Hermann Schulze-Delitzsch ist todt!

Textdaten
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Autor: A. Bernstein
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Titel: Hermann Schulze-Delitzsch ist todt!
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Hermann Schulze-Delitzsch ist todt!
Ein Nachruf von A. Bernstein.

Viele sind berufen, ihren Zeitgenossen voranzuleuchten auf der Bahn der sittlichen Veredelung und der materiellen Verbesserung, aber nur Wenige sind auserwählt, neue Lehren der Culturentwickelung aufzufinden, die dem erstrebenswerthen Ziele näher führen als die bisherigen.

Wohl dem Lande, das sich des Daseins solcher Auserwählten erfreuen kann! Heil dem Auserwählten, dem es vergönnt war Unsterbliches zu schaffen! Sein Name wird fortleben im segnenden Angedenken seiner Zeitgenossen und im Nachruhm leuchten kommemden Geschlechtern!

In diesem Wahrspruch liegt der Trostspruch, mit dem wir schmerzerfüllt unseren Lesern den Tod des Auserwähltesten unserer Tage verkünden. Schulze-Delitzsch weilt nicht mehr unter den Lebenden. Er hinterläßt eine Lücke im Gefühl und im Bewußtsein Aller, die ihn kannten und erkannten, eine Lücke, die man vergeblich bestrebt sein wird auszufüllen. Aber sein Schaffen und Wirken wird in uns fortleben und befruchtend auf die Ausbreitung seines edlen und freien Geistes einwirken. Der schmerzensreiche Tag ist gekommen, an dem wir ihn ruhmvoll in das Grab senken; aber der Tag wird kommen, wo wir es Alle empfinden werden: er lebt in unserem Herzen, in unserem Geiste, in unserem besseren Wirken und Schaffen fort.

In dem herrlichen Mann stand nicht das Nachbild einer bereits vorangegangenen ruhmvollen Persönlichkeit da. Er hatte kein Vorbild, dem er nachstrebte. Er war selber ein Original, der, wie ein Künstler, von einem eigenen Ideal getrieben, seine Bahn betrat. Der Weg, den er einschlug, war so neu, daß er selber nur wie von edelsten Instinkten sich getragen fühlte, seinen Nebenmenschen treue Dienste zu leisten. Er ging schöpferisch mit Neugestaltungen vor, zu welchen ihn Niemand aufforderte und für welche er sich erst die Personen suchen, sie belehren, heranbilden und thatsächlich leiten mußte.

Er war anders als tausend Andere, edlen Willens.

Seinem thatkräftigen Charakter genügte es nicht gleich vielen Edlen, die Erstrebenswerthes erdacht haben, sein Ideal theoretisch zu gestalten und es Andern anheim zu geben, den Versuch der Verwirklichung anzustellen. Er griff selber persönlich thatenfroh ein und versuchte stets erst im Kleinen, was Großes in seinem Herzen lebte.

Dem hochgebildeten Manne, der Lebenssphäre der gebildetsten Classen angehörig, wurde nicht die Gunst zu Theil, mit gleichgebildeten Standesgenossen seine Ideen auszutauschen, um gemeinsam mit ihnen die Ideale seines Geistes zu verwirklichen. Er stellte sich die unvergleichlich schwierigere Aufgabe, in das Kleinleben des Bürgers, des Handwerkers, des Arbeiters hineinzugreifen und in den schlichtesten Kreisen sich Genossen zu suchen, die vorerst lernen mußten, was ihnen fehlt und wer ihnen helfen kann.

Dreißig Jahre hat er im deutschen Vaterland gewirkt unter den verschiedensten politischen Epochen. Sein freiheitlicher Sinn und das Volksvertrauen riefen ihn oft und unabweisbar an die Spitze der Kämpfe für Recht und Gesetz, und er trat im vollen Bewußtsein des geistigen Sieges muthiger als je einer seiner Genossen für die Volksrechte auf. Aber in seinem eigensten Gebiete, dem des wirthschaftlichen Fortschrittes und des materiellen Volkswohls, war von Beginn ab und blieb bis an sein Lebensende die politische Kampfesleidenschaft ihm fern. Er war und blieb ein Feind des Demagogenthums, das die Noth ausbeutet, um politischen Fanatismus zu entzünden.

Er trat nicht unter dem Schutz einer mit Voksbeglückungsplänen schwangeren Regierung, oder gar mit ihrer versäumten Begünstigung auf. Die ersten Jahre seiner Wirksamkeit auf wirthschaftlichem Gebiete waren die finstersten Jahre einer racheschnaubenden Reaction, die es als ein verbrecherisches Gelüste ansah, das Volk zur Selbsthülfe und Selbstbestimmung anzuregen. Auch von politischen Parteigenossen wurde er hierin nicht unterstützt. Er trat in Jahren auf, in welchen ein schwerer Druck und ein tiefer Unmuth die freiesten Geister gefesselt hielt und sie verstummen ließ in dem Schmerz der traurigen, Deutschlands Hoffnungen zerrüttenden Olmütz-Epoche.

Gar oft spornt die Noth eines Mannes Thätigkeit zu wirksamen glücklichen Versuchen an; gar oft bietet auch ein glücklicher Zufall einem begabten Geiste eine Gelegenheit dar, eine erfolgreiche Laufbahn mit Muth einzuschlagen. Bei Schulze-Delitzsch war beides nicht der Fall. Er stand bereits im Staatsamt als Kreisrichter, als eine jämmerlich kleinliche Maßregelung von Seiten des Justizministers ihn in seiner Würde und der Ehre seines Richterstandes verletzte. Um sich dieser Verletzung seines höchsten Ideals, der richterlichen Unabhängigkeit, nicht zu unterwerfen, opferte er freiwillig sein Amt und begann im Vollbewußtsein dessen, was er dem Volke sein kann, das im Beginn so kleine, aber im Verlauf der Jahre so glückliche Wirken.

Wurde er von der Aussicht auf eine lohnende, erfolgreiche Laufbahn zu diesem Beginnen bewogen? Die Thatsachen haben es gelehrt, daß er volle zehn Jahre ohne die allergeringste Vergütigung in beispielloser Uneigennützigkeit im Dienste der bereits zu einer bedeutenden Macht erwachsenen Genossenschaften stand, und – erzählt es Kind und Kindeskindern! – man mußte zu einer heimlichen, ohne sein Vorwissen unternommenen Capitalssammlung Zuflucht nehmen, um ihn in die Lage zu versetzen, sich sorgenlos seinem herrlichen Beruf hingeben zu können!

Das Capital kam schnell zusammen. Nahm es der herrliche Ehrenmann als sein Eigenthum an, wie man es ihm angeboten, ja dringend von ihm verlangte?

Er wies es entschieden ab! Er widmete das Capital zu einer Stiftung, um von den Zinsen die Herstellung eines Anwaltbureaus zu gründen, von welchem er nur, so lange er dasselbe zu leiten im Stande sein würde, ein mäßiges Gehalt beziehen wolle. Das Capital selbst verbleibt der Stiftung, um von den Zinsen die Nachfolger in seinem Amte besolden zu können.

Sind all dies erhabene Merkmale für den eigenartigen sittlichen Charakter und den edlen Sinn seines Wirkens, so bekundet ein Blick auf die Lebensgeschichte dieses herrlichen Mannes, wie er bei all dem epochemachenden Schaffen in tiefinnerster Seelenbescheidenheit nur danach strebte, im Dienste des Volkes sich die Liebe desselben zu erobern.

So spricht denn auch bereits eines seiner Gedichte aus der allerersten Zeit seines wirthschaftlichen Wirkens den edelsten Drang seiner Seele deutlich in folgenden Versen aus:

„–––Drum ob sie auch des Kriegers Lorbeer preisen,
Weil er des Landes Feind bestand als Held:
Um Menschenwohl, zu seiner Brüder Segen,
Da giebt’s zu wirken noch ein heil’ges Feld,

Und einen schlimmen Feind noch zu bekämpfen,
Der tückisch schleichend seinem Opfer naht.
Das Elend ist’s, die Noth, der bleiche Mangel,
Ach, Tausende ganz ohne Hülf’ und Rath!

Ja, hier, hier braucht’s ein opfernd treues Mühen
– Wer ist’s, der mit mir seinen Beistand leiht? –
Ich fühl’s, viel Säumniß hab’ ich einzuholen:
Drum den Bedrängten sei mein Thun geweiht.

Und was ich von den Menschen einst ersehnte,
Der heiße Wunsch, der schmerzlich mich bewegt –
Ich ruhe nicht, ich will es mir verdienen,
Daß ihre Brust mir warm entgegen schlägt,

Daß fremd ich unter Fremden nicht mehr stehe,
Daß sie den Freund, den Bruder in mir schau’n,
Daß frei sich mir ihr Inneres erschließe,
Vereint in Lieb’ und herzlichem Vertrau’n.“

Die wenigen Worte, sie sind in ihm zum Lebensprogramm geworden, dem er treu blieb bis zur letzten Stunde! Sie sind das edelste Diplom des reinsten Herzens, das nun ausgeschlagen! Sie sind das Zeugniß eines segensreichen Geistes, dem wir den feierlichen Ruf im Namen des dankbaren Volkes nachsenden: Segenvoll war sein Dasein! und gesegnet wird sein Angedenken im Herzen des Volkes fortleben für und für!