Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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I, Cassius Longinus, Neuplatoniker, Philologe und Rhetor im 3. Jh. n. Chr.
Band XIII,2 (1927) S. 14011423
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Longinos.

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Neuplatoniker, Philologe und Rhetor im 3. Jhdt. n. Chr. Sein Name wird überliefert als Cassius Longinus. Die Vermutung Ruhnkens Opuscula² 489, der volle Name laute Dionysius Cassius Longinus, ist durch die seither gewonnenen Erkenntnisse in der περὶ ὕψους-Frage natürlich überholt. Seine ἀκμή wird von Phot. bibl. cod. 265, p. 492 unter Claudius (J. 268–270), von Georgius Sync. Chrοn. p. 384 D unter Aurelian (J. 270–275) angesetzt. Das Geburtsjahr verlegt Ruhnken in der Annahme, daß L. etwa 20 Jahre älter sein mochte als sein 233 geborener Schüler Porphyrios, in die Zeit um 213 (Op. 490). L.s Mutter Phrontonis war eine Schwester des Rhetors Phronton aus Emesa, also syrischer Herkunft (Suid. s. Φρόντων Ἐμισηνός). Über den Vater haben wir keine Nachricht. Der Oheim Phronton, als Lehrer der Redekunst zu Athen ein Rivale des mittleren Philostratus (bei Suid. τῷ πρώτῳ, vgl. aber Münscher Philol., Suppl.-Bd. X 1907, 469ff.) und des Apsines aus Gadara, hinterließ, als er etwa 60jährig zu Athen starb, dem L. sein Vermögen (Suid a. O.). Ihm hatte L. zweifellos viel von seiner rhetorischen Ausbildung zu danken. Nach einer Bemerkung, die L. in dem Vorwort zu seiner Schrift περὶ τέλους macht, ist er in seiner Jugend auf häufigen und weiten Reisen in Begleitung seiner Eltern mit den angesehensten Gelehrten und Philosophen der verschiedensten Richtungen bekannt geworden, welche er uns daselbst kurz charakterisiert (Porph. vit. Plot. c. 20 p. 25, 27ff. V.). Von entscheidendem Einfluß für L.s weitere Entwicklung war das Zusammentreffen mit dem Stifter der neuplatonischen Schule Ammonios Sakkas. Mit dem großen Alexandriner und seinem nächst Plotin bedeutendsten Schüler Origenes – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen christlichen Theologen, der den Ammonios gleichfalls gehört haben soll (s. Überweg-Prächter Grundriß d. Gesch. d. Phil. d. A.¹¹ 619) – verband ihn lange ein inniger geistiger [1402] Verkehr und er spricht von ihnen in dem angeführten Vorwort, 26, 12ff. V. in Worten der größten Hochachtung. An Wissen und Anregungen bereichert, trat dann L. selbst in Athen als Lehrer der Philosophie, Philologie und Rhetorik auf. Dem Kreise wißbegieriger Anhänger, den er dort um sich scharte, gehörte auch Porphyrios an, bis er – bei aller Verehrung für seinen Meister in seinem philosophischen Streben von ihm doch nicht ganz befriedigt (Porph. c. 20, p. 26, 12 V. Eunap. Porph. 7f. Boiss.) – im J. 262 (vgl. Porph. c. 4, p. 7, 5ff.) Athen verließ, um sich zu Plotin nach Rom zu begeben, ohne daß deswegen die gegenseitige Achtung und Liebe eine Einbuße erfahren hätte. Noch 6 Jahre später (im J. 268, s. u.) will L. in einem herzlich gehaltenen Brief seinen kränklichen Schüler Porphyrios bewegen, bei ihm in dem gesunden Palmyra Erholung zu suchen (Porph. c. 19, vgl. c. 6), und Porphyrios seinerseits ergreift in der Vita Plotini wiederholt die Gelegenheit, seinen früheren Lehrer lobend zu erwähnen und zu zitieren, dessen kritisches Urteil ihm stets maßgebend bleibt. Den Namen Porphyrios selbst dankt er nach Eunap. a. a. O. dem L., der damit Porphyrios’ ursprünglichen Namen Malchos in ähnlicher Weise gräzisieren wollte wie Amelios mit Βασιλεύς. Porph. a. a. O. c. 17. Wie sehr L. durch seine Lehrtätigkeit in Anspruch genommen wurde, zeigt uns eine Äußerung des Joh. Sikel. z. Hermog. περὶ ἰδ. VI 95 W. ὁ μὲν γὰρ Λογγῖνος περὶ τὸ διδάσκειν μόνον ἐνασχολούμενος καὶ περὶ τὸ γράφειν τελείας ὑποθέσεις οὐκ ἔχων καιρὸν, τὸ τῆς Ὁμήρου πέπονθεν ὄρνιθος, λιμώττουσαν τοὺς νεοττοὺς τρέφειν (Hom. Il. IX 323). In seinen letzten Jahren finden wir L. am Hofe der Königin Zenobia in Palmyra, und zwar dürfte er bereits zu Lebzeiten des Odainathos, d. h. vor 267 bezw. 268, dort geweilt haben, wenn man mit Ruhnken (527) annehmen darf, daß der λόγος Ὀδαίναθος, den Liban. epp. 998 als Werk L.s erwähnt, eine Lobrede auf Odainathos war, also spätestens (wenn als Nachruf gedacht) unmittelbar in die Zeit nach dessen Ermordung (zwischen 29. August 267/268) zu setzen ist. Auf dieselbe Zeitbestimmung führt der bereits erwähnte Brief an Porphyrios; denn die Worte Porph. c. 19 p. 23, 31ff. V. οὐ γὰρ ἂν ἀποσταίην τοῦ πολλάκις δεῖσθαί σου τὴν πρὸς ἡμᾶς ὁδὸν τῆς ἑτέρωσε προκρῖναι im Zusammenhang mit der Erwähnung von Porphyrios’ Kränklichkeit, deretwegen eben die Reise nach Sizilien erfolgte (a. a. O. c. 11), legen doch die Vermutung nahe, daß dieser Brief aus dem Jahre der Übersiedlung selbst stammt. d. h. aus dem J. 268 (c. 6); anderseits setzen die Umstände, welche L. in dem Brief berührt, bereits einen längeren Aufenthalt L.s im Orient voraus. Daß die ständige Bedrohung Griechenlands durch die Goten dazu beigetragen haben mag, L. den Aufenthalt in Athen zu verleiden (Christ-Schmid II 2⁶ p. 889), ist wahrscheinlich, ebenso aber auch, daß er sich an dem glänzenden Hof der geistvollen und großzügigen Zenobia eine Forderung seiner wissenschaftlichen Bestrebungen erwartet haben wird, und nicht zuletzt mögen es Bande der Heimat gewesen sein – stammte er doch mütterlicherseits aus Emesa – welche ihn in [1403] seinen neuen Wirkungskreis hinüberzogen. Es war zunächst seine Aufgabe, Zenobia in die griechische Sprache und Literatur einzuführen. Er wuchs aber über diese Stellung als Lehrer hinaus und wurde der einflußreiche politische Berater der verwitweten Fürstin – zu seinem Verderben. Er bewog nämlich Zenobia zu dem Versuch, die Bande der Abhängigkeit von Rom zu brechen, und er soll auch das verhängnisvolle stolze Schreiben an Aurelian verfaßt haben (bei Flav. Vopisc. Aurelian 27; wohl unecht: vgl. Peter Die scriptores hist. Aug. 187. 233). Mit dem Falle von Palmyra (im J. 273) verlor Zenobia ganz ihre Haltung und war nur mehr darauf bedacht, sich selbst zu retten unter Preisgabe ihrer Ratgeber, darunter auch des L., als deren Opfer sie sich bezeichnete. So wurde L. samt seinen Mitangeklagten nach kurzem Verfahren im Auftrag des ergrimmten Aurelian hingerichtet (im J. 273). Undank und Tod ertrug er mit der edlen Standhaftigkeit einer großen Seele (Flav. Vopisc. a. a O. 30. Suid. s. Λ. Zosim. I 56).

L. als Philosoph.

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Als Schüler des Ammonios Sakkas gehörte L. der neuplatonischen Richtung an. Bei Euseb. praep. ev. X 3 berichtet Porphyrios, daß L. Platons Geburtstag feierlich begangen und ihn neben anderen Philosophen zur Feier geladen habe. In der Lehre bestanden zwischen L. und den anderen Schülern des Ammonios‚ namentlich Plotin, in vielen Punkten Meinungsverschiedenheiten, die aber über das Sachliche nicht hinausgingen und trotz räumlicher Trennung eine gewisse Zusammenarbeit nicht zu verhindern vermochten. L. verfolgt, wenngleich in vielen Punkten anderer Meinung, selbst in Palmyra noch mit Aufmerksamkeit die philosophische Schriftstellerei Plotins und seines Schülerkreises, deren ihre Zeit weit überragende Bedeutung er wohl erfaßt und in treffenden Worten würdigt (Porph. c. 19; 20, bes. p. 27, 17ff. V.) und in Übereinstimmung mit Plotins Schülern wendet er sich gegen den dem Plotin gemachten Vorwurf, als gebe er nur die Lehren des Numenios wieder (Porph. c. 17 p. 21, 12ff. c. 18 p. 22, 29ff. c. 20 p. 27, 23ff. c. 21 p. 28, 32ff. V). Anderseits ließ auch Plotin in seinem Schülerkreis philosophische Aufsätze des L. vorlesen (c. 14 p. 19, 17ff. V.) und seine Schüler, nicht nur Porphyr, sondern auch Gentilianos Amelios, waren bemüht, L. Plotins Philosophie nahezubringen (c. 20 p. 28, 9ff. 19ff. V.). Ein Hauptstreitpunkt zwischen beiden war die Frage, ob die Ideen innerhalb oder außerhalb des νοῦς existieren. L. vertrat im Gegensatz zu Plotin die Ansicht, daß das Intellegible außerhalb des Intellekts existiere, und auch Porphyrios war, als er zu Plotin kam, von dieser Überzeugung so durchdrungen, daß er in einer gegen Plotin gerichteten Schrift die Lehre, ὅτι ἔξω τοῦ νοῦ ὑφέστηκε τὰ νοητά verfocht, bis ihn Platos Lieblingsjünger Amelios, von dem Meister mit der Aufklärung Porphyrs betraut, nach einer längeren, in Schrift und Gegenschrift geführten Kontroverse zu bekehren vermochte. Die παλινῳδία, welche Porphyr darauf verfaßte (c. 18 p. 23, 17 V.), und möglicherweise noch eine besondere, in gleichem Sinn von ihm an L. gerichtete Schrift (c. 20 p. 28 13 V.) hatte dann wieder eine ἀντιγραφή L.s zur [1404] Folge (c. 20 p. 28, 9ff. V.)‚ auf die sich noch Syrian in seinem Kommentar zu Aristot. metaph. zu beziehen scheint (Ruhnken 526). Daneben mit Ruhnken a. a. O. noch eine besondere, von L. gegen Plotin selbst gerichtete Schrift über den gleichen Gegenstand anzunehmen, dazu gehen L.s Worte (c. 20 p. 28, 8ff. V.) keinen Anhaltspunkt. Gewisse Rückschlüsse auf L.s Argumentation ermöglicht uns noch Plotins offenkundig aus der erwähnten Kontroverse heraus entstandene Schrift Ὅτι οὐκ ἔξω τοῦ νοῦ τὰ νοητά (Enn. 5. 5; vgl. dazu F. Heinemann Plotin, Leipzig 1921, 180). Es verdient Beachtung, daß Ammonios den plotinischen Begriff des νοῦς, als Träger der intellegiblen Welt, noch nicht gekannt haben dürfte, wie daraus hervorgeht, daß dieser Begriff bei Plotin selbst erst seine allmähliche Entwicklung erfährt. S. Heinemann 127ff. L. stand also hier einer spezifisch plotinischen Weiterbildung gegenüber, deren notwendige Entwicklung dem Fernestehenden aus der in vieler Hinsicht recht eigenartigen schriftlichen Darstellung Plotins schwer klar werden mochte, und seine ablehnende Haltung wird daher um so verständlicher, wenn man bedenkt, daß die Neuplatoniker sich überhaupt nur als Interpreten der alten Meister der platonischen Schule, namentlich des Platon selbst, fühlten, was für L. vielleicht in besonderem Maße gegolten haben wird (vgl. Porph. bei Euseb. pr. ev. X 3), so daß der ehrende Beiname φιλαρχαῖος erklärlich wäre (so nach einer ansprechenden Vermutung Ruhnkens (498), der in Porph. c. 14 p. 19, 18 V. das καὶ tilgen will; nach der Überlieferung wäre in φιλαρχαῖος der Titel einer philosophischen Schrift zu suchen.) Differenzen gab es auch sonst in der Platoauslegung, so in der Frage des Verhältnisses von Nus und Demiurg (Prokl. z. Tim. 28 C p. 322, -24 D. Überweg-Prächter Grundriß11 631, 1), ferner über den Gerechtigkeitsbegriff bei Platon, welches Problem L. in einer gegen Amelios gerichteten Schrift behandelte (Porph. a. a. O. c. 20 p. 28, 7 V.). Von einer Schrift περὶ ἀρχῶν (und dem φιλαρχαῖος?, s. o.) wissen wir nur, daß sie Plotin zu der Äußerung veranlaßte: φιλόλογος μὲν ὁ Λογγῖνος, φιλόσοφος δὲ οὐδαμῶς (c. 14 p. 19, 17ff. V.). – Eine polemische ἐπιστολὴ πρὸς τὸν Ἀμέλιον, die den Umfang eines σύγγραμμα hatte, erwähnt L. selbst c. 20 p. 28, 17ff. Sie war die Antwort auf ein Schreiben des Amelios, in dem dieser L. περὶ τοῦ τρόπου τῆς Πλωτίνου φιλοσοφίας aufzuklären suchte. Eine Kleodamos und Malchos (d. h. Porphyrios) gewidmete Schrift περὶ ὁρμῆς nennt Porph. c. 17 p. 21‚ 23ff. V. Von einem Buch πρὸς Πλωτῖνον καὶ Γεντιλιανὸν Ἀμέλιον περὶ τέλους hat uns Porph. c. 20 das Vorwort erhalten. L. klagt darin über den Tiefstand der Philosophie seiner Zeit, indem er die namhaftesten Vertreter der verschiedenen Richtungen kurz charakterisiert, und kommt zu dem Ergebnis, nur Plotin und seine Schule seien wert, daß man sich mit ihnen beschäftige. Daran schließt er einen Überblick über die bisher mit Plotin und seinen Anhängern geliebten literarischen Kontroversen. Dieses Vorwort, ebenso wie der gleichfalls wertvolle Aufschlüsse über das Verhältnis L.s zum plotinischen Kreis enthaltende Brief an Porphyr (a. a. O. c. 19) wurden [1405] oben bereits mehrmals zitiert. Ein größeres Fragment aus einer Schrift πρὸς τὴν τῶν στωικῶν περὶ ψυχῆς ἀντίρρησις, auf welche auch Porphyr bei Stob. ecl. phys. I p. 103 verweist, steht bei Euseb. pr. ev. XV 21. Von einer Auseinandersetzung mit Medius, dem Stoiker (vgl. Porph. V. Pl. c. 20 p. 26, 11; p. 27, 11) περὶ τῶν μορίων τῆς ψυχῆς berichtet nach Porphyr Procl. in Plat. pol. Den Titel eines philosophischen Buches περὶ τοῦ κατὰ φύσιν βίου sucht Crönert (Kolot. u. Mened. 179) in den korrupten Worten περὶ τοῦ κατὰ φυβίου bei Suid. s. Λ. Auch Platokommentare hat L. geschrieben, und zwar sind uns solche bekannt zu Phädon. zitiert bei Olympiodor z. Plat. Phäd. p. 83, und zu dem Proömium des Timaios. Aus letzterem gibt uns Proklos eine Reihe kleinerer und größerer Proben (vgl. Ausgabe von Diehl ind. auct. s. v. L.). Was L.s Bedeutung als Philosoph anlangt, so wurde das Urteil des Plotin bereits erwähnt. Wir können dazu nur sagen, daß die spärlichen Fragmente aus L.s philosophischer Schriftstellerei, welche wir heute noch haben, uns nicht in die Lage versetzen Plotin zu widersprechen; denn es zeigt sich in ihnen kaum ein Hinausgehen über das dialektisch kritische Gebiet. Wenn man von einigen zum Teil recht anfechtbaren Texterklärungen in den Prokloszitaten absieht, so findet man überall Stil und Sprachkritik im Vordergrund, wie dies von Kaibel 109ff. bereits dargelegt worden ist. Freilich müssen wir mit der Tatsache rechnen, daß wir über L. als Philosophen nur einseitige Informationen haben, d. h. durch die plotinische Schule, und dürfen darum die Möglichkeit nicht von der Hand weisen, daß das so gewonnene Bild der wirklichen Persönlichkeit L.s doch nicht ganz entspricht, wenn er auch zweifellos an Plotin nicht herangereicht hat.

Eine unbestrittene Autorität war aber L. für Jahrhunderte auf dem Gebiete der Philologie und Rhetorik. Seine umfassende Buchgelehrsamkeit versetzte Mit– und Nachwelt in Staunen. Eunap. in Porph. p. 7f. Boiss. nennt ihn eine lebende Bibliothek und eine wandelnde Universität und stellt ihn als Stilkritiker mit Dionys von Halikarnass in eine Reihe. Porphyr spricht zu wiederholtenmalen von der kritischen Meisterschaft seines Lehrers τοῦ .... κριτικωτάτου ωενομένου καὶ τὰ τῶν ἄλλων σχεδὸν πάντα τῶν καθ’ αὑτον διελέγξαντος (V. Pl. c. 20; vgl. c. 21 p. 29, 14f. V.)‚ seine Urteile beherrschten nach Eunap. a. a. O. die Literatur und der Kritiker κατ’ ἐξοχήν ist er bis in die späte byzantinische Zeit geblieben; s. Ruhnken 509. Kaibel 108. Brinkmann Rh. Mus. LXII (1907) 626 (L. bei Himerios). Mayer Byz. Zeitschr. XX (1911) 60ff. (L. bei Psellos). Auch die stilkritischen Partien in den Viten des Antiphon, Lysias und Demosthenes bei Phot. bibl. cod. 259. 262. 265, welche den entsprechenden Viten des Pseudoplutarch fehlen, stammen aus L. (B. Keil Verh. d. 47.Vers. d. Philol. u. Schulm. in Halle, Leipzig, 1904, 54). Die Literarhistoriker der Neuzeit stimmten in das glänzende Urteil um so lieber ein, als man in ihm den Verfasser des herrlichen Buches περὶ ὕψους erblicken zu dürfen glaubte. Dieser Glaube ist aber durch Kaibel 107ff. und B. Keil ein für alle Male zerstört, und zu den [1406] Gründen, die zu diesem Ergebnis geführt haben, gehört gerade auch die von Kaibel allerdings vielleicht etwas zu scharf zuungunsten L.s herausgearbeitete Tatsache, daß der schriftstellerischen Persönlichkeit L.s‚ wie sie uns in den Fragmenten entgegentritt, kaum ein so einzigartiges Buch wie περὶ ὕψους zugetraut werden kann. Das Kritisieren freilich muß sein ureigenes Element gewesen sein. Dieser Grundzug seines Wesens scheint allenthalben in den Zitaten hervor. Er zeigt dabei ein klares nüchternes Denken, oft aber auch eine pedantische, nörgelnde Engherzigkeit. Im Banne der Schulweisheit stehend, kann er künstlerischer Eigenart nicht immer gerecht werden, und das anmaßende Selbstbewußtsein, mit dem er gelegentlich auch über einen Aischylos und einen Plato kurzweg aburteilt, wirkt wenig erfreulich (s. Kaibel). In seinem Stil ist L. Attizist, ohne aber ins Extreme zu verfallen, wovor er auch in seiner Theorie warnt, in puncto Hiat zeigt er gegenüber der Gleichgültigkeit, die in diesem Punkte der Neusophistik eigen war, wieder ein strengeres Verfahren, wobei er sich übrigens dem Genus wohlberechnend anpaßt; s. Rhoden De mundi miraculis, Diss. Bonn 1875, 37ff. Norden Ant. Kunstprosa³ 360. Kaibel 110. Bezeichnend ist für L. die vielfach zutage tretende Abhängigkeit von der Theorie des Cäcilius, wie auch seine Begeisterung für den Aristides (s. u.). Über L. und Dionys von Halicarnassos vgl. Christ-Schmid II⁶ 469.

Auch den Philologen und Rhetor L. kennen wir nur aus Zitaten und Fragmenten. Berühmt war sein umfangreiches Werk, die (φιλόλογοι ὁμιλίαι, die nach den Zitaten bei Johann. Sikel. VI 225, 28 W. und dem anonymen Scholiasten zu Hermog. VII 963, 17 W. mindestens 21 Bücher umfaßten (weitere Zeugnisse bei Jahn–Vahlen περὶ ὕψους⁴ p. 92; über den Titel vgl. E. Winkler De Longini, qui fertur, libello π. ὕψ.,⁴, Diss. Halle 1870, 5). Wahrscheinlich waren diese ‚Philologischen Unterhaltungen‘ (oder ‚Vorträge‘ im wesentlichen auf die Bedürfnisse der Rhetorik abgestimmt und in ihrem Charakter rhetorisch, wenn sie sich auch durch ein höheres Aufgebot an philologischer Gelehrsamkeit, namentlich durch ein reiches Zitatenmaterial, über das sonst der rhetorischen Literatur eigene Niveau erhoben haben dürften. Ein Bruchstück aus dem 2. Buch steht bei Lachares ed. Graeven Herm. XXX 294 (dazu Kaibel 114). Den φιλόλογοι ὁμιλίαι entnommen wären nach Graevens Vermutung a. a. O. 300ff. auch die Florentinerexzerpte ἐκ τῶν Λ. p. 213ff. H. – Eine Reihe von Büchertiteln überliefert uns Suid. s. Λ. Der erste περὶ τοῦ κατὰ φυβίου ist korrupt. Man liest dafür Φειδίου, Μειδίου (Langbaen ad Longin. p. 3, Ruhnken 522), Μηδίου (Toupius ad L. p. 252), φύσιν βίου (s. o.). Es folgen: ἀπορήματα Ὁμηρικά, woraus vielleicht Eustathius die Emendationen zu Il. A p. 67 und 106 genommen hat – εἰ φιλόσοφος Ὁμηρος, wohl einer jener Versuche, zwischen Homer und der Philosophie, im besondern Plato, zu vermitteln, wie wir solche auch von Porphyrios, Syrianos und Proklos kennen. – προβλήματα Ὁμήρου καὶ λύσεις, worin L. gleichfalls Vorgänger seines Schülers Porphyrios ist, der auch über ‚homerische Probleme‘ geschrieben hat (Ruhnken [1407] 522f. Christ-Schmid I⁶ 85, 10. 86. II⁵ 680. 711). – τίνα παρὰ τὰς ἱστορίας οἱ γραμματικοὶ ὡς ἱστορικὰ ἐξηγοῦνται, eine Schrift, die sich mit dem bei Suid. s. Καικίλιος erwähnten Buch des Caecilius περὶ τῶν καθ’ ἱστορίαν ἢ παρ’ ἱστορίαν εἰγημένων τοῖς ῥήτορσι inhaltlich berührt haben wird. – 4 Bücher περὶ τῶν παρ’ Ὁμήρῳ πολλὰ σημαινουσων λέξεων. – Ἀττικῶν λέξεων ἐκδόσεις β, εἰσὶ δὲ κατὰ στοιχεῖον, also ein attizistisches Lexikon, vielleicht benützt von Phot. Lex. s. Σέρφοι, und von Eustath. Od. XXII 1919. Ruhnken a. a. O. – Ein Wörterbuch zu Antimachos (λέξεις Ἀντιμάχου), dem Dichter aus der Zeit des Peloponnesischen Krieges, Verfasser einer ‚Thebais‘ und einer elegischen Dichtung ‚Lyde‘, welchen schon Platon so hoch schätzte, daß er die Sammlung und Herausgabe seiner Werke veranlaßte, und für dessen, namentlich von Kallimachos und seinen Anhängern umstrittenen Dichterruhm sich auch die Neuplatoniker des 3. Jhdts., dem Vorgang ihres Meisters folgend, einsetzten (Christ-Schmid I⁶ 139, 1). – Was man sich unter λέξεις Ἡρακλέωνος zu denken hat, ist strittig. Am annehmbarsten ist die Vermutung, daß es sich um einen Auszug oder eine Bearbeitung der γλῶσσαι des von Athenaeus wiederholt erwähnten Herakleon von Ephesus handelt. Vgl. Gudeman o. Bd. VIII S. 513f. Christ-Schmid II⁶ 439, 1. 890. Susemihl Alex. Lit. II 20ff. 190. – Eine Schrift περὶ ἐθνικῶν nennt ein Grammatiker in der Bibl. coislin. – Bruchstücke aus einem Kommentar L.s zum ἐγχειρίδιον des Hephaistion haben wir in den Scholien zu Hephaistion (Ausg. von Consbruch S. 81 und Westphal Script. metr. Gr. I 81ff.). Ins Gebiet der Metrik einschlagende Zitate aus L. stehen bei Max. Plan. V 473 W. und in dem anonymen Scholion zu Hermog. περὶ ἰδ. VII 982. 984 W.– Χρονικά eines Cassius Longinus in 18 Büchern hat Eusebius benutzt. Sie reichten nur bis Ol. 228 (= J. 133–136) und es ist fraglich, ob sie von unserem L. herrühren (FHG III 688. Wachsmuth Einl. 151).

Von Reden des L. kennen wir eine einzige dem Namen nach, den bereits oben erwähnten λόγος Ὀδαίναθος, was uns nach der gleichfalls schon angeführten Bemerkung des Joh. Sikeliot. VI 95 W. nicht wundern kann: Λ., ὡς οἱ φιλόλογοι δεικνύουσιν, ἄριστος ἐπιμεγίσαι λόγων ἰδέας, δημιουργῆσαι δὲ τοιούτους ἥκιστα ... ὁ μὲν γὰρ Λ. περὶ τὸ διδάσκειν μόνον ἐνασχολούμενος κτλ., s. o.!

Zum großen Teil erhalten ist L.s τέχνη ῥητορική. Entdeckt wurde sie von Ruhnken, und zwar mitten im Kapitel περὶ ἐλέου des Apsines in der editio Aldina (= p. 309, 3 ed. Hammer). Es verdient als Merkwürdigkeit erwähnt zu werden, daß Ruhnken zunächst durch stilistische Übereinstimmungen mit der vermeintlich von L. verfaßten Schrift περὶ ὕψους auf den Gedanken kam, daß L. der Autor des in den Apsinestext eingeschobenen Fragmentes sein könnte (Wyttenbach bei J. Bake Apsinis et Longini rhetorica, Oxonii 1849 p. XV). Trotz der irrigen Voraussetzung fand er seine Vermutung durch ein unter Nennung von L.s Namen angeführtes Zitat aus L.s τέχνη 194, 9ff. H. bei Joh. Sikel. z. Hermog. περὶ ἰδ. VI 119, 22 W. (vgl. Max. Plan. V [1408] 45l, 12 W.) zur Gewißheit erhoben. Weitere Bestätigungen brachte ihm einerseits eine Kollation der Apsineshandschrift im Cod. Paris 1874, in dem tatsächlich der Einschub in den Apsinestext fehlt, anderseits ein ihm von Chr. Fr. Matthaei aus einer Moskauer Handschrift cod. bibl. ss. synodi nr. 290 mitgeteilter anonymer Auszug aus L.s τέχνη, der gleichfalls L. als Verfasser nennt (p. 208, 4 H.). Ruhnken war es nicht mehr vergönnt, die τέχνη des L. herauszugeben, wofür er eingehende Vorarbeiten bereits unternommen hatte, und da, abgesehen von einer ganz kurzen Mitteilung in der Bibliothèque des sciences et des beaux arts a. 1765 S. 273f. die Öffentlichkeit über seine Entdeckung nichts wußte, so kam es, daß die L.-Herausgeber der ganzen Frage recht hilflos gegenüberstanden, namentlich was die Abgrenzung des L. gegenüber dem Apsines betrifft, bis J. Bake durch Aufarbeitung von Ruhnkens handschriftlichem Nachlaß Klärung brachte. L.s τέχνη war nach des Verfassers eigenen Worten 192, 19ff. H. als ganz kurz gefaßtes ὑπομνήμα in erster Linie für die Hörer seiner Vorlesungen bestimmt, dann aber auch als erste Einführung für weitere Kreise. Die Darstellung folgt der geläufigen Gliederung nach εὕρεσις, οἰκονομία, λέξις, ὑπόκρισις; das den Schluß bildende Kapitel περὶ μνήμης nimmt eine Sonderstellung ein und wird noch genauer besprochen werden.

Vom ersten Hauptabschnitt über die εὕρεσις fehlt der Anfang, doch gibt uns der bereits erwähnte Auszug des Anonymus Mosquensis (p. 208ff. H.) die Möglichkeit der Rekonstruktion. Nach diesem Auszug hat L., gleich in medias res übergehend, die Aufgabe der einzelnen Teile der Rede, des προοίμιον, der διήγησις, der πίστις und des ἐπίλογος der Reihe nach besprochen. Von einem näheren Eingehen auf die beiden erstgenannten Teile der Rede erwähnt der Anonymus Mosquensis nichts, doch wäre es verfehlt, daraus einen Schluß auf das Original zu ziehen; denn es zeigt sich, daß der Epitomator auch dort, wo wir ihn an Hand des Originals überprüfen können, sehr ungleichmäßig verfährt, d. h. neben teilweise wörtlicher Wiedergabe Wesentliches ganz übergeht und auch in der Anordnung das Original nicht immer genau wiedergibt (s. u.). Es folgt beim anon. 208, 12ff. H. dann gleich die Theorie der πίστις, wobei die Knappheit des Auszuges seine Verständlichkeit teilweise stark beeinträchtigt. Den Terminus εἰκότα hätte L. nach 208, 15ff. H. in doppelter Bedeutung angewendet: einmal nach 208, 15 (vgl. 208, 17ff.) im weiteren Sinn, die πίστεις überhaupt umfassend, die ἔντεχνοι ebenso wie die ἄτεχνοι, dann nach 209, 3 und 211, 19 im engeren Sinn als Spezies der π. ἔντεχνοι neben den σημεῖα und τεκμήρια. Auffallen muß allerdings das Fehlen der εἰκότα in letzterer Bedeutung in der Aufzählung p. 208. 15ff., was durch den Zusatz καὶ τὰ τοιαῦτα 208, 17 keineswegs gerechtfertigt ist, da dieser doch nur auf die dort angeführten π. ἄτεχνοι bezogen werden kann, deren erschöpfende Aufzählung eben nicht möglich ist. Nun sehen aber die Worte 208, l7ff.: [αντα μὲν γὰρ τῷ γένει εἰκότα κατ’ εἶδος δὲ καὶ στοιχεῖον, ὥσπερ εἴρηται, stark einer Glosse ähnlich, welche die ungewöhnliche [1409] Anwendung des Terminus εἰκότα einmal als Genus und dann als Spezies konstatieren wollte. Eine Lösung der Schwierigkeit gibt uns vielleicht Cicero De inv. I 47, wo das signum dem probabile untergeordnet wird. Daß L. nicht auf diesem Standpunkt gestanden ist, zeigt 209, 2ff. und auch 211, 19f. Nehmen wir aber an, es hätte bei L. nach der in der Regel angewendeten aristotelischen Einteilung (S. Volkmann Rhet.² 155) geheißen 208, 15: ὄργανα δὲ τὰ εἰκότα, σημεῖα, τεκμήρια κ. τ. λ. und es fügte jemand entsprechend der auch bei Cicero aufscheinenden Theorie als Glosse ein: μέρη δὲ τῶν εἰκότων σημεῖα, dann konnten diese Worte natürlich auch auf die weiteren Glieder der Aufzählung bezogen werden und die in den Worten 208, 17ff. ausgesprochene mißverständliche Auslegung veranlassen. Die Definition 209, 4: τὰ δ’ ἀμφιλόγως ἐχοντα τεκμήρια besagt gerade das Gegenteil von dem, was man unter τεκμήριον zu verstehen pflegt, so daß der Ausfall der Negation wahrscheinlich ist.

Nach der Besprechung der Begriffe Enthymem, Paradeigma und Epicheirem folgt die Topik der Beweisführung, wovon der Auszug 209, 17 nur den Schluß gibt. Mitten in dieser nämlich setzt das Fragment des Originals ein, und zwar verwendet L. 179, 1–181, 17, einem alten, vielleicht auf Caecilius zurückgehenden Vorgang folgend, als Einteilungsgrundlage zunächst die logischen Kategorien des Aristoteles (vgl. Volkmann 23, 166. Angermann De Aristotele rhetorum auctore, Diss. Leipzig 1904, 49f. Nebenbei sei zur Richtigstellung einer Bemerkung des Verfassers des vorliegenden Artikels in den Wien. Stud. XXXIX 35, 2 die Gliederung des πάσχειν 18l, 11ff. hervorgehoben, welche gleichfalls aristotelischen Ursprungs ist (vgl. Aristot. Rhet. I 20. Volkmann 275). Als zweite Möglichkeit wird 181, 18ff. die Anwendung der Einteilung der Sinnesempfindungen (Gesicht, Gehör usw.) auf die Topik der Beweisführung empfohlen, als dritte 182, 1ff. die Benutzung der sogenannten peristatischen Topen. Es schließt das Kapitel über die Beweisführung mit der Forderung, daß vorerst die Hauptgesichtspunkte (τελικὰ κεφάλαια) festgesetzt werden, und zwar immer mit Rücksicht auf das Spezielle des Falles, und kehrt damit in seinem Gedankengang, wie der Auszug 208. l3 zeigt, auf den Anfang des Kapitels zurück. Die Betonung der Wichtigkeit der τελικὰ κεφάλαια als Grundlage des Beweises ist übrigens eine Eigentümlichkeit des Theodorus Radermacher o. Bd. VIII S. 875). Weiter folgt die Behandlung des Epilogs 182, 21ff., dessen zweifache Aufgabe in dem ἀναμνῆσαι und dem αὐξῆσαι liege. Seine Anwendungsmöglichkeit sei mannigfaltig wie die der Proömien, indem sie sowohl im Ende einzelner Beweisabschnitte als auch am Schlusse der ganzen Rede gegeben sein könne. Hauptmittel der αὔξησις seien αἰτία und τέλος. Nach Besprechung der μείωσις wird bemerkt, daß die Topik der Beweisführung auch für den Epilog gelte, dessen besondere Eigentümlichkeit aber in der αὔξησις bezw. μείωσις liege.

Der zweite Hauptabschnitt περὶ οἰκονομίας 184, 9ff. behandelt, nach den 4 Teilen der Rede gegliedert, den Umfang der Proömien, der von der Bedeutung und Art des Falles abhänge, ihre [1410] Anwendungsmöglichkeiten und ihre psychologische Bedeutung, Umfang und Gliederung der Erzählung, Ordnung der κεφάλαια im Beweise, Umfang und Gliederung des Epiloges unter Betonung der wesentlichen Eigentümlichkeiten des Epiloges gegenüber dem Proömium, zu dem er in einem ‚antistrophischen‘ Verhältnis stehe.

Im dritten Hauptabschnitt περὶ λέξεως 186, 15ff. wird zunächst die Bedeutung der λέξις für die Wirkung der sachlichen Argumente und der sittlichen Persönlichkeit des Redners hervorgehoben und psychologisch gewürdigt, eine Bedeutung, der sich die großen Dichter, Philosophen und Redner offenkundig bewußt gewesen wären. (Nebenbei bemerkt zeigen sich hier [187, 22] die Spuren eines alten Philosophenkanons. Mayer Byz. Ztschr. 20 [1911] 65ff). Eine klare verständliche Darstellung (188, 3ff.) unter steter Bedachtnahme auf die σεμνότης, δήλωσις τοῦ πραγματος καὶ τὸ μεθ’ ἡδονῆς δηλοῦν 188, 10ff. seien die Ziele, die man im Auge behalten müsse. Eine gewisse μεταβολή τε καὶ ποικιλία τῶν ὀνομάτων sei für die psychologische Wirkung unentbehrlich, wobei man sich aber vor dem Extrem ungeschickter Hyperbata, allzu langer Perioden und allzu altertümlicher oder fremder Ausdrücke hüten müsse. Bezüglich des Hiates (s. o.) solle man dem Isokrates folgen. Das Studium der alten Meister (189, 3ff.) sei der beste Weg, die verschiedenen Möglichkeiten der sprachlichen Ausschmückung kennen zu lernen und sich zu eigen zu machen, als welche zunächst in Betracht kämen die Erweiterung der gewöhnlichen Ausdrucksweise durch Zusätze, jedoch unter Bedachtnahme auf den τύπος τῆς φωνῆς, oder die Abkürzung durch Weglassung von Wörtern, ferner die ἀλληγορία im weitesten Sinne, d. h. der Ersatz gewöhnlicher Ausdrücke durch gewähltere, wobei in eindringlicher, alle Künste der Rhetorik zeigender Sprache die psychologische Bedeutung dieses Kunstgriffes geschildert und an Beispielen erläutert wird (vgl. zu der Stelle Radermacher Philol. Wochenschr. 1921, 788). Meiden müsse man (191, 4ff.) ganz ungewöhnliche und unverständliche Wendungen. Statthaft sei hingegen die Abweichung von dem gewöhnlichen Gebrauch der Fälle, der Modi, der Genera und der Tempora des Verbums, des Spiritus und des Akzentes. Der anschließende, der Erläuterung dieses Rates durch Beispiele gewidmete Abschnitt ist arg verstümmelt. Verdächtig ist, daß die Reihenfolge der Beispiele, bzw. Erläuterungen, soweit der Sinn überhaupt erkennbar ist, mit der angeführten (191, 6ff.) Aufzählung nicht übereinstimmt. Stutzig macht uns auch der Nachtrag eines Punktes, der in der Gliederung nicht vorgesehen ist (191. 21): ὃ δ’ ἴσως ἀναγκαῖον • ἐκλέλειπται γὰρ τὸ παάδειγμα τὸ περὶ τοὺς ἀριθμούς. . .; zu beachten ist ferner der unvermittelte Übergang 192, 5/6. Offenbar war die letzte Vorlage unserer Handschriften an dieser Stelle reich mit Glossen, die namentlich weiteres Beispielmaterial enthielten, versehen, so daß beim Kopieren ebenso Fremdes eindringen und Verwirrung stiften konnte, wie manches aus dem Original verloren gegangen sein mag (vgl. anon. Mosqu. 210, l1). Von Bake in der Annotatio verzeichnete Parallelen zu den Beispielen zeigen, [1411] daß L. hier Attizismen gegenüber dem Sprachgebrauch der κοινή empfiehlt. Mit den Beispielen 192, 6ff., wo gewisse Verwechslungen von Aktivum und Medium als Eigentümlichkeit der κοινή getadelt werden, berührt sich, worauf Radermacher in einer nicht veröffentlichten Mitteilung aufmerksam macht, ein ganz denselben Gegenstand behandelndes, etwa aus Ls. Zeit stammendes Schulheft (vgl. Ziebarth Aus der antiken Schule, Kleine Texte 65, 19; p. 192, 8 H. schlägt Radermacher zwischen εἴρηται und πασχόντων die Ergänzung von ποιούντων ὥσπερ οὐχὶ πασχόντων ἢ vor). – Im weiteren wird 192, 9ff. ein bereits 188, l3 angedeutetes Mittel des Redeschmuckes genauer erörtert, die bewußte Abweichung von der gewöhnlichen Wortstellung, und zwar wieder an Hand von Beispielen. Von einer weiteren Ausführung des Gegenstandes, erklärt der Schriftsteller, wolle er absehen, da er sonst die Schranken, die ihm durch den bereits oben erwähnten Zweck seiner Schrift gesetzt seien, überschreiten müßte. Er geht über auf die Komposition (193, 7ff.) mit ihren Teilen κόμμα, κῶλον, περίοδος, περικοπή, wobei allerdings der Begriff der περικοπή in seiner Beziehung zur περίοδος nicht recht klar wird. Von der περίοδος wird eine Definition gegeben und außerdem der Name erklärt aus π. im Sinne von Kampfspielperiode oder in der Bedeutung ‚Umzug des Chores um den Altar‘. Geschlossen wird der Abschnitt mit der Erwähnung der σχήματα τῶν ἐννοιῶν (s. Volkmann 394), deren Bezeichnung als Figuren L. aber unzutreffend erscheint, da sie nichts anderes wären als ἔννοιαι καὶ ἐνθυμήματα καὶ λογισμοὶ τοῦ πιθανοῦ χάριν καὶ πίστεως εἴδη, und indem er in ihnen μέρη ... τῆς παθητικῆς τε καὶ ἠθικῆς ἀποδείξεως τῇ τῆς ὑποκρίσεως ἀρετῇ πρέποντα erblickt, findet er den Übergang zum

IV. Hauptabschnitt περὶ ὑποκρίσεως 194, 21ff. Er beginnt mit einer Definition des Begriffes der ὑπόκρισις, deren Bedeutung für die überzeugende Wirkung der Rede charakterisiert wird unter Hinweis auf das oft zitierte Urteil des Demosthenes. Als Lehrmeister empfiehlt L. 195, l8: τοὺς ἐν τοῖς ἀληθινοῖς πράγμασιν ὁτιοῦν λέγοντας ... διαπλάττει γὰρ καὶ σχήματός πως μετέχειν ποιεῖ καὶ τόνου φωνῆς αὐτὰ τὰ πράγματα; aber auch von den Schauspielern könne man lernen. Es folgen einige Sonderweisungen für den Vortrag im Affekt des Zornes, dann für die Anpassung des Vortrages an die einzelnen Phasen der Rede bis zum Epilog. Eine Schlußwendung spricht die Hoffnung aus, das Gebotene werde als Anregung für den talentierten und strebsamen Schüler hinreichen.

In den Handschriften folgt nun noch ein verhältnismäßig umfangreicher Abschnitt περὶ μνήμης (197, 20ff). In einer an Worten und Gemeinplätzen reichen Darstellung wird zunächst der Nutzen des Gedächtnisses und der Schaden der Vergeßlichkeit im allgemeinen erörtert, wobei auf den Gedanken Platons hingewiesen wird, daß alles Lernen ein Erinnern sei. Der Vergeßliche, heißt es weiter (200, 10). könne alles eher als ein Redner genannt werden. Voraussetzung für die Entwicklung eines guten Gedächtnisses (200, 18ff.) sei neben anderen zum Teil außerhalb unseres Einflusses liegenden Momenten die φιλομαθία [1412] ἰδία καὶ φιλονεικία τοῦ μεμνῆσθαι θέλειν. Jeder, der diese Eigenschaft besitze, müsse auch im Falle des Fehlens natürlicher Anlagen ein brauchbares Gedächtnis erlangen, und zwar seien ἔρως und πόθος die Wurzeln jener Aufmerksamkeit, welche dann τῆς μνημοσύνης τὴω οὐσίαν schaffe, indem sie nämlich den Menschen, der von ihnen beseelt werde, veranlassen, einmal Aufgenommenes fort und fort wieder anzuhören und nachzusprechen, bis sich die Vorstellung immer mehr vertiefe, wie die Radspuren auf der Straße beim wiederholten Befahren. Bereits Simonides (201, 24ff.) und eine Reihe von Männern nach ihm hätten Methoden der Gedächtniskunst gelehrt, indem sie als Stütze die Gedächtnisbilder und Gedächtnisörter eingeführt hätten, deren psychologisches Prinzip erläutert wird. Auf demselben Prinzip beruhe auch die Tatsache, daß man gebundene Rede besser behalte als Prosa. Wesentlich sei, daß man sich vor der Überschätzung seiner Gedächtniskraft bewahre, worin eine Hauptquelle des Vergessens liege. Gleichfalls gefördert werde das Vergessen durch die Anlage von Aufzeichnungen in der Absicht, sich ihrer gelegentlich zu bedienen; denn mit dem Aufschreiben sei jene ängstliche Sorge um den möglichen Verlust des Wissens dahin, welche eben die Hauptwurzel einer dauerhaften Erinnerung sei, was sich schon daraus ergebe, daß ein Vergessen von Personen und Dingen, an denen man mit dem Herzen hänge, nicht vorkomme; ja die Macht der Erinnerung sei in diesem Falle so groß, daß sie selbst zum künstlerischen Schaffen treibe. So werde denn auch der Leser, nur wenn er mit innerer Teilnahme studiere, das Erlernte jederzeit im Gedächtnis bereit haben. Das gedächtnismäßige Festhalten von Vorstellungen sei, wie schon das Dichterwort von den ἔπη πτερόεντα und der Mythos von dem durchlöcherten Faß in der Unterwelt andeute und Antiphon klar ausspreche, im Grunde etwas Naturwidriges und darum sei ἡ φροντὶς καὶ ἡ ἄσκησις κράτιστον. Erst jetzt, 204, 23ff., folgen ganz wenige spezielle Ratschläge für das Memorieren einer Rede, gegliedert, wie L. dies allenthalben tut (s. o.), nach Proömium, Diegesis, Pistis und Epilogos, wobei auch die Übereinstimmung des Wortlautes in den Definitionen der Diegesis und des Epiloges 205, 9, 205, 20 mit 185, 9. 208. 9. 182. 21ff. 209, 23ff. ebenso in der Betonung der Wichtigkeit der κεφάλαια, 205, 12ff. mit 182, 12ff, 209, 20ff. nicht zu verkennen ist. Zum Schlusse wird der wiederholt ausgesprochene Gedanke, daß die Erlangung eines guten Gedächtnisses im Wesentlichen in unsere Hand gegeben sei, nochmals betont; denn nur so wäre es erklärlich, da8 sich beispielsweise die Menschen mit dem Zuruf, einander zu gedenken, verabschieden, oder daß man denen, die vergeßlich sind, Vorwürfe zu machen pflegt. Auch diese Betonung der Macht des Eifers und des Fleißes über die Natur ist ein Steckenpferd L’s., wie uns seine Äußerungen zu Plato (Tim. p. 19 b bei Proklos p. 59, l0 Diehl und über den Dichter Menelaos bei Joh. Sik. z. Hermog. ἰδ. VI p. 93 W. bezeugen.

Nun hat bekanntlich Bake (XLVIIf.), dem sich andere, z. B. Kaibel 116. anschließen, das Kapitel περὶ μνήμας dem L. abgesprochen. Und [1413] in der Tat, die Weitläufigkeit der Darstellung in diesem Abschnitt steht, wenn auch Bakes Behauptung, ‚neque enim vel levissima oratoris mentio fit, aut quid ad oratoriam artem pertineat memoria ostenditur‘, wie schon obige Inhaltsangabe zeigt, übertrieben ist, im umgekehrten Verhältnis zu dem geringen Gehalt an praktischen Winken für den Redner, und darin liegt von vornherein ein augenfälliger Unterschied gegenüber allen anderen Teilen von L.s τέχνη, in denen sich durchwegs das Bestreben zeigt, in gedrängter Kürze möglichst viel zu bieten. Aber noch ein wesentliches Merkmal hebt das Kapitel περὶ μνήμης aus der τέχνη heraus, das sind die vielen Zitate und Reminiszenzen, sprachliche sowohl wie auch inhaltliche, aus Plato, nebst einigen Zitaten aus anderen Schriftstellern (s. Bake Annotatio!). Bedenkt man dann noch, daß in dem Moskauer Auszug jede Andeutung einer Behandlung der Mnemonik fehlt, so muß man wohl zugeben, daß dieses Kapitel nicht einen Teil von L.s Abriß der Redekunst gebildet haben kann. Daß aber L. gleichwohl als Verfasser des Stückes anzusehen ist, geht aus einer Reihe von Umständen deutlich hervor. Denn wenn man erwägt, daß der Verfasser Platoniker ist, daß er in Gedanken und in der Terminologie mit L.s, τέχνη in beachtenswerter Weise übereinstimmt, daß er, wenn auch nicht absolut, so doch gegenüber der in der rhetorischen Fachliteratur traditionellen Behandlung der μνήμη eine gewisse Originalität zeigt und daß der Abschnitt schließlich in den Handschriften mit L.s τέχνη offenbar mit Absicht zu einem Ganzen verbunden erscheint, so paßt das doch Zug um Zug auf L., den neuplatonischen Rhetor, den φιλόλογος und φιλομαθής mit allen seinen Vorzügen und Schwächen. Offenbar haben wir hier eine Abhandlung L.s – ob sie ein Stück aus einem größeren Werk oder aus seinen Vorlesungen war (vgl. 192, 20ff,), bleibe dahingestellt – die von irgend jemandem seiner τέχνη zur stofflichen Abrundung angehängt worden sein wird. Der Umstand, daß nach dem Moskauer Auszug L.s τέχνη mit der ὑπόκρισις noch nicht geschlossen hat, stellt dieser Vermutung kein Hindernis in den Weg, da das, was in dem Auszug auf den Abschnitt über den Vortrag folgt, nur den Charakter eines Anhanges hat, dessen Vorhandensein in der τέχνη selbst überdies fraglich erscheint, während die Mnemonik vielfach als ein Hauptteil der Rhetorik angesehen wurde. – Zwischen dem Kapitel περὶ μνήμης und der Fortsetzung der τέχνη des Apsines steht in den Handschriften noch ein kurzes Stück περὶ τῶν τελικῶν, 206f. H., das offenbar keiner von den beiden τέχναι angehört (Bake XLVIIIf.). – Es hat also L.s. τέχνη wahrscheinlich mit der ὑπόκρισις geschlossen, wofür auch die Schlußwendung p. 197, 13ff. zu sprechen scheint, wenngleich man diese allenfalls auch bloß auf das Kapitel beziehen könnte. Im Moskauer Auszug aber folgt noch ein Stück, das wie ein Anhang aussieht, p. 211, 2ff. Es setzt sich aus drei, inhaltlich ganz verschiedenen Abschnitten zusammen, wovon man den ersten, 21l, 2ff. περὶ ἰδέων λόγου betiteln könnte. Der zweite, 211, 16ff., gibt sich als Ergänzung der 208, 12ff. exzerpierten Theorie der πίστις, während der letzte, 211, 24ff., einen [1414] sehr interessanten, offenbar alten Kanon von sieben Musterschriftstellern empfiehlt (vgl. Mayer a. a. O. 61ff.). Einen derartigen Anhang für das Original anzunehmen, hieße ihm einen argen Schönheitsfehler zumuten. Es ist offenbar der Epitomator, der hier nachträgt, was er beim Exzerpieren übergangen hat, zumal wir sehen, daß er es auch innerhalb des Abschnittes über die λέξις einmal so macht (p. 210, 13 = 186, 15). Wir können darum 211, 16ff. ohne weiteres in den verloren gegangenen Anfang der τέχνη (περὶ πιστέως) verlegen. Auch der dritte Abschnitt könnte in diesem seinen Platz gehabt haben, etwa in einer (trotz 208, 5 denkbaren) Einleitung, welche vor anderen Hilfsmitteln für das Studium der Redekunst die Lektüre der alten Meister des Stils empfohlen haben mochte. Einen Hinweis auf einen bereits früher gegebenen Schriftstellerkanon enthält eine Bemerkung in dem Kapitel περὶ λέξεως, 189, 8, doch könnte sie möglicherweise auch auf 187, 15ff. zu beziehen sein (vgl. Mayer 77). Der erste Abschnitt aber fügt sich in den verlorenen Anfang von L.s τέχνη schwerlich ein; er würde eher in das Kapitel περὶ λέξεως passen und wir müssen darum auch in dem erhaltenen Teil mit größeren Verlusten rechnen. Daß Psellos die τέχνη L.s noch vollständig gekannt hat, können wir glauben, wenn auch die von Mayer 69 und 77 angezogenen Belege nicht ausreichen, die Vermutung weiter zu erhärten.

Rhetorische Exzerpte ἐκ τῶν Λογγίνου sind uns im cod. Laur. XXIV. plut. LVIII p. 94 erhalten (p. 213 H.). Ihre Echtheit wurde von Bandinius, der für Ruhnken die Abschrift besorgte, bezweifelt, dem sich andere, auch Spengel (p. XIII H.) und Norden Kunstprosa 359 anschlossen. Bedenklich schien einerseits der Umstand, daß der oben angeführte Titel in der Handschrift offenbar von einer jüngeren Hand gesetzt ist, anderseits die Worte frg. 2, p. 213, 6, H.: λέγουσι Λογγῖνος, die den Verdacht einer Interpolation nahelegen mußten. Doch ist die inhaltliche Übereinstimmung der Exzerpte mit anderen, als echt anerkannten Bruchstücken aus L. so augenfällig, daß die Überzeugung von der Echtheit immer mehr an Boden gewann. Gräven Hermes 30 (1895) 300ff. sprach, gestützt auf Zitate bei Lachares, die Vermutung aus, daß die Exzerpte den φιλόλογοι ὁμιλίαι entnommen seien. Neues Material zur Stützung der Echtheitsthese legte B. Keil Verh. 47. Philol. Vers. (Leipzig 1904 p. 54) vor. Einen beachtenswerten Vorschlag, die in der erwähnten Namensnennung L.s in frg. 2 gelegene Schwierigkeit zu beheben, gibt nach einer eingehenden Kritik der vorangegangenen Versuche Brinkmann Rh. Mus. LXII (1907) 625ff. Charakteristisch ist auch für die Exzerpte der Gegensatz zu den νέοι ῥήτορες und den σοφισταί einerseits und die Bevorzugung der ἀρχαῖοι (wie in der τέχνη s. o.) anderseits, namentlich des Plato, Thukydides, Aristoteles, Lysias, Demosthenes, dem Aristeides, dessen Verdienste als Vorkämpfer gegen den Asianismus hervorgehoben werden, als würdiger Rivale an die Seite gestellt wird (vgl. frg. 11, 22. 3. 5. 12. Norden 369, über Aristides vgl. auch Sopater Proleg. in Aristid. III, p. 741. 12 D). Der Einfluß des Caecilius zeigt sich deutlich (vgl. Marx 203. A. Mayer Theophrasti [1415] περὶ λέξεως libri fragmenta p. XXXff. Christ-Schmid⁵ II 712).

Einen Hermogeneskommentar L.s gab es nicht. Die auf einen solchen hinweisende Überschrift eines Abschnittes in einer Wiener Handschrift (bei Lambeck-Nessel Bibl. acroam. Hannover 1712, p. 579) hat sich, was schon Ruhnken 525 ahnte, als Fälschung herausgestellt (vgl. Walz Rhet. Gr. VI. VIf., XIIff.).

Literatur: Ruhnken Disputatio de vita et scriptis Longini, 1776, abgedruckt in Weiskes Pseudo-Longin-Ausgabe 1809 und Opuscula² 488ff. – Zeugnisse und Fragmente in Vauchers Ausgabe von π. ὕψους (Etudes critiques sur le traité du sublime) Genf 1854, p. 260ff. und in Jahn-Vahlens Ausgabe von π. ὕψους⁴ 88ff. Vgl. überdies Diehls ind. auct. zu seiner Ausgabe von Proklos zu Tim. s. v. L.‚ Ausgaben der rhetorischen Fragmente: Erste brauchbare Ausgabe, mit eingehender Darstellung der Überlieferung und (zum großen Teil aus Ruhnkens Nachlaß stammenden) Annotationes von J. Bake, Apsinis et Longini rhetorica, Oxford 1849; dann Spengel Rhet. Gr. I, 2. Aufl. v. Hammer, Leipzig 1894, 179ff.

Pseudo Longinos.

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Als Werk des L. galt, wie mehrfach erwähnt wurde, der berühmte Essay περὶ ὕψους. Tatsächlich bietet der Archetypus, der Parisiensis 2036, als Überschrift Διονυσίου Λογγίνου περὶ ὕψους, während am Schluß des Inhaltsverzeichnisses der in diesem Kodex der Abhandlung περὶ ὕψους vorangehenden Problemata des Aristoteles der Titel in der Form Διονυσίου ἢ Λογγίνου περὶ ὕψους angegeben wird. Wohl hat schon Hieron. Amati in Weiskes L.–Ausgabe (Lpz. 1809) 214f. den Wert dieser Überlieferung bezweifelt, aber der Streit darüber wogte lange hin und her und noch Fr. Marx versuchte auf Grund eines umfangreichen Materials die Autorschaft L.s zu erweisen, Wien. Stud. XX 163ff. Daß diese Ansicht heute endgültig widerlegt ist, danken wir nach den Feststellungen anderer Forscher (z. B. E. Winkler De Long. qui fertur libello περὶ ὕψους. Halle 1870, 32), hauptsächlich den bereits erwähnten Untersuchungen Kaibels (Herm. XXXIV 107ff.) und B. Keils (Verhandl. d. 47. Vers. d. Philol. u. Schulm. Lpz. 1904, 54). Daß an L. als Verfasser nicht zu denken ist, beweist, abgesehen von den bereits oben (S. 1405) angeführten Gründen die aus dem Inhalt der Schrift 54 selbst sich ergebende Entstehungzeit von περὶ ὕψους (erste Hälfte des 1. Jhdts. n. Chr., s. u.‚. Die Überschrift im Codex Paris. 2036 und ihre Variante nach dem Index der aristotelischen Problemata in derselben Handschrift gehen offenkundig auf zwei falsche Konjekturen zurück, die veranlaßt worden sein dürften einerseits durch eine Glosse in P zu c. XXXIX 1: περὶ συνθέσεως ἔγραψε Διονύσιος, anderseits durch ein mit περὶ ὕψους III 1 inhaltlich verwandtes Zitat aus des L. φιλόλογοι ὁμιλίαι, wie solche Jahn–Vahlen zu III 1 vermerkt (Joh. Sikel. zu Hermog. Id. VI 225 W. Anon. Schol. zu Hermog. Id. VII 963 W.; vgl. v. Wilamowitz Herm. X 334f. Usener Rh. Mus. XXVIII 412. Marx 188. Kaibel 111). Auch eine Verwechslung des περὶ ὕψους XIII 3 zitierten Ammonios, d. h. des Aristarcheers, mit Ammonios Sakkas mochte mitbestimmend [1416] gewesen sein, um auf L. als Verfasser zu raten (Hefermehl Rh. Mus. LXI 288). Die Schrift περὶ ὕψους selbst lehrt uns, daß der Verfasser Rhetor gewesen ist und auch andere Schriften verfaßt hat, so über Xenophon (περὶ ὕψ. VIII 1) und zwei συντάγματα περὶ συνθέσεως); (XL 2). Selbstzitate finden wir ferner IX 2 (dazu Mutschmann Tendenz. Aufbau u. Quellen der Schrift vom Erh., Berl 1913, 93). XXIII 3 Als ein Hinweis auf eine mit περὶ ὕψους in inhaltlichem Zusammenhang stehende Schrift über die πάθη sind wohl trotz Lackenbacher Wien. Studien XXXI 213ff. und Christ–Schmid–Stählin II⁶ 476 die Worte am Schluß des Büchleins (XLIV 12) im Zusammenhang mit III 5 zu deuten (Rothstein Herm. XXIII 15. Meinel Progr. Kempten 1895, 57f. Marx 187. Mutschmann VI und 16ff. Mesk Ztschr. f. öst. Gymn. LXV 115ff. u. a.). Seiner doktrinären Einstellung nach ist der Verfasser Theodoreer (III 5. XXXII 1 καιρός), ja wahrscheinlich, nach dem Imperfectum in III 5 (ὁπερ Θεόδωρος ..., ἐκάλει) zu schließen, sogar Hörer des Theodoros von Gadara, des Lehrers des Kaisers Tiberius (vgl. Jahn–Vahlen z. St.), zumal da in der Doktrin und Sprache von περὶ ὕψους alles auf das zweite Viertel des 1. nachchristl. Jhdts. verweist. Man vergleiche über diese Frage neben Kaibel 120ff. Buchenau De script. libelli π. ὕψ., Marb. 1849, Martens De libello π. ὕψ., Bonn 1877, 30, Rothstein 3, Thiele Gött. gel. Anz. 1897. 245, Marx 176f., v. Wilamowitz Herm. XXXV 49; Kultur d. Gegenw.1 (1905) 148, Hefermehl 284, Börner De Quintil. instit. orat. djsposit., Diss. Lpz. 1911,52. Mutschmann 48. 51ff., Christ-Schmid-Stählin II⁶ 476 (das hier angeführte Argument, der Verfasser könne nach c. XXXV 4 den Vesuvausbruch vom J. 63 schwerlich erlebt haben, ist allerdings wenig überzeugend). Der Anonymus bezeichnet sich XII 4 selbst als Hellenen, vgl. Mutschmann Herm. LII 171f. Daß er Jude gewesen wäre, hat man mit Unrecht aus dem Genesiszitat IX 3 gefolgert (Mommsen R. G. V 494). Das Zitat ist wohl nur als ein Symptom der heute bereits feststehenden Tatsache zu werten, daß in der ersten Hälfte des 1. nachchristl. Jhdts. die jüdische Apologetik, in der die zitierte Genesisstelle einen κοινὸς τόπος bildete, bereits in die gebildeten Kreise der griechisch römischen Welt ihren Einzug gehalten hatte (Mutschmann Herm. LII 195). Gewidmet ist die Schrift einem jungen vornehmen Römer, zu dem der Verfasser mit der Ehrerbietung des Graeculus hinaufschaut. Er wird von ihm wiederholt mit dem Namen Terentianus angeredet. Sein voller Name ist am Anfang der Schrift genannt gewesen, leider aber in der Überlieferung verstümmelt. Nur Ποστούμιε Τερεντιανέ kann mit Sicherheit gelesen werden. Die Persönlichkeit des Adressaten genauer zu bestimmen, war bisher nicht möglich (vgl. Jahn–Vahlen z. St.). Noch weniger Glück hatten Versuche, den Autor περὶ ὕψους selbst mit einer der bekannten Schriftstellerpersönlichkeiten zu identifizieren, so zum Beispiel mit Theon (Christ Gr. Lit Gesch.³ 758, 4).

Dem literarischen Charakter nach ist das Büchlein περὶ ὕψους ein [1417] diesen Begriff Norden Ant. Kunstprosa I 94, 1. v. Wilamowitz Kultur d. Gegenw. I³ 8, 158ff.), also eine Gelegenbeitsschrift von intimem Charakter, die zur Herausgabe wohl nicht bestimmt war und vielleicht auch tatsächlich nie herausgegeben worden ist. Zu dieser Vermutung würde der sonst immerhin auffällige Umstand stimmen, daß wir περὶ ὕψους niemals bei Späteren zitiert finden. Sie dankt ihre Entstehung einem Wunsch des Postumius Terentianus, der dadurch wachgerufen worden war. daß Terentianus und der Anonymus bei der gemeinsamen Lektüre von des Caecilius συγγραμμάτιον περὶ ὕψους sich von der Art, wie dieser den Gegenstand behandelt hatte, nicht befriedigt fühlten (c. I 1).

Der Inhalt ist (im Anschluß an Mutschmanns Analyse (Tendenz 45f.) folgender: Nach einer Einleitung, in welcher der Verfasser den soeben angegebenen Anlaß zur Abfassung des Schriftchens mitteilt und die Wichtigkeit des Erhabenen betont (c. I), erörtert er die Frage, ob das Erhabene lehrbar sei (c. II), bespricht in der Folge die Ausartungen des erhabenen Stiles (c. III–V), kommt auf das ἀληθὲς ὕψος zu sprechen (c. VI), dessen Kennzeichen in c. VII dargelegt werden. Seinen Ursprung nimmt das Erhabene nach c. VIII aus fünf Quellen, wovon zwei natürliche (αὐθιγενεῖς συστάσεις) sind, τὸ περὶ τὰς νοήσεις ἁδρεπήβολον und τὸ σφοδρὸν καὶ ἐνθουσιαστικὸν πάθος, während die anderen drei der τέχνη im engeren Sinne angehören, nämlich die σχήματα, die γενναία φράσις und die σύνθεσις. Der Besprechung dieser fünf πηγαί sind die weiteren Ausführungen (IX–XLIII) gewidmet. Dabei erfolgt die Eingliederung der Unterteile unter die genannten fünf Hauptgesichtspunkte in sehr freier Weise, und die Darstellung wird dreimal durch große Exkurse unterbrochen: IX 11–15 σύγκρισις von Ilias und Odyssee, XI–XIIII σύγκρισις Δημοσθένους καὶ Πλάτωνος, XXXIIL–XXXVI σύγκρισις ἀρετῶν. Vermißt wird anderseits die Behandlung des πάθος an der Stelle, wo sie nach der Reihenfolge der fünf πηγαί zu erwarten wäre, zwischen XV und XVI. Da sie, abgesehen davon, selbst in den größten der vorhandenen Lücken (in IX und XII) kaum unterzubringen ist, so gewinnt die aus XLIV 12 und III 5 sich ergebende Annahme (s. o.!) an Wahrscheinlichkeit, daß sie von dem Verfasser ausgeschaltet worden ist, um einer besonderen Schrift vorbehalten zu werden, was ebensowohl damit begründet werden konnte, daß eine zusammenhängende Darstellung dieses Punktes inhaltlich und quantitativ über den Rahmen des Büchleins hinausgeführt hätte, wie auch mit dem Umstand, daß dem πάθος ohnehin in allen Teilen der Schrift eine führende Rolle zugeteilt wird. Eine derartige Motivierung mag in der Lücke in c. IX gestanden haben. – Es schließt der Verfasser mit einer Klage über den Verfall der Beredsamkeit in seiner Zeit, die wohl Talente aufweise, aber kein Genie, und er sucht die Ursache dieser Erscheinung weniger in dem Untergang der Freiheit als in der sittlichen Dekadenz (c. XLIV).

Der eigenartige Aufbau der Schrift, dessen Beurteilung noch durch den Umstand wesentlich erschwert wird, daß uns infolge von Blattverlusten in der Urhandschrift nur etwa drei Fünftel [1418] des ursprünglichen Textes erhalten sind, hat dem Verfasser den Vorwurf der Dispositionslosigkeit eingetragen und zu der Behauptung geführt, es sei ihm nicht gelungen, seinen Stoff zu bewältigen (Marx 175). Der Vorwurf kann nach den Analysen H. F. Müllers (in zwei Blankenburger Programmen 1911 und 1912) und Mutschmanns (Tendenz 15ff.) in dieser Form und in diesem Umfang nicht mehr aufrecht erhalten werden, wenn man auch nicht mit Mutschmann behaupten kann, daß an dem Aufbau keinerlei Anstoß zu nehmen wäre, und daß die Schrift ganz raffiniert angelegt sei, insofern neben dem Hauptthema der Darstellung des ὕψος eine zweite, nicht minder wichtige Tendenz verfolgt werde, die Ausstellungen des Caecilius an Platon zurückzuweisen (S. 34). Namentlich die Auffassung, daß die drei erwähnten Exkurse in einem inneren Zusammenhang stünden, dessen verknüpfendes Band die Abwehr der Kritik des Caecilius an Platon wäre, hat unbestreitbar ihre Schwierigkeiten (vgl. Mesk a. a. O. Stroux DLZ 1914 nr. 9). Eine gewisse Laxheit und Unklarheit der Disposition ist zweifellos festzustellen.

Die Wurzel dieser Erscheinung aber liegt offenkundig eben in der von Mutschmann so klar herausgehobenen Tatsache des Nebeneinanderbestehens von zwei Zielen. Der unmittelbare und vom Verfasser im ersten Kapitel selbst angegebene Zweck des Büchleins vom Erhabenen ist, einer Seite des Gegenstandes zu ihrem Recht zu verhelfen, die Caecilius über dem theoretischen und technisch formalen ganz vernachlässigt habe, nämlich der praktischen Seite. In Verfolgung dieses Gedankens beanstandet er, daß Caecilius das πάθος gar nicht gestreift habe, wie er offenbar auch die Behandlung der anderen natürlichen Quelle des erhabenen Stiles (τὸ περὶ τὰς νοήσεις ἁδρεπήβολον vermißte (c. VIII 1; vgl. Rothstein 12. Mutschmann Tendenz 7ff.). Von der Frage der Berechtigung dieser Vorwürfe gegen Caecilius ganz abgesehen (vgl. Weise Quaest. Caecilianeae, Diss. Berlin 1888, 44. Drerup Wochenschr. f. kl. Philol. 1914, 1232ff.), können wir uns nun der Tatsache nicht verschließen, daß der Anonymus seiner von ihm selbst angekündigten Aufgabe, eine praktische Anleitung zur Aneignung des erhabenen Stiles zu geben, nicht voll gerecht geworden ist, da diese Absicht immer wieder durch die aus grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten‚ namentlich in puncto der Beurteilung Platons entspringende Polemik gegen Caecilius zurückgedrängt wird (vgl. Rothstein 10f. Mesk a. a. O. Drerup a. a. O.).

Gerade diese Polemik ist dasjenige, was dem Büchlein sein eigentümliches Gepräge gibt. In Caecilius bekämpft der Schriftsteller den trockenen Regelmenschen und Theoretiker und tritt ein für das Geniale, das, des Kleinen und Nebensächlichen nicht achtend, auf das Große geht und auch das Ungewöhnliche wagt, wenn der καιρός es fordert. Großzügigkeit, mag sie im einzelnen auch σύγκρισις ἀρετῶν XXXIII–XXXVI). Hinreißender Schwung und dramatische Bewegung finden seinen besonderen Beifall (Eggerking [1419] De Graecor. arte tragica doctrina, Diss. Berlin 1912. 41f.). Die saubere Korrektheit der Alexandriner, eines Bakchylides oder eines Ion kann ihn nicht erwärmen (XXXIII 4f.), seine Liebe und Begeisterung gilt den von Caecilius nicht recht gewürdigten und mißverstandenen Heroen der Literatur, und so stellt er denn auch Platon dem Lysias, dem über alles geliebten Ideal des Caecilius, in einer Weise gegenüber, die für Caecilius ebenso wie für seinen Lieblingsautor vernichtend ausfällt (XXXII 8. XXXV 1).

Mit diesen Ideen steht aber die eigenartige Form der Schrift in bestem Einklang, der freie Aufbau ebenso wie die Sprache. Mit Recht hat Drerup a. a. O. in der Laxheit der Disposition etwas Maniriertes gesehen, eine bewußte Abkehr von Form und Regel. Die Sprache zeigt den Charakter der κοινή, ist aber besonders gekennzeichnet durch den enthusiastischen Ton und durch den Reichtum an kühnen Bildern und ungewöhnlichen, selbst gewagten Ausdrücken und namentlich auch durch die vielen Zitate und Reminiszenzen aus den Klassikern. F. Freytag De anonymi π. ὕψ. sublimi genere dicendi, Diss. Marbg. 1897. Hersel Qua in citandis scriptor. et poetar. locis auctor libelli π. ὕψ. usus sit ratione, Berl. 1884. Tröger Der Sprachgebrauch in der pseudo-longinischen Schrift περὶ ὕψ. und deren Stellung zum Attizismus, zwei Burghausener Programme 1899 und 1900; ders. Blätter f. bayr. Gymn. XXXV 241ff. Glatzel De optativi apud Philodemum, Strabonem, Pseudo-Longinum usu 1915.

So originell das Büchlein περὶ ὕψους uns anmutet, so haben doch die Fortschritte der Quellenforschung gezeigt, daß vor ihm bereits eine ausgebildete einschlägige Literatur bestanden hat. Der Umstand, daß in dem Schriftchen Caecilius wiederholt polemisch genannt wird, hat zu der Vermutung Anlaß gegeben, daß das gleichnamige συγγραμμάτιον des Caecilius (c. I 1) in weitestem Maße als Quelle anzusprechen wäre, einer Vermutung, die in der Sammlung der Fragmente des Caecilius von Ofenloch (Leipzig 1907), wo auch die Literatuf über diese Frage verzeichnet ist, ihren extremsten Ausdruck fand. Die Caeciliushypothese, die den Anonymus zum Plagiator erniedrigte, ist schon durch die bereits erwähnten Analysen H. F. Müllers ins Wanken gekommen und hat den schärfsten Stoß durch Mutschmann (Tendenz 46ff.) erhalten, der nur dort Caecilius als Quelle gelten lassen will, wo eine deutliche polemische Beziehung auf ihn erkennbar ist. Mutschmanns Kritik der Caeciliushypothese konnte im ganzen nicht widerlegt werden, wenn er auch in der Einschränkung dessen, was auf Caecilius zurückzuführen wäre, hie und da zu weit gegangen sein mag (vgl. Mesk a. a. O. Stroux a. a. O. Drerup a. a. O. Martens Sokrates 1915, 387ff. Christ-Schmid-Stählin II⁶ 465. 475. 477). Als Wegweiser zur Lösung des Quellenproblems nahm Mutschman mit Recht die Tendenz des Schriftchens. Der Verfasser der Schrift vom Erhabenen und Caecilius gehörten, wie schon Brzoska (o. Bd. III S: 1180) und P. Otto (Quaest. select. ad libell., qui est περὶ ὕψους, spectantes, Diss. Kiel 1906, 27²) angedeutet haben, verschiedenen Schulen [1420] an. Caecilius war ein Schüler des Apollodor (Brzoska o. Bd. I S. 2888 und III S. 1175), und der Anonymus περὶ ὕψους war, wie bereits erwähnt, Theodoreer. Apollodoreer und Theodoreer haben einander bekanntlich heftig befehdet. Da sonach die scharfe Polemik des Anonymus gegen Caecilius offenbar mit Mutschmann unter dem Gesichtspunkt dieses Schulstreites zu fassen ist, so ist auch die Annahme Mutschmanns durchaus plausibel, daß der Anonymus in diesem Streits sich im wesentlichen der Gedanken und Argumente seines Lehrers bedient haben wird, eine Annahme, die Mutschmann (Tendenz 53ff.) durch Parallelen aus dem Anonymus Seguerii erhärtet, welcher von Neokles und Alexander Numeniu viel Theodoreisches übernommen hat. Wenn die Theodoreer nach Anonymus Seguerii 30f. in der Rhetorik eine τέχνη στοχαστική, keine ἐπιστήνμη erblicken und nach der genannten Stelle wie auch nach andern theodoreischen Partien des Anonymus Seguerii die Bedeutung des καιρός und des συμφέρον betonen, so ist das derselbe Grundgedanke, der sich durch die Polemik des Anonymus περὶ ὕψους gegen Caecilius hindurchzieht. Aus diesem prinzipiellen Standpunkt erklärt sich ferner die Stellung, welche die Schrift περὶ ὕψους gegenüber dem πάθος einnimmt, und zwar wieder in vollem Einklang mit den Theodoreern, die (Anon. Seg. 22. 160. 105 usw.) 30 die Anwendung des πάθος nicht nach Art der Apollodoreer reglementieren und auf bestimmte Teile der Rede (das προοίμιον und den ἐπίλογος, welche von den Apollodoreern unter dem Begriff παθητικὸν μέρος zusammengefaßt wurden) beschränken wollten, sondern überall gestatteten und nur vom καιρός und vom Taktgefühl des Redners abhängig machten (Mutschmann Tendenz 53ff.). In der Hochschätzung Platons scheint Theodoros dem Anonymus περὶ ὕψους ebenso vorangegangen zu sein, wie Caecilius seine Vorliebe für Lysias von seinem Lehrer übernommen haben dürfte (Mutschmann 69). Aber auch der starke stoische Einschlag in περὶ ὕψους, den bereits Otto 30ff. festgestellt hat, ein Einfiuß, der sich besonders in der Lehre von den πάθη zeigt, dürfte auf dem Wege über Theodoros in die Schrift vom Erhabenen gekommen sein (Mutschmann 67f.). – Spuren peripatetischer Doktrin hat Mutschmann 87ff. in der Lehre von den κακίαι τῆς ὑψηγορίας c. IIIf. nachgewiesen. – Sehr interessant sind die Zusammenhänge mit der alexandrinischen Grammatik. Im Kap. XIII 3, wo von dem Einfluß Homers auf Platons Stil die Rede ist, beruft sich der Anonymus auf die Schule des Ammonios des Aristarcheers, der ein Buch περὶ τῶν ὑπὸ Πλάτωνος μετενηνεγμένων ἐξ Ὁμήρου geschrieben hatte (vgl. Jahn–Vahlen z. St.)‚ und in der σύγκρισς der Ilias und der Odyssee IX 11–15 folgt er, wie Hefermehl Rh. Mus. LXI 283ff. gezeigt hat, den Gedanken eines anderen Aristarcheers Menekrates von Nysa.

Alle diese Teilzüge, welche die Quellenforschung zu Tage förderte, ließen aber mit immer größerer Deutlichkeit die Persönlichkeit des Poseidonios in Erscheinung treten als des eigentlichen Schöpfers der im Buche vom Erhabenen vertretenen literar-ästhetischen Auffassung. Diesen [1421] Zusammenhang, der von Mutschmann schon in seinem mehrfach zitierten Buche gelegentlich angedeutet (z. B. 69. 80 usw.) und von Ammon (Berlin. philol. Wochenschr. 1914, 711ff.) unter Berufung auf Feststellungen, die er bereits früher gemacht hatte (Bay. Gymnasialbl. 1891, 236ff.), schärfer betont wurde, hat Mutschmann gelegentlich der Zurückweisung der von Ziegler (Herm. L 572ff.) gegen die Echtheit des Genesiszitates (c. IX 9) vorgebrachten Bedenken klar herausgehoben (Herm. LII 161ff.), wenngleich sein Versuch, einen Abschnitt aus Hermogenes (περὶ ἰδεῶν I 6), in dem er Übereinstimmungen mit περὶ ὕψους IX findet, auch unmittelbar mit Poseidonios in Zusammenhang zu bringen, mit Recht Widerspruch erfahren hat. (Kroll Sokrates 1918, 96ff.). Panaitios und sein großer Schüler Poseidonios waren es in denen sich alexandrinische Grammatik, stoische Philosophie und schwärmerische Verehrung Platons‚ jene Elemente also, die auch für das Buch περὶ ὕψ. so charakteristisch sind, zu einem ganz eigenartigen System vereinigt haben, das auf die Folgezeit die nachhaltigste Wirkung geübt hat. Schon Panaitios hat im Gegensatz zu Krates die stilistische Größe Homers mit Nachdruck verfochten und alle jüngeren Schriftsteller und Dichter aus dem Born Homers schöpfen lassen, und Poseidonios hat den Grundsatz aufgestellt: αἱ αὐταί εἰσιν ἀρεταὶ λόγου καὶ ποιήματος, παραλλάσσουσιν δὲ ἐν τῷ μᾶλλον καὶ ἧττον Prokl. p. 223 Westph. Kaibel Abh. d. Gött. Ges. d. Wissensch. philol. hist. Kl., N. F., II Nr. 4 S. 21ff.). Indem so Panaitios und Poseidonios die gesamte Literatur in einem steten Abstieg, der schließlich in der praktischen Beredsamkeit endet, aus Homer hervorquellen lassen, gründen sie ihr literar-ästhetisches System theoretisch auf den Gedanken der μίμησις, einen Gedanken, der dann wieder dem praktischen Zwecke dienstbar gemacht wurde, zu zeigen, wie der ζῆλος τῶν ἀρχαίων im konkreten Fall mit Erfolg durchgeführt werden kann. Auf solchen Ideen fußen die Ausführungen des Buches vom Erhabenen im Kapitel περὶ μιμήσεως (XIII), wobei der Hinweis auf Ammonios (XIII 3) wegen der Stellung, die Poseidonios zur alexandrinischen Grammatik eingenommen hat, jedenfalls Beachtung verdient (vgl. im übrigen Christ-Schmid-Stählin II⁶ 1, 477, 5). Durch die Einbeziehung der gesamten Literatur, der poetischen ebenso wie der prosaischen, in sein System hat aber Poseidonios auch jenen umfassenden Horizont geschaffen, mit dem das Buch vom Erhabenen dem auf den engen Kreis der attischen Redner eingestellten Caecilius gegenübertritt. Im Gegensatz zu der absteigenden Entwicklung, die Poseidonios für die Literatur, d. h. für die λέξις, die formale Seite, annimmt, findet er den menschlichen Geist, die Kultur und die Sittlichkeit in einem steten Aufstieg begriffen, von dem primitiven Standpunkt Homers bis zur höchsten Stufe, die in Platon verkörpert erscheint. Das ist gleichfalls ein Gedanke, der in der Schrift περὶ ὕψους nach beiden Richtungen hin zum Ausdruck kommt, im Enthusiasmus für Platon auf der einen und in der Entschuldigung Homers IX 6f. auf der andern Seite. Auf Poseidonios geht wohl auch der stark gefühlsmäßige, mystische Zug zurück, der uns im [1422] Buch περὶ ὕψους auffällt, so in der Charakteristik der Wirkung des Erhabenen (I 4), in der Definition des ἀληθὲς ὕψος und sonst vielfach (vgl. Mutschmann Tendenz 94). An des Poseidonios σύγκρισις Ὁμήρου καὶ Ἀράτου erinnert ferner περὶ ὕψους X 5f. und XXVI 1. An eine Abhängigkeit der im Buch vom Erhabenen dargelegten πάθος-Lehre von der Schrift περὶ παθῶν des Poseidonios denkt, an Mutschmann anknüpfend, W. W. Jäger Nemesios von Emesa, Berlin 1914, 23ff; Beziehungen zu Poseidonios findet in c. XXXV 2. E. Norden Agnostos Theos 104ff. Wenn ferner am Schluß der Schrift (c. XLIV) der Verfasser bei der Erörterung der Ursachen des Verfalles der Beredsamkeit einem Philosophen ein Loblied auf die Demokratie in den Mund legt in Berührung mit Tacitus, Seneca, Petronius, Quintilian, Philon (vgl. Jahn-Vahlen Ann. und Christ-Schmid II⁶ 460. 477, 1), und das Urbild dieser Gedanken, wie Kaibel a. a. O. 125 schon bemerkt hat, bei Platon im 8. Buch der Gesetze 831 b zu suchen ist, so liegt es nahe, auch hier an Poseidonios als Mittelsmann zu denken. Von ihm mag vielleicht sogar der Begriff ὕψος selbst seinen Ausgang genommen haben, womit die Annahme, daß Caecilius ihn in die Ästhetik eingeführt hätte (vgl. Geigenmüller Quaestiones Dionysianae de vocabulis artis criticae, Diss. Leipz. 1908, 58i. P. Otto 43ff.) wohl vereinbar wäre, da ja, wie Mutschmann (Tendenz 80) schon betont hat, über Apollodor und Theodor die Fäden vielfach wieder auf eine gemeinsame Quelle führen (vgl. Mutschmann 92, 2. Ammon a. a. O. Christ-Schmid 465, 5).

Ob und welche Mittelglieder wir uns zwischen Poseidonios und der Schrift vom Erhabenen zu denken haben, ist ungewiß. Angesichts des Umstandes, daß viele Gedanken im Buch περὶ ὕψους, die von Poseidonios auszugehen scheinen, nach Mutschmanns Untersuchungen (s. o.) auch der Lehre des Theodoros eigen waren, hat Mutschmanns Annahme (Herm. LII 187. vgl. auch Jäger 24), daß Theodoros als Vermittler eine wesentliche Rolle gespielt habe, sehr viel für sich, so lange wenigstens, als die gegenteilige Behauptung (Christ-Schmid II⁶ 460³. 460⁴. 477³) nicht mit gewichtigeren Gründen belegt werden kann.

So einzigartig das Buch vom Erhabenen in der uns erhaltenen antiken Literatur dasteht, so nachhaltig ist auch sein Einfluß auf die moderne Literarästhetik, besonders des 17. und 18. Jhdts. gewesen. Überall dort, wo die Kunst für das freischaffende Genie und die Befreiung von dem Zwang der Regel kämpfte, hat man in seinen Gedanken wirksame Waffen gefunden. Das gilt namentlich für Frankreich, wo im Zuge der von dem Homertadler Charles Perrault eröffneten Querelle des Anciens et des Modernes die Verteidiger Homers, Boileau (Übersetzung d. Schr. v. Erh. 1674; Reflexions sur Longin 1697) und Jean Boivin (Apologie d’Homère 1715) in ihren Argumenten auf das Buch zurückgriffen. In ähnlicher Weise hat es auf die englische Literatur- und Kunstkritik Einfluß genommen. Vgl. Sandys Hist. of cl. schol. I² 292. Rh. Roberts Longin. on the sublime, Cambridge 1899, 257ff. [1423] Finsler Homer in der Neuzeit, Leipzig Berlin 1912. Rosenberg Longinus in England, Berlin 1917.

Die Grundlage unserer Überlieferung ist der Codex Parisiensis Gr. 2036 aus dem 10. Jhdt.‚ der die pseudo-aristotelischen προβλήματα und die Schrift π. ὕψ. enthält. Von den 50 Blättern, die letztere in der Handschrift umfaßt haben muß, sind 20 durch Ausfall an verschiedenen Stellen verloren gegangen. Die jüngeren Handschriften gehen, wie schon Boivin (s. o.) an Hand der Übereinstimmung in den Lücken festgestellt hat, auf den Paris. 2036 zurück. Ein kleines Plus gegenüber dem Paris. 2036 im c. II, 3 – nach dem ersten Herausgeber desselben (J. Tollius 1694) Fragmentum Tollianum genannt – geben die jüngeren Handschriften (Vatic. cod. Gr. 285 s. XV und Paris. 985 s. XV). Die Echtheit dieses Stückchens ist umstritten (vgl. Jahn-Vahlen Praef. IXf. Rothstein 15).

Die erste Ausgabe veranstaltete F. Robortellus, Basel 1554. Ihm folgte ein Jahr später P. Manutius, dessen zum Teil willkürliche Rezension für die späteren Herausgeber maßgebend blieb. Erst Spengel Rhet. Gr. I 1853 (2. Aufl. v. Hammer 1894) griff energisch auf die Überlieferung zurück. Besonders wichtig ist die Ausgabe von O. Jahn Διονυσίου ἢ Λογγίνου περὶ ὕψους); (neubearbeitet von J. Vahlen in 4. Aufl.‚ Leipzig 1910) mit ausführlichen Prolegomena, kritischem Apparat und Testimonia. Erklärende Ausgabe (mit Noten von Toup‚ Ruhnken‚ Larcher) von B. Weiske 1809. Ein moderner, wissenschaftlicher Kommentar wäre ein dringendes Bedürfnis. Erläuterungen gibt die Übersetzung von H. F. Müller (Die Schrift über das Erh.‚ Heidelberg 1911). Ältere deutsche Übersetzungen: C. H. Heinecke, Dresden 1737. J. G. Schlosser, Leipzig 1781. G. Meinel, Progr. Kempten 1895 (mit krit. u. exeg. Bemerkungen), Hashagen 1903. Sehr gut ist die englische kommentierte Ausgabe mit Übersetzung von W. Rh. Roberts, Cambridge 1899 (dazu v. Wilamowitz Literat. Zentralblatt 1899 nr. 16. Rothstein Wochenschr. f. klass. Philol. 1899 nr. 26). Für die Textkritik bezw. Erklärung sind ferner wichtig die englische Ausgabe von a. O. Prickard, Oxford 1906, die schwedische von E. Jantzen, Upsala 1894; dann Π. Σ. Φωτιάδης, Ἑρμηνεθτικὰ καὶ διορθωτικὰ εἰς τὸ περὶ ὕψους, Ἀθηνᾶ 32 (1921).