ADB:Koberstein, Karl

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Artikel „Koberstein, Karl“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 51 (1906), S. 289–292, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Koberstein,_Karl&oldid=- (Version vom 30. November 2020, 05:41 Uhr UTC)
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Koberstein: Karl Jakob Wilhelm Ferdinand K., Schauspieler und Dramatiker, wurde am 15. Februar 1836 zu Schulpforta als Sohn des als Litterarhistoriker hochverdienten dortigen Professors August K. (1797–1870, s. d.) geboren; die Namen Jacob und Wilhelm trug er von seinen großen Taufpathen, den Brüdern Grimm. Vom fünften Jahre ab besuchte er die Elementar- und Vorbereitungsschule seiner Heimath, trat Ostern 1849 in die Untertertia der Landesschule Pforta und bestand daselbst am 10. September 1856 das Abiturientenexamen. Schon am 21. debütierte er als Prinz Conti in „Narciß“ am Stadttheater zu Stettin – wo er zugleich vom 1. October als Einjährig-Freiwilliger diente – unter der kunstsinnigen Leitung des Directors Julius Hein mit vollem Einverständniß seines Vaters, der des Sohnes Neigung zur Bühne nicht hemmen wollte, wol seit dieser bei einer Schüleraufführung von Shakespeare’s „Julius Cäsar“ als Marc Anton verdienten Beifall geerntet. Bei seinem Lehrer Hein machte K. derartige Fortschritte, daß er während seiner letzten zwei Stettiner Jahre das ganze Fach der jugendlichen Helden und Liebhaber übernehmen konnte. Nach Auflösung von Hein’s Bühnenverband im Frühjahr 1860 folgte K. im August Eduard Devrient’s Ruf an das Hoftheater zu Karlsruhe, nach erfolgreichem Auftreten als Arnold von Melchthal und als Landry (in Ch. Birch-Pfeiffer’s „Grille“). Dort begann in mehrfacher Hinsicht ein neues Leben für ihn. Die tägliche Berührung mit seinem genialen Director Devrient sowie das Vertrauen, von diesem in das sog. Lesecomité eingereiht zu werden, dem die Neuerscheinungen zur Durchsicht und Prüfung vorgelegt wurden, regten ihn nachdrücklich zu eigenem dramatischen Schaffen an und bereicherten seine Kenntniß und Beherrschung der Bühnenverhältnisse außerordentlich. Außerdem verlobte er sich in Karlsruhe mit des berühmten Historienmalers und Landschafters Professor Karl Frdr. Lessing einziger Tochter Bertha, die ihn in allen spätern schweren Leidenstagen liebevoll pflegen sollte. Im J. 1863 führte er sie als Gattin nach Dresden heim, wo er an der Hofbühne 1861 als Karl Moor und Mortimer mit Glück gastirt und definitiv am 2. Juni 1862 als Melchthal eingetreten war. Von den Helden und Liebhabern ging er bald ins Fach der jugendlichen Charakterrollen und Intriguanten über und zählte gegen Ende seiner Bühnenlaufbahn zu seinen besten Leistungen: Gianettino Doria, Hermann (Schiller’s „Räuber“), Jüngerer Chorführer in „Braut von Messina“, Heinrich Bolingbroke („Richard II.“), Buckingham („Richard III.“), Edmund („König Lear“) u. a. m. Im Kriege 1870 wurde K. als Vicefeldwebel eingezogen und hat, zum Lieutenant befördert, im sächsischen Infanterieregiment Nr. 105 den Feldzug bis zum Schlusse mitgemacht; nach 22jähriger Angehörigkeit als Oberlieutenant ausgeschieden, ist er der erste zum Officier zugelassene deutsche Schauspieler gewesen. Seit Anfang 1880 schwankte seine Gesundheit, auch Bad Kissingen half den angegriffenen Nerven wenig und so trat er denn, ohnehin immer mehr seinen Aufsätzen neben der theatralischen [290] Wirksamkeit sich hingebend, im Frühjahr 1883 aus dem Verbande des Dresdener kgl. Hoftheaters in den Ruhestand. Ende des Jahres im Begriffe nach Berlin überzusiedeln, erlitt er einen leichten Schlaganfall. Nun zog er mit der Familie nach Dresdens schönem Vorort Blasewitz, dann nach Waldpark Striesen in derselben Gegend; aus schwerem Siechthum erholt, schuf er geistig rüstig weiter. Ein zweiter Schlag 1888 lähmte Hand und Zunge. 1892/93 verzog das Ehepaar nun doch noch nach Berlin, in dessen Vorort Wilmersdorf er, bis zuletzt aufopferungsvoll von seiner treuen Lebensgefährtin in dem verschlimmerten Zustande besorgt, am 15. September 1899 eines sanften Todes dahinging.

Hatte K. in idealer Hinsicht der mit ehrlicher Begeisterung ergriffene Schauspielerberuf nie völlig befriedigt, so lohnte ihn auf litterarischem Felde der darauf verschiedenfach gesuchte Erfolg. Sein dramatisches Schaffen setzte in Karlsruhe ein, von wo er seinen Erstling „Florian Geyer“ im ganzen fertig mit nach Dresden nahm. Hier gab er ihm 1863 die abschließende Ueberarbeitung, und in demselben Jahre erschien dies fünfactige Trauerspiel im Druck. Der damals auch von Wilhelm Genast (1857), danach von J. G. Fischer (1866), Dillenius (1868), endlich in einem vielumstrittenen Bühnenwerke von Gerh. Hauptmann (1895) dramatisirte ritterbürtige Bauernführer der Reformationszeit Florian Geier von Geiersberg geht bei K. als Opfer aristokratischer Barbarei und der rohen Bauernhorden unter, welch letztere unter blutdürstiger Rachsucht des hochfliegenden Zwecks vergessen, in dessen Zeichen sie den Kampf begonnen. Robert Prölß, der das Stück von der Dresdener Darstellung gut kennt, nennt es frisch entworfen und bühnenwirksam. Nach sechs Jahren folgte als zweites Trauerspiel „König Erich XIV.“ (1869), dessen Stoff vorher J. v. Auffenberg (1820) und Rob. Prutz (1843), kurz nach K. 1871 in psychologisch wohlgelungener Vertiefung Heinr. Kruse, neuerlich (1881) noch Jos. Weilen dramatisirt haben. Die mit peinlichem Bedacht auf echten dramatischen Effect angelegte Tragödie Koberstein’s ging über eine große Anzahl von Bühnen mit Erfolg, erzielte aber trotz sorgfältigen Dialogs keine eindringlichere Wirkung, namentlich nicht bei der Berliner Première, auf die die Augen, auch die des Verfassers, gerichtet gewesen waren. Ein langjähriger, höchst kundiger Kritiker, Karl Frenzel, spiegelt uns in seinem gründlich zerlegenden Berichte über jene Aufführung vom 23. October 1871 am Berliner kgl. Schauspielhaus den Eindruck auf das freundlich entgegenkommende mäßig besetzte Haus und lobt allerlei Ansätze, den nicht ohne Kunst frei verwertheten Stoff auszugestalten, „ein nicht unbedeutendes theatralisches Talent. Mit sicherer Bühnenkenntniß hat hier ein gebildeter, dichterisch begabter Schauspieler für Schauspieler gearbeitet“; er erwartet vom Verfasser, der diesmal mehr verspreche als er leiste, „Vollendeteres“. Obschon allerseits anerkannt wurde, daß diese sicher aufgestellte schwedische Staatshistorie, die nur freilich nicht nur der Belebung durch eingreifende weibliche Elemente, sondern auch thatsächlicher tragischer Schuld entbehrt, auch abgesehen von den bühnenpraktischen Vollkommenheiten, in etlichen Scenen über das eingebürgerte Mittelmaß hinausgreife (um A. Klaar’s Urtheilsformulirung anzuwenden), scheint K. die Lust an fernerer Bedienung schweren dramatischen Geschützes verloren zu haben. Zudem entzog ihn damals, nachdem er das Schicksal des unseligen Schwedenkönigs bewältigt, der Franzosenkrieg dem dramatischen Fortschreiten. Als Ausbeute brachte er von da einen leichteren Stoff mit heim, dessen Bearbeitung er 1872 guten Muths durchführte: das historische Lustspiel „Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden“ oder – auf dem Berliner kgl. Schauspielhaus – „Um Nancy“ (5 Acte). Es behandelt [291] Cardinal Richelieu’s fehlgegangene Anschläge auf Lothringen, mit einem leisen, aus der Zukunft, da das zwei Jahrhunderte entfremdet gewesene Reichsland wenigstens theilweise wiedergewonnen, erklärlichen Triumph-Ton. Auf vielen Bühnen des Deutschen Reichs, über die dies feine nette Stück ging, und auch in Nordamerika, fand es freundliche Aufnahme und es hat sich trotz Heinrich Goll’s Prognostikon (in seiner Revue über das Theaterjahr 1872) das „verfehlte Erzeugniß“ über anderthalb Jahrzehnte vielfach „auf dem Repertoir halten“ können. Ob die nach der günstigen Aufnahme dieses historischen Lustspiels dem Vernehmen nach in der Luft schwebende Berufung des Dresdener Hofschauspielers als Oberregisseur ans Wiesbadener kgl. Hoftheater mit dieser Leistung zusammenhängt, ist fraglich.

Schon in den Karlsruher schriftstellerischen Anfängen hatte K. für wissenschaftliche Journale verschiedene theatergeschichtliche Aufsätze auszuarbeiten begonnen und hat dann, z. B. in der von Prof. Dr. Bruno Meyer herausgegebenen Zeitschrift „Deutsche Warte“, solche über Bogumil Dawison sowie über Karl und Emil Devrient veröffentlicht. Durch den geistvollen Litterarhistoriker Hermann Hettner in Dresden angeregt, befaßte sich K. seit ungefähr 1880 mit historischen Studien, insbesondere zur preußischen Geschichte. Daraus erwuchs eine Reihe geschichtlicher und biographischer Aufsätze, welche zumeist in den „Preußischen Jahrbüchern“ oder „Westermanns Illustr. Dtsch. Monatsheften“ gedruckt wurden. Die 9 werthvollsten hat 1887 sein „Preußisches Bilderbuch“ gesammelt: ein Zeugniß erfreulichsten Eifers, mit dem geübten Blicke des Bühnenmannes neuhistorische Figuren getreu aufzufassen und spannend darzustellen, ohne alle schulfuchsige Manier und doch gewissenhaft, ja vielleicht wahrheitsstrenger (s. S. V u. 219 A.). Im nächsten Jahre hörten Koberstein’s Studium und Production auf und er ward nun ein stiller Mann: doch wie überglücklich, daß er wenigstens seine Ernte in ein paar ausdauernden Garben unter Dach gebracht hatte. Die schwärmerische Anhänglichkeit an die geliebte Idylle seines Pforta durch ein nochmaliges Wiedersehen konnte der Kranke nicht mehr erfüllen. Doch ist ihm dortselbst bei der üblichen Jahresfeier der verblichenen Pfortenser am 25. November 1899 ein würdiges „Ecce“ gehalten worden (von Flemming): „Die Ecce der Landesschule Pforta im Jahre 1899“ (Naumburg a. S. 1899), S. 48 f., woraus viele obige Daten authentischen Anstrichs erflossen und auch der Schlußsatz unsere Skizze abrunde: „Seine durch und durch deutsche Gesinnung, seine Empfänglichkeit für alles Große und Schöne, sein ideales Streben hat er sich bewahrt, so lange ihm das Geschick Raum gab zu schaffen und seine Pläne und Entwürfe zu verwirklichen“.

Vgl. außerdem F. J. Frhr. v. Reden-Esbeck, Dtsch. Bühnen-Lex. I (1879) S. 338 f.; Frz. Brümmer, Lex. d. dtsch. Dicht. u. Pros. d. 19. Jhs. 4 u. 5 II, 311 (u. 558); Ad. Hinrichsen, Das lit. Dtschl.² (1891) S. 705 f. (ersichtlich eingesandte Selbstbiographie); Nachruf i. d. Vossischen Zeitung (s. o.), s. v. Liter., Kunst u. Wissensch., auch anderwärts in Tagesblättern (Frkf. Ztg., Allg. Ztg. [1899 Nr. 263 Abendbl., Feuilleton] u. a.). Die Conversationslexica, auch Bornmüller’s Schriftstellerlex. (S. 393) behandeln ihn anhangsweise neben seinem Vater; einzige bisherige Lebens- und Charakterskizze mit Nachweisen von L. Fränkel i. Biogr. Jahrb. u. Dtsch. Nekrolog IV, 238. Zu Einzelheiten der Dramen: Meyer’s Dtsch. Jahrbuch I, 372, II, 257 (Goll); Hnr. Kurz, Gesch. d. dtsch. Lit. IV, 511; R. Prölß, Gesch. d. modrn. Dramas III 2, 350; A. Klaar, Das modrn. Drama, S. 274; K. Frenzel, Berliner Dramaturgie I, 268–74 (über „König Erich XIV.“); Ad. Stern, Lex. d. dtsch. Nationallit. S. 86 (irrig, ebengenanntes Stück sei [292] 1865 entstanden); R. Gottschall, Die dtsch. Nationalliteratur d. 19. Jahrhs.6 III, 100. W. Haan, Sächs. Schriftstellerlex. S. 167.