Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Harthau

Textdaten
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Autor: M. G.
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Titel: Harthau
Untertitel:
aus: Meissner Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 2, Seite 183–184
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons = SLUB Dresden
Kurzbeschreibung:
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen II 274.jpg
[183]
Harthau,


früher auch Hartha genannt, westlich von Bischofswerda eine Stunde entfernt gelegen, ist ein sehr alter Ort, welcher in Urkunden schon 1228 erwähnt wird.

Harthau, das Schloss, muss in den ersten Zeiten seiner Erbauung schon von Bedeutung und wohl befestigt gewesen sein. Noch jetzt ist dasselbe von einem Kanale umgeben und südöstlich von denselben, unmittelbar an den herrschaftlichen Gärten hin, fliesst die Wesenitz.

Der zu diesem Schlosse gehörige Garten zeichnet sich ebenso durch seinen grossen Umfang, als durch seine grosse Orangerie aus.

Auf den in der Nähe gelegenen Anhöhen, von denen sich die eine, der Hutberg genannt, südöstlich vom Schlosse, die andere, der Heidelberg, nordöstlich von demselben erhebt, übersieht man einen grossen Theil der hiesigen Umgegend.

Die Besitzer des Schlosses haben oft gewechselt. Zuerst werden uns die Herren von Staupitz genannt, nach welchen es an das Geschlecht derer von Krahe kam.

Im 17. Jahrhundert besass das Gut der Hofmarschall von Taube, welchem 1627 das frühere Amtsdorf Goldbach vererbt wurde, wodurch es kam, dass man von nun an Harthau mit Goldbach schrieb. Letzteres, welches ein herrschaftliches Vorwerk besitzt, gehörte auch bis zur Einführung der neuen Gerichtsorganisation schriftsässig zu Harthau.

Im Jahre 1712 war Erb-, Lehn- und Gerichtsherrin die Gräfin Charlotte von Flemming, geb. von Watzdorf. Dann folgten im Besitze Vitzthum von Eckstädt, der Hofmarschall Johann Georg von Einsiedel, dann ein gewisser Uhlmann, und der derzeitige Besitzer ist Carl Gottlieb Haussner.

[184] Die Wirthschaftsgebäude des Gutes sind 1793 völlig abgebrannt und seit dieser Zeit wieder bequem und vortheilhaft für die Wirthschaftsführung erbaut.

Im Schlosse zu Harthau logirte während der Feldzüge von 1813 der französische Marschall Macdonald sehr lange. Auch der Kaiser Napoleon stieg zu drei verschiedenen Malen im herrschaftlichen Schlosse ab. Das erste Mal residirte er hier vom 18. zum 19. Mai, drei Tage vor der Schlacht von Wurschen; das zweite Mal den 3. September, als die Verbündeten bereits wieder bis in die Oberlausitz vorgedrungen waren. Am 23. und 24. September, wo das Hauptquartier in Harthau war, übernachtete er daselbst das letzte Mal.

Bei dem damals erfolgten Rückzuge der Franzosen war Harthau, sowie die in seiner Nähe befindlichen Anhöhen, abwechselnd bald in den Händen der Franzosen, bald der Verbündeten, bald wieder der Franzosen, bis diese endlich der Uebermacht weichend, ihre Stellungen auch in der hiesigen Gegend aufgaben.

Der Rückzug war für Harthau selbst der traurigste Tag; denn ein grosser Theil des Dorfes, ja das Schloss selbst, wurde durch lang anhaltendes Kanonenfeuer beschädigt und ruinirt. Am schrecklichsten aber wurde die Kirche mitgenommen, welche erst im folgenden Jahre unter Mitwirkung der Gerichtsherrschaft, welcher die Collatur über die dasige Kirche, sowie über das Pastorat zu Schmiedefeld und über die dasigen Schulstellen zusteht, restaurirt werden konnte.

Die Kirche in Harthau, welche auf der Südostseite des Dorfes, unweit des Schlosses, ziemlich nahe an der Landstrasse steht, ist in ihrem Innern jetzt sehr hell und freundlich, unter deren Fussboden die herrschaftliche Gruft sich befindet, welche noch eine Anzahl Särge enthält. Charlotte Gräfin von Flemming und Friederike Gräfin von Einsiedel ruhen ebenfalls in derselben. Der Letzte der Todten in dieser Gruft ist der in hiesigem Schlosse 1779 gestorbene königl. preuss. Major von Letöffel.

In früheren Zeiten war die Kirche eine Pfarrkirche. Seit 1659 bei Einziehung des Pfarrgutes in Harthau, mit Ausnahme einer Parcelle, welche der Schule des Orts zugewiesen wurde, ist sie Tochterkirche von Schmiedefeld.

Der Gerichtsherr von Harthau hatte seit dieser Zeit, in welcher er mit dem Pfarrgute erb- und eigenthümlich beliehen wurde, an den Pfarrer in Schmiedefeld alljährlich 6 Gülden Erbzins, 3 Scheffel Korn und 3 Scheffel Hafer, an die Gemeinde des Orts aber bei vorkommenden Neubauten die Hälfte des Bauholzes unentgeltlich zu entrichten.

Die frühere Besitzerin von Harthau hat sich vorzüglich um Kirche und Schule hierselbst ein bleibendes Denkmal durch ihre grossen und schönen Vermächtnisse gesetzt.

Auf dem Gasthofe zu den „drei Linden“ in Schmiedefeld, gewöhnlich der Fuchs genannt, welcher früher zum Rittergute Harthau gehörte, hat diese Wohlthäterin ein eisernes Kapital von 1000 Thalern stehen lassen, wovon der Schullehrer von Harthau die Zinsen erhält, wofür derselbe 12 arme Kinder aus Harthau und Goldbach zu unterrichten hat, wogegen der Gerichtsherrschaft das Recht, solche vorzuschlagen, vorbehalten ist.

Früher war in Harthau auch ein königliches Postamt, welches später eingezogen und nach Schmiedefeld verlegt wurde.

Im Orte selbst ist unter den Einwohnern die Leinweberei stark vertreten, wiewohl auch der Ackerbau fleissig betrieben wird, vorzüglich aber Gartenbau guten Gewinn bringt.

Eine merkwürdige Persönlichkeit von Harthau ist der dasige Schulcassirer und Schlachtsteuereinnehmer Zimmermann, welcher im Jahre 1829 in grosser Lebensgefahr, durch einen glücklichen Zufall aber gerettet worden war.

Am 11. Mai 1829 arbeiteten nämlich in den sogenannten weissen Steinbrüchen oberhalb der Stadt Wehlen an der „Hohlmachung“ einer Sandsteinwand 15 Steinbrecher. Auf einmal löste sich diese Wand vom Hauptfelsen wider alles Erwarten los, stürzte herab und begrub die 15 Arbeiter. Unter diesen Unglücklichen befanden sich auch drei aus Harthau, nämlich zwei Brüder Carl Zimmermann und Joh. Gottlieb Zimmermann und ein gewisser Richter.

Fünf Tage lang war man unablässig mit Hinwegräumung der fürchterlichen Trümmer beschäftigt und aller Anstrengungen ungeachtet fand man nichts als Todte, und man gab schon die Hoffnung auf, dass noch einer der verunglückten Arbeiter am Leben sein könnte, als plötzlich am 7ten Tage Nachmittags fünf derselben, mit dem älteren der Gebrüder Zimmermann an der Spitze, aus den Trümmerhaufen, wie aus einem Grabe, hervorkamen und der versammelten Menge halb athemlos die furchtbare Geschichte ihres Unglücks und die wunderbare Erhaltung ihres Lebens erzählten.

Beim Einsturze der Felswand hatte es sich gefügt, dass diese an der Stelle, wo die Erretteten sich befanden, eine Höhle gebildet hatte. In dieser Höhle nun auf einem engen Raum zusammengedrängt, auf hartem, nassen Felsgrunde, neben den Leichen ihrer erschlagenen Mitarbeiter ohne Nahrung, hatten sie 6 Tage und 6 Nächte geschmachtet. Um den Durst zu stillen, mussten sie ihren eigenen Urin trinken, und zur Stillung des Hungers Fleisch von einem ihrer erschlagenen Genossen geniessen.

Unter den Erschlagenen waren demnach nur zwei aus Harthau.

Harthau wird übrigens in Gross- und Klein-Harthau eingetheilt, und beherbergt in seinen 136 Gebäuden 736 Einwohner, welche unter das Gerichtsamt Bischofswerda gehören.

M. G.