Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen III. Section/H14

Heft 13 des Lausitzer Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.), Moritz Grimmel
Heft 14 der Section Markgrafenthum Oberlausitz
Heft 15 des Lausitzer Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Wendisch-Paulsdorf
  2. Berthelsdorf
  3. Nieder-Rennersdorf
  4. Gross-Hennersdorf


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Wendisch-Paulsdorf.


Wendisch-Paulsdorf liegt ½ Stunde von Löbau unfern Kittlitz, am Löbauer Wasser, gegen Reichenbach, nur 3 Stunden davon entfernt. Die Strasse von Löbau nach Görlitz führt hier durch. Der Name giebt hinlänglich von der Entstehung Kunde. Die Wenden, die Sorben-Wenden waren es, welche in den frühesten Zeiten hier Besitz gefasst haben. Allmählich erst breiteten sich dieselben von der Lausitz herab an der Elbe und Mulde weiter und weiter aus und legten Dörfer an, aus elenden Hütten, aus Holz und Lehm erbaut.

Von einer Ordnung und Bequemlichkeit der innern Einrichtung hatten sie keinen Begriff. Von einem Schornsteine wusste man damals nichts, sondern eine Oeffnung im Dache war Alles, wodurch man die Qualen des Rauches zu mindern suchte. Mitten im Hause befand sich eine Grube, welche zugleich als Heerd und Ofen diente, um welche herum sich am Abend Alles lagerte, bis ein Glöckchen das Zeichen gab, dass das Feuer in diesen Gruben nunmehr ausgelöscht werden solle. Wahrscheinlich rührt davon das in den Dörfern noch heute übliche Abendlauten her.

Im Jahre 929 unterwarf sich der Sachsen-Herzog Heinrich die Nieder- und Oberlausitz und derselbe theilte nun die eroberten Länder in Markgrafthümer. Mark bedeutet eine Grenze, und Markgrafthum war ein Grenzland des deutschen Reichs, Markgraf ein kaiserlicher Stadthalter, dem mehre Burggrafen als Schlosscommandanten beigeordnet waren, und so entstanden nun die Schlösser und Burgen.

Sobald als ein Kampf mit den nach langer Zeit unruhigen Besiegten und Grenznachbarn bevorstand, so beriethen sich die Markgrafen mit den Vasallen, wodurch die Landtage in der Lausitz mit entstanden.

Eben so wurde in dieser Zeit Alles aufgeboten die Ausbreitung des Christenthums unter den Wenden zu befördern und zu bewerkstelligen. Kaiser Otto errichtete darum in Magdeburg ein Seminarium zur Bildung wendischer Prediger, aus dem nun, mindestens mit einiger Kenntniss der slavischen Sprache ausgerüstete Prediger hervorgingen. Es wurden Pfarreien errichtet, schnell hölzerne Kirchen hier und da erbaut und die Neubekehrten mussten den Geistlichen den zehnten Theil aller ihrer Einkünfte abtreten, daher der Decem, der jetzt aller Orten abgelösst ist.

Wendisch-Paulsdorf gehört ebenfalls zu denjenigen Orten, dessen Entstehung in die frühesten Zeiten zurückfällt und von dem wendischen Worte Paulice seinen Namen entlehnt haben mag.

Ein Schloss soll hier schon im 11. Jahrhundert existirt haben und ein Schlosshauptmann damit beliehen gewesen sein. Die früheren Nachrichten über die Erbauung des Schlosses und dessen Besitzer fehlen übrigens gänzlich. Im Jahre 1779 war das Rittergut dem Fräulein Henriette Carolina von Rechenberg zugeschrieben, von welcher es im Jahre 1800 an August Benjamin Mühle auf Lawalde, Kaufmann zu Löbau kam, von welchem es dessen Ehefrau Louise Friederike Eleonore Mühle ererbte. Im Jahre 1820 übernahm dasselbe Johann Gottlieb Traugott von Leuthold auf Paulsdorf und Wendisch-Paulsdorf. Seit dem Ableben [106] des Herrn von Leuthold ist im Besitze des Gutes die Familie von Nostitz und der dermalige Besitzer ist Herr Hans Carl Florian von Nostitz-Drziwieki. Wendisch-Paulsdorf ist mit Grossdehsa, Tauernick, Peschen, Eiseroda, Nechen, Breitendorf, Laucha, Carlsbrunn, Unwürde, halb Wohle, Georgewitz, Wendisch-Kunnersdorf, halb Rosenhain, Zoblitz, Bellwitz, Oppeln, Kleinradmeritz, Glossen, Lautiz, Alt- und Neu-Kunnewitz, Menschlitz und Hansebach nach dem schönen hochgelegenen Dorfe Kittlitz eingepfarrt und heisst es deshalb in den alten Urkunden:

„Die Einwohner von Wendisch-Paulsdorf sind nach Kittlitz eingepfarrt, und mit 10 Rauchen belegt.“

In der Kittlitzer Kirche ist vor dem Altare ein freier Platz, in dessen Mitte der Taufstein steht, der zu beiden Seiten von 10 herrschaftlichen Logen umgeben ist.

Oben gegen Mittag zunächst am Altare die Kleinradmeritzsche, die Bellwitzische und zunächst an der Kanzel, die Lautizsche. Gegen Mitternacht zunächst dem Altare die Glossensche und die Wendisch-Paulsdorfer und Unwürdesche der Canzel gegenüber. Unten zunächst dem Altare gegen Mittag des Pfarrers Sacristei, die Wohlauische und Oppelnsche Loge; dieser gegenüber zunächst dem Altare des Diaconen Sacristei, dann die Wendisch-Kunnersdorfsche und Kittlitzische Loge.

Eine jede obere Loge hat unter sich ihre Gruft unter der Grundmauer, zu welcher an der äusseren Façade die Eingänge zu suchen sind.

Die übrigen in Sachsen liegenden Orte, welche den Beinamen „Wendisch“ führen, sind: Wendisch-Beselitz, Wendisch-Biela, Wendisch-Bora, Wendisch-Carsdorf, Wendisch-Fähre, Wendisch-Luppa, Wendisch-Ossa, Wendisch-Hayn, und haben diese Dörfer allesamt ihren Namen von der Begründung des Orts durch die Wenden, nachdem sie von der Lausitz gegen die Mulde und Elbe zogen und sich daselbst niedergelassen haben.

Wendisch-Paulsdorf liegt sehr angenehm und in einer fruchtreichen Gegend. Dasselbe hat sehr schöne reizende herrschaftliche Gebäude, zu deren Verschönerung der jetzige Herr Besitzer viel beigetragen hat.

Wendisch-Paulsdorf hat jetzt 38 bewohnte Gebäude mit 54 Haushaltungen und 230 Einwohnern.

Letztere sind von starkem, robusten Körperbau, und dabei von offener, ehrlicher Sinnesart.

Viele davon finden auf dem hiesigen Gute eine reichliche Beschäftigung.

Wendisch-Paulsdorf gehört jetzt zum Bezirksgerichte und Gerichtsamte Löbau, zur Amtshauptmannschaft Zittau, und zum Regierungsbezirk Bautzen.

Moritz Grimmel.     




Berthelsdorf.


Berthelsdorf, am Fusse des Hutberges, – an dessen südlichem Abhange das nur eine Viertelstunde entfernte, weltberühmte Herrnhut liegt, grenzt gegen Abend mit Strahwalde und gegen Morgen mit Rennersdorf. In alten Urkunden wird es Berthelsdorf oder Bertelsdorf genannt, wodurch klar wird, dass seine ersten Bewohner Deutsche waren. Aus einer alten Urkunde ersieht man, dass im Jahre 1346 Berthelsdorf zur Diöcese Reichenbach gehörte. Es kann als die Wiege von Herrnhut angesehen werden. Denn die wegen Bedrückung der Glaubensfreiheit aus Mähren ausgewanderten Familien fanden bei dem Grafen von Zinzendorf eine liebreiche Aufnahme und erhielten Erlaubniss sich auf diesem seinem Gute anzubauen. Am 17. Juni 1722 fällten diese Auswanderer den ersten Baum zu dem von ihnen an der Landstrasse, die von Löbau nach Zittau führt, [107] erbautem Häuschen, welcher Platz jetzt noch durch ein Denkmal bezeichnet wird. Nach und nach wurde der Wald gelichtet und so erhob sich, da mehrere Auswanderer nachfolgten, und sich ebenfalls da anbauten, das liebliche Herrnhut, welches sich nicht allein durch Fleiss und Betriebsamkeit auszeichnet, sondern auch durch seine Missionen unter die Heiden, ungemeinen Segen für die Lehre Christi gestiftet hat.

Die ersten bekannten Besitzer von Berthelsdorf waren die Herren von Gersdorf-Tauchnitzer Linie, welche in dieser Gegend überhaupt viele und ansehnliche Güter besassen. Durch Verheirathung mit Anna von Gersdorf erlangte gegen 1486 Hans von Metzrath Berthelsdorf. Im Jahre 1490 gehörte es den Herren von Tzschirnhausen und 1499 einem Herrn von Eberhardt, von welchem es noch vor 1528 wieder an die Familie Gersdorf-Tauchnitz überging. Im Jahre 1574 wurde die Besitzung unter drei Brüder getheilt und es entstanden so drei Güter, von welchem das Hauptgut mit dem Herrenhause an Christoph von Gersdorf fiel und bei dessen Nachkommen bis 1633 blieb, wo es durch Kauf an Jareslaw von Kyaw überging, welcher dasselbe in Folge der Verwüstungen des dreissigjährigen Krieges im Jahre 1660 an seine Gläubiger abtreten musste, die solches an den in der Geschichte des dreissigjährigen Krieges als kühnen Partheigänger und tapferen Vertheidiger Zittaus berühmt gewordenen ehemaligen schwedischen Oberst Johann Reichwald von Kämpfen auf Kemnitz verkauften. Im Jahre 1672 veräusserte es jedoch Reichwalds Sohn an Heinrich von Ziegler und Klipphausen, der es indess nicht lange behaupten konnte: Denn noch in demselben Jahre sah er sich genöthigt, das Gut an Bernhardt Edlen von der Planitz zu verkaufen, welcher es bis zum Jahre 1687 im Besitze hatte, wo es nochmals in die Hände der von Gersdorf überging, nämlich an Nicolaus Freiherrn von Gersdorf, churfürstl. sächs. Geheimeraths-Director und Landvoigt der Oberlausitz. Im Jahre 1722 erkaufte die Besitzung der Enkel des Freiherrn Nicolaus von Gersdorf, der berühmte Graf Nicolaus Ludwig von Zinzendorf und Pottendorf, mit dessen Hülfe, wie oben erwähnt, Herrnhut gegründet worden ist. Graf von Zinzendorf hat auch im Jahre 1727 durch Ankauf die übrigen Theile von Berthelsdorf wieder mit dem Hauptgute vereinigt. Doch schon im Jahre 1732 musste Zinzendorf auf landesherrlichen Befehl das Gut verkaufen: Käuferin war seine Gemahlin Erdmuthe Dorothea geborne Gräfin von Reuss, bei deren Töchtern, beide mit Freiherrn von Wattewille vermählt, Berthelsdorf bis 1811 blieb. In diesem Jahre acquirirte es Fräulein Charlotte Sophie Gräfin von Einsiedel, aus dem Hause Reibersdorf, von welcher es im Jahre 1844 an die Unitäts-Direction der Herrnhuter Brüdergemeinde überging, die gegenwärtig das Gut noch besitzt.

Das Schloss ist ziemlich in der Mitte des Dorfes an einem kleinen Abhange gelegen, und früher, wie die Besitzer von Berthelsdorf ihren Wohnsitz gewöhnlich in den nahen Rennersdorf hatten, wohl ohne viele Bedeutung gewesen. Vielleicht wurde es gleich der Kirche in dem Hussitenkriege mit verheert. Im Jahre 1687 brannte es zum Theil ab und 1722 liess Graf von Zinzendorf das im schlechten Zustande befindliche Herrenhaus gänzlich niederreissen und das gegenwärtig noch bestehende erbauen. Ueber das Portal des Schlosses liess Zinzendorf ausser einigen Bibelversen folgende Inschrift setzen:

Hier übernachten wir als Gäste,
Drum ist das Haus nicht schön und feste

so kehret euch nun zur Vestung, ihr, die ihr auf Hoffnung gefangen lieget. Zach. 9, V. 12.

So recht, wir haben noch ein Haus
Im Himmel, das sieht anders aus. 2. Cor. 5, V. 1. 2.

In diesem Schlosse hat die Unitäts-Direction der Brüdergemeinde ihren Versammlungssaal, theils zu ihren gottesdienstlichen Versammlungen, theils zu ihren Berathungen für das Beste ihrer sämmtlichen Anstalten in und ausser Europa.

Ausserdem wurden im Jahre 1790 noch 2 Häusser nahe des Schlosses zur Wohnung für die übrigen Mitglieder der Unitäts-Direction, die vorher ihren Sitz theils in Herrnhut, theils zu Zeiss in Holland und auch zu Barby im Magdeburgischen gehabt hatte, erbaut und im Jahre 1791 bezogen.

Von hieraus werden alle Angelegenheiten der sämmtlichen Brüdergemeinden, in geistlicher und weltlicher Hinsicht berathen und besorgt. Die übrigen 2 herrschaftlichen Höfe haben keine besonderen herrschaftlichen Wohnungen, als nur für die bei der Oeconomie angestellten Personen.

In den 70ger Jahren des vorigen Jahrhunderts erkaufte die damalige Gutsherrschaft einen neuen Anbau auf ihren Fluren von 14 Häusern, welcher den Namen Neu-Berthelsdorf führte.

Die Kirche von Berthelsdorf war bis zum Jahre 1771 sehr finster, winkelig und klein. In diesem Jahre wurde sie erweitert und verschönert. Der Taufengel weggenommen und ein Taufstein angeschafft.

Das Kirchenvermögen ist nicht unbedeutend, doch muss aus demselben viel, sehr viel bestritten werden.

Bis zum Jahre 1758 war Herrnhut nach Berthelsdorf eingepfarrt, und wenn auch ihre Kinder in Herrnhut getauft, ihre Leichen dort begraben, ihre Ehen dort eingesegnet wurden, so mussten doch diese Geburts-, Sterbe- und Copulations-Fälle ins Kirchenbuch von Berthelsdorf eingetragen werden.

[108] Seit Errichtung einer neuen Kirche und Pfarrmatricul ist noch bestimmt worden, dass die in Herrnhut dienenden oder sich aufhaltenden Personen hieher zur Beichte und Communication müssen.

Der Kirchhof als Begräbnissplatz ist gut eingefriedigt; es finden keine Erbbegräbnisse statt und die Geschlechter liegen separirt von einander.

Von Herrnhut aus haben sich in den spätern Jahren Zweiggemeinden in Sachsen, Preussen, Dänemark, Holland, England, Russland u. s. w. gebildet und kommen trotz aller Hindernisse immer mehr empor.

Berthelsdorf liegt 2 Stunden von Löbau, 3 von Zittau, 1 von Bernstadt und 1/4 Stunde von Herrnhut. Vom Schlosse aus führt eine herrliche Lindenallee bis nach Herrnhut.

Berthelsdorf mit Neuberthelsdorf hat 303 bewohnte Gebäude, und 455 Haushaltungen mit 1921 Einwohnern. Das Gut nebst den von ihm abhängigen Gütern hält in seiner Flur 1213 Acker 61 □Ruthen, darunter befinden sich 534 Acker 220 □Ruthen Ackerland, 135 Acker Wiesen und 589 Acker Waldung.

Die berühmte Dürningersche Handlung in Herrnhut hat hier 2 bedeutende Bleichen, 1 Leinwandbleiche im Dorfe und 1 Garnbleiche in Neuberthelsdorf, auf welchen beiden Bleichen viele Einwohner Arbeit und Verdienst finden. Ausserdem haben auch viele Bewohner reichlich Tagelohnarbeit in Herrnhut und auf den herrschaftlichen Höfen.

M. G.     





Nieder-Rennersdorf.


Nieder-Rennersdorf, ursprünglich blos Rennersdorf, seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts aber in Ober- und Nieder-Rennersdorf getheilt hiess ursprünglich Reinhardtsdorf von dem Begründer desselben, einem Herrn von Reinhardt. Der Ort liegt 3/4 Stunde von Herrnhut und 3/4 Stunde von Bernstadt in einem herrlichen Thale, welches der Pliessnitzbach durchschlängelt, grenzt gegen Mittag an Grosshennersdorf und Neudorf und Eigen, gegen Mitternacht an Kemnitz, gegen Morgen an Kunnersdorf auf dem Eigen und gegen Abend an Berthelsdorf.

Zu Anfang des 15. Jahrhunderts, wo also Rennersdorf noch vereinigt war, besass dasselbe ein Herr von Radenberg. Im Jahre 1422 kam dasselbe an Ullrich von Heinrichsdorf, von diesem an Ullrich von Gersdorf 1428. Im Jahre 1477 war beliehene Besitzerin Anna von Gersdorf sammt ihren Söhnen, von welchen es 1480 Wilhelm von Heinrichsdorf erwarb. Im Jahre 1500 kaufte es Wolf von Lottitz. Seit dieser Zeit finden sich nun zwei Herrschaften. Niederrennersdorf blieb bis zum Jahre 1542 im Besitze der Familie von Lottitz. In diesem Jahre wird Anton von Breitenbach beliehener Besitzer von Niederrennersdorf. Diese Familie besass das Gut bis zum Jahre 1560. Im darauf folgenden Jahre kam es an Christoph von Gersdorf auf Dürrhennersdorf. Im Jahre 1572 folgte Siegmund von Schweinitz im Besitze des Guts, welcher es 1584 an Joachim von Klix auf Strahwalde verkaufte. Dessen Nachfolger war von Eberhardt auf Kypper seit 1589.

Vom Jahre 1595 bis 1650 war das Gut wieder in den Händen der Familie von Gersdorf. Die letzte Frau Besitzerin Frau Anna Margarethe von Nostitz, geborene von Gersdorf, Gemahlin Christoph von Nostitz auf Czseha, Wiese und Burkersdorf verkaufte es im Jahre 1630 an [109] Wolf Abraham von Eberhardt auf Kypper. Die Brüder des Letzteren besassen nun Niederrennersdorf bis zum Jahre 1718, wo es von Niclas von Eberhardt Johann Christian Nesen, Bürgermeister in Zittau käuflich an sich brachte. Im Jahre 1727 ererbte es dessen Wittwe, Christiane Sophie Nesen geborene Noak, welche sich 1728 mit Carl Moritz von Carlowitz, Königl. Pohlnischen und Churfürstl. Obersten auf Dittmannsdorf bei Reichenbach verheirathete.

Im Jahre 1759 kam das Gut durch Erbschaft an Dr. Christian Siegfried Nesen, Bürgermeister zu Zittau, von welchem es im Jahre 1766 auf Frau Christiane Friederike Mücke, geborene Nesen, Bruders Tochter, deren Gemahl Kammerdiener bei dem Herzoge von Curland war, überging.

Im Jahre 1795 wurde dessen Sohn, der Königlich Polnische Lieutnant Christian Siegfried von Mücke damit beliehen. Nach dem Tode desselben kam es 1818 auf 11 Wochen in den Besitz seines Sohnes, des Karl Friedrich August von Mücke, von welchem es Herr Gustav Adolph Maximilian von Mücke übernahm, der es noch heute besitzt.

Schloss und Kirche sind sehr alten Ursprungs und schon im 14. Jahrhundert hat Rennersdorf seine eigene Parochie gebildet. An der Canzeldecke findet man das Symbol des heiligen Geistes in Gestalt einer Taube dargestellt mit den Worten:

Non vos estis illi loquentes, sed spiritus
patris Vestri, qui loquitur in vobis.

Im Altar befindet sich ein schönes Gemälde. Christus am Oelberge von Lucas Cranach copirt.

Dieses Altar ist 1739 von der Frau Oberstin Christiane Sophie von Carlowitz auf eigne Kosten neu erbaut und bekleidet worden.

In der Nähe des Altars befinden sich zur Rechten und Linken 2 herrschaftliche Logen.

Das Kirchenvermögen ist nicht unansehnlich und von Zeit zu Zeit durch milde Stiftungen vermehrt worden. Obenerwähnte Sophie von Carlowitz gehört ebenfalls zu diesen Wohlthäterinnen. Sie hat im Jahre 1757 279 Thlr. 17 Ggr. 2 Pf. ausgesetzt, dessen Interessen von 13 Thlr. 23 Ggr. 8 Pf. laut Testament theils zur Erhaltung des von ihr auf dem Kirchhofe zu Niederrennersdorf erbauten Erbbegräbnisses bestimmt sind, oder wenn solches nicht nöthig ist, alljährlich dem Kirchenvicar zufallen. Herr Bürgermeister Nesen als Besitzer von Niederrennersdorf schenkte der Kirche eine Bibel in Folio – Nürnberg 1756, welche sich in einem Schränkchen auf dem Chore befindet. Zum Andenken an den 25. Juni 1830 schenkten der Kirche die verehrten Geschwister Zestermann und von Mücke eine zinnerne modern gearbeitete Taufkanne. Zum Andenken an die in Niederrennersdorf am 5. Mai 1836 verstorbene Frau C. D. Brückner aus Lauban wurde im Juni 1837 von der hinterlassenen ehelichen und einzigen Tochter derselben, der Ehegattin des Herrn Kaufmann und Freigutsbesitzers John in Nieder-Rennersdorf ein kleiner von Neu-Silber gearbeiteter, auch vergoldeter Kelch nebst dergleichen Hostienteller hiesiger Kirche verehrt.

Die Kirche selbst nebst dem sie umgebenden Begräbnissplatze liegt in der Mitte der Parochie auf einem hohen Punkt in einer sehr angenehmen Lage.

Unter denen an der Kirche angestellt gewesenen Geistlichen ist Christian Gottlieb Frohberger durch seine Schriften und seine Briefe über Herrnhut rühmlichst bekannt.

Rennersdorf hat von den Jahren 1756–1763 durch die Last des siebenjährigen Krieges viel gelitten. Heute noch wird erzählt, dass dem Orte die Einquartirungen, die Vorspanndienste und andere Plagen für das Königl. Preussische und für die Kaiserl. Königl. Armee 20,346 Thlr. gekostet haben und noch ausserdem für eine Lieferung an Futter 959 Thlr. aufgebracht werden musste.

Auf den Fluren des Ortes geniesst man in der Entfernung die schönsten Aus- und Ansichten.

Nicht unerwähnt kann hier bleiben, dass nicht weit von hier in der Nähe des herrschaftlichen Hofes in Ober-Rennersdorf gegen Abend zu ein mit Laub- und Nadelholz bepflanzter Berg, Eichler genannt, sich erhebt, auf welchem in früherer Zeit ein Schloss gestanden haben soll. Man hat von hier aus eine herrliche Aussicht.

Im Jahre 1838 haben Sr. Majestät der König Friedrich August und Ihro Königl. Majestät die Königin diesen Berg besucht und an der schönen Aussicht sich ergötzt.

Niederrennersdorf ist jetzt ein Majoratsgut und hat sehr schöne Gebäude, ein massiv gebautes herrschaftliches Wohnhaus mit einem Thurme, [110] sehr gut bewirthschaftete Felder und mit vielem Fleisse und Pflege angepflanzte Waldungen von Nadel- und Laubholz.

Es besitzt Brennerei und Brauerei und grosse Obstgärten. Unter den übrigen Gebäuden ist bemerkenswerth das Freigut des Herrn Kaufmann Johne, welches oberhalb der Kirche liegt.

Der Hauptnahrungszweig der Bewohner ist Feldbau, Tagelohnarbeiten und Spinnen.

Niederrennersdorf hat 94 bewohnte Gebäude mit 137 Haushaltungen und 541 Bewohnern, wogegen Oberrennersdorf nur 109 Haushaltungen mit 468 Einwohnern zählt.

M. G.     





Gross-Hennersdorf.


Gross-Hennersdorf liegt 1 Stunde von Herrnhut, 2 Stunden von Zittau und 11/2 Stunde von Bernstadt. Hennersdorf ist, wie sein Name deutlich an die Hand giebt, deutschen Ursprungs, und die alten Urkunden erzählen, dass im 10. oder 11. Jahrhundert ein deutscher Ritter, Namens Heinrich solches erbaut haben soll. Die Erbauung des Schlosses selbst lässt sich indess nicht mit Bestimmtheit angeben. Der Thurm und die übrigen Gebäude mit Ausschluss des gegen Abend zu liegenden Theiles, des eigentlich grossen Gebäudes mit 3 Stockwerken sind sehr alten Ursprungs.

In der Urkunde, welche Kaiser Karl IV. im Jahre 1365 über das an die Stadt Zittau verkaufte Königsholz ausgestellt hat finden wir dieses Schloss in folgender Weise erwähnt:

„sylvam nostram regalem dictam Kunnigswalde
silvam inter villas Heinrichsdorf et Oderwitz.“

Und aus einem Matricul des zum Prager Erzbisthum gehörig gewesenen Zittauer Decanats vom Jahre 1384 wird

„Heinrichsdorf, oder Schreibersdorf im Königsholz“

erwähnt.

Der Name Schreibersdorf mag daher entstanden sein, weil es im Lande mehrere Orte mit dem Namen Hennersdorf gab, weshalb man zur Unterscheidung den Namen „Schreibersdorf“ hinzugefügt hat. Gross-Hennersdorf heisst auch öfters Markt-Hennersdorf, von den Jahrmärkten, welche Dienstags nach Cantate und Dienstags nach Bartholomäi hier abgehalten werden.

Zu Gross-Hennersdorf werden auch die Orte Euldorf, Heuscheuna, das Vorwerk von Hennersdorf, Schönbrunn und das Buttermilchvorwerk gezählt. Heuscheuna war ursprünglich ein Vorwerk von Gross-Hennersdorf, hat späterhin eine eigene Herrschaft gehabt, wie in der Kirche eine Loge, die Heuscheunaer Loge bezeugt. Seit 1691 ist es ganz an Gross-Hennersdorf gekommen.

Der zuerst bekannt gewordene Besitzer dieser Güter war George von Stewitz. Von diesem erwarben vom König Wenzel im Jahre 1408 Hans Nikkol und Caspar Gebrüder von Gersdorf diese Besitzung als böhmisches Lehn, welche längere Zeit auch sich im Besitze behauptet haben. Ein Nicol von Gersdorf übergab die Güter im Jahre 1521 an seinen Sohn Caspar von Gersdorf. Laut Lehnbriefs vom Jahre 1531 [111] waren dann die Gebrüder Valten, Nikkel und Hans von Gersdorf in den Besitz gelangt. Valten und Nikkel sind hier im Jahre 1562 verstorben. Schon vor dem Tode dieser Männer kam Gross-Hennersdorf mit seinen Pertinenzen an Christoph von Haugwitz. Derselbe starb im Jahre 1569 und liegt in der Kirche begraben. Derselbe wird auch als der Erbauer der Pfarre zu Gross-Hennersdorf genannt.

Laut Lehnbriefs vom Jahre 1583 wurde wieder die Familie von Gersdorf damit belehnt und zwar die Gebrüder Rudolph, Hans und Caspar. Von diesen ging die Besitzung auf Herrn Christoph von Metzradt über. Im Jahre 1617 verkaufte Kaiser Matthias als König von Böhmen sämmtliche Güter des von Metzradt (Neckelwitz, Uebigau, Krinitz, Kossla und Hennersdorf unterm Königsholz) an Karl Anibal, Burggrafen zu Dohna, Freiherrn auf Wartenbergk und Prellin, Landvoigt in der Oberlausitz, um den Preis von 100,000 Gulden, wobei sich hinsichtlich des Kirchenlehns folgender Vorbehalt gemacht wurde:

„so lange sie in seinen und seiner Erben auch anderer katholischen Händen verbleiben, auff den Fall aber dieselben in unkatholische Hände kommen sollten, wollen Wir uns und unsern Nachkommen jederzeit die Besetzung mit katholischen Priestern vorbehalten haben.“

Gegen diese Religionsbeschwerde erhoben nach des Kaisers Matthias Tode beim Könige von Böhmen, dem Churfürsten Friedrich von der Pfalz, die Lausitzer Stände Beschwerde.

Deshalb verkaufte 1618 Carl Annibal Burggraf zu Dohna Hennersdorf unterm Königsholz an Caspar von Klüx auf Strahwalde. In dieser Familie ist dieses Gut bis zum Jahre 1676 verblieben, wo es sub hasta verkauft und von Nicol von Gersdorf, Geheimen-Rath und Kammerherrn, nachherigen Raths-Director und Landvoigt erstanden wurde. Die Beleihung fand am 28. März 1678 statt, sowie die von Heuscheuna im Jahre 1692. Von diesem Besitzer stammen die Jahrmärkte in Grosshennersdorf. Dann folgten dessen Söhne Johann Georg und Gottlob Friedrich von Gersdorf als Besitzer. Im Jahre 1710 kam das Gut an Nicol Freiherrn von Gersdorf. Dieser verfiel in Concurs und zur Abwendung desselben wurde eine Commission niedergesetzt auf Antrag seiner Mutter, Landvoigtin von Gersdorf, von welcher das Gut Heinrich Freiherr von Friesen im Jahre 1717 um 65,000 Thaler erkaufte. Derselbe verkaufte dasselbe in dem nämlichen Jahre an des vorigen Besitzers Schwester, an Fräulein Henriette Sophie von Gersdorf. Diese war eine Tochter der Catharina, Freiin von Gersdorf und die Tante vom Grafen von Zinzendorf und Pottendorf, dem Besitzer von Berthelsdorf und Gründer von Herrnhut.

Sie errichtete im Jahre 1721 eine Stiftung für Arme, erbaute ein Waisenhaus und nahm eine Menge Exulanten auf, welche den Grund zu Schönbrunn legten.

Im Jahre 1726 berief sie den ersten Pfarrer oder Katecheten für die böhmische Gemeinde, Namens Joh. Liberda. Die ausgewanderten Böhmen geriethen aber mit ihrer Herrschaft in Streit und erwirkten sich vom Könige von Preussen die Erlaubniss nach Berlin zu ziehen und dort eine Kirche zu erbauen, welche am 12. März 1737 als „Bethlehemskirche“ eingeweiht worden ist.

Liberda aber wurde als vermeinter Anstifter der in Sachsen und Böhmen ausgebrochenen Unruhen arretirt, in Untersuchung genommen, verurtheilt und ins Zuchthaus nach Waldheim gebracht, von wo er entsprang und glücklich nach Berlin entkam.

Mit dem Jahre 1741 verkaufte Fräulein Sophie von Gersdorf Gross-Hennersdorf an Herrn von Burgsdorf. Von dieser Zeit an verlor die zurückgebliebene kleine böhmische Gemeinde ihre eigene kirchliche Einrichtung und schloss sich an die teutsche Kirchengemeinde an.

Von dem Herrn von Burgsdorf kaufte Gross-Hennersdorf 1747 Frau Henriette Benigna Justina Gräfin von Zinzendorf und Pottendorf, verheirathete Freifrau von Wattewille. Nach ihrem Tode 1789 ging das Gut auf ihre Schwester Elisabeth von Wattewill, geborene Gräfin von Zinzendorf und Pottendorf über, von welcher es deren Gemahl 1807 ererbte. Nach dem Tode desselben im Jahre 1811 acquirirte es die Gräfin Fräulein Charlotte Sophie von Einsiedel, von welcher es im Jahre 1844 an die Unitäts-Direction der Herrnhuter Brüdergemeinde überging, die gegenwärtig noch im Besitze desselben ist.

Unter den Gebäuden des Rittergutes ist vorzüglich des Katharinenhofes zu gedenken, welcher von Henriette Sophie von Gersdorf zur Aufnahme [112] von Waisen und hülflosen Personen im Jahre 1722 erbaut und zu Ehren ihrer Mutter „Catharina“ Catharinenhof genannt wurde. Diese Anstalt ging in den 40er Jahren ein und das Haus selbst wurde dann von der Brüder-Unität zu andern Erziehungs-Zwecken benutzt, wogegen die angewiesenen Fonds der Kirche zuflossen.

Im Jahre 1832 ging auch das seit 1802 bestandene adliche Pädagogium ein und das Gebäude selbst nebst den Grundstücken durch Abtretung von der Gräfin Sophie von Einsiedel an den Staat, welcher im Jahre 1836 daselbst wieder eine Waisenanstalt errichtete, in welcher die Kinder mit Spaten-Cultur beschäftigt werden.

Das sogenannte grosse Gebäude mit 3 Stockwerken im Schlosse ist erst vom Landvoigt Freiherrn von Gersdorf seit 1676 erbaut, da bei einem frühern Brande das frühere Schloss fast gänzlich demolirt war.

Die Wirthschaftsgebäude sind durchgängig vortrefflich, da solche nach einem grossen Brande seit dem Jahre 1814 ganz neu erbaut sind.

Im Südosten des Ortes gewähren der grosse Berg und der Schönbrunner Berg herrliche Aussichten. Man erblickt die Tafelfichte, einen Theil des Riesengebirges, die Haindorfer Berge, den Jäschka und das böhmisch-lausitzische Grenzgebirge. Im Westen hat man zum kleinen Eisberg und zum langen Berg schöne Spaziergänge.

Im Süden befindet sich das Königsholz mit seinen Buchenwaldungen; im Nordosten erblickt man den Dittersbacher Berg und im Nordwesten den Sandberg. Im Westen kann man von der Höhe des Hengstberges Herrnhut sehen.

Die Hauptbeschäftigung der Einwohner ist der Ackerbau; es fehlt aber auch nicht an Handwerkern, unter welchen vorzüglich die Messerschmiede sich auszeichnen. Die Häusler theilen sich in Häusler mit und ohne Feld. Ausser den namhaften Gebäuden befinden sich hier 2 Gasthöfe, mehrere Schenken, 1 Windmühle und mehrere bürgerliche Freihäuser.

Grosshennersdorf mit Euldorf, Heuscheuna, Schönbrunn und Buttermilchvorwerk hat 286 Gebäude mit 390 Haushaltungen und 1607 Einwohnern.

M. G.     





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Wendisch Paulsdorf
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Berthelsdorf
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Nieder - Rennersdorf
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Gross - Hennersdorf


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