ADB:Laun, Benedikt

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Artikel „Laun, Benedikt“ von Bernhard Grueber in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 50–52, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Laun,_Benedikt&oldid=- (Version vom 15. August 2020, 08:42 Uhr UTC)
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Laun: Benedikt L., Architekt, Bildhauer und Ingenieur, geb. um 1450, † am 29. September 1531. Dieser bedeutende, bisher unter dem Namen „Laun“ in der Kunstgeschichte bekannte Meister soll urkundlichen Nachrichten zufolge, welche kürzlich Dr. Wernicke aufgefunden und im Anzeiger für deutsche Vorzeit veröffentlicht hat, nicht aus der böhmischen Stadt Laun, sondern aus Piesting im Erzherzogthum Oesterreich stammen und scheint obigen Beinamen erst nach seinem Tode erhalten zu haben. Ueber seine Jugend und Bildungsgeschichte wissen wir nicht das Mindeste. Wie sich aus seinen Arbeiten entnehmen läßt, hat er eine tüchtige Schule durchgemacht und Vieles gesehen, ehe er, angezogen von dem unter König Wladislaw II. aufblühenden Kunstleben, nach Böhmen wanderte. Ums Jahr 1480, vielleicht schon etwas früher, finden wir ihn im Osten des Landes, wo er die Restauration der 1461 abgebrannten Pfarrkirche zu Hohenmauth und den Wiederaufbau der Marienkirche in Kuttenberg leitete. Durch diese mit seltener Meisterschaft ausgeführten Werke scheint der Künstler sich solches Ansehen verschafft zu haben, daß er 1482 vom König nach Prag berufen wurde, eine neue Residenz auf dem Hradschin zu erbauen. Dieser Bau, von welchem ein Flügel mit dem sogenannten Wladislaw’schen Saal noch besteht, entsprach den Wünschen des hohen Bauherrn so sehr, daß Benedikt das Amt des Dombaumeisters und den Titel eines obersten königlichen Werkmeisters erhielt, auch ihm die Ausführung des Schlosses Bürglitz (der Sommerresidenz Wladislaw’s, 1493 gegründet) übertragen wurde. Um dieselbe Zeit errichtete der Meister in einer Seitenkapelle des Prager Domes für den König ein Oratorium und verband dasselbe durch einen auf Schwibbogen ruhenden Gang mit der Residenz, eine ganz aus Astwerken, Blumen, Wappen, Emblemen u. dgl. bestehende Steinmetzarbeit von eben so geistreicher Erfindung wie sorgfältiger Durchbildung. Die Arbeiten auf dem Hradschin wurden nach dem Zeugnisse Balbin’s 1502 glücklich vollendet; in Bürglitz war L. bis etwa 1508 beschäftigt. Bald nachher übernahm er den Ausbau der berühmten St. Barbarakirche zu Kuttenberg, eines höchst großartigen fünfschiffigen Domes, welcher um 1380 von Peter von Gmünd (Bd. IX S. 275 ff.) angelegt, nach einer Unterbrechung von vollen 100 Jahren von Mathias Raysek fortgesetzt, aber bei dessen Tod (1505) erst im Chorschluß vollendet worden war. Benedikt arbeitete für das Langhaus dieser Kirche einen neuen Plan aus, wandelte das ursprünglich basilikaförmige Gebäude in einen Hallenbau mit gleich hohen Schiffen um und scheint persönlich die Aufstellung einiger Joche geleitet zu haben, da seine mehrmalige Anwesenheit zwischen 1510 bis 1512 urkundlich sicher gestellt ist. Längere Zeit dürfte sich der Meister schwerlich in Kuttenberg aufgehalten haben, doch wurde nach seinem Plane fortgearbeitet, bis 1548 der Bau für immer eingestellt wurde. – Bis zu dem 1516 erfolgten Tode des Königs Wladislaw größtentheils in dessen Aufträgen beschäftigt, ließ er sich später aus nicht bekannten Gründen in Laun nieder, wo er zwei prachtvolle Stadtthore, verschiedene Privathäuser und als 1515 die dortige Pfarrkirche [51] St. Nikolaus durch Feuer zerstört worden war, dieselbe laut einer noch vorhandenen Inschrift zwischen 1520–1528 von Grund aus neu aufführte und vollendete. Zur selben Zeit wurde von ihm auch die Marienkirche zu Brüx erbaut, wie denn der Meister ähnlich seinem großen Zeitgenossen Michel Angelo noch als Greis in voller Geistesfrische und Thätigkeit fortwirkte. Die Anzahl der von ihm ausgeführten Bauwerke und Sculpturen ist fast unübersehbar; besonders reich ist der Norden Böhmens, wo, abgesehen von vielen Zerstörungen, die Städte und Ortschaften Aussig, Leipa, Graupen, Bensen, Czernosek, Kommotau und Slavietin mit Denkmalen seines Kunstfleißes ausgestattet sind. Dabei mußte der Meister, wie es die damaligen Verhältnisse mit sich brachten, kunstreiche Steinarbeiten, Figuren, Kanzeln, Altäre u. dgl. eigenhändig herstellen. In den Kirchen zu Aussig und Laun erblickt man zierliche Kanzeln, in Bürglitz mehrere in Stein ausgeführte Statuen, in Brüx Sgraffiten und zu Kuttenberg zahlreiche Reliefs, alle in der Hauptsache von seiner Hand gefertigt. Unübertroffen steht Meister Benedikt als Constructeur aller Arten von Gewölben: seine Kenntnisse in diesem Fache waren so allgemein anerkannt, daß er häufig in fremde Länder berufen wurde, um Gutachten über Bauführungen abzugeben oder obwaltenden Gebrechen abzuhelfen. Dieser Thatsache haben wir zu verdanken, daß die Nationalität des Künstlers ermittelt wurde. In besonders naher Beziehung stand Benedikt zu der Oberlausitzer Bauhütte und dem Magistrat von Görlitz; wußte dieser in schwierigen Angelegenheiten nicht Bescheid, wurde der Rath unseres Meisters eingeholt. Im Görlitzer Rathsarchiv befinden sich zwei an Benedikt gerichtete Briefe vom J. 1516, in dem einen wird er „Benedict von Piesting wergmeister zu Prag und Cuttenberg“, im anderen „Benedict Ryet von Pyesting, wergmeister zu Prag und Kuttenberge“ genannt. Ferner liegt ein Bericht des Magistrats von Annaberg an Herzog Georg von Sachsen, d. d. 27. Jänner 1519 vor, betreffend ein Gutachten, welches die Meister Benedix Ried aus Prag, Hans von Torgau und Hans Schickendanz über den Annaberger Kirchenbau abgegeben haben. In diesem Bericht wird Benedix als „königlicher Majestät zu Böhmen oberster Werkmeister des Schlosses zu Prag“ angeführt. Endlich nennt der tüchtige Görlitzer Stadtbaumeister Wendel Roßkopf den Benedikt von Piesting seinen Lehrherrn, von welchem er in Prag freigesprochen worden sei. Unter solchen Umständen kann an der Identität des zu Annaberg, Görlitz und anderen Städten der Lausitz und Sachsens beschäftigten Meisters Benedikt Ried mit dem Benedikt von Laun kein Zweifel obwalten.

L. oder Ried war einer der letzten und begabtesten Gothiker, welcher jedoch den Verfall des Stils ebenso wenig aufhalten konnte als es die Böblinger, Roritzer und die vielen Meister von Nürnberg, der wackere Adam Krafft an der Spitze, zu thun vermochten. Die Formen der Renaissance waren dem Meister nicht unbekannt und er mengte häufig dergleichen Ornamente, korinthische und ionische Kapitäle, kanelirte Säulen, Zahnschnitte, Schlangeneier, Mäander u. dgl. in seine gothischen Architekturen ein, ohne jedoch ein Bauwerk oder nur eine einzelne Partie vollständig im Renaissancestil durchzubilden. Sein Hauptwerk, der Residenzbau in Prag, wurde 1541 durch eine ungeheure Feuersbrunst schwer beschädigt und späterhin unter Kaiser Rudolf II. gründlich umgebaut; nur die kunstreichen und festen Wölbungen des großen Saales und der anstoßenden Gemächer haben dem Feuer widerstanden und sind von späteren Modernisirungen ziemlich verschont geblieben, während die Thüren, Fenster und Wände von italienischen Baumeistern eine durchaus neue Gestalt erhielten. Dieser Saal (Krönungs- oder Wladislaw’scher Saal) hat eine Länge von 170 Fuß, eine Breite von 50 Fuß und eine Höhe von 45 Fuß Wiener Maßes und bildet eine imposante, mit verschlungenen Netzgewölben überspannte Halle, wol das bedeutendste [52] Werk dieser Art, welches sich in Oesterreich erhalten hat. Bürglitz besitzt einen ähnlichen, aber von Säulen unterstützten Saal mit köstlichem Erker und reichem plastischen Schmuck: an der Außenseite des Saalbaues erblickt man die in Sandstein ausgeführten Statuen des Königs Wladislaw II. und seiner Gemahlin, der französischen Prinzessin Anna de Foix, einer Nichte des Königs Ludwig XII. von Frankreich. Der größte Theil des Schlosses Bürglitz aber liegt in Ruinen. Völlig frei von allen Unbilden der Zeit und von entstellenden Zuthaten geblieben sind die St. Nikolauskirche zu Laun und das Innere der Marienkirche in Kuttenberg. Letztgenannte Kirche wird von Kennern einstimmig als die einfachste, zweckmäßigste und schönste aller Landkirchen Deutschlands anerkannt und verdient in der That als Muster aufgestellt zu werden; an der Launer Kirche hingegen entfaltet der Meister den ganzen Reichthum seiner Phantasie. Bei bescheidenen Größenverhältnissen, die Gesammtlänge beträgt nur 140 Fuß, die Gesammtbreite 85 Fuß Wiener Maßes, wußte der Künstler den beschränkten Raum scheinbar bis ins Unendliche auszudehnen: die Linien wachsen, verschlingen sich, regen das Auge an und befriedigen es zugleich. Der hohe künstlerische Werth wird diesem Gebäude, einer durch sechs Säulen (drei auf jeder Seite) eingetheilten Halle, durch das eigenthümlich construirte Gewölbe verliehen. Kunstreicher noch sind die Wölbungen der Pfarrkirchen in Brüx und Aussig, vor Allem aber der Barbarakirche zu Kuttenberg, wo die Rippen sich in Spiralen um die Pfeiler herumwinden und zu sechsseitigen Sternen gestalten. Leider ist der auf eine Länge von circa 340 Fuß beantragte Bau unvollendet geblieben. Meister Benedikt starb zu Laun und wurde in der Vorhalle der von ihm erbauten Pfarrkirche mit großem Gepränge begraben; ein ihm daselbst gesetzter Denkstein ist jedoch nicht mehr vorhanden. Vorzugsweise Techniker und Verstandesmensch hat er sich von den Ausschreitungen der Spätgothik ziemlich fern zu halten gewußt und dem Innenbau stets größere Aufmerksamkeit gewidmet als den Façaden. Seine Sculpturen sind, wie es der gothische Stil bedingt, mehr Decorationsarbeiten als selbständige Werke: die figürlichen Darstellungen sind richtig und effectvoll gezeichnet und dem Aufstellungsorte gut angepaßt, feine Modellirung und Ausdruck darf man aber nicht suchen. Als Schüler werden genannt: der Görlitzer Roßkopf, die Saatzer Bär und Wßetetzka und (wol mit Recht) der Launer Steinmetz Straczryba, welcher 1572 einen herrlichen Brunnen zu Laun herstellte, der aber 1700 abgetragen wurde.

Balbin, Miscell. I, III, S. 127. – Weleslawina, Hist. Kalender, 492. – Dlabacz, Künstlerlexikon, I. S. 184 ff. – Grueber, Kunstgeschichte von Böhmen, IV. S. 193 ff. – Wernicke, Germanischer Anzeiger, Jahrg. 1881, S. 141 u. 198.