Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen IV. Section/H18

Heft 17 des Erzgebirgischer Kreis Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke
Heft 18 der Section Erzgebirgischer Kreis
Heft 19 des Erzgebirgischer Kreis
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Hilmersdorf
  2. Niederhaselbach
  3. Wegefarth
  4. Voigtsdorf


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Hilmersdorf


liegt auf einer Hochebene und die Entfernung von Wolkenstein beträgt 1 Stunde, von Zschopau 1½ Stunde, von Lengefeld ebenfalls 1½ Stunde, von Marienberg ¾ Stunde.

Dieses herrliche, grosse Dorf ist sehr alten Ursprungs und gehörte in den frühesten Zeiten zur Herrschaft Wolkenstein oder Bolkenstein, deren erste bekannte Besitzer die von Motzen waren.

Bald darauf kamen die von Waldenburg in den Besitz dieser Herrschaft und wenn im 14. Jahrhundert hier und da ein Otto von Wolkenstein in der Geschichte genannt wird, so darf dies nicht zu Irrungen Veranlassung geben: Denn dieser Otto gehörte ebenfalls der von Waldenburger Familie an. Noch vor der Mitte des 15. Jahrhunderts wurde Wolkenstein landesherrlich und einzelne Theile kamen von der frühern Herrschaft ab, womit besondere Besitzer beliehen wurden. Auch Hilmersdorf ist ein solcher Theil, welcher im 17. Jahrhundert zu einem besonderen amtssässigen Rittergute erhoben wurde.

Das Schloss, welches in der Abbildung zu sehen ist, wurde ebenfalls im 17. Jahrhundert erbaut und zwar von einem Freiherrn von Ziesky. Seit Anfang dieses Jahrhunderts wechselten in schneller Reihenfolge die Besitzer. Der gegenwärtige beliehene Eigenthümer des Gutes ist Herr A. Höckner. Vorher in den dreissiger Jahren war es in den Händen eines gewissen Herrn Seltmann.

Das Areal des Gutes beträgt 251 Acker: Darunter sind 215 Acker Feld, 20 Acker Wiese, 14 Acker Holz, 2 Acker Teiche.

Hilmersdorf gehört ebenfalls zu den Orten der Wolkensteiner Gegend, wo der Ackerbau nur mittelmässige Frucht gewährt, dagegen gedeiht der Flachsbau nirgends im Land so wohl als in Grossrückerswalde, Mildenau, Wiesa, Schönbrunn, Drehbach, Geringswalde und Hilmersdorf.

Den Flachs verkauft man meist nach Böhmen und der Lausitz und spinnt nur einen kleinern Theil selbst, verwebt aber auch dieses Garn nicht zur Hälfte. Die Viehzucht des hiesigen Bezirks anlangend, so wird die Rindviehzucht in bedeutender Stärke und mit gutem Lohne getrieben, da die hiesige Gegend vortreffliche Wiesen hat, deren Ertrag durch sorgsame Bewässerung sehr erhöht wird.

Auf hiesigem Territorium wurde der Bergbau in Sachsen am frühesten mit guter Silberausbeute betrieben.

Vermöge Befehls vom 5. März 1680 hat der Ort die Bergregalität auch auf die niederen Metalle z. B. Zinn, Eisen, Kupfer und den kleinen Bergzehnten zu geniessen.

[138] Unter den Einwohnern, ausser den Bergleuten, befinden sich hier auch viele Leinweber und Strumpfwirker.

Von Hilmersdorf kommt der beim Wolkensteiner Bade vorüberfliesende Bach herab, und treibt oberhalb desselben eine geringe Mahl- und Schneidemühle, sowie das Gezeug, welches das Badewasser aus dem Schachte hebt. Der Grund ist nicht tief und hat wegen des vielen Laubholzes und seiner Milde mehr einen nieder- als einen mittelgebirgischen Charakter. Früher wurde das Wolkensteiner Bad das sogenannte Marienbad „zu unsern lieben Frauen auf dem Sandberg“ Geringswalde genannt.

Bis zum Jahre 1542 war das Bad bei Wolkenstein erst herrschaftlich, dann landesherrlich.

Dasselbe soll schon im 14. Jahrhundert von denen von Waldenburg gegründet und seine Quelle in Folge des Erzschärfens entdeckt worden sein.

Nach einer blossen Hypothese dürften sie es „der Jungfrau Maria auf dem Sande“ deshalb geweihet haben, weil kurz zuvor im Jahr 1347 Kaiser Karl IV. das Carmeliterkloster „auf dem Sande“ vor dem Gallithore zu Prag hatte weihen lassen, wenigstens weiss man den Beisatz „auf dem Sande“ gar nicht zu erklären, da der Boden beim Bade keineswegs sandig, sondern vielmehr sumpfig war und zum Theil noch ist; denn dass in der Folgezeit die Gegend des Bades „auf dem Sande“ genannt wurde, scheint mehr durch dessen Namen erst veranlasst worden zu sein.

In einiger Entfernung von der Quelle baute man schon sehr frühzeitig eine Marienquelle und zwar von der Stadt gerade so weit, als nach den Berichten der Pilgrime, Jesus von des Pilatus Hause bis Golgatha zu gehen hatte. Diese Kirche stand auf der Höhe zwischen dem Bade und Geringswalde, war ansehnlich gewölbt und mit 7 hinzugepfarrten Dörfern begabt; in derselben pflegte man immer vor dem Baden eine Messe zu hören; bei derselben standen mehrere Wirthshäuser und noch zeigen sich von ihr und den Kellern, die dort mündeten, die Spuren.

Im Jahre 1671 brauchte die Kurfürstin Magdalena Sibylle dieses Bad, weshalb man ein neues Badehaus baute, das der Kurprinz Johann Georg selbst weihete und dabei dem Bade den Namen „zur Gnade Gottes“ gab, der sich jedoch bald wieder verloren hat.

Im Jahre 1791 baute man den hübschen Pavillon, welcher noch jetzt östlich beim Quellthurm steht. In gedachten Pavillon leitete man das Wasser aus einem Stolln, welches noch etwas wärmer als die allgemein gebrauchte Badequelle ist.

Am ähnlichsten ist das Wolkensteiner Wasser in seinen Bestandtheilen und Wirkungen dem der beiden Quellen zu Warmbrunn in Schlesien, welche jedoch bedeutend wärmer sind.

Das Wolkensteiner Wasser ist an sich lauwarm, genau so warm, als das des Wiesenbades, nämlich 23½ Grad und bedarf also nur noch geringer Erhitzung zur üblichen Badewärme. Es quillt dunkelgrünlich, wird aber hochgelb, wenn man es gemächlich verrauchen lässt.

Sein Geschmack ist, die Lauigkeit abgerechnet, so ganz angenehm, und es frisst merklich in die Haut ein.

Nach Wolkenstein ist auch Hilmersdorf wie das Bad, die Schmelzhütte, Wolfsberg, Hut, Kohlau, Geringswalde und Heinzbank eingepfarrt.

Diese Kirche war in den ältesten katholischen Zeiten dem Ritter St. Georg geweiht, dessen Bildniss mit dem Lindwurme noch jetzt über der kleinen Kirchthüre, am Glockenthurme zu sehen ist.

Die Einführung der Reformation geschah im hiesigen Kirchspiele im Jahre 1536 nach dem Willen Herzog Heinrich des Frommen durch redliche und gelehrte Männer, die von den Päbstlern aus Annaberg sehr angefeindet wurden.

[139] Uebrigens ist in Hilmersdorf ein besonderer Betsaal, worinnen jeden Sonn-, Fest- und Busstag Gottesdienst gehalten wird, sowie auch Hilmersdorf seine eigene Schule hat.

Seit dem Jahre 1838 ist eine neue, grosse, lichte Schulstube mit Subsellien angebaut worden und darüber eine Wohnung für einen Hauslehrer, wozu das hohe Cultusministerium 50 Fl. bewilligt hat.

Hilmersdorf hat 96 bewohnte Gebäude mit 170 Familien-Haushaltungen und 869 Einwohnern.

Der Ort nebst Rittergut gehört jetzt zum Gerichtsamte Wolkenstein, zum Bezirksgericht Annaberg, zur Amtshauptmannschaft Niederforchheim, zum Regierungsbezirk Zwickau.

M. G.     




Niederhaselbach.


Niederhaselbach mit dem Allodialgute Wernsdorf ist ein Rittergut ohne Grund und Boden, indem ersteres nur noch Jagd- und Fischerei-Gerechtigkeit besitzt und weder Vieh noch Gehöfte daselbst vorhanden sind. Es grenzt an die Dörfer Niederforchheim, Pfaffenroda, Görsdorf und an die königlichen Waldungen, an die Flöhe.

Es besitzt 130 Acker Feld, 68 Acker Wiese und 100 Acker Holz.

Haselbach hat eine sehr angenehme Lage, indem der durch das Dorf fliessende, oberhalb Dörnthal entspringende Haselbach wie überall, so auch hier, ein schönes, weites und anmuthiges Thal bildet.

Die ältere Geschichte des Rittergutes Niederhaselbach und Allodialgutes Wernsdorf besagt folgendes:

Der Sitz des Gerichtsherrn war vor Zeiten in Niederhaselbach, indem nämlich das Erballodialgut Wernsdorf seit dem Jahre 1645 mit dem Rittergute Niederhaselbach vereint ist. Die Unterthanen hatten die Dienste nach Wernsdorf zu leisten und waren verpflichtet dorthin das Zwangsgesinde zu stellen.

Es gehörte in früheren Zeiten das halbe Dorf Haselbach der Familie von Stange auf Venusberg und Drehbach, weshalb das dasige Erbgericht noch heute den Namen Stangengericht führt.

Späterhin brachte Christoph von Berbisdorf auf Forchheim den Ort an sich und sein Sohn, Hans Hildebrand, der nach der Theilung des Rittergutes Forchheim in zwei Gütern, Herr von Niederforchheim und Haselbach wurde, traf 1653 mit den Unterthanen des Rittergutes Haselbach einen Vergleich, dem zu Folge sie ihre Dienste in das Allodialgut Wernsdorf, welches sehr ansehnliche Fluren und Wiesen besitzt, zu leisten sich verpflichteten.

[140] Nach dem im Jahre 1675 erfolgten Tode Hans Hildebrands von Berbisdorf wurde das Allodialgut Wernsdorf von Niederforchheim getrennt und mit dem Rittergut Niederhaselbach vereinigt. Hildebrand von Berbisdorf hatte zwei Töchter als Erbinnen, welche und zwar die ältere Eleonore mit einem Herrn von Tettau, die jüngere mit einem Herrn von Schönberg vermählt war. Diese beiden Schwestern zertheilten den zum Rittergute Niederhaselbach gehörigen Grund und Boden in einzelne Stücke und gaben solchen in Erbpacht aus, wodurch ein besonderer, Neuhaselbach genannter Theil des Dorfes entstand, welches 18 Erbgärtner, 4 Häusler, eine Mahlmühle mit zwei Gängen, Bret- und Oelmühle umfasst, und in dieser Weise heute noch existirt.

Das Herrenhaus und sämmtliche ansehnliche Wirthschaftsgebäude zu Wernsdorf brannten, von einem Blitzstrahl getroffen, in den Morgenstunden des 12. Juli 1798 gänzlich, nebst dem ganzen Inventarium und dem grössten Theile der Mobilien nieder, wobei auch über 100 Stück Vieh in den Flammen umkamen.

Der damalige Besitzer, den dieser grosse Unfall traf, baute sämmtliche Gebäude so schön als zweckmässig wieder auf und versetzte die Oekonomie in den blühendsten Zustand. Es war kein anderer, als Christian Gotthelf Clausnitzer, Gerichtsherr auf Niederhaselbach und Erbherr auf Wernsdorf, welcher diese Güter 1772 in Mitbesitz erhielt, 1788 allein überkam und 1790 damit beliehen wurde. Ihm folgte sein Bruder der Lieutenant Sigismund Clausnitzer, welcher diese Güter nur 2 Monate inne hatte.

Im Jahr 1833 schlug der Blitz in den Ochsenstall ein und betäubte 4 Ochsen. Von 1838 bis 1849 besass diese Güter Karl Alexander Rudolph. Derselbe hatte das Unglück, dass im Jahre 1843 den 23. Dezember die Scheune gänzlich niederbrannte.

Im Jahr 1849 erhielt Christiane Friederike verw. Rudolph diese Immobilien in Lehen; nach deren am 14. Juli 1853 erfolgten Ableben wurde die Wirthschaft in Erbe bis zum 14. Juli 1856 fortgeführt. Von da ab kaufte Wernsdorf mit Niederhaselbach Herr Ludwig Böhme und erhielt derselbe solche Güter den 14. März 1857 in Lehen.

Das Collaturrecht über hiesige Schule steht den beiden Rittergütern Niederforchheim und Niederhaselbach mit Wernsdorf gemeinschaftlich zu.

Die nächste Inspection über die Schule führt der Pfarrer zu Mittelsayda und der Pfarrer zu Forchheim gemeinschaftlich, indem ein Theil von Niederhaselbach in die Parochie Mittelsayda gehört.

Das Schulhaus zu Haselbach ist im Jahre 1782 erbaut worden und der Unterricht in demselben beschränkt sich jetzt auf 110 Kinder.

Wernsdorf bildet mit der Nennigmühle einen besondern Schulbezirk. Das Schulhaus, welches vor einigen 90 Jahren erbaut worden sein mag, hat seit dem Jahre 1836 eine Glocke mit Uhr in einem besonderen Glockenstuhle erhalten.

Niederhaselbach mit Wernsdorf, mit Ausnahme eines geringen Theils von ersterem Orte, gehört ausserdem zur Parochie Forchheim.

Nicht weit von Niederhaselbach ist das romantisch gelegene Dorf Görsdorf. Von einem Abhange ziehen sich die Güter und Häuser in das schöne und reizende Thal der Flöhe hinab, über welche im Jahre 1836 eine schöne steinerne Brücke gebaut worden ist, da die Poststrasse von Forchheim nach Annaberg hier durchgeht. Dieser untere, höchst anmuthige Theil des Dorfes heisst der Kohlhau, weil das auf der Flöhe hierher geflösste Holz für die Freiberger Schmelzhütte verkohlt wird, weshalb sich die Sommermonate über jedesmal ein Bergofficiant aus Freyberg hier aufhält, welcher das Ganze mit dem zunächst unter ihm stehenden Köhlermeister leitet.

Es wurden oft Meiler von 60–80 Schragen zusammengesetzt und da die Arbeit wirklich gefährlich ist, so werden die Sommermonate über in der Kirche zu Forchheim Fürbitten für die Anstalt und deren Arbeiter beim Kirchengebet mit abgehalten.

In Görsdorf befand sich ehemals eine noch in den Zeiten vor der [141] Reformation erbaute Kapelle, zu welcher ein Grundstück von 20 Scheffel Aussaat gehört.

Wernsdorf hat ebenfalls eine sehr angenehme Lage. Auch geht die Strasse von Forchheim nach Zöblitz hindurch.

Hinter Haselbach nach Norden zu erhebt sich der Zug des Seitenberges, davon der nächste Theil bei Haselbach der Bielberg genannt wird.

In Haselbach wie Forchheim giebt es viele Weber, welche Parchent und Cattun für Chemnitz und Mittweida fertigen.

Die Dörfer haben meist gute und dem Flachsbau günstige Felder.

Haselbach der ganze Ort zählt 108 bewohnte Gebäude mit 154 Familienhaushaltungen und 695 Einwohnern; wogegen Wernsdorf mit Nennigmühle nur 60 bewohnte Gebäude hat, worinnen sich 91 Familienhaushaltungen und 419 Einwohner befinden.

Beide Orte gehören zum Gerichtsamt Lengefeld, zum Bezirksgericht Augustusburg, zur Amtshauptmannschaft Niederforchheim, zum Regierungsbezirk Zwickau.

M. G.     




Wegefarth


liegt 1½ Stunde westlich von Freiberg, an der Strasse nach Hainichen, seinem westlichen Ende nach am rechten Ufer der Striegiss. Es erstreckt sich ⅜ Stunde lang in ostsüdöstlicher Richtung, meist an einem von Kleinschirma kommenden Bächlein hinauf, bis an ein Nadelholz, welches von Kleinschirma es trennt; die Meereshöhe beträgt von 1160 bis 1250 Pariser Fuss; der Thalgrund ist grösstentheils nicht eben flach, aber doch sehr offen – die Gegend nur unterwärts angenehm, und das nahe Striegissthal zum Theil wirklich reizend, wozu freilich die graue Farbe des Wassers nichts beiträgt.

Nur wenige Häuser stehen an dem der Striegiss zufliessenden Kleinschirmer Bache, in welchen oberhalb der Friedrich-Auguststollen ausmündet.

Das zum Orte gehörige tiefer liegende Gehöfte ist eine Mühle mit zwei Gängen.

Weiter aufwärts stösst an die von Freiberg nach Hainichen führende, fast durchaus chaussirte Strasse, das mit Gastgerechtigkeit verbundene Erbgericht. Von da gegen 500 Schritte entfernt, ist der Wirthschaftshof des Rittergutes, sowie das herrliche Schloss, welches auf der Abbildung grossartig hervortritt. Dazu gehört eine schöne Schäferei, und starke Brennerei.

Im Schlosse befindet sich schon seit mehreren Jahren eine Wollspinnerei, der zu Oederan blühenden Fiedler’schen Tuchfabrik.

Das Gebäude ist 3 Etagen hoch und imponirt in Folge seiner Lage ungemein.

[142] Auf der Südostseite des oberen Dorfendes ragen am Thalberge einige Klippen hervor. Weiter im Süden, dem Dorfe Oberschöna nahe, liegen die Halden des Johannes und des hohen Neujahrs. Nächst der Landwirthschaft, treibt ein Theil der Ortsbewohner Woll- und Leinspinnerei. Auch giebt es hier einige Bergleute, die auf der ¾ Stunde nordwestlichen Hoffnung Gottes und auf Zechen bei Braunsdorf Arbeit finden.

In den frühesten Zeiten zinste der Ort an das Magdalenenkloster zu Freiberg 10½ Scheffel Korn und 40 Scheffel Hafer, hat aber demselben nicht mit Gerichten gehört. Die erste uns bekannt gewordene Familie als Besitzerin dieses Gutes ist die Familie von Hartitzsch. Von Melchior Caspar von Hartitzsch kam die Besitzung an die von Berbisdorf auf Forchheim. Durch Verheirathung eines Fräulein auf Berbisdorf mit einem Herrn von Schönberg kam dann Wegefarth im 17. Jahrhundert an das Geschlecht derer von Schönberg und seit dem 18. Jahrhundert an die von Schönberg von der Wingendorf’schen Linie. Bis 1820 besass das Gut der Johannitterritter und Major Maximilian von Schönberg auf Börnichen, Wingendorf mit Hainichen und Wegefarth. Im Jahre 1830 kaufte Wegefarth ein gewisser Herr Mühle, der jetzige Besitzer ist aber Herr Fr. Müller.

Die nahe liegende Kirche des Dorfes Wegefarth ist Filia der zu Oberschöna und hat eine Silbermann’sche Orgel. Unter den Geistlichen von Oberschöna mit Wegefarth ist vorzüglich das Schicksal des M. Johann Pezold bemerkenswerth.

An einem Sonntage des Jahres 1632 nach dem Frühgottesdienst in Oberschöna verbreitete sich auf einmal der Schreckensruf: „Kroaten kommen“. Die Gemeinde floh hastig nach Hause und von da wieder fort gegen Freiberg. Auch dem Pastor blieb nichts übrig, als unverzügliche Flucht, die er zu Fuss nach Freiberg hin versuchte, wo seine Gattin und Kinder bereits in Sicherheit sich befanden. Aber schon in einem dem Dorfe noch nahen Birkengebüsche, erreichten ihn die nachsetzenden Croaten, und ein junger, roher Barbar drückte nach einigem Wortwechsel, auf den Unbewehrten ein Pistol ab, dessen Kugel, die Kinnlade des Getroffenen zerschmetterte und im Halse stecken blieb.

Menschlichen Gefühles säbelte ein alter Schnurrbart den Mörder sogleich nieder und ermunterte zu weiterer Flucht den Prediger der mit schwer verwundetem Blutgesicht, in der Hand die Zähne tragend, bis nach Freiberg wankte, wo er, nach dreissigwöchentlicher schmerzvoller Kur, in der Domkirche eine Dankpredigt hielt.

Der so schwer Geprüfte lebte nachmals noch 32 Jahre und hatte nie auf der Kanzel einen Stuhl oder eine Brille nöthig. Am Pfingstfeste 1665 nahm er in der Kirche zu Oberschöna, wie in deren Filia zu Wegefahrt, von seinen Gemeinden unter Segnungen öffentlichen Abschied, reisste Donnerstags darauf zu seinem Sohne, dem Pastor in Galenz, wo er in Gesellschaft mehrerer Prediger Todesbetrachtungen anstellte.

Er starb im 77. Jahre seines Alters, nach 48jähriger Amtsführung.

Wegefahrt, Börnichen, Wingendorf mit Hainichen, als 3 besondere Rittergutsbezirke, stossen so zusammen, dass sie vereint eine Herrschaft darstellen können und begreifen, ohne das abgelegene Hainichen, an 3000 Bewohner.

Im Südosten von Oberschöna erreicht das Gebirge, welches von Kleinschirma, also aus Norden hierher sanft ansteigt, seine grössste Höhe und fällt dann steil gegen den Michelzer Grund ab. Hier zeichnet sich besonders der Spitzberg durch einige Felsen des reinsten, weissen Quarzes aus, welche an seiner Kuppe zu Tage ausgehen und gewiss ebenso gut, als die ihnen ganz ähnlichen Quarzfelsen auf dem weissen Flinz (am schlesischen Riesengebirge) auf Glas zu benutzen sein würden.

Auf früheren Karten ist Oberschöna zu lang und nicht mit Wegefahrt zusammenstossend gezeichnet.

M. G.     



[143]
Voigtsdorf


in der Volkssprache Vuhtsdorf liegt 5 Stunden südlich von Freiberg 6½ Stunden von Wolkenstein nordöstlich, ¾ bis 1 Stunde von Saida nordwestlich und nördlich, meist zwischen sanft abhängigen, aber bedeutenden Höhen am Voigtsdorfer oder Dorfbache, welcher ⅛ Stunde unterm Orte sich mit dem Friedebache vereinigt und sogleich die Chemnitz heisst. Der Ort erstreckt sich von unten nach oben erst gegen Nordwest, dann gegen West, dann mit einer jähen Windung um einen steilen, etwa 150 Ellen hohen Berg, gegen Süd; die obersten, etwas abgelegenen Güter richten sich gegen Südwest. Von letztrer steigt die Gegend nach Westen sowohl (¼ Stunde) als nach Osten (½ Stunde weit) zu ihren grössten Höhen an, von welcher die letztere oder Saidaische (richtiger Fridebacher) Höhe 2579 Pariser Fuss sich über die Nordsee erhebt. Beide Höhen gewähren die herrlichste Aussicht, besonders aber die westliche oder Dörrenthaler Höhe, die der Saidaischen wenig nachsteht. Hier sieht man Freiberg, Saida, Lengenfeld, den Keulen- und Kulmberg, Lichtenwaldstein, mehrere böhmische Orte, die Kette des Obergebirgs u. s. w.

Das altschriftsässige Rittergut, welches mit 1½ Ritterpferd verdient wurde, gehörte im 11. und 12. Jahrhundert den Herren von Erdmannsdorf, von welchen es im Jahre 1365 Nicol Hartitzsch erwarb, und bei den Meissnischen Burggrafen solches in Lehen nahm. Von seinen Nachkommen schlug Melchior im Jahre 1540 eine bedeutende Wüstung zum Rittergute. Asmus von Hartitzsch, der Bruder von Hans Hartitzsch, welcher im Jahre 1578 als ein hundertjähriger Greis zu Dresden starb, gründete die sogenannte Voigtsdorfer Linie des Geschlechts und übertraf seinen vorgenannten Bruder an Lebenskraft, indem er im 99. Jahre seines Alters noch heirathete und erst 1591 im 110. Jahre starb. Ihn beerbten nicht Söhne, sondern 3 Enkel und das Rittergut wurde in zwei Hälften getheilt, von welchen die nach Südost zu liegende Nieder-Voigtsdorf, und die nach Nordwest zu liegende Hälfte Ober-Voigtsdorf heisst.

Diese zwei Hälften sind also eigentlich nicht zwei Rittergüter gewesen, wie man hier und da lesen muss. Im 17. Jahrhundert kamen indess die beiden Theile wieder zusammen, die Benennung Nieder- und Ober-Voigtsdorf hat sich aber bis auf die neueste Zeit erhalten.

Bis zum Jahre 1774 wohnten auch die Herren von Hartitzsch stets in Voigtsdorf. In diesem Jahre aber erhielt Hans Alexander Dietrich von Hartitzsch auf Dorf-Chemnitz das hiesige Rittergut, indem der letzte männliche Erbe der Voigtsdorfer Linie Rudolph Dietrich von Hartitzsch hier starb.

Bis jetzt war Erb-, Lehen- und Gerichtsherr der Rittmeister Hans Adolph von Hartitzsch, zugleich auch Besitzer der Rittergüter Dorf-Chemnitz, Röhrsdorf bei Königsbrück und Hayda bei Wurzen.

Da indess derselbe erst vor einigen Monaten mit Todte abgegangen ist und nur seine Gattin und eine einzige Pflegetochter als Erbinnen seines Nachlasses hinterlassen hat, so ist über die Nachfolge seiner Lehenbesitzungen noch keine Bestimmung getroffen.

Das Rittergut Voigtsdorf hat eine kleine Schäferei (links über dem Bache), ihr gegenüber am niedern Ende des Dorfes, seine übrigen, kleinen jedoch gethürmten Gebäude, eine nicht stark lohnende Oekonomie, aber trefflich gehaltene und bedeutende Holzungen, einen Kalkofen, eine Lehmgrube bei Dorf-Chemnitz. Dazu gehören noch 2 Mühlen und das kleine Dörfchen Wolfsgrund.

Uebrigens sind im Orte viele Güter, die grösstentheils wohl gebaut [144] sind und über 40 Acker Feldes besitzen, ferner ein grosses und schönes Erblehengericht mit Wirthshaus und Kalkofen, 2 Mühlen und 2 Oelmühlen, mehre Flachsbrechhäuser. Den Haupterwerb giebt die Viehzucht und der Feld- besonders Flachsbau; doch wohnen auch viele Handwerker hier, unter welchen vorzüglich die Tischler sich auszeichnen durch ihre elegante Arbeit.

Die Schicksale des Ortes anbetreffend, so raffte im Jahre 1582 die Pest viele Menschen hinweg; doch grösser noch war die[WS 1] Sterblichkeit im 30 jährigen Kriege. Soldaten von den kaiserlich Holk’schen Horden mordeten hier und brannten fast das ganze Dorf nieder; was ihnen aber durch Flucht in die Städte entging, das raffte die Pest hin, die durch Taub’sche Soldaten hierher gebracht wurde. Vorzüglich waren die Jahre 1631, 1632 und 1640 für den Ort von den verderblichsten Folgen, indem in den beiden ersten Jahren hier gegen 700 Menschen theils von jenen Kriegern getödtet wurden, theils an der Pest starben, so dass nur 6 Ehepaare übrig blieben. Lange Zeit konnte der Ort, der durch aus den böhmischen Walddörfern Eingewanderte allmählig wieder bevölkert wurde, die Wunden dieses Krieges nicht verwinden; denn noch nach fast 60 Jahren waren von den in jener Zeit eingeäscherten Wohnungen über 20 Häusser noch nicht wieder aufgebaut.

Viel Ungemach und grosse Noth hatte auch die hiesige Einwohnerschaft im Jahre 1813 zu ertragen. Viele Wohnungen wurden in diesem Jahre ein Raub der Flammen.

Der jedesmalige Besitzer von Voigtsdorf übt auch das Recht der Besetzung der Geistlichen und Schulstelle.

Die kleine, aber freundliche Kirche steht in der Mitte des Dorfes auf einem Hügel, den im Süden ein aus den Oberzethauer Büschen kommendes Bächlein netzt. Dieselbe ist in den Jahren von 1780–1782 reparirt und erweitert.

Die früher in der Kirche befindlichen Denkmäler der Familie von Hartitzsch sind seit diesem Baue aus der Kirche geschafft und befinden sich jetzt auf dem Kirchhofe.

Nicht weit von diesen Leichensteinen hat der verstorbene kurfürstlich Sächs. Hofjäger und Förster Ehregott Gotthelf Friedrich Michaelis zu Altendorf bei Chemnitz seinen Aeltern (welche das hiesige Erblehngericht besassen) und seinem Bruder ein Denkmal gesetzt, zugleich aber auch der Kirche 300 Fl. vermacht, wovon die jährlichen Interessen nach gehaltener Stiftungsrede unter hiesige Arme vertheilt werden.

Die Pfarrwohnung ist seit dem Jahre 1795 restaurirt, sowie auch die Schule.

Letztere besuchen 200 Kinder.

In der Nähe von Wolfsgrund, welches auf Voigtsdorfer Grund und Boden ursprünglich angelegt wurde, erhebt sich der grosse Leitsberg im Nordosten und der Steinbusch gegen Süden, von wo aus man eine herrliche Aussicht nach Frauenstein, dem Gränzgebirge u. s. w. geniesst.

Unter dem Dörfchen sind die Ruinen der Dorf-Chemnitzer Kalkbrennerei und am Bächlein, welches bei der Schaafbrücke die Chemnitz erreicht, findet man Schörl- und Magneteisenstein-Stufen, sowie zahlreiche Spuren ehemaligen Bergbaues.

Woher der Ort seinen Namen entlehnt hat, ist schon bei der Beschreibung von Dorf-Chemnitz erwähnt worden und bedarf hier keiner Wiederholung.

Voigtsdorf gehört jetzt mit Wolfsgrund zum Gerichtsamte Saida, zum Bezirksgericht Freiberg, zur Amtshauptmannschaft Freiberg, zum Regierungsbezirk Dresden.

Voigtsdorf hat eine Häusserzahl von 195 mit 288 Familienhaushaltungen und 1182 Einwohnern.



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Anmerkungen (Wikisource)

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