Schleswig-Holsteinische Sagen

Textdaten
>>>
Autor: Theodor Storm, Theodor Mommsen
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Schleswig-Holsteinische Sagen
Untertitel:
aus: Volksbuch für das Jahr 1844, mit besonderer Rücksicht auf die Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, S. 80–96
Herausgeber: Karl Leonhard Biernatzki
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1844
Verlag: Schwers’sche Buchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Kiel
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Sagensammlung von Theodor Storm und Theodor Mommsen
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[80]
Schleswig-Holsteinische Sagen.
Von Th. Woldsen-Storm und Jens Th. Mommsen.

Auch in unserm Lande haben die Unterirdischen vor Zeiten ihr Wesen getrieben. Raum genug hatten sie auf den weiten Haiden und unter den Sanddünen der Westsee; [81] und nicht der Pflug des Landmanns hat sie von dort vertrieben, wie man uns aus andern Gegenden berichtet. Ihre Zeit war eben um, das kleine Volk ist ausgestorben. Das wissen die Leute auch recht gut; wenn sie Geschichten erzählen von den. „Unnereerschen“, so fügen sie wohl hinzu, wie das jetzt alles ganz anders ist, seit der König von Dänemark im ganzen Königreiche und in den Herzogtümern die Löcher hat zustopfen lassen, aus denen sie sonst hervorkamen, und allenthalben Wachen hingestellt hat, so daß sie nun wohl unten bleiben müssen. – Aber lange ist es noch nicht her, daß unser Land nicht mehr von diesen Wesen bewohnt wird; unsre Landsleute haben wenigstens noch in ihrer treuen Liebe zum Alten auch die alten Geschichten wohl bewahrt, und selbst die Kunst, die Geschichte in Sage zu verflüchtigen, ist bei uns noch kürzlich geübt. Keine Stadt ist so neu, daß sie nicht noch ihre Localsagen hätten noch fährt Steenbock in den Altonaer Straßen umher – nur freilich in keiner Kreuzgasse, denn er ist ein böser Geist; aus dem Bocke sitzt ein Kutscher ohne Kopf, und wer das Gefährte sieht, erblindet auf der Stelle.[1]

Die Mährenzeit ist vorbei, aber die Mährchen sind noch übrig, wir haben uns entschlossen, diese zu sammeln. Unser Zweck ist weder ein historischer, noch ein poetischer, obwohl die Sage die Elemente der Geschichte in sich aufnimmt und Poesie in sich trägt für Den, der sie zu finden weiß, ist sie doch selbst weder Geschichte noch Gedicht, sondern ein Erzeugnis des Volkslebens und ein Theil davon. Darum wollen wir sie sammeln; es ist Zeit, die einzelnen Geschichten zu haschen und festzuhalten, die wie die Blätter der Sibylle in unserm Lande hin und her stiegen. Eigentümlich genug [82] sind sie, und doch auch, gerade durch ihren provinziellen Character, wieder ganz deutsch. Vornämlich die unheimliche Westsee[WS 1] ist es, die tiefe Spuren in der Sage hinterlassen hat. Wie sich der Nebel fast nothwendig auf den weiten flachen Strand senkt, so füllt sich auch die Phantasie diese Strecken unwillkührlich mit Geistern und Gespenstern an, deren Gewalt die unendlichen Räume beherrscht, wo Meer und Land in einander übergeht. Solche Gestalten sind der Geist des Bröddehoogs in der Sylter Sage, der auf dem Grabe seiner Kinder und seiner Schätze sitzt und auf seinen Goldeiern brütet, der Dränger in einer Eiderstedter, der über den Deich gebannt ist, und nur mit übermenschlicher Gewalt wieder hineindrängt, aber nur alle sieben Jahre einen Hahnentritt weiter kommt; der Waterpedder (Wassertreter), ein feuriges Gespenst, das unten am Deiche Allen den Weg vertritt von Mitternacht bis Morgenschein, und Roß und Reiter zum Tode ermüdet. – Das historische Element scheint in unsern Sagen nicht überwiegend zu seyn, doch ist die Königin Margarethe – die schwarze Greth genannt – und König Abel der Brudermörder mit seiner wilden Jagd noch in gutem Andenken. Kein geringer Theil unsrer Sammlung wird den alten adlichen Geschlechtern angehören; gern knüpfen die Erzählungen sich an ihre Schlösser an, ja diese selbst in ihrer wunderlichen Bauart scheinen kaum durch gewöhnliche Kunst entstanden zu seyn. So soll in dem Nütschauer Herrenhause im Schornstein ein großes Schloß an schweren Ketten hängen, das man ja nicht herunternehmen darf, sonst würde das Haus einstürzen; schon wenn es gerührt wird, entsteht ein entsetzliches Rappeln und Poltern in den Schlössern aller Zimmer. Vor Allem aber sind es die freien Bauern, Schleswig-Holsteins Stolz und Stärke, welche unsre Mährchen gemacht [83] haben. Ihre ehrliche Moral ist es, der die Sagen von den Tänzerinnen, die des Tanzens kein Maaß wußten, die von der unbrüderlichen Erbtheilung, die von der Verachtung des Brodtes ihre Entstehung verbanden, welche wir zum Theil unten mittheilen werden.

Wir geben hier eine Probe unsrer Sammlung, wie sie dem Raume dieses Buches angemessen ist. Wenn unser Plan hiedurch zur Kunde unserer Landsleute kommt, wird, wie wir hoffen, das Interesse, welches bis jetzt in unserm Kreise uns entgegenkam, auch Unbekannte veranlassen, mit uns in Verbindung zu treten, und dem vaterländischen Unternehmen, zu dem wir den Grund gelegt haben, ihre Förderung nicht zu versagen. Die schlichte Fassung, in der wir die Sagen mittheilen, liegt in unserm Plane; denn für die Auffassung eines Zweiges des innern Volkslebens ist die schmuckloseste Darstellung die beste. Leider ist die Ansicht noch sehr verbreitet, daß eine Sage erst durch novellistische Gestaltung oder gar durch Versifizirung präsentabel werde – eine Idee, die nicht bloß verkehrt ist, indem sie die Volkssagen verdirbt, ohne Gedichte zu schaffen, sondern auch unrecht, weil sie gegen die Pietät verstößt, die wir dem Nachlasse unsrer Vorfahren schuldig sind. Treue Auffassung und einfache Darstellung sind die Gesetze, die wir uns vorgesetzt haben, und nur innerhalb dieser Grenzen darf die Form sich geltend machen. Wir richten schließlich an Alle, welche Sagen zu schätzen und mitzutheilen wissen, die Bitte, entweder durch einen der Herausgeber ober durch die Verlagshandlung dieses Buches uns ihren Beitrag zu einem Werke zukommen zu lassen, das in der Reihe der Sagenbücher der Deutschen Provinzen schon zu lange vermißt wird.


[96]

Die Sage kehrt zu euch zurück,
Wie klingeln ihre Glöcklein!
Es gilt der Grafen Rantzau Glück,
Den Riß im grauen Röcklein!

Doch seyd ihr worden gar zu alt,
So wird sie euch nicht suchen;
Es ist noch Platz genug im Wald,
Unter den alten Buchen.

Anmerkungen

  1. Zum Glück sind davon die Nachtwächter ausgenommen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ostsee, korrigert nach Druckfehlerangabe.