Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Püchau

Textdaten
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Autor: Wilhelm Schäfer
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Titel: Püchau
Untertitel:
aus: Leipziger Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band I, Seite 13–17
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Püchau.


Der im Munde des Volks stets „Bichen“ lautende Ort, mit einem ansehnlichem Rittergute des Majoratsherrn, Grafen Carl Julius Leopold von Hohenthal, liegt ziemlich 1½ Stunde von Wurzen und ebenso entfernt von Eilenburg, in dem sich immer hüglicher gestaltenden Thale oder vielmehr der höhern Aue des sehr nahen linken Ufers der Mulde, in der ehemaligen Eilenburger Pflege, dessen Parochie sich zum fünften Theile über die Grenze des preussischen Herzogthums Sachsen erstreckt. Püchau, das, vermöge seiner natürlichen Situation, in vier Theile zerfällt, in das untere und obere Dorf, welche beide durch den Kirchberg, auf dem auch die 1609 erbaute Pfarre liegt, getrennt sind, und den sogenannten „Bichnerberg,“ auf dessen steilstem Vorsprunge das Schloss mit den Gutsgebäuden erbaut ist, hat im Vergleich zu der bei Weitem plattern Umgebung des benachbarten Wurzens und der grossen Fläche des fünf Stunden entfernten Leipzigs, eine in Wahrheit reizende Lage. – Die Lage und Umgebung dieses nicht eben bedeutenden Orts ist in der That eine wirklich malerische zu nennen. Die auf einem ansehnlichen Hügel erbaute Kirche mit schlankem Thurme, welche allerdings ihr alterthümliches Gepräge, das nur einige Theile des Chors und der Kreuzvorlage noch haben, durch neuere An- und Einbaue sehr verloren hat, das ihr nachbarliche nach Aussen und Innen fast burgähnliche Pfarrhaus mit einem von Pappeln und Zaune umschlossenen Vorplatze, und das gegenüber auf noch etwas steilerer Höhe mit seinen Thürmchen und Giebeln sich erhebende Schloss mit den schönen und zweckmässigen Wirthschaftsgebäuden von grossem Umfange, und endlich das darum gelegte freundliche Dorf machen einen wahrhaft schönen Eindruck. Schloss und Kirche beherrschen die Gegend; ein wirklich schönes Bild, das in der Nähe und Ferne von einem anmuthigen Hügellande eingerahmt wird.

Der jetzige Canzleiname „Püchau“ ist unbedingt, wie viele andere Ortsnamen Sachsens nach seinem ursprünglichen Wortlaute verfälscht. Der Volksname, der meist den besten Leiter zur Etymologie der Ortsnamen slavischer Entstehung, die in Sachsen vorherrschend sind, abgiebt, und zumeist mit den ältesten Urkundennamen übereinstimmt, leitet uns von selbst auf das slavische Etymon Picni oder Picheni, was so viel als einen futterreichen Ort, eine fette Gegend bedeutet.

Die Geschichte Püchaus hat ein reiches Material. Wie es so manchem Orte Sachsens ergangen ist, dass er von seiner ehemaligen Grösse und Bedeutung zu einem blossen Flecken oder Dorfe herabgekommen ist, so ist es auch mit Püchau der Fall, das schon sehr frühe „Stadt“ (oppidum) genannt wird. – Der Ort war unstreitig eine der ältesten slavischen Ansiedelungen, die bereits beim Beginn der Germanisirung des Osterlandes, was hier früher, als es mit dem Meissnerlande vor sich ging, geschah, eine stadtähnliche genannt werden konnte. – Wituchind von Corbei, im 1. Buche seiner Annalen, sowie Annalista Saxo beim Jahre 922 gedenken zuerst des Orts unter dem Namen Bichni. – Nachdem Ersterer die festere Einrichtung oder Anlegung von Städten in den von Slaven bewohnten Gegenden zwischen der Elbe, Mulde und Saale noch vor dem Kriege mit den Hungarn anzunehmen scheint, gedenkt er eines Vorfalls, der Püchau gewissermassen eine hohe Bedeutung in der ältesten Geschichte Sachsens verleiht. König Heinrich, der Städterbauer und Begründer der sächsischen Cultur, den man aus Curiosität den Finkler zu nennen pflegt, ward nämlich in einem Gefechte mit den Hungarn von diesen geschlagen und gelangte auf der Flucht noch glücklicher Weise bis zur Stadt Bichni oder Bicni, und hier war es, wo er zuerst zur Einsicht kam, dass dergleichen ummauerte Orte sehr nützlich gegen die meistens aus Reiterei bestehende Macht der Hungarn seien; auf welche Erfahrung er auch sein neues Kriegs- und Vertheidigungssystem begründete, welche Anekdote gleichfalls Annalista Saxo ähnlich erzählt. Ebenso berichtet Bischof Diethmar von Merseburg in seinem Chronikon (um das Jahr 932, im ersten Buche), dass die Avaren den König geschlagen hätten, als er sie mit zu geringer Macht angegriffen, und dass er bei der augenscheinlichen Gefahr, noch auf der Flucht von den ihn verfolgenden Barbaren erschlagen zu werden, die Mauern von Bichni erreicht habe. Auch fügt der Chronist diesem Factum noch hinzu, dass der König deshalb die Bürger von Bichni nicht nur sehr ansehnlich beschenkt, sondern sie auch noch ausserdem einer grösseren Ehre gewürdigt hätte, als sie bisher erfahren hatten, oder zur Zeit des Berichterstatters Diethmar die Einwohner anderer Städte genossen. – Es ist nun fast zu vermuthen, dass die Bürger Bichni’s, das später auch als Hauptort des Burgwards oder Militärbezirks Bichni, in dem kaiserliche Bergmannen oder die eigentlichen Milites urbici oder Satellites Senioris lagen, schon zu dieser Zeit zum Theil Deutsche waren, weil die Slaven, die doch damals als Bundesgenossen der Hungarn stets erscheinen, sich gewiss nicht so für den König interessirt haben würden. Uebrigens ist diese Erzählung aus Diethmars Feder keineswegs zu bezweifeln, da er doch der Zeit des Factums, sehr nahe lebte. – So wenig auch die Thatsache zu leugnen sein dürfte, so dürfen wir aber hier doch nicht unerwähnt lassen, dass längst schon die Identität des alten Bichni’s mit unserm jetzigen Püchau in dieser Erzählung angefochten ward, und dass namentlich Abel sogar in seinen Noten zu Meibom’s Walbeckscher Chronik Bichni für das im bischöflich-münsterischen Amte Walbeck gelegene Städtchen Beckem oder Beckum an der Werse gehalten, welche Hypothese allerdings Nichts für sich hat. Unbedingt würde der sonst so genaue und umständliche Diethmar, der kurz darauf unser Püchau mit genauerer [14] Andeutung seiner Lage unter dem Namen Bichni noch einige Male, und noch dazu als einen unter seiner bischöflichen Gewalt stehenden Ort, mit Wurzen und Eilenburg zusammen, erwähnt, gewiss in seiner eben erwähnten Erzählung eine Unterschiedsbemerkung gemacht haben, wenn er das Bichni in der von ihm mitgetheilten Geschichte König Heinrichs nicht als identisch mit dem später wiederholt erwähnten gedacht hätte.

Dass Püchau übrigens bereits aus dem Slaventhume als ein bedeutender Ort, der sogar als eine christliche Missionsstelle im Slavenlande, welches der erste Bischof von Merseburg, Boso, erst bekehrt hatte, angesehen werden kann, in die christliche Zeit herübertrat, geht auch aus dem Umstande hervor, dass das nahe Dorf Popitz, das urkundlich Popowitz heisst, unter der Gerichtsbarkeit des Pfarrers zu Püchau stand. – Der Name des Ortes Popowitz deutet nämlich an, dass hier im Slaventhume eine Station slavischer Geistlichen oder Popen war, mit der meistens ein Begräbnissplatz verbunden zu sein pflegte, wo man hier und da öfter Funde von Aschenkrügen, sowie andern Grab- und Opfergefässen machen kann, wie es namentlich bei dem Poppitz in Dresden wiederholt der Fall gewesen ist. – Als nun aber im Christenthume, nach Anlegung der Bisthümer, besonders Merseburgs und Zeitz-Naumburgs, neben dem Burgwart Bichni auch eine Kirche erbaut wurde, so war es sehr natürlich, dass der Ort Popitz, welcher von nun an unbedingt seine ursprüngliche Bedeutsamkeit für die ganze Gegend, ebenso gut wie die heiligen Hagen, verlieren musste, dem christlichen Pfarrer anheim fallen musste; daher die erst 1773 nach langem Processe, mittels Vertrags abgelöste[1] Gerichtsherrschaft des Pfarrers.

Schon vor den 80ger Jahren des 10. Jahrhunderts war Bichini ein Merseburger Stiftsgut. Denn Bischof Diethmar erzählt in seinem Chronicon (Buch 2.) dass, als der frühere Bischof von Merseburg Giselher, der am 10. Sept. 981 das Erzbisthum Magdeburg erschlichen und es beim Papste dahin gebracht hatte, dass sein bisheriges Bisthum aus bekannten selbstsüchtigen Interessen aufgehoben, und dessen Diöces, so zu sagen, zersprengt ward, wobei ein Theil an Zeitz und ein Theil an Meissen kam, er (Giselher) neun Städte Skudici (Skeuditz), Cothug (Gautsch), Wurzin, Bichni, Ilburg (Eilenburg), Dibni (Düben), Pouc (Puch), Luibanici (Löbnitz) und Gezerisca (wohl Gerichshain und nicht Groitzsch) für sich behielt, um sie als Tafelgüter zu benutzen.

Es scheint nun fast, als ob zu Püchau, sowie auch in genannten Orten, in jener Zeit zwei Güter, ein bischöfliches Gut nebst dem Kirchlehen und ein weltliches Lehengut bestanden habe, da am 6. Oct. 995 König Otto von Havelberg aus auf Veranlassung des Bischofs Esico (Aico) zu Meissen, diesem Stifte einige Lehengüter seines Vasallen Esico überliess, unter welchen auch Bichni genannt ist, während Bischof Diethmar, wie er selbst berichtet, nach der unter seinem Vorgänger Wigbert († 1009) vom Erzbischofe Gero, mit dem er zu Mucherini (dem jetzigen Machern zwischen Wurzen und Leipzig) zusammentraf und den er an seine freundschaftlichen Versprechungen erinnert hatte, unter dem üblichen Ceremoniell, der Ueberreichung seines Bischofstabs, die geistliche Gerichtsbarkeit über die vier Städte Skudizi, Cothug, Bichini und Wurzin empfing, wegen der Uebergabe der übrigen fünf obengenannten sich aber vor der Hand noch nicht erklären konnte. – Sonach stand nun Püchau von Neuem unter der geistlichen Gerichtsbarkeit des Stifts Merseburg, während es, seltsam genug, als weltliches Lehen dem Stifte Meissen gehörte. Doch nicht lange währte dieses Verhältniss; denn schon im Jahre 1017, am 22. Febr., änderte sich dasselbe auf der Reichsversammlung zu Magdeburg. – Diethmar hatte geglaubt, dass er alle im Jahre 981 an Magdeburg übergegangenen Besitze hier wieder erlangen würde, und führte deshalb seine Klage vor dem anwesenden Kaiser, von dem er sich, sowie vom Erzbischofe Gero zuverlässig Hilfe versprach. Allein er erhielt ganz gegen sein Erwarten, wie er selbst erzählt, Befehl, auf den er auch nichts zu erwidern sich getraute, dass er den Sprengel, welcher an der Mulde gegen Morgen gelegen, nämlich in den Burgwarden Bichni und Wurzin, an den Bischof Eilward zu Meissen abtreten sollte, wogegen dieser ihm den Sprengel am westlichen Ufer der Mulde abtreten musste. Sonach kam unser Püchau auch mit der geistlichen Gerichtsbarkeit unter das Stift Meissen. Bichin ward hierbei als Sitz eines Burgwards genannt; es musste daher unbedingt schon ein Ort von Bedeutung sein und das jetzige Rittergut verräth sich schon hinsichtlich seiner burgähnlichen Lage als Abkömmling des ehemaligen Burgwards, indem es auch wirklich im Mittel zwischen Wurzen und Eilenburg, also auch im Mittel des ehemaligen Burgwards Bichini, das zum alten Gaue Queszizi gehörte, liegt.

In einer allerdings etwas verdächtigen Urkunde König Heinrichs III., vom 20. Jul. 1040, wird auch der Burg oder des Castells zu Bichini (castellum, quod dicitur Bichini) gedacht, was dieser König zum Andenken seines verstorbenen Vaters Conrad (Chvonradus) und auf Vermittelung des Erzbischof Hunifried von Magdeburg, des Bischofs Kadelohi zu Naumburg, sowie des Markgrafen Hekkihardt (Eckhard) dem Stifte St. Donat zu Meissen vollständig (ex integro) d. h. mit allem Zubehör und Nutzungen an Gebäuden, Feldern, Wiesen, Weiden, Aengern, Wäldern mit Jagd, Bächen und Teichen mit Fischerei, Mühlen, Zinsen von leibeigenen Familien und Hörigen beiderlei Geschlechts schenkte. – Ist diese Urkunde wirklich richtig, was allerdings wegen des aus Versehen des Concipienten falsch angegebenen Namens des damaligen Bischofs zu Meissen, Aico (der doch schon 1015, 13. Jan., in Leipzig gestorben war), welcher Name also wahrscheinlich mit dem Namen Dedo (d. i. Dietrich I.) verwechselt ward, zu bezweifeln: so wäre anzunehmen, dass Bichini eigentlich aus einem dreifachen Besitze, aus dem alten bischöflichen, aus dem Allodialgute Esico’s und der kaiserlichen Burgward bisher bestanden hätte und dass von nun an Alles vereint dem Stifte Meissen anheim gefallen wäre. Dass seit dem Beginne des 12. Jahrhunderts Bichin kein Burgward mehr war, geht aber auch daraus hervor, dass in einer noch ungedruckten Urkunde vom Jahre 1138 es blos ein Burgstall (burgstallum Bigni) genannt wird, was mehr eine von Besatzung verlassene, ja, selbst oft eine verfallene Burg andeutet. – Ob der in einer Urkunde (vom 20. Mai [15] 1174) des Bischofs Uto von Naumburg erwähnte weltliche Zeuge, Tuto von Pichene Besitzer eines Allodialguts zu Püchau gewesen, oder ein ehemaliger Burgmann des kaiserlichen Castells, ist aus nichts zu ersehen. Weit wahrscheinlicher ist es aber, dass dieser Tuto der Allodialbesitzer des Dorfes Pichene (jetzt Holzmark Bäuche) bei Eisenberg gewesen, was in einer Schenkungs-Urkunde des Markgrafen Theoderichs von Meissen an das Kloster zu Eisenberg im Jahre 1219 erwähnt wird. – Bis zum Anfange des 13. Jahrhunderts ist, unsers Wissens, Bichin nirgends mehr erwähnt. Als aber am 6. Jun. 1222 der Landgraf Ludwig von Thüringen im Namen seines unmündigen Enkels Heinrich, des verstorbenen Markgrafen Theodrich von Meissen Sohn, ein Landdings (placitum provinciale) zu Deliz (Delitzsch) im Osterlande (Marchia orientalis) hielt, und daselbst urkundlich die Versicherung abgab, dass seine Verwandten, Otto und Theodrich, Söhne des Grafen Friedrich von Brena, erschienen wären und zu einer Schenkung von 44 Mark Einkünften, in verschiedenen Ortschaften, die ihr Vater bei Lebzeiten von seinem Besitze zu der Zeit, als er die Lehenstücke des jungen Grafen zu Witin (Heinrich, starb 12 Jahr alt 1217) von dem Bischofe Bruno zu Meissen, zu Bichene und zwar in Gegenwart des Markgrafen Theoderichs erhalten, dem Stifte zu Meissen verehrt habe, sich nochmals feierlich, unter der damals gewöhnlichen Vortragung von Reliquien der Heiligen bekannt hätten, finden wir Bichin als einen Aufenthaltsort des damaligen meissner Kirchenfürsten, der Stolpen später zu seinem Wohnsitze machte, woraus hervorgehen muss, dass das hiesige Schloss um diese Zeit (1217–1222) noch in solchem wohnlichen Zustande sein mochte, dass er den Markgrafen daselbst standesmässig empfangen konnte. – Doch könnte man aus der Construction der Worte der Urkunde auch vermuthen, als ob Bichene ein Besitz des Markgrafen gewesen, was allerdings beim Mangel der Interpunctionen in den Urkunden jener Zeit unentschieden bleiben muss. Die Annahme, dass der Markgraf Bichene im Lehenbesitze gehabt, liess sich aber auch daraus muthmassen, dass er im Jahre 1217 eine Urkunde für das Kloster Dobrilug daselbst datirt hat. – Bichene wird jedoch darin nicht mehr „Stadt“ sondern „Dorf“ (villa) genannt, ein Umstand, der dadurch sich nur erklären liesse, dass man annähme, dass B. bereits in jenem verheerenden Kriege so sehr mitgenommen worden, das es zum Dorfe herabgekommen war. – Man hat auch gewollt, dass jene bekannte Schlacht, welche der Schenk Rudolph von Vargula in Abwesenheit des Markgrafen Heinrichs, der in Böhmen Hilfe einholen wollte, am 27. Oct 1263 mit den Söhnen Heinrichs, Albrecht und Dietrich, gegen die Verbündeten der Sophia von Hessen, den Herzog Albrecht von Braunschweig und Heinrich und Sigfrid von Anhalt so glücklich schlug, nicht bei Wettin, was wegen Leipzig, wo Rudolph mit den jungen Fürsten sich vereinigte und Albrechts Zuge an der Elster auch nicht gut passte, in der Nähe von Bichin geschlagen worden sei, was wir aber nicht entscheiden wollen.

Trotzdem nun, dass Püchau nach den bis hierher gegebenen urkundlichen Nachrichten scheinbar das Besitzthum des Stifts Meissen war, so mag es in kirchlicher Beziehung doch nicht unter den Bischöfen gestanden haben. Zwar finden wir in einer Urkunde des Bischofs Nicolaus von Meissen, vom 12. Nov. 1380, dass er vom Schlosse Stolpen aus einen Consens zur Stiftung eines Altarlehens in Bichin ertheilte; aber dennoch ist es nicht in dem Verzeichnisse der Altäre des Stifts Meissen aus dem Ende des 15. Jahrhunderts und noch weniger im Zins- und Steuerregister von 1427 bis 1451 mit aufgeführt, ein Beweis, dass das Stift Meissen blos die Lehensherrlichkeit über Püchau ausgeübt. – Die Urkunde klärt uns darüber auf; sie besagt, dass der Edle, Herr Theodericus von Turgow nebst seiner Gemahlin Margaretha, der auch Herr von Bichni genannt wird, zur Ehre Gottes und der heiligen Jungfrau, sowie des heiligen Bischofs Martin einen neuen Altar in seinem dasigen Schlosse (in castro Bichin) mit ewiger Messe stiftete und dazu die Einkünfte in Techenicz und Klein-Machern anwies. Die Bestätigung des Bischofs sagt ausdrücklich, dass Bichin zur Diöces Merseburg gehörte und dass das Schloss und der Ort ein nach Meissen zu Lehen gehender Besitz war; dem Messner (rector altaris) dieses neuen Altars in der Schlosscapelle zu Bichni ward übrigens freier Tisch, den er mit den vornehmern Dienstleuten des Schlosses gemeinschaftlich hatte und noch andere Vergütung zugesichert. – Diese Urkundennachricht ist in der That sehr interessant für Püchau’s mittlere Geschichte; sie klärt uns namentlich über das wahre Verhältniss auf, in dem es zu Meissen und zu Merseburg stand, und bringt uns besonders auch noch in die nähere Bekanntschaft mit einem der älteren Allodialbesitzer Püchau’s, als Lehensmann der Bischöfe von Meissen, wiewohl scheinbar noch ein weit älterer, in der Person des Conrad von Pichene in einer Urkunde Heinrichs des Erlauchten, vom 5. Oct. 1231, in der dieser Fürst dem Kloster Altzella zwei Mühlen bei der Stadt Grimma übereigenet, als ein im genannten Kloster mit anwesender Zeuge und auch als zum Hofstaate des Markgrafen gehörig (familiaris Marchionis), ferner im Jahre 1288 ein Otto von Bichin, sowie in einer andern Urkunde vom J. 1344 ein gewisser Bodo von Torgau als Besitzer des Guts (praedium) Bichen erwähnt wird.

Sehr wahrscheinlich ist es, dass P. bis zum Jahre 1290, wo die wettiner Linie der Grafen von Brena mit Friedrich, der es 1217 von dem unmündigen Heinrich von Wettin erbte, erlosch, ein Allodialgut dieses Zweigs der Wettiner unter bischöflich-meissnischer Lehenshoheit gewesen und dass es dann auf die Herren oder vielmehr Dynasten (nicht Adelige) von Torgau, die auch oft „Grafen“ genannt werden, übergegangen ist. Denn sie erscheinen schon seit Anfange des 14. Jahrhunderts im Registrum copiarum des Thomasklosters zu Leipzig, als auf Bichen gesessen. – So findet sich daselbst unter dem Jahre 1310 ein Dietrich von T. auf Bichen, während Walther von T. „Dösen“ besass. Ein Bodo von T. war schon 1275 in der Leipziger Pflege und Wilhelm von T. 1309 Cantor des Stifts Merseburg. – Unbekannt ist jedoch, wie im Jahre 1408 ein Heinrich von Heinitz als Besitzer von P. genannt werden kann; wahrscheinlich besass er nur ein kleineres Allod daselbst.

Nicht urkundlich bekannt ist es, wie um die Mitte des 15. Jahrhunderts das Allodium Püchau unter kurfürstliche Lehenshoheit gekommen; doch lässt sich lehnsrechtlich annehmen, dass P. bis zur Reformation wohl nur Afterlehn der Kurfürsten gewesen. Wir finden im Jahre 1441 Hans Spiegel, 1469 Jacob Spiegel (aus einer altadlichen Familie, die [16] viele Staatsämter bekleidete) als Besitzer von P. Nachdem es seit dem Jahre 1480 zwei Besitzer, den Hans Hund und Jacob Spiegel[2], und von 1500–1509 Burkhard Hund und H. Spiegel gehabt hatte und zum Theil nach Besitz und Lasten, zu dem Amtsbezirke Eilenburg gehörte, stellten am 28. Dec. 1509 der Kurfürst Friedrich der Weise und sein Bruder, Herzog Johannes, eine Urkunde zu Wittenberg aus, nach welcher sie dem Bischofe zu Meissen, nachdem sich dieselben mit Burkhard Hund und Jacoff Spiegel, welche bisher das Schloss Bichen gemeinschaftlich besessen, wegen eines Kaufs vertragen, sowie die Gebrüder Hans, Friedrich und Wulffgang von Saalhausen zum Kaufe vermocht, die dafür an die bisherigen Besitzer 19,000 Fl. gezahlt, die Lehen (also auch Afterlehen) und Dienste (Frohnen etc.) in den Dörfern „Bichen, Technitz, Plachditz, Lobschitz, das man auch Poppitz (?) nennt, das halbe Dorf Doberschitz, die Kabelmargk, das man Plaunitzer Holz nennt, Gallen, Pressen, mit der Wüstenei Kleinmachern, Kabelsdorf, Milandt Parthimark, Daubitz und die Dresemargk halb“ etc., mit Ober- und Untergerichten („Obersten und Niedersten vber Handt und Hals“) die Hundt und Spiegel bisher besessen und ausgeübt, zu der ihm gehörigen Pflege Wurzen mit Vorbehalt der Gerichte, Dienste und Pfleghaften des „Amts Ilnberg“ (Eilenburg) übereigenen. Auch sprechen sie darin schliesslich aus, dass alle Irrungen, die wegen der Lehen an dem Schlosse Bichen und Zubehör zwischen ihnen und dem Bischofe bestanden hatten, hiermit aufgehoben sein sollten. Von nun an gehörte Püchau unter die schriftsässigen Rittergüter des Stifts Wurzen. Doch nur etwa 10 Jahre war P. im Besitze derer von Saalhausen, die auch Trebsen und Lauenstein hatten; denn schon im Jahre 1520 finden wir Hyronimus und Christoph von Kaniz, die zugleich Thallwitz besassen, im Besitze von Püchau. Im Jahre 1533 kam es durch Kauf an Ewald von Ende, bei welcher Familie es bis 1651 geblieben ist. P. ging durch Erbe 1538 an Heinrich, Gottfried, Ewald, Utz, Nickel und Georg von Ende über, die es bis 1555 gemeinschaftlich besassen, in welchem Jahre es Utz allein übernahm. Nachdem dieser 1603 das Zeitliche gesegnet, erbten seine Söhne Heinrich und Dietrich das Schloss P. mit allem Zubehör, die es bis 1611 ebenfalls in Gemeinschaft hatten, wo es ihnen ihr Vetter Wolff von Ende, auf Schweta, abkaufte. Als dieser 1615 gestorben, erhielt sein Sohn Abraham mit Schweta auch Püchau. Doch wird in der Ritterrolle vom J. 1614 neben diesem Wolff auch noch Nickel von Ende, beide mit drei Pferden bei der VI. Compagnie der Ritterschaft in den Stiftern auf „Büchau“ aufgeführt; ein Beweis, dass Wolff nicht allein Besitzer war. – Als Abraham im Jahre 1637, am 9. Aug., wahrscheinlich an der Pest, die in diesem Jahre 151 Personen im Kirchspiele dahinraffte, ohne Erben gestorben war, kam das Gut zur Subhastation, und es erstand das Schloss Püchau nebst Zubehör der so bekannte kurf. Hofmarschall Heinrich von Taube, aus dem liefländischen Hause Maydel, Liebling des Kurfürsten Johann Georgs I., der auch Reichstädt, Berreuth und Nöthnitz besass, im J. 1643. Nach dessen Tode im Jahre 1663, erbte es sein Sohn Heinrich, welcher kurf. Geheimrath und Amtshauptmann zu Torgau, Eilenburg und Düben war. – Als auch dieser 1667 ohne männliche Erben starb, ging es durch die Verheirathung seiner Tochter Dorothea Sibylle (im Jahre 1645) mit Rudolph von Bünau, auf Ottendorf und Nenntmannsdorf, kurf. Oberschenk, Oberküchenmeister und Amtshauptmann von Annaburg und Gräfenhainchen, der aber schon 1661 das Zeitliche segnete, an dessen, am 19. Dec. 1656 gebornen Sohn, Heinrich von Bünau, über, der auch Lossa, Wiederode und Deumen besass. Als dieser am 28. März 1729 als Inspector der Landesschule zu Grimma, Geheimrath und Steuereinnehmer des Leipziger Kreises, starb, fiel Püchau an seinen Sohn Heinrich, den Johanniter, kurf. Geheimrath und Kreishauptmann zu Leipzig, welcher endlich Gesandter am kaiserlichen Hofe zu Wien war. Nachdem dieser 1728 mit der Gräfin Anna Regina von Racknitz sich vermählt hatte, 1741 in den Reichsgrafenstand erhoben und am 10. Jul. 1745 in Venedig zu seinen Vätern versammelt worden war, ging Püchau auf seinen, am 23. Sept. 1732 gebornen Sohn, Heinrich über. Dieser vermählte sich am 20. April 1766 mit Christine Elisabeth Freiinn von Hohenthal, Enkelin des Stammvaters Peter, Hohmann, Edlen von Hohenthal, geb. d. 21. Nov. 1731. Heinrichs von Bünau Schwester war die Gräfin Henriette Friederike, geb. 31. Jul. 1737, seit 14. Jan. 1751 mit Friedrich Beauregard, dän. Kammerherrn und Gesandten am königl. poln. Hofe zu Dresden, Wittwe seit 19. Oct. 1757 und seit 1758 wieder vermählt mit David Vicomte Stossmann, engl. Gesandten zu Wien. – Nach dem Tode des Grafen Heinrich von Bünau, am 24. April 1768, hatte die Gräfin, geb. von Hohenthal, bis zu ihrem Tode Püchau im Besitze, und von dieser kam es an ihren jüngsten Bruder, den im Jahre 1790 zum Reichsgrafen erhobenen kurf. sächsischen Geheim-Rath Peter Friedrich von Hohenthal. Dieser ward am 26. Aug. 1735 geboren, war von 1779 bis 28. Febr. 1799 kurf. Comitialgesandter in Regensburg, bis 23. April 1799 bevollmächtigter Gesandter beim Friedenscongress zu Rastatt, kaufte 1797 das Gut Kayna von seiner Gemahlin Johanna Friederike Caroline, Gräfin von Rex (geb. 16. Dec. 1758 und vermählt 2. Nov. 1774), starb zu Dresden am 19. Nov. 1819 und hinterliess die Güter Püchau, Kayna etc. seinem Sohne Carl Anton Friedrich, geb. 10. Oct. 1775, der Püchau nebst Kayna im Jahre 1824 zum Majorate machte, was der Geheimrath Karl Ludwig August, Graf von Hohenthal, vermählt 15. April 1800 mit Ehrengard Friederike Wilhelmine von Krosigk, 1803 erhielt. Als dieser am 27. März 1827 mit Tode abging, erbte Püchau dessen Sohn, der k. s. Kammerherr und grossherz. sächs. Oberschenk Graf Carl Friedrich Anton von Hohenthal, geb. 6. Nov. 1803. Der aus desen erster Ehe mit Walporgis, Gräfin von Schaffgotsche (vermählt 26. Sept. 1829) erzeugte Sohn, Graf Carl Ludwig Leopold, geb. 21. Juni 1830, vermählt mit Auguste Isidore von Wuthenau (16. Sept. 1852), erbte, nachdem sein Vater das Indigenat in Sachsen aufgegeben, und sich „Hohenthal auf Dölkau-Hohenpriessnitz“ schrieb, bei dessen Tode, am 11. Dec. 1852, Püchau, und ist der jetzige Majoratsherr.

Heinrich I. von Bünau hat die hiesige Kirche im Jahre 1684 bestens restaurirt und die Grabmonumente früherer Besitzer darin aufstellen [17] lassen, auch erhielt sie, an die Stelle der 1704 erst erbauten, in seinem Todesjahr 1729 noch eine Silbermann’sche Orgel. Sein Sohn und Nachfolger hat auch den obern Theil des hohen Kirchthurms im Jahre 1732 neu erbauen lassen. Ueberhaupt haben sich Die von Bünau nach dem Beispiele ihrer Vorgänger, die gleichfalls das Innere der Kirche durch Anschaffung kostbarer Ornate für Kanzel und Altar und Schenkung silberner Altargefässe etc. geziert haben, und namentlich auch die letzte verwittwete Gräfin von Bünau durch mehre Legate für Kirche, Pfarre und Schule, sowie die Almosenkasse des Orts sich sehr verdient gemacht.

Wiewohl Püchau seit 1509 schriftsässig zum Stiftsamte Wurzen gehörte, so stand doch von 1522 bis 1815 die hiesige Kirche zu St. Peter und Martini unter der Eilenburger Superintendentur, und war die 5. Parochie in dem ehemaligen Eilenburg-Dübener Distrikte des Bisthums Merseburg; doch seit dieser Zeit ward sie zur Diöces Wurzen geschlagen. Das Patronatrecht hatte bis zur Reformation der Bischof von Meissen, allein seit dieser Zeit hatten die Collatur stets die Besitzer des Ritterguts.

Früher gehörten zur Pfarrei Püchau noch die Filale[WS 1] Nepperwitz und Altenbach, und der Pleban oder Pfarrer hielt sich einen besonderen Messner, der jedoch von ihm abhängig war. Als aber noch vor der Reformation das Dorf Grubnitz, wo auch ein besonderer Messner war, mit Nepperwitz verbunden ward, erhielt letzteres einen eigenen Pfarrer; doch behielt der Pfarrer zu Püchau das Patronat. Da aber später (nach der Reformation) auch das Dorf Deuben, das einen eigenen Pfarrer gehabt und unter kurf. Patronate stand, mit den Dörfern Bennewitz und Schmölln zu Nepperwitz geschlagen, das Patronat aber vom Kurfürsten den Besitzern von Püchau ertheilt wurde, so musste der Pfarrer von P. das Patronat über Nepperwitz (seit etwa 1596) mit der Gutsherrschaft theilen, was bis auf den heutigen Tag geblieben ist. Eingepfarrt sind in Püchau die Dörfer Dögnitz, Lübschütz, Popitz, Plagwitz Cossen (jetzt preuss.), nebst der Lehden- und Schubortsmühle. – Die Reformation ward bereits zu Anfange der 30 Jahre des 16. Jahrhunderts hier eingeführt und der Geistliche Wolf Lungwitz bei der zweiten Eilenburger Visitation im Jahre 1534 als erster evangelischer Pfarrer eingesetzt. Die Kirche ist etwa zu Anfange des 14. Jahrhunderts das erste Mal erweitert worden, erfuhr im 16. Jahrhunderte und 1684 eine Veränderung. Von den alten Glocken wurden 1723 die kleinere, 1729 die mittlere und 1745 die grössere, welche die Jahreszahl 1496 trug, von Martin Heinze in Leipzig umgegossen, was im Jahre 1811 abermals mit ihr geschah. – Eine steinerne Kanzel ward 1569 errichtet, die Emporen und der Beichtstuhl wurden 1702 erbaut. Der Thurm erhielt auch 1706 ein neues Uhrwerk, das 1733 sehr verbessert ward. Auch haben die Collatoren eine kleine Kirchenbibliothek angelegt, die auch bis zur neueren Zeit Bereicherungen erhielt.

Der Fluren-Grundbesitz des Dorfs besteht nur in 12 Hufen, der des Ritterguts aber ist einer der grössten der Umgegend, hat namentlich auch viele und schöne Wiesen in der Muldenaue, daher auch eine, bedeutende Schaaf- und Viehzucht. Es besitzt ausserdem bei dem Vorwerke Lübschütz beträchtliche Teiche und in Püchau selbst eine starke Brauerei. Ueberhaupt findet man hier alle Branchen der Oekonomie in einer seltenen Vollkommenheit.

Dr. Wilhelm Schäfer.     




  1. Gegen die 5% Zinsen von 275 Thlrn. Capital, das die Püchau’sche Herrschaft als Entschädigung gab.
  2. Im Jahre 1469 hat Bischof Dietrich von Meissen zwischen Jacoff Spiegel und Fritzsche Kekeritz wegen eines Kaufs des Krugs (der Schenke) und einer Wiese entschieden.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Fiale