ADB:Schmeltzl, Wolfgang

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Schmeltzl, Wolfgang“ von Franz Spengler in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), S. 637–638, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schmeltzl,_Wolfgang&oldid=- (Version vom 28. November 2020, 17:07 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 31 (1890), S. 637–638 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Wolfgang Schmeltzl in der Wikipedia
GND-Nummer 11879518X
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|31|637|638|Schmeltzl, Wolfgang|Franz Spengler|ADB:Schmeltzl, Wolfgang}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=11879518X}}    

Schmeltzl: Wolfgang S. Die biographischen Nachrichten über S. fließen spärlich. Um 1500, als Sohn eines armen Handwerkers, zu Kemnat in der Oberpfalz geboren, finden wir ihn, wie eine handschriftliche Notiz mittheilt, später als Cantor zu Amberg, wo er „ein erlich ehelich Weib vnd Kindle gehobt“, die er um 1540 verließ, um in Wien eine neue Existenz zu gründen. Dort lebt er (1540–53) als Schulmeister bei den Schotten. Die letzten authentischen Nachrichten stammen aus dem Jahre 1557, zu welcher Zeit er als katholischer Pfarrer zu St. Lorenz am Steinfelde in alten Kirchenbucheintragungen nochmals erscheint. Nach 1560 mag er gestorben sein. In seiner Eigenschaft als Schottenschulmeister brachte er jährlich eine Komödie zur Aufführung, von denen wir 7 besitzen; eine (Judicium Salomonis?) scheint verloren. Seine Bedeutung ist nicht zu unterschätzen, da er fast der einzige Vertreter des deutschen Schuldramas ist, den wir in Wien vorfinden. Als Dramatiker folgt er theils der skizzenhaften Manier Hans Sachsens, theils, namentlich wo er bloß Bearbeiter ist, dem strengeren Muster der sächsischen Dramatiker. Seine „Comoedia des verlorenen Sons“ (1540 aufgeführt, 1545 gedruckt) ist eine kürzende Bearbeitung des G. Binderschen Akolast, der seinerseits auf das vielbearbeitete Drama des Gnaphaeus zurückgeht. In der Judith (1542, der Druck ist verloren) fußt er allein auf der Bibel; weder Greff, noch S. Birck hat er gekannt. Charakteristisch sind nur die Anspielungen auf die Türkengefahr und das Treiben der Landsknechte. Skizzenhaft kurz ist die „Aussendung der zwelffpoten“ (1542), die Charakteristik der Apostel naiv und treuherzig. In der „Comoedia der hochzeit Cana Galilee“ (1543) folgt er dem Muster P. Rebhun’s. Eigenthümlich ist ihm die Manier der Bibelerzählung, die höchst undramatisch in die Tischreden eingeflochten wird. Wieder skizzenhaft kurz und bloße Versification der Bibel ist die „Comedj von dem plintgeborn Sonn“. Einen großen Fortschritt der dramatischen Technik dagegen bekunden die beiden letzten Stücke. Im „David und Goliath“ (1545) folgt er möglicherweise dem Muster von S. Birck’s Judith. Im „Samuel und Saul“ (1551) (vgl. Wiener Neudrucke 5) ist er wieder ganz selbständig. In beiden Stücken erscheint er von der Bibel weniger abhängig, als früher, neue Personen werden eingeführt, manches episodische und genrehafte selbständig erfunden. Auch hier interessiren die fortwährenden Beziehungen auf die Zeitverhältnisse. Zu der lateinischen Tragödie des frühverstorbenen J. Prasinus „Philaemus“ (1543) schrieb S. eine lateinische Vorrede.

Von großem localen Interesse ist Schmeltzl’s „Lobspruch der Stadt Wien“ (1548, ed. Kuppitsch 1849), der die lebensfrohe und ewig jugendfrische Donaustadt in einer Reihe farbenfrischer Bilder prächtig und mit Behagen vor Augen führt. Unverkennbar ist hier der Einfluß ähnlicher Arbeiten des Hans Sachs; wie dieser versteht er es trefflich, Beschreibung in fortschreitende, lebendige Handlung umzusetzen. – Sein „Zug in’s Hungerland“ (1556) schildert in epischen Reimpaaren die Campagne des Erzherzogs Ferdinand im Spätherbste 1556, an der S. möglicherweise als Feldprediger selbst theilnahm. Von musikgeschichtlichem Interesse ist, wie Böhmer’s und Eitner’s Arbeiten beweisen, seine vierstimmige Liedersammlung (Nürnberg 1544), die wahrscheinlich noch als Frucht seiner Amberger Thätigkeit aufzufassen ist. So erscheinen in S., als einem der letzten [638] Vertreter, die Beziehungen zwischen österreichischer und deutscher Litteratur, vor der langen Unterbrechung noch einmal lebendig.

B. Raupach, Presbyterologia Austriaca 1741, p. 160 f. – Denis, Buchdruckergeschichte Wiens. Kobolt 2, 264 f. – W. Crecelius, Monatshefte für Musikgeschichte XIII (1881), S. 116. – Weller, Annalen II, 247. – A. Birlinger, Ein Dichter aus der Oberpfalz (Wolfgang Schmeltzl 1540–1556). Bayer. Zeitung 1865, Nr. 323, Morgenblatt. – J. M. Wagner, Oesterreichische Dichter des XVI. Jahrhunderts. Serapeum 1865, S. 121 ff. – W. Saliger, Einiges I. über Wolfgang Schmelzl, II. über Hyeron. Arconetus. Progr. Olmütz 1880, S. 18–30. – F. Spengler, Wolfgang Schmeltzl. Zur Geschichte der deutschen Litteratur im XVI. Jahrh. Wien 1883.