Nochmals die Brille

Textdaten
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Autor: Johann Hermann Baas
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Titel: Nochmals die Brille
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe auch den Artikel Brillensünden
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Nochmals die Brille.
Von Dr. J. Herm. Baas (Worms).

Die Welt durch eine gefärbte Brille zu betrachten, galt von jeher als ein gelinder Vorwurf, mag er sich nun darauf bezogen haben, daß man sie zu schwarz, oder darauf, daß man sie zu farbig sehe. Begegnet man aber in unseren Tagen den so zahlreichen Trägern blauer, grauer, selbst gelber Brillen in den Straßen der Städte und selbst schon der Dörfer, so könnte man leicht zu dem Glauben verlockt werden, das alte Sprüchwort habe seine Geltung nahezu verloren und das Farbigsehen der Dinge sei wohl heutzutage gar zum Vorzug geworden.

Sicher ist es zum Theil auch ein solcher, zum anderen Theil aber erwächst den Trägern farbiger Brillen ein verstärkter Vorwurf. Diese letzteren nämlich sind nur dann ein wahres Nutzmittel, wenn sie mit sachverständiger Auswahl in Augenkrankheiten verwendet werden; sehr häufig aber werden sie vom Publicum auf eigenmächtige Selbstverordnung hin in Gebrauch gezogen in Fällen, in denen sie gar nicht nöthig, meist sogar schädlich sind. Der Laie sucht eben stets auch in Heilmitteln, die nur bei einer Auswahl oben bezeichneter Art zuträglich sind, gar zu gern ein Universalmittel, giebt der weitverbreiteten Sucht, das Besondere zu verallgemeinern, nach, und zwar auch dann, wenn strenges Individualisiren allein vom Heile sein kann.

In Bezug auf die farbigen Brillen schließt er demgemäß also: wenn heutzutage die Aerzte dieselben in Krankheiten zur Schonung, ja zur Besserung der Augen verordnen, so können sie doch wohl Gesunden nicht schaden, sondern müssen auch sie schonen, noch mehr aber werden sie das bei „etwas angegriffenen“ Augen thun; da können sie ja blos nützlich sein.

Dieser Schluß jedoch, so häufig er gemacht wird, ist hier, und auch bei anderen Mitteln, ein durchaus falscher. Es darf nämlich vor allen Dingen nicht unberücksichtigt bleiben, daß das eigentliche Sehen durch gefärbte Gläser stets erschwert wird, weil sie ja alle Gegenstände, je nach dem Grade ihrer Färbung, stärker oder schwächer verdunkeln. Beim Arbeiten und Lesen wirken sie daher fast immer schädlich. Und doch werden sie häufig gerade dabei verwendet, sogar in dem Falle, wenn die Augen in Folge von Ueberanstrengung schon schmerzen, in welchem Falle das Uebel lediglich vermehrt wird.

Nur heftige Reizzustände der Augenhäute und viele Krankheiten des inneren Auges, worüber der Laie am wenigsten entscheiden kann, erfordern im Allgemeinen den Gebrauch gefärbter Gläser in Form sogenannter Schutz- oder Muschelbrillen, wie sie ihrer Gestalt wegen genannt werden.

Dabei ist aber auch ferner noch die Unterscheidung zu treffen, ob blaue oder graue Gläser jeweilig am Platze sind, was doch begreiflich auch wieder nur bei genauer Kenntniß und Erkenntniß der Natur vorhandener Leiden möglich ist. Die Wirkung der beiden Farben ist nämlich eine ganz verschiedene: graue Gläser dämpfen das Licht im Ganzen, setzen die ganze Lichtwirkung herab, blaue dagegen bewirken dies besonders in Bezug auf einzelne Theile des Sonnenlichtes, das ja bekanntlich aus den verschiedenen farbigen Strahlengattungen, wie sie der Regenbogen zeigt, zusammengesetzt und in dieser Zusammensetzung farblos ist, und zwar vorzugsweise in Bezug auf die orangefarbenen Strahlen, die freilich das Auge am meisten „reizen“.

Ohne auf weitere Einzelnheiten einzugehen, kann man im Allgemeinen sagen, daß blaue Brillen in heftigen, rasch verlaufenden Entzündungen des äußeren wie des inneren Auges, graue dagegen in schleichend und versteckt einhergehenden Leiden, besonders des Augeninnern, am Platze sind. Gelbe Brillen dagegen nützen nur in den seltensten Fällen, weil sie unter allen Umständen die Netzhaut erregen, und sind deshalb selbst in Form von Jagdbrillen nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zulässig und unschädlich.[1]

Weiterhin sind farbige Brillen, entgegengesetzt der fast allgemeinen Meinung des Publicums, baldmöglichst bei Seite zu legen, weil bei zu langem Tragen derselben die Gefahr eintritt, daß das Auge sich des freien Lichtes, selbst bis zu hohem Grade, entwöhnt und dasselbe dann geradezu als Schädlichkeit empfindet.

Beim künstlichen Lichte gar, das ja fast unter allen Umständen schwächer ist als gewöhnliches Tageslicht (man sehe nur einmal eine Gaslaterne in den Tag hinein brennen!), wirkt das beliebte Aufsetzen farbiger Brillen (und Schirme) nahezu immer, ganz abgesehen von Fällen, wo das Auge wirklich erkrankt ist, augenanstrengend und dadurch schädlich.

Stellen wir nun die Frage: wann darf der Laie unbedenklich und wann soll er farbige Gläser auf eigene Verantwortung wählen? so müßte die Antwort lauten: eigentlich nie! Geschieht es aber doch, was ja nicht zu verhindern ist, so soll es nur geschehen in Fällen, wo das Auge längerer Ueberblendung ausgesetzt ist, sei es durch Tages- oder künstliches Licht, vor Allem bei Feuerarbeitern, die häufig genug sich schwere Netzhautleiden zuziehen, dann bei Gletscherreisen, bei Schneetouren, Fahrten auf glitzernder See, bei gewissen Opernvorstellungen mit grell wechselnden Lichteffecten u. dergl. Hier aber wähle man stets graue Brillen in so dunker Schattirung, als angängig ist, schon deshalb, weil sie die Gegenstände, Ansichten etc. in ihrer natürlichen Färbung belassen, was bei blauen nicht der Fall ist, da sie alles blauroth färben. Freilich sind die grauen Schutzbrillen etwa um ein Dritttheil des Preises theurer als die blauen; das ist zwar häufig ein Grund für die Wahl dieser letzteren, dürfte es aber doch eigentlich bei so wichtiger Sache nicht sein.

Eine andere Art von Schutzbrillen – entweder ungefärbte, aus starkem, farblosem Glase, oder aus Glimmer hergestellt – sollten vor Allem alle Eisenarbeiter, wie Schmiede, Schlosser u. dergl. tragen; denn wie häufig gehen Augen bei diesen zum Theile oder ganz zu Grunde in Folge eindringender Splitter, auffahrender Eisenstücke, Funken u. dergl.! Aber alles Reden und Rathen ist leider in der Regel nutzlos. Erst ganz vor Kurzem verlor hier ein Arbeiter das zweite Auge durch ein abgehauenes Eisenstück, nachdem er vor Jahren das erste in einer Werkstatt Sachsens auf dieselbe Weise eingebüßt hatte: arm und – blind durch Fahrlässigkeit und Leichtsinn, im neunzehnten Jahre!

Auch bei Schutzbrillen sollte man stets regelrecht auf beiden Flächen ganz gleichgeschliffene, nicht gegossene, wählen, da diese häufig in der Masse Fehler, wie Blasen u. dergl., haben und auf beiden Flächen nicht ganz eben und gleich sind, dadurch aber das Licht falsch brechen und durchlassen.

Eigentliche Seh- oder Lesebrillen (also convexe oder concave oder zylindrische Gläser, die wir später besprechen werden) in Farben zu tragen, dazu ist nicht häufig Veranlassung und deshalb die Auswahl solcher stets dem Arzte anheimzugeben. Sie sind ganz bestimmt viel seltener anwendbar, als das Publicum glaubt, das auf eigene Gefahr sie aussucht – zur Schonung der Augen, obwohl bei ihrer Verwendung fast immer das Gegentheil bewirkt wird.

Ist aus dem soeben Gesagten ersichtlich, daß das Publicum sich mit den gefärbten Gläsern bereits allzu vertraut gemacht hat, so herrscht fast noch in allen Kreisen desselben völlige Unbekanntschaft mit einer gar nicht selten verwendeten Art von Gläsern, den eben erwähnten zylindrischen. Sie sind freilich auch in letzter Zeit, erst etwa seit 30 Jahren eingeführt worden. Die Schleifung derselben geschieht, wie ihr Name schon sagt, nach der Wölbung eines Cylinders, nicht nach der Wölbungsfläche einer Kugel, wie dies bei den altgebräuchlichen convexen und concaven der Fall ist, die man deshalb auch als die sphärische bezeichnet. – Es ist aber gerade die Verwendung der zylindrischen Gläser eine der genialsten Errungenschaften der modernen Augenheilkunde!

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Fig. 1.

Zur Klarstellung ihres Gebrauchs müssen wir in Kürze vorausschicken, daß feinste Messungen der Oberflächenkrümmung der Hornhaut dargethan haben, daß selbst im regelmäßig gebauten, besten Auge die letztere von oben nach unten (a) stärker gewölbt ist (Fig. 1), als im Durchmesser von rechts nach links (b). Dieser Unterschied in der Wölbung, oder was dasselbe sagt, des Brechvermögens der beiden (Meridian-) Richtungen ist aber für gewöhnlich nicht groß genug, um Störungen [739] beim Sehen zu bewirken. Nun giebt es jedoch Augen, in denen die erwähnte Verschiedenheit eine sehr große und dadurch störende ist. Dieser Baufehler ist dann gewöhnlich angeboren, und es gelten in der Regel die damit Behafteten für einfach schwachsichtig von Geburt aus. Ihr Blick hat oft einen eigenthümlich stechenden oder unbestimmten, unruhigen Ausdruck und die Hornhaut derselben läßt bei Beobachtung des Bildes der Gegenstände, die sich auf derselben abspiegeln, z. B. eines Fensters, ein eigenthümliches Verzogensein dieses Spiegelbildes deutlich erkennen. Die Ausdauer und Sehtüchtigkeit solcher Augen ist oft eine sehr schlechte.

Setzt man jedoch das richtige, freilich oft erst nach zeitraubenden und schwierigen Proben zu findende Cylinderglas vor, so werden beide Fehler wenigstens sehr gebessert, in einzelnen Fällen sogar nahezu gänzlich aufgehoben.

Die Wirkung dieser Gläser aber ist nicht leicht zu erklären, um so weniger, als die merkwürdigsten Krümmungsunterschiede in den genannten Richtungen vorkommen; doch wollen wir dies an einem möglichst einfachen Beispiele wenigstens versuchen.

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Fig. 2.

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Fig. 2.

Wir nehmen an, die senkrechte Wölbung der Hornhaut (c d) sei regelrecht (Fig. 2), die von rechts nach links (e f) dagegen viel zu flach. Die Aufgabe ist also, diese letztere der ersteren möglichst gleich zu gestalten. Dies geschieht dadurch, daß man ein in richtigem Grade convex geschliffenes (g) Cylinderglas (Fig. 3) senkrecht vor das Auge bringt. Auf diese Weise wird die zu geringe Wölbung der Hornhaut in der Quere künstlich ersetzt, ausgeglichen und das Sehen dadurch ein regelmäßiges. Wäre dagegen die senkrechte Wölbung zu stark, die quere aber richtig, so begreift es sich, daß man ein hohlgeschliffenes Cylinderglas quer vor das Auge halten müßte, um jene zu starke Krümmung bis zu dem Maße der schwächeren horizontalen zu verkleinern etc.

Augen, welche den eben beschriebenen Baufehler zeigen, nennt man astigmatische, den Fehler selbst Astigmatismus, weil die Besitzer solcher Augen einen Punkt (Stigma) nicht als solchen kreisrund, sondern nur länglich verzogen und ausgezackt sehen.

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Fig. 4.     Fig. 5.

Eine andere Art von Brillen ist im Gegensatze zu den vorigen schon von der Schulzeit her, ihres berühmten Erfinders wegen, viel mehr gekannt, als sie benutzt wird, wir meinen die sogenannten Franklin’schen Brillen. Sie enthalten zwei, vielmehr zwei halbe Gläser (h): oben ein halbirtes hohl geschliffenes, unten ein halbes convexes Glas in einem Gestell (Fig. 4). Franklin construirte sich dieses Instrument, weil er kurzsichtig und alterssichtig zugleich war; zum Sehen in die Ferne gebrauchte er das Concavglas, zum Lesen, bei dem der Blick nach unten gerichtet ist, das Convexglas.

Aehnlich sind die Gläser mit doppelter Brennweite (i, Fig. 5); sie sind so geschliffen, daß der obere Theil ein schwächer gewölbtes und deshalb schwächer brechendes, der untere Theil ein stärkeres Convexglas darstellt. Sie dienen Fernsichtigen, die zum Lesen eines stärkeren Glases bedürfen, als zum Sehen in größere Entfernung. Beide Arten sind zwar hübsch erfunden, aber nur selten mit Vortheil praktisch anwendbar, dazu theuer; dagegen besitzt wieder die letzte hier zu erwähnende Brille, die prismatische (k, Fig. 6), diese Nachtheile nicht. Ihre Verwendbarkeit erstreckt sich auf Fälle von lähmungsartigen Zuständen einzelner das Auge bewegender Muskeln. Sie hat den Zweck, das durch den Ausfall einzelner Augenbewegungen gestörte Sehvermögen wieder herzustellen und den Strahlengang regelrecht zu machen.

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Fig. 6

Anstatt die optische Wirkung derselben näher zu erläutern, was mit wenigen Worten doch nicht geschehen kann, wollen wir den uns noch zur Verfügung stehenden kleinen Raum zur Beantwortung einiger von Laien häufig an den Arzt gerichteten praktischen Fragen benutzen.

Die erste lautet gewöhnlich: Welche Form der Gläser ist die beste, die runde oder die ovale?

Jedenfalls die runde, weil bei ihr die optische Güte durch das Einschleifen gar nicht benachtheiligt wird und der Blick nach allen Richtungen stets der Mitte des Glases nahe bleibt. Sie ist zumal bei Altersbrillen vorzuziehen, besonders seitdem die frühere unschöne Pflugradgröße derselben auf anständigeres Maß zurückgeführt worden ist. Geboten ist die runde Form aber stets bei Staarbrillen und fast immer auch bei den cylindrischen Brillen. Die Vorzüge der runden Gläser erreichen die ovalen nicht, selbst wenn sie groß sind; doch können sie im letzten Falle jenen wenigstens möglichst wenig nachstehen, weil dann die Ränder des Glases selbst im kleinen Durchmesser noch hinreichend fern von der Mitte liegen. Dagegen sind die kleinen Brillen dieser Form, wie man sie häufig sieht, gerade so verwerflich, wie die kleinen achteckigen Lorgnettengläser, welche letzteren aber mit den ersteren verglichen wenigstens den Vorzug haben, daß sie nur kurze Zeit vor dem Auge sind. Das sogenannte Monocle ist, wenn auch rund, schon als geckenhafte Spielerei verwerflich.

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Was ferner die optische Schleifung anbelangt, so sind die auf beiden Flächen gleichmäßig convex oder concav (Fig. 7 und 8) geschliffenen den sogenannten planconvexen oder planconcaven Gläsern entschieden vorzuziehen, die sogenannten periskopischen aber sind die besten, weil der Strahlengang durch dieselben selbst an ihren Randtheilen gar nicht ungünstig beeinflußt wird, was bei den anderen beiden Sorten immer der Fall ist. Jene wirken an ihren Rändern stets auch noch wie schwache Prismen lichtbrechend.

Eine andere sehr wichtige Frage ist die nach der Fassung und dem Gestell der Brille.

Am häufigsten sind die Gläser in eine an der inneren Seite der Fassung befindliche Rinne gebettet. Dadurch werden die Ränder bei schwächeren Nummern, welche ja die häufigst getragenen sind, vollständig gedeckt, sodaß falsche Strahlenbrechungen von dem Einschleifrande her nicht stattfinden können. Bei stärkeren Nummern dagegen, oder, was in der Regel dasselbe sagt, bei dickeren Brillengläsern sind die reifartig gestalteten breiteren Fassungen vorzuziehen, weil nur durch solche die Glasränder in diesen Fällen ganz vom seitlichen Lichte abgeschlossen sind. Ganz verwerflich aber sind die den Glasrand überall freilassenden nicht gefaßten Brillengläser, wenn sie auch vielleicht eleganten Eindruck machen; ganz abgesehen von dem großen Fehler, daß bei ihnen von den Rändern her alle Arten störender Lichtreflexe das Auge treffen, können sie auch bei zufälligem Anstoßen und dergleichen dadurch gefährlich werden, daß dann Glassplitter leicht in das Auge dringen, was bei den durch eine Fassung geschützten Brillengläsern nicht oder doch viel weniger zu befürchten ist; zudem werden die nur in zwei kleinen Oeffnungen des Glases befestigten Gestelltheile sehr leicht wackelig, was begreiflicher Weise ein weiterer großer Nachtheil ist.

Die Construction des Nasensteges ist insofern von Wichtigkeit, als durch denselben das feste Sitzen der Brille wesentlich mitbestimmt wird. Die Auswahl unter den vorhandenen Formen sollte deshalb eine viel sorgfältigere sein, als dies gewöhnlich der Fall ist, das heißt, es sollte die dem Nasenrücken des Trägers ganz entsprechende jedesmal mit Sorgfalt ausgesucht werden. Weniger in’s Gewicht fällt dies nur bei dem sogenannten neutralen Nasenstege, der seinen Namen daher hat, daß er auf beiden Seiten gleichartig eingebogen ist, damit die Brille auch bei Umkehrung derselben gut sitzt und auf diese Weise bald das eine, bald das andere Glas bequem vor das Auge gebracht werden kann. Diese Möglichkeit ist bei Staaroperirten von großer Wichtigkeit, weil dieselben zwei meist sehr verschieden starke Convexgläser in einem Gestell für das eine operirte Auge nöthig haben, wovon sie das schwächere zum Sehen in die Ferne, das stärkere zum Lesen etc. [740] verwenden müssen; nur bei neutralem Stege aber können sie den dabei gebotenen Wechsel der Gläser auf die rascheste Weise bewirken.

Auch die Gestalt der seitlichen Federn ist von Bedeutung. Deren giebt es drei Hauptarten: die Reit-, die Charnier- und die gerade Feder. Die beiden ersten Sorten umfassen das Ohr, jene halbkreisförmig, diese im Winkel, die letztgenannte dagegen geht gerade nach hinten und hält nur durch Druck gegen die Schläfen fest. Die Reitfeder ist im Allgemeinen für Männer vorzuziehen, besonders die neuerdings aus zwei spiralig um sich selbst gewundenen Drähten hergestellte, weil gerade diese nicht leicht einschneidet, wie das bei der aus einem Draht gearbeiteten der Fall ist; auch ist sie weniger zerbrechlich. Doch genügt auch die Charnierfeder dem Zwecke guten Festhaltens, wenn sie nur nicht zu lang ist. Die geraden Federn, wenn sie so stark sind, daß sie sich nicht verbiegen, sind besonders für Frauen vorzuziehen, weil sie sich nicht in den Haaren festsetzen und beim Abnehmen nicht jedesmal einzelne ausreißen. – Das Material des ganzen Gestelles anlangend, so mögen weniger Bemittelte ein gut gehärtetes Stahlgestell wählen, Bemittelte aber Goldgestelle, weil diese dauerhafter und in der Regel auch besser gearbeitet sind, als die geringeren Sorten. Das gilt auch für die Nasenzwicker, die, wie wir noch erwähnen wollen, bei jugendlichen Kurzsichtigen am zweckmäßigsten sind – weil sie zu unbequem sitzen, als daß sie anhaltend getragen würden, was gerade bei solchen verhütet werden muß.

Zum Schluß unserer Auseinandersetzungen über die Brillen in der „Gartenlaube“ sei uns noch die Bemerkung gestattet, daß Deutschland in Rathenow einen Weltplatz der Brillen-Industrie besitzt, dessen Fabrikate selbst in ausländischen Geschäften, leider auch unter fremder Geschäftsetiquette, sehr viel verkauft werden.



  1. Auch das Sehen durch rothe und grüne Gläser, wie dies seit einigen Jahren von Reisenden, zumal in der Schweiz, öfters zur „Verschönerung“ gewisser Aus- und Fernsichten angewendet wird, ist nicht ohne jedes Bedenken, da beide Farben die Augen gleichfalls reizen und angreifen.