Ein deutsches Mädchen auf dem Kriegspfade

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Autor: Gerhard von Amyntor
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Titel: Ein deutsches Mädchen auf dem Kriegspfade
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40–41, S. 678–682, 702–704
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[678]

Ein deutsches Mädchen auf dem Kriegspfade.

Von Dagobert von Gerhardt (Amyntor).

Ja, meine Herren, – sagte der verabschiedete alte Oberst – Sie werden mir recht geben, denn Sie haben ja auch alle Pulver gerochen – der Krieg versetzt uns oft in die merkwürdigsten Lagen und schafft Verhältnisse, die keiner von den Romanschreibern jemals erfinden könnte. So erinnere ich mich an eine Geschichte, die mein kommandirender General von seinem Kutscher, den er unmittelbar nach dem französischen Kriege angenommen hatte, zu erzählen wußte … ich will Ihnen diese Geschichte wieder erzählen, zumal ich selbst, wenn auch nur als Nebenperson, in derselben vorkomme.

Also, es war in der zweiten Augustwoche des großen Jahres 1870, als auf dem Vormarsche gegen Metz eine Kompagnie Infanterie in ein eben erst von seinem Besitzer verlassenes Gehöft gerathen war. Der Gefreite Friedrich Dornbusch, ein geborener Rheinländer, der aus einem kleinen Neste seiner Heimath, wo er in einem Fuhrgeschäft als Kutscher gedient hatte, wieder zur Fahne einberufen war, hatte in einem Stalle dieses Gehöftes eine hinter verrottetem Stroh und Heu versteckte Holzkiste gefunden.

„Donnerwetter, Jesaias!“ rief er einem Unteroffizier zu, der seine Nase zur Stallthür hereinschob, „hier hat ein Franzose seine Schätze verborgen!“

Der Unteroffizier, der die nicht gerade dienstmäßige Anrede zu überhören schien, trat ungläubig lächelnd näher. Er hieß Jesaias Schellbaum, war seines Zeichens Tischler und seiner Sprache nach unverkennbar ein Schlesier. Auch er war eine Zeit lang in jenem rheinischen Neste, wo Dornbusch seinen Lebensunterhalt fand, thätig gewesen; er war dort mit dem großen und ungewöhnlich starken Kutscher näher bekannt geworden und beide hatten sich bald nur noch mit ihren Vornamen angeredet. So wurde es denn jetzt dem Gefreiten Dornbusch herzlich sauer, zu dem allzeit muntern und etwas prahlerischen Jesaias „Herr Unteroffizier!“ zu sagen, und auch Jesaias mußte sich immer erst seiner Tressen und seiner durch dieselben bedingten Würde bewußt werden, um seinen früheren Bekannten nicht wie sonst mit dem gemüthlichen „Fritze!“, sondern mit einem gemessenen „Gefreiter Dornbusch!“ anzureden.

„Da wird auch nichts Besonderes drin stecken, Fritze! Wart’ a bissel, mer wullen sie aufmachen! Wozu bin ich denn Tischler?“

Schon hatte der Unteroffizier sein Seitengewehr gezogen und schob die Klinge zwischen Kiste und Deckel. Mit einigen ruckartigen Armbewegungen sprengte er den Deckel ab, so daß die verbogenen Drahtstifte aus demselben herausstarrten; dann griff er mit kühner Hand in das Stroh, das in der Kiste sichtbar geworden war. Auch Friedrich Dornbuschs kräftige Rechte wühlte prüfend in den Halmen, und bald zog sie eine in buntes Seidenpapier gehüllte, dickleibige Flasche hervor.

„Hurrah, Champagner! Den können wir brauchen, Jesaias! … eins, zwei, drei … sechs Flaschen in einer Reihe …“

„Und zwei Reihen sind es,“ fiel der Unteroffizier ein, der immer tiefer wühlte, „das macht nach Adam Riese zwölf Butteln. Weißt Du was, Fritze? Die kneipen mer zwei beide ganz allein aus.“

„Du, das sollte uns verflucht sauer werden! Dieser französische Champagner hat den Teufel im Leibe – ich kenne ihn; habe ihn einmal bei einer Hochzeit verkostet, wo mir der Lohndiener eine Buttel heimlich auf den Wagen heraufreichte … Himmeldonnerwetter! ich weiß heute noch nicht, wie ich damals mit meiner Karre nach Hause gekommen bin! Nein, nein, keine Dummheiten! Weißt Du? diese vier Pullen bringen wir unserm Hauptmann …“

„Und diese vier unsern Lieutenants!“ stimmte Jesaias sofort bei, „die letzten vier aber – straf’ mich Gott! – stechen mer allein aus; warum hat uns dieses französische Narrenvolk aus unserer Ruhe aufgestört? Strafe muß sein!“

[679] Er hatte einer Flasche bereits mit seinem Säbel den Kopf abgeschlagen und trank in vollen Zügen von dem hervorschäumenden Naß.

„O, o, o! wie schade! Die Hälfte läuft ja über!“ bedauerte Dornbusch und griff nun auch seinerseits begierig nach der angebrochenen Flasche. „Auf Dein Wohl, Jesaias – – Herr Unteroffizier!“

Jesaias Schellbaum richtete sich kerzengerade auf und drehte sein blondes Schnurrbärtchen, herablassend lächelnd, durch die Fingerspitzen.

„Sie haben recht, Gefreiter Dornbusch; in Feindes Land sind mer allzeit im Dienst. Ich trinke den Rest auf Ihre Gesundheit.“ Und er hob die Scherbe an den Mund und leerte sie, ohne abzusetzen.

Der Gefreite holte nun sein Taschenmesser hervor und langte nach einer zweiten Flasche.

„Auf einem Fuße können wir nicht stehen; diese hier trinken wir noch auf Seine Majestät den König und auf den Sieg unserer gerechten Sache …“

„Und auf gesunden Heimmarsch, Fritze!“ ergänzte der Unteroffizier, der schon wieder die Dienstmiene aufgegeben hatte und gemüthlich wurde.

„Mir auch einen Schluck!“ rief ein dritter Soldat, der eben in der Stallthür erschienen war und verwundert den Vorgang bemerkte.

„Sollst ihn haben, mein Junge,“ versetzte der Unteroffizier, „aber erst von der nächsten; diese hier pfeife ich mit dem Gefreiten Dornbusch ganz allein aus … hi, hi, hi!“

„Lassen Sie ihn doch mittrinken, Herr Unteroffizier!“ sagte Dornbusch, der nicht ohne Besorgniß die steigende Munterkeit seines Vorgesetzten bemerkte, „wir haben ja Stoff genug.“

„Sie haben zu schweigen, Gefreiter, und Ordre zu pariren!“ schnarrte Jesaias in komischem Ernst. Er nahm die eben geöffnete Flasche dem andern aus der Hand und sagte mit erhobener Stimme: „Auf alle blonden Mädchen an beiden Ufern des Rheines!“

„Ja, darauf trinke ich mit!“ rief Dornbusch begeistert.

„Ha, ha!“ lachte Jesaias, „wie dem Fritze die Augen funkeln! Hast Du … haben Sie denn auch so ’was Blondes zu Hause, Gefreiter Dornbusch? he?“

„Freilich habe ich das! Das schönste Mädchen in X! Und auf die wollen wir diese Buttel leeren!“

„Halt, halt! immer hübsch sachte!“ lallte der Unteroffizier, der mehr und mehr berauscht wurde, „das schönste Mädchen in X? Die müßte ich doch auch kennen! Wie heißt sie denn? Dort giebt’s keine schöne Dirne, die mir nicht schon ihr Schnäbelchen geboten hätte.“

„Ho, ho!“ fuhr Dornbusch auf, „die Marie Segner aber nicht! Die ist meine Braut und kein anderer als ich hat sie je küssen dürfen.“

„Die Marie Segner?“ prahlte der trunkene Unteroffizier, den dieser Einspruch des Gefreiten reizte, „ach, du lieber Gott! die kenne ich ganz genau … ist ein schmuckes Mädel, das muß wahr sein! Dem ersten besten fällt sie nicht um den Hals … aber dem Tischler Jesaias Schellbaum – dem hat sie doch nicht widerstehen können!“

„Das lügst Du, Schellbaum!“ rief wüthend der Gefreite und packte ihn am Arme, „gleich nimmst Du vor diesem hier,“ er deutete mit einer Kopfbewegung nach dem hinzugekommenen Kameraden, „Deine Lügen zurück oder … Du sollst mich kennen lernen!“

Unwillig machte sich der Unteroffizier frei, indem er einen Schritt zurücktrat.

„Gefreiter Dornbusch, wollen Sie sich an Ihrem Vorgesetzten vergreifen?“

„Der Teufel ist mein Vorgesetzter! Wenn Du nicht widerrufst, was Du gegen mein Mädchen gesagt hast, so schlage ich Dir den Schädel ein!“

„Sei vernünftig, Dornbusch!“ suchte der dritte Soldat den Zornbebenden zu beruhigen, „mache Dich nicht unglücklich!“

„Er ist ein Narr!“ stammelte der Unteroffizier, „wegen der blonden Segner! Wegen der! Hi, hi! Die …“

Weiter kam er nicht. Der feste Kistendeckel, den Dornbusch ergriffen hatte, sauste durch die Luft und auf den Schädel des Trunkenen. Ein harter Schlag, ein kurzes Aufstöhnen, und Jesaias Schellbaum brach wie vom Blitze gefällt zusammen.

„Barmherziger Gott! Er hat ihn erschlagen!“ schrie der entsetzte Unbetheiligte und stürzte aus dem Stalle.

Fünf Minuten später stand der Gefreite Dornbusch, durch den Schreck völlig ernüchtert, vor seinem Hauptmann.

„Zum Teufel!“ sagte der Hauptmann, „wie konnte sich ein Gefreiter so weit vergessen? Wenn Sie auch, wie es scheint, gereizt worden sind, so mußten Sie doch so viel Disciplin im Leibe haben, um sich nicht so unverantwortlich hinreißen zu lassen! Wo in aller Welt hatten Sie denn Ihre fünf Sinne? Einem Unteroffizier der eigenen Kompagnie den Schädel einzuschlagen! Man hat ihn für todt weggetragen! Das Kriegsgericht wird Ihnen den Prozeß machen, und hoffen Sie nicht, daß Sie billig davonkommen; Ihr Leben ist verwirkt!“

Als der Gefreite entwaffnet und verhaftet wurde, brummte der Hauptmann, der mißgestimmt zusah: „Jammerschade um den Kerl! Der schneidigste Gefreite meiner Kompagnie! Hätte sich das Eiserne Kreuz holen können und muß nun so elend zu Grunde gehen!“ –

Die Kompagnie trat den Weitermarsch an. Da es in Feindesland keinen Untersuchungsarrest giebt, so wurde Dornbusch, dem Flinte und Seitengewehr abgenommen worden waren, am Ende der Kompagnie durch eine besondere Wache mitgeführt. Im Bivouac wurde er der Lagerwache übergeben. Wortlos ließ er alles mit sich geschehen. Die Kameraden betrachteten ihn scheu und nicht ohne geheimen Schauder; sie begriffen die Schwere seines Vergehens und ahnten, daß man zur Aufrechterhaltung der Disciplin an ihm ein abschreckendes Beispiel aufstellen würde.

Als die Sterne auf die ums schwelende Wachtfeuer hockende Lagerwache niederfunkelten, gedachte der arme Verhaftete seines fernen Liebchens. O, wenn er ihr noch einen einzigen Abschiedskuß auf die frischen Lippen drücken, noch ein einziges Mal seine Wange an die ihre legen dürfte! Er hatte nicht an ihr gezweifelt; er wußte, daß sie rein und treu war; zur Vertheidigung ihrer jungfräulichen Ehre hatte er die rächende Hand erhoben; wenn er in der Züchtigung eines trunkenen Schwätzers und Aufschneiders, gegen seinen Willen, zu weit gegangen war, sie würde ihn nicht als Todtschläger verurtheilen, sie würde ihm verzeihen und ihre herzliche Theilnahme nicht versagen. Aber sie erfuhr wohl gar nicht, weshalb man ihn – – – Wie lange war es ihm noch vergönnt, das Licht der Sonne und das Gefunkel der Sterne zu erblicken? Bald, das weiß er, naht die Stunde, wo man ihn vor das Kriegsgericht fordern wird; oft genug hat er von dem abgekürzten Verfahren solcher Gerichte erzählen gehört: Anklage, Vernehmung der Zeugen und Urtheil folgen einander auf dem Fuße, und ist das Todesurtheil gesprochen, dann wird nicht lange gefackelt – eine Grube im Sande ist bald gegraben; er muß vor ihr niederknien oder kann auch, wenn er die Kraft dazu hat, vor ihr stehen bleiben – eine krachende Salve – und vom heißen Blei durchbohrt, sinkt er ins offene Grab. Ein Schleier webt sich vor seinen Augen; er wischt mit dem Handrücken über die Wimpern und ein paar funkelnde Tropfen bleiben an seiner Hand haften. Pfui Teufel, Dornbusch! Du wirft doch nicht greinen wie ein Frauenzimmer! Einen Tod sind wir alle schuldig, der eine früher, der andere später; wer weiß, ob der Sergeant dort, der die Wache befehligt und mich, den Todgeweihten, bewacht, nicht noch eher ins Gras beißt als ich!

„Herr Sergeant!“ hob er mit leiser Stimme an, „Herr Sergeant!“

„Was giebts?“ fragt dieser freundlich zurück; er hat soeben ähnliche Betrachtungen angestellt – ihm sitzt ein Weib nebst einem Kindlein daheim und er hat sich im stillen gefragt, ob er sie wohl noch einmal wiedersehen werde – „was wollen Sie, Dornbusch?“

„Herr Sergeant, ich hätte eine große Bitte; könnten Sie mir wohl einen Zettel Papier schenken? Einen Bleistift habe ich selber; ich möchte nur noch einen letzten Gruß an meine Braut schreiben.“

„Nun,“ brummt der Sergeant, der ein eigenartiges Zucken des Herzmuskels verspürt, „wenn ich auch nicht akkurat weiß, ob das statthaft ist, ich denke, ich werde es verantworten können. Hier ist ein Briefbogen und ein Umschlag“ – er hatte beides aus seinem Tornister hervorgekramt – „rücken Sie nur näher ans [680] Feuer und schreiben Sie getrost an Ihre Liebste; Sie können sie auch von mir grüßen, wenn ich sie auch nicht kenne. Horch! da vorn knallt es schon wieder! Morgen früh wird es wohl etwas geben; wer weiß, wer morgen abend von uns noch übrig ist!“

Friedrich Dornbusch meldete seiner blonden Marie, was ihm begegnet war, und nahm von ihr Abschied für dieses Leben. Als er den Brief gefaltet und adressirt hatte, übergab er ihn dem Sergeanten mit der Bitte, ihn doch unter die andern Kompagniebriefe zu stecken und so in die Hände der Feldpostordonnanz gelangen zu lassen. Der Brief wurde auch richtig schon am andern Morgen befördert und kam ziemlich schnell nach X, wo er dem Herzen eines flachshaarigen Mägdleins eine gar bittere Pein bereitete.

Der Sergeant hatte übrigens recht prophezeit. Es kam am nächsten Tage zu einem ungestümen Kampfe bei Courcelles, zu jener Schlacht, die gewöhnlich nach den Orten Colombey-Nouilly benannt wird. Jedes Gewehr war von Wichtigkeit. Der Hauptmann sprengte an das Ende seiner noch im Anmarsch begriffenen Kompagnie und befahl, den Gefreiten Dornbusch für die Dauer des Gefechts zu bewaffnen und in Reih und Glied zu stellen.

Der so überraschend, wenn auch voraussichtlich nur für kurze Zeit Erlöste kam sich wie ausgetauscht vor. Welch unschätzbar hohes Gut ist doch die Freiheit, selbst die Freiheit, zu kämpfen und vielleicht den Tod zu finden! Er hätte aufjubeln und seinen beiden Nebenleuten abwechselnd um den Hals fallen mögen! Er durfte wieder seine Zündnadel führen; er durfte sie laden und ihr zischendes Blei gegen die Feinde seines Vaterlandes versenden! O du grause, herzschwellende Lust des männermordenden Kampfes!

„Der Schützenzug schwärmen!“ erscholl das Befehlswort. „Dorthin! gegen das Gehöft!“

Und auseinander stob der Zug und wimmelte und knallte vorwärts über Hecken und Gräben, immer näher gegen eine Meierei, deren steinerne Umfassungsmauer von den rührigen Rothhosen in aller Eile mit Schießscharten versehen worden war. Mörderisch schlug der Chassepothagel in die braven blauen Jungen und knickte manch hoffnungsvolles Leben, das hoch und stolz aufgeschossen war zur Freude liebender Eltern oder einer schwärmenden Braut. Die heftig vorstürmende Bewegung wurde aber mählich langsamer; hier und da duckte sich ein Schütze und blieb hinter einer Erdfalte liegen – man wußte nicht, war er getroffen oder wollte er Deckung suchen.

„Vorwärts! vorwärts!“ schrie Dornbusch in glühendem Kampfeseifer, „vorwärts, Kameraden! Stopfen wir der grrrande nation das grrrooße Maul!“

Einige lachten; alle aber fühlten sich hingerissen durch das Beispiel des löwenkühnen Rheinländers, der in immer gleicher Geschwindigkeit voranstürmte und dem sie begeistert nachfolgten.

„Hurrah! Hurra – a – ah!“ Sie hatten die Mauer des Gehöftes erreicht. Man steckte die Zündnadeln von außen durch die Schießlöcher und knallte den abziehenden Franzosen nach; Dornbusch aber schwang sich über die Mauer, räumte die Hindernisse fort, die das Hofthor versperrten, riß einen Thorflügel auf und rief:

„Kommen Sie ’rein in die gute Stube! So! die hätten wir gesäubert! Und nun dem Feinde nach! Hurrah, wer folgt mir?!“

Der Sergeant, der zur Nacht die Lagerwache gehabt hatte, brummte kopfschüttelnd: „Dummes Zeug! Wir bleiben hier und schicken der Gesellschaft unsere blauem Bohnen nach. Dorthin, an die jenseitige Mauer! Was die Rothhosen können, können wir auch; wir schlagen dort ebenfalls Schießscharten …“

Er beendete den Satz nicht; er warf beide Arme in die Luft und fiel vornüber zur Erde; eine Kugel hatte ihm das Herz durchbohrt.

Dornbusch beugte sich über ihn und sah, daß er todt war. „Nun ist er mir doch zuvorgekommen!“ murmelte er halblaut zwischen den Zähnen. Dann richtete er sich auf und bat die Kameraden, den Körper des Gefallenen an der Mauer zu bergen. Vorsichtig legten sie ihn dort nieder, als gälte es, dem Empfindungslosen jede harte Berührung zu ersparen.

„Gott schenke ihm den ewigen Frieden!“ sprach Dornbusch feierlich und lüftete seinen Helm.

„Amen!“ erklang es im Chor. Auch die Kameraden hatten einen Augenblick ihre Häupter entblößt.

„Und nun weiter!“ hob Dornbusch wieder an, „wir geben den Rothhosen das Geleit! Die Arbeit, die wir heut thun, bleibt uns morgen erspart! Vorwärts!“

Das Häuflein stürmte durch das Gehöft und auf der anderen Seite hinaus, dem abziehenden Feinde nach.

Der den Zug befehligende Lieutenant, der mit dem größten Theil seiner Leute den Westrand der genommenen Meierei besetzt hatte, sah, wie eine Sektion unter Führung des Gefreiten Dornbusch vorbrach.

„Hier geblieben!“ rief er den Kampfberauschten nach, „wir müssen uns erst sammeln.“

Sie hörten nicht. Da verließ der Offizier seine Deckung und lief hinter den Durchgängern her.

„Seid ihr denn taub und blind? Himmeldonnerwetter, zurück!“

Die Sektion stutzte. Dornbusch kehrte sich um und bemerkte den athemlos herankommenden Zugführer.

„Sammeln!“ rief dieser.

„Kehrt! sammeln!“ wiederholte Dornbusch, und die Sektion wandte sich und zog sich wieder nach dem genommenen Gehöfte zurück. Aber ein heulender Kugelhagel wurde ihr nachgesandt.

„Unser Lieutenant!“ rief plötzlich ein Soldat und deutete rückwärts.

Der Offizier war zusammengebrochen und lag verlassen und hilflos auf der ungedeckten Ebene, preisgegeben den Geschossen des in kurzer Entfernung sich wieder einfindenden Feindes.

„Ich hole ihn!“ sagte Dornbusch, „Ihr andern, marsch, marsch ins Gehöft!“

Die Sektion war verschwunden. Ueber die Wiese vor den Häusern schritt stolz und aufrecht der Gefreite bis zu dem ungefähr zweihundert Schritt entfernt liegenden Gefallenen. Aus dem Wäldchen jenseits der Wiese zischte eine Chassepotkugel um die andere nach dem todesmuthigen Manne. Er lächelte der Gefahr und schritt so ruhig vorwärts, als ob ihn nur Mücken umschwärmten. Was war ihm der Tod auf dem Felde der Ehre? Ein herzlich willkommener Freund, der ihn erretten würde vor der Schmach eines Kriegsgerichtes und vor dem schimpflichen Ende eines Verbrechers!

Aber dieser Freund war treulos; er hatte wohl den armen Sergeanten und manch anderen tapferen Kameraden vom Schützenzuge gefällt; er hatte dort nach dem jugendfrischen beherzten Lieutenant die knöcherne Hand ausgestreckt; den Gefreiten Dornbusch aber wollte er nicht bemerken, er schonte ihn, obgleich dieser ihn mit allen Fibern seines Herzens herbeisehnte.

„Sind Sie verwundet, Herr Lientenant?“ fragte Dornbusch und knieete neben dem Stöhnenden nieder.

„Sie? Dornbusch?“ hauchte dieser und sah den Retter mit matt aufglänzendem Auge an. „Das lohne Ihnen Gott, daß Sie mich hier nicht liegen lassen wollen! Ich bin in die Brust geschossen … schlimm genug! Aber wenn ich in die Hände des Feindes fiele, das wäre noch schlimmer! Helfen Sie mir!“

„Ich trage Sie durch Feuer und Wasser, Herr Lieutenant, durch Himmel und Hölle, wenn’s sein muß!“ Er umfaßte den Verwundeten und hob ihn mit seinen herkulischen Armen ohne besondere Anstrengung auf.

„Dann lieber in den Himmel,“ lächelte der Offizier, den der Eifer seines Getreuen rührte, „oder noch besser, nach dem Verbandplatze! Ich bin ja erst zweiundzwanzig Jahre und denke, ein so junges Fell wird wieder geflickt werden können.“

Der Hauptmann, der zu seinem Zuge vorgeeilt war, stand hinter der Gehöftmauer und sah, wie der Gefreite Dornbusch den verwundeten Lieutenant durch den Kugelregen so besorgt zurücktrug, wie etwa eine Mutter ihr Kind getragen haben würde.

„Jammerschade um den braven Jungen!“ brummte er in den Bart, während ihm die kampferhitzten Augen feucht schimmerten, „ich schlage ihn, hol’ mich der Teufel! zum Kreuze vor, und wenn er es auch nur eine Woche lang tragen sollte!“ –

Das französische Heer hatte vor der Ueberlegenheit der deutschen Waffen das freie Feld nicht mehr behaupten können; es hatte sich in die Feste Metz zurückgezogen und hauste dort wie ein fabelhaftes Ungethüm in seiner Höhle. Ab und zu öffnete es ein Loch in seinem Schlupfwinkel und streckte seine riesigen Fangarme in Gestalt hervorbrechender Kolonnen aus oder es suchte uns sein ätzendes Gift, in Form von zischenden Granaten, in die Augen zu spritzen; wir aber standen fest und lockerten den Kreis nicht, in dem wir es eingeschlossen hielten.

[682] Eines Nachmittags in der zweiten Hälfte des Augusts – der andauernde Regen der letzten Zeit hatte gerade einmal nachgelassen – ritt ich gemächlich hinter der vordersten Einschließungslinie entlang.

Ich war im Divisions-Stabsquartier gewesen und wollte wieder zu dem Bataillon zurück, das ich befehligte. Mit manchem guten Kameraden, den ich unterwegs antraf, tauschte ich Gruß und Händedruck. Ein Major, mit dem ich zusammen Kadett gewesen war, hielt mich in seinem Bivouac fest. „Du mußt ein Stündchen hier bleiben,“ bat er dringend, „ich habe eine Kiste Rothwein erwischt und wir wollen ein Glas leeren auf den Sieg unserer Waffen.“

Ich stieg ab, übergab mein Pferd einem Trainsoldaten und setzte mich mit meinem Kameraden ans Lagerfeuer. Ehe wir es merkten, war der Abend hereingesunken. Blaue Schatten hatten sich über das Gelände gebreitet; am verschwimmenden Horizonte standen in dunklen riesenhaften Massen die Außenforts der von uns eingeschlossenen Festung.

„Ich muß jetzt zu meinen Leuten,“ sagte ich aufstehend und mich nach meinem Pferde umsehend, „da vorn fängt es wieder stärker zu knallen an; wer weiß, was es die Nacht noch für uns giebt!“

„Ich geleite Dich ein Stück,“ versetzte mein Freund.

Als ich aus dem Bivouac ritt, schritt er neben mir her.

„Dort hinaus, bei der Lagerwache vorbei! Du findest dort festeren Boden; hier nebenan ist das Erdreich vom Regen ganz aufgeweicht und gleicht einem Sumpfe.“

Bei der Lagerwache vorüber reitend, bemerkte ich einen Gefreiten ohne Waffen, der auf dem Mantel, den er angezogen hatte, das Eiserne Kreuz trug. Ich grüßte den Mann und rief ihm ein „Gratuliere“ zu. Mein Begleiter seufzte, und als wir aus Hörweite der Wache waren, sagte er bekümmert: „Der Kreuzritter, den Du da sahst, macht mir schweres Herzeleid; morgen soll Kriegsgericht über ihn gehalten werden; er hat im Streit einen Unteroffizier niederschlagen.“

„O, das thut mir leid! Erzähle doch, wie ging das zu?“

Und nun erfuhr ich die ganze Geschichte. Als ihm sein Kommandeur vor versammeltem Bataillon das Kreuz auf die Brust geheftet hatte, war er in Thränen ausgebrochen. „Das Kreuz gebührt mir nicht,“ – hatte er bescheiden abgewehrt – „es war nicht Muth, daß ich den Kugelregen nicht fürchtete, ich wollte ein ehrliches Ende finden.“

„Gefreiter Dornbusch,“ hatte ihm der Major erwidert, „diese Anspruchslosigkeit ehrt Sie um so mehr. In meinen und Ihrer Kameraden Augen haben Sie sich durch Ihre Tapferkeit völlig rein gewaschen und Ihr Vergehen wider die Disciplin wett gemacht. Die Bestrafung durch das Kriegsgericht wird Ihnen freilich nicht erlassen werden; aber, komme auch, was da kommen mag, tragen Sie bis dahin das Kreuz in Ehren und seien Sie versichert, daß wir alle Ihnen ein gutes Andenken bewahren werden.“

Der Gefreite hatte geschluchzt wie ein Kind und dem ganzen Bataillon war das Wasser in die Augen getreten. Er hatte sich über die Hand des Kommandeurs gebeugt und sie an seine Lippen führen wollen; dieser aber hatte ihn umarmt und auf die Wange geküßt.

Noch jetzt, da mir mein Freund die Geschichte erzählte, zitterte ihm die Stimme.

„Und wenn man ihn auch kriegsgerichtlich über den Haufen knallt,“ sagte ich bewegt, „er wird doch einen schönen Tod sterben, denn er wird das Ehrentreuz mit in die Grube nehmen.“

Wir drückten uns die Hand und schieden von einander. Mein Kamerad kehrte zu seinem Truppentheil zurück und ich ritt weiter, um zu meinen eigenen Leuten zu gelangen.

Es wurde immer dunkler und stiller; nur ab und zu sauste eine heulende Granate vom St. Julien oder von Plappeville herüber und störte den feierlichen Frieden der hereinbrechenden Nacht. Ich sann über den Begriff der Tapferkeit nach. Der Gefreite Dornbusch hatte meiner Ansicht nach gar nicht so unrecht, wenn er seine Gleichgültigkeit gegen die feindlichen Kugeln nicht als Todesmuth ausgelegt sehen wollte; jemand, der verzweifelnd den Tod sucht, kann füglich nicht mehr „tapfer“ genannt werden; „tapfer“ ist nur der, der den Tod nicht sucht und dennoch auch nicht fürchtet. Aber daß der schlichte Soldat diesen feinen Unterschied gemacht und frei von aller Eitelkeit seinem Empfinden so offenen Ausdruck gegeben hatte, das verlieh ihm in meinen Augen einen Adel der Gesinnung, der vielleicht noch mehr werth war als bloßer Muth.

Ein Plätschern und ein halb unterdrücktes Stöhnen machte mich aufmerksam. Mein Auge suchte die Dunkelheit zu durchdringen und gewahrte irgend etwas Helles auf der Erde, das sich hin und her zu bewegen schien. Mein Pferd stutzte und wollte nicht recht vorwärts. Unwillkürlich fuhr ich mit der Hand nach meiner Satteltasche, wo der Revolver steckte, und rief gebieterisch:

„Wer ist da?“

Eine klägliche weibliche Stimme antwortete mir:

„Ach mein Gott, schießen Sie nicht! Ich bin ein Mädchen, das sich verirrt hat … beinahe wäre ich hier in den Graben gestürzt.“

Ein Verdacht stieg plötzlich in mir auf. Ich drängte mein Pferd an die nächtliche Umhertreiberin heran und fragte nicht ohne eine gewisse Schadenfreude:

„Es ist Ihnen wohl nicht gerade erwünscht, mein schönes Kind, daß ich Sie hier abfasse? Sie haben Zeit und Ort vortrefflich gewählt; ohne meine Begegnung wären Sie in einer halben Stunde drüben bei den Franzosen gewesen. Sie sprechen dazu ein so vortreffliches Deutsch, daß eine arglose Seele in Ihnen nimmermehr eine Kundschafterin vermuthen würde. Bitte, begleiten Sie mich gefälligst, und zwar immer hübsch dicht neben meinem Pferde; sollten Sie mir entlaufen wollen, so würde ich so unhöflich sein und mit diesem Revolver hinter Ihnen herschießen.“

„O! Sie halten mich doch nicht für eine Spionin, Herr … Herr … Herr Offizier? Ich weiß nicht, was der Herr ist … aber wenn Sie ein preußischer Offizier sind, dann erbarmen Sie sich einer unglücklichen Landsmännin! Ich suche den kommandirenden General, unter dem das Regiment meines Bräutigams steht.“

„Und wer ist Ihr Bräutigam?“

„Der Gefreite Dornbusch von der nten Kompagnie des nten Regimentes.“

Betroffen hörte ich diesen Namen.

Um vieles milder fragte ich:

„Wie in aller Welt kommen Sie denn hierher?“

„Ich komme direkt aus X“ – sie nannte das rheinische Oertchen, das mir mein Freund, der Major, vorhin als Heimath des Unglücklichen bezeichnet hatte. „Tag und Nacht bin ich gelaufen, bis ich mich nach Saarbrücken durchgefunden hatte; dort hat mich ein barmherziger Johanniterritter, dem ich den Zweck meiner Wanderung erzählte, auf der Bahn ein Stück mitgenommen; als die Bahnfahrt zu Ende war, habe ich mich von einem Truppentheil zum andern durchgefragt und so bin ich endlich hierher gekommen. Hier in der Nähe – ich habe den französischen Namen des Dorfes vergessen – soll der kommandirende General liegen; wenn ich mich in der Dunkelheit nicht verirrt hätte, wäre ich vielleicht längst am Ziele; bitte, helfen Sie mir auf den rechten Weg! Es handelt sich um Leben und Sterben meines Bräutigams … o mein Gott! Wenn ich nur nicht schon zu spät komme!“

Sie brach in krampfhaftes Schluchzen aus.

Das war Wahrheit, was sie mir da erzählt hatte; solche Töne konnte Lüg und Trug nimmermehr finden. Und dennoch muthete mich ihre Erzählung wie ein Märchen an. Ein junges schwaches Frauenzimmer, ohne Schutz und Beistand, fern von der Heimath, in Feindes Land, mutterseelenallein auf dem großen leichenbedeckten Schlachtfelde zweier Nationen! Noch lagen die unbeerdigten Leichen zahlreicher Menschen und Thiere an den Wegen und in den Ackerfurchen; und über dieses grausige Golgatha wanderte der schwache Fuß eines rheinischen Mädchens, das – o rührende Herzenseinfalt! – den hohen Vorgesetzten ihres Liebsten zu finden strebte, weil sie glaubte, mit ihrem kindischen Flehen das Unheil vom Haupte eines dem Tode Geweihten abwenden zu können! Es wäre zum Lachen gewesen, wenn es nicht so unendlich herzbewegend, so über alle Maßen traurig gewesen wäre.

[702]
Wie heißen Sie denn, mein armes Kind?“ fragte ich nach einer Pause das Mädchen.

„Marie Segner.“

„Haben denn Ihre Eltern erlaubt, daß Sie sich in solch ein Wagniß begeben?“

„Ich habe keine Eltern mehr; ich bin eine Waise und diene in X. bei fremden Leuten.“

„Denen Sie also fortgelaufen sind?“ fragte ich unwillkürlich im Tone eines leisen Vorwurfes.

„Freilich bin ich fortgelaufen,“ jammerte sie; „ich mußte ja fortlaufen, denn wenn ich erst lange hätte warten und fragen wollen, dann wäre ich ja vielleicht zu spät gekommen. Großer Gott, vielleicht ist es schon zu spät! Ach, Sie wissen gewiß darum; bitte, bitte, sagen Sie mir, ob mein Fritz noch am Leben ist!“

„Nun, ich kann Sie beruhigen. Er lebt. Er hat sich sogar das Eiserne Krenz erworben und wird von seinen Vorgesetzten und Kameraden hoch geschätzt …“

„O du Allgütiger! Ist das wahr? So sind meine Gebete erhört worden? Ach, mein Gott! mein Gott! so viel Glück ist zu viel!“ – Sie hemmte den Schritt; es schien mir, als ob sie sich kaum noch auf den Füßen halten könnte.

Ich holte aus meiner linken Satteltasche meine Feldflasche hervor.

„Da, mein Kind, trinken Sie einen Schluck! Das wird Ihnen neue Kräfte geben. Sie müssen ja ganz erschöpft sein.“

Sie nahm die Flasche und brachte sie an ihre Lippen. Dann sagte sie aufathmend:

„Ich danke schön, das hat gut gethan! Seit vier Tagen habe ich keine ordentliche Mahlzeit mehr genossen.“

„Sehen Sie dort den Schein des Lagerfeuers? Dort ist mein Bataillon. Wenn Sie imstande sind, mir bis dorthin zu folgen, dann will ich Sie weiter fahren lassen … soll ich Sie vor mich auf das Pferd nehmen?“

„Nein, ich danke; es geht schon wieder. Sie sind so gut, Herr Offizier! Der Himmel möge es Ihnen lohnen!“

Sie marschierte wieder tapfer neben mir her.

Ich verhielt den Schritt meines Pferdes, um ihr keine allzu schwere Aufgabe zu stellen.

Als wir im Feuerschein meines Bivouacs angekommen waren, bemerkte ich, daß Marie Segner ein hübsches blondes Mädchen war; trotz der kräftigen Entwickelung ihres Wuchses mochte sie kaum zwanzig Jahre zählen.

Ich winkte meinen Adjutanten heran und besprach mit ihm den Vorfall.

„Wir müssen sie wahrhaftig noch heute abend dem kommandirenden General auf den Hals schicken.“

„Sonst könnte es auch leicht zu spät werden,“ versetzte der Adjutant. „Der Herr Major sind morgen früh zehn Uhr zum Kriegsgericht nach Y. kommandirt; es ist nicht unmöglich, daß dies das Kriegsgericht über den betreffenden Gefreiten ist. Wenn die Fürsprache jenes Mädchens auch gänzlich nutzlos sein wird, so ist sie doch wenigstens noch zu rechter Zeit eingetroffen und braucht sich später in dieser Hinsicht keine Vorwürfe zu machen.“

„Sagen Sie dem Zahlmeister, er soll meinen Stabswagen anspannen lassen und das Mädchen hinüberfahren.“

„Zu Befehl!“

Nach zehn Minuten verließ Marie Segner, die auf meine Veranlassung mit dem, was ein Bivouac bieten konnte, erquickt worden war, unter lebhaften Dankesversicherungen unseren Lagerplatz. Sie saß auf einem Leiterwägelchen, mein Zahlmeister als Schutz neben ihr, und einer meiner Trainsoldaten zügelte das von der Unthätigkeit längeren Bivouakirens muthige Gespann.

Mein Adjutant las mir inzwischen Losung und Feldgeschrei und die sonstigen Tagesbefehle vor, die in meiner Abwesenheit eingegangen waren; dann kroch ich in meine sehr schadhafte Strohhütte, wickelte mich in eine Pferdedecke und versuchte zu schlafen. Aber es wollte mir nicht gleich gelingen; mich hielten die Schüsse, die ab und zu vorn bei den Vorposten fielen, vielleicht auch der Gedanke an das thörichte unglückliche Mädchen und seinen beklagenswerthen Bräutigam noch längere Zeit wach. Endlich aber verschwammen mir die Kreise des Denkens, ich entschlummerte, und als ich die Augen wieder aufschlug, stand schon die Sonne am leicht bewölkten Himmel.

Der erste Morgengruß, den ich erhielt, war eine Granate, die dicht vor der Front meines Bivouacs einschlug und deren Sprengstücke heulend über uns hinwegwirbelten. Ich trank schnell einen Schluck sehr zweifelhaften Kaffee, den mir mein Stabskoch in einem von Hammelfett nicht ganz freien Kochgeschirr bereitet hatte, und schwang mich in den Sattel, um meiner Ladung nach Y. nachzukommen.

Es war erst neun Uhr, als ich vor dem Quartier des Kommandirenden vom Pferde stieg. Das Kriegsgericht sollte um zehn Uhr in einem Wirtschaftsgebäude abgehalten werden, das mit zu dem Gehöft gehörte, in welchem sich das Generalkommando eingerichtet hatte; mir blieb also noch Zeit, mit den Herren des Stabes zu plaudern und endlich einmal wieder eine gute Cigarre zu rauchen.

Unter anderem erzählte man mir auch, daß gestern abend ein deutsches Mädchen ganz allein eingetroffen und bis zu Seiner Excellenz vorgedrungen wäre, um sich für das bedrohte Leben ihres Geliebten zu verwenden. Da ich meinem Zahlmeister befohlen hatte, Marie unmittelbar vor dem Dorfe abzusetzen und dann ist aller Stille und unbemerkt wieder zurückzukehren, so ahnte niemand, daß ich es war, der sie hatte befördern lassen. Ich ließ mir denn auch die Mittheilung ruhig gefallen und stellte mich so, als ob ich etwas durchaus Neues erführe.

„Wo ist denn die Aermste geblieben?“ fragte ich scheinbar verwundert.

„Der General hat sie nicht wieder in Nacht und Grauen hinausjagen mögen,“ versetzte ein Generalstabshauptmann, „sie ist in die Stabsküche gesteckt worden und kann, wenn sie Lust hat, so den Feldzug mitmachen.“

Das Erscheinen des Höchstkommandirenden, der, die Mütze auf dem Kopfe und eine Cigarre im Munde, vor die Thür trat, störte unsere Unterhaltung.

Ich ging an Seine Excellenz heran und meldete mich zum Kriegsgericht kommandirt.

Er zog die Uhr und sagte: „Erst halb zehn; Sie haben noch eine halbe Stunde Zeit … kommen Sie! Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen.“

Wir schritten um das Haus herum nach einem Garten, in dem schon die Weintrauben bläulich zu schwellen begannen. Die andern waren vor dem Hause geblieben; wir waren allein.

„Rauchen Sie ruhig weiter,“ sagte der General, welcher bemerkte, daß ich eine brennende Cigarre in der Hand hielt, „Sie sehen, ich gestatte mir selbst diesen Genuß. Was ich sagen wollte: die Sache, über die Sie nachher kriegsgerichtlich urtheilen werden, liegt recht mißlich für den Angeschuldigten. Ich habe sie mir vom Auditeur vortragen lassen; der Gefreite Dornbusch hat Hand an einen Vorgesetzten gelegt und er wird, ohne Zweifel, zum Tode verurtheilt werden müssen. Ich habe aber auch erfahren, wie tapfer sich der Unglückliche benommen hat; er ist dekorirt worden; auch jener Windbeutel von Unteroffizier, dem er eins versetzt hat … wie hieß er doch? …“

„Jesaias Schellbaum, wenn ich mich recht erinnere,“ warf ich dazwischen.

„Richtig, ganz richtig! Jesaias Schellbaum … nun, dieser Schellbaum scheint einen eben so festen Schädel zu haben, als er ein ungewaschenes Maul hat … die Meldung ist eingegangen, daß er als völlig geheilt aus dem Lazareth entlassen und zu seinem Truppentheil wieder in Marsch gesetzt worden ist … er wird, denke ich, in diesen Tagen bei seinem Bataillon eintreffen. Das sind Umstände, die den armen Teufel von Gefreiten wohl einer milden Beurtheilung empfehlen dürften. Ich darf und will natürlich Ihnen, als dem Präses des Kriegsgerichtes, in keinerlei Weise vorgreifen; sollte das Gericht aber etwa ein Gnadengesuch für den Verurtheilten beantragen, so würde ich mich [703] aufrichtig freuen und dasselbe bei Seiner Majestät aufs wärmste befürworten. Die Disciplin in dem betreffenden Bataillon ist ja eine so glänzende, daß es dort eines besonderen Beispiels von Strenge wahrlich nicht bedarf; thun Sie also, was Rechtens ist, und melden Sie mir sofort nach dem Kriegsgericht das Ergebniß.“

„Zu Befehl, Excellenz! Ich kann übrigens meinerseits schon jetzt versichern, daß ich die Ansicht Eurer Excellenz vollkommen theile; zufällig bin ich durch den Bataillonskommandeur des Gefreiten Dornbusch über den Fall schon unterrichtet und muß gestehen, daß mir das Schicksal des Angeklagten sehr am Herzen liegt. Er hat sich schwer vergangen, aber er that es, weil er die Ehre seiner Braut vertheidigen zu müssen glaubte; der Beweggrund war sicher ein anständiger, wenn auch das Mittel unbesonnen und verwerflich war …“

„Sehen Sie,“ fiel der General befriedigt ein, „wir sind einerlei Meinung. Ich habe die Braut dieses Mannes … Sie hörten wohl schon davon? … unter den Schutz meines Stabes gestellt; sie ist ein heldenmüthiges Mädchen und hat für ihren Geliebten gethan, was nicht jedes Mädchen in gleicher Lage thun würde. Ohne Führer, ohne Geldmittel, ohne Schutz und ohne jegliche Kenntniß des Weges ist sie Tag und Nacht, über Stock und Stein, mit Dransetzung der letzten Körper- und Seelenkraft dem Heere gefolgt, um mich aufzusuchen, bei dem sie in ihrer Einfalt für den Geliebten erfolgreiche Fürsprache glaubte einlegen zu können … Na, wir wollen nicht sentimental werden! Erst heißt es, die Pflicht thun, und wenn sie noch so schwer ist, dann erst darf man sich den Luxus des Gefühls gestatten. Gehen Sie, mein lieber Major! … es ist gleich Zehn“ – er hatte meine Hand ergriffen und drückte sie, eigenartig lächelnd – „ich sage mit dem Könige Philipp von Spanien: ‚Kardinal, ich habe das Meinige gethan – thun Sie das Ihre!‘“ –

Ich war entlassen. Daß er Marie Segner für den heutigen Vormittag das Verlassen ihrer Küche verboten hatte, damit sie die Vorführung ihres verhafteten Bräutigams nicht etwa zufällig sehen sollte, das hatte er mir nicht gesagt; ich erfuhr es aber später aus dem Gange der Ereignisse.

Das Personal des Kriegsgerichtes war vollzählig versammelt. Der Gefreite Dornbusch wurde vorgeführt. Der arme Kerl sah bemitleidenswerth aus. Nicht daß er etwa Furcht gezeigt hätte, im Gegentheil! Er hielt sich so kerzengerade und trug das Haupt so stolz im Nacken, als ob er das beste Gewissen von der Welt hätte; aber den Ausdruck seines Gesichtes vergesse ich mein Leben lang nicht. Seine hübschen dunklen Augen starrten trostlos ins Leere; er schien uns gar nicht zu bemerken; seine Mundwinkel waren herabgezogen, seine Nasenflügel etwas erweitert; tiefstes Seelenleid, heftigster Schmerz sprach aus jedem seiner Züge. Mit dumpfer Stimme, nur schwach und langsam sprechend, beantwortete er die Fragen, die an ihn gerichtet wurden; sein Vergehen suchte er nicht zu beschönigen, er gestand ohne weiteres ein, daß er die Absicht gehabt habe, den Verleumder seiner Braut niederschlagen; daß es der Vorgesetzte war, gegen den er die Hand erhob, daran habe er, durch den genossenen Champagner und den jählings auflodernden Zorn übermannt, gar nicht gedacht. Er wisse, daß er sein Leben verwirkt habe, und ohne zu klagen werde er sich in sein Geschick fügen; nur die eine Bitte spreche er aus, daß man ihn nicht zu lange auf die Vollstreckung des Urtheils warten lasse und daß man ihm gestatte, mit dem Kreuz auf der Brust zu sterben. Seiner Leiche möchte man das Kreuz abnehmen und es nach X an seine Braut senden – der arme Bursche ahnte also nicht, daß dieselbe ganz in seiner Nähe weilte.

Er war wieder abgeführt worden, und einstimmig erkannte das Kriegsgericht, wie es nicht anders konnte, auf Todesstrafe. Aber ebenso einstimmig beantragte es, die Gnade des obersten Kriegsherrn für den Verurtheilten anzurufen. Nachdem ich die Mitglieder des Gerichtes noch vorschriftsmäßig ermahnt hatte, über das gefällte Urtheil so lange zu schweigen, bis seine Bestätigung oder die beantragte Begnadigung veröffentlicht sein würde, entließ ich die Versammlung und begab mich zum Kommandirenden, um ihm den Spruch des Gerichts zu melden.

„An meiner dringenden Verwendung soll’s nicht fehlen,“ erwiderte der General lebhaft und unverkennbar sehr erfreut, „ich hoffe, wir bekommen ihn gänzlich frei; die lange Untersuchungshaft ist für ihn Strafe genug gewesen.“

Als ich mir auf der Dorfstraße wieder mein Pferd vorführen ließ, kam Dornbusch gerade bei mir vorüber, gefolgt von einem bewaffneten Unteroffizier, der ihn nach dem Bivouac seines Truppentheils zurückzubringen hatte. Er schritt jetzt leicht vornüber gebeugt einher; sein Blick suchte träumerisch den Boden. Das Leben lag wohl nach seiner Ausicht hinter ihm, und die letzten Stunden, die ihm noch blieben, mochte er zum stillen Gedenken an seine fernen Lieben verwenden wollen.

Da durchschnitt der gellende messerscharfe Ruf „Fritz!“ die Luft und aus dem Hause hinter mir stürzte ein Mädchen und schoß bei mir vorbei geradeswegs auf den Gefangenen los.

„Fritz! mein Fritz! da bin ich! Wenn Du sterben mußt, sterbe ich mit Dir! Sie sollen uns nicht mehr trennen, weder im Leben noch im Tode!“

Sie schlang die Arme um seinen Nacken und bedeckte sein Antlitz mit leidenschaftlichen Küssen.

„Marie!“ stammelte Dornbusch verwundert und beseligt, „wie kommst Du denn hierher? O, der liebe Gott ist doch barmherzig, daß er mir noch diese Freude gönnt. Nun sterbe ich gern!“ Und ungestüm erwiderte er die Liebkosungen seines Mädchens.

„Nein, Du sollst nicht sterben, und wenn ich bis zum Könige laufen und Dich losbitten soll! Und wenn’s bei den Menschen kein Erbarmen mehr giebt, dann sterbe ich mit Dir, so wahr ein Gott lebt! Fritz, ich verlasse Dich nicht mehr und theile Dein Schicksal, so oder so!“

„Nun ist’s aber genug, Jungfer!“ mahnte der Unteroffizier, der den Verhafteten zu bewachen hatte und sich in seiner Ueberraschung jetzt erst bewußt wurde, was er zu thun hatte. „Sagen Sie ihm Ade und dann fort! Wir müssen weiter.“

„Ich gehe mit,“ erklärte mit aller Bestimmtheit das Mädchen, „ich trenne mich nicht mehr von ihm!“

„Dummes Zeug!“ brummte der Unteroffizier, „das darf ich nicht gestatten. Ein Arretirter darf sich mit niemand unterhalten. Erschweren Sie mir nicht nutzlos mein Amt! Ich muß dringend bitten, daß Sie uns jetzt allein lassen.“

Er wollte den Verhafteten weiter führen, aber das Mädchen hing sich wie eine Klette an den Hals ihres Bräutigams und machte die Abführung desselben unmöglich. Als der Unteroffizier sie mit sanfter Gewalt bei Seite schieben wollte, klammerte sie sich nur um so fester an ihren Geliebten und schrie wie außer sich: „Morden Sie mich nur! Stechen Sie mich über den Haufen, mir ist’s recht! Aber lebend lasse ich mich nicht mehr von ihm trennen! So hilf mir doch, Fritz! Er will mich von Dir reißen! Du brauchst Dich nicht zu fürchten, wenn er auch Dein Vorgesetzter ist; jetzt ist doch alles eins. Sie haben Dich zum Tode verurtheilt; ich hab’s mit eigenen Ohren gehört, als ich unbemerkt unter dem Fenster horchte. O, sie sind alle falsch! Der General auch; er hatte mir gelobt, daß alles gut werden sollte, und heimtückisch wollte er mich verhindern, Dich wiederzusehen. Aber ich merkte seine Absicht und habe mich fortgeschlichen. Nein, nein!“ wandte sie sich gegen den Unteroffizier, „ich lasse ihn nicht, und wenn Sie mich mit ihm umbringen!“

Es hatte sich ein kleiner Auflauf in der Dorfstraße gebildet. Mehrere französische Bauern, die verständnißlos dem Vorgange zusahen und nur die Entschlossenheit und Unerschrockenheit des jungen Mädchens erkannten, lächelten belustigt und tauschten billige Witze miteinander aus.

Ich zog den Fuß, den ich schon in den Steigbügel gesetzt hatte, wieder zurück und trat der Gruppe näher.

„Thun Sie ihr nichts zu leide, Unteroffizier!“ mahnte ich theilnehmend. „Ich will sie im Guten wegzubringen suchen.“

Und ich redete sie bei ihrem Namen an und bat sie, vernünftig zu sein und mir zu glauben, wenn ich ihr fest verspräche, daß sie den Geliebten noch wiedersehen würde.

„Um Gotteswillen!“ rief der Unteroffizier, der schnell hinzugesprungen war und ihre Hand ergriffen hatte, „sie ersticht sich!“

In der That, es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte sich das spitze Küchenmesser, das sie unbemerkt aus ihrer Tasche gezogen haben mußte, in die Brust gestoßen.

Nun galt kein Zaudern mehr.

„Nehmen Sie ihr das Messer fort!“ kommandirte ich, „in Güte oder mit Gewalt! Sie ist von Sinnen!“

Der Unteroffizier brach ihr die Finger auf und bemächtigte sich trotz ihres heftigen Widerstandes des gefährlichen Werkzeuges.

[704] „Was ist das für eine Aufführung?“ fragte die strafende Stimme des kommandirenden Generals, der nun auch auf der Straße erschienen war. „Ich kenne Sie ja gar nicht wieder, Marie! Sie, ein tapferes deutsches Mädchen, geben den Franzosen hier ein so klägliches Beispiel?“

Ein Zittern lief durch ihre Glieder. Ihre gestrafften Muskeln wurden schlaff; ein Weinkrampf erschütterte ihre Gestalt. Aber sie gewann noch einmal Herrschaft über sich und, die Thränen meisternd, stieß sie flehentlich hervor:

„Lassen Sie mich mit ihm sterben, Excellenz!“

Der General faßte ihre Hand und sah sie väterlich liebreich an.

„Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollten die Hoffnung nicht verlieren? Ihr Bräutigam hat allerdings sein Leben verwirkt; weil er aber ein braver Soldat ist und das Eiserne Kreuz auf der Brust trägt, werde ich noch heute die Gnade Seiner Majestät des Königs für ihn anrufen, und zweifeln Sie nicht, mein Kind, unser König hat ein Herz für seine Helden und wird Gnade für Recht ergehen lassen!“

Dornbusch, der diese Worte gehört hatte, stand, die Hände auf die Brust gepreßt, die in beschleunigtem Takte auf- und niederwogte, und starrte aus großen, halb noch ungläubig aufleuchtenden Augen den General an. Er taumelte einen Schritt vorwärts, als wollte er sich vor ihm zur Erde werfen und seine Kniee umfassen.

„Stillgestanden!“ kommandirte in verstelltem Ernste die Excellenz, und wie der also Angeherrschte zu einer Statue erstarrt war, an der sich auch nicht der Augapfel im Kopfe mehr bewegte, fuhr der General fort: „Gefreiter Dornbusch! Das, was Sie hier zufällig vernommen haben, war nicht für Sie bestimmt; Sie haben darüber zu schweigen, bis Ihr Arrest beendet ist, dann … dann melden Sie sich bei mir, damit auch ich Ihnen zum Eisernen Kreuze Glück wünschen kann, das Sie da auf der Brust tragen. Ihre Braut bleibt meinem Stabe zugetheilt; ich werde für sie Sorge tragen, sie ist gut ausgehoben.“

„Ich … ich … danke … Eurer Excellenz,“ brach es wie ein dumpfes Geheul von den zuckenden Lippen des Gefreiten.

„Marsch! fort!“ schnitt der General, scheinbar barsch, jedes weitere Wort ab, dabei blinzelte er aber aus halb zusammengekniffenen Lidern vergnügt und zufrieden nach dem schmucken Soldaten, der jetzt stramm und aufrecht vor seiner Wache dahinschritt und sich nicht einmal mehr nach Marie umzusehen wagte. – – –

Noch mehrere Wochen vergingen, die für die Ungeduld des stets auf Lagerwache befindlichen Verhafteten gewiß zur Ewigkeit geworden sind. Aber eines schönen Tages, gegen Ende des Septembers, wurde der Gefreite Dornbusch wieder nach dem Stabsquartier des Generals geführt und ihm dort verkündet, daß ihm Seine Majestät der König in Anbetracht seines besonders guten Verhaltens vor dem Feinde die Strafe in Gnaden erlassen habe. Dem Befehle gemäß meldete sich der Begnadigte, dem wieder ein Seitengewehr umgeschnallt worden war, bei dem General.

Dieser gratulierte ihm, indem er ihm warm die Hand drückte.

„Nun halten Sie sich weiter so tapfer, Unteroffizier Dornbusch!“ Und als der so Angeredete verwundert aufhorchte, erläuterte der General: „Sie werden bei Ihrer Rückkehr ins Bivouac die Tressen bekommen für Ihre vorzügliche Haltung beim letzten Ausfall der Franzosen. Ich denke, das wird Ihnen auch Ihre Stellung zum Unteroffizier Schellbaum wesentlich erleichtern – oder grollt Ihr einander noch?“

„O nein, Excellenz! wir haben längst Frieden geschlossen.“

„Das freut mich, ein anständiger Mensch muß nichts nachtragen. Und nun gehen Sie mit Gott! Sollten Sie vorher noch ein gewisses Mädchen sehen wollen, so wenden Sie sich an meinen Stabskoch; er ist sehr zufrieden mit ihr.“

Anfang Februar, während des Waffenstillstandes, wurden in einem französischen Gotteshause der Unteroffizier Friedrich Dornbusch und Marie Segner vom Stabe des nten Generalkommandos ehelich verbunden. Unter den Zeugen befand sich Jesaias Schellbaum, der seine Rolle äußerst würdevoll spielte und dem jungen Paare als erster seine herzlichen Wünsche darbrachte

Nach der Rückkehr in die Heimath trat das Pärchen in die Privatdienste des kommandirenden Generals; Dornbusch als Kutscher, Marie als Küchenvorstand.

Als ich ein Jahr darauf bei dem General einmal zur Tafel geladen war, fragte er mich freundlich:

„Nun? schmeckt es Ihnen? Das freut mich! Meine Köchin verdient auch alle Anerkennung; Sie kennen sie ja noch; Sie haben sie, so zu sagen, eines Nachts aus dem Graben gefischt und ihren Mann habe ich mir gewissermaßen vom Galgen geschnitten. Sie erinnern sich doch der blonden Marie und des Fritz Dornbusch, der durchs Kriegsgericht verurtheilt und durch Seine Majestät begnadigt wurde?“

„Gewiß – ein schneidiger Bursche.“

„Ist jetzt auch zahmer geworben, seine Frau hat ihn gehörig unter der Fuchtel, nur wenn er ’mal ein Gläschen übern Durst getrunken hat, haut er gelegentlich über die Schnur. Aber da braucht ihn die Marie nur mit einem gewissen Blick anzuschauen und zu fragen: ‚Möchtest wohl wieder mal Champagner trinken, Fritze?‘ – dann wird er allemal mäuschenstill und giebt klein bei. Ist überhaupt ein kleiner Hausdrache geworden, die blonde Marie. Schad’t nichts, ist eine tapfere kleine Frau, hat sich ihren Mann aus dem Feuer geholt – eine Frau, wie Soldaten sie brauchen. Wir wollen anstoßen: Alle tapferen Frauen leben hoch!“