Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Stolpen

Textdaten
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Autor: M. G.
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Titel: Stolpen
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aus: Meissner Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 2, Seite 177–179
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen II 265.jpg
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Stolpen


hoch am Abhange eines kegelförmigen Basaltberges von etwa 1150 Pariser Fuss Meereshöhe, dessen Stirn das merkwürdige alte Schloss Stolpen krönt.

In Südost fällt dieser Berg steil gegen einen Bach ab, welcher bei Lauterbach entspringt und das Langenwolmsdorfer Wasser verstärkt. Der Grund, wo dieses stattfindet, heisst die Letzschke, wahrscheinlich nach einem schon zeitig eingegangenen Oertchen benannt, woher sich auch der hier selbst genannte Hortus Cletitz schreiben mag.

In der Letzsche hinunter und in einem Thalschlunde am südwestlichen Abhange des Schlossberges hinauf zieht sich das Oertchen Altstadt, in dessen Nähe ehemals ein anderes Städtchen Jokrym, Jockrim oder Jöchern als Zubehör der Burg gestanden haben soll. Doch ist man über die Lage von Jockrim noch nicht einig.

Bischof Johann I. hatte ein Vorwerk zu Jockrim mit zwei Höfen, von denen der eine in-, der andere ausser der Stadt lag, mit allen Nutzungen und Zubehör gekauft, bis auf eine Mühle zu Röthendorf. Der letztere Hof hat jedenfalls nahe am Röthendorf gelegen; denn mehrere einzelne Acker kommen unter der Bezeichnung vor: „Hinter dem Röthendorf im Sachsenviertel“. Der erste Hof in Jockrim blieb der alleinige dieses Vorwerks. Diesen Hof liess Bischof Johann II. auf’s Neue erbauen und erweitern, so dass er zwei Häuser mit einer Ringmauer umfasste, die noch heute steht.

Der Platz jener zwei Häuser nimmt jetzt die ganze Reihe Häuser ein, welche vor dem sogenannten alten Vorwerk stehen und die untere Vorstadt bilden. Das unterste Eckhaus, dem Chausseehause gegenüber, zeichnet sich noch durch seine Keller aus und steht mit dem nächstfolgenden noch in einer unterirdischen Verbindung. Hier ist auf jeden Fall von den zwei Höfen des Vorwerks derjenige gewesen, welcher in der Stadt war. Hiermit haben wir einen sichern Anhaltepunkt des alten Jockrim. Es bleibt nur die Frage übrig, nach welchen Punkten es sich ausgedehnt hat? Ohne Zweifel muss es sich um das Vorwerk herum nach den jetzigen Scheunen zugezogen, an das Burgholz angestossen und unter dem früheren Hospital die Grundstücke umfasst haben, die von den jetzigen Fluren des Staatsgutes eingeschlossen sind und nach den Kapellgarten hinlaufen.

Nach dem Hussitenkriege, wo Jockrim theilweise mit zerstört worden sein mag, liessen sich einige Bürger von letzterem Orte näher am Schlosse nieder, zumal da Röthendorf, das von der jetzigen Stadt nach dem neuen Anbaue zu etwa eine Viertelstunde weit lag, gänzlich durch Feuer vertilgt worden war und seine Einwohner sich alle unter das Schloss flüchteten. Sie haben hier sich niedergelassen, was daraus klar wird, dass alle Röthendorfer Felder zum Flurenbereich des neuen Stolpen gekommen sind.

Dieses frühere Jockrim wurde mit dem Schlosse Stolpen, welches zuerst nur aus geschrotenem Holze erbaut und mit lauter Buschwerk umgeben war, von einer wendischen adlichen Familie, die im Schlosse Stolpen einen festen Sitz hatte, beherrscht, deren Stamm sich Mokko de Stolpen schrieb. Von dieser Familie hat 1218 Bischof Bruno II. das Schloss und die Stadt erlangt.

Dieser Mokko, der immer noch Mokko de Stolpen hiess, erhielt zur Entschädigung die Advocatie über einige Dörfer in der Provinz Budissin und zwar über Cannewitz, Coblenz und Dobranitz. Doch musste dieser Mokko solche 1222 wieder aufgeben und Bischof Bruno II. eignete sie dem Domcapitel zu Meissen zu.

Auch dem Markgrafen Friedrich dem Einfältigen, der es 1290 erobert hatte, kaufte es 1305 Bischof Albert III. (geb. Graf von Leisnig) ab und nun blieb es fortdauernd Eigenthum der meissnischen Bischöffe, von denen die letztern hier residirten. Diesen Bischöffen hat Stolpen sein Aufblühen und das Schloss seine Befestigung zu verdanken. Erst im Jahre 1559 kam es durch die Carlowitzische Fehde an den Kurfürsten.

Nach dem Tode des Bischofs Nicolas I. von Carlowitz übergab nämlich sein Nachfolger, Johann IX. von Haugwitz, dem Carlowitz’schen Geschlechte den Nachlass des Verstorbenen, der nur in einem geringen Kasten Geldes bestand. Die Verwandten des Verstorbenen misstrauten und waren der Meinung, dass ein späteres Testament vorhanden sein müsse. Sie unterhandelten mit Johann und doch war ein Vergleich nicht zu erzielen. Desshalb eröffnete Hans von Carlowitz auf Zuschendorf bei Pirna, kurfürstlicher Stallmeister, gegen die Reichsordnung eine Fehde, welche schon 1558 im September den Bischof zur Flucht nach Prag zwang. Von seinen Unterthanen erhielt Letzterer keine Hülfe und so sah er sich genöthigt, durch seine Räthe Stolpen an den Kurfürst abtreten zu lassen, der es auch den 24. November 1558 durch ein Commando Bürger von Altdresden und Radeberg unter Georg von Carlowitz besetzen liess und es bald darauf dem Bischof gegen Mühlberg abtauschte. Auch zahlte der Bischof denen von Carlowitz 4000 fl. heraus. Mit Johann IX. hörten die Bischöffe zu Meissen auf, deren 43 gewesen sind.

So lange die 5 letzten Bischöffe von Meissen in Stolpen residirten, wurde ein glänzender Hofstaat unterhalten und für die ganze Umgegend blühender Wohlstand geschaffen. Nach ihnen, und zwar bis 1787, wo die alten Werke meist abgetragen wurden, diente Stolpen als tüchtiges Castell. Es steigt aus der Bergkuppe mit hohen Mauern, vielen Thürmen und in [178] grossem Umfange empor und gewährt zwar eine etwas rauhe und kahle, aber sehr imponirende Ansicht, wozu die an einigen Seiten befindlichen 7 bis 8 Ellen hoch entblössten Basaltsäulen wesentlich beitragen.

Der Haupttheil umschliesst 3 durch Zugbrücken geschiedene Höfe, von welchen der dritte als der Haupthof, früher die Commandantenwohnung, die Mauern der Kapelle bis unters Dach und den Brunnen in ihrem ehemaligen Bestande, ausserdem nur verfallenes Gemäuer zeigt, dessen Bestimmung sich ohne Nachrichten aus der Vorzeit nicht würde erkennen lassen.

Die Kapelle, eigentlich eine mit 7 Canonikern besetzt gewesene Collegiatsstiftskirche baute Bischof Thimo von Colditz zu Ehren der h. Barbara. In dieser Kapelle ist der achte Prinz des Kurfürsten August im Jahre 1571 getauft worden, welcher den Namen Adolph erhielt. Unter andern Reliquien verwahrte die Kapelle auch seit 1539 die von Meissen hieher geflüchteten Gebeine des h. Benno, welche in der Carlowitz’schen Fehde vom Messpriester Niclas Gruner ins Bettstroh versteckt, dann nach Wurzen transportirt, endlich nach München abgelassen wurden.

Ehedem enthielt der dritte Hof noch ein Zeughaus, den Seigerthurm, welchen Kurfürst August, nebst einem Destillirgebäude, für seine Gemahlin baute, den Siebenspitzenthurm vom Bischof Caspar von Schönberg erbaut – und den Barbarathurm, welchen schon Kurfürst August 1569 zu einer Wasserkunst benutzte. Ein tiefer Graben scheidet vom dritten Hofe den mittlern, wo die Hauptwache und die alte Schäferei in Ruinen liegen. Das unterirdische Gefängniss unter diesen Ruinen hat das Mönchsloch geheissen. Der Johannisthurm hingegen hat sich noch erhalten.

In diesem, welchen Bischof von Saalhausen mit 3fachem Gewölbe von Grund aus neu erbaute, lebte seit 1716 die sehr bekannte Gräfin von Kosel als Staatsgefangene, woher der Name Koselthurm stammt. Der erste Hof befasste die Cisterne, die Gefängnisse und Marterkammer, das Magazin und den Donatsthurm. Vor der eigentlichen Burg standen sonst als Aussenwerk noch die Klengelsburg und der Hanewald. Erstere liess Johann Georg II. 1675 durch den General Wolf Caspar von Klengel, Oberlandbaumeister und prinzlicher Lehrer, gründen. Den Hanewald, das alte Haus oder das Vorschloss legte schon 1390 Bischof Johann III. von Kittlitz links beim Schlossthor an, unter Johann VI. von Saalhausen verbrannte er mit. Er bildete den untersten Theil der Schlossgebäude. Noch tiefer stand das Viehhaus, welches aber Johann von Saalhausen wegreissen liess. Dagegen cultivirte er den Bergabhang, räumte das Burgholz ab und legte zu 28 Fuder Heu neuen Wiesewachs an; auch kaufte er um 400 Thaler das Fischbacher Holz und die Ceutzel zum Schlosse, dessen Hauptmann ihm so wichtig erschien, dass er ihm die Hieronimus-Präbende zu Budissin anheim stellte, um damit alte, treue Hofleute zu pensioniren.

Dieser Schlosshauptmann bestellte auch geraume Zeit den jedesmaligen Stiftspropst zu Wurzen.

Einige Bedeutung als Festung traute man Stolpen noch 1756 zu, wo der preussische General-Major Warneri es militairisch besetzte, zugleich aber auch seinen Namen dadurch schändete, dass er den Commandanten, General-Major von Liebenau, einen 74jährigen Greis, der ihn eben den Degen abgeben wollte, mit einem Pistol erschoss. Warneri zog 15 Tage später ab, ohne von der Burg weiter Nutzen gezogen zu haben. Von den 19 Commandanten zu Stolpen, von 1634 bis 1764 war ein Hauptmann Brachte der erste, Obrist Franke der letzte.

Unterhalb der Festung des königl. Schlosses wird von einer Mauer ein grosser Platz als der frühere Thiergarten eingefasst, welcher aber im Jahre 1765 zu einer spanischen Schäferei eingerichtet wurde, welche später mit der Hauptschäferei Rennersdorf verbunden wurde, aber den eigentlichen ersten Stamm behielt. Denn seit Aufhebung der Festung ist Stolpen als Staatsgut berühmt in diesem Zweige der landwirthschaftlichen Industrie geworden. Der Segen dieser Stammschäfereien hat sich sehr bald über alle Theile Sachsens verbreitet. Uns hierüber weitläuftig zu verbreiten, wie wir es gerne wünschten, gestattet uns der gebotene Raum nicht.

Die Stadt selbst hat ausser der Kirche 168 Häuser, worunter 111 brauberechtigte sich befinden. Unter denselben zeichnet sich aus das frühere Amthaus. In den ältesten Zeiten war die Expedition auf dem Schlosse, wurde aber dann in die Stadt, und zuerst in das Eckhaus am Markte über dem Rathhause, dann in das nächste, das nach der Pfarre zu auf dieses Eckhaus folgt und von da aus an den jetzigen Ort verlegt, woraus nun das neue Gerichtsamt entstanden ist.

Das Rathhaus zeichnet sich aus durch seinen Thurm. Dasselbe ist schon seit 1600 hieher verlegt und befand sich früher an der Stelle des obern Eckhauses neben dem Malzhause.

Auch existirt hier eine Posthalterei und ein Untersteueramt. Am Markte oben steht das Monument, dem König Friedrich August zu seinem Regierungs-Jubiläum gesetzt.

Die Hauptnahrungszweige sind Ackerbau und gewöhnliche Handwerke, von denen das der Schuhmacher wohl das älteste, aber auch das stärkste ist. Das Leinweberhandwerk wurde im Jahre 1508 bestätigt und wurde früher stark hier betrieben. Ein Hauptnahrungszweig war vorzüglich in der frühern Zeit die Brauerei. Die früheren Lagerbiere sollen ausgezeichnet gewesen sein und weiten Versandt gehabt haben.

Von den sonstigen Kirchen besteht jetzt nur noch die Stadtkirche, welche seit dem Jahre 1728 neu erbaut ist. Von dieser Kirche sind nur einzelne Ruinen aus den bischöflichen Zeiten erhalten, und zwar der Altarplatz mit seinen einfach gothischen Gewölbeverzierungen und die sogenannte Communicantenhalle, in welcher bis zum grossen Brande 1632 die herrliche, sehr schätzbare Mönchsbibliothek stand.

Das hohe Ministerium des Cultus übt das Patronatsrecht über das Pastorat, der Stadtrath aber über das Diaconat und die Schulstellen aus. Eingepfarrt ist nach Stolpen Neudörfel, Rennersdorf, Klein-Rennersdorf, und Filiale sind Altstadt und Helmsdorf.

Die Stadtschule zu Stolpen besteht aus 3 getrennten Klassen, in welcher 4 Lehrer im Ganzen an 200 Kinder unterrichten. Die Einwohner betragen incl. Burglehn und Röthendorf in 181 Wohngebäuden im Ganzen 1347, und gehören unter das dasige Gerichtsamt und zur Amtshauptmannschaft Pirna.

Die Gegend von Stolpen ist hügelig und nicht ohne Reiz. Das meiste Interesse gewährt der Basalt, aus welchem der obere oder steile Theil des, übrigens aus Granit mit durchsetzendem Quarz bestehenden und nur sanft ansteigenden Stolpner Schlossberges aufgethürmt ist. Diese ganze Bergkoppe ist aus lauter 8 Ellen hohen ¼ bis 1 Elle starken, 4 bis 9 Ecken zeigenden Säulen gebildet, welche an den Kanten ins Grünliche fallen, sonst aber dunkel-schwarzgrau sind.

Ihr Anblick am rauhen Felsen ist sehr gefällig, da sie, gleich dem Scheibenberger Basalte, den Orgelpfeifen ähnlich sich darstellen.

Der Berg gilt überhaupt für den sehenswürdigsten unter Sachsens Basaltbergen. Von seiner Spitze hat man eine herrliche Aussicht und erblickt das Innere des Königsteiner Festungsraumes. Auf der Mitte des Berges sind die Säulen am schönsten, besonders auf der Nordseite, vorzüglich [179] aber sind die in den Mittelpunkten ihrer verschiedenen Zirkel, wo sie am senkrechtesten stehen, am allerregelmässigsten getrennt; je weiter sie aber davon oder von ihrer gemeinsamen Mitte abzustehen kommen, desto unregelmässiger werden sie und zeigen sich in ziemlich gleicher Masse zwar, aber in plumpen Stücken, die weiterhin zu ganzen Felswänden dicht verbunden sind. Auf den Basalt, wenn er aus seiner Lage herausgerissen ist, wirkt Sonne und Witterung bald mehr, bald weniger zerstörend ein, je nachdem er beschaffen ist.

Die Schicksale Stolpens anlangend, sind dieselben für die Einwohner hart und prüfend gewesen.

Die Drangsale des 30jährigen Krieges waren von der Art, dass wohl kein anderer Ort so viel davon zu erzählen weiss, als gerade Stolpen.

Was das Schwert in den einzelnen Kriegsjahren verschonte, das zerstörte das Feuer. Die Stadt sammt dem Vorwerke ward gänzlich verwüstet. Aber auch spätere Brände brachten über die Stadt Stolpen Jammer und Elend.

Im Jahre 1795 am 20. März brannte die ganze Häuserreihe, vom ehemaligen Stadtrichter König’schen Hause bis zum Hospitalthore sammt dem Vorwerk gänzlich ab. Das stärkste Feuer war das am 11. Juni 1833, welches in dem Hintergebäude der sogenannten Bäckerei aufging und nach allen Seiten hin auf einmal sich verbreitete. Die pyramidenähnliche Feuerflamme beleuchtete furchtbar schön des Schlosses einzelne Ruinen. Der Beschauer wurde hier so recht an die Nichtigkeit aller zeitlichen Grösse, an die Wandelbarkeit alles irdischen Glückes erinnert. Wohl dem, der in solchen Augenblicken sich sagen kann: Dein Gewissen ist rein von aller Schuld. Du hast Nichts gethan, was menschliches Elend noch fühlbarer machen muss. Dein Sinnen und Trachten ist blos darauf gerichtet: Menschen glücklich zu machen, fremdes Leid und fremde Noth zu lindern.

M. G.