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Textdaten
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Autor: X. Z.
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Titel: Verkümmert und Vergessen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 496
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Politischer Zustand in Österreich
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[496] Verkümmert und Vergessen. Die äußeren Verhältnisse Oesterreichs unter Metternich hat die Geschichte nach den Quellen in Archiven, die Herr Graf Sedlnitzki nicht confisciren konnte, an das helle Licht des Tages gerückt; daß diesem keineswegs erfreulichen Bilde die inneren Zustände vollständig entsprachen, wußte man längst, jedoch ist der Rahmen noch nicht vollständig ausgefüllt. Die Wirkungen jener Zeit liegen uns noch in allen Gliedern; sie ist die Ursache des ausfallenden Mangels tüchtiger politischer Charaktere und reifer Staatsmänner, sie erwürgte mit List und Brutalität jede Geisteskraft, sie erzog jenes Geschlecht serviler Heuchler, die, um ein Anstellungsdecret oder auch nur die Ruhe zu erkaufen, stets etwas anderes auf der Zunge, etwas anderes im Herzen trugen. Und fast möchte man die Mehrzahl derselben entschuldigen, denn wo aus der allgemeinen Entsittlichung ein edles Haupt emporragte, darf man es bewundern, allein von der Schwäche der übrigen kaum fordern, daß sie sich mit gleicher Geduld und ohne Ruhm den tückischen Schlägen der herrschenden Macht aussetzen sollten. Jeder Beitrag zur Kenntniß jener Zeit muß willkommen sein, und zwar nicht bloß der frivolen Neugier, sondern als eine Warnung, weil jene Zustände uns noch ziemlich nahe sind; als ein Schlüssel, der manches Geheimniß der Gegenwart öffnet und auf die Absichten von Leuten ein Streiflicht wirft, die ihre Nichtswürdigkeit mit Phrasen verkleistern.

Wer zählt die Opfer, deren Geist und Kraft in jener österreichischen Wirthschaft zu Grunde gingen und schmählich verfaulten! Wenn wir diese beklagen, müssen wir uns nur darüber wundern, daß es auch jetzt noch Sykophanten giebt, welche das berüchtigte „System“ zu vertheidigen wagen und es in jeder Richtung zurückführen möchten. Von Tyrol wußte man bisher wenig mehr, als daß es das Eldorado der Ultramontanen war und sei, daß, wie die Sonnenstrahlen am Gletscher, hier der warme Hauch deutschen Lebens spurlos abpralle. Dem ist aber nicht so. Auch hier war das Naturgesetz geistiger Entwicklung nicht zu unterdrücken, und die Geschichte wird Männer zu nennen haben, deren Kampf um so löblicher war, je weniger ihnen eine Hoffnung auf den Preis des Sieges lächelte. In politischer Beziehung gehörten sie großentheils, wie Johannes Schuler, zu den sehr zahmen Altliberalen; ihr Hauptverdienst besteht darin, daß sie entweder wissenschaftliches Leben anregten, wie Aloys Flix, oder das Banner gegen den Druck des Klerus erhoben. Letzterer verfolgte unbewußt und freilich nicht bis in die letzten Consequenzen das Programm, welches Strauß in seinem Leben Jesu ausspricht: „Der politische Fortschritt ist, wenigstens in Deutschland, nicht eher für gesichert zu halten, als bis für die Befreiung der Geister von dem religiösen Wahn, für rein humane Bildung des Volkes gesorgt ist.“

Zu den Vorkämpfern gegen den Ultramontanismus darf man Hermann von Gilm zählen. Der Sohn eines Justizbeamten, wurde er am 1. November 1812 zu Innsbruck geboren. Nach der Versetzung seines Vaters trat er in das Gymnasium zu Feldkirch ein und studirte endlich die Rechte an der Innsbrucker Universität. Die Hochschulen Oesterreichs hatten in jener Zeit keinen andern Zweck, als servile Beamte und beschränkte Priester zu erziehen. Gilm lernte auch nicht viel Besseres, es war jedoch ein Glück für ihn, daß er mit Johann Schuler und Johann Senn bekannt wurde. Jener besaß eine Bibliothek, die er mit den Erscheinungen der neuesten Literatur vervollständigte, und lieh auch von der österreichischen Censur verbotene Werke an junge Männer, deren strebsamen Geist er beobachtet hatte. Noch seufzen die Ultramontanen, wenn sie an ihn und seine Giftbude denken. Ueber den unglücklichen Senn hat die Gartenlaube im Jahrg. 1860, Nr. 48 bereits einen Aufsatz gebracht. Tief verbittert durch die Verhältnisse in Oesterreich, denen er zum Opfer gefallen, übertrug er seinen Groll auf jeden, der mit ihm umging, die Pfeile seines Spottes gegen ultramontane und servile Zöpfe schleudernd. Er machte Gilm auf Verschiedenes aufmerksam; diesen der Philosophie zu gewinnen mißlang, weil er zu einem ernsten Studium auch nicht die mindeste Anlage besaß und sich lieber auf der Oberfläche des Lebens leicht beweglich tummelte, als in die Tiefe drang. Dieser Umstand hatte auch auf die Festigkeit seines Charakters keinen günstigen Einfluß; gleich so manchem Künstler war er ein Kind des Augenblickes und völlig unberechenbar in seinen Entschlüssen. Dabei mag ihn freilich die vergiftete Atmosphäre, in der er zu athmen gezwungen war, entschuldigen.

Er versaß einen guten Theil seiner Zeit als Praktikant, trieb dabei den damals üblichen Weltschmerz und machte kleine Gedichte, Lieder und Sonette, von denen sich manche durch den Ausdruck der Stimmung, das Feuer der Sprache und den Schwung der Phantasie auszeichnen. Damals machte Ludwig Steub auf ihn aufmerksam und ließ das treffliche Gedicht: „Warum so spät erst, Georgine?“ in seinem „Drei Sommer in Tyrol“ abdrucken. Da jedoch Gilm nicht den Muth hatte, eine Sammlung seiner Gedichte zu veröffentlichen, weil das nur jenseits der österreichischen Grenzen möglich gewesen wäre und er sich dadurch für immer compromittirt hätte, so nützte ihm Steub’s Verwendung wenig, und er durfte sich bald wieder zu den Verschollenen rechnen. Seine Gedichte hätten in der Heimath selbst kaum Beachtung gefunden, obwohl manche Perle darunter schimmerte, denn was gelten Verse in Tyrol? – Allein er wandte sich der Tendenzpoesie zu und verlieh in herrlichen Liedern dem Grolle Ausdruck, welchen damals Graf Brandis und der Landtag durch die Berufung der Jesuiten in den Herzen freisinniger Männer und der akademischen Jugend entzündeten. Hier hat Gilm im Kleinen Großes geleistet und Anspruch auf dauernden Dank erworben. Von seinen Gedichten ist nur wenig in Zeitschriften und Almanachen veröffentlicht; es steht zu erwarten, daß sie jetzt, wo er vor den Nachstellungen der Pfaffen und Servilen im Grabe geborgen ruht, herausgegeben werden; wir theilen sein Jesuitenlied am Schlusse mit. Es charakterisirt ihn vortrefflich und ist, obgleich bereits vor zwanzig Jahren gedichtet und von ihm vielleicht längst vergessen, auch jetzt noch in Oesterreich sehr zeitgemäß. Oder zweifelt Jemand, daß die Jesuiten noch immer großen Einfluß behaupten? Tausend Thatsachen bestätigen es leider nur zu sehr!

Im Jahre 1848 war Gilm in Wien. Er hatte nicht den Muth sich der Bewegung anzuschließen, und wurde durch die Folgen derselben, wie so viele Altliberale, nach rechts geschleudert. Zugleich wollte er sich nicht ewig auf den schmutzigen Stufen des unteren Kanzleidienstes herumtreiben, sondern avanciren. So finden wir ihn endlich, ohne daß man ihm bei der Unentschlossenheit und Leichtbeweglichkeit seines Wesens eine Apostasie vorwerfen dürfte, als Statthaltereisecretair zu Linz, wo er 1861 heirathete und am 31. Mai 1864 im 52. Jahre starb.

Wenn er seit 1848 auch noch Verse machte, so hat er doch bereits damals seinen Gipfel überschritten. Was er später, meist für officielle Zwecke, dichtete, ist großentheils schwülstig, barock und ohne innere Wahrheit, so daß man es nicht mehr beklagen darf, wenn ihm die Feder aus der Hand fiel. Wir wollen das Bild Gilm’s vor der Seele behalten, wie er jugendlich begeistert und feurig gegen die Finsterlinge kämpfte, und werden seine Gedichte als eines der schönsten Denkmäler jener Zeit mit Freude begrüßen. Den Schluß möge jenes Jesuitenlied bilden:

 Der Jesuit.
Es geht ein finstres Wesen um,
Das nennt sich Jesuit;
Es lächelt nicht, ist still und stumm,
Und schleichend ist sein Schritt.

Es hat nicht Rast und hat nicht Ruh
Und hat ein bleich Gesicht,
Und drückt am Tag die Augen zu,
Als beiße es das Licht.

Es trägt ein langes Trau’rgewand
Und kurzgeschornes Haar,
Und bringt die Nacht in jedes Land,
Wo schon die Dämm’rung war.

Es wohnt in einem öden Haus
Und sinnt auf neuen Zwang,
Und blickt es in die Welt hinaus,
So wird der Menschheit bang.

Und Jesus trug ein farbig Kleid
Und seine Brnst war bloß,
Und was er sprach, war Seligkeit,
Und was er that, war groß.

Und Jesus’ offnes Auge war
So frei, wie sein Gebot,
Und Jesus trug ein lockig Haar,
Und seine Wang’ war roth.

Am dattelreichen Palmenbaum,
Da lehrt’ er sein Gebet
Und träumte seiner Liebe Traum
Am See Genesareth.

Drum seh’ ich solch ’nen Finsterling,
So fällt mir immer ein:
Wie kann man solchen, wüsten Ding
So schönen Namen leih’n?
So schönen Namen leih’n? X. Z.