Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen II. Section/H05

Heft 4 des Meissner Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.)
Heft 5 der Section Meissner Kreis
Heft 6 des Meissner Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Dittersbach
  2. Oberreinsberg
  3. Köttewitz
  4. Dornreichenbach


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Dittersbach
mit Rossendorf und Eschdorf.


Dittersbach und Rossendorf bildeten in alten Zeiten ein Rittergut, und wurden durch ein Ritterpferd verdient, wesshalb auch in neuerer Zeit ein Theil der Donativgelder von Rossendorf an den Besitzer von Dittersbach gezahlt und von diesem der ganze Betrag eines Ritterpferdes entrichtet wurde. In alten Schriften kommt Dittersbach unter dem Namen „Ditirsbach“ und Rossendorf unter „Rottendorf“ vor; 1348 besass dieses Ludoldus de Turgow, auch Thirko de Wylen genannt, und jenes Otto Karaz (Karras). Die Herren von Turgow oder Torgau waren ein altes, reiches Geschlecht, dessen in der Geschichte unseres Vaterlandes oft Erwähnung geschieht. Schon 1217 wird in Urkunden des Klosters Dobrilugk ein Friedrich von Turgow genannt. 1256 verkauften die Gebrüder Bodo und Dietrich von Turgow mit Erlaubniss Markgraf Heinrichs des Erlauchten einen Werder an dasselbe Kloster. In demselben Jahre werden Bodo, Friedrich, Dietherich, Heinrich und Witigo als Söhne des alten Ritters Diether von Turgow genannt. Bodo’s von Turgow erwähnt eine Urkunde von 1264 als Zeugen bei einer Bestätigung des Klosters Marienstern. Als 1298 König Albrecht zu Nürnberg einen glänzenden Reichstag hielt, verlobte sich daselbst Markgraf Heinrich von Havelland, Landsberg und Delitzsch mit Agnes, der Wittwe Landgraf Heinrichs von Hessen, und unter den Bürgen für das ausgesetzte Heirathsgut befand sich auch Ritter Dietrich von Turgow mit seinem Sohne Friedrich. Richard von Turgow war 1318 mit dem Markgrafen Waldemar im Feldlager vor Camenz. Bodo und Friedrich von Turgow waren Anhänger des falschen Markgrafen Waldemar und Hessen sich von ihm mit einigen Gütern belehnen; 1350 finden wir jedoch Bodo von Turgow zu Budissin unter Waldemars Gegnern, mit denen er selbigen für einen Betrüger erklärte. 1372 kommt Dietrich von Turgow mit Reinhard von Strele bei einer Veräusserung von Zinsen an den Abt des Klosters zu Neuzelle vor. Volczsch von Turgow besass 1445 die beiden Rittergüter Dittersbach und Rossendorf. Dieses ritterliche Geschlecht erhielt sich im Besitz von Dittersbach bis 1460 während die Herren von Rossendorf oft wechselten. Der Ritter Heinrich von Starschedel vereinte 1460 beide Güter wiederum; Eschdorf aber, welches aus zusammengekauften Bauerngütern bestand, wurde immer zum Leibgedinge der Edelfrauen bestimmt, deren Gatten Herren auf Rossendorf waren.

Im Jahre 1543 kamen die Güter Dittersbach und Rossendorf an den Churfürsten Moritz, dessen Bruder, Churfürst August, sie 1554 an den berühmten Staatsmann Dr. Hieronymus Kiesewetter (welcher die Freistelle auf der Afraschule stiftete und 1556 als Geheimrath und Kanzler starb) verlieh. Sein Sohn Christian gründete die 1751 erloschene Dittersbacher Linie derer von Kiesewetter, und starb hier im Jahre 1598. Auf die Kiesewetter folgte 1684 Alexander von Miltitz, und nun erst wurde Eschdorf zum Rittergute erhoben. Die Herren von Miltitz blieben im Besitz der drei Güter bis 1763, wo Eschdorf und Rossendorf an Johann Georg Findeisen, Dittersbach aber an einen Baron von Falkenstein gelangte. Es wechselten nunmehr die Besitzer in rascher Folge, bis Johann Gottlob von Quandt Dittersbach 1829, und Rossendorf und Eschdorf 1832, letztere von dem Finanzcommissar Maximilian Zangen erkaufte, wodurch alle drei Güter wieder in eine Hand kamen.

Oestlich, zwei Stunden von Dresden, liegt an der Stolpner Chaussee der Rossendorfer Teich, in dessen Mitte sich eine Insel befindet, auf welcher einst die Wallfahrtskapelle stand, aus deren Mitteln noch jetzt die Pfarrherren zu Weissig gewisse Einkünfte beziehen. Der heiligen Barbara, welcher diese Kapelle geweiht war, mussten die freundlichen Nixen des Teiches weichen, die vorher die Insel bewohnten und deren Andenken noch in vielen heitern Volksmährchen lebt, welche vollkommen mit den Schilderungen in Grimms nordischer Mythologie übereinstimmen. Jenseits des Sees erhebt sich ein Hügel, den der Rossendorfer Hof mit seinen vier Thürmen krönt, welcher 1840 durch den jetzigen Besitzer erbaut wurde. Ueber dem Thore zeigt sich die Inschrift: „Domus domini subjectorum refugium.“ Worte, die freilich nicht mehr zeitgemäss sind, da es jetzt keine eigentlichen Herren mehr giebt, indem Jedermann unmittelbarer Unterthan der Regierung ist. Aus den Fenstern des altertümlich geschmückten Saales, im ersten Stockwerk dieses Gebäudes, geniesst man eine überaus schöne Aussicht. – Das zum Rittergute Rossendorf gehörige Dorf zerstörte 1429 die Wuth der Hussiten. Die Lehde, welche jetzt mehreren Besitzern gehört und die „Wüstlich“ heisst, ist der Ort, wo einst das Dorf stand; das Schloss aber scheint sich noch lange erhalten zu haben und sehr umfangreich gewesen zu sein, weil hier mehrere Herren von Kiesewetter zu gleicher Zeit residirten und nach noch vorhandenen Verzeichnissen ihrer Dienerschaft einen glänzenden Hofstaat hielten. Im Jahre 1634 wurde der Rossendorfer Hof von Chursächsischen Soldaten, die Blauröcke genannt, eingeäschert.

Auf der einstigen Stätte des Rossendorfer Hofes befindet sich jetzt eine [34] Ruhebank, welche durch ihre Armlehnen als Wegweiser, links nach Dittersbach und rechts nach Eschdorf, dient. Auf der Rücklehne dieses Ruhesitzes stehen die Worte: „Wohl dem Wanderer, der sich auf die Heimath freut!“ Diesem Wegweiser gegenüber steht ein anderer, welcher die Richtung nach Radeberg angiebt, und auf der daran befindlichen Bank liest man: „Nach gethaner Arbeit ist gut ruhen!“

Eschdorf ist von hier eine halbe Stunde entfernt. Das Herrenhaus erbaute um das Jahr 1770 der Oberstlieutenant von Polenz, die Wirtschaftsgebäude aber der jetzige Besitzer. Unmittelbar bei dem Wohngebäude befindet sich ein Thiergarten, worin zahme Hirsche und Rehe gehalten werden. Nicht weit davon steht unter alten Eichen ein Zinkabguss von der Diana aus dem Hause Colonna, dessen Original das königliche Museum zu Berlin verwahrt. Pfarre und Kirche zu Eschdorf haben eine reizende Lage, und letztere ist durch ihre alterthümliche, in graue Vorzeit zurückgehende Bauart, Denkmale der Familie von Kiesewetter, von einem kunstreichen Steinmetz ausgehauen, und eine Orgel merkwürdig, weil deren Gehäuse der Bildhauer Schewe nach einer Zeichnung des Professor Semper mit grosser Kunstfertigkeit in Holz schnitzte. In halbstündiger Entfernung von Eschdorf liegt Dittersbach.

Dittersdorf mit Röhrsdorf (in alten Zeiten Rüdigsdorf genannt) bildet einen grossen Ort, der sich länger als eine Stunde hindehnt und in der Mitte nur durch die Wesnitz, über welche eine steinerne Brücke führt, getheilt wird. Die Pfarrwohnung hat eine freundliche Lage, und die einzige Merkwürdigkeit der Kirche ist eine Silbermannsche Orgel, welche neuerdings der als Musiker und Orgelspieler geschätzte Christoph Wolfgang Hilf für eines der vorzüglichsten Werke dieses Meisters erklärte.

Der Edelhof liegt in der Mitte von Dittersbach und Röhrsdorf. Das umfangreiche Schloss, welches viele Zimmer und Säle enthält, ist drei Stockwerke hoch und bildet im Grundriss die Form eines H. Auf der Hofseite stehen zwei mächtige Kastanienbäume, und zwischen den Flügeln des Schlosses, auf der Mittagseite, liegt eine mit Blumenbeeten und Orangeriebäumen geschmückte Terrasse, von welcher eine sechszehn Stufen hohe und ansehnlich breite Treppe an den Schlossteich führt, welcher sein helles Wasser aus dem kalten Bache empfängt. Von hier aus führt eine Brücke nach dem Park, der nach Osten von der Wesnitz begrenzt ist. Die Schullwitz, welche den Park durchschneidet und sich über grosse Steinblöcke brausend dahin stürzt, vereint sich hier mit der Wesnitz. Am Ende einer alten Lindenallee erblickt man die Diana von Versaille, eine colossale Statue, zu Lauchhammer in Eisen gegossen. Zur Linken dieser Allee zeigt sich die gewaltige Bildsäule der Berliner Juno von Gies in Zink gegossen, und in tiefem Gebüsch findet man die Medicäische Venus, welche sich in den Wellen der Schullwitz spiegelt. Auf einem freien Platze sehen wir den knieenden Niobiden. Am Rande einer Wiese unter hohen Bäumen ist die colossale Statue der Venus von Capua aufgestellt, und ihr gegenüber erhebt sich ein in jonischem Style erbauter Tempel. Eine offene Stelle der Büsche zeigt in kurzer Entfernung den Apollon.

Tritt man aus dem Parke auf ein von Wald umkränztes Feld, so erblickt man ein Schweizerhaus, in welchem alljährlich den Schulkindern, über drei hundert an der Zahl, ein Johannisfest und den Dienstleuten der drei Höfe ein Erndtefest gegeben wird; im Winter dient dieser grosse Saal den Schulkindern zum Turnplatz. Von hier in ein anmuthiges Thal hinabsteigend, bietet eine daselbst befindliche gothische Kapelle Ruhesitze dar, von denen das Auge über reizende Wiesenflächen hinschweift. Unmittelbar neben der Kapelle ist eine geologische Merkwürdigkeit zu beachten, indem hier die scharf abschneidende Scheidung des Sandsteingebirges vom Syenit stattfindet.

Der Weg zieht sich jetzt nach dem Hochwalde, wo unter einer Gruppe ehrwürdiger Eichen dem König Anton ein Denkmal errichtet ist. An dem Piedestal der Büste sind die Worte eingegraben: „Nicht um die Krone, dein Volk zu beglücken wurdest du König!“ Von hier aus geht der Weg bergaufwärts durch eine Höhle nach der Schönhöhe, einem Berge, der diesen Namen schon seit langen Jahren führt. Das hier stehende Gebäude ist nach den Rissen des Professor Thürmer in altflorentiner Style aufgeführt. Der Saal des Parterres wurde vom Professor Peschel in Fresco ausgemalt und die Bilder stellen Scenen aus Romanzen von Göthe dar. Von dem Thurme des castellartigen Baues geniesst der Beschauer eine allseitige Aussicht. Nach Osten hin erhebt sich der vier Meilen entfernte Falkenberg, südlich überschaut man die Landschaft in weitester Ausdehnung, begrenzt von der Lausche und den Böhmischen Gebirgen, unter denen über alle der Rosenberg sich erhebt. Die feinsten Orte am südlichen Horizont sind Altenberg und Frauenstein. Nach Westen ist die Aussicht durch den Porsberg und die Hochebene, auf welcher Schönfeld liegt, beschränkt; nur einige Thurmspitzen der Meissner Gegend ragen hervor. Das Berghaus bei Ohorn ist der fernste Punkt nach Norden. Wenn die Ausdehnung des Horizonts überrascht, so unterhält zugleich die Betrachtung des Mittelgrundes, wo die Felsen von Stolpen, Königstein und Lilienstein bedeutende Massen darbieten, und das Auge bei den Dörfern und Städten, worunter sich Pirna auszeichnet, mit Lust verweilt. In diese Mannigfaltigkeit von Gegenständen ist, wie ein Silberfaden, die Elbe eingewebt.

Steigt man auf der östlichen Seite des Berges in den tiefen Wesnitzgrund hinab, so begegnet man wiederum diesem starken Bache, der schäumend unter einem hohen Gewölbe von Linden und weitausgreifenden Fichten dahin rauscht. Der Pfad windet sich zwischen grossen Felsblöcken hindurch und führt nach einem zweiten Eingange zum Park, in dessen Nähe die vom Professor Rietschel modellirte Statue einer Nymphe bemerkenswerth ist.

In Dittersbach findet alljährlich am Sonntage nach Bartholomäi ein Jahrmarkt Statt, welcher einer der lebhaftesten in der Umgegend ist. In früherer Zeit, ehe die Maschinenspinnerei und das Verfälschen der Leinwand durch Baumwolle um sich griff, war das Garnbleichen ein Haupterwerbszweig der Häusler in Dittersbach und Röhrsdorf, welcher durch die trefflichen Eigenschaften des hiesigen Wassers sehr befördert wurde. Zu der bis jetzt noch bestehenden Gerichtsbarkeit gehören die Dörfer Rossendorf, Eschdorf, Rosinendörfchen, Dittersbach, Kleinelbersdorf, Röhrsdorf und Zeschnig mit einer Bevölkerung von etwa zweitausend Seelen. Der Flächenraum der herrschaftlichen Besitzungen beträgt im Ganzen 969 Acker und 152 □ Ruthen.

J. G. v. Quandt.      



[35]
Oberreinsberg.


Oberreinsberg in Urkunden auch Reinsperg und Renssberg geschrieben, gehört zum Kreisdirektionsbezirke Dresden und unter das Kreisamt Freiberg. Es liegt zwei starke Stunden nördlich von Freiberg und eine und eine halbe Stunde südlich von Nossen. Der Ort dehnt sich von Morgen nach Abend an einem Bache hin, das Dittmannsdorfer Wasser genannt, über den mehrere steinerne Brücken führen, und wird mit Einschluss der beiden vorhandenen Rittergüter östlich von Dittmannsdorf und der Waldung des Gutes Krumhennersdorf, südlich von dem Flüsschen Bober und der Freiberger Mulde, westlich wiederum von einem Bogen der Bober und dem Hirschfelder Holze und nördlich von den Fluren der Dörfer Neukirchen und Hirschfeld begrenzt. Die Umgegend ist ebenso anmuthig als fruchtbar und vorzüglich bemerkenswerth ist das reizende Thal, welches von den Wellen der Bober durchschnitten die lieblichsten Ansichten darbietet. Die nördlichen und südlichen Umgebungen des Ortes sind ziemlich bewaldet, und das Streit- und Grötzschenholz nach Teutschenbohra und Tanneberg hin von nicht unbedeutendem Umfange.

Wann Reinsberg erbaut wurde und wer dessen Gründer war, darüber mangeln alle historischen Nachrichten, doch ist es sehr wahrscheinlich, dass der Ort seine Entstehung einem deutschen Edeln, Namens Reinhard, zu danken hat, der hier ein Schloss baute, unter dessen Schutze sich Landbauer ansiedelten. Bis zum siebzehnten Jahrhundert war Reinsdorf ein Städtchen, und jetzt noch heisst eine Anzahl von Häusern und Gärten, welche kreisförmig die Kirche umschliessen, „das Städtchen“; doch scheint dieses vor Zeiten von grösserer Ausdehnung gewesen zu sein, da alte Kirchrechnungen von einer lateinischen Schule, einem Knabensängerchor mit Mänteln und einer Cantorei sprechen. Ein zweiter Beweis für Reinsbergs einstige Bedeutung ist ein im Pfarrarchive noch vorhandener Ablassbrief vom Jahre 1500, welchen Papst Alexander VI., der in der Stadt Reinsberg (in oppido Reinspergk) vorhandenen Kalandsbrüderschaft ausstellte. In demselben werden diejenigen von einer Anzahl Sünden absolvirt, welche um die Kirche der Parochie durch Gaben zu deren Erhaltung oder durch Geschenke von Büchern, heiligen Gefässen, Leuchtern und Schmuck sich Verdienste erwerben, und an den im Gotteshause stattfindenden Versammlungen der Kalandsbrüder pünktlich Theil nehmen würden. Dieser fromme Verein wird im genannten Briefe von einer Anzahl hoher geistlicher Würdenträger beglückwünscht, muss also von nicht geringem Ansehen gewesen sein, wofür auch der Umstand spricht, dass die Reinsberger Kalandsbrüder mit dem Kaland zu Freiberg und dem dasigen Nonnenkloster in vielfältigem Verkehr standen. Zu jener Zeit besass Reinsberg auch das Recht, jährlich zwei Märkte zu halten; aber wie eine Sage behauptet, verkaufte man dasselbe an die Gemeinde zu Burkerswalde, bis neuerdings durch die Feier des alljährlich zu Reinsberg stattfindenden Vogelschiessens sich wiederum eine Art von Jahrmarkt bildete, der immermehr an Umfang gewann und zuletzt die höchste Concession erhielt, so dass jetzt nach langer Unterbrechung auf dem grünen von Linden beschatteten Platze in der Nähe des Schlosses das einst verkaufte Marktrecht wieder ausgeübt wird.

Bis zum Jahre 1572 befand sich in Reinsberg nur ein Rittergut, dessen Theilung durch die Brüder Lorenz und Haubold von Schönberg bewerkstelligt wurde. Die beiden Güter führten nun als zwei besondere, schriftsässige, mit zwei Ritterpferden belegte Rittergüter die Namen Ober- und Niederreinsberg. Jedes derselben erhielt Gerichtsbarkeit über einen Theil des Dorfes; gemeinschaftlich aber übten sie dieselbe zu Dittmannsdorf, Grumbach, Hute, Wüsthetzdorf, Oberkunnersdorf, Drehfeld, Herzogswalde und Wolfsgrün aus. Ausserdem steht jedem der Rittergüter das Recht zu, eine Freistelle auf der Landesschule Meissen zu vergeben.

Das Schloss zu Reinsberg ist ein altes, vormals durch Gräben und starke Ringmauern geschütztes, auf einem schroffen Felsen des Boberufers aufgethürmtes Gebäude, welches früher ein gewaltiger Wartthurm überragte. Aber trotz ihres drohenden Ansehens ist die ehrwürdige Burg im Innern sehr wohnlich eingerichtet, und namentlich gewähren die Zimmer der Thalseite eine äusserst freundliche und angenehme Aussicht. Bis in die neuere Zeit bewohnten die Besitzer der beiden Rittergüter Ober- und Niederreinsberg das Schloss gemeinschaftlich, so dass der Antheil eines Jeden von dem andern getrennt und durch eine besondere Steinbrücke mit dem äusseren Grabenrande verbunden war; als jedoch im Jahre 1816 die in einiger Entfernung befindlichen Wirtschaftsgebäude durch einen Blitzstrahl entzündet und eingeäschert wurden, richtete man bei deren Neubau auch eine Wohnung für die beiden Schlossherren ein. Zu Oberreinsberg gehört ausser der Schäferei eine Brauerei, Dampfbrennerei und Ziegelscheune; zu Niederreinsberg ebenfalls eine Schäferei und ein Vorwerk in Drehfeld.

[36] Die frühesten Besitzer des Rittergutes Reinsberg waren die Herren von Reinsberg, deren Geschlecht schon im dreizehnten Jahrhundert beträchtliche Besitzungen hatte und oft urkundlich genannt wird. Ritter Berndt von Reinsberg überliess 1334 dem Hospitale zu Freiberg den Zehnten im Dorfe Conradsdorf, und Hermann von Reinsberg kommt in einer Urkunde von 1380 als Zeuge vor. Dieser war vermuthlich der letzte Besitzer Reinsbergs aus der Familie der Reinsberge; denn schon 1404 gehörte das Gut dem Ritter Hans von Schönberg. Nach ihm besass dasselbe Caspar von Schönberg, zugleich Herr auf Schönberg und Sachsenburg, der 1426 in der furchtbaren Hussitenschlacht bei Aussig seinen Tod fand. Ein noch im Original vorhandener Lehnbrief vom Jahre 1449 besagt, „dass des erschlagenen Caspars von Schönberg vier Söhne Dietrich, Caspar, Nickel und Heinrich von Schönberg mit den väterlichen Gütern beliehen wurden.“ Die einzige Schwester dieser vier Brüder war die Mutter des bekannten Prinzenräubers Kunz von Kaufungen.

Um das Jahr 1460 besass Reinsberg Ritter Dietrich von Schönberg, dessen Sohn Cardinal wurde, und später werden die Gebrüder Hans und Antonius von Schönberg als Herren auf Reinsberg genannt, von denen Letzterer, ein eifriger Freund und Begünstiger der Reformation, von Herzog Georg dem Bärtigen dergestalt angefeindet wurde, dass er nach Freiburg flüchten und sich dort unter den Schutz des Herzogs Heinrich stellen musste. 1537 folgten als Besitzer Hans und Caspar von Schönberg, deren Söhne Lorenz und Haubold im Jahre 1572 die schon erwähnte Gutstheilung vornahmen. Haubold von Schönberg starb ohne männliche Nachkommen; sein Bruder aber hinterliess einen Sohn, Lorenz von Schönberg, dessen unglückliches Ende auf einem im Oberreinsberger Walde, nahe an der Bober, errichteten Denksteine folgendermassen gemeldet wird: „Am 17. August 1632 wurde auf diesem Platze Lorenz von Schönberg, Erbherr auf Ober- und Niederreinsberg, als er sich nach Eroberung dieser Schlösser durch kaiserlich Oestreichische Truppen nach Freiberg flüchten wollte, durch den Schuss eines Croaten tödtlich verwundet.“ Der Verletzte erreichte zwar noch Freiberg, starb aber daselbst am 19. August im sechsundfunfzigsten Lebensjahre. Er hinterliess sechs Söhne, von denen fünf bei der heldenmüthigen Vertheidigung Freibergs vor dem Feinde blieben. Gemeinschaftlich mit Lorenz von Schönberg besassen die Güter Hans Heinrich von Schönberg und der Kammerrath Caspar Dietrich von Schönberg. Ihnen folgte Georg Caspar von Schönberg, der 1646 ohne männliche Erben starb und eine Wittwe hinterliess, welcher wegen bedeutender Geldforderungen Niederreinsberg überlassen werden musste, während Oberreinsberg an die Maxner Linie der Schönberge und zwar an Georg Rudolf von Schönberg gelangte, der 1651 auch Niederreinsberg zurückkaufte. Dessen Söhne Hans Georg, Heinrich Friedrich und Georg Rudolf, von denen Letzterer Hof- und Justizrath war, besassen die Güter gemeinschaftlich; nach ihnen gehörten dieselben dem herzoglich Weissenfelsischen Kammerrath Hans Wolf von Schönberg, der 1712 starb. Adolf Ferdinand von Schönberg, sein Nachfolger, lebte bis 1758, worauf die Güter unter dessen drei Söhne getheilt wurden. Nach einem früheren Wunsche des Verstorbenen sollte der älteste seiner Söhne, Christian Ferdinand von Schönberg, Oberreinsdorf erben; da dieser aber kurze Zeit vor dem Vater mit Tode abging, so erhielt dieses Gut, unter Vormundschaft der Wittwe und Mutter, dessen Sohn, der nachmalige Amtshauptmann Ferdinand Ludwig Christian von Schönberg, und nach ihm, 1808, der Kammerherr und Oberforstmeister Friedrich August Wolf von Schönberg, dem 1838 Friedrich Ludwig Wolf Oswald von Schönberg, der jetzige Besitzer folgte.

Der zweite Sohn Adolf Ferdinands von Schönberg, Alexander Christoph von Schönberg, Major und Kreiskommissar, erhielt Niederreinsberg, und ihm folgte der Kammerherr August Friedrich Christoph von Schönberg, welcher vor seinem 1832 erfolgten Tode dieses seiner Güter an Carl Friedrich Christoph, seinen zweiten Sohn, verkaufte. Adolf Ferdinands von Schönberg dritter Sohn, Rudolf Gottlob, erhielt Tanneberg, dessen Enkel dieses Gut noch jetzt besitzt.

Die Schicksale Reinsbergs anbetreffend, hat der Ort viele Drangsale im dreissigjährigen Kriege aushalten müssen, wo die Kaiserlichen, wie schon erwähnt, die hiesigen Rittersitze erstürmten und den Junker Lorenz von Schönberg tödteten. Im Jahre 1676 herrschte hier eine sehr gefährliche pestartige Krankheit, und in dem Kriege des Churfürsten August von Sachsen mit König Karl XII. von Schweden musste die Gemeinde, nach übler Begegnung, dem Feinde über dreitausend Thaler zahlen. Nicht minder hart traf den Ort der siebenjährige Krieg, indem 1745 vor und nach der Schlacht bei Kesselsdorf den Bewohner Reinsbergs fast unerträgliche Lasten aufgebürdet wurden, und von 1759 bis 1763 die Gemeinde fast achthalbtausend Thaler bezahlte. Am 7. October 1754 ging der grösste Theil des sogenannten Städtchens, nämlich das Erbgericht sammt neun Häusern, in Flammen auf, und 1771 war ein so grosser Misswachs, dass weder Samen noch Korn erbaut wurde und der Scheffel Weizen auf vierzehn Thaler, Roggen auf dreizehn Thaler zu stehen kam. Eine noch grössere Theuerung brachte das Jahr 1805, in deren Folge eine grosse Anzahl Leute gänzlich verarmten. – Uebrigens ist noch zu bemerken, dass Reinsberg nur eine Gemeinde bildet und die Namen „Ober- und Niederreinsberg“ sich auf die beiden Rittergüter beziehen. Das Patronat über die Ortskirche und Schule hat das Rittergut Oberreinsberg, während dem Besitzer Niederreinsbergs die Collatur über Dittmannsdorf und Grumbach zusteht. In Reinsberg leben gegen achthundert Einwohner.

Wie die meisten alten Kirchen ist auch die von Reinsberg in der Nähe des Schlosses gelegen, weil man in den frühesten unsichern Zeiten die Gotteshäuser vor Raub und Zerstörung schützen musste und die Besatzungen der Burgen durch religiösen Trost und Zuspruch zu tapferer Vertheidigung des anvertrauten Postens zu begeistern pflegte. Die alte baufällige Kirche, über deren Entstehung alle Nachrichten fehlen, wurde im Jahre 1771 abgebrochen und die noch jetzt stehende aufgeführt, ein freundliches, stattliches, mit einem hübschen Thurme geschmücktes Gotteshaus, welches seit 1833 eine neue Orgel und ausserdem verschiedene Schönbergische Denkmäler besitzt. Das Vermögen der Kirche besteht aus etwas mehr als tausend Thalern, wobei sich ein Capital von fünfhundertfünfzig Thalern befindet, welches seit dem achtzehnten Jahrhundert als dem Pfarrer zustehendes Lehngeld verrechnet wird, der auch die Zinsen davon geniesst. Die alten Kirchrechnungen nennen dieses Capital das „Kalandslehn,“ daher die Wahrscheinlichkeit, dass es wohl von der einst hier bestehenden Kalandsbrüderschaft herrühren möge. Neben der Kirchenkasse besteht auch noch eine Armenkasse, deren Zinsen zu milden Zwecken verwendet werden, und eine seit Jahrhunderten vorhandene Pfarrholzkasse ist durch Abtreibung eines Holzgrundstücks auf viertausendfünfhundert Thaler angewachsen, [37] weshalb eine bestimmte Reihe von Jahren der Pfarrer kein Deputatholz empfangen darf. Unter den hiesigen Pfarrherren befand sich auch von 1664 bis 1668 Magister Georg Bennewitz, ein Nachkomme des durch Kaiser Karl V. geadelten berühmten Mathematikers Petrus Apianus, und der Pastor Magister Simon taufte 1745 in hiesiger Kirche einen Polnischen Juden, Namens Joseph Bar Jacob, der als Christ den Namen „Baumann“ führte.

Der Kirchhof erhielt vor etwa funfzehn Jahren eine ziemliche Erweiterung, indem die Besitzer der beiden Rittergüter einen naheliegenden Garten ankauften und der Kirche schenkten, worauf die Gemeinde durch das Hinausrücken der Mauer den überlassenen Platz mit dem Gottesacker vereinigte. Seit langen Jahren beerdigte man die Leichen auf dem Kirchhofe und nur wenige auf einem in der Mitte des Dorfes, von der Kirche etwas entfernt gelegenen Begräbnissplatze. Auf diesem Gottesacker wurde im Jahre 1837 für die von Schönberg’sche Familie zu Oberreinsberg ein Erbbegräbniss angelegt, und der Erbauer desselben, Friedrich August Wolf von Schönberg, dessen schon oben gedacht wurde, war der Erste, welcher noch vor vollständiger Vollendung des Begräbnisses daselbst seine letzte Ruhestätte fand.

Zu dem Gemeindeverbande, sowie auch zur Pfarre und Schule Reinsbergs, gehört das Dörfchen Wolfsgrün, aus elf Feuerstätten bestehend, welches vor etwa siebzig Jahren vom Besitzer des Rittergutes Oberreinsberg auf dem Felde eines angekauften Halbhufengutes erbaut wurde. Den Namen Wolfsgrün erhielt das Oertchen nach dem Vornamen seines Gründers, des Oberforstmeisters Friedrich August Wolf von Schönberg, der damals noch ein Kind war. Die Umgebungen Wolfsgrüns sind sehr hübsch, namentlich nach dem benachbarten, jenseits der Bober liegenden Bieberstein hin. Von einer waldigen Höhe, der „Gabrielsbusch“ genannt, geniesst man eine weite Aussicht bis in die Gegend von Oschatz und Grimma; nach dem Gebirge zu erblickt man Frauenstein und einen Theil des Böhmerwaldes. Eine nicht weniger reizende Fernsicht hat man auf einem zum Rittergute Niederreinsberg gehörigen Waldgrundstücke, an einer Stelle, wo die Bober sich mit dem Muldenstrome vereinigt und die von der Bober durchschnittene Strasse von Freiberg nach Meissen über eine Brücke führt. Auf diesem Felsen ist ein Pavillon erbaut, der „Strohtempel“ genannt, von dem man einen Theil des Muldenthales mit der Biebersteiner Mühle, die Silberwäsche, einen Theil des Boberthales und das in demselben liegende Schloss Bieberstein mit dem Brückenzollhause überschaut. Auch die Anhöhen „Steinhügel und Stangenberg“ zeigen höchst liebliche Landschaften.

Auf dem Gebiete des Rittergutes Niederreinsberg treibt man seit etwa vierzig Jahren gewerkschaftlichen Bergbau auf Silbererz. Die Grube, welche „Immanuel Erbstolln“ heisst, besitzt an der Mulde eine Wäsche und Schmiede, und das Werk beschäftigt ziemlich einige hundert Arbeiter. Die Ausbeute war so ergiebig, dass nach den ersten Jahren des Baues die von den Gewerken gezahlten Zuschüsse bereits wieder zurückgezahlt werden konnten, und eine schwierige, kostspielige Wasserleitung, die man in der Länge einer halben Stunde unterirdisch durch Gestein hintrieb, um Wasser der Bober nach einem wichtigen Kunstgezeuge zu führen, hat den Ertrag der Grube ungemein erhöht. Eine zweite im Orte befindliche Grube „Schönberg-Erbstolln“ beschäftigt weniger Arbeiter und bot in den letzten Jahren mancherlei Schwierigkeiten dar, obgleich sie nicht eben geringhaltiges Erz liefert.

Die Pfarre ist ein zwar altes, im siebzehnten Jahrhundert erbautes, doch durchaus nicht enges und unbequemes Wohnhaus. Im dreissigjährigen Kriege wurde es von fremden Kriegsvölkern hart heimgesucht und beraubt. Das Schulhaus stösst an die Pfarre, ist jedoch höher und besser gelegen als diese. Die Zahl der Schulkinder beträgt durchschnittlich einhundertfünfzig Köpfe. Ausser der Kirche, Pfarre und Schule enthält Reinsberg ein Erbgericht, sechs Unterhufengüter, neun Hufengüter, fünf Halbhufengüter, eine Mühle, zwei Schmieden und sechsundsiebzig Häuser.

N.     




Köttewitz.


Eine Stunde südwestlich von der Stadt Pirna liegt in einem reizenden Nebengrunde des Müglitzthales das Rittergut Köttewitz mit dem gleichnamigen Dorfe. Letzteres besteht aus sechszehn etwas zerstreuten Häusern mit ungefähr einhundertachtzig Bewohnern, die zum Theil den in hiesiger Gegend sehr lohnenden Obstbau treiben, sich mit Landwirthschaft beschäftigen oder Strohflechtereien liefern. Die Fluren von Köttewitz rainen mit denen von Meusegast, Krebs und Grosssedtlitz.

Köttewitz gehört zu den ältesten Ansiedelungen der slavischen Völkerschaften, welche sich aus Slavonien, Pannonien[WS 1] und Dalmatien durch Böhmen hereindrängten und an den fruchtbaren Ufern der Elbe eine neue Heimath gründeten. Nach wohlverbürgten Nachrichten verschiedener Geschichtschreiber sandte Kaiser Karl der Grosse einen seiner bewährtesten und tapfersten Ritter, Aloysius von Urbach, mit einer Anzahl tüchtiger Kriegsleute nach dem Elbthale, um das weitere Vordringen der Fremdlinge in das deutsche Reich zu verhindern. [38] Der Ritter Urbach gründete die Burg Dohna und löste seine Aufgabe zur völligen Zufriedenheit seines kaiserlichen Herrn, so dass Slaven und Deutsche friedlich neben einander wohnten und den Müglitzfluss als Grenze ihrer Gebiete betrachteten. Die neuentstandene Burg blieb Böhmens wichtigste Vormauer gegen das angrenzende Daleminzien oder späterhin sogenannte Oster- und Meissnerland.

Urkundlich geschieht Dohnas zuerst Erwähnung im Jahre 1040 und 1084 erhielt der bekannte Graf Wieprecht von Groitzsch, welcher wahrscheinlich den Gau Budissin besass, bei seiner Vermählung mit Judith, der Tochter des Herzogs Wratislav von Böhmen, den angrenzenden Gau Nisan, zu welchem auf dem linken Ufer der Elbe Stein (das jetzige Königstein), Pirna und Dohna gehörten. Herzog Otto von Mähren umringte 1107 die Burg Dohna mit einer starken Kriegsmacht, um den Herzog Borciboy von Böhmen, welcher auf der Heimreise vom kaiserlichen Hofe sich auf dieser Burg befand, daselbst gefangen zu nehmen; Borciboy aber entfloh des Nachts aus der bedrohten Veste. Als 1109 Graf Wieprechts Sohn vom Kaiser zu Prag gefangen genommen und zur Haft nach dem Schlosse Hammerstein geschickt worden war, musste der alte Graf von Groitzsch zur Befreiung des Sohnes, Mohrungen, Leissnig und die Gauen Nisan und Budissin an den Kaiser als Lösegeld abtreten, welche Besitzungen der Graf von Mansfeld, jedoch nur theilweise, empfing, denn 1113 sass auf der Burg zu Dohna ein kaiserlicher Hauptmann. Herzogs Wladislaus von Böhmen eifrige Bestrebungen, das Schloss Dohna wieder an Böhmen zu bringen, krönte im Jahre 1121 ein glücklicher Erfolg, aber schon 1212 gehörte die Burg mit ihrem Gebiete wiederum dem Kaiser, der sie zu dieser Zeit an den Markgrafen von Meissen verpfändet hatte. In dem Lehnsbriefe, welchen König Ottokar von Böhmen vom Kaiser Friedrich empfing, wird gesagt: „Wir haben auch genanntem Könige das Schloss Dohna sammt allen seinen Gerechtigkeiten gegeben und confirmiret, doch dafern Wir es von dem Markgrafen von Meissen auslösen werden können.“ Der Markgraf von Meissen bekennt im Jahre 1216, dass er eine Anzahl Städte, Märkte und Dörfer, von der Kirche zu Meissen rührend, mit Namen Donenschloss halb mit allen Zubehörungen, Schloss und Stadt Dresden mit der Heyde u. s. w. zum Lehn empfangen habe.

Die Burggrafen, welche seit 1113 auf dem Schlosse Dohna hausten und bald als markgräfliche, bald als bischöflich Meissnische oder auch als Böhmische Lehnsleute vorkommen, scheinen dem fehdelustigen Geiste des Mittelalters ganz besonders gehuldigt zu haben, da dieser in deren Geschichte überall hervortritt. Im Laufe der Zeit waren die Burggrafen, namentlich durch die anwachsende Bevölkerung der neuentstehenden Dörfer, deren Besitzer ihre Lehnsleute wurden, zu einer bedeutenden Macht gelangt, so dass sie kaum noch vor dem Landesherrn das stolze Haupt beugten. Der Adel sah mit Besorgniss auf die gefährlichen Nachbarn, deren Wille massgebend war, weit und breit umher, aber einzelne Edelleute wagten es dennoch, den gewaltigen Grafen entgegenzutreten. Zu ihren hartnäckigsten Gegnern gehörte namentlich der reiche Ritter Rudolf von Körbitz auf dem nahen Meusegast, welcher in unaufhörlichem Unfrieden oder wohl gar in Fehde mit den Dohnas lebte, und sogar 1397 während eines auf der Burg stattfindenden Kindtaufsfestes des Nachts dieselbe erstürmte und den alten Vater der Brüder Maul und Jeschke von Dohna auf sein Schloss in Gefangenschaft führte. Dadurch entbrannte der Zorn der Burggrafen noch mehr und es entstand überall Mord und Brand, die Strassen wurden unsicher und die Felder blieben unbebaut, so dass der Markgraf von Meissen sich ins Mittel schlagen und sein ganzes Ansehen gebrauchen musste, um die erbitterten Gegner zu beruhigen. Während dieser Fehde waren in Maxen, Heidenau und einigen anderen Dörfern markgräfliche Truppen zum Schutze der Reisenden einquartirt.

Die Burggrafen, als Anhänger des böhmischen Königs Wenzel, hatten sich nie recht mit dem Markgrafen von Meissen, Wilhelm dem Einäugigen, vertragen können, weil dieser mit Friedrich dem Streitbaren bei der Wahl von Wenzels Gegenkaiser, Ruprecht, sehr betheiligt gewesen war; aber auch der Markgraf hasste die unruhigen Nachbarn und wünschte sehnlich eine Gelegenheit herbei, dieselben zu demüthigen. Eine solche bot sich im Jahre 1401, wo bei einem sogenannten Adelstanze auf dem Rathhause zu Dresden, welcher gewöhnlich am Martinstage stattfand, auch Burggraf Jeschke von Dohna sich eingefunden hatte. Aufgeregt von Wein und Lust koste dieser ziemlich vertraut mit der anmuthigen Hausfrau seines Todfeindes Rudolf von Körbitz, welcher, von Eifersucht und altem Hass entflammt, dem Burggrafen im Tanze ein Bein stellte, wofür ihm Jeschke eine tüchtige Maulschelle verabreichte. Eine neue Fehde war die natürliche Folge. Umsonst geboten Markgraf Wilhelm und der König von Böhmen beiden Theilen Friede; Jeschke von Dohna, in Verbindung mit seinem Bruder Maul und seinen Vettern Heide und Johann von Dohna, sandte auch dem Markgrafen einen Fehdebrief und Mord und Raub begannen von Neuem, so dass zur Sicherung der Reisenden und Güter die Heerstrasse aus Böhmen nach Meissen näher nach Pirna verlegt werden musste, wo sie auch geblieben ist. Nach langen blutigen Kämpfen, worin Maul und Heide ihren Tod fanden und nachdem der alte Burggraf Otto von Dohna im Gefängnisse des Ritters Rudolf von Körbitz gestorben war, belagerte der Markgraf endlich die Burg Dohna und setzte ihr dergestalt zu, dass Burggraf Jeschke, ihre Eroberung voraussehend, sie heimlich verliess und nach dem nahen Wesenstein flüchtete. Auch diese Burg musste sich dem Markgrafen ergeben und Jeschke floh nach Königstein und von hier endlich nach Ungarn, wo er in der Folge als Landfriedensbrecher das unruhige Haupt auf dem Schaffot verlor.

So kam die Herrschaft Dohna an die Markgrafen von Meissen. Die Burg wurde von herbeigerufenen Bergleuten gänzlich geschleift und das Städtchen Dohna in das Amt Pirna verwiesen; die sämmtlichen Güter aber, als verwirkte Lehen, erhielten neue Herren. Zwar gaben sich die Burggrafen von Dohna, von denen einige Zweige in der Lausitz und Schlesien begütert waren, alle mögliche Mühe ihr Stammhaus wieder zu erhalten, allein die späteren Markgrafen gaben Dohna nicht wieder her und durch den Prager Vertrag von 1459 kam es definitiv an Sachsen. Im Jahre 1803 kaufte der Burggraf Heinrich Ludwig von Dohna auf Uhyst und Hermsdorf den Berg, auf welchem einst das Schloss seiner Ahnen stand und liess die Grundmauern von Schutt reinigen, wobei man ausser dem völligen Steinpflaster des Hofraums auch einige alte Waffen fand.

Nach Vertreibung der Burggrafen scheint ihr erbittertster Feind, Rudolf von Körbitz auf Meusegast, mit mehreren Dohnaischen Gütern belehnt worden zu sein, wozu auch Köttewitz gehörte. Dieses Rittergut besassen die Herren von Körbitz noch im sechszehnten Jahrhundert, und zwar 1513 Ritter Georg von Körbitz und 1560 Friedrich von Körbitz. Letzterer veräusserte Köttewitz an Jacob von Harstall, von dem es späterhin an die Herren von Bünau, eines der reichsten [39] und ältesten Sächsischen Adelsgeschlechter gelangte, welchen auch das nahe Wesenstein gehörte. Zu Ende des sechszehnten Jahrhunderts überliess Rudolf von Bünau das Gut Köttewitz Hansen von Tauschwitz, der es noch 1612 besass, da er in diesem Jahre mit einem Ritterpferde zur Musterung kam. Nach ihm gehörte Köttewitz der Familie von Buchner und später der von Löben, die es an den Superintendenten Dr. Schwerdtner in Pirna verkaufte, welcher 1711 mit Tode abging, kurz vorher aber das Gut an den Kammerherrn Rudolf von Bünau auf Meusegast veräusserte, der 1752 starb. Hierauf kam Köttewitz in Besitz der Familie Mehnert und 1837 eines Herrn Carl Gottlob Bartsch, jetzt gehört das Gut Herrn Amtsrath K. H. Kaurisch, Domainenpächter zu Grosssedlitz.

Zu den Eroberungen, welche dem Markgrafen Wilhelm bei der Eroberung Dohnas zufielen, gehörte auch der berühmte Dohnaische Schöppenstuhl (Scabinatus Donensis), der zuerst in Urkunden des vierzehnten Jahrhunderts vorkommt und in fast gleichem Ansehen stand wie der zu Magdeburg, denn selbst das Ausland holte bei demselben zuweilen Urtheile ein. Urkunden vom Jahre 1513 nennen ihn das Dohnaische Mal und Ritterding. Die Hegung des Gerichts geschah unter dem Vorsitze des Burggrafen von achtzehn Schöppen, Edelleuten der Umgegend, und die von ihnen noch vorhandenen Urtheile beginnen immer: „Wir Mannen der Donischen Pflege sprechen vor Recht“. Noch lange nach Zerstörung der Burg liessen die Churfürsten den Schöppenstuhl zu Dohna in allen bedeutenden Sachen nach Sachsenrecht sprechen, und erst 1541 beschränkte man ihn auf Lehnsangelegenheiten und verschickte erbliche Sachen nach Magdeburg. Von 1561 an verlor das Dohnaische Ritterding alle Bedeutung, so dass Churfürst August selbiges dem 1420 zu Leipzig errichteten Schöppenstuhle einverleibte.

Das Dorf Köttewitz ist nebst achtundzwanzig Nachbarorten in die Stadtkirche zu Dohna eingepfarrt. Dieses mit Schiefer gedeckte Gotteshaus hat ein von acht Säulen getragenes schönes Gewölbe, während die angebauten Theile der Kirche auf kleineren Pfeilern ruhen. Die Kirche wurde 1212 von dem Burggrafen Otto von Dohna gegründet und 1250 zu Ehren der Jungfrau Maria eingeweiht. Der Theil der Kirche nach dem Marktplatze zu ist noch ein Ueberbleibsel des ersten Baues, die übrigen Abtheilungen entstanden im fünfzehnten und sechszehnten Jahrhundert. – Ein höchst interessantes Alterthum besitzt die Kirche durch ihren Altar, ein treffliches Werk altdeutscher Bildschnitzerei, welches vermuthlich zu Ende des fünfzehnten Jahrhundert von einem Herrn von Bünau auf Wesenstein dem Gotteshause verehrt wurde. Ein eben so vorzügliches Meisterstück ist der mit äusserst feiner Bildhauerarbeit verzierter, in Form eines Kelches geschnitzte Taufstein. Das Archiv der Kirche verwahrt drei Ablassbriefe aus den Jahren 1357, 1457 und 1500.

Zu den Schicksalen des Dorfes Köttewitz gehört ausser dem Elende, welches die Fehde zwischen den Burggrafen und ihren Nachbarn verursachte auch ein Einfall der Hussiten im Jahre 1429. Noch grösser aber waren die Drangsale in hiesiger Gegend während des dreissigjährigen Krieges. In den Jahren 1621, 1632 und 1633 hauste hier eine furchtbare Pest, die ganze Familien tödtete und die Menschen zur Verzweiflung brachte. Später nahmen die Schweden hier Quartier, plünderten und misshandelten nach Gefallen und machten dann einem anderen Soldatenhaufen Platz, der das begonnene Maltraitement nach Kräften fortsetzte. Auch der letzte Krieg brachte Dohna und den umliegenden Ortschaften manche Schreckensstunde, namentlich im September des Jahres 1813, wo Franzosen und Russen unbeschreibliches Elend über die so gesegnete Gegend verbreiteten. Möge der Frieden unseres Vaterlandes nimmer wieder gestört werden!

H.     




Dornreichenbach.


Dornreichenbach liegt, in waldiger, von Teichen durchschnittener Gegend in der Senkung eines Geländes, aus welchem ein Wässerchen nach dem Knathewitzer Bache hinabrinnt, in kaum zweistündiger Entfernung von den Städten Wurzen und Dahlen. Oestlich von Dornreichenbach steigt ein Hügel an, hinter welchem der noch höhere und bewachsene Stolpenberg mit mehreren Steinbrüchen emporragt. Die ansehnlichste Höhe der Gegend ist indessen im Süden der spitzzulaufende mit Waldung bedeckte Dornreichenbacher Berg mit herrlicher Aussicht, an dessen westlichem Fusse Kühren, am nordwestlichen Abhange aber, an einer älteren von Wurzen nach Oschatz führenden Strasse, eine nach Dornreichenbach gehörige Schenke liegt. Der Ort raint mit den Fluren von Trebelshain, Körlitz, Kyhnitzsch, Haide, Börln und Knathewitz mit Meltewitz.

Bis zum dreissigjährigen Kriege führte Dornreichenbach den Namen Reichenbach [40] und war ein grosses, schönes, blühendes Dorf mit stattlicher Kirche und hochgethürmtem Edelsitze. Die Wuth der Schweden vernichtete dasselbe in wenigen Stunden. Im Jahre 1637, während der Belagerung Torgaus durch Banner, näherte sich eine Schwedische Patrouille dem Dorfe Reichenbach in der unzweifelhaften Absicht, daselbst zu plündern und Vieh zu rauben. Die Einwohner, durch unaufhörliche Misshandlungen und Beraubungen durch streifende Truppen aufs Aeusserste getrieben, hatten schon längere Zeit sich vor dem Einbruche kleinerer Streifpatrouillen zu schützen gewusst, indem sie stets einen Wächter auf dem Kirchtthurme unterhielten, der durch Anschlagen der Glocke und eine ausgesteckte Fahne die Ankunft der Soldaten verkündete. War die Anzahl derselben bedeutend, so flüchteten die Reichenbacher nach dem Walde, wo sie Verhaue angelegt hatten; kleineren Abtheilungen aber setzten sie Widerstand entgegen. Auch hier glaubten sie mit den anziehenden Schwedischen Reitern fertig werden zu können, und als die Patrouille sich dem Dorfe näherte, feuerten die Bauern einige Schüsse auf sie ab, welche drei Reiter aus den Sätteln warfen. Die Schweden wandten ihre Rosse zur Flucht, kehrten aber nach kurzer Zeit verstärkt zurück und brachten ihren erschossenen Kameraden ein schreckliches Todtenopfer.

Bald loderte Reichenbach in Flammen auf. Nur wenige Einwohner entkamen in die Wälder, Alles was das Schwert der blutdürstigen Soldaten erreichen konnte, musste sterben. – Kirche, Edelhof und sämmtliche Häuser des Dorfes gingen zu Grunde, und als die Schweden mit Beute beladen von dannen zogen, war der vormals so blühende Ort ein rauchender Trümmerhaufen, bedeckt mit blutigen halbverbrannten Leichen. Fünfzehn Jahre lang blieb die Stätte des Schreckens unbewohnt, während welcher Zeit Unkraut und Dorngesträuch auf Feldern und Gärten wucherte, dass man deren frühere Bestimmung nicht mehr zu erkennen vermochte, bis die Friedenssonne über Deutschland hereinbrach und neuen Muth in die Herzen der geplagten Menschen senkte.

Es war im Jahre 1652, als sich auf Anregung des Besitzers von Reichenbach wieder Ansiedler fanden, die auf den Trümmern des vernichteten Ortes ein neues Dorf bauten und es wegen des wuchernden Dornengestrüpps „Dornreichenbach“ (Dürrenreichenbach) nannten. Anfänglich enthielt es nur einige wenige Häuser, die Kirche und den Rittersitz, so dass 1672 die Anzahl der Einwohner nur aus sechzig Personen bestand. 1653 liess der Besitzer des Rittergutes die Kirche wieder aufbauen und übertrug die geistlichen Geschäfte dem Pfarrherrn zu Kühren, Eleazar Neubauern, und dem dortigen Schulmeister, Martin Henkeln, bis 1660 auch ein neues Schulhaus erbaut und Georg Grosse als Lehrer eingewiesen wurde. Das Pfarramt versah seit 1664, wo Neubauer starb, der Pfarrer zu Kühnitzsch, Gottfried Blökner, bis 1669 Jacob Grahl als erwählter Pastor in die neuerbaute Pfarrwohnung einzog. Im Jahre 1672 entstand auch der Kirchthurm, für dessen Erbauung der Rittergutsherr gegen vierzig Gülden zahlte. So erholte sich Dornreichenbach langsam von dem betroffenen Unglück, obgleich durch die Kriege des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts noch vielfach heimgesucht und ist jetzt wieder ein wohlhabendes von dreihundert Menschen bewohntes Dorf.

Die ältesten Besitzer des Rittergutes Dornreichenbach waren die Herren von Schleinitz, welche es noch in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts besassen. Heinrich von Schleinitz verkaufte das Gut um 1450 an Heinrich von Berndorf, dem es 1472 noch gehörte. Nach ihm kam es in Besitz eines Leipziger Rathsherrn, Hans von Mordeisen, bei dessen Nachkommen es bis zur zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts blieb. Georg Rudolf von Mordeisen starb hier im Jahre 1620, und sein Sohn Sigismund von Mordeisen war Besitzer des Gutes, als die Rache der Schweden es vernichtete. Seine Söhne Georg Sigismund und Hans Christian von Mordeisen verzichteten 1651 freiwillig auf das verwüstete Erbe und so erhielt es ein Lehnsvetter Ulrich von Mordeisen auf Stentzsch und Goselitz, der, wie schon erzählt, für den Wiederaufbau des Ortes grosse Opfer brachte. Von der Mordeisenschen Familie kam Dornreichenbach an die Herren Sahrer von Sahr, von denen es Christoph Ludwig von Sahrer an den Hofrath Schmidel zu Leipzig verkaufte. Nach diesem gehörte das Gut dem Kammerherrn und Domherrn Grafen Vitzthum von Eckstädt auf Lichtewalde, der jetzige Besitzer aber ist Herr F. Steinkopff.

Dornreichenbach und das in halbstündiger Entfernung gelegene, nach Dornreichenbach eingepfarrte und mit weitgerühmten Gartenanlagen geschmückte Dorf und Rittergut Haida bildeten vormals eine Exclave des Amtes Torgau, welche 1815 dem Königreiche Sachsen reservirt wurde.

Otto Moser, Red.     




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Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Pannnonien


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