Neunzig Jahre Frauenmode

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Autor: Cornelius Gurlitt
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Titel: Neunzig Jahre Frauenmode
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 8–11
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Neunzig Jahre Frauenmode.

Von Cornelius Gurlitt.0 Mit Zeichnungen von O. Seyffert.
I.

Als die zwölf bedächtigen Schläge der verschiedenen Thurmuhren der Welt in der Sylvesternacht zwischen 1800 und 1801 verkündeten, daß das 19. Jahrhundert christlicher Weltordnung beginne – damals ging es nirgends in der Welt lustiger zu als in Paris.

Der furchtbare Druck der Revolution, der Schreckensherrschaft war von der Stadt gewichen. Geordnete Mächte begannen sich wieder geltend zu machen, der eiserne Bonaparte war erster Konsul geworden. Jahrelang hatte aller feinere gesellige Verkehr schweigen müssen. Ueber der vom Aufruhr durchwühlten Stadt hatte der gespenstische Dampf stets neu vergossenen Blutes schwer gelastet. Wer vornehm, wer lebenslustig gewesen war, den hatte das mörderische Fallbeil bedroht.

Nun war der Umschwung ein vollständiger. Auf den Trümmern der zerschlagenen alten Gesellschaft – das war die lebenslustige, lockere Welt des Rokoko gewesen – entstand eine neue; die alten Grenzen der Sitte, welche jene locker genug zusammengehalten hatten, waren zertrümmert, neue noch nicht aufgebaut. Die Gesetze, welche Jahrhunderte lang in Frankreich gegolten hatten, waren vor dem Hauch des Freiheitsdranges dahingeschmolzen und die von der Revolution eingeführten hatten im Bewußtsein der Nation noch nicht Boden gefaßt. Nur ein Recht schien für die nach langem Fasten doppelt vergnügungsdurstigen Kreise zu gelten: sich zu entschädigen für die Zeit des Schreckens und – wenn sie wiederkomme – die Zwischenzeit wenigstens gut benutzt zu haben!

Die Frauen waren am meisten außer Rand und Band gekommen. Die Revolution hatte die Fesseln, welche sie zurückhielten, zersprengt. Sie hatte Tausende von Männern in der Blüthe ihrer Jahre hingemordet, Tausende von Frauen in ihre Strudel gezogen. Die Ehescheidung war eingeführt worden. Noch hatte die Gesellschaft die Ansichten des Rokoko über die eheliche Treue; noch galt der Mann für den lächerlichsten Liebhaber, den eine Frau haben könne. Aber früher duellirten sich zwei Rivalen – freilich ein meist sehr ungefährliches Auskunftsmittel – jetzt war man prosaischer: man ließ sich scheiden. Auch hier lockte das Neue. Das Zerwürfniß wurde dadurch unendlich viel größer, die Schande verlor ihre Schrecken für die Frauen von Welt. Lustig leben, das war der alle beherrschende Gedanke.

„Noch nie waren die Sitten zügelloser, die Vergnügungsjagd wüthender bei unseren Schönen als jetzt!“ ruft ein Kenner der Pariser Welt jener Zeit. Er erzählt, die Sitte, als Herr gekleidet sich auf der Straße sehen zu lassen, sei so allgemein, daß viele „Männinnen“ gar keine weibliche Garderobe mehr besäßen. Es sei ja auch billiger so: ein Paar Halbstiefel, Pantalons von aprikosenfarbigem Sammet, ein Redingot mit drei Kragen sei alles, was man zum Herrenanzuge brauche.

[9]

Aber auch die Frauenkleidung war einfach. Unsere Großmütter erzählten ja so gerne von ihrer Jugendzeit als einer, in welcher man die heutige Kleiderpracht noch nicht kannte. Und sie hatten recht – das lehren die Modeblätter.[1] Damals galt die Einfachheit ja in allen Gebieten der Kunst als höchste Forderung des guten Geschmackes.

Man sprach es selbst in den Modezeitungen deutlich aus: „Die Kleider müssen den Regeln der einfachen Natur untergeordnet werden.“ „Einfache Natur“ besaßen aber in erster Linie die die Kunst jener Zeit völlig beherrschenden Griechen und Römer. Ihnen strebte man nach: wie alle anderen Schaffensgebiete, so fühlte sich auch das des Frauenschneiders bis in die Wurzel hinein klassisch. Und als Bonaparte erst der Welt, namentlich auch derjenigen der Mode, einen Konsul und dann einen Imperator gegeben hatte – da war der Sieg der klassischen Einfachheit ein vollkommener. Das Weiß antiker Marmorbildwerke, der Purpur der Cäsaren und das Gold des Diadems – das wurden die im Reich der Vornehmheit alleinherrschenden Farben.

Die Natürlichkeit mußte auch in die Frauenkleider jener so lustigen Zeit eindringen. Der Schnürleib des Rokoko verfiel dem Gelächter. Wie hätte derselbe in den Tagen der Freiheit Bestand behalten können! Das hohe Leibchen fiel gleichfalls. „Noch vor kurzem,“ höhnt eine Zeitung, „war die Mode der Damen, ihre Reize mit großer Sorgfalt zu verhüllen, wie abgelebte Mütterchen sonst ihre Runzeln zu verbergen pflegen.“ Dieser gegen die Natur verstoßenden Thorheit wurde von den Frauen des neuen Jahrhunderts gründlich abgeholfen. „Wenig Stoff!“ heißt es in einem Modenblatte aus dem Jahre 1801. „Die Frauen sollen aussehen wie gewebte Nebel in den Farben der Morgenröthe!“ „Von allem Irdischen befreit“ sollen sie erscheinen. Sie sollen sich leiten lassen von jenem allein guten Geschmacke, den die Griechen in ihren Meisterwerken am vollendetsten vertreten.

Man muß es der Mode jener Zeit zugestehen, sie besaß den gewaltsamen Muth der Revolutionen ihrer Zeit! Reifrock und Schnürleib waren schnell aufgegeben, die hohen Haartrachten verschwanden, der kurz geschnittene Tituskopf trat vielfach hervor; sie studierte eifrig die antiken Bildwerke und fand in der „Toque“ eine aus Bändern, Netzen oder Schleifen gebildete, meist den Kopf eng umschließende, kleidsame Schmuckform. Aber sie scheute sich auch nicht vor der edlen Nacktheit der Antike. Achtzehn Loth, so sagt ein Modeblatt, hat der vollständige Anzug einer vornehmen Frau zu wiegen; dann ist er simpel und natürlich genug: ein Hemd, ein dicht unter der Brust von zwei Achselriemen getragener Gurt, ein Kleid aus Perkal oder Tüll, „Pamina-Tricots“, d. h. Handschuhe bis an die Achseln, seidene Strümpfe, Sandalen – das ist alles. Oder doch nicht; denn das neue Jahrhundert trat mit einer großen Erfindung auf, dem „ridicule“, oder wie die tugendhafteren Engländer es nannten, dem „indispensable“, dem „Unerläßlichen“, jenem Arbeitsbeutel, den man in der Hand trug, weil im Kleide eine Tasche unmöglich war, in dem Kleide, welches, dicht unter der Brust zusammengefaßt, eng die Gliedmaßen umschloß. Das Taschentuch hatte bisher die Dame in der Hand halten und beim Tanz dem Partner zur Aufbewahrung übergeben müssen. So wollte es die taschenlose Mode und der Anstand. Als dann 1807 wieder Taschen an der Hüfte angebracht wurden, konnte man sie bei den eng gespannten Kleidern nur mit Mühe benutzen. „Sie sind zwar unbequem und mißgestalt,“ sagt ein Modebericht alles Ernstes, „aber man erkennt an ihnen ein gut gemachtes Kleid.“

Auch die Aerzte billigten diese Toilette. Der Mangel an Ausdünstung sei schuld an [10] vielen Krankheiten, lehrt ein Jägerianer von 1807 in der „Allgemeinen Modenzeitung“. Wolle und Baumwolle seien zwar gut für die Alten, aber die Jungen würden nur dadurch geschwächt, diese müßten ihre lebhaft thätige Haut vor zu starker Verhüllung bewahren. Die Ehemänner freilich waren oft anderer Meinung: nicht nur sorgten sie um die Gesundheit ihrer Frauen, denen ein „Negligé“ auch für den Winter von der Mode vorgeschrieben war, sondern sie klagten auch wohl in sehr eindringlicher Weise öffentlich, daß ihnen die griechische Natürlichkeit denn doch etwas zu weit gehe. Aber wann hat das je etwas geholfen! Im Grund der Seele fanden auch sie die „Simplicität für das Reizendste“.

Es war nicht nur das sündhafte Paris, welches solche achtzehnlöthige Anzüge liebte. Da finde ich eine Anpreisung der „Neuen Hemden“ einer Leipziger Firma in der sehr geachteten „Allgemeinen Modenzeitung“, und zwar im redaktionellen Theil. Sie werden genau beschrieben, mit ihren Kanten an Busen und Nacken, mit ihrer gestickten Knötchenarbeit etc.; 5 bis 6 Thaler kostet eins. Dann aber sagt der kundige Redakteur: „Trägt eine Dame ein solches Hemd, so braucht sie weiter kein Kleid und erreicht den höchsten Grad von Eleganz!“

Ja, ja! Damals als Großmama jung war – damals war’s noch so einfach in der Welt. „Echt antik können freilich,“ so heißt es 1801, „nur sehr junge und sehr schön gebaute Damen gehen!“ Aber die Mode ist doch nicht für die Häßlichen da! Die mögen sehen, wie sie mit ihr sich abfinden!

„Echt antik“? Die Alterthumswissenschaft von heute wird gewiß nur lächeln zu der Kleidung einer Frau wie der Königin Luise, die doch wahrlich das Zeug dazu hatte, „echt antik“ sich zu tragen, und die es auch that. Weil das Kleid weiß ist, weil es dicht unter der Brust geschnürt wurde, ist’s noch nicht griechisch. Der Schnitt hatte auch nicht das Geringste etwa von jenem der atheniensischen Jungfrauen des Parthenonfrieses. Die trugen weite, mit wenig Spangen zusammengehaltene Tücher, die sich faltig um den Körper legten. Das war züchtig und gab schöne, völlig durch die Gesetze der Körperbewegung und die Schwere der Stoffe erzeugte Formen; das war eben wirklich Natur und Einfachheit. Den Frauen von 1801 lag aber die Schlichtheit der Griechinnen so fern, als jenen irgend einer anderen neueren Zeit. Ihnen war das Kleid nicht ein Mittel, sich zu verhüllen, sondern um doppelt anreizend zu wirken. Die Natürlichkeit wurde in ihrer Hand ein Mittel, um sich an die äußersten Grenzen des Anstandes wagen zu können. Es ist die Frage, welche Art von Kleidern die verwerflichsten sind, jene, die eine übertriebene Pracht zeigen, oder jene, welche zwar sehr einfach sind, auf die aber Fr. Vischers, des großen Aesthetikers und Modefeindes, Ausspruch: „In Kleidern nackt“ mehr paßt als auf alle anderen!

Jede Mode beruht aber meist unbewußt auf der die Zeit beherrschenden allgemeinen künstlerischen Anschauung. Das Rokoko hatte sich im Reifrock, in einer unmäßigen Verbreiterung und Erweiterung der menschlichen Figur durch das Kleid gefallen. Der Schneider erhielt die Herrschaft über den Menschenleib. Die Revolution brach mit diesem System und – treu ihrer grausamen Entschiedenheit des Wollens – verfiel sie in den äußersten Gegensatz: sie forderte vom Frauenkleid, es solle die natürlichen Formen ganz rein wiedergeben, der Schneider verschwand, die Formen traten fast unvermittelt hervor. Das war die völlige Umkehr der Mode, die freilich schon von England her vorbereitet worden war. Man kann ihr Kommen kulturgeschichtlich verfolgen. Wo das alte selbstherrliche Königthum, die mit ihm verbündete, jedem freien Luftzuge sich versperrende Kirche herrschten – dort war in der Kunst die Formenwillkür, in der Mode das Bauschige, die Nichtachtung der menschlichen Gestalt, die Steigerung dieser oder einiger ihrer Theile ins Uebertriebene. Wo die junge Freiheit, die nach und nach alles Wissens sich bemächtigende Aufklärung herrschte, da strebte man in der Kunst nach antiker Abklärung und klassischer Formenreinheit, dort wurde das enganliegende Gewand Mode. Es ist kein Zufall, daß Werther in engem Leibrock, Reithosen und Stulpstiefeln ging. Denn der modisch Denkende, der von der fortschreitenden Litteratur Erfaßte, der Schwärmer für Homer und später für Ossian – der mußte das enge Kleid der Aufklärung tragen, ebenso sicher wie der Hofmann, der Anhänger des alten Regierungssystemes, der Gegner der „Libertins“ sich in bauschigem Gewande gefiel.

So frei waren die Freiheitsheldinnen von 1801 aber doch auch in ihrer Kleidung nicht, wie die Griechinnen es gewesen sind. Die tausendjährige Kultur ließ sich auch in der Kleidung nicht ohne weiteres abstreifen. Sie offenbarte sich in ganz unklassischen, der Kleidung noch anhaftenden Schneiderkünsten. Gerade diese simplen Anzüge forderten besonders vorsichtigen Schnitt. Wenngleich die Kleider überaus leicht sein sollten, so waren sie doch nicht eben so leicht zu machen.

Betrachten wir die Modeblätter jener Zeit. Zunächst fällt die erstaunliche Länge der Frauengestalten auf. Eine normale Frau hat die siebenfache Höhe ihres Kopfes. In den Modebildern steigt sie auf die elffache Höhe. Wenn auch die Aesthetiker es nicht werden zugestehen wollen, so sind doch, wie es schon einmal in der „Gartenlaube“ (1889, S. 699 f.) auseinandergesetzt wurde, tatsächlich Modefiguren Werke eines gesteigerten Idealismus. Sie geben in freilich oft rücksichtsloser Uebertreibung der Menschengestalt jene Verhältnisse, welche den Frauen selbst als schön erscheinen.

Millionen von klugen und thörichten Jungfrauen und Frauen betrachten die oft erschrecklich verzeichneten Blätter mit dem stillen Wunsche, ihnen ähnlich zu werden. Sie sehen in ihnen die Steigerung dessen, was am eigenen Körper als reizend, als anmuthig erscheint, d. h. also ihre Ideale. Wenn die Modefiguren mithin so schlank gezeichnet werden, daß der Leib fast auf die Hälfte seiner natürlichen Breite eingeschränkt wird, Hüfte und Brust bis zu einer Schmalheit zusammengedrängt werden, die auf Beschauer mit anderen Idealen äußerst lächerlich wirkt – so sehen wir, was die Frauen damals erstrebten. Das Kleid war dicht unter der Brust zusammengefaßt; ohne jede Querfalte, meist ohne jede Falte überhaupt fiel es bis zum Fuß herab, hinten oft in langer Schleppe endend. Dadurch wirkte der Untertheil des Körpers sehr lang, sehr schlank. Die Figur, nicht in der Mitte durch den scharfen Abschnitt der Taille getheilt, erhielt etwas Biegsames, leicht Bewegtes. Die Schönheiten des weiblichen Körpers traten unverhüllter als in irgend einem anderen Kostüm hervor.

Diese Kleider unserer Großmütter waren nach unseren Begriffen entschieden unanständig. Bei ihrer Leichtheit ist es kein Wunder, daß, als geordnetere Verhältnisse eintraten, die gute Gesellschaft – und das heißt ja so viel als die modische Gesellschaft – sich die Rundtänze verbat und die Menuetts wieder aufnahm, daß man sich des Wortes von Abraham a Santa Clara erinnerte: „Ein tugendhaftes Mädchen soll sein wie eine Orgel – die schreit, wenn man sie antastet.“ Aber das Kleid selbst gab man nicht auf und man fand es zu jener Zeit auch keineswegs unanständig!

Das „Negligé“ war damals ein anerkanntes Gesellschaftskleid, das meist erst zum Abend abgelegt wurde. Die Frauen wollten aussehen, als seien sie eben taufrisch aus den Armen des Schlafes hervorgegangen. Thatsächlich aber erschienen sie wie ungenügend bekleidet.

Aber das menschliche Auge wird von der Gewohnheit beherrscht. Man gewöhnte sich an das Kleid. Nur die ersten Trägerinnen hatten kühn sich über den herkömmlichen Anstand weggesetzt, die Folgezeit fühlte sich in ihrer Tugend nicht erschüttert. Nicht die Zionswächter guter Sitten verdrängten es, sondern die Mode lebte sich aus wie jede andere.

Der Wandel ist das Lebenselement der Mode. In der hohen Kunst wie in der Kleidung giebt es einen Augenblick, wo selbst das Schönste uns zu ermüden beginnt. Unser Auge hat unter der Fülle der möglichen Naturformen eine als ihm besonders wohlgefällig gewählt. Was diese Form bietet, erscheint als schön. Jeder ist bestrebt, sie sich anzueignen. Langsam, Schritt für Schritt wird sie fortgebildet: alle Welt glaubt, man befinde sich auf dem Wege allgemeinen Fortschreitens in das unerreichbare Gebiet der Ideale. Auf tausendfältigem Wege wird dem einen leitenden Formgedanken zugestrebt. Diese Einheit des Strebens nennt man in der Kunst Stil, in der Kleidung Mode. Beide führen nothwendig zur Uebertreibung einer Formenerscheinung. Diese kann bis ins Unglaubliche geführt werden, ehe die Welt sich klar wird, daß sie an einer Verzerrung arbeite. Nach und nach tritt aber, wenn das Aeußerste erreicht ist, Formenmüdigkeit ein. Der Drang nach einer Richtung läßt nach, ein neues Ideal bildet sich heraus. Und während die Welt diesem zustrebt, sieht sie mit höhnendem Erstaunen auf die verlassene Bahn zurück. Man schilt die alte Geschmacklosigkeit, während man sich inmitten einer Bewegung befindet, die ebenso der Geschmacklosigkeit zueilt.

Man sollte glauben, die Grundgestalt des Menschen gäbe einen festen Rückhalt für die Kleidung. Aber selbst diese unterliegt der Formenmüdigkeit, auch sie muß umgestaltet werden, um [11] „schöner“ zu werden. Der Wilde, der seine Haut bemalt und in seine Lippen einen Pflock schlägt, arbeitet nach demselben Kunstgesetz wie der Chinese, der seinen Fuß verkrüppelt, oder die Frau unserer Zeit, die sich in einen Schnürleib zwängt. Namentlich aber schwankt die Anschauung, ob Vergrößerungen einzelner Körpertheile schön seien. Immer wieder werden sie versucht, und seien sie nach so unbequem. Gerade die Unbequemlichkeit reizt. Warum setzt der Jüngling seinen Cylinder schief auf, wenn er kecker Stimmung ist? Weil er durch den Druck auf die Stirn sich bewußt wird, daß sein liebes Ich durch den Achtzehnzöller bedeutend vergrößert wird, weil er sich erweitert, mächtiger fühlt. Warum ist die Schleppe der Inbegriff der Vornehmheit? Weil sie der Frau auf Meterlänge eine Erweiterung ihres Raumes giebt. Soldaten haben sich stets in wallenden Federbüschen gefallen. Sie erscheinen sich mächtiger, weil ihr Körper scheinbar gesteigert ist!

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So war das „antike“ Kostüm eine Steigerung in die Länge. Es ist kein Zufall, daß auf allen Modebildern jener Zeit die Frauen als größer erscheinen wie die Männer, ebensowenig, als daß nun die ausschweifendsten Hutmoden platzgriffen. Die „Toques“ werden zu wahren Thurmbauten, die Krempen der Hüte erhielten den wildesten Schwung, die breiteste Ausladung. Der Kopf mit dem kurzen Mieder wurde fast in die Mitte der Gestalt herabgedrückt, das Streben nach Schlankheit führte zu einer recht unweiblichen Riesenhaftigkeit, über der die „Simplicität“ völlig vergessen worden war.

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Den ersten entscheidenden Wandel in der Kleidung gab das allgemein sich geltend machende Bedürfniß nach einem festen Sitze des Kleides. Im Jahr 1809 kam das „Corset en X“ auf, welches aus einem breiten Gurt und zwei über den Achseln sich kreuzenden Tragbändern bestand, die unter der Brust zu einer breiten enganschließenden Schnebbe sich erweiterten. Noch trug man dieses Kleidungsstück über dem eigentlichen Kleid. Dazu kamen Beinkleider in der Form von Pantalons, die über der Fußbeuge zugeschnürt wurden. Darüber trug man das Kleid, hatte also – zum Spott selbst der Modeblätter – zwei Anzüge übereinander. Man fand, so angethane Frauen mahnten an verkleidete Männer. Im Jahr 1811 kam das Corset à la Ninon auf, benannt nach der berühmten Ninon de l’Enclos, der gefeierten Königin der Galanterie des 17. Jahrhunderts.

Es begann also das Zurückgreifen auf die Mode der großen Zeit Ludwigs XIV. Dieser Schnürleib schloß sich der Gestalt völlig an, ohne sie zu verändern. Ihr fehlte die Taille. Ebenso war das corset en fichu; beide sind noch darauf berechnet, daß die Kleider dicht unter der Brust geschnürt werden. Aber sie haben schon einige Fischbeine, bedeuten mithin schon das Ende der „Natürlichkeit“. Nachdem die Mode die Gestalt bisher nur verlängert hatte, begann sie nun, sie Schritt für Schritt umzubilden.

An diesem Wandel hatte die Verwendung schwererer Stoffe, als sie bisher üblich gewesen waren, wesentlichen Antheil. Der kaiserliche Hof konnte mit der „Simplicität“ allein nichts anfangen. Perkal, leichte Wolle, Tüll waren nicht die rechten Gewebe für die großartige Prachtentfaltung Napoleons I. Schwere Seide, noch dem antiken Schönheitsgefühle entsprechend weiß, mit massiven Goldstickereien in streng architektonischen Mustern nahmen der Tracht das Geschmeidige, Leichte und zugleich das Anstößige. Im Winter brauchte man wärmendes Gewand. Man begnügte sich nicht mehr mit Ueberkleidern, deren Schwere und Bauschigkeit im Gegensatz zu der übertriebenen Leichtheit des eigentlichen Anzuges stets den Spott geweckt hatte. Während der Ehemann fürchten mußte, daß im Tanzsaal von den Reizen seiner Frau nur zu viel sichtbar sei, war er beim Verlassen des Festhauses in Gefahr, unter den Mänteln mit sechsunddreißig Kragen sein Weib gar nicht wieder zu erkennen.
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Der Redingot, jener Tuchmantel, der anfangs eng das enge Kleid umschloß, bekam zuerst weitere Formen. Man fand solche Tuchoberröcke, die mit Pelzwerk reich geschmückt wurden, zwar anfangs „sehr männlich“, aber man erkannte ihre gesundheitliche Nothwendigkeit wenigstens an.

Seit die Kleiderstoffe schwerer wurden, standen sie von selbst mehr vom Körper ab, bald aber kamen Falbeln und Besätze am unteren Kleiderrande dazu. Die „antike“ Mode hatte ihren Höhepunkt erreicht, die Augen der schönen Frauen richteten sich auf andere Mittel, ihre Gestalt umzubilden, diese den Eindruck der Länge an der Gestalt mindernden Besätze gaben den ersten Anlaß dazu. Die Formenmüdigkeit wirkt eben so mächtig, daß selbst die eitelste Frau nie mit einer ihr nach ihrer Meinung noch so gut stehenden Tracht zufrieden ist. Täglich muß das Neue versucht, die Wirkung eines Reizes gesteigert, und wenn der höchste erreicht wurde, ein neues Mittel hervorgesucht werden, das jenen ablöst!



  1. Den größten Theil meiner Studien machte ich in der reichen Sammlung von Modezeitungen, welche die „Europäische Moden-Akademie“ zu Dresden besitzt. Es sei mir gestattet, hier meinen Dank dem Direktor der Anstalt, Herrn Strobel, auszusprechen, der mir die Sammlung erschloß.