Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Amt der Cohors, der zu ihren Sitzungen zugezogen wurde
Band I,1 (1893) S. 423 (IA)–426 (IA)
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Adsessor, griech. πάρεδρος (Liban. ep. 227. 351; or. II 104. 120 Reiske. Zos. V 30, 4. Theod. ep. 72 = Migne Gr. 83, 1241. Nov. Iust. 60, 2. 82, 1. 2 und sonst), παρεδρεύων (Lib. ep. 1443; or. III 249), συνεδρεύων (Lyd. de mag. III 11) oder συγκάθεδρος (Socr. VII 20. Macar. hom. XV 42 = Migne Gr. 34, 604). Das Amt ist zuerst um die Mitte des 1. Jhdts. n. Chr. nachweisbar (Senec. tranq. an. 3, 4. Suet. Galb. 14) und dauert mit allmählich vermehrter Macht und Würde, aber doch in allem Wesentlichen unverändert bis über Iustinian hinaus fort. Seinen Namen scheint der A. daher zu führen, [424] weil er in dem jedesmal wechselnden Personal der Consilia eine feste Stelle behauptete (s. Consilium); denn ihnen beiwohnen hiess adsidere (Tac. ann. I 75. II 57. Suet. Tib. 33). Doch war nicht jeder aus der Cohors, welcher zu ihren Sitzungen zugezogen zu werden pflegte, deshalb schon A., sondern nur je Einer dieses Titels befand sich bei dem einzelnen Beamten (Cod. Iust. I 27, 2, 21–34. Sen. a. a. O. Dig. I 22, 1. Cod. Theod. VIII 15, 5, 1. Nov. Iust. 8, 8. 17, 5, 2. 24, 6. 25, 6. 28, 3. 7. 29, 2. 30, 6, 2. 82, 1, 1; wenn Liban. ep. 1443 von παρεδρεύοντες redet, so bezieht sich der Plural wohl auf nacheinander Fungierende). Einzig bei den Praefecti praetorio findet sich eine Mehrzahl (C. Iust. I 27, 1, 21. Hist. Aug. Pesc. Nig. 7 , 4. Lib. ep. 227. Ioh. Lyd. de mag. III 11); sonst pflegte man auch bei Überbürdung nicht einen zweiten zu ernennen, sondern dem vorhandenen einen Beisitzer zu geben (Lib. or. II 104). Erst später, als die Consilia verschwanden, wird adsidere (Dig. I 22, 2. 3. 6. IV 6, 37. 38. C. Iust. I 51, 14, 1. II 7, 11. August. conf. 10, VI 10, 6 = Migne L. 32, 727 und sonst), συγκαθέζεσθαι (Kaibel Epigr. Graec. 919, 1), in consilio esse (Cod. Theod. VIII 15, 6. Hist. Aug. Pesc. Nig. 7, 4) gleichbedeutend mit „Assessor sein“. Solche kommen vor bei den Praetoren (Senec. tranq. an. 3, 4. Dig. IV 2, 9, 3), bei den Praefecti praetorio und urbis (Kaibel a. a. O. C. Iust. I 51, 11. 27, 1, 21. Apoll. Sidon. ep. I 3, 3. Lib. ep. 227. 351. Cass. Var. VI 12. Hist. Aug. Pesc. 7, 4), bei den Magistri militum und officiorum (C. Iust. I 51, 11. Zos. V 30, 4. Socr. VII 20), beim Comes largitionum Italicianarum (Aug. conf. VI 10, 16), bei den Proconsuln und Vicaren (Kaibel a. a. O.), beim Comes Orientis (Lib. or. II 104. 120), bei den Duces (C. Iust. I 27, 2, 21ff.), bei allen Provincialstatthaltern (Suet. Galb. 14. Lact. de mort. pers. 22. Dig. I 22, 3. Lib. ep. 1443 und sonst), bei den Curatores civitatum (Dig. I 22, 6), bei einem Tribunus militum, der iudex arcae ferrariae in Gallien war (Inschr. v. Thorigny bei Mommsen Ber. d. sächs. Gesellsch. 1852, 238), und fehlten wohl überhaupt keinem Beamten, der richterliche Functionen hatte. Jeder durfte seinen A. frei wählen (C. Th. I 35, 1. C. Iust. I 51, 1. Nov. Iust. 8, 8. 17, 2, 5. Zos. V 30, 4. Macar. hom. XV 42. Lib. ep. 351; vgl. Dig. L 14, 3) und beliebig wechseln (C. Th. a. a. O. Lib. or. II 120). Infolge dieser persönlichen, halb privaten Stellung, welche wohl auch der Grund ist, warum die A. in der Notitia dignitatum nicht verzeichnet sind, pflegten sie Vertrauensleute ihrer Judices zu sein (C. Th. VIII 15, 5) und bei ihnen grossen Einfluss zu besitzen. Dies zeigt das Beispiel des Cornelius Laco, der während Galbas Statthalterschaft bei ihm A. gewesen war und nach dessen Thronbesteigung sein allmächtiger Gardepraefect wurde (Suet. Galb. 14). Eine Qualification war nicht vorgeschrieben, selbst Freigelassenen konnte das Amt übertragen werden (Dig. I 22, 2); nur durfte keiner in seiner Heimatsprovinz anders als provisorisch fungieren (C. Th. I 35, 1. C. Iust. I 51, 10. Dig. I 22, 3. 6. IV 6, 37. 38. Hist. Aug. Pesc. 7, 5). Doch In der Regel [425] wählte man gelehrte Juristen (Expos. tot. mundi 25 bei Riese Geogr. lat. min. 109. Dig. I 22, 1. IV 2, 9, 3. L 13, 4. C. Iust. I 51, 1. Aug. confess. VI 10, 16. VIII 6, 13), namentlich Advocaten dazu (C. Iust. I 51, 14. II 7, 11. Nov. Iust. 60. 2, 1. 82, 1, 1. Zos. V 30, 4. Kaibel Epigr. Graec. 919, 1). Das Amt hatte sich eben in einer Zeit gebildet, in welcher die Rechtskunde aus einem Gemeingut aller politisch thätigen Männer zum Specialstudium weniger wurde, und sein Hauptzweck war, den Magistraten erforderlichen Falles juristische Belehrung zu gewähren. Dass Galerius ungebildete Statthalter ohne A. in die Provinzen schickte, galt als Beweis seiner Verachtung des Rechts und der Rechtswissenschaft (Lact. de mort. pers. 22). Der A. concipiert für den Praetor die Formeln, welche er in iure auszusprechen hat (Senec. tranq. an. 3, 4), er verfasst dem Praefectus praetorio seine Edicte (Cass. Var. VI 12), dem Richter die Entscheidungen, welche von ihm ausgehen (Dig. I 22, 1. XXII 1, 3, 3. XII 1, 40), ja er pflegt sogar sein Handzeichen darauf zu schreiben (C. Iust. I 51, 14, 2) und ist dafür verantwortlich (Dig. II 2, 2). Er richtet und unterschreibt auch selbständig im Namen des Judex, doch wurde dies im J. 320 verboten (C. Iust. I 51, 2. 13. Nov. Iust. 60, 2. 82, 2). Aber nicht nur in juristischen, sondern auch in allen andern Fragen ist er sein Berater (C. Th. I 35, 2. VI 15. Zos. V 30, 4) und besitzt das Recht, ihn an Gesetzwidrigkeiten zu hindern (Aug. conf. VI 10, 16. Dig. XL 2, 8, vgl. IV 2, 9, 3). Daher heißt er auch des Richters consiliarius (Dig. I 22, 5. C. Th. I 35, 1. C. Iust. I 51, 3. 11. 12. 14 und sonst), socius et particeps (C. Th. VIII 15, 5; vgl. III 6, 1. C. Iust. I 51, 1) oder σύμπονος (C. Iust. I 51, 13). Um dem Missbrauch dieses grossen Einflusses vorzubeugen, wurde innerhalb ihrer Provinz jede Schenkung an die A., jeder grössere Kauf und jedes Verlöbnis, welches mit ihnen geschlossen wurde, für ungültig oder für widerruflich erklärt und zum Teil mit Strafe belegt (C. Th. III 6. VIII 15, 5. 6. C. Iust. I 53). Auch mussten sie nach Niederlegung des Amtes noch mindestens 50 Tage in der Provinz bleiben, um jedem bequeme Gelegenheit zur Anklage zu gewähren (C. Iust. I 51, 3). Innerhalb der adsessura scheint sich im 4. Jhdt. ein fester cursus honorum ausgebildet zu haben, der Art, dass man aus dem Dienste eines niedrigeren Beamten immer zu einem der nächsthöheren Rangstufe überging. Wenigstens war Tatianus vor 367 zuerst A. eines Praeses, dann eines Vicars, dann eines Proconsuls, endlich zweier Praefecti praetorio (Kaibel Epigr. Graec. 919, 2. Vgl. Aug. conf. VI 10, 16. VIII 6, 13). Für ihn war nach Abschluss dieser Laufbahn die Ernennung zum Praeses noch ein Avancement, später aber wurden die A. der Viri inlustres, falls sie die Comitiva primi ordinis erhielten, was wohl meistens geschah, bei ihrem Rücktritt den Vicaren gleichgestellt (C. Th. VI 15, 1. Sid. Ap. ep. I 3, 3); auch erlangten sie Immunität von allen Steuern und Lasten (C. Iust. I 51, 11). Über ihre Besoldung vgl. Dig. I 22, 6. Cod. Iust. I 27, 1, 21. 2, [426] 21–34. 52, 1. Nov. Iust. 24 fin. 25 fin. 28, 3. 7. 29, 2. 30, 6, 2. Liban. ep. 351. Hist. Aug. Pesc. 7, 6; Alex. Sev. 46, 1. August. conf. VIII 6, 13. Bethmann-Hollweg Röm. Civilprocess II 137. III 129.

[Seeck. ]