sich aus dem Sattel seines Maulthiers und schüttelte dem Wirthe, der diensteifrig herbeigeeilt war, als einem alten Bekannten herzlich die Hand.

„Nehmen Sie mir die Sachen da gut in Obacht und sorgen Sie für meine Leute,“ sprach er auf ein zweites schwerbepacktes Maulthier und sechs handfeste Männer weisend, die sein Gefolge bildeten. Darauf trat er in das Speisezimmer.

Mit dem Fremden, welcher mit einem eigenen Packthier und mit so großer Escorte über die Grimsel zog – denn wo anders konnte man von der Handeck hin? – mußte es eine besondere Bewandtniß haben. Dies und sein interessantes Aeußere erregten unsere Neugier, die uns ebenfalls rasch in’s Zimmer trieb. Wir bestellten unser Nachtessen und waren mit dem Herrn bald in lebhaftem Gespräche.

„Morgen beziehe ich meine gewöhnliche Sommerresidenz,“ erzählte der Ankömmling; „eine Sommerresidenz, wie es keine zweite giebt, so frisch, so glänzend, so imposant - - - ich gehe auf den Unteraaregletscher, da steht mein Sommerpalais. Besuchen Sie mich dort einmal, meine Herren. Da oben sollen Sie erst erfahren, was Alpenpracht und Alpenmajestät bedeuten! – Doch,“ fügte er hinzu, „warten Sie noch ein paar Tage; es ist gar wohl möglich, daß ich meinen Pavillon erst unter dem Schnee hervorsuchen muß, dann bin ich genöthigt, meine ganze Wirthschaft von Neuem loszueisen und in Gang zu setzen, ehe ich Besuch empfangen kann. Ohnedem sah ich verdächtiges Gewölk, als ich von Guttannen heraufritt.“

Darauf beschrieb er uns den Weg, welchen wir einzuschlagen hatten, unter genauer Berücksichtigung aller uns nothwendigen Einzelheiten. „Sie können nicht fehlen, meine Herren. Kommen Sie also ja,“ sagte er, indem er sein Licht nahm, um sich in das Schlafhaus drüben zurückzuziehen.

Jetzt kannte ich den Mann. Es war Herr Dollfus-Ausset aus Mülhausen im Elsaß. Einer der reichsten Fabrikanten-Familien seines Geburtsortes entsprossen und selber Baumwollfabrikant, ist derselbe zugleich ein bedeutender Physiker und unbestritten der erfahrenste Beobachter der Gletscher und ihrer mannigfachen Erscheinungen und Räthsel. Sein Lieblingsstudium ist ihm völlig zur Leidenschaft geworden. Sobald der Sommer kommt, zieht er, seit fast zwanzig Jahren, nach der Schweiz, quartiert seine Familie im Hôtel des Alpes am Reichenbache ein und klimmt hinauf in das Gebiet des ewigen Schnees. Hier auf einem Uferfelsen des Unteraaregletschers hat er sich ein kleines niedriges Steinhaus erbaut, den der gesammten naturgelehrten Welt wohlbekannten Pavillon Dollfus, in dem er mehrere Wochen, manchmal auch Monate zuzubringen pflegt. Tag für Tag wird alsdann der Gletscher begangen, untersucht und angebohrt, wird seine Bewegung, sein Vorrücken oder Rckgehea gemessen, werden Barometer und Thermometer consultirt, Cyanometer und andere Apparate zur Hülfe genommen und die nach allen Richtungen hin angestellten wissenschaftlichen Beobachtungen genau verzeichnet und beschrieben, hauptsächlich um dem Gesetze auf die Spur zu kommen, das einer der schwierigsten und noch immer unentschiedenen Fragen der Naturwissenschaft, der Lehre von der Gletscherbewegung, zu Grunde liegt.

Herr Dollfus hatte richtig prophezeit. Zwei Tage lang dictirten uns Nebel und Ziegen eine unliebsame Clausur im Handeckwirthshause. Erst am dritten Morgen konnten wir zu unserer Expedition ausrücken. Bald rechts bald links des polternden

[533]
Die Gartenlaube (1864) b 533.jpg

Nach einer Originalskizze von A. Mosengel.

[534] Gletscherwassers zieht sich der Pfad aufwärts, mehrmals die Aare überbrückend, immer in enger Bergumrahmung. Nach etwa zweistündigem tapfern Marschiren, das Kniee und Schenkel tüchtig anspannte, that sich die oberste kesselförmige Thalweitung auf, der sogenannte Räterichsboden, eine dürftige Alm mit zwei verräucherten ärmlichen Sennhütten. Trotzdem ein tröstlicher Anblick für das Auge, der letzte Gruß aus der farbenheitern lebendigen Welt vor der grauen todten Steinwüste, die nun ausschließlich zur Herrschaft kommt. Höher hinauf erlischt jede Spur menschlichen Lebens.

Um zehn Uhr lag das Grimselspital vor uns, das alte Bild des Schweigens, der Oede, der brustbeklemmenden Schwermuth mit dem kleinen schwarzen eiskalten See, der sich neben dem düstern Steinbau ausbreitet, – am Tage wenigstens, wo es, wenn nicht Unwetter die Gäste in seinen Mauern zurückhält, nur selten Anderswen beherbergt als den Spittler mit seiner Familie, seinen Knechten und Mägden und seinem Vieh, denn von welcher Seite man auch kommen mag, ob, wie wir, aus dem Haslithale, oder vom Gotthard über die Furka, immer ist’s eine ordentliche Tagesreise heran. Die Zwischenstationen aber, das Haus am Rhonegletscher oder Guttannen, werden selten einmal zu Nachtquartieren erkoren. Sobald indeß der Abend dämmert, zieht das bunteste Reisegewühl vom Joche hernieder, bricht Gruppe um Gruppe hinter der Felswand hervor, die den aus dem Aarethale Heraufsteigenden das Hospital verbirgt, und bald hat’s Noth mit Unterkunft und Nachtlager. Zu Zweien und Dreien müssen sich die Ankömmlinge in ein enges Zimmer schichten lassen und froh sein, wenn sie überhaupt noch ein Bett erwischen können.

Wir trafen ausnahmsweise auch einmal am Vormittage Gesellschaft, geriethen nach den Erkundigungen um Woher und Wohin? in’s Plaudern und hielten ein langes heiteres Mittagsmahl. Der Nachmittag war schon weit vorgerückt, als wir uns zur Weiterreise erhoben. Der Grimselwirth fand es bedenklich, so spät noch nach dem Gletscher zu gehen, wir nahmen aber seine Warnung für Eingabe des Eigennutzes. Im Bädeker, unserm vielgetreuen Eckart, stand ja „Aargletscher leicht und gefahrlos zu besteigen“. Warum uns also einschüchtern lassen? Die Feldflaschen wurden neu gefüllt und fort, ohne Führer, dem ewigen Eise entgegen.

Die Wegbeschreibung, die uns der Gletscherenthusiast gegeben, saß fest in unsern Köpfen. So hatte es keine Schwierigkeit, uns bis zum Fuße des Eisstromes aufzuarbeiten. Freilich war’s ein saures Werk, und die zwei Stunden, mit denen Bädeker tröstet, wurden fast zu langen dreien. Bis hierher hatten wir so Etwas gefunden, das man, mit einigem Aufwande von Phantasie, allenfalls als Straße gelten lassen konnte, ab und zu eine in den Fels gehauene Stufe oder ein paar von Menschenhand neben einander geschichtete Steine – jetzt hörten auch alle diese schwachen Anhaltpunkte auf. Wir standen am linken Ufer der Aare, da wo sie in einem trüben Graugrün, mehrfach gespalten, dem Eise entquillt und auf die ebene felsumschlossene Fläche des Aarbodens hinausfließt. Vor uns thürmte sich der Absturz des Gletschers in die Höhe, sein klares Krystall mit dem Schmutzwall der Erdmoräne bedeckt, jenen Ablagerungen von Schutt und Geröll, von Steinblöcken und Felstrümmern, welche der fortschreitende Gletscher vor sich herschickt und in langen oft mehrere hundert Fuß dicken und noch breiteren Strömen dem Thale zuführt. Die Endmoräne des Unteraaregletschers ist für sich allein ein ganz hübscher Hügel, den man bei uns daheim im Flachlande schon zum respectabeln Berge stempeln würde.

Wir stutzten, wir sannen, wir beriethen – es half nichts, wir mußten die Moränenmauer hinan.

Das schreibt sich so leicht, dies Hinan, jetzt in der gewöhnten Sicherheit seiner vier Pfähle, im bequemen Armstuhle und neben der dampfenden Herzstärkung des Frühkaffees; das liest sich so harmlos und gemüthlich in Schlafrock und Pantoffeln auf dem Sopha, während der Theetopf sein trauliches Abendlied singt; in Wirklichkeit aber war’s ein verdammt heikeles Unternehmen. Bei jedem Schritt mußten Fuß und Auge erst die Festigkeit des Bodens prüfen. Oft brachte ein unbedachter Tritt einen nur auf wenigen Stützpunkten ruhenden Stein aus seinem Gleichgewichte, und sein Sturz ließ sich nicht aufhalten, wenn auch der tastende Fuß augenblicklich zurückgezogen wurde.

Da gab’s nun ein Rollen, ein Wälzen, ein Schurren, ein Donnergepolter, wie ein Stein den andern mit hinabriß in die Tiefe, wie das kleine Gebrock in gewaltigen Bogensätzen mit rasender Geschwindigkeit immer rascher und rascher dem Abgrunde zujagte und die größeren Felsstücke im Anprall krachend auseinander barsten und ihre scharfkantigen Trümmer nach allen Seiten umherschleudertcu. Das war, wie wenn Bomben platzten und Granatsplitter umherflögen. Wir wußten nicht mehr wie uns ducken, nicht wie uns rechts und links den unaufhaltsamen Geschossen aus dem Wege bücken! Ganz als lägen wir vor Düppel im Bereich der tückischen Dänenkugeln.

Endlich, endlich waren wir oben; athemlos, schweißtriefend. Nach der empfangenen Weisung sollten wir auf der Moräne fortgehen, bis wir auf der Uferhöhe zur Rechten des Dollfus’schen Pavillons ansichtig würden. Indessen Viertelstunde auf Viertelstunde verrann, schon zeigten unsere Uhren, daß wir länger denn eine volle Stunde auf der Trümmerfläche marschirten, und nirgends weder Fahne noch das allerkleinste Anzeichen menschlicher Nähe zu erspähen. Nein, es konnte nicht in Ordnung sein mit dem Weg auf der Moräne, wir mußten die Instruction mißverstanden oder doch nicht genau behalten haben. Schon dämmerte es; es gab also keine Zeit zu verlieren. Wir verließen darum die Moräne und wanderten auf dem Gletscher selbst weiter.

Anfangs war ein flottes Fortkommen auf dem grobkörnigen Eise, weit flotter als auf dem Steinmeere der Moräne, wo jeder falsche Tritt die ganze Decke in Aufruhr setzte. Bald aber wurde das Eis glätter und glätter und begann sich obendrein bedenklich zu neigen. Erst kleinere Spalten, dann immer breitere und breitere Schründe zeigten sich, und wir mußten alle unsere Kühnheit aufbieten, uns mit Hülfe unserer festen Alpenstöcke über die sapphirblauen Eisabgründe zu schwingen. Endlich jedoch war’s mit unserm Latein zu Ende, eine entsetzliche Kluft gähnte vor uns. Schon der Gedanke an deren Ueberspringen wäre Vermessenheit gewesen. Wir versuchten also an ihrem Rande weiter zu fußen, vielleicht daß sie sich an einer andern Stelle verengte. Doch plötzlich senkte sich der Boden so bedeutend, daß wir Beide in ein rapides Gleiten geriethen. Zwar gelang es uns, die Stöcke fest gegen die Brust gedrückt und ihre Stacheln tief in’s Eis gebohrt, uns in unserer hängenden Position zu erhalten; allein da saßen wir nun fest, die trostlose Perspective vor uns, im glücklichsten Falle mindestens eine lange finstere, kalte Nacht in ihr ausharren zu müssen. Fürchterlich, haarsträubend!

Die ganze Kraft unserer Kehlen zusammennehmend, über welche uns die Angst noch verfügen ließ, schrieen wir in die Wildniß hinaus nach Hülfe. Schauerlich tönten unsere Stimmen in der weiten traurigen Oede.

„Horch! – Antwortet’s nicht?“

Ich hielt den Athem an und lauschte in banger Erwartung.

– Nichts, nichts, nur der Widerhall unsers eigenen Rufens, welchen die Felswand drüben herüberwarf.

Von Neuem rufen, von Neuem lauschen wir. Vergebens, immer und immer vergebens!

Pst! – Das war keine Täuschung. Ein ferner Schall schlägt an unser Ohr. Es müssen Menschen auf dem Gletscher sein! Erlösung, Rettung naht; aufs Neue belebt die Hoffnung unsere schwindenden Kräfte.

„Hülfe, um Gotteswillen Hülfe!“ rufen wir, so laut es gehen will, und hören entzückt Antwort herüberklingen. Die Stimmen nähern sich, und bald können wir, trotz der Finsterniß, die inzwischen niedergesunken war, in geringer Entfernung von uns zwei Gestalten unterscheiden.

Es waren zwei seiner Diener, welche der Gletscherkundige nach uns ausgeschickt hatte. Vom Hochplateau seiner Residenz aus hatte er uns und unsere Irrfahrten und Anstrengungen gesehen und sandte uns die Hülfe, die wahrlich kam, als die Noth am größten war. Vorsichtig schritten die beiden Männer mit ihren dickbenagelten Bergschuhen der Stelle zu, wo wir gleichsam vor Anker hingen – dennoch konnten sie nicht ganz bis zu uns herabkommen. Sie warfen uns daher ein Seil zu, an dem wir uns wieder fest auf die Beine richteten und allmählich zu unsern Rettern hinaufgriffen. Aber die halberstarrten, steifen Glieder versagten uns den Dienst; mehr getragen, als geführt von unsern kräftigen Aelplern, gelangten wir an den Fuß der Felswand, auf deren breitem Rücken sich der Pavillon erhebt. Noch eine Viertelstunde unsäglichen mühevollen Kletterns auf einem in das Gestein eingehauenen Zickzackpfade, [535] und wir hatten das wundersame Sommerpalais des reichen Elsässer Gletscherfreundes erreicht, – mit Gefühlen, wie sie der Schiffbrüchige hegen mag, der, auf schwanker Planke lange umhergetrieben auf dem Meere, sich endlich an die Küste gerettet hat.

Bon Soir, Messieurs,“ empfing uns lächelnd Herr Dollfus am Portale seiner Villa. „Aber was machen die Herren für Streiche! Sich verirren auf meiner schönen Chaussee, ein wahres Kunststück!“ so spottete er. Allein seine edlen Thaten wogen zehnfach seinen Spott auf. Er führte uns herein in sein luftiges Gemach, und wir konnten beim Schein einer Lampe das merkwürdige Gemisch von naturwissenschaftlichen Apparaten und Reisebedürfnissen verschiedenster Gattung erkennen, womit der kleine Raum ausstaffirt war. Inzwischen bereitete der Herr des Hauses selbst einen vortrefflichen heißen Punsch und röstete köstliche Brodschnitten, und bald hatten wir, auf weichem Heu behaglich gebettet und mit dicken Schaffellen warm bedeckt, alle Aengste unserer Gletscherfahrt vergessen. Nur wie ein leises Summen klang noch das Geplauder der nebenan in der Küche um das Heerdfeuer gestreckten Knechte zu uns herüber, bis uns neckische Traumbilder der Wirklichkeit um uns her entrückten.

Völlig gestärkt und wunderbar erquickt erwachten wir am andern Morgen, und jetzt im ermutigenden Lichte des Tages wollten uns selbst die überstandenen Abenteuer unserer Wanderung nicht mehr ganz so gefährlich dünken, wie gestern im unheimlichen Dunkel der Nacht, das alle Schrecknisse in’s Ungemessene steigert.

„Ja, ja,“ sagte Herr Dollfus, der schon völlig angekleidet und eisgerüstet vor uns stand, „gegen Neulinge gefällt sich der Gletscher in kleinen Tücken und Chicanen; wen er aber einmal kennt, dem hat er nichts an. Wenn wir hernach auf das Eis gehen, sollen Sie sehen, wie harmlos das Ding ist. Aber schauen wir zunächst, was das Wetter macht.“

Wir vollendeten unsere Toilette und traten vor die Hütte hinaus, die wir jetzt erst ordentlich in Augenschein nehmen konnten. Sie ist niedrig, aus Steinblöcken kunstlos zusammengefügt und ganz geeignet, den Unbilden des Wetters kräftigen Widerstand zu leisten. Hoch über dem Dache flatterte an langer Stange die französische Tricolore, das schon von so manchem müden Touristen mit hellem Jubel begrüßte Signal des gastlichen Gletscherpavillons. Etwa 7200 Par. Fuß über dem Meere gelegen, bleibt dieser noch um ziemlich 600 Fuß hinter der Höhe des durch das ganze Jahr bewohnten St. Bernhardhospizes zurück, erhebt sich jedoch um nahe an 1600 Fuß über das Jochhaus der Grimsel.

Noch war Alles in Nebelschleier gehüllt; ein scharfer Wind aber hatte sie bald zerzaust und auseinandergerissen. Zu phantastischen Wolkenbildern zusammengeballt, zogen sie, tief unter uns, über dem Gletscherfelde dahin. Ringsum ward der Blick frei, und welche Aussicht that sich auf! Wir erklommen eine nahe Felszinke und konnten nun den Gletscher nach allen Seiten überschauen, eingefaßt wie er ist von vielfach ausgezahnten Gneiswänden, deren pittoreske Contouren sich scharf vom tiefen Blau des Himmels abhoben. Kein Fleckchen Grün, kein Grashalm in dem ungeheuren Raume, welchen das Auge durchschweifte; nichts als Weiß und Grau und Blau! Es war ein Moment feierlich, erhaben, kein Wort reicht an seine Größe heran! Unvergeßlich, wie alle jene Morgen, die ich, durch meilenweite Eis- und Schneefelder von den Menschen und ihrem Treiben geschieden, in der majestätischen Ruhe und Einsamkeit des Hochgebirges erlebte! –

Seit den letzten zwanzig Jahren ist eine ganze bändereiche Literatur entstanden, die sich theils in streng-wissenschaftlicher, theils in populärer Fassung ausschließlich mit der Darstellung dieser höchsten Regionen des Erdlebens, insbesondere der Gletscher selbst beschäftigt. Indeß trotz aller jener Schilderungen, von denen manche als mustergültig anerkannt sind, findet sich der Laie gerade auf diesem Gebiet der Natur noch immer in arger Confusion und Begriffsverwechselung befangen, selten daß einmal ein Reisender, der nicht zum Handwerk gehört, in die Alpen kommt, ohne die sonderbarsten Vorstellungen von jenen höchsten Regionen mitzubringen. Wem nicht der eigene Augenschein vergönnt war, der kann sich einmal keine richtige Idee vom Wesen des Gletschers, von seinem Vorrücken und Zurückweichen, von den Schutt- und Trümmerwällen machen, die seine Ränder bedecken, und mengt nur zu leicht Gletscher und Firn und ewigen Schnee durcheinander. Um wenigstens dieser letztem Verwirrung zu entgehen, halte man daher fest, daß jeder Gletscher einem erstarrten Wasserstrome zu vergleichen ist, einem mitten in seinem Wälzen und Wogen jählings gefrorenen Katarakte, dessen Eismassen sich in gewisse Thäler der Hochalpen einbetten oder deren Abhänge bekleiden; daß unter Firn der Etymologie nach vorjähriger Schnee – „fern“: vorjährig – verstanden wird, der sich vom gewöhnlichen Schnee durch seine grobkörnige Oberfläche, seine Schwere und Massigkeit unterscheidet, und daß endlich diese oberste Staffel der Alpenwelt in drei bestimmte Zonen gesondert werden kann: eine untere, die des eigentlichen Gletschers, in welcher der den Winter über fallende Schnee während des Sommers völlig abschmilzt; eine mittlere, die des Firns, die etwa mit 8000 Fuß beginnt und die Speisekammer des Gletschers ausmacht, und eine obere, die des sogenannten ewigen Schnees, der Schneefelder oder des Hochschnees, welcher die höchsten Grate bedeckt und meist in pulverähnlichem Zustande bleibt. Diese oberste Region hat keine so feste Grenze, wie die der untern und mittleren Stufe; ihr Anfang schwankt zwischen 9000 und 10,000 Fuß. Prägt man sich diese Momente ein, so wird man jedenfalls vor dem Irrthum bewahrt bleiben, den wir allsommerlich von Hunderten und Aberhunderten von Touristen – auch reiseschriftstellernden in erklecklicher Zahl darunter – begehen hören, welche bei jeder weißbeschneiten Alpenspitze, die sie sehen, in Ekstase gerathen über die prachtvollen Gletschermassen, die sie vor sich entfaltet glauben. Wie gesagt, auf den höchsten Berggipfeln ist der Gletscher niemals zu suchen, immer in Einsattelungen, Thälern und Schluchten.

Der Unteraaregletscher ist ein gewaltiger Eisstrom, der in einer Länge von etwa zwei und einer Breite von drei Viertelstunden ein weites Thal erfüllt, das südlich von den zur Gruppe des Finsteraarhorns, des Matadors der Berner Alpen, gehörigen Zinkenstöcken, nördlich vom Miselengrate, einem Ausläufer der Wetterhörner, jener den grünen Mattengrund von Grindelwald überragenden Giganten, umrandet wird. Dies grandiose Gletscherfeld hatten wir jetzt vor uns, glitzernd und funkelnd in der immer entschiedener durchbrechenden Sonne. Wie aber soll ich das Panorama schildern, welches so klar und hell, wie es selten der Fall sein mag, dem Blick erschlossen war? Wie wir, in stummer Bewunderung des erhabenen Gemäldes, selbst keine Worte fanden, den uns überwältigenden Eindruck in seine Einzelwirkungen zu zerlegen, so vermag die Feder noch viel weniger eine Scenerie zu veranschaulichen, von welcher selbst der Pinsel des größten Landschafters nur ein mattes Abbild zu schaffen im Stande ist. Ich begnüge mich darum einige der Gipfel, der Hörner und Spitzen zu nennen, die uns unser alpengelehrter Wirth mit jenem freudigen Stolze zeigte, mit welchem Jemand die edelsten Schätze seines Besitzthums vorzuweisen pflegt.

Da starrt zuerst links das Finsteraarhorn in die blaue Luft, an das sich weiter gen Osten eine Menge weißer Spitzen anreihen, alle reichlich mit Gletschern bedacht. Sämmtlich münden dieselben in den großen Finsteraargletscher, der vereinigt mit dem vom Schreckhorn zufließenden Lauteraargletscher bei dem sogenannten Abschwung, dem südwestlichen Ende des erwähnten Schreckhorns, unsern Unteraaregletscher bildet. Fast alle jener beschneiten Gipfel sind jetzt mit den Namen berühmter Alpenforscher geschmückt. Die zierliche Pyramide, die sich dicht an das Finsteraarhorn anlehnt, ist das Studerhorn, nach dem bekannten Berner Geologen getauft; weiter nordwärts, gewissermaßen eine Fortsetzung des Finsteraarhorns, reckt das Agassizhorn seine Nadel in den Aether; der Kegel zwischen Studer- und Oberaarhorn heißt Altmann, nach einem früheren Beschreiber der Berner Gletscher. Neben dem etwas zurückstehenden Oberaarhorn kommen zwei beinahe gleichförmige Zinken zum Vorschein, beide in blendenden Schneetalar gehüllt, es sind die Grunerhörner, deren Taufpathe ebenfalls ein Alpenkenner früherer Tage ist. Ihnen folgt, immer in östlicher Richtung, der bizarre Gipfel des Scheuchzerhorns, dem man die Ehre erwiesen hat, den Namen des berühmten Züricher Naturforschers Conrad Scheuchzer führen zu dürfen; als der letzte dieser Reihe endlich glänzt das Escherhorn herüber, das nach dem genialen Bezwinger der wilden Linth und seinem Sohne, dem Züricher Geologen, betitelt worden ist. Tiefer unten, der Grimsel zu, erscheinen der Thierberg, der Grünberg und die bereits oben angeführten Zinkenhörner, der Scheidewall zwischen Unter- und Oberaargletscher. Zur Rechten begrenzen Hugihörner – dem Solothurner Bergkundigen geweiht – Lauteraarhorn und Schreckhörner den Gesichtskreis.

[536] Wir standen noch immer in schweigendem Staunen, wie eingewurzelt auf der majestätischen Schaubühne.

„Für jetzt genug, meine Herren,“ mahnte schließlich unser Führer. „Eine Tasse warmer Schafbouillon wird auch nicht zu verachten sein nach unserer Morgenpromenade. Mein Jakob wird ungeduldig, wenn ich den Producten seiner Kochkunst nicht pünktlich Gerechtigkeit widerfahren lasse.“ –

Drei volle Tage lebten und wanderten, staunten und lernten wir auf dem Gletscher, und so machten wir mit Herrn Dollfus noch manchen interessanten Gang. Unsere nächste Wanderung galt einer Ruine, den Trümmern einer Menschenwohnung auf dem Eise. Es war auch ein ehemaliges Gletscherpalais – das Hôtel des Neuchâtelois, jene Hütte, welche sich im Jahre 1840 die Neuenburger Naturforscher Agassiz, Desor, K. Vogt, Nicolet, H. Coulon und F. Pourtalès am Fuße des Abschwungs gegründet hatten, in der Nähe der Stelle, wo schon 1827 Hugi sein naturforschendes Einsiedelthum gelebt. Fünf Sommer lang war sie das Standquartier für alle jene wichtigen Untersuchungen, denen die Wissenschaft Agassiz’s geniale Theorie von der Gletscherbewegung verdankt und die den Unteraaregletscher zum Gletscher par excellence, zu einem classischen Boden in der Geschichte der Naturwissenschaft gemacht haben. Jetzt fanden wir nur noch spärliche Ueberreste von dem einstigen Studienhause übrig, die der Gletscher, welcher nach Dollfus’ Beobachtungen im Jahre um etwa 240 Fuß vorrückt, über 2000 Fuß tiefer in das Thal hinabgeschoben hat. Der colossale Felsblock, der das Dach der Hütte gebildet, war in sieben Stücke zerschmettert, und in wenigen Jahren wird auch die letzte Spur jener merkwürdigen Forschercolonie auf dem Eise verschüttet und verschwunden sein.

Ein höchst originelles Leben, das diese verbundenen Gelehrten auf dem Gletscher führten! Jedem war seine Arbeitsrolle zugetheilt. Agassiz „leitete als Haupt der Expedition das Ganze, empfing die Berichte der einzelnen Mitglieder und suchte sie in Einklang zu bringen.“ Er selbst hatte die thermometrischen, hygrometrischen, psychrometrischen (feuchtigkeitsmessenden) und barometrischen Beobachtungen übernommen, und Pourtalès war dabei sein Amanuensis. Desor untersuchte „die dem Eise selbst angehörigen Erscheinungen, seine Structur, sein Verhalten bei verschiedenen Zuständen der Atmosphäre, Natur und Ursprung der Moränen“, und Coulon ging ihm als Begleiter auf den anstrengenden Ausflügen zur Hand. Vogt, damals noch nicht der demokratische Redner und Reichsregent, aber schon der geistreiche Zoolog und – Gesellschafter, der er heute ist, lenkte dem rothen Schnee und den Thieren und Pflanzen, von welchen dessen Farbe herstammt, seine Aufmerksamkeit zu und zeichnete wacker. Nicolet endlich studirte die Flora des Gletschers und der umliegenden Berge. Sehr früh ward aufgestanden, zwischen vier und fünf. Mittlerweile hatten die Führer, die in einer andern Hütte hausten, das Feuer auf dem Eisblocke angezündet, der, mit einem großen Steine belegt, zum Heerde diente, um die Morgen-Chocolade zu kochen. Wohl war’s keine Kleinigkeit, sich aus den warmen Decken zu reißen und in die scharfe Frühluft hinauszutreten, um sich vor dem Hause in dem Wasser eines Kübels zu waschen, dessen Eiskruste jedesmal erst eingeschlagen werden mußte; allein statutenmäßig durfte Niemand liegen bleiben, wer nicht zufällig krank war. Darauf ging’s frisch an’s Werk, und während des Tages war das „Hôtel“ meistens verlassen. Der Mittagstisch vereinte die auf Eis und Fels Zerstreuten wieder: es war der Hauptmoment des Tages. Delikatessen gab es allerdings nicht, weder Gemüse noch Fische, denn in den kalten Gletscherbächen gedeihen die letztern nicht, doch treffliches Hammelfleisch und manchmal ein feistes Murmelthier oder gar ein Gemsenbraten. Lustig aber ging es immer beim Mahle zu, da „wurden die neuen Gedanken mitgetheilt, die alten gesichtet, besprochen und erörtert“, und des Scherzes und der Neckereien wollte oft kein Ende werden.

Häufig sprach auch ein Besuch ein, Bekannte, die über die Grimsel zogen, oder Neugierige, welche sehen wollten, was das Neuenburger Häuflein in seiner Eiswüste trieb, und nicht selten ein extravaganter oder lümmelhafter John Bull, welchem die Insolenzen indessen rasch genug und hier und da sehr drastisch ausgetrieben wurden. So hatte man denn Stoff zur Unterhaltung und Beobachtung auch nach dieser Richtung hin in Hülle und Fülle. „Als habe Jeder sein Ich abgelöst, um es seinen Freunden zur beliebigen Hinnahme anzubieten und das ihrige dagegen einzutauschen, so war es in unserm Hôtel des Neuchâtelois“ schreibt Vogt. „Selbst das geistige Eigenthum war Gemeingut, und was der Eine auf seinen Excursionen, der Andere in der Nähe der Hütte, Der mit Vergrößerungsbrillen und Jener mit dem Verstandesauge geschaut, das wurde gar bald einem Jeden bekannt, Jedem vertraut, und nach kurzer Zeit war oft dem Einzelnen nicht mehr möglich aus dem verschmolzenen Ganzen zu sondern, was ihm von Rechtswegen gehörte.“

Es weht uns heimelig und behaglich an, wenn man in Vogt’s „Im Gebirg und auf den Gletschern“ oder in Desor’s „Excursions et Séjour sur les glaciers“ die Schilderung jenes „Eldorado der Natürlichkeit“ liest; und wie die Mitglieder dieses merkwürdigen Gletscheretablissements selbst, deren Haupt lange schon jenseit des Oceans lehrt und wirkt, noch nach Jahren mit wehmüthiger Sehnsucht an ihre Eisidylle zurückdenken, so überkommt auch uns mächtig, fast unbezwinglich das Verlangen, aus unserer rastlosen, künstlichen, complicirten Existenz wieder einmal flüchten zu können in den erhabenen Frieden jener Hochalpeneinsamkeit, so oft wir, mein alter Freund und Landsmann und ich, uns in die Erinnerung an jene unvergeßlichen Augusttage im Pavillon Dollfus versenken und über unsere Gletscherpromenade und unsere Neulingsabenteuer lachen, – jenes Alpenheimweh, welches Den nie mehr verläßt, welchen der Zauber dieser herrlichsten Bergwelt der Erde einmal umstrickt hat.