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Textdaten
Autor: Franz Mehring
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Titel: Zur Geschichte der Socialdemokratie.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
wurde in der Gartenlaube 1880 fortgesetzt
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[280]
Zur Geschichte der Socialdemokratie.
Von Franz Mehring.
1. Einleitung.

Die „Gartenlaube“ ertheilt mir einen ebenso ehrenden und verlockenden, wie schwierigen und verwickelten Auftrag, wenn sie mich auffordert, ihrem weiten Leserkreise auf dem Hintergrunde der europäischen ein durchsichtiges und klares Bild der deutschen Socialdemokratie zu entwerfen. Wer, dem Lärm des Tages sich verschließend, den tieferen Zusammenhang der modernen Arbeiterbewegung zu erfassen sucht, wird in ihr das große Räthsel des neunzehnten Jahrhunderts erkennen, das unheimliche Fragezeichen, welches über allen Gütern der modernen Cultur schwebt. Kein Jahrhundert der Weltgeschichte hat eine gewaltigere und tiefere Krise um Sein oder Nichtsein der lebenden Geschlechter hervorgerufen. Denn gegen alles, was menschlichem Denken und Fühlen heilig ist in Ehe und Familie, Kirche und Staat, Kunst und Wissenschaft, stürmen finstere Mächte der Tiefe zum erbarmungslosen Vernichtungskampfe empor, und noch kennen wir nicht den Zauberspruch, welcher die dunkeln Gewalten bändigt und bannt. Das innere Geflecht eines so verworrenen Problems in allen seinen Verzweigungen aufzudecken, reichen dicke Bände nicht hin; ein Versuch, in wenigen Spalten mit sichern und starken Strichen wenigstens die Grundzüge dieses Gemäldes zu zeichnen, muß deshalb von vornherein um die Nachsicht des Lesers bitten. –

Der Socialismus ist so alt, wie die bürgerliche Gesellschaft. Bei der natürlichen Ungleichheit der Menschen hat es noch keine gemeinsame Ordnung gegeben, deren einzelne Glieder und Schichten unter völlig gleichen Verhältnissen gelebt hätten. Immer gab es Unterschiede mehr oder minder schroffer Art, Unterschiede, welche anfangs wesentlich in der natürlichen Ungleichheit der einzelnen Individuen wurzelten, aber bei der weiteren Entwickelung der gesellschaftlichen Verhältnisse häufig dazu führten, den Guten und Starken schwerer zu treffen, als den Schlechten und Schwachen. Irdische Weisheit hat das Glück noch nicht zu zwingen vermocht, immer mit der Tugend, oder das Elend, niemals mit dem Verdienste zu wandeln.

Solche vermeintliche oder wirkliche Härten haben von jeher die Sehnsucht nach einer besseren Welt schon unter dieser Sonne erweckt, gleichermaßen in erhabenen Geistern, welche schmerzlich die Beschränktheit alles menschlichen Lebens empfanden, wie in niedrigen Naturen, die ihre begehrlichen Hände nach unverdienten Preisen erhoben. So erklärt sich die befremdliche Erscheinung, daß die reinste Tugend und die roheste Sinnlichkeit, die edelsten Herzen und die gemeinsten Seelen sich in socialistischen Träumen zu begegnen pflegen. Die socialistischen Bewegungen aller Zeiten gleichen jener sagenhaften Hunnenschlacht welche Kaulbach in seinem berühmte Gemälde verewigt hat; in den Wolkenhöhen der Gedankenwelt tost die Geisterfehde, während ein rasender Kampf den irdischen Boden mit Leichen und Trümmern bedeckt. Wenig gräuelvollere Scenen weisen die Blätter der Geschichte auf, als die Sclavenaufstände des Alterthums und die Bauernkriege des Mittelalters, aber ein größter, griechischer Denker, Platon in seinen Büchern über den Staat, erbaute den ersten socialistischen Idealstaat; aus dem versinkenden Schutte der antiken Welt erhob sich der ideale Communismus der ersten Christengemeinden als froher Bote einer weltweiten Zukunft, und in den Tagen des „Armen Conrad“ veröffentlichte Thomas Morus, der edle Kanzler Heinrich’s des Achten von England, sein „Nirgendheim“, seine „Utopia“, deren Name seitdem sprüchwörtlich geworden ist für alle Träume von unerreichbarem Menschenglück. –

Naturgemäß werden socialistische Regungen am nachhaltigsten und stärksten hervortreten, wenn einerseits ein hoher Begriff von der rechtlichen Gleichheit aller Menschen in den Gemüthern lebt, während in den gesellschaftlichen Zuständen schroff die thatsächliche Ungleichheit hervortritt. Mit einer Schärfe, wie nie zuvor, trafen beide Momente in der großen Revolution von 1789 zusammen, und seitdem wurde der Socialismus eine Weltmacht. Die politischen Gedanken der Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, [282] einen echten und wahren Kern tragend unter einer dichten Hülle von phrasenhaftem Wust, erweckten in den Massen überschwängliche Hoffnungen, während ihre socialen Gedanken, die freie Entfesselung der wirthschaftlichen Kräfte, die Befreiung der Arbeit und des Besitzes von allen mittelalterlichen Fesseln, vielfach ein Massenelend hervorriefen. Nicht zwar, als ob diese Gedanken nicht einen ungeheuren Fortschritt in der menschheitlichen Entwickelung darstellten, aber die uralte, weltgeschichtliche Erfahrung, daß der Eintritt in neue Culturepochen regelmäßig mit endlosen Wirren eines langen Uebergangsstadiums erkauft werden muß, bewährte sich auch diesmal, und zwar in um so höherem Grade, je gewaltiger der eingetretene Umschwung war.

Nichts thörichter, als die eherne Nothwendigkeit von 1789 zu verkennen um der Gräuel von 1793 willen. Es wäre dasselbe, wie wenn man die deutsche Reformation wegen der Wiedertäuferwirthschaft in Münster verleugnen wollte. Unsere conservativen Parteien stehen ebenso ganz und voll auf dem Boden der großen Revolution, wie die liberale, ja in gewissem Sinne hat sie jenen größere Segnungen gebracht, als diese. Sie schuf den freien Bauernstand, eine ebenso conservative wie gesunde Schicht der heutigen Gesellschaft, während sie auf industriellem Gebiete zwar eine ungeheure Entwickelung hervorrief, aber zugleich auflösend und zersetzend wirkte. Erst von nun ab vermochte sich die große Industrie, welche seit dem beginnenden Welthandel im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts langsam entstanden war, frei zu entwickeln; sie überschüttete das menschliche Geschlecht mit unendlichen Schätzen, aber sie gestaltete auch härter, schroffer, verletzender denn je zuvor den Gegensatz in den Eigenthumsverhältnissen, indem sie den Stand der besitzlosen Lohnarbeiter hervorrief. Er wuchs empor aus hörigen Leuten, aus Gesellen und Lehrlingen, zu einem nicht unerheblichen Theile auch aus kleinen Besitzern und Handwerkern, die in dem wirtschaftlichen Wettkampfe mit der großen Industrie unterlagen. Er entbehrte allen Zwanges, aber auch aller Wohlthaten der mittelalterlichen Rechtsordnungen. Ihn fest und sicher einzufügen in die organische Gestaltung des modernen Culturstaats, ist der innerste Kern der socialen Frage, welche das neunzehnte Jahrhundert zu lösen hat, auf dem Wege allmählicher und schrittweiser Bahnen, in Zeiträumen, welche sich heute noch nicht absehen lassen, denn in solcher Weltwende zähle Jahrzehnte kaum wie Tage.

Kein ehrlicher Geschichtsforscher kann und wird die entsetzlichen Uebelstände leugnen, welche die Entwickelung der großen Industrie häufig über breite Schichten des Arbeiterstandes gebracht hat. Sie traten am ersten und heftigsten in den Ländern auf, in denen jene Entwickelung sich am schnellsten und umfassendsten vollzog, in Frankreich und in England. Und naturgemäß wurden diese Länder die Geburtsstätte des modernen Socialismus. Er ähnelte früheren Bewegungen gleicher Tendenz zunächst darin, daß er in phantastische Einbildungen schwelgte und daß er in zwiespältiger Form auftrat: edle Geister und schwärmerische Menschenfreunde erbarmten sich des große Elends, und in den leidenden Massen regten sich wilde Gedanken des Umsturzes. Aber er unterschied sich mehr und mehr grundtief von seinen Vorläufern dadurch, daß er die utopische Form abzustreifen, mit allem Rüstzeug der modernen Wissenschaft eine neue Welt zu erbauen suchte, und daß er die Bewegung der Geister und der Massen zu einheitlicher Wirksamkeit verschmolz. Dieser Umwandelungs- und Verjüngungsproceß erweckte ihm neue und nie geahnte Kräfte.

Der erste namhafte Socialist unseres Jahrhunderts war einem der älteste Adelsgeschlechte entsprossen. Henri de Saint-Simon warf 1819 die Frage auf, ob es für Frankreich nachtheiliger sein würde, wenn das Land plötzlich die ganze königliche Familie, den ganzen Hofstaat, den ganzen höheren Clerus, die ganze höhere Beamtenwelt, kurzum seine dreitausend hochgestellten Personen, oder aber seine dreitausend größten Gelehrten und Arbeiter verlieren würde. Er entschied sich dafür, daß der letztgedachte Verlust unendlich schwerer wiegen würde, da zwar jene, aber nicht diese Stellen sehr leicht auszufüllen wären, und er folgerte, daß der Arbeit nicht die letzte, sondern die erste Stelle in der Gesellschaft gebühre. In dem bizarren Vergleiche, der an sich mehr scherz- als ernsthaft genommen werden muß, lag ein bewußter Zweifel an der Gerechtigkeit der bestehenden Eigentumsordnung, der sich nach und nach klarer entwickelte. An dieser Stelle würde es natürlich zu weit führen, alle socialistischen Schulen in Frankreich auch nur in den schattenhaftesten Strichen zu zeichnen; in dieser bunten und mannigfaltigen Gesellschaft bewegten sich phantastische Schwärmer, wie Cabet und Fourier, zuchtlose Poeten, wie Sue, kritisch-zersetzende Naturen, wie Proudhon, durch und neben einander. Es kann sich nur darum handeln, zu zeigen, wie die dunkle Vorstellung Saint Simon’s, der niemals die bestehende Einrichtung angegriffen oder einen Versuch zu praktischer Agitation gemacht, oder auch nur ein Mittel zur Verwirklichung seiner Schlußfolgerung angegeben hat, eine politische Macht wurde.

Seine Schüler, namentlich Bazard, thaten eine großen Schritt über ihn hinaus, indem sie als die eigentliche Quelle der ungerechten Gütervertheilung das Erbrecht der Blutsverwandtschaft bezeichneten und demgemäß ein Erbrecht des Verdienstes forderten, das will sagen, den Heimfall der Hinterlassenschaften an den Staat, dessen Rechtsschutz überhaupt erst ein Eigenthum ermögliche, wie er es auch erwerben und erhalten helfe. Damit hatte der socialistische Gedanke politische Form angenommen; die Staatsgewalt wurde als Retterin und Richterin in den socialen Wirren ausgerufen. Allein noch fehlte die praktische Handhabe; die Saint-Simonisten erörterten ihr sociales Heilmittel rein philosophisch, und indem ihre gemäßigte Mitglieder sich auf die Forderung progressiver Erbschaftssteuern und die Aufhebung des Erbrechts nur in den entfernteren Verwandtschaftsgraden beschränkte, verließen sie sogar den streng socialistischen Boden, denn eine Reform des Erbrechts in dem angedeuteten Sinne kann sehr wohl auch von Vertretern der bürgerlichen Oekonomie erwogen werden.

Erst Louis Blanc fand jene praktische Handhabe, welche den modernen Socialismus zu einer treibenden Kraft der Weltpolitik machte. Anknüpfend an den Gedanken, daß die Staatsgewalt allein die sociale Ungleichheit beseitigen könne, forderte er 1839 in seiner berühmten Schrift über die „Organisation der Arbeit“, daß der Staat die besitzlosen Arbeiter mit den Mitteln ausrüsten müsse, um den wirthschaftlichen Wettkampf mit den besitzenden Classen zu bestehen, und hieraus ergab sich von selbst, daß behufs dieses Zwecks die Arbeiter sich in den Besitz der Staatsgewalt setzen müßten. Damit war die erste Berührung zwischen der geistigen und materiellen Bewegung des Socialismus in einem politischen Agitationsprogramm vollzogen, oder mit anderen Worten: die moderne Socialdemokratie war geschaffen.

Noch nicht zehn Jahre später stürzten die Arbeiter von Paris den Thron Louis Philipp’s; in der provisorischen Regierung der Republik saßen unter einer Mehrheit von bürgerlichen Republikanern die Socialisten Louis Blanc, Flocon und Albert, ein Arbeiter. Die schamlose Classenherrschaft einer entarteten Bourgeoisie, die entsetzliche Corruption des Bürgerkönigthums hatten der socialdemokratischen Bewegung in Frankreich eine furchtbare Kraft gegeben. Aber als nun die Arbeiter ihren Lohn von der Regierung forderten, zeigte sich schon bei der Probe die vollkommene Unfähigkeit des Socialismus, neue Organismen des gesellschaftlichen und staatliche Lebens zu schaffen. Louis Blanc setzte zwar durch, daß die provisorische Regierung in einem amtlichen Erlasse den Arbeitern ihren Unterhalt durch die Arbeit verbürgte; auch richtete er ein Arbeiterparlament im Luxembourg ein, in welchem viel kostbare Zeit verschwatzt und vertrödelt wurde, allein tatsächlich hat er nichts geleistet. Allerdings hatte er hartnäckig mit der Mehrheit der Regierung zu kämpfen; die berüchtigte Nationalwerkstätten waren nicht sein Werk, waren nicht die in seinen Schriften geforderten socialen Ateliers, sondern sie wurden, gerade um ihn zu discreditiren, von jener Mehrheit in einer Weise errichtet, welche sie binnen kurzer Frist bankerott werden lassen mußte. Das gräßliche Ende von alledem ist bekannt; im Juni erhoben sich die enttäuschten Arbeiter; zum ersten Mal wehte die rothe Fahne von den Barricaden. Eine dreitägige Straßenschlacht voll unnennbarer Gräuel bedeckte das Pflaster mit 10,000 Leichen; in diesem Blutstrome erlosch das Feuer der socialistischen Idee für viele Jahre.

Schneller und unaufhaltsamer noch, als in Frankreich, entwickelte sich die große Industrie in England, dessen meer- und weltbeherrschende Stellung ihr die günstigsten Vorbedingungen [283] sicherte. Und in gleichem Grade schrecklicher traten dort ihre unheilspendenden Schattenseiten an’s Tageslicht. Kein Zweifel, daß die industriellen Arbeiterkreise des Inselreiches während der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts die grauenvollsten Bilder der neuesten Culturgeschichte bieten. Inmitten so unsagbaren Elends erstand in dem Millionär Robert Owen die edelste und reinste Gestalt des modernen Socialismus. In seiner Fabrik zu New-Lanark in Schottland hatte er erfahren, daß seine hingebende Fürsorge ebensowohl für die materielle Hebung, wie für die geistige und sittliche Bildung seiner Arbeiter nicht nur auf diese selbst die günstigsten Wirkungen hervorbrachte, sondern auch von einer überraschenden Steigerung des Reinertrages begleitet war. Ganz England sah staunend auf diese wunderbaren Erfolge; gekrönte Häupter des Continents begrüßten in Owen einen Wohlthäter der Menschheit. Auf solche Erfahrungen gestützt, verlangte er die allmähliche Einführung von „Heimathscolonien“, die je 2- bis 3000 Menschen umfassen und in völliger Gütergemeinschaft mit gleichen Rechten aller Theilnehmer leben sollten. Der reiche Mann hat keine Kosten und Mühen gescheut, diesen communistischen Gedanken in der Gründung einzelner Colonien durchzuführen, aber alle diese Versuche sind kläglich gescheitert. Es zeigte sich schon in diesen verhältnißmäßig einfachen und kleinen Verhältnissen, daß ein Leben in Gütergemeinschaft bei allen Teilnehmern ein so ausgezeichnetes moralisches Pflichtgefühl voraussetzt, wie es sich in der großen Masse der Menschen niemals findet und finden kann, so lange Menschen eben Menschen sind. Aber die friedliche und vom lautersten Willen getragene Propaganda Owen’s ist deshalb nicht spurlos im Sande verlaufen. Das selbstlose und reine Wirken eines edlen Menschen trägt, auch wo es in die Irre geht, noch tausendfältige Frucht; Owen ist durch die idealere Richtung, welche er dem Leben und Treiben gerade der besten Arbeiter gab, ihr einflußreichster Erzieher geworden; von ihm rührt das ganze Genossenschaftswesen her, welches den arbeitenden Classen in England so reichen Segen gebracht hat.

Während dieser humane Communismus die reifsten und tüchtigsten Elemente unter den Arbeitern denken und mittelbar den richtigen Weg erkennen lehrte, tobte in den untersten Schichten die socialdemokratische Agitation. In diesem politisch geschulten Volke ließ ein schwerer Druck von selbst das Verlangen nach Vertretung im Parlamente entstehen. Als die Reformacte von 1832 zwar den Mittel-, aber nicht den Arbeiterclassen das Wahlrecht gab, bildete sich einige Jahre später in London ein Arbeiterverein, um den Arbeitern Vertretung im Parlamente zu verschaffen behufs einer neuen Ordnung der Gesellschaft in ihrem Interesse. Aus diesem Vereine ging die Volkscharte hervor, deren sechs berühmte Forderungen waren: Stimmrecht wie Wählbarkeit aller erwachsenen Männer, geheime Abstimmung, jährliche Parlamente, Diäten der Abgeordneten und gleichmäßige Wahlbezirke. Die Apostel des Vereins, welche die Arbeiterbezirke bereisten und in kürzester Frist eine ungeheure Zahl von Anhängern warben, ließen keinen Zweifel über den socialen Hintergrund dieses anscheinend rein politischen Programms. „Der Chartismus,“ predigten sie, „ist keine politische Frage, bei welcher es sich darum handelt, daß Ihr das Wahlrecht erlangt; der Chartismus ist eine Messer- und Gabelfrage, die Charte heißt gute Wohnung, gutes Essen und Trinken, gutes Auskommen und kurze Arbeitszeit.“

Im Laufe eines Jahrzehnts schwoll diese chartistische Bewegung zu außerordentlicher Macht und nicht minder außerordentlicher Gefährlichkeit an. Während anfangs über die Mittel, wie das allgemeine Stimmrecht zu erlangen sei, die Meinungen getheilt waren, eine Partei der moralischen Macht und eine Partei der physischen Gewalt sich gegenüber standen, siegte wie üblich die radicale über die gemäßigte Richtung. In Volksversammlungen, welche hundert-, selbst zweimalhunderttausend Menschen zählten, wurde in der wüthendsten Sprache zu Eroberung der Charte mittelst der Waffen aufgefordert. Es kam zu blutigen Aufständen, auch zum Versuch einer allgemeinen Arbeitseinstellung. Die besitzenden Classen wurden zuletzt von der größten Besorgniß erfaßt, aber, sehr ungleich der französischen Bourgeoisie, die in allen socialen Wirren eine nachgerade sprüchwörtliche Feigheit bewährt hat, traten sie selbst für ihr Recht ein und übten sich im Gebrauche der Waffen, um eine planmäßige Empörung niederwerfen zu können. Man glaubte diese Erhebung vor der Thür, als Feargus O’ Connor, der namhafteste Führer der Chartisten, am 10. April 1848 erklärte, an der Spitze von 150,000 Mann in’s Unterhaus einziehen zu wollen, um eine angeblich von nahe an sechs Millionen Personen unterschriebene Petition um die Charte in die Volksvertretung zu tragen. Die umfassendsten Vertheidigungsmaßregeln wurden getroffen, nicht weniger als 150,000 Bürger ließen sich freiwillig als Specialconstabler einschwören, allein nur 30,000 Arbeiter folgten dem Rufe O’Connor’s, und unter solches Umständen verzichtete er auf den Zug.

Diese moralisch-politische Niederlage brach die innere Kraft des Chartismus, aber erloschen ist er nicht eher, als bis derselbe tapfere Rechtssinn, welchen das englische Bürgerthum sich als unerschütterlichen Damm den heranstürmenden Wogen des Aufruhrs entgegen stemmen ließ, auch den gerechten Beschwerden der Arbeiter abhalf. Die Schaffung einer humanen Fabrik- und Werkstätten-Gesetzgebung, die Förderung der Gewerkvereine mit ihrem System der Einigungskammern und Schiedsgerichte, die Parlamentsreform von 1867, welche den industriellen Arbeitern das Stimmrecht gab, haben den arbeitenden Classen die Möglichkeit und namentlich auch die Ueberzeugung gegeben, daß sie eine nachhaltige Hebung ihrer Lage auch auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung erreichen können. So bietet England das merkwürdige und trostreiche Schauspiel, daß das classische Land der großen Industrie und der schroff gestalteten Eigenthumsverhältnisse zugleich der unfruchtbarste Boden für die socialdemokratischen Bestrebungen ist.

Weit hinter England und Frankreich war in dem dritten maßgebenden Culturstaate der modernen Welt, war in Deutschland die politische und wirtschaftliche Entwickelung zurückgeblieben. Während die Bewegung von 1848 in jenen Ländern schon einen mehr oder minder ausgesprochen socialen Charakter trug, richtete sie sich in Deutschland wesentlich noch gegen die letzte Reste des mittelalterlichen Feudalismus. Nur in dem Rheinlande regten sich schon, begünstigt durch die hohe Entwickelung der dortigen Industrie und die französische Nachbarschaft, socialdemokratische Tendenzen, die namentlich in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ zu Köln vertreten wurden. In diesem Blatte wirkte Engels und Marx, zwei hervorragende Gelehrte; mehr in den Hintergrund trat der junge, aber nicht minder bedeutende Lassalle, der damals tief in den unsaubern Prozeß Hatzfeldt verwickelt war. Aber um wie viel die deutsche hinter der englischen und französischen Arbeiterbewegung zurückblieb, um so viel zeigten sich die deutschen Socialdemokraten ihren englischen und französischen Gesinnungsgenossen überlegen. Engels und Marx waren zugleich Führer eines internationalen „Bundes der Communisten“; als solche erließen sie kurz vor der Februarrevolution ein communistisches Manifest, in welchem die europäische Socialdemokratie des neunzehnten Jahrhunderts ihre typische Form und Gestalt gewann. Denn indem die Verfasser dieses Schriftstückes die besitzlosen Massen aufriefen nicht zur Bekämpfung einzelner, verwerflicher Einrichtungen der heutiger Zustände, sondern zum schonungslosen Vernichtungskriege gegen alle die politischen und religiösen ebenso wie die wirtschaftliche Grundlagen der modernen Gesellschaft, indem sie ferner erklärten, daß dieser Krieg nur durch Gewalt und nur durch das internationale Zusammenwirken der arbeitenden Classen aller Länder siegreich zu führen sei, und indem sie endlich als Siegespreis das Gemeineigenthum an Grund und Boden und allen Arbeitswerkzeugen hinstellten, zeigten sie sich gleichermaßen als die consequentesten und wissenschaftlich klarsten Köpfe, wie als die gefährlichsten und rücksichtslosesten Demagogen, welche die communistisch-socialistische Bewegung hervorgebracht hat. Bis auf den letzten Schatten und die letzte Spur hatte der socialistische Gedanke die phantastischen und utopistischen Nebelhüllen, die sentimentale Maske der schwärmerischen Menschenliebe abgestreift; entschlossen, fertig, klar, in der einen Hand die Brandfackel des Aufruhrs und in der andern den blanken Stahl der Wissenschaft, stellte er sich dem gesitteten Völkerleben zum Kampfe auf Leben und Tod gegenüber.

Seit Erlaß des communistischen Manifestes konnte kein Zweifel mehr herrschen, daß die Leitung der internationalen Socialdemokratie in diese deutschen Hände gefallen war. Nur der völlige Niedergang aller socialistischen Bestrebungen, der bald nach seiner Veröffentlichung erfolgte, mochte die Thatsache verbergen. Aber als im Beginn der sechsziger Jahre das Wiedererwachen [284] der Geister nach dem Todesschlafe der Reactionsepoche und die schwere Krisis des amerikanischen Secessionskrieges eine mächtige Bewegung durch die europäische Arbeiterwelt zittern ließen, ward alsbald offenbar, daß es die deutsche Erde ist, auf welcher dieser gewaltige Kampf um die höchsten Güter der Menschheit seine entscheidenden Schlachten schlagen wird.

[351]
2. Ferdinand Lassalle und der allgemeine deutsche Arbeiterverein.[1]

In der einleitenden Skizze dieser Darstellung ergab sich, daß der moderne Socialismus, an sich ein zwiespältiges Wesen voll innerlich widerstrebender Eigenschaften, in deutschen Köpfen zur höchsten Vollendung reifte und, indem er die reinsten und die unreinsten Triebe der menschlichen Natur zu einheitlicher Wirksamkeit verschmolz, gewissermaßen seinen innern Widerspruch überwunden zu haben schien. Aber gerade auf dieser gipfelnden Höhe schlug er sofort wieder in seinen genauen Gegensatz um. Während sich die revolutionäre Arbeiterbewegung in England und Frankreich aus verkehrten Zuständen, also immerhin mit einer gewissen Naturnotwendigkeit entwickelte, entstand sie bei uns im Mutterlande der größten Denker unter den Demagogen, welche der Socialismus hervorgebracht hat, zunächst als ein politisches Abenteuer. Es wäre thöricht zu glauben, daß es heute keine deutsche Sozialdemokratie gäbe, wenn es keinen Ferdinand Lassalle gegeben hätte, aber gewiß ist, daß, als er im Frühjahre 1863 seine Agitation aus mehr oder minder frivolen Beweggründen begann, unsere Arbeiter noch nicht entfernt daran dachten, sich aus freien Stücken gegen die bestehende Ordnung in Gesellschaft und Staat aufzulehnen, denn sie lebten in nichts weniger als unmenschlichen Verhältnissen.

Unter diesen Umständen ist es nicht möglich, die Person Lassalle’s zu umgehen, wenn man seine Schöpfung schildern will, so wenig es sonst gerade in sozialen Fragen gerathen sein mag, den Werth der Dinge nach den Schwächen oder Vorzügen der Personen zu beurtheilen und sie in dieser Weise sei es zu über- oder zu unterschätzen. Lassalle war eine edel und groß angelegte Natur; eine eiserne Kraft, ein mächtiger Wille, eine geniale Fähigkeit, mit glänzender Schärfe den innersten Kern der Dinge zu erfassen, hoben ihn hoch über das Maß selbst begabter Menschen empor. Sein Wesen hat die ersten Männer unseres Jahrhunderts bezaubert, darunter so durchaus verschiedene Charaktere wie einen Fürsten Bismarck, einen Böckh, Heine, Humboldt, Savigny. Alles war ihm gegeben, wonach höchster Ehrgeiz ringen mag, nur das Eine nicht, was die historische Größe von dem historischen Abenteurer scheidet, die selbstlose Hingabe an den Gedanken. Nichts lächerlicher zwar, als Lassalle zu betrachten wie einen verlaufenen Aufwiegler, der die Arbeiter für eigensüchtige Zwecke ausbeuten wollte, aber wohl kann auch der größte Eifer seiner glühendsten Bewunderer ihn nicht vor dem Vorwurfe retten, mit welchem Alles gesagt ist, vor dem Vorwurfe nämlich, daß ihm seine Person immer und überall höher stand als seine Sache. Gewiß hat er Werke geschaffen, die als eherne Denkmale menschlichen Fleißes und Geistes noch dauern werden, wenn die deutsche Sozialdemokratie bis auf den Namen erloschen sein wird, aber es lag doch ein tieferer Sinn darin, daß er die öffentliche Bühne zuerst in einem unsaubern Skandale betrat und in einem unsaubern Skandale zuletzt auch von ihr verschwand.

Noch ein Jüngling, kaum zwanzigjährig, warf sich Lassalle zum Ritter der Gräfin Hatzfeldt auf in jenem vielberufenen Ehescheidungsprozesse, welcher eine der merkwürdigsten Seiten deutscher Rechtspflege füllt. Er selbst nannte sein Dazwischentreten eine „religiöse Insurrection“, und er vergaß auch nicht den Opferstock aufzustellen, in welchen die Gräfin für den Fall des Sieges eine namhafte Spende niederlegte. Ringend und watend in diesem uferlosen Sumpfe, wuchs Lassalle zum Manne empor, und riesengroß wuchs mit ihm der eitle und gauklerische Zug seiner Natur. Man muß ihn beispielsweise nur hören, wie er vor den Kölner Geschworenen mit einer zitternden Thräne an der Wimper das schreckliche Loos seiner Clientin beklagt, die während der Dauer des Prozesses nur ein Jahreseinkommen von achttausend Thalern bezöge. Und als nach fast zehnjährigem Kampfe endlich ein günstiger Vergleich erzielt war, galt dieser zweifelhafte Gewinn dem Verfasser des „Heraklit“ und der „Erworbenen Rechte“ bis an sein Ende als der „größte Triumph“ seines Lebens.

Zweifellos haben auch in diesem ersten Abenteuer Lassalle’s ideale Momente gewaltet. Die Macht des Geistes als einen unübersteiglichen Damm entgegen zu setzen der Macht des Geldes und des Ranges, als ein jüdischer Knabe ohne Anhang und Namen einen der ersten Magnaten des Landes in den Staub zu werfen – wer mag leugnen, daß auch hier ein leiser Schimmer socialen Freiheitsdranges hineinspielt? Aber es war eben nur ein leiser Schimmer; in der Hauptsache hat Lassalle den furchtbaren Mißbrauch seiner herrlichen Gaben nie verwunden. Seitdem prahlte er wie ein Falstaff von seinen Heldentaten, und die Macht des Geldes wurde ihm bald eine werthvollere Waffe, als die Macht des Geistes. Niemals hat das schnödeste Geldprotzenthum sich nackter und roher geäußert, als da Lassalle sich feierlich in seinen jüngst veröffentlichen Briefen an eine russische Dame vermaß, niemals von dem Ertrage seiner Arbeiten leben zu wollen, und da er bei diesem Anlasse den Gelderwerb durch Geistesarbeit eine „geistige Prostitution“ nannte. Niemals ist eine gröbere Beleidigung dem Andenken unserer geistigen Heroen, einem Lessing und einem Schiller widerfahren, die freilich keine hohen Renten aus dem Gewinn von Skandalprocessen bezogen, wie Lassalle aus dem Processe Hatzfeldt, sondern schlecht und recht von dem Ertrage ihrer geistigen Thätigkeit lebten.

In der Mitte der fünfziger Jahre hatte Lassalle die Sache der Gräfin zu glücklichem Ende geführt; darauf siedelte er, noch in der ersten Blüte des Mannesalters, aus den Rheinlanden nach Berlin über, wo ein großer Schauplatz seiner großen Kraft harrte. Mit der Sicherheit der Magnetnadel wies sein gewaltiger Wille auf praktische Betätigung im öffentlichen Leben, allein die dumpfe Stickluft der traurigen Reactionszeit lähmte alle politische Thatkraft, und lange Jahre konnte sich diese faustische Natur nur gleichermaßen in dem bunten Wirbel des großstädtischen Lebens, wie in der verzehrenden Arbeit der Gedankenwelt erschöpfen. Aber auch als wieder ein freierer Luftzug durch Deutschland zu wehen begann, vermochte Lassalle nicht an die Kränze zu rühren, nach denen seine glühende Seele trachtete; die parlamentarische Bühne blieb ihm verschlossen, obgleich er mit mehr als einem Führer der allmächtigen Fortschrittspartei nahe befreundet war. Scheute man sein herrisches Wesen oder stieß man sich an seinem Verhältnisse zur Gräfin Hatzfeldt, genug, man gab ihm kein Mandat für das Abgeordnetenhaus und fügte ihm dadurch eine Kränkung zu, welche der ehrgeizige und leidenschaftliche Demagoge um so weniger vergaß, als er die Fortschrittspartei in der Frage des Militärconflicts auf falschen Bahnen zu sehen glaubte.

Er zögerte nicht, sich zu rächen. Zunächst suchte er die Berliner Bezirksvereine für sich zu gewinnen, allein diese Burgen der Fortschrittspartei erwiesen sich als uneinnehmbar. Seine glänzenden Reden rührten nicht die Herzen der Hörer, aber wohl erregten sie die Aufmerksamkeit des Staatsanwaltes, der ihm einen Proceß wegen Gefährdung des öffentlichen Friedens anhing. Das gerichtliche Verfahren erregte einiges Aufsehen namentlich durch die in ihrer Art großartige Verteidigung Lassalle’s; es lenkte auf ihn den Blick einiger Leipziger Arbeiter, die mit der Fortschrittspartei gleichfalls in Zwist gerathen waren. Dabei handelte es sich nicht eigentlich um sociale Beschwerden, sondern man stritt über das größere oder geringere Maß von politischem Radicalismus, das unter den obwaltenden Umständen zu bewähren sei. Jene Arbeiter, der Cigarrenmacher Fritzsche, der Schuhmacher Vahlteich und Andere, hatten ein Centralcomité gebildet, welches einen allgemeinen Arbeitercongreß berufen sollte, aber da kein Mensch wußte, was er eigentlich wollte, so war die Sache eben daran, im Sande zu verlaufen,. als ihr das Auftreten Lassalle’s eine andere Wendung gab. Das Centralcomité bat ihn um Hülfe und Rath; schnell entschlossen lieferte er in seinem „Offenen Antwortschreiben“ den systematischen Plan einer umfassenden Arbeiteragitation.

Ausgehend von dem „ehernen Lohngesetze“, wonach unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage das Einkommen des Arbeiters immer auf den notwendigen Lebensunterhalt beschränkt [352] bleiben muß, welcher gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlich ist, entwickelte Lassalle, daß die Arbeiter demgemäß nie aus eigener Kraft ihre Lage zu heben vermöchten. Nur der Staat könne ihnen helfen, indem er ihnen durch Ueberweisung von Geldmitteln die Bildung von Erwerbsgenossenschaften ermögliche, in welchen sie ihre eigenen Unternehmer seien. Um dieses Ziel zu erreichen, müßten sie sich in den Besitz der Staatsgewalt setzen, das heißt, da sie die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung bildeten, das allgemeine Stimmrecht zu erwerben suchen und behufs dieses Zweckes einen großen Agitationsverein gründen, der sehr bald bei nur einigermaßen reger Betheiligung eine gewaltige Macht werden würde.

Es ist heute überflüssig, tiefer die Unhaltbarkeit dieses Vorschlags zu zergliedern. Das „eherne Lohngesetz“, ein Satz, den Lassalle allerdings nicht erfand, sondern den die ältere englische Nationalökonomie ganz einseitig aus dem furchtbaren Elende folgerte, welches ehedem in den industriellen Arbeiterkreisen des Inselreichs herrschte, hat sich praktisch und theoretisch längst als hinfällig gezeigt. Die Erwerbsgenossenschaften mit Staatshülfe sind nicht nur von Gegnern der neuen Weltanschauung, sondern auch von wissenschaftlichen Socialisten, wie Lange und Rodbertus, so sogar von socialdemokratische Agitatoren, wie Bracke, als ein Gedanke nachgewiesen, der unmöglich durchzuführen ist und, selbst wenn er praktisch möglich wäre, doch den beabsichtigten Zweck nicht erreichen würde. Endlich hat auch das allgemeine Stimmrecht, welches nicht durch eine Agitation der Arbeiter erobert, sondern durch einen hochherzigen Entschluß des modernen Staats selbst den arbeitenden Classen gespendet wurde, nicht die goldenen Früchte gereift, die sich Lassalle von ihm versprach.

Und auch schon darum verdient dieser Vorschlag keine ernstere Würdigung, weil sein Urheber selbst gar nicht an ihn glaubte. Lassalle’s wissenschaftliche Verdienste liegen nicht auf volkswirthschaftlichem, sondern auf philosophischem und rechtswissenschaftlichem Gebiete; nur in diesen Zweigen menschlicher Erkenntniß hat er neue und ursprüngliche Gedanken zu Tage gefördert. Volkswirthschaftlich ist er vollkommen abhängig von Marx, mit dem er schon 1848 in den Rheinlanden zusammen wirkte; auch er sieht in dem Gemeineigenthum am Grund und Boden und allen Arbeitswerkzeugen das einzige Heil der Menschheit. Offen spricht er diese Ueberzeugung aus in den vertrauten Briefen, welche er während seiner Agitation an Rodbertus richtete; so lange er zu denken vermöge, bilde es, schreibt er, den innersten Kern seiner Weltanschauung, daß Boden, Capital und Arbeitsproduct den Arbeitern gehören solle. Doch das, fügt er hinzu, dürfe man dem Mob noch nicht sagen; er habe seine Erwerbsgenossenschaften nur vorgeschlagen, um die Arbeiter zu „interessiren“, sei aber gern bereit, diesen Vorschlag fallen zu lassen, sobald ein anderer „ausspintisirt“ werde, der den gleiche Zweck besser erfülle. Hält man diese vertrauliche Aeußerungen Lassalle’s neben sein „Offenes Antwortschreiben“, in welchem er feierlich allen Communismus und Socialismus verleugnet, in welchem er mit den pathetischen Worten schließt: „Dies ist das Zeichen, das Sie aufpflanzen müssen. Es giebt kein anderes für Sie,“ so ist das verwegene Abenteuer des Agitators gebührend gekennzeichnet und durch ihn selbst gerichtet.

Vergebens fielen ihm seine beste Freunde in den erhobenen Arm, fruchtlos warnten Bucher, Rodbertus, Ziegler. Vergebens erhob die öffentliche Meinung in ganz Deutschland einmüthigen Widerspruch gegen die Lehre des neue Propheten; nur wenige Arbeiter in wenigen Städte ließen eine verworrene und weit eher entmuthigende, als ermunternde Zustimmung hören. Und mochte immerhin ein verächtliches Lächeln um die Lippen des hochmüthigen Mannes spielen, wenn der laute Lärm der Tagespresse und der Volksversammlungen um ihn toste, vergebens sah er sich doch auch im Reiche der Wissenschaft nach einem einzigen Bundesgenossen um. Aber selbst dieser Schlag, von allen der schmerzlichste, brach nicht den starren Sinn, der seinen Willen gegen eine Welt von Feinden durchsetzen, der eher untergehen, als nachgeben wollte. Lassalle blickte stolzen Auges über den dichten Schwarm der Jäger und schüttelte seine „revolutionäre Mähne“; mochte er tausendmal verloren sein, wehe doch dem, auf den er sich in jähem Sprunge warf; niemals verharschten die Wunden, welche die Klaue dieses Löwe riß.

Ein seltsamer Zauber waltete um den merkwürdigen Mann; wie eine große Zahl der ersten Geister der fesselnden Eigenthümlichkeit seiner Unterhaltung sich gern hingab, so riß der feurige Sturm seiner Beredsamkeit die Heere willenlos mit sich fort, die gekommen waren, gegen ihn zu kämpfen. Massenversammlungen in Frankfurt und Leipzig, welche seine Gegner geworben hatten, ihn niederzustimmen, erklärten sich begeistert für ihn, sobald er vor sie trat und eine jener blendenden Reden hielt, denen unsere politische Literatur in ihrer Art nichts Aehnliches an die Seite zu stellen hat. Im Vertrauen auf diese Erfolge gründete Lassalle am 23. Mai 1863 zu Leipzig den „Allgemeinen deutschen Arbeiterverein“ behufs friedlicher Erkämpfung des allgemeinen Stimmrechts. Elf Städte waren vertreten, sechshundert Arbeiter zugegen. Die Statuten legte eine dictatorische Gewalt in die Hand des Präsidenten. Wer dieser Präsident sein mußte, konnte nicht dem Schatten eines Zweifels unterliegen. Finster schweigend nahm Lassalle die Wahl an. Nicht der jubelnde Zuruf eines begeisterten Volkes hob einen Tribunen empor; wie mußte es den eitlen Agitator kränken, daß wenige Arbeiter, querköpfig, unbekannt, nach widerlichem Gezänk über die Paragraphen der Statuten, deren Geist sie nicht zu fassen vermochten, um sein Leben würfelten!

Und Schlag auf Schlag folgten neue Demüthigungen. Die deutsche Socialdemokratie war geschaffen, aber noch fehlten die Socialdemokraten. Schon in den erste Woche der Agitation begann eine harte Nemesis das frevle Beginnen zu sühnen; die deutschen Arbeiter litten nicht unter Uebelständen, wie solche ihre englischen und französische Cameraden vor Jahrzehnten den socialistischen Lockungen zugänglich gemacht hatte; ruhig und still blieben die Massen, in welche diese aufregende Agitation geschleudert wurde. Lassalle war unermüdlich thätig; auch seine heftigsten Gegner müssen bewundernd auf die gewaltige Fülle der Arbeit blicken, die er in anderthalb Jahren zu bewältigen vermochte, aber es war keine erlesene Schaar, welche seine lärmende Trommel zu werben verstand. Nur wenige tüchtige Arbeiter darunter mit hellen Augen und starken Fäusten, sonst ein tragikomisches Völkchen, leichtfertige Gesellen, gedankenlose Schwätzer, viel schrullenhafte Köpfe, die heute diesem, morgen jenem Marktschreier nachlaufen. Der beste Stamm fand sich noch in den Rheingegenden zusammen; in Berlin war gar nichts zu erreichen.

Nur wenige Wochen, und es zeigte sich, daß das Unternehmen, so wie es Lassalle geplant hatte, nicht durchzuführen sei. Er hatte auf Zehn-, auf Hunderttausende von Rekruten gehofft; nur bei so großartiger Betheiligung hatte sein Vorgehen eine Sinn. Er war gerade der letzte Mann, ein stilles Conventikel zu gründen, in welchem verschrobene Ideen in gegenseitiger Duldsamkeit erörtert wurden. Nach dem ersten Vierteljahre zählte der Verein etwa tausend Mitglieder, verstreut über ganz Deutschland, darunter vielleicht nicht zehn, die Lassalle verstanden. Selbst der Vereinssecretär Vahlteich, der täglich um ihn war, wußte sich so wenig in die leitenden Gedanken des Unternehmens einzuleben, daß er den Verein in lauter örtliche Gruppen auflösen, das heißt einfach vernichten wollte. Dazu fehlte es fortwährend an Geld; die geringen Beiträge der spärlichen Mitglieder sickerten nur langsam in die Casse oder versiechten ganz.

Schon nach einem Monat hatte Lassalle vorläufig genug von diesem Elende. Unter dem Hohngelächter seiner Gegner, dem Murren seiner kleinen Schaar reiste er auf drei Monate in die Bäder. Nicht als ob er schon am Erfolg völlig verzweifelt wäre; hochmüthig wies er die Aufforderung kleinmüthiger Anhänger zurück, den Verein lieber zeitig aufzulösen, ehe er ganz verkam; vielmehr sann er auf eine neue Taktik, von welcher er sich bessere Erfolge versprach. Aber es war ihm nun einmal unmöglich, seinem persönliche Behagen Opfer aufzuerlegen, sei es auch um einer guten Sache willen, und wie oft hatte er in seinen Aufrufen und Reden versichert, daß nichts besser sei, als die Sache, welche er mit seiner Agitation verfechte!

Erst im October 1863 kehrte Lassalle nach Berlin zurück, um nochmals mit neuen, aber nicht reineren Waffen den ungleichen Kampf aufzunehmen, in dem bewegtesten und letzten Jahre seines Lebens.

[415]
3. Lassalle’s Ende.

Die neue Taktik Lassalle’s offenbarte sich zuerst in einer großen Rede, mit welcher er im Herbste 1863 die zweite Epoche seiner Agitation eröffnete; als er ihren Entwurf noch in Ostende niederschrieb, sagte er zu seinen Vertrauten: „Was ich da schreibe, schreibe ich nur für ein paar Leute in Berlin.“ Diese Rede handelte über die Parteifeste der liberalen Opposition in der Conflictszeit, über die Presse der Fortschrittspartei, endlich über den Frankfurter Abgeordnetentag von 1863, der sich mit dem österreichischen Bundesreformplane beschäftigt und ihn nicht völlig zurückgewiesen hatte. Nach allen diesen Richtungen eröffnete Lassalle ein heftiges Kreuzfeuer von Angriffen; von links her stürmte er gegen die Schanzen des festen Lagers, welches von rechts der preußische Ministerpräsident von Bismarck zu erobern suchte; eine Fülle des bittersten Hohnes schüttete der revolutionäre Agitator über das preußische Abgeordnetenhaus, welches standhaft das verfassungsmäßige Recht des Landes vertheidigte.

Der Sinn dieser Taktik lag auf der Hand. Lassalle erkannte die Unmöglichkeit, durch eigene Kraft in dem deutsche Arbeiterstande eine nachhaltige Bewegung zu erwecken; so versuchte er in dem Kampfe zwischen der Krone und dem Parlamente eine Einmischung, welche den mächtigeren Theil, indem sie ihn unterstützte, dadurch für den Fall des Sieges zu Gegenleistungen für den unerwarteten Bundesgenossen verpflichten sollte. Es war eine harte Ungerechtigkeit, Lassalle deshalb einen Ueberläufer zur Reaction zu nennen. Er opferte nicht seine Ueberzeugungen, um dem preußischen Ministerpräsidenten zum Siege zu verhelfen, sondern er wollte ihm zum Siege verhelfen, um ihn seinen eigenen Ueberzeugungen dienstbar zu machen. Die tiefe Unwahrhaftigkeit dieses abenteuerlich-phantastischen Planes lag vielmehr darin, daß Lassalle, um ihn durchzuführen, seinen Einfluß auf die Volksmassen in schwindelhaftester Weise übertreiben und sich in ein Netz von Lügen verstricken mußte, das gleichmäßig aus den verwerflichsten Kniffen des Diplomaten- wie des Demagogenthums gewoben war.

Freilich, so weit es überhaupt möglich war, durch diese verwickelten Schlingen mit freiem Fuße zu schreiten, hat er es vermocht; in jener Herbstrede von 1863 verstand er meisterhaft, noch seinen Ueberzeugungen vollkommen treu zu bleiben und schon der preußischen Regierung weit die Hand entgegenzustrecken, sich gleich gerüstet zu zeigen, ob nun der Blitz der deutschen Revolution, wie er sich ausdrückte, „aus diesem oder jenem Wege“ herniederfuhr. Indem er das ewige Poculiren und Toastiren mitten in einer schweren Krisis des Vaterlandes verhöhnte, geißelte er nur ein Treiben, das seiner energischen Thatkraft in tiefster Seele zuwider war; indem er eine erbarmungslose Kritik an der deutschen Presse übte, vergalt er nur Gleiches mit Gleichem, und indem er endlich die anfänglich schwankende Haltung der Fortschrittspartei gegenüber den bundesstaatlichen Reformkünsteleien der österreichischen Regierung als eine Art Verrath am Vaterlande schilderte, verfocht er den deutschen Beruf des preußische Staates, wie er ihn schon 1859 in seiner Broschüre über den italienischen Krieg verfochten hatte. In allen diesen Fragen stand er auf gleichem Boden mit dem preußischen Ministerpräsidenten, wenngleich diese Berührung nur die sprüchwörtliche Berührung der Gegensätze war.

Auf der Rückreise von Ostende nach Berlin hielt Lassalle die mehrgedachte Rede in großen Massenversammlungen am Rhein, an dessen Ufern er einzig und allein einen wenigstens halbwegs nennenswerten Anhang hatte, in Barmen, Düsseldorf, Solingen. Um den verhältnißmäßig immer noch kleinen Kern seiner Parteigänger sammelte sich schnell die heiß- und leichtblütige Bevölkerung jener Gegenden, in welcher die große Industrie schon 1848 sociale Uebelstände hervorgerufen hatte, in welcher die berauschenden Erinnerungen des tollen Jahres niemals völlig verklungen waren. Glänzend bewährte sich wiederum die Fähigkeit des großen Demagogen, die Massen willenlos dem Winke seiner Wimper zu unterwerfen sobald er ihnen selbst Aug’ in Auge gegenüber stand. In Solingen, wo der allgemeine deutsche Arbeiterverein nur 92 Mitglieder zählte, hingen einige Tausende von Arbeitern athemlos an seinen Lippen; als einige Gegner eine Störung verursachte, wurden sie blitzschnell entfernt, nicht ohne blutige Gewalttätigkeit. Darauf hin löste der Bürgermeister die Versammlung auf, und Lassalle richtete jenes bekannte Beschwerdetelegramm an den preußischen Ministerpräsidenten, das damals wie ein fahler Blitz über seine geheimen Pläne zuckte, von seine Gegnern triumphirend ausgebeutet, von seinen Anhängern mit fassungslosem Staunen betrachtet wurde.

Für Lassalle selbst war die Depesche nach seinem Wiedereintreffen in Berlin vermuthlich der Anknüpfungspunkt zu mehrfachen persönlichen Zusammenkünften mit Herrn von Bismarck. Lange hat über diesen Unterredungen ein mehr oder minder undurchdringlicher Schleier gelegen; erst in der vorjährigen Herbstsession des Reichstages hat ihn bekanntlich der Reichskanzler selbst gehoben. Die Worte, in denen er es that, sind für beide Theile und namentlich für die Kennzeichnung des gegenseitigen Verhältnisses zu bezeichnend, als daß sie hier nicht nach ihrem wesentlichen Inhalt wiedergegeben werden sollten.

Fürst Bismarck sagt: „Unsere Beziehung konnte gar nicht die Natur einer politischen Verhandlung haben. Was hätte mir Lassalle bieten und geben können? Er hatte nichts hinter sich. In allen politische Verhandlungen ist das do ut des (ich gebe, damit Du giebst) eine Sache, die im Hintergrunde steht, auch wenn man anstandshalber einstweilen nicht davon spricht. Wenn man sich aber sagen muß: was kannst Du armer Teufel geben? – er hatte nichts, was er mir als Minister hätte geben können. Was er hatte, war etwas, was mich als Privatmann außerordentlich anzog; er war einer der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen, mit denen ich je verkehrt habe, ein Mann, der ehrgeizig im großen Stile war, durchaus nicht Republikaner; er hatte eine sehr ausgeprägte nationale und monarchische Gesinnung; seine Idee, der er zustrebte, war das deutsche Kaiserthum, und darin hatten wir einen Berührungspunkt.“ Bekanntlich ist diese Charakteristik viel angefochten worden, und sie läßt sich auch erheblich anfechten, wenn man nur ihre äußere Schule betrachtet; erfaßt man ihre tieferen Sinn, so taucht sie das Wesen des Agitators in grelles Licht. Beispielsweise läßt sich der Behauptung, daß Lassalle durchaus kein Republikaner gewesen sei, eine lange Reihe öffentlicher Aeußerungen von ihm entgegenstellen, in denen er pathetisch betheuert, von Kindesbeinen an denke er republikanisch, aber wer seine vertrauliche Briefe auch nur flüchtig durchblättert hat, wird überzeugt sein, daß vielleicht niemals ein moderner Mensch so wenig von einer demokratischen Ader hatte, wie dieser sozialistische Agitator.

Während so der preußische Ministerpräsident auf den erste Blick den großen Rechenfehler in Lassalle’s Plänen erkannte und durchaus keine Neigung zu einem Bündniß mit „wilden Völkerschaften“ bezeigte, scheint Lassalle durch seine grenzenlose Eitelkeit völlig über den Eindruck getäuscht worden zu sein, den er in diese Unterredungen machte, scheint er für politisches Entgegenkommen gehalten zu haben, was nur persönliches Interesse war. [416] Authentische Aeußerungen, welche er in Schrift oder Wort über diesen Verkehr gemacht hätte, sind allerdings bisher nicht bekannt geworden, aber aus seinem ganzen Verhalten läßt sich erkennen, daß sein Denken und Sinnen sich hinfort nur um die Politik Bismarck’s drehte, namentlich seitdem der Tod des Königs von Dänemark die schleswig-holsteinische Bewegung in Fluß brachte, in welcher auch er von jeher den Hebel zur deutschen Einheit erkannt hatte. Sein Plan, den allgemeinen deutschen Arbeiterverein für die Einverleibung der Elbherzogthümer in den preußischen Staat sich aussprechen zu lassen, wurde nur durch seinen unerwarteten Tod vereitelt; bis in die letzten Tage seines Lebens sorgte er mit fast ängstlicher Peinlichkeit dafür, daß alle seine Reden und Schriften in die Hände des preußischen Ministerpräsidenten gelangten.

Die Einbildungen Lassalle’s in dieser Beziehung waren um so verwunderlicher, als ihn ein unaufhörlicher Pfeilregen von polizeilichen und staatsanwaltlichen Verfolgungen billig über das Maß von Wohlwollen hätte belehren können, mit welchem sein keckes Treiben in maßgebende Regionen betrachtet wurde. Etwa ein halbes Dutzend schwerer Criminalprocesse, bei deren einem es sich sogar um eine mehrjährige Zuchthausstrafe handelte, hatte er im Winter von 1863 auf 1864 zu bewältigen; daneben lief eine lange Reihe kleinerer Widerwärtigkeiten, die an sich eben nicht bedeutend waren, aber doch die kostbare Zeit des Agitators stark beanspruchten; auch an gelegentlichen Verhaftungen fehlte es nicht. Namentlich als Lassalle unter dem prahlerischen Feldgeschrei: „Mit Berlin wird die Bewegung unwiderstehlich“ die Hauptstadt „erobern“ wollte, setzte sich die Polizei energisch diesem Beginnen entgegen; trotz aller Mühen konnte er an seinem eigenen Wohnsitze seine Anhänger kaum nach Dutzenden zählen.

Eines etwas größere Erfolges durfte er sich allmählich in de Provinzen rühmen; wenn auch weit entfernt nicht einer freiwilligen und massenhaften Erhebung des Arbeiterstandes, so doch in Folge seiner gewaltige Kraftanstrengungen eines langsamen Wachsthums des Vereins. Seine rheinische Agitationsreise hatte etwa 500 neue Mitglieder geworben; nach und nach siedelte sich der Verein in 52 Städten an, aber wie viel mehr letzterer nur ein flackerndes Strohfeuer, als die nachhaltige Gluth politischer Leidenschaft zu entfachen wußte, beweist am schlagendsten die Thatsache, daß er in fast der Hälfte jener Orte noch zu Lebzeiten Lassalle’s wieder einging. Trotz aller großen Worte vermochte die Bewegung niemals ihre künstliche Mache zu verleugnen, niemals das volle Leben eines ursprünglichen Organismus zu entfalten. Wirr liefen die Anschauungen, Gedanken, Gefühle in den einzelnen Gemeinden durcheinander; ein ewiger Zank herrschte vor, und er war um so unsterblicher, als Niemand recht wußte, was denn nun eigentlich geschehen und werden solle; die Häuptlinge zweiten und dritten Ranges verketzerten und verklagten sich gegenseitig; einzig noch die sclavische Anbetung des genialen Führers hielt die bunt gemischten Schaaren beisammen.

Und auch sie fing zuletzt an zu wanken. Der zweite Beamte des Vereins, Herr Vahlteich als Vereinssecretär, empörte sich gegen den Präsidenten, der den Unruhestifter zwar aus der Mitgliedschaft entfernte, aber bei diesem Anlasse bekannte, von Ekel über die innere Zwistigkeiten nahezu überwältigt zu sein.

Das hinderte ihn natürlich nicht, öffentlich den „geschlossenen Geist strengster Einheit und Disziplin“ zu preisen, der den Verein zu einer „ganz neuen Erscheinung in der Geschichte“ mache. Mit gleicher Mißachtung der Wahrheit pflegte er über die Höhe der Mitgliederzahl sich auszulassen; aus seinen vertrauten Briefen ist dagegen wohl erkennbar, wie scharf er die Achillesferse des Vereins erkannte. Er wurde nicht müde zu schreiben: „Wir können nur durch große Massen marschiren. Wenn wir nicht spätestens nach Ablauf eines Jahres große Zahlen auflegen können, sind wir ganz ohnmächtig.“ Er hat niemals große Zahlen auflegen können; bei seinem Tode mochte er drei- bis viertausend Anhänger zählen, eine Ziffer von lächerlicher Geringfügigkeit gegenüber den Hunderttausenden, mit denen er in seinen begehrlichen Träumen rechnete.

Die geringe Unterstützung der Arbeiter selbst machte die Werbung gebildeter Anhänger für Lassalle nach wie vor zu einem „Ziel, auf’s Innigste zu wünschen“. Aber auch hier kämpfte er wesentlich einen vergeblichen Kampf. Die theoretische Halbheit seiner Agitation trennte ihn gleich anfangs von Engels und Marx; vollends seitdem er seine neue Taktik begonnen hatte, folgten diese eingefleischten Revolutionäre von ihrem englischen Exile aus seinen Wegen nur mit misstrauischen Blicken; wo er selbst die alten Genossen erwähnt, hört man aus seinen Worten das böse Gewissen reden. Von seinen Freunden in Deutschland theilten Bucher und Rodbertus seine Ansicht über die falschen Wege, welche die Fortschrittspartei auf dem Gebiete der Arbeiterfrage eingeschlagen hatte, aber nicht minder entschieden verwarfen sie sein Vorgehen, und vergebens bemühte er sich, sie mit sich fortzureißen. Auch der alte Ziegler sagte sich schweren Herzens von dem bewunderten Freunde los. Herwegh blieb ihm zwar treu, aber er that nichts für ihn, als daß er das Bundeslied des Vereins dichtete. Wenig sangbar, wurde dieses Gedicht noch dazu von Hans von Bülow in den dunklen und schweren Weisen der Zukunftsmusik componirt, sodaß es niemals populär war und fast ganz unbekannt geblieben ist. Deshalb mögen hier wenigstens die Anfangs- und Schlußstrophen einen Platz finden:

Bet’ und arbeit’! ruft die Welt,
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Thüre pocht die Noth –
Bete kurz! denn Zeit ist Brod.
und du ackerst und du säst,
Und du nietest und du nähst,
Und du hämmerst und du spinnst –
Sag’, o Volk, was Du gewinnst?
– – – – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – – – –
Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.
Deiner Dränger Schaar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!
Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Noth der Sclaverei!
Brecht die Sclaverei der Noth!
Brod ist Freiheit, Freiheit Brod!

Wenn darnach Lassalle viel alte Freunde aus den gebildeten Schichten durch seine Agitation verlor, so gewann sie ihm wenig neue aus de gleichen Kreisen. Einiges junge Volk schloß sich ihm flüchtig an, ein Advocat, ein oder zwei Aerzte, ein Buchhändler, ein Candidat, auch ein baierischer Exlieutenant, aber von politischem Werthe waren diese vergänglichen und meist nur durch persönliche Bewunderung geschlossenen Verbindungen nicht. Nur aus zwei seiner Anhänger durfte er mit einiger Genugthuung als auf Demagoge blicken, die seiner agitatorische Kraft nicht völlig unwürdig waren, aus Liebknecht und Schweitzer, aber sein Unstern wollte, daß auch sie ihm keine werthvollen Stützen wurde. Schweitzer war ein begabter und thatkräftiger Mann, aber bekannt als Wüstling, der nur zu reichlich alle Genüsse des menschlichen Lebens erschöpft hatte: so betrachtete ihn gerade die besseren Mitglieder des Vereins mit unverhohlenem Widerwillen, und Lassalle mußte sein ganzes Ansehen einsetzen, um seine Aufnahme überhaupt bewerkstelligen zu können. Liebknecht wieder war persönlich ein unantastbarer Charakter, aber politisch ein fanatischer Republikaner aus der Schule von Engels und Marx; er gewann zu Lassalle und Lassalle wieder zu ihm kein rechtes Vertrauen.

Bei solcher Bewandtniß der Dinge mußte Lassalle die geistigen Kosten seiner Agitation so gut wie ganz allein bestreiten, und er hat diese Aufgabe in geradezu einziger Weise gelöst. Vor dem anderthalb Dutzend mehr oder minder umfangreicher Schriften, die er in anderthalb Jahren mitten in den ungeheuren Anstrengungen und Aufregungen seiner Agitation geschrieben hat, kann ein unbefangener Urtheiler nur mit staunender Bewunderung stehen. In unserer nationalen Literatur haben diese glühenden Ergüsse einer Beredsamkeit, welche aus den schwersten und verworrensten Fragen der Wissenschaft blitzende Waffen auch für die ungefüge Faust der unwissenden Masse zu schmieden weiß, kaum ein Vor- oder auch nur ein Nachbild. In ihrem großartigen Wurfe stehen sie einzig da, ein Denkmal, nicht aus reinem und volltönendem Erze, vielmehr in wunderbarer Mischung aus Gold und Schlacken gegossen, aber strahlend von dem bestrickenden Glanze einer gewaltigen Geisteskraft. Wer diese Schriften liest, wird oft von aufrichtigem Abscheu ergriffen werden angesichts der wüthenden Schmähungen, mit denen sie verdiente Männer, wie beispielsweise einen Schulze-Delitzsch, überschütten, aber durch diese trüben Sümpfe windet sich der Gedankenpfad dann wieder in so kühnem Schwunge zu [417] den lichten Höhen der Wissenschaft empor, daß der Widerwille immer wieder in der Seele des Lesers erlischt vor athemloser Spannung. Trotz alledem und alledem weht ein Hauch unsterblichen Schaffens durch diese Blätter; ein nicht geringer Theil ihres Inhalts ist schon heute ein bleibender Gewinn der Socialwissenschaft geworden.

Im Frühjahre von 1864 konnte Lassalle auf einen Winter zurückblicken, den er ganz und von seiner Sache gewidmet hatte; mit größerem Rechte, als im Vorjahre, durfte er seiner Reiselust nachgeben. In den rheinischen Gemeinden gedachte er zunächst das Stiftungsfest des Vereins zu feiern, die Triumphe des vergangenen Herbstes zu erneuern, eine neue Heerschau über die erlesene Garde seiner Anhänger zu halten. Und als er nun in Düsseldorf, Ronsdorf, Wermelskirchen erschien, da war es, als wollte ein barmherziges Schicksal ihm wenigstens einen tiefen Trunk aus dem Taumelkelche gönnen, nach dem seine Lippen in den aufreibenden Sorgen des Winters fast verdurstet waren.

Er war gekommen, abgespannt, übermüdet, auch körperlich krank; seine Aerzte gaben ihm nur noch eine kurze Lebensfrist. Todesgedanken quälten ihn; als er die Arbeiter in Düsseldorf um sich versammelte, sagte er von düsterer Ahnung: „Im nächsten Jahre werdet Ihr diesen Saal schwarz ausschlagen,“ und gleich melancholisch schloß die Rede, welche er auf dieser Rundreise in den einzelnen Gemeinden hielt, mit den Worten „Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor!“ (Möge ein Rächer aus unsern Gebeinen erstehen!) Aber als nun zu dem eigentlichen Stiftungsfeste in Ronsdorf die Arbeiter der Umgegend in dichten Schaaren herbeiströmten, als sich Tausende und aber Tausende um ihn drängten mit jubelndem Zurufe, ihn unter Blumen erstickten und ihn priesen als ihren Heiland und Retter, da schnellte seine Seele mächtig empor aus der Tiefe der Verzagniß, und wieder leuchtenden Auges blickte er in die dunklen Schatten der Zukunft. „So,“ rief er triumphirend aus, „sehe es aus bei der Stiftung neuer Religionen,“ und als die Arbeiter ihn besangen:

„Wir grüßen Dich, Herr Präsident,
In unserm Deutsch-Verein,
Denn Dir gebührt die Ehre
Zu unserm Groß-Verein;
Und wenn wir nun gesieget,
Dann wollen wir uns freu’n,
Du bist uns hoch erkoren
In diesem Deutsch-Verein!“

da rühmt er freudig dies Lied „in seiner tiefen Innigkeit und Naivetät“ und brachte es glücklich fertig zu schreiben „Wer sich auf alten Volksgesang versteht, wird nicht wenig überrascht sein, seine unversiechliche Spur in vollster Schönheit hier wiederzufinden.“

Der Tag in Ronsdorf war der letzte Sonnenblick, welcher das verlorene Leben des Agitators streifte. Von nun an kam unaufhaltsam die Dämmerung: sie spann ihn tiefer und tiefer in ihre grauen Nebel, bis endlich der letzte Schimmer der glänzenden Gestalt in der finstern Wirrniß eines unwürdigen Abenteuers erlosch. Vom Mai bis Juli war Lassalle auf seinen Sommerfahrten noch mannigfach thätig für seinen Verein; sein letzter Brief an den Secretär datirt vom 28. Juli 1864, dem Tage, an welchem ihn Helene von Dönniges auf Rigi-Kaltbad aufgesucht hatte. Von da ab lebte Lassalle nur noch in der Liebesintrigue mit dieser Dame; die besorgten Anfragen des Secretärs blieben unbeantwortet; nicht mit dem Schatten eines Gedankens hat er mehr an das gedacht, was er die große Aufgabe seines Lebens nannte. Am 31. August starb er dann jenes blutigen Todes, der so sehr jeder echten Tragik entbehrt, wie ihrer vielleicht noch niemals das gewaltsame und selbstverschuldete Ende eines bedeutenden Menschen entbehrt hat.

Ein widerlicher Versuch, den Leichnam Lassalle’s für agitatorische Zwecke zu benutzen, scheiterte glücklicher Weise an dem Widerstande der Polizei. Dieselbe nahm den Sarg zu Köln in Beschlag, als die Gräfin Hatzfeldt ihn auf einem Rheindampfer nach Düsseldorf führen wollte, um daselbst eine große Todtenfeier der rheinischen Gemeinden zu veranstalten. Die Leiche wurde nach Breslau gebracht, der Vaterstadt Lassalle’s, dort unter polizeilicher Begleitung in einem Planwagen auf den jüdischen Kirchhof geführt und ohne jede Feierlichkeit beigesetzt. So seltsam erfüllte sich der Traum Lassalle’s, am Schlusse seiner demagogischen Laufbahn auf dem Wagen des Triumphators einzuziehen in die freiheits- und siegestrunkene Hauptstadt eines großen Volks!

Im socialdemokratischen Lager erscholl wilde Klage um den Tod des Führers; man feierte sein Andenken in den widerlichsten Formen des Götzendienstes. Stiller, aber tiefer und wahrer trauerten Alle, welche im Auf- und Niedergang dieses Leben verfolgt hatten, das mit allen reichsten Gaben begnadet war, um als ein erster Stern am Himmel der Menschheit zu glänzen, aber das durch eigene Schuld sich selbst gebannt hatte in jenes Zwischenreich geschichtlicher Größen, deren Namen im Gedächtnisse der Nachwelt nur dauern unter dem Fluche des Dichterwortes:

„Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“

[110]
4. Friedrich Engels und Karl Marx. – Der internationale Arbeiterbund.

Mit dem Tode Lassalle’s schloß das erste große Capitel in der Geschichte der deutschen Socialdemokratie. Es hat kein Gegenbild in der gesammten modernen Arbeiterbewegung. Erst als jener ebenso geniale wie gefährliche Agitator ruhmlos verblichen war, bildete sich eine europäische Socialdemokratie. Deutsche Hände pflanzten ihre Wurzel in englischen Boden, von wo aus sie nach und nach ihr wucherndes Geflecht um alle Glieder unseres Erdtheils und selbst überseeischer Welten gesponnen hat.

Man hat den großen Arbeiterbund aller Völker, welcher die „internationale Arbeiterassociation“ oder gemeinhin die „Internationale“ genannt wird, wohl als die jüngste und zukunftsreichste Großmacht gekennzeichnet. Und so, wie er gedacht ist, als eine millionen- und aber millionenköpfige Phalanx der Handarbeiter, die, beseelt von einem Herzschlage, mit der erbarmungslosen Unwiderstehlichkeit einer Naturgewalt alle Höhen und Tiefen der modernen Cultur zu einer gleichmäßigen Fläche einebnen soll, würde er allerdings eine furchtbare Kraft darstellen, welcher dauernd keine irdische Gewalt zu widerstehen vermöchte.

Es ist viel gestritten worden, wer diesen unstreitig stärksten aller revolutionären Gedanken des neunzehnten Jahrhunderts [111] zuerst gedacht hat; Manche wollen behaupten, er sei aus einem weiblichen Kopfe entsprungen; die Französin Jeanne Derouin wird als seine Mutter genannt. In Wahrheit und Wirklichkeit ist er niemals, wie Athene aus dem Haupte des Zeus, fertig und klar aus einem menschlichen Gehirn getreten vielmehr erwuchs er, wie alle weltbewegenden Gedanken, allmählich aus den Dingen selbst, bis hochbegabte Demagogen seine Verwendbarkeit erkannten und seinen Gehalt in eine so blendend knappe Form prägten, daß er hinfort wie eine bekannte und vertraute Münze unter den Völkern aller Zungen umlaufen konnte.

Die geheimen politischen Gesellschaften, wie sie während der ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts vorzugsweise im europäischen Süden und Westen bestanden, in Rußland noch heute bestehen, waren und sind die Zufluchtsstätten schon freiheitsdürstender, aber noch unfreier Völker. Sie erweisen sich gleichsam als die erste, aber lebensgefährliche Stufe, die zum Tempel der Freiheit emporführt. Jedem Volke, das nicht mit schnellen Schritten über sie hinwegkam, haben sie zu unverwindlichem Schaden gereicht. Das unheimliche Zwielicht, in welchem sie lebten, wandelte alle ihre Bestrebungen zu widerliche Zerrbildern um; wie edel häufig die Absichten ihrer Gründer und Stifter sein mochten, so wurden sie doch unausbleiblich Tummelplätze der lächerlichsten und schlechtesten Leidenschaften. Statt zu erheben und zu läutern, entnervten und entmannten sie; die feurigste Freiheitsliebe verpuffte in einem albern-verächtlichen Wirrwarr von Attentaten und Putschen; Niemandem wurden sie schließlich verächtlicher, als den gewerbsmäßigen Revolutionären selbst, soweit dieselben überhaupt Männer und nicht blos Kinder waren.

Dennoch haben diese Geheimbünde bis zum Jahre 1848 in allen gesitteten Ländern bestanden, wenngleich weit zahlreicher unter den romanischen als unter den germanischen Nationen. Es war natürlich unvermeidlich, daß die socialistischen Umsturzgedanken, als sie in der Arbeiterwelt auszutauchen begannen, zunächst gleichfalls das schützende Dunkel nächtlicher Verschwörungen aufsuchten. Ebenso naturgemäß führte mannigfache Interessengemeinschaft zu gewissen Berührungspunkten unter den Geheimbünden verschiedener Länder und Völker, namentlich als sich die europäischen Regierungen zu gemeinsamem Vorgehen gegen sie verbanden. Allein diese internationalen Zusammenhänge entsprangen doch nur mehr einem unsichern Tasten, als einem bewußten Wollen. Die strenge Grenzbewachung, die Mangelhaftigkeit der Verkehrsmittel erschwerten die Verbindung von Volk zu Volk; auch fehlte jene durchsichtige Klarheit der Ziele, welche allein über die hemmenden Schranken verschiedener Denk- und Sprechweise helfen konnte.

So gediehen die internationalen Beziehungen der Geheimbünde unter verschiedenen Völkern nur da, wo dieselben auf eng begrenztem Raume neben einander wohnten, und unter verschiedenen Ländern nur dann, wenn sie sich aus Genossen desselben Volkes beschränkten. In ersterem Betrachte mag als Beispiel die Schweiz genannt werden, wo ein „Junges Deutschland“, ein „Junges Frankreich“, ein „Junges Italien“ als verschiedene Zweige eines „Jungen Europa“ bestanden; in letzterer Beziehung der „Bund der Communisten“, welcher die deutschen Arbeiter über den ganzen Erdball hin revolutionär zu verbinden suchte und bei der deutschen Wanderlust starke Absenker nach Belgien England, Frankreich, der Schweiz treiben konnte und getrieben hatte. Sonst aber war diese Gesellschaft eben auch nur ein revolutionärer Geheimbund, wie andere ihres Gleichen, ohne ernstere Gedanken und Ziele, bestimmt, viele nützliche Kräfte zwecklos zu verzehren und dann klanglos zum Orkus zu wandeln.

Vor diesem Schicksale wurde sie gerettet durch den Anschluß zweier Gelehrter, die in langwierig mühsamen Arbeiten sich klar geworden waren über die Bedingungen, unter denen allein die von ihnen gewünschte Umwälzung der modernen Welt möglich ist oder möglich werden könnte. Es waren Friedrich Engels und Karl Marx, beide gleich Lassalle jüdischen Blutes, auf deutscher Erde geboren und genährt von deutschem Geiste, in der strengen Zucht deutscher Wissenschaft herangewachsen zu jener geschlossenen Denkkraft, die ihnen einen so großen und verhängnißvollen Einfluß auf die geschichtliche Entwickelung ihres Jahrhunderts zu üben gestattet hat.

Ueber die näheren Lebensumstände von Engels ist nur wenig bekannt. Er ist in Barmen geboren und lebt heute als reicher Fabrikbesitzer in Manchester. Schon 1844 versuchte er in den „Deutsch-französischen Jahrbüchern“ den Nachweis, daß die ganze bisherige Volkswirthschaftslehre nur eine Ableitung unsittlicher Vorstellungen aus einer völlig entsittlichten Wirklichkeit sei; im Jahre darauf bemühte er sich in seinem bekanntesten Werke. „Die Lage der arbeitenden Classen in England“, geschichtlich und statistisch an dem Beispiele der classischen Volkswirthschaft unserer Tage nachzuweisen, daß eben diese Volkswirthschaft mit ihren Fabriken und Maschinen, ihrem Freihandel und Geldverkehr unrettbar zum äußersten Massenelend führe, wenn nicht der – Communismus einen rettenden Ausweg schaffe.

Nach Roscher’s Urtheil ist das leider mehr genannte, als gekannte und augenblicklich auch äußerst selten gewordene Werk ein aus den Schattenseiten der neueren englischen Zustände unter Verschweigung ihrer Lichtseiten geschickt zusammengesetztes Nachtgemälde, das, in sehr vielen Einzelnheiten wahr, im Ganzen doch nur ein allerdings zur Aufreizung und Beunruhigung der Arbeiter höchst wirksames Zerrbild ist. Seitdem hat Engels nur eine längere Reihe kleinerer, meist agitatorischer, wenn auch äußerst geistreicher Schriften verfaßt, bis er in jüngster Zeit wiederum ein größeres Werk veröffentlichte, das äußerlich zwar auch nur als Polemik gegen einen wissenschaftlichen Gegner auftritt, aber in seinen fachlichen Ausführungen eine Fülle werthvoller Beiträge zur Lehre der modernen Socialwissenschaft enthält.

Bedeutender noch und jedenfalls bekannter, als Engels, ist Karl Marx. Auch er stammt aus dem Rheinlande, er ist als Sohn eines höheren preußischen Beamten in Trier geboren. Eben in das siebente Jahrzehnt seines Lebens tretend, vermag er schon aus fast vier Jahrzehnte politischer und publicistischer Arbeit in Deutschland und Frankreich, Belgien und England zurückzublicken Eine seltene Folgerichtigkeit der Weltanschauung zeichnet ihn aus; in vielfacher Beziehung darf er als der größte Revolutionär des neunzehnten Jahrhunderts gelten. Ein genialer, tiefsinniger, ursprünglicher Dealer und zugleich ein eitler, niedriger, zänkischer Demagoge – in der Geschichte findet sich keine zweite Gestalt, die so grelle Widersprüche zu einer in sich so vollkommenen Individualität zu verschmelzen gewußt hat, wie Marx.

„Er ist der Erste und Einzige unter uns Allen,“ schreibt ein schwärmerischer Anhänger der revolutionären Partei, „dem ich das Zeug zutraue, zu herrschen, das Zeug, auch unter großen Verhältnissen sich nicht in’s Kleine zu verlieren. Ich bedaure um unseres Zieles willen, daß dieser Mensch nicht neben seinem eminenten Geiste ein edles Herz zur Verfügung zu stellen hat. Aber ich habe die Ueberzeugung, daß der gefährlichste persönliche Ehrgeiz in ihm alles Gute zerfressen hat. Er lacht über die Narren, die ihm seinen Proletarierkatechismus nachbeten, so gut wie über die Bourgeois. Die einzigen, die er achtet, sind ihm die Aristokraten, die reinen, und die es mit Bewußtsein sind. Um sie von der Herrschaft zu verdrängen, braucht er eine Kraft, die er allein in den Proletariern findet. Deshalb hat er sein System auf sie zugeschnitten. Trotz aller seiner Versicherungen vom Gegentheil, habe ich den Eindruck mitgenommen, daß seine persönliche Herrschaft der Zweck all seines Treibens ist.“

So schrieb der preußische Exlieutenant von Techow vor nunmehr dreißig Jahren; seitdem ist seine Schilderung im Guten und Schlimmen so oft von kundigen Urteilen bestätigt worden, daß sie typischen Werth gewonnen hat.

Es würde hier zu weit führen, die lange Reihe der Aufsätze und Schriften aufzuzählen, in denen Marx seine Gedanken entwickelt hat. Je nach den Bedürfnisse der politische Lage hat er sie in deutscher, englischer oder französischer Sprache veröffentlich. Ihr gipfelnder Höhepunkt ist bekanntlich „Das Capital“, jenes große Werk, dessen Namen Millionen und dessen Inhalt kaum Tausende kennen. Bei ihrer streng geschlossenen Logik läßt sich der innerste Kern der Lebens- und Weltauffassung von Marx mit wenigen Sätzen darlegen. Seine geschichtlichen und wirtschaftlichen Forschungen führen ihn zu dem Ergebnisse, daß die jedesmaligen materiellen, d. h. rein grobsinnlichen Bedingungen, unter denen die menschliche Gesellschaft zu einer gegebenen Zeit ihren Lebensunterhalt erwirbt und austauscht, die bewegenden Kräfte der Weltgeschichte sind. Alle bisherige Geschichte ist für ihn nichts anderes, als die Geschichte von Classenkämpfen. Diese einander bekämpfenden Classen der Gesellschaft sind jedesmal Erzeugnisse der Erwerbs- und Verkehrsverhältnisse, mit einem Worte, der wirtschaftlichen Verhältnisse ihres Zeitalters. Die [112] jedesmalige wirthschaftliche Verfassung der Gesellschaft ist die tatsächliche Grundlage, aus welcher sich der gesammte Ueberbau der politische und rechtliche Einrichtungen, der philosophischen und religiösen Anschauungen eines Volkes und einer Zeit an letzten Grunde ableiten läßt. Dies ist die allgemeine Geschichtsanschauung von Marx, deren grob materialistische Tendenz er durch seinen talmudistischen Scharfsinn und sein unvergleichliches Wissen in allen Einzelnheiten mit zäher Ausdauer zu begründen versucht hat und noch versucht.

Auf unser Jahrhundert angewandt, führt ihn diese Theorie zur Lehre von der gänzlichen Verwerflichkeit der heutigen Gesellschafts- und Staatsordnung. Die wirthschaftliche Grundlage der modernen Culturstaaten ist unstreitig das Sondereigenthum, welches seit 1789 eine noch weit schärfere Ausbildung erlangt hat, als es jemals früher hatte. Dieses Sondereigenthum ist aber nach Marx nichts anderes, als ein dauernder Raub der besitzenden an den arbeitenden Classen. Mit den älteren englischen Volkswirthen erkennt er in der Arbeit die alleinige Quelle aller Werthe; der Unterschied zwischen ihrem Lohne und dem Preise ihres Erzeugnisses ist die Aneignung unbezahlter Arbeit seitens der Unternehmer, die Ausbeutung der Arbeiter, welche allein die in den Händen der besitzenden Classen sich häufende Werthsumme schafft. Darnach ist das Sondereigenthum die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, des socialen Elends, der geistigen Herabwürdigung, der politischen Abhängigkeit. Das einzige Mittel, die gesittete Menschheit noch vor heillosem Verfalle zu erretten, ist seine gänzliche Beseitigung, das will sagen, die Durchführung des Gemeineigentums an allen Arbeitswerkzeugen, großen wie kleinen, von dem Grund und Boden der Erdoberfläche an bis herab zur letzten Schlosserfeile.

Nun aber würde diese Erkenntniß – immer nach Marx selbst – an und für sich äußerst unfruchtbar sein. Ergäbe sie sich rein aus Forderungen der Vernunft, und fände sie noch so lebhaften Anklang, so würde sie doch kein Brett und keinen Stein in der bestehenden Eigenthumsordnung verrücken, denn nicht was nach geistiger Erkenntniß sein soll, sondern was in wirtschaftlichen Dingen ist, entscheidet über die Geschicke der Welt. Soll also das Gemeineigentum jemals die wirthschaftliche Grundform des Völkerlebens werden, so ist das Ziel nur dadurch zu erreichen, daß es sich von selbst aus dem Sondereigenthum entwickelt. Und diesen Nachweis sucht denn auch Marx zu führen, wiederum mit großem Aufwande mühsamen Scharfsinnes. Er stellt die gegenwärtige Wirthschaftsform als Vorschule einer communistische Epoche dar, indem er voraussetzt, daß unter der Herrschaft des freie Wettbewerbes der große allmählich den kleinen Besitz aufsaugen, nach und nach alles Eigenthum sich in den Händen einer verhältnißmäßig geringe Anzahl von Personen sammeln wird. In diesen großen Unternehmungen würden dann aber die Arbeiter so an das Gefühl der Gleichheit, an das Zusammenarbeiten gewöhnt werden, sie würden so viel Geschäftskenntniß erlangen, daß, wenn einmal die Entwickelung des Sondereigenthums dazu geführt hat, daß eine ungeheuere Mehrzahl von Besitzlosen einer winzigen Minderheit von Besitzenden gegenüber steht, alsdann auch kinderleicht die „capitalistische Spitze“ abgestoßen, die „Enteigner enteignet“, kurzum die capitalistischen Unternehmungen in communistische verwandelt werden können.

Für die praktisch-politische Propaganda solcher Anschauungen erblickten Engels und Marx in dem „Bunde der Communisten“ ein Gebilde, das nur einer verbessernden Umgestaltung bedurfte, um ein wirksames Werkzeug zu werden. Es galt, seine communistischen und internationalen Tendenzen klarer und schärfer zu gestalten, sein geheimes Verschwörertreiben durch eine aussichtsvollere Taktik zu ersetzen. Diese Taktik wieder ergab sich ganz von selbst aus einer Theorie, deren Endziel der auf das Gemeineigenthum gegründete Zukunftsstaat ist. Denn, angenommen, die alleinige Quelle alles menschlichen Elends sei das Sondereigenthum. auf dem sich doch gegenwärtig die wirthschaftliche Verfassung aller modernen Culturvölker aufbaut, so kann sie offenbar niemals durch einzelne noch so glückliche Attentate und Putsche in einzelnen noch so mächtigen Staaten beseitigt werden. Vielmehr handelt es sich dann um einen allgemeinen, unterschiedslosen Angriff der Besitzlosen gegen die Besitzenden, um einen Kampf also, der nur durch eine mit allen Mitteln öffentlichen Wirkens betriebene, über alle Länder und Völker sich erstreckende Agitation geführt und nur in der gewaltsamen Enteignung der besitzenden Classen, in der allgemeinen Herstellung des Gemeineigentums ende könnte.

Nach diesen Gesichtspunkten wälzten Engels und Marx den „Bund der Communisten“ allmählich um. Die geheime Verschwörergesellschaft verwandelte sich in eine einfache Organisation der communistischen Propaganda. Sie bestand überall, wo deutsche Arbeitervereine bestanden; fast in allen diese Vereinen Englands, Frankreichs, Belgiens und in sehr vielen Vereinen Deutschlands waren die leitenden Mitglieder Bundesangehörige. Daneben aber suchte der Bund zuerst den internationalen Charakter der gesammte Arbeiterbewegung scharf zu betonen; Engländer, Belgier, Polen, Ungarn marschirten in seinen Reihen; namentlich zu London hielt er internationale Arbeiterversammlungen.

Auf einem dieser Congresse wurde kurz vor der Februarrevolution von 1848 das von Engels und Marx gemeinsam verfaßte „Manifest der communistischen Partei als Bundesprogramm angenommen und in dänischer, deutscher, englischer, vlämischer, französischer und italienischer Sprache über Europa verbreitet. In diesem Actenstücke gewann der moderne Communismus zuerst Form und Gestalt. Es schloß mit dem unzweideutigen Schlachtrufe: „Die Communisten verschmähen es, ihre Absichten und Ansichten zu verheimlichen. Sie erklären offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Classen vor einer communistischen Revolution zittern! Die Proletarier habe nichts in ihr zu verlieren, als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Es war nothwendig, wenn auch nur in gedrängter Kürze, das wissenschaftliche System von Marx und seine eigenthümliche Ueberleitung in die praktische Agitation hier darzulegen, denn in ihm beruht der innere Schwerpunkt der modernen Socialdemokratie, deren inneres Wesen sonst unverständlich bleibt. Was seine kritische Würdigung anlangt, so muß jeder ehrliche Gegner anerkennen, daß Marx in seine umfassenden Einzelforschungen außerordentlich viel zur schärferen und tieferen Erfassung der socialwissenschaftlichen Probleme beigetragen hat; in diesem Sinne von seinen „tausendmal widerlegten Irrlehren“ zu sprechen, kann immer nur das Zeichen einer sehr großen Unwissenheit oder einer sehr unzeitigen Selbstüberhebung sein, kann nur das gute Gewissen, mit welchem trotzdem die heutige Gesellschaft den communistischen Sturmläufern sich entgegen stellen darf, in ein schlechtes Licht setzen. Wissenschaftlich überwunden ist dagegen Marx in seinen letzten Schlußfolgerungen, in der haltlosen Anmaßung, den unfehlbaren Stein der Weisen entdeckt zu haben.

In dieser Beziehung mag die Andeutung einiger Punkte genügen. Zunächst ist die Werthlehre, der Eck- und Grundstein des Systems, vollkommen hinfällig und von den klügeren Köpfen, wenigstens der deutschen Socialdemokratie, längst aufgegeben. Der Unternehmergewinn ist kein Raub an den Arbeitern, sondern der Entgelt für die Lösung der höchsten wirthschaftlichen Aufgabe: Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse der Gesellschaft mit der größten Kostenersparniß. Ferner ist es eine völlig unerwiesene Behauptung, daß unter der Herrschaft der freien Concurrenz das Sondereigenthum zu der schroffen Scheidung der modernen Gesellschaft in wenige unermeßlich reiche und zahllose blutarme Menschen führen müsse. Marx leitet diese Vorstellung aus der unbestreitbaren Thatsache ab, daß die Entwickelung der großen Industrie vielfach Massenelend hervorgerufen hat, aber er übersieht oder will übersehen, daß dieses Massenelend durch friedliche Reformen beseitigt werden kann und theilweise schon beseitigt worden ist. Endlich heben sich Marx der Agitator und der Theoretiker gegenseitig auf. Es ist ein Unding, das Gemeineigenthum, welches nur das Ergebniß einer langen geschichtlichen Entwicklung soll sein können. als unmittelbares Ziel einer die heftigsten Leidenschaften des Tages aufregenden Agitation hinzustellen. Denn von zwei Dingen eins: entweder ist die Theorie richtig und das Gemeineigentum vermag sich nur allmählich aus dem Sondereigenthum zu entwickeln, dann ist eine aus den gewaltsame Umsturz der gegenwärtigen Ordnung [113] gerichtete Agitation sinnlos und verbrecherisch. Oder aber die Theorie ist falsch, dann fehlt den Vorkämpfern des Zukunftsstaates jedes ernstere, wissenschaftliche Ziel, und die gewaltsamen Umsturzpläne endigen günstigen Falles in einem rohen Pöbelaufruhr, der zwar niemals siegen könnte, aber immer vandalische Verwüstungen anrichten würde.

Mit dem Scheitern der Bewegung von 1848 scheiterte auch der „Bund der Communisten“. Er hatte eine an sich vielleicht beträchtliche, aber im Verhältnisse zu den ungeheueren Grenzen seiner Aufgabe doch nur winzige Ausdehnung erreicht. Aber mit ihm scheiterte nicht der Gedanke, der ihn beseelte. Die zähe Geduld sturm- und wetterfester Revolutionäre, wie Engels und Marx sind, hielt sich unerschütterlich an dem Plane der Gründung eines die fortgeschrittensten Länder und Völker umfassenden Arbeiterbundes, der den internationalen Charakter der socialistischen Bewegung den Arbeitenden selbst wie den Besitzenden und Regierenden sozusagen leiblich vorführen sollte, „dem Proletariate zur Ermuthigung und Stärkung, seinen Feinden zum Schrecken“.

Erst nach anderthalb Jahrzehnten, mit dem Wiederaufleben der Arbeiterbewegung im Anfange der sechsziger Jahre, fand dieser Wunsch die langersehnte Erfüllung. Französische Arbeiter waren vom Kaiser Napoleon zur Londoner Weltausstellung von 1862 gesandt worden, um sich zu unterrichten; sie verbrüderten sich vielfach mit ihren englischen Cameraden, und diese Verbindung hörte auch dann nicht auf, als die Franzosen in ihre Heimath zurückgekehrt waren. Sie gewann vielmehr neue Nahrung durch den polnischen Aufstand, dem sich bekanntlich alle revolutionären Sympathien in beiden Völkern lebhaft zuwandten. Fort und fort gingen proletarische Gesandtschaften von hüben und drüben über den Canal. Zum Empfange einer solchen Deputation französischer Arbeiter wurde am 28. September 1864 eine große Versammlung von Arbeitern aller Nationen nach St. Martin’s Hall in London berufen und auf diesem Meeting lebte der „Bund der Communisten“ wieder auf als „Internationale Arbeiterassociation.“

Engels und Marx hatten von Anfang an ihre Hände in diesen Dingen gehabt; sie gewannen fast augenblicklich die oberste Leitung des neuen Bundes. Ein Versuch italienischer Arbeiter, Mazzini zu seinem Oberhaupte zu küren, scheiterte daran, daß dieser berühmte Agitator alles Andere eher, als ein Socialist war. Marx entwarf Programm und Statuten der Internationalen nach demselben Schema, das er bei dem Communistenbunde angewandt hatte. Das Programm beschränkte sich auf die grundlegenden Sätze des revolutionären Communismus; es verkündete das Sondereigenthum als die Quelle aller geistigen, politischen, socialen Leiden und erklärte die Befreiung der arbeitenden Classen als nur auf internationalem Wege durchführbar und möglich. Die Statuten gaben dem Bunde naturgemäß nur eine lose Organisation; jährlich sollte ein Congreß stattfinden, während der übrigen Zeit ein aus Mitgliedern verschiedener Nationen zusammengesetzter Generalrath als leitender Mittelpunkt der in den einzelnen Ländern und Städten verstreuten Zweige des Bundes dienen.

Zunächst schlug diese oberste Behörde ihren Sitz in London auf. Thatsächlich ist sie niemals etwas anderes gewesen, als ein Deckmantel für die Alleinherrschaft von Marx, der ihr allerdings nur unter dem bescheidenen Titel eines correspondirenden Secretärs für Deutschland angehörte.

Aus seiner Feder floß auch die berufene „Inauguraladresse“, in welcher der Bund aller Welt sein Dasein und seine Pläne kundgab. Ihr großer Knalleffect war eine angebliche Aeußerung Gladstone’s, wonach derselbe, das schnelle Wachsthum der englischen Einkommensteuer erwähnend, gesagt haben sollte: „Diese berauschende Vermehrung von Reichthum und Macht ist ganz und gar auf die besitzenden Classen beschränkt“. In Wirklichkeit hatte Gladstone das gerade Gegentheil gesagt, nämlich ausgeführt, daß er mit großer Besorgniß auf das berauschende Wachsthum des nationalen Vermögens blicken würde, wenn dasselbe sich auf die besitzenden Classen beschränkte und wenn nicht zugleich der Arbeiter eine derartige Vermehrung seiner Mittel zum Leben erhalte hätte, daß dieselbe beinahe für beispiellos in der Geschichte jeglichen Landes und jeglichen Zeitalters gehalten werde könne. Mit dieser literarischen Fälschung begann die agitatorische Wirksamkeit der „Internationalen“.

[160]
5. Die europäische Wirksamkeit der Internationale.

Der internationale Arbeiterbund hat acht Jahre lang bestanden, von 1864 bis 1872. Dann zerfiel er durch innere Zwistigkeiten. Seine Geschichte ist in einer langen Reihe von Schriften, zum Theil dickleibigen Büchern, behandelt, die meist im Inhalte ebenso dürftig, wie in der Form weitschweifig sind. Auch die Protokolle seiner fünf Congresse, die 1866 zu Genf, 1867 zu Lausanne, 1868 zu Brüssel, 1869 zu Basel, 1872 im Haag stattfanden, werfen nur schwankende Lichter auf die innere Entwickelung des Bundes. Unter solchen Umständen ist es nicht zu verwundern, daß die Urtheile über seine europäische Wirksamkeit weit aus einander gehen, daß die Einen seine mächtige Hand in jeder politischen Verwickelung jener Jahre zu spüren vermeinen, während die Andern ihn kaum für mehr halten, als ein müßiges Phantasiespiel, das einige heimathlose Revolutionäre in London ersannen, sich die Langeweile des Exiles zu würzen.

Ein völlig abschließendes Urtheil über das Maß von Wahrheit, das jede einzelne der zahllos durch einander schwirrenden Meinungen enthalten mag, ist heute allerdings noch nicht möglich, aber wenn man das actenmäßige Material, soweit es namentlich durch die Processe bekannt geworden ist, die in Deutschland, Frankreich und anderswo gegen Mitglieder der Internationale geführt worden sind, nicht in dem verzerrenden Lichte des Parteieifers, sondern mit ruhiger Unbefangenheit prüft, kann man das wirkliche Wesen der räthselhaften Erscheinung doch genauer erkennen, als es auf den ersten Blick möglich scheint.

Soviel steht zunächst fest: was die Internationale nach der Absicht ihrer Stifter werden sollte, ist sie niemals auch nur im Entferntesten geworden. Sie hat nie einen Anhang von Millionen, vermutlich nicht einmal von zehntausend Mitgliedern gehabt. In England zählte sie immer nur vereinzelte Anhänger und auch diese nur vorübergehend; in Deutschland ist ihr Bestand nach dem unverdächtigen Zeugnisse eines namhaften Socialdemokraten kaum auf tausend Köpfe gestiegen; in Frankreich sammelte sie während der ersten Jahre ihres Daseins nur einige hundert Arbeiter um ihre Fahne; selbst noch 1870 vermochten sogar ihre Anhänger in Paris trotz aller Bemühungen nicht einmal ein wohlfeiles Wochenblättchen zu gründen. Die übrigen Länder zählen überhaupt erst in zweiter Reihe. Und noch schlimmer, als mit dem Heere, stand es mit den Finanzen der Internationale. Die spärlichen Beiträge ihrer spärlichen Mitglieder gingen mit der äußersten Unregelmäßigkeit ein. Wenn in der That nach einem geflügelten Worte zum Kriegführen drei Dinge gehören: Geld, Geld und wiederum Geld, so war die Internationale ein sehr friedliches Wesen. Sie hat niemals Geld, sondern immer Schulden gehabt; Briefe von Marx, die bei gerichtlichen Verhandlungen verlesen wurden, geben darüber die unumwundensten Aufschlüsse. Mit einem Worte: die Internationale als geschlossener Bund, als kämpfende Organisation war so ohnmächtig wie möglich.

Ganz anders lag es dagegen mit ihrer moralisch-psychologischen Bedeutung. In dieser Beziehung hat die Internationale allerdings einen mächtigen und unheilvollen Einfluß auf die sociale Entwickelung der letzten Jahrzehnte geübt. Marx hat, unterstützt durch die ängstliche Kurzsichtigkeit liberaler und die unbegreifliche Verblendung reactionärer Socialpolitiker, allezeit mit großem Geschicke verstanden, für sich und seine Zwecke den Zug der Mythenbildung auszunutzen, der trotz aller Aufklärung des neunzehnten Jahrhunderts in den unteren Schichten des Volkes noch eine äußerst lebendige und wirksame Macht ist. Namentlich in den romanischen Ländern ist es außerordentlich geglückt, jedem unzufriedenen Arbeiter den Glauben einzuflößen, als walte die Internationale wie eine geheimnißvolle und unsichtbare Macht schützend über seinen Geschicken. Sie hat schwerlich jemals aus [161] eigener Kraft einen Strike aus dem Boden gestampft, noch weniger jemals einen siegreich durchgeführt, aber wo sich das drohende Gewitter einer Arbeitseinstellung zusammenzog, da haben ihre Sendlinge sicher gehetzt und gewühlt, um den letzten Hoffnungsstrahl glücklicher Einigung zu verscheuchen; gleich einem giftigen Insectenschwarme pflegte sich der Bund in die offenen Schäden des modernen Gesellschaftskörpers einzunisten. So wurde er ein Banner und Symbol für die gährenden Leidenschaften der arbeitenden Classen; als solches hat er den Blättern der zeitgenössischen Geschichte untilgbare Spuren von Blut und Feuer eingeprägt. Sehr bezeichnend für diese seine Bedeutung ist es, daß er in der allgemeinen Vorstellung noch immer als fortlebend und fortwirkend gedacht wird, obgleich er seit sieben Jahren gänzlich zerstört ist und Engels wie Marx ausdrücklich auf jeden Versuch verzichtet haben, einstweilen die zerrissenen Fäden neu zu knüpfen.

Die fünf Congresse der Internationale bieten nicht viel bemerkenswerte Gesichtspunkte, so weit es sich um die einzelnen Beschlüsse handelt. Dieselben versuchen mit größerem oder geringerem Geschick, die einzelnen Arbeits- und Erwerbszweige der heutigen Volkswirthschaft dem communistischen Grundgedanken anzupassen; sie ordnen an, wie das Gemeineigentum auf Bergwerke, Steinkohlenminen, Wälder, den landwirtschaftlichen Grund und Boden, Eisenbahnen, Telegraphen, Canäle etc. anzuwenden sei. Dagegen gewähren jene Parlamente des internationalen Proletariats politisch-psychologisch eine reiche Ausbeute. Sie zeigen namentlich einerseits, wie sehr der revolutionär-socialistische Gedanke unter den arbeitenden Classen der verschiedenen Länder um sich gegriffen, wie er sich aus der verschwommenen Schwärmerei der vierziger Jahre zu drohendem, praktischem Ernste geklärt hat, aber sie zeigen auch andererseits, wie fern die Gestaltung eines internationalen Arbeiterbundes noch ihrem Ziele ist, wie fern sie ihm vielleicht für immer bleiben muß. Die nationalen Charakterunterschiede machten fort und fort ihr unveräußerliches Recht geltend; sie werden es auch in Zukunft geltend machen.

Nur sehr widerstrebend gingen die englischen Arbeiter auf die Sache ein; sie suchten die Macht des Bundes meist nur für ihre praktischen Reformbestrebungen auszunutzen. Die französischen Arbeiter zeigten sich anfangs äußerst gelassen, kühl, ja geradezu feindselig gegen die communistischen Anschauungen von Engels und Marx; dann, als sie halb wider Willen auf die revolutionäre Bahn getrieben wurden, erwachte in ihnen mit voller Wildheit jene elastische Schnellkraft des Aufstandes, die ihr Volk seit hundert Jahren in so vielen Umwälzungen bewährt hat; sie, als die ersten und bisher einzigen Vorkämpfer des Proletariats, verstanden es, unter furchtbaren Erschütterungen die politische Macht in einem mächtigen Mittelpunkte des gesitteten Völkerlebens an sich zu reißen. Die deutschen Arbeiter verfochten allezeit, der philosophische Naturanlage ihrer Nation gemäß, die äußersten Schlußfolgerungen der socialdemokratischen Grundsätze; sie in erster Reihe wurden „Communisten“ gescholten von ihren französischen Cameraden, gegen deren hartnäckigen Widerstand sie beispielsweise auf dem Congresse zu Basel die Forderung des Gemeineigenthums an allem Grund und Bode durchsetzten. Der russische Nihilismus endlich erwies sich als viehische Brutalität, als gräulicher Wahnsinn, jene letzte Ordnung und Zucht verwüstend und zerstörend, deren auch die Revolution bedarf, um überhaupt im großen Stile verwüsten und zerstören zu können.

Die Haltung, welche die Vertreter der einzelne Länder auf den Congressen der Internationale einnahmen, entsprach durchaus der Entwicklung des Bundes in diesen Ländern selbst. In England schlossen sich ihm wenige Arbeiter an, und diese Wenigen suchten durch ihn den neunstündigen Arbeitstag, höhere Löhne, geschäftliche Sicherung nothwendiger Arbeitseinstellungen, also durchweg Ziele zu erreichen, die, ob sie in den einzelnen Fällen berechtigt und möglich sind oder nicht, jedenfalls auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung sich bewegen. Auf den Vorwurf, daß sie mit solcher Haltung die Zukunft der arbeitenden Classen opferten, erwiderten diese Männer kaltblütig: „Aber wir gewinnen die Gegenwart, und in ihr leben wir.“ Im Grunde war damit schon die praktische Wirksamkeit der Internationale mitten in’s innerste Herz getroffen. Denn es ist ein von Engels und Marx unzählige Male wiederholter Satz, daß jeder ernsthafte Versuch einer socialen Revolution sich allein auf England stützen kann, als das einzige Land, wo es keine Bauern mehr giebt, wo der Capitalbesitz in wenigen Händen zusammenfließt, wo die capitalistische Form sich der ganzen Besitz- und Erwerbsordnung bemächtigt hat, wo die große Mehrheit der Bevölkerung aus Lohnarbeitern besteht, wo der Classenkampf und die Organisation der arbeitenden Classe durch die Gewerkvereine schon einen gewissen Grad der Allgemeinheit und Reife erlangt haben.

Trotz dieser ungünstigen Umstände ist jener moralische Einfluß der Internationale, der ihre gefährlichste Waffe war, auch auf britischem Boden nicht unwirksam geblieben. Der Generalrath des Bundes beeiferte sich, die zahlreiche Strikes der Gewerkvereine, sei es auch wesentlich nur mit großen Worten, zu unterstützen und sich so ihre Dankbarkeit zu sichern. Namentlich ein taktisch sehr geschickter Schachzug gewann ihm nach und nach die Herzen jener einflußreichen Arbeiterschichten. Die englischen Arbeitgeber pflegten gewöhnlich Strikes durch die Einfuhr ausländischer Arbeiter lahm zu legen, und sie erzielten damit solche Erfolge, daß die bloße Möglichkeit einer derartigen Einwanderung in vielen Fällen genügte, die Arbeiter von der Aufrechthaltung ihrer Forderungen abzuschrecken. Hiergegen erließ der Generalrath der Internationale an seine festländischen Anhänger die Weisung, überall die Arbeiter vor Engagements mit solchen englischen Unternehmern zu warnen, deren heimische Arbeiter strikten. Dieser Dienst, mochte er auch nur mehr scheinbar als wirklich sein, wurde in der That von den Gewerkvereinen dankbar anerkannt; auf ihre Congressen zu Sheffield 1866 und zu Birmingham 1869 widmete sie dem Bunde anerkennende Beschlüsse. Aber die platonische Zuneigung wandelte sich schnell in gründlichen Abscheu um, als der Generalrath der Internationale nach der Niederwerfung der Pariser Commune sich für diesen Ausstand sammt allen seinen Gräueln erklärte. Nunmehr fielen alle englischen Arbeiter fast bis auf den letzten Mann ab, und Marx mußte sich in ohnmächtiger Wuth genügen lassen, die dortigen Arbeiterführer, wie Bradlaugh und Odger, als bestochene Handlanger der Regierung zu verleumden.

Noch weit bedeutsamer zeigt sich die materiell geringe, moralisch große Wirksamkeit der Internationale in der französischen Arbeiterbewegung. Hier gestaltete sich der Bund in seinen ersten Anfängen als eine Art Mittelding von Bildungs- und Gewerkverein; glänzende Namen der politischen und wissenschaftlichen Welt – es mag nur an Henri Martin und Jules Simon erinnert werden – förderten seine Bestrebungen. Seine Mitglieder traten für das Erbrecht, die Familie, das Sondereigenthum ein, erklärten sich gegen alle atheistischen Unfläthereien, brandmarkten den Schwindel der Weiberemancipation, kurzum, sie zeigten sich als besonnene und maßvolle Männer, die ohne alle revolutionär aufregende Agitation den Arbeiterstand in geistiger, materieller und moralischer Beziehung zu heben versuchte. Es bedurfte eines merkwürdigen Zusammentreffens merkwürdiger Umstände, um diese Haltung in die Bahnen des grundsätzlichen Umsturzes einzulenken; die Art, wie es geschah, ist auch für andere Länder sehr lehrreich.

Der französische Zweig der Internationale machte es nämlich mit seinem friedlichen Wirken Niemandem recht. Abgesehen von Marx und dem Generalrathe in London, die nicht müde wurden, ihn aufzustacheln und zu verhöhnen, that er weder der Opposition noch der Regierung genug. Beide verlangten bedingungslosen Anschluß an ihre politische Schlagworte. In diesem Dilemma ließen sich die französischen Mitglieder des Bundes 1868 verleiten, ein Bündniß mit der radicalen Bourgeoisie abzuschließen; sie sollten dieser die politischen Freiheiten erringen helfen, um dann aus ihrer Hand die sociale Emancipation des Proletariats zu empfangen. Das ungesunde Bündniß zeitigte ungesunde Früchte. Sofort richtete das zweite Kaiserreich heftige Verfolgungen gegen die Pariser Führer der Internationale; dadurch geriethen dieselbe in immer tiefere Verbindung und Verwickelung mit allen aufrührerischen Elementen des Landes und namentlich der Hauptstadt. Die auch auf dieser heißen Erde immer nur erst geringen Anfänge einer festen Organisation des Bundes als einer besondern Arbeitergesellschaft zerfielen dabei vollends, allein sein Name wurde mehr und mehr das unheimliche Banner, welches die arbeitenden Classe, namentlich in den großen Mittelpunkten der französischen Industrie, in die revolutionäre Agitation riß. In allen Krakehlen und Putschen, welche die letzten Jahre der napoleonische Herrschaft erfüllten, sind seine Spuren zu finden.

[162] Trotzdem ist es grundfalsch, ihm einen maßgebenden Einfluß auf die Entstehung der Pariser Commune zuzuschreiben. Dieser Einfluß der Internationale ist vielmehr weit geringer gewesen, als die sinnlose Prahlsucht ihrer Häupter, die zeternde Angst ihrer Gegner hat glauben machen wollen. Die Ursachen des blutigen Aufstandes von 1871 können an dieser Stelle nicht entwickelt werden; man kennzeichnet ihn vielleicht am kürzesten und treffendsten, wenn man sagt, daß er gleichsam eine Generalbuße gewesen sei für die Ausschweifungen und Sünden, denen sich das französische Volk seit 1789 auf den verschiedensten Gebieten des nationalen Lebens überlassen hat.

Unzweifelhaft lief dabei auch eine stark communistische Strömung unter, aber die Agitation der Internationale rief diese Strömung nicht hervor, sondern schwamm auf ihr nur als mißfarbiger Schaum. Die kindisch lächerliche Vorstellung, als hätten die Zaubersprüche des Bundes eine Bande von Narren und Schurken wie aus einem gähnenden Abgrunde der Hölle emporgerufen, nun mit Petroleum und Pulver den strahlenden Leuchtthurm des Jahrhunderts zu zerstören, ist zumeist hervorgerufen durch das Rundschreiben vom 16. Juni 1871, das Jules Favre an die französischen Gesandten bei den europäischen Höfen richtete. Nun wohl, am 23. Juni desselben Jahres sagte derselbe Jules Favre vor einer parlamentarischen Untersuchungscommission amtlich aus, daß die communistische Agitation an der Entstehung der Pariser Commune so viel Antheil gehabt hätte, wie ein Päckchen von Pulver, das man in eine lodernde Feuersbrunst wirft. Diese Auffassung ist durchaus richtig; sie wird völlig unwiderleglich erwiesen durch die reiche Fülle gerade der Actenstücke, welche die Regierung selbst über die einschlägigen Vorgänge veröffentlicht hat.

Sogar als die französische Hauptstadt am 18. März sich schon erhoben hatte, blieb der Pariser Bundesrath der Internationale vollkommen neutral. Einzelne seiner Mitglieder, wie namentlich Varlin, hatten sich zwar am Aufstande betheiligt, aber unter dem ausdrücklichen Vorbehalte, daß sie den Bund als solchen dadurch in keiner Weise verpflichteten, während andere seiner Mitglieder, darunter die Stifter des französischen Zweiges, wie Heligon, Murat, Tolain, dem Aufstande entgegentraten und zwar mit einer Festigkeit und Unerschrockenheit, welche selbst Gegnern der Internationale die größte Anerkennung abgerungen hat. Erst als der Bruch zwischen Paris und Versailles unheilbar geworden war und die Wahlen für die revolutionäre Commune ausgeschrieben wurden, forderte ein Aufruf der Internationale ihre Anhänger auf, sich an diesen Wahlen zu betheiligen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist ein Befehl dazu vom Generalrathe in London eingetroffen; hatte es Marx doch schon im communistischen Manifeste von 1848 als Pflicht des internationalen Communismus bezeichnet, sich an jeder aufständischen Bewegung, gleichviel welchen Charakters, zu betheiligen, um dabei so oder so im Trüben zu fischen.

Unter denn etwa achtzig Mitgliedern der Commune befanden sich ungefähr zwanzig Mitglieder der Internationale. Sie bildeten eine maßvollere und verständigere Minderheit gegenüber der jacobinischen Club- und Straßendemagogie, die in der seltsamen Körperschaft das große Wort führte. Während diese einen sinnlosen Abklatsch des Schreckensregiments von 1793 anstrebte und durchsetzte, versuchte jene die Commune zu einem socialen Gebilde, zur Urzelle gleichsam des socialistischen Zukunftsstaates zu gestalten. Diese Versuche scheiterten schon an ihrer eigenen Unklarheit und Unreife; sie vermochten nicht einmal zu den ersten ernsthaften Anfängen zu gedeihen, denn die Abschaffung der Nachtarbeit in den Bäckereien, das Verbot von Geldstrafen in Fabrikordnungen, die Confiscation der von ihre Besitzern verlassenen Fabriken und Werkstätten und ihre Ueberlassung an Arbeitergenossenschaften – mehr ist beim besten Willen im amtlichen Blatte der Commune nicht zu entdecken – können doch als socialistische Reformen selbst vom Standpunkte der Weltumstürzler aus nicht gut ernsthaft genommen werden.

Aber selbst wenn von der Minderheit der Commune bessere und reifere Versuche vorgeschlagen worden wären, würden sie an der so viel größeren Zahl der Mehrheit und an dem Hasse gescheitert sein, welcher die einflußreichsten Führer dieser Mehrheit, wie Delescluze und Raoul Rigault, gegen die Internationale beseelte. Als diese Nachäffer der Marat und Robespierre endlich in der Einsetzung eines Wohlfahrtsausschusses ihr Ziel erreichten, zogen sich die Mitglieder des Arbeiterbundes mehr und mehr von den Beratungen des Stadthauses zurück. Erst bei der Erstürmung der Stadt kämpften sie dann wieder auf den Barricaden mit einem Muthe, wie er glänzender nicht leicht einer schlechteren Sache geweiht werde konnte.

An den Schandthaten der Commune sind die Mitglieder der Internationale wesentlich unschuldig. Sie haben sie meist nicht nur nicht befördert, sondern nach ihren beste Kräften zu hindern gesucht. Unter ihnen waren nur einzelne brutalere Naturen, wie Dereure und Johannard; ein gemeiner Verbrecher wurde nur der Tischler Pindy, der den militärische Befehl über das Stadthaus führte und das prächtige Gebäude einäscherte. Immerhin zeugt selbst diese furchtbare, mitten im Blutdurste einer siebentägigen Straßenschlacht begangenen That eines wahnsinnigen Fanatismus noch nicht von einer so niedrigen Verworfenheit, wie die feigen und niederträchtigen Meuchelmorde, in denen die Ferré und Rigault schwelgten. Sonst haben die Mitglieder der Internationale in der Commune, wenn auch nichts Gutes gestiftet, so doch viel Böses verhindert, namentlich in manchem Zweige der Verwaltung leidlich Ordnung gehalten. Die Rettung der Bank von Frankreich und ihrer drei Milliarden, deren gewaltsame Beschlagnahme die unabsehbarsten Folgen gehabt haben würde, war der persönlichen Rechtschaffenheit dreier Mitglieder der Commune zu danken, von denen zwei, Beslay und Varlin der Internationale angehörten, während der dritte, Jourde, ein naher Vertrauter des Bundes war. Dem großen Geiselnmorde in der Straße Haxo warf sich Varlin unter eigener Lebensgefahr entgegen. Nicht am wenigsten bezeichnend ist, daß einzelnen dieser Männer, wie Beslay, Malon, Theiß, nach Niederwerfung der Commune die heimliche Entfernung aus Frankreich von der Regierung selbst gestattet wurde trotz des furchtbaren Strafgerichts, das sich sonst über alle Anhänger und Theilnehmer des Aufstandes entlud.

Diese Andeutungen sollen keineswegs das Schuldregister der Commune oder der Internationale beschönigen. Nichts weniger als das. Aber die revolutionäre Vorgänge in Frankreich haben sich so oft als typisch für das übrige Europa gezeigt, daß es sich wohl genauer, als bisher geschehen ist, zu untersuchen verlohnt, wie die Internationale speciell in jenem Lande entstand, was sie war und wie sie endete.

Die dämonischen Kräfte, die in der heutigen Arbeiterbewegung walten, lassen sich nun einmal so wenig durch Blei und Pulver wie durch den ehrlichsten Abscheu sittlicher Entrüstung vernichten. Und die Thatsache, daß Männer, wie jene Beslay, Varlin, Theiß, Malon, Avrial, Clemence und wie sie sonst heißen mögen, Männer, die sich meist aus dem niedrigsten und schmutzigsten Proletariat durch eiserne Kraft zu einer verhältnißmäßig hohen Stufe von Bildung und Wohlstand emporgearbeitet hatten, Männer, welche selbst die kaiserliche Procuratoren in den gegen die Internationale gerichteten Processen als „einsichtige, ehrenwerthe und fleißige Arbeiter“ zu kennzeichnen pflegten, daß solche Männer, gleichviel für wie falsche Ideale immer, freiwillig alle Schrecken der Vernichtung entgegen gingen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, ist doch wohl würdiger eines unbefangenen Urtheils, als einer unbesehenen Verurtheilung.

Marx aber und der Generalrath in London verzichteten freiwillig auf alle mildernden Umstände, die etwa der Haltung der einzelnen Mitglieder des Bundes in der Commune zugebilligt werden könnten. In einem berüchtigten Pamphlete übernahmen sie ganz und voll die Verantwortung für alle Thaten der Commune. Wie in jenes sagenhafte Drachenblut, das einst Siegfried’s Körper gegen jede Verletzung feite und schirmte, tauchten sie ihre Schöpfung von Fuß bis zum Scheitel in den Strom von Blut und Thränen, der zwischen den arbeitenden und besitzenden Classen der französischen Gesellschaft floß. Aber sie hatte dabei doch die geistige und sittliche Verwilderung weit überschätzt, die ihnen im europäischen Proletariate anzurichten gelungen war. Voll unüberwindlichen Ekels wandten sich alle besseren Elemente der Arbeiterwelt von dem Bunde ab; in seinen spärlichen Ueberbleibseln wucherten Neid, Mißtrauen, Zwietracht übermächtig empor.

Auf eine so willkommene Gelegenheit harrte seit Jahren Michel Bakunin. Dieser russische Nihilist unterschied sich im System von Marx eigentlich nur dadurch, daß er jede wissenschaftliche [163] Methode als die letzte unwürdige Fessel der Menschheit abstreifte. Sonst wollte auch er den gewaltsamen Umsturz der gegenwärtigen Ordnung, die Durchführung des Gemeineigenthums als Grundlage der menschlichen Gesellschaft; nur daß er nicht zu harren gedachte, bis die großen Massen der Völker von der Nothwendigkeit einer derartigen Umwälzung durchdrungen sind, sondern vielmehr durch unaufhörliche Attentate und Putsche allmählich die Zukunftsarmee drillen wollte. Ferner sollte ein Zukunftsreich jeder gesellschaftlichen und staatlichen Verfassung entbehren, der vollkommensten „Anarchie“ sich erfreuen; die Menschen sollten auf dem gemeinsamen Boden hausen, wie die Thiere des Waldes. Die nähere Ausführung dieser Gedanken ist so cynisch und schmutzig, daß sie sich nicht einmal andeuten läßt in einem Blatte, welches auch von Frauen gelesen wird.

Mehr als die sachlichen Unterschiede ihrer Systeme, trennte Bakunin und Marx jener echte, unverfälschte, unversöhnliche Haß, mit dem sich die Höflinge und Schmeichler der Massen gegenseitig zu beehren pflegen. Jeder hat den Andern öffentlich Soldschreiber, Spion, Verräter gescholten. Von den ersten Tagen der Internationale begannen die Zettelungen Bakunin’s; auch an Versuchen zu Gegenbünden ließ er es nicht fehlen. Lange konnte er gegen die geistige Ueberlegenheit der Gegner nicht aufkommen. Erst die Niederlage der Pariser Commune gab dem Russen einen plumpen Trumpf in die Hand, welcher das geistreiche Spiel des Deutschen stach. Mit der ganzen Findigkeit und Geschmeidigkeit seiner slavischen Natur wußte Bakunin in den revolutionären Schichten, namentlich der romanischen Völker, die Anschauung zu verbreiten, als sei der französische Aufstand in seinem aussichtslosen Beginnen und in seinem kläglich-schrecklichen Mißlingen ein verrätherischer Streich gewesen, den Marx der Arbeitersache gespielt habe.

Dieser unterschätzte die Gefahr nicht; 1871 ließ er gar keinen Congreß des Bundes abhalten; als dann im Herbste von 1872 die Arbeitergesandten der verschiedenen Länder wieder im Haag zusammentraten, brachte er an deutschen Anhängern und an Mitgliedern des Generalrathes eine sichere, wohlgeschulte Garde mit. Diese Vorsicht verschaffte ihm denn auch in den Abstimmungen des Congresses den äußerlichen Sieg, aber der Haß und das Mißtrauen, die ihm fast überall außerhalb des Kreises seiner deutschen Myrmidonen entgegenstarrten, ließ ihm keinen Zweifel, daß das Werk seines Lebens zum zweiten Mal zerbrochen, daß die Internationale todt war, wie zwanzig Jahre vorher der Communistenbund. Nicht um sich selbst, sondern nur um die Welt zu täuschen, ließ er noch den Generalrath nach New-York verlegen und schloß den Congreß mit pomphaften Worten; seitdem hat Engels selbst gestanden, daß diese Manöver nothdürftig den Untergang der Internationale haben verdecken sollen.

So schied der merkwürdige Bund von der Bühne der Weltgeschichte. Traurig und wüst genug erschienen die Trümmer, die auf der Stätte seines Daseins blieben. Sein englischer Arm war immer nur verkrüppelt gewesen und dann völlig verdorrt; sein französischer Zweig wurde durch Feuer und Schwert erstickt. In den slavischen Ländern des europäischen Ostens, dann auch rings um das Becken des Mittelmeeres, in Spanien, Südfrankreich, Italien tummelte sich der wüste Bakunismus als lachender Erbe und spann seine Netze bis nach Aegypten und Griechenland. Aber in einer bedeutsamen Hinsicht unterschied sich doch das traurige Ende der Internationale von dem Untergange des Communistenbundes. Sie hinterließ wenigstens eine Erbin, eine ebenbürtige echte Tochter, Bein von ihrem Bein und Blut von ihrem Blut: die deutsche Socialdemokratie.

[243]
6. Der deutsche Zweig der Internationale und der allgemeine deutsche Arbeiterverein.

Wenn die Arbeiteragitation Lassalle’s der erste Abschnitt in der Geschichte der deutschen Socialdemokratie war, so stellen die zehnjährigen Kämpfe zwischen dem deutschen Zweige der Internationale und dem allgemeinen deutschen Arbeitervereine ihren zweiten Theil dar. Sie haben in ihrer grotesk-lächerlichen Form viel dazu beigetragen, daß die communistische Bewegung arg unterschätzt wurde; insofern haben sie ihr mehr genutzt, als geschadet, sodaß hier gewissermaßen das bekannte Wort des römische Geschichtsschreibers umgekehrt wurde und kleine Dinge nicht durch Eintracht, sondern durch Zwietracht wuchsen. Heute haben die Einzelnheiten dieser innern Zwiste nur noch geringes Interesse; es ist nützlicher, ihre treibenden Momente klar zu erkennen, als sie in ihren wechselnden Gestaltungen genau zu verfolgen oder gar die schmutzige Wäsche der „Führer“ nochmals auszukramen.[2]

Nach dem Tode Lassalle’s war der allgemeine deutsche Arbeiterverein zunächst ein Körper ohne Kopf, ein Leib ohne Seele. Er vegetirte nur noch, aber er lebte nicht mehr. Die auf Lassalle folgenden Präsidenten des Vereins, Bernhard Becker, Tölcke, Perl erwiesen sich als völlig gedankenlose oder im besten Falle als ganz unbedeutende Leute; sie vermochten den Gedanken des Meisters kaum zu fassen, geschweige denn durchzuführen. Marx selbst lehnte die Führerschaft der Secte ab. Aus guten Gründen; denn er konnte weder unbesehen die Erbschaft Lassalle’s antreten, noch durfte er hoffen, die glühenden Anhänger seines einstigen Freundes ohne Weiteres zu seinem Glaubensbekenntnisse zu bekehren. Vertrauend auf den alten Erfahrungssatz, daß in revolutionären Parteien am letzte Ende immer die maßlosere über die besonnenere Richtung siegt, hielt er es für angezeigter, in unversöhnlichem Kampfe die Lassalleaner zu überwinden und zu verschlingen, als aus ihrem eigenen Schoße heraus sie umzuwandeln, wobei er sich persönlich nur zu schnell aufreiben und vernutzen konnte. Die Richtigkeit dieser Rechnung wurde durch den thatsächlichen Gang der Dinge glänzend erwiesen.

Namentlich ein Theil der Hinterlassenschaft Lassalle’s war es, den Marx unter keinen Umständen zu übernehmen vermochte, und zwar gerade der im damaligen Augenblicke wichtigste Theil: der Glaube an den Beruf des preußischen Staats, die deutsche Einheitsfrage zu lösen. In diesem Punkte war er von jeher wenn möglich noch unerbittlicher, als in jedem andern; namenlos und unbeschreiblich ist der Haß, der ihn gegen das Land seiner Geburt verzehrt. Während Lassalle in dem immer mächtiger aufschlagenden Feuer der nationalen Bewegung seine Kastanien zu rösten gedachte, wollte Marx vielmehr für seine Zwecke in den trüben Strudeln der particularistischen Strömungen fischen. Gerade dieser Gegensatz, obgleich er nur ein Gegensatz der Taktik, nicht der Grundsätze war, trat in den Kämpfen zwischen den feindlichen Brüdern am schärfsten hervor, wie denn überhaupt bis zur Lösung der deutschen Frage, bis zur Gründung des deutschen Reiches, der alles beherrschende nationale Gedanke mehr oder minder bestimmend auch in die Entwickelung der deutschen Socialdemokratie eingegriffen hat.

Was den allgemeinen deutschen Arbeiterverein bis 1866 noch nothdürftig zusammenhielt trotz seiner kläglichen Führer, trotz der ewigen Intriguen der Gräfin Hatzfeldt, die einen Präsidenten nach dem andern stürzte, weil sich keiner ihren unberechenbaren Weiberlaunen fügen wollte – eine dieser Krisen auf Leben und Tod entstand dadurch, daß ein Präsident sich weigerte, Butter und Käse für den Abendtisch der Gräfin einzuholen – war das Hoffen und Harren auf den großen Tag, an dem die lange Rechnung der deutschen Zerrissenheit beglichen werden sollte. Prophetisch hatte Lassalle verheißen, daß dieser Tag den arbeitenden Classen als schönste Morgengabe das allgemeine Stimmrecht bringen werde.

In solchem Sinne wirkte innerhalb des Vereins namentlich Jean Baptiste von Schweitzer, ein geistreicher Wüstling, der die socialdemokratische Agitation wie einen aristokratischen Sport trieb und auf den Schultern der Arbeiter zu Ansehen, Macht, Ruhm emporsteigen wollte. Das Mißtrauen der Vereinsmitglieder gegen den blasirten Lebemann, die Scheu der Gräfin Hatzfeldt vor dem [244] überlegenen Kopfe hatten ihn gehindert, sofort nach dem Tode Lassalle’s die Zügel der Alleinherrschaft an sich zu reißen; nur des Vereinsorgans hatte er sich bemächtigen können, das seit 1865 unter dem Titel „Der Socialdemokrat“ erschien. Schon im Frühjahre dieses Jahres bekannte sich Schweitzer in diesem Blatte zu den deutschen Reformplänen des Ministeriums Bismarck; damit schwand für Engels, Liebknecht, Marx die letzte etwa noch vorhandene Hoffnung, den Brander, der einst Lassalle und sein Glück trug, unbemerkt in das Fahrwasser des internationalen Arbeiterbundes leiten zu können; sie kündigten seiner „falschen und verrätherischen Flagge“ wütende Fehde an.

Schweitzer ließ sich dadurch nicht beirren, sondern schritt sicher auf dem eingeschlagenen Wege weiter. Gleichviel mit welchen Mitteln, genug, er befreite sich von der unwillkommenen Bundesgenossenschaft der Gräfin Hatzfeldt; sie schickte sich zornig an, einen Gegenverein zu stiften, der in ihr die einzig wahre Prophetin des neuen Messias verehren sollte und der durch einige Jahre in einigen Gegenden des Königreichs Sachsen eine Art Scheinleben geführt hat. Dann unternahm Schweitzer im Frühjahre von 1866 eine große Agitationsreise durch ganz Deutschland, um überall in Arbeiterkreisen für die deutsche Einheit unter preußischer Führung zu wirken. Seine Rechnung trog ihn nicht; zu den großen Errungenschaften des Jahres 1866 gehörte das allgemeine Stimmrecht. Bei seiner ersten Bethätigung, bei den Wahlen für den constituirenden Reichstag des Norddeutschen Bundes im Frühjahr von 1867, eroberte der Verein zwar noch keinen parlamentarischen Sessel, aber Schweitzer gewann in Elberfeld-Barmen doch schon eine so große Anzahl von Stimmen, daß eine Stichwahl zwischen dem Grafen Bismarck und Herrn von Forckenbeck, dem conservativen und dem liberalen Candidaten, nothwendig wurde.

Auf Befehl Schweitzer’s gaben seine Wähler den Ausschlag, „nicht zwar für den Candidaten der conservativen Partei, wohl aber für den Minister, der aus eigenem Antriebe den Arbeitern ein Volksrecht zurückgegeben, welches die liberale Opposition für sie zu fordern so hartnäckig vergessen hatte“. Bei den Herbstwahlen desselben Jahres für den ersten und, wie sich später erwies, auch einzigen Reichstag des Norddeutschen Bundes gelang es Schweitzer dann selbst, das vielumstrittene Mandat und daneben noch ein paar Sitze zu erwerben; diese Erfolge verschafften ihm im Verein solch Ansehen, daß er nun auch alsbald zum Präsidenten gewählt wurde. Damit löste sich das Schiff endlich von der Sandbank, auf welcher es seit Jahren saß, und glitt unter der festen Hand eines verschlagenen und vielkundigen Steuermanns wieder auf die hohe See der stürmischen Zeit.

Zugleich mit Schweitzer traten aber auch schon die beiden Männer in den norddeutschen Reichstag ein, welche als Boten der Internationale den Krieg der besitzlosen gegen die besitzenden Classen auf deutscher Erde zum hellen Brande schüren sollten. Als das Tafeltuch zwischen dem nationalen Arbeiterverein und dem internationalen Arbeiterbunde unheilbar zerschnitten war, warf sich Liebknecht, der langjährige Vertraute von Engels und Marx, ganz und gar in die particularistische Agitation. Sein Hauptquartier wurde Leipzig, wo er anfangs die „Mitteldeutsche Volkszeitung“, dann das „Demokratische Wochenblatt“ herausgab. Gleich seinen Lehrern und Meistern von maßlosem Preußenhasse zerfressen, hat er gegen den nationalen Staat gewüthet, wie kein Zweiter. Und wie kein Zweiter, selbst unter den Sendlingen der Internationalen in allen europäischen Ländern, hat er jene demagogische Methode verstanden und verwirklicht, die dem Zukunftsstaate den bequemen und breiten Weg öffnen soll – jene unnennbare Art und Weise des Kampfes, die unendlich viel mehr zur Entsittlichung und Verwilderung der Massen beigetragen hat, als alle Propaganda für die theoretische Ziele.

In Deutschland hat Liebknecht, erfolgreicher und geschickter als es irgendwo sonst geschehen ist, eingeleitet wie durchgeführt, was die Londoner Häuptlinge unter revolutionärer Aufregung und Erbitterung der Arbeiter verstehen. Das gewerbsmäßige Ausrotten des Glaubens an die sittlichen Grundlagen von Gesellschaft und Staat, das Entstellen und Unterdrücken geschichtlicher Thatsachen, das grundsätzliche Schmähen des Vaterlandes, seiner höchste Güter und seiner theuersten Ueberlieferungen, das aufreizende Gerede von der Aussichtslosigkeit jeder friedlichen Reform, von der Unvermeidlichkeit eines gewaltsamen Umsturzes, das persönliche Beschimpfen und Verleumden jedes noch so sachlichen Gegners, alles das ist von diesem blinden und gewissenlosen Fanatiker in ein weitverzweigtes System gebracht worden, und zwar zunächst noch immer unter particularistischer Maske. Ueberhaupt wäre es bei Liebknecht’s abstoßendem und unsympathischem Wesen wohl die Frage einer langen Zeit gewesen, wann er einen namhaften Anhang unter den deutschen Arbeitern gewonnen hätte, wenn es ihm nicht gelungen wäre, einen einzelnen einflußreichen Arbeiter, den Drechsler Bebel, in die Gedankennetze des internationalen Arbeiterbundes zu verstricken. Bis dahin war Bebel ein heftiger Gegner Lassalle’s, ein eifriger Anhänger der Fortschrittspartei, ja in gewissem Sinne der Führer aller fortschrittlich gesinnten Arbeiter in Deutschland gewesen. Er spielte von jeher eine große Rolle in dem „Verbande deutscher Arbeitervereine“, den die Fortschrittspartei gegründet hatte, um der socialdemokratischen Agitation entgegen zu wirken, er war seit 1865 Mitglied, seit 1867 sogar Vorsitzender des Ausschusses, welcher den Verband leitete. In demselben waren mehr als hundert Vereine vertreten, die mehr als fünfzehntausend Mitglieder umfaßten. Diese erlesene Schaar ehrenwerther und einsichtiger Arbeiter war ausersehen, die Kerntruppe in dem streitenden Heere des Zukunftsstaates zu werden, und nach dreijährigem Werben wurde sie es, nicht sowohl durch Liebknecht’s, als durch Bebel’s Einfluß und Mühe.

Was diesem einfachen, aus dem ärmsten Proletariat hervorgegangenen Arbeiter so große Erfolge verschafft hat, ist nicht eigentlich eine hervorragende Begabung, noch weniger ein ungewöhnliches Wissen, sondern die Macht und Wucht seiner ganzen Persönlichkeit, in welcher sich alle kennzeichnenden Eigenschaften derjenigen modernen Arbeiter vereinigen, die mit ernstem Bewußtsein einen höheren Antheil an den Gütern der modernen Cultur erstreben, als ihnen augenblicklich beschieden ist. Fleißig, geschickt, treu in seinem Berufe, sittenrein in seinem bürgerlichen Leben, geistig rege, scharfsinnig, mit einer Art instinctiven Blickes begabt für große Gesichtspunkte und dabei doch anspruchslos, bescheiden, selbstlos in seinem öffentlichen Wirken, ist er gleichsam die classische Gestalt der heutigen socialdemokratischen Bewegung, so weit dieselbe einen ernsthaften geschichtlichen Hintergrund hat.

Bebel war durch seinen starken Anhang unter den Arbeitern bereits in den constituirenden Reichstag des Norddeutscheu Bundes gelangt; hier gab er sich noch ganz als particularistischen Demokraten und leugnete sogar, irgend welche Gemeinschaft mit der Socialdemokratie zu haben. Eben die gleiche „politische Heuchelei“ trieb er gemeinsam mit Liebknecht fort, als beide in den norddeutschen Reichstag selbst eintraten. Namentlich Liebknecht hielt es für angezeigt, nur als zartfühlender Patriot in der Versammlung aufzutreten; er wies mit tragischer Geberde auf sein durch die „Zerreißung Deutschlands“ mit zerrissenes Herz.

Ungleich verständiger benahm sich Schweitzer, der von sich und seinem Verein bekannte, daß sie innerhalb des neu sich bildenden Vaterlandes stehen wollten. Mit ihm gingen der Lohgerber Hasenclever und der Arzt Reincke, an dessen Stelle später der Cigarrenmacher Fritzsche trat. Sie betheiligten sich gelegentlich in sachlicher Weise an der Berathung namentlich wirthschaftlicher Gesetze; auch Bebel’s gesunde Natur war nicht völlig zu unterdrücken, und er hat manche Versuche gemacht, beispielsweise in der Gewerbeordnung die besonderen Arbeiterinteressen zur gesetzgeberischen Geltung zu bringen. Darob entbrannte Liebknecht in grimmem Zorn und rief den Berliner Arbeitern das geflügelte Wort zu: „Nur Kurzsicht oder Verrath können parlamenteln;“ er erklärte für den einzigen Nutzen der parlamentarischen Tribüne, daß von ihr aus am zweckmäßigste das Signal gegeben werden könnte, wenn die Dinge reif seien zum gewaltsamen Dreinschlagen.

Neben den beiden Dioskuren des internationalen Arbeiterbundes einerseits, Schweitzer und seinen beiden Adjutanten andererseits saßen noch zwei Jünger der Gräfin Hatzfeldt, der Kupferschmied Försterling und der Advocatenschreiber Mende, im norddeutschen Reichstage. So befanden sich sieben Mandate in den Händen der Umsturzpartei, eine beschämend geringe Ziffer, vergliche man sie mit den sinnlosen Prahlereien der Agitatoren, eine beschämend große Zahl, erwog man, daß damals noch im Parlamente keines andern Landes auch nur ein Socialdemokrat saß. Natürlich würde es eine sehr falsche und schiefe Auffassung sein, zu glauben, daß nur das Wühlerthum der Führer dieses traurige Ergebniß gezeitigt hätte. Vielmehr haben diese nur geschickt die Segel zu [245] stellen gewußt nach dem immer stärker anschwellenden Winde, von dem es auch den kundigsten Beobachtern der Epoche schwer wird zu sagen, von wannen er kommt und wohin er führt.

In jedem Falle darf man sich nicht darüber täuschen, daß die Ursache proletarischer Bewegungen niemals die theoretische Begeisterung der arbeitenden Classen für irgend welche Gedanken und Programme, sondern immer und überall ihre tiefe Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen ist. Leben die Arbeiter auskömmlich, so kümmern sie sich blutwenig um alle Weltbeglückungspläne; leiden sie unter mehr oder minder drückenden Uebelständen, so werden sie nur zu leicht die Beute gewandter Verführer. Um also die wahren Ursachen des socialdemokratischen Treibens sicher zu erkennen, darf man sich nicht an die Irrlehren selbst halten, deren noch so gründliche Widerlegung – so weit es sich um die Beschwichtigung grollender Arbeitermassen handelt – wohl etwas, aber nichts weniger als alles und selbst nicht einmal viel bedeutet, sondern man muß genau prüfen, wie die wirthschaftliche Entwickelung das Loos der arbeitenden Classen gestaltet.

Von diesen Gesichtspunkten aus läßt sich nicht verkennen, daß das schnelle Wachsthum der deutschen Socialdemokratie in den sechsziger Jahren eine hauptsächliche Ursache in dem schnellen Wachsthum der Großindustrie hat. Es wiederholte sich auf deutscher Erde, was sich einige Jahrzehnte früher auf englischem und französischem Boden zugetragen hatte. Die Eigenthumsunterschiede gestalteten sich härter und schroffer; alle die schweren Leiden wirthschaftlicher Uebergangszustände traten ein; es zeigte sich namentlich auch die von den Agitatoren mit so wilder Leidenschaft ausgebeutete Erscheinung, daß die Entwickelung des Großbetriebes naturgemäß für die einzelnen Arbeiter die Möglichkeit mindert, zu socialer Selbstständigkeit zu gelangen. Dieses Uebel ist nicht unheilbar; es läßt sich namentlich beseitigen durch Förderung des Genossenschaftswesens, durch möglichste Vervollkommnung der gewerblichen Bildungsanstalten und Lehrmittel, mit deren Hülfe Arbeiter und kleine Gewerbtreibende sich die Vortheile der verbesserten Technik und des rationelleren Betriebes in gleicher Weise wie die Großindustrie anzueignen, und genossenschaftliche Vereinigungen zu ebenbürtigen und erfolgreichen Concurrenten des einzelnen Großfabrikanten sich zu erheben vermögen. Hierzu ist aber eine längere Zeit nöthig; bis dahin ist den Arbeitern in weit höherem Grade, als früher, die Möglichkeit verschlossen, wirthschaftlich einmal auf eigenen Füßen zu stehen, und da dieser Trieb in jeder begabteren und kräftigeren Natur unausrottbar wurzelt, so sprudelt hieraus ein unerschöpflicher Quell der Unzufriedenheit, welcher die Mühlräder der Demagogie nur allzu lustig klappern läßt.

Nun hat in der deutschen Industrie der Großbetrieb niemals entfernt das erschreckende Uebergewicht erlangt, wie in der englischen, und daß er es in irgend absehbarer Zeit erlangen wird, schließt die geschichtliche Entwickelung unserer nationalen Vermögensverhältnisse aus. Ohne pharisäische Selbstüberhebung dürfen wir sagen, daß ähnlich grauenvolle Zustände niemals in der deutschen Arbeiterbevölkerung bestanden haben, wie sie ehedem in England bestanden. Aber dieser Vorzug wurde dadurch wieder aufgehoben, daß die großen politischen und socialen Umwälzungen in den sechsziger Jahren vielfach aufreizend und verwirrend in den arbeitenden Schichten der Nation wirkten. Nicht als ob die Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes irgend arbeiterfeindlich gewesen wäre; ganz im Gegentheile, da sie im Laufe weniger Jahre mit freigebiger Hand das allgemeine Stimmrecht, das Coalitionsrecht, die Freizügigkeit, die Gewerbefreiheit gab, muß sie als arbeiterfreundlich im eminenteste Sinne bezeichnet werden. Aber man war vielleicht allzu freigebig mit Freiheiten; in angeblicher Unerfahrenheit sah man zu sehr auf die Licht-, zu wenig auf die Schattenseiten der großen Fortschritte, welche die deutsche Einheit auf wirthschaftlichem Gebiete ermöglichte. Die alten, überlebten Ordnungen, die hemmenden Schranken jedes großartigen Aufschwunges waren freilich spurlos weggefegt, aber nicht mit gleicher Leichtigkeit und Schnelligkeit ließen sich neue, bessere Ordnungen aus dem Boden stampfen; so entstanden unbehagliche Zustände, in deren düsterem Lichte die Arbeiter sich endlich gewöhnten, für eine unverwindliche Schädigung zu halten, was in Wahrheit eine unvergleichliche Hebung ihrer Classenlage war.

Als ein weiteres, wichtiges Moment für das Umsichgreifen der socialdemokratischen Anschauungen in jener Zeit kommt die falsche Haltung der besitzenden und gebildeten Classen hinzu. Was die kleinliche Selbstsucht vieler Unternehmer an den Arbeitern gesündigt hat, ist auf mehr als einem traurigen Blatte unserer neuesten Geschichte zu lesen; fast noch verhängnißvoller war die gründliche Verstimmung des Tones, in welchem die Arbeiterfrage öffentlich erörtert wurde. Nur zu viele socialpolitischen Wortführer, die den englischen Freihändlern glücklich abgesehen hatten, wie sie sich räusperten und wie sie spuckten, verkündeten mit der ganzen Beschränktheit und Hartnäckigkeit des Epigonenthums Gemeinplätze von zweifelhaftester Wahrheit, die in Arbeiterkreisen tief verstimmend wirken mußten. Die öde Lehre des Gehenlassens wurde auf Markt und Gasse mit selbstgefälliger Unfehlbarkeit vorgetragen, gleich als sei wirklich der irdischen Weisheit letzter Schluß darin gefunden, daß der rücksichtslosesten Selbstsucht der freieste Lauf zu lassen sei. Selbst die Einführung von Fabrikinspectoren (vergl. „Gartenlaube“ [[Bahnbrecher des socialen Friedens Wechseln zu: Navigation, Suche |1879, Nr. 8]]), die neuerdings in der kurze Zeit ihrer Wirksamkeit schon so segensreich gewirkt haben, bekämpfte man dazumal als unerlaubten Eingriff des Staats in das wirthschaftliche Verkehrsleben.

Diese und manche anderen Umstände von geringerem Gewichte ließen die socialdemokratischen Wellen von der Gründung des Norddeutschen Bundes ab immer mächtiger anschwellen. An den Geschicken des „Verbandes deutscher Arbeitervereine“ ist sehr lehrreich zu verfolgen, wie die steigende Fluth alljährlich eine größere Strecke des festen Landes verschlingt. Diese Kerntruppe staatstreuer Arbeiter, die noch so tapfer gegen Lassalle gekämpft hatte, wandte sich Jahr um Jahr mehr den communistischen Zukunftsträumen zu, bis sie 1868 auf ihrem Verbandstage zu Gera sich für die Grundsätze des internationalen Arbeiterbundes erklärte.

Ermuthigt durch diesen großen Erfolg ihrer rastlosen Bemühungen, unternahmen Bebel und Liebknecht neue Anstrengungen, sich den allgemeinen deutschen Arbeiterverein zu unterwerfen. Allein es gelang weder mit Gewalt noch mit Güte, weder durch die maßloseste Angriffe auf Schweitzer, noch durch zeitweise Versöhnungen mit ihm. Nur einige missvergnügte Agitatoren zweiten Ranges vermochten sie ihm abwendig zu machen; so entschlossen sie sich, vorläufig den deutschen Zweig der internationalen Richtung in einer eigener Partei zu sammeln; aus den abgefallenen Mitgliedern des allgemeinen deutschen Arbeitervereins und der großen Masse des „Verbandes deutscher Arbeitervereine“ bildete sich im Herbste von 1869 auf einem Congresse zu Eisenach die „Socialdemokratische Arbeiterpartei“.

Schweitzer seinerseits war durch seinen geringen Verlust eher gekräftigt, als geschwächt; wenige Woche darauf eroberte er endlich Berlin, das heißt: indem er durch eine gut gedrillte Schaar kräftiger Anhänger jede ihm mißliebige Versammlung anderer Parteien sprengen ließ, maßte er sich mit leider nur zu großem Erfolge eine unerhörte Dictatur über das öffentliche Vereinsleben in der deutschen Hauptstadt an. Was ihm dagegen trotz mehrfacher Versuche nicht gelang, war die Vernichtung der socialdemokratischen Nebenbuhlerin. Vielmehr zählte dieselbe auf ihrem zweiten Congresse, der im Juli 1870 zu Stuttgart stattfand, ihre Anhänger schon nach vielen Tausenden. So schienen beide Secten zwar unter sich unversöhnlich zu sein, aber auf den getrennten Wegen um so unaufhaltsamer dem gemeinsame Ziele sich zu nähern, als ein völlig unvorgesehenes Ereigniß sie wieder in die Anfänge ihrer Laufbahn zurückwarf: es war der deutsch-französische Krieg.

[419]
7. Der Gothaer Vereinigungscongreß.

Unter den unermeßlich reichen Gaben, mit welchen das unvergeßliche Jahr 1870 unser Vaterland begnadete, war nicht die geringste die gänzliche Zerschmetterung der deutschen Socialdemokratie – nicht die geringste, aber leider die am wenigsten beachtete. Statt die letzten Keime des Uebels besonnen und vorsichtig auszurotten, ließ man sie ungestört sich erholen und wieder in üppiges Unkraut schießen. Viele Umstände entschuldigen diese Saumseligkeit, aber deshalb bleibt sie nicht weniger zu beklagen. Es war ein sehr böses Dilemma, in welches die communistischen Demagogen durch die französische Kriegserklärung geriethen. Die große Masse der Arbeiter, auch wo ihr gesunder Sinn durch utopistische Zukunftsträume schon verwirrt war, stand unter dem mächtigen Eindrucke des frevelhaften Friedensbruchs sofort fertig und klar auf Seiten des gefährdeten Vaterlandes. Der innere Zusammenhang der beiden socialdemokratischen Secten war mit einem Schlage zerstört. Die Lassalleaner thaten immerhin noch das Klügste, was sich unter solchen Umständen thun ließ; konnten sie sich doch auch auf die besten Ueberlieferungen ihres Stifters berufen, wenn sie mit dem allgemeinen Strome schwammen! Schweitzer und seine näheren Gesinnungsgenossen stimmten im Reichstage für die Bewilligung der Kriegsanleihe.

Um so kläglicher schwankte der deutsche Zweig des internationalen Arbeiterbundes hin und her. Zwar, daß Marx bei Ausbruch des Krieges Frankreich von Paris und Deutschland von – Braunschweig aus, wo damals das Hauptquartier seiner deutschen Anhänger war, habe insurgiren wollen, ist ein reactionäres Märchen, für welches noch keine Spur von Beweis erbracht worden ist und auch niemals erbracht werde kann. Im Gegentheil, der Londoner Generalrath rieth in seinen Manifesten namentlich den französischen Arbeitern von jeder vorzeitigen Schilderhebung ab; er sah den Erfolg der deutschen Waffen voraus, und er wünschte ihn auch, wenigstens vorläufig. Natürlich nicht um der gerechten [420] Sache willen, sondern in der schlauen Berechnung, daß ein französischer Sieg die deutschen Herzen in der Gluth vaterländischen Zorns nur noch fester zusammenschmieden werde, während ein deutscher Triumph unfehlbar zum Sturze des zweiten Kaiserreichs führen müßte.

Trotzdem konnte sich Liebknecht, der deutsche Apostel des Bundes, als Reichstagsmitglied, nicht entschließen, in der Stunde der höchsten Gefahr für sein Vaterland einzutreten. Er, wie auch leider der von ihm beeinflußte Bebel, enthielt sich der Abstimmung, als die Mittel zur Kriegführung gegen Frankreich bewilligt wurden. Beide erklärten schriftlich, daß eine Zustimmung zur Kriegsanleihe ein Vertrauensvotum für die preußische Regierung sein würde, welche 1866 den gegenwärtigen Krieg vorbereitet habe, während ihre Verweigerung als Billigung der verbrecherischen Politik Bonaparte’s aufgefaßt werden könnte. Erfreulicher Weise erregte diese unwürdige Neutralität im eigenen Lager vielfach den lebhaftesten Unwillen; höchst unzufrieden war namentlich auch der leitende Partei-Ausschuß in Braunschweig, dessen Seele der kürzlich verstorbene Bracke war, eine der edelsten, liebenswürdigsten und reinsten Gestalten, welche jemals in der socialdemokratischen Bewegung aufgetreten sind. Bracke bewirkte, daß der Ausschuß, um die Haltung von Bebel und Liebknecht wieder gut zu machen, einen Aufruf an die Partei erließ, welcher zwar nicht frei war von mancherlei schiefen und verworrenen Wendungen, aber doch patriotische Hingebung athmete.

So drohte innerer Zwist vollends zu zerstören, was noch von fester Partei-Organisation vorhanden war. Da trat in dem Kriege die Wendung ein, auf welche Marx gerechnet hatte; die Schlacht von Sedan stürzte den Thron des dritten Napoleon und die Republik wurde seine Erbin. In einer Republik Gambetta-Thiers sah Marx freilich nicht sein Ideal, aber trotz alledem – es gab wieder eine französische Republik mit unberechenbaren Chancen für proletarische Aufruhrneigungen; ihre weitere Schwächung oder gar Vernichtung durch ein monarchisches Reich widersprach allen revolutionären Interessen. So gab denn Marx das Feldgeschrei aus, daß um jeden Preis Friede geschlossen, daß namentlich die Annexion von Elsaß-Lothringen gehindert werden müsse.

Inzwischen hatte es der gleißende Name der Republik auch schon von selbst dem schwärmerischen Gemüthe Bracke’s angethan; er fügte sich ohne Weiteres, als die neuen Befehle aus London eintrafen. Der Braunschweiger Ausschuß erließ einen zweiten Aufruf an die Partei, in welchem er zu Massenkundgebungen des Volkes für einen ehrenvollen Frieden mit der französischen Republik und gegen die Annexion von Elsaß-Lothringen aufforderte; in seinem wesentlichen Inhalte bestand das Manifest aus dem Briefe, den Marx an den Ausschuß gerichtet hatte. Nichts ist bezeichnender für die vielgerühmte „Loyalität“ und „Vaterlandsliebe“ der communistischen Demagogie, als die Schimpfworte, die der große Häuptling des Umsturzes über das deutsche Volk in der größten Krisis seiner Geschichte ausschüttete. So schrieb er: „Ich fürchte, die Schurken und Narren werden ihr tolles Spiel ungehindert treiben, wenn die deutsche Arbeiterclasse nicht en masse ihre Stimme erhebt.

Was Wunder, daß Liebknecht mit einem jubelnden „Hurrah!“ dieser ruchlosen Beschimpfung aller patriotischen Elemente beistimmte; ein ernsterer und klügerer Parteigänger schrieb freilich besorgt über die Wirkung des Aufrufs nach Braunschweig: „Man wird uns todt schlagen wie tolle Hunde, und man wird dazu noch Recht haben.“

Nun, diese düstere Prophezeiung erfüllte sich glücklicher Weise nicht, wohl aber ließ General Vogel von Falckenstein als Generalgouverneur der Küstenlande Bracke und seine Collegen vom Ausschusse kurz nach Erlaß ihres Aufrufs aufheben und in die Veste Boyen bei Lötzen einthürmen. Einige Monate später wurden auch Bebel und Liebknecht unter der Anklage des Hochverraths verhaftet, unmittelbar nachdem im December 1870 die letzte Session des Norddeutschen Reichstages geschlossen worden war, welche über die Bewilligung neuer Kriegsanleihen, die Versailler Verträge mit den süddeutsche Staaten, die Schöpfung von Kaiserthum und Reich zu berathen und zu beschließen hatte. In allen diesen grundlegenden Fragen bildeten die socialdemokratischen Abgeordneten eine unversöhnliche Opposition, einschließlich der Lassalleaner, welche nun auch eine klingende Schelle, der Name der französischen Republik, so unwiderstehlich in hoffnungslose Wirrniß lockte, wie die Pfeife des Rattenfängers einstmals die Kinder von Hameln.

Im März von 1871 ergaben die Wahlen zum ersten deutschen Reichstage unwiderleglich den gänzlichen Niedergang der socialdemokratischen Bewegung. Von den bisherigen sieben Abgeordneten der Partei siegte nur Bebel in dem Wahlkreise Glauchau-Meerane, der allein unter allen deutschen Wahlkreisen seit Einführung des allgemeinen Stimmrechts bis auf den heutigen Tag sich den seltsamen Ruhm gewahrt hat, immer socialdemokratisch zu wählen. Nach beendeter Wahl wurden die Braunschweiger und Leipziger Gefangenen aus der Untersuchungshaft entlassen. Später haben sie bekanntlich vor Gericht gestanden und sind verurtheilt worden, Bracke und Genossen in Braunschweig zu einer geringen Gefängnißstrafe wegen Theilnahme an einem gesetzwidrigen Vereine, Bebel und Liebknecht durch ein Leipziger Schwurgericht zu zweijähriger Festungshaft wegen Vorbereitung des Hochverraths. Das letztgedachte Verfahren hat einschneidender Kritik reichen Stoff geboten; sei es nun mit Recht oder Unrecht – in jedem Falle war der Gewinn des Einsatzes nicht werth; die beiden Agitatoren hatten als Parteiführer so gründlich verspielt, daß sie als „Märtyrer“ nicht einen Theil der Partie wieder zu gewinnen vermochten.

Ein fast noch schwererer Schlag, als er dieser Fraction durch die gerichtlichen Verfolgungen zugefügt wurde, traf die Lassalleanische Seite durch den Rücktritt Schweitzer’s. Weshalb der gewandte und kluge Mann plötzlich die Hand von dem Pfluge zog, den er ein halbes Jahrzehnt mit bemerkenswertem Geschicke geführt hatte, ist noch nicht hinlänglich aufgeklärt; ein geistreicher Abenteurer, wie er war, fand er vermuthlich das ganze Treiben nach den zerschmetternden Schlägen von 1870 zu hoffnungslos und zu thöricht. Jedenfalls ist die Annahme, daß er ein bestochener Agent des Fürsten Bismarck war, eine lächerliche Einbildung, so weit sie ihn selbst, eine böswillige Verleumdung, so weit sie den Reichskanzler betrifft.

Zwar wenn man Liebknecht und Genossen reden hört, so ist die Sache „bewiesen“ und „notorisch“. Aber man frage nur nicht wie? Erst die letzten Wochen haben wieder einen schlagenden Beweis dafür geliefert, daß mit gleichem Recht das Gleiche in Betreff Liebknecht’s selbst bewiesen werden könnte. Was als Hauptgrund für Schweitzers Achselträgerei angeführt wurde, war seine maßvolle Haltung im Norddeutschen Reichstage; eben dies „Parlamenteln“ erklärte Liebknecht für „Verrat“ in einer noch gedruckt vorliegenden Flugschrift, in welcher er selbst den nackten Waffenaufruhr predigte. Inzwischen sind zehn Jahre in’s Land gegangen, und die Dinge haben sich mannigfach geändert. Heute versucht Liebknecht im Reichstage so maßvoll zu sprechen, wie es Schweitzer seiner Zeit that; dagegen ist Hasselmann, der damalige Adjutant Schweitzer’s, in die abgelegte Garderobe Liebknecht’s gefahren; er verurtheilt, geradezu mit denselben Worten, das „parlamentarische Geschwätz“ als unnützen Zeitverderb, verkündet schauerliche „Thaten“ des Proletariats und wird eben darauf hin von Liebknecht öffentlich beschuldigt, daß er vom Fürsten Bismarck bezahlt werde oder doch bezahlt zu werden verdiene. Man sieht, diesen Gerechten müssen alle Dinge zum Besten dienen. Aber von zwei Dingen Eins! Entweder hatte Liebknecht gegenüber Schweitzer Recht – dann handelt er heute, oder er hat gegenüber Hasselmann Recht – dann handelte er vor zehn Jahren als agent provocateur. Ein moralischer Selbstmord dieses Calibers wird einstweilen schwerlich als vollgültiger „Beweis“ dafür angesehen werden können, daß der große Staatsmann des deutschen Reichs sich die communistische Landplage mit schwerem Gelde großgezogen hat.

Am lächerlichsten von Allem ist, wen Hasselmann von jener Seite vervehmt wird, weil er sich mit den französischen Communards in dieselbe Reihe stellte. Auch hierin ist er nur der plumpe Nachahmer viel keckerer Vorgänger. Im Mai von 1871, in denselben Tagen, da ein Flammenmeer über der prächtigsten Stadt des Erdballs zusammenschlug und ein Schrei des Entsetzens durch die gesittete Welt scholl, verkündete Bebel feierlich von der Tribüne des Deutschen Reichstages, daß die deutsche Socialdemokratie die moralische Verantwortung für alle Thaten des französischen Aufstands übernähme. Damals war eben nichts mehr zu verlieren; man konnte nur noch versuchen, arglose und unerfahrene Arbeiter über die moralische und politische Zerrüttung der Partei zu [422] täuschen, und man glaubte diesen Zweck dadurch am sichersten zu erreichen, daß man keine Spur von Reue verrieth, sondern die alten demagogischen Trümpfe womöglich verzehnfachte.

Leider trog diese dreiste Rechnung nicht. Das einfache und unbefangene Gemüth der großen Masse mag nichts vom Schwanken und Zweifeln wissen; es verlangt greifbare Gewißheit, und nur zu leicht imponirt ihm jene hartnäckige Frechheit, welche, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken, Schwarz für Weiß und Weiß für Schwarz erklärt. Man kann sagen, daß vom Tage des Friedensschlusses mit Frankreich an die socialdemokratische Bewegung sich wieder hob, anfangs langsam, dann schneller und immer schneller. Freilich: die emsige Sorgfalt der Führer vermochte nur die noch matt flackernde Flamme zu hüten und zu schüren, daß sie nicht völlig verlösche; außerhalb ihrer Macht lag, sie weiter zu leiten, sodaß sie mit gieriger Zunge sich immer tiefer in den edlen Leib des Vaterlandes fraß. Diese Wirkung entsprang, wie immer in solchen Fällen, anderen Ursachen allgemeiner Natur.

Außer jenen Umständen, welche bereits früher als maßgebend für die Entstehung der deutschen Socialdemokratie angeführt worden sind, trat namentlich ein verhängnißvolles Moment hervor, dessen Einfluß auf die sociale Vergiftung unseres nationalen Lebens gar nicht hoch genug angeschlagen werden kann: jene niederträchtige Gründer-, Schwindel- und Wucherperiode, die auf den französischen Krieg folgte wie ein freches Satyrspiel auf eine erschütternde Tragödie. Zunächst freilich schien dieses Treiben nicht ungünstig auf die Lage der unteren Volksschichten zu wirken; es führte unausweichlich zu mehr oder minder erheblichen Lohnerhöhungen. Nicht nur daß die Arbeitgeber geneigter dazu waren, weil ihr eigener Verdienst erheblich wuchs, sondern die starke, anscheinend gar nicht zu befriedigende Nachfrage nach Arbeitern trieb die Löhne schon von selbst in die Höhe.

Aber es haftet nun einmal wie ein unauslöschlicher Fluch an solchem Katzengolde; das uralte Loos unseres bedürftigen und gebrechlichen Geschlechtes will, daß nur die langsam reifende Frucht mühsamer Arbeit den Menschen gedeiht. Jener günstige Umschwung trat viel zu schroff und unvermittelt ein, als daß die Arbeiter von ihm zunächst nicht hätten berauscht werden sollen, und ehe sie sich noch ernüchtern konnten, kam schon der Krach, welcher sie nun doppelt und dreifach unzufrieden machte, weil einerseits ihre Bedürfnisse erheblich gestiegen waren, und andererseits die Löhne meist noch tief unter die Grenze sanken, welche sie vor der Schwindelperiode eingehalten hatten.

Man braucht sich nur die tausendfältigen Wirkungen eines so jähen Auf- und Niederganges in den arbeitenden Classen vorzustellen, um zu erkennen, eine wie unverwindliche Einbuße das in ihnen vorhandene Maß von Fleiß und Kraft, von Geduld und Treue, von Einsicht und Ueberlegung erleiden mußte, das heißt wie leicht nunmehr die herrliche Verheißung eines süßen Schlaraffenlebens unheimliche Gewalt aber ihre Seelen gewinnen konnte. Diese Gefahr war um so drohender, als es sich bei der ganzen Erscheinung nicht sowohl um die moralische Verwilderung der einzelnen Arbeiter, als um die socialpolitische Zerrüttung der Arbeitermasse handelte. In ersterer Beziehung ist außerordentlich viel übertrieben worden; die besitzenden Classen haben nur zu oft in pharisäischem Hochmuthe es vorgezogen, über die Splitter im Auge der Arbeiter zu schelten statt den Balken im eigenen Auge zu sehen; jene Maurer, die einmal in einer Droschke auf ihren Arbeitsplatz gefahren sein, oder jene Steinträger, welche einmal Austern und Sect gefrühstückt haben sollen, sind in unbilliger Weise zu Tode gehetzt worden. Solchen zweifelhaften Reportergeschichten steht eine Reihe von Thatsachen gegenüber – beispielsweise wurde im Jahre 1872 die kolossale Summe von 83,6 Millionen Thaler in die preußischen Sparcassen neu eingelegt – welche es in hohem Grade wahrscheinlich macht, daß die Lohnerhöhungen der Schwindelperiode wenigstens zu einem erheblichen Theile von den einzelnen Arbeitern in ehrenwerther und nützlicher Weise verbraucht worden sind.

Ganz anders steht es mit den socialpolitischen Wirkungen dieser Zeit auf den Arbeiterstand als solchen. Gerade in seinen einsichtigsten und vorgeschrittensten Elementen entwickelte sich ein Selbstbewußtsein und eine Siegeszuversicht, die gar keine vernünftigen Schranken mehr kannten. Nicht zufrieden mit den erreichten Erfolgen, wollten die Arbeiter sich einen noch immer höheren Antheil an dem nationalen Gesammteinkommen erringen, und sie wählten für diesen Zweck das sehr zweischneidige Mittel der Arbeitseinstellungen.

An diesem Punkte setzte die communistische Demagogie ein. Sie benutzte die Strikes gleichsam als Canäle, um den in unzähligen Rinnsalen durch die arbeitenden Classen sickernde Strom der Leidenschaften in eine gemeinsame Richtung zu lenken und auf ihre eigenen Mühlräder zu treiben. An sich steht die Arbeitseinstellung in unheilbarem Widerspruche mit ihrem unfehlbaren Credo, ein Satz, der namentlich von Lassalle wieder und wieder mit größtem Nachdrucke betont wurde. Und in der That – wenn das „eherne Lohngesetz“, das heißt die Beschränkung des Arbeitslohns auf den nothwendigen Lebensbedarf des Arbeiters, in der modernen Gesellschaft unabänderlich herrschen soll, was kann der Versuch, durch Einstellung der Arbeit den Lohn zu erhöhen, anders erzielen, als daß die Arbeiter sich das schmerzliche Joch höchstens noch tiefer in den Nacken drücken? Deshalb rieth Lassalle, so viel er konnte, stets von Arbeitseinstellungen ab.

Gewissenloser, als er, verfuhren seine kleineren Nachfolger. Sie waren sich zwar vollkommen klar über die verhängnißvollen Wirkungen systematischen Strikens, aber sie wußten auch, daß die Arbeitseinstellung nächst dem Bürgerkriege die heftigste Form des inneren Zwistes darstellt, daß sie, wie kein anderes Mittel, geeignet ist, unversöhnliche Feindschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitern zu säen oder, wie die Agitatoren es nannten, das „Classenbewußtsein“ der letzteren zu fördern. Natürlich sind aber Strikes nur möglich unter Arbeitern derselben Gewerbe, und so hatten beide Secten der deutschen Socialdemokratie sich schon vor 1870 bemüht, ihre Anhänger „behufs planmäßiger, zusammenhängender Organisation der Strikes“ je nach den einzelnen Gewerken zu sondern.

Diese Gewerkvereine socialdemokratischer Richtung nahmen einen gewaltigen Aufschwung, als während der Schwindelperiode das Strikefieber in breiten Schichten des Arbeiterstandes ausbrach. Sie kamen der thörichten Leidenschaft schmeichelnd entgegen und waren bereit, jede Arbeitseinstellung zu unternehmen, wie aussichtsvoll oder wie aussichtslos sie immer war. So wurden sie außerordentlich ergiebige Werbeplätze für die Partei des Umsturzes. Unzählige Arbeiter, welche sich ihnen zunächst nur aus Strikelust anschlossen, blieben in ihren Netzen hängen, ob nun die einzelne Arbeitseinstellung glückte oder nicht. Im erstere Falle fesselte sie Uebermuth, in letzteren Verzweiflung an ihre neue Freunde; ist es doch ein unerreichbarer Vortheil, den eine revolutionäre Arbeiterpartei vor allen anderen Parteien hat, daß der Rausch wie der Katzenjammer gleich erfolgreich für sie werben.

Unter solchen Um- und Zuständen gewann die socialdemokratische Partei binnen weniger Jahre nach 1870 einen viel breitere Boden in Deutschland, als sie je vorher gehabt hatte. Während das öffentliche Urtheil sich vielfach in der alten Selbstverblendung wiegte und von ihrem „Rückgange“ träumte, warf sie bei den Reichstagswahlen vom 10. Januar 1874 Zahlen auf den Tisch, die ihr gestatteten, grimmigen Spott über ihre kurzsichtigen Gegner auszuschütten. Sie gewann neun Reichstagssitze und gelangte in elf Wahlkreisen zur engeren Wahl. Noch glänzender trat ihr Triumph hervor, wenn man die Zahl der Stimmen musterte, welche sie davongetragen hatte; es waren ihrer nicht weniger, als – in runder Summe – 340,000, mehr als sechs Prozent aller gültig abgegebenen Stimmen.

Dieser namhafte Wahlerfolg pflückte für die Partei aber noch eine andere Frucht, welche an Werth ihn selbst fast übertraf: er schenkte ihr nämlich den inneren Frieden. Schon seitdem Schweitzer in’s bürgerliche Leben zurückgekehrt war, Bebel und Liebknecht in Hubertusburg ihre Strafe absaßen, hatte der ewige persönliche Krakehl erheblich nachgelassen; man schimpfte wohl noch auf einander, aber der echte und rechte Demagogenneid fehlte, der solch elendes Gezänk auf die Dauer allein gedeihen lassen kann. Mit der Minderung der persönlichen Kämpfe wuchs aber zugleich die sachliche Annäherung der beiden Flügel. Die Lassalleanische Secte hatte unter den unfähige Nachfolgern Schweitzer’s ihren eigentümlich nationalen Charakter nach und nach verloren; sie war mehr und mehr in das Fahrwasser des internationalen Arbeiterbundes geglitten; von neuem bewährte sich die Erfahrung, daß in revolutionären Parteien die wüthendere regelmäßig über die gemäßigtere den Sieg davonträgt.

Nun kamen die Wahlen, und auch das blödeste Auge mußte [423] erkennen, daß, wenn die Partei eine so ansehnliche Macht erworben hatte, es das ABC aller politischen Taktik erheischte, daß man die volle Kraft gegen den gemeinsamen Gegner richte, statt sich gegenseitig in häuslichem Zwist lahm zu legen – dies um so mehr, als die Gegner gar keinen Anstand nahmen, die feindlichen Brüder über einen Kamm zu scheeren; alsbald nach den Wahlen verfolgten die Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften mit gleichem Eifer die Anhänger von Lassalle wie diejenigen von Marx. Nichts eint so sehr, wie gemeinsames Leid; das gegenseitige Mißtrauen schwand, und der Verschmelzung beider Fractionen stand kein ernstliches Hinderniß mehr im Wege.

Diese Verschmelzung fand nach mancherlei Verhandlungen im Mai 1875 auf einem Parteicongresse zu Gotha statt. Man kann dabei eigentlich weniger von einer Vereinigung, als vielmehr nur von einer völligen Aufsaugung der Lassalleanischen Secte durch den deutschen Zweig des internationalen Arbeiterbundes sprechen.

Obgleich jene 15,000 dieser nur 9000 aus dem Congresse durch Abgeordnete vertretene Anhänger musterte, so enthielt das neue Programm der Gesammtpartei doch kaum noch die leiseste Spur von den Gedanken Lassalle’s, dagegen enthüllte es den nacktesten Communismus in seiner ganzen Schönheit.

Mit diesem Congresse endete der zweite große Abschnitt in der Geschichte der deutschen Socialdemokratie. Er umfaßte gewissermaßen die Kinderkrankheiten der Partei, von denen sie nach schwerem Ringen endlich gesundete. Hinfort konnte sie sich in ihrer schwefelgelben Glorie voll entfalten, konnte sie ihre ganze, nicht mehr durch innere Kämpfe verzehrte Kraft gegen die moderne Cultur, das reiche Erbe reicher Jahrtausende, zu Gunsten einer düsteren und ungewissen Zukunft wenden. Und volle drei Jahre hindurch hat sie diesen Kampf geführt mit einer Hartnäckigkeit und Rücksichtslosigkeit, wie sie in der modernen Culturgeschichte bisher ohne Beispiel sind.

[503]
8. Die höchste Blüthe der deutschen Socialdemokratie.

Die socialdemokratische Agitation im deutschen Reiche bietet während des dreijährigen Zeitraums, der sich vom Gothaer Vereinigungscongresse bis zu den Attentaten von Hödel und Nobiling erstreckt, in ihrer Art ein nicht minder fesselndes und merkwürdiges Bild, als die Pariser Commune. Wenn hier das aufrührerische Proletariat mit Feuer und Schwert die verrottete Welt umzuwälzen gedachte, so zeigte sich dort, was es mit seinem „friedlichen“ und „gesetzmäßigen“ Wirken auf sich hat. Es ist schwer zu sagen, welche von beiden Methoden furchtbarer und verhängnißvoller in ihren Folgen ist; alle Schrecken der blutigen Maiwoche verbleichen fast vor der langsamen und tödtlichen Vergiftung des nationalen Geistes, welche die deutschen Demagogen zu erreichen verstanden.

Die Entwickelung der Partei während dieser Zeit in allen Einzelnheiten zu verfolgen, würde an dieser Stelle zu weit führen; es muß genügen, die eigenthümlichsten und lehrreichsten Momente in einem allgemeinen Bilde zu sammeln. Glänzend bewährte sich die Hoffnung der einsichtigeren Agitatoren, daß die Vereinigung der beiden Fractionen die Kraft und Wucht der ganzen Bewegung nicht blos verdoppeln, sondern selbst verzwanzigfachen würde. Ein flüchtiger Umblick in dem Rüst- und Zeughause der Partei liefert hierfür schlagende Beweise.

Die Parteicasse balancirte hinfort jährlich in Einnahme und Ausgabe mit durchschnittlich 60,000 Mark, einer Summe, welche nur den geringsten Theil der von armen Arbeitern für diese Agitation aufgebrachten Opfer enthält, selbst wenn man blos die Aufwendungen an baarem Gelde erwägt. Ungleich mehr verschlangen Gewerkschafts-, Local-, Wahlzwecke. Die Berliner Reichstagswahlen von 1877 kosteten allein 16,000 Mark. Davon wurden unter Anderem 1,400,000 Exemplare von Drucksachen hergestellt, deren Verbreitung unentgeltlich durch Parteigenossen bewirkt wurde. Man vermag schon aus diesem Beispiele zu erkennen, wie gering noch die Einbußen an Geld im Verhältnisse zu den Opfern an Kraft und Zeit waren, die von den bethörten Anhängern der socialen Revolution gebracht wurden.

Die Hauptarmee des Umsturzes bildeten Agitatoren, Vereine, Zeitungen; man kann die ersten als die leichten Truppen, die zweiten als die Heersäulen des Fußvolkes, die dritten als die schweren Geschütze in der streitenden Armee des Zukunftsstaates bezeichnen. Am wenigsten ausgebildet war die erste Truppengattung; gewerbsmäßige Agitatoren wurden von der Parteicasse verhältnißmäßig wenige besoldet; man hatte die Zweischneidigkeit dieser Waffe erkannt. Diese Gevatter Schneider und Handschuhmacher, die „predigend reisten“ und von dem conservativen Socialpolitiker Rudolph Meyer sogar mit den Aposteln verglichen worden sind, boten in ihrem albernen Hochmuth und ihrer banausischen Unwissenheit den Gegnern zu starke Blößen wurden, auch den einsichtigeren Arbeitern nur zu bald verächtlich. Die klügeren Führer suchten sie mehr und mehr zurückzudrängen zu Gunsten der Parteipresse. Freilich darf dabei nicht übersehen werden, daß die Beamten und Vertreter der Partei, Abgeordnete, Redacteure, Expedienten etc., verpflichtet waren, wo und wie sie immer konnten, sich an der mündlichen Agitation zu betheiligen, ja daß in gewissem Sinne jedes gewandtere Mitglied der Partei ihr geborener Agitator war. Im Ganzen verfügte die Agitation über einige Hunderte geschulter Redner, die mit allen Wassern der Dialektik eines Lassalle und Marx gewaschen waren.

Wichtiger war das Vereinswesen der Partei. Sie hatte zuletzt 26 größere Gewerkschaftsverbindungen geschaffen, welche etwa 50,000 Mitglieder an mehr als 1200 Orten zählten. Die jährliche Einnahme dieser Verbände belief sich auf 400,000, ihre jährliche Ausgabe auf 320,000 Mark. Nur die einfachste Gerechtigkeit gebietet, anzuerkennen, daß diese Vereine, nachdem der dauernde Nothstand ihr Strikefieber gründlich erstickt hatte, auch mannigfach nützlich und segensreich gewirkt haben. Von ihren Ueberschüssen wurden ihre Invaliden-, Kranken-, Reiseunterstützungscassen unterhalten. So besaßen die Gewerkschaften der Goldarbeiter und Buchdrucker ein Vermögen von 18,000, beziehungsweise 52,000 Mark in ihren Invalidencassen. Hier hat das Socialistengesetz leider auch manche fruchtbare Keime zerstört.

Aber noch in anderer Weise wußte die deutsche Socialdemokratie das Vereinswesen für ihre Zwecke auszunützen. Nicht weniger als 20 Druckereien befaßten sich mit der Herstellung ihrer Literatur in periodischen und nichtperiodischen Druckschriften; darunter befanden sich 16 Genossenschaftsbuchdruckereien, an denen über 2500 Arbeiter und Kleinbürger mit ihren kleinen Ersparnissen betheiligt waren; sie beschäftigten ungefähr 400 Personen als Redacteure, Expedienten, Setzer, Drucker, und sie setzten jährlich in runder Summe über 800,000 Mark um. Schier unzählbar waren dann die sonstigen Vereine, in denen der Geist der Partei lebte. Bildungs-, Gesang-, Lese-, Theater-, Zeitungs-, Consum-, Unterstützungs-, Wahlvereine und wie sie sich sonst nennen mochten; ihre Namen wechselten tausendfach; in der Sache waren sie alle über denselben Kamm geschoren; in ihnen wurden die Rekruten geübt und geworben. Niemals noch hatte es eine andere Partei verstanden, so den ganzen Menschen zu erfassen, ihn mit seinen alltäglichsten Gewohnheiten unlöslich an sich zu ketten.

Das schwere Geschütz endlich in dem communistischen Arsenale bildeten die bleiernen Lettern Gutenberg’s. Mit fabelhaftester Schnelle wuchs eine kleine Bibliothek socialdemokratischer Flugschriften und Bücher an; sie zählte einige hundert Nummern und [504] vermehrte sich noch von Woche zu Woche. Vieles, das Meiste darunter ist reiner Schund, Manches passables Mittelgut, Einzelnes, wie die Schriften von Engels, Lassalle, Marx, Lange, Jacoby etc., gehört zu den namhaftesten Werken unserer politischen und socialen Literatur.

Alle diese Erscheinungen fanden eine aufmerksame und weite Lesewelt im deutschen Arbeiterstande; in einer Berliner Volksversammlung rühmte sich einmal ein einfacher Arbeiter, daß er eine Broschüre Lassalle’s achtmal habe Zeile für Zeile durchackern müssen, um sie zu verstehen, aber nun habe er sie auch gründlich verstanden, und keine Macht der Welt könne ihn mehr dieses geistige Eigenthum entreißen. Der kleine Zug kennzeichnet treffend, mit welcher hartnäckigen Leidenschaft die Arbeiter darnach rangen, diese Nahrung völlig in ihr Fleisch und Blut aufzunehmen. Ein beiläufiger, aber deshalb nicht minder willkommener Erfolg dieses Büchervertriebes war, daß er der Partei einen namhaften Ueberschuß abwarf.

Noch ausgebreiteter und wirkungsvoller war die periodische Literatur der Socialdemokratie, welche vom eintägigen Wahlflugblatte bis zum jährlich erscheinenden Kalender alle denkbaren Formen dieser Art Druckschriften umfaßte. Am zahlreichsten in ihr war natürlich die politische Tagespresse vertreten. Viele dieser Blätter gingen so schnell, wie sie kamen, sodaß eine völlig sichere Statistik über sie nicht aufzustellen ist.

Um die Jahreswende von 1877 auf 1878 erschienen etwa fünfzig socialdemokratische Zeitungen, von denen ungefähr der dritte Theil sechsmal, die übrigen ein-, zwei- und dreimal in der Woche herausgegeben wurden. Dazu kamen je ein Witzblatt in Braunschweig und Chemnitz und vierzehn Gewerkschaftsorgane, die neben ihren Fachinteressen auch für die Ausbreitung der communistischen Grundsätze sorgten. Im Ganzen und Großen waren all diese Blätter vollkommen werthlos; ihre geistige Habe, ihre politische Wehr und Waffen waren einzig unverdaute Phrasen aus den Broschüren von Lassalle und Marx. Abgesehen von einigen catilinarischen Existenzen, die sich mit größerem oder geringerem Rechte einer „akademischen Bildung“ rühmten, wurden die Redactionsgeschäfte von Arbeitern erledigt, Böttchern, Lohgerbern, Maurern, Schlossern, Schneidern, Schriftsetzern und andern Handwerkern, bei denen von einer publicistischen Befähigung nicht wohl die Rede sein konnte.

Höher standen der „Vorwärts“ in Leipzig, das amtliche Blatt der Partei, die „Neue Gesellschaft“ und die „Zukunft“, ihre wissenschaftlichen Zeitschriften, endlich die „Neue Welt“, ihr Unterhaltungsblatt, die socialdemokratische „Gartenlaube“, wie sie von ihren Lesern stolz genannt wurde. Der „Vorwärts“ sollte vornehmlich einen geistig ebenbürtige Kampf mit den Gegnern der Partei führen; er hat sich dieser Ausgabe zeitweise nicht ohne Erfolg, Geschick und Glück entledigt, eine ganze Reihe socialpolitisch bemerkenswerter Aufsätze gebracht, aber er selbst verscherzte meist die errungene Vortheile durch eine rohe und wüste Sprache, durch wüthende Verleumdungen des persönlichen Charakters seiner Widersacher, durch halbe Unzurechnungsfähigkeit in Beurtheilung der politische Tagesfrage. Eine durchaus anständige Form bewahrten die wissenschaftlichen Zeitschriften, welche die besitzenden und gebildeten Classen mit den Zielen der Socialdemokratie befreunden sollten; inhaltlich brachten sie in bunter Mischung dürftige und gehaltvolle Artikel. Die „Neue Welt“ sollte die Frauen und Kinder der Arbeiter gewinnen; sie stieg bald auf vierzigtausend Abonnenten, ein nicht unverdienter Erfolg; denn geschickt und maßvoll geschrieben, durfte sie wohl den ersten Platz unter den periodischen Preßerzeugnissen der Partei beanspruchen.

Wenn diese Organe höhere Zwecke verfolgten, so waren umgekehrt die socialdemokratische Kalender bestimmt, tagaus tagein als Brander auf der weiten See der arbeitenden Bevölkerung zu kreuzen und in jene entlegenen Buchten und Winkel zu dringen, in welche selbst der leichtest beschwingte Nachen der Tagespresse noch nicht zu gelangen vermag. Der „Arme Conrad“ war mehr auf die städtische, der „Volkskalender“ mehr auf die ländliche Arbeiterbevölkerung berechnet; jener setzte etwa sechszigtausend, dieser erheblich weniger Exemplare ab. Ihr literarischer Werth fiel unter Null; sie entbehrten namentlich, was überaus bezeichnend ist, jeder Spur volksthümlichen Humors. Bemerkenswerth an ihnen war nur die Geschicklichkeit, mit welcher die von ihnen verfochtene Weltanschauung jeden Stoff bis in die innerste Faser und bis zum obersten Rande zu sättigen und zu tränken wußte. Diese Pandorabüchsen waren voll gerüttelt und geschüttelt von Haß, Neid, Zorn, Unzufriedenheit, Wuth, von allen wilden und zügellosen Leidenschaften der menschlichen Brust.

So etwa stellt sich nach ihren allgemeinsten Umrissen die waffenklirrende Rüstung dar, welche die deutsche Socialdemokratie in den Tagen ihrer höchsten Blüthe trug. Darnach kann man einigermaßen abwägen, welches Maß von Geld, Kraft und Zeit sie verschlungen, welche Unsummen von Opfern, die von blutarmen Arbeitern gebracht wurden, sie erheischt hat. Rechnet man nun gar noch die riesigen Verluste hinzu, welche die zahllosen socialdemokratischen Strikes in der ersten Hälfte der siebenziger Jahre dem nationalen Wohlstande zugefügt haben, so ergiebt sich, daß dieser „Militäretat“ so kostspielig gewesen ist, wie nur irgend ein anderer – so kostspielig, aber nicht entfernt so notwendig und nützlich. Blickt man nämlich auf die Kehrseite der Medaille, erwägt man, ob diese gewaltigen Aufwendungen den Arbeitern irgend welchen nennenswerten Nutzen gebracht haben, so wird das dunkle Bild nur um so viel dunkler; Schlagschatten auf Schlagschatten fällt hinein, kaum hier und da ein leiser Lichtstreif.

Verhältnißmäßig die größten Erfolge wurden in Wahlkämpfen errungen; bei den Reichstagswahlen von 1877 gewann die Partei beinahe eine halbe Million Stimmen, fast den zehnten Theil der gesammten gültigen Stimmenzahl. Sie erwies sich als die viertstärkste Partei im deutschen Reiche – gewiß ein staunenswerther Erfolg, welcher sie mit lebhafter Genugthuung erfüllen durfte, aber im Wesen der Sache doch nur eine moralische Eroberung. Die Zahl der Abgeordneten entsprach keineswegs der Zahl der Stimmen; es gelang nicht mehr als zwölf socialdemokratische Mandate zu erobern. Und auch dieses Maß gesetzgeberischen Einflusses wurde in schmählicher Weise von denen verzettelt, in deren Hände es gelegt worden war.

Gewiß ist die Vertretung der Arbeiterinteressen ein berechtigter und erwünschter Factor im großen Rathe der Nation, wenn aber diese Anschauung noch vielfach verkannt wird, so haben es die Arbeiter allein dem parlamentarischen Treiben der socialdemokratischen Abgeordneten zu danken. Niemals haben dieselben auch nur versucht, mit Eifer und Ernst sich an den Geschäften des Reichstages zu betheiligen; meist wohnten sie den Sitzungen gar nicht bei; hielten sie es gelegentlich der Mühe werth, zu kommen, dann war ihre einzige Leistung die Wiederholung einer und derselben Drohrede, bald in halbwegs anständiger Form, bald so stark gepfeffert, daß ein Petroleumdunst durch das ganze Haus zog. Daneben benutzten sie höchstens, wie es noch in der diesjährigen Frühjahrssession des Reichstages geschah, die Redefreiheit der parlamentarischen Tribüne, um aus diesem sicheren Hinterhalte wehrlose Privatpersonen zu verleumden, die ihr Mißfallen erregt hatten.

Sie betheiligten sich selbst nicht, wenn andere Parteien sich bemühten, das bestehende Arbeiterrecht zu erweitern; ihre Abwesenheit verschuldete, daß bei der Berathung der Gewerbe-Ordnungsreform in der endgültigen Abstimmung die strengeren Bestimmungen über die Sonntagsruhe fielen, die bei der vorläufigen Abstimmung im Interesse der arbeitenden Classen angenommen worden waren.

Einmal zwar schien die socialdemokratische Reichstagsfraction einen sachlichen Zweck zu verfolgen; sie brachte ein Arbeiterschutzgesetz ein, aber auch damit war es eitel Schwindel. Die Einzelnheiten dieses Entwurfs waren sinnlos, ohne jede Rücksicht auf die concreten Verhältnisse der deutschen Industrie aus der englischen und schweizerischen Gesetzgebung ausgeschrieben; es lag auf der Hand, daß der Reichstag ein so form- und gedankenloses Machwerk nicht annehmen konnte und würde; darüber waren sich seine Urheber auch vollkommen klar und gestanden auf ihrem Parteicongresse mit preiswürdiger Offenheit, daß sie an diesem Antrage nur eine scharfe Agitationswaffe hätten schleifen wollen für Gegenden, in denen andere Parteien starke Anhang unter den Arbeitern hätten.

Entsprechend dieser Haltung hat die socialdemokratische Agitation auch außerhalb des Reichstages gar nichts gethan, die sachlichen Interessen der Arbeiter zu fördern. Sicherlich ist noch viel zu wenig geschehen, den gerechte Beschwerden unserer niederen Volksschichten abzuhelfen, aber ebenso unbestreitbar ist, daß noch jede andere Partei mehr auf diesem Gebiete geleistet [505]

[536]
9. Die Attentate und das Socialistengesetz. Schluß.

Ueber den Zusammenhang der Attentate Hödel’s und Nobiling’s mit der socialdemokratischen Agitation ist viel gestritten worden; so lange die Wirkungen dieser frevelhaften Verbrechen so tief in unser öffentliches Leben einschneiden, wie gegenwärtig noch, wird der Streit auch niemals aufhören. Für den ruhigen und unbefangenen Beobachter ist die Frage aber eigentlich keine Frage mehr. Es ist zunächst nicht nur zweifellos, daß die Führer der deutschen Socialdemokratie die scheußlichen Thaten weder gefördert noch auch nur gewünscht haben, sondern man kann selbst dreist sagen, daß sie Alles daran gesetzt haben würden, dieselben zu verhindern, wenn sie nur die leiseste Ahnung gehabt hätten, daß solche Dinge bevorständen.

Dies ist aber nur eine Seite der Sache. Anders liegt die Frage, ob die Attentate unter die Folgen der socialdemokratischen Agitation zu rechnen sind. So, wie dieselbe in dem vorigen Abschnitte dieser Darstellung geschildert worden ist, konnte sie eine dreifache Wirkung ausüben. In besonders festen und starken Naturen unter den Arbeitern mochte sie einen revolutionären Trotz erwecken, welcher dieselben zwar in einen finsteren und unheilvollen Gegensatz zu der Mehrheit ihrer Volksgenossen brachte, aber sie persönlich in gewissem Sinne zum Denken, Forschen, Ueberlegen, zum eisernen Zusammenfassen aller ihrer Kräfte anspornte. Solche Gestalten treten auch mannigfach in der Geschichte der deutschen Socialdemokratie auf, verbissene, aber in ihrer Art ehrliche und treue Naturen.

Anders die große Masse der Arbeiter, die in den wirren Strudel der Bewegung gerissen wurde. Sie wurde entmannt und entnervt wie durch einen Opiumrausch; sie lernte aus der Lehre der neuen Propheten nichts, als Unlust zur Arbeit, Unzufriedenheit mit ihrem Loose und der ganzen Welt, nichts als eine anmaßende Selbstüberhebung, die auch eigene Verschuldung nur im Lichte der ungerechten Einrichtungen von Gesellschaft und Staat sah. Die Fabrikinspectoren schildern übereinstimmend die Arbeiter in allen Gegenden, welche ergiebige Werbeplätze der Socialdemokratie waren, als ein dumpfes, träges, jeder thatkräftigen Selbsthülfe unfähiges Geschlecht. Ihre Berichte entwerfen beispielsweise das dunkelste und trübste Bild von den Arbeiterzuständen im Regierungsbezirk Düsseldorf, der ältesten Heimstätte der kommunistischen Lehren im Preußischen Staate; grauenerregend sind ihre Schilderungen von der geistigen Dumpfheit und Stumpfheit der dortigen Massen, von der gänzlichen Verwahrlosung der Jugend, von dem Ueberhandnehmen des Schnapstrinkens, von dem Kost- und Quartiergängerwesen, das scheußlicher Unzucht einen bequemen Platz am Herde der Familie bietet. Ja, in diesem Bezirke häufen sich selbst jene traurigsten Fälle, in denen die Eltern, entgegen dem schützenden Gesetze des Staats, ihre Kinder in die „Lohnsklaverei“ der Fabriken schleppen wollen, und nur die Barmherzigkeit der „Schlotjunker“ verhindert, daß die Heranwachsende Jugend von Grund aus verwüstet wird. Alles in strenger Consequenz des geflügelten Wortes von Marx, daß die [537] Arbeiter noch zehnmal unglücklicher werden müßten als sie gegenwärtig sind, ehe die Saaten des internationalen Arbeiterbundes aufgehen könnten.

Endlich aber in faulen und schlechten Naturen weckte die socialdemokratische Agitation herostratische Gelüste. Die Frechheit, mit welcher sie die besitzenden und gebildeten Classen in allen ihren Gliedern als verkommen, die Arbeiter dagegen als edle und reine Menschen darstellte, bezauberte jeden dummen Jungen, der nichts gelernt hatte und auch nichts lernen wollte, aber begeistert die Aussicht ergriff, durch Bummeln und Schwatzen und sonstigen öffentlichen Unfug „berühmt“ zu werden. Dieser Größenwahn äußerte sich in mannigfachen Formen und verschiedenen Graden. Die Einen ergaben sich den brodlosen Künsten des Agitirens und Colportirens; die Anderen wurden „Schriftsteller“, zeichneten. als Strohmänner verantwortlich die Zeitungen der Partei und büßten mit harten Geld- und Gefängnißstrafen für die Verleumdungen der Demagogen; die Dritten „vermöbelten“, um in ihrer zarten Sprache zu reden, die „wissenschaftlichen“ Größen der „Bourgeoisie“; die Vierten suchten sich bemerkbar zu machen durch pöbelhafte Beschimpfungen des Reichsoberhauptes; die Fünften schritten vom giftigen Worte zur giftigen That, wie Hödel und, ihn nachahmend, Nobiling.

In diesem Sinne eine schwere Mitschuld des communistischen Wühlerthums an den Attentaten leugnen zu wollen, ist ein ganz vergebliches Beginnen. Hödel war sicherlich ein verkommener und verlotterter Bube, ehe er sich der Socialdemokratie anschloß; er wäre es auch nach allem menschlichen Ermessen geblieben, wenn er nie die Partei kennen gelernt hätte, aber so wie er war, wäre er aus eigenem Antriebe eher auf jedes andere Verbrechen verfallen, als auf den Kaisermord, wenn seine Theilnahme an dem umstürzlerischen Treiben nicht herostratischen Größenwahn in ihm gezüchtet hätte.

Die rasche Nachfolge, welche sein Verbrechen fand, die rohen Aeußerungen nichtswürdiger Schadenfreude, die überall aus den Massen hervorbrachen, bewiesen vollends, daß hier ein organisches Leiden vorliege, welches die höchste Aufmerksamkeit der Gesetzgebung erheische.

Die Folge der Attentate war bekanntlich die gesetzliche Unterdrückung der socialdemokratischen Agitation. Auch das Urtheil über diese Maßregel ist arg verwirrt durch der Parteien Gunst und Haß, weit ärger, als an sich nothwendig wäre. Man muß hier nur zwei ganz verschiedene Dinge aus einander halten. Der Satz, daß eine geistige Bewegung dauernd niemals durch äußere Mittel niedergehalten werden könne, ist richtig und unanfechtbar, aber wenn man ihn auf das Socialistengesetz in verurtheilendem Sinne anwenden will, so wird man doch zunächst nachzuweisen haben, daß die socialdemokratische Agitation eine geistige Bewegung gewesen ist. Der wissenschaftliche Socialismus freilich, ebenso wie das Streben der arbeitenden Classen nach einem höheren Antheil an den Schätzen der nationalen Cultur und des nationalen Wohlstandes, sind geistige Bewegungen; so weit in ihnen geschichtliches Recht enthalten ist, werden sie sich unwiderstehlich durchsetzen, und von einem Versuche, sie zu unterdrücken; gilt ganz und voll das Dichterwort:

Es wär’ ein eitel und vergeblich Wagen,
Zu fallen in’s bewegte Rad der Zeit.

Ganz anders steht es mit der socialdemokratischen Agitation. Sie war ein kühl berechneter und geplanter Versuch schlauer Demagogen, die bestehende Ordnung der Dinge gewaltsam umzustürzen. Sie war die politische Waffe einer politischen Partei; sie förderte mit roh revolutionären Mitteln roh revolutionäre Zwecke. Sich hiergegen zur Wehr zu setzen, die Waffe zu zerbrechen, die nach seinem Herzen gezückt wurde, war nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht des Staates, der, wie jeder lebendige Organismus, den Trieb der Selbsterhaltung hat, auf das Recht wie die Pflicht der Nothwehr niemals verzichten kann. Auch der freieste Staat wird offenen Aufruhr niederschlagen; ein derartiges Vorgehen ist einfach gleichbedeutend mit seinem Wesen und seinen Zwecken. In diesem Falle hatte die Socialdemokratie am wenigsten Recht, sich über Gewalt zu beklagen, welche Niemand anders auf der weiten Welt beschworen hatte, als sie selbst.

Ungleich bedeutsamer und weitertragend ist ein anderer Einwand gegen das Socialistengesetz: die Befürchtung nämlich, daß die äußerliche Stille, welche in grellem Gegensatze auf das wilde Toben der zügellosesten Demagogie gefolgt ist, die niemals allzu kraftvolle Initiative des Volks zur Beseitigung der socialen Mißstände und zur Beruhigung der irre geleiteten Massen vollends einschläfern wird. Und leider läßt sich nicht leugnen, daß diese Befürchtung ihren Grund hat, ja zum großen Theile schon eingetroffen ist. Soweit das Socialistengesetz wirken kann und soll, hat es gewirkt; mit unbarmherziger Sichel sind die hochwogenden Saaten der Revolution bis auf’s letzte Hälmchen niedergestreckt und über dem dürren Stoppelfelde heult schon der melancholische Herbstwind der inneren Zwietracht. Es ist eitel Unfrieden ausgebrochen im Lager der Weltumstürzler und Weltverbesserer; sie verschlingen und verzehren sich unter einander; Herr Most erklärt Herrn Liebknecht und Herr Liebknecht erklärt Herrn Hasselmann für einen Verräther; was kundige Urtheiler immer von dieser Spreu von Menschen geurtheilt haben, bestätigt sich vollkommen: der erste rauhe Windstoß hat sie von der Bildfläche gefegt. Käme es nur auf sie an, man könnte getrost der socialdemokratischen Bewegung die Grabschrift schreiben und den Leichenstein setzen.

Allein was die Grundquelle des Uebels angeht, die gerechten Beschwerden der Arbeiter über die Uebelstände, unter welchen sie leiden, so ist seit Erlaß des Socialistengesetzes kaum noch ein Spaten angesetzt worden, sie abzugraben. Alle schönen Vorsätze, die nach den Attentaten laut wurden, sind spurlos im Sande verlaufen; alle feierlichen Verheißungen, welche im Reichstage die Berathungen jenes Gesetzes begleiteten, sind verhallt, ohne ein Echo zu finden; alle tausendmal gehörten Betheuerungen, daß ohne organische Reformmaßregeln mit der bloßen Unterdrückung der socialdemokratischen Agitation nichts gethan sei, sind vergessen worden. Gesellschaft und Staat wetteifern in dieser verhängnißvollen Saumseligkeit. Jene ist matt und müde auf das alte bequeme Lotterbett zurückgesunken; sie läßt die Dinge gehen, als glaubte sie wirklich an das frivole Wort. „Nach uns die Sündfluth!“

In der Presse, im Vereins- und Versammlungsleben herrscht tiefe Stille über die wichtigste Frage des Zeitalters, es sei denn, daß die bekannten wohlwollenden, hunderttausendmal durchgekäuten Redensarten zum hunderttausend und ersten Male wiederholt werden. Nur Herr Stöcker treibt unermüdet die Socialreform in seiner Weise; er hat es den communistischen Demagogen glücklich abgesehen, wie sie sich räusperten und wie sie spuckten, und er liefert in seinen Versammlungen ein trauriges Zerrbild auf das, was sein sollte – auf alles, was sich Herz und Verstand, Wissenschaft und Würde nennt.

Nicht besser sieht es auf staatlichem Gebiete aus. Selbst die dringend notwendige Reform des Haftpflichtgesetzes, von dem durch hundertfache Beweise und das übereinstimmende Urtheil aller kundigen Stimmen feststeht, daß es in seiner jetzigen Form den socialen Frieden weit mehr stört, als fördert, ist noch nicht in Fluß gekommen. Ja, seitdem die Junker und Pfaffen in unseren Parlamenten das große Wort führen, scheint es, als ob unsere socialen Zustände mit Dampfkraft rückwärts revidirt, die besitzenden auf Kosten der arbeitenden Classen begünstigt werden sollen. Die neuen Steuern auf die notwendigsten Lebensmittel, namentlich die Korn- und Viehzölle, drücken die Lebenshaltung der Arbeiter vollends herab, belasten sie unverhältnißmäßig schwerer als die reichen und wohlhabenden Schichten der Nation. Das preußische Feld- und Forstpolizeigesetz löst glänzend eine Aufgabe, an welcher die geriebensten Demagogen der Socialdemokratie immer vergebens geräthselt haben: die Aufgabe nämlich, den communistischen Umtrieben einen bequemen und breiten Weg auf das platte Land zu eröffnen.

Ferner ist es ein offenes Geheimniß, daß mächtige Einflüsse gegen eine weitere Ausbildung des Instituts der Fabrikinspectoren arbeiten, es wohl gar wieder ganz verschwinden lassen möchten. Käme nun gar noch das Tabaksmonopol zu Stande, wie es fast zu Stande kommen zu sollen scheint, so würden einige hunderttausend ländliche und städtische Kleinbesitzer in das besitzlose Proletariat hinabgeschleudert und würde eine fast unerschöpfliche Quelle socialer Unzufriedenheit erweckt werden.

Das Alles eröffnet trübe Aussichten in die Zukunft. Es scheint, als ob, wie in aller Vergangenheit, so auch in aller Zukunft nur „die ungestüme Presserin, die Noth“, sociale Reformen hervorrufen könne. Ein letzter Lichtblick ist die rüstige Arbeit der Wissenschaft an der siegreichen Bewältigung der socialen Probleme. [538] Sie schreitet, unbekümmert um die Launen und Vorurtheile des Tages, ihrem hohen Ziele entgegen, sicher, daß eine ernste, gerechte und unparteiische Forschung nur zu Ergebnissen führen kann, welche das Glück, nicht das Unglück der Masse verbürgen. Die Entwickelung der deutschen Socialwissenschaft bietet, wie Roscher sagt, das Bild eines überaus reichen, vielseitigen Lebens, voll reifer Früchte und hoffnunggebender Blüthen dar. Mit raschen Schritten holen wir auf diesem Gebiete den Vorsprung anderer Völker ein. Werke, wie das monumentale Lehrbuch der politische Oekonomie von Adolf Wagner und Erwin Nasse, wie Held’s socialpolitische Arbeiten, die ebenso mannigfaltig wie verdienstvoll sind, wie Brentano’s lehrreiche Darstellung der englischen Gewerkvereine, Samter’s gelehrte und gründliche Untersuchungen des Eigenthums in seiner socialen Bedeutung, Scheel’s fein- und scharfsinnige Forschungen über den innern Kern der modernen Arbeiterfrage – um nur wenige von vielen trefflichen Namen zu nennen – enthalten eine Fülle der reichsten und tiefsten Belehrung, an welcher kein gebildeter Mann mehr achtlos vorübergehen sollte.

Hoffen wir, daß die Wissenschaft eine wirksamere Bahnbrecherin des socialen Friedens sein wird, als die Politik hat sein könne oder wollen! Drohend und ernst ist die Lage; in allen Gliedern der europäische Welt spukt das sociale Fieber. Vergebens sucht der laute Lärm des Tages das Grollen der unterirdischen Vulcane zu übertönen. Verhängnißvoller denn je schwankt die Wage der Weltgeschicke. Die heute athmen und leben, werde das Ende der nahenden Kämpfe nicht mehr sehen; erst aus ihren Gräbern werden die entscheidenden Würfel fallen. Aber ihr Thun und Lassen wird in erster Reihe maßgebend sein, ob die größte Frage des neunzehnten Jahrhunderts in friedlichen und glücklichen Fluß kommt oder nicht, ob auf unseren Tagen dermaleinst ruhen wird der Fluch oder der Segen der kommende Geschlechter.

Anmerkungen der „Gartenlaube“-RedaktionBearbeiten

  1. Vergl. über Lassalle „Gartenlaube“ 1865 Seite 815, 1867 S. 376, 1872 S. 576, 1877 S. 67 und 688.
  2. Diejenigen Leser, welche genauer von diesen Dingen Kenntniß zu nehmen wünschen, verweist der Verfasser auf sein Werk „Die deutsche Socialdemokratie“. Dritte Auflage. Bremen, Schünemann.