ADB:Wuttke, Karl Friedrich Adolf

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Artikel „Wuttke, Karl Friedrich Adolf“ von Paul Tschackert in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898), S. 377–379, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wuttke,_Karl_Friedrich_Adolf&oldid=- (Version vom 15. August 2020, 08:24 Uhr UTC)
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Wuttke: Karl Friedrich Adolf W., protestantischer Theologe, † 1870. W. gehörte zu den achtbarsten Theologen lutherisch-confessioneller Geistesrichtung innerhalb der unierten preußischen Landeskirche. Er wurde geboren zu Breslau am 10. November 1819 als Sohn eines Schneidermeisters, erhielt seine Vorbildung auf dem Magdalenengymnasium daselbst und begann im J. 1840 das Studium der evangelischen Theologie an der Universität seiner Vaterstadt. Er fand in der theologischen Facultät damals zwei sich gegenüberstehende Richtungen vor, die alte rationalistische unter der Führung von David Schulz und die mechanisch-supranaturalistische unter Hahn. Beide befriedigten ihn nicht. Dagegen gewann der Philosoph Braniß, der ihm über die Einseitigkeiten des Rationalismus und des Pantheismus hinweg half, großen Einfluß auf ihn. Mit Vorliebe versenkte er sich sodann in das Studium der Bibel und bestand im J. 1844 seine erste theologische Prüfung und auch das Rectorexamen. Als Candidat hatte er in Breslau und in Königsberg Gelegenheit, die Ronge’sche und Rupp’sche Partei genau kennen zu lernen, bestand sodann das zweite theologische Examen ebenfalls in Breslau und habilitirte sich auf Braniß’ Rath in der philosophischen Facultät daselbst, nachdem er vorher als Dr. phil. promovirt hatte. In dieser Facultät wirkte er, abgesehen von dem einen Jahre 1849, wo er in Königsberg eine conservative Zeitung redigirte, bis zum Jahre [378] 1854; Logik, Psychologie und Geschichte der Philosophie waren die Disciplinen, die er in seinen Vorlesungen vom Standpunkte eines positiven Theismus vertrat. Seine ökonomische Lage war eine sehr gedrückte; er mußte sich daher als Lehrer an einer höheren Töchterschule und als ordinirter Hülfsgeistlicher Nebeneinnahmen verschaffen. Da erlangte er durch eine gelehrte Schrift über die „Geschichte des Heidenthums“ (2 Bde., 1853) allgemeine Aufmerksamkeit und wurde im Jahre 1854 als außerordentlicher Professor der Theologie nach Berlin berufen, nachdem die evangelisch-theologische Facultät von Breslau ihn zum Lic. theol. honoris causa ernannt hatte. In Berlin las er über neutestamentliche und systematisch-theologische Disciplinen (Römerbrief, Johannesevangelium, Dogmatik, Ethik und Symbolik). 1860 ernannte ihn die theologische Facultät daselbst zum Dr. theol. honoris causa. 1861 wurde er nach Halle berufen, um neben Julius Müller die systematische Theologie zu vertreten. Mit ganzer Kraft widmete er sich seinem akademischen Amte und der litterarischen Thätigkeit. Aber bei seinem lebhaften Interesse für eine christlich–sittliche Beeinflussung des Staatslebens betheiligte er sich auch an der Politik und ist in einer Legislaturperiode Abgeordneter des Kreises Delitzsch gewesen; er gehörte im preußischen Abgeordnetenhause der altconservativen Partei an. Den Kirchenzeitungen und Pastoralconferenzen lutherischer Richtung gehörte seine Mitarbeit unausgesetzt an. Seine Vortragsart war schlicht und einfach, aber klar, streng sachlich und getragen von inniger Frömmigkeit und strengster Sittlichkeit ohne allen Rigorismus. Aber neben einem Tholuck und Müller waren seine Lehrerfolge gerade keine glänzenden; es fehlte ihm das eigentlich packende Lehrtalent; aber er erfüllte seine Zuhörer stets mit reiner Hochachtung sowohl vor der Sache, die er behandelte, als auch vor seiner Person. Dadurch wirkte er selbst vom Katheder sittlich erziehend. Seine theologische Ueberzeugung hatte sich in den reiferen Mannesjahren entschieden zur lutherisch-confessionellen ausgestaltet, wobei er sich aber, dank seiner ausgezeichneten philosophischen und historischen Bildung, von formalistischem Scholasticismus fern hielt. Durch seine Hauptwerke „Gesch. des Heidenthums“, „Deutscher Volksaberglaube“ und „Ethik“ hat er sich weit über den engeren Berufskreis den Ruf eines ausgezeichneten, streng sachlichen Gelehrten und Systematikers erworben. Er starb in Halle den 12. April 1870. Tholuck hielt ihm die Grabrede; unter den Leidtragenden stand am offenen Grabe Julius Müller, zu dessen Unterstützung einst W. nach Halle berufen war; es war eine erschütternde, aber weihevolle Trauerstunde dort auf dem neuen Kirchhofe vor Halle, die mir noch von meiner Halle’schen Studentenzeit klar im Gedächtniß steht.

Schriften: „Fragen an die allgemeine Kirche vom Standpunkt der evangelischen Kirche“ (Streitschrift gegen die Rongianer 1845); „Abhandlung über die Kosmogonien der heidnischen Völker vor der Zeit Jesu und der Apostel“ (Haag 1850; von der Haager Gesellschaft zur Vertheidigung des christlichen Glaubens preisgekrönt); „Geschichte des Heidenthums“ (2 Bde., Breslau 1852 u. 1853; eine Geschichte des Geistes der heidnischen Menschheit); „Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart“ (Hamb. 1860); „Handbuch der christlichen Sittenlehre“ (2 Bde., 1861. 62; 2. Aufl. 1864. 65; 3. Aufl. nach s. Tode 1874 besorgt von Professor L. Schulze in Rostock). Dazu Abhandlungen: „Ueber die Verkehrung der christlichen Freiheit in Gesetzesverachtung“ (Ev. Kirchenzeitung hsg. v. Hengstenberg 1865); „Ueber die Lehrfreiheit der Geistlichen“ (ebd. 1869); „Die Stellung der Philosophie zum christlichen Glauben“ (ebd. 1856) und viele andere bis hinauf in das Jahr 1869. Ihre Titel in dem Artikel L. Schulze’s in der RE. (s. unten).

Vgl. L. Schulze in Ev. Kirchenzeitung 1870, S. 708 ff. – Desselben [379] Lebensskizze vor der 3. Aufl. der „Ethik“ Wuttke’s Bd. I, S. III ff. und der Artikel desselben in Bd. VII der Realencyklopädie von Herzog-Plitt-Hauck, 2. Aufl. 1886, S. 371–384. – Eigene Erinnerungen.