Wie entstehen Moden?

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Autor: Cornelius Gurlitt
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Titel: Wie entstehen Moden?
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40–41, S. 674–678, 698–700
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[674]

Wie entstehen Moden?

Von Cornelius Gurlitt.
I.

Haben Sie beobachtet, daß jetzt wieder ganz enge Kleider getragen werden?“ – so habe ich unlängst eine mir als treffliche Hauswirthin und braves Weib bekannte Frau aus der Gesellschaft sagen hören. „Man sieht alle Formen, so fest wird der Rock zurückgebunden. Sehr auffallend! Was will man aber machen? – Ich habe mir schon ein neues Kostüm bestellt!“

Die neue Mode kommt! Der alte Aesthetiker Vischer wird sich spottgerüstet aus seinem Grabe erheben, seine bissigsten Bemerkungen werden hervorgesucht werden, aber was hilft’s? Die Mode kommt, unwiderruflich, unabwendbar!

Kein Mensch vermag, sich gegen sie zu wehren. Sie bricht herein wie eine Seuche, deren Nahen schon längst verkündet wurde. Die Zeitungen sprechen in ihren Modeberichten schon eine zeitlang vorher ganz kühl mit der Miene der Wissenschaftlichkeit von ihren Eigenschaften. Dann werden in Festbeschreibungen hier und da einige „Fälle konstatiert“. Die Badeorte sind die Seuchenherde, von denen das Unheil über uns hereinbricht. Man warnt vor ihm, wie etwa zu Cholerazeiten vor dem Genuß von Pflaumen und Gurken – aber plötzlich ist es da! Während vor kurzem, zur Zeit der Tournüre, kein Dienstmädchen ohne dieselbe leben konnte, wird in kurzer Zeit alles Unebene verschwunden sein. Glatt, ganz glatt!

Die Vaterlandsliebe ist das Gefühl, welches wir zumeist anrufen, um den Einbruch der Mode aufzuhalten. Was haben wir [675] Väter, Gatten, Bräutigame und Brüder gebeten, gespöttelt, gezürnt, als die Tournüre, diese Erfindung fremder Völker, bei uns im starken einigen Deutschland Nachahmung fand: die Frauen haben uns nicht gehorcht! Die Mode ging stolz lächelnd ihren Weg und stieß die Widerstrebenden mit übermüthiger Bewegung in jenen Winkel, in dem die Querköpfe sitzen.

Und nun, nachdem wir uns an seinen Anblick gewöhnt haben, nun fällt der Höcker auf einmal wieder fort und wir müssen uns mit den natürlichsten Verhältnissen begnügen. Und zwar nicht, weil unseren Frauen ihre alte Mode als häßlich erschien – Gott bewahre, weitaus die Mehrzahl legt mit Bedauern jenes kleine Stahlpolster fort, das ihnen bisher die „Haltung“ gab, – sondern nur, weil man in London oder Paris oder sonstwo befohlen hat: von nun an ist wieder „glatt“ Mode!

Unser Flehen und Zürnen, unser Anrufen der Vaterlandsliebe wie der Aesthetik, unser väterlicher oder eheherrlicher Befehl – sie helfen alle nichts. Aber jener unbekannte Jemand, dem gehorchen alle, selbst die tugendhaftesten Frauen und selbst zu innerlich mißbilligtem Beginnen.

Man möchte am Verstande der Welt verzweifeln. Alle Schwertschläge des Geistes erwiesen sich den Modeverirrungen gegenüber als wirkungslos. Die Strafgesetze des Mittelalters erschöpften sich darin, die Kleidertrachten zu regeln, die Ausschreitungen mit strenger Pön zu belegen, die Stände auf ein vernünftiges Maß des Prunkes zurückzuführen – alles vergeblich! Die großen Bußprediger zogen durch das Land, um durch Androhung himmlischer Strafen die langen Aermel der Kleider, welche den Boden streiften, oder die langen Schnabelschuhe, oder ein andermal die unziemliche Enge des Gewandes zu verbieten. Ihre Erfolge hatten nie Dauer. Die protestantische Geistlichkeit eiferte gegen die Stoffverschwendung des 16. und 17. Jahrhunderts, gegen die Faltenröcke und Pluderhosen, sie malte den Hosenteufel mit der finstersten Einbildungskraft – der Erfolg blieb aus!

Und als dann endlich, nach den Freiheitskriegen, unter der Macht des nationalen Gedankens, dem sich jener des romantischen „altdeutschen“ Wesens beifügte, eine deutsche Tracht erfunden wurde, so hatte auch diese nur kurzen Bestand bei einigen Schwärmern, sonst aber kein Ergebniß zu verzeichnen, als – daß es jetzt auf der Bühne ein festes, durchaus unhistorisches Gretchenköstüm giebt!

Und alle jene neueren Klagen, was haben sie genützt? Hat die Krinoline, haben die Volants und Festons der sechziger Jahre vor der vernichtenden Kritik der Ehemänner weichen müssen? Gewiß nicht! Die Mode brachte sie, die Mode nahm sie wieder mit fort. Hat die Ueberfülle falschen Haares, welche die Zeit des Chignons auf den Kopf der Frauen häufte, sich entfernt, weil man Abscheu vor dem Schopf fremder unbekannter Menschen, vor den ansteckenden Krankheiten bekam, die aus ihm entsprangen? Gewiß ebensowenig! Kommt morgen eine Mode, die mit eigenem Haar undurchführbar ist, so wuchert wieder die Zeit der falschen Strähnen ebenso, wie vor einigen Jahren viele junge Mädchen nicht abzuhalten waren, sich selbst ihres schönsten Schmuckes durch kecken Scheerenschnitt zu berauben. Die Mode ist der einzige Sieger über die Mode. Da hat die Erwägung, die Gesundheitslehre, der Schönheitssinn nichts mitzureden.

Die Mode will es so und so! Der Befehl ist da, der Ungehorsam mit dem Gelächter aller bedroht – wer wagt es, sich offen zu widersetzen?

Und doch setze ich die Feder wieder an zu einer Klage über die Mode. Nicht gerade über die, welche heute und morgen kommt, sondern darüber, daß wir so gar machtlos ihr gegenüber sind. Mir will scheinen, als wenn sich dies doch ändern ließe, als wenn bisher die Aufmerksamkeit nicht an die rechte Stelle gerichtet gewesen wäre.

Es kommt, wenn ein Haus brennt, nicht bloß darauf an, daß die Spritzen im Gang sind, sondern auch darauf, wohin man spritzt. Der Feuerwehrmann weiß, daß Bäche von Wasser der lodernden Flamme selbst wenig schaden, während gegen den brennenden Balken gerichtet, schwache Strahlen zu löschen vermögen. Man soll den Ursprung des Uebels, nicht die Folgen allein bekämpfen.

Nun bin ich der unhöflichen Ansicht, daß unsere Frauen herzlich schuldlos an ihren Modethorheiten sind, daß sie an ihnen so gut wie keinen thätlichen Antheil haben und daß jene, welche sich für Führerinnen der Mode halten, erst recht nur die Geführten sind.

Denn wie entsteht eine Mode? Glaubt man den Zeitungen, so wird sie in Paris von einer eleganten Dame „kreirt“. Die Sache ist sehr einfach: die Rennen in Longchamps sind angesagt. Es ist Frühlingsanfang. Ganz Paris ist gespannt, was es Neues geben werde. Man weiß, heute ist die große Entscheidungsschlacht der Moden. Man muß Paris an solchem Tage einmal gesehen haben. Der Wagenverkehr an einzelnen Theilen von London ist zu gewissen Stunden ungleich größer, in Rottenrow im Hydepark sieht man mehr und schönere Reiterinnen als auf der Avenue d’Etoile – aber nirgends ist der anmuthige Kampf um den Siegespreis der Eleganz so lebhaft. Die vornehmen Engländerinnen treiben gemeinsam eine Mode bis zu einem gewissen Grade, sie tragen sich sehr ähnlich, haben die Absicht, durch den erst dem aufmerksamen Beobachter bemerkbaren Werth ihrer Kleider an Stoff, Schnitt, Arbeit vornehm zu erscheinen. Die Französin trägt die Kleider im Hinblick auf sich, sie will gefallen und an solchen Tagen auffallen; jede Frau, welche in sich das Geschick empfindet, Neues schaffen zu können, sucht ihr Bestes zu geben. Zu Tausenden fahren die Bewerberinnen im Wettkampf der Eigenartigkeit durch die glänzenden Straßen, welche man in Paris die „Elyseischen Gefilde“ nennt. Welche wird die Siegerin sein? Es bedarf kräftiger Mittel, um aus der Menge heraus aufzufallen. Eines der stärksten ist, anders sich zu kleiden, als die Mode gebietet, ohne unmodern zu sein. Neues muß erfunden werden, das Ausschweifendste wird gewagt. Es sind ja Frauen genug in jener endlosen Wagenreihe, die im Wagniß nichts mehr zu verlieren haben, andere, die der brennende Ehrgeiz verlockt, es jenen gleich zu thun auf die Gefahr hin, für schlechter zu gelten, als sie sind.

Noch streiten sich die Parteien auf den bis Mitternacht überfüllten Boulevards, welche Mode vorgeherrscht habe. Da bringen die Blätter Kunde über die einzelnen Kleider. Ihre Berichterstatter haben wahre Luchsaugen und eine erstaunliche Kenntniß der Sprachweise der Modeblätter. Ein Blick in den vorüberfahrenden Wagen, und sie haben erkannt, wie Madame de A. vom Wirbel bis zur Zehe gekleidet war, und wie die Marquise de B. die „Tunique“ drapiert hatte, auf der sie saß; laut wird die Bewunderung für die neuen Stoffe verkündet, so laut, daß allen Pariserinnen das Herz vor Sehnsucht nach diesen Herrlichkeiten schwillt, und so entschieden, daß der Eingeweihte bald erkennt, welche Feder von den schönen Frauen selbst und welche von den großen Schneidern beeinflußt ist, die in zweiter Linie den Kampf der Eleganz an diesem Tage bestehen.

Und wenn die Frauen dann in die Geschäfte eilen, zu Hunderten, zu Tausenden, wenn die Provinz, wenn das Ausland ihnen folgt, wenn auf einmal endlose Mengen einer bisher wenig gangbaren Stoffart aller Orten gefordert werden – wunderbar, höchst wunderbar! – dann sind auch gerade von diesen Stoffen, welche die Führerinnen der Mode „kreirten“, gewaltige Vorräthe vorhanden. Man hört kaum etwas von einer ungewöhnlichen Preissteigerung in den so heftig begehrten Dingen und man hört ebensowenig, daß die Mode zufällig auf Dinge verfalle, von denen keine Vorräthe vorhanden sind; daß eine Mode nicht habe allgemein werden können, weil die ihr eigenthümlichen Stoffe nicht auf dem Markte gewesen seien. Und dann kommen die großen Verkaufstage der Magazine, in welchen diese ihre Neuheiten vorlegen. Diese mächtigen Bazare sammeln ihre Anziehungskraft auf die entscheidenden Tage. Die Reklame, die Neugierde der Frauen nach den an solchen Tagen neu ausgelegten Waren, die Bewegung auf dem ganzen Markte hat vorbereitend für den Erfolg gewirkt; dann strömt die sehens- und kauflustige Menge durch die Stockwerke des endlosen Geschäftshauses, Tausende von Verkäufern, Ladenmädchen, allzeit hilfsbereiten Dienern keuchen unter den Lasten von Aufträgen, Hunderte von Geschäftswagen führen die neuen Muster in alle Theile der Stadt, und wenn tief in der Nacht der Hauptkassirer das Buch schließt, verzeichnet er wohl den Umsatz von einer Million Franken! Die Mode hat sich der neuen Stoffe bemächtigt!

Es giebt also Menschen, welche ein Ahnungsvermögen dafür haben, welche Mode etwa im nächsten Jahre kommen werde, die dementsprechend Stoffe kaufen, ja es giebt Menschen, welche für eine kommende Mode schon Stoffe anfertigen?! Und wenn man [676] bedenkt, was es heißt, etwa der Vorliebe für gewässerte Seide, die heute besteht, zu genügen, für Tausende, Millionen Frauen diesen Stoff zu beschaffen, die Seidenkokons rechtzeitig einzukaufen, die Farben zu wählen und zu bereiten, die Muster zu zeichnen und für den Webstuhl zurecht zu machen, die Webstühle selbst einzurichten etc., so muß man sich sagen, daß vor einigen Jahren schon jene Modepropheten sich drangemacht haben müssen, das kommende Bedürfniß nutzbringend für sich zu verwerthen.

Ja, die Vermuthung liegt nahe, daß diese im großen schaffenden und spekulirenden Männer nicht bloß die ihnen willkommene Mode in Zittern und Bangen erhoffen, sondern daß sie alles dransetzen, ihr zum Siege zu helfen, damit sie nicht mit ihren Vorräthen sitzen bleiben. Denn was würde aus all den gewässerten Seidenstoffen, kaufte sie die Mode den Fabrikanten nicht ab?

Ich klagte einst bei einem großen deutschen Modewarenhändler darüber, daß er und sein Geschäftszweig von Paris so abhängig seien. Da kam ich aber schön an!

Er sagte mir ganz kurz und bündig: „Ohne Paris sind wir verloren. Wir wüßten dann selbst nicht mehr, was Mode wird, und unsere Damen wären erst recht rathlos. Was glauben Sie denn, was meine feinen Kunden sagen würden, wenn ich sie bäte, sich nach eignem Geschmack zu kleiden? Sie würden mich ganz verwundert anschauen und zu meinem Nachbar gehen, der ihnen zehn Proben als das Neueste anpreist und ihnen die Wahl erleichtert.“

Und darum habe ich mich denn bei diesem Händler einmal aufs Horchen verlegt, um die Kundschaft zu studieren.

Zuerst kam die Baronin F.

„Herr Müller, ich möchte mir ein Kleid in brauner brochirter Seide machen lassen.“

„Gewiß, gnädige Frau, hier habe ich einen Rest vom vorigen Jahre.“

„Einen Rest? Haben Sie nichts Neues?“

„Brochirte Seide ist in Neu nicht erschienen, wir haben hier ein Moiré antique …“

„So, ist’s möglich, brochirte Sachen werden nicht mehr getragen? Ach, bitte, zeigen Sie das Neue, giebt es dies nicht in Braun?“

„Ja, hier ist ein etwas grünliches Braun, fast Grün, eigentlich Meergrün, – garantirt modern, erst gestern eingetroffen!“

„So, vortrefflich! Und zeigen Sie mir etwas Spitzen zur Garnirung!“

„Das Neueste in Besatz sind applizirte Borden. Darf ich Ihnen etwas zu jenem grünen Moiré antique Passendes vorlegen – hier in Saftgrün?“

„Ich hatte eigentlich etwas Gelbliches, etwa crême gewünscht!“

„Natürlich, es steht besser zum Teint von gnädiger Frau! Wie wäre es mit dieser Borde?“

„Die ist aber roth!“

„Nun ja, gelblich roth, paßt aber reizend zum Kleide. Die Farbennuance ist ebenso apart wie modern!“

„Ich will das einmal bei Lampenlicht besehen!“

„Ich bitte hier einzutreten!“

Sie verschwand. Der Kaufmann rieb sich vergnügt die Hände.

„Das ist eine unserer elegantesten Damen bei Hofe,“ sagte er. „Ihr machen viele nach, was sie gewählt hat. Sie hat das, was man einen ‚originellen Geschmack‘ nennt. Sie haben es ja gesehen: braun brochirte Seide mit Cremespitzen wollte sie und grün Moiré antique mit rother applizierter Borde wird sie wählen. Sie kommt wieder – passen Sie auf!“

„Ich meine, die Borde könnte noch einen Stich röther sein!“

„Zu Befehl, gnädige Frau! Hier – gnädige Frau haben wieder außerordentlich geschmackvoll gewählt. Die Kombination wird Aufsehen machen, sehr originell!“

Sie nickte huldvoll.

Und als sie sich mit ihrer Zofe in den Wagen setzte, hörte ich sie sagen:

„Wenn man diesem Müller nicht ab und zu einen guten Gedanken gäbe, so käme er nie vorwärts!“

Die Geschichte machte mich stutzig.

„Einmal mag Ihnen dies gelingen, aber nicht immer!“

„Glauben Sie? Die ganze Kunst des Modehändlers besteht ja darin, die Kundschaft kaufen zu lassen, was Nutzen bringt. Kommen Sie! Ich werde Sie den Verlauf dieser Modenfragen noch weiter beobachten lassen.“

Nach einigen Tagen lauschte ich wieder.

Die Frau Kommerzienräthin J. saß fest auf dem Stuhl vor dem Ladentisch.

„Herr Müller, ich bin sehr böse auf Sie!“

„Weshalb, bitte? Ich bedaure sehr! Ich weiß nicht –“

„Warum haben Sie denn den grünen Moiré antique mir nicht gezeigt, den die Baronin F. auf dem Feste trug? Ich bin eine treue Kundin von Ihnen, aber ich bitte auch …“

„Sie werden nicht lange zürnen, gnädige Frau. Wollen Sie sich vielleicht in mein Privatcomptoir bemühen?“

Dort angekommen, entrollt er aus einem noch verpackten Ballen einen grünen blumigen Seidenstoff mit der Miene des sicheren Sieges.

„Nun?“ frug die Kommerzienräthin.

„Soeben eingetroffen! Auch nach Paris ist der Stoff erst in dieser Woche von der Fabrik versendet worden!“

„Und niemand kauft ihn!?“

„Ich versichere Sie – der berühmte Worth selbst …“

„Wenn’s nur wahr ist!“

„Ich gebe Ihnen mein Wort!“

„Und wer hat ihn hier schon gesehen?“

„Niemand als Sie, Frau Kommerzienräthin. Ueberzeugen Sie sich, hier habe ich zehn Stück, den Meter zu dreißig Mark. Sie sehen, ich will ein Geschäft damit machen. Wenn Frau Kommerzienrath den Stoff kreiren, ist der Erfolg zweifellos. Bei der Figur, den Farben!“

„Sie sind ein Schmeichler! Es ist aber wieder Grün, ganz wie bei der Baronin!“

Der Kaufmann klingelte einen Bediensteten herbei.

Bringen Sie einmal den neuen Moiré antique!“

Und als er gekommen war, sagte er:

„Sehen Sie, die Farbe ist ja nicht ganz neu, Frau Kommerzienrath hatten ja selbst ein ähnliches Kleid in Crêpe für das Seebad. Das Neue ist hier das Muster, große Ramage, Grün in Grün, das hebt den Stoff außerordentlich. Frau Kommerzienrath werden strahlend aussehen – vielleicht etwas schwarzer Besatz, Silberschmuck, Brillanten, stark gepudert –“

„Wieviel soll ich zahlen? Glauben Sie, ich laufe als Ihre Probiermamsell in der Gesellschaft herum und bezahle das noch mit dreißig Mark für den Meter? Sie wissen, ich kenne das Geschäft! Mein Mann lacht mich aus, wenn ich ihm die Rechnung zeige!“

„Wir wollen erst den Besatz aussuchen. Herr Kommerzienrath wird schon seine Freude haben … das andere findet sich …“

Ein zierliches junges Mädchen erschien an der Seite einer stattlichen Mama. Sie gingen sicheren Schrittes durch den Laden, jenem Tische zu, auf welchem sie das Gewünschte zu finden hofften. Der Inhaber des Geschäfts begleitete sie und schob ihnen Stühle unter.

„Sie hatten“ begann die Mama „vor einiger Zeit ein Heliotrop, einen leichten Atlas.“

„Der ist mir leider ausgegangen, er wird nicht mehr getragen.“

„Ach bitte, besorgen Sie mir ihn doch! Ich möchte ihn zu einem ganz bestimmten Zwecke haben.“

„Ich fürchte,“ antwortete der Händler, „daß er nicht mehr zu bekommen sein wird, auch bei der größten Mühe. Ich kann auch nicht dazu rathen, denn …“

„Aber ich brauche eine ganze Menge davon,“ warf das Fräulein ein. „Wir haben ein Kostümfest, sechs junge Damen …“

„Im Augenblick, da fällt mir ein – ich habe in rosa Merveilleux etwas ganz Modernes, wäre das vielleicht …?“

„Nein, nein,“ betonte die Mama mit Entschiedenheit, „wir haben das Heliotrop gewählt. Hier ist noch eine Probe davon. Könnten Sie nicht ein Stück fertigen lassen? Wir brauchen sechzig Meter.“

„Bedaure sehr, das ist ganz unmöglich! Die Fabriken sind überbürdet mit Aufträgen. Aber hier ein Satin in Lichtblau dürfte gnädigem Fräulein besser stehen, Heliotrop macht so bleich!“

„Aber Herr Müller,“ sagte diese mit ängstlichem Blick, „Sie sind doch sonst so gefällig. Das eine Stück werden Sie doch machen lassen können. Wir brauchen es so nothwendig!“

„Ganz unmöglich, meine Gnädigste!“

„Ich werde zu Herrn Schulze gehen!“ sagte sie drohend.

[678] „Vielleicht hat er einen alten verlegenen Rest, neu kann er es so wenig beschaffen wie ich. Wegen eines Stückes können die Fabriken ihre großen Bestellungen nicht unterbrechen!“

„Aber wenn Heliotrop nun wieder Mode würde?“ frug die Mama. „Sie haben es mir doch früher selbst verkauft.“

„Es wird nicht wieder Mode, gnädige Frau, wenigstens in den nächsten Jahren nicht! Es war überhaupt doch eigentlich eine Verirrung des Geschmackes … Der Kunstsinn schreitet doch vorwärts. Bei den vortrefflichen Kunstschulen, die wir jetzt haben …!“

„Sehen Sie,“ sagte der Kaufmann zu mir, als die Damen von ihrem Vorsatz sich durch alle Rednerkünste nicht abbringen ließen und fortgingen, „sehen Sie, das sind die unangenehmsten, aber auch zum Glück die Kunden der feinen Welt, die am seltensten sind – nämlich die, welche wissen, was sie wollen. Ich kann nur Leute brauchen, die sich erst dann darüber klar werden, was sie bei mir gewollt haben, wenn der Portier die Thür hinter ihnen zumacht. Man kann nicht in allen Stoffen alle Farben auf Lager haben und jedem Querkopf besorgen, was er gerade will. Hätten wir keine feste Mode, so gingen wir schon an den Vorräthen, die wir haben müßten, sicher zu Grunde. In dem Heliotrop habe ich vor drei Jahren ein Bombengeschäft gemacht. Jetzt muß aber einmal Schluß werden. Es ist nicht gut, wenn eine Ware sich zu fest einbürgert; Wechsel, immer Wechsel ist unser Wahlspruch! Ich bin auch zu stark in Seide engagirt. Der Schulze hat aber, so viel ich weiß, noch einen ganzen Posten Heliotrop, der wird sich als gefälliger Mann aufspielen, wenn die Damen wirklich zu ihm gehen, um ihm den Ladenhüter abzunehmen! Ich bin nicht neidisch – mag er den Ruhm haben, in Alterthümern stärker zu sein als ich!“ So schloß er lachend.

„Aber reden Sie nirgends von dem, was Sie hier gehört haben, Herr Doktor, das bitte ich mir aus!“ rief er mir noch nach. – –

Diese Beobachtungen waren mir doch recht überraschend. Also selbst diejenigen Damen, welche unsere Zeitungsberichterstatter für die Sturmfahnen der Mode ausrufen, selbst diese sind so wenig schuld an dem, was da kommt!

Ist’s nun in Paris anders?

Gewiß nicht. Auch dort wählen die tonangebenden Schneider die Damen zu ihren Stoffen, während die Damen glauben, die Stoffe zu wählen. Die ganz feinen Schneider sind sogar sehr vorsichtig. Erstens arbeiten sie nicht für Damen, welche ihnen nicht empfohlen sind; es soll nicht jede Frau sagen können: ich habe ein Kleid von dem und dem großen Meister. Und zweitens lassen sie sich nicht viel in ihr Fach hineinreden. Sie fühlen sich als Künstler, die das Recht des Ichs haben. Die Frau ist der zu schmückende Gegenstand. Der Meister betrachtet sie von oben bis unten und entwirft seinen Plan. Da giebt’s nicht viel Widerrede, selbst nicht für sehr vornehme Kundinnen. Der Schneider vertheidigt in jedem Kleide seine Geschäftsehre. Er darf nicht aus Gefälligkeit Geschmacklosigkeiten begehen, die doch ihm zur Last fallen würden. Arbeiten in Paris und London und zum Theil auch schon in Berlin und Wien die feinsten Herrenschneider doch auch nicht für jedermann! Sie wollen nicht viele Anzüge fertigen, sondern jeden einzelnen recht gut und entsprechend theuer. Es liegt ihnen daran, daß ihre Kunden gut gekleidet sind und daß sie somit an Zahlkraft, nicht an Zahl wachsen. In noch höherem Grade ist das bei den Frauenschneidern der Fall. Auch sie sind in den großen Städten nicht jene bescheidenen Gestalten, mit welchen die Frauen der mittleren deutschen Kreise zumeist noch zu thun haben: jene schneidernden Mädchen, die von Haus zu Haus gehen, jene kleinen Meister, die neben ihren Gesellen in Hemdsärmeln auf dem Tisch am Fenster sitzen. Auch bei uns haben die großen Geschäftsleute schon vielfach das Feld erobert, welchen der einzelne Kunde nur ein Bruchtheil der Kundschaft ist, den er in seinem Sinne ausbeutet. Die Mode ist von diesen Leuten längst fertig beschlossen, „kreirt“, ehe selbst eine von ihren „Königinnen“ weiß, was sie bringen wird. Es ist die verfassungstreueste Regierung der Welt, welche diese Damen führen: die Politiker der Mode kämpfen, riugen, beschließen, setzen durch – den Damen wird der fertige Beschluß zur Verkündigung übergeben, und die Menge jubelt ihnen zu als den Förderern des Geschmacks. Dem Könige die Ehre, den Ministern die Arbeit!

[698]
II.

Wohl nie hat eine Frau die Mode so „beherrscht“, als es die Kaiserin Eugenie in den sechziger Jahren that. Sie war ein Schatz in den Händen kluger Geschäftsleute. Noch nie gab es eine Frau, welche durch das bloße Tragen so ausgiebige Reklame für einen neuen Stoff, eine neue Farbe, einen neuen Schnitt machte und noch dazu so kaiserlich zahlte. Aber ihre Herrschaft hatte eine sehr sichtbare Grenze. Durch die Reklame, welche man für sie als Modekönigin machte, führte man eben die Mode selbst mit ein. Doch die Macht der Kaiserin endete mit dem Augenblick, in welchem sie eine eigene Mode machen wollte.

Eines Tags war Hungersnoth unter den Seidenwebern in Lyon. Die Kaiserin beschloß, die Industrie zu heben, und trug sich in Lyoner Seide. Das paßte aber den großen Schneidern von Paris nicht in ihre Handelspläne. Da sah die hohe Frau auf einmal, daß nur wenig Damen ihr folgten, und sie mußte erkennen, daß ihre Herrschaft also ausschließlich auf ihrem Gehorsam beruhte. Ihre Mode wurde nicht angenommen, die Welt kümmerte sich nicht um ihre Launen. Und klug wich sie zurück, ihre Niederlage verbergend. Lauter Beifall empfing sie wieder, seit sie alle selbstherrlichen Versuche in ihrem Reiche aufgab und hübsch verfassungsmäßig so auftrat, wie ihr die Minister der Mode vorschrieben.

Das Jahr 1870 brachte die Welt der Frauenkleider in Schwanken. Die so meisterhaft arbeitende Maschine wechselseitigen Lobes war zerstört. Paris schien entthront, es gab keine anerkannte Herrscherin mehr, die Modenanarchie war im Ansturm!

In mancher Beziehung kam es damals wirklich zum Abfall von Paris, z. B. hinsichtlich der Zimmereinrichtungen. Unseren Tapezierern fällt es nicht mehr ein, in Frankreich nach Vorbildern zu suchen, ebenso wenig unseren Tischlern. Hier haben die kunstgewerblichen Lehranstalten, hat die von ihnen gehobene Kunst des Entwurfes von Möbeln Großes geleistet. Es kommt ja zunächst nicht darauf an, ob der Geschmack der Deutschen besser sei als der der Engländer oder Franzosen, sondern ob die deutschen Erzeugnisse dem deutschen Publikum besser gefallen als die fremden. Dies ist in der Zimmereinrichtung thatsächlich erreicht, dadurch eroberten wir das heimische Geschmacksgebiet zurück. Die zweite Frage ist nun, ab auch fremde Länder unserer Geschmacksführung folgen wollen. Geschieht dies, so haben wir in der Ausfuhr die Vorhand. Man muß eben einmal untersuchen, wie der Geschmack geführt, die Mode gemacht wird.

Lassen Sie uns in eine der großen deutschen Tapetenfabriken eintreten! Dort liegen in mächtigen Bänden die Muster der letzten Jahre aus, Abschnitte aller Tapeten, welche gefertigt wurden. Die Reisenden, welche bei den Zwischenhändlern diese Bände vorlegten und die Aufträge einsammelten, haben ihre Berichte eingesendet. Da zeigt sich denn bald, welches unter den neu erschienenen und welches unter den älteren Mustern von den Händlern bevorzugt wurde. Diese aber haben feine Fühlung mit den tausenden Kunden und wählen die Gegenstände, von welchen sie annehmen, daß sie gut „gehen“ werden. Sie haben wohl den oder jenen gehört, welcher sagte: „Meine Zimmer sind mir etwas dunkel!“ oder: „Ich möchte doch eine etwas kleinere Zeichnung auf der Tapete haben, weil meine Bilder nicht gut auf den großen Blumen aussehen!“ oder: „Wenn nur eine frischere, lustigere Tapete für mein Boudoir zu finden wäre, etwa Streublumen auf Silbergrau!“

Alle diese Wünsche des Publikums sammeln sich im Gedächtniß des Händlers, auf Grund dieser wählt und bestellt er nach den vorgelegten Mustern. In den Berichten der Reisenden heißt es dann: „Helle Sachen, naturalistische Blumen wurden gefragt. Tieffarbige Stilmuster sind weniger gewünscht“ etc.

Alle Berichte, namentlich aber die Zusammenstellung der am meisten bestellten neuen Muster sprechen dann eine für den geschickten Fabrikanten und Musterzeichner sehr verständliche Sprache. Er erkennt deutlich, wohin der Zug der Zeit geht, welche Geschmacksrichtung unter den vorgelegten Arbeiten bevorzugt wurde. Nun heißt es, „Ersatz“ für die bevorzugten Muster schaffen, das heißt: neue Muster entwerfen, welche den bevorzugten alten verwandt sind, aber womöglich jene Eigenschaften in höherem Maße besitzen, durch welche die früheren beliebt wurden.

Die Feinheit des Musterzeichners muß sich nun bekunden. Er muß etwas Neues schaffen, das vom Alten sich nicht zu plötzlich entfernt und den Geschmacksandeutungen entspricht, welche das Publikum durch den Kauf bestimmter Ware gab. Er muß mit vorsichtiger Hand das Publikum leiten, indem er ihm doch den Zügel läßt. Er muß schaffen, was die Menge will, aber dabei sie zum Schönen hinführen. Was nützte es ihm, schaffte er das herrlichste Muster, das niemand kauft, es bliebe wie ein im Schreibtisch verborgenes Gedicht – zwecklose, verlorene Mühe! Der Maler, Bildhauer oder Musiker soll seine Gebilde frei aus sich schaffen, sie sollen ein reiner Widerhall seiner künstlerischen Stimmung sein, selbst wenn die Menge das Werk ablehnen sollte. Der Musterzeichner dagegen arbeitet für den Absatz. Er schafft völlig zwecklos, wenn seine Zeichnungen den Geschmack der Abnehmer nicht treffen. Er muß sich der Mode anbequemen. Aber indem er die Grundstimmung der Mode ausnutzt, muß er sie zum Guten führen lernen. Dazu gehört eine große Biegsamkeit des Geistes und eine feine Stilempfindung, ein tüchtig geschultes Künstlerthum.

Nach einigen Monaten hat der Fabrikant die neuen Musterentwürfe in sauberer Gouachemalerei vor sich. Der Laie vermag nicht zu erkennen, daß es nicht Abschnitte aus fertigen Tapeten sind, sondern Handmalereien, die der Musterzeichner vorlegt. Nun werden die Zeichnungen für den Druck in Holz gestochen und dann erhält ein Künstler diese „Stöcke“, um die „Karte zu kolorieren“. Dasselbe Muster wird in den verschiedensten Farbenzusammenstellungen benutzt. Es gilt nun, durch geschickte Wahl der Töne das Muster möglichst reich erscheinen zu lassen, damit mit wenig Druckplatten eine große Wirkung erzielt werde. „Ein Zweidruck muß den Eindruck eines Dreidrucks machen!“ sagt der Witz der Werkstätte.

Endlich ziehen die Musterkarten wieder auf die Reise. Nun zeigt sich, ob Fabrikant und Musterzeichner richtig gerechnet haben, ob sie trafen, was der Geschmack wünscht, ob sie in enge Fühlung mit der kaufenden Menge traten.

„Grade so habe ich es mir gedacht!“ so soll der Kunde sagen, wenn das Muster kommt.

Er soll die Tapete mit Freude an sich nehmen, weil sie den Ausdruck eines unklaren Wunsches bildet, der in ihm lebte. Denn in uns wandelt sich der Geschmack unaufhörlich, und zwar nicht bei jedem einzelnen in besonderer Richtung, sondern nach großen gemeinschaftlichen Gesetzen. Wer diesen Geschmack trifft, dem ist der Absatz sicher. Auch hier ist erst die zweite Frage: sind die neuen Erzeugnisse wirklich eine Verbesserung der alten? Das wird man erst nach Jahrzehnten zu entscheiden vermögen. Jetzt kommt es darauf an, sich klar zu werden, daß das schönste gewerbliche Erzeugniß, namentlich dasjenige, welches die Maschine in Tausenden von Wiederholungen anfertigt, uns nach und nach zu ermüden beginnt, daß es veraltet, und daß das Neue uns stets [699] schön erscheint, wenn es sich mit unserem in unklarem Gefühl fortschreitenden Stilempfinden begegnet.

Um aber im Handelsgebiet der Tapeten und ebenso in dem der Möbelstoffe die Fühlung mit dem Geschmack zu gewinnen, dazu gehören für ein Volk, für ein Gewerbe nicht nur guter Wille, sondern Jahre der emsigsten Arbeit und feiner künstlerischer Durchbildung. Es ist zweifellos, daß ohne den nationalen Aufschwung, ohne die 1870 aus Paris vertriebenen deutschen Musterzeichner dieser Wandel sich nicht vollzogen hätte.

„Sie haben schon einmal einen lebendigen Musterzeichner gesehen?“ frug mich eine deutsche Frau; „wie sieht so ein Mann denn aus? Gehört er der besseren Gesellschaftsklasse an? Ist er Künstler oder Handwerker, Mann von Stellung oder kleiner Fabrikbeamter? Trägt er einen schwarzen Schlapphut und eine Sammetjacke oder hat er eine Schürze von grüner Baumwolle um, wie die Buchbinder?“

Die Sachunkenntniß ist verzeihlich. Im Leben wie in der Dichtung ist der Musterzeichner in Deutschland noch eine wenig hervortretende Persönlichkeit. Wir haben noch keinen Roman wie Daudets „Fromont jeune et Risler aîné“[WS 1] und keine so meisterhafte Schilderung des deutschen Musterzeichners in Paris, wie ihn der große Naturalist uns im biedern Risler gegeben hat.

Aber es ist doch bezeichnend, daß Daudet den geistigen Leiter der großen Tapetenfabrik der Fromonts einen Deutschen – oder doch einen deutschen Schweizer sein läßt, denn die heutigen leitenden Köpfe im deutschen Musterfach sind vor 1870 fast ausnahmslos in Paris thätig gewesen.

Ihre Namen hier vor einem großen Publikum zu nennen, ist mir eine besondere Freude, weil die deutschen Fabrikanten es lange Zeit für eine Sache der Geschäftsklugheit gehalten haben, den Musterzeichner als ihren Handlanger darzustellen, während er doch nur zu oft die eigentliche Seele ihres Geschäfts war. Der Fabrikherr glaubt größeren Vortheil zu haben, wenn niemand jene Männer kenne, welche seine Waren zu schönheitsvollen machen. Selbst in Fachkreisen erwähnt man in Deutschland die Zeichner nur selten, welche für die großen Fabriken arbeiten, in den Fachblättern fast nie.

Die Fabrikanten gehen alljährlich nach Paris, froh, in den großen Ateliers die Mappen durchsehen zu dürfen, in welchen sich noch an Entwürfen vorfindet, was die Franzosen, Engländer und Amerikaner selbst zu kaufen verschmäht haben. Oder sie kaufen Proben fertiger Arbeiten, um diese unmittelbar nachzuahmen oder mit nur kleinen Veränderungen, welche meist Verschlechterungen waren. Dem Zeichner in Paris wird in oft nicht sehr würdiger Weise der Hof gemacht, jener zu Hause in möglichst knechtischer Abhängigkeit gehalten. Der kaufmännisch gebildete Fabrikant hält sich allein für den Träger des Geschmacks, den Zeichner nur für den Verwirklicher seiner künstlerischen Anschauungen. Erst sehr schwer, in vielen Gebieten auch heute noch nicht, haben die Fabrikanten sich zu ihrem eigenen Vortheile und zum Segen des Industriezweiges gewöhnt, den Musterzeichner als Künstler und als selbständig denkenden Menschen zu behandeln.

In den sechziger Jahren waren die Blumenmuster diejenigen, durch welche Paris die Welt beherrschte. Einer der ersten Künstler auf diesem Gebiete war der etwa vor zehn Jahren verstorbene Eduard Müller, ein Elsäßer, dessen außerordentlich saubere Zeichnung und feine Farbengebung ihm unter den „Blumisten“ dauernde Anerkennung sichern. Der Franzose Alfred Chabal-Dussurgey steht ihm in vieler Beziehung gleich, obwohl sein Einfluß auf das Gesammtgewerbe minder bedeutend war. Unter den neuen Zeichenwerkstätten von Paris steht diejenige von Arthur Martin entschieden am höchsten. Auch dort werden mit Vorliebe Blumen gezeichnet, und zwar mit jener Feinheit der Anordnung und der Wiedergabe, die ein altererbtes Gut der Franzosen ist. Doch fehlt es auch nicht an Mustern für stilvolle Sachen, namentlich für Gobelins, Stoffe, Cretonnes, Teppiche etc. Der Ruf des Victor Dumont litt, seit er, ein trefflicher Blumist, zu Stilzeichnungen überging. Gattiker arbeitet für die elsässischen gedruckten Stoffe.

Während die Franzosen die Musterzeichnerei als freie Kunst betrieben, während dort in den Werkstätten von allen Seiten Bestellungen einliefen, die Zahl der Lernenden aus allen Landen sich alljährlich mehrte, das Zeichnen ein Gewerbe und zwar ein sehr lohnendes für einen tüchtigen Mann wurde, behandelte man in Deutschland die Sache zunächst wissenschaftlich. Man studirte alte Stoffe, alte Flächenmuster, verbreitete sich über das Wesen der Ornamentik und wollte die idealen Muster, wie man sie etwa den Griechen nachbildete, den „Auswüchsen der Mode“ entgegensetzen. Was an Berlin unter dem Einfluß des großen Architekten Schinkel und einiger Mitarbeiter entstand, nimmt zweifellos künstlerisch eine hohe Werthstellung ein – aber kaufmännisch war es ganz ohne Wirkung. Einzelne Schlösser richtete man zwar nach „geläutertem Geschmack“ ein, aber die Made vermochte man nicht einen Schritt weit aus ihrem Geleise zu lenken. Auch die eifrigen Bemühungen des rheinischen Kanonikus Bock, auf die herrlichen Stoffproben, welche das Mittelalter uns hinterlassen hat, als auf Vorbilder für Neuschaffungen hinzuweisen, brachten doch zunächst nur bestimmte Kreise zur Nacheiferung.

In Deutschland fand erst seit 1870 das Musterfach einen festen Boden, aber es waren zunächst nicht die Fabrikanten, welche es stützten, sondern der Staat. Wiens „k. k. österreichisches Museum für Kunst und Industrie“, 1864 gegründet, bot das Vorbild. Dort nahm Prof. Stork die Formen der italienischen Renaissance auf und fand dann in opferbereiten Fabrikanten den Rückhalt, um bestimmend auf die Mode in großen Industriegebieten einzuwirken. Das war eine ganz außerordentliche That. Die Fachblätter, namentlich die Stuttgarter „Gewerbehalle“ unter Julius Schnorrs und Bäumers Leitung, bereiteten den Umschwung in Deutschland vor. Friedrich Fischbach wagte es, der französischen Mode entgegenzutreten, gestützt auf seine Stoffsammlungen und auf die aus diesen entstandenen Veröffentlichungen. Er übertrug die Richtung der Wiener Schule an die Zeichenakademie zu Hanau und wußte von hier aus deutsche Fabriken für seine stilvolleren Muster zu erwärmen. Nach Sachsen brachte Karl Graff die Wiener Anregungen. Die bedeutende Textilindustrie Sachsens hatte dort den Boden vorbereitet. E. G. Krumbholz, ein Schüler Chabals und feiner Blumist, Georg Schütz in Wurzen, einer jener Männer, die zu allem mit Geschick ausgerüstet sind, hatten der Industrie schon einen hohen künstlerischen Gehalt gegeben. Die Dresdener Kunstgewerbeschule wurde aber unter Graffs Leitung die erste, welche das Musterzeichnen entschieden im Sinn der Pariser Ateliers praktisch ohne wissenschaftlichen Nebenzweck zu pflegen begann. Max Rade und der 1883 verstorbene Hermann Beck, später Eckart und Bernhard Wissel, der in England zu Ansehen gelangte, sämmtlich Schüler des Arthur Martin, waren die Männer, welche Dresden und das ganze gewerbfleißige Sachsen zu Heimstätten einer Musterzeichnerei machten, die an Feinheit Paris nichts nachgab, an stilistischer Vertiefung aber es übertraf. Hierzu half wesentlich die schnell anwachsende Sammlung von alten Stoffproben mit, die den Zeichnern eine unerschöpfliche Quelle der Anregung bot. Unter E. Kumschs rühriger Leitung gewann die Sammlung bald den Ruf, die für das Musterzeichenfach am vortheilhaftesten angelegte zu sein. Heute fehlt es ihr selten an französischen oder englischen Benutzern.

Selbständig, auch litterarisch für sein Fach thätig, arbeitete in Wurzen Georg Bötticher als einer der besten in seinem Gebiet. Ihm gleichwertig sind August Matthis in Heidelberg und Friedrich Baer, welcher in Baden einen Schülerkreis heranbildete. Hofmann in Plauen i. V. sieht seinen Schwerpunkt im Gardinenfach. In Chemnitz und am Rhein, in Wien und München giebt es jetzt blühende Werkstätten, welche ihren Mann nähren und ihm die Möglichkeit geben, sich mit den Anforderungen des letzten Geschmackes vertraut zu machen.

Das sind also etwa die Leute, welche in gewissen Gebieten die Mode machen, d. h. die Mode, welche in der Luft liegt, durch zeichnerischen Entwurf zum Ausdruck bringen.

Im Gebiet der Kleidung haben sie freilich alle nur wenig Einfluß. Hier stehen ist erster Linie die Modezeitungen, welche eine ganz außerordentliche Gewalt über die Frauenwelt Deutschlands bekommen haben. Es ist durchaus bezeichnend, daß die Modezeitungen gerade bei uns blühen, ja in Tausenden von Exemplaren für Frankreich und England angefertigt werden, während wir doch die Mode nur in kleinen Theilen beherrschen.

Wie aber arbeiten die Modezeitungen? Die Leiter derselben stehen mit den Fabrikanten in enger Verbindung. Der Großschneider läßt nach seinen Angaben ein neues Kostüm fertigen. Dies wird der Redaktion vorgelegt, welche es für ihr Blatt zeichnen [700] läßt, wenn nicht schon der erste Entwurf zur Wiedergabe geeignet ist. Denn es giebt besondere Leute, welche „Figurinen“ zeichnen, und zwar ist auch dieses Gebiet des gewerblichen Schaffens besonders in Paris ausgebildet worden. Es gehört dazu eine große Sachkenntniß. Ein Maler, und wäre es der beste, würde die Fabrikanten wenig befriedigen. Denn gerade weil er die Figuren richtig zeichnen würde, wären sie für jene nicht brauchbar. Die Verhältnisse des menschlichen Körpers sind derart, daß der Kopf etwa ein Siebentel der Gesammthöhe ausmacht. Schlagen wir ein Modeblatt auf: da bildet der Kopf oft nur ein Elftel der Figur. Die Gestalten sind in die Länge gezogen; solchen Frauen, wie man sie dort sieht, würden die Kinder auf den Straßen nachlaufen, wenn sie überhaupt vorhanden wären. Diese Mißbildung aber gerade ist es, welche die Figurinen der Frauenwelt als schön erscheinen läßt. Die Kunst schwankt stets zwischen unabsichtlichen Verzeichnungen hin und her. Bald sollen ihre Gestalten kräftig erscheinen und werden leicht zu dick und kurz: so bei Niccolo Pisano, dem vortrefflichen italienischen Bildhauer des 13. Jahrhunderts, bei dem der Kopf oft bis zu einem Fünftel der Gestalt anwächst. Dann, wenn es gilt, geschmeidige, durchgeistigte Wesen zu schildern, strecken sich die Körper, so z. B. in der Zeit der Gothik, bis zur komischen Wirkung. So geht es auch in der modernen Kunst. Man braucht nur einmal mit dem Zirkel in der Hand die Zeichnungen namentlich der beliebten „Spezialartisten“ nachzumessen: der Kopf der vornehmen Leute, ihre Füße und Hände schrumpfen da zu Abmessungen zusammen, die in Wirklichkeit lächerlich oder krankhaft erscheinen würden. Aber gerade infolge dieser Verzeichnungen erscheinen sie als vornehm. Im 15. Jahrhundert galt ein vorgedrückter Leib, eine Stellung in der S-Linie bei Frauen für schön, heute ist’s eine Wespentaille.

Die Figurine aber soll durch die Künste des Zeichners die Frauen verleiten, das Kostüm nachzuahmen, die „Bezugsquellen“ sind angegeben, die Wahl der Stoffe soll erleichtert werden – d. h. jene Beeinflussung der Frauenwelt, welche in Paris auf der Börse der Eleganz, den Boulevards, und durch die großen Magazine ausgeübt wird, vollzieht sich in Deutschland, wo der geschäftliche Mittelpunkt fehlt, auf litterarischem Wege. Wenn dann das Kostüm genau nach der Figurine geschneidert werden soll, bemerkt man mit Schrecken, daß jene Eleganz nicht zu erreichen ist, welche die Modejournale zeigen, daß es am wahrhaft schönen Frauenleibe an Platz fehlt, um die Falten so zu legen, wie sie an jenen Modehopfenstangen verlockend angeordnet sind.

Die Modeblätter sind eine Macht geworden, die kein Fabrikant umgehen kann, und der Aufschwung der Berliner Konfektion hat zweifellos engen Zusammenhang mit dem Blühen der Berliner Modezeitungen, welche die ersten der Welt geworden sind.

Also auch die Mode im Berliner Konfektionshandel ist nicht von den Frauen abhängig. Der Großschneider macht eine Anzahl Versuche mit neuen Mantelformen, er schickt sie auf die Reise und liefert, was die Händler bestellen, wenn er nicht in einem vielbesuchten eignen Laden die nöthige Fühlung mit der Frauenwelt bekommt. In einem derartigen Laden ist der Käufer ganz willenlos, wenigstens außerhalb des ihm vom Händler freundlich gelassenen Spielraums. Da heißt’s, eines der „modernen“ Muster kaufen oder gehen! Denn wie viele Damen haben den Muth, selbständige Formen zu entwerfen, und wie viele Händler Zeit und Lust, auf die Wünsche einzugehen? Schreitet das Konfektionswesen fort, gelingt es dem Großkapital, die kleineren, im einzelnen arbeitenden Schneider zu verdrängen, so wird die Einförmigkeit der Mode bei schnellem Wechsel immer mehr steigen. Die Berliner Fabrikation hat es ja schon dahin gebracht, daß nur noch verhältnißmäßig wenig Frauen sich einen Mantel anfertigen lassen, der für sie besonders hergerichtet ist. Von der Fürstin bis zum Ladenfräulein ist nur der Werth des Stoffes und die Verfeinerung der Arbeit das Unterscheidende, der Schnitt, die Mode ist bei ihnen allen schon fast gleich. Nur bringt der Händler die besseren Waren zuerst auf den Markt, um sie sich als „Nouveauté“, als „letzte Neuheit“, doppelt so gut bezahlen zu lassen. Schreitet diese Form der Kleidererzeugung fort, so wird vielleicht die Ueit kommen, in der wir uns nach der Launenhaftigkeit der Mode wieder sehnen, nachdem die Einförmigkeit der Kleidung ganz außerordentliche Steigerung erlebt hat. Also waren es in diesen Gebieten die Fabrikanten, welche die Mode von Paris frei machten, nicht das kaufende Publikum.

Es ist ein großer Irrthum vieler Händler, daß sie glauben, die Käufer wollten französische Waren erstehen. Erst wemt den letzteren eingeredet wird, das Fremde sei besser, fordern sie Fremdes. Und sehr mit Recht, denn es ist eine unbillige Forderung an den Patriotismus, daß wir das minder Preiswerthe kaufen sollen, weil es deutsch ist. Diese Selbstaufopferung hat kein Volk der Welt. Wenn aber das Deutsche anerkannt ebenso gut oder besser als das Fremde ist, so werden nur vereinzelte Narren oder Närrinnen das einheimische Erzeugniß verschmähen.

Eine Erfahrung jedoch, welche ich einst ist Gesellschaft eines Musterzeichners in Hamburg gemacht habe, giebt zu denken.

Ein Kaufmann zeigte uns Stoffproben, deutsche und französische. Die letzteren waren zwar theurer, aber auch unvergleichlich besser. Mein Gefährte, der, wie sich später zeigte, eine Reihe der vorgelegten Muster selbst entworfen hatte, ließ sich die ganze Karte zeigen, ehe er sein Urtheil abgab. Dies fiel aber auch um so derber aus. Der Händler hatte nämlich alle Probeabschnitte zusammengelegt, die besseren als französisch auf die Seite gethan, während die häßlicheren und minderwerthigen, gleichviel woher sie stammten, als deutsch bezeichnet wurden. Die „französischen“ waren dann aber auch, wie es mit erkünsteltem Bedauern hieß, sehr viel theurer: „Solche Ware geht eben nicht in Deutschland, darauf können sich unsere Fabriken gar nicht einlassen.“

Auf unsere Vorwürfe antwortete der Händler: „Was wollen Sie, die feinen Leute kaufen die Sachen nicht, wenn ich sage, sie seien aus Crefeld oder Glauchau!“

Freilich, sie kaufen nicht, weil man ihnen eben erst den Gedanken eingeimpft hat, das Beste stamme nicht daher. Als der Kaiser von Marokko dem Kaiser Wilhelm II. die herrlichsten Brokate durch seine Gesandtschaft überreichen ließ, wußte der Schenker auch nicht, daß diese Erzeugnisse orientalischer Prachtliebe in – Crefeld gefertigt seien! Aber es ist ärgerlich, daß die Fabrikanten nicht durchsetzen, daß es der Kaiser von Marokko erfährt, woher seine Ware kommt, sondern mit pfiffiger Miene zuschauen, daß man ihr Werk für ein fremdes ausgiebt.

In Deutschland giebt es genug Leute, welche trotzdem in solchem Vorkommniß einen Sieg des deutschen Gewerbes sehen. Mir will es als ein Mangel an nationalem Rückgrat bei den Fabrikanten erscheinen. Der Engländer und Franzose ist eben überzeugt, daß sein Werk als das beste in der Welt gilt, und sorgt dafür, daß seine Fabrikmarke als Ehrenschild das Erzeugniß decke, während wir oft noch froh sind, wenn unseres unter falscher Flagge für das beste genommen wird!

So sind es eben die Fabrikanten, welche im Wandel der Mode der Vorwurf der Abhängigkeit vom Ausland trifft, und mehr noch die Kaufleute – nicht etwa die Frauen! Und es giebt thatsächlich Wege, um einen Wandel zu schaffen, namentlich durch eine systematische Ausbildung des Musterfaches für die Mode. Der Staat, der ja leider bei uns immer als Allerweltsretter angerufen wird, kann hier wenig machen. Die Fabrikanten sollten aus sich heraus die Anregung geben, daß ein höher stehender Zeichnerstand, ein solcher, wie er seit 1870 für Tapeten, Möbelstoffe u. dergl. thatsächlich sich ausgebildet hat, herangezogen werde, Leute, welche eigene schönheitliche Gedanken zur Ansführung bringen, ohne die Fühlung mit dem allgemeinen Geschmack zu verlieren, welche vor allem aber in der Lage sind, in den Uebergangszeiten den Sinn auf das Schöne hinzulenken und nicht auf kecke Uebertreibungen der angeregten Moderichtung. Denn diese Uebertreibung ist es, welche das Neue bald ungefällig macht und es durch Neueres verdrängen läßt. Die unkünstlerische, ungeschulte, dilettantische Schaffensart innerhalb der deutschen Modemacher ist ein wesentlicher Grund unserer Abhängigkeit vom Ausland. Wo an deren Stelle zielbewußtes Vorgehen trat, wie etwa bei den Herrenhutmachern, hat sich die Sache schnell geändert.

An die Fabrikanten und Händler also sind die Schmerzensschreie der Aesthetiker, der Bekämpfer der Moden zu richten, nicht an die Frauen, von denen die einzelne ein Tropfen in einer Brandung ist, willenlos dem Zuge der Woge folgt und stolz ist, sie kurze Zeit als glänzender Schaum geschmückt zu haben, ehe sie wieder zurückfluthet in das Meer der Allgemeinheit.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Alphonse Daudet: Fromont jeune et Risler aîné, 1874 (dt. von Claire von Glümer: Fromont junior und Risler senior, 1887 Internet Archive)