ADB:Theodoricus von Borne

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Artikel „Theodoricus von Borne“ von Karl Steiff in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 710–713, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Theodoricus_von_Borne&oldid=- (Version vom 29. Januar 2020, 09:40 Uhr UTC)
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Theodoricus von Borne (Dirk Borne), ein niederländischer Buchdrucker des 16. Jahrhunderts, der zwar unter den Vertretern seiner Kunst nicht in der ersten Linie steht, aber schon durch die lange Dauer seiner Thätigkeit eine mehr als gewöhnliche Bedeutung erlangt hat. Ueber seine Persönlichkeit ist nach dem heutigen Stand der Forschung so gut wie nichts bekannt; nicht einmal sein Geburts- und Todesjahr, auch nicht seine Heimath sind festgestellt. Doch kann man aus dem Namen schließen, daß er von Geburt ein Niederländer war; denn wenn er nach der eigenen Herkunft oder der seiner Familie sich v. B. (de B.) nennt, so ist dabei doch wol an das holländische Dorf dieses Namens (in Nord-Brabant) zu denken und nicht an eine der gleichnamigen Ortschaften im heutigen Preußen. (Bemerkenswerth ist, daß nach Liessem a. u. a. O. II, S. 20 gleichzeitig ein Magister und Licentiat der Theologie Theodericus Born de Novimagio als Kasseneinnehmer der Artistenfacultät in Köln vorkommt; vielleicht war dies ein Verwandter des Druckers und stammte auch dieser von Nimwegen.) Seine Kunst übte Th. v. B. in Deventer aus; doch läßt sich auch von seiner Thätigkeit, namentlich von ihrem Umfang, ein vollständiges Bild zur Zeit nicht gewinnen. [711] Hierfür liegt die Bibliographie des 16. Jahrhunderts noch allzusehr im Argen. Ein kleiner Theil seiner Drucke ist bei Panzer, ein größerer bei dem weit älteren Revius verzeichnet; der frühest datirte unter denselben fällt ins Jahr 1510, der späteste ins Jahr 1552; doch bezeichnet wol keiner von beiden die Grenze von des Th. Thätigkeit. Es gibt einen Druck (Hermanni Buschii Spicilegium philosophorum), der nach Panzer schon dem Jahr 1507 angehört, während er nach Liessem sogar schon um 1505 anzusetzen ist. Andererseits hat Th. nach Ledeboer jedenfalls noch 1555 gelebt, und wenn Goovaerts recht berichtet, so ist noch 1556 eine „Musica Modulatio“ der lyrischen Verse des Horaz (in neuer Auflage) aus seiner Presse hervorgegangen. Wie dieser bis jetzt bekannte späteste Druck dem humanistischen Schulunterricht diente, so ist dasselbe auch bei jenem ersten der Fall und das ist bezeichnend für die ganze Thätigkeit dieses Druckers. Es waren die Bedürfnisse der damaligen gelehrten Schulen, in erster Linie der blühenden Anstalten in Deventer selbst, welchen die Presse desselben vorwiegend diente. Vorwiegend, aber nicht, wie man lesen kann, ausschließlich. 1532 wurde von ihm ein niederländisches Neues Testament gedruckt, und läßt schon dieser Umstand vermuthen, daß Th. v. B. sich der neuen religiösen Bewegung zugewandt hat, so wird dies bestätigt durch die weitere Thatsache, daß auch von den schwärmerischen Wiedertäufern wie David Joris und Hendrik Niclaes einzelne Schriften bei ihm erschienen sind. Eine derselben, die Hauptschrift des Joris, sein „Wonder Boeck“ (1542), brachte den Besteller des Drucks, Jorien Ketel, einen Bürger von Deventer, auf das Schaffot (August 1544), der Drucker selbst entging dem gleichen Schicksal nur mit knapper Noth und nur Dank kräftiger Fürsprache, die vor allem geltend machte, daß er für das Ketzerische des Inhalts nicht das nöthige Verständniß gehabt habe. (Nebenbei bemerkt, mag hieraus geschlossen werden, daß Th. v. B. nicht zu den gelehrten Buchdruckern jener Zeit gehörte.) Immerhin ward er vom Rath der Stadt ein halbes Jahr gefangen gehalten und ein weiteres halbes Jahr mit strengem Hausarrest belegt (Juni 1544 bis August 1545) und auch nach dem waren ihm jedes Spiel und alle Wein- und Bierhäuser verboten, widrigenfalls es ihm doch noch an den Hals gehen sollte. – Zum Schluß sei bemerkt, daß nach Goovaerts das Druckerzeichen dieses Meisters mit Anspielung auf seinen Namen ein Brunnen war und seine Devise (?): Fons Jovis; doch wird als weiteres Druckerzeichen auch der heilige Laurentius angegeben, der in der Linken den Rost, in der Rechten das Evangelienbuch hält; endlich zeigen manche seiner Drucke auch die Abbildung einer Presse mit der Bezeichnung: prelum Borneum.

Th. v. B. war nicht der erste Buchdrucker von Deventer; vor ihm hatte Jacob v. Breda und früher noch Richard Pafraet (spr.: Pafrat) dort eine Presse errichtet. Ueber ersteren vergl. A. D. B. XIII, 550, inbetreff des letzteren, der nicht zur rechten Zeit einen Bearbeiter für vorliegendes Werk gefunden hat, sei hier das Nöthigste nachgetragen. Richard Pafraet – so oder Paffraet (-d, -dt) schreiben er und seine Nachkommen ihren Namen gewöhnlich, Paffroet, Paffroedt u. s. w., obwol von den meisten Bibliographen vorgezogen, kommt ungleich seltener und mehr nur in der ersten Zeit vor – stammte aus Köln oder aus dem nicht weit von da gelegenen Dorfe Paffrath. Bei dem Kölner Prototypographen Ulrich Zell lernte er, wenn anders Holtrop recht vermuthet, die neue Kunst und er führte sie nun selbst als erster in Deventer ein. Dies geschah spätestens 1477, denn aus diesem Jahr stammt sein erster datirter Druck; ob von den undatirten der eine oder andere früher anzusetzen, ist nicht gewiß. Bei dem regen geistigen Leben, das in Deventer, dem Sitze der viel besuchten Gelehrtenschule, herrschte, gab es dort bald Arbeit genug und Dank diesem Umstand und der Rührigkeit ihres Leiters wurde Pafraet’s Presse die meistbeschäftigte unter allen niederländischen [712] Druckereien des 15. Jahrhunderts. Mehr als 280 Drucke weist Campbell allein bis zum Jahre 1500 unserem Meister zu – nur stark die Hälfte davon trägt seinen Namen – und diese Zahl erhöht sich entsprechend bis zum Jahre 1511. Fast alle Gebiete der Litteratur sind dabei, wenigstens mit einzelnen Schriften, vertreten, am meisten aber die Theologie und mehr noch die Philologie. Vorherrschend pflegte R. Pafraet dabei diejenige Litteratur, welche den praktischen Zwecken, dort des Gottesdienstes und der Erbauung, hier der Schule diente. Neben den eigentlichen Lehrbüchern des Lateinunterrichts und den Geisteserzeugnissen der Humanisten kommen in vielen Ausgaben auch die Classiker vor, jedoch nur die römischen; das Griechische ist überhaupt noch nicht vertreten. In erster Ausgabe sind bei Pafraet die Schriften der christlichen Dichter Juvencus und Prudentius erschienen. Es klingt sehr glaubhaft, daß der Rector der Gelehrtenschule, Alexander Hegius, der im Hause unseres Druckers, in der Bischofsstraße wohnte, ihm auch bei der Herstellung mancher Drucke an die Hand gegangen ist; denn Pafraet selbst scheint nicht akademisch gebildet gewesen zu sein, daß er seinen eigenen Corrector hätte machen können. Noch sei die auffallende Erscheinung erwähnt, daß es aus den Jahren 1486 und 1487, streng genommen auch aus 1485, keine sicheren Drucke von Pafraet gibt und daß seit 1488 neue Typen in seinen Drucken vorkommen, während die bisherigen in den Besitz des Jakob von Breda übergegangen sind. Holtrop vermuthet deshalb, und Campbell stimmt ihm bei, daß der Prototypograph von Deventer um 1485 gestorben und der auf späteren Drucken vorkommende Richard Pafraet ein gleichnamiger Sohn des ersteren sei, der das Geschäft des Vaters nach längerer Unterbrechung neu begründet habe. Das kann nun immerhin sein, gewichtige Bedenken stehen der Annahme wenigstens nicht im Wege; aber nothwendig ist die letztere jedenfalls nicht. Denn auch wenn man nur einen R. Pafraet annimmt, läßt sich jene auffallende Erscheinung wol erklären; man denke z. B., um nur auf Eines hinzuweisen, an die große Zahl. der undatirten Drucke, aus deren Reihe sich jene Lücke recht wol ergänzen könnte. Wie dem aber sei, es ist allerdings mehr als ein Pafraet, den die Geschichte des Buchdrucks uns zu nennen weiß. Denn sowie der Name R. Pafraet auf den Drucken verschwindet, um 1511 oder 1512, tritt der Name Albert Pafraet an seine Stelle. Nach Ledeboer hätte der Träger des letzteren, der nachweislich ein Sohn seines Vorgängers war, sogar schon von 1505 an gedruckt; doch gibt dieser Gewährsmann keinen Beweis für seine an sich nicht sehr wahrscheinliche Behauptung. Andererseits hat sich A. Pafraet’s Thätigkeit auch nicht nur bis 1548 erstreckt; jedenfalls war er 1550 noch am Leben. Unter dem neuen Besitzer hat die Presse vielleicht nicht mehr dieselbe umfangreiche Thätigkeit entwickelt, wie unter dem Vorgänger, aber es sind auch jetzt noch die Drucke sehr zahlreich, und auch sie gehören vorwiegend, ja noch ausschließlicher, dem Gebiete der Schule und überhaupt des Humanismus an. Später druckte A. Pafraet wie Th. v. B. auch einige wiedertäuferische Schriften und zwar gleichfalls auf Veranlassung des Jorien Ketel. Als darum ersterer im J. 1544 wegen Joris’ Wunderbuch verhaftet wurde, brannte auch ihm der Boden unter den Füßen; er entfloh aus Deventer, wurde aber in Arnhem gefangen gesetzt, vor dem kaiserlichen Rath von Gelderland verhört – die Protokolle darüber sind bei Molhuysen a. u. a. O. abgedruckt – und mit einer strengen Kirchenbuße belegt. Er konnte darauf nach Deventer zurückkehren und seine Thätigkeit fortsetzen; doch zogen ihm auch später noch einzelne Drucke Anfechtungen zu. – Nach A. Pafraet kommt noch einmal ein Buchdrucker des Namens Pafraet in Deventer vor; es ist wieder ein Richard, von dem Revius Drucke aus den Jahren 1558–1565 anführt. Derselbe war ohne allen Zweifel ein Sohn des Albert Pafraet und so hat denn in drei bezw. vier Generationen und fast ein volles Jahrhundert hindurch diese Familie in der [713] Geschichte des niederländischen Buchdrucks eine Rolle, und zwar meist eine wirklich hervorragende Rolle gespielt.

Vgl. inbetreff des Theodoricus v. Borne: Revius, Daventria illustrata 1651, p. 192 sq. 266 sq. – Panzer, Annales typogr. t. VI. p. 486–489. – Ledeboer, De boekdrukkers, boekverkoopers etc. in Nord-Nederland, 1872, p. 124. – Ders., Alfabetische lijst der boekdrukkers etc. in Nord-Nederland, 1876 p. 21 sq. (130). – Goovaerts, Histoire et bibliographie de la typographie musicale dans les Pays-Bas, 1880, p. 43, 217. – Liessem, Bibliogr. Verzeichnis der Schriften Herm. v. d. Busche, Forts. (=II), 1888, 1888, S. 13; III, 1889, S. 35 fg. – Molhuysen, Procedure over de werken van David Joris in Nijhoff’s Bijdragen, deel IX, 1854, p. 246 sqq., bes. p. 247 sq., 254 sq.
Ueber die Pafraet vgl. Holtrop, Monuments typogr. des Pays-Bas au XVe siècle, 1868, p. 70–72, planches 64 sq. (112 sq.). – Campbell, Annales de la typographie néerland. au XVe siècle 1874, p. X, 587 sqq.; Suppl. I–IV, 1878–90. – Revius l. c. p. 144 sq., 195 sqq., 324. – Panzer l. c. t. VI. p. 483–488; X. p. 453 sq.; XI. p. 410 sq. – Ledeboer, De boekdrukkers etc., p. 129, 397. – Ders., Alf. lijst etc., p. 130. – Molhuysen l. c. p. 246 sqq., bes. p. 247–254.