Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,1 (1903), Sp. 1164–1166
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Dipylon ((Δίπυλον)) hiess das Hauptthor von Athen, porta . . . velut in ore urbis posita maior aliquanto patentiorque quam ceterae, wie es Livius XXXI 24, 9 (aus Polybios) beschreibt, durch das deshalb auch König Attalos seinen feierlichen Einzug in Athen hielt (Polyb. XVI 25). Es befand sich in dem nordwestlichen Teile der Stadtmauer und ist jetzt bei der Capelle Hagia Triada durch die Ausgrabungen der archäologischen Gesellschaft von Athen vollständig blossgelegt, s. Πρακτ. τ. ἀρχ. ἑταιρ. 1873, 15f. 1874, 9f. 1880, 7f. Adler Arch. Zeit. XXXII 157ff. v. Alten Athen. Mitt. III 28ff. (mit Taf. IIIff.); über jüngste Ausgrabungen s. Athen. Mitt. XIV 414. XV 345. Einen vortrefflichen Grundriss giebt jetzt das 3. Supplt. Paper der Soc. f. prom. of Hellen. stud. ,Plans and drawings of Ath. build. by Middleton‘ 1900 pl. 24; interessante Einzelheiten ebd. pl. 25. Das Thor lag gerade auf der Grenze zwischen dem inneren und äusseren Kerameikos (Plut. Sulla 14. Menekles frg. 3 bei Harpokr. s. Κεραμεικός Schol. Arist. Ritt. 772; Vög. 395. CIA II 1101), daher gelegentlich als Κεραμεικαὶ πύλαι bezeichnet (Philostr. vit. soph. II 8, 2. Hesych. s. δημίαισι πύλαις), und nahm zunächst den Weg von der Akademie (Lucian. Scyth. 2) und den von Thriai (Eleusis) auf, daher auch Θριάσιαι πύλαι genannt (Plut. Pericl. 30. Harpokr. s. [1165] Ἀνθεμόκριτος Hesych. Phot. s. Θριάσιαι πύλαι). Ausserdem mündete hier aber auch die breite, vom Hafenplatz her kommende, mit Vermeidung aller Hügel ganz in der Ebene geführte Fahrstrasse, die trotz des Umweges von vielen bevorzugt wurde (Lucian. navig. 17. 24. 46; dial. mer. IV 3). Da das D. am tiefsten Punkte des Stadtterrains lag, bedurfte es besonders starker Fortificationen, wie sie gegenüber anderen Teilen der Enceinte in den jetzt blossgelegten Resten der mächtigen Mauern und Türme sich zeigen. Zwei hinter einander liegende Verschlüsse umschliessen einen Thorhof von 769 Qm., der sich trefflich bewährte; Philipp V., bei seinem Stürmungsversuch 200 v. Chr. in diesen Hof bereits eingedrungen, wurde von allen Seiten so kräftig beschossen, dass er froh sein musste, aus ihm sich wieder zurückziehen zu können (Liv. XXXI 24). Wohl aber nicht von diesem Doppelverschluss, sondern von den zwei nebeneinander liegenden, nur durch einen Pfeiler getrennten Eingängen, die sich sowohl im vorderen als hinteren Verschluss fanden, erhielt das Thor den Namen D. (s. Wachsmuth Stadt Athen II 221).

Vor dem D. lag als besonders schutzkräftiges Heroon das Grab des Anthemokritos, des mit Verletzung des Völkerrechtes von den Megarern in den letzten Jahren vor dem peloponnesischen Krieg erschlagenen Gesandten (Plut. Pericl. 30. Paus. I 23, 6); unmittelbar hinter dem Mittelpfeiler des inneren Thores stand – wie die Ausgrabungen lehrten – nach der Stadtseite zu ein Altar, geweiht dem Zeus Herkeios, dem Schutzgott von Familie und Haus, dem Hermes, der guten Eingang und Ausgang giebt, und dem Akamas, dem Stammheros der Phyle, zu der der Kerameikos gehörte (s. Wachsmuth II 228). Auch Badehäuser fanden sich hier wie bei jedem grossen Thor; eins ist beim Grab des Anthemokritos litterarisch bezeugt (Harpokr. s. Ἀνθεμόκριτος), ein anderes an dem hinteren Verschluss des D. jetzt blossgelegt (s. Wachsmuth II 228f.).

Erwähnt ist der Name Δίπυλον zuerst 278/7 v. Chr., und zwar offiziell (CIA II 321); in früherer Zeit gab es überhaupt keine officiellen Namen für Thore (s. CIA IV 1,53 a). Aus Plutarchs (Pericl. 30) Worten παρὰ τὰς Θριασίας πύλας αἳ νῦν Δίπυλον ὀνομάζονται geht hervor, dass zur Zeit des Perikles das Thor noch nicht D. hiess; ob aber der Namenswechsel durch die Umwandlung eines einfachen Thores in ein D. bedingt wurde, steht dahin; also ist nicht sicher der Schluss, dass die gegenwärtige Anlage (in ihren Grundzügen) erst aus der Zeit nach Perikles stammt. So schwankt die Bestimmung der Bauzeit: noch unter Perikles verlegten sie v. Alten a. a. O. 44. Wachsmuth II 218ff.; auch Curtius Stadtgesch. 178. 189; doch erhebt dagegen Einspruch die Beobachtung Dörpfelds, dass die beim D. verwandten Steinarten (Breccia und Hymettosmarmor) in athenischen Bauten nicht vor Ausgang des 5. Jhdts. vorkommen (vgl. Athen. Mitt. XIV 313). So denkt man wahrscheinlicher an Mitte des 4. Jhdts., wo wiederholt Bauten an der Enceinte erwähnt sind (s. Reisch Eranos Vindob. 1893, 2 A. 4), als an den kononischen Mauerbau, mit dem Judeich Jahrb. f. Philol. 1890, 736 einen Zusammenhang construieren will.

[1166] Das gleich vom D. südwestlich gelegene ,zweite Thor‘ ist nicht die ἱερὰ πύλη, sondern nur eine Öffnung, durch die der Eridanosbach die Stadt verliess (Dörpfeld Athen. Mitt. XIII 214. XIV 414. XV 345).

Litteratur: Wachsmuth Stadt Athen I 189f. 254f. 260. 342. 629, 3; bes. II 217ff. B. Schmidt Thorfrage in der Topogr. Ath. 1879. Curtius Comment. Mommsen. 591f.; Stadtgesch. 201 (mit Skizze der vom D. ausziehenden Strassen); die verschiedenen Ausgrabungsberichte und Middletons Aufnahmen mit Gardners Bemerkungen.