Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Nöthnitz

Textdaten
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Autor: M. G.
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Titel: Nöthnitz
Untertitel:
aus: Meissner Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 2, Seite 187–188
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons = SLUB Dresden
Kurzbeschreibung:
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Schloss Nöthnitz (Bannewitz) (02).jpg
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen II 280.jpg
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Nöthnitz,


ein für die Literaturgeschichte merkwürdiger Ort, liegt 1¼ Stunde südlich von der Residenz an der Chaussee nach Dippoldiswalde in einer herrlichen reizende Aussichten gewährenden Gegend, an dem darnach benannten Bache.

Das in der Abbildung befindliche Schloss befindet sich in der Tiefe des Thals. Trotz seines Alters gewährt solches doch einen schönen Anblick und von seinem Thürmchen eine weite Aussicht nach dem Loschwitzer Gebirge. Das Schloss selbst enthält mehre kurze Flügel und die Gebäude sind in 2 Gehöfte vertheilt.

Auf diesem Schlosse stand der grösste Theil der Bibliothek, welche der König 1764 vom Grafen von Bünau für 40,169 Thaler für die Dresdner Bibliothek erkaufte, andere Theile derselben befanden sich zu Dahlen, Weimar und Dresden. Diese Bibliothek wurde am 7. April 1769 nach Dresden geschafft. Dieselbe bestand aus 33000 Bänden, unter denen sich 6600 Folio und 10000 Quartbände befanden. Die Literaturgeschichte war 6000, die alte Philologie 700, die Universalgeschichte 1300, die deutsche Geschichte 2000, die Physik 1000, die Jurisprudenz 2600 Werke stark; sie war besonders reich an Büchern über das Staatsrecht, die deutsche Reichsgeschichte und überhaupt über die Staatengeschichte.

Auf dem Schlosse zu Nöthnitz lebten sehr oft grosse und berühmte Gelehrte: Lippert, Hagedorn, Oeser, Heyne bildeten hier einen wissenschaftlichen Club; hier arbeitete Graf Heinrich von Bünau selbst den grössten Theil seiner deutschen Reichsgeschichte aus; hier fertigte Franke, sein Bibliothekar, den berühmten Catalog der Bibliothek; hier bildete sich auch der unsterbliche Winkelmann, welcher unter Franke in den Jahren 1748–1756 an der Bibliothek arbeitete und da die ersten Ideen zu seiner Geschichte der Kunst fasste. Winkelmann war früher Conrector zu Seehausen und wurde von dem Besitzer des Schlosses hierher gezogen. Hier in Nöthnitz lernte ihn der päpstliche Nuntius-Archinto kennen und veranlasste ihn zu einer Reise nach Rom, wo er sein übriges Leben zubrachte. Im Jahre 1768 wollte Winkelmann in seine Heimath zurückkehren, wurde aber zu Triest von Franz Archangeli, dem er seine Kostbarkeiten unvorsichtiger Weise gezeigt hatte, meuchlings ermordet.

Alle diese berühmten Männer, die das Schloss von Nöthnitz bewohnten, zog der allbekannte gelehrte Staatsmann Heinrich Graf von Bünau hierher, welcher durch Vermählung mit Auguste Helene von Döring dieses Gut erworben hatte.

Später acquirirte die Sahr’sche Familie das Gut Nöthnitz mit Rosentitz, von welcher die Besitzung an die Herren von Könneritz kam. Der gegenwärtige Besitzer ist der Oberhofmeister der Prinzessin Auguste, Geheimerath Julius Bernhard von Könneritz, Ritter des Albrechtsordens.

Beide Güter umfassen zusammen 400 Scheffel gutes Feld, 40 Scheffel Wiesen, 120 Scheffel gut bestandnes Holz. Ausserdem besitzt das Rittergut grosse Gärten, starken Obstbau auf den Feldern, Brauerei und Brennerei. Alleen und Obstplantagen zieren den Ort.

Die Gasthöfe in Nöthnitz, die Bruchschenke, die Obermühle unterm Nöthnitzer Schlosse und die vererbpachtete Nieder-Nöthnitzer Mühle sind ebenfalls Zubehör vom Rittergute Nöthnitz.

Das Nöthnitzer Wasser entspringt am östlichen Fusse des Horkenberges oder am westlichen des Göhligberges, gegen 950 pariser Fuss über dem Meere, dasselbe hat keinen Zufluss und fällt nach einstündigem Laufe bei Strehla in den Knitzbach, sein Thalgrund bei Nöthnitz ist zwar nur gegen 50 Ellen tief, aber wegen der schön begrünten, steilen Anhöhen, die ihn einschliessen, sehr angenehm; seine Richtung ist nordnordöstlich.

Dieses Wasser scheidet Nöthnitz von Rosentitz, einem sehr alten Orte, welcher einst dem Kloster Seuslitz zinsbar war. Auch dieses Seuslitz war im 18. Jahrhundert Besitzthum der von Bünau’schen Familie. Im Jahre 1729 wurde in Seuslitz ein Bünau’scher Geschlechts-Convent gehalten, welchem 30 Bünauer beiwohnten. Zum Andenken jenes Tages [188] wurde dem Senior, dem Minister und Kanzler Heinrich von Bünau, dem gleichzeitigen Besitzer von Nöthnitz, ein silberner, stark vergoldeter Becher überreicht. Im Speisesaal des Schlosses zu Seuslitz hängt auch das Bildniss des Grafen Heinrich von Bünau.

Doch auch im Schlosse zu Nöthnitz ist des Grafen Heinrich von Bünau Bildniss im sogenannten Ahnensaal zu schauen. Aber noch lebhafter ist sein Bild in aller Herzen eingeprägt, die da wissen und zu würdigen verstehn, was dieser Mann für geistige Ausbildung gewirkt und geopfert und deshalb auch stets seine grösste Aufmerksamkeit Kirchen und Schulen zugewendet hat.

So suchte er auch in so fern eine Verbesserung mit Nöthnitz bezüglich des Kirchenganges herbeizuführen, als er die Auspfarrung von der Frauenkirche zu Dresden, und die Einpfarrung von Nöthnitz und Rosentitz nach Leubnitz bewirkte, da letztrer Ort den beiden ersteren Dörfern näher liegt.

Die Kirche zu Leubnitz, welche unter der Inspection Dresden steht ist im Jahre 1459 von der Markgräfin Agathe gestiftet und gehörte unter das Kloster Zelle. Bei Ausbesserung des Thurmknopfes im Jahre 1666 fand man in dem zinnernen Knopfe desselben ein bitteres Klagschreiben eines hiesigen Plebans, des Bruders Anton von Zelle, gegen Luther’s Lehre, auch verschiedene Reliquien nebst dem Evangelium Johannis, welchem man damals eine blitzableitende Kraft zutraute, weshalb es so häufig in die Thurmknöpfe gelegt wurde. Auf dem Kirchhofe von Leubnitz ruht der bekannte ausgezeichnete Landmann Pahlitzsch, von seines Gleichen nur der Sternguker oder der Bauernprofessor genannt.

Er zeichnete sich durch seine mathematischen und astronomischen selbst erworbenen Kenntnisse aus. Neben der Landwirthschaft, die er keineswegs vernachlässigte, trieb er eifrig Astronomie, Physik und Naturgeschichte. Sein Haus war ein kleines Museum, das umsomehr überraschte, weil man es hier nicht suchte. Es enthielt eine ausgesuchte Büchersammlung, mehrere Naturalien und viele Instrumente.

Den Garten zierten viele ausländische Gewächse.

Pahlitzsch ist der Entdecker des grossen Kometen von 1769, denn die englischen Astronomen haben erst später auf diesen Kometen aufmerksam gemacht. Die Naturforscher lehrte er einen neuen Polypen kennen. Er wurde von den Gelehrten der damaligen Zeit sehr hoch geschätzt und von den Grossen geachtet und geliebt.

Der grosse Hirschel[VL 1] in London war sein Freund, mit England stand er häufig in Briefwechsel.

Im Kriege 1779 wurde er mit einem Besuche des Prinzen Heinrich und des Herzogs Leopold von Braunschweig beehrt. Ersterer lud ihn oft zu sich nach Dresden ein und machte ihm Geschenke an Büchern und Instrumenten. Auch der Herzog von Braunschweig bezeigte sich auf jegliche Art freigebig gegen Pahlitzsch. Selbst der Churfürst von Sachsen unterhielt sich oft und gern mit ihm. Dabei blieb er der einfache Landmann in Kleidung, Lebensweise und Arbeit. Er pflügte und ladete Dünger, wenn die Wirthschaft es heischte und studierte blos in freien Stunden. Er starb am 22. Februar 1788.

Sein Bild ist auf Kosten des Geheimen Raths von Ferber äusserst ähnlich vom[VL 2] Graf gemalt und im Jahre 1782 von Schultze gestochen worden.

Pahlitzsch war in dem ebenfalls nach Leubnitz eingepfarrten Dorfe Prohlis geboren und soll viel auch mit dem Grafen von Bünau in Nöthnitz verkehrt haben, und vorzüglich dieser Verkehr die Veranlassung gewesen sein, weshalb Pahlitzsch mit so viel grossen Männern in Verbindung kam.

Nirgends passender in diesem Album als gerade bei der Beschreibung von Nöthnitz dürfte daher die Erwähnung eines so grossen Mannes angebracht sein und man wird daher diese kleine Abschweifung gewiss gerne verzeihen.

Wir haben von Nöthnitz nur noch zu erwähnen, dass ausser dem Rittergutsgebäude keine besonderen grossen Güter hier existiren. Doch sind im Orte eine Mühle und ein Gasthof; ausserdem nur 25 Häuser, wovon im Jahre 1813 nicht weniger als 6 ein Raub der Flammen wurden.

Die Einwohner, die über 100 betragen, sind in das Gerichtsamt Dresden gewiesen.

(M. G.)     



Anmerkungen der Vorlage

  1. handschriftliche Korrektur: Herschel
  2. handschriftliche Korrektur: von