Textdaten
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Autor: Johann Hermann Baas
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Titel: Brillensünden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 320, 322–324
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe auch den Artikel Nochmals die Brille
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[320]

Brillensünden.

Von Dr. J. Hermann Baas (Worms).

Der Nichtarzt glaubt gewiß, die Lehre vom Sehen sei schon seit langer Zeit nach allen Seiten hin völlig aufgeklärt. Forderte doch, so denkt er, kein anderer Theil unseres Körpers gleich gebieterisch den Such- und Scharfsinn der ärztlichen Forscher und Denker geradezu stündlich heraus, wie das wunderbare Sinneswerkzeug, mit Hülfe dessen sich uns die Welt erschließt und dessen Verlust ein so unsagbar trauriger ist. Darin hat er nun Recht: am Forschen nach den Gesetzen, welche das Auge und das Sehen regieren, hat es von jeher nicht gefehlt; ganz besonders eifrig wurden sie aber gesucht, nachdem der große Astronom Kepler und der Naturforscher Pater Scheiner, also zwei Deutsche, im siebenzehnten Jahrhundert die glänzenden Ecksteine des Baues geliefert hatten. Unter Dach und Fach ist die Lehre jedoch erst nach langer Frist gebracht worden. Die menschliche Erkenntniß wächst eben leider auf allen Gebieten gar langsam in die Höhe! Ganz besonders gilt aber dieser Satz für die medicinischen Wissenschaften, in denen die volle Begründung einer Wahrheit und die vollkommenste Durchführung der darauf fußenden Hülfe oft genug Jahrhunderte in Auspruch nahm.

So ist es denn auch gekommen, daß erst seit etwas mehr als zwei Jahrzehnten unsere Kenntnisse von den naturgesetzlichen Bedingungen der Gesichtswahrnehmungen zum Abschlusse gelangt sind. Nach Aneignung dieser aber war wiederum erst die Lehre von der Wirkung und richtigen Anwendung der Brillen, die bis dahin immer nur roh routinenmäßig ausgesucht werden mußten – und sagen wir es sogleich, leider vom Publicum auch jetzt noch in Fortsetzung dieser früheren Gewohnheit mit überwiegender Häufigkeit nicht anders ausgewählt werden – einzig und allein möglich. Die heutige Brillenlehre ist also noch sehr jung.

Zum Ausbaue dieses Wissenschaftszweiges – denn um eine Wissenschaft handelt es sich – haben die deutschen Aerzte Stellwag von Carion in Wien, Helmholtz in Berlin und der niederländische Forscher Donders die Schlußsätze geliefert. Bevor wir aber diese darstellen wollen, bitten wir den Leser, sich die kleine Mühe nicht verdrießen zu lassen, uns aufmerksam zu folgen; der Gewinn an Einsicht wird ihm Entschädigung dafür sein; mathematische und physikalische Formeln werden wir übrigens Niemandem zumuthen. – Jene Schlußsätze lauten etwa folgendermaßen:

Selbst im ganz gesunden Auge müssen zwei Hauptbedingungen erfüllt sein, wenn alles gut und recht, das heißt wenn genaues und scharfes Sehen, sowohl in die Nähe wie in die Ferne, möglich sein soll.

Fig. 1.

Mittleres Auge von richtigem Bau.

Erstens: das Auge muß richtig gebildet und gebaut sein; denn nur dann können die Lichtstrahlen oder, was dasselbe sagt, die Abbilder der äußeren Gegenstände so in’s Augeninnere gelangen und hier so gelenkt und geleitet werden, daß genau auf der empfindenden Netzhaut eine deutliche Photographie entstehen und dem Bewußtsein von dieser zugeführt werden kann: das Bild des Punktes a (Fig. 1) muß bei b auf den gelben Fleck treffen.[1] Augen, bei denen dies der Fall ist, nennt man im täglichen Leben gute Augen, und die Besitzer derselben rühmen sich ihres vollkommen guten Gesichts, das keiner Brillenhülfe bedarf. Solche Augen haben, von vorn nach hinten gemessen, eine mittlere Länge, sind weder zu kurz, noch zu lang. „Beim Sehen hat also auch der Zollstab eine Bedeutung?“ Gewiß hat er diese! denn nur beim Gesehenwerden ist unter Umständen das nicht zahlgemäße poetische Himmelblau sowie der aus der Nacht dunkler Lockenfülle hervorstrahlende Glanz der Augensterne maßgebend, selbst das Grüngelb derselben, wenn freilich auch in ungünstigerem Sinne, aber beim Sehen gilt blos Maß und Zahl.

Fig. 2.

Kurzsichtiges, zu langes Auge
(bei c ausgebuchtet).

In einer anderen Reihe von Augen ist der Durchmesser von der Hornhaut bis zum Augengrunde zu groß, wobei auch die Linse gewöhnlich zu stark gewölbt ist und somit ein zu starkes Brechvermögen hat. Es können und müssen dann (vergl. Fig. 2.) die Bilder nicht gerade auf, sondern schon vor der Netzhaut (bei b) entstehen. Diese letztere erhält deshalb nur eine Art Schattenbild mit undeutlichen Umrissen (bei c), liefert eine verschwommene Photographie. Wenigstens dann, wenn die Gegenstände einigermaßen entfernt sind, werden sie nicht scharf gesehen. In der Nähe dagegen sehen solche Augen gut und ausdauernd. [322] Diese zu lang gebauten Augen nennt man aber nicht etwa langsichtige, sondern, wie bekannt, kurzsichtige, weil sie nur auf kurze Entfernungen gut sehen. Der lange Bau des Auges ist nun entweder angeboren, oder er wird erst in den frühen Lebensjahren erworben, besonders durch tägliches und anhaltendes Sehen auf nahe Gegenstände, wodurch im Laufe der Zeit die hintere Augenwand (bei c) sich ausbuchtet. Darnach unterscheidet man zwischen angeborener Kurzsichtigkeit, die verhältnißmäßig selten ist, und erworbener, welche dafür um so häufiger vorkommt. Und dies ist neuerdings schon nicht mehr blos bei Nahe-Arbeitern – Studirenden, Kupferstechern, Uhrmachern etc. – der Fall, sondern sogar unter der ländlichen Jugend, bei der man früher wenig oder gar nichts davon wahrnahm.

Ferner giebt es Augen, die zu kurz sind.

Fig. 3

Fernsichtiges, zu kurzes Auge

Spricht man gerade diesen Satz aus, so folgt in der Regel sofort die verwunderte Frage: „Die zu kurz sind? Das soll wohl so viel heißen, wie: die zu klein sind?“ Nein! das soll es nun gerade nicht bedeuten! Denn ob ein Auge groß oder klein erscheint, das hängt in fast allen Fällen nicht von der Länge, ja nicht einmal von der Größe des Augapfels, sondern von der Weite oder Länge der Lidspalte ab: Augen mit langen Lidspalten nennt man große, solche mit kurzen kleine.

Es giebt aber gar nicht wenige Augen, die in der That zu kurz sind. Freilich, von außen her sieht man dies nicht und kann ihnen das nicht ansehen. Erst wenn der Durchmesser derselben, nachdem man sie aus den Augenhöhlen herausgenommen hat, mit dem Cirkel von vorn nach hinten gemessen wird, stellt sich heraus, daß ihre Achse, mit dem mittleren Auge verglichen, zu kurz ist (vergl. die Fig. 1 und Fig. 3).

Dieser Baufehler ist stets angeboren, wird nicht erworben. Auch ist die Linse solcher Augen (Fig. 3) meist nur flach gewölbt und bricht deshalb die Strahlen nur so schwach, daß sie sich erst hinter dem Auge (Fig. 3 bei b) zum Bilde der Außendinge vereinigen. Dadurch kommt, wie bei Kurzsichtigen (aber aus dem entgegengesetzten Grunde), auch bei solchen Fernsichtigen – so nennt man die Kurzäugigen in Anbetracht ihres Sehvermögens, welches nur deutliches Sehen in die Ferne zuläßt – ein verschwommenes Bild (Fig. 3 bei c) auf dem Hintergrunde des Auges zu Stande.

Bei den bisherigen Auseinandersetzungen handelte es sich um Dinge, die im Grunde auch an richtig nachgebildeten Glasaugen dieselben bleiben würden, da der Gang der Lichtstrahlen und die Entstehung der Abbilder äußerer Gegenstände auch in einem solchen gezeigt werden können. Anders verhält es sich dagegen mit der zweiten Hauptbedingung richtigen Sehens, bei der lediglich eine lebendige Kraft in Betracht kommt.

Fig. 5

2, Dickere Linse, die stärker bricht.
1, Dünnere oder flachere Linse, die schwächer bricht.

Bevor der Photograph die Silberplatte dem Lichte aussetzt, betrachtet er bekanntlich zuerst die an der hinteren Wand seines Apparates (Camera obscura) angebrachte matte Glasplatte, auf der sich das Bild des zu Photographirenden scharf abzeichnen muß, soll dasselbe in Wirklichkeit gut werden. Fast immer muß er aber, um dies zu erreichen, weil die optischen Gläser, welche dem Aufzunehmenden zugewandt sind, nur ausnahmsweise richtig stehen, durch Hin- und Herschrauben sie erst genau einstellen: er paßt seinen Apparat dabei der jedesmaligen Stellung der Person an, bis jenes scharfe Bild sich gerade auf der Platte zeigt. Ganz ebenso muß auch unser Auge bei jedem neuen Gegenstande sich einstellen. Wir haben zu diesem Zwecke innerhalb desselben aber einen viel vollkommeneren Einstellungsmechanismus, als jene Schrauben es sind, durch den die Gestalt der Krystalllinse geändert werden kann.

Diese ist ja weich, zusammendrückbar: wird sie durch einen im Auge vorhandenen, sie umfassenden ringförmigen Muskel zusammengedrückt, so wird sie stärker gewölbt und damit stärker brechend (Fig. 5, 2) im Vergleich zu dem Zustande, in dem sie bei Unthätigkeit jenes Muskels sich befand (Fig. 5, 1). Dies deutlicher zu machen diene folgende Betrachtung.

Fig. 4

1) Flache Gestalt der Linse vor
dem Druck der Finger; sie ist
2) stärker gewölbt nach dem
Druck der Finger.
a Kautschuklinse. b Zeigefinger.
     c Daumen. d Mittelhand.

Man umfasse mit Daumen und Zeigefinger den Rand einer linsenförmig gebildeten Kautschukplatte der Art, wie dies in Fig. 4 abgebildet ist. Drückt man mit den Fingern diese Platte zusammen, so wird sie dicker (Fig. 4, 2), läßt man mit dem Druck nach, so wird sie dünner (Fig. 4, 1). Ganz dasselbe bewirkt jener sogenannte Anpassungsmuskel des Auges an der weichen, durchsichtigen Augenlinse.

Die Linse unseres Auges wird nämlich vom Rande her zusammengedrückt oder, was dasselbe sagt, dicker und stärker brechend, wenn wir nahe Gegenstände betrachten; der Druck läßt nach, und die Linse wird flach, schwächer brechend, wenn wir entferntere Dinge sehen wollen. Dies geschieht ganz unwillkürlich.

Diese Fähigkeit des Auges, die Brechkraft unserer Linse der jedesmaligen Entfernung der Gegenstände anzupassen, damit sie immer scharf von uns gesehen werden, nennt man Accommodation des Auges, zu deutsch, was freilich nicht so gelehrt kingt, Anpassungsfähigkeit oder Anpassungskraft des Auges.

Vollständig gute und rasche Wirksamkeit dieser ist, neben richtigem Augenbau, die erwähnte zweite Hauptbedingung scharfen Sehens.

Mit dem zunehmenden Alter wird nun, wie dies bekanntlich auch bei allen übrigen Körpermuskeln der Fall ist, der Anpassungsmuskel des Auges stufenweise schwächer. Er kann deshalb mit der Zeit die unterdessen auch starrer gewordene Linse nicht mehr so zusammendrücken, wie es nöthig ist, um nahe Gegenstände zu sehen. In Folge solcher Altersschwäche des Accommodationsmuskels, die sich etwa um das vierzigste bis fünfundvierzigste Jahr selbst bei sonst ganz gesunden Augen störend geltend macht, sehen bekanntlich ältere Personen, die nicht kurzsichtig sind, nahe Gegenstände nicht mehr scharf. Diesen aus der nachlassenden Kraft des Auges entstehenden Gesichtsfehler nennt man aber Weit- oder Alterssichtigkeit. Sie ist die verbreitetste und schon im Mittelalter und zwar zuerst mittelst Brillen bekämpfte Augenschwäche.

Fig. 6

Convexglas oder Sammellinse

Jedermann weiß, daß man diesen Ausfall von Augenkraft im Alter durch eine Vergrößerungs- oder Convexbrille (Fig. 6) ersetzen kann; ist ein für die Altersstufe des Betroffenen richtiges Glas bestimmt, so kann derselbe wieder in der Nähe sowohl bei künstlichem Lichte, was ohne dasselbe fast unmöglich war, wie bei natürlichem Tageslicht ohne Beschwerden und Schaden lesen und ausdauernd arbeiten.

So kann es sein, aber so ist es nicht immer! Werden doch gerade bei Alterssichtigkeit die häufigsten und unglaublichsten Fehler, wahrhaftige Brillensünden begangen! Dies sowohl in der Art, daß zu spät zur Brille gegriffen wird, oder daß zu schwache oder zu starke wie auch daß zu schlechte Brillen getragen werden. Die letztgenannte ist die alltäglichste dieser Sünden.

Brillen werden zu spät benutzt! Bei Männern geschieht dies entweder aus Bequemlichkeit oder aus Leichtsinn, bei Frauen meist in Folge der Sucht, jung zu scheinen, dann bei beiden [323] wegen des noch allgemein verbreiteten Aberglaubens, daß Brillentragen die Augen verderbe oder vielmehr schwäche, indem man fälschlich annimmt, Jedermann sei, sobald er einmal die erste Brille zu benutzen angefangen habe, dadurch zur Anschaffung immer stärkerer gezwungen. Das ist nun freilich richtig, aber daran ist das Brillentragen als solches bei Weitsichtigkeit nicht schuld, sondern die mit jedem neuen Lebensjahre ganz naturgemäß zunehmende Schwäche des Anpassungsmuskels. In Wirklichkeit ist es sogar fehlerhaft und schlimm, wenn möglichst lange mit Benutzung der ersten Brille gezögert wird, weil dann sofort eine starke gewählt werden muß, an die man sich viel schwerer gewöhnt, als an eine schwache, an deren Stelle man nach Maßgabe der zunehmenden Jahre eine etwas stärkere setzt, sobald die vorher benutzte nicht mehr ausreicht. Wer z. B. im 45. Jahr Nr. 70 in Gebrauch nimmt und im 48. zu Nr. 50, dann im 50. zu Nr. 40 steigt, ist entschieden in einer vortheilhafteren Lage, als derjenige, welcher sich unter Beschwerden aller Art, die ihm das Lesen verursachte, wie Augenweh, Kopfweh etc., so lange hinschleppte, bis er im 50. gar nicht mehr lesen konnte und nun sofort mit Nr. 40 beginnen mußte. Jener Erste schonte seine Augen durch seine Verfahrungsweise mehr, als der, welcher hartnäckig bis zum 50. Jahre wartete, und blieb frei von Beschwerden; jener beugte den Beschwerden klugerweise vor, dieser ließ sich später erst zu seinem Schaden durch sie zum Brillentragen zwingen.

Daß oft zu schwache Altersbrillen getragen werden, hängt gleichfalls mit dem soeben genannten Vorurtheil zusammen: man meint, allenfalls zu schwache Brillen könnten nicht schaden, wohl aber starke stets. Das ist jedoch ganz falsch! Gerade zu schwache Brillen schaden immer, weil sie die ausgefallene Anpassungskraft nicht ganz ersetzen und dadurch das an sich schon altersschwache Auge noch zu solchen Anstrengungen veranlassen, die es gar nicht mehr leisten kann. Daraus erwächst dann Augenweh durch Ueberanstrengung, ja selbst entzündliche Augenreizung mit Thränenfluß etc., die eine stärkere, aber dem Alter angemessene Brille nie verursacht haben würde. Seltener werden zu starke Brillen ausgesucht; doch kommt auch das vor. Auch sie sind schädlich und machen ähnliche Beschwerden, wie zu schwache.

Gewöhnlich liegt die Ursache der Auswahl zu starker Gläser darin, daß sie bei schlechter Beleuchtung probirt wurden, andermal darin, daß sie während der kurzen Zeit des Probirens ganz feine Gegenstände (Nadelöhre u. dergl. m.) schärfer sehen ließen, als schwächere; das hält aber dann für die Dauer nicht an und die Brille macht wahrhafte Augenqualen. Trotzdem werden auch sie oft lange beibehalten, weil man sich nicht entschließt, eine bezahlte falsche Brille durch eine richtige zu ersetzen, die eine kleine neue Ausgabe nöthig machen würde. Wird doch dem edelsten Sinne gegenüber auf unglaubliche Weise gespart, wie aus den folgenden Darlegungen noch mehrfach ersichtlich sein wird, voran aber aus Fällen, wie derjenige ist, den wir nach dem Leben jetzt erzählen wollen, der natürlich auch auf manches Väterchen und andere Leute paßt.

In die Sprechstunde des Augenarztes kommt ein Mütterchen, „das gern liest“ und sofort eine Brille auskramt, die auf den ersten Blick als ein wahres Muster sich darstellt, wie eine solche nicht sein soll. Daran schließt sich ohne Pause die sozusagen typische Geschichte dieses sogenannten optischen Instrumentes. Vor etwa zehn Jahren hatten – so lautet sie – die Augen der Alten schon eine bedenkliche Schwäche gezeigt; doch griff sie natürlich nicht sogleich zur Brille, sondern berieth erst mehrere Jahre hindurch mit allerlei Bekanntinnen, wo man nur eine gute Brille kaufen könne? Die Meinungen waren aber darüber sehr getheilt: der Einkaufsstellen gab es ja sehr viele. Schließlich ging sie zu einem Spielwaarenhändler, erklärte ihm jedoch von vornherein, es komme ihr gar nicht auf’s Geld, sondern nur auf den Besitz einer guten Brille an. Man legte ihr dann eine ganze Sammlung vor, aus der die eine Sorte 40 Pfennig das Stück, die andere 50 Pfennig, eine dritte gar 1 Mark kosten sollte; das seien die besten, aussuchen müsse sie selbst die richtige Nummer. Zu diesem Zwecke legte man ihr ein Zeitungsblatt hin, womit sie ihre Proben anstellen solle. Dies geschah denn auch gewissenhaft mit allen Sorten, und es fand sich zuletzt wirklich unter den 50-Pfennig-Brillen zufällig eine, die merkwürdig gut paßte. Diese ward gekauft. Aber die Freude darüber hielt nicht lange an; denn gar bald that sie den Augen recht sehr wehe, und damit lesen konnte die Frau fast nicht mehr. Als sich das durch fortgesetzten Gebrauch nicht ändern wollte, ging die Alte zum Augenarzt. Die „anfangs so gute Brille“ ist nunmehr ganz verbogen, die Gläser stehen im Winkel zu einander, die Arme sind gewunden, wie wenn sie vom Blitze getroffen worden wären, und stehen weit aus einander, sodaß sie nur mit Hülfe eines Bandes noch hinter dem Ohre halten. Und erst die Gläser! Die Farbe derselben schillert zwischen Glas- und Meergrün, sie sind mit Putzstriemen bedeckt und ganz beschmutzt; außerdem ist das Glas voller kleiner Luftblasen im Inneren und von beiderseits gleichgewölbten Flächen kann keine Rede sein. Das war so eine Brille mit gegossenen Gläsern, wie sie tausendfach benutzt werden: billig sind sie und schlecht in des Wortes tiefster Bedeutung.

„Diese Brille war niemals auch nur halbwegs brauchbar!“ so lautet der Spruch des Arztes.

„Was soll ich thun?“ die Frage der Alten.

„Ich will Ihnen eine richtige bestimmen und aufschreiben; doch kann dieselbe 3 bis 4 Mark kosten!“

Da sollte man nun das entsetzte Emporschnellen des Frauchens gesehen haben.

„Gott soll mich behüten! – Was bin ich Ihnen schuldig, Herr Doctor?“

In gute Laune versetzt ob dieses drastischen Schlusses der Konsultation anwortet dieser mit:

„Nichts!“

„Dann bedanke ich mich schön für den freundschaftlichen Rath!“

Und das Mütterchen ging und – kaufte sich ganz gewiss jetzt eine neue Brille – für 40 Pfennig, damit der Verlust, wenn auch diese etwa nicht gut ausfallen sollte, nicht so groß sei. Und die Augen wurden weiter verdorben!

Billig und schlecht! ein solcher Brillenkauf schließt die häufigste Brillensünde ein, welche von Alterssichtigen begangen wird. Zum Augenarzte geht heute noch nicht ein Procent derselben: wer auch darf sich denn diesen Luxus einer Altersbrille, und das heißt doch nichts anderes, als seiner Augen wegen erlauben?! Davon wollen wir aber hier gar nicht reden.

Ein weiterer Fehler, der nicht selten beim Gebrauch von Altersbrillen begangen wird, ist der, daß für kleine und größere Entfernungen beim Arbeiten ein und dieselbe Brille benutzt wird, während für nahe Gegenstände doch eine stärkere und für entferntere eine schwächere nöthig ist. So ist z. B. eine Brille, welche zum Lesen in einem Buche ganz passend ist, unbrauchbar, sobald etwa ein Kaufmann sie zum Ueberschreiben aus einem entfernter liegenden Tagebuch in’s näher liegende Hauptbuch benutzen will. Für diese letztere Arbeit muß er eine besondere, schwächere Brille haben, als zum Lesen. Ebenso ist es bei vielen anderen Beschäftigungen, bei denen abwechselnd feinere und gröbere Gegenstände scharf gesehen werden sollen. Für solche Fälle müssen eben verschiedene Gläser ausgewählt und in Gebrauch gezogen werden – wer aber will sich gar noch zwei Brillen anschaffen? Andere minder bedenkliche Versündigungen beim Gebrauche von Altersbrillen müssen wir unerörtert lassen.

Fig. 7

Wirkung des Convexglases bei Fernsichtigen. Während ohne die Sammellinse L das Bild bei b entstehen würde, wird es durch diese stärker gebrochen, damit auf die Nezthaut bei b’ verlegt und hierdurch scharf gesehen.

Aber auch Fernsichtige, die gleichfalls Convexgläser nöthig haben, fehlen häufig genug gegen ihr Sehorgan. Warum dieselben Vergrößerungsbrillen benutzen müssen und wie solche bei ihnen wirken, zeigt Fig. 7 ganz deutlich.

Die Fernsichtigkeit ist, wenn auch nur selten Brillen gegen dieselbe angewendet werden, häufiger, als es den Anschein hat. Vor allem ist sie bei nach innen schielenden Kindern fast ausnahmslos vorhanden und sogar die Ursache des Schielens, welches deshalb auch durch richtigen Brillengebrauch häufig wieder beseitigt werden kann. Leider ist das den wenigsten Eltern bekannt, folglich auch nicht, daß bei beginnendem Schulbesuch gerade erhöhte Gefahr eintritt, daß es, wenn nicht jetzt zur Brille gegriffen wird, zum bleibenden Schielen kommt, wobei das abgelenkte Auge fast immer schwachsichtig wird: selbst eine Schieloperation kann dann gewöhnlich nur noch die Entstellung beseitigen, nicht aber das geschwächte Sehvermögen.

Kein Augenfehler tritt unter so verschiedenen Erscheinungen auf, wie die Fernsichtigkeit; sie ist ein wahrer Proteus. Selbst das Bild angeborner höchster Kurzsichtigkeit täuscht sie nicht selten vor. Bei stärksten Graden nämlich sehen die damit Behafteten in die Ferne so wenig, wie sehr stark Kurzsichtige; aber auch in die Nähe sehen sie nicht, was doch bei letzteren der Fall ist, besonders können sie nicht, wie diese, sehr feine Schrift lesen. Und gerade das erregt beim Kundigen den Verdacht auf versteckte [324] Fernsichtigkeit. Giebt man nun solchen „Schwachsichtigen“ eine starke Convexbrille, so giebt man ihnen in Wahrheit erst ihr Gesicht! Während die Angehörigen in der Regel nur auf Veranlassung der Lehrer solche Kinder untersuchen lassen, ihnen also bis dahin sozusagen die volle Freude am Dasein entzogen hatten, ist die Ueberraschung derselben über die Wirkung der Gläser in der Regel eine sehr große und freudige: dachten sie doch seither an nichts anderes, als an das Gespenst des schwarzen Staars. Aber auch ähnlich wie erworbene Kurzsichtigkeit kann sich Fernsichtigkeit darstellen, dann nämlich, wenn bei letzterer durch anhaltendes Sehen auf feine Gegenstände, durch vieles Lesen u. dergl. der Anpassungsmuskel in anhaltende krampfhafte Zusammenziehung gerathen ist. Dadurch wird die Linse fortwährend stark zusammengedrückt (vergl. Fig. 4, 2) und das bisher gut in die Ferne sehende Auge meist plötzlich kurzsichtig. Lähmt man aber durch Einträufelung von Atropin den Accommodationsmuskel vollständig, so zeigt sich sofort, daß nur Convexgläser das Sehen verbessern, daß also Fernsichtigkeit unter dem Bilde rasch erworbener Kurzsichtigkeit sich verbarg.

Welche Qualen aber nicht erkannte Fernsichtigkeit manchmal bereitet, mag folgende von Donders erzählte Krankengeschichte erläutern. Sie lautet:

Der hochwürdige Herr G. D., 52 Jahre alt, sieht trübselig aus.

„Bester Herr Professor,“ sagt er, „ich komme zu Ihnen, denn ich fühle, daß ich blind werde!“

Seit 20 Jahren glaubt er beständig binnen Jahresfrist erblinden zu müssen; und sonderbar, obwohl er noch immer sieht, betrachtet er doch jedes Jahr als das letzte. So ist der Mensch! Sein Leben war ein ewiger Kampf mit seinen Augen! Schon als Kind konnte er nur mit Schwierigkeit lesen, als Studenten ermüdete ihn die geringste Anstrengung, und er war gezwungen mehr durch Hören als durch eigenes Lesen zu lernen. – Als Prediger mußte er seine Predigten in großen Schriftzügen niederschreiben und sie dann dennoch auswendig lernen. Und was das Aergste war, er konnte weder lesen noch arbeiten, ohne daß sich ihm der Gedanke aufdrängte, daß er dadurch seine endliche Erblindung beschleunige, ein Gedanke, welcher jede Sammlung des Geistes für einen bestimmten Gegenstand unmöglich machte. Dieselbe Furcht vor Erblindung hielt ihn ab, ein eheliches Bündniß zu knüpfen … endlich in seinem vierzigsten Lebensjahre bekam er Convexgläser Nr. 40 und jetzt trug er Nr. 20.

„Sehen Sie mit diesen Brillen in die Ferne?“ war meine erste Frage.

„Etwas besser,“ antwortete er, „aber immer noch sehr unvollkommen.“

Ich versuchte Nr. 10.

„O viel besser,“ lautete sein Urtheil; nun gebe ich Nr. 8 „Noch besser!“ Mit einem Worte, er hatte Fernsichtigkeit, die Nr. 7 bedurfte. Er erhielt diese Nummer, um sie für gewöhnlich zu tragen. Der Mann war dankbar, wie ein Kind, und verließ mich, wie Einer, der vom Verderben gerettet war … Solche Opfer (des Nicht- oder falschen Gebrauchs von Brillen bei Fernsichtigkeit) sind kein seltenes Vorkommen.

Während bei Alters- und Fernsichtigen, wie wir soeben gesehen haben, convexe Brillen nöthig sind, müssen Kurzsichtige, um ihren Augenfehler zu verbessern, umgekehrt, hohlgeschliffene oder Concavgläser (Fig. 8) in Gebrauch nehmen. Die Wirkung derselben zu veranschaulichen dient Fig. 9 (und Fig. 2).

Fig. 8

Concavglas oder zerstreuende Linse.

Fig. 9

Wirkung des Concavglases bei Kurzsichtigen. Während ohne die Hohl-, d. h. Zerstreuungslinse, das Bild bei b entsteht, wird es durch diese auf die Netzhaut bei b’ verlegt und jetzt erst scharf gesehen.

Beim Gebrauche solcher Brillen wird aber außerordentlich häufig gesündigt, hauptsächlich darin, daß sie unnöthiger Weise oder zu früh, daß oft zu starke Gläser gewählt und daß diese selbst beim Lesen benutzt werden, während das letztere doch nur in Ausnahmefällen zulässig ist.

Ganz unnöthig sind Brillen bei sehr schwacher Kurzsichtigkeit. Und doch findet man nicht selten, daß die Nummern 70, 50 oder 40 getragen werden. Abgesehen davon, daß in diesen Fällen noch recht gut ohne Hülfsmittel in die Ferne gesehen wird, benehmen sich solche Brillenträger auch die Möglichkeit, durch Uebung im Sehen in die Ferne ihren geringen Grad von Kurzsichtigkeit allmählich wieder ganz oder doch zum größten Theil zu beseitigen. Doch noch häufiger und gröber ist der Fehler, daß zu starke Gläser getragen werden, wodurch das Uebel, gegen das sie wirken, unfehlbar gesteigert wird. Zu schwache Brillen schaden Kurzsichtigen nur ganz ausnahmsweise, ja sie nützen selbst; zu starke aber sind immer schädlich. Es ist daher Regel, namentlich jungen Leuten, aber auch bei starker Kurzsichtigkeit älteren, im Allgemeinen die schwächste Nummer zu geben, mit der gerade noch das unumgänglich Nöthige gesehen wird. Es herrscht jedoch, zumal bei der Jugend in höheren Schulen, die Sucht, recht starke Gläser zu tragen, womit einer ganz verwerflichen Eitelkeit gefröhnt wird. Wir sind überzeugt, daß oft genug in Folge dieses Mißbrauchs die hohen Grade von Kurzsichtigkeit, die man bei Schülern findet, zuwege kommen, zumal solche Brillen in der Regel auch noch zum Lesen (und nicht blos zum Sehen in die Ferne, was hier ebenso wenig zulässig wäre) benutzt werden. Dadurch wird hauptsächlich jener starre, gläserne, leere Blick erzeugt, den man nach Beseitigung der Brille findet. Gerade dieser sollte Eltern auf den Mißbrauch aufmerksam machen!

Um aber nicht allzu weit in’s Einzelne zu gerathen, wollen wir noch kurz erwähnen, wie eine gute Brille, ganz abgesehen von richtig ausgewähter Nummer, beschaffen sein und im Stande gehalten werden muß.

Vor Allem müssen die Gläser die richtige seitliche Entfernung von einander haben, und diese muß durch Messung für jeden Fall festgestellt werden, damit die Mitte der Gläser – es gilt dies wenigstens für die meisten Fälle – vor die Mitte des Auges kommt. Das Gestell muß feststehen, darf nicht verbogen und wackelig sein und muß die Gläser so umfassen, daß von den Rändern dieser her keine störenden Reflexe das Auge treffen. Das Glas aber muß ganz farblos und natürlich frei von Blasen und Schrammen sein, damit das Licht richtig gebrochen wird. (Besser als Glas ist oft Bergkrystall, wenigstens für die schwächeren Nummern.) Sind die Gläser nicht mehr ganz glatt, so müssen sie durch neue alsbald ersetzt werden; natürlich müssen sie geschliffen, dürfen nicht gegossen sein. Zuletzt – müssen sie stets rein gehalten werden, wozu man am besten feine gewaschene Leinwand oder Seide benutzt, nicht aber das beliebte Sämischleder, das in ganz kurzer Zeit unbrauchbar wird und dann nur Schmutz aufträgt, statt diesen wegzunehmen.

Zum Schlusse unserer kurzen Darlegungen aber möchten wir den Wunsch aussprechen, daß die Absicht derselben: die zahllosen Versündigungen an den Augen, wie sie durch falschen und schlechten Brillengebrauch – nicht gerade selten unter Mithülfe sogenannter Optiker[2] – täglich begangen werden, zu vermindern, mit Hülfe der „Gartenlaube“ erreicht werden möge! Wenn irgend eine Zeitschrift dies vermitteln kann, so ist es ohne Zweifel die vorliegende, da sie ja in weiteste Kreise des deutschen Volkes dringt, wie kein anderes deutsches Blatt!


  1. Um Wiederholungen und Weitläufigkeiten zu vermeiden, bitten wir unseren Artikel in Nr. 7 dieses Jahrganges über den Augenspiegel zu vergleichen. Fig. 1 daselbst erläutert den Bau des Auges, Fig. 2 zeigt den gelben Fleck; der Text erklärt die Wirkung der Netzhaut. In Fig. 2 müssen die Buchstaben c und d gewechselt werden.
  2. Es ist erstaunlich, wie viele solcher „Optiker“ über Nacht überall auftauchen: nennt sich doch Jedermann, der sich eines schönen Tages zur Anlegung eines Brillenlagers entschlossen hat, sofort auch „Optiker“! Wie wenn dazu schon der Besitz eines Brillengeschäftes genügte!